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Adeline Gräfin zu Rantzau – Der Dritte

Roman

Adeline Gräfin zu Rantzau, Der Dritte, Roman, Verlag Martin Warneck, Berlin, 1910.

Transkription von Christine Weber / Costa Rica; wir bedanken uns.



»Ich wollte, du komponiertest einmal wieder etwas in Tönen anstatt in Worten,« sagte sie und legte ihre Hand auf seine.

Sie saßen in einem kleinen Bierrestaurant in München. Vor ihrem Platz stand ein Glas Vermouth di Torino, vor seinem ein Glas Bier. Sie hatten das Abendbrot zusammen genommen und saßen nun im Gespräch vertieft dicht bei einander in dem gedrängt vollen kleinen Lokal. Man war ihre beiden Erscheinungen an diesem Ort seit Jahren gewöhnt.

Beide groß und dunkel, beide ernst, oft schwermütig, sehr abgearbeitet und oft so müde, daß sie kamen und gingen, ohne ein einziges Wort mit einander gewechselt zu haben.

Heute war es anders.

Er hatte unausgesetzt und mit Begeisterung geredet und nur geschwiegen, als in später Stunde ein zerlumpter Mann ins Lokal trat und zur Laute sang. Und als die Musik geendet hatte, da sprach sie zu ihm und er blickte sie erstaunt an.

»Das sagst du in diesem Augenblick, wo ich endlich glaube mein Ziel zu erreichen – Mara, du bist hart! Wirst du mich denn nie verstehn!«

»O – du weißt doch, wie ich's meine, – diese Musik eben regte mich nur so an, und ich dachte, es müßte dir eine Erholung sein, bei deiner großen Arbeit.«

»Erholung ist für mich nur – Erfolg; – alles andere quält und stört mich, und eine tote Hoffnung wieder auszugraben, sollte mich erholen? Nein, man muß vergessen was dahinten liegt und gerade aufs Ziel losgehen, wenn's auch zwanzig Jahre dauert, eh man's erreicht.«

»Gewiß, Peter, gewiß, – und ich bin ja so froh, daß Professor Leutze so zufrieden mit deiner Arbeit ist, – wann kommst du und liest mir?«

»Ich denke morgen abend um neun – ist dir das recht?«

»Gewiß – ich habe von fünf bis sieben Uhr Schülerinnen, – die schicke ich nachher bald fort. – wollen wir jetzt zahlen?«

»Bist du müde, Mara?«

»Müde – ach ja, sehr, – wie sollte ich nicht.«

»Denke doch! In vier Monaten fällt die Entscheidung: dann können wir – ich sage – können wir zehntausend Mark – –«

»Bitte nicht, Peter, – bitte, sprich nicht weiter, ich kann es heute abend nicht aushalten.«

»Was hast du nur, Mara?« »Nichts, – verzeih – morgen abend will ich ganz frisch sein, das verspreche ich dir.«

»Du bist – so sonderbar, – komm, laß uns fortgehen. – wieviel hast du zu zahlen?«

»Fünfzig Pfennig.«

»Mara, – ich lade dich darauf ein, in Anbetracht der Millionen –, na ja, ich will ja auch nichts sagen. – aber jetzt darfst du nicht mutlos sein, jetzt nicht, nachdem wir zwei ganze Jahre nun schon zusammen hoffen, – komm hinaus, draußen ist schöne Luft.«

Sie erhoben sich.

Beide warfen sie ein leichtes Lodencape über, er nahm seinen großen schwarzen Schlapphut vom Ständer und dann gingen sie fort.

Auf der Straße gingen sie nebeneinander, wie zwei gute Kameraden, mit gleichen, langen, elastischen Schritten. Unwillkürlich lenkten sie ihre Schritte zur Theresienwiese und gingen am Rande der weiten, dunklen Fläche entlang. Es war ganz menschenleer.

Plötzlich blieb er stehen.

Er legte den Arm um ihre Schultern und sagte: »Mara, meine Mara.«

Sie lehnte sich an ihn. »Ja, Peter,« antwortete sie mit einem tiefen Seufzer. Dann schwiegen sie beide, in Gedanken versunken.

»Ich habe einen Plan,« sagte er plötzlich, aber den sage ich dir erst morgen abend, wenn du mehr Verständnis für mich hast, als heute.«

»O Peter,« antwortete sie, mit plötzlich ausbrechender Heftigkeit, »wie kannst du sagen, daß ich kein Verständnis für dich habe, – alle meine Gedanken sind seit Jahren ja bei deinem Roman, – ich kann kaum mehr Dichtung und Wirklichkeit auseinander halten, – nur heute bin ich so – merkwürdig abgespannt – das ist doch bei der Kunst so, besonders beim Malen, – man ist oft so – so leer und öde und wie ausgestorben, und die Schülerinnen haben mir heute den letzten Rest meiner Kraft genommen, und du, Lieber –, Geliebtester –«

Sie schlang beide Arme um seinen Hals und küßte ihn.

»Es kommen Menschen,« sagte er.

»Ach was – Menschen!« rief sie.

Dann gingen sie weiter. Er brachte sie bis zu ihrer Wohnung.

»Auf morgen!« sagte er.

»Auf morgen!« wiederholte sie, und zum ersten Mal erhellten sich ihre Züge durch ein Lächeln.

