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Stanislaw Przybyszewski – Der Schrei

Roman

Stanislaw Przybyszewski, Der Schrei, Georg Langen Verlag, München, 1918



I

Leise, mit ängstlicher Vorsicht schlich Gasz­towt an ein kleines, unscheinbares Haus heran, in dem ein bekannter und berüchtigter Kunsthändler Ausstellungen von Werken junger Künstler veranstaltete.

Er dachte nicht daran, dem höllischen Halsabschneider und felsenharten Shylock der jungen Künstler ein paar Franken aus der Tasche herauszulocken; das liess er sich nicht einmal im Traume einfallen: lieber würde er sich in einem Anfall von Hungerdelirium auf den erstbesten Passanten stürzen und ihn berauben, ehe er sich auch nur mit der geringsten Bitte an den unerbittlichen Wucherer wandte – nein! Das war es nicht – etwas ganz anderes; seit dem Augenblick, als er auf das Drängen des Händlers, der ihm mit kleinen Beträgen aus der äussersten Not herausgeholfen hatte, und unter Androhung der Versteigerung aller seiner Bilder sich endlich entschliessen musste, eine Auswahl seiner Bilder auszustellen, konnte er keine Ruhe finden.

Ihm war, als hätte er eine gottesschänderische Tat begangen, da er seine Bilder der öffentlichen Besichtigung preisgegeben, – als würden sie geschändet, jenes geheimnisvollen, heiligen Schleiers der schamhaften und innersten Ekstase beraubt, in der sie geschaffen waren: er hatte das Empfinden, als hätte er sein teuerstes Kind auf die Strasse gejagt, damit es mit seiner Schande ihm Geld verdiene – ihn würgte die Scham, er schäumte vor Wut, dass er sich hatte hintergehen lassen, er ergoss über sich die Jauche der Verachtung, dass er seinem heiligsten Entschlusse untreu geworden: niemandem Einblick in die Geheimnisse seiner Offenbarungen zu gewähren.

Und jetzt schlotterten ihm die Knie, ging er doch hin, um ein endgültiges Urteil über seine Erbärmlichkeit zu fällen – er ging hin, um seine Bilder zu sehen, entweiht, beschmutzt durch das Anstarren seelenloser, mit dem ranzigen Speck der Dummheit und des gedankenlosen Stumpfsinns verfetteter Augen – und er selber wollte sich jetzt richten, weil er es zugelassen und seine Seele zu einer käuflichen Dirne entwürdigt hatte.

Er schlich mit listiger, diebischer Vorsicht immer näher an dieses verdammte Haus heran und sah sich beständig nach allen Seiten um.

Schon seit dem frühen Morgen hatte er das Gefühl, dass ihm jemand dicht auf den Fersen sei, ihn beobachte, seine Gedanken behorche und sich mit tückischer List in den Hader seiner Seele einmische, in die schmerzlichen Geheimnisse, – und jetzt unsichtbar hinter ihm herschleiche, um plötzlich vor ihm zu erscheinen und ihm seine Schande ins Gesicht zu speien . . .

Er besann sich plötzlich, und ihn packte Angst vor der kranken Einbildung, die seine Seele wie ätzende Lauge zerfrass.

Wer sollte ihn denn verfolgen oder beobachten? Warum? Wozu? Hatte er ein Verbrechen begangen, so doch nur an seiner eigenen Seele, und das ging doch niemanden etwas an – ein zerebrales Verbrechen, ein Harikiri, das er an seiner eigenen Seele verrichtet hatte, unterlag doch keiner weltlichen Strafe, also hatte doch niemand einen Grund, ihn zu verfolgen.

Endlich öffnete er die Haustür – blieb noch eine Weile auf der Schwelle stehen, sah sich noch einmal um, aber er konnte weit und breit niemanden erblicken.

Er betrat einen engen und schmutzigen Korridor und läutete an einer Tür.

Jemand öffnete, er bezahlte einen halben Frank »Eintrittsgeld«, sah sich plötzlich mitten in einem kleinen Saal, der elendes Licht durch ein paar schmale Fenster erhielt: auf der gegenüberliegenden Wand waren seine Bilder aufgehängt.

Er schloss die Augen, als wollte er sie erst noch für die Qual vorbereiten, die ihrer harrte.

Und um diese Qual noch zu steigern, wollte er sich deutlich vergegenwärtigen, wie seine Bilder in seinem Atelier ausgesehen hätten, und wie er sie nun erblicken würde.

Er hatte eine gewaltige Synthese der Strasse schaffen wollen, ihre Ewigkeitssymbole, ihre schauerlichen Geheimnisse offenbaren: sie in ihrem grausigen Umfang erschöpfen – all das Gewaltige und Schändliche, das in der menschlichen Seele lebt, vor Lust wiehert, in Delirien der Verzweiflung verreckt, sich in der unflätigsten Jauche wälzt, im Bluttümpel von Mord und Verbrechen badet, – all das in sie hineinprojizieren: das ganze Leben hatte er in einem riesigen Symbol wiedergeben wollen: der Strasse!

Er schlug die Augen auf und prallte entsetzt zurück.

All seine Bilder verflossen ihm zu einem blödsinnigen, lächerlichen Chaos.

Er war nicht imstande sie wiederzuerkennen.

Als hätte ihm ein boshafter Satan eine Brille vor die Augen gehalten mit seltsam geschliffenen Gläsern, durch die er den ganzen Abgrund seiner Ohnmacht und seines stümperhaften, unfähigen Könnens überblicken konnte.

Das, was ihm in seinem Atelier noch vor wenigen Tagen strotzend von Macht, überschäumend von künstlerischer Kraft erschien, sah er jetzt als eine verrenkte, schwindsüchtig hüstelnde, lächerlich hopsende Groteske. Das, was er als Symbol darzustellen versuchte, wurde ihm nun plötzlich zu einer läppischen lallenden Phrase – es verblieben nur jämmerlich nackte, stümperhaft verzeichnete, marktschreierische Strassenszenen, kleine, dumme, geistlose Episödchen, ordinäre, reportermässige Berichterstattungen, die elendsten Illustrationen für allerlei Mordgeschichten und infame Winkelblätter . . .

Die siegreiche Fanfare der Farben verblasste, verstummte, er hörte nur ein gemeines Jahrmarktsgeschrei, ein zänkisches Gezeter, sah nur eine grelle, ordinäre Harlekinade: seine Augen wurden blind von der trunkenen, röchelnden Kakophonie besessener Farben, wie man sie auf den Schildern der Vorstädte zu sehen bekommt.

Und gleichzeitig empfand er einen bestimmten physischen Schmerz, als ob fremde Augen sich hinterrücks, langsam, beharrlich, in gröss­ter Anspannung in ihn hineinbohrten.

Und in dem Masse, wie das Bohren schmerzhafter wurde, begannen sich die Brillen, die er vor seinen Augen hatte, so gespenstisch auszuhöhlen, dass er jetzt nichts anderes zu sehen vermochte als nur ein elendes Geschmier, unflätigen Verputz, eine ekle eiternde Wunde seiner Ohnmacht.

Er hörte sich selbst aufstöhnen und erschrak, dass jemand sein Stöhnen hätte hören können – wusste er doch genau, dass jemand hinter ihm stand und seine Augen unaufhörlich in ihn hineinbohrte.

Ohne es zu wissen, wandte er sich um. Er sah wirklich und leibhaftig einen jungen Mann vor sich, der mit grösster Spannung und in verzückter Sammlung etwas anstarrte – aber nicht ihn, sondern seine Bilder.

Gasztowt sah ihn feindlich und gehässig an, aber jener schien ihn gar nicht zu beachten, ihm auch nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken: er blieb ruhig stehen und versenkte sich mit angespanntem Fleiss in das Bild, von dem Gasztowt sich eben weggewandt hatte. Er kam dicht an das Bild heran, entfernte sich wieder von ihm, blieb seitwärts stehn, als suchte er nach einer Stelle, von der aus er es am besten betrachten könnte.

Gasztowt starrte ihn an mit herausfordernden, unverschämten Blicken, suchte mit Gewalt die Aufmerksamkeit des Fremden auf sich zu lenken – und wirklich sah der andere zu ihm hin, den Bruchteil einer Sekunde – mit einem kalten, gleichgültigen Blick, als wäre er etwas, das nicht da war, etwas, wie ein Schemen verdichteter Luft, und versenkte sich aufs neue in das Bild.

Gasztowt wurde wütend. Er wäre jetzt am liebsten an ihn herangetreten, hätte ihn zu einem ganz gemeinen Faustkampf herausgefordert für diesen nachlässig-verächtlichen Blick, aber ein dumpfes Angstgefühl stieg in ihm hoch und lähmte seine Glieder: kalter Schweiss trat ihm auf die Stirne und peinlich fühlte er es, wie der Schweiss über seine Wangen floss.

Er wandte sich zum Gehen – in der Tür drehte er sich noch einmal um.

Aber der Fremde, dessen Gesichtszüge er seltsamerweise gar nicht fassen konnte, als könnte er sie überhaupt nicht sehen, achtete auch diesmal seiner nicht, im Gegenteil, schien wie befreit sich um so eifriger in dem Anblick seiner Bilder zu verlieren.

Auf der Strasse blieb Gasztowt stehen.

Vielleicht sollte er doch umkehren? Woher hatte sich plötzlich dieser Mensch grade bei seinen Bildern eingefunden, – dieser merkwürdige Mensch, dessen Gesicht er nicht zu sehen bekam, obwohl er es so lange ergründet hatte, dieser Mensch, der sich doch nur so anstellte, als wäre er ganz von seinen Bildern besessen, in Wirklichkeit jedoch nur ihn bis ins Mark anstarrte – ja nicht allein das – er empfand doch so deutlich, wie sein Blick ihn jetzt noch schmerzte, wie er mit seinem höllischen Schauen ihm die ganze Seele durchwühlt, sie aus den Fugen gelöst hatte, seine Augen schielen, vorbeischauen liess, sie ganz falsch einstellte, wie er das Gift des niederträchtigen Hasses gegen sein eigenes Gebilde in sie eingeträufelt hatte . . .

Er grübelte und überlegte, ob er doch nicht versuchen sollte, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen – aber nach einer Weile, als er merkte, dass er eigentlich nur nach einer verschwiegenen Bank suchte, wo er, todmüde, zerquält und gerädert, ausruhen könnte, zuckte er die Achseln und bog in ein Labyrinth enger verschlungener Gässchen – ein abgelegenes Plätzchen zu finden – dort würde er ausruhen . . .



II

Er irrte lange umher und verlor sich in dem Labyrinth von einander unter allen möglichen Winkeln schneidenden Gässchen, in dem Wirrwarr der seltsamsten Arabesken, die je in einen Stadtteil eingeschnitten wurden, aber je länger er ging, um so mehr nahmen seine Kräfte zu, er fühlte sich frisch und rüstig.

Dies Herumtrotten in den gewundenen Arabeskenlinien des Gässchengewirrs hatte ihn also nicht übermässig ermüdet, aber jetzt fühlte er doch Lust, ein wenig auszuruhen.

Er hatte das Gefühl, dass er trotz alledem doch nur ein Rekonvaleszent war, der sich freilich schon ganz gut auf den Beinen zu halten vermochte, aber doch bedenken musste, dass er aus schweren Fieberträumen jetzt erst zum wirklichen Dasein erwacht war.

Noch vermengte sich ihm der Fiebertraum mit der Wirklichkeit, und es würde ihm schwer fallen zu unterscheiden, was er wirklich erlebt und was nur durchträumt hatte – er würde auch jetzt nicht den Mut haben, sich eingehend damit zu befassen, um die ganze Wahrheit zu ergründen, – ebensowenig, wie er es über sich bringen konnte – vor einer Stunde, oder war es schon länger her – zu erforschen, ob der Fremde ihn mit seinen Blicken durchbohrte, oder nur im Anblick seiner Bilder versunken war.

Aber dies alles kam ihm kleinlich und winzig vor in Anbetracht der Tatsache, dass er sich nun sehr wohl fühlte.

Er gelangte endlich auf einen kleinen Platz, der ganz verödet und vereinsamt da lag, doch ziemlich dicht mit Bäumen umstellt war. Es kreuzte sich hier eine Unmenge von Gässchen; das war ihm allerdings peinlich, denn der Platz schien ein Knotenpunkt des ganzen Verkehrs dieses Stadtteils zu sein, aber als nach längerer Weile ringsherum sich nichts rührte und er die langersehnte Ruhebank gefunden hatte, war er über alle Massen zufrieden.

Er setzte sich hin, aber nicht weil er müde war – Gott bewahre! – nur einzig allein, um sich noch tiefer zu sammeln und sein Abendgebet zu verrichten, denn es ging schon gegen den Abend.

Er hüllte sich in tiefen Ernst, seine Seele weitete sich in inbrünstiger Andacht, und in tiefster Demut begann er seinen heiligen Buss­psalm zu sprechen:

»Jegliche Scham und Schande wird dir auferlegt werden, und du wirst sie tragen;

»Deine Speise werden die Harpyien verunreinigen, doch du wirst sie gierig vertilgen, denn du wirst hungrig sein;

»Dein Wein wird bereitet werden mit bitterer Galle und widrigem Wermut, doch du wirst ihn trinken, denn es wird dich dürsten;

»Scharfe Kieselsteine werden dein Kissen sein, doch du wirst dein Haupt auf sie betten, denn es wird dich nach Schlaf gelüsten;

»An dem Tor der Aussätzigen wirst du deine Hand ausstrecken und Geld erbetteln zur Wegzehrung, denn Sturm und Regen werden dich von deinem Lager aufscheuchen . .«

Mit diesem prophetischen Fluch hatte ihn seine wahnsinnige Mutter auf ihrem Sterbebette der Kunst angetraut und ihm ihren goldenen Ehering auf den Finger geschoben.

Er nahm den Ring aus der Westentasche und betrachtete ihn ehrfürchtig.

»Und ich nahm die schwerste Last des Schmerzes auf meine Schulter ohne jegliche Klage, ich schleppte das furchtbare Kreuz, in blutigen Schweiss gebadet, das Golgatha des Todes und der Verdammnis hinauf, und ich werde es noch weiter schleppen, denn fürwahr ich bin Der, dem der Herr all sein Getier zuführte, auf dass ich ihm Namen gäbe und die leeren Formen mit meinem Herzensblute füllte!

»Ja und Amen!«

In tiefster Ergriffenheit liess er sein Haupt auf die Brust herabsinken, steckte unbewusst den Ring wieder in die Westentasche, versicherte sich nach einer Weile, dass er ihn wirklich eingesteckt hatte, und alle Angst und aller Zorn und Hader des Lebens waren von ihm gewichen – er stand auf, bog in das erstbeste Seitengässchen und ging vor sich hin.

Plötzlich merkte er, dass er den Weg eines fremden Schattens wandelte.

Er rieb sich die Stirn – jetzt erst kam es ihm zum Bewusstsein, dass er schon vor einer Weile ein Weib bemerkt hatte – ein Weib mit einem schmalen, feinen Gesicht, mit übermässig grossen Augen, in denen eine tiefe Melancholie hauste – die tiefste und ganz dieselbe, von der die Kirchenväter behaupten, sie sei das Bad, worin der Teufel die menschliche Seele bade . . .

Eigentlich sah er nichts anderes als nur diese Augen, oder vielmehr einen breiten, metallisch glänzenden Strahl aus weit aufgerissenen Augen, der ihm die ganze Strasse in etwas verwandelte, das gerade mit dieser Strasse nichts gemein hatte.

Zu diesen Augen gehörte eine lange, dämmrige Strasse, in deren Öde sie etwas suchten, was einmal dort sein musste und jetzt unauffindbar war. Zu diesen Augen gehörten lange, schmale Hände, die blindlings an den langen Mauern herumtasteten, um ein verschlossenes Tor zu finden, das sich hier in der Mauer befinden musste, und zu diesen Augen gehörten tastende, zaudernde Schritte, ängstliche und erschreckte und wie von einem nachdenklichen Überlegen gehemmte Schritte, jenen vergleichbar, die jeden Augenblick Gefahr laufen, an einer steilen Felswand abzurutschen.

Und diese lange, enge Strasse, die in dem stillen aber unheilschwangeren Leuchten dieser qualvoll angestrengt blickenden und nicht sehenden Augen, unter dem Tasten der irrenden Hände aufzuwachen und von den unsicheren, wankenden Schritten beunruhigt zu sein schien, führte hinaus zu einer Brücke, die über einen Fluss gespannt war.

Er schlich hinter ihr her, trat in den langen Schatten, den ihre Gestalt auf die dämmrige, wie vom leichten Abglanz eines unsichtbaren, stahlblauglänzenden Mondes beleuchtete Strasse warf – sein Schatten verschmolz mit dem ihrigen und kroch hinter ihnen her, wie ein formloses, trunkenes Gewürm, unwissend des Zieles, dem es zustrebte.

Sie trat auf die Brücke. Er blieb in dem Tor des Eckhauses stehen, wartete und spähte.

Und plötzlich hörte er einen grässlichen Schrei – nein, er hörte nichts, er sah nur einen lautlosen Schrei – sah ihn deutlich, – sah, wie die Atmosphäre barst, als ob ein Feuerpflug eine flammende Furche in ihr aufgerissen hätte, der Strom schwoll himmelhoch an, auch wölbte sich die Brücke, als wäre sie aus einer Kautschukmasse hergestellt, und im selben Nu sah er, wie die Gestalt, deren Schatten sich von dem seinigen längst losgelöst hatte, sich über die Brüstung schwang und jählings in das wild schäumende Gewoge des vom Heisshunger hochaufgepeitschten Stromes stürzte.

Er blieb wie versteinert stehen, konnte sich nicht von der Stelle rühren.

Endlich – endlich öffneten sich ihm in diesem Schrei die tiefsten Abgründe der Strasse. Nie früher hatte er den Schrei der Strasse zu hören bekommen – jetzt erst offenbarte sich ihm die Strasse in ihrem Grauen und in der Schreckensgewalt ihrer Verdammnis.

Die Augen seiner Seele weiteten sich zum unfassbaren Abgrundsdunkel, und als wären all seine Sinne in ein einziges Organ zusammengeströmt, schlürfte er mit ihm die grausige Klarheit geoffenbarter Geheimnisse, die plötzlich aus dem Dunkel herausschrie, in sich hinein.

Den Bruchteil einer Sekunde! Denn jetzt erdröhnte ein zwingender Befehl – er hörte ihn nicht mit seinem Ohr – auch hörte er ihn nicht in seinem Inneren – es war, als ob von der Ferne, vom jenseitigen Ufer aus, über den Fluss eine Hand sich hinausstreckte, ihn mit unüberwindlicher Kraft schüttelte:

– »Rette sie! Rette!«

Das war keine Bitte, das war der Donnerkeil eines fremden Machtwillens, der kein Bedenken vertrug und jede Besinnung lahmlegte.

Und jetzt wurde er ganz Auge.

Er sah einen dunklen Fleck, der zum Vorschein kam und wieder verschwand, auf den sich schwer wälzenden Wogen herumtanzte, verlor ihn wieder aus den Augen, aber immer wieder tauchte er auf – eine gewaltige Strömung hatte ihn erfasst, er kam in die Wirbel hinein, das Wasser ergoss sich ihm in den Mund, in die Ohren, gluckste in der Nase, aber, als wäre er von dem höllischen Kantschug gepeitscht oder von einer unfassbaren Macht besessen, die seine Kraft vertausendfachte, gelang es ihm, die Strähnen ihres Haares zu erfassen; er schlang sie um seinen Arm, warf eine leblose Masse auf sich, – er tauchte unter einen Augenblick unter dieser Last, arbeitete sich aber wieder empor, jetzt warf er sich in eine Strömung, aber schon begann seine Kraft zu erlahmen und im grässlichen Schreck fühlte er den Krampf, der ihn an den Armen packte.

Schon gab er nach, – da hörte er wieder diesen höllischen Schrei, und es war, als hätte ihm ein glühendes Eisen die Haut gesengt; noch eine übermenschliche Anstrengung: die Strömung warf ihn weit abseits der Brücke ans Ufer.

Er schleppte sie mit dem letzten Aufwand seiner Kräfte das Ufer hinan – eine leblose Masse.

Jetzt hatte er ein unbezwingbares Verlangen, sich langhin auf den Ufersand zu werfen und in seligstem Erstarren von all der übermenschlichen Anstrengung zu verenden – aber wieder empfand er den brenzligen Schmerz, als senge man ihm mit glühendem Eisen die Haut: als wären ihm aus unsichtbaren Quellen ungeahnte Kräfte neu zugeströmt, als wäre sein – oder irgend ein anderer Wille, den er nicht kannte, ein gewaltiger Hammer, für den er nur ein Ambos war, ging er an die Lebensrettung des Weibes, das fast kein Lebenszeichen von sich gab.

Alles, was er jetzt tat, war etwas ganz Automatisches – er selbst war nur ein Werkzeug in irgendwelchen ihm unbekannten, aber übermächtigen Händen.

Er riss ihre Bluse auf, löste das Mieder, hob ihren Kopf hoch und liess ihn wieder fallen, streckte ihre Arme und faltete sie über ihrer Brust – alles, was ihm nur in den Sinn kam, verrichtete er mechanisch, ohne darüber nachzudenken; endlich gelang es ihm, das Weib ins Leben zurückzurufen.

Sie schlug die Augen auf.

Und ein irrsinniger, gehässiger Blick quoll aus ihnen hervor, ihr Mund öffnete sich wie zum Schrei, aber im selben Augenblick fing sie an zu schlucken, röchelte, nieste und warf unter schwerem, keuchendem Husten Wasser und immer wieder Wasser aus sich heraus.

Das brachte sie anscheinend zur Besinnung.

Sie drehte sich auf die Seite, kroch in sich zusammen, verkrampfter Husten schüttelte ihren Leib – er hob sie mit den Armen hoch, stellte sie aufrecht, bis der Hustenanfall vorüber war, legte sie wieder auf den Ufersand.

Sie atmete tief, jetzt schon ohne Beschwerden. Nur aus ihren Augen züngelte giftig schweres, dumpfes Ächzen des Schmerzes, – ein Abgrund des schauerlichsten Schmerzempfindens öffnete und schloss sich wieder.

Und wieder richtete er sie auf – er sprach kein Wort, nur der Hammer eines fremden Machtwillens, der bis jetzt auf ihn wie auf einen Ambos geschlagen hatte, schien nun auch auf sie niederzuprasseln – sie begann zu gehen, wankte wie ein sturmgepeitschtes Rohr, er schleppte sie wie eine willenlose Masse, endlich nahm er sie auf seine Arme und trug sie bis zu der Stelle, wo seine Kleider lagen – legte sie wieder hin in den weichen nassen Sand, kleidete sich schnell an. Jetzt schien sie ganz bewusst zu sein: es kam ihm vor, als verzerrte sich ihr Gesicht in einem bösen Lachen, als zwinkerten ihre Augen boshaft, – aber was ging ihn das alles jetzt an!

Weit mehr beschäftigte ihn die merkwürdige Tatsache, dass weit und breit kein Mensch zu sehen war, dass niemand den grässlichen Schrei gehört hatte, dass die Entfernung vom Ufer bis zur Strasse sich ins Unermessliche zu steigern begann und dass es noch so merkwürdig hell war, obwohl die Dämmerung schon längst eingebrochen sein musste – aber das, was ihn am meisten in Erstaunen setzte, war eine Droschke, die in schnellem Galopp heransauste.

Aber er hatte keine Zeit zum Grübeln, zum Erforschen all dieser seltsamen Zusammenhänge – er winkte der Droschke, und als erwartete der Kutscher diesen Wink, fuhr er heran und wartete mit einer nachlässig-gleich­gültigen Diskretion.

Dies alles kam ihm mehr als seltsam vor, ein geheimnisvolles Rätsel. Aber er hatte keine Zeit es zu enträtseln, er fasste das Weib um den Leib, wollte sie auf die Arme nehmen, aber sie ging schon mit eigenen Kräften – er warf dem Kutscher die Adresse zu – merkwürdig, dass sie sich einen Augenblick tief in die Augen blickten – wollte noch etwas überlegen, aber dazu würde er ja noch genug Zeit finden.

Jetzt empfand er nicht die geringste Müdigkeit – im Gegenteil, er befand sich in einer merkwürdigen Aufregung, als hätte ihm jemand süsses Morphiumgift in die Adern eingespritzt. Er hörte nur unaufhörlich den entsetzlichen Schrei, in dem sich ihm zuerst das tiefste Geheimnis der Strasse offenbart hatte.

Jetzt, jetzt endlich hatte er begriffen, was seine künstlerische Ohnmacht und Unfähigkeit war – jetzt wurde es in seiner Seele sonnenklar: bisher hatte er die Strasse gemalt, so wie sie war, stumm und öde, denn er konnte ihren Schrei nicht malen – er hatte ihn bis jetzt nie gehört – oh! wie unsagbar glücklich er jetzt war, dass sich ihm endlich die Tore zu dem geheimen Tabu, wo das Geheimnis verborgen war, geöffnet hatten!

Endlich blieb die Droschke stehen.

Wieder wollte er sie auf seine Arme nehmen, aber sie ging schon mit eigenen Kräften; erst auf der Treppe wurde sie schwach – er fing sie in seinen Armen auf und trug sie in sein Atelier.

Zugleich entsann er sich, dass der Kutscher gar nicht gewartet hatte, bis er ihn bezahlte, sondern schleunigst davongefahren war.

Solche Dinge geschehen nur im Traume, dachte er.

Er öffnete die Tür zu dem Alkoven, in dem nur Platz für ein Bett war, und legte sie auf das Bett.

»Kleiden Sie sich aus und legen Sie sich nieder, – ich werde Feuer im Ofen machen – werde Ihnen die Kleider und die Wäsche trocknen – inzwischen hüllen Sie sich in meinen Pelz« – er nahm den Pelz vom Türhaken – »und sofort ins Bett! Jetzt gehe ich in das Atelier – zu schämen brauchen Sie sich nicht – wir sind ja durch eine Wand getrennt – ich bitte Sie inständigst, dass ich Sie in einer Viertelstunde im Bett antreffe, – was zum Trocknen ist, legen Sie hier auf diesen Stuhl.«

Dies alles hatte er in einem befehlenden und fast rohen Ton gesprochen. Sie sah ihn durchdringend an mit einem Blick, der ihn beunruhigte. Er wusste nicht: war es verkrampfter Schmerz, war es spöttischer Hohn – aber diesmal: ängstlich sah sie ihn an, ganz ratlos und wirr, als suchte sie die hin und her flatternden Gedanken zu sammeln – und schloss die Augen.

»Haben Sie keine Angst vor mir,« sagte er jetzt schon ganz milde, »ich werde Ihnen, weiss Gott, nichts Böses tun – ich möchte nur nicht, dass Sie sich tödlich erkälten . .«

Jetzt öffnete sie wieder die Augen, aber diesmal mit dem Blick des stummen Schreis, den er erhascht hatte, als er sie aus dem Wasser ans Ufer zog.

Er wich diesem Blick aus.

»In einer Viertelstunde komme ich wieder – ich werde inzwischen Tee kochen.«

Er schloss die Tür hinter sich und liess sie allein.

Er machte Feuer in dem eisernen Ofen und blies die Kohlen im Samowar an.

Er wollte etwas überlegen, über etwas tief nachdenken, aber für dies alles hatte er ja Zeit genug, und so wartete er geduldig, bis das Wasser im Samowar zu summen und bald darauf zu kochen begann, suchte aus irgend einer Ecke eine Tasse hervor, reinigte sie peinlichst, bereitete den Tee und klopfte an die Tür des Alkovens.

Als er nach geraumer Zeit keine Antwort bekam, trat er ein.

Sie hatte alles getan, was er ihr befohlen.

