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Jacob Elias Poritzky – Die Versteinerten – Eine Legende

Gespenstergeschichte

aus: Jacob Elias Poritzky, Gespenstergeschichten, Georg Müller Verlag, München, Leipzig, Dritte Auflage, 1913, S. 39-48

Die Menschen glauben überhaupt schwerer an Wunder als an Traditionen von Wundern,
und mancher Türke, Jude usw., der sich jetzt für seine Traditionen totschlagen ließe,
würde bei dem Wunder selbst, als es geschah, sehr kaltblütig geblieben sein.

Lichtenberg.



In meiner Heimat befand sich ehedem ein alter Gottesacker, der von einer hohen Steinmauer eingefaßt war. Er lag im Herzen der Stadt, ein paar Schritte vom Bahnhof, und so oft wir daran vorübergehen mußten, wurden wir unwillkürlich still und ängstlich.

Es kreisten auch gar zu viele unheimliche Geschichten um diesen Kirchhof, die wir natürlich altklug belächelten, obwohl wir ganz im Innern doch ein klein bißchen daran glaubten. Es waren makellose Menschen, die man dort zur Ruhe bestattet hatte. Von ihnen hieß es nicht, daß sie »gestorben« waren; man sagte, »sie hatten ihre Seele Gott zurückgegeben.« Es waren gottesfürchtige Männer; Männer, die ihr Leben lang nur Gottes Wort studiert und gelehrt hatten, und die infolgedessen nach ihrem Tode im Rate Gottes eine Stimme hatten. Sie standen zur Linken des ewigen Thrones und durften beim lieben Gott ein gutes Wort für uns arme Menschenkinder in die Wagschale werfen.

Daß diese berühmten Toten die Schutzgeister der Frommen waren, das war ein so fester und so alteingewurzelter Glaube, daß es Brauch wurde, am 9.Ab, dem Tage der Tempelzerstörung, um jenen Friedhof dreimal herumzugehen und Gebete dabei zu sprechen. Man war sehr abergläubisch, aber deswegen war man noch lange nicht töricht, und in dem Falle bedeutete der Aberglaube nichts als eine Hoffnung. Denn in unseren alten, vergilbten, heilig gehaltenen Folianten hatten wir gelesen, daß die Toten uns Lebenden nicht nur in Träumen, sondern auch leibhaftig erscheinen konnten, um zu raten und zu helfen. Oh, man hatte tausende Beweise dafür, daß sie an unseren Geschicken teilnahmen …

Da lebte einmal eine gottergebene Witib in unserer Stadt, kinderlos und menschenverlassen, die so arm war, daß sie eines Tages keine Gerichte mehr für den Sabbat zubereiten konnte. Die Töpfe waren leer und der Ofen mußte ungeheizt bleiben. Um aber ihre Armut vor ihren böszüngigen Nachbarn nicht zu entblößen, und um müßigem Gerede keinen Vorschub zu leisten, begann sie mit den »Kochtöpfen zu rasseln, die Ofentür auf- und zuzuklappen, zu schüren, mit Wasser zu pantschen, zu backen und zu klopfen, kurz – einen solchen Lärm zu machen, daß jeder, der zufällig an ihrer Tür vorüberging, des Glaubens sein mußte, die Witwe koche und brate für eine ganze Schar armer Leute. Denn, obwohl sie selbst blutarm war, stand sie im Rufe einer wohltätigen Seele.

Nach der Art der Frommen nahm sie ihre Armut hin, ohne zu klagen; sie rüstete sich vielmehr, den Sabbat freudigen Herzens zu empfangen. Bei hereinbrechender Dämmerung, während sie gerade dabei war, den Segen über die Lichter zu sprechen, die sie zu Ehren des Ruhetages entzündet hatte, pochte es an ihrer Tür, und als sie hinging um nachzusehen, wer da Einlaß begehren mochte, erblickte sie einen alten armen Mann, einen jener Ahasvere, die das ganze Jahr mit dem Packen durch das Land wandern. Er bat flehentlich um ein Mahl und um einen Becher Wein, um den Segen über den Sabbat zu sprechen. Die Frau aber, eingedenk der Sitte, einen Armen oder Hungrigen, der zu bitten kommt, nicht von der Tür zu weisen, lud ihn mit guten Worten ein, näher zu treten.

