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Hermione von Preuschen – Meine Freundin

Novelle

aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, S. 143ff., neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.

Ich sehe sie noch vor mir, so wie ich sie zuerst sah – long ago in Karlsruhe, in der Stephanienstraße. Es war im Hochsommer, die Sonne schien grell. Sie beschirmte sich mit einem rosigen en tout cas. – Um den Hals trug sie ein breites schwarzes Sammetband. Sie war hübsch, hatte scharfgeschnittene Züge, aber in vollster Jugend, und ungroße, glänzende, ein wenig vorquellende Augen. Es lag etwas Aufgeregtes, Fanatisches darin. Sie war genau so alt, wie ich – noch keine achtzehn – sie entstammte einer alten, seit kurzem in Hamburg ansässigen Patrizierfamilie, auf die sie sehr stolz war – so eingebildet, wie ich auf die meine. Auch sie hatte sich mit Mühe frei gemacht, von Herkommen und Tradition und war nach Karlsruhe gekommen, als Schülerin von Hans Gude? Else Abenroth hieß sie und erzählte mit Vorliebe, daß ihre Familie zur Reformationszeit in die Abenroth und Abenschwarz sich geteilt.

Sie hatte den Kopf voller Pläne, Entwürfe und Begeisterung – genau wie ich – und sie hoffte damals noch, eines Tages die Welt zwingen, zu sich zwingen zu können, wie ich noch heutigen Tages in meiner nicht endenden Torheit es erhoffe.

Es waren eigentlich alle Faktoren dafür da, daß wir uns näher aneinander schließen mußten – unser Lebensweg führte uns, so wirr und bunt auch ein jeder, immer wieder zusammen. – Dennoch ist sie mir eine Fremde, ein Rätsel – heute mehr, denn je.

Ich habe sie nicht geliebt, niemals – und jetzt könnt' ich blutige Tränen weinen, daß ich ihr meine Seele nicht aufgeschlossen, sie an mein Herz gezogen, um sie zu retten – vor sich selber.

Aber ich nahm sie eben niemals ernst.

Damals also, mit dem schwarzen Sammetband, sie war wirklich hübsch, wie eine Rose, und sie trieb noch mit gebauschten Segeln in Illusionements, damals kam sie direkt vom Nordkap; ganz allein. Dort hatte sie sich einen jungen Adler gezähmt, wochenlang fuhr sie mit einer Gesellschaft von Malerinnen und jungen Männern zwischen den Scheren« umher.

Was sie damals erlebte, gab ihr vielleicht Richtung. Es wuchs alles in ihr ins Übertriebene. Und sie nahm alles so trüb und tief und schwer, wie den Himmel um das Nordkap. Wenn sie von der Mitternachtssonne sprach, leuchteten ihre Augen noch mehr wie gewöhnlich. Sie konnte das ruhige Studieren in Karlsruhe kaum ertragen. Aber sie schloß sich eng an all die norwegischen Schülerinnen ihres Meisters an. Bald sprach sie fließend norwegisch. – Wir sahen uns selten. Sie war mir zu aufgeregt und diskussionslustig. Außerdem waren unsere Meister sich nicht grün ich war Gude wegen Kalles »entlaufen« und schwelgte tief in Farbenphantasien. Mir war die Welt verwandelt, so groß und leuchtend und schimmernd, wie ein Pfauenrad – was sollt' ich mit Else Abenroth und ihren ewigen Nordlandsträumen! Hie und da sahen wir uns doch – bei Frau Professor Schrödter, der Blumen- und Arabeskenmalerin. Die geistvolle Frau ist nun lange tot; damals waren ihre Sonntagnachmittage im »Waldhaus« in ganz Karlsruhe gesucht. Else und ich trafen uns jedesmal dort; sie war mir aber stets zu aufgeregt. Sie fand jedenfalls das Gleiche von mir – wir waren schäumender Most, wir fühlten uns tausendfach unglücklich, aber wir lebten, mit tausend Fühlfäden zogen wir die Lebensluft, unsere Lebensluft ein. Und man fand uns hübsch, man machte uns die Kur – wir wurden instinktiv Rivalen. – Von Eisens Talent hielt ich nicht viel, ich weiß nicht warum, sie war so fleißig, wie ich, und ebensosehr bei der Sache.