Sie lag auf dem Bett, eingehüllt in seinen Pelz, hatte sich mit der Decke zugedeckt, auf dem Stuhl lagen ihre Kleider, von denen unablässig Wasser troff und auf dem Boden eine Lache bildete.

»Ausgezeichnet! So gefällt es mir!« Gasztowt schlug einen leichten Ton an, aber ihr gehässiger Blick liess ihn schweigen.

»Trinken Sie jetzt den heissen Tee,« warf er so nebenbei hin – »dann werden Sie schlafen – ich selbst bin verteufelt müde.«

Sie antwortete nicht und regte sich nicht.

Er machte keine weiteren Umstände, schob einen Arm unter ihren Nacken, richtete sie mit sanfter Gewalt auf, goss eine Tasse heissen Tee in sie hinein, bettete sie wieder auf die Kissen – nahm, was er auf dem Stuhl vorfand, und ging hinaus.

Er schloss die Tür hinter sich – hängte ihre Kleider auf einer Schnur rings um den heissen Ofen auf und dachte jetzt nur daran, dass er nicht einschlafen durfte – es könnte Feuer ausbrechen und seine Schutzbefohlene würde vom Regen in die Traufe kommen und bei lebendigem Leibe verbrennen.

Aber er versuchte nicht diesen grauenhaften Gedanken zu Ende zu denken, auch nicht sich die Lage klar genug vorzustellen: wie vom Blitz gerührt, taumelte er zum Sofa – sah nur noch, wie aus einer Ritze sich der grässliche Kopf eines ungeheuerlichen Tausendfüsslers herausarbeitete, sah, wie das ekle Gewürm in seinem Atelier herumkroch, in anderen Ritzen verschwand und wieder zum Vorschein kam und ihn anstarrte mit Augen, die so gross waren wie Mondscheiben, – und in ihnen sah er das höllische Brückenjoch, das sich in den Himmel hinaufwölbte, und tief darunter zwischen den Pfählen das schwarze, verfaulte Gewässer – die Pfähle zitterten von dem rasenden Gewoge dieser flüssigen Lava, die sich aus dem tiefsten Lebenskrater zu ergiessen schien, sein Atelier krachte und bebte – er hörte nur noch den entsetzlichen Schrei einer Sturmsirene, der allmählich verebbte und sich in leise, weitferne Schallwellen auflöste – er wollte noch den Arm ausstrecken, um etwas Kohlen in den Ofen zu werfen, aber er war nicht mehr fähig, eine Bewegung auszuführen . . .



III

Als er erwachte, konnte er sich nicht zurechtfinden, wo er eigentlich war.

Als hätte sich eine schwarze, öde, dumpfe Nacht um ihn gebreitet.

Und in dieser Nacht hörte er das Brausen aus weiter Ferne heranflutender Wogen – näher, noch näher – jetzt sah er sie schon ganz deutlich, wie sie sich immer höher emporwälzten, sich in der Höhe stauten, zu einem himmelhochragenden Wasserwall emporwuchsen – meilenbreit – im Donner des Jüngsten Gerichts und höllischem Gebraus . . . Und er sah den grauenhaften Wall noch immer anwachsen, ihn näher und näher auf sich zukommen in gewaltigen Sprüngen, als wälzte er sich über hochragende Kämme unterseeischer Gebirgsketten – jetzt sah er die entsetzliche Springflut wie eine taumelnde Mauer dicht vor sich – jetzt, jetzt musste er einen furchtbaren Schrei hören, denn dieser Wasserwall musste ihn mit der Schwere eines Wolkensturzes unter sich begraben und ihn zu Brei zermalmen.

Aber er hörte keinen Schrei . . .

Und wieder wälzten sich von den Rändern des Horizontes neue Flutwellen heran, noch mächtigere Wasserkonvoluten, aber auch diese brachen unter ihrer eigenen Schwere zusammen, stürzten in die Tiefe, lösten sich in meilenbreite Schwaden, ergossen sich mit seichter Flut über den Ufersand – und auch jetzt hörte er keinen Schrei, nur eine demütige Anbetung der sandigen Untiefen im leisen Gewimmer.

Er horchte gespannt in sich hinein: ein gespenstisches, schauerliches Lied, irgendwo auf der Strasse geboren – aber nein! es war kein Lied, denn er konnte keine bestimmten Gehörseindrücke unterscheiden – das, was er empfand, war eher eine Reihe schnell auf einander folgender schmerzhafter, seelischer Erschütterungen: die Schauer düsterer Balladen, frostiger, eiskalter Glanz verzweifelter Litaneien, Mark und Bein erschütternde Psalmodie von Grabgesängen, das keuchende Gestöhn von Sturmglocken, das das Blut zu Eis erstarren lässt – aber er hörte nicht den Schrei, in dem sich doch das tiefste Geheimnis der Strasse ihm offenbart hatte.

Im Gegenteil:

Etwas in ihm wurde zu einem bodenlosen Trichter, worin sich ihm das ganze All lautlos in abgründige Tiefen zu ergiessen begann – ihn würgte eine dumpfe, schwüle Stille, er selbst löste sich in Teile und Teilchen auf, fing sich an zu verlieren, im Himmelsall zu zerfliessen und mit ihm zusammen in dem dunklen Abgrund des Trichters zu versinken . . .

Und doch hatte er einen Schrei, einen gewaltigen Schrei gehört, der die ganze Welt aus den Angeln hob – wann – wann war es nur?

Dieser Schrei! Dieser Schrei!

Es begann langsam in ihm zu dämmern.

Aber das alles war wohl nur ein Traum . . .

Er warf den Pelz ab – wieso mochte nur der Pelz hierher gekommen sein? – setzte sich aufs Sofa und sah sich um: die Tür zum Nebenzimmer war offen – er stand auf und sah hinein: niemand war dort – nur eine Wasserlache auf dem Boden rief ihn in die Wirklichkeit zurück – also war das alles doch kein Traum – alles: die wirklichste, sonnenhelle Wirklichkeit!

Sie war also aufgestanden, hatte sich angekleidet, als er im tiefsten Schlafe lag, war witzig genug, ihn zum Spott mit dem Pelz zuzudecken, und war ihrer Wege gegangen.

Wie das alles unsagbar lächerlich war!

Wie schauderhaft lächerlich und dumm und albern! Oh, die Strasse hat schon ihren Witz, einen boshaften, schmerzhaft bissigen Witz!

Und er empfand eine tiefe, qualvolle Scham, aber nur einen Augenblick, denn gleichzeitig hörte er den ersten Vers des Busspsalmes, mit dem seine wahnsinnige Mutter ihn der Kunst angetraut hatte:

»Alle Scham und Schande wird dir auferlegt werden, und du wirst sie tragen!«

Und gleich, zugleich vergass er alles.

Er ging eine Weile in dem Atelier auf und ab – in seiner Seele fing es an zu wachsen und zu schwellen, sie erzitterte wie eine tausendsaitige Harfe unter reissenden Arpeggios, erdröhnte in gewaltigen Akkorden – breitete sich über ihre Pole hinaus, weil sie den Umfang dieser Übermacht von Tönen nicht fassen konnte, dieser ins Uferlose wachsenden Macht, um den grossen Schrei zu gebären: das schauerliche Geheimnis, nach dem er so lange vergebens gefahndet hatte.

Und er sah jetzt den Schrei als einen gewaltigen Blitz, der die Luft in Fetzen riss, den Himmel in tiefe, feuerstrotzende Furchen zerpflügte und auf ihm eine Feuersbrunst entfachte von tollgewordenen Farben, in denen giftige Gase brennen, verspritzt von dem Gischt des kochenden Gemenges verschiedenartiger Metalle, – und es sah aus, als ob die Regenbögen von entstehenden Welten in tödlicher Wut miteinander rangen.

So! Ja! so musste der Himmel schreien!

Er spannte fiebernd die Leinwand über den Rahmen, wusch die Pinsel, zerrieb die Farben auf der Palette.

Und tief unten, hinter dem Rand des Horizontes, langsam sich heranwälzende Wasserwälle, bis hinauf in den Himmel sich emporstauend, über ihnen das übermächtige, höllische Brückenjoch – so! so!

Nur es nicht aus den Augen verlieren – dass nur nicht in den Ohren der Schrei erstirbt – jetzt würde er endlich die Synthese der Strasse erschaffen – »der Strasse!« schrie er gell auf.

Er pfiff, er lachte, er sang, peitschte sich hinein in die Ekstase des Schaffens, er biss die Zähne zusammen, denn das Feuer, das in seinen Adern raste, begann ihn zu schmerzen, in den Augen sprühten im wilden Zickzack die Blitze, die er vergebens zu verscheuchen suchte – seine Seele schütterte in ihren Grundfesten, um sich aus dieser vorschöpferischen Qual zu erlösen, und plötzlich kam der grosse Augenblick der Befreiung: ein verzücktes Herumschweifen trunkener Augen in dem unbegrenzten Raum überweltlicher Geheimnisse, er überschritt die heilige Schwelle: er erschauerte und erlöste sich in einer solch weltentrückten Sammlung und einer solchen übermenschlichen Anspannung aller Kräfte, dass er sein Dasein vergass, in ganz anderen Dimensionen aufzuwachen glaubte – er hätte jetzt im lodernden Feuer stehen können und würde nicht gemerkt haben, dass er brannte.

Er wusste nur, dass sich in ihm jetzt ein schmerzhaftes Mysterium vollzog, aber er empfand keinen Schmerz – er fühlte deutlich, dass sich etwas in tiefster Not von dem Grund seiner Seele loslöste und sich zu einem neuen Leben umformte, aber er spürte nicht die Qualen der Geburt – es kam ihm vor, dass er nicht mit Händen arbeitete, sondern mit den Augen die Farben auf die Leinwand auflegte, sie mit dem Schrei, der sich seiner Kehle ohne sein Wissen entriss, zu heisser Glut entfachte – mit den Worten des irrsinnigen Busspsalmes führte er die dumpfe, dämmrige Strasse mit den tastenden Händen, den in dumpfer Verzweiflung taumelnden Schritten, in der Qual des Verlangens vertrockneten Augen in die Tiefe –; die Strasse verröchelnder Seufzer, keuchender Schreie, die durch die Sturmflut des reissenden Stromes entzweigerissene Strasse, –und hoch über ihre Teile, hoch in den Himmel hinauf das höllische Brückenjoch – jetzt nur noch den Schrei, der die Luft in Fetzen reisst, den Himmel mit glühenden Farbenfurchen durchackert und auf ihm die Feuersbrunst besessener Farbenwut entfacht – jetzt nur noch dies eine!

Und im selben Nu verschwand in dem abgründigen Trichter die gischtige Flutwelle der Eingebung, zu Eis gefror sein Blut. Etwas hatte ihm wieder die Teufelsbrillen vor die Augen gesetzt, durch die er einen erbärmlichen, formlosen Farbenwirrwarr erblickte, ein jämmerliches, elendes Machwerk: seine Ohnmacht und die kindische Unfähigkeit, seine Vision in Wirklichkeit zu verzaubern.

»Lasciate ogni speranza!« er hatte Lust, es aus allen Kräften hinauszubrüllen, er wusste nicht, ob in furchtbarem Weinkrampf oder irrsinnigem Wutausbruch – er packte das Bild, warf es in die Ecke, taumelte auf das Sofa – in seinen Augen brannte schmerzhaft die Angst, sie schlug in kurzen, abgerissenen Rhythmen in seinen Stirnadern mit einer solchen Kraft, dass er deutlich fühlte, wie alle Blutgefässe platzten.

Woher nur diese höllische Ohnmacht?

Er hörte in sich ein rasendes Spottgewieher, ein wüstes Zähneklappern der Verdammnis – sein Kopf barst, und mit letzter, verzweifelter Anstrengung begann er sich zu beruhigen.

Er sprach sich zu, eindringlich und begütigend, sprach mit einem erstaunlichen Aufwand an überzeugendster dialektischer Kraft – er führte seine physische Erschöpfung ins Feld, seinen völligen Kräfteverfall infolge von Hunger und äussersten Entbehrungen usw. usw. – für das Argument, dass alle grossen Künstler Hunger und Not gelitten hätten, brachte er tausend andere Argumente vor, die jenes zuschanden machten – mit seltener Geschicklichkeit parierte er in der Luft die schwersten Schläge, die ihn schon ganz zu zermalmen drohten, sprang behende beiseite, als er schon über ein tückisch gestelltes Bein stolpern und zu Boden fallen sollte, vertrat vor dem Tribunal der strengsten Richter eine Sache, die schon ganz verloren schien, mit solcher Begeisterung und Überzeugungskraft, dass selbst der Staatsanwalt, die Schuldlosigkeit erkennend, Freispruch beantragen musste – denn im letzten Grunde lastete doch auf ihm der Fluch, mit dem seine eigene Mutter ihn beladen hatte: er sollte gezwungen werden, das Brot zu essen, das durch die Harpyien besudelt ward, aus stinkenden Pfützen seinen Wein zu trinken und bei den Aussätzigen Herberge zu suchen . . .

Dieser Fluch war unabwendbar, dagegen konnte keine weltliche noch himmlische Macht etwas ausrichten.

Er war erlöst und reingewaschen.

Und nach diesem unsagbar wohltuenden Freispruch hätte er sich nun ganz wohl fühlen müssen – ganz gewiss – hätte ihm nicht die Erinnerung an seine gestrige Schandtat das Gehirn mit brennender Scham zermartert.

Wie konnte er nur so erbärmlich handeln und einen Menschen gegen seinen Willen retten!

»Retten!« brüllte er heiser auf.

»Retten!« wiederholte er und grinste: das war doch tausendmal schlimmer, als hätte er sich hinterlistig in ein fremdes Geheimnis eingestohlen, als hätte er einen fremden Brief überm Dampf geöffnet oder jemanden durch das Schlüsselloch belauscht!

Jetzt wurde er ernstlich auf sich böse.

Was würdest du, Rohling, der du bist, dazu sagen, wenn dich irgend ein Dummkopf gerade dann »retten« wollte, wenn du endlich, übersatt vom Leben, von Ruhm und Hunger, beschlossen hättest, dich vom Sein in das Nichtsein hineinzubugsieren?!

Rettung! nennen sie das! Ha, ha, ha! Gasztowt schüttelte sich vor bösem Lachen – ach! wie gemein, wie nichtswürdig!

Gewaltsam die Seele an den Körper anschmieden wollen, die sich mit allen Kräften in das Jenseits loszureissen versucht – die todmüde Seele nach der grässlichen Wanderung durch die allzu lange, stinkende, unflätige Gasse, die sich Leben nennt – sie wieder hineinpferchen in das Aasgehäuse, das sie voll Ekel und Abscheu endlich verlassen wollte – oh! das ist gemeiner und niederträchtiger, als würde man einen Sklaven, dem man soeben die Freiheit geschenkt, wieder in seine finstere, modrige Gruft zurücktreiben!

Gemein und dumm hatte er gehandelt! Jetzt konnte er nur allzugut verstehen, dass sie so insgeheim sich aus seinem Atelier weggestohlen hatte – sie wollte ihm nur die tiefe und brennende Scham ersparen – ihm und sich selbst, denn zweifellos hatte sie sich über ihn schmerzlich geschämt.

Jedenfalls war die Geschichte noch immerhin günstig abgelaufen, insofern als niemand dieses dumme, lächerliche Abenteuer beobachtet hatte – sonst hätte er sich auf der Polizei melden müssen, sich dort legitimieren, lang und breit erzählen, wer er sei, wie er dazu käme, ein wildfremdes Weib zu retten, wozu er doch keine polizeiliche Befugnis hätte, sein Name wäre wahrscheinlich wegen groben Unfugs in die Zeitungen gekommen und damit hätte er glücklich den Gipfel der himmelhoch ragenden Lächerlichkeit erklommen.

Und als er sich das alles gründlich überlegte, beruhigte er sich vollkommen.

Er zündete sich eine Zigarette an und streckte sich langhin auf das Sofa.

Den Kopfschmerz empfand er, als hätte sich in seinem Hirn ein angenehmes, glutloses Feuer entzündet, und das quälende Zucken und der stechende Schmerz in den Extremitäten kam ihm als etwas angenehm Prickelndes vor – und als er sich tiefer in die Analyse des Schmerzes vergrub, musste er darüber lachen, dass man sich seiner nach Kräften erwehrt, wo er doch, überkippend, ein enormes Lustgefühl auslöse – und gleichzeitig fühlte er, dass er sich verdoppele – ganz gewiss, in zwei distinkte Wesen spalte – und behorchte mit grösstem Vergnügen das listige und ausserordentlich geschickte Gespräch, das der Andere mit dem Weibe angeknüpft hatte.

Er hatte sie nämlich zufällig auf der Strasse getroffen – und das war ausserordentlich günstig, denn er wollte unter allen Umständen eine kleine Aussprache herbeiführen und nötigenfalls erzwingen, um sich zu entschuldigen und seine Gründe klarzulegen, warum er diese schändliche Tat begangen hatte.

Auf diese Weise würde er auch dem Lächerlichen an dieser ganzen Sache die Spitze abbrechen.

Aber sie schien ihn gar nicht anhören zu wollen, denn sie ging schnell weiter, und so konnte er ihr nur bruchstückweise die ganze Sache vortragen.

Er kenne sie nämlich schon seit längerer Zeit, er habe sie öfters gesehen und immer habe er sich für sie in hohem Masse interessiert.

Gasztowt hörte erstaunt die frechen Lügen seines Doppelgängers an und war gespannt, wozu sie dienen sollten.

Er beschrieb ihr das Glück des Künstlers, der sich eine ganze – ja wirklich! mehr als eine ganze Woche die Mühe gegeben hatte, die unsagbare Grazie ihrer Bewegungen im Gedächtnis festzuhalten, sich den seltsamen Ausdruck ihrer Augen einzuprägen; und so werde sie sich auch die Qual dieses Künstlers vorstellen können, in dessen Gehirn das Gesicht des Weibes greifbar lebendig war, – doch wenn er in sein Atelier kam und es malen wollte, verschwand alles wie weggefegt – deshalb, nur deshalb sei er ihr gefolgt, habe sich wie ein Schatten hinter ihr hergeschleppt . . .

Wozu nur diese blödsinnigen Lügen? dachte Gasztowt erstaunt. Er war immer mehr gespannt, wie die Sache ablaufen würde.

Sie müsse ihm das nicht übelnehmen, denn ein solches Modell zu finden, wie sie sei, das käme selten vor, ein solches Glück sei selten einem Künstler beschieden . . . Und so, nur so sei es gekommen, dass er die schändliche Tat der Rettung ausgeführt. Das war gemein, brutal, niederträchtig, dass er sie daran gehindert habe, sich von dem widerlichen Leben zu erlösen, aber so sei nun einmal seine Seele: brutal, zynisch, egoistisch – für sie bedeute ein noch nicht gemaltes Bild tausendmal mehr als das grösste Glück eines Mitmenschen.

Warum lüge er so dumm, frech und naiv? was bezwecke er damit? fragte sie plötzlich und blieb stehen. Er habe sie doch niemals früher gesehen, seine dumme Rettung sei doch nur das Werk eines infamen Zufalls – und jetzt solle er sich zum Teufel scheren.

Recht so! das geschieht dir recht für deine infamen Lügen! Gasztowt rieb sich vergnügt die Hände.

Nun war der Andere ganz zerknirscht und zermürbt.

Ja, er verdiene ihre heftigen Worte, sie könne ihn noch ganz anders strafen für seine Lügen, aber er habe sie nur deswegen vorgebracht, um seine rohe Tat ein wenig zu mildern und seine eigene Scham zu betrügen – da ihm das nicht gelungen sei und sie sein Lügengewebe durchschaut habe, so müsse er die reine Wahrheit sagen . . . Das, was er getan hatte, geschah nicht in irgend einer schlechten, ordinären Absicht – nein! im Gegenteil – es war nur eine reine Reflexbewegung . . . Er konnte doch nicht wissen, dass sie den Sprung über die Brückenbarriere absichtlich riskieren wollte, eher musste er voraussetzen, dass es ein unglücklicher Zufall war – ein plötzlicher Schwindelanfall, den er übrigens auch verspüre, wenn er von der Höhe in die Tiefe und namentlich ins Wasser hineinblicke, und es sei ja bekannt, welche enorme Anziehungskraft das Wasser auf den Menschen ausübe, das habe bereits Goethe gewusst und es eindringlich in seinem »Fischer« geschildert.

Gasztowt fieberte. Seine Gedanken tummelten sich in den unglaublichsten Sprüngen, rissen fortwährend, er verlor den Zusammenhang und wurde schliesslich sehr gereizt.

Das ist alles Blödsinn und krankhaftes Gefasel! Wenn er jetzt die absolute Notwendigkeit empfand, auf die Strasse zu gehen, so brauchte er doch für diese Tatsache keine so blödsinnigen Vorwände aufzuführen.

Er wollte das Weib doch sicher nicht aufsuchen, in Grund und Boden müsste er sich vor ihr schämen, ja geradezu vor Scham vergehen, sollte er sie zufällig treffen – wenn er also jetzt durchaus und unter allen Umständen auf die Strasse hinaus wollte, so nur deswegen, um seinen brutalen Hunger zu stillen, der ihm die Eingeweide zerriss, – seinen Durst müsste er stillen, er fühlte ja die Zunge wie einen trockenen, verbrannten Fleischfetzen, – dabei hämmerte es in seinem Kopfe, als müsste der Schädel auseinanderspringen.

Deswegen, nur deswegen müsste er jetzt auf die Strasse gehen!

In seiner Seele wuchs immer tiefer bebende Angst, keuchender Schreck und kranke Unrast.

Nur ein Gedanke band ihn mit starken Fesseln an die Wirklichkeit: wie konnte er auf die Strasse gehen, da er doch keinen Sou bei sich hatte?

Dass er nicht gestern daran gedacht, als er dem Droschkenkutscher winkte – was wäre das für ein widerlicher Skandal gewesen, wäre der Kutscher nicht so diskret verschwunden!

Aber er hatte jetzt keine Zeit, über die Folgen nachzugrübeln – er musste auf die Strasse – er musste seinen Heisshunger um jeden Preis stillen, und mit kranker, irrsinniger Energie – nur auf die Strasse zu kommen – stürzte er sich auf die Suche nach Geld, das doch in irgend einem geheimen Schubfach verborgen sein musste oder irgendwo, in guten Zeiten ganz vergessen, sich unter die Leinwand verirrt haben konnte . . .



IV

Eine gute Stunde war verstrichen – vielleicht mehrere – er wusste es nicht.

Gasztowt sah sich fast triumphierend in seinem Atelier um.

Der Schweiss rann ihm von der Stirn, denn er hatte sich schwer abgearbeitet.

Er hatte geglaubt, er müsste doch in irgend einem Winkel etwas finden. Es kommt doch öfters vor, dass ein Geldstück aus der Westentasche herausfällt oder auch aus der Hosentasche, wenn man z. B. das Taschentuch herauszieht – wenn man nur gründlich suchte, müsste es sich irgendwo auf dem Boden vorfinden.

Und mit grösster Achtsamkeit durchsuchte er und durchwühlte die ungerahmte Leinwand, die in hohen Stössen überall auf dem Boden umherlag – vergebens . . . Da erinnerte er sich, dass er einmal in einem Buche einen Fünffrankschein gefunden hatte, wahrscheinlich hatte er in seiner Zerstreutheit diesen Schein in ein geöffnetes Buch gelegt – da hatte jemand an die Türe geklopft, und er hatte wahrscheinlich das Buch zugeklappt – na also! Warum sollte diesmal nicht etwas Ähnliches geschehen sein?

Er durchblätterte die wenigen Bücher, die er noch besass; aber das Wunder wollte sich nicht wiederholen.

Er hatte tatsächlich Grund genug, zu triumphieren. Von vornherein hatte er doch gewusst, dass er nichts finden würde, und doch hatte er sich durch eine dumme Hoffnung, es müsste ein Wunder geschehen, nasführen lassen.

Gott sei Dank, dass er noch ein paar Zigaretten hatte!

Er zündete sich eine an, tat ein paar gierige Züge und empfand für einen Augenblick etwas wie einen Lichtblick – aber nur für einen Augenblick!

Er hatte wühlende Kopfschmerzen, ein unangenehmes Brennen in den Augen, die trokkenen Lippen waren verklebt vom weissen Speichel des Fiebers. Der Zigarettenrauch machte ihn schwindlig und über seine Augen fiel ein nebliger Dunstschleier. Er sank auf das Sofa, das unter seiner Last schmerzlich aufstöhnte, was ihn höchlichst verwunderte, weil es ihn dünkte, er habe infolge der Auszehrung jegliches spezifische Gewicht eingebüsst.

Ja, das war Hunger – ein ganz ordinärer Hunger, ein Gefühl für sich, etwas, das jeglichem analytischen Versuche spottete und bei den mühsamsten gedanklichen Kombinationen nicht einen Bruchteil übrig liess, da es restlos in sich aufging.

Zweifellos!

Zwei in zwei geht einmal – bleibt kein Rest – Hunger in Hunger bleibt ewig Hunger: dagegen hilft nichts.

Schläfrigkeit befiel ihn allmählich, seine Glieder begannen sich zu lösen, wie Homer sagt, und vielleicht wäre er eingeschlafen, hätte ihn nicht das widerliche Gefühl des klebrigen Speichels gequält, den er nicht los werden konnte: er stand vom Sofa auf, trank ein Glas Wasser und noch ein zweites, blieb wieder mitten im Atelier stehen und sah sich wieder in steigendem Triumphgefühl um.

Er hatte sich auch nicht einen Augenblick geirrt. Hätte er noch einmal alles aufs peinlichste durchsucht, selbst den Staub durchgesiebt, nicht einen Pfennig hätte er gefunden – Leinwand war genug da, und alles so schön bemalt, aber was gingen ihn jetzt seine Bilder an! Eher hätte er vor Hunger krepieren können, bevor er für sie einen Käufer fände, – sie waren über jeden Preis erhaben.

Was waren die Visionen des wohl durch Tollkraut hervorgerufenen Deliriums eines Hieronymus Bosch, die ungeheuerlichsten Phantasmagorien eines Goya, die opiatrischen Halluzinationen des Ensor, die untüchtigsten, satanischen Offenbarungen eines Rops, die schauerlichen, vom wüstesten Hass geifernden Grotesken des grossen Daumier, oder die unbeholfenen, grandiosen Scheusslichkeiten eines Wirtz im Vergleich zu dem, was er geschaffen hatte!

Tiefer als sie alle vermochte er in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele zu schauen, aus den finsteren, unterirdischen Gängen hatte er die dort kauernde menschliche Bestie ans Tageslicht gezerrt, die apokalyptische Bestie, die nach Mord und Marterqualen lechzt, sich in den widerlichsten Unzuchtsorgien wälzt, sich am Blute nicht satttrinken kann und in einem Samenüberfluss schwelgt, aus dem ein noch niederträchtigeres Geschlecht erstehen soll.

Bis an das Magma jeglichen Daseins war er gedrungen – und dies Magma war der Hunger.

Und er malte den Hunger, immer und wieder den Hunger, den nie gesättigten Hunger, den zu stillen nichts imstande ist.

