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Hermione von Preuschen - Kreuz des Südens

Gedichte

Hermione von Preuschen, Kreuz des Südens, Gedichte, Continent Verlag, Berlin, o. J.


I. Im Schatten der Sappho


Einem Toten

Du hast mir das Kreuz des Südens gezeigt
am Himmel und auf Erden,
nun ist es vorüber – alles schweigt –,
ich kann nicht stille werden.

Nun muß ich in Sehnsucht, in Sehnsucht vergehn –
– Du zogst in blauende Ferne –,
. . . Wo die schaurigen Todeslüfte wehn,
erlöschen die hellsten Sterne.

Du ruhst in ewiger Jugendglut,
in tropenblühender Erden –,
das Kreuz des Südens hält drüber die Hut,
– – ich kann nicht stille werden.


Du greifst in deines eigenen Schicksals Speichen

Du greifst in deines eigenen Schicksals Speichen
mit Kinderhand,
wähnst goldene Liebeskronen zu erreichen,
erhaschst nur Tand.

Zerstörst vom reinsten Glück die heiligen Blüten
mit täppischer Faust –
und lebst dein Leben – Trug und Wahn zu hüten –,
bis es verbraust!

Horch – von fern ein goldenhelles Flöten

Horch – von fern ein goldenhelles Flöten,
auf – hinaus –, den ewigen Wurm zu töten,
der dir rastlos raunt: Wo blieb dein Glück?
Sehnsucht laß zu Hause nur zurück.

Fern im Blauen müssen Wunder liegen,
fern im Blauen wird dein Genius siegen!
Wo die Rosenhänge leuchtend stehn,
unter Ilios lichten Sonnenhöhn.

Fort vom Ofen – der beschränkten Enge,
in die Weite locken Wunderklänge,
lockt der Liebe flötensüß Getön:

Bin das Einzige – die Menschensonne,
noch in Höllen Paradieseswonne –,
selbst der Tod in meinem Arm ist schön!


Und ich kam – und alles war nur Lüge

Und ich kam – und alles war nur Lüge,
alles trägt die alten Sehnsuchtszüge.

. . . Brennen muß ich – brennen . . . bis zu Ende –,
heb umsonst zum Opfern meine Hände.

Wie Odysseus zur Nausikaa
kam ich her – mein Glück ist nimmer da,

Zog noch weiter – zog in letzte Tiefen,
draus die nächtigen Stimmen jüngst mich riefen.

Wieder muß ich weiter, weiter ziehn,
und das Echo äfft – wohin – wohin!

Komm zu uns – umhauchen mich die Düfte

Komm zu uns – umhauchen mich die Düfte,
Rosen dunkeln – weh – Erinnerungsgrüfte
öffnen sich bei ihrem schwülen Hauch.
. . . Rosen häuften sich zu Purpurkissen,
da mein einziges Glück mir jäh entrissen –
und der Kalla blasser Blütenhauf.
Weh mir – nächtig steigt Erinnrung auf:

. . . Da er starb – brach ich am Grab zusammen,
heimlich aber wühlten meine Flammen,
heimlich rissen seine Abschiedsworte
an des Herzens tiefstgeheimer Pforte!
Und sie sprang! – Zum Himmel loht empor
leuchtend bunt ein Strahlengarbenchor – – – –
und ich zog hinaus – die Liebe suchen!


Und ich ging hinaus, die Liebe suchen

Und ich ging hinaus, die Liebe suchen –
oder meines Lebens Kern verfluchen!
Aber finden? – Gott und Welt verfluchen –,
und ich ging – und fand den kleinen Mann,
der das Weib belügt, so oft er kann,
der das Echte, der das Freie, Große
gar nicht will, das Wilde, Schrankenlose!

Der mit tausend kleinen Nebensachen
sein Gefühl umschränkt; im wilden Rachen
des Geschicks nur Episodenspiel,
eine Nacht – ein Abenteuer will.

Und am Ende seiner müden Lust
sagt er stolz: Ich hab es ja gewußt –,
tausend Weiber hab ich nun besessen,
wie sie hießen, hab ich längst vergessen,
doch sind alle gleich in jenem einen!

das der Mann, den ich gesucht, den Reinen!


Das Kind des Brigadiere

Allnächtig tönt es mir zu Häupten dumpf,
wie Hammerschläge stiehlt's mir jeden Schlaf.
Die Meereswellen möchten mich zum Frieden,
zum Schlummer lullen, doch das dumpfe Dröhnen
zerstört ihn stets. –

Die Wirtin lächelnd sagt:
»Das Kind vom Brigadiere, das die Mutter,
den Wiegenkasten auf und nieder schwingend,
weil sie's nicht sättigt, in den Schlaf betäubt.«
So lieg ich nächtens wach und hör das Hämmern.

Du armes Kind des Brigadiere schläfst
und läßt um deinen Hunger dich betrügen –,
ich aber wache – ob das Schicksal auch
mit dumpfem Schlag mich auf und nieder schwingt:

Mein Lebenshunger läßt durch nichts sich trügen,
er wacht und wacht und sehnt und härmt sich ab
und reckt die Arme in die schwarzen Nächte. –

– Wie ich ihn neide, den Betäubungsschlaf,
dem hungerkranken Kind der Brigadiere!

Komm zu uns – umbrüllen mich die Wogen

Komm zu uns – umbrüllen mich die Wogen,
haben Tausende hinabgezogen,
haben bittres Menschenweh gekühlt,
aller Sehnsucht Lasten fortgespült.

Komm zu uns – wir schlingen uns zum Kranze,
singen toll das Brautnachtlied zum Tanze, –
bis sie traumlos ruht in unsrem Bann –
deine Liebe, – die nicht sterben kann!

Liebe – wo bist du?

Liebe – wo bist du? Laß mich Frieden fühlen,
komm, mir die Feuerglut der Qual zu kühlen,
die Flammenmale, die die Welt mir schlug,
bis diesen Strand erreicht des Schiffes Bug,
der mir nur Echo gibt für meine Qual,
Blüten zu Kränzen für ein Totenmal –.
Liebe – wo bist du?

