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Jacob Elias Poritzky – Die versunkene Stadt

Gespenstergeschichte

aus: Jacob Elias Poritzky, Gespenstergeschichten, Georg Müller Verlag, München, Leipzig, Dritte Auflage, 1913, S. 15-38

Ich empfehle Träume nochmals. Wir leben und empfinden so gut im Traum als im Wachen, und das eine macht so gut als das andere einen Teil unserer Existenz aus. Es gehört unter die Vorzüge des Menschen, daß er träumt und es weiß. Man hat schwerlich noch den rechten Gebrauch davon gemacht.

Lichtenberg.



Mitten in der Lektüre von »TausendundeineNacht« begann es wieder im linken Unterkiefer zu hämmern. Es zuckte und bohrte, es zog und riß. Bis vor einigen Tagen hielt mein Gebiß in betreff der Schneide- und Eckzähne den Vergleich mit jedem Raubtier aus, und hinsichtlich der Backenzähne nahm ich den Wettkampf mit einem jungen Pferdekiefer auf. Ich war der Schrecken aller Zahnärzte. Gestern aber mußte ich zum ersten Male daran glauben, und man riet mir, mich zu dem Zwecke narkotisieren zu lassen.

Ich huldige dem Grundsatze, auch aus allem Bösen, das mir widerfährt, Nutzen zu ziehen, und so beschloß ich denn, mich zum Opfer der eigenen Beobachtung zu machen. Es war ja immerhin ein neues Erlebnis, das mir bevorstand. Aber was konnte ich wohl erleben, wenn ich in vollkommener Betäubung lag? Erleben setzt Bewußtsein voraus, und Bewußtsein haben, heißt die Fähigkeit besitzen, Vorstellungen zu reproduzieren, auf Schmerz und Lust zu reagieren, kurz: denken und fühlen. Aristoteles wagte zwar die Behauptung, man denke ohne Organ; aber heute, dreiundzwanzig Jahrhunderte später, ist man ja nicht mehr verpflichtet, solchen Unsinn nachzureden, bloß weil ihn Aristoteles gesagt hat. Schon Hippokrates, der Mediziner, verstand mehr davon, als er auf Grund seiner Erfahrungen lehrte, daß Verletzungen und Erkrankungen des Gehirns zuerst das Denkvermögen beeinträchtigen. Und seither halten die Physiologen allerorten daran fest, daß die Erforschung des Gehirns den Schlüssel zu einer wissenschaftlichen Seelenlehre liefere. Die medizinische Psychologie ist heute nichts anderes, als ein Abschnitt der Lehre von den Hirnfunktionen.

Ich setze die hypothetischen Lehren Galls, Lavaters, Hitzigs, die das Gehirn in mehrere Provinzen eingeteilt haben, denen sie jeweils eine verschiedene Geistestätigkeit zusprechen, als bekannt voraus. Diese Lehre behauptet, daß in einem bestimmten Teil unseres Gehirns der Sprachsinn lokalisiert sei, in einem anderen der musikalische Sinn, in einem dritten der Farbensinn, in einem vierten der mathematische Sinn, der Sinn für Tugend, Schönheit, Mordgier usw. – und dies mit einer Sicherheit, die derjenigen gleichkommt, mit der wir beispielsweise aussagen, daß man in Plauen Gardinen macht, in Cottbus Buckskin, in München Bier, in Pforzheim Goldwaren und im Spreewald Ammen.

Wenn ich von den Einzelheiten dieser Lehre auch nicht überzeugt bin, so scheint doch im großen und ganzen festzustehen, daß das Großgehirn das Organ ist, das die Gesamtsumme der Vorstellungen, Begriffe, Wortbildungen und Fertigkeiten produziert und enthält, und daß das Kleinhirn das Organ ist, das uns das Bewußtsein unseres eigenen Ich vermittelt. Im Schlaf und in der Narkose wird also nur das Kleinhirn seiner Tätigkeit entbunden, während das Großhirn rastlos weiterarbeitet und gewissermaßen nie zur Ruhe kommt. Denn selbst der schlafende Mensch ist in sehr erregtem und tätigem Zustande, hat heftige Gemütsbewegungen und eine lebhafte Vorstellungstätigkeit, die wir »träumen« nennen.

