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Gertrud Prellwitz – Vom Wunder des Lebens

Aufklärungsgeschichte

Gertrud Prellwitz, Vom Wunder des Lebens, Eugen Dietrichs Verlag, Jena, 1922


ELSA UND IHREN KINDERN GEWIDMET



VORWORT

Vom Wunder des Lebens ein schweigendes Wort!


Das Heiligtum soll von Schweigen umgeben sein. Wenn aber Dichtung redet, so geschieht es in der Sprache des Schweigens.

Dies Büchlein will eine Dichtung sein, und mit lichtgelöstem Wort die Seele auf eine Linie führen, die etwas höher ist als die, auf der den meisten Menschen die Wirklich­keit sich abspielt; wo die Wahrheit klarer hervorscheint. Und so wagt es, in das Menschenland zu treten und um das Recht zu bitten, jungen Seelen eine Einweihung sein zu dürfen in das große Mysterium des Werdens.

Wer aber unter euch, ihr Eltern und Erzieher, ihm zu diesem Recht verhelfen will, – sei es, daß er es seinem Kinde, wenn die Zeit gekommen, still hinlege, mit einer Blüte darauf, oder daß er es in geweihter Stunde mit ihm lese, – den bittet es noch um dieses: Tu an direkten Worten möglichst nichts hinzu! Es könnte sich durch die Verschiedenartigkeit der Sphären eine Reibung ergeben. Eines tu dazu: Feierstimmung! So wird das Geheimnis recht empfangen werden von der jungen Seele, in freudig-ehrfürchtiger Scheu.

Das Büchlein ist nicht nur für Kinder. Es ist für alle innerlich jungen Menschen, und die, die es wieder werden möchten. Denn der Quell der ewigen Urgeheimnisse, dem es abgelauscht ist, ist der Jungbrunnen der Menschheit.




DAS war ein Ostertag! Niemals, solange Heinz und Hilde lebten, niemals war ihnen etwas so Großes und Feierliches begegnet.

Es kam aber so.

Oft schon beim Spaziergänge, wenn sie die wunderlichen Ballen durchsichtiger, glänzender Körner sahen im Frühjahr am Rande der Teiche, und wußten, die Sonne brütete daraus hurtige, kleine, geschwänzte Wesen, die eigentlich Fröschlein sind; oder wenn sie gar, atemlos vor Freude und Vorsicht, auf den Fußspitzen stehend, in ein Vogelnest blickten und junge, nackte Vögel darin erschauten, – hatte die Mutter ihnen erzählt, daß es etwas ganz Wunderbares sei um das Werden lebendiger Wesen. Ihr liebes Gesicht sah dann leuchtend und innig aus, glücklich und feierlich, so daß der kleine Heinz sich wohl an sie schmiegte, weil es ihm zu eng ums Herz wurde. Wenn dann aber Hilde eifrig und vergnügt sagte: Ja, und die kleinen Kinder bringt der Storch! dann hatte die Mutter ganz eigen und zärtlich gelächelt, und es war dem Heinz schon der Ge­danke gekommen: Wer weiß, vielleicht ist es gar nicht so? vielleicht viel, viel schöner? – Sie sagt: »Wunderbar«. – Es kann ja sein, daß ein Engel die kleinen Kinder bringt, und die Mutter sieht ihn? Aber wenn er sie dringlich fragend ansah, strich sie nur zärtlich über seinen blonden Kopf.

Eines Tages war Hilde ganz aufgeregt zur Mutter gekommen: Der Harry Werner, Mutter, der sagt: Das ist gar nicht wahr, daß der Storch die Kinder bringt! und stand empört mit glänzenden Augen und wartete auf der Mutter Zorn, bereit es dem Harry gleich wieder zu sagen, wenn sie etwa schelten würde: So ein dummer Junge! Aber die Mutter hatte wieder jenes stille, liebevolle Lächeln, und Hilde mußte erleben, daß sie sagte: Mein Töchterchen, es ist ja auch nicht wahr! die Großen sagen es nur, weil die kleinen Kinder das Wirkliche noch nicht verstehen.

Ach! sagte da Hilde tief vorwurfsvoll. Aber der Heinz war ganz erschrocken vor Freude und bat flehentlich: Nun sag's doch! nun sag's doch! wie es wirklich ist! Aber die Mutter lächelte: Mein Kind! viel, viel schöner ist es ja. Aber es ist so tief und geheimnisvoll. Ganz genau verstehen es auch die großen Leute nicht, Aber hört, so gut ich es weiß, will ich es euch alles einst sagen. Nur wartet! Ihr seid noch gar zu klein. Und dann sagte sie noch, und zog beide Kinder liebevoll an sich: Hört! es ist ein Geheimnis, das der liebe Gott selber immer in seiner Hand hält. Das gibt es nicht, daß man davon so einfach hinreden darf. Nur manchmal tut er seine Hand auf, und dann darf eine Mutter es ihren Kindern sagen. Das ist dann etwas Großes! Wartet nur: Es wird schon der Tag kommen! Und dann hatten sie scheu angefangen, die Mutter zu streicheln. Und es wäre gar nicht nötig gewesen, daß sie noch ernstlich sagte: Das versteht ihr doch nun, daß ihr es nicht etwa von jemand anderem hören dürft? Wenn eins von den Kindern anfangen will, dann lauft ihr gleich weg und kommt zu mir. Denn dies soll ein Fest sein für euch und mich. Das hat der liebe Gott uns zugedacht.

Da hatten die Kinder sich staunend angesehen, und waren auf Zehenspitzen davongegangen. Ein Jahr später hatte Mariechen Werner, die kleine Freundin, ein Brüderchen bekommen. Und Mariechen sagte, sie hätte den Storch gesehen, wie er übers Haus flog. Der Harry aber, ihr Bruder, fing an, ganz furchtbar zu lachen, und Hilde und Heinz sagten auch: Du, das hat gar nicht der Storch gebracht. So sagt man bloß zu den ganz kleinen Kindern, weil sie das Wirk­liche noch nicht verstehen. Und der Heinz setzte geheimnisvoll hinzu: Das Wirkliche, das ist viel schöner, und ganz wunderbar! Da lachte der Harry noch viel mehr, so daß der Heinz ganz wütend wurde und mit Armen und Beinen um sich schlug, was er eigentlich gar niemals sollte. Und Hilde war gleich wieder zur Mutter ge­laufen und hatte atemlos gerufen: Der Harry weiß, wie das kleine Kind zur Welt gekommen ist, und lacht darüber! Ich kann dir gar nicht sagen, wie er lacht – und über dem Heinz ist der Bock.