Wenn durch graunächtiges Schimmern

Wenn durch graunächtiges Schimmern
im Silberolivenhain
goldglänzendes Strahlenflimmern
schleiert die Stämme ein,
daß auf Runen, die tausendjährig
das Leben unheilbar schlug,
Lichtrosen, lenzeswährig
aufblühn an goldnem Bug, –
dann denk ich, so müßt auch die Seele
aufglühn in rosiger Pracht,
wenn strahlend durch Schuld und Fehle
Selige Liebe lacht!

Nun knospt es

Nun knospt es im griechischen Süden,
es sproßt an den Hängen empor,
bald steht in Millionen Blüten
leuchtend ein rötlicher Flor!

Ob wohl mit der Mandelblüte,
auf weinender Augen Glanz,
lindernde Hände breitet
die Liebe, im Frühlingskranz?

Im Achilleon beginnt die Iris zu blühn

Im Achilleon beginnt die Iris zu blühn,
in Irisfarben die Wolken sprühn,
ein lila Hauch umspinnt die Steine.
– Das war die Zeit, da sie kam, die Reine,
und still und ernst durch die Wälder zog –
um ihr Haupt wildkreisend ein Adler flog!

So wandert sie vor mir auf allen Wegen,
ich seh ihren Schatten auf allen Stegen.
Sie war so glücklos, so glücklos wie ich –
und sie ging, es zu suchen, bis sie erblich!

Im Achilleon beginnt die Iris zu blühn,
und irisleuchtende Wolken ziehn.


Wüßt ich das Lied, das ihn bannt, das ihn zwingt

Wüßt ich das Lied, das ihn bannt, das ihn zwingt,
an mein armes, einsam verloderndes Herz,
das durch alle Fernen hinüberklingt,
durch alle Türen – durch Panzer und Erz.

Das dem einen Mann in die Seele dringt,
dem einzigen, der für mich nur erdacht –,
der einsam wie ich – mit der Sehnsucht ringt,
nach mir die Arme reckt – Nacht für Nacht.

Wo ist das Lied – das ihn zu mir zwingt,
aus der Einsamkeiten ewigem Schnee,
das ihm die Ebenbürtige bringt,
Genossin seiner leuchtenden Höh?

Wüßt ich das Lied, das ihn zu mir reißt,
wüßt ich zu seiner Kammer den Weg,
furchtlos durch Steppen totvereist
fänd ich, auch über Höllen, den Steg!

Wüßt ich das Lied!

Fremde Stimmen

In wilden Wirbeln raste der Sturm
heut nacht ums Haus,
der Regen peitschte, vom Glockenturm
klagten fremde Stimmen
zur Nacht hinaus.

Fremde Stimmen riefen zur Nacht:
Wozu die Hast?
Und es tropfte durchs Dach
rastlos und lacht:
Alles verblaßt.

So sangen die Tropfen, oder war's mein Blut,
versprüht das auch?
Stimmen verklangen in Sturmeswut:
– Das Leben ein Hauch!


Die Knospen schwellen

Verhüllt und verschleiert der Berge Pracht,
kein Licht auf der schweren Zypressen Nacht,
nur die Knospen an starrenden Zweigen
stehen verhüllt und schweigen.

Sie schweigen von blauender Lenzeszeit,
sie wachsen hinein in die Seligkeit,
die Knospen schwellen und schweigen!

Kommt endlich die Nacht, da in Liebesarm
am Berghang ich lehne, so selig-warm,
unter goldnen Orangenzweigen?
Und die Blüten schlagen die Augen auf–
und es schauert ein leuchtender Lenz herauf?

Die Knospen schwellen und schweigen!

Regen

Der Regen peitscht ruhlos Nacht für Nacht,
ich bin von dem müden Klopfen erwacht,
steht eine Seele draußen im Wind,
flüstert: Sei ruhig, du armes Kind –,
der Lenz stillt Tränen und Träumen!

Eine hohe schimmernde Frau

Zur Nacht hatt ich einen Traum:
Eine hohe, schimmernde Frau
in goldenem Peplum,
das Strahlendiadem
auf rötlichen Locken,
nahte sich meinem Lager.
Sie hob meine Lider,
Sah mir in die Augen,
tief, tief!
Dann strich sie mir übers Herz,
flüsterte: »Armes Kind!«
und verschwand. – –

Sappho, warst du's?
Kamst du herüber
vom levkischen Felsen,
den mir die Morgensonne umstrahlt,
von dem du den Todessprung wagtest,
um der Liebe willen!
Sappho – warst du's?

Eine Mücke

Dunkel die Kammer,
dunkel die Seele, –
Licht im Kamin.
In prasselnden Flammen
züngeln die Hölzer.
Phantastische Schatten
und grelle Gluten
huschen durchs Zimmer. – – –

Dicht an den Feuern
wandelt beschaulich,
tänzelnd und zierlich
eine kleine Mücke!

– So klein, harmlos
vertrauend und arglos
wandelt am Krater
der Leidenschaften
eine Mücke – der Mensch!


Wie jung bin ich, wie kinderjung

Wie jung bin ich, wie kinderjung,
ich lebe ja nur im Glück.

Alles andre ist kein Leben,
nur Wurmvegetieren,
im Staube sich wälzen und winden.

Nach Stunden erst zählt mein Leben,
nach wenigen, kurzen Stunden!
Törichter Knabe,
ich bin jünger wie du!
Jung geblieben
durch ein armes Leben,
arm an Glück.
So jung bin ich –
so kinderjung!

Es ist schon spät

Draußen der Lenzorkan, im Glas die Veilchen,
ach – keiner hat sie mir gepflückt,
sie blühn und duften still ein kleines Weilchen,
dann welken sie, dem Sturm entrückt.

Birgt neue mir noch der Blätterschoß
in den Beeten, hoch am Achilleon?
Wachsen mir heimliche Blüten groß
an den Hängen Parnaß und Helikon?

Was birgt mir noch an verborgenem Glück
meiner Zukunft heimliches Veilchenbeet?
Blüh schneller auf, mein blaues Glück,
– es ist schon spät!

Nun blühn die Tazetten im tiefsten Tal

Nun blühn die Tazetten im tiefsten Tal,
wie er sie einst sandte unzähligemal.
Ich nahm sie zitternd aus Wattenschoß,
ihr Düften umwogte mich weltengroß
und hüllte mein ganzes Leben ein –

ich folgte dem Düften – mir folgte die Pein!