Der künstliche tiefe Schlaf, der durch die Narkose hervorgerufen wird, ist also nichts anderes als eine Lähmung des Kleinhirns. Denn Tatsache ist, daß das Rückenmark, diese Verlängerung des Gehirns, bei den narkotisierten Kranken Schmerzensschreie auslöst, daß das Großhirn den Schrei auch hört, daß das Kleinhirn aber nichts fühlt. Das Bewußtsein ist erloschen. Äther und Chloroform heben für kurze Zeit das Bewußtsein und das Gefühlsvermögen auf; aber die Fähigkeit, Vorstellungen zu bilden, zu kombinieren, zu träumen, besteht weiter. Die Betäubungsmittel haben keine Macht über das Gedächtnis, und wenn durch nichts, so läßt es sich gerade hierdurch beweisen, daß Gedächtnis und Bewußtsein zwei völlig verschiedene Geistestätigkeiten sind.

Die tiefsinnigen Gelehrten sind übrigens das beste Beispiel für diese Behauptung. Man weiß ja, sie vermögen so intensiv ihren Gedanken nachzuhängen, daß keine Außenstörung sie aus ihrer Versunkenheit zu erwecken vermag. Man kann sie zwicken und stechen, sie werden höchstens abwehrende Reflexbewegungen machen, aber nicht das geringste fühlen. Ist diese psychologische Tatsache nicht der alte Vorwurf der Witzblätter? – Die Entrücktheit der indischen Nabelbeschauer und die Empfindungslosigkeit der Fakire beruhen auf ganz demselben seltsamen Vorgang. Das Denken tötet das Fühlen.

Und wenn man sich zu dieser Anschauung bekennt, wird einem sofort klar, daß jene religiösen Märtyrer des Mittelalters, die ihre Hand in flüssiges Blei tauchten, ihren Fuß auf glühende Kohlen setzten, sich die Augen ausstechen oder anderen Leibesschaden zufügen ließen, einfach deshalb nicht den geringsten Schmerzenslaut von sich gaben, weil sie so sehr von ihrer Idee besessen waren, daß sie nicht das Mindeste fühlten. Die Idee, um derentwillen man jene Helden marterte, hatte ihr Gefühl vollkommen narkotisiert. Daraus beruht auch die alle Erfahrung, daß der Zahnschmerz vor der Tür des Zahnarztes nachläßt. Das fortgesetzte Denken an den zu erwartenden Schmerz lähmt das Schmerzgefühl.

Was sich aber im Gehirn während der Narkose vollzieht, darüber wissen wir nichts Bestimmtes. Es sind verschiedene Hypothesen darüber aufgestellt worden. Die einen nehmen an, daß das ins Blut aufgenommene Chloroform besonders von den Nervenzellen und -fasern ausgesogen werde und diese lähme. Andere stellten die Ansicht auf, daß die Chloroformwirkung auf einer Quellung und Auflösung des Protagons in den Nerven beruhe. Wieder andere glaubten in der Tatsache, daß das Chloroform die Blutkörperchen angreift, indem es sie teils direkt auflöst, teils ihnen die Fähigkeit, Sauerstoff aufzunehmen und Kohlensäure auszutreiben, entzieht, die Erklärung für die Chloroformwirkung zu finden. Und sonderbar ist, daß ganz derselbe Vorgang bei den indischen Yogi, deren Blutkörperchen man zu diesem Zwecke untersucht hat, festgestellt worden ist. Während der Erstarrtheit ihres Bewußtseins ist die Sauerstoffaufnahme und die Kohlenstoffabgabe äußerst gering. Es ist eine Art Scheintod, aus dem man sie jederzeit wieder ins Leben zurückrufen kann.

Es ist noch notwendig, ein Wort über die Verworrenheit und Phantastik der Träume zu sagen. Sie ist nun leicht erklärt. Gleichviel, ob man annimmt, daß die verschiedenen Geistesfähigkeiten an bestimmten Stellen des Gehirne lokalisiert sind, oder ob man der Ansicht ist, daß die Geistesfunktionen nicht von bestimmten Gehirnteilchen abhängen, sondern nur als Gesamtheit wirken, sicher ist jedenfalls, daß die im Gehirn vorhandenen Gedächtnisspuren untereinander in mehr oder weniger fester Beziehung stehen. So daß etwa ein Ton, der am Klavier angeschlagen wird, mich an eine bestimmte Farbe oder an einen bestimmten Geruch erinnert; daß beim Genuß eines Glases Rheinweins die Melodie eines Schubertschen Liedes in mir ausgelöst wird usw. Im Schlaf, wo nun die Kontrolle des Kleinhirns über das Großhirn aufgehoben ist, werden notgedrungen die Vorstellungen durcheinandertaumeln. Das Bewußtsein, der Dirigent unserer Gedanken, schläft, aber das Gedächtnis ist wach, und es geht nun in unserem Gehirn her wie in dem Schulzimmer, das der Lehrer verlassen hat …

* * *

Als ich, zum Schlachtopfer hergerichtet, auf dem Operationsstuhle lag, machte ich vor Angst faule Witze, und selbst als mir der steife Leinwandbeutel über Nase und Mund gelegt wurde, fuhr ich fort zu kalauern.

