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Jakob Elias Poritzky – Wolken

Erzählung

Wolken aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Da saß er und betrachtete in inniger Versunkenheit das Vögelchen. Die steilen Flammen der gerippten Kerzen strahlten friedlich, die Uhr tickte die lauterste Gemütlichkeit ins Zimmer, und das Vögelchen stand im Käfig auf dem Tisch, weil er so gern seiner munteren Beweglichkeit zuschaute, wie es flink von einem Stängelchen aufs andere sprang und an einem Körnchen, das nicht größer war als ein I-Punkt, knabberte und knackte, als hätte es Gottweiß was für einen fetten Happen erwischt. Und dann nahm es ein Tröpflein Wasser, kleiner als ein Brillantsplitterchen, und schluckte daran so ganz nach Trinkerart mit dem Kopf nach oben, als wollte es einen richtigen, riesigen Ehrenpokal bis auf die Nagelprobe leeren. Und dann kam ein schnurrendes Trillern aus der kleinen Kehle, mit einem so reinen Tonansatz, daß die allerstrengsten Musikkritiker der Stadt ihre helle Freude daran gehabt hätten. Und allmählich wurde so etwas wie eine kleine Melodie daraus; ein feines, süßes Flötenkonzert mit Piano und Crescendo bis zu einem schmetternden Forte, daß einem ordentlich die Brust weit wurde und die Seele aufging.

Wie sollte man sich für den Genuß bedanken? Denn aus Bravo und Händeklatschen machte sich das kleine Vögelchen gar nichts. Aber es hatte offenbar selber Freude an seinem Gesang, denn eins! zwei! holte es sich noch ein Körnchen, knackste es auf, daß die Schale nur so flog und legte dann gleich noch einmal los. Man konnte es in allen Stockwerken und über drei Höfe hinweg hören, wenn es gerade bei Laune war, und es war ein Erlöstsein und ein Jauchzen in dem Choralmotiv und so etwas wie Gemüt.

Und das ganze Kerlchen war nicht größer als eine große Zehe.

Da saß er und horchte entzückt auf das Geschmetter und Gejubel, das aus der kleinen gelben Brust kam, und Gott weiß, was ihm alles für schöne Gedanken dabei durch den Kopf gingen. Denn das konnte selbst ein Fremder ihm anmerken, daß er jetzt nur gute Gedanken dachte und allem Alltagskram und Erdgebundenen, allem Menschenunsinn und aller Menschenniedertracht unendlich fern war.

Und mitten in seiner Versunkenheit und Gotterfülltheit, wo die wundervollsten Melodien in ihm zu singen und zu tönen begannen, kam sie herein und überfiel ihn geradezu: »Denke nur, was ich gehört habe, Will (sie nannte ihn Will) – die Leute sagen –«

Er wollte nichts hören; aber er mochte sich die Ohren nicht zuhalten, um sie nicht zu kränken. Er war also verurteilt zuzuhören, obwohl ihm immer ganz übel wurde, wenn sie den Klatsch ins Haus brachte.

»Die Leute sagen, du hättest ein Verhältnis mit unserem früheren Mädchen gehabt – ein richtiges Verhältnis. Ich schäme mir die Augen aus dem Kopf. Kann ich denn noch über die Straße gehen? Und wirst du denn nie Rücksicht nehmen auf mich?«

Er wollte etwas sagen; aber die Worte kamen ihm nicht in den Mund. Es war ihm plötzlich, als hätte man einen vollen Müllkasten über ihn ausgeschüttet und als hätte man Gottes Stimme in ihm erstickt. All seine Friedlichkeit war erwürgt, aber er machte nur eine müde Bewegung.

»Du denkst vielleicht, ich bin erregt,« fuhr sie fort, »Gott bewahre, ich bin nicht im mindesten aufgeregt.«

Und er sah, wie sie kochte.

»Ich gönne dir all deine unsauberen Geschichten – aber ein Dienstmädchen! Und die Leute sagen –«

»Die Leute!« stöhnte er.

»Ja, die Leute sagen, daß sie nun überall herumläuft und damit prahlt, daß du ihr Verhältnis warst und daß du ihr wundervolle Geschenke gemacht hast.«

Er wand sich vor Ekel. Gott im Himmel, wie notwendig war es manchmal, einen Mord zu begehen aus bloßer Notwehr, wenn man sich seine Seele retten wollte.

Sie begriff nichts von ihm; sie sah immer nur seine Haut, aber von seinem Innersten sah sie nichts, und sie wußte nichts davon.

Und die Lichter brannten noch immer. Aber jetzt hatte sie böse, stickige Nebel vor seine Augen gehext und die unruhigen Flammen der schlanken Kerzen waren wie flackernde, giftige Rauchsäulen.

Und das Vögelchen sang noch immer. Aber es war, als hätte sie ihrem Manne dicken Schlamm in die Ohren gegossen, und das machte ihn taub und krank.

Und die Uhr tickte noch immer, aber es war nicht mehr gemütlich; sie hackte voller Wut auf der Zeit herum und war tückisch, weil sie sie nicht kleinkriegen konnte.