»Dieses Mittel hilft noch immer,« meinte sie, dicht vor ihm stehend, – daß wir immer ein »Morgen« vor uns haben, wir glücklichen Leute! Kein ödes Einerlei, kein beliebiger Dienstag oder Mittwoch, – sondern ein Morgen, das uns gehört, uns beiden! ›Seliges Gestern – und Morgen und Heute‹ – wie heißt es noch – Gute Nacht – auf morgen.«

»Ja, morgen!« wiederholte er ernsthaft, »seit sechs Jahren lebe ich dem Morgen entgegen, bis zu dem Augenblick, wo wir sagen werden: Heute! Mara, meinst du nicht auch? Einmal werde ich kommen und dich fragen, du Treuste, – wann? und du wirst sagen: Heute! Gute Nacht« – die Tür fiel hinter ihr ins Schloß, er ging eilig fort und sie stieg die fünf Treppen zu ihrer kleinen Künstlerwohnung langsam empor.

Ein Wort klang ihr in den Ohren: Heute. Welch ein merkwürdiges Wort das war. Wie das klang: Heute! Morgen –? ach, das war so anders! da lag die lange, dunkle Nacht dazwischen, da konnte alles in der einen Nacht sich ändern, aber heute! Wie, wenn man sagte: Heute sterbe ich! Oder heute kommt das und das! Heute will ich den einen, großen, unwiederbringlichen Schritt tun.

Mara blieb im Düstern auf der Treppe stehn und wiederholte laut: »Heute.«

Jetzt war ihr, als antwortete eine Stimme aus weiten, unbekannten Fernen – heute –, sie lauschte noch eine Weile angestrengt, dann betrat sie ihre Wohnung.

Im Atelier zündete sie eine Wachskerze an und fing an aufzuräumen; endlich, als es Mitternacht war, ging sie ins Bett. Sie hatte das bestimmte Gefühl, daß sie diese Nacht nicht schlafen würde, aber kaum hatte sie sich ausgestreckt, so schlief sie schon.

Sie schlief traumlos; wie tot! dachte sie am anderen Morgen, als ihre Zugeherin vor ihrer Tür klingelte.

Was war denn nur geschehen? Sie konnte sich gar nicht besinnen. Dann schüttelte sie die letzte Schläfrigkeit von sich, die kleine Wohnung wurde hergerichtet, Mara bereitete Kaffee für sich und ihre treue Aufwärterin, und dann war noch eine halbe Stunde Zeit, ehe die Schülerinnen kamen und das Modell. Sie trat auf einen kleinen Altan hinaus, ihr Asyl – in freier Luft –, wie sie diesen Fleck nannte. Frische Frühlings-Maienluft strömte ihr entgegen, kleine hungrige Vögel umschwirrten sie auf ein leises Pfeifen, und Mara schöpfte tief, tief Atem und holte sich Kraft für das Kommende. –

Der Tag verging unter angestrengter Arbeit, Mara ging auch zum Abendessen nicht aus, sondern rüstete alles zur Ankunft ihres Freundes. Neben dem Atelier befand sich ihr kleines Privatwohnzimmer, und sie rückte einen altmodischen Lehnsessel zurecht, damit der Freund es beim Lesen gut hatte, – sie selbst würde zeichnen, – vielleicht zum zwanzigstenmal seinen Kopf, den sie immer schöner und interessanter fand, je länger sie ihn studierte, aber er wollte ihr nie ganz zur Zufriedenheit gelingen. Die Stirn wohl, die breit gewölbte, und die glühenden Augen, – aber der Mund wollte ihr nie gelingen.

»Da ist ein Zug,« sagte sie dann wohl, »den ich nicht verstehe.«

Er lachte dazu.

Endlich hörte sie ihn kommen. Es war schon dämmrig, fast dunkel. Er hatte einen Drücker zu ihrer Tür. Mara blieb erschrocken mitten in ihrer Stube stehn, denn jetzt erkannte sie zwei Stimmen draußen im Flur, seine und eine andere, fremde. Gleich darauf riß Peter die Tür auf und kam mit ausgebreiteten Händen auf sie zu. »Denke dir, Mara,« rief er aufgeregt, »gestern ist er gekommen! Gestern abend, ist es nicht merkwürdig? Knud, komm herein, – hier meine Braut, Fräulein von Doren, und hier mein ältester Freund und Kamerad, Knud Hansen.« Der Fremde kam herein.

Er war blond und schmächtig, hatte sehr helle, blaue Augen und sah blaß und ärmlich aus.

Das sah Mara alles, als sie ihm die Hand reichte und sagte: »Also – gestern.«

»Ja, gestern abend stand er an meiner Tür,« antwortete statt seiner Peter, »und was glaubst du, hat er seitdem getan? Auf meinem Divan gelegen und geschlafen, während ich arbeitete – na, dafür habe ich ihn auch gleich mit hergebracht.«

Jetzt wandte sich Knud Hansen zuerst an Mara. »Finden Sie nicht auch, daß schlafen eine Arbeit sein kann?« fragte er mit leichter Stimme.

 »Es kann – sehr schwer sein,« antwortete Mara langsam.

»Ach Kinder – ich wußt es ja, daß ihr beide gleich sozusagen in der vierten Dimension zusammen verhandeln würdet, aber jetzt laßt uns erst etwas essen. Wo soll Knud sitzen? Da! Gut, – – Mara, hast du etwas Wein?«

»Nein, Lieber, leider nicht.«

»Ach! dann springe ich hinunter und hole noch einen Vesuvio aus der Osteria – Knud hat noch keinen Willkommenstrunk gehabt.«

Ehe die andern etwas erwidern konnten, war er fort. Knud setzte sich still auf einen niedrigen Stuhl am Fenster.

Mara rückte einen Tisch heran und holte Gläser aus einem verschnörkelten Eckschrank.

Dann sah sie den Fremden an.

»Was fehlt Ihnen?« sagte sie, »Sie sehen so –«

»Miserabel aus,« vollendete er ruhig. Eine kleine Pause folgte.