»Atmen Sie bitte recht tief,« sagte der Arzt, der nur schlecht seine Freude verbergen konnte, einen »schönen Fall« vor sich zu haben. Ich atmete tief.

»Wie gern wünschte ich Sie an meine Stelle,« erklärte ich ihm.

Er sah mir noch einmal in den Mund. »Sehr hübsch! Sehr hübsch!« rief er aus; »es wird wirklich sehr hübsch! … Bitte zählen Sie laut!«

»Ich bin in Ihrer Hand, mein Herr,« sprach ich mit schwerer Zunge; »aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich mein Bewußtsein nie ganz verliere. Einmal, als ich chloroformiert wurde, dauerte es mir ein bißchen zu lange. Ich gab dem Arzt in der Narkose einen derartigen Tritt, daß er auch ohne Chloroform fast die Besinnung verlor. Sehen Sie sich also vor! Gott mit Ihnen!«

Der Schurke von Arzt kehrte sich gar nicht an meine Warnung. »Ein Gebiß wie ein Tiger,« hörte ich ihn zu seinem Assistenten sagen; »gießen Sie ihm noch etwas nach; er wird gleich so weit sein … Nein, wirklich eine Freude ist es! So eine Freude!«

Ich wollte mich noch einmal bemerkbar machen; sicherlich sagte ich etwas, aber mein Ohr vernahm nur Worte wie »Schande – Bande – Rande«. Ich suchte Reime und lachte. Ich hörte, daß ich lachte. Und zugleich breitete sich ein Gefühl angenehmer Wärme über meinen ganzen Körper aus. Großes Behagen erfüllte mich; ich fühlte mich leicht werden; alle Schwere wich von mir. Ich schwebte irgendwo im Raume. Dann begann ein Ameisenlaufen in meinen Gliedern und ein Prickeln in den Füßen.

»Wie Sekt!« ging es durch meinen Kopf.

Ich beobachtete also noch; aber die Klarheit meiner Gedanken hatte ich schon eingebüßt. Ich sah mich vor einem Glase Sekt sitzen, und plötzlich war ich selber dieser Sekt und wurde von einem Riesen, der meine Gesichtszüge trug, getrunken. Alsbald stellte sich in den Fingern und Zehen des Riesen ein pelziges Gefühl ein; aber seltsam war, daß ich das empfand. Bis jetzt hatte ich noch den Geschmack des Sektes auf der Zunge und den Geruch des Chloroforms in der Nase; aber Zunge und Nase gehörten offenbar gar nicht zu mir.

»Gießen Sie noch etwas nach!« hörte ich eine bekannte Stimme flüstern; »das reine Rhinozeros!«

Mir schien, es handle sich um Sekt. Mir war, als trinke ich gierig, zwischen jedem Zuge ein befriedigendes »Ah! Ah!« ausstoßend.

»Es ist gut,« kam es aus weiter Ferne an mein Ohr; »er schläft.«

Ich fühlte, wie mein Arm emporgehoben und von mächtiger Höhe fallen gelassen wurde. Ich wollte rufen, daß ich noch lange nicht schlafe, noch alles höre; aber ich hatte nicht mehr die Kraft, den Mund zu öffnen. Mit Gewalt wollte ich die Augen aufreißen; es ging nicht. Nur als jemand mein Augenlid emporhob – ich konnte nicht unterscheiden, ob es das linke oder das rechte war – gewahrte mein Auge das Bild eines unbekannten Menschen, der wolkenhaft und schwammig vor mir schwebte. Dann versank ich in Fluten.

– – – – – – – – – – – –

… Als ich wieder emportauchte, lag ich am Strande eines unübersehbaren Gewässers, vielleicht eines Meeres, denn ich sah weit draußen mächtige Schuten schwimmen, und gewaltige Segler zeigten nur ihre riesigen Silhouetten, die etwas märchenhaft Vogelartiges hatten. Die Stille, die mich umgab, tat mir unendlich wohl, nur bangte mir vor dem Alleinsein und der Verlassenheit, denn ich wußte nicht, wo ich mich befand. Ich war müde und sank in Schlaf. Als ich nach einigen Stunden durch eine heftige Brise geweckt wurde, waren die Fahrzeuge auf dem Wasser längst von mir fortgeglitten, und ich sah weit und breit keine lebendige Kreatur. In einem Gefühl grenzenloser Trostlosigkeit erhob ich mich, um landeinwärts zu wandern.

