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Stanislaw Przybyszewski – Himmelfahrt

Novelle

Stanislaw Przybyszewski, Himmelfahrt, Aus: Moderner Musen-Almanach auf das Jahr 1894, Herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, Zweiter Jahrgang, Verlag von Dr. E. Albert & Co., Seperat-Conto, München, [1894]



Sie mußten sich trennen.

Niemals wußte er, weswegen eigentlich. Er wußte nur, daß sie ihm eines Abends die Hände drückte und matt und ruhig sagte:

– Siehst du, wir können nicht länger zusammenleben. Es geht nicht. Du bist müde und krank und alt. Ich werde gehen – nicht wahr?

Und er schwieg.

Ja, das war wol das beste. Das würde wol gut sein. Dann käme wieder Leere, Ruhe, – trüber, regnerischer Himmel, – schwere, bleierne Wolken, – aber Ruhe.

Er war so furchtbar müde.

Er fühlte ganz deutlich, daß er in sich hineinknicken, zusammenfallen müsse; in dieser Spannung ging's nicht weiter, sonst müßte etwas reißen.

Nein, so konnte er nicht weiter leben.

Es gab nur Qual, unerhörte, unaufhörliche, fressende Qual, die wie Ysopkraut in das Gefüge seines Wesens hineinwuchs und lange, feine Wurzeln trieb, welche das Gefüge lockerten, daß die Mauer barst und auseinanderfiel und sank . . .

Und es sollte Glück sein!

Er sollte die Sonne haben – er, der arme, zwölfköpfige Bergtrold.

Viele Schätze hatte er in seiner Höhle – Gold, Silber und Edelgestein; nur die Sonne mußte er noch haben – die Sonne.

Und in einer dunklen, langen Nacht ging der zwölfköpfige Trold die Sonne suchen. Die Berge riß er auseinander, und schlug den Felsen die Gipfel ab, und walzte sie herunter, daß sie funkenregnend mit fürchterlichen Donnern ins flache Land herniederrollten, und dachte die Sonne zu finden.

Dann setzte er sich hin, um auszuruhen, und dachte weiter nach. Aber in zwölf Köpfen kann es keinen Frieden geben. Jeder sprach in den andern hinein, mit wütenden Fäusten hieb der eine auf den andern los, und es gab nur Qual und Angst und Streit.

Und als die Sonne kam, da überfuhr ein wahnsinniger Schrecken und ohnmächtige Wut den armen, zwölfköpfigen Trold; in die Finsterniß wollte er zurück, in seine Höhle wollt' er sich verkriechen, aber es war zu spät – die Sonne tötete den Trold . . .

Und so dachte er wie der Bergtrold mit zwölf Köpfen nach, wie er die Sonne finden könnte . . .

Wenn er sie wenigstens nicht geliebt hätte. Aber er liebte sie; mit ächzender, dürstender Not der Seele liebte er sie, mit wilder Verzweiflung und zerstörender Ohnmacht.

Sie war still und schweigsam; mit der tiefen, andächtigen Schweigsamkeit, die die Hände über Kreuz geschlagen hält. In ihren Bewegungen lag es wie ein Moderduft großer, langer, alter Vergangenheit, und in den Augen und der Sprache war der Ton des Wissens, der Schimmer der Erkenntniß. Sie war groß und stolz und traurig; mit der Majestät und Traurigkeit des Sündenfalls, mit der großen trüben Sehnsucht des verstoßenen Engels, den es nach der paradiesischen Seligkeit zurückverlangt.

Ja, er hatte sie gequält, wahnsinnig. Bis aufs Blut hieb er sie mit seinen Zweifeln, blutende Brandwunden ätzte er in ihr Gehirn mit seinem Hohn.

Sie durfte nicht sagen, daß sie ihn liebte; er glaubte es nicht. Der Andere, der, den sie früher geliebt, der sie verlassen hatte, der war es, den sie in ihm wiedergefunden, den sie in ihm weiter liebte.

Sie durfte nicht still sitzen und träumen; selbstverständlich, sie dachte an die Orgien des Geschlechtes mit dem Andern . . .

Und sie sollte ihm das Glück sein! – Alles hatte er für sie geopfert, alle Schranken niedergetreten; durch einen Wald von menschlichen Leibern hätte er sich mit der Axt den Weg zu ihr gebahnt.