Da wurde die Mutter rot vor Zorn und sagte: Ruf sie mir beide her, den Harry und den Heinz. Und fuhr den Harry an: Du weißt, wie dein Brüderchen gekommen ist, und lachst darüber? Das ist eine große Sünde! Das ist gerade so, als wenn du über Gott lachst! Da wurde der Harry ganz blaß und stand noch ein Weilchen, kehrte dann um und rannte davon. Der Heinz aber seufzte erleichtert auf, und die Mutter zog ihn an sich, sah ihm in die Augen und strich ihm beruhigend über den Kopf. Aber nach einer Weile seufzte er wieder, tief und kummervoll, und sagte: Wenn doch der liebe Gott endlich, endlich seine Hand auftun möchte!

Und die Mutter sagte schnell: Übermorgen! am Ostertag! ich glaube sicherlich, da wird er es tun. Ach waren die Kinder froh!

Und nun war der Ostertag da. Und die Sonne schien vom Himmel, gar nicht zu sagen wie warm und hell. Und der Vater sagte: Wir wollen alle spazieren gehen. Da gingen sie über die frühlingshelle Wiese hinauf zum Walde. Und sie kamen an einem Teich vorbei; da schwamm richtig schon der lustige Froschlaich, und die Kinder wollten gerade anfangen, ein wenig mit dem Stock im Wasser zu paddeln, – da läuteten die Glocken! Und die Mutter rief sie. Sie stand am Waldrande, und es lag da ein Baumstamm, schön sauber geschält und trocken, das war ein herrlicher Sitz. Die Mutter aber sah bewegt und andächtig aus, und der Heinz spürte gleich: Jetzt! und bedeutete das Schwesterchen mit einem erregten Rippenstoß.

Und der Vater küßte die Mutter, und sie sah ihn mit Tränen an, aber nicht traurig: den Kindern wurde so wohl dabei! Ach, nun hatte der liebe Gott seine Hand aufgetan! Und die Mutter fing an. Ihr wißt nun schon, Kinder, wie Fischlein und Fröschlein in die Welt kommen. Da hat die Mutter kleine runde Eier gelegt und ist dann fortgeschwommen, weit in die Welt, und wohl gar gestorben, und dann ist die liebe Frühlingssonne gekommen und hat mit ihren Strahlen die Eier gewärmt, und ist eine so wunderbare, lebendige Sonne, daß sie aus kleinen armen Körnern zappelnde Fischlein machen kann. Aber seht! je höher und edler die Erdenkinder sind, desto mehr haben sie von der mütterlichen Sonne schon ganz in ihr eigen Wesen hinein genommen. Die Vogelmutter, wenn sie die Eier gelegt hat, fliegt nicht weg und vergißt die Kinder nicht. Mit ihres eigenen Leibes liebender Wärme bedeckt sie die Eier im Nest und sitzt ganz still, Woche für Woche, bis das Leben sich regt. Und wenn dem jungen Vogel in der harten, schützenden Schale anfangen, träumende Gefühle zu erwachen: Das erste, was er spürt, ist diese mütterliche Liebe und Wärme. Aber die Kätzchen und treuen Hunde, und hier im Walde die Rehe und Hasen, die haben etwas viel Wunderbareres. Da ist das Verhältnis von Mutter und Kindern viel inniger. Ihr wißt es ja! Diese klugen, vierfüßigen Tiere, die legen ihre Eier nicht so einfach in die Welt und setzen sich dann erst drauf und brüten sie aus. Sie behalten die Eier, aus denen die Jungen werden, lieber noch ganz in sich; da können sie ihnen nicht nur Wärme, sondern auch sonst ihre kostbaren Säfte und Kräfte immer zur Nahrung geben. Ihre Organe sind viel edler. Organe, Kinder, sind lebendige Teile, die etwas besonderes können, Augen können sehen; Ohren können hören. Innen im Leibe haben sie ganz besonders fühlende und schaffende Organe, die bilden die Jungen aus. Und das erste, was das Junge spürt, ist das wundersame Kreisen und Regen des Lebens in dieser warmen, fühlenden, schaffenden, mütterlichen Welt, die sie umgibt. Ist das wohl lieblich, Kinder?

Mit fünf Geschwisterchen sitzt so ein Häslein im Mutterleibe, läßt sich's wohl sein und meint, es bliebe immer da. Aber es kommt ein Tag, da fangen die Geschwister an zu strampeln; und ehe es sich's versieht, strampelt es auch. Und durch die mütterliche Welt gehen Erschütterungen: als wollte sie sie alle herauswerfen. Und das Junge auch drängt und drängt und weiß nicht wohin, weiß nur: Es muß und soll, und ängstigt sich sehr, und auf einmal ist es draußen: durch die kleine Öffnung, die das mütterliche Tier unten am Leibe bat, bat es sich herausgedrängt ans Tageslicht, – und alles ist auf einmal weit und hell und kalt. Aber die gute Häsin beleckt es zärtlich und gibt ihm auch von der Milch zu trinken, die sie, ebenso wie die Kuh und Ziege und Hündin, für die Jungen in sich bereitet hat, und allmählich gewöhnt es sich an die Welt, springt herum darin und ist froh.

Ist das wohl schön, Kinder? Wie Mutter und Kind sich da so innig haben? »Innig«, seht, das liebe Wort bedeutet es schon: ganz in sich hat sie es.

Ja, das ist schön, sagten die Kinder und ihre Augen leuchteten.

Und nun weiter, drängten sie. Und nun vom Menschenkind.