Es wurde Abend. Der Himmel war im Westen lichtgewordenes Gold. Ich aber wanderte gen Osten, wanderte und wanderte. Der safranfarbene Schein des Firmaments verfärbte sich leicht, und alsbald sah ich eine Kette von Berghügeln vor mir, die sich im düsteren Violett wie ein Ozean versteinerter Wogen hinzog. Ich eilte auf den nächstliegenden der Hügel zu, den ich in der Hoffnung bestieg, ein lebendes Wesen dort zu erblicken. Aber ich täuschte mich sehr. Eine Spur von vertrocknetem Guano war alles, was ich gewahrte, und sie zeigte an, daß vor langer Zeit große Vögel hier genistet oder daß sie hier Rast gemacht hatten, ehe sie vorübergeflogen waren. Aus der Öde der Gegend, in der jeder Blumenschmuck fehlte, schloß ich, daß ich mich auf einem unwirtlichen, von Menschen unbewohnten Eilande befinden mußte. Und nun entsann ich mich auch dunkel all der Begebenheiten, die mich hierher geworfen hatten …

– – – – – – – – – – – –

Mein Vater war Herrscher über eine Insel, die im Indischen Meere lag. Eines Tages war ein ehrwürdiger Scheik, der von Seeräubern ausgesetzt war, zu ihm gekommen und hatte um seine Gastfreundschaft gebeten. Mein Vater – Friede sei ihm! – hatte den Scheik dreißig Tage lang, von einer Mondvollendung bis zur andern, bewirtet, und als er sich verabschiedet hatte, um mit einem im Hafen verankerten Schiffe weiterzureisen, hatte er aus Dankbarkeit ein großes Geheimnis preisgegeben, um das er wußte.

Wenn man in der Nacht der Jahreswende vor dem Grabe Rahels, das die Bewohner der Heiligen Stadt Rubbet-rachil nennen, ein fleckenloses erstgeborenes Kalb opferte, wurde einem von unsichtbarer Hand ein Schlüssel ausgeliefert, der die Tore der versunkenen Stadt öffnete, die vom Sande verschüttet, in der Syrischen Wüste zwischen El-Hazel und El-Chereizat lag. Nur wer diesen Schlüssel besaß, konnte den Weg zur Stadt finden, in der alle Pracht und die ungeheuren Reichtümer Syriens aufgespeichert waren, und in der die herrlichste Prinzessin regierte, die je ein menschlichem Auge sah.

Der Scheik hatte meinem Pater und mir ihr Bildnis gezeigt, das man im ersten Augenblick für die kühne Phantasie eines gottbegnadeten Malers hielt. Nimmer konnte ein solch himmlisches Antlitz in Wirklichkeit existieren. Aber der Scheik hatte hoch und heilig versichert, daß dies Bild nur eine stümperhafte und unzulängliche Wiedergabe ihres engelgleichen Angesichts wäre. Augenblicklich halten mich die Flammen der Liebe ergriffen, und ich hatte mein Herz fortan der Prinzessin zur Wohnung bestimmt. Auf mein Drängen hatte der Scheik dem ferneren berichtet: wer den Schlüssel zur versunkenen Stadt besäße, sei zugleich der Herr dieser lieblichen Schönheit, dem gehörten alle Schätze der Stadt, und die Einwohner seien ihm untertan. Aber – und dies war die Gefahr und Prüfung, die man zu bestehen hatte – man durfte nach dem Betreten der Stadt ein ganzes Jahr lang kein Wort sprechen, durfte weder laut seufzen, noch, wenn man irgendeinen Schmerz erduldete, gar laut schreien. Vergaß man das Gebot oder ließ man sich durch die geschickten Fragen der Einwohner, die natürlich nicht gern in Untertänigkeit gerieten, zu einer Antwort verführen, oder ließ man sich durch die Qual der Eifersucht hinreißen, zu brüllen, oder durch die Schmerzen, die einem etwa zugefügt wurden, zu stöhnen, so versank die Stadt augenblicklich, und man fand sich in der Wüste wieder, dem Hungertode oder den Schakalen und Hyänen preisgegeben.