Er malte den Hunger des Verlangens und der nimmersatten Geschlechtsdämonen, der in seinem satanischen Überschwange nach Blut schrie, den Hunger der Macht und des Ruhmes, der eine ganze Welt in Trümmer legte, in den Eingeweiden der Erde Konvulsionen hervorrief und auf dem Himmel die Wolken zu wüstesten Ungeheuern zusammenballte: grässlichen, vorsintflutlichen Reptilien, die mit riesigen Zähnen aufeinander einhackten, verzweifelt miteinander rangen, um sich in Stücke zu reissen – er malte den Durst der Erkenntnis und des Verlangens, die letzten Dinge zu erfahren: den geradesten Weg zum Irrenhaus, in dem sich Götter in einer unerhörten Majestät völligen Stumpfsinns und Idiotie tummelten – der ewigen Verdammnis verfallene Philosophen, die ihre Schädel an eisernen Toren zertrümmerten, so dass das Gehirn herumspritzte, und unter diesen besessenen, tollwütigen Furien der mächtige Dalai-Lama, der jegliches Wissen besessen hatte: aus den tief eingefallenen, übermässig geweiteten Augen schlugen die Flammen des Wahnsinns heraus – von dem nackten Skelett, das mit einer in tiefe Falten gefurchten Pergamenthaut überzogen war, hing in Lumpen und Fetzen ein verschlissener Purpurmantel herab und das Haupt krönte eine unsagbar lächerliche, aus Stroh geflochtene Tiara.

Aber grauenhaft und wirklich satanisch wurde der Hunger, als er sich als heilig zu gebärden begann. Der heilige Hunger, der Tausende und Abertausende auf uneinnehmbare Wälle trieb, die Gräben mit Leichen anfüllte und aus den zu Stücken zerrissenen, vom Kugelregen durchsiebten Menschenleibern lebendige Brücken schuf, über die neue Heerscharen vorwärts stürmten, um einen neuen Wall für die noch Überlebenden zu schaffen, ohne Ende, ohne Mass, damit endlich der Sieger die Siegesfahne auf der Feste aufpflanzen konnte, inmitten des dampfenden Blutnebels und des ächzenden Gestöhns der Sterbenden, die Siegesfahne mit der gott- und menschenschänderischen Aufschrift: es sei süss und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben!

Der Hunger, einzudringen in das Reich des ewigen Lichtes – der heilige Hunger, der ein wehrloses Volk nach dem anderen mit Stumpf und Stiel ausrotten, auf der ganzen Erde Scheiterhaufen erstehen liess, auf denen man zahllose Märtyrer schmauchte, der den Menschen sich an Erfindungsgeist von immer neuen Martern selbst mit dem allergrausamsten Jehovah messen liess, und alles um der grösseren Ehre des Herren willen – ja! dieser Hunger war fürwahr grässlich, grauenhaft, übermächtig in seinem wahnsinnigen Überschwange, in seiner alles zermalmenden Tollwut – aber grenzenlos lächerlich war der Hunger des einschrumpfenden, unwillig brummenden Magens des Priesters der Kunst!

Das war schon eine groteske, chimärenhafte Karikatur des Hungers, – der gemeine, stumpfsinnige, blöde Sancho Pansa eines erhabenen Don Quijote, ein dummer, aufdringlicher, widerwärtiger Famulus, der einen göttlichen Faust, welcher eben in himmlischen Wundern untergetaucht ist, fortwährend an seinem Rocke zupft – nichts im Vergleich damit ein quälendes Schlucken, das einen mitten in der intensivsten Liebesekstase befällt, und nichts die Lächerlichkeit eines plötzlichen Zahnschmerzes, der die Himmelfahrt eines in erhabensten Visionen schwelgenden Dichters begleitet.

Gasztowt krümmte sich vor höhnischem Lachen – und dies alles um der Kunst willen!

Nun hatte er Lust, sich auf seine Bilder zu stürzen, sie in Stücke zu reissen, auf einen Haufen zu sammeln, ihn anzuzünden und sich zu freuen an dem Prasseln der Ölfarben, seine Augen zu sättigen an dem stinkenden Rauch, der dem blakenden Leinwandhaufen entsteigt – aber er hatte keine Kraft dazu – und mit jähem Ruck befiel ihn eine entsetzliche Langeweile.

Es kam ihm vor, als sei die ganze Welt nur ein riesenhafter Leviathan, der ihn – den Propheten Jonas – einst hinuntergeschluckt und ihn jetzt aus dem vor grässlicher Langeweile gähnenden Rachen auf das Eiland des elenden Sofas herausgeworfen habe – und alles ringsumher gähnte: das Sofa langweilte sich im schneidenden Gekreische der verrosteten Sprungfedern unter der Last des auf ihm gähnenden Menschen – scheussliche Langeweile gähnten seine Bilder mit ihrem öden, ausgemergelten Symbolismus, aus jeder Ecke schnaufte unwillig die Langeweile, und selbst seine Stiefel, auf die er jetzt sein besonderes Augenmerk richtete, schienen zu gähnen, denn die Sohlen lösten sich bedenklich von dem Oberleder.

Und seine Langeweile nahm so verzweifelte Dimensionen an, dass er gar nicht fühlte, wie die Angst und das Grauen des morgigen Tages immer höher in ihm stiegen und mit den scharfen Zähnen eines Ichneumons seine Nerven zersägten.

Als er sich endlich auf sich selbst besann, empfand er tiefe Scham: über seine Wangen rollten Tränen des Verlassenseins, der Ohnmacht und des tiefen Schmerzes.

Nun, das war des Guten zu viel. Das fehlte noch! Wütend über sich selbst ballte er die Fäuste, aber die milde Mitternachtssonne des Verzichtes und der Ergebenheit beruhigte die Flutwelle des Zornes.

Jetzt hatte er das Gefühl, als sässe er auf dem Gipfel einer Anhöhe in einem bequemen Schlitten auf frisch gefallenem Schnee. In der Tiefe blaute dämmernd ein Tal und vor ihm stieg wieder eine andere Anhöhe auf, mit einem noch höheren Gipfel.

Eine unsichtbare Hand stiess den Schlitten ab – wie im Fluge sauste er hinab ins Tal, und die Wucht des Anlaufes war so stark, dass er noch den anderen Gipfel erreichen konnte.

Nun sah er hinab in die Tiefe: dort unten eine Strasse, die ganz im elektrischen Lichte badete – auf den Trottoirs wimmelten Menschen wie in einem Ameisenhaufen und mitten durch die Strassen sausten die elektrischen Strassenbahnen.

An seine Ohren drang das dumpfe Geräusch und Gerassel der Strasse – er sah die Menschenwogen, die aufeinander zuströmten, einander auswichen, dann sich wieder stauten und von neuem vorwärts fluteten, – und er empfand Sehnsucht, sich in diese Flutwellen hinabzuwerfen und von ihnen getragen zu werden, gleichgültig, an welches Ufer sie ihn bringen würden.

Etwas zog ihn gewaltsam auf die Strasse hinab. Mechanisch suchte er seinen Hut und seinen Stock, aber da er weder das eine noch das andere sofort finden konnte, wollte er sich mit dem Suchen nicht überanstrengen, um so mehr, als er ja ausgehen konnte, wann er nur wollte – die Zwischenzeit konnte er gut ausnützen . . . Ausruhen musste er, denn er empfand im Gehirn dumpfe Schläge, wie beim Holzhacken in der Kehle eine Trockenheit, als ob er heissen Wüstensand geschluckt hätte, und in den Fingerspitzen ein unangenehmes Prickeln, als hätte man ihn mit seinen Nadeln gestochen.

Er hatte ja noch Zeit, auf die Strasse hinauszugehen und masslos bis zum völligen Rausch das übermächtige Symbol des menschlichen Hungers: die Strasse – in sich einzuschlürfen.

Und niemand hatte bis jetzt die Strasse gemalt, zu malen vermocht!

Ja richtig! Delacroix – sein Barrikadenkampf! Dieser höllische Heisshunger nach Freiheit! Grossartig – übermächtig – ja! das ist wahr, aber das war noch nicht das – das Letzte – das Restlose! Da sollte ein wahnsinniger Satan Weiber, Greise und Kinder hinter sich herschleppen und sie zu neuen Barrikaden einstampfen – die Mauern sollten mitkämpfen, denn die Mauern der Strasse sind lebendige Wesen, gieriger, rachsüchtiger noch als der Mensch . . .

Die Strasse zu malen! O Seligkeit, o unsagbare Schönheit!

Eine priapische Strasse, um die Mitternacht herum, mit einer Herde hungriger, verschlagener, heimtückischer Weibchen, hinter ihnen wie brünstige Hengste verknäultes Gemenge von geilen Satyrn, oh! dieser höllische und so unendlich lächerliche Hunger des ragenden Phallus!

Eine Strasse, überdicht bevölkert mit einer zahllosen Menge von Krüppeln, Prostituierten, Zuhältern, Dieben, Messerhelden, die sich trunken nach dem stinkigen Nachtasyl hinwälzen –

Eine Strasse mit der verächtlich grinsenden Pfandleihe, zu deren noch verschlossener Pforte eine gottvergessene, nach vertierendem Rausch lechzende Menge sich während der Karnevalszeit drängt: das Letzte wird verpfändet – Aschermittwoch vor der Tür – der Hunger des morgigen Tages fletscht grinsend die Zähne, aber was ist der Hunger des Magens gegen den wütenden Hunger, noch das Heute zu geniessen – einmal noch, das letzte Mal, in trunkener Gier, in wütender Brunst, in verreckendem Betäubungsverlangen –

Und eine Strasse, streng, ernst und hoheitsvoll, wie das Gesicht eines an Grössenwahn leidenden Jehovahs, steil hinan laufend und abgeschlossen durch ein mächtiges Heiligtum: die Börse – und höher noch, den Montmartre-Berg hinan, einem blödsinnigen, in den Delirien der Rückenmarksschwindsucht erzeugten Versailles vergleichbar: ein unermessliches Bordell, das liebend mit weiten Armen die ganze Stadt rings umfängt – und über all dem thronend auf dem höchsten Gipfel ein schlotterndes, greisenhaft greinendes Sacré-Cœur, zu dessen Füssen der erste konsequente und überzeugte Atheist auf dem Scheiterhaufen schmort!

Auf den Armen des in den Himmel ragenden Kreuzes, auf der Kuppel der Basilika, sitzt rücklings der Satan, spielt die Flöte mit unsagbar lustiger Gebärde und lockt und lockt:

»Kommet alle zu mir, die ihr beladen seid!«

Ha, ha, ha! Gasztowt wälzte sich in verkrampftem Lachen.

Die Strasse, die Strasse, die Strasse! dröhnte es in seinen Ohren.

Er war besessen von der Vorstellung der Strasse.

Die Strasse des unzüchtigen Handels und Feilschens, die Strasse der Geschlechtsgier und widerlicher Unflätigkeit, die Strasse des Meuchelmordes und verbrecherischer Liebeshändel, die Strasse der freudetrunkenen Hoffnungen und in konvulsivischem Verzweiflungsgeheul sich wälzenden Enttäuschungen, die Strasse der Mastschweine, die nicht einmal Zeit haben, siebenmal am Tage zu sündigen wie jene, die den Gerechtesten zugezählt werden, und die Strasse, auf der die Märtyrer der Liebe schleichen mit roten Geschwürkränzen um die Stirne, die Strasse, über die zahllose Särge ziehen während der Pestzeit, über die der sinnlose Karnevalstrubel rast, oder im triumphierenden Paradeschritt die Reste der stolzen Untertanen einherstolzieren, die mitleidige Kanonen als Futter verschmäht haben, oder die eine zahllose Menge derer, die nicht arbeiten, aber essen wollen, verrammelt hat.

Die Strasse!

Gibt es ein mächtigeres Symbol des menschlichen Lebens – eine gewaltigere Offenbarung des alle Himmel und Höllen des Daseins umfassenden Hungers?!

Er fieberte.

Jetzt musste er auf die Strasse hinaus!

Jetzt wird er einem Fetischisten nachschleichen, der mit einer Unzahl von Vorsichtsmassregeln auf den Augenblick lauert, wo er einem Mädchen den Zopf abschneiden kann – dort wird er auf einen Viertelsekundenblick die Hand eines Taschendiebes erhaschen, die in dem Frauengewühl an einem Schaufenster mit den modernsten Hüten in die Rocktasche einer Dame hineintaucht und mit staunenswerter Geschicklichkeit das Portemonnaie herausfischt – dort wieder wird er sich an dem Anblick eines Herrn weiden, der, von den Furien unzüchtiger Gelüste gepeitscht, sich an eine junge Dame wendet und ihr etwas zuflüstert –

»Sehr gerne, mein Herr, aber doch nicht hier auf der Strasse!«

Ha, ha, ha! gut abgeblitzt! Gasztowt grinste.

Er suchte sich aufzurichten.

Er musste jetzt gehen.

Vielleicht würde er sie treffen.

Wen? staunte er heuchlerisch – wen denn, zum Teufel?

Aha! Ja, richtig! Nun! warum denn nicht? Aber mit grösstem Vergnügen, das wäre wirklich ein prächtiger Zufall.

Er würde ihr bei dieser Begegnung seine grösste Freude ausdrücken, denn bei dieser Gelegenheit würde er ja endlich ihre Stimme hören.

Er hatte zwar einen furchtbaren Schrei gehört, aber er war nicht sicher, ob sie ihn ausgestossen hatte – möglich, dass er aus seinem Inneren kam, und nichts hatte er so bedauert, als eben das, dass er ihre Stimme nicht zu hören bekommen hatte.

Dabei hatte er die absolute Überzeugung, dass, wenn er sie zu hören bekäme, er dann etwas Unfassbares, Unglaubliches schaffen würde, – woran noch kein Mensch überhaupt zu denken gewagt: er würde die Sprache der Strasse malen, dieser kirchhoffriedlichen, von verzweifelten Todeskämpfen erschöpften, mit verschlissenem Trauerflor festlich geschmückten Strasse . . .

Dann erst werden seine Bilder zu leben beginnen, wenn er dazu kommt, sie sprechen und schreien zu lassen: ein ungeahntes Leben wird diese lange, dämmrige Strasse empfangen – auf ihr die wankende Gestalt, die an den Mauern entlang schleicht – im Hintergrund die gespenstische Brücke – das Schafott, an dem der Beherrscher alles Lebens: der Tausendfüssler, seiner Opfer harrt.

Das alles würde sich in ein grosses, geheimnisvolles Leben kleiden und laut zu sprechen anfangen, sobald er nur ihre Stimme zu hören bekäme . . .

Schliesslich könnte er ihre Stimme auch ebensogut in Tönen wiedergeben, er wusste ganz genau, dass er sie spielen könnte, er würde sicher seiner Geige dies Wunder erzwingen.

Aber leider hatte er keine Geige – er sah auf die Stelle an der Wand, wo sie einst gehangen . . . Ja, er hatte keine, es war ihm schwer genug geworden, sich von ihr zu trennen, noch immer empfand er schmerzhafte Stiche in seinem Herzen, wenn er sich an seine herrliche Cremoneser Geige erinnerte – er hatte sie aber los werden müssen, damit der Ton ihm nicht die Farbe ertötete, dass seine Farbenwut durch keinen Ton gezähmt wurde . . .

Er schüttelte sich plötzlich:

Nein – das war wieder gelogen! Er hatte die Geige ganz einfach verschachern müssen, um ein Dach über seinem Kopfe zu haben – der Erlös für die Geige hatte den jährlichen Mietzins des Ateliers gedeckt, als er schon aus ihm hinausgeworfen werden sollte.

Jedenfalls war es sehr schade, dass er die Geige nicht hatte, – sicher hätte er auf ihr ihre Stimme in den feinsten Tönungen wiedergegeben, selbst den Schrei würde er ihr zu entreissen verstehen . . .

Schade – schade! . . .

Aber seine Gedanken schienen übermüdet zu sein, er horchte noch auf ihr wirres Träumen hin, doch fand er keinen zusammenhängenden Sinn in ihnen – nur von unten auf arbeitete sich ein dumpfer Befehl in ihm hoch:

Nun aber hinaus auf die Strasse!

Ja, ja! Jetzt wollte er es nicht mehr aufschieben – jetzt musste er auf die Strasse gehen. Unruhig ging er auf und ab und durchsuchte noch einmal mechanisch seine Taschen.

Plötzlich zuckte er zusammen – aus der Westentasche zog er den Ring hervor.

Wie kannst du nur so leichtsinnig sein, fuhr er sich wütend an, und diesen Ring lose in der Westentasche tragen – diesen Ring, mit dem sein ganzes Leben unlösbar verkettet war, dessen Fluch ihn zum erhabensten Künstler gemacht hatte!

Wie leicht hätte er ihn verlieren können, jetzt grade, wo er ab und zu ganz unzurechnungsfähig; war, verwirrt und ganz krankhaft zerstreut!

Er suchte in der Schublade des Tisches herum, und unter verschiedenem alten Kram und Gerümpel fand er endlich eine Stahlkette, an der er einst eine Uhr getragen hatte.

Er war entzückt über diesen Fund, befestigte den Ring sorgsam an der Stahlkette, diese wieder an seiner Weste und steckte den Ring in die Tasche:

Das macht sich sehr gut, grinste er, es sieht aus, als sei ich in dem kostbaren Besitz einer Uhr!

Ja, ja, ich habe sie einmal gehabt, die kostbare Violine auch, nur den mottenzerfressenen Pelz wollte niemand kaufen . . .

Nun überlegte er angestrengt, ängstlich, entsetzt – Schrecken fuhr ihm durch die Glieder bei dem Gedanken, dass er jetzt ganz ruhig in irgend eine Kneipe einkehren, sich Speise und Trank geben lassen könnte, um dann schliesslich unter dem Vorwand, dass er das Geld vergessen hätte, den goldenen Ring der Kellnerin als Pfand zu überlassen.

Aber, obwohl ihm der Gedanke ungeheuerlich vorkam, dass fremde Hände diesen Ring betasten, – gradezu frevelhaft, dass fremde Augen seinen Wert abschätzen könnten, – so wusste er doch mit unfehlbarer Sicherheit, dass er es doch tun würde, und war schliesslich glücklich, die Anziehungskraft der Strasse so übermächtig auf sich wirken zu fühlen, dass alle Überlegungen und Bedenken jetzt nichts mehr zu fruchten vermochten.

Wie froh war er im Grunde, dass er sich nicht mehr mit hemmenden Gedanken abzuplagen brauchte . . .

Also wird er schlimmstenfalls, wenn er, todmüde von dem Absuchen der Strassen, ohne das Weib gefunden zu haben, irgendwo einkehrt, sich ehrbar hinsetzen – essen und trinken, ja! es überlief ihn heiss – endlich essen und trinken zu dürfen – er konnte es in vollster Seelenruhe tun, denn er hatte ja ein Pfand einzusetzen – ja! das war ein prachtvoller Gedanke.

Aber auch abgesehen von der Qual des Hungers und Durstes, hätte er sowieso unter dem Zwang eines unüberwindlichen Verlangens auf die Strasse gehen müssen: er war ja ganz krank von dem unbezähmbaren Verlangen, jetzt Menschen zu sehen, – überdies wird es ihm jetzt ein geradezu wollüstiges Gefühl bereiten, wenn ihm das Licht, das sich aus einer stinkenden Lampe mühsam durch den unglaublich widerlichen Tabaksqualm durcharbeitet, die Augen beizt – ein Hochgefühl wird es für ihn sein, einen Anfall von Keuchhusten zu bekommen von dem Geruch des alten ranzigen Specks, auf dem in der danebengelegenen Küche alle Speisen bereitet werden – und mit welcher Wollust wird er auf das Geschrei und das Gejohle unmenschlich besoffener Arbeiter hinhorchen und die Luft einatmen – diese fabelhafte Luft, geschwängert von scheusslichen Fuselausdünstungen.

Ja! dies alles wird ihm masslose Freude bereiten, – und nirgends konnte man die Strasse so selig, so intensiv geniessen, sie ganz und gar in sich aufnehmen, wie gerade in diesen unterirdischen Nachtspelunken!

Sonniges Lachen irrlichtete in seiner Seele: vielleicht wird er einen unflätigen Tanz zu sehen bekommen, – unglaublich schwer zu zeichnen in seinen Verdrehungen, seinen unzüchtigen Zuckungen und bestialischen Verkrampfungen – vielleicht wird er auf das Gequietsche einer unglaubwürdigen Geige andächtig horchen können, oder auf das Ächzen und Stöhnen einer verstimmten Gitarre, auf deren verrosteten Saiten irgendeine schwindsüchtige Dirne herumzupft und dabei heiser brüllt:


Les ch'veux frisés,
Les reins vidés,
Les pieds usés,
Les os cassés,
Pierreuses,
Trotteuses,
A' marchent l' soir
Quand y fait noir,
Sur le trottoir!


Herrlich! Herrlich! Das wirkliche Pathos der Distanz!

Er war über alle Massen erfreut, dass er dies alles sehen und hören sollte, verscheuchte alle Gedanken, die ihm seine festliche Laune irgendwie verderben konnten, betastete die Westentasche, ob der Ring wirklich da war, setzte sich mit grosser Bravour den Hut auf und, beseelt von hoffnungsvollem Unternehmungsgeist, ging er die Treppen hinab – auf die Strasse . . .



V

Auf der Strasse blieb er stehen. Er fühlte sich ein wenig erschöpft, aber das war sicher nur Einbildung, denn – im Gegenteil – er fühlte eine angenehme Erregung, war sogar lustig – es war etwas in ihm von einem Rekonvaleszenten, für den nur die ersten Schritte beschwerlich sind, der aber, wenn er die Gesundheit wiederkehren fühlt, vor Freude am liebsten einen Luftsprung machen würde.

Gasztowt ging schnell über die Hauptstrasse: sie war ihm widerlich, gemein in ihrem ekelhaften Protzentum, ihrer ordinären, durch die Schutzmannschaft geregelten Ordnung und Sicherheit, ihrer abgrundtiefen, langweiligen Hypokrisie: keine Prostituierte, kein Zuhälter, kein bleicher Verbrecher – ja, fürwahr, das war eine geschmacklose Klein-Moritz-Kari­katur der Strasse an sich: zu eng für den Triumphzug eines siegreichen Cäsars, der sich die halbe Welt tributpflichtig gemacht hat – zu breit für das weit hinter die Grenzen der bürgerlichen Moral und der ordnenden Gerechtigkeit ausgestossene Elend, das hier keine Barrikaden aufwerfen und sich, wenn auch nicht eine anerkennende Achtung, so doch die Angst der »Ordentlichen« erkämpfen könnte – und so bog er schleunigst in die engen Quergassen ein: die eigentliche Welt der Strasse, deren Hunger alle Werte umstülpte, die Flügel der menschlichen Seele zum trotzig-kühnen Fluge weitete, dem heimlosen Enterbten Macht über die Herrschaft des Goldes verlieh und das verfaulte, träge Blut in einer plötzlichen Wut aufschäumen liess, die Tiaren und Kronen auf geheiligten Häuptern bedenklich wackeln liess . . .

Unwillkürlich ging er in der Richtung eines elenden, verrufenen Winkels, wo er einstmals die schönsten und wertvollsten Studien für seine erhabene Synthese gemacht hatte, in der er »die« Strasse geben wollte.

Er kannte dort ein kleines, höchst verdächtiges Kaffeehaus, in dem er einst ganze Nächte verbracht hatte im heissen Bemühen, sich in den tiefsten Grund der Seelen dieser geheimnisvollen Menschen hineinzubohren, die da sich im Dunkel verkrochen, weiss Gott wovon lebten, wilden Hass und Rachegier mühsam in sich erstickten, Menschen, welche die Schande und das äusserste Elend zum Erbrechen widerlich gemacht hatte, – doch in jedem von ihnen konnte er etwas Unfassbares ausfindig machen, das von etwas Erhabenem trächtig war, gleichgültig, ob es sich später in einer grossen Tugend oder in einem grossen Verbrechen äussern sollte . . .

Ja! gleichgültig was es wird, wiederholte er, wenn es nur nicht die ordinäre Alltäglichkeit ist, wenn es nur nicht den widrigen, brenzligen Geruch der öffentlichen Ordnung ausatmet, unter deren gütigem Schutz die Prostitution sich machtvoll breit macht, die rechtlose Aussaugung sich als das höchste Staatswohl brüstet und der Egoismus des Goldes seine Orgien feiert – ja! gleichgültig was, wenn es nur die Erhabenheit der Strasse nicht beschmutzt, der von Kot und Elend strotzenden Strasse, der Wiege aller Umstürze und Revolutionen, der Strasse, die unablässig ihr wutschnaubendes, rachedurstiges »Ça ira!« in die Welt hinausbrüllt, »Ça ira« der rächenden Vergeltung und ausgleichenden Gerechtigkeit, »Ça ira« der todesmutigsten Aufopferung und des erhabensten Blödsinns . . .

Das ist alles vollkommen gleichgültig, wenn es nur erhaben ist . . .

Und mit stolzer und tiefer Andacht besah er sich die alten, schwarzen Häuser, von denen ein jedes ihm wie ein mit geheimen Hieroglyphen beschriebenes Schriftstück erschien; wenn man nur den Schlüssel kannte, mit dem man die Rätsel und Geheimnisse, die sich in ihm bargen, entziffern konnte!

Und auf der schlecht gepflasterten Strasse, deren spitzige Steine ihm die Sohlen wund rissen, ging er wie auf einem weichen, dichten Teppich, und das Geschrei, das Gejohle, das Lachen und die Flüche, die aus den Kellerräumen hin und wieder an sein Ohr drangen, schienen ihm ein herrliches Vorspiel zu sein für ein künftiges, blutrünstiges, völkermordendes aber glorreiches Ringen – ein fernes, sturmwütiges Donnern des Ozeans, der seine Fluten langsam heranwälzt, um die himmelragenden Festen der Ordnung und des Geldes zu stürmen:

»Ça ira!«

Aber plötzlich sank er in sich zusammen, die Sturmflut einer krankhaften Erregung fing an zu verebben, kalter Schweiss trat ihm auf die Stirn, seine Beine wankten und zögerten, ihn weiter zu tragen. Er war glücklich, als er ganz in der Nähe die ihm so vertraute, so gut bekannte grüne Laterne erblickte, die über dem Schild des Cafés »zur wilden Marderkatze« in dem Wind hin und her schwankte.

Er durchquerte den schmutzigen Ausschank für die Stehgäste und betrat ein unerfülltes Zimmer, wo er in der Ecke noch einen Tisch vorfand, an dem er sich schwer auf einen Sessel niederliess.

Das Café schien seit der Zeit, da er das letzte Mal hier war, eine ziemlich grosse Umwandlung erfahren zu haben.

Das Zimmer war geräumiger, neu getüncht und präsentierte sich halbwegs anständig und sauber, was ihn nicht besonders erbaute – die alte Spelunke war ihm lieber.

Er betastete die Westentasche – der Ring war da – also war alles in Ordnung. Er fühlte sich im übrigen hier ganz wohl und befand sich in einer erfreulich heiteren und selbstsicheren Verfassung. Übrigens fühlte er, dass er hier nichts Schlimmes zu befürchten brauchte, um so weniger, als die Kellnerin, die jetzt an ihn herantrat, ihm im höchsten Masse sympathisch erschien.

Sie hatte ein aufgedunsenes Gesicht und trübe, schwarze, umränderte Augen von einer merkwürdig tiefen Melancholie.

Er bestellte eine Portion Wurst mit Sauerkraut, ein Gericht, das man, wie er sich von früher her erinnerte, hier zu jeder Zeit bekommen konnte, und ein Glas Bier.

Er ass langsam und mit nachlässiger Gleichgültigkeit, denn er wollte nicht, dass jemand bemerken könnte, wie hungrig er im Grunde war; da ihm aber das Essen über alle Massen schmeckte, bestellte er sich noch eine Portion und liess sich dazu ein grosses Glas von dreifach versteiftem Schnaps bringen sowie einige Zigaretten.

Wieder betastete er ängstlich die Westentasche: alles in Ordnung . . . übrigens war er überzeugt, dass die Kellnerin, die auf ihn den Eindruck einer aufgedunsenen, wassersüchtigen Madonna machte, ihm keinerlei Schwierigkeiten in den Weg legen würde . . .