Seht, sagte die Mutter, unter allen Erdenkindern ist nichts so wunderbar wie ein Mensch; denn er ahnt die Ewigkeit in seinem Herzen. Und Menschenmütter haben viel zur Sonne geschaut und sie gebeten um Leuchten und Liebe; und viel von Sonnenart ging in die menschliche Natur hinein. Was meint ihr wohl, wie wird es zwischen Menschenmutter und Kindlein sein?

Ich weiß, sagte Heinz, und das Herz klopfte ihm laut, und dicht an die Mutter gedrängt, flüsterte er, aber vor Eifer so, daß es alle hörten: Die bringt ein Engel und du hast ihn gesehen!

Die Mutter sah ihn überrascht an. Und lächelte ihrem Gatten zu: Der kleine Träumer wird schon Engel sehn im Leben –

Und sagte: Mein liebes Kind, es ist wirklich etwas ganz Wunderbares und himmlisch Leuch­tendes immer mit dabei. So voll von Engels­glanz und einem Weben unbegreiflich zarter Erscheinungen ist einer Mutter das Leben, daß ich es euch Kindern gar nicht ausdrücken kann; man kann es überhaupt nicht mit Worten ausdrücken. – Aber es ist nicht so, mein liebes Kind, daß ein Engel ihr ein fertiges Kindlein brächte. Sieh, da käme ja die Menschenmutter zu kurz gegenüber den andern Erdenmüttern! Nein, sie will ihr Kind auch innig haben und es nähren mit ihrem eigensten Leben. Und auch das Kindlein käme zu kurz. Aus dem Himmel auf die Erde gleich so fertig zu kommen, das wäre gar nicht das Schönste. Es will auch getragen und gewärmt und genährt werden so ganz innig von mütterlicher Liebe.

Ach, ein Engel bringt der Menschenmutter lichtes Schauen und zarte, klare, ewige Gefühle, die trinkt sie in sich und nährt das Kindlein damit, so wird es einst ein froher und guter Mensch.

Seht, nur darin ist es bei der Menschenmutter anders als bei den Tieren: Viel, viel inniger ist es noch, viel lebendiger und tiefer und feier­licher. Der Mutter zarte, fühlende Organe sind viel kunstvoller ausgebildet, und viel länger darf das Kindlein träumen und sich freuen in dem warmen Mutterwesen, und es hat viel mehr Arbeit zu leisten.

Mutterchen! Ach! waren wir denn in dir drin? schrie Hilde ganz laut vor Staunen und Freude.

Ach! sagte der Heinz und brauchte eine lange Pause. Und schmiegte sich an: Ach – Mutterchen –!

Und eine Weile konnte die junge Mutter nicht weitersprechen, weil süße Tränen es hinderten. Innig! flüsterte sie nur, innig! und hielt ihre Kinder umschlungen. Und die Sonne schien, und im Baum sang ein Vogel, und von fern her, aus dem Nachbardorf, kam wieder einer Osterglocke Schall gezogen.

Weiter! sagte Hilde.

Die Mutter sann. Dann nickte sie. Erst ist das Kindlein klein, wie ein Samenkorn nur, wie ihr es habt in die Erde streuen sehen. So wohl ist dem Samenkorn in der Erde! Es zieht die guten, nährenden Säfte und dehnt sich, und die schaffenden Erdkräfte bauen an ihm und bilden es aus. Viel wohler noch ist dem kostbaren Samen in dem zarten, fühlenden Menschenleibe, dem werdenden Kinde! Süß ruht es; und saugt und saugt die nährenden Säfte, die sind ihm ach so gern bereit! und wächst und wächst und bildet Gliederchen aus. Es weiß gar nicht, was es werden will. Einmal sieht es aus, als wollte es ein Fisch werden. Später denkt es: Ei, ich werde ein Kätzchen, und spinnt vor Freude. Wieder später hat es einen kleinen Schwanz und ist ganz haarig wie ein Äffchen und denkt: nun ist's geschafft. Aber der lustige Schwanz verschwindet, und die Haare verschwinden, und es fängt das Eigentliche erst an! In all den Gliederchen und zarten Organen regt sich nun erst edelste Bildnerkraft und will es alles viel feiner und kunstvoller machen, denn es soll ja ein Mensch werden! ein Mensch, der das Ewige in sich tragen kann. Das kostet viel Mühe und Arbeit.

Es weiß noch nichts vom Erdendasein. Von der weiten, wehenden Luft, die es einst durch Lungen und Nase atmen wird, weiß es noch nichts, und bildet doch Nase und Lungen aus. Und es bildet das Auge aus, und das Ohr; und weiß doch nichts von der leuchtenden Sonne und von dem Tönereichtum der Erde. Nur manchmal, – vielleicht wenn die Mutter zur Sonne und den leuchtenden Farben schaut oder der Musik andächtig lauscht – dann geht es von Ahnung und großer Freude durch das kleine, fühlende Wesen und von Schmerz und Sehnsucht, es weiß nicht wonach.

Und dann kommt eine Zeit, da hat es nicht mehr Ruhe in der warmen Enge. Es regt und bewegt sich viel und möchte Spielraum haben, und wird ganz ungestüm. Es weiß nicht, was werden wird. Es kommt ihm ein Schmerz, als müßte es seine traute Welt verlassen und hat doch einen Drang nach Freiheit und Weite. Und die Mutter weiß dann schon: Nun ist die Zeit erfüllt, daß mein Kindlein zur Welt geboren werden soll.

Und dann wird es Ereignis: Nicht der Wille der Mutter macht es, und nicht des Kindleins Wille; starke, heilige Kräfte kommen aus dem geheim­nisvollen Weltenwesen, das unser aller Mutter ist und uns alle noch in sich trägt, das will, daß ein Mensch ans Licht gelangen soll. Da geht es durch den fühlenden Leib der Mutter wie Erdbeben. Das Kindlein denkt, es stirbt! Aber die Mutter hat in ihren heißen Schmerzen immer die große Freude: Nun wird mein Kind geboren! Und das Kindlein ringt und kämpft, und die starken heiligen Kräfte helfen ihm, und endlich ist es da. Ob, das ist ein Glück! – Mit einem Schrei kommt das Kindlein in die Welt.