Tazetten blühen im tiefsten Tal!

Wie in brennenden Rosen

Wie in brennenden Rosen
fühl ich mich stehen,
in ungelöschten,
in ewigen Feuern!
Wie so reich mein Leben.

Und wie arm an Frieden,
wie arm an Liebe,
wie arm an Glück!
Wie bettel-, bettelarm!


Was such ich denn wie Kinder und wie Narren?

Was such ich denn wie Kinder und wie Narren
nach gleicher Glut?
Ich will mein Herz im tiefsten Grab verscharren,
dort ruht es gut.

Es ist doch alles nur die alte Lüge,
der kurze Traum.
Es gibt nichts Gleiches meiner Schwingen Flüge
im Weltenraum.

Es gibt nichts Gleiches meinen Seelenbränden
unbändiger Kraft,
längst fiel der Zügel aus den schwachen Händen
der Leidenschaft!

So rast sie denn mit mir durch alle Lande –
wo bist du, wo?
du einer, den der Himmel einmal sandte,
der längst entfloh.

Wann kann ich unter ihrer Rosse Hufen
erlöst verenden –
bei meines Dämon letztem Liebesrufen
mein Los vollenden!

Was frommen Blüten und Düfte?

Was frommen Blüten und Düfte
all meiner zehrenden Pein,
kein Arm umpreßt meine Hüfte,
allein bin ich – allein.

Was frommen Klänge und Töne,
berauschende Südenpracht,
die leuchtende Weltenschöne?
Mich umhaucht's wie Modernacht.

Mich umhaucht Vergessen und Schweigen,
statt Brot gibt die Welt mir Stein –,
ich gab ihr mein alles zu eigen
und sie – läßt mich ganz allein!


Lorbeer

Am Abend, fröstelnd, wart ich auf die Flammen,
die mir die Griechin im Kamin entfacht,
Olivenholz und Sandel brennt zusammen,
dann starr ich schweigend in die kalte Nacht.

Der Holzstoß lischt, nach neuen Feuerbränden
begehr ich und sie bringt – sie schleppt ihn kaum,
mit Knospen überschüttet, in den Händen,
nun einen grünen, jungen Lorbeerbaum,

Daß kalter Lorbeer mir die Flammen spende,
die mir die Liebe schuldet – bis zum Ende!

Mondnacht

Mondnacht, blaue – alle Sehnsuchtsüße,
alle Schwermut tiefsten Menschenseins
kauert sich um deine müden Füße,
reckt sich hoch im Bann des mystischen Hains.

Mondnacht, hast umschlossen alles Leben!
Meiner dunklen Wünsche Schmerzensfracht
glüht noch einmal auf in seligem Beben
meiner letzten blauen Mondennacht!

Nie wird das Bild mir blasser

Nie wird das Bild mir blasser:
mein Schiff in rasendem Sturm,
über dem wilden Wasser
drüben das Licht im Turm.

Dort sind die Sapphoklippen,
dort ward das Wunder vollbracht:
opfern mit blühenden Lippen
ewiger Liebe Macht.


Schwester, wann kommst du?

Goldene Pfeile versandte die Sonne!

Ich lag in den Blüten,
den Myrtenblüten
– Brautbett der Liebe.

Unter mir schwindelnde Tiefen,
senkrecht stürzende Klippen,
Grotten wellendurchschluchzt.

Sprühende weiße Schäume
um türkisleuchtende Schleier,
Schleier der Thetis,
Thalatta rings!

Aus Wellenschluchzen tönt leise,
leise Stimme, süß–dunkel:
»Schwester, wann kommst du?
Für unsere Flammen
gibt's keine Kühlung
wie nur hier drunten.

Dann aber ziehn sie
zu Uranos Sternen
und leuchten ewig!
Schwester – wann kommst du?«


Erwartung

Tagüber hatten sie so geschwatzt,
geraucht und gespielt im Hafen–Cafe,
Albanesen und Juden, Griechen und Türken.
Dick war die Luft und weiß und schwer,
hemmte den Atem, betäubte den Sinn.
Ich saß dazwischen, scheu in der Ecke,
trank schon den vierten süß–türkischen Mokka.
– Noch immer kein Schiff – die Stunden zerrannen,
Tropfen für Tropfen im Schneckengang.
Die Sonne sank und die Nacht stieg zum Thron,
herrschte, schwül lastend, mit dunkler Hand
über Ozeanen und Bergen und Welt!
Noch immer kein Schiff, das Schiff mit dir,
das dich, deine Liebe mir bringen sollte,
deine dunkle, süße, betörende Liebe!

Schon tragen die Wasser dich näher und näher . . .

. . . So harrte in Träumen ich Stund' um Stunde,
fühlt wieder geborgen mich, dir am Herzen,
das Weib im Mann, seiner Welt beschlossen!
. . . Rings lärmten die Griechen, die Juden und Türken,
und rauchten und schwatzten. Von kläglichen Lampen
nur trüb drang ein Scheinen durch Dünste und Dampf.
Ich träumte von dir und mir klang deine Stimme:
»So ist nun dein Dämon dennoch gekommen.«

Trompetentusch von der Felsenfestung, –
feierlich klingt's in die Nacht hinaus.
Da naht auch der Fährmann: »Kyria, das Schiff kommt –
Zwölf Stunden Verspätung!«

Ach, auch die Folter wär Wonne gewesen –
harrend auf dich!

Im kleinen Nachen mit anderen Barken
fahr ich zum Koloß mit den farbigen Lichtern.
Und wieder ein dröhnend Trompetenklingen.
So fahr ich hinaus in die Nacht, dir entgegen,
– der Liebe, dem Glück!
– – – – – – – – – – – – – – –
Unter Sprachgewirr, unter drängenden Fremden
such ich vergebens – – – du bist nicht gekommen!

. . . Und so fahr ich immer dem Glück entgegen
und finde es nie!

Bei der Landung aber, wieder vom Felsen,
feierlich dröhnend, Fanfarenklänge!

Das ist das Leben!

Mit blühendem Lorbeer

Und du wirst dennoch kommen,
durch Nacht und Tränengraus,
mein Lieben soll dich zwingen
ins Glück, ins Leben hinaus.