Das Glück all seiner Liebsten hatte er zerstört, die stärksten Bande zerrissen, die ihn an sein Blut, an seine Eltern, an sein Kind, mit unaussprechlicher Liebe ketteten, seine Zukunft hatte er mit. Füßen zertreten, nur um das Glück zu finden, die Sonne vom Himmel herunterzureißen und in seinen Schatzkasten zu verbergen, – aber es war kein Glück.

In dem zwölfköpfigen Gehirn konnte es keinen Frieden, keine Ruhe, kein Glück geben: nur Streit, nur Angst, nur Qual und Elend . . .

Und als das Glück ihm endlich aufging, das war ein fürchterliches Glück.

Das Glück, das wie der indische Sensenwagen über ihn gesaust kam und mit scharfen Schneiden seinen Leib zerfleischte, ihn mit seinen schweren Rädern auseinanderriß, daß er sich nicht wiederfinden konnte, zu einer ungefügen Masse, einem Knäuel, in dem der Anfangsfaden nun verloren war.

O, das Glück, das einer tausendfach mit Nadeln und scharfen Nägeln gespickten Keule gleich in feinem Körper wühlte und Fetzen lebendiger Edelteile spritzend heraustrieb.

O, das Glück, das ihn mit verzerrter Teufelsfratze hetzte, ihm die Seele aus dem Leibe hieb, von hinten, mit Geißeln, daß sich breite blaue Striemen über seinen Rücken zogen.

Das also war das Glück . . .

Ja, das Liebesglück, das schließlich gar in religiöse Raserei umkippte, das asketische Glück im härenen Hemde, ausgestreckt auf harte Dielen mit dem knöchernen Totenkopfe unterm Nacken und überkreuz gelegten Totenbeinen auf der Brust und der schauerlichen, ewig nagenden Mahnung in den Ohren: Memento mori . . .

Nein, es ging nicht.

Zwölf Köpfe konnten nicht das Ei ausbrüten, aus dem das Glück auskriechen sollte; was der eine Kopf ausbrütete, das fraß der andre wieder auf. Es gab nur Qual, nur unerhörte, unaufhörliche Qual mit tausend stechenden Nadeln, tausend ätzenden Säuren, – so konnte es nicht weiter gehen, sie mußten sich trennen.

Und all' die Opfer umsonst.

Umsonst das Glück all' seiner Liebsten zertreten, umsonst die Ruhe seines Kindergewissens hingegeben, umsonst hatte er zum Mörder, zum Weltzerstörer und Tyrannen werden wollen, umsonst gab er sich dem Hohn und der Verachtung seiner Freunde preis, – Alles umsonst.

Er konnte es nicht verstehen. Er hätte doch dasselbe Recht auf Glück gehabt, wie Andere, – ja mehr. Hatte er nicht gern und ohne Laut das schwere Kreuz den Berg der Schädel hinaufgeschleppt? war er nicht gekreuzigt und verlästert und mit Koth beworfen worden?

Und er glaubte, daß es hätte kommen müssen; entschieden, ganz entschieden mußte es ja kommen, das Glück.

Sie war ja der Engel, dessen leuchtende Flügel ihn zum Himmel tragen mußten; zum Himmel, der sich öffnen würde und alle Seligkeiten seiner Sehnsucht über ihn herniederregnen.

O, die heilige Himmelfahrt, die er, sanft umglüht von ihrer Liebe, geheiligt durch sein Golgatha, gereinigt durch das Feuerbad des heiligen Geistes der Glückseligkeit, mit ihr vollbringen wollte.

Auf dem Regenbogen im Aether wollte er thronen, und die Erde sollte seine Fußbank sein, und die Menschen ihm die strahlende Gnade von den Sohlen küssen.

Ja, es kam anders! Und sie trennten sich.

Aber als der rasselnde Zug, der sie ihm wegtrug, nun aus seinem Gesichtskreis verschwunden war, nun verstand er erst, daß er sie verloren hatte; ver-lo-ren . . .

Er mußte sich das laut wiederholen, ganz laut; um es klar und genau zu wissen, – so dachte er sich.

Das klare, genaue Wissen, das ist die Hauptsache, meinte er.

Wenn man sich erst etwas klar gemacht hat, dann wird es eben klar.

Aber über das Klare konnte er nicht hinaus.

Er stützte seinen Kopf gegen den Pfahl des Gaslichtkandelabers; das kalte Eisen brannte ihn.

Es wurde ihm etwas fürchterlich klar, so klar, wie er den beginnenden Tag zu sehen pflegte, wenn er spät heimkehrte.