Sie brachte auch wirklich alles, wie er es sich gewünscht hatte, und schleppte sich mit traumbefangenen, melancholischen Schritten weiter zu den anderen Tischen. Gasztowt ass wieder mit derselben nachlässigen Umständlichkeit und hatte nicht geringe Lust, sich eine dritte Portion zu bestellen, aber dadurch könnte er verraten, wie gründlich ausgehungert er war, das könnte Misstrauen erwecken – und es wäre leicht möglich, dass er jetzt schon seinen Ring zeigen müsste, um seine Zahlungsfähigkeit zu beweisen – doch diesen bedeutungsvollen Moment wollte ermöglichst weit hinausschieben, bis der letzte Gast das Café verlassen haben würde.

Er zündete sich eine Zigarette an, trank mit einem Schluck das Glas Branntwein herunter und sah sich ruhig und umständlich um, mit der Miene eines alteingesessenen Stammgastes.

Wie alles hier merkwürdig still vor sich ging: die Menschen schrien hier nicht, zankten sich nicht, sprachen leise miteinander, eigentlich nicht mit Worten, sondern mit Blicken und kurzen Gesten – er hörte auch kein Lachen, sah nur ab und zu eine leichte Verzerrung um die Mundwinkel, ein Anspannen der Gesichtsmuskeln, und dies verriet etwas, das man allenfalls ein Lächeln nennen konnte, aber nichts weiter.

Am Nebentisch sassen ein paar Menschen, die Karten spielten: einer hielt die Bank, die anderen zogen die Karten.

Man spielte in feierlicher Sammlung – die Spieler, als wären sie versteinert: keine Miene verriet, was bei dem wechselnden Spielglück in ihren Seelen vorging. Es war unmöglich zu erraten, wer verspielte und wer gewann – so seltsam gleichgültig zahlte man den Gewinn aus, und wie von ungefähr und völlig zerstreut heimste man ihn ein. Die Handbewegungen der Spieler machten den Eindruck einer automatisch funktionierenden Maschinerie, die Augen waren halb erloschen und glasig und geruhten kaum, die Karten anzuschauen, die Gesichter so gleichgültig und gelangweilt, als handelte es sich um eine langweilige, höllisch monotone Fabrikarbeit und nicht, wie Gasztowt bald merkte, um bedeutende Summen.

Nur einen Augenblick gab es eine stumme Bewegung.

Einer der Spieler hatte den Bankier an der Hand festgehalten und aus dem Ärmel seines Rockes eine Karte herausgezogen: die Volte war misslungen.

Gasztowt hörte einen dumpfen Faustschlag, unter dessen Wucht der ungeschickte Bankhalter vom Stuhle fiel: er sah ihn einen Augenblick in der Luft schweben und dann sah er, wie durch die Hintertür eine Menschengestalt mit erstaunlicher Geschwindigkeit und achtungswerter Präzision hinausflog – und, als wäre nichts geschehen, wurde das Spiel fortgesetzt.

An einem anderen Tisch sassen einige Männer. Einer von ihnen sah aus wie ein geborener »Führer« und schien den anderen den Plan künftiger Raubzüge zu entwickeln. Ganz von der Wichtigkeit seiner Mission durchdrungen, sass er da – ernst und befehlend, schien keinen Einwurf zu dulden und an blinden Gehorsam gewöhnt zu sein: schweigend zeichnete er mit dem Bleistift auf ein Stück Papier, über welches sich die anderen tief herabbeugten, machte Zeichen, mit dem Finger wies er jedem seinen Standort an, nickte mit dem Kopf dem einen zu, dieser antwortete bejahend mit demselben Kopfnicken, den andern mass er starr mit den Augen, auch dieser schien alles begriffen zu haben.

Noch einmal wies der »Führer« mit dem Finger auf verschiedene Punkte seiner Karte, die wahrscheinlich von besonderer Wichtigkeit waren, dann zerriss er in tiefem Schweigen das Blatt Papier in kleine Stücke.

Gasztowt freute sich, dass er morgen in den Zeitungen den ausführlichen Bericht über einen hier bis ins Einzelnste ausgearbeiteten und wahrscheinlich höchst gelungenen Einbruchdiebstahl oder dergleichen würde lesen können.

Es musste sich hier um eine sehr grosse Sache gehandelt haben, dachte er: das Schweigen, das jetzt an jenem Tische folgte, schien ihm bedeutsam zu sein und an einer grossen Mannigfaltigkeit wichtiger Begebenheiten trächtig.

Gasztowt war im höchsten Grad entzückt.

In welchem, selbst dem vornehmsten und exklusivsten Klub, in welcher aristokratischen Gesellschaft hätte er Menschen von einer so auserlesen vornehmen Lebensart finden können!?

Und über welch gewaltige Intelligenz, Scharfsinn, wunderbare Orientierungsgabe und Diskretion mussten diese Menschen verfügen, wenn sie sich nur mit kurzen, kaum sichtbaren, blitzschnellen Bewegungen, ein tausendstel Sekunde dauernden Augensignalen und einem rätselhaften, unauffälligen Spiel der Gesichtsmuskulatur untereinander verständigen konnten!

Oh, wie er sich hier wohl befand! Nirgends hätte er sich wohler fühlen können!

Ihm gegenüber, an der Wand, sass an einem Tisch ein junges Paar: eine Frau und ein Mann. Obgleich er sie bisher gar nicht beachtet hatte, wusste er genau, dass sie sorgsam vermieden, einander anzusehen, und kein Wort miteinander gesprochen hatten. Ihr Gesicht sah er deutlich: kalt, ruhig, eisig und völlig gleichgültig. Seinen Kopf sah er von hinten: er schien schwer zu sein und ungefüge – fast leblos und, als wäre er von seiner Eigenschwere zwischen die Schultern eingedrückt, als könnte er sich nicht aufrecht halten, war er jetzt auf den Tisch herabgesunken.

Aber jedesmal, wenn er sich automatisch langsam aufrichtete, und jedesmal, wenn ihre Augen sich anscheinend begegnen mussten, sah er das Gesicht des Weibes in einem hässlichen, giftigen Lachen aufzucken – es grinste höhnisch und schien zu einer Stahlpeitsche zu werden, mit der sie ihn unerbittlich, mitleidlos, in kalter Verachtung und zynischem Hohn zerfleischte.

Gasztowt interessierte diese stumme Szene und er begann sie mit gespanntester Aufmerksamkeit zu beobachten – da plötzlich stockte ihm der Atem in der Brust.

Er sah es ganz deutlich: der Rücken des Mannes krümmte sich gewaltsam wie bei einer fauchenden Wildkatze, – er sah nicht, aber ahnte die Hand, die sich fiebernd vorstreckte, leise über den Tisch kroch – und plötzlich ein gedämpfter Schmerzensschrei: in der eisernen Umklammerung der wütenden Hand duckte und wand sich das Weib, kauerte schliesslich bewegungslos auf dem Boden, aber niemand schien darauf achtzugeben.

Nur der »Führer« allein, der jetzt vereinsamt an dem Tische sass, streifte das Paar mit seinen müden Augen und schien nicht verstehen zu können, wie man es wagen konnte, sein tiefes Brüten durch einen blödsinnigen Eifersuchtsausbruch, oder was es auch war, zu unterbrechen.

Plötzlich begegneten sich ihre Augen. Sie hakten sich aneinander fest und konnten sich nicht voneinander losreissen.

Kalte Schauer überliefen Gasztowts Rücken.

Das waren dieselben Augen, die ihn schon gestern durchbohrt hatten, als er seine Schmach, seine Schande dort in dem Ausstellungssaal durchleben musste.

Ja! Dieselben Augen – er fühlte jetzt ganz deutlich: ein gewisses Unbehagen, das er trotz alledem während der ganzen Zeit hier empfunden hatte – es musste von dem Anstarren dieser Augen herrühren, und er wusste sich jetzt ganz gewiss beobachtet, behorcht, verfolgt . . .

Zuerst packte ihn ein panischer Schreck, er wollte sich aufraffen und fliehen – weit, weit weg von diesen verdammten Satansaugen, aber im selben Augenblick besann er sich.

Kranker Wahnsinn! fuhr er sich an – wovor ängstigte er sich? Wieder diese sinnlosen Einbildungen? Der Mensch starrt ihn an, weil er ihn selbst so hartnäckig und erschreckt anstarrt – der Mensch kennt ihn ja gar nicht, er sieht ihn an, gleichgültig, weltfern, höchstens mit einer höhnischen Grimasse, weil er nicht versteht, warum ich ihn so anstarre . . .

Und um nur ja dem kranken Wahn keinen Einlass in sein Gehirn zu gewähren, drehte er sich um und suchte nach etwas, womit er sich ablenken könnte.

Und jetzt erst merkte er, dass schon seit geraumer Zeit ein junger Mann auf einer Art Podium stand und Geige spielte – neben ihm kauerte ein Mädchen und begleitete ihn auf der Harfe.

Und es war ihm, als wäre er eben aus einem tiefen Traum erwacht.

Das, was ihn vor kurzem als ein geheimes Schweigen, wenn nicht geängstigt, so doch verwundert hatte, war eigentlich eine zwanglose, zwar nicht übermässig laute, aber ganz fröhliche, gesellige Unterhaltung.

Das Weib, das er kurz vorher von dem eisernen Arm des Mannes zu Boden geworfen gesehen hatte, hob jetzt in aller Seelenruhe das Taschentuch auf, das ihm offenbar entglitten und auf den Boden gefallen war.

Der stahlgepanzerte »Führer« mit den müden Augen, die ihn eben noch so seltsam und geheimnisvoll angestarrt hatten, dass er vor ihnen Reissaus nehmen wollte, hatte sich eine neue Zigarette angezündet und schien, ohne irgend ein grösseres Interesse zu verraten, auf das geile Geflüster einer tief dekolletierten Dame hinzuhorchen, die sich an seinen Beinen zu schaffen machte.

Am Nebentisch sass ein anmutig und gottvoll ausgelassenes Menschenkind auf den Knien eines Gigerls, schlug mit den hohen Absätzen ihrer eleganten Halbschuhe auf der marmornen Tischplatte den Takt zur Musik, wobei sie auf ziemlich unanständige Art ihr Hinterteil hin und her wippte.

Der Bankhalter, den er vor kurzem in parabolischer Wurflinie durch die Hintertür hinausfliegen gesehen hatte, mischte jetzt wieder in seligster Ruhe würdevoll die Karten, und die aufgedunsene Kellnerin mit den melancholischen, schwarzumränderten Augen machte sich zwischen den Tischen mit einer Behendigkeit zu schaffen, die zu ihrem Rubensschen wassersüchtigen Fettumfang seltsam kontrastierte.

Gasztowt schwankte einen Augenblick.

Er überlegte, ob er sich jetzt erdreisten könnte, die Kellnerin nicht um ein Gläschen, sondern um ein grosses Wasserglas eines dreifach verstärkten Schnapses zu bitten, aber das Betasten des Ringes zerstreute seine Bedenken und machte ihn zuversichtlich: im Nu bekam er das Gewünschte.

Einen Augenblick sehnte er den vornehmen Traum zurück, in dem er alles in gedämpftem Lichte gesehen, sich schon an gemessene, diskret-weltmännische Manieren gewöhnt und nur einen wohltuenden Flüsterton gehört hatte, aber, da es ihm nicht schwer gefallen war, all diese Gestalten, die er jetzt in normalen Proportionen sah, in ganz anderen Dimensionen als wirklich anzusehen, so lebte er sich rasch in die neue Situation und den rapiden Szenenwechsel ein und machte sich mit ihm vertraut.

Ganz besonders fesselte die merkwürdige Musik seine Aufmerksamkeit – sie hielt ihn ganz und gar in ihrem Bann.

Ein anderes Mal hätte sie ihn zur Verzweiflung gebracht. Heute war sie für ihn ein Labsal und ein Hochgenuss.

Auch der Spieler schien ein vollendeter Virtuose zu sein, er spielte mit seltener Bravour und tiefem Verständnis dessen, was er spielte, ja! er spielte sozusagen perspektivisch, und Gasztowt gereichte es zur tiefen Freude, für alle diese dummen, banalen, geist- und hirnlosen Melodien ihre eigentliche Perspektive, die der Spieler ihm offenbar suggerierte, zu zeichnen:

Im Takt dieses Walzers z. B. sah er Menschenpaare sich stumpfsinnig drehen – Menschen, die nichts mehr zu verlieren hatten, denen es nicht mehr zu einer Schnapsflasche reichte und die sich wenigstens an dem drehkranken Getümmel berauschen wollten.

Er sah die ausgemergelten Beine der Tänzer, um die wie um Totengerippe zerschlissene Hosenfetzen herumflatterten, er hörte den pfeifenden Atem der schwindsüchtigen Weiber, sah weit aufgerissene, tief in die Höhlen eingefallene, fieberglänzende Augen und hektische, rostbraune Flecke auf den abgemagerten Gesichtern – und gerade mit dieser schauerlichen Verwüstung des Menschenfleisches harmonierte die ganze dumme, stumpfsinnige Musik, die der Satan Elend seinen erbärmlichen Kindern zum Tanze aufspielte.

Jener Cakewalk z. B. karikierte vorzüglich die unerhörte Lächerlichkeit des Affen, der mühsam erlernt hatte, auf zwei Beinen zu stehen, und sich nun Mensch nannte! Jetzt ist er unsagbar stolz darauf, dass er die unflätigen Bewegungen eines gemeinen Geschlechtsaktes nachahmen und die lächerlichen Zuckungen eines ragenden Phallus mit seinen Händen und Beinen wiedergeben kann! Ist das nicht eine herrliche Offenbarung des menschgewordenen Schweins!?

Oder dieser Zuavenmarsch! Das war doch ein unglaublich grossartiger Ansporn für die vertierten Sklavenhorden, die zur Schlachtbank getrieben werden, in eine wahnsinnige Massenabschlachtung, die man Krieg nennt – den Krieg, der wütend entbrannte, weil China das englische Opium nicht kaufen wollte – wie das alles gemein und lächerlich war in seinem monströsen Elend – was Wunder, dass auch diese Musik dumm und lächerlich sein musste und zugleich die tiefste Philosophie des Menschen-Affen bedeutete: das Menschen-Schwein, das Menschen-Vieh, das gerade gut genug gemästet war, um ins Schlachthaus geführt zu werden . . .

Er war jetzt über diese Musik ganz entzückt – er sah sie in einer phantastischen, grotesken Bilderreihe. Jede Melodie, die er schon zu eklem Überdruss gehört hatte, dass er dabei hätte erbrechen können, bekam jetzt einen neuen Sinn und öffnete ihm ganz neue, ungeahnte Perspektiven.

Es offenbarte sich seinen Augen das ganze Leben der Strasse mit seinen grotesken Galgensprüngen in unzüchtigen Kontorsionen, schmerzhaften und dabei unendlich komischen Verkrampfungen; es wand sich im unflätigen, trunkenen Rausch, erstickte am heiseren, vertierten Lachen, an Flüchen, Verwünschungen und Lästerungen . . .

Ja, ja, dachte er tief befriedigt – man muss nur verstehen zuzuhören, und dann wird selbst die blödeste, höllisch dumme Melodie zu einer unerhört tiefen und betörenden Offenbarung – und das Herrlichste an dieser Musik, das ist eben, dass sie die düsterste Stimmung in taumelnde Sorglosigkeit umwandelt, den erbärmlichen, flennenden Menschenjammer mit einer breiten, herrischen Geste abtut und mit verächtlichem Hohne dem Leben in seine infame Fratze speit . . .

Er nahm aus seinem Glas einen tüchtigen Schluck, zündete sich eine neue Zigarette an und war ganz und gar guter Dinge.

Plötzlich wurde er aus seinem friedlichen Nachdenken in der unangenehmsten Weise aufgescheucht.

Der Geiger, der Virtuose, den er eben noch so bewundert, der ihm die neuen Perspektiven eröffnet hatte, stand vor ihm mit einem Teller, auf dem er Geld einsammelte, und wartete, bis Gasztowt etwas hinlegte.

Gasztowt geriet in die peinlichste Verlegenheit, denn er wusste, dass er nicht einen Sou bei sich hatte – sah sich ratlos um – wandte sich dann ab, als wollte er dem Künstler bedeuten, dass er nicht gewillt sei, ihm etwas zu geben, aber der blieb herausfordernd stehen, schüttelte den Teller, dass die Münzen klapperten, und fuhr ihn unverschämt an:

»Bitte, beeilen Sie sich ein wenig!« es klang wie ein harter Befehl.

»Aber ich habe nicht einen Sou!« platzte Gasztowt verzweifelt heraus.

»Ha, ha, ha! Faule Ausreden! –Hier muss man Geld bei sich haben – hier gibt jeder, muss eben geben.« Die Worte stachen Gasztowt wie glühende Stecknadeln. Er sah sich wieder um mit ängstlicher Ratlosigkeit.

Das ganze Café starrte ihn höhnisch an, es war ihm, als durchlöcherte ihn ein halbes Hundert böser, spöttischer, höhnisch-neu­gieriger Augen, er hörte die Münzen auf dem Teller klappern, den der unverschämte Geiger immer energischer schüttelte, und seine Augen hakten sich wieder an denen des »Führers« fest. Und in der schwülen, erwartungsvollen Stille, die plötzlich in dem Café entstanden war, schrien diese Augen unabwendbare Befehle. Aus diesen Augen strömte ein kaltes, schneidendes Licht, das ihn bis ins Mark erschütterte.

Vergebens rang Gasztowt mit diesen Augen und wollte sich von ihnen loslösen. Er fühlte, dass dieser Blick ihn von seinem Stuhl hochzwang und gleichzeitig den höllischen Teller in immer wütendere Bewegung versetzte.

Und im selben Nu schoss ihm ein befreiender Gedanke ins Gehirn – jetzt erst vermochte er sich aus den Teufelskrallen der giftigen Augen zu befreien:

»Gib deine Geige her!« schrie er heiser den Spieler an.

Der Virtuose betrachtete ihn eine Weile – Gasztowt merkte dabei hellseherisch, dass er sich mit seinen Augen – oder vielleicht auch mit seinem Rücken – mit dem »Führer« in Verbindung setzte; er wusste ganz genau, dass diese beiden Halunken unter einer Decke steckten, aber das war ihm jetzt gleichgültig.

Er streckte die Hand nach der Geige aus, und der Virtuose, als folge er einem fremden Befehl, reichte sie ihm mit tiefer Verbeugung.

Gasztowt leerte sein Glas, rauchte eine Weile. Kalten Schweiss fühlte er seinen Körper entlangrieseln, vor seinen Augen wurde es dunkel, aber das dauerte nur einen Augenblick.

Er empfand plötzlich ein seltsames Machtgefühl – nahm die Geige, stimmte sie, schob sich den Hut über die Augen, wartete ein wenig, denn er fühlte, dass sich wieder diese fremden Augen mit gierigen Fangarmen an seiner Seele festsaugten – er sah hin: der »Führer« sass ganz allein an seinem Tisch, und sein Gesicht erschien ihm hart, streng, gespenstisch – düster und grausig.

Gasztowt riss ein paar wilde Akkorde aus der Geige mit solcher Kraft, dass die Töne nicht aus der Geige zu kommen schienen – als hätte eine Orgel sie hinausgebrüllt.

Noch einmal peitschte er die Saiten mit dem Bogen auf, den Hut warf er ab, weil er ihm hinderlich war, und begann zu spielen.

Zuerst den wüsten Rakoczy-Marsch in seiner eigenen Paraphrase, in den unglaublichsten Oktaven, Dezimen, wildem Akkordengetümmel. Er zwang die Geige, dass sie wie ein Orchesterwerk erdröhnte, sprang plötzlich zur Carmagnole über, liess die Geige keuchen und schreien: »Dansons la Carmagnole, vive le son du canon!« verflocht dies alles mit dem wahnsinnigen heiseren Gekrächz, das sich aus dem tiefsten Grund des menschlichen Elends herausriss: »Ça ira, ça ira! les aristocrats, on les pendra!« und es erbrauste das blutrünstige Lied der Barrikaden, das über Leichenhaufen, unter dem Donner der Kanonen, dem Gestöhn der Verendenden, dem Geschrei und Grauen der Verzweiflung sich in mächtigen, aufgepeitschten, schäumenden Wogen ergoss: »C'est la lutte finale!«

Die Gäste sahen sich im tiefsten Erstaunen an – Gasztowt schien sich in einem Abgrund von düsterster Ekstase zu verlieren.

Er spielte den besessenen, von der gespenstischen nächtlichen Windsbraut gepeitschten Tanz über Gräbern und Abgründen, den Triumphmarsch des Todes, der stolz die Schlachtfelder in weiten Schritten durchmass und über die reichen Garben sich freute, er spielte das Grauen des Alpdrückens, das sich Nacht für Nacht auf die Brust der Elenden und Ausgestossenen herabwälzt und sie würgt und ihre Glieder verkrampft, und den Hunger spielte er, der sich mit zähnefletschender Gier in das Fleisch des eigenen Kindes hineinbeisst, und die Schande des jungfräulichen Leibes, der sich in dem stinkenden Pfuhl der unflätigsten Gossenunzucht wälzt, er spielte die Blutsymphonie des gemeinen Raubmordes und die sühnende Rache der »Roquette« – er spielte alles, was er einst gemalt hatte – er spielte die Strasse.

Jetzt begann er plötzlich angestrengt zu horchen, ob er nicht den Schrei hören würde, den zu malen er sich vergebens abmühte, jedoch sicher spielen zu können glaubte . . .

Er vergass völlig, wo er eigentlich war – alle Menschen ringsherum strömten ihm in eine dunkle Masse zusammen, ein chimärenhaftes Untier, von dem nur ein Paar riesige Augen sichtbar waren, Augen, die nach Blut lechzten und in Zerstörungs- und Vernichtungssucht keuchten – und von diesem Augenpaar gebannt, zu Stein erstarrt, stand ein Weib, das die Brüstung einer Brücke krampfhaft umklammert hielt – sie sah das grausige Ungeheuer näher und näher auf sich zukommen, aber sie war gelähmt, konnte kein Glied bewegen . . .

So schrei doch! Schrei! raste Gasztowt. Und im selben Augenblick hörte er einen grausigen Schrei, der die Luft in Fetzen zu zerreissen schien – einen Schrei, der sich mit einer Flut von Farben in seine Seele ergoss, tollgewordenen Farben, in denen giftige Gase brannten, mit denen die Gischt kochenden Gemenges verschiedenartiger Salze und Metalle herumspritzte – und es sah aus, als ob die Regenbogen werdender Welten im tödlichen Ringkampf sich ineinander verkrampften . . .

Jetzt verliessen ihn die Kräfte, er erschöpfte seinen tiefsten Grund, riss alle Schleier von seiner Seele – und erschauerte: er sah sich nackt.

Er schlug mit dem Bogen auf die Saiten, dass eine kreischend zersprang – warf die Geige auf den nächsten Tisch.

Lauge herrschte Totenstille – dann brach ein wütender Beifallssturm los: das Publikum schien völlig ausser Rand und Band zu geraten – Gasztowt schien es, er befände sich in einem Tollhaus. Er stand zitternd, verängstigt da, konnte sich nicht zurechtfinden, wo er war, was mit ihm geschah – nur das eine wusste er klar und deutlich, dass er noch etwas zu vollbringen hatte, etwas Unfassbares, etwas, das völlig seine Kräfte überstieg, seinem Verständnis immer ferner entrückte, und das er doch vollziehen musste.

Und in seinen Ohren dröhnten die Worte seines Fluch und Busspsalmes:

»Jegliche Scham und Schande wird dir auferlegt werden, und du wirst sie tragen . . .!«

Er wankte, zauderte, riss immer weiter die Augen auf:

»Und an dem Tor der Aussätzigen wirst du deine Hände ausstrecken und Geld erbetteln zur Wegzehrung, denn Sturm und Regen werden dich von deinem Lager aufpeitschen . . .«

Jetzt schwankte er nicht mehr, überlegte nicht länger, nahm demütig seinen Hut vom Boden auf und begann langsam von Tisch zu Tisch zu gehen.

Das Publikum war vor Erstaunen wie von allen Himmeln gefallen, es konnte nicht fassen, dass der Gewaltige, der es noch vor einem Augenblick unter seine Macht beugte und es im Grauen und tiefster Erschütterung erschauern liess, jetzt sich selbst den Lohn einheimste – aber willig warf es seine Gaben in überreichem Masse in den Hut, und selbst aus den entlegensten Ecken drängten Hände herbei, um ihre Münzen hineinzuschütten.

Gasztowt taumelte zwischen den Tischen mit seinem hingestreckten Hut wie im somnambulen Schlaf; er sah niemanden, beachtete auch nicht die Hände, die sich ihm entgegenstreckten: eine entsetzliche, ekelhafte Scham hämmerte an seinen Schläfen, er schluckte und würgte an der erbärmlichen Schande, unter deren Joch er sich begeben musste – da plötzlich kam die Erlösung:

Er sammelte doch nicht für sich – Gott bewahre! Er sammelte doch das Trinkgeld ein für den unverschämten Virtuosen, der ihm die Geige gab, auf dass er den Schrei noch einmal zu hören bekäme, den zu malen er sich vergebens abgequält hatte – und mit einem Male wurde er frei, atmete tief auf und heisse Erlösungsglut strömte ihm in die Augen.

Er brauchte ja doch das Geld nicht für sich – er war ja reich – er hatte ja den goldenen Ring, und der würde schon für ihn langen.

Und das freudige Bewusstsein, dass er nicht für sich sammle, machte ihn sicher, kühn, ja – sogar herausfordernd – es kam ihm vor, er sei ein Priester, habe soeben eine erschütternde Predigt von der tiefen Not des heiligen Stuhls gehalten und sammle jetzt von seiner Gemeinde den heiligen Peterspfennig für den Papst ein.

Er schüttelte den Hut, in dem die Münzen mit einem kitzelnden Klang sich durcheinander schoben, und sah sich lächelnd im Lokal um.

Jetzt zuckte er zusammen.

Wieder begegneten seine Augen denen des »Führers« und wieder verflochten sie sich ineinander. Er fühlte ihre unbezwingbare Kraft, die ihn gewaltsam dorthin zog, wo der fremde Mann sass.

Ihre Augen rangen miteinander im heftigen Hin und Her, im erbitterten, gehässigen Kampfe, aber diesmal wehrte sich Gasztowt mit allen Kräften.

Das Gesicht des »Führers« war nicht mehr steinern, es belebte sich. Etwas überflog es, wie ein siegbewusster Hohn, auch die Hand sah er, wie sie sich mit etwas Blinkendem, wahrscheinlich einem Goldstück, zu ihm hinstreckte, aber der Wille, dass der Andere selbst an ihn herantreten sollte, wurde in ihm so mächtig, dass er nur den Hut schüttelte, einen Augenblick wartete und sich dann mit triumphierendem Lächeln abwandte.

Er trat an den Tisch, an dem der »unverschämte Virtuose« ruhig sass, drückte ihm heiss die Hand und schüttete den ganzen Inhalt seines Hutes vor ihm aus.

Dieser bedankte sich nicht, sah kaum auf das Geld hin, nickte nachlässig mit dem Kopfe und zündete sich bedächtig eine Zigarette an.

Und wieder hörte Gasztowt einen Beifallssturm, dass alle Fenster im Zimmer klirrten: die Strasse beklatschte sein blödsinniges Beginnen ebenso stark, wie sein Spiel, widerwärtig, ekelhaft – aber nein! nein!

Die Strasse hat eine reiche und verschwenderische Seele – sie ist anbetungswürdig, wenn sie aus dem Übermass ihres Elends schöpft und ringsum vergeudet, und die Strasse allein hat das überfeinerte Gefühl für alles, was Recht und was Unrecht ist, die Strasse allein hat den sicheren Instinkt, mit dem sie Spreu vom Weizen zu scheiden versteht – kein Wunder, dass Gott – Christus – die Strasse so tief in sein Herz geschlossen hat.