Zwingen in meine Arme,
zwingen in Schönheitsglanz,
deine zage Stirn umwinden
mit blühendem Lorbeerkranz!

Nicht von dieser Welt

Sieh, ich bin schwach, ich lebe kaum,
ohne die Liebe,
in mir aber ist für Flammen Raum,
in mir wird Wahrheit ein Menschentraum,
nicht von dieser Welt!


Ziellose Liebe

Die wüsten Wasser durchschneidet der Kiel.
Wohin ich fahre, – mein fernes Ziel,
ich kenne es nicht, und die Nacht so schwer
und so dunkel – das Leben so dunkel und leer. –

Ein Licht am Ufer – der Sapphosprung!
Da steigt sie auf, so leuchtend und jung,
ich seh ihre ragende Lichtgestalt –
ihr letzter Sehnsuchtsschrei verhallt.

Die Liebe, die Liebe – einziges Ziel,
mit ihr alle Stürme Kinderspiel.

Der Sappho Schrei, wie lange vergellt.
Am Felsen der Sehnsucht alles zerschellt!


Der Orangenbaum

Vor meinem kleinen Fenster
Steht ein Orangenbaum,
goldfrüchteüberschüttet,
ein Hesperidentraum.

Der Alten wurden, der Parze,
nächtens die Früchte zum Raub,
leer steht nun, dunkel und fruchtlos,
der Baum im Trauerlaub.

Und Tage schwinden und Wochen . . .
Ein heimlich Düften zieht
mit eins um meine Schläfen,
wie durch die Seele ein Lied.

Und wie ich müd und traurig
aufschau aus meinem Traum –
tausend Orangenblüten
schimmern am dunklen Baum.

Du Reicher! Am griechischen Ufer
recke dein stolzes Haupt,
wir zwei – wir müssen blühen,
so oft wir auch beraubt!


Nun bist du dennoch gekommen

Nun bist du dennoch gekommen,
mein Glanz, meine Seele, mein Licht –
und von den goldenen Stunden
wird jede mir zum Gedicht.

Das in Nacht und Trübsal strahle,
wenn du gingst, wie wärmender Schein,
mir glühenden Abglanz male
in meine dunkelnde Pein!

Schwanensingen

Zu deinen Füßen sitz ich still,
meine Seele in deine verflogen,
um uns dräuendes Lebensmeer,
wirbelnde, wellende Wogen.

Ich lausche deinem betörenden Sang,
meiner Seele Schwanensingen –
und wenn der letzte Ton verklang,
muß auch mein Leben verklingen!

Der Sehnsucht nach

Rastlos, ruhlos – der Sehnsucht nach,
wandle ich von Gemach zu Gemach.

In weichen Wolken wogendes Düften,
ein Vogelträumen verklingt in Lüften,
auf meinen Lippen deine Worte.
– In meiner Seele alles verdorrte,
das nicht in deinen Zungen spricht.
Das Leben ward mir zum Gedicht,
das nur in deiner Sprache redet,
ohne dein Sein im Sand verödet,
mit dir, vom Morgenschein gerötet,
um ewige Glut und Schönheit betet –
und nur verenden will in Bränden,
die du geschürt mit Dichterhänden.

. . . Ich wandle von Gemach zu Gemach,
rastlos, ruhlos – der Sehnsucht nach!


Ich kann sie nimmer vergessen

Ich kann sie nimmer vergessen,
des Tages leuchtende Pracht,
wie über schwarzen Zypressen
der Himmel tiefblau gelacht.

Auf einem Pfühl indessen,
wir beide, wonnig erwacht,
– nach einer unermessen
seligen Liebesnacht!


Du trugst den Mantel mir zum Lager hin

Trugst deinen Mantel mir zum Lager hin,
hast du mich dennoch lieb? Ich faß es kaum,
daß ich in deiner Hut geborgen bin,
daß deine Wärme blieb – auch meinem Traum!

Vorbeigeschauert

Nun sind die Lüfte vorbeigeschauert,
die Frühlingslüfte,
Rosen am Himmel verlodert, nun trauert
mein Herz um Grüfte!

Grüfte von Hoffen und Wünschen und Sehnen
nach holden Tagen,
Träumen und Jagen, Streben und Wähnen,
endlosem Klagen.

Nun bleibt nur der Rest und das Ende gekauert
in dunkelnde Schlüfte –
nun sind die Lüfte vorbeigeschauert,
die Frühlingslüfte!


Am Sapphofels

Im nächtigen Jonermeer schimmert ein Licht,
am Sapphofels die Brandung wild zerbricht.
Wir schwanken ziellos, steuerlos vorüber,
rings alle Weite schwindet trüb und trüber.

– All das, was Sappho einst im Tod verlor –
in meinem Herzen flammt es neu empor. –
Und wenn ich sterbe, loht in andern auf
ewig der gleich unselige Liebeslauf. – –

Im nächtigen Jonermeer schimmert ein Licht,
– den Sapphosprung ewiger Glanz umflicht!

Furien

Fremd schaun ins Menschenleben sie hinein
mit ihrer grellen Augen irrem Schein.

An Kindern gehn sie scheu und stumm vorbei,
kein Seelenband zieht sie zum Lebensmai.

Auch erste Jugend, sie begreift noch nicht
ihr grausenschütternd starres Angesicht.

Doch wenn ein Mensch tiefer ins Leben spürt,
wenn ihn auf dunklen Pfad die Schuld geführt –,

dann nahen jauchzend sie, mit Jubelschrei,
und geben nimmermehr ihr Opfer frei.

Wildschwingend ihrer Schlangen Wirrgeflecht,
feiern die Furien ihr Heimatrecht.


Der Hund

Scheu irrt ein Hund von Tür zu Tür –,
ob wieder tritt sein Herr herfür.

Doch kalt die Hand, die ihn gestreichelt,
die Stimme still, die ihm geschmeichelt.

Der Hund jagt irr und scheu durchs Land,
suchenden Blickes, unverwandt.

Starrt fragend neu in jeden Tag,
lauscht nach dem einen Herzensschlag.

Sank auch des Herren Leib in Tod,
im Weltall seine Seele loht,

des harrend, der ihm Nacht und Tag
in Liebe treu zur Seite lag.