Dann trat er auf die Straße – und blieb stehen.

Auf der einen Seite stand ein Cigarrenladen, auf der andern eine Restauration.

Er verspürte Durst und Lust zu rauchen; er konnte sich nur nicht entschließen, was er eigentlich wollte, – und ging weiter . . .

Jetzt plötzlich kam er – ja – zu einem großen Entschluß: er müßte dem Zug nachlaufen, – aufhalten würde er ihn sicher. Auf seinen Händen würd' er sie zurücktragen, zu ihren Füßen würde er kauern wie ein Hund, ein Hund; Herrgott, er mußte, mußte sie wiederhaben, – etwas war von ihm gerissen, er mußte sich's wieder holen.

Etwas schrie höhnend, gell in ihm: Umsonst! –

Er fing an zu rasen . . . wunderbar schön.

Alle seine Gedanken kamen in ein wirres Kreisen. Sie beschrieben weite elliptische Linien. Sie dehnten sich aus. Sie schwirrten und glühten und schossen herum. Manche explodirten und sprangen heraus und warfen sich in parabolischen Curven empor, eine sprühende Rutenschwingung, die die Luft zerriß und irgendwo am Boden erstarb; und in der Mitte tanzten zwei neugeborene, ungestalte Ausgeburten seiner Seele, leise kichernd, wirr um sich herum, wie zwei Kinder in dem Kranz der schwingenden Paare auf dem Tanzparkett. Die ganze Welt tanzte. Die Häuser standen eingeknickt und sehnten sich zu fallen; und seine Gedanken beschrieben immer weitere excentrische Kreise; und jetzt kam ihm vor, daß etwas schrill zerspringen müsse; ein glühender Gedankenbogen müsse zerreißen; in einem Nu müsse sein Gehirn zusammenschrumpfen, auf einen Kernpunkt, der sich starr zu einer glühenden Faust zusammenkrampfte und mit einer unendlichen Wucht irgendwo einschlüge, etwas zertrümmerte, daß Stücke herumflögen, weit ins Weite, prasselnd und zischend, wie die Gischttropfen von siedendem Wasser, wenn man Oel hineingießt.

Er lief keuchend. Er rannte, daß er glaubte, die Beine müßten sich ihm losreißen; durch die Vorstadt; in die Mitternacht, ins dunkle Feld hinein; dann fiel er hin . . .

Ueber dem Dorfe stand die Sonne; in der mittaglichen Majestät. Die Straße lag, als wäre sie vom Licht gewaschen, weißglühend in hochzeitlicher Pracht. Vor den Häusern um die Thüren lehnten Weidenzweige, in den Fenstern waren grüne Schilfblätter aufgestellt. Weißer Sand war auf dem reingefegten Pflaster ausgestreut, und still in sich zusammen- gesunken, in kauernder Andacht, ruhte heilig das Dorf.

Es war Pfingsten, – der Einzug des heiligen Geistes, der in Gestalt feuriger Zungen auf die Erde niederstieg; er, der als weihe Taube über dem Vater und Sohne thronte; er, als weiße Taube über dem Vater und Sohne thronte; er, das Unsagbare, das nur geahnt werden konnte, wie die mystische, glühende Sommerstille, die ein Meer von weißem Feuer auf die Landstraße breitete.

Das war das Fest des heiligen Geistes . . .

Er fühlte ihn, wie er sich in ihn ergoß, wie er ihn erfaßte und auseinanderdehnte über die ganze Erde hin, weil in dem lächerlichen Menschenkinde seine Majestät nicht Platz hatte; er fühlte, wie sein Leib sich streckte und den heiligen Boden rings umspannte, wie vom Boden und vom Himmel etwas in ihn übertrat, wie die Hand der Allmutter ihn an die zuckenden Brüste nahm, bis Erdensäfte ihn durchströmten und der heiße, schwingende Himmelssame ihn peitschte. Er war stark, weil er ein Stück der Erde wurde. Wenn er sich aufhübe, müßte die Erde sich mit ihm heben, Himmelskörper müßten ihre Bahnen verschieben, weil sonst nicht Platz da wäre für den erdgeborenen Menschensohn . . .

Er lag und fühlte den heiligen Geist. Der Frühlingsbrodem dampfte ihm durch alle Adern. In wüstem Aufschwung raste er in ihm empor: nach der Vollbringung des heiligen Mysteriums: der heilige Geist des unendlichen Glückes, der heilige Geist der unendlichen Liebe . . . der Liebe . . . der Liebe . . .