Warum? fragte Hilde atemlos.

Weil es so kalt und weit und hell ist draußen. Aber Mutter hatte schon lange vorher eine Wiege da und warme, weiche Betten; und lange vorher haben jene starken heiligen Kräfte schon dem Kindlein in der weichen Brust der Mutter jene wundersüße zarte Milch bereitet, die darf es trinken und denkt dann, es sei fast noch zu Hause, nicht ausgestoßen in eine kalte Welt; warm daheim am Mutterherzen. So hilflos ist das kleine Wesen. Aber sonnige Muttergüte läßt Gott ihm scheinen, die hütet und wacht und pflegt und sorgt. Ein Menschenkindlein braucht viel mehr Pflege und Wartung als die andren kleinen Erdenwesen, darum ist so viel Innigkeit zwischen ihm und der Mutter. Auch Führung und Weisung und erziehende Geduld braucht es dann noch manches liebe Jahr. Und es blickt die Mutter viel auf zu Gott und bittet um Weisheit, daß sie dem Kinde rechte Nahrung geben möge für Leib und Seele, bis dann das junge Wesen selber anfängt zu unterscheiden, und zu wissen, worauf es an­kommt, und sich selbst zu erziehen, damit es das Ewige in sich fassen kann. – So, Kinder, wird ein Mensch.

Der Vater nahm leise die Hand seiner Frau und küßte sie ehrfürchtig und hielt sie dann noch lange in der seinen. Ich hatte, während du sprachst, sagte er, die ganze Zeit das Gefühl, stark wie noch nie zuvor: Daß unser jetziges Erdendasein viel­leicht auch nichts andres ist, als ein träumendes Werden in einem höheren Mutterwesen!

Die Mutter nickte: Und daher die unverstandene Sehnsucht und die bangen süßen Ahnungen – und immer im tiefsten Grunde die goldene Gegenwart einer unendlichen Güte.

Die Kinder hörten aufmerksam zu. Sie verstanden es nicht. Aber ein Schauer ging ihnen durchs Herz.

Das kannten sie gut, daß die Eltern zueinander Dinge sagten, die waren wie Musik. Man verstand sie nicht. Aber einem war feierlich und froh dabei zumut.

Heinz saß noch lange in sich versunken. Hilde aber fing an mit fröhlichen Fragen, und schließlich rief sie: Und einmal werde ich auch eine Mutter wie du.

In des Knaben großen grauen Augen war ein staunender Kummer. Du bekommst Kinder, Hilde, sagte er. Und setzte nach einer kleinen Weile mit einem Seufzer hinzu: Ich werde ja keine Kinder bekommen. Hilde sah ihn erschrocken an, und fast mit einem Vorwurf zur Mutter hinüber. Noch hatten sie in ihrem jungen Leben alles geteilt. Nun stand da etwas Ungeheures!

Aber die Mutter zog ihren Knaben an sich und sagte innig trottend: Bist du nicht auch Vaters kleiner Junge? Sieh, Vater hat doch Kinder? Vater und Mutter sind gar nicht so zweierlei wie ihr jetzt denkt. – Aber davon kann ich euch noch nicht erzählen, dazu seid ihr noch zu klein. Gott wird noch einmal seine Hand auftun und euch segnen mit einem feierlichen Geheimnis. Der Vater aber war aufgestanden und hatte seine Hand auf des Knaben Scheitel gelegt. Warte nur, warte! Es ist in der Welt alles viel tiefer und schöner, als so kleine Jungen es sich denken können.




UND die Jahre vergingen. Heinz und Hilde sollten in diesem Jahre konfirmiert werden. Ihre Herzen waren offen, und sehnsüchtig nach dem Großen und Schönen und Ewigen. Die Mutter aber achtete auf die leisen Veränderungen in ihrer lieblichen Erscheinung, die ihr deuteten, daß nun ihrer Leiber edle Knospen zu schöner Menschenblüte sich entfalteten.

Und sie sollten nun wissen, was die zarten Or­gane, die anfingen, mit ungekanntem Leben sie zu bedrängen, bedeuteten im Menschenleben. Von dem tiefsten Mysterium des Erdendaseins sollten sie nun erfahren.

Jeder sollte es einzeln erfahren.

Ihre Naturen waren verschieden. Hilde sah mit hellen Augen in das buntfarbige Leben, unterschied was sie sah, und stellte kluge Fragen.

Heinz aber war ein Träumer geworden, der, tief eingezogen in ein dämmerklares Innen­leben, Worte nicht fand für all die Fragen, die schmerzlich und süß ihm im Herzen sangen.

Und Hilde hatte längst bei den Beobachtungen des Lebens draußen oder bei den Handreichungen daheim in der Küche die interessantesten Entdeckungen gemacht und die Mutter gefragt. Sie wußte, daß der weiße, körnige Rogen der Fische aus Eiern besteht, die im Leibe der Mutter noch geharrt hatten; daß die weiche Milch, die sie in andern Fischen fand, eine zarte Samenmasse ist, und sie erfuhr, daß jene Eier sich hätten mit dieser Samen­kraft verbinden müssen, damit junge Fische daraus hätten werden können im sonnigen Meer. Und sie erfuhr, daß nicht alle Eier, die die Hühner legten, junge Küchlein würden hervorbringen können, sondern nur die, die den wunderlichen, durchsichtigen Keimfaden zeigten, wenn man sie aufschlug, denn das waren befruchtete Eier. Das erstaunte sie sehr. Aber die Mutter sagte: Du weißt es ja auch von den Blüten der Blumen und Bäume, mein Kind, daß sie Früchte nur tragen, wenn der leben­zeugende Staub der einen Blüte mit dem lebenzeugenden Schoß der andern, dem Frucht­knoten, sich verbindet. Schmetterling und Biene tragen den befruchtenden Staub von Blüte zu Blüte, oder es gibt ihn die Pflanze dem ringen­den Wind auf die goldenen Flügel. Bei den höheren Erdenkindern aber, die sich vom Orte lösen und herumlaufen können und ein stärkeres Gefühl von sich selbst tragen, wird es keinem fremden Dritten und keinem Zufall überlassen. Da fährt zur rechten Zeit in die zeugungsreifen Wesen eine Sehnsucht und ein bang-süßer Drang, und das weibliche harrt, und das männliche sucht es, und findet es Gewährung, so senkt es selbst, in inniger Berührung und wundersam erhöhtem Lebensgefühl, den seligen Samen in den sehnsuchtsvollen Schoß.