Sie harrt in einem neuen Kleid! – –
Der Hund muß suchen nah und weit;

Auf Wüstenweg, bei Hungerbrot,
doch ohne Liebe dünkt's ihm Tod.

So sucht er irr von Tür zu Tür,
– aus keiner tritt sein Herr herfür. –

Das Hundeherz tobt heiß und stark –,
die Einsamkeit frißt ihm am Mark.

Im Blut gärt ihm das wilde Gift,
des Brand noch jede Sehnsucht trifft!

– Nach Liebe auf dem Erdenrund
sucht nur ein toller, kranker Hund! –


Asphodeloskranz

Heut über Asphodeloswiesen
wandelt der zögernde Schritt,
Schatten und Schemen grüßen,
hauchen im Wind: »Komm mit!«
Was ich erträumt von der Liebe,
von ihrer schaffenden Kraft
an lenzesgrünem Triebe
Sprießt's nun als Todesschaft.

Nun ist die Insel in Schatten,
in Sternenschimmer getaucht,
nun sind die Olivenmatten
von Asphodelen durchhaucht.

Was mein Schicksal sollte wenden
in purpurnem Rosenglanz,
wird meinen heischenden Händen
zum Asphodelenkranz.

Den leg ich in einsamen Nächten
auf mein verbrennendes Herz,
daß die stygischen Blüten brächten
Kühlung wütendem Schmerz.

Die Arme, jammernd wie immer,
reck ich ins Dunkel hinaus.
Das Ende? – Sternenflimmer –
ein Asphodelenstrauß!


Attische Nacht

Vollmond über der Akropolis.
Tausend Lichter schimmern von Athen
– wie die Seelen aller großen Geister,
die einst hier gewirkt – geliebt – verglüht.
Weiße Helle fließt um jeden Stein,
Hauch und Duft wird jedes harte Dunkel.
Stolz das ewig schöne Erechtheion
recht die klassisch reinen Mädchenleiber,
und des Parthenon erhabener Bau
Schwimmt im Mondglanz – gloreolgeküßt.

Doch am Niketempel gleißt das Meer,
von der Insel Salamis beschlossen.
Hehr und heilig in den ewigen Aether
ragt Eleusis Tempelpracht darüber.

. . . In den Nächten, silberhell wie heut,
zogen hoch vom Parthenon herab,
Fackeln tragend, Weihrauchpfannen schwingend,
und mit Purpurrosen reich umkränzt,
bei der Zymbeln schrillem, heißem Tönen
all die Wissenden des Menschenlebens.
Mit dem Siegeszeichen ihrer Liebe,
das im Mondglanz blaue Schatten dämmert
über ihren sinnentrunknen Leib,
ziehen sie herab die heilige Straße,
weit und weiter – durch Olivenhaine –,
an des Meeres schaumbekränzten Ufern,
goldig schillernd – eine Riesenschlange.
Ueber marmorweiße Tempelstufen
wollen sie durch dunkel erzne Pforten,
die sich hinter ihnen dröhnend schließen.
Durch die attisch veilchenblauen Nächte,
ächzen ihre sündenbrünstigen Lieder,
bringen um den Schlaf den Liebelosen,
zeugen Wollust in den keuschsten Herzen.

Einsam wälzend sich auf schmalem Lager,
lauscht die Tugend bang den Brunstgesängen,
die sie schwach und schwächer noch umtönen.
In Eleusis aber schwellen höher,
überschäumend heiß in Lebenswogen,
Sinn und Sein.

Im Taumel, krampfverzerrt,
stürzen zu Astartens Füßen nieder,
lustzerfleischt – in ungeheurer Brunst,
ihrer Jünger ungezählte Scharen. – –

Schwarz und ehern hüten Tempelpforten
Menschendaseins tiefstes Urgeheimnis.
Durch die attisch veilchenblaue Nacht
leuchtet mondweiß die Akropolis!



II. Durch Glut und Geheimnis


Nach Indien

Nun wird der Anker gelichtet, –
nun tut sich die Welt mir auf, –
ob sich mein Leben schlichtet
nach rasendem Sturmeslauf?

Und werden's die Wogen zerschellen
im wütenden Lebensmeer,
zittert auf Todeswellen
drüber die Sehnsucht her.

Wie eine Mänade

Wo ist die Schönheit,
wo ist die Liebe?
Ist eins im andern,
ist keines wahr?

Wie eine Mänade
durchschluchz ich den Morgen,
durchras ich den mittag –,
durchsehn ich den Abend,
– und taumle ins Dunkel
der großen Nacht. – – –
Und doch – – – überm Dunkel
leuchtet ein Stern mir
– der Stern meines Ich!

So große Sehnsucht,
so große Liebe,
so große Leiden –,
die haben erkauft sich
die Ewigkeit!



An Bord

Wie tausendfältige Menschen hier an Bord,
und doch geeint vom gleichen, schlanken Kiel –,
sie sind ein Lebensbild mir fort und fort,
wie sie so rastlos suchen Glück und Ziel.

Zur Ferne geht's auf schwankem Wellenbug,
ob aller Tiefen ewig auf und ab,
die Weite lockt zu immer neuem Flug,
lockt sie auch tausendmal ins Meeresgrab.

Da schleicht ein Wähnen wild und weh ins Herz:
Ob gleichem Ziel uns kein Verstehen eint?
Ist es ein Muß, daß jeder tief im Schmerz
auf seinem Pfühl einsame Tränen weint?

Wie nächtiger Falter durch die Dunkelheit,
flattert gar manche Seele hier an Bord,
bis sie zerflattert ist – ertränkt in Leid –,

. . . Aber der Weite Lied lockt fort und fort!

Im roten Meer

Dies Sonnenbluten
im Roten Meer –,
ein Flammenfluten
darüber her.

Dies Glanzgefunkel
strahlender Pracht,

und dann das Dunkel
– die alte Nacht!

In einem Garten voll bunter Flammen

Im Traum – da hab ich dich wiedergesehn
in einem Garten voll bunter Flammen,
ich schritt am Arm dir, – in stillem Verstehn
schmolzen in einen Wunsch wir zusammen.