Das ganze Zimmer war verwandelt und seine Seele war zu. Er stand auf. Er begann zu rauchen. Er fühlte sich elend.

Draußen goß es; aber nun mußte er hinaus, wo er wenigstens atmen konnte. Er ging und sie ging mit, denn jetzt war ihr Herz voll, und sie mußte sprechen. Das war das Gute an ihrer schlechten Art, daß sie es nie lange mit sich herumtragen konnte, wenn sie etwas gegen ihn hatte. Sie sagte ihm alles, jeden wahnwitzigen Einfall, jeden absurden Verdacht, selbst die törichtesten Ausgeburten ihrer leicht auflodernden Eifersucht; sie zeigte ihm ihre Seele in ihrer ganzen häßlichen Verzerrtheit. Er bekam dann immer ein heftiges Mitleid mit ihr, denn er sagte sich, daß sie ja nichts konnte für ihre unglückselige Art. Er schwieg, schluckte seine stachlige Antwort hinunter und ließ sich stumm trösten von dem Gedanken an den Tod, der dann immer wie ein Freund neben ihm stand.

Im Tod wird Friede sein, dachte er dann.

Auch heute hätte er gern geschwiegen. Es war zu dumm, auf solchen ungeheuerlichen Unsinn zu antworten. Aber dann zwang er sich doch noch ein paar Worte ab: »Wie kannst du es nur fertig bringen, mir solche Dinge zu sagen? Warum verfolgst du mich mit dem Klatsch der Leute? Und was gehen sie mich an? Und dich?«

Sie lenkte ein: »Ich habe es ja auch keinen Augenblick geglaubt.«

Aber er fühlte, daß sie log.

Seit Jahren kämpfte er mit ihr gegen diesen unsichtbaren Feind, den sie »die Leute« nannte. »Die Leute« – und natürlich waren es die gewöhnlichsten, mit denen er nie ein Wort gewechselt hatte – konnten ihr das Dümmste und Unsinnigste zutragen, sie glaubte den Leuten alles. Jedenfalls glaubte sie ihnen mehr als ihm.

Aber zuweilen, wenn sie seine Sonaten spielte oder seine Symphonien im Konzert hörte, dämmerte es ihr ganz von ferne und vorüberhuschend auf, daß er doch eine ganz andere Art Mensch war, als alle »die Leute«, die sie in ihrem Leben je gekannt hatte, und die sie gewaltsam in sein Leben hineinschleifte. Und besonders wenn ihn der Beifall der »Leute« umbrauste, dann konnte sie ordentlich warm werden vor Mitverehrung, und dann legte auch sie ihm große Kränze der Begeisterung zu Füßen. Sie machte offenbar zwei Menschen aus ihm. Der eine, das war der Musiker, der der Welt gehörte, der sich in der menschlichen Seele so gut auskannte, der so besonders tiefe und weltferne Töne fand, die in allen vereinsamten Seelen widerklangen und alle Sehnsüchte erweckten und die Musik im Blute eines jeden Menschen zum Tönen brachten. Der andere, das war ihr Mann; ein Mann eben; nicht mehr und nicht minder als der Schuster im Keller oder der Portier im Hofe. Sie begriff nicht, daß er aristokratisch war durch und durch, daß er ein König war, dem das Reich der Einsamkeit zugeteilt war; aber weil sie sein Volk nicht sah, wußte sie nichts von der Herrschaft, die er übte. Wenn aber in den Zeitungen von ihm die Rede war und einige, die um seine Seele Bescheid wußten, ihn einen vermummten König nannten, dann sprach sie es gern nach, aber ohne, daß es sie mitgeadelt hätte. Denn sie wurde nie eine Königin.

Weil er am Tische saß und sprach und ging und aß wie alle Menschen, und weil er liebevoll auf alle ihre tausend kleinen Haussorgen einging, erblickte sie in ihm nicht die Spur von einem König, sondern nichts als einen Mann, wie es tausend andere gab; einen Mann, der ihr leibeigen angehörte und durch amtliches Sigulum verschrieben war, gleichwie man durch Vertrag ein Pferd kauft oder ein Haus.

Er litt Höllenqualen unter ihrer Art, ihn herabzuziehen und ihn den »Leuten« gleichzumachen. Und er war so wehrlos gegen ihre Wasserstürze von gemeinen Vorwürfen. Denn alle Worte, alle Erklärungen waren vergebens und wie in den Wind gesprochen. Wenn sie nach all den Jahren noch immer nicht begriff, wen sie zum Manne hatte, erklären und sagen konnte er es nicht. Darum schwieg er und trug seinen Gram mit sich herum.

Und er ging im Regen neben ihr her wie ein vollkommen Unbeteiligter, und es bereitete ihm ein qualvolles Vergnügen, ihr gewissermaßen wie von weitem zuzuhören und zu sehen, wie ihre erhitzte Phantasie förmlich auf Skischuhen dahinjagte und nicht nach links und nicht nach rechts schaute. Wenn sie alle ihre häßlichen Verdächtigungen vor ihm auskramte und dann mit ihrer Aufrichtigkeit Parade machte, und wenn sie ihrer verwüstenden Eifersucht die Zügel schießen ließ, mußte er sie aussprechen lassen. Er wand sich vor Ekel, aber er konnte ihr ebensowenig Halt zurufen, wie man einen Schlitten, der den Berg hinabsaust, nicht im Rodeln aufhalten kann. Es war ihm dann, als säße er festgebunden in so einem Schlitten, und als müßte er nun wohl oder übel die ganze Reise mitmachen, die ihn unbarmherzig bergabwärts führte.