»Sind Sie krank? Kann ich Ihnen – mit irgend etwas helfen?« fragte sie wieder.

Er sah zu ihr auf.

»Eben dachte ich noch, – lieber sterben, als es sagen, aber Sie sind so anders, – so mütterlich – verzeihen Sie, – ich kenne Sie ja noch gar nicht, aber ich – ich habe einfach – Hunger.«

»O,« entfuhr es ihr.

Dann war sie wieder beim Schrank und dann schnitt sie ihm ein kleines Brötchen und saß neben ihm, während er aß. Sie sah, daß seine Hand zitterte.

Sie wollte sagen – hat Peter Ihnen denn nichts zu essen gegeben – aber statt dessen sagte sie nur –

»Seit – wann?«

»O, seit vielen Tagen,« antwortete er.

»Gleich kocht das Teewasser,« sagte sie und stand wieder auf, »und gleich kommt Peter mit dem Wein, – ich habe Eier auch noch hier – so, nun wird Ihnen gleich besser werden.«

Die Tür ging. Peter kam herein mit Wein und Käse und Wurst.

»Dacht ich mir doch, daß du hungrig sein würdest, aber du warst ja den ganzen Tag einfach nicht zu wecken, und als du heut nachmittag ausgingst, da hast du wohl auch nicht viel gegessen. So – prosit alter Junge, und nun erzähle, wo du so plötzlich herkommst.«

»Später, heute noch nicht,« murmelte Knud Hansen, »du wolltest ja lesen, bitte, laßt euch nicht stören.«

»Weiß er?« fragte Mara.

»Alles.« antwortete Knud.

»Ach Unsinn, ich lese heute nicht,« sagte Peter nervös, »gleich den ersten Abend.«

»Dann gehe ich lieber.« Knud erhob sich. Peter zwang ihn in seinen Stuhl zurück.

»Um Gottes willen, bleib doch, Mensch.«

»Vielleicht ist es Herrn Hansen viel lieber, wir lesen, anstatt daß wir sprechen,« mischte sich Maras ruhige Stimme herein. »Es hilft Peter nämlich zum Weiterarbeiten, wenn er mir inzwischen vorliest,« wandte sie sich an den Fremden. »Setz dich nur, Peter – da in deinen Stuhl, – arbeitende Menschen dürfen keine Pausen machen,« – fügte sie noch lächelnd hinzu.

»Ich wäre dankbar, wenn du lesen wolltest, Peter, – sprechen können wir immer noch, ich kam nur mit hierher unter der Bedingung, euch nicht zu stören,« sagte Knud.

Peter zuckte die Achseln, aber schließlich ergriff er seine dicke Mappe mit dem Manuskript und nahm damit in dem alten Lehnstuhl Platz.

Mara setzte sich an den großen Zeichentisch und nahm die Feder zur Hand.

Der Fremde lehnte seinen Kopf zurück, verschlang die Hände über den hochgezogenen Knien und blickte gerade vor sich hin.

Peter seufzte einmal tief auf, dann gab er sich plötzlich einen Ruck und fing an zu lesen. Man hörte nichts wie das Blättern der Papiere, das laute, langsame Ticken einer alten Standuhr und Peter Rasmussens sonore Stimme.

Seit zwei Jahren arbeitete er rastlos an einem großen Roman. Er war die beiden letzten Sommer in seiner Heimat, an der Nordsee gewesen, und nun nahte das Werk sich seiner Vollendung. Er wollte sich mit diesem Roman an einem großen Preisausschreiben beteiligen, für die beste Arbeit auf diesem Gebiet war der fabelhafte Preis von zehntausend Mark ausgesetzt, und Peter hatte nur mehr einen Gedanken: Diesen Preis zu erlangen! Seine ganze Zukunft hing davon ab.

Er las rasch und eintönig, aber er hatte ein sehr melodisches Organ, und manchmal hatte seine Stimme einen eigentümlichen singenden Ton.

Mara kam es heute abend vor wie das Rauschen des Meeres, und zahllose, endlose kleine Wellen trugen ihre Seele fort, weit fort in eine neue Richtung.

Wer war dieser Mensch, der hier plötzlich zwischen ihnen saß?

Ein Jugendfreund Peters.

Seinen Namen kannte sie wohl.

Peter hatte diesen – lang verschollenen Freund früher sehr geliebt. Sie wußte, daß er ein merkwürdig begabter Mensch war, auch Künstler wie sie beide, nein, wie sie, – denn er war Maler. Oder war er es gewesen?

Er war ja so leichtsinnig gewesen immer, er hatte schließlich alles verspielt und war übers große Wasser gegangen. Schon vor zehn Jahren, sagte Peter. Und nun war er da. Ob Peter sich wohl freute? Sie sah Knud Hansen an und wußte, daß das ein Mensch war, der mit seiner allerletzten Chance kämpft. Sie wußte noch viel mehr. Und hatte ihn doch eben erst gesehen. Sie fühlte, daß Peter das Kommen des Freundes sehr erregte. Sie sah, wie es in seinem Gesicht nervös zuckte, und sie begriff auch, daß es ihm schwer wurde, heute abend zu lesen.

Sie starrte den Leser an, was las er eigentlich? Mara erschrak und fing an zu zeichnen, rasch und heftig. Diesmal sollte, mußte es werden. Und Peter las. Als er endlich aufhörte, stand der Fremde hinter Maras Stuhl und sagte »bravo«.

»Findest du es wirklich gut?« fragte Peter, – »na ja, es steckt auch Arbeit drin – – ehrlicher Schweiß, – mein Gott – viel Schweiß!« –

»Auch Blut?« fragte Knud.