– – Doch dann verschwandst du – ich sah dich ziehn,
in der häßlichen, gaffenden, spöttischen Menge;
ich fühlte mir Jugend und Schönheit entfliehn
und stand allein in dem wirren Gedränge.

Nun wart ich umsonst im Gassenstaub –
meine rufende Stimme verhallt im Getose –
– ich warte – wilder Verzweiflung Raub

– – ewig die suchende – friedelose!


Kobra

Und wieder träumt ich –
zu fern, fernen Ufern
wär ich gezogen; –
auf Palmenwipfeln
brütet die Glut,
und die Affen höhnen –

Orchideen umdüften mich brünstig,
und ich male die Wandelbilder
indischer Sonnen! –

Da schießt eine Kobra,
gelbgrün schillernd, aus Dschungelnächten.
Und sie umschlingt und umwürgt mir die Brüste
und sie frißt mir das Herz – ich erwache!

Törichte Schlange, du kommst zu spät!
Mein Herz haben mir lange die Schmerzen zerfressen,
an seiner Stelle wuchtet ein Stein.

Nun muß ich suchen
ein neues Herz –
für die alten Schmerzen!

Venus

Ueber den Wassern ein Schaumgeflimmer –
nächtens leuchtender Sternenschimmer –
hoch die Venus funkelt von fern –,
ewiger Morgen– und Abendstern.

Hat sie tröstend geweiht den Tag,
schützend hämmernder Pulse Schlag,
und ist erfüllt ihr Liebeslauf,
strahlt neu als Stern der Nächte sie auf.

Liebe – sie dämmt das Leben ein,
endlos im Kreislauf von Lust und Pein –,
Liebe, sie bringt um Sinn und Verstand
den, der aus ihrem Licht verbannt!

Nächtens leuchtender Sternenschimmer,
über den Wassern ein Schaumgeflimmer.


Warum?

Warum erblüht aus toten Schründen,
was doch vergehn und sterben muß?

Was schreit mein Herz nach süßen Sünden
und lechzt nach niegeküßtem Kuß –

warum?


Meerleuchten

Tief ist die Nacht und tausend Sterne leuchten,
schwül ist die Luft – es glimmert um die feuchten
Salzbrisen heimlich wie von Funken auf.
Das Riesenschiff durchpeitscht die Flut im Lauf . . .

Was gleißt dort jäh aus ihren wilden Schäumen
das Rote Meer entlang in lichten Säumen,
violenflammend buntes Phosphorlicht,
das um den Kiel in blauen Strahlen bricht!?

Als wenn aus Tiefen Lichtmysterien brächen,
zum Himmel hell in Flammenzungen sprächen,
in unerhörtem Glanz die Meeresbahn
säumt's – unser Schiff – den schwarzen Riesenschwan.

Will in die Augen dir, die tränenfeuchten,
aus tiefster Nacht ein neues Leben leuchten? –
Aus allen Tiefen phosphorblau herauf
das Wunder glüht – weit schieß die Seele auf!

Stromboli

Aus Nacht und Wogenbraus enttaucht's mit Glut,
zum Himmel wirft's den grellen Feuerschein –,
zu Tale rot strömt es wie Flammenblut
– der Feuerweg wühlt in die Nacht sich ein.

Der Stromboli – das ist mein rotes Herz,
das seine Glut ewig in Nacht verglüht
und erdennieder heiß und himmelwärts
sein Seelenblut umsonst – umsonst versprüht.

Auf jede Lebensnacht folgt neuer Tag,
ewiges Dunkel nur umhüllt mein Sein –,
in wildem Krampfe bis zum letzten Schlag
krallt meine Lebensglut ins Nichts sich ein .


Ich rufe laut in die Nacht hinein

Ich rufe laut in die Nacht hinein,
nur das Echo höhnt mich – ich bin allein,

In zitternder Angst vor dem kommenden Tag,
was er wieder an Leiden bringen mag.

Keine Seele hört mein angstvolles Flehn,
und keine kann mein Rufen verstehn.

Jedes Herz so hart wie ein Marmelstein,
eine ragende Mauer schließt jedes ein. –

Zugvögelschwärme flattern und fliehn, –
o, könnte ich mit in die Sonne ziehn!

Ich rufe, doch alles läßt mich allein,
ich kann sie nicht brechen, die Mauer von Stein,

die so eisig, so eisig die Seelen umspannt,
die im Leben mich vom Leben verbannt!


Wie sich alle bescheiden

Wie sich alle bescheiden und dämmen,
und sie nennen's klug: »Resignieren«,
lassen sich alle beschneiden und hemmen,
nennen's: »Harmonisch zu Ende führen«.

Und es wird alles klein und erbärmlich,
was mit den tönendsten Phrasen begonnen,
Königreiche verschrumpfen ärmlich
und es erbleichen die strahlendsten Sonnen!


Sinai

Die Luft so still und flimmernd, dünn und rein –,
gleichmäßig stampft der Dampfer durch die Fluten,
schaumweißgekrönt, hellgrüne Furchen peitschend,
im Meerespurpur!
Zwischen Welt und Welt
von Afrika und Asien gleiten wir,
dem Roten Meer, dem Glutenozean
mit jeder Welle Prall entgegenatmend.
Die Wüstenkante uns zu beiden Seiten
wie Rosenblätter, mit den lila Schatten
die purpurviolette Flut besäumend.
Phantastisch wilde Wüstenberge steigen
mit spitzen Zacken in kristallne Lüfte.
Dort reckt der Sinai sein ehern Haupt –,
auch er im Rosenglanz!

So ist das Leben!
In Glorie, Duft und Leuchten lockt es uns
zu heißen, lichtumflossenen Wunderufern.
Je ferner – um so süßer lockt die Schau,
doch kommst du näher – jugendheiß und gläubig
und streckst die Hände sehnend nach den Wundern,
dann weichen langsam sie vor dir zurück,
dann tun sich dir die starren Wüsten auf –
die dürren, tötend dürren, heißen Wüsten –

vom Sinai–»Gesetz« schroff überragt!

Sternenpracht

Schwül–heißer Hauch umzittert mir das Hirn,
die Salzflut lau umwogt des Dampfers Stirn.

Wie schwarzer Samt füllt's unermessnen Raum,
des Mantels Falten brämt's wie Perlensaum.