Er setzte sich hin, trank das Glas leer, und durch sein Hirn tänzelte zu Ehren Christi eine Gassenhauerstrophe:


Christ aux yeux doux
Qu'es mort pour nous,
Chauff' la terre ous –
Qu'on fait leur trou!
Pierreuses,
Trotteuses,
A' marchent l' soir
Quand y fait noir,
Sur le trottoir!


Ha, ha, ha! Du sanftäugiger Christus – wärme auch für mich die Erde, in der man mir mein letztes Loch gräbt!

Auch für mich!

Er stützte sein Haupt, das ihm schwer wie ein Klumpen Blei vorkam, in beide Arme – alles ringsum begann nachzugeben, zu versinken, dann wieder in seltsamsten Sprüngen herumzuwirbeln, zu taumeln und zu schwanken, er wollte seinen Kopf heben, um zu sehen, was denn eigentlich vorgehe, aber die Angst, er könnte wieder den Augen des »Führers« begegnen, die ihm wieder etwas Unerhörtes befehlen und ihn zwingen würden, den Befehl auszuführen, liess ihn sein Haupt noch tiefer in die breit ausgestreckten Handflächen hineindrücken.

Nur diese Augen nicht mehr sehen – nur nicht mehr willenlos ihren höllischen, ungeheuerlichen Befehl befolgen müssen! . . Denn ungeheuerlich und unglaubwürdig, so unfassbar in der ganzen ekelhaften Schamlosigkeit kam ihm alles vor, was er soeben durchlebt: dass er seine Seele entblösst hatte, dass alle die Flüche, die grässlichen Prophezeiungen, die an seinem Ringe hafteten, alle auf einmal in Erfüllung gegangen zu sein schienen.

Eine dumpfe Wut kochte schäumend in seinem Inneren – jetzt wusste er genau, dass er alles auf den Befehl des »Führers« getan hatte, dass dieser Satan den Geiger veranlasst hatte, ihn mit dem Sammelteller zu belästigen, und wieder ihn veranlasst hatte, seine erbärmliche Scham mit einer noch grösseren Schande loszukaufen – da plötzlich erinnerte er sich, dass ihm der »Führer« etwas schuldig geblieben war – ein blankes Goldstück!

Er wollte sich jetzt erheben und an ihn herantreten– da erinnerte er sich, dass ihn noch etwas Unangenehmes erwartete – nämlich die Geschichte mit dem Ring, mit dem er doch seine Zeche bezahlen sollte – so wollte er doch lieber warten, bis alle Gäste fort waren . . .

Aber es war so merkwürdig still geworden – er horchte erstaunt hin: nichts rührte sich ringsumher.

Vorsichtig hob er den Kopf und sah sich verwundert um: das ganze Café war leer – nur in einer Ecke beim ärmlichen Talglicht sass der Geiger, dieser schamlose, niederträchtige Kerl, und überzählte immer von neuem das Geld.

»Es fehlt noch ein Goldstück – ein Goldstück!« hörte Gasztowt ihn murmeln und erschrak heftig.

»Ein Goldstück fehlt!« schrie der Geigenmensch wütend auf – »er hat mich um ein Goldstück betrogen!« er schlug mit der Faust auf den Tisch.

Gasztowt zitterte vor Angst – wollte an ihn herantreten, sich entschuldigen, er zauderte, wankte, kam mit einem Ruck zur Besinnung:

In den Nebelschwaden, die ihm alle Horizonte verschleierten, sah er plötzlich die Augen des »Führers« . . .



VI

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Gasztowt blickte auf und sah vor sich den »Führer«. Er war darüber gar nicht verwundert, er hatte sich schon lange mit dem Gedanken abgefunden, dass dieser Satan, der ihm gestern die teuflische Brille vor die Augen gesetzt hatte, ihn nicht mehr verlassen, dass er ihm auf Schritt und Tritt folgen würde.

Er wusste nun ganz gewiss, dass er auf seinen Befehl in dieser erbärmlichen Spelunke seine Seele nackt gespielt hatte, und ebenso sicher war es, dass er unter seinem Zwang sich in den Strom gestürzt hatte, um irgend ein Weibsbild aus den Fluten zu retten.

Er erinnerte sich, dass er schon lange auf ihn gewartet hatte, dass es ihn unbewusst danach verlangte, er solle sich zu ihm setzen, und war plötzlich erfreut, dass er – er mit seinem starken Willen – den »Führer« gezwungen hatte, an ihn heranzutreten.

»Sie erlauben, dass ich mich zu Ihnen setze?« wiederholte der Fremde seine Frage.

»Aber bitte – bitte – ich habe nichts dagegen,« und er wies höhnisch auf einen leeren Platz, wo kein Stuhl stand.

Der »Führer« sah sich ruhig um, nahm einen Stuhl vom Nebentisch und setzte sich zu Gasztowt.

»Weryho ist mein Name,« sagte er freundlich – und in Wirklichkeit wurden seine Züge weich und zuvorkommend – er verwandelte sich plötzlich in einen äusserst höflichen Antinous mit einladenden Weibsmanieren.

»Weryho?« grinste Gasztowt – »Weryho! Sehr guter Name – nun, ich bin sehr erfreut – Sie haben ein sehr interessantes Gesicht, ich möchte es malen – denn ich bin Maler« – platzte er plötzlich heraus.

Weryho, der »Führer«, lächelte.

»Ich weiss, ich weiss – von Ihren Bildern auf der Ausstellung konnte ich mich gar nicht losreissen.«

»Woher wissen Sie, dass ich Maler bin und jene Bilder gemalt habe?«

»Nun, das ist ganz einfach – ich war auf Ihrer Ausstellung und sah einen Menschen, der mit einer unglaublichen Intensität die Bilder anstarrte: So sieht nur der Schöpfer auf sein Werk! dachte ich mir gleich – Und als ich Sie heute hier eintreten sah – zu Studienzwecken, nicht wahr? – da habe ich Sie sofort erkannt. Und ohnedies hätten Sie sich mit Ihrer erstaunlichen Musik verraten – so spielt nur ein Mensch, der sieht, der selbst ein Maler ist . . . Ich war nur erstaunt, dass Sie mich so ostentativ mieden, als Sie das Geld für den Geigenspieler einsammelten!«

Gasztowt sah ihn frech und herausfordernd an und lächelte boshaft.

»Das werde ich Ihnen sofort sagen – ich wollte Sie für mich, eigens für mich aufsparen – Sie hielten ein Goldstück in der Hand – nicht wahr?«

»Gewiss! Ich wollte es in Ihren Hut werfen,« bestätigte Weryho ernst.

»Also sehen Sie!« Gasztowt zitterte in krankhafter Aufregung – »hätten Sie es in den Hut geworfen, so hätte ich auch das Goldstück vor dem Geigenspieler ausschütten müssen, um nicht den Schlusseffekt der erbärmlichen Komödie, die ich gespielt hatte, zu zerstören. Ich habe mich daher absichtlich von Ihnen abgewandt, denn ich wusste, ich würde dadurch Ihre Neugierde aufstacheln und Sie würden früher oder später an mich herantreten müssen – ja! müssen, um alles zu bezahlen, was ich hier gegessen und getrunken habe, – und aus dem Zustand, in dem ich mich befinde, können Sie ersehen, dass ich nicht wenig getrunken habe.«

»Das fügt sich ja prachtvoll!« sagte Weryho mit ausgesuchtester Höflichkeit. »Was für ein glücklicher Zufall, dass ich Sie hier getroffen habe! Ich trat an Sie heran, eigentlich nicht aus Neugierde, aber in dem brennenden Verlangen, Ihnen ein Bild abzukaufen, von dem ich geradezu besessen bin – das Bild mit dem Verbrecher, der über die Strasse rennt und dem jemand ein Bein stellt . . . Sie wissen doch!«

Weryho sprach mit so offener Herzlichkeit, dass Gasztowt ganz irre wurde – und gleichzeitig fühlte ersieh durch diese weiche, einnehmende Stimme seltsam befangen.

»Ich zitterte vor Angst,« fuhr Weryho fort, »es hätte mir jemand zuvorkommen können – aber das lasse ich unter keinen Umständen zu – Ich muss es haben und gebe Ihnen jetzt gleich eine kleine Anzahlung« – er legte vor Gasztowt ein paar Goldstücke hin – »und werde mir das Bild heute abholen und die ganze Summe bar bezahlen . . . Sie sind jetzt sehr aufgeregt und gereizt, Sie wären imstande, den gewöhnlichsten Handel als eine Beleidigung aufzufassen, aber Sie würden anders denken, wenn Sie wüssten, mit welcher zitternden Angst ich daran dachte, das Bild könnte schon verkauft sein.«

Gasztowt lächelte unsicher und befangen und steckte das Geld automatisch in die Tasche.

Mag sich nun die ganze Schande endlich einmal ganz und gar erfüllen! dachte er, und das erleichterte ihn –

»Nur eine heisse Bitte habe ich und werde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie sie mir nicht abschlagen. Wollen Sie heute mein Gast sein? Ich habe so vieles mit Ihnen zu besprechen – nur nicht hier – gehen wir wo anders hin – hier ist die Luft so dick, dass man sie schneiden könnte . . . Kommen Sie!«

»Es ist hier wirklich nicht auszuhalten!« bestätigte Gasztowt mechanisch und betastete die Westentasche: – der Ring war da – er war sehr erfreut, er brauchte ihn nicht mehr zu verpfänden.

Sie bezahlten und traten auf die Strasse hinaus.

Hier aber besann sich Gasztowt plötzlich, dass er den Geigenspieler um ein Goldstück betrogen hatte, er liess Weryho stehen und ging ins Café zurück.

Er traf ihn wirklich noch am Tische, wie er noch immer sein Geld durchzählte und dabei murmelte:

» Ein Goldstück fehlt – ein Goldstück!« |

»Hier ist es!« Gasztowt warf ihm das Goldstück hin.

Der Andere sah ihn forschend an, mit kaltem, gleichgültigem Blick.

Gasztowt wich erstaunt zurück: er erkannte plötzlich in diesem Menschen den Droschkenkutscher von gestern.

»Ah! Schön von Ihnen – Sie wollen wohl die gestrige Droschke bezahlen . . . Ach, wegen dieser Kleinigkeit brauchten Sie sich nicht zu bemühen . . .«

Gasztowt überlief es kalt: dieses Gesicht lachte nicht, im Gegenteil, es war fast finster, aber nie früher hat er ein Gesicht gesehen, das von einem so höhnischen, satanischen Lachen umspielt gewesen wäre – er sah deutlich, wie es sich unter würgendem Lachen verzerrte, die gelbe Haut, die wie ein Lederhandschuh die Backen umprallte, faltete sich mit bösem, gehässigem Grinsen, und aus den Augen, die wie zwei Scheibchen aus glattpoliertem, bläulichem Stahl aussahen, stach giftiger Hohn heraus.

»Ah! Verzeihung! Vielleicht brauchen Sie selbst Geld? Was sehen Sie so verängstigt und erschrocken aus? Warum zittern Sie so? Sie brauchen sich nicht zu genieren, Sie sind ebenso elend und ausgestossen wie ich – nur haben Sie die schönen Gesten eines Grandseigneur, Sie belieben ein wenig Philanthropie zu mimen, Sie würden sich sogar auf dem Markt nackt ausziehen, um die Geste noch zu unterstreichen, Sie würden sogar Ihre Seele feilbieten, um nur das Prestige des Menschenwohltäters nicht zu verlieren – nun, wenn es Ihnen Spass macht!«

Kalte Schauer rieselten Gasztowt über den Rücken, er hätte vor Scham in die Erde versinken mögen.

»Nun, greifen Sie nur zu!« Die Stimme des Anderen pfiff und keuchte, als ringe sie mit Lachkrämpfen.

»Warum lachen Sie?« fuhr Gasztowt ihn wütend an.

»Ich? Ich lache? Dass ich nicht wüsste,« entgegnete jener kalt und gleichgültig, »ich lache nie! Es kann sein, dass mein Gesicht lacht, meine Augen lachen, meine Zähne grinsen – ich selbst lache nie!«

Und jetzt sah Gasztowt ein furchtbar verzerrtes, giftiges, höhnisches Lachen, das ihm von der Gesichtsmuskulatur losgelöst erschien – das Lachen an sich, das Lachen, das aus abgründiger Tiefe einer unterirdischen Quelle hervorzukriechen schien – und eine solche Macht der Verachtung entsprühte ihm, dass Gasztowt sich umschaute, wo er sich vor diesem Lachen verstecken könnte. Aber auf der Türschwelle sah er Weryho, der ihn ungeduldig und mit verhaltenem Zorn anherrschte:

»So kommen Sie doch endlich!«

Gasztowt gehorchte demütig, es wäre ihm nicht eingefallen, dagegen Widerspruch zu erheben.

Auf der Strasse blieb Weryho stehen und sah auf seine Uhr.

Er wurde mit einem Male äusserst liebenswürdig.

»Aber ich habe mich so zudringlich an Sie angekrallt, und Sie sind wohl sehr müde?«

»Nicht im geringsten,« antwortete Gasztowt barsch, denn er war wütend, dass er so widerspruchslos einem fremden Willen folgen musste.

»Ich bin über alle Massen erfreut, dass Sie mir meine Bitte nicht abgeschlagen haben – ich bin Ihnen dafür sehr, sehr dankbar; Sie wissen nicht, was Ihre Gesellschaft für mich bedeutet – es kam mir nur vor –«

»Nichts konnte, nichts brauchte Ihnen vorzukommen,« unterbrach ihn Gasztowt heftig – »höchstens die Tatsache, dass ich eine Zeitlang völlig betrunken war, sonst hätte ich die erbärmliche Komödie dort in der Kneipe nicht aufgeführt.«

»Eine Komödie?« Weryho war höchst erstaunt.

»Aber selbstverständlich! Noch dazu eine ganz gemeine! Haben Sie nicht den dummen Clowntrick bemerkt? Ich habe, als ich zu spielen anfing, meinen Hut abgeworfen, scheinbar deswegen, weil er mich belästigte, in Wirklichkeit äffte ich nur den »dummen August« nach: ›Bitte, meine Herrschaften, jetzt aufpassen – jetzt kommt was Feines!‹« Gasztowt lachte heiser auf: »Wie kann man sich nur so sinnlos betrinken!«

»Hm!« Weryho sprach mit der diskreten, vornehmen Stimme eines gewiegten Diplomaten – »Sie sind ein grosser Künstler und als ein solcher haben Sie das Recht, ungerecht gegen sich zu sein – ich habe etwas ganz anderes bemerkt, das mich die Tiefe Ihrer Seele in einem ganz anderen Lichte erschauen liess.«

»Oh! was Sie nicht sagen! Und wie gewählt Sie sich ausdrücken. Ich bin wirklich neugierig – vielleicht sind Sie in das niederträchtige Komödienspiel noch tiefer eingedrungen, als ich es bewusst beabsichtigt habe . . . Ha, ha, ha . . . Legen Sie nur los – Sie sind ein aussergewöhnlicher Menschenkenner . . .«

»Ich bemerkte,« fuhr Weryho mit derselben diskreten und schonenden Stimme unbeirrt fort, »dass Sie jedesmal, wenn Sie sich etwas zu essen oder zu trinken bestellten, zuerst die Westentasche betasteten. Daraus habe ich gefolgert, dass Sie sehr wenig oder gar kein Geld bei sich hatten.«

»Eine überaus scharfsinnige Beobachtung!«

»Und als dieser Geigenspieler . . .«

»Droschkenkutscher!« rief Gasztowt höhnisch, – »den Sie sehr gut kennen . . .«

»Es geht mich nichts an, was er im Nebenberuf ist – jede Nacht spielt er in der ›wilden Marderkatze‹.«

»Aber Sie kennen ihn?«

»Ebensoviel und ebensowenig wie Sie – aber um auf die Sache zurückzukommen! Als der unverschämte Kerl mit dem Sammelteller an Sie herantrat, wusste ich, dass Sie tatsächlich kein Geld besassen, denn Menschen wie Sie geben in solchem Falle ihr Letztes, selbst wenn sie dann ein paar Tage hungern sollten.«

Gasztowt wartete gespannt, was er jetzt zu hören bekäme.

»Sie haben wieder Ihre Westentasche betastet, aber diesmal haben Sie unbewusst an der Stahlkette gezogen.«

Davon wusste Gasztowt wirklich nichts.

»Und Sie haben den Ring herausgezogen, der an der Kette hängt . . .«

»Den Ring?« Gasztowt erschrak heftig.

»Nun, nun, beruhigen Sie sich,« Weryho nahm seinen Arm – »glauben Sie ja nicht, dass ich mich in das Geheimnis, das irgendwie mit dem Ring verbunden ist –«

»Ein Fluch!« schrie Gasztowt plötzlich unbewusst auf und erschrak noch heftiger, begann zu zittern.

»Meinetwegen ein Fluch! Was geht mich das an? Beruhigen Sie sich doch – ich will mich wirklich nicht in Ihre Geheimnisse hineinstehlen – ganz im Gegenteil – jedes Geheimnis, um das ich weiss, verliert für mich allen Zauber, wird nur langweilig und widerwärtig . . .

»Wir beide sind fanatische Liebhaber der Strasse, nicht wahr? Nun, sehen Sie, ich liebe die Strasse, weil ich sie nicht kenne, weil sie mir ein tiefes Geheimnis ist, und deswegen liebe ich Ihre Bilder, weil Sie um das Geheimnis wissen, aber es nicht verraten wollen; heute haben Sie es mir auf eine Sekunde in Ihrem Spiel preisgegeben, aber so spärlich, dass ich mit noch grösserer Spannung dem Rätsel auf die Spur zu kommen trachte . . .«

Er nahm den Hut ab, rieb sich nachdenklich die Stirn – bedeckte sich wieder, reichte Gasztowt das Zigarettenetui.

»Aber Sie sind wohl sehr müde und ich belästige Sie mit meinem Geschwätz?«

»Durchaus nicht – im Gegenteil – äusserst interessant« – antwortete Gasztowt bissig.

»Ja, ja, Sie sind ein höflicher Mensch . . . Und wie glücklich ich bin, dass ich Sie getroffen habe und gerade heute! Ihre Musik hat mir so unendlich vieles gesagt, was ich in Ihren Bildern in tiefster Mühe gesucht habe. Sie hat mir erst die Augen geöffnet – und Ihre Musik: den geheimen Schlüssel zu Ihren Bildern, verdanke ich Ihrem geheimnisvollen Ring . . . Ja, ja! Jetzt habe ich es – die höchste Offenbarung verdanke ich dem Ring . . . Unterbrechen Sie mich nicht – jetzt weiss ich es!«

»Was wissen Sie denn wieder?« lachte Gasztowt höhnisch.

»Oh! oh! mein Herr, glauben Sie nicht, dass ich Ihre Seele erforschen will – nichts liegt mir ferner – aber ich glaube nicht, dass Sie in der ›Marderkatze‹ eine Komödie gespielt haben – ganz, ganz im Gegenteil: Ihre blutigste Tragödie, wenn Sie wollen – Sie haben eine gewaltige, heroische Tat vollbracht – lieber wollten Sie Ihre Seele von allen Schleiern entblössen, sie öffentlich ganz nackt zeigen mit allen ihren Wunden und Schwären, als sich von dem geheimnisvollen Ring trennen – und doch sollte der Ring, als Sie der Hunger aus dem Atelier hinausgejagt hatte, als Pfand dienen, nicht wahr?«

»Blödsinn – unerhörter, idiotischer Blödsinn!« – Gasztowt geriet in eine sinnlose, wütende Erregung – »besoffen war ich! Und mit der Schlauheit eines Säufers wollte ich Ihre Aufmerksamkeit auf mich ziehen, und da ich kein anderes Mittel fand, spielte ich die Komödie mit dem Ring auf – ich habe ihn ganz zufällig an die Stahlkette angehängt, weil ich keine Uhr habe – wozu sollen das alle Menschen wissen? Und aus dieser lächerlichen Tatsache wollen Sie irgend ein heroisches Mysterium herleiten?! Ha, ha, ha! Das ist wirklich unglaublich!«

»Ja! Das ist unglaublich! Denn dieser lächerlichen Tatsache, dieser niederträchtigen Komödie, wie es Ihnen beliebt, Ihre wirklich grosse und heroische Tat zu benennen, verdanke ich die schauerlichste Offenbarung, die mir je zuteil werden konnte: in Ihrer Musik habe ich den Schrei der Strasse gehört, denselben Schrei, der wahrscheinlich den Geheimschlüssel zu dem tiefsten Verständnis Ihrer Bilder bedeutet.«

»Den Schrei?!« Gasztowt blieb stehen – seine Beine zitterten, wankten, er taumelte und sinnloser Schreck und Entsetzen fuhren ihm in die Glieder.

»Den Schrei?!« lallte er und starrte Weryho abwesend an.

»Ja, ja! Was zittern Sie so? Was sind Sie so erschrocken – um Gottes willen – was ist Ihnen denn?«

Weryho bemühte sich angelegentlich um ihn: »Oh! – ich verstehe – diese Aufregung, diese Übermüdung!«

Gasztowt beherrschte sich plötzlich.

»Ich bin durchaus nicht übermüdet – im Gegenteil: ich fange an jetzt nüchtern zu werden – ich, ich bin nicht im geringsten müde – durchaus nicht . . .«

»Oh, mein Herr, Sie beschämen mich mit Ihrer Güte, dass Sie auf mein Geschwätz hinhören . . .«

»Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mich Ihre Ausführungen interessieren – Bitte, fahren Sie nur fort –« grinste Gasztowt. Und jetzt wuchsen der Schreck und die Angst in Milliarden von feinsten Wurzelfäserchen selbst in seine verzweigtesten Kapillargefässe hinein . . .

»Nun gut! Also sehen Sie – ich habe diesen Schrei in Wirklichkeit gehört – aber damals kam er mir lächerlich und trivial und abgeschmackt vor – erst in Ihrer Musik bekam er für mich eine ungeahnte Tiefe – eine unerhörte Perspektive, ein Etwas, das mich zum ersten Mal bis ins Mark durchschauert hat mit einem Grauen und Entsetzen, dass jedes Härchen auf meinem Haupt sich in die Höhe reckte – ich fühlte es deutlich . . . Aber sind Sie wirklich nicht müde? wir sind übrigens bald am Ziel – interessant dieses Gewirr von engen Gässchen, nicht wahr?«

Gasztowt antwortete nicht.

»Also sehen Sie – Sie werden mich sicher verstehen . . . Was konnte mich zum Beispiel eine solche Geschichte angehen – eine alberne, gewöhnliche Sache, wie sie sich tagtäglich ereignet, und deren man Hunderte zum Überdruss in den Zeitungen lesen kann – eine ganz ordinäre, blöde Szene, deren Zeuge ich gestern zufällig war . . . interessiert es Sie?«

»Was für eine Szene?« fragte Gasztowt gereizt, mit innerem Beben . . .

»Ach, wie zerstreut ich bin, Sie haben ja die Sache nicht mit angesehen! Also ich ging gestern das Stromufer entlang und kam so an die Brücke – Sie wissen schon . . .«

»Nein, ich weiss nichts!« Gasztowt beherrschte sich mühevoll.

»Nun! diese Brücke, die unsere Stadt – unsere, diese, die Sie malen, von der anderen – der dort!« – er wies mit verächtlicher Gebärde auf die andere Seite hin– »würdevoll abgrenzt – da sah ich plötzlich, wie mir gegenüber am anderen Ufer ein Weib stehen blieb, dann sich mühsam weiterschleppte, das Brückenjoch hinauf, dort wieder stehen blieb und in das hochgehende Wasser hinunterstarrte . . . Nun, ich wusste von vorneherein, dass jetzt etwas geschehen würde, und ich hatte mich nicht geirrt, es geschah wirklich etwas unglaublich Triviales: das Weib sprang über die Brüstung und stürzte sich in den Strom . . . Requiescat, dachte ich und wollte weitergehen – aber da geschah etwas ganz Unglaubliches, etwas, was mich im Boden festwurzelte – im ersten Augenblick wusste ich nicht, was geschehen war, denn es dämmerte schon – ich sah nur einen Kopf, wie er in wilden Sätzen der Stelle zusteuerte, wo das Weib verschwunden war – der Kopf schien ganz für sich zu existieren, es fiel mir nicht ein, mir einen Rumpf hinzuzudenken – es war nur ein springender, in unglaublicher Kraftanstrengung mit den schäumenden Wellen ringender Kopf – jetzt wurde es mir begreiflich, dass es sich um eine Rettungsaktion handelte . . . aber – aber . . . was sind Sie so blass geworden?«

»Wie können Sie wissen, dass ich blass geworden bin!« Gasztowt zitterte wie Espenlaub.

»Das kann ich natürlich nicht sehen, aber so was fühlt man . . .« Weryho schien höhnisch zu grinsen – »aber, um auf diese seltsame Sache zu kommen: also die dumme Tatsache, dass sich ein Weib ertränken wollte, bekam für mich ein bedeutungsvolles Relief erst durch diesen Kopf – immer musste ich an ihn denken und suchte nach dem Menschen, zu dem dieser Kopf gehören könnte – und da! denken Sie sich mein Erstaunen – als Sie da in der Kneipe plötzlich den Hut wegwarfen – da!«

»Schweig!« schrie Gasztowt ihn herrisch an.

Sie sahen sich lange an in verbissener, schmerzhafter Spannung – dann gingen sie weiter in tiefstem Schweigen.

Aber in Gasztowt kochte die letzte Neugier über, er konnte nicht länger an sich halten:

»Und haben Sie den Schrei gehört?« fragte er geheimnisvoll und erschauerte.

»Freilich habe ich ihn gehört, aber gestern war er mir nichts weiter, als eben der lächerliche Schrei eines Weibes, dem im letzten Augenblick das Wasser doch ein wenig zu kalt wird – gehört, wirklich gehört in seiner ganzen majestätischen Gewalt, die Himmel und Erde durcheinanderrüttelt, habe ich ihn erst heute . . .«

»Wann? Wann?« Gasztowt fieberte – »wann haben Sie den Schrei gehört?«

»Heute! Mit diesem furchtbaren Schrei haben Sie Ihre Musik heute beendet – ich bin Ihnen unendlich dankbar für diesen Schrei – die triviale Sache des versuchten Selbstmordes eines Weibes, das Sie übrigens gerettet haben, bekam für mich eine unerhört tiefe Perspektive von Grauen, von Verzweiflungswahnsinn, ohnmächtigem Sich-Hinstrecken nach herrischem Lebenskampf – die ganze Strasse heulte und brüllte in verendender Agonie, in verrekkendem Todeskampf . . . Unerhört, unerhört!«

Weryho geriet in furchtbare Aufregung:

»Jetzt – jetzt nur noch das Letzte: Jetzt werden Sie den Schrei malen – Sie müssen ihn malen – ich flehe Sie fussfällig an – für mich werden Sie ihn malen – Sie, der gewaltigste Künstler, den je die Erde getragen hat – Sie werden noch einmal den Schrei hören.«

Er erfasste plötzlich Gasztowts Hand und küsste sie inbrünstig.

Gasztowt entriss ihm die Hand, als hätte ihn eine giftige Natter gebissen.

»Jetzt werden Sie das Weib sehen – jetzt werden Sie den Schrei hören, Sie werden mir ihn malen – malen! Sie müssen, müssen ihn malen . . .«

Gasztowt hörte die Stimme jetzt wie aus einer weiten Ferne – nun schien es ihm, er würde gewaltsam durch eine Mauer hineingeschoben in einen engen Gang, er tappte herum, tastete sich vorwärts, bekam eine Klinke zu fassen, öffnete eine Tür und trat in einen kleinen, lichtüberschwemmten Saal . . .



VII

Als wäre er mitten in eine seltsame Maskerade hineingeraten.