»Wie meinst du?«

»Ich meine – Schweiß ist viel, aber Schweiß ohne Blut ist – nichts.«

»Herzblut,« sagte Mara langsam und stand auf. Auch Peter erhob sich.

»Aber Kinder, das ist doch selbstredend, – ihr redet so geheimnisvoll und sagt Gemeinplätze – natürlich ist Herzblut – alles, – meint ihr, ich könnte schreiben – ohne – ohne – Herzblut in der Feder anstatt Tinte?« Seine Augen glitten unruhig von einem zum andern.

»Du bist ganz blaß geworden, Lieber,« sagte Mara und umfaßte ihn. »Komm, stärke dich mit Wein und Obst.«

Sie rückten alle drei wieder zusammen um den kleinen Tisch und aßen schweigend. »Na, Knud, und du?« sagte Peter plötzlich und blickte den Freund an.

»Ich? ich finde die Sache sehr gut, wenn dir an meinem Urteil etwas liegt, aber – erzähle noch einmal – ich war gestern abend zu müde, als ich ankam, – seit wann schreibst du eigentlich? Ich bin ja ganz starr!«

»Seit drei Jahren schon, – weißt du, Musik – ist ja, – na, – sehr schön, aber – macht nicht satt, und – man muß doch auch in Worten dasselbe erreichen können – wie in Tönen. – Ich – schrieb für Zeitungen und hatte – Dusel –«

»Ich auch.« sagte Knud lakonisch.

»Du auch? Mensch, das ist ja – famos! Schreibst du etwa jetzt auch etwas –?«

»O nein, schon lange nicht mehr, ich hatte inzwischen andere Berufe, und dann komme ich doch immer wieder zur Malerei zurück und –«

»Na ja, das ist auch dein einzig wahres Talent, bist du ein Krösus geworden drüben und gehst nur als Sport in Lumpen? Du hast mir ja noch gar nichts Ordentliches erzählt.«

»Lumpensport – ist gut!« wiederholte der andere und lachte zum erstenmal, – dann stand er auf.

»Deine Braut ist müde, nachdem sie einen ganz famosen Kopf von dir gemacht hat. – Komm, laß uns fortgehen.«

»So ist der Kopf endlich einmal gut geworden? Laß sehen, Mara, – ja, famos, – aber habe ich denn so etwas Fanatisches im Gesicht?«

»Natürlich, – wie jeder Mensch, der ein Ziel verfolgt, – gute Nacht, Fräulein von Doren, ich danke Ihnen für diesen Abend, danke Ihnen sehr, leben Sie wohl.«

»Aber wir sehen uns doch wieder –« sagte Mara.

»Wer weiß, – ich bin ein Wandervogel – gute Nacht.«

Er schritt eilig aus der Tür. Peter und Mara standen sich gegenüber. »Ja, – nun ist er da,« sagte Peter mit einem Seufzer.

Mara sah ihn erstaunt an.

»Er sieht – furchtbar elend aus.« sagte sie dann.

»Ja, – bei ihm geht es zeitlebens auf und ab, – Mara, ich fürchte, – er wird mich furchtbar stören bei der Arbeit, – wenn er länger bleibt, – nimmst du ihn mir dann ein bißchen – ab?«

»Gern, Peter, – so viel ich Zeit habe, – wo wohnt er denn?«

»Ach, er kann diese Nacht weiter meinen Divan bekommen, ich muß doch die halbe Nacht schreiben, – wie merkwürdig, daß er auch geschriftstellert hat, – das war doch gar nicht sein Talent, – gar nicht, – und als ob man schriftstellern nur so – faute de mieux könnte, – ich muß das ganze letzte Kapitel wieder umarbeiten, – was sagst du eigentlich dazu?«

»Ich fand es ganz folgerichtig. Peter, – was willst du daran ändern?«

»Es war nicht folgerichtig. – ich muß alles ändern. – Gute Nacht, Mara – auf morgen –.«



Am andern Morgen sehr früh meldete sich ein Dienstmann bei Mara mit einem Brief von Peter. Er bat sie dringend, baldmöglichst zu ihm zu kommen.

»Natürlich,« murmelte Mara, »es mußte ja etwas geschehen.« Sie brauchte kaum zu fragen – was.

Sie ging ins Atelier, wo vier Schülerinnen um ein Modell herum saßen und standen. Mara gab ihrer Lieblingsschülerin Oda Brente einen Wink, und diese erhob sich hastig und folgte Mara ins Wohnzimmer.

»Oda, – ich muß fortgehen und komme erst zur letzten Korrektur zwischen zwölf und eins wieder, – Sie passen auf alles, nicht wahr?«

»Aber gewiß, ich tue alles für Sie, das wissen Sie ja.«

»Ja, ich weiß. – Adieu – bald bin ich wieder da. Wann wollten Sie eigentlich verreisen?«

»Leider schon in ein paar Tagen, – meine Eltern denken, ich habe jetzt die Malerei gründlich und ein- für allemal erfaßt, nach einem halben Jahr, Fräulein von Doren, – was sagen Sie dazu? Es ist zum rasend werden.«

»Behalten Sie Ihre Wohnung?«

»Ja, das muß ich, – haben Sie einen Mieter für mich, für sechs Wochen?«

»Vielleicht – ich frage nur so, – adieu –«

Bald darauf stand Mara auf der Plattform der Elektrischen und fuhr in die Theresienstraße. Dort in einem stillen Hinterhause hatte Peter sein »Poetenloch«.

Sie klomm eilig die vielen Stiegen hinauf. Oben an der Entreetür steckte ein Zettel – – »bitte nicht klingeln«.