Im Schiff die Menschenflut dahingestreckt,
von Tropenglut gelähmt, auf Deck sich reckt.

Und keiner fühlt die königliche Macht,
– die von den Himmeln uns entgegenlacht.

Sternbildgestickt erschimmert's, hoch und hehr,
funkelt ins Wellenmeer ein Sternenmeer –

ins sammetschmarze Meer –, der Flut gebeut's
und strahlt wie segnend Licht des Südens Kreuz.

Und fremde Dampfer segeln sacht vorbei –
– Schiffe der Nacht –, so sei denn, wie es sei:

Mein Schicksal lockte mich in Brand und Nacht,
so flammentief geküßt von Tropenpracht.

Sieghaft entstiegen tiefsten Leidens Schacht,
mein Schicksal führt mich in die Sternenpracht.

Laß ab

Laß ab von mir – es ist ein Traum
und das Erwachen bringt den Tod,
laß ab von mir – am Wüstensaum
erglomm purpurn das Abendrot.

Ein Rot in Götterdämmrungsglanz,
als berg es letzte Nacht im Schoß,
wie allen Lebens Totentanz,
wie Ewigkeiten tief und groß.

Ich weiß ja, daß dein Blick mich zwingt,
so oft du willst, in Qual und Brand –.
Laß ab – laß ab – die Geißel schwingt
zu hart in deiner harten Hand!


Orchis

Das Orchisdüften
in meiner Kammer,
und tief im Herzen
der alte Jammer,

In blühnden Magnolien
das Bülbülsingen,
das brachte sie wieder
auf nächtigen Schwingen.

Nun schatten ums Haupt mir
mit Flügelschlagen
die brennenden Träume
aus toten Tagen!


Wie Vögel

Schmetterlinge schillern und glühn,
groß wie Vögel –.

Wunsch und Sehnsucht gaukeln und blühn
wie am Himmel ein Sternensprühn,
bunt wie Vögel.

Träume, tolle, erwachen zu Hauf,
schlagen die toten Augen auf,
scheu wie Vögel!

Sterben nach einem einzigen Tag,
liegen zerstreut über Feld und Hag –
zahllos wie Vögel!

Orchideen meiner Seele

Und ich zog nach den Fluren am Ganges,
ließ mich durchglühn von Tropensonnen,
Orchideen meiner Seele
spiegeln ewigen Liebesbronnen.

Der – verschüttet vom Triebsand des Tages –,
reicht in unergründbare Schächte,
drin meines rastlosen Herzensschlages
Toben ich höre, durch brennendste Nächte.

Den kein Alltag jemals kann kühlen,
nimmer der Lebenswinter vereisen,
Urweltsehnsucht berufenster Erbe,
muß ich die Ewigkeit an mich reißen!


Benares

Im »Perlschiff« des reichen Mannes
fahr ich den Ganges hinauf,
auf allen Ghats und Treppen
lagert der Menschenhauf.

Es gleißt und schimmert von Farben
in gelb und rot und grün,
und braune, schlanke Leiber
aus schäumenden Wassern sprühn.

Viel tausende von Lippen
bewegen sich im Gebet,
von Gendalblumenketten
die Flut orangebesät.

Am Burningghat ist Ernte –,
der Scheiterhaufen zehn
mit ihren lichten Flammen
zum Morgenhimmel wehn.

Im Perlenschiff des Reichen
schürt höher man die Glut,
im kühlen Januarmorgen
wohlig die Wärme tut.

Auch meine bebenden Lippen
bewegen sich im Gebet .
von Gendalblumenketten
die Flut orangebesät.

Krokodile

Im Tank die Krokodile
liegen so träg am Tag,
zwischen badender Singhalesen
friedlichem Menschenschlag.

Doch nachts die Vorwelttiere
sperren die Rachen auf,
zermalmen, verschlingen, vernichten
wild im Zerstörungslauf.

So meine schwarzen Gedanken
schlummern in friedlichem Trug
und schlagen nur nachts ihre Pranken
ins Herz, das tagruhig schlug.

Krokodile, die wilden Wünsche
reißen die Rachen auf,
zermalmen, verschlingen, vernichten
in tödlichem Siegeslauf.

Krokodile, die wilden Wünsche!


Wandelbilder

Die großen, strahlenden Bilder versanken,
die friedenbringenden Glücksverkünder,
die seelenerhebend, kunstgebärenden.
Hinüber sind sie ins ewige Dunkel
und keine irdische Macht bringt sie wieder.

Ich aber – ich muß durch Wüsten schleppen
einen schweren Stein, wo mein Herz einst klopfte –,
durch öde, qualvolle, gähnende Wüsten.

Doch zwischen dem Steinmeer am Horizont
erglüht es zuweilen wie tagende Welten –
in rosigem Schimmer – – und rinnt in Nichts!

Ich aber – ich öffne die sehnenden Arme
und stürze dem Rosenschimmer entgegen.
Doch eh er den Stein meines Herzens gestreift –

erlischt er wieder – und ich muß weiter.
Und nur die äffenden Wandelbilder
höhnen gespenstisch erloschenes Leben!

. . . Vor jedem rosigen Schimmer breit ich
Niobidenarme – ewig ins Leere!

Du hattest Furcht

Der süßen Träume einer – flüchtigster –,
du mir zur Seite – Mangoblütenduft
in schweren, dichten Wellen um uns her.

Aus deiner Seele drang ein leiser Ton,
ein Aeolsharfenton –, auch meine Seele,
sie sang ihn mit!

Nacht sank herab, die Blüten flammten auf
im Kelchglas – meine Sehnsucht wuchs!
– – – – – – – – – – –

Dann kamst du wieder –,
deine Seelentür
war mir verschlossen – und es starb ein Glück
noch in der Knospe!

Du hattest Furcht vor mir und vor der Liebe!


Und wieder Einer

Und wieder einer – jung und fein und wild –,
in seiner Seele ungesungene Lieder –
von Tränen trächtig – und er liebte mich –,
für einer Stunde Zeit verstand er mich.

Für einer Stunde Zeit verstand er mich!
– dann sanken wieder dichte Seelenschleier
– und lichtberaubt würgt mich die alte Nacht!

Jäh fühl ich's . . .