Ich hatte mich sofort entschlossen, das Abenteuer zu bestehen, um so mehr, als mich die Höflinge meines Vaters wegen meines Redegeizes immer »Ellil, der Schweiger« nannten. Ich hatte meinen Vater um Urlaub gebeten, den er mir gern bewilligte. Er hatte mir ein gutes Schiff mit zwölf Masten ausrüsten lassen und hatte mir hundert der erprobtesten und treuesten seiner Diener zur Begleitung mitgegeben. Dazu eine Menge Proviant, hundertundzwanzig Schläuche des besten Weins, teure Gewänder, pelzverbrämte Kaftane aus schwerem Brokat und viele kostbaren Gewürze und andere Erzeugnisse der Insel, die alle zum Geschenk für jene wunderbare Jungfrau bestimmt waren, nach der mich bereits eine heftige Sehnsucht ergriffen hatte. Ich liebte sie schon im voraus, denn das Bild, das ich von ihr gesehen hatte, war durch die wunderbare Kunst des Malers so hinreißend, daß mich ein heißes Verlangen erfüllte, die Sultanin zu erobern. Ein Jahr lang zu schweigen – ich hatte ob der leichten Aufgabe gelacht.

Ich hatte mit meinen Leuten das Schiff bestiegen. Die ersten einundzwanzig Tage waren wir bei gutem Winde nordwärts gen Arabien gesegelt. Wir waren von Insel zu Insel gefahren und hatten, so oft wir landeten, eine Menge Menschen sonderbaren Schlages kennen gelernt, darunter Handelsleute und Vornehme in Hülle und Fülle. Am dreiundzwanzigsten Tage jedoch, als wir uns südlich von der Insel Abdul Kurri befanden, hatte sich das ganze Firmament verdunkelt, die Wolken hatten sich gesackt, und ein furchtbarer Gewittersturm war losgebrochen, der uns drei unserer stärksten Mastbäume umknickte. Weitere sechs Masten waren vom Blitze zerspalten worden, so daß wir nur noch wenige von unseren Segeln hissen konnten und mit sehr verlangsamter Fahrt vorwärts gekommen waren. Als wir in den großen Meerbusen eingefahren waren, hatten wir nicht mehr an unser Unglück gedacht und waren voller Hoffnung, Akaba, das Ziel unserer Fahrt erreichen zu können. Aber am dreiunddreißigsten Tage, als wir unweit von Rabeg waren, einer Küstenstadt am Roten Meere, die zwischen Mekka und Medina liegt, war es einem der Schiffsgesellen eingefallen, im trunkenen Zustande frevelhafte Lieder zu singen. Die empörte Mannschaft hatte ihn in geknebeltem Zustande ins Meer werfen wollen; aber auf meine Fürsprache hatten sie ihn gebunden in einem der untersten Schiffsräume liegen lassen. Bald darauf hatten wir Schiffbruch erlitten. Ich hatte Hab und Gut verloren und alle meine Leute waren in den Fluten versunken. Nur mit knapper Not hatte ich mich vom Tode des Ertrinkens retten können. Ich hatte eine leere Tonne erblickt, die unter den Schiffstrümmern herumschwamm, und ich hatte sie erreicht und mich rittlings darauf gesetzt, mich dem Meere und mein Schicksal dem allmächtigen Gotte überlassend. Schon hatte ich es bereut, mich in dieses Abenteuer eingelassen zu haben, und voll Kummer hatte ich meines Vaters und des Scheiks gedacht. Von den Wogen bald nach links bald nach rechts geschleudert, war ich auf meiner Tonne reitend so rasch über die Wellenberge dahingeflogen, daß ich Mühe gehabt hatte, nicht herabzugleiten. Ich hatte mit den Füßen gerudert; aber die rasche Fahrt hatte einen heftigen Gegenwind erzeugt, der mir so stark ins Antlitz blies, daß ich unwillkürlich die Augen schließen mußte; infolgedessen hatte ich nicht gewußt, ob ich flog oder schwamm, und in welcher Richtung ich fortbewegt wurde. Als ich es wieder gewagt hatte, die Augen zu öffnen, war es Nacht. Ich hatte nur erkennen können, daß ich mit meiner Tonne über gebirgiges Land hinsauste.