Die »Reiselust« hat uns dann einmal, für einen Tag, eng verbunden. Ich wollte zum Weihnachtsfest zu meinen Eltern nach Darmstadt, sie zu Bekannten, einem Oberst a. D., nach Mannheim. Ich kannte die Mannheimer, sie die Darmstädter Gemäldegalerie nicht, so taten wir uns zusammen. Ich fuhr mit ihr nach Mannheim zu ihren Freunden, denen wir nur Unruhe ins Haus brachten, denn wir aßen halb im Stehen, stürzten dann ins Schloß und dann zur Bahn. Und in Darmstadt war es ebenso. Die Nacht kampierten wir zusammen in meinem Stübchen. Denk ich noch daran, erfaßt mich's wie ein Schwindel. Else sprach bis zum Morgen. Sie hatte kürzlich durch einen Zufall des alten Mesmer« »tierischen Magnetismus« in die Hände bekommen. Sie gestand mir, daß sie nun allnächtlich darüber sitze, und daß sie all das Neue fast verwirre. Wieder und wieder mußte sie mir davon berichten, es erfaßte mich mächtig. Endlich zog sie aus ihrem Plaidriemen das Buch selber und las mir ganze Stellen daraus vor. Mit fanatisch glühenden Augen, hochroten Wangen saß sie in ihrem Bett, neben dem tief niedergebrannten Licht. Ganz übernächtig reiste sie andern Tags weiter. Mesmer wirkte bei mir noch lange nach und nichts Gutes.

In Karlsruhe, während der folgenden drei Studienjahre, sah ich sie dann immer seltener, den ganzen Sommer über war sie stets auf Reisen, in Norwegen und Schweden.

Alle Maler amüsierten sich darüber und meinten, daß es klüger wäre, ruhig in Karlsruhe bei Gude weiter zu studieren, ehe man solch selbständige Sprünge mache, zu denen mehr die Lust nach Abenteuern, als nach strengem Studium einen verleite.

Manches Jahr lang sah ich sie dann nicht mehr, hörte nur hie und da durch einen alten Gönner und Freund von ihr, da sie dessen Nichte war. Dann erfuhr ich durch eine Bekannte, eine reiche, dilettierende, ältere Dame in Rom, daß Else, die nach München gezogen sei, ganz selbständig und allein natürlich zwei Sommer lang in Venedig und Chioggia gearbeitet habe, wahnsinnig fleißig, bei billiger und schlechter Kost, und sich dann endlich auch den Typhus geholt habe.

Sophie D., eine sehr tatkräftige Person, hatte sich dann ihrer angenommen. Sie schwebte wochenlang zwischen Tod und Leben, im Hotel am ponte di ferro von Venedig, wohin sie noch, mit größter Mühe, geschafft worden war, denn in Chioggia wäre sie dem sichern Tode preisgegeben. Ihr Vater kam, sie zu holen, aber es verging eine lange Zeit, bis sie wirklich für die weite Reise nach Hamburg transportfähig war. Als sie wieder nach München zurückkehrte, hatte sie volle sechs Monate Arbeitszeit verloren. Sophie D. hat Else nach der Krankheit nicht wiedersehen wollen; waren es all ihre Fiebererinnerungen? Sie war ihr unsympathisch, und sie sprach mir später stets nur mit einem Schauder von ihr.

Sophie D. aber erzählte mir damals in Rom, daß Else durch Wochen nur mit Aufbietung höchster physischer Gewalt im Bett gehalten werden konnte, daß ihr sehnlichster Wunsch gewesen sei, sich aus dem Fenster in den Kanal zu stürzen, daß sie selbst sich Tag und Nacht nicht Ruhe gegönnt habe, und, nach des Doktors wiederholtem Ausspruch, als Elses Lebensretterin zu betrachten sei.

Else richtete sich nun völlig in München ein, in einem Turmatelier der Schwanthalerstraße, mit eigenen, sehr primitiven Möbeln. Durch einen dunklen Zwischenraum gelangte man vom Atelier in ein enges Dachkämmerchen, darinnen sie ihr Bett aufschlagen ließ. – In diesen Räumen nun hat sich des Mädchens ganzes Leben abgespielt. Ich hatte mich verheiratet, und wir zogen, nach einem in Rom verlebten Jahr, ebenfalls nach München, in die Findlingstraße.

Eines Nachmittags, ich kramte gerade in alten Fetzen und Bildern – es war noch alles in der neuen Wohnung drunter und drüber – ward« mir Fräulein Abenroth gemeldet. So sah ich sie nach manchem Jahre wieder. Wir fanden uns beide etwas magerer geworden, wir hatten beide manches erlebt. Aber sie war so zutulich daß mich's rührte. Sie kam gerade abermals von Venedig und Chioggia, wo sie, trotz allem, mit einem befreundeten Marinemaler und dessen Frau Studien halber vier Monate gewesen war.

Wir beschlossen, uns öfter zu sehen. Und so ward Else Abenroth, durch sechs Winter und Frühlinge, meine tägliche Genossin.