Er sah sonderbare Frauengestalten mit weissen Perücken, ihre Gesichter waren mit gelbem Wachs überzogen, aber statt der Augen war der Mund mit einer Maske verhüllt, mit einem schmalen, schwarzen Bande, und wenn sie auf und ab hinter diesem schwarzen Bande ihre weissen, schmalen Finger hindurchsteckten, machte es einen unglaublich seltsamen Eindruck: man glaubte überall Totenschädel zu sehen.

Dort sah er wieder halbnackte Kokotten, die schamlos, mit kalten, raffinierten, unflätigen und unzüchtigen Bewegungen sich auf den roten Sammetsofas an den Wänden ringsherum räkelten, ihre Augen waren mit schwarzer Kohle dick unterstrichen, die Brauen mit gemeinster Karminfarbe überkleistert, und ihre Lippen, mit giftgrüner Farbe ummalt, machten den Eindruck unsagbar ekelhafter, vom Wundbrand zerfressener Saugorgane.

Dort wieder ein Schwarm Backfische in kurzen Röcken, die nichts verschleierten – sie hüpften herum auf dünnen Beinchen, aus den durchsichtigen Chlamiden schimmerten welke Brüstchen, die Wangen waren eingefallen und glühten in hektischer Röte, die Augen brannten in gieriger, unzüchtiger Brunst.

Und eine würdige Gefolgschaft bildete ein Schwarm von durchaus unglaubwürdigen Männern. Er sah zahnlose Greise mit völlig kahlen Köpfen, nur hinten hing auf die be­tressten Uniformen eine Art von fettigem Weichselzopf herab – sie gingen, als hätten sie in ihren Gliedern statt Knochen elastische Sprungfedern, machten bei jedem Schritt lächerliche, nach allen Seiten hin und herflatternde Bewegungen, wie man sie nur in den ältesten Kinos sieht, bewegten den Mund und atmeten wie Wachsfiguren im Panoptikum, wenn sie aufgedreht werden – er sah auch junge Leute, aber es war, als hätte sich das Knochengerüst in ihnen aufgelöst – sie sahen aus wie lederne Schläuche, die hin und herrutschten, wie die Figürchen in einem Marionettentheater, und zwischen ihnen schlängelten sich halbwüchsige Knaben hindurch mit verloschenen Augen, mit rachitischen Beinen und den langen, bis an die Erde reichenden Armen eines alten Orang-Utans.

Gasztowt staunte und erschrak heftig in diesem Gespensterhaus. Er wollte entweichen, aber konnte nirgends eine Tür entdecken.

In ängstlicher Erwartung schloss er die Augen, tappte blindlings umher, und als er auf einmal aus seinem Todesschreck erwachte, sah er zu seinem Erstaunen, dass er an einem kleinen Tische sass, mitten im Publikum, aber nicht dem, das ihm soeben den fürchterlichsten Schreck eingejagt hatte, sondern in einem zwar nicht ganz gewöhnlichen, aber doch jedenfalls passablen Publikum, das ihm verflucht blasiert und unendlich gelangweilt erschien.

Alle sassen sie an eben solchen Tischchen wie er – gossen sich aus den Flaschen irgend einen dickflüssigen Trunk in die Gläser, und auch er griff nach der Flasche, die sich durch irgend ein Wunder vor ihm vorfand, goss sich ein Glas voll und trank es bis zur Neige.

Im ersten Augenblick empfand er einen Schmerz, als berste ihm die Hirnschale entzwei, aber zugleich fühlte er eine seltsame Seligkeit und Ruhe sich in seine Adern ergiessen . . .

Er erinnerte sich plötzlich, dass er das erste Publikum, das ihn so tief erschreckt hatte, eigentlich nicht vor sich gesehen – er hatte es erblickt ganz weit in der Ferne, in einem Riesenauge, das in dem Phosphor der Fäulnis und des Verderbs glühte – dem Auge des grässlichen Tausendfüsslers. Wenn er jetzt aber in dem anderen Auge noch ein weit grässlicheres Schauspiel zu sehen bekäme, würde er sich durchaus nicht beunruhigen und sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen – so gut, so wohl, so selig fühlte er sich jetzt . . .

Nur eine gespannte Erwartung empfand er rings um sich, und auch er erwartete irgendwelche Dinge, die da kommen sollten, in völligster Seelenruhe . . .

Seine ganze Aufmerksamkeit war jetzt auf ein Etwas gerichtet, das im Hintergrunde mit einem scharlachroten Vorhang verdeckt war.

Von dort würde ihm wahrscheinlich die Erlösung für sein Warten kommen.

Und er irrte sich nicht.

Aber da ihm alles so sonderbar vorkam, überzeugte er sich, dass er nicht träumte: er betastete die Westentasche – der Ring war da!

Er atmete erleichtert auf.

Nun sah er neben dem Vorhang einen Mann, der eine Geige stimmte – er lächelte vergnügt: oh! es war ja der bekannte Droschkenkutscher – auch dieser schien ihn erkannt zu haben, denn er blinzelte ihm verstohlen zu: nun wird es bald losgehen!

Der Spielmann verschwand plötzlich mit dem unvermeidlichen Mädchen, das auf der Harfe die Begleitung spielte, und durch das ganze Café ging ein Aufatmen der Erleichterung.

Nach einer Weile hob sich der geheimnisvolle, scharlachrote Vorhang, Gasztowt sah auf einer winzigen Bühne eine äusserst primitive Dekoration, die läppisch das Innere einer italienischen Taverne vermuten liess. In einer Ecke sass der phantastisch kostümierte Geigenspieler, der jetzt Mandoline spielte, ihm zu Füssen kauerte das Mädchen mit der Harfe.

Nach einem kurzen Vorspiel erschien plötzlich ein Weib auf der Bühne – sie trat langsam, zaudernd ein, schwerfällig, fast widerwillig und widerstrebend, als ob sie nur gezwungen einem Befehl gehorchte. Sie sah vor sich hin mit weit aufgerissenen Augen, die ganz starr und wie erstorben schienen, und ihr Gesicht war so schmal und klein, dass man im ersten Augenblick nur die Augen, einzig allein die grossen Augen mit ihrem trüben, gläsernen Ausdruck zu sehen vermeinte.

Gasztowt zuckte zusammen.

Das war doch sie! er rieb sich die Augen – nein! er irrte sich nicht – er war so erstaunt, von dieser Erscheinung so überrascht, dass er ganz vergass, wo er sich befand, und seine Augen unstet umherirren liess, um sich zu überzeugen, dass es keine Traumvision war.

Einen Augenblick lang fuhr es ihm durch den Kopf, es könnte hier nur eine zufällige Ähnlichkeit im Spiele sein, es müsste doch völlig ausgeschlossen sein, sie hier zu treffen, ganz und gar und unter allen Umständen ausgeschlossen; noch einmal richtete er seine Augen mit angestrengtester Aufmerksamkeit auf das Weib: nein! er irrte sich nicht – sie war es, zweifellos.

Und offenbar hatte sie die schwere Last seiner Augen auf sich ruhen gefühlt, denn ihr Gesicht zuckte auf, die halb erloschenen Augen erglänzten – begannen unruhig von einem Tisch zum anderen zu flattern und bohrten sich schliesslich tief in die seinen.

Und ihre Augen packten sich, schraubten sich ineinander unzertrennlich fest, und es schien, als müssten sie sich jetzt ganz automatisch in Bewegung setzen, um dicht aneinander zu kommen: da plötzlich sprang aus einer Ecke ein junger, schöner Mann auf sie zu, fasste sie um den Leib, – schneller und lauter begann der Mandolinenspieler das Instrument zu bearbeiten und immer schneller liefen die dünnen Finger über die verstimmten Saiten der Harfe.

Und nun begann ein wilder, leidenschaftlicher Tanz, ganz unwahrscheinlich in seiner elementaren Ausgelassenheit – weltentrückter Ekstase.

Das Weib, das ihm noch vor einer Weile schwerfällig und beinahe schlaftrunken erschien, verwandelte sich plötzlich in eine wilde Mänade: sie stand wie im Feuer, ihr schwarzes, reiches Haar flatterte nach allen Seiten, aus ihrer Kehle drang ein kurzer, pfeifender Schrei, ihre Arme, die sich über dem Haupt verflochten, sich dann über der Brust kreuzten, dann wieder den Boden berührten, um wieder emporzuschnellen, glichen geschmeidigen Schlangen in lüsternen Windungen, in gierigen Sprüngen, kriechenden Listen und schleichenden, verführerischen Wagnissen; die Beine glitten so schnell hin und her, dass man ihre Bewegungen kaum fassen konnte, nur ab und zu flogen sie unter dem Kleide hervor in die Höhe, jäh und gewaltsam, als wollten sie sich von den Hüften losreissen.

Der geschickte Tänzer lief bald von der einen, bald von der anderen Seite an sie heran, liess sie sich wie einen Kreisel um sich selbst drehen, fasste sie um die Hüften und liess sie wieder los, fasste sie von neuem, riss sie an seine Brust, umfing sie mit einem Arm, um sie gleich wieder mit dem anderen zu greifen, schien mit ihr Ball zu spielen mit einer Gewandtheit und Leichtigkeit, als spiele er mit etwas Körperlosem.

Aber jedesmal, wenn sie ihr Gesicht dem Publikum zuwandte, fühlte Gasztowt ihren sengenden Blick, der ihn zu verschlingen suchte und an seiner Seele mit ätzender Säure frass.

Nein! das war doch unmöglich, dachte er, ganz ausgeschlossen, dass es dasselbe Weib sein könnte: jene dort auf der Brücke, die sich in das Wasser geworfen hatte, und diese hier, die er besessen von dem höllischen Tanze sah, – dies ausgelassene, herausfordernde, schamlose Weib!

Jetzt wurde der Tanz zu einer wüsten, unflätigen Orgie – entfesselte sich hart am Rande einer brutalen, tierischen, schamlosen Geschlechtsbegierde.

Gasztowt liess angeekelt den Kopf sinken. Er wollte nicht sehen, was ihm die Erhabenheit der Strasse beschmutzte.

Mit Wollust würde er einem Tanze des wildesten Grauens zuschauen, einem Tanze über dem Abgrund zwischen Tod und Leben, einem entmenschten, blutrünstigen Tanze auf dem Schlachtfelde des Lebens, dem irrsinnigen Veitstanze des Hungers und des Galgens, der Rache und des Hasses in Todeszuckungen – aber diesen Tanz konnte er nicht länger anschauen: er roch nach der Pfütze.

Und deshalb hatte er sie dem Tode entrissen, um sie in diese Kotlache hinabzustürzen! Dem Tode hatte er sie entwunden, um ihr ein Bad in dem kotigen Rinnstein des Lebens zu bereiten . . . Er erschauerte und duckte sich unter der grauenhaften Erkenntnis, dass er ein scheussliches Verbrechen begangen hatte, das er durch kein noch so grosses Opfer würde sühnen können.

Und vielleicht war es nur ein höllisches Blendwerk, eine kranke Einbildung seines fiebernden Hirns? – er hob langsam den Kopf – und verstohlen, als fürchtete er, ihren Augen zu begegnen, blickte er auf die Estrade: er sah nur ein paar Beine in der Luft – der Tänzer hatte sie bei den Armen gepackt, sie in die Luft geworfen, ein paarmal schnell herumgewirbelt, dass sie horizontal in der Luft schwebte, und liess sie jetzt zu Boden gleiten.

Und im selben Augenblick hatte sie Gasztowt mit ihren Augen gepackt, und als hätte sich in ihnen ein Abgrund von Hass geöffnet – schienen sie wilden Hohn auszuschreien, Flüche und Verwünschungen herauszubrüllen, und jeder dieser lautlosen Schreie peitschte seine Seele mit bis zur Rotglut erhitzten metallnen Ruten.

»Schau zu, verfluchter Verbrecher, in welches Leben du mich hinübergerettet hast! Sieh, zu welcher Qual du mich verdammt hast! Sieh, in welcher Kotlache ich mich wälzen muss, denn du hast mich zum Leben gezwungen, und ich muss leben, weil du, verbrecherischer Wohltäter, meinen Willen bezwungen hast!«

Ihr kleines Gesicht verkrampfte sich in konvulsivischem Lachen, und die fletschende Reihe scharfer, schmaler Zähne schien sich in seine Haut einzubeissen, seine Adern zu durchschneiden, und ihr Mund, dieser unzüchtige Mund einer Hetäre, sein Herzblut zu schlürfen.

In seinem Kopfe wurde es wirr – er hörte nicht das Begeisterungsgebrüll der Anwesenden, es wurde dumpf und taub um ihn herum und in den Augen eine entsetzliche Öde und Nacht.

Das tausendfüssige Elend kroch langsam über die ganze Welt, mit tausend Füssen krallte es sich ein in ihre Grundfesten, legte sich über sie mit seinem Riesenleib und nahm sie in seine Gewalt.

Kalte Schauer liefen über seinen Rücken – er wachte auf und sah mit irren Augen um sich.

An einem Tische ihm gegenüber, neben einem Mann, dessen Gesicht in viehischer Begierde ganz rot angelaufen war, sass – sie! Ja! Jetzt war jeder Zweifel geschwunden – sie war es tatsächlich und in Wirklichkeit – sie!

Sie schmiegte sich an den anderen, der sie immer leidenschaftlicher an sich presste, streichelte seine Wangen, und gleichzeitig sah sie unverwandt Gasztowt an, mit herausfordernden, schamlosen Blicken.

Und als wollte sie ihm die grosse Wohltat, die er ihr erwiesen, ganz deutlich vor Augen führen und ihm zeigen, wie unendlich dankbar sie ihm war, umhalste sie den anderen und setzte sich auf sein Knie und, um ihn ganz zu überzeugen, dass sie den Weg zum Leben wirklich gefunden hatte, leerte sie ein Glas Champagner nach dem anderen, auf einen Zug.

Aber nicht eine Sekunde wandte sie ihre Blicke von Gasztowt ab, dessen Augen Verzeihung von ihr erflehten.

Jetzt bohrte sie tiefer und schmerzlicher noch ihre Augen in seine Seele ein, knirschte mit den Zähnen, schenkte ein Glas Champagner voll und goss den ganzen Inhalt ihm ins Gesicht.

»Ich taufe dich mit dem Wasser des neuen Lebens, zu dem du mich vom Tode erweckt hast« – sie lachte aus vollem Halse, und über den ekelhaften Leib des riesigen Tausendfüsslers, den er nicht sah, aber allmächtig und allwesend um sich fühlte, ergoss sich die Flutwelle eines gütigen und tief vergnüglichen, zufriedenen Lachens.

Gasztowt trocknete sich das Gesicht und nahm ruhig die Schmach hin, die sie ihm angedeihen liess, denn er wollte wenigstens ein winziges Stückchen seiner grossen Schuld abbüssen . . .

Aber sie wurde wütend, weil er so demütig war: immer wildere Flammen des Hasses schlugen aus ihren Augen hervor. Sie machte ihrem Galan den Rock auf, durchsuchte die Westentasche, zog ein Goldstück heraus und warf es verächtlich vor Gasztowt hin.

Gasztowt verbeugte sich tief, nahm das Goldstück auf, denn er wusste, dass er auch diese Demütigung ertragen musste, um die Grösse seines Verbrechens ein wenig zu mindern.

Und das tausendfüssige Elend blähte sich auf vor vergnügtem Lachen, denn die grösste Tugend der Elenden ist die Demut . . .

Sie erblasste vor übermässigem Zorn, stiess den Mann, den sie soeben noch so schamlos umfangen hatte, mit solcher Kraft von sich, dass er beinahe vom Stuhl gefallen wäre. Dann setzte sie sich neben Gasztowt an seinen Tisch.

Sie drückte ihr Gesicht in beide Handflächen – das winzige Gesicht, in dem zwei Augen wie riesige schwarze Kohlen glühten, und sah ihn an, als wollte sie ihm seine Seele in Fetzen reissen.

»Hast du nach mir gesucht?« fragte sie giftig.

»Ja! ich habe nach dir gesucht,« antwortete er demütig. »Ich wollte dich um Verzeihung bitten für das Verbrechen, das ich an dir begangen. Aber ich wusste nicht, dass ich dich in noch tausendmal grösseres Elend stürzen würde, als ich dich vom Tode rettete. Nun, jetzt ist es zu spät, ich kann es nicht ungeschehen machen. – Übrigens wusste ich, dass du sowieso dich auf diese oder jene Weise wirst von dir befreien wollen. Und das hast du so gründlich besorgt, dass du dich ganz und gar in dir zerstört hast. Wäre nicht die äussere Hülle da, aus der du dich selbst hinausgejagt hast, um eine mir ganz fremde Seele in sie hineinzupeitschen, hätte ich dich niemals erkannt.«

»Also hat deine Rettungsaktion nichts geholfen?« lachte sie höhnisch und biss die Zähne aufeinander.

»Nichts – gar nichts! Sollte ich dich noch tausendmal retten, es würde nichts helfen« – sagte er salbungsvoll. »Du existierst ja nicht mehr – in der ehemaligen, äusseren Hülle haust nun eine mir ganz fremde Seele.«

»Verbrecher du!« zischte sie.

»Ich weiss es und büsse schwer genug. Ich weiss nun allzu gut, dass ich mein Verbrechen durch nichts sühnen kann.«

Sein Kopf sank ihm schwer auf die Brust.

»Aber wozu darüber reden . . . etwas Schlimmeres noch lastet auf meiner Seele.«

Sie hatte sich so gierig mit ihren Augen in ihn eingesogen, dass er unwillkürlich zu ihr aufsah.

»Du fragst, was es sei? Nun – ich kann es dir sagen . . . Ich bin hierhergekommen und habe nach dir gesucht nur deswegen, um deine Stimme zu malen. Ich habe nämlich ein Bild gemalt, wie kein Mensch gewagt hätte es zu malen – das heisst – ich habe es nicht gemalt, aber ich wollte und hätte es gemalt, wenn ich nur deine Stimme zu hören bekommen hätte. Ich wäre dann bis in die geheimsten Tiefen der rätselhaften Seele der Strasse eingedrungen, ich hätte das grausige Geheimnis des Elends, an dem das menschliche Herz krankt, enträtselt, – jeder Stein hätte dann gesprochen und die dämmrige Strasse und die hohe Brücke, von der du dich in den Strom geworfen hast – die Farbe und die Form wäre zur Sprache geworden, einer gespenstischen Mär von der in allen Fugen berstenden Seele des Menschen, von ihren Irrungen in den dunklen, engmaschigen Kreuzgängen des Daseins – die Form, die Farbe, das Wort: dies alles eine göttliche Einheit, hätte das gewaltige Mysterium erschlossen, das mit dem Worte allein nicht zu erfassen ist . . . Deinen Schrei muss ich jetzt hören, denn der gestrige ist verblasst, ich kann ihn nicht malen, er trieft zu wenig von Blut, seine Wunde ist noch nicht gross genug – noch einmal muss ich den bluttriefenden, aus allen Wunden ächzenden Schrei hören!«

Er richtete sich plötzlich auf:

»Den Schrei muss ich hören, der aus dem tiefsten Pfuhl der Unzucht, aus dem Urgrund deiner unflätigen Schamlosigkeit sich losreisst – ich muss ihn hören!«

Er stand vor ihr in grausiger Macht:

»Schrei!« brüllte er auf.

Sie sah ihn einen Augenblick erschrocken an;

»Schrei! Schrei!« er packte sie an den Armen und schüttelte sie.

Jetzt brach sie in ein gellendes Gelächter aus.

»Ha, ha, ha! Was für ein erbärmlicher Komödiant! Ha, ha, ha! Welch blödsinniger Charlatan! Womit will er mir imponieren und mich ängstigen! Ha, ha, ha!« sie drehte sich um – »habt ihr gehört, ihr guten Leute, kommt doch heran – eilt mir zu Hilfe!« Sie wälzte sich vor Lachen.

Gasztowt war plötzlich zu Stein geworden – er sank schwer auf seinen Stuhl nieder.

»Weiter – weiter! Bist du schon zu Ende?« höhnte sie.

Er sah sie lange in tiefstem Hasse an, dann lachte er giftig.

»Donnerwetter – die Komödie ist mir misslungen – ich glaubte dich schon mit der grossen Phrase ködern zu können, aber du bist zu schlau – du verflixtes Aas – jetzt muss ich mit einer ganz anderen Tonart anfangen, das Kraut aus einem anderen Fass schöpfen . . . Ha, ha, ha . . . Nun hast du mich fest an die Wand gedrückt, jetzt will ich dir die ganze Wahrheit gestehen – hörst du?«

Sie war auf einmal wie verwandelt, sie sah ihn starr und mit tiefem Ernst an.

Er versuchte noch immer eine möglichst höhnische Fratze zu schneiden, aber er gab es auf, bemühte sich möglichst höflich zu erscheinen und befleissigte sich in seiner Anrede des vornehmsten »Sie«.

»Bitte um Verzeihung, dass ich Sie in der unverzeihlichsten Weise bis jetzt zu hintergehen trachtete . . . Ich verstehe es selbst nicht . . . Ich weiss nicht, wo mein – wahrscheinlich krankes Gehirn diese Grille eingefangen hat . . . Ich meine das mit Ihrer Stimme – das ist doch völlig sinnlos und absurd . . .«

Er sprach hastig, abgerissen und überstürzte sich in seiner Rede . . .

»Diese dumme Idee, dass ich erst Ihre Stimme hören müsste, um ein Bild zu malen! Können Sie sich etwas so Absurdes vorstellen?«

Er lachte sie verlegen an.

»Freilich wäre es eine dankbare Aufgabe für einen Maler, das Lachen eines Menschen zu malen und mit diesem Lachen die düsterste Landschaft in blühendes Eiland umzuwandeln, und umgekehrt das sonnigste und lebenslustigste Gelände zur gespenstischen Eingangspforte des Hades zu machen – und zweifellos wäre es ein ganz interessantes Experiment, die menschliche Stimme oder ihren Schrei zu malen und mit ihrem – oder vielmehr seinem, ›Timbre‹ die Mauern und Häuser und Brücken zu tönen – aber . . .« er hüstelte, besann sich und sprach dann mit betonter Ehrlichkeit:

»Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich mit allen diesen künstlerischen Vorsätzen und Absichten nur einen infamen Selbstbetrug getrieben habe – der einzige Beweggrund, weshalb ich nach Ihnen gesucht habe, war die ganz gewöhnliche Neugierde, was denn eigentlich mit Ihnen geschehen sei . . .«

Ihr Gesicht wurde tiefernst und verdüsterte sich – sie frass sich in ihn hinein, und inzwischen sprach er immer eindringlicher und verbissener:

»Ja, ich schwöre es Ihnen, dass ich jetzt die reinste Wahrheit spreche: es war wirklich eine ganz gemeine Neugierde, deren ich mich jetzt schäme, die mich aus dem Atelier heraustrieb – ich wollte in den Zeitungen lesen, ob Sie vielleicht Ihr Vorhaben von gestern erneuert hätten . . . Ja, ja! starren Sie mich nur nicht so an . . .«

Er lachte zynisch . . .

»Sehen Sie, wie niederträchtig gemein meine Seele ist! Ich suchte nach einem metaphysischen Schürzchen, um ihre schamlose Blösse zu verhüllen, ich habe den Hunger nach den höchsten künstlerischen Offenbarungen vorgeschützt und mir selbst etwas Hehres vorgelogen, wo ich nur ganz einfach von einem widrigen Sensationsgelüste geplagt war.«

Immer tiefer frassen sich ihre Augen in seine Seele hinein und saugten sich an ihr fest.

»Ja, ja! Sie können mich noch so ernst und qualvoll anstarren – aber Tatsache bleibt eben Tatsache: als ich Sie aus dem Wasser gezogen habe, war es auch nur die gemeine Neugierde, welches Ende dieses Abenteuer nehmen würde – und als ich Sie mit grösster Mühe wieder ins Leben brachte, geschah es nur in der Absicht, Sie auf einen neuen Lebensweg zu führen – und zwar einen solchen, den ich von vorneherein für Sie bestimmt hatte. Ich! Ja! Ich! verstehen Sie?!«

Er lachte auf, in wildem Triumph:

»In ein grösseres Elend, also in die vornehmste und erhabenste Lebensform, in der Sie jetzt leben, hätte ich Sie nicht hineinzwingen können!«

Er schlug sich an die Brust und kreischte mit steigendem Pathos:

»Wenn jemand, so habe ich die Taufe mit dem Champagnerwein verdient, und nie gab es einen würdigeren Menschen, dem man verächtlich ein Goldstück vor die Füsse werfen könnte, als gerade mich!

»Ha, ha, ha! Das ist mein sauer erworbener Verdienst: damit kann ich hier meine Zeche begleichen und brauche nicht in grässlichster Angst zu zittern, wie in der ›wilden Marderkatze‹, dass ich meinen prophetischen Ring werde versetzen müssen – ha, ha, ha . . .«

Sie unterbrach ihn mit einer müden Geste, zauderte einen Augenblick, dann flüsterte sie im Grauen vor etwas Unbekanntem, in geheimer Angst vor etwas, das sie mit kalten Schauern ob einer nie geahnten Grosse überlief:

»O Gott! Wie arm, wie arm Sie sind, wie unsagbar arm und elend!«

Gasztowt starrte sie an in tiefstem Entsetzen, kroch dann in sich zusammen, als wäre ein wütender Faustschlag auf ihn niedergesaust . . .

Er keuchte und stöhnte unter diesem Henkersschlag:

»Ah! Jetzt hast du dich gerächt! Oh, wie du dich gerächt hast, Satan du! Nie hat ein Mensch eine so wuchtige Ohrfeige erhalten!«

Er duckte sich nieder, starrte sie an – und plötzlich fuhr er jach in die Höhe im wilden Triumph des Schmerzes, der ihn wie ein Wirbelsturm im Kreise herumtrieb und einen Wutausbruch verbissenen Hohnes und Verachtung in ihm auslöste:

»Oh, wie ich dir dankbar bin – du – du – apokalyptische Hure! Wie dankbar! Ich habe dich wiedergefunden, du meine erhabene Strasse! Oh, wie ich dir dankbar bin, du infame Strassendirne, dass ich durch dich die stolze, majestätische Stimme der Strasse zu hören bekam – endlich die stolze, übermächtige, erhabene Geste der Strasse! Endlich hat sich mir der Abgrund eines so überreichen, eines so erhabenen, gottgetränkten Elends offenbart, dass es in seinem Überfluss noch an dem meinigen Erbarmen zeigt!«

Er packte sie an den Armen in schreiender Ekstase:

»Schrei es, brülle es in die ganze Welt hinaus – dies furchtbare Wunder, kreische es, ächze, stöhne es hinaus in solchen grässlichen Schreien, dass von ihrer Glut Erde und Himmel Feuer fangen, von ihrer interplanetaren Sturmmacht alle Welten aus ihren Bahnen herausgerissen werden . . . Schrei es hinaus, einmal noch, und ich werde Gott werden!«

Noch wollte er etwas aus sich herausstossen, aber auf einmal wurde er gewahr, dass alles um ihn sich in Rauch und Nebel aufgelöst hatte, dass ein schwerer eiserner Vorhang vor seinen Augen krachend herabgefallen war – er sah sich wieder – allein.



VIII

Wo war er denn nur?

Vielleicht wieder in seinem Atelier?

Aber nein! Irgendwo in dem Saal eines verhexten Hauses. Er hörte das Geräusch von Stühlen, die man wegrückte, von Schritten, die ängstlich und verstohlen irgendwo verhallten – in sein Ohr drang keuchendes Geflüster, ab und zu sah er ein Irrlicht, wie wenn Tausenden von weit aufgerissenen Augen eine Fäulnisphosphoreszenz entströmte, er hörte sein eigenes Zähnegeklapper vor unfassbarem Grauen, er wagte nicht sich vom Fleck zu rühren, damit ihn nicht irgend eine boshafte Drut von hinten anpacken konnte, er kroch in eine Ecke, sah hin und erstarrte vor Entsetzen:

Die Bretter des Fussbodens hoben sich allmählich und aus dem tiefen Riss kroch ein ungeheuerlicher Tausendfüssler hervor.