Hilde lauschte mit großen, staunenden Augen. Alle höheren Erdenkinder?

Ja, Kind. Wo ein neues Lebendiges werden soll, auf Erden, da müssen immer zwei Wesen ihre lebenschaffende Kraft miteinander vereint haben. – Auch beim Menschen? fragte Hilde leise und scheu. Und hatte gleich erkennend gesagt: Ach, Vater und Mutter –! Und in ihren Augen war ein dunkles Leuchten erglommen, und sie war zur Mutter hingekniet und hatte den Kopf in ihren Schoß gelegt, und hatte gesagt: Ach Gott –! Vater und Mutter!

Und sie hatte lange gekniet, hingegeben einem wundersamen Raunen des Lebens, das nun mit goldenen Geheimnisaugen sie anblickte; und immer fühlte sie der Mutter segnende Hand auf ihrem Haupte. Und dann hatte die Mutter in weihevollen, zarten Worten ihr erzählt von der goldenen Lebens­macht zeugender Frühlingsgefühle, die durch die Welt geht und die Erdenkinder zueinander zwingt, und die die Menschen Liebe nennen, nach einem edlen Ziel! Und sie sagte: Je höher die Wesen, je lichtvoller die Menschen sind, desto gewisser ergreift dies Erlebnis ihr ganzes höchstes und tiefstes Wesen und verbindet sie miteinander in ihrem gottgeborenen Grunde, und will sie verschmelzen ganz, und leuchtet weit über den Moment hinaus, das ganze Leben zu verklären mit Wunderglanz. Denn, mein Kind, was da erlebt wird im Augenblick der innigsten Berührung, das ist nicht von dieser Zeit und nicht von dieser Erde –

Und die Mutter schwieg, und überließ das heilige Geheimnis sich selbst in ihres Kindes Herzen.

Und sagte nur noch: Das fühlst du nun, mein Kind: In einer Welt, in der es solche Geheimnisse gibt, da gehört es sich, daß ein Mensch sich bestrebt, so zart und ehrfurchtsvoll zu sein, wie er nur kann.

Und Hilde nickte, mit fest gefalteten Händen, und mit einem heiligen, zusammengefaßten Willen im Blick.

Und es begann eine wundersame Freundschaft zwischen Mutter und Tochter. Sie sprachen über das Geheimnis nicht mehr. Aber oft in der Dämmerstunde schmiegte sich Hilde auf ein Sesselchen zu der Mutter Füßen und erzählte ihr vom Tage, – oder es war ein lebendiges Schweigen voll Einverständnis und Innigkeit zwischen ihnen, wie das lebhafte Kind es früher nicht gekannt.

Da sagte die Mutter ihrer Tochter noch manches gute Wort; hohe Ziele suchte sie, ihren Willen empor zu ranken, und Worte der Weihe, das Bewußtsein der Jungfräulichkeit ihr zu adeln. Du sollst, mein Kind, die hohe Schönheit davon empfinden, daß im Aufwärtssteigen der Erdewesen, wie die zarten Organe der Liebesver­einigung immer reicher sich gliederten und kunstvoller bildeten, so auch das Feiergefühl immer leuchtender, edler und geistiger wurde. Tausend und tausend Geschlechter haben mit ihrem Fühlen und Feiern geholfen, diese Glorie von Verklärung zu schaffen, deren heute ein liebendes Menschenwesen fähig ist. Aber die Erde, unsere Mutter ist ein ganz junger Stern! Neue, immer höhere Möglichkeiten liegen vor uns. Immer lichtvoller muß das Menschliche werden, immer zarter und tiefer, immer ewig­keitsklarer das Liebeserlebnis. Auch dir, mein Kind, ist das in die Hand gegeben. Priesterlich sollst du dessen walten.

Und als sie sie einst beobachtete bei unbefangen wildem Spiel, bei dem sie sich wie ein Junge gab, und ein andermal, wie sie Neckereien voll unbewußter Koketterie trieb mit Freunden, sprach sie zu ihr in der trauten Stunde: Gib acht, meine Hilde! mein jungfräuliches Kind! Du kamst in die Jahre, wo dein Leib wie eine frische, junge Blüte ist, durch die der Mutter, der Erde, Lebenswille werbend hindurch geht. Und sie geht auch durch die jungen, erblühen­den Leiber deiner Spielgefährten und Freunde. Sie fangen nun an, mit stiller Sehnsucht in die Welt zu blicken, und ein junges Mädchen um­kleidet sich ihnen mit einem goldenen Schein. Da ist ein süßes, unbewußtes Leben überall, wie über einem Blumenbeet. Du aber, mein Kind, sollst wissen, daß des Menschen Liebe etwas anderes ist, als der Blüten, die lächelnd aus aller Welt mit jedem duftenden Frühlingshauch Liebesgrüße entgegennehmen. Du sollst dich bewahren. Soll die Liebe einst als mächtige Offenbarerin in dein Leben treten, so darfst du vorher nicht mit ihr spielen.

Du wirst nun auch verstehen, Hilde, was es bedeutet, wenn man von einem jungen Mädchen sich wünscht sittiges Benehmen und edle Zucht in Worten, in Bewegungen – und daß das alles, mein geliebtes Kind, nur die selbstverständliche Äußerung einer inneren Keusch­heit ist, die mit Scheu und Ehrfurcht von dem großen Mysterium weiß.

Und du wirst auch von Büchern nie lesen, was frech und ehrfurchtslos ist. Du wirst nicht hinein lassen mögen in dein Herz, was unsaubere Luft mit sich bringt und mit schwülem Locken dir naht, und was dich aus dem reinen Rhythmus reißen will, dem herben, klaren, in dem deiner Seele wohl ist. Davor verschließest du dich, komme es von Menschen, von Büchern oder von Kunstwerken.