Allabendlich zur Dämmerzeit kam sie, schaute, was ich tagsüber getan, kritisierte, manchmal ganz gut und ziemlich neidlos, herzte dann meine Kinder, die sie, als sie größer wurden und sprechen konnten, »Fräulein Butterbrot« nannten – und dann gingen wir spazieren – stundenlang. Im Winter zu Antiquaren, wir hatten die gleiche Passion und erstanden oft die schönsten Sachen zu den lächerlichsten Preisen. Oder wir machten sonstwie Kommissionen.

Im Frühling und Herbst machten wir größere Gänge; entweder aßen wir auf einem einsamen Bierkeller in Schwabing ein Käsebrot für zwanzig Pfennige, oder wir gingen auf einen ganzen Nachmittag in die Isarauen, nach Großhesselohe, Harlaching oder Menterschwaige.

Wir malten niemals hierbei. Und wir sprachen auch meist von Gleichgültigem, wenn mir Else nicht von meinen Kindern vorschwärmte, und wie glücklich ich dafür zu preisen sei, und wie gerne, wie brennend gerne sie auch eins haben möchte, wenn das nur mit Anstand für ein Mädchen ginge. Und dann erschöpfte sie sich in Andeutungen wegen irgend einer unglücklichen Liebe, die sie habe oder gehabt habe.

Jedesmal, wenn sie von ihrer Sommerreise zurückkehrte, waren's andersartige, geheimnisvolle Bemerkungen. »Ja, ich weiß nicht, was ich tun soll, in meinen furchtbaren Seelenkämpfen, sie sind nicht zu tragen, ich fühle mich so namenlos unglücklich, ich kann es nicht mehr aushalten. – Ich bin eben kein Sonntagskind,« wie Sie, liebe Frau von Preuschen. Ich sag's immer, Sie sind ein Schmetterling, der sein Leben genossen, voll genossen. Ja, wenn Sie so tief wären, wie ich! Ja, mein Leben könnten Sie nicht ertragen.« Das waren so, durch sechs volle Jahre, die stehenden Redensarten. Und »Sie sind glücklich, Sie sind zu beneiden, Sie sind ja freilich auch nicht so tief, wie ich!« Immer wieder. – Oft ward ich wütend, öfter aber hatt' ich nur ein Achselzucken, nur ein Lächeln dafür. Es war so furchtbar komisch. Neben Fräulein Abenroth vollzog sich, langsam, doch unerbittlich, das Geheimnis einer sich zum Unglück, zur Verzweiflung, zum Martyrium ausreifenden Ehe.

Ich ward körperlich schwächer und nervöser unter der heimlichen seelischen und materiellen Not. Und da war jemand, der mich täglich glücklich pries, um mein verlorenes Leben beneidete! Noch heut' ist's mir unfaßlich, wie das alles geschehen konnte. Und das war, sozusagen, meine beste Freundin jetzt – und fremder und fremder wanderten wir nebeneinander in unsrer Herzensnot. Und wußten weniger voneinander, als hätten wir uns nie im Leben geschaut. – Immer trostloser ward's um mich, dann kam der lärmende Erfolg des Mors Imperator – während eines Sommers, indem wir beide auf Reisen waren. Wir schrieben uns stets Postkarten, voller Inhaltlosigkeit.

Als wir uns wiedersahen, schien mir Else ziemlich neidisch, sie sagte mir, es mache sie krank, noch ein Wort über das Bild zu hören.

Mein Mann machte sich nichts aus »meiner Freundin.« Während der sechs Jahre war die Ärmste einmal zum Abendessen bei uns geladen, hatte dann allerdings beim Wein eine derartig gelöste Zunge, daß mein Mann, nach ihrem Abgang um Mitternacht, erklärte, das sei unerträglich und das letzte Mal gewesen. Er hielt Wort. – Wir hatten, namentlich in der letzten Zeit, sehr oft Abendgäste, stets ohne sie.

Was sie sich dabei dachte, weiß ich nicht – sie kam unentwegt jeden Tag, in der Dämmerung. Oft ließ ich mich verleugnen in der letzten Zeit. »Gnä' Frau is ausgangen« – »dann komm' ich in einer Stunde wieder.« Es half alles nichts. Einmal hatte sie mir vertraulich gesagt: »Ich weiß nicht, Ihr Herr Gemahl, und wenn wir allein auf einer wüsten Insel wären, er könnte mich niemals reizen.« –

Dummerweise erzählt' ich's ihm wieder – seitdem haßte er sie. Und bei jeder Gelegenheit bekam sie, in prae- oder absentia das von mir und ihr so gefürchtete arrogante Achselzucken. Für einen eiteln Mann ist das aber keine Kleinigkeit. – »Nicht reizen«, er, er! –

Im letzten Münchener Winter waren wir mehr denn je zusammen, machten große Promenaden durch den Schnee, saßen dann in den überhitzten Bierstuben und stierten beide melancholisch vor uns hin. – Ein sonderbares Leben, eine der seelenlosesten »Freundschaften.« Freilich, ich hatte sie mir ja nicht erwählt. Wenn ich zurückdenke – wie viele Phasen haben wir, trotz allem, miteinander durchgemacht. Vom Anfang des Aufenthalts an, wo Else noch ziemlich viele Freunde hatte, in deren Familie sie oft und gern verkehrte.