Er war so widerlich, ekelhaft und monströs, wie er ihn noch nie gesehen hatte – und doch hätte er sich schon längst an ihn gewöhnen müssen.

Er sah, wie das ekle Gewürm mit seinen tausend Füssen um den runden Saal herumkroch, sah, wie es sich fortwährend in neue Ritzen verkroch und wieder verschwand, aber er wusste ganz genau, dass es wieder zum Vorschein kommen würde – und er irrte sich nicht – er sah den Tausendfüssler sich wieder hocharbeiten, sah ihn auf dem geborstenen Plafond herumkriechen, riesenhaft, in gespenstischer Grosse, in tötendem Grauen.

Nun wusste er, was es war: wohin er sich auch verstecken, fliehen, verkriechen mochte, immer würde er ihn sehen, nie mehr diese Vision loswerden, ihm wurde nur eine Offenbarung zuteil, die er zu sehen verlangt hatte: den übermächtigen Tausendfüssler, den Beherrscher der Strasse, ihres Hungers, ihres Elends, ihres Unrats – er hatte das fürchterliche Symbol des kalten, gleichgültigen Lebens erblickt: das tausend – nein! das myriadenfüssige Elend!

Die Haare sträubten sich ihm und das Entsetzen schmerzte ihn körperlich so furchtbar, dass er sich blindlings zur Flucht wandte.

Und durch irgend ein Wunder öffnete sich die Wand und er kam ins Freie.

Die Knie schlotterten unter ihm, er hörte das rasende Hämmern seines Herzens – er blieb stehen.

Aus dem Innern des Höllenhauses drangen unruhige, verworrene Laute an sein Ohr; es war wie das Bersten von Brettern, das Krachen einfallenden Deckengebälks, dann wieder etwas, wie wenn man Schutt beiseite wirft, um nach verborgenen Schätzen zu suchen, ein Graben und Wühlen – der Tausendfüssler sucht nach ihm, das Ungeheuer arbeitet sich jetzt durch die Wandmauer hindurch – noch einen Augenblick!

Und als hätte ihn eine fremde, gewaltige Macht gepackt, wandte er sich zur Flucht.

Die Füsse fühlte er nicht den Boden berühren, ihm schien, er wäre nur ein Herz, das wie ein Spielball vom Boden aufschnellte, im rasenden Sprung wieder niederfiel und wieder in die Höhe zuckte – ab und zu fiel er in der schwarzen Finsternis lang hin auf den Boden, raffte sich auf, wusste nicht, ob er geradeaus lief oder sich im Kreise drehte, streckte seine Arme weit von sich, weil er wusste, irgendwo würde er auf eine Mauer stossen und nicht weiter können – aber endlich atmete er hoch auf, glücklich.

Er kam auf einen geräumigen Platz, seltsam beleuchtet von einem bläulichen, nebligen Licht – es konnte Frühlicht sein oder auch späte Abenddämmerung – das vermochte er nicht zu unterscheiden.

Er blieb mitten auf dem Platze stehen und sah vor sich eine Menge Alleen, die nach allen Richtungen ausliefen – es erfüllte ihn mit dem grössten Schreck, dass er nicht wusste, welche Richtung er einschlagen sollte – er hatte völlig das Gefühl verloren, wohin es geradeaus ging und wo er wieder auf die alte Stelle zurückkehren würde.

Wäre es noch ein öffentlicher Platz mitten in der Stadt gewesen – aber es war eine Lichtung im Wald – ringsherum starrte eine dunkle Mauer von riesigen, hochragenden Bäumen, und auch die Alleen schienen nur ein Blendwerk seines überhitzten fiebernden Gehirns zu sein – denn er sah keinen Weg vor sich.

Immer heftiger schüttelte ihn der grausige Frost des Entsetzens – er hörte in diesem Walde seltsame Stimmen, das Krachen von Ästen, den dumpfen Widerhall von kriechenden, vorsichtigen Schritten: sicher war es das tausendfüssige Ungeheuer!

Und wieder wandte er sich zur blinden Flucht, wie ein umstelltes Wild, sinnlos vor sich hin.

Aber seltsam: er traf auf keinen Baum, auf kein Hindernis, es war ihm nur, als müsste er sich durch eine schwere, dicke Nebelmasse hindurcharbeiten, die er mit weit vorgestreckten Armen auseinanderriss, und jetzt wurde dieser Nebel zu einem breiten, elastischen Tuch, auf das er sich weit vorgebeugt hinwarf und in unglaublicher Schnelligkeit zu schwimmen begann, wie von starken Meereswellen getragen – aber es dauerte nicht lange, denn schon fühlte er harten Boden unter seinen Füssen und gleichzeitig einen grässlichen Schmerz, der sich aber mit keinem menschlichen, weder einem körperlichen, noch einem seelischen, vergleichen liess – es war wie der Schmerz mühsam entzweigebrochener Äste, tief durchfurchter Erde, in kleine Stücke zersprengter Felsen, vom Himmel herabgerissener Sterne – und er hörte sich jetzt laut und qualvoll schluchzen und konnte sich nicht vergegenwärtigen, dass er sich in einem Weinkrampf wälzte – er hatte völlig das Gefühl seines eigenen Selbst verloren.

Nur ein Gefühl noch hielt sein nach allen Richtungen zerstiebendes Ich mit straffen Zügeln zusammen: ein grässliches Angstgefühl, dass sich in ihm etwas ganz Ungeheuerliches vollziehe.

Und wieder sank tiefe, schwarze Nacht auf sein Gehirn herab.

Und in dieser Nacht – wann hatte er sie doch schon einmal erlebt – gestern? vor einem Jahr – einem Jahrtausend? – hörte er wieder das Brausen von weiter Ferne heranflutender Wogen: himmelhoch ragende Wasserwälle im Donner des Jüngsten Gerichts und höllischem Gebraus – jetzt wölbte sich die entsetzliche Wasserkuppel hoch über ihm, jetzt würde sie bersten und mit Wolkenbrüchen über ihn niederstürzen – jetzt würde er den Schrei hören, der ihm den Abgrund tiefster Geheimnisse beleuchten musste – den Schrei, den gewaltigen Blitz, der den Himmel in tiefe, feuersprühende Furchen zerpflügt und auf ihm eine Feuersbrunst entfacht von irrsinnig gewordenen Farben, in denen giftige Gase brennen, mit denen die kochende Lava aus einem Vulkankrater hervorschiesst und auf dem Spektrum der Nacht meilenweite Farbenstreifen einzeichnet, von denen das Auge erblindet!

Oh, nur noch einmal diesen Schrei der tobsüchtigen, epileptischen Farben hören!

Und ihn packte ein wüstes, blutrünstiges Verlangen, diesen Schrei in seinen Ohren erdröhnen zu hören, ihn zu fühlen, wie er in den geheimnisvollen Knotenpunkt aller Sinne hineinströmte, so dass er zu einem allmächtigen Sinn wurde – der Schrei – tausend Sinne zugleich in einem – und er mit diesem einen, aus tausend Komponenten zusammengesetzten Sinn, die ganze Welt umfassen konnte – nein! nicht die Welt! Was ging ihn die Welt an? –

Die Strasse! Die Strasse!

Mögen dann die Harpyien seine Speise verunreinigen – er wird sie verschlingen mit der Wollust des verwöhnten Feinschmeckers –

Möge sein Wein mit bitterster Galle vermischt sein – er wird ihn mit einer Seligkeit schlürfen, als hätten ihm die Götter ihr Ambra gereicht.

Mögen ihm scharfe Kieselsteine als Ruhekissen dienen, er wird sie als Eiderdaunen empfinden – und die Tore der Leprarien werden ihm zu goldenen Eingangspforten, durch die er einschreiten wird in das geheimste Heiligtum der Kunst.

Dann wird sich der Fluch seiner Mutter wenden und zur heiligen Gnade des göttlichsten Segens werden.

Wenn er nur diesen Schrei noch einmal zu hören bekäme!

Müde fiel ihm das Haupt auf die Brust herab und er ächzte und stöhnte im verkrampften Schmerz, denn er wusste, dass sein Verlangen sich nicht erfüllen würde, seine Nacht war taub und konnte keinen Schrei gebären.

Und dem Fluch der Mutter gesellte er seinen eigenen:

»Und du wirst taub sein, obgleich du hören wirst, blind, obgleich du das unsichtbarste Stäubchen zu sehen vermagst, und stumm, obgleich deine Zunge gelöst ist.« – Er dachte lange nach, aber einen schwereren Fluch konnte er für den Schöpfer nicht finden . . .

Schade! Schade! Dass er nicht zorniger sich verfluchen konnte! Vielleicht würde ihm vor seinem eigenen Fluch mehr grauen als vor dem seiner Mutter, vielleicht würde er auf ihn so einwirken wie die furchtbare Erschütterung des Schreckens, der Taubstummen Stimme und Gehör wiedergibt und Blinde sehend macht . . .

Ohnmacht! Grauenhafte Ohnmacht!

Er war zu schwach selbst um zu fluchen, dazu benötigte man gewaltiger Kraft und gottgewordenen Erfüllungswillens!

Er hob seinen Kopf in düsterer Verzweiflung und sah rings um sich.

Er war gar nicht erstaunt über das seltsame Lichtgewoge oder vielmehr den metallischen Abglanz von bläulichen Stahlplatten – das war das Strahlen der Augen des Weibes, das er gerettet hatte und das ihm schon gestern die Strasse, den Strom und die Brücke erleuchtete – ihn verwunderte nur der Umstand – wo war er denn eigentlich? Nein! er irrte sich nicht: er sass auf derselben Bank auf dem nämlichen Platz wie gestern, hier hatte er den Busspsalm seiner Mutter gesprochen, hier hatte er auf das Gewirr der einmündenden Gässchen hingeblickt und von hier aus den Weg des Schattens genommen, den das Weib, das sich ertränken wollte, hinter sich warf.

Welches Wunder hatte ihn hergeführt?

Er erschauerte.

Ja! er irrte sich wirklich nicht – hier in der Nähe der schwarze Strom und die Höllenbrücke – oh, oh! noch einmal diesen Schrei hören!

Er schnellte plötzlich hoch, sein Herz setzte aus, er zitterte und bebte an allen Gliedern: vor ihm stand das Weib!

Er wich zur Seite in keuchender Angst.

»Was hat dich denn so erschreckt?«

Ihre Stimme! Er riss die Augen weit auf – und sah jetzt deutlich ihr Gesicht und ihre ausgestreckte Hand.

»Erkennst du mich nicht?«

Sie nahm ihn bei der Hand.

»Kennst du mich nicht wieder?«

Er kam allmählich zu sich und empfand einen Ekel, als hätte ein schleichender Lurch seine Haut berührt. Schon wollte er seine Hand schroff wegziehen, die Dirne, die ihm die Erhabenheit der Strasse durch ihren unzüchtigen, geilen Tanz beschmutzt hatte, wegstossen, als ihm plötzlich ein Gedanke wie ein greller Schöpfungsblitz den tiefsten Grund seines Inneren in flammender Helle erleuchtete.

Jetzt wurde er auf einmal den versteckten, geheimen Willen gewahr, einen felsharten, unabwendbaren Beschluss, der dort schon längst in voller Reife seiner Erfüllung harrte.

Ein gewaltiger Triumph von Erlösung durchzuckte, durchwühlte seine Seele – denn jetzt wusste er, dass er noch einmal den Schrei hören würde – hören musste, und sollte das ganze All zu Stücken zerbersten.

Und gleichzeitig fühlte er, dass er sich vervielfältigte und in ein paar Menschen auseinanderfiel: einen, der kalt, streng, hart und grausam Wache hielt, dann einen, der schweigend, düster und herrisch ihn unter den Arm packte, und dann wieder einen, der wie automatisch angekurbelt überaus glücklich erschien und, als folge er einem übermächtigen Befehl, eitel Wonne, eitel glückseliges Überströmen war.

»Oh! Wie sollte ich dich nicht wiedererkannt haben?! Aus einem tausendstimmigen Gewirr würde ich deine Stimme sofort erkennen, und sähe ich Myriaden von Augen, die deinigen würde ich unfehlbar aus dem verschwommensten Lichtglanz sofort herausfinden – ich bin nur erstaunt und angenehm überrascht, dass du mich hier zu finden vermochtest . . .«

»Du sagtest mir, du hättest ein Verbrechen begangen.«

»Ich sagte es,« bestätigte er heiser – »ich bin ein grosser Verbrecher.«

»Also siehst du, die Verbrecher kommen immer wieder auf den Platz zurück, wo sie das Verbrechen begangen haben – hier hast du es beschlossen, als du mir gestern Schritt für Schritt nachgeschlichen bist . . . ich wusste, wo ich dich zu suchen hatte.«

»Du hast nach mir gesucht?!« Er liess seine Stimme in überquellendem Glück erzittern, und seine Stimme gehorchte.

»Ja, ja! Ich habe in Hast und Angst nach dir gesucht, um dir zu sagen, dass ich dein Elend nicht bemitleide – ich liebe es!«

Gasztowt durchschüttelte zornige Wut, aber sein Nachbar beschwichtigte ihn mit einem heftigen Ruck.

»Du! Du liebst mein Elend?! O sag es noch einmal!« Er strömte über vor heissem Dank – »Wie ich dir dankbar bin! Auch ich liebe das deinige – ich verehre, ich vergöttere es!«

Er bekam Angst, ob er nicht zu hoch gegriffen hatte, ob sein Stimmfall nicht allzu hitzig war, – aber er war sicher, dass sie ihm blindlings vertraute.

»Ja! Ich liebe dein Elend und ich leide, leide . . . Ich weiss, dass mein Schrei dich erlösen könnte, aber er ist in meiner Brust taub geworden – er hat sich da im Inneren festgestaut und kann nimmer durch die Kehle durchbrechen . . .«

Gasztowt erbebte in tiefster Unruhe. Angst, dass er den Schrei nicht hören sollte, lähmte ihn. Aber sein Nachbar wachte, wieder gab er ihm einen Ruck – und heftiger noch und leidenschaftlicher begann er zu ihr zu sprechen.

»Es handelt sich jetzt gar nicht mehr um den Schrei! Durchaus nicht – das war nur das Fiebern meines kranken Gehirns . . . Nach dir habe ich gesucht, nach dir mich krank gesehnt – mein Elend birgt eine grenzenlose Liebe, mit der sich keine andere vergleichen liesse.«

Und sein Nachbar flüsterte ihm ins Ohr: noch stärker, noch eindringlicher!

»Die Liebe, die Liebe allein liess mich nach dir suchen! Wenn du dich beschmutzt fühlst, wirst du dich in Engelsfrische reinwaschen können, bist du vor Kälte erstarrt, wirst du dich in der Gluthitze meines Herzens erwärmen . . .«

Die schändlichen Lügen verstopften ihm die Kehle mit breiigem Kot, seine Stimme wollte sich ihr nicht entwinden – er schämte sich seines hinterlistigen, gemeinen, niederträchtigen Spieles, alles in ihm gellte im heftigsten Aufruhr und verweigerte den Gehorsam, seine Seele schwitzte Blut vor widerlicher Qual, aber das Verlangen, noch einmal den Schrei zu hören, der seine Kunst in die erhabensten Höhen des göttlichen Hellsehens emporheben konnte, überschrie in ihm den Zorn und den tausendstimmigen Zank und Hader in seiner Seele und rang nieder die Scham, die Schande und den Ekel.

Jetzt begann er im hastigen Sprudel die heissesten Liebesworte aus sich herauszuwerfen, er taumelte, überstürzte sich, fasste sie an den Händen, zog sie an seine Brust, überwand den körperlichen Schmerz, den ihm ihre Berührung verursachte – nur um den Schrei zu hören, in dem sich ihm die Strasse in ihrem rätselhaftesten Geheimnis offenbaren sollte, in dem kaum zu ahnenden Versteck, in dem sie in ihrer majestätischen Synthese verborgen ruhte.

Und er bezwang sie mit dem unüberwindlichen, sieghaften Werben seiner Liebe – immer enger presste sie sich an seine Brust, ihre trunkenen verlangenden Hände umschlangen seinen Hals – ihre gierigen Lippen suchten die seinen – er schüttelte sich vor physischem Ekel, aber er umfasste sie, hob sie hoch und warf sie sich auf die Brust, umklammerte sie fest und presste sie immer heftiger an sich:

Jetzt habe ich dich, grinste es in ihm in wildem Hohngelächter, jetzt werde ich deinen Schrei doch hören!

Er schielte zu dem felsharten Unbeugsamen hinüber, der auf der Wacht stand: er nickte mit dem Kopfe.

Und leidenschaftlicher noch flüsterte er ihr sein heisses Liebesgift ins Ohr.

Sie verging in seinen Armen.

»Ah, ah . . . das also ist die Liebe! Oh, wie süss – wie himmlisch – oh, ich vergehe!«

Jetzt hab ich dich, du infames Luder! Er biss die Zähne aufeinander in steigender Wut.

»Zu einem neuen Leben werde ich dich wiedergebären, reinigen werde ich dich mit meiner Liebe, dass du des Gottesthrones teilhaftig werdest – zerschmelzen werde ich dich in der Glut meiner Liebe . . . Oh, komm, komm – dort auf dem Brücke, von der du dich gestern in den Strom warfst und dich dem Satan Tod opfern wolltest, dort werde ich dich dem neuen Leben antrauen, dort werden wir unsere heilige Trauung vollziehen . . . Komm – komm! Dort wollen wir einander das heilige Gelübde ablegen . . . Dort auf dieser Brücke . . .«

Jetzt erst merkte er, dass sie schon eine geraume Weile, eng aneinandergepresst, hin und her taumelten, dieselbe Strasse entlang wie gestern! – schon blinkte im bläulichen, metallischen Widerschein unsichtbarer Welten der schwarze Strom, schon geisterte in der Ferne das grausige Brückenjoch, ein steigernder Triumph weitete ihm seine Seele – und gleichzeitig wuchs in ihm der lähmende Schreck, sie könnte das ganze Lügengewebe und sein niederträchtiges Spiel durchschaut haben und jetzt selbst mit ihm eine verächtliche, höhnende Komödie spielen.

Aber nein, nein! Sie war wie von Sinnen, ganz befangen, bezaubert von ihrem Glück.

Und ein paar Schritte vor ihnen schritt finster und unbeugsam der Wachthabende.

Sein Nachbar verschwand plötzlich.

Aha! Er ist wohl wieder um eine Droschke gelaufen, dachte Gasztowt und unterdrückte mühsam das Lachen – Heute wird sie nicht nötig sein, grinste er.

Da blieb sie plötzlich stehen:

»Ich habe Angst,« keuchte sie und sah sich wirr um.

Gasztowt durchrieselte ein stachelnder Schreckschauer.

»Du hast Angst? Jetzt – jetzt hast du Angst?!« Seine Stimme keuchte in der letzten, qualvollsten Anstrengung. »Jetzt, da wir die Schwelle eines Glückes überschreiten sollen, das mit den kostbarsten Schätzen das tiefste Elend vergoldet, mit der Lichtpracht aller Weltensonnen überstrahlt – da ich dich vor jeglicher Gottheit als meine Braut mir antrauen werde – jetzt weichst du zurück?! Ach komm, komm!« drängte er in sinnloser, leidenschaftlicher Erregung – »dort auf der Brücke werde ich dir ein Gelübde ablegen, heiliger und mächtiger noch als das, welches Gott und die Welt aneinander bindet.«

Sie traten auf die Brücke. Sie ging eigentlich nicht, sie war halb ohnmächtig, er trug sie mehr als sie ging.

Sie begann plötzlich Widerstand zu leisten, sie entglitt seinen Armen und fiel zu Boden, er hob sie wieder auf und sprach ununterbrochen, immer heissere Liebesbeschwörungen: ein schäumender Strom der glühendsten Betörungen ergoss sich über seine Lippen – es kam ihm vor, als stolpere er über seine eigenen, tückisch ausgestreckten Beine, als habe er sich an die Flügel einer rasenden Mühle angekrallt und wirble jetzt mit ihr zusammen herum.

Aber nichts verfing. Er fühlte, wie sie sich ihm gewaltsam zu entwinden suchte.

»Lass mich los!« schrie sie gell auf.

»O nein! nein!« er biss wütend die Zähne aufeinander – »jetzt nicht mehr, mein Täubchen! Ha, ha, ha – jetzt nicht!«

»Lass mich los!« schrie sie in tödlicher Angst und schlug mit den Fäusten um sich.

»Jetzt!« hörte er einen steinharten Befehl.

Ja, ja – jetzt werde ich dich loslassen, grinste Gasztowt mit wütendem Hohn. Er umklammerte sie mit seinen Armen, in denen er jetzt eine unmenschliche Kraftfülle empfand, riss sie von sich los, wie einen angesaugten Blutegel, und mit einem gewaltigen Schwung warf er das federleichte Weib über die Brüstung der Brücke in den Strom hinein.

»Schrei!« brüllte er auf.

Sein Herz wuchs ihm ins Hirn hinein und sprengte ihm die Schädeldecke auseinander.

Aber er hörte keinen Schrei.

»Schrei!« Als berste ihm die Brust vor Wutgeheul.

Nichts als das Brausen der schäumenden Stromschnellen.

Und schon wollte er selbst in den Strom stürzen, das ertrinkende Weib erfassen, es am Halse packen und würgen, würgen, um den Schrei aus ihm herauszupressen, da fühlte er, dass jemand ihn von hinten packte und ihn gewaltsam zurückriss. Er wandte sich um und wurde zu Stein:

Vor ihm stand Weryho.



IX

Sie sahen sich lange an.

Es war eigentlich kein Sehen. Eher ein rein körperliches Einander-Betasten mit sehenden Fühlhörnern, ein gegenseitiges Sich-Umklammern mit elastischen Fang und Saugarmen, die sich ineinanderfrassen, um sich gegenseitig die ganze Seele auszusaugen.

Lange, lange – vielleicht eine Ewigkeit dauerte dieses Ringen auf Tod und Leben.

Endlich schloss Gasztowt die Augen, und als er sie wieder zu neuer Kampfeswut hob, sah er nichts.

Aber es dauerte nur eine Tausendstel Sekunde, denn wieder sah er deutlich Weryho vor sich. Und seltsam: weit deutlicher und klarer als je zuvor: zum ersten Male sah er ihn wirklich und leibhaftig:

Sich selbst!

Ein sinnloser Schreck erfasste ihn, seine Knie gaben nach, er verlor das Gleichgewicht und fuchtelte mit den Armen in der Luft.

»Was geht mit Ihnen vor?« hörte er eine weitferne Stimme – er riss die Augen auf, aber wieder sah er nichts – nur in seinem Hirn dröhnte der Fluch, den er über sich selbst geschleudert hatte: du wirst blind sein, obgleich du das unsichtbarste Stäubchen zu sehen vermagst!

Ja! Er war blind geworden! wieherte in ihm ein Wirbelsturm von Todesangst.

Aber nein! Denn jetzt wieder tauchte Weryho vor ihm auf, nur das Gesicht, das er noch vor einer Weile deutlich zu erkennen glaubte, schien nebelhafte Formen und dann wieder einen abstrakten Ausdruck anzunehmen – er wusste nicht: den eines »Führers«, eines Cäsar, Antinous, eines Wohltäters – oder eines Verbrechers, – er konnte sich in dem Gesicht nicht mehr zurechtfinden.

»Jetzt hat es keinen Zweck mehr, dass wir hier stehen – sie ist schon sicher auf den Grund gegangen – jetzt wäre jegliche Rettungsaktion ganz umsonst . . .«

Weryho sprach es mit einer ernsten, beinahe traurigen Stimme.

»Das war übrigens vorauszusehen,« meinte er nach einer Weile, »gestern haben Sie Ihren geglückten Rettungsversuch beinahe mit dem Leben bezahlt – heute schlagen Sie es sich aus dem Kopf – Sie sind todmüde, alle Liebesmüh wäre umsonst . . .«

»Aber ich habe sie doch selbst in den Fluss hinabgeworfen!« schrie Gasztowt in sinnloser Wut.

»Wozu regen Sie sich so auf? Was ist denn so Grosses oder so Aufregendes dabei?«

Weryho lächelte vornehm und diskret.

»Ich sehe keinen Grund für Ihre Aufregung – Sie wollten doch nur den Schrei hören – weiter nichts – den Schrei, den Sie gestern gehört haben und der wahrscheinlich in Ihrem Gedächtnis verblasst war, wollten Sie sich auffrischen – das ist doch so klar und so selbstverständlich!

»Sie wollten den Schrei malen, und dazu war es nötig, dass Sie ihn noch einmal und vielleicht noch viele Male hören . . . Mein Gott, wie viele der gewaltigsten ›Kreuzigungen Christi‹ haben wir den mittelalterlichen Malern zu verdanken, die irgend einen Bettler von der Strasse in ihr Atelier hinauf lockten, ihn dort mit Hilfe ihrer Schüler ganz einfach ans Kreuz schlugen, um in gemächlicher Ruhe die Todesagonie des Heilands an dem verreckenden Taugenichts zu studieren – man sagt, dies sei nur eine Legende, aber ich könnte darauf schwören, dass die ›Kreuzigung‹ des gewaltigen Mathias Grünewald dieser einfachen Tatsache ihr Dasein verdankt.

»Übrigens müssen Sie diesmal mit diesem Schrei des ersoffenen Weibes zufrieden sein. Er war exquisit – er hat alle Himmel und alle Höllen von Grund aus aufgerüttelt . . .«

Gasztowt wich zurück, taumelte, seine Sinne fingen an sich zu verwirren in wahnsinnigem Schreck:

Er hatte den Schrei nicht gehört!

Er war taub, obwohl er hörte, obwohl ihm das leiseste Geräusch zum mächtigen Orgelgedröhn anwuchs – sein Fluch, den er auf sich geschleudert hatte, war in Erfüllung gegangen.

Jetzt haben sich alle Flüche erfüllt und vollzogen.

Und eine dumpfe, brütende Stille nistete sich in seiner Seele ein.

Nur etwas schien in ihm geheim zu beschliessen, aber was es war, das wusste er nicht.

»Wissen Sie was,« sagte Weryho plötzlich, »ich habe einen prächtigen Einfall! Ich wohne hier in der Nähe . . . Sie werden mich zu grösstem Dank verpflichten, wenn Sie jetzt bei mir einkehren. Ich habe eine Flasche Kognak seltenster Marke, das wird uns warm machen, – es ist ganz merkwürdig frisch geworden in dieser Nacht . . . dabei muss ich heute – schon in ein paar Stunden – in zwingendster Angelegenheit verreisen, so könnten wir bis dahin einige Stunden miteinander verbringen . . . Aber vielleicht sind Sie zu müde?«

»Durchaus nicht!« Gasztowt wusste, dass Weryho ihm etwas Wichtiges, etwas für sein ganzes Leben Entscheidendes zu sagen hatte, und ebenso gut wusste er, dass er sich jetzt um keinen Preis von ihm trennen mochte.

»Durchaus nicht?!« Weryho lachte – »ich habe mich an diese Ihre Höflichkeitsphrase bereits gewöhnt« – er hielt plötzlich inne– »überdies habe ich Ihnen wirklich etwas mitzuteilen – nicht wahr? Das haben Sie doch soeben auch gedacht?«

Gasztowt antwortete nicht, nickte nur zustimmend, er wusste ja, dass der Andere ohnehin alle seine Gedanken las.

Sie gingen schnell, denn plötzlich war es bitter kalt geworden – es war wohl schon gegen Morgen.

Sie gingen durch geheimnisvolle Gässchen, immer tiefer hinunter, und schliesslich schien es Gasztowt, dass sie auf dem Grund dunkler, tiefer Kanäle dahinschritten – links und rechts ragte zu beiden Seiten ein hohes Gemäuer, von keinem Fenster durchbrochen.