Plötzlich hatte sie jedoch mit einem Ruck stillgehalten und ich war recht unsanft abgeworfen worden. Ich hatte mich nicht rühren können; meine Beine waren taub und steif gewesen. Ein schwacher Schimmer des Mondlichtes hatte mir angezeigt, daß ich in einem kleinen Gemüsegarten lag; die Häuschen und Wohnhütten, die ich erkennen konnte, waren arm und niedrig. Es war still und die Luft war kühl. Ein Hund hatte angeschlagen. Nach einer Weile war ein Wasserträger vorübergekommen, der unter seiner Last ächzte und stöhnte.

»He! Guter Freund, wo bin ich hier?« hatte ich ihn angerufen.

Der Wasserträger stutzte zuerst; dann hatte er jedoch begonnen Lärm zu schlagen, denn er hatte mich wahrscheinlich für einen Dieb gehalten. Alsbald waren die Leute, denen dieser Garten gehörte, aus dem Hause gelaufen gekommen und hatten mich jämmerlich geprügelt. Ich hatte geschrien, mich gewehrt und versucht, ihnen mein Abenteuer zu berichten; aber sie hatten mich gar nicht zu Worte kommen lassen. Die Hiebe waren ohne Zahl auf mich herabgeregnet, und der Lumpenhund, der am stärksten zugeschlagen hatte, verhöhnte mich noch mit den Worten: »Wo du bist? Du bist im Dorfe Dahschur, das zu Füßen Kairos liegt. Du befindest dich, o Freund, im Garten Sawabs ben Ganahrs, des Melonenverkäufers. Beim Propheten! Ich habe es auf meinen Eid genommen, allen Dieben den Haarflausch abzuschrapen. Und so Gott will. Werde ich dich bei Tagesanbruch dem Henker überliefern!«

Ein pluderäugiges Weib hatte ihm ein breites Messer gereicht, dessen Klinge im Mondlicht blitzte; aber als er mir damit nahe gekommen war, hatte ich begonnen, laut zu wehklagen. »O Scheik Marhâri!« hatte ich in meiner Not gerufen, »wohin hat mich der Zauber deines verfluchten Bildnisses gebracht! Nimmermehr werden meine Augen die Tore der versunkenen Stadt erblicken.«

»Ha! Er hat wahrlich sein bißchen Verstand verabschiedet,« hatte ich den Melonenverkäufer schreien hören. »Was spricht er da von einer versunkenen Stadt? Noch nie haben meine Ohren von ihr vernommen. Wo liegt sie, deine versunkene Stadt?« hatte er gespottet und weiter auf mich losgeprügelt, daß mir schier der Atem entflohen war.

»Laß ab von ihm,« hatte sein Weib gebettelt, »er ist der Liebe Wild!«

»Bei meinem Haupte,« hatte ich gerufen, »die Alte spricht wahr. Mein Herz ist zerstört von den Pfeilen der Liebe.«

Und nun hatte ich ihnen meine trüben Schicksale erzählt. Sie hatten etwas untereinander gemurmelt, aber ich hatte sie nicht verstehen können, denn sie sprachen einen mir unbekannten Dialekt. Doch hatte ich wohl bemerkt, daß man mir Böses anzufügen trachtete. Dessenungeachtet war ich ihnen in ihre elende Hütte gefolgt, und als die Alte mir aus der Erde ein Strohlager zurechtgemacht hatte, war ich todmüde darauf niedergefallen und sofort in einen tiefen Schlaf gesunken. Als ich zu mir gekommen war, schien heller Tag. Der Melonenverkäufer zeigte mir in seinem Stall ein erstgeborenes, fleckenloses Kalb, das erst etliche Wochen alt war und das er mir zum Tausche gegen ein Amulett angeboten hatte, das ich auf der Brust getragen und das ein Geschenk des Scheiks Marhâri war. Ich hatte in den Handel gewilligt, das Kälbchen bei dem Strick genommen und es hinter mir hergezogen, um es am Grabe Rahels als Opfer darzubringen. Der Melonenhändler hatte mich auf den rechten Weg gebracht; aber kaum hatte ich dem Dorfe Dahschur den Rücken gewendet, als der betrügerische Obsthändler Lärm schlug und mich unter dem Vorwande, ich hätte ihm sein Kalb gestohlen, in den Kerker hatte werfen lassen. Ich hatte mich verloren gegeben. Ich klagte um mein Leben und nahm Abschied von dieser Welt. Versunken in meinen Gram, hatte ich über mein Mißgeschick nachgegrübelt, als sich die Tür meines Gefängnisses auftat und die Tochter des Kerkermeisters eintrat. Sie schien Wohlgefallen an mir gefunden zu haben, denn sie schlug mir vor, mir die Freiheit zurückzugeben, wenn ich mit ihr fliehen wollte. In der folgenden Nacht waren wir entwichen, waren vor den Kadi gegangen und hatten den Ehebund geschlossen. Mein Vorhaben, die versunkene Stadt auszusuchen, hatte ich aufgegeben, und ich zweifelte daran, je meine Heimat wieder zusehen. Wir hatten uns in Jasur unweit Jerusalems niedergelassen, wo ich nun einen Handel mit Getreide betrieb. Und ich lebte in aller Behaglichkeit und Zufriedenheit und vergaß, was mir widerfahren war an Mühsal und Not; denn ich liebte mein Weib in herzlicher Liebe und sie hatte mich nicht minder geliebt, so daß wir wie ein einziges Wesen waren.