Damals war ich, in meinem geheimen Elend, in eine Sparwut verfallen, ging in alten geflickten Kleidern und billigen, selbstgemachten Hüten und fand, daß Fräulein Abenroth in ihrer Toilette unbilligen Luxus treibe. Sie verkehrte damals viel bei dem großen Goetheforscher B., einem alten Freund von mir. Nach langer Überredung ging ich eines Tages mit in den eleganten Kreis. – Meine Mutter hatte mir gerade einen kaffeebraunen Rock mit Trikottaille geschenkt. Die zog ich an und steckte mir ein Maiblumen-sträußchen vor. Und mein heimliches Elend, meine ungeheure Enttäuschung, die machten mich so linkisch und weltfremd und verlegen. Ich saß unbeachtet in einer Ecke, mager und verblüht. Fräulein Abenroth hatte ein blauseidnes Kleid an, das ihr sehr gut stand, ein Offizier machte ihr die Cour – sie war heiter und angeregt.

Vier Jahre später – ich selbst, neu aufgeblüht, trotz allem, in rotem Atlas,« von Herren umgeben, im selben Kreis. Nicht weit davon mein Mann im Frack. – Fräulein Abenroth, durch ein Nichts mit der Familie entzweit, wie mit vielen andern, jeden Abend allein in ihrer Dachkammer. Ja, ich wurde wieder »weltlicher« – das war auch nur eine Phase – und äußerlich – innerlich schrie ich auf vor Qual und Pein! Else aber zog sich mehr und mehr von aller Geselligkeit zurück. Eine Kleinigkeit konnte sie kränken, darüber konnte sie brüten, die konnte sie schmerzen, jahrelang. Sie sah jetzt elend und eckig aus, älter, als sie war. – Aber nicht unbedeutend. – Mit ihrer Kunst ging es, wie mir schien, nicht recht vorwärts, sie entwickelte sich nicht. Wie ihre Technik mehr ungeschickt als flott war, so kam mir auch ihre Auffassung mehr äußerlich vor als persönlich empfunden – einmal Dill, einmal Ciardi. Sie zeigte durchaus keine individuelle Eigenart. Nordische Motive malte sie nicht mehr, sie war Spezialistin für Venedig und Chioggia geworden. Eine immer größere Menge von Skizzen füllte nicht nur alle Wände von Atelier, Vorraum und Dachkammer, sie füllte auch eine Menge am Boden zerstreut liegender, dickbauchiger Mappen. – Zwar lebte sie allein für sich, aber hinter dem abgeschlossenen Vorraum ihres Ateliers nisteten sich im Nebenatelier im Lauf der Jahre die verschiedensten Leute ein. Einmal war es ein junges norwegisches Ehepaar, Skrammstadt, mit dem sie sehr intim wurde. Aber die Zärtlichkeit der beiden ließ sie selber nur doppelt ihre Vereinsamung fühlen. Dann wieder waren es einzelne junge Maler. Durch die dünne Wand hörte Else diese dann Tag und Nacht mit ihren Modellen kosen. Das brachte sie, wie sie mir anvertraute, in eine unbeschreibliche Aufregung. – Zum Mittagessen ging sie in eine Pension Waldenburg in der Briennerstraße. Da ihr durch ihre vielen Reisen viele Sprachen geläufig waren, machte sie sich dort bald unentbehrlich, hatte manchen Vorteil davon, ging bald mit Deutschen, Amerikanern und Engländern ins Theater, oder fuhr mit ihnen spazieren oder machte tagelange Gebirgstouren erster Klasse. Darüber hat sie freilich mich und unsere Partien dritter Klasse niemals vernachlässigt. Die ganze Umgegend machten wir unsicher. Wir waren bei diesen Touren oft so heiter und ausgelassen, wie Backfische, und wo wir hinkamen, hatte man die »Fräuleins« gerne. Wir machten zahllose Partien nach dem Starnberger See, Possenhofen und der Roseninsel, nach dem hohen Peißenberg und dem Wendelstein und viele, viele andere. Eine Tour nach Hohenschwangau haben wir nicht mehr ausgeführt. Auf der dreitägigen Tour nach dem Wendelstein wären wir in Nebel und Gewitterregen beinahe verunglückt, wenn nicht reisende Handwerksburschen sich unser erbarmt, uns das Leben gerettet hätten. Das war uns eine ständige Quelle der Erheiterung. Aber wenn ich daran zurückdenke – sie mochte lieber über meine, als über die eigenen Abenteuer lachen. Und in der Nacht, im Massenquartier, in dem wir beide schliefen, hatte sie tausend Phantasien und ließ mich durch ihre Einbildungen nicht zur Ruhe kommen. Sie hörte ein ständiges Schleichen und Flüstern und glaubte, die braven Gesellen wollten uns heimtückisch überfallen. Mit der Wollendecke ihres Bettes angetan wie mit einem Krönungsmantel, saß sie die ganze Nacht auf ihrem Strohsack, in Händen den gefüllten Wassereimer – »um sie zu blenden, denn die Fenster sind ja zu eng, um sich hinauszustürzen.« Ich hatte weniger feine Ohren, war auch so todmüde, daß ich nur schlafen wollte. Else flüsterte immer wieder, in starkem Schüttelfrost: »Ein Nervenfieber, wieder ein Nervenfieber.« – Ich ward schließlich wütend. Als wir endlich hinunterkamen zum Morgenkaffee, fanden wir zwei große Büschel Alpenrosen auf unserm Frühstückstisch und »die Herren lassen die Fräuleins schön grüßen,« sagte Resi, die Kellnerin.