Das wird sich dir alles von selbst erklären; laß dich von dem Geheimnis, Hilde, über das alles belehren. Dieselbe Natur, die den Rosen die süßen Linien und Farben und Düfte gibt, die gibt einer reinen Menschenblüte die Luft zu edler, innerer Zucht.

– Der Heinz aber, machte er keine Ent­deckungen und ahnte er nichts? Wohl war sein Herz voll mancher Sehnsucht und Sorge. Und der Mutter hütender Blick gab heimlich Acht.

Es war am Vorabend des Pfingstfestes. Es blühte und sang in den Zweigen. Wie ein zartes Gewebe aus Gold war die Frühlingsluft, und die weißen, glänzenden Wolken segelten dahin wie leuchtende Schiffe, die aus einem verborgenen Wunderlande kamen. Heinz stand am Staketenzaun und sah weit hinaus. Neben ihm am Gartenbeet kniete Hilde in frohem Eifer, Edelpflanzen, die der Wind gezaust, mit schützenden Erdhäuflein zu befestigen.

Auf einmal seufzte der Heinz: ich wünschte, wir wüßten es alles. Was? fragte Hilde überrascht. Nun, – vom Leben, und vom lieben Gott – und alles. Wir Menschen wissen gar nicht viel.

Ach! sagte Hilde erstaunt. Es steht doch aber alles in den Büchern. Du kennst sie nur nicht alle. Du liest ja schon soviel. Du wirft ja studieren.

Heinz überlegte. Es steht ja viel darin. Und nach einer Pause: Es müßte doch in der Bibel stehen. Vielleicht fand ich es nur noch nicht. Dann seufzte er wieder: Ich dachte immer, es wird in der Konfirmandenstunde kommen.

Du, sind dir etwa die Konfirmandenstunden nicht schön genug? fragte Hilde empört. Sie schwärmte für den Herrn Pfarrer.

Schön? Ja! sagte Heinz kleinlaut. Aber immer denkt man: Nun kommt es, und dann kommt es doch nicht.

In der Laube aber saß die Mutter. Als die das hörte, ließ sie die Handarbeit ruhen. Ihr klopfte das Herz. Es war, als ob des Lebens goldener Grund sich auftäte und sie anblickte und spräche: Heute!

Sie stand auf und ging zu ihrem Gatten. Der stand droben in seinem Atelier und arbeitete; er war ein Maler. Als sie herein kam, war er betroffen: Was ist, Geliebte, was erschreckt dich? Sie aber schüttelte den Kopf, kam und sah ihm in die Augen: Ich will jetzt mit unserem Knaben reden, ganz, ganz tief – er ist so sehnsuchtsvoll. Da strich er zart über ihr Haar und sagte: In Gottes Namen. Und deutete hinaus in das Leuchten: Sieh, der Heilige Geist weht durch die Welt!

Die Mutter ging und trug die jungen Maien herein, die sie schon für das Pfingstfest bereit hatte, und schmückte ihr Zimmer damit und rief ihren Sohn. Als der eintrat, und die Mutter sah, zwischen den Maien und Blumen am offenen Fenster, durch das der Frühling schien, rief er: Ach, Mutter, wie schön es bei dir ist!

Ich habe es für dich geschmückt, mein Sohn.

Für mich –?

Gott hat dir eine stille Feier zugedacht.

O! Mutter, du wirst mir erzählen, was es ist – mit der Liebe?

Haft du mit deinen Kameraden schon davon gesprochen, Heinz?

Gesprochen – ach du, nein! Aber ich habe sie gesehen, wie sie davon sich erzählen, oder daran denken, – dann wurde mir so bang, Mutter. Aber ich weiß, wenn du es sagen wirst, wird alles anders sein.

Weißt du, weshalb, mein Junge?

Nun ja, weil du du bist, Mutterchen, lächelte

Heinz.

Weil ich Ehrfurcht tue in meinen Blick, Kind.

– Ja! sagte Heinz erkennend. Und dachte: Das will ich auch immer tun.

Ich habe vorhin, sagte die Mutter, gehört, was du zu deiner Schwester sprachst am Gartenzaun. Heinz sah die Mutter verlegen an, und wußte nicht, ob er sich schämen müßte.

Sei nicht traurig, mein Sohn, daß nicht alles in den Büchern steht. Es steht wirklich nicht darin. Aber was du meinst, und wonach du dich sehnst, das steht in viel leuchtenderer Schrift im Leben überall geschrieben, – wenn sich nur erst allmählich deiner Seele Augen ausbilden werden.

Du weißt das alte, tiefe Wort: Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. – Viel Wunderbares bringt dir noch das Leben.

Gott will dich heute, mein Sohn, mit einem seiner Geheimnisse segnen. Dann wirft du ein wenig mehr verstehen vom Leben. Der Knabe kniete unwillkürlich nieder. Und die Mutter nahm seine gefalteten Hände in die ihren.

Mein liebes Kind, du hast jetzt oft Gefühle, die du früher nicht gekannt? Ein zartes Organ an deinem Leibe, das du früher kaum bemerkt, ist so sehr empfindend geworden, bringt Gefühle aus sich selbst hervor und drängt seine Gegen­wart dir auf?

Der Knabe nickte, bedrängt.

Du brauchst nicht zu erschrecken, mein Kind. Das ist richtig und in Ordnung so. Du bist ein Kind dieses schönen jungen, werdenden Erdensterns. Und alle seine höheren Wesen lernen dies kennen. Was du fühlst, mein Knabe, sind die ersten Regungen des Geschlechts in dir.

Der Knabe sah die Mutter staunend an. Dann legte er einen Augenblick seinen Kopf in ihren Schoß. Es kam ihm auf einmal, daß diese Mutter wirklich, wenn etwas drückend oder beängstigend war im Leben, sobald sie nur dazukam mit ihrer zarten, lichten, ehrfürchtigen Art, etwas Schönes und Frohes daraus machte.

Es war immer da gewesen, und er hatte sich darauf verlassen; nun überwältigte es ihn.