Sieben Jahre waren vergangen, und die Tage waren verflossen, so langsam, wie die Zeder wächst. Wir hatten drei Söhne und drei Töchter, an denen wir mit ganzem Herzen hingen. Aber als eine Seuche in der Stadt ausgebrochen war, hatte der Tod unter den Kindern gewütet, wie Feuer in trockenem Reisig, und auch unsere Kinder wurden hingerafft. Mein Weib war von der Zehrung ergriffen worden; die Farbe ihrer Wangen gilbte und eine grausame Schwäche band sie wie mit Ketten ans Lager. Ich hatte meine Tage auf den Knien in der Moschee verbracht, und die kummervollen Nächte saß ich zu Häupten meines armen Weibes. Ich hatte meine Geschäfte vernachlässigt; ich hatte weder gekauft noch verkauft und hatte für nichts mehr Sinn und Auge. Die Krankheit meines Weibes hatte fast ein Jahr gewährt, und als sie, nach dem Beschlusse des Allmächtigen, gestorben war, hatte man mich aus dem Hause vertrieben und die Gläubiger erhoben Klage wider mich. Ich hatte flüchten müssen. Eine Diebeskarawane, die mit gestohlenen Gütern zum Meere hingewandert war, um sich nach der Insel Cypern einzuschiffen, hatte sich meiner angenommen, mich aber ohnmächtig am Strande liegen lassen …

An diesem Strande war es, wo ich aus meiner Betäubung erwachte. Ich sah, daß der Tag zu verblassen begann und daß ich die Nacht auf diesem unwirtlichen Steinhügel würde verbringen müssen, auf dem ich nichts als Vogelspuren entdeckte. In meiner Furcht ließ ich mich auf die Knie nieder und betete inbrünstig. Als endlich die Nacht verstrichen war, stand ich auf und ging weiter, bis der Tag in seiner vollen Schönheit anbrach und die Sonne sich über die Häupter der hohen Hügel und über die flache, steinige Ebene erhob, Ich war nun müde, und mich hungerte und dürstete, und ich aß mich satt an den spärlichen Kräutern, die da und dort wuchsen. Den ganzen Tag und die folgende Nacht zog ich dahin, bis ich am Morgen des nächsten Tages in der Ferne einige Menschen gewahrte. Ich ging auf sie zu und siehe, es waren Juden aus Jabne, die nach Jerusalem pilgerten. Sie brachten mich auf den rechten Weg, der mich noch zu guter Zeit zum Grabe Rahels führte. Es waren noch sieben Tage bis zur nächsten Jahresvollendung, und in dieser Zeit erstand ich gegen den Rest meiner Habe die makellose Erstgeburt einer gesunden Kuh. In derselben Nacht, in der das Jahr sich rundete, opferte ich mein Kalb auf einem Feuer aus Chazaholz. Der Rauch zwang mich, die Augen zu schließen, und als ich sie wieder ausschlug, gewahrte ich einen goldenen Schlüssel in meiner Hand. Als ich sah, daß das Glück mir so hold war, jubelte ich laut auf. Ich fuhr ohne weitere Zwischenfälle über das Tote Meer und legte den Weg, der in die Syrische Wüste führte, in weniger denn zehn Tagen zurück.

Mit Anbruch des elften Tages sah ich schon von weitem eine Schar prächtiger Frauen und Männer auf mich zureiten, die mich hoch willkommen hießen und mich unter Pauken- und Zimbelschlag als ihren Herrscher in die versunkene Stadt einführten. Eingedenk des Verbotes, weder sprechen noch seufzen zu dürfen, bezeugte ich meine Dankbarkeit stets nur durch ein eifriges Kopfnicken.