Neben unserm Verschlag oben aber war das Nachtquartier des Wirtes mit seiner jungen Frau. Das Flüstern also war erklärt.

Else litt jetzt viel an Schlaflosigkeit und konsultierte (gratis, wie er sagte) oft meinen »Herrn Gemahl.« Sie ist einfach hysterisch, meinte der in seiner lieblosen Art. – Im Sommer machte sie die größten Reisen, bald nach Nord, bald nach Süd. Und sie war dabei sehr fleißig. Oft aber lag sie dann in der Fremde, wie sie mir erzählte, völlig kraftlos auf ihrem Bett, und konnte, wenn die Hitze allzu groß war, durch Wochen gar nichts tun. Aber trotz allem hatte sie noch genügendes Glück mit Verkauf. Sie fiel ihren Eltern niemals zur Last und lebte recht und schlicht – trotz der großen Reisen war sie einfach und bedürfnislos – vom Erlös ihrer Arbeit. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war ziemlich herzlich, auch ihre Schwestern waren hie und da bei ihr zu Besuch. Und zu Weihnachten bekam sie stets eine ganze Gabenkiste. Alle zwei Jahre besuchte sie ihre Angehörigen in Hamburg und erzählte danach stets, wie sie bestürmt werde, doch dort ihren Wohnsitz aufzuschlagen. Dieser Gedanke allein schon brachte sie zu heller Empörung. Das ihr! Sie haßte die Hamburger »Deftigkeit und den Wohlanstand.«

Sie klagte mir übrigens in letzter Zeit öfter, daß sie sich so grenzenlos einsam fühle, und daß sie nicht glücklich werden könne, weil allzu viele Skrupel ihr das verböten. Freilich, wenn man so tief sei, wie sie! –

Eine, wie ich damals glaubte, »mütterliche alte Freundin« sah mich in meinen letzten Münchener Jahren oft bei sich. Ich klagte ihr meine materiellen Nöte, und wie oft ich schon Bücher habe zum Antiquar tragen müssen, weil die Magd gekommen war – »bitt' schö – gnä – Frau, Geld« – und ich hatte nichts. – Von meinen seelischen Leiden wußte sie nichts. – Die lernte Else durch mich kennen, und nun wanderten wir beide oft gemeinsam zur »Frau Oberst« und vergaßen über allerhand »geistvollen« Gesprächen, bei denen zu meinem Amüsement die Abenroth, die ich ja doch nie für voll ansah,« kräftig mittat, unsere eigenen, geheimen Miseren. Dann tat sich Else mit der alten Dame für Venedig zusammen. Sie blieben sechs Wochen aus und erzählten dann gegenseitig Wunderdinge von der Lust, die sie miteinander gehabt.

Die Alte wäre um ein Haar in den Kanal gestürzt, die Junge befreundete sich mit einem Armenier, mit dem sie die merkwürdigsten (nach Anschauung der unmodernen Alten) Gespräche geführt und immer zusammen war. Else erzählte mir noch oft von ihm, sie korrespondierten auch zusammen; bei einem Wiedersehen in München kühlten sie beide merkwürdig ab, und es kam, trotz allem, weder zum Verlieben noch Verloben.