Dann hob er den Kopf wieder empor und wartete. Du weißt, daß sich durch dieses Organ Mann und Weib unterscheiden. Das aber wußtest du noch nicht, daß es ein wundersames und vor­nehmes Organ ist, das mit den tiefsten Lebensquellen dich verbindet.

Die Mutter beugte sich, so daß sie ihm in die Augen sah.

Ich rede dir, mein Sohn, von einem sehr heiligen Mysterium der Natur. Und wie die Völker, die der Natur nahe standen, immer ihr Götterheiligtum mit einem schützenden Hain umgaben, den kein Profaner betreten durfte, also will Natur, daß dies ihr Lebensheiligtum geschützt sei durch einen weiten, weiten Kreis von Schweigen und Geheimnis. Auch kein profaner Gedanke komme hindurch, kein frecher und ehrfurchtsloser.

Nur eine Mutter darf am heiligen Tage ihrem Kinde, daß sie unter dem Herzen getragen, von dem sprechen, was dort erlebt wird. Ein Weniges; in scheuen Worten.

Sieh, es trennte Gott die Geschlechter, damit sie einst in geheimnisvollem Finden, in innigster Berührung, in Schauern und Wundern und Wonne, die Lebensflamme aufleuchten sehen, die jenseits aller Trennung ist – und so wird Lebendiges gezeugt auf Erden.

Du weißt, nur weibliche Menschen können Kinder gebären; wenn aber einst das Weib, das du lieben wirst, und das Gott dir zur Gattin geben wird, ein Kind gebären soll, so wird es von dir, mein Liebling, befruchtet sein müssen.

Das aber bedeutet, daß deines Leibes zartes, empfindendes Organ, das jetzt anfängt, ein geheimnisvolles Leben mit seltsamen Gefühlen dir kund zu tun, in einem Augenblick unnenn­barer Lebenserhöhung deine kostbarste Wesenskraft als zeugenden Samen hinüber getragen haben wird in ihren liebenden Schoß.

Dann entweicht weit, weit in dumpfe, brausende Ferne alles Sichtbare und Begreifliche und Enge – all dies arme Irdische.

– Der Knabe sah die Mutter unverwandt an. Er wagte nicht, sich zu regen. Alles in ihm war Schweigen und tiefes Erschauern der Andacht, da nun ein solches Geheimnis einzog in sein Leben.

Im Rosengebüsch vor dem Fenster fing eine Nachtigall an zu singen. Sehnsüchtig klang ihr Lied.

Immer sehnt sich das Erdenkind, sagte leise die Mutter. All unser bestes Fühlen ist Sehnsucht. Denn in dieser bangen Enge von Zeit und Raum sind wir nicht daheim, und nicht daheim in diesen armen Begriffen, die das Ewige niemals greifen. O die ferne, selige Lebensfülle voll schwebender Freiheit, zu der Gott dem, der reinen Herzens ist, dann die Tür öffnet!

Das wundersame Entrücktsein, das dir die Kunst bereitet, oder das selbstvergessene Schauen der Natur; oder wenn sonst das Leben es dir bringt, daß du den Heinz ganz verlierst in dir und nur wie ein singender, reiner Ton bist in des Lebens gottgespieltem Lied: das ist dem tief verwandt! Dazu sollst du dich halten, mein Sohn, dahin dich flüchten, wenn die jungen Gefühle kommen und dich bedrängen. Denn noch mußt du lange warten, damit du fähig wirst zum tiefsten Erlebnis.

– Du kannst das alles noch nicht fassen. Du sollst nur ahnen, welche Tiefen das Leben birgt.

– Das Mysterium will in Dämmer gehüllt sein. Das Wesentliche davon will erlebt werden, ohne daß man es vorher gewußt. Auch kann man es nicht in Worte fassen. Es liegt im Ewigen, und Worte wohnen im Begrenzten.

Aber das sollst du ahnen, daß ein großer Unterschied ist zwischen dem, was die Menschen wissen, und dem, was ein heiliges Lebensgefühl kund tut dem der reines Herzens ist. Das bringt dir alles noch das Leben. Du wirst ja dein Herz rein halten. –

Immer starren die Schranken – und darüber hinaus drängt es das Ewigkeitswesen in uns. Strömen aber, in innigster Umarmung und seligstem Aneinanderschmiegen, die lebendigsten Innenkräfte des einen Wesens in das andere, und durchfühlen das andere, so werden beide hinaus gehoben ganz aus dem Einzelnen und Irdischen, und es leuchtet ihnen eine wunderbare Heimat auf. – Das heißt es, sieh, das bedeutet es, wenn der Heiland sagt: Man soll Gatten nicht scheiden, weil Gott sie zusammengefügt. – Mein Kind! Mein Knabe! Meine Freude! Sieh, so hat Gott einst Vater und Mutter zusammengefügt, daß sie ein einziges ewigkeit-feierndes Erdenwesen wurden, entrückt zu unnennbarer Seligkeit – damit du wurdest, mein Sohn!

Da schluchzte der Knabe auf. Aber er hielt an sich, und faltete fest die Hände und blickte die Mutter an und immer an, und sie blickten sich durch die Augen in die Seele, und sie lächelten! Wie doch der Junge noch nicht gewußt hatte, daß Menschen lächeln können in diesem wundersamen Leben; – in diesem tiefen, reichen, wundersamen Menschenleben!




UND also sprach zu seinem Sohn der Vater, da der Tag gekommen war, daß er hinaus, ziehen sollte in die Welt: Nun höre, mein Sohn, nun merk auf! Du gehst nun, das Menschenleben zu ent­decken. Du wirst nun der Zeit ins Antlitz schauen, du wirst, ob du es willst oder nicht, mitwirken am Geist der Zeit.

Du wirst die Welt anders finden, Heinz, als du ge­dacht. In deinem Elternhause hat eine reine klare Luft der Ehrfurcht und der Zucht dich umgeben. Kommst du hinaus, so wirst du oft erschrecken. Hörst du ums Haus die Stürme brausen? Erde ringt in Verwandlungsschauern. So ringt unsre Zeit zwischen einem Alten und Neuen. Verlässest du das schützende Haus, – mein Sohn, so mußt du lernen, dem Sturm zu stehn!