Immer bergabwärts . . .

Und in ihm sehnte sich die Seele bergauf . . .

Dann kam manchmal aber ein wunderbarer Trost über ihn. Es war, als streckten sich ihm vom Himmel her unsichtbare Hände entgegen, die er fassen und halten durfte. Und dann fühlte er sich emporgetragen, und es begann in ihm zu tönen und zu klingen. Und die Töne wurden Melodien, wurden zu kummererlösenden und benedeienden Symphonien, die aus der innersten Quelle seines Lebens strömten. Er wußte nicht, wie er zu diesen gottbeflügelten, sphärenreinen Tönen kam. Es sang aus ihm, wie es aus der Brust des Vögelchens sang. Gott sang in ihm.

Es war also der Schmerz, dem er all den Segen verdankte; es war die Qual des Alleinseins, die ihm die Melodien schenkte; die Ureinsamkeit war es, die ihn zu Gott emportrug, und die Läuterfeuer des seelischen Leidens waren es, die ihn rein brannten. Nur in der höchsten Seelenpein, wenn er fast am Verschmachten war vor Durst nach Verstehen, nach Liebe und nach dem, was die Menschen Glück nennen, durfte er aus den Quellen der Ewigkeit trinken.

Dann hatte also sie, indem sie all das Leid schuf, ihm die goldenen Schlüssel gereicht zu den Toren seines Königtums, und er mußte ihr dankbar sein für das Elend, das sie ihm bereitete. Und plötzlich wurde er wieder gut wie ein Kind . . . Und kehrte um und ging nach Hause.

Und saß dann wieder im Zimmer, und die Lichter brannten, als ob Gott sie gesegnet hätte, und die Uhr hatte sich ausgetobt und ging wie ein guter Kamerad ihres Weges in die unbekannte Ewigkeit hinein, und das Vögelchen, das ihn so gut kannte, war froh, daß er wieder zu Hause war, hüpfte erregt herüber und hinüber, hinauf und hinunter, schaukelte sich und schmetterte los, beim dreigestrichenen hohen F angefangen bis hinunter zum G, mit Koloraturen und Tremolos und Trillern und Geschnurre, mit Jauchzern und Schluchzern, altitalienisch und nordisch, daß es nur so eine Art hatte.

»Wer weiß, wo dich der Schuh drückt,« dachte er, wieder ganz bei Humor, »du würdest ja auch nicht singen, wenn du nicht gefangen wärst.« Und nun begann er wieder mit dem schwarzäugigen Daumesgroß um die Wette zu pfeifen, als ob's einen edlen Sängerstreit gegolten hätte.

Sie saß neben ihm und war wieder ganz im Gleichgewicht.

»Wie schön du jetzt bist,« sagte sie und sah ihn bewundernd an, »so müßte man dich malen.«

Er hatte, ohne es zu wissen, seine Maske abgelegt, und sie sah jetzt, daß er von königlichem Antlitz war. Jetzt, wo er sich mit der kleinen Vogelseele eins wußte und sich nicht wichtiger nahm, als der liebe Gott der Inder einen Menschen wichtig nimmt, jetzt verzieh er ihr demutsvoll jede Beleidigung. Er lächelte ihr zu.

Sie faßte sein Lächeln als Gleichgültigkeit auf: »Ich kann dir sagen, was ich will – dir ist alles gleichgültig, was ich sage. Ich selber bin dir eben gleichgültig.«

»Du bist mir keineswegs gleichgültig,« sagte er ehrlich und warm.

Sie atmete auf, froh, daß die Wolke des Unmuts, die sie auf ihn hatte herabhageln lassen, ihm keinen Schaden gebracht hatte, und daß er scheinbar so trocken dabei fortgekommen war.

»Ja, dann wollen wir Abendbrot essen,« sagte sie, ganz Hausfrau und ganz Besorgtheit.

»Nein,« rief er, »jetzt solltest du dir lieber das wundervolle Konzert anhören, das wir zwei dir geben.«

»Dann bist du gewiß in der Stimmung, zu komponieren,« meinte sie.

»Wenn man das wüßte! Aber ich will Hänschen mal fragen . . . Na, Hänschen? Unsere Herrin fragt, ob wir was komponieren wollen zusammen! Verstehst du! Wir werden gefragt, ob wir aus unseren kleinen Schmerzen richtige Notenstücke machen wollen? Was? . . . Ja, also wenn ich ihn recht verstanden habe, sagt er, wir hätten diese Melodien just vom lieben Gott zum Geschenk erhalten, und die seien nichts für die Leute. Dies sei ein Kammermusikabend zu unserem eigenen Vergnügen . . .«