Allerhand Freundschaften mit exzentrischen Norwegerinnen und Russinnen wirkten jetzt im höchsten Grade ungünstig auf Fräulein Abenroth. Sie stachelten ihre Phantasie, denn die eine war halb wahnsinnig durch ein verbotenes Liebesverhältnis mit einem verheirateten Mann, und sie war die Vertraute, durchlebte alles in sich. Die andere, die Russin, die Braut eines Rumänen, die ihren Doktor gemacht hatte und im höchsten Grad emanzipiert war, trug wohl ebenfalls weder zu Eisens gemütlicher, seelischer, noch körperlicher Beruhigung bei.

Einmal sagte sie mir, da sie nachts nicht schlafen könne, tanze sie jetzt manchmal vor dem Spiegel und freue sich an ihrer eigenen Schönheit. So etwas könne ich nicht fassen, ich sei ja nicht so tief. Es kroch mir etwas kalt über den Rücken, dann aber lachte ich – ich war selber so unglücklich, ich konnte mir deshalb nicht denken, daß dies arme einsame Herz Liebe brauche – nur Liebe und Verstehen und rationelle Pflege. Sie las jetzt viel, in der Ursprache alles Neueste der skandinavischen Literatur, je realistisch geradezuer, um so lieber. Immer mehr erging sie sich in dunkle Andeutungen über ihr Schicksal und pries mein Glück. Ich konnte es kaum mehr ertragen und brachte immer wieder die Rede aufs Wetter. Und es ward auch immer finstrer in mir, ich konnte von nichts anderem mehr sprechen. – Dann kam die große Erleuchtung, das heilige Muß – und ich ging. – Und der eine, furchtbare Entschluß hatte mich momentan völlig fühllos gemacht. Wie ein Stein lag mir das Herz in der Brust. Nur fort. – Und lachend wandte ich meinem ganzen früheren Leben den Rücken.

Als Fräulein Abenroth an jenem Abend kam, da fand sie mich wirklich und wahrhaftig ausgegangen und auch nach einer Stunde hätte sie mich nicht getroffen. – Die Wogen einer befreienden Lebenstat schlugen über mir zusammen, ich hatte sie total vergessen, wie so vieles, vieles, was hinter mir lag.

Freilich – ein paar Monate später, in dem einsamen normannischen Seebad – wenn sie da plötzlich in der Dämmerung an mich herangetreten wäre, weinend war' ich wohl in die Arme gesunken, und wir hätten uns endlich, endlich kennen gelernt, ich hätte erfahren an mir selber, was ich stets geleugnet, daß es Frauenfreundschaft gibt. Damals hätte sie mir wohl nicht gesagt: »Sie sind nicht tief, Sie sind ein Schmetterling.« – Ich muß doch lachen, stets, wenn ich an diesen Ausspruch denke. Das mir!

Ich hatte sie also völlig vergessen. – Nach einem Jahr erhalt' ich in Nizza« eine Karte. »Ich bin für einige Monate in Santa Margherita«; wenn Sie durch Genua kommen, möcht' ich Sie dort treffen, damit wir uns über Sie aussprechen.« – Mit letzterem war mir freilich weniger gedient, ich schrieb ihr aber den Tag meiner Durchreise. Sie stand auch schon auf dem Perron,« als mein Zug einfuhr. – Sie war in Schwarz. Ich hatte ein helles Kleid an. Das befremdete sie sehr. »Sie sind ja gar nicht älter geworden, nach allem, Sie sind ja ganz die Gleiche noch, wie früher. – Freilich, Sie sind nicht tief, Sie sind ein Schmetterling.« Das waren ihre Begrüßungsworte. Späterhin trafen wir einen in Genua ansässigen Bekannten, der sich uns anschließen wollte.

Das machte sie wütend. Nach einem frugalen Essen, der zwischen uns gewohnten Art, stiegen wir hinauf in die Villa de Negri. Dort saßen wir viele Stunden, das herrliche Landschaftsbild zu Füßen und plauderten – und lachten und erinnerten uns der verschiedensten Abenteuer – in alter Art; wie Reisebekannte.

Ein Jahr verging – ich verlobte mich wieder. Da erhielt ich plötzlich eine sehr merkwürdige Postkarte von Else – sie habe das und das gehört und bedaure mich tief.