Du wirst das Heiligtum der Liebe geschändet sehen. Du wirst vielleicht zuerst kaum jemand finden, der deine Ehrfurcht und deinen Glauben versteht. Menschen, deren Wesen fähig und sehnsüchtig ist, das Ewige zu schauen, – du wirst sie sehen, wie sie, verwirrt von dem frechen Ruf der Ehrfurchtslosigkeit, unter dem Mysterium eine Vereinigung nur von Körpern verstehen: da sinken sie unter das Tier. Deine Kameraden werden es vielleicht für selbstverständlich halten, daß sie ein frohes Fest mit einer Schändung des Heiligtums beschließen.

Denn unsere Zeit, die neue Hilfslinien der Welterkenntnis zog, weiß nicht mehr, was sie mit dem Wort Seele bezeichnen soll, und darum meinen viele, es gebe keine Seele. Auch auf der Universität wird dir ja das ganze Dasein aus dem Sichtbaren und Irdischen gedeutet werden; denn die Wissenschaft, um ganz sicher zu gehen und exakt zu sein, hält sich an das Beweisbare. Viele aber verkennen, daß das nur die weise Beschränkung einer jungen tastenden Wissenschaft ist, daß aber aller Reichtum des Lebens jenseits jener Schranken liegt. Wenn du in die Zeit horchst, so wirst du eine Verhöhnung Gottes vernehmen – und ein dumpfes Trauern, daß Gott tot sei. Und eine gellende Anbetung des äußeren Erfolges wirst du sehen, und eine verzweifelnde, trübe, kranke Resignation, die sich nur auf das, was körper­lich ist, verläßt. Wie sie aber die Seele leugnen, entweihen sie die Körper. Ärzte empfehlen jungen Leuten den Gebrauch des Mysteriums als Mittel gegen Kopfschmerz. Die menschliche Gesellschaft, – durch das, was sie erlaubt und für notwendig hält, – stößt mit zugedrückten Augen junge, sehnsüchtige Menschen in das Laster. Natur aber schickt heilige Rächerinnen. Böse heimliche Krankheiten, furchtbar ansteckende, die den Keim des Lebens vergiften bis ins dritte und vierte Glied, lauern als grauenvolle Eumeniden am Heiligtum, ob sie durch Qualen die Menschheit zurück zu peitschen ver­mögen auf den Pfad von Reinheit und Glück. Das ist die Zeit, mein Sohn, in die ich dich hineingehen lassen muß. Du aber halte dich an das Ewige! Laß die Namen fallen; Namen verhüllen das Wesen. Suche du immer das Ewige und Echte! so wird sich dein Gott dir offenbaren. Disputiere nicht, ob der Mensch eine Seele hat; Worte sind Schall und Rauch. Aber deinem innersten Wesen, das sehnsüchtig ist nach dem Leuchtenden und Unendlichen, sei du treu!

Über dir stehe als leuchtendes Wahrzeichen, Weisung gebend und Kraft, eine Erinnerung und ein Ziel: der Ewigkeitsglanz der Liebesfeier, von der dir eine Ahnung aufgegangen ist einst in deiner Mutter Worten. Mein Kind, deine Mutter hat in diesem Hause ein lichtes Heiligtum erbaut. Wie selig wuchset ihr heran in seinem Bannkreis! Das aber sollst du wissen, mein Sohn: niemals mit aller ihrer Herzenskraft hätte sie das vermocht, wenn nicht der Gatte, mit dem sie das Mysterium erlebte, sich rein ge­halten hätte für sie. – Du denke der Geliebten, die Gott dich einst finden lassen wird. Die irgendwo schon mit träumenden Gefühlen unwissend nach dir sich sehnt. Halte dich rein für sie!

Richte deine Sehnsucht, mein Junge, so hoch wie du kannst. Scheint dir die Liebe zu kommen, wehre dich gegen sie. Die Kraft, die sie in dir erregt, versuche sie umzusetzen in andere ideale Kraft. Ist sie die eine Liebe, die echte, so wird sie allen Widerstand durchbrechen, und alle Erwartungen weit übertreffen und alle Sehnsucht.

Achte auf deinen Leib, mein Sohn. Pflege ihn, und halte ihn in Zucht! Daß er dir ein willfähriger Diener sei, nicht ein Tyrann, dessen Launen dich unterjochen. Sorge, daß du Kraft haben kannst, keusch zu sein. Ein Jüngling, der im Übermaß von Arbeit oder Genuß, bei falscher Ernährung und Überreizung der Nerven, oder im Mangel an gesunder Bewegung den inneren Rhythmus verliert, kann es oft nicht, Heinz, bei seinem ehrlichsten Willen!

Unterschätze nicht die Gedankenkräfte deiner Umgebung. Sie sind eine starke Macht. Halte dich zu denen, die Reinheit wollen. Du wirst mehr angefochten werden, als du heute ahnst.

Es haben in alter Zeit Väter ihre Söhne gegürtet mit dem Schwert, und Jünglinge zogen leuchtend hinaus, Heldenkämpfe zu suchen, und träumten vom Lindwurm und vom Drachen. Ein viel schlimmerer Wurm, als jemals dräute, schleicht heute im Finsteren und träufelt sein Gift. Mein Sohn, untere Zeit braucht Helden! Eine ungeheure Heldentat ist zu leisten. Ihr Jünglinge alle der kommenden Geschlechter miteinander müßt sie vollbringen. Du tu das Deine! Kämpfe um Reinheit! Kämpfe in dir! So kämpfst du für die Reinheit der Welt, in der du lebst.

Und nun geh, mein Sohn, in die Zeit! Es ist eine schreckliche und herrliche Zeit. Tod geht durch sie hindurch und junges Werden. Du greife nach dem Ewigen: so dienst du ihrem Werden.

Der Vater legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter; der fühlte es wie einen Ritterschlag. Und der stumme Blick, mit dem er ihm Antwort gab, und der feste Händedruck waren ein heili­ges Gelöbnis.

Dann aber streckte der Heinz seine Arme gen Himmel und rief: Ach, Vater, es ist eine Lust zu leben!