»Hier sind die Häuser nach orientalischer Sitte gebaut,« erklärte Weryho – »die Fenster gehen nach innen, auf den Hof hinaus.«

Jetzt wechselten sie kein Wort mehr und endlich blieben sie an einer Stelle der Mauer stehen. Weryho öffnete mit dem Schlüssel eine kleine Pforte, die sich mit donnerndem Geräusch hinter ihnen schloss.

»Jetzt könnten Sie ohne meine Hilfe nicht mehr hinaus,« lachte Weryho – »wenn Sie mich zum Beispiel ermorden wollten – was für ein fabelhafter Gedanke! würden Sie auf keine Weise dies Haus verlassen können – dies Pförtchen öffnet sich nur, wenn ich in meinem Zimmer auf eine geheime Sprungfeder drücke – eine prächtige Mausefalle – was?«

Aber Gasztowt hörte kaum hin, er hatte Mühe, sich in einem langen und finsteren Korridor vorwärtszutasten, und fiel dabei vor tödlicher Ermüdung beinahe um.

»Hier!« sagte Weryho, drückte auf einen Knopf in der Wand, die Tür öffnete sich, elektrisches Licht blitzte gleichzeitig auf und sie betraten einen kleinen Salon, der wie ein kostbares und überreiches Antiquariat aussah.

Gasztowt sah sich erstaunt um.

»Mit der Zeit« – Weryho lächelte – »hat sich hier manches Gerümpel angesammelt, – aber, wie Sie sehen, ist Raum genug da.«

Weryho schob Gasztowt einen Fauteuil zu, rückte einen runden Tisch heran und stellte die Kognakflasche darauf.

»Trinken Sie,« nötigte Weryho mit sanftem Zwang – »ich glaube kaum, dass der französische Präsident diesen Kognak zu trinken bekommt – übrigens sind Sie der erste Fremde, der die Schwelle meines Hauses betreten hat – ich verwahre hier zu grosse Schätze, um jemanden einlassen zu können – und meiner Schatzkammer werde ich alsbald als höchstes Gut Ihren ›Schrei‹ einverleiben.«

Gasztowt erschauerte, aber er sagte nichts, betrachtete nur mit angestrengtester Aufmerksamkeit die kostbare Tischplatte, in die Pfauen, Paradiesvögel, aller Art Wundertiere geschnitten und mit den feinsten Plättchen aus Malachit, Syenit und dem verschiedenfarbigsten Marmor inkrustiert waren.

»Trinken Sie doch,« bat Weryho und rückte seinen Stuhl dicht an den Fauteuil heran, in dem Gasztowt sass.

Er stiess an Gasztowts Glas und lachte plötzlich mit einem erzwungenen, fast beleidigenden Lachen:

»Ich habe mich mit aller Macht dagegen gewehrt, als Sie mir durchaus einreden wollten, Sie hätten in der ›wilden Marderkatze‹ Komödie gespielt – ich war direkt beleidigt, als Sie sich einen Histrion, einen Jahrmarktskomödianten, einen Harlekin schimpften – erinnern Sie sich? Ich glaubte, dass Sie nur Ihre tiefe Scham verschleiern wollten. Aber jetzt glaube ich, dass Sie der gewaltigste Schauspieler sind, den je die Erde hervorgebracht hat.«

Gasztowt sah sich plötzlich allein, aber das war wohl nur wieder das alte Gaukelspiel – Weryho würde sicher bald zum Vorschein kommen.

»Ja!« er sah wieder Weryhos Gesicht, es schien widerwärtig zu grinsen – »das, was ich heute gesehen habe,« – deutlich hörte er jetzt auch Weryhos Stimme – »das war das Unerhörteste, was je mir zu sehen und zu hören beschieden ward – eine Komödie, die zu einer grauenhaften Wirklichkeit wird, ist keine Komödie mehr, eher eine göttliche Tat! Das war eine Entspannung der geheimsten Menschenkräfte, um nur ein Ziel zu erreichen, ein übermächtiges Unterjochen des Gehirns unter die Gewalt eines Übergehirns durch eine mystische Kraft, mit der vielleicht nur noch ein Yoghi seine Blutzirkulation nach Belieben regeln und seinen Stoffwechsel beschleunigen oder unendlich zu verlangsamen vermag . . . In Ihnen hat sich das Versprechen des Satans erfüllt: › Eritis sicut Deus!‹«

Weryho sprach wie in einer hellseherischen Verzückung.

»Vor ein paar Stunden habe ich Ihre Hand geküsst und Sie angefleht, mir ›den Schrei‹ zu malen, und jetzt bereue ich es nicht: im Gegenteil, ich werfe mich auf die Knie nieder vor dem Genie in Ihnen, das die Kraft besitzt, die Sterne aus ihren Bahnen zu stossen, wenn es für seine Kunst erforderlich ist. Oh, wie ich das göttliche Schauspiel genossen habe, als Sie das Weib auf die Brücke lockten – wie Sie mit sich gekämpft und gerungen haben – und jetzt – jetzt, diesen Triumph mitzuerleben, ihn nur in dem fernsten Abglanz durchzukosten, den Triumph, der Ihre Seele von einem Pol zum anderen treibt, dass Sie den Schrei gehört haben! Für einen Augenblick dieses Triumphes würde ich, sollt ich tausend Leben erleben, alle – alle hingeben – diesen Schrei mitempfinden zu können, mit Ihnen, würde mir kein Schatz zu kostbar sein – ach! ach! diesen heutigen unerhörten Höllenschrei!«

In Gasztowts Seele ging eine schwarze Sonne auf und es entstand eine tiefe Finsternis, in der nur zwei kalte Scheiben ein giftiges Fäulnislicht ausstrahlten: die Augen des Tausendfüsslers – des Elends, das wie ein unermesslicher Trichter alles in sich verschlang.

»Jetzt weiss ich es, jetzt glaube ich inbrünstig,« sprach Weryho in verzückter Begeisterung, »dass Sie Gott werden und das erschaffen werden, woran noch kein Mensch je zu denken gewagt hat.«

Gasztowt sah ihn qualvoll angestrengt an, er zwang sich, ihn zu sehen, aber seine Augen kehrten unablässig und hartnäckig in die Tiefe seiner eigenen Seele zurück und suchten nach dem Schrei, den es dort nicht gab – denn er hatte ihn nicht gehört. Sie frassen sich hinein in die leere Öde, aus der eine finstere Sturztiefe gähnte, deren Grund nicht zu sehen war.

Jetzt endlich vermochte er seine Augen von diesem Abgrund loszureissen und liess sie herumschweifen, bis sie auf der marmornen Platte, die auf seltsamen Sphinxen ruhte, haften blieben.

Das war wohl ein Schreibtisch, dachte er und betrachtete die Sphinxe – sie schienen geheimnisvoll zu lächeln, blinzelten mit den Augen und flüsterten eine merkwürdige Zeichensprache:

»Kannst du denn nicht sehen?«

Er richtete jetzt sein Augenmerk mit grösstem Fleiss und angespanntem Eifer auf alle umherliegenden Gegenstände, da fiel sein Blick plötzlich auf die glänzende Marmorplatte des Schreibtisches, suchte sie aufmerksam ab: mitten auf der Platte lag eine Pistole.

Ihn packte ein Schüttelfrost – unfassbare Kraft fing an seine Muskeln zu schwellen – sein Gehirn fing an zu wachsen und das Schädeldach zu sprengen: ein Beschluss reifte in ihm – er hörte ihn wie das Brausen eines unterirdischen Ozeans, der in vorsintflutlichen Orkanen sich ausraste – aber worauf der Beschluss gerichtet war, wusste er nicht.

»Und diesen Schrei werden Sie für mich malen!« – Weryho sprach leidenschaftlich und abgerissen – »für mich, für mich werden Sie ihn malen – ich werde das Bild mit allen meinen Schätzen erkaufen . . .«

Gasztowt sah ihn abwesend an – er sah nur die Pistole, die sich hin und her zu bewegen schien und ihn gebieterisch anschrie, er solle sie in die Hand nehmen.

»Ich habe eine seltene Sammlung des kostbarsten Edelgesteins« – Weryho überstürzte sich in dem wilden Getümmel seiner Worte – »ich habe Klumpen der verschiedenfarbigsten Amethyste vom Ural, die in allen Regenbogenfarben schimmern, ich habe einen Haufen von gelben Topasen aus Böhmen und Sachsen, Rubine aus Birma, tiefblaue Saphire vom Himalaya, ich habe Smaragde aus Singapore, so gross wie Strausseneier, Karneole aus Indo-China und haselnussgrosse Demanten vom Kap, unschätzbare Massen von Lapislazuli aus Afghanistan und ultramarine Steinplatten aus dem Baikalsee – ich habe . . .«

Gasztowt hörte nicht hin, denn er war jetzt nur noch ein Auge, das an der Pistole festklebte.

»Ist es noch zu wenig? Noch immerzu wenig? Nun, dann werde ich Ihnen meine kostbare Waffensammlung hingeben, wie es eine zweite auf der ganzen Welt nicht gibt – ich habe die seltensten Yatagane, Kindschale, Kordelase, mit kostbarstem Edelgestein übersät, von fabelhaft meisterhafter Ausführung – das alles gebe ich Ihnen für den Schrei . . . Hören Sie, was ich sage?« Weryho fasste ihn am Rock – »hören Sie?«

Gasztowt sah ihn lange und durchdringend an – endlich vermochte er seine Augen von der Pistole wegzureissen – er sah ein schmerzhaft verzerrtes Gesicht in namenloser Verzweiflung zucken, und wieder, wie im Spiegel, erkannte er sein eigenes, aber nur auf ein kurzes Aufblitzen, dann wieder sah er Weryhos Gesicht, das ihm grausam, unerbittlich, blutrünstig vorkam . . .

»Ich werde dieses Bild nicht malen!« stiess Gasztowt endlich hervor.

»Was?! Was?! Sind Sie wahnsinnig geworden?« Weryho war wie vom Blitz gerührt.

»Ich werde den Schrei nicht malen, weil ich ihn nicht gehört habe!« – Gasztowt schrie es in kochender Wut und wildem Hass.

Weryho starrte ihn eine Weile ganz sprachlos an, verblüfft, zitternd vor Schreck, dann brach er in ein langes, pfeifendes, heiseres Gelächter aus.

»Ha, ha, ha! Welch ein Satanskerl! Welch höllischer Komödiant! Was für ein verbrecherischer Lügner, der mir einreden möchte, er habe den Schrei nicht gehört – den Schrei, unter dem die Erde bebte und der Himmel barst. Ha, ha, ha! Was für ein unglaublicher Possenreisser! Ha, ha, ha!«

Und plötzlich versteinerte sein Gesicht und verwandelte sich in eine mordgierige, blutlechzende Henkersfratze:

»Sie werden das Bild dennoch malen! Sie werden mir den Schrei noch grässlicher darstellen, als er schon war! Ich lasse Sie nicht fort – Sie kommen von hier nicht weg, ehe Sie das Bild gemalt haben. Sie sind mein Gefangener und Sie wissen, dass nur ich allein Ihnen die Tür öffnen kann. Verrecken, verhungern sollen Sie hier, wenn Sie den Schrei nicht malen!«

Gasztowt schnellte vom Fauteuil auf – die schwarze Sonne in seiner Seele begann aufzuleben und sich zu erwärmen in wachsendem, wutentbranntem Hass:

»Ich werde den Schrei nicht malen!« keuchte er heiser hervor.

»Sie werden ihn malen! Sie müssen ihn malen, wenn Sie nicht des Todes sein wollen,« triumphierte Weryho und trat drohend dicht an ihn heran. »Nicht deshalb hab ich in qualvollster Mühe an Ihrer Seele gearbeitet und sie zur Aufnahme des Schreies würdig gemacht, nicht deshalb bin ich Ihnen Schritt auf Schritt gefolgt und habe bis zur Erschöpfung all meiner Kräfte auf Sie eingewirkt, dass Sie alle meine Befehle ausführten, nicht deshalb hiess ich Sie die Dirne aus dem Wasser ziehen, denn ich wusste, dass der Schrei damals in Ihnen noch nicht zur Reife gelangt war, nicht deshalb hiess ich Sie, sich die Seele nackt spielen, um sich den Schrei aufzufrischen, und nicht deshalb liess ich Sie das Weib wiederfinden, habe es Ihnen auf die Brücke geschleppt, dass Sie es morden konnten . . .«

Gasztowt wich dem rasenden Ansturm aus und schlich nahe an den Schreibtisch, wo er die Pistole wusste, und immer mächtiger begann die schwarze Sonne Licht und Wärme eines verbissenen Entschlusses auszustrahlen.

»Nicht deshalb », schäumte Weryho, »habe ich mich vor dir gebeugt und deine Hand geküsst, damit du jetzt so unverschämte, infame Mätzchen machst und mich zum Narren hältst – Ha, ha, ha! Da kennst du mich schlecht – ich brauche dich nicht einmal hier einzukerkern, ich weiss mir noch besseren Rat für dich . . .«

Er drängte sich dicht an ihn heran und riss ihm blitzschnell die Stahlkette mit dem Ring aus der Tasche, begann dann herumzuspringen und hielt mit ausgestrecktem Arm triumphierend den Ring in die Höhe.

»Ha, ha, ha! Jetzt hab ich dich! Jetzt wirst du mir den Schrei malen! Du musst, du musst ihn jetzt malen, wenn du den Ring zurückhaben willst« – er schwang die Kette in der Luft und der Ring klirrte um sie herum mit dünnem Klang.

Gasztowt starrte ihn wie versteinert an, wollte schreien, aber er vermochte es nicht, wollte sich auf ihn hinstürzen, aber er schien an allen Gliedern gelähmt zu sein, ein wüster Sturm der Verzweiflung schüttelte ihn hin und her, riss an seiner Seele, um sie von Grund aus zu entwurzeln, es rang in ihm wie im Todeskampf – und endlich brach sich seine Stimme freie Bahn:

»Und du, du,« keuchte er mühsam, »der du in meiner Seele die geheimsten Gedanken liest, sie mir unterschiebst und sie zu meinen eigenen machst, der du jeden meiner Schritte berechnest und lenkst, mir in die Adern das höllische Gift des Verlangens eingeimpft hast, das erschaffen zu wollen, was nur ein Gott erschaffen kann . . .«

»Du sollst Gott werden! Ich befehle dir, Gott zu werden!« unterbrach ihn Weryho mit wildem Triumphgeschrei.

»Du, du . . .« Schäumend vor Wut packte Gasztowt ihn am Arm – »du siehst nicht, weisst es nicht, dass ich es nicht kann, dass meine Seele lahmgelegt ist, dass Ohnmacht in mein Schaffensmark sich eingefressen hat, dass ich nicht imstand e bin, den Schrei zu malen?!«

»Du musst ihn malen!« sagte Weryho düster, aber in seiner Stimme klang etwas, woraus Gasztowt heraushörte, dass er gesonnen war, nachzugeben.

»Fühlst du denn nicht,« drang er auf Weryho in letzter Verzweiflung ein – »dass ich durch dieses Geständnis mir meine Seele entzweigerissen habe, siehst du sie nicht aus tausend Wunden bluten? Gib mir den Ring zurück!«

»Du willst also nicht Gott werden?« fragte Weryho und starrte ihn finster an.

»Ich kann es nicht! Ich bin gelähmt, ohnmächtig, meine Kraft ist aufgezehrt – gib mir den Ring zurück! Alle Flüche sind in Erfüllung gegangen . . .«

In Weryhos Gesicht ging eine seltsame Verwandlung vor sich.

Er wurde fast traurig, bekam plötzlich einen bekümmerten, unschlüssigen und verwirrten Ausdruck – es zuckte nur noch wie von verbleichenden Sturmblitzen.

»Sie haben mich angesteckt,« versuchte er zu scherzen und lächelte ein erzwungenes Lächeln – »verzeihen Sie mir, dass auch ich mich in einem dummen Komödienspiel versucht habe – nur kam dabei nichts heraus, als ein tiefes Unbehagen, dass ich es so ordinär und gemein gespielt habe . . . Ich verstehe ja selbstverständlich, dass man ebensowenig den Schrei wie das Vibrieren der Luft oder die Ätherbewegung malen kann – Farbe und Stimme schliessen doch einander aus – ha, ha, ha!« kicherte er leise in sich hinein – »das übersteigt wirklich die menschlichen Möglichkeiten – Sie haben vollkommen Recht, dass so etwas nur ein Gott bewerkstelligen könnte – und selbstverständlich gebe ich Ihnen den Ring zurück – ich wollte Sie nur erschrecken, habe wieder nur unbeholfen dasselbe versucht, was Sie an sich selbst mit Ihrem eigenen Fluch versuchten, als Sie sich durch ihn zur letzten Kraftanstrengung aufraffen und die Stimme, oder vielmehr den Schrei in Farbe umsetzen wollten . . .«

»Sie haben mich fluchen gehört?«

»Ja, ich höre alles« – Weryho lächelte freundlich – »hier haben Sie Ihren Ring – dafür aber müssen Sie mir eine Bitte erfüllen.«

»Jede, die Sie nur von mir wünschen – nur den Schrei nicht, den kann ich nicht malen« – Gasztowt kroch in sich hinein, beruhigte sich aber, als er den Ring entgegennahm, und steckte ihn in die Westentasche, diesmal zusammen mit der Stahlkette.

»Sie sind vorsichtig und misstrauisch geworden,« lächelte Weryho. »Ja, Sie haben vollkommen Recht, den Ring nicht durch die Kette zu verraten – aber es könnte doch vorkommen, dass es jemanden nach Ihrem Ring gelüstete, und deshalb bitte ich Sie dringend, diese Pistole von mir als Geschenk anzunehmen« – Weryho nahm die Pistole vom Schreibtisch und steckte sie Gasztowt in die Rocktasche.

Er goss Kognak in die Gläser.

»Also noch einen Abschiedstrunk – und jetzt, da Sie mir versprochen haben, jede meiner Bitten zu erfüllen, werden wir in Ihr Atelier gehen – Sie haben dort ein Bild, von dem ich völlig besessen bin – ich werde nicht zu Ruhe kommen können, ehe ich es hier habe – und da ich, wie Sie wissen, heute unbedingt verreisen muss – ich weiss nicht, auf wie lange, so werde ich mir jetzt das Bild holen und es gleich bei meinen kostbarsten Schätzen hier verbergen . . . Also gehen wir . . .«

Das Licht erlosch und sie kamen jetzt ohne weitere Zwischenfälle gleich auf die Strasse. Vor ihm stand Weryho.



X

Sie gingen noch immer in einem dämmernden Zwielicht, obwohl die Sonne doch schon längst aufgegangen sein musste.

Warum ging sie nicht auf? dachte Gasztowt tiefgründig nach – und hatte das Rätsel gelöst: solange er die schwarze Sonne in sich trug, konnte keine andere aufgehen.

Er versicherte sich, dass er den Ring und die Stahlkette in der Westentasche hatte, die Pistole befühlte er liebevoll und war ungemein erfreut: jetzt würde er schon seinen Ring zu beschützen verstehen.

Weryho kam ihm jetzt als ein gewaltiger Wohltäter vor, dass er ihm diese Waffe geschenkt.

»Müssen Sie wirklich heute verreisen?« fragte er fast bedauernd.

»Ja! Ganz unbedingt und ohne jeden Aufschub – ich bin eigentlich mehr als müde, aber das Verlangen, das Bild, von dem ich ganz besessen bin, endlich in meinen Händen zu haben, macht mich frisch und munter. Sie ahnen nicht, welche Unruhe ich durchlebt habe bei dem Gedanken, Sie könnten das Bild anderweitig verkauft haben.«

Weryho sprach noch etwas, aber Gasztowt war zu zerstreut, um hinzuhorchen.

Die schwarze Sonne begann wieder Licht und Wärme auszustrahlen – es wurde immer heller in ihm, eine ungeahnte Kraftfülle ergoss sich in seine Adern, er wurde wieder stark, ja sogar lustig.

»Da sind wir am Ziel!« Er blieb vor einem Hause stehen und suchte nach den Schlüsseln – »ich wusste nicht, dass wir so nahe beieinander wohnen . . . wie glücklich ich bin, dass ich den Ring nicht mit den seltenen Schätzen, von denen Sie sprachen, loszukaufen brauchte, sondern mit irgend einem dummen Bild – oh, Sie sind bescheiden und allzu genügsam . . . Aber Sie haben eine grausame Komödie mit mir gespielt, dagegen waren all meine ordinären Possenspiele eine lächerliche, läppische Kinderei – ha, ha, ha!«

Weryho lächelte, sagte aber nichts, was Gasztowt sehr verdross – er hätte sich doch wenigstens gründlicher entschuldigen können, als er es getan, und wieder empfand er einen brennenden Hass gegen den Menschen, der ihm das entsetzliche Ohnmachtsgeständnis durch den gemeinsten, niederträchtigsten Clowntrick erpresst hatte.

Er suchte noch immer nach den Schlüsseln, aber er fand sie nicht.

»Die Tür ist doch offen,« meinte Weryho.

Die Tür stand wirklich angelweit offen, sie traten in den Flur und stiegen langsam die steilen Treppen hinauf.

»Sie scheinen in nächster Nachbarschaft des Himmels zu wohnen,« lachte Weryho.

»In ihm selbst, mein Herr, in ihm selbst. Der misslungene Herrgott, der ich bin, trug schon vorher Sorge, mit dem eigentlichen in eine nähere Berührung zu kommen – ha, ha!« grinste Gasztowt und öffnete endlich die Tür zum Atelier.

»Nun bin ich froh, wieder in meinen vier Wänden zu sein – es ist doch verflucht lange her, dass ich hier war . . . ich selbst bin gar nicht müde – aber Sie müssen sich ausruhen – oh! setzen Sie sich hierher.« Er warf einen Haufen bemalter Leinwand vom Sofa herab – »hier auf das Sofa, aber nur vorsichtig, es kracht und wackelt und birst in allen Fugen, gerade wie sein Herr – ha, ha, ha!«

Weryho schien gar nicht auf ihn zu achten, was Gasztowt immer mehr in Wut versetzte, – sah sich nur im Atelier um.

»Jetzt werde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie Ihr Versprechen einlösen, mir meine Bitte erfüllen und mir das Bild überlassen.«

»Welches Bild?« grinste Gasztowt und befühlte die Pistole.

»Sie wissen schon – das Bild mit dem unterstellten Bein . . .«

Gasztowt schien sehr erstaunt:

»Wie? Habe ich recht gehört? Dieses Bild wollen Sie haben? Diese kleine, dumme, lächerliche Strassenepisode?«

»Ja, gerade dies Bild! Gerade dies – ich bin, wie Sie wissen, ganz besessen von ihm.«

»Nun! Wie Sie wollen! Ich habe mein Versprechen gegeben und will es einlösen – aber ich hätte nicht gedacht, dass ein vornehmer Kenner von Ihrem Schlag . . .«

»Ich gebe Ihnen dreissigtausend Frank für dies Bild. »

»Sind Sie wahnsinnig geworden? Dreissigtausend für diesen erbärmlichen Kitsch?«

»Ich bitte Sie dringend um dieses Bild, Sie haben es mir versprochen – Ihr Ring ist Ihnen doch mehr wert als dies Bild?!«

Gasztowt suchte fiebernd in den Stössen von Leinwand, die Hände zitterten ihm, vor den Augen wurde es ihm bald finster, bald blendete sie eine übermässige Helle.

Endlich zog er ein Bild hervor und rollte es vor Weryho auf:

»Dies Bild also wollen Sie haben, dies erbärmliche Machwerk?!«

»Ja, gerade dieses – oh, wie glücklich ich bin, es wieder betrachten zu können – wollen Sie es mir dort aufhängen – ja dort! Oh, wie gewaltig dies Bild – wie unerhört in seiner Macht!«

Weryho schien ganz im Betrachten des Bildes zu versinken:

Im Hintergrund eine rasende, wutentbrannte Menschenmenge mit heulenden, rachsüchtigen Fäusten, ganz besessen von irrsinniger Vernichtungsbrunst – ein sich hervorwälzender Knäuel von ineinander verkrampften, sich erdrückenden Leibern, in der blutrünstigen Gier, den Verbrecher zu fassen, der der Rache zu entrinnen versucht.

Der Verbrecher – vielleicht ein Anarchist, der soeben eine Bombe vor die Karosse eines Mächtigen dieser Welt geworfen, vielleicht der Schächer, der sich von seinem Kreuze losgerissen, um in verzweifelten Sprüngen das Paradies zu erreichen, das ihm der sterbende Christus versprochen – sieht sich nach der Menge um, um die Entfernung, die ihn noch von den Verfolgern trennt, abzumessen; in seine Augen hat sein Herz sich verkrochen und schlägt wie der besessene Klöppel an den Glockenmantel beim Sturmgeläut – seine Augen werden blind von diesem rasenden Geläute und sehen nicht, wie dicht vor ihm ein Henker an der Mauer lehnt und sein Bein über die ganze Strasse wie eine teuflische Barriere hinstreckt, über die er unfehlbar stolpern, zu Falle kommen und zur Strecke gebracht wird.

Weryho sog sich mit seinen Augen gierig in das Bild ein, er schien die Farbenflecke zu durchsuchen, um hinter ihnen noch etwas anderes herauszufinden, er bewegte den Mund, als wollte er den Verbrecher zu noch grösserer Eile antreiben, und keuchte in banger Erwartung, wann er über das verräterische Bein langhin auf die Strasse fallen würde.

»Das ist unerhört – das ist göttlich! Dies Bild ist eine Gottestat!« murmelte Weryho verzückt.

Gasztowt nahm jetzt die Pistole aus der Rocktasche, steckte sie in die Hosentasche, entsicherte sie und spannte den Hahn.

Weryho wandte sich plötzlich nach ihm um:

» Wollen Sie mir nur noch erklären, warum der Henker, der das Bein vorstreckt, und der Verbrecher, dem es zum Verhängnis wird, dasselbe Gesicht haben – und merkwürdigerweise Ihr eigenes Gesicht?! Sehen Sie doch: beide sind Autoporträts von Ihnen!«

Gasztowt warf sich plötzlich über ihn, packte ihn am Halse und würgte ihn in irrer Wut:

»Von dir, von dir, du verfluchter Satan!«

Er zog den Revolver aus der Tasche, drückte los und hörte ein paar Schüsse – nein! er sah sie in einem Sturm von blendenden, schreienden Blitzen.

Und gleichzeitig fühlte er einen gewaltigen Faustschlag, der ihn hintenüber zu Boden streckte.

Aber er empfand keinen Schmerz – nur ein unnennbares, seliges Gefühl des Erlösungstriumphes: nun hatte er sich endlich von Weryho befreit.

Er richtete sich mit unmenschlicher Anstrengung halb auf, um seine Augen an Weryhos Todesqual zu weiden, aber im selben Augenblick zerriss die ganze Luft der Orkan eines grässlichen Schreis, der die Sterne aus ihren Bahnen in das leere Nichts hinabstürzte.

Wie ein Wirbelwind umraste ihn das Gefühl verzücktesten Glückes:

Jetzt, jetzt endlich hatte er den Schrei gehört!

Er richtete sich auf und fiel dann in die Knie . . .

Jetzt würde er das Bild malen – vor ihm hing es, wie er es gestern angefangen hatte – er kroch auf dem Bauch zu dem Bild –jetzt nur den Pinsel und die Palette zur Hand – jetzt, jetzt . . .

Noch einmal, wie von einem letzten Todeskrampf emporgeschnellt, richtet er sich auf und fällt dann langhin auf den Boden, und mit verhallendem Echo verzittert es in der Luft:

Der Schrei – jetzt – jetzt – dieser Schrei . . .