»Ich habe bereits deine Nachbarn um ein Mahl gebeten,« hub er an, als er im Stuhle saß und sich des Glanzes freute, der von den Kerzen ausstrahlte; »sie warfen aber die Tür zu und wiesen mich an dich. Du hättest – sagen sie – den ganzen Tag gekocht und gebraten und den Bauch des Ofens nicht erkalten lassen. Sicherlich erwartest du viele Gäste und würdest auch mich speisen.«

»Man hat dir die Wahrheit gesagt,« erwiderte die fromme Frau, die dem Armen die Hoffnung nicht nehmen mochte; »reinige dich in der Kammer vom Staub der Reise, bete, und dann will ich dir den Wein vorsetzen, daß du das Gebet sprechen magst, und auch ein Mahl, über das du die Segnungen sprechen wirst.«

Und sie ließ den Alten allein und tat so, als ginge sie noch einmal in die Küche, um nach dem Rechten zu sehen. Indessen stahl sie sich aber heimlich zum Friedhof der Frommen, der unweit ihrer Wohnung lag, und dort, am »guten Ort« unter dem steinernen Torbogen, in den ein heiliger Spruch eingemeißelt war, stellte sie sich in ein Winkelchen und betete. Sie flehte die Toten um Rat an, denn sie wußte nicht, was sie dem armen Manne sagen sollte, der hungrig zu ihr gekommen war und der nun hoffte, der Sabbatfreude teilhaftig zu werden. Sie betete lange, und starken und vertrauensseligen Herzens kehrte sie endlich heim.

Der Alte ging in der Stube umher und sang das Brautlied des Ruhetages und wünschte seiner Gastgeberin Frieden. Sie erwiderte den Gruß und breitete ein weißes Handtuch aus und bot ihm die Schüssel und eine Kanne, daß er sich, wie es der Ritus erheischt, die Hände wasche.

»Wo ist der Wein, über den ich den Segen sprechen soll?« fragte er, »und wo sind die Brote?«

Da ward die Frau beschämt, und sie gestand ihm ihre Schuld, aber immer noch frohgemut. Und sie sagte, daß sie, um ihre Armut zu verhüllen, und um nicht das Mitleid der Nachbarn hervorzurufen, durch ihr blindes Gelärme den Schein erweckt habe, als hätte sie ein reiches Mahl zugerichtet. Der Alte aber tat so, als traute er ihren Worten nicht. Er zog die Luft durch die Nase ein und sagte: »Aber ich rieche doch den Duft des Fleisches und der andern Gerichte! »Warum sprichst du die Unwahrheit? Und warum weigerst du mir zu essen, wo du mich doch zu bleiben gebeten hast? Warum beladest du mich mit Hohn und dich mit so arger Sünde?«

Da ging die Frau hin zum Ofen, um dem Alten die leeren Töpfe zu zeigen; aber als sie die Deckel emporhob, dampfte es und brodelte es darin, und sie entnahm dem Ofen die braunen Brote für den Sabbat, gesottene Fische, gebratenes Fleisch und noch andere Gerichte. Die Witwe war aber ob des geschehenen Wunders so erstaunt, daß sie in eine Ohnmacht fiel. Als sie aber zu sich gekommen war, war der Alte verschwunden …



Solche Geschichten liefen zahlreich genug um. Aber eines Tages sollte unser alter Friedhof niedergelegt werden. Er störte nur den Verkehr, hieß es. Allein diejenigen, die mit zäher Treue zu ihren Toten hielten und es als eine große Schande ansahen, ihnen die Ruhe zu rauben, widersprachen solchem frevelhaften Vorhaben. Wohin sollte man am Tage der Tempelzerstörung gehen, um zu beten? Und wie konnte man Karrenlärm und Menschengetöse über einen Platz leiten wollen, an den sich so viele Wunder knüpften? …

Aber die Geschäftigen hatten an die Stadtväter eine Eingabe gerichtet, worin sie ihr Vorhaben begründeten, und worin sie erklärten, das Recht der Lebenden ginge vor dem Recht der Toten.

In jenen Tagen war wenig Freude in der Stadt und sehr viel Erregung. Des Nachts hatte man in der Nähe des Gottesackers die schwachen und dumpfen Stimmen der Toten gehört; ihr Zirpen und Flüstern, ihr Murmeln und Summen. Wenn der Herbstwind weinte und traurige Schreie aus seinem Heulen herausgellten, waren es die Toten, die weinten. Die Toten waren es, die mit wilden Händen vergeblich an die Wohnungen der Lebenden schlugen, an Tür und Fenster ratterten. Aus den Gräbern, die eingesunken waren, aus den Gräbern, in denen morsch und schief und verwittert die Denksteine staken, wuchsen Hände, die sich warnend reckten.