Wie sie sich über ihn niederbeugte, die unfaßbare, verschwimmende Frauengestalt mit den sonnendurchglühten, durchsichtigen Händen.

Um ihre Stirne war ein mandelförmiger Lichtschein. Mit einer Chrysam-Atmosphäre keuscher Reinheit floß sie auf ihn nieder, – das heilige Bad der Taufe.

Ueber zwei Meere war sie zu ihm gekommen. Einen Berg und den andern mußte sie mit nackten Füßen überschreiten, um ihn zu erreichen: Aber sie kam.

Hochaufgethürmt schlugen die Meere gegen den Himmelsrand. Mit eisernen Spitzen starrten die Wälder der Berge in die Luft: Aber sie kam.

Geliebter!

Es klang, wie wenn es ungeboren wäre, anfangs- und endlos; als ob sich eine Schallwelle, die schon vorhanden wäre, wie ein Aeolsharfenton verstärkte, voll emporhob und sich wieder in der end- und anfangslosen, tönenden Welle zur Ruhe legte.

Geliebter!

Es war wie das allmähliche Dämmern einer leisen Wolke, die in weitem Strich sich über den ganzen Himmel zog; sie wuchs, schwoll an, verlor sich wieder.

Geliebter!

Es durchzitterte ihn wie ein perlendes Regenwetter, eine aufgelöste Nebelfläche, einen Augenblick lang, und verschwand. Wie ein kühlender Luftzug an schwülem Sommertage, von dem man nicht begreift, woher er plötzlich kam, – der dumpfe Mittag verschlingt ihn.

Ja, um den Mittag herum; in der Erntezeit. Vor den Häusern hocken die Schnitter und klopfen mit den Dengelsteinen auf die Sensen. Kinderschwärme schleichen halbnackt durch das Dorf aus der Schule, und bei jedem, der vorbeigeht, rufen sie im Chor: Gelobt sei Jesus Christus. An der Schmiede steht ein Pflug, halbgeborsten. Vor einem langen Hause sitzt gähnend eine Scharwerkerschaar, wartend bis die Glocke tönt, die sie wieder zur Arbeit ruft, die Glocke mit dem sonderbaren, heiser krächzenden Ton; sie ist eingekeilt zwischen zwei Birnbaumästen, und wenn der Vogt an der Leine zieht, dann zittert der ganze Raum und die Glocke reibt sich an der grauen Rinde.

Schweres Gewitter, unheildrohend, schwanger von Todessaat, lagert über dem Dorf.

Das fürchterliche Gewitter, das die Mutter tötete. Er sah sie deutlich, wie sie in gebückter Todesahnung das Messingkruzifix hervorholt; er hört sie deutlich, wie sie mitten in der Stube niederkniet und die Litanei herbetet, die monotone Litanei an die heilige Jungfrau von Loreto.

Die Kinder kauern zitternd, weinend in den Ecken. Das Getöse des Donners schlägt in ihre Seelen wie die rächenden Posaunenstöße des jüngsten Gerichts, womit der Lehrer sie bedrohte. Eine rasende Furcht zuckt bei jedem neuen Blitz durch ihre Körper.

– Maria, du Thurm von Elfenbein . . .

– Bete für uns! schreit schluchzend die Kinderschaar.

– Maria, Arche des Friedens . . .

– Bete für uns!

– Maria, Trösterin der Sterbenden . . .

Nun barst der Himmel, – langsam, mit schwerem, knatterndem Donner; grünes Licht wuchs aus den Wänden, die Stube dröhnte; ein Todesaufschrei – durch die wimmernden Stimmen der Kinder, durch die grausame Stimme Jehovahs hindurch –

die Mutter war tot . . .

Jetzt: er wollte sich aufheben – auf! Er griff stöhnend und mit beiden Händen auf den Boden und wollte sich auf seine Kniee stellen; er vermochte es nicht.

Ächzend stürzte er langhin aufs harte Erdreich, und keuchend hörte er's aus seinen heißen Lungen kommen:

Wo bist du, Du?