Jäh fühl ich's: Bunt ist das Leben,
doch kalt wie gleißendes Erz;
nur der Tod kann Wärme geben
für eine liebeverwundetes Herz.

Anuradhapura. Wilde Elefanten

Wilde Elefanten kommen
oft zur Nacht,
rauben aller Lotosblüten
weiße Pracht.

Trinken aus dem Tank die Fülle,
ziehen fort –,
lassen ohne Blüt' und Wasser
leer den Ort.

Und so fürcht ich, meiner Träume
Lotospracht
wird der Elefanten »Schicksal«
Raub zur Nacht.

Trinken leer den Born der Sehnsucht,
ohne Hort,
meine Seele harrt der deinen
– und verdorrt!


Mein Dämon – weißt du noch – der wilde Traum?

Mein Dämon – weißt du noch – der wilde Traum?
Millionensternig strahlt der Himmelsraum.

Wir saßen einsam, hoch auf dem Balkon,
er war wie unsres Glückes erzener Thron.

Blauschillerseide floß um meine Glieder
auf die den Mund du preßtest immer wieder.

Dann klang »Sakuntala« dir von den Lippen,
den süßen, brennenden Korallenklippen,

an denen langsam die Vernunft versank
und tief vom Taumelkelch der Sinne trank.

In fieberschwangern Dschungelfinsternissen,
die Krallen tief ins wilde Herz gerissen,

wie Tiger eines mit dem anderen rang –
und dann zu seliger Einheit sich umschlang. –

In Dschungelnacht – Tiger am Wüstensaum –
ich weiß nichts weiter – alles war ein Traum!

Ruanweli, die goldene Pagoda

Ruanweli, die goldne Pagoda –,
in ihrem Innern glühen tausend Schätze,
die keiner heben kann, denn tief im Grund
sind sie vermauert; – und ein Riesenbau
türmt sich darüber – hoch wie Pyramiden.

Doch drinnen wölbt sich ein geheimer Gang –
und einem einzigen nur war es vergönnt,
zu wandeln auf dem tiefgeheimen Pfad
und zu erschaun das aufgehäufte Gold –
dem König!

. . . Laß mir dein Herz ein Ruanweli sein,
laß mich, auf nachtgeheimen Pfaden wandelnd,
all seine Schätze – seine Wunder schaun –,

laß mir dein Herz mein Ruanweli sein!



Buddha

Buddha starrt schwarz und schweigend und groß
der rinnenden Nacht in den samtenen Schoß,
dahinter die Abendgluten
am Himmel zitternd verbluten.

So hat er gestarrt vom ersten Tag
in tausende sehnender Herzen Schlag,
so hat er gestarrt und geschwiegen,
wenn zum Himmel die Wünsche stiegen.

Und er starrt noch immer – die Dschungelnacht
wächst höher und höher in grüner Pracht,
und flüsternd die Bäume sich neigen,
sie kennen des Buddha Schweigen.

Sie wissen, nur eines frommt dem Sinn,
nichts sehnen, nichts wünschen, am Boden hin
wunschlos und traumlos schwanken –,
flüchtig wie Blumenranken.

Einen Tag dem Buddha die Stirn umziehn
und dann vermodern und dann verglühn.

Nirwana, das große Traumes–Nichts,
verschlingt unersättlich den Born des Lichts.

. . . Und den Urwald durchraunt ein Neigen –
der Buddha lächelt im Schweigen.

Am Botree

Am ältesten Menschheitsbaum die Lichter glühn,
s' ist Vollmondnacht – und alle Sterne sprühn.

Zweitausend Jahre hat der Baum geschaut
und immer hat dem Vollmond er vertraut.

Der gab stets schönste Blüten, ihre Düfte
ziehn, schmeichelnd seinen Zweigen, in die Lüfte.

Und immer war sein Stamm der Affen Haus;
die spähten durch das Laub aufs Volksgebraus,

und wenn des Nachts der Baum verlassen war,
dann kam herab die langeschwänzte Schar

und fraß die schönsten Blüten und die Früchte. –
Zweitausend Jahr – und stets gleich die Geschichte:

Das Höchste und das Köstlichste auf Erden
blüht auf und glüht – um Affenfraß zu werden!


Das ewige Buddhageheimnis

Der Mond steht groß und golden
über der Dagoba –,
vom Altar gleißt und schimmert
lächelnd und still Buddha.

Wie sie eilig Kerzen bringen,
Lotosblumen zu Hauf,
und fromme Lieder singen,
flammt's in die Nacht hinauf.

Das ist das Kreuz des Südens,
das über den Dschungeln steht,
und – der eine Gott für alle
hört eines jeden Gebet.

Hört es – und legt's zu den andern,
schon türmt sich's zu Bergen empor –,
das ewige Buddhageheimnis
lächelt im Weltenchor!


Mondstein

Völker kamen und starben,
Könige siegten, verdarben,
welkten wie Blumen dahin.
Der Urwald hat sie begraben . . .
Wir wollen nun wieder haben,
was längst von hinnen ging.

Aus Tiefen Säulen steigen
zu Tausenden und neigen
sich still zum Mondstein hin.
Und wenn in Vollmondnächten
die Strahlen Rosen flechten
über den grauen Stein –

dann brechen sie ihr Schweigen,
dann flüstern sie und zeigen
nach einem leuchtenden Schein,
den tausende von Jahren
nicht konnten fassen, erfahren –
den leuchtenden Wunderstein,
der Menschen lehrt – glücklich sein!


Wie von anderm Stern

Und wieder zurück aus dem fernen Land,
wo ich Wunder über Wunder fand,
und meiner Seele Heimatblau,
scheint mir hier alles so matt und lau,
bin so fremd und fern –
wie von anderm Stern.

Und reicht mir einer als Freund die Hand,
meiner Seele ist hier keiner verwandt.
meine Seele ist fern
auf anderm Stern.

Zwischen mir und den andern klafft eine Kluft,
aus der steigt es empor wie Mysterienduft –
ich kann nicht hinüber –
der Freund nicht herüber –,
ein jeder so fern
wie Stern von Stern.

Derweilen hier alles im Dunkel zog,
meine Seele durch Glut und Geheimnis flog –,
nun ist sie dem Alltag fremd und fern
wie von anderm Stern.