Sie klopfte leise an und hörte sofort drinnen eine Tür gehen. Dann stand Peter vor ihr. Sehr blaß und übernächtigt.

»Er schläft –« sagte er erregt, »wir können hier nicht sprechen, gut, daß du da bist!«

»Laß uns hier auf der Treppe sitzen,« gab sie flüsternd zurück, – »hat er sich ein Leids angetan?«

»Nein, wie kommst du darauf?«

»Ach, Gott sei Dank, daß es nicht ist, er war gestern so sonderbar – ich wußte nicht recht, was mit ihm war und habe mich nachher noch geängstigt, als ihr fort waret, – was fehlt ihm denn nun?«

»Gänzlicher Zusammenbruch! Absoluter Kladderadatsch, – erst redete er bis drei Uhr morgens und dann bekam er eine Ohnmacht, – stundenlang, sage ich dir, – es dauerte ewig, bis der Doktor kam, – der sagt, es ist ein Zustand völligster Erschöpfung, – endloser Unterernährung und so was, – na, nun wird ihm so sachte was eingeflößt, und er drusselt so hin, – der Doktor will wiederkommen, es ist eine heillose Geschichte, – ich dachte, Knud stürbe mir unter den Händen! Und so mager wie der Kerl ist! Haut und Knochen! Dabei kaum ein Stück Zeug mit, – 1,50 im Portemonnaie – das ist alles! Ich erkannte ihn vorgestern abend auch zuerst gar nicht wieder, aber so schlimm hatte ich mir die Geschichte doch nicht gedacht. Gott, was für Existenzen es gibt. – wenn man denkt, daß er seit Wochen nicht ordentlich ißt und überhaupt aus dem allerletzten Loch pfeift, Mara, – daß so ein Unglückswurm überhaupt noch am Leben hängt.«

»Hat er dir alles erzählt?«

»Alles, die ganze Nacht hat er geredet, – du, so'n verpfuschtes Leben! Der arme Kerl, und daß er gerade zufällig hier bei mir zusammenklappen muß.«

»Wie kannst du vom Zufall sprechen, Peter, – er sollte einfach noch bis zu dir gelangen – aber was machen wir nun mit ihm?« –

»Das ist es ja, warum ich dich bat, zu kommen, was machen wir mit ihm?«

»Natürlich hat er – niemand und nichts« –

»Genau so ist es, – niemand und nichts.«

»Aber wir sind da.«

Eine Pause entstand. Sie saßen neben einander auf der Treppe, Peter starrte vor sich hin. Mara sah ihn von der Seite an und dachte – wenn sie nun verheiratet wären, dann könnte ja Knud einfach bleiben. Als hätte er ihre Gedanken erraten, murmelte Peter: »Wäre dies ein halbes Jahr später passiert, dann hätten wir ja vielleicht das verdammte Geld schon und könnten – –«

»Ach was, Geld« unterbrach sie ihn schnell.

»Ja, das sagst du so; gestern sagtest du ›ach was, Menschen‹ – leider gibt es Menschen, ebenso gut, wie es Geld geben muß zum Leben auf dieser Erde, Krankenhaus ist viel zu teuer, das bringen wir nicht auf, Mara.«

»Ich habe ja die große Kammer hinter meinem Atelier, wo nur Bilder stehen, – da könnte er liegen, – ich will ihn schon mit durchfuttern, – der Mensch ist doch nicht weiter krank, sondern einfach verhungert.«

Peter blickte sie einen Augenblick fassungslos an. Dann legte er den Arm um sie und zog sie an sich. »Es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der ein wirklicher Mensch ist, und das bist du, Mara, kein anderer käme auf solche Gedanken –«

»Ach laß doch, Peter, – was ist denn da weiter dabei, – man hilft sich doch untereinander so gut man kann, – wir können ihn doch nicht auf die Straße setzen, – ich finde die Sache so furchtbar einfach, daß kaum ein Wort weiter darüber zu verlieren ist.«

»Natürlich – im Grunde hast du recht, – aber mal dir die Folgen aus – deine Wirtsleute erfahren, daß ein junger Mensch in deiner Wohnung liegt, – deine Schülerinnen – der Klatsch ist ja gar nicht auszudenken!«

»Still doch, Peter, brauch nicht so eklige Worte, während es sich um die Existenz eines Menschenlebens handelt – und wenn meine Wirte erfahren, daß ich einen Sterbenden aufgenommen habe –«

»Dann setzen sie dich vor die Tür.«

»Mein Gott,« sagte Mara und erhob ihre Stimme, »so laß sie das tun, dann gehen wir eben zu den ganz Armen im Nordviertel, wo nicht Sitte, sondern Menschlichkeit regiert, und wo man uns aufnehmen wird, weil wir hungern und frieren, einerlei, ob wir Mann oder Frau sind, – alle Unglücklichen helfen sich unter einander, das ist meine tiefste Lebenserfahrung.«

»Und diese Erfahrung soll Sie auch nicht täuschen, mein Fräulein,« sagte plötzlich eine Stimme unter ihnen, und um den Treppenabsatz herum kam ein wunderlicher, alter Mann.

Er schien sehr alt zu sein, hatte einen Zylinderhut auf dem Kopf und einen schwarzen Havelock um die Schultern geworfen.

Peter und Mara fuhren in die Höhe. »Ach, Herr Häberle,« sagte Peter dann erleichtert, – »mein neuester Stubennachbar, Musiker Häberle –« stellte er den Alten Mara vor.

Mara reichte ihm die Hand und sah in ein paar dunkle, traurige Augen.