Und da fing es an in ihm zu toben; wie ein blendendes Gewitter fuhr's, wie Blitze rauschte es durch sein Gehirn; über ihm wieherte die Windsbraut; wirbelnde Sandpfeiler rasten auf ihn los wie ein Riesenheer, das ihn tief begraben, tief ins Innere der Erde niederstampfen wollte. Wie ein tierisches Schmerzgeheul, wie furchende Flammenschlangen ächzte es und zischte es in seinem Körper: Geliebter – Geliebter – Geliebter! –

Auf der Mondsichel saß der Teufel – ein Teufel mit langherabhängenden, dünnen Beinen, mit einem grinsenden Bocksgesicht – und spielte die Geige; und angelte nach ihm mit langen, schwingenden Tonschnüren, von denen jede einzelne in einen spitzen Haken auslief.

Der Teufel entwickelte, weiß Gott, eine wunderbare Treffsicherheit. Eine Angel nach der andern hakte an, die eine in das weiche Gehirn, die andre an der Brustwarze, eine andere am Halse, eine an den . . . oh, er krümmte sich vor Schmerz! aber er konnte nicht auf.

Er schlug die Erde mit den Fäusten, er biß sich in den Sand hinein, er streckte sich im Schmerzenskrampf lang aus und kroch vor Schmerz in sich zurück, hob sich und fiel, – immer wieder, – und in unerhörter Todesangst hörte er sich schreien:

Wo bist du, Du? –

Jetzt kam ihm vor, als ob die Welt zu einer fürchterlichen Orgel wurde; die Töne wurden schwer und dick und engten ihn mit einem Walde von Columnen ein; über ihnen ruhte eine ungeheure schwere Kuppel, und die Säulen zitterten und barsten und krachten. Jetzt würde die Welt auf ihn niederstürzen; die schwere Orgeltonkuppel des Himmels würde ihn begraben; der Boden wankte, die Columnen knickten ein, die Kuppel platzte in der Mitte – noch ein Augenblick . . . mit übermenschlicher Gewalt riß er sich vom Boden.

Auf der Mondsichel saß der Teufel mit den lang herabhängenden, nackten, dünnen Beinen und spielte die Geige. Neben ihm saß ein nacktes Weib: das Weib des Sündenfalls – das Weib, das von der Erkenntnis gegessen hatte, das heilige Weib seiner Liebe, sein Himmelfahrtsengel – und rieb lüstern ihren nackten Leib an dem des Teufels und lachte; aus vollem Halse lachte sie.

Hier, ich, der Preis deines Kreuzigungstodes! Hier, ich, der goldene Eliaswagen, der dich in den Himmel tragen sollte! Hier, ich, die Göttin deiner dionysischen Sehnsucht! ich, das Tabernakel deines heiligen Verbrechertums! . . . Ich . . . ich . . . ich . . .

Alles verschwand. Es war dunkel; nur der Himmelsrand verbrämt mit einem leichten, lichten Streifen . . .

Das war das Glück . . .

Er, der erdgeborene Menschensohn, – Er, der über Leichen geschritten war, – Er, der die rauchenden Opfer tausender, geborener und nicht geborener Menschenkinder dem Teufelsweibe dargebracht, – Er – ja – Er: wie stark er war! Seine Adern strotzten vom Blute tausend geopferter Menschen; sein Kopf wuchs bis zum Himmelsrand, weil er die fürchterlichen Mengen Blut nicht fassen konnte; seine Muskeln schwollen an zu Riefenbeulen voll wahnsinniger Kraft.

Jetzt mußte er die Kraft entladen; jetzt mußte er die That vollbringen, würdig eines erdgeborenen Menschensohnes . . .

Der Streifen am Himmel unten wurde breiter, das Morgengrauen kam.

Ja: das war es! Das war die That, die er vollbringen mußte:

Er war die Morgenröte! –

Mit der Finsternis hatte er gerungen, seine leuchtenden Finger in die Finsternis hineingebohrt, daß sie wie leuchtende Zacken in das dunkle Räderwerk des Dunkels griffen, und er wälzte die Räder der Finsternis mit den blitzenden Zacken seiner Hände, und sie schwand und schrumpfte zusammen, und über den ganzen Himmel hin erglühten Seine Weißglut- heißen Fingerzacken – Er siegte: Er, die Morgenröte, Er, der weiße, reine, heilige, leuchtende Tag, der Tag der Himmelfahrt!

Schweiß rann von feiner Stirne, und hoch emporgereckt mit beiden Armen, mit blutunterlaufenen Augen und wildem Blick, mit froh jauchzendem Munde stand er da, der Überwinder, der Sieger, der Strahlende, – er hatte das Glück . . .