Man brachte mich vor Fatne, die Sultanin der Stadt, und als ich sie sah, staunte ich wahrlich im höchsten Staunen vor dem Übermaße ihrer Schönheit und pries mich im Stillen glücklich, daß sie mein war. Als ich mich ihr stumm näherte, überhäufte sie mich mit Geschenken aller Art, und ich verging vor Scham, ihr keine würdige Gegengabe bieten zu können. Aber ich dankte ihr mit den Augen für die erwiesene Huld und Freundschaft, küßte ihre Hand und machte sie durch das Feuer meiner Blicke bekannt mit meiner Sehnsucht.

Sprach sie: »Du bist dein eigener Herr, doch wenn es dein Wunsch ist, bei mir zu bleiben, o mein Gebieter, so werden wir uns freuen in höchster Freude.«

Und sie überschüttete mich mit ihren Wohltaten. Tags darauf wurde unsere Ehe geschlossen, und ich sah nun alle die Leute, mit denen ich verwandt und versippt war. Darunter waren Neider und Trüger, und sie unterließen es nicht, mir hart beizusetzen mit Fragen und Ehrenbezeugungen, mit Eifersüchteleien und Klagen. Aber nichts vermochte mir eine Antwort zu entlocken. Die Höflinge gingen umher und murrten: »Welch einen Regenten hat unsere Fürstin sich da erwählt? Auf unsere Klagen antwortet er nicht, unseren Gruß erwidert er nicht, und wenn wir ihn um seinen Rat angehen, spricht er durch Zeichen.« Und mit jedem neuen Tage, der dahinschwand, ersannen sie neue Mittel, mich zu quälen und zum Sprechen zu bringen; aber ich brauchte nur einen Blick auf meine holde Gemahlin zu werfen und ich blieb standhaft. Endlich versuchten sie es durch eine List. Sie bezichtigten mich vor meinem Weibe der Untreue, und die türkische Sklavin, die sie als Zeugin vorzeigten, bestätigte die Angaben der Betrüger.

Ich wurde in den Kerker geworfen. Mir war, als müßte mir vor dem Übermaß des Kummers, der Not und der Drangsal die Lunge schwinden und vor erstickter Wut die Galle platzen. Aber ich hatte noch soviel Kraft meine Seufzer zu unterdrücken.

Von dem Fenster meines Kerkers aus konnte ich indessen auf die Terrasse des Palastes sehen, und so oft ich meine angebetete Fürstin dort erblickte, schwanden mir fast die Sinne vor Gram und Sehnsucht. Ich brachte einige Monate in meinem Gefängnisse zu; es fehlten nur noch drei Tage, und das entsetzliche Jahr des Schweigens war um. Da, tags darauf, als meine Fürstin sich wie gewöhnlich auf der Terrasse erging, sah ich ihre Augen mit Tränen geschmückt. Sie blickte zum Fenster meines Verlieses herüber, als wollte sie sagen: »Halte aus, was auch noch diese zwei Tage über dich kommen mag!« Ich dankte ihr durch Zuwinken mit der Hand, aber sie gewahrte mich nicht. Dagegen konnte ich jetzt sehen, wie ein Mann sich von hinterrücks an mein Weib heranschlich, um es zu küssen. Die Flamme der Eifersucht heizte meine Liebe; aber ich war wehrlos – und mußte schweigen. Fatne aber schrie auf und im selben Augenblick stürzten einige Sklaven herein, um den Eindringling festzunehmen. Aus einer geheimen Tür der Terrasse traten nun zehn oder zwölf bewaffnete Männer herein, die den frechen Buben, der es gewagt hatte, mein Weib zu küssen, befreiten und die Sklaven hinausjagten. Alsdann banden sie mein Weib mit Stricken fest, warfen es auf eine Bank und erhoben ihre blanken Beile wider ihr Haupt, um es zu treffen. Mir floh Besinnung und Verstand, und ich stieß einen furchtbaren Schrei aus … und plötzlich sank alles in Nacht und Nebel …



»So was!« hörte ich jemand neben mir sprechen. »Brüllt wie ein Rhinozeros! … Er ist ja schon raus!«

Ich wurde emporgehoben, und als ich die Augen aufschlug, wußte ich keineswegs, wo ich mich befand.

»Na, war's denn so schlimm? … Wie kann man bloß! … Die ganze Geschichte hat noch keine zwei Minuten gedauert … Aber auch so zu brüllen, wo Sie doch gar nichts gespürt haben können

Ich sah blutige Hände vor mir, die mir einen Zahn mit vier Wurzeln entgegenhielten … Dann torkelte ich auf einen Diwan …

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