Ich schrieb ihr empört zurück, ich verlange zu wissen, wer ihr derartige Verleumdungen aufgebunden, da ich den Betreffenden gerichtlich belangen wolle. Es war Sophie D. gewesen, die Eisens Cousine den albernsten Klatsch als Faktum rapportiert. Fräulein Abenroth überwarf sich« völlig deshalb mit ihrer Cousine. Das imponierte mir. Sie war dann, nach meiner Wiederverheiratung, durch zweiundeinhalbes Jahr die einzige von all meinen vielen Münchener »Freunden,« die mir über das von dort berichtete, was mir einzig noch am Herzen lag, nachdem es bettelte und schrie.« Sie blieb sich gleich in bösen und guten Tagen. Als ich das erste Mal in München war, nach der furchtbaren Abschiedszeit, da war sie mir treu zur Seite – half mir, wo sie konnte. Sie hatte Novellen von mir gelesen und Gedichte, die sie »sehr interessiert« und die sie mir »niemals zugetraut.«

Aber noch immer, wenn's nicht ihre Tiefe war, sprachen wir hauptsächlich vom Wetter. Sie deutete mir nur an, daß auch die Freundschaft mit Ibsen, die für ein paar Jahre ihr Glück, ihr Leben ausgemacht, »durch die Frau« zu einem jähen Ende gekommen, daß sie ihn nie sähe, oder von ihm höre, daß sie das nie verwinden könne, daß sie schon hundertmal Selbstmordgedanken gehabt, das Leben sei zu schwer, sie sei zu tief für diese Welt. Einmal wieder beschwor ich sie, doch Vertrauen in mich zu haben, mir mehr zu vertrauen. Ich sei nicht diskret, meinte sie, freundlicherweise. Sie könne es auch keinem Menschen verraten, es sei zu traurig. Da dies die stehende Redensart durch fast acht Jahre war, nahm ich's auch nicht weiter ernst, meinte auch nur wieder, sie wolle sich wichtig machen.

In der Malerei hatte sie sich nicht weiter entwickelt, obgleich sie rastlos fleißig war. An Talent fehlte es ihr auch nicht. Namentlich ihre ersten Entwürfe in Kohle hatten oft großen Schwung. Aber ich meinte immer, ihr Äußeres sei viel interessanter, wie sie selber. Ich habe mich auch niemals ihr gegenüber voll oder echt gegeben« – eben, weil ich sie genau zu kennen glaubte.

Es war gerade, wie bei meiner Schwester. Erstens war's mir nicht der Mühe wert und dann – sie hätte mich ja doch nicht verstanden. – Ich war wieder bei ihr im Atelier, es sah jetzt sehr ordentlich und sauber aus, und auch wohnlich behäbiger.

Ich saß, wie so manches Mal, in ihrem alten Sessel und aß von dem Berg Butterbröten, die sie für uns bereitet. Es war genau, wie sonst. Fast die gleichen Bilder standen auf der Staffelei, fast die gleichen Motive hatte sie von der letzten Studienreise nach Haus gebracht, und sie erging sich in den gleichen Redensarten.

Da spannte meine Seele wieder ihre Flügel aus und flog dorthin, wo ihre Lebensluft wehte. Hier, in dem altvertrauten Raum saß nur mein Körper. Aber sie brachte mich andern Tags getreulich an die Bahn. Das tat mir wohl, trotz allem.

Dann schrieb sie mir einmal eine empörte Karte. Unsere Korrespondenz durch ein halbes Leben bestand in Postkarten, sie habe gehört, ich wolle die Wendelstein-Episode« novellistisch verwerten.

Sie beschwöre mich, dies zu unterlassen.

Sie fände keine Lust daran, daß danach jeder mit Fingern auf sie weise. – Diese Wichtigkeit, einer so unbedeutend harmlosen Sache gegenüber, amüsierte mich außerordentlich. Ich begriff sie gar nicht, ging auch nicht weiter darauf ein. Später, nachdem wir schon fast zwei Jahre verheiratet, lernte Else auch mein neues, mein wirkliches, mein einziges Glück kennen. – Ein paarmal, als wir, durch München kommend, sie besuchen wollten, war sie auf Reisen gewesen. – Sie war meinem Mann sehr sympathisch. Wir hatten eine Zusammenkunft im »deutschen Kaiser.« Sie trug ein dunkles Kleid und einen großen schwarzen Strohhut. Sie war mager, und ihre Augen glänzten mehr, als früher. Mein Liebster fand, daß sie hübsch und vornehm aussähe, und sie schien ihm auch gar nicht dumm. – Es war noch ein Vierter dabei, darum konnte er sich nicht eingehend mit ihr befassen. Sie begleitete uns dann an unser Hotel. »Jetzt sind Sie doch wohl glücklich,« sagte sie. »Ja,« erwiderte ich aus vollem Herzen. »Sie sind trotz allem ein Sonntagskind« und damit ging sie. – Sonntagskinder, die schon ein paarmal fast vom Schicksal zerschmettert worden – das kam mir komisch vor. –

Momentan denk ich fast – mit ihr verglichen, hat sie recht.