»Ich bin alt,« sprach Häberle leise, »und ich kam langsam die Treppe herauf und habe gehört, – ihr wollt einen armen Freund unterbringen, Kinder, und habt kein Geld, und wißt nicht wo? Nicht wahr, so ist es?«

»So ist es,« antwortete Mara.

»Geld habe ich auch nicht, aber ich habe das ›wo‹ – ich habe mein altes Klavier schon längst in meine Schlafkammer genommen, Herr Rasmussen, weil ich – ungern Menschen – störe – mein Wohnzimmer ist sehr unbenutzt, da können wir den jungen Menschen einquartieren, und – futtern will ihn ja wohl das Fräulein, nicht wahr?«

»Famos!« rief Peter.

Mara nahm stumm die Hand des Alten und streichelte sie.

»Kommt, Kinder, seht euch meine Stube an, – ob sie euch gefällt.«

Peter öffnete vorsichtig die Korridortür, dann gingen sie auf den Zehenspitzen alle über einen weitläufigen Bodenraum und kamen an eine niedrige Tür, an der eine Visitenkarte befestigt war, mit dem Namen: Augustin Häberle, Musiker. Der Alte zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete, sie kamen in eine kleine Küche und dann in ein abgeschrägtes Zimmer mit einem Dachfenster. Ein großes, buntgeblümtes Sofa stand einsam an der Wand, sonst war das Zimmer fast leer.

»Sehen Sie,« sagte der Alte, »dies Sofa, – das gab mir den Gedanken, daß Ihr Freund darauf schlafen könnte, – denn ich brauche es nie, und man darf eigentlich so ein altes, treues Möbel nicht schlecht behandeln und vernachlässigen, obwohl es, wie ich – und alle – seine Jugend – gehabt hat.«

»Herr Häberle,« sagte Peter, – »wir haben aber wirklich – leider kein Geld – wir können Ihnen das Sofa nicht abmieten –.«

Häberle wandte sich um und blickte Mara an.

»Das brauchen Sie auch nicht, – ich habe genug zu leben und wüßte mit Geld nichts anzufangen, aber dies Zimmer steht einem Unglücklichen – frei.«

»Danke«, Mara sagte es leise.

»Also gut, wollen Sie mein anderes Zimmer auch noch sehen?«

Er öffnete ohne weiteres eine Tür und führte seine neuen Freunde in sein eigentliches Zimmer, das im Gegensatz zum ersten fast mit Sachen überfüllt war. Wunderliche, alte Sachen. In der Mitte ein Gardinenbett, die Wände bis zur Decke mit Bildern behangen, Kommoden, Stühle, Schränke, –

alles blitzsauber und blank und dann – etwas abseits, für sich, – das Klavier.

»Und hier wohnen Sie, ganz allein?« fragte Mara.

»Ja, ich und mein Klavier, wir zwei sind eins, und –« er machte eine Bewegung mit der Hand – »einen Dritten gibt's hier nicht mehr.«

Und da seine Zuhörer schwiegen, fuhr er geheimnisvoll fort: »Drei ist eine merkwürdige Zahl. Der Dritte ist immer – einer zu viel, – wenn man es nur erkennt.«

In diesem Augenblick kam eine ältliche Frau herein und sagte: »Herr Rasmussen, kommen Sie schnell, er schaut aus den Augen wie ein Spatz.«

Peter stürzte fort und Mara stand noch mit dem Alten.

»Herr Häberle,« sagte sie stockend, »Sie können doch kein Unglücklicher sein.«

»War es, Kind, war es, – wie ich das noch nicht verstand, was uns alle so verwirrt, – nun weiß ich alles und einmal werden Sie es auch wissen, – wenn Ihre Ablösung kommt.«

»O wie schön,« sagte Mara, »daß er hier, – zu Ihnen kommt.«

»Zu mir? das hat nichts auf sich, – aber seine Bedeutung wird dieser Tag schon haben, – wir müssen auch noch Decken und Betten für das Sofa haben. – Herr Rasmussen hat wohl keine übrig.«

Peter kam wieder herein, eine Matratze schleppend.

»Frau Krämer gibt diese Matratze,« rief er strahlend, »und Knud hat etwas Tee zu sich genommen, nur weiß ich nicht, ob wir ihn schon transportieren dürfen, – Mara, kannst du einige Betten geben?«

»Gewiß, ich gehe gleich alles besorgen, und wenn Herr Hansen sich nicht rühren darf, dann erlaubt Herr Häberle gewiß, daß du diese Nacht auf dem Sofa liegst, – zwei Nächte im Lehnstuhl –«

»Aber ich bitte dich, Mara, – auf mich kommt es jetzt – nicht an.«

»Dies Zimmer steht nun zu Ihrer Verfügung, mein Herr, – ich bin den ganzen Vormittag aus, habe Stunden zu geben, also bitte, lassen Sie den Doktor entscheiden, wo Ihr Kranker am besten liegt.«

»Dank, tausend Dank, Herr Häberle.«

Am Abend dieses Tages lag Knud Hansen auf dem geblümten Sofa des alten Häberle und blickte wie im Traum umher. Auf fast geheimnisvolle Weise hatte sich den Tag über das Zimmer mit Möbeln gefüllt. Die vom »untern Dach« in der Theresienstraße Nr. 60 hatten sich alle zusammengetan, und von Zeit zu Zeit öffnete sich Herrn Häberles Tür und irgend jemand kam und stellte einen Tisch, oder einen Stuhl, oder eine Flasche Wein, oder ein paar Apfelsinen, oder etwas Gebäck hinein.