Aber die Geschäftigen kümmerten sich nicht darum, und die Petitionen und Fürbitten der andern, den Friedhof nicht anzutasten, wurden von den Stadtvätern verworfen. Und eines Tages wurde der alte Kirchhof ausgeschrieben; es sollten sich Abbruchunternehmer melden. Indessen in der Stadt hatten scheinbar alle Arbeit genug; aus der Stadt meldete sich niemand, und so konnte einstweilen der Friedhof nicht niedergelegt werden. Die Toten hatten Ruhe.

Aber als der Winter kam, gab es Viele, die kein Brot hatten, und die jede Arbeit gern aufgriffen; ehrliche sowohl als unehrliche. Da geschah es, daß sich ein Mann aus dem benachbarten Städtchen meldete, der sich bereit erklärte, die Niederlegung zu übernehmen. Man übergab ihm die Arbeit, und er wollte eine Anzahl Gesellen dingen; aber er fand keine braven Leute; es gab sich nur das herumlungernde Gesindel dazu her. In der letzten Stunde richteten die Getreuen noch einmal ein Bittgesuch an den regierenden Fürsten; allein es fruchtete nichts mehr; es war zu spät. Die Gemeinde mußte den Friedhofsschlüssel ausliefern.

An dem Tage, an dem mit der Ausgrabung der Toten begonnen werden sollte, brach ein fahler, nebliger Morgen an. Die Luft war grau und blind, und in der Stadt war eine seltsam dumpfe Stimmung. In dem allgegenwärtigen Grauen schien die Stadt von erstickten Schreien durchbebt. Aber man hörte in den Straßen nichts als den Wind, der vorüberzog wie ein gewaltiges lebendiges Wesen. Es war, als sähen alle stillschweigend und duldend einem gemeinen Verbrechen zu.

Der Unternehmer war indessen morgens in der fünften Stunde aufgebrochen, um zu Fuß nach unserer Stadt zu gehen. Die Bahn fuhr damals noch nicht, und er hoffte, um sechs Uhr an Ort und Stelle zu sein, wo er die Arbeit selbst leiten wollte. Die Gesellen waren um sechs Uhr früh bestellt; aber als wollten sie die Frommen verhöhnen, hatten sie sich schon vor der bestimmten Stunde mit flackernden Windleuchten auf den Gottesacker begeben und ein jeder stellte sich dreist an seinen Platz.

In demselben Augenblick aber, als sie zu graben und zu schaufeln beginnen wollten, blieben sie stehen, wie in Stein verwandelt. Der eine hintübergebeugt, die Spitzhacke wie eine freche Drohung gen Himmel gereckt; der andere zu Boden gekrümmt und eben bereit, die Schaufel in die Erde zu stoßen; ein dritter, einen wankenden Leichenstein umarmend, um ihn aus dem Boden zu reißen; der vierte die Kiesel zu Hauf fegend, die frommer Sinn auf die Grabsteine gelegt hatte; denn es war ein alter Brauch, wenn man die Toten besuchte, um an ihren Gräbern zu beten, kleine Steinchen auf die besonders teuren Grabdenkmäler zu legen, so daß sich mit der Zeit auf jedem Denkmal kleine Steinpyramiden gebildet hatten, die nun in alle Winde gefegt werden sollten. Die zehn Arbeiter standen in völliger Starrheit, von den gespenstisch flackernden Fackeln grell beleuchtet. Denn es war dunkel; fast noch Nacht.

Und nun begann es zu schneien. Der Schnee fiel schwer und schweigend, leise und langsam, weiß und wollig über die am Boden gebannten Gestalten. Der Schnee fiel und flockte über Grüfte und Gräber, Steine und Hügel, Erde und Menschen. Es sah aus, als hätte eine zornige Hand ein riesiges Totenlinnen in Myriaden Stückchen zerpflückt, die nun lautlos niederfielen und sich über den versteinerten zehn Gesellen wieder zu einem Leichentuch zusammenwoben …

Und am Vormittag fand man den Unternehmer auf der Landstraße tot. Der Wind peitschte die alten Pappeln und spielte mit den Rockzipfeln des Toten.

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