Aber, wenn sie sich einsam und liebelos fühlte, warum hat sie nicht geheiratet, Gelegenheit hatte sie genug. Unser ganzes Schicksal wird wohl viel mehr bedingt durch uns selber, als durch jede äußere Fügung. Fast ein Jahr lang hatt' ich sie wieder vergessen. Da, beim Abendbrot, kommt eine ihrer bekannten Postkarten.

»Ach, von der Abenroth,« sagt mein Mann, »was will denn die wieder.«


»Liebe Fr. v. P.« (So schreibt sie stets, seit nun fast neun Jahren unterbrach ich die Lektüre.)

»Diese Zeilen sollen Ihnen noch ein herzliches Lebewohl sagen. Denken Sie meiner bisweilen freundlich. Ich war in diesem Winter öfters bei Frau Oberst. Nicht in Ihren, sondern in meinen Angelegenheiten.

»Ich sah Ihre Kinder, sie sind wohl und entwickeln sich prächtig. Ich schreibe Ihnen dies, weil ich denke, es wird Sie freuen.

Ihre E. A.«


»Was ist denn das,« sag' ich erstaunt. »Das klingt wie ein Abschiedsbrief,« sagte mein Mann. In der Nacht tat ich kein Auge zu.

Ich schrieb an die Eltern in Hamburg, was mit Else los wäre, daß ich in größter Sorge sei. Ich hatte die naive Idee, die Arme sei nur nervös erschöpft, und wenn einer von Ihrer Familie auf Grund meines Briefes nach München käme, könne er sie von schwarzen Gedanken ablenken, wenn irgend nötig, retten.

Ich konnte den Gedanken an das Mädchen nicht aus dem Kopf bringen, nicht Tag und Nacht, ich konnte nicht malen, ich konnte nichts anderes sprechen.

Mein Mann durchspähte die »Neuesten Nachrichten.« Nun eines Tages fand er eine Notiz. Kunstverein »Angekauft zwölf Skizzen aus dem Abenrothschen Nachlaß.«

Wir begriffen's nicht. Die Postkarte war vom 8., die Notiz vom 12. Februar.

Da kam ein schwarzgeränderter Brief aus Hamburg – Else hatte in einem Wahnanfall ihrem Leben durch eine Kugel ein Ende gemacht.

Das war's, das Ende, das Ende für ein strebendes, sehnendes, heißes Menschenherz, das sich von der Konvention befreit hatte, diese aber trotzdem wie einen Stein, wie eine Fessel mit sich herumschleppte, die ihr alles trübte, alles erschwerte, alles vereitelte. Das war das Ende einer Individualität, die daran zugrunde ging, daß sie eine sein wollte und keine war. – Sie schleppte und schleppte – schwerer und schwerer aber drückte die Kette, und sie wollte doch frei sein, ihr ganzes Sein lechzte danach. –

»Verfolgungswahn,« schrieb man mir später von München. Jedes Wort, das gesprochen, jedes Wort, das in den »Neuesten« gedruckt, bezog sie auf sich, wähnte, daß man sie damit verdächtigen wolle. Sie sah, wenn sie ausgewesen, fremde Fußspuren im Atelier, ihre Sachen schienen ihr durchwühlt – sie litt übermenschlich, sie konnte die Qual nicht mehr ertragen.

Ich aber frage mich – hätt' ich diese Seele retten können? Schloß sie sich nicht immer wieder an mich an mit der Treue eines Hundes – war ihr letzter Gedanke nicht noch ein Gedanke der Güte gegen mich? Und was bot ich ihr für dies alles? Ich nahm sie niemals ernst, mein Leben lang. – Von den vielen Lebensrätseln, die mich quälen, von all den bangen, hie-nieden stets unbeantworteten Fragen ist dies eine der brennendsten: Wenn ich nur den Willen gehabt, hatt' ich nicht vor Tausenden die Gabe, diese arme Seele zu retten? Wenn ich nur den Willen gehabt – und hatt' ich nicht auch die Pflicht?

Und wär's nicht mein eigener Gewinn gewesen – hätt' ich nicht eine Freundin gefunden, so rein, so uneigennützig, wie es keine zweite auf Erden gibt.

Aber sie hat vielleicht wirklich recht gehabt – daß ich beim Leben neben ihr, an ihr vorüberging – ist es nicht der Beweis dafür – ich bin wohl wirklich nicht tief – bin wohl wirklich nur ein Schmetterling.

O diese Frage – diese quälende Frage.

Vielleicht aber schlummert in uns allen, unbewußt, der Wahnsinn. Und wenn der Boden üppig, dann gedeiht die Frucht und wächst und wächst – bis sie unser Leben verschattet, vernichtet.

Was liegt noch in meiner Seele – an Dunkel und Unheil?

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