Der große Bodenraum hatte allein sechs Bewohner, deren Namen auf kleinen Kärtchen an den Türen befestigt waren, Peter Rasmussens Tür lag der Häberles gegenüber, und jetzt am Abend kam auch von nebenan, aus der Tür, an der »Frida Arend« stand, ein kleines Mädchen heraus und brachte einen Blumentopf mit einer blühenden Nelke.

Es sah die Tür zu Häberle aufstehen und trippelte sacht hinein. Drüben lag ein Mann still und blaß auf dem Sofa und eine große dunkle Dame stand am Fenster und kochte irgend etwas auf dem schönen, knallblau angestrichenen Tisch.

Das Kind setzte erschrocken seine Blumen mitten auf den Fußboden und verschwand dann wieder. Als Mara sich umwandte, sah sie die leuchtend roten Blumen und die hellblauen Augen des Kranken, die sich mit Tränen gefüllt hatten. Er hatte den ganzen Tag noch kein Wort gesprochen, sondern vollständig apathisch alles mit sich geschehen lassen, – jetzt, als Mara neben ihm stand, wandte er den Kopf zur Wand.

»Sehen Sie,« sagte sie, »wie das Leben Sie grüßt, so leuchtend und schön, – nun genießen Sie etwas –«

Er sah sie ganz verstört an.

»Wo bin ich eigentlich –«, flüsterte er.

»Daheim,« sagte sie.

»Gibt es das – auf Erden?«

»Es gibt es überall, – wo wir Menschen finden – die von oben stammen, – wie Augustin Häberle und wie – mein Verlobter, – Ihr Freund –.«

»Wie merkwürdig,« murmelte er.

Sie setzte sich neben ihn, während er versuchte, etwas Suppe zu genießen.

»Das Merkwürdige ist,« sagte sie, »daß das Leben eigentlich viel schöner wird, wenn man keine irdische Heimat mehr hat, an der man in seiner Jugend doch so kindisch hängt.«

»Wie – so?«

»Ja, wenn man heimatlos ist, wie ich es auch bin, – dann bekommt man Heimweh nach der andern Welt – und das gibt einem solche Flügel für dies Leben, – man ist plötzlich nicht mehr so satt und seßhaft wie früher, sondern man ist wie auf der Reise – und wandert und wandert –«

»Und dann,« fragte er.

»Ja, dann begegnet man auf dem Wege plötzlich lauter Wandergenossen, die auch reisen, zur Heimat, und dann ist man schon ein wenig wie – daheim.«

»Und nun bin ich also daheim,« sagte er. Dann schloß er die Augen.

Mara verließ ihn leise und ging hinüber in das Zimmer ihres Verlobten. Er saß an seinem Schreibtisch und war vertieft in seine Arbeit.

Am Fenster standen Blumen, das war der einzige Luxus, den Peter sich erlaubte, der Divan diente zugleich als Bett, und außer einem großen Bücherregal und dem alten Lehnsessel waren sonst keine Möbel im Zimmer.

Die Wände waren mit Ölbildern bedeckt, meist Studien von Mara, – in der Mitte hing eine große Nordsee-Studie, – die nannte er seine »Muse«.

Mara legte die Hand auf seine Schulter.

»Du solltest nicht mehr arbeiten heute, – wollen wir zum Abendbrot ausgehen? Häberle sorgt für Knud.«

»Gleich, gleich, ich muß noch vier Seiten schreiben, dann komme ich, – in die Schellingstraße und dann als Spaziergang zurück in deine Wohnung, Mara – ich werde also Knud das Essen vorläufig aus der Osteria mitbringen und abends will die Wirtin ihn mit versorgen, aber ich hab doch einige Sorgen.«

»Hab keine – Oda hat mir heute mittag die ›Abendstunde‹ abgekauft für siebzig Mark – hier sind erst einmal fünfzig Mark für den Kranken, – aber natürlich sagst du nichts, laß ihn gute leichte Sachen essen, Peter, denke doch, wir sind noch täglich satt geworden und er hat gehungert, lange gehungert –.«

»Na Mara, als ob wir das nicht auch gekannt hätten –.«

Er sprang plötzlich auf und rief erregt:

»Herr Gott ja, – das Leben ist furchtbar! nichts wie Schinderei und Quälerei und kümmerliche Erfolge –, was soll eigentlich aus uns allen werden!«

»Peter, wenn man so arbeitet wie du, dann ist das Leben doch nicht furchtbar, – mehr wie ein Ziel und eine Hoffnung kann kein Mensch haben.«

»Ich komme nicht ans Ziel, nie – nie, – ich habe keine rechte Ruhe zum Arbeiten mehr.«

»Wie – so, keine Ruhe –?«

»Ach, schon lange nicht mehr, immer wollen andere Menschen etwas von mir, und nun ist Knud auch da und dann ist da –«

»Ja, das begreife ich, daß das schwer ist.«

»Das begreifst du? Du denkst doch nicht, daß ich meinen Entschluß, umzusatteln nach drei Jahren, bereue? Nein, nein, – aber alles stört mich jetzt, – ich komme nicht von der Stelle mit meiner Arbeit, es ist entsetzlich, – Mara – was soll aus uns werden?«

Sie hatte sich abgewandt. Jetzt kehrte sie ihm ihr stilles, ernstes Gesicht wieder zu: »Laß nur gut sein, Peter, es kommt ja alles so, wie es soll, – wir müssen nur mutig bleiben! Unser Leben ist ja, – so wie es ist – so schön und reich, die Menschen draußen denken, wir führen ein armseliges Hungerdasein wie auf einem Trümmerhaufen, und wir, wir wandeln doch unter lauter Blumen, – was ist nun Häberle wieder für ein Mensch –, welcher Reichtum strömt von ihm aus, – ach – ich – ich tauschte ja mit keinem anderen Menschen auf der Welt.«

»Du bist wie das Meer, Mara,« sagte er, »immer in neuer Schönheit, und –« ihre Hand lag auf seinem Mund.

»Komm, laß uns gehen und Pläne machen für die nächsten Wochen, wie wir Arbeit für Knud Hansen finden.«

»Arbeiten wird er noch lange nicht können, wir müssen ihn erst so bei uns behalten.«

»Natürlich, ich meinte nur später.«

»Ja, nun sind wir also drei,« sagte Peter Rasmussen mit einem Seufzer und griff nach seinem Hut.

Mara sah ihn starr an.

»Was hast du, Mara?«

»Ich dachte an die Worte des Alten vom Dritten, – so merkwürdig, nicht wahr?«

»Ja, sehr merkwürdig,« wiederholte Peter.  



Knud Hansen lag mehrere Wochen krank in Herrn Häberles Zimmer. Er lag und sah mit Augen um sich, die nicht lachten und nicht weinten, in denen nur eine grenzenlose Müdigkeit und manchmal ein unbegreifliches Erstaunen lag.

Er ließ sich pflegen und füttern, wie ein Kind, er war ja auch so matt, daß er kaum die Hand heben konnte, und wie ein vor langen Jahren geträumter Traum war ihm jener Abend in der Erinnerung, als er Mara zum erstenmal sah. Seitdem war er in tiefe Nacht versunken; dann hatten freundliche Wellen ihn wieder an irgend ein Ufer gespült, und an diesem Ufer stand eine Gestalt, und das war Mara. Er sah sie jeden Tag. Sie kam des Abends, er kannte so genau ihren Schritt.

Erst ging die Treppentür. Dann ging sie gegenüber zu Peter hinein. Und dann nach einer Weile kam sie zu ihm. Sie trug immer denselben leichten Lodenhut und das grüne Cape. Am Arm trug sie einen Korb.

Sie kam auf ihn zu und gab ihm die Hand, fest und kameradschaftlich. Sie hatte so schöne Hände. Schmal und lang und doch so fest.

Ihr Gesicht war gewöhnlich blaß, aber die Augen hatten immer einen Glanz.

»Vom Meer,« sagte Peter, »sie ist am Meer geboren.«

Sie sagte ihm ein paar freundliche Worte, und dann ging sie mit dem Korb an den großen blauen Tisch und fing an zu kochen, – irgend eine gute, starke Suppe und irgend ein schönes Gemüse hatte sie immer für ihn.

Und seine Augen folgten jeder ihrer Bewegungen. Wenn es dann recht schön duftete, nach Butter und Mehl, dann ging gewöhnlich die Tür auf und Peter kam herein. Und dann rückten sie noch einen Tisch an sein Lager und dann aßen sie zusammen. Gewöhnlich schweigend.

Denn Mara und Peter hatten des Tages Last und Hitze hinter sich, und Knud Hansen mochte nicht sprechen.

Alles, was er zu erzählen hatte von seinem vergeudeten Leben und von seiner Hoffnungslosigkeit für die Zukunft, das hatte er längst Mara alles erzählt, in den ersten Tagen, als sie ihn pflegte, aber dann bekam er Fieber und durfte überhaupt nicht mehr reden.

Und nun mochte er nicht mehr.

Peter – der wußte ja auch alles, und Peter – der war so gut, so engelhaft gut, den mochte er schon gar nicht belasten mit all dem Schmutzigen und Gemeinen, was sich bei solch einem Vagabundenleben, wie er es geführt hatte, – so alles anhäuft.

Peters Lebensschiff glitt so ruhig und selbstverständlich – an allen Klippen vorbei, Peter haßte alles Böse, darum liebte Mara ihn auch so. Und darum liebte er ihn auch so. Peter –! Das war so der letzte und beste Gedanke von allen Gedanken, die da kamen und gingen – Peter war sein Rettungsanker. Peter war ein merkwürdiger Mensch. Ja, dieser Mensch hatte zum Beispiel seine Musik aufgegeben, ohne ein Wort darüber zu verlieren! Und dabei hatte er schon als Kind komponiert, – hatte sein ganzes Leben auf Musik eingerichtet, und dann plötzlich, vor drei Jahren, alles aufgegeben und ein neues angefangen. Das war Heldengröße, oder was war es sonst? Was hatte ihn denn dazu getrieben? Seine Liebe zu Mara. Ach, es war ja klar, wenn er Mara heiraten wollte, dann mußte er Geld verdienen, viel Geld. Und mit Schreiben wollte er es schaffen. Merkwürdig, wie verschlossen Peter doch war, das heißt, Mara, die kannte ihn wohl ganz. Jeden Abend brachte Peter seine Braut nach Hause. Das war die einzige Erfrischung, die der fleißige Mensch sich gönnte. Und dann kam für ihn, Knud, noch eine ganz sonderbare, paradiesische Stunde. Dann kam nämlich der alte Häberle herein, erkundigte sich vorsichtig, ob Rasmussen fort wäre, denn die Musik stört ihn, sagte er, er wäre einmal zu ihm herüber gegangen und hätte ihn gefragt, ob ihn das Spielen störte, und da hätte der Mensch gesessen und geweint, und darum spielte er nur, wenn Peter fort war. Das alte Klavier hatte einen schönen, feinen Ton, und unter Häberles Fingern entströmten Harfenklänge und Flötenstimmen dem Instrument, und Knud Hansen lag und lauschte und vergaß sein Elend und seine Not und wußte nicht, ob er lebte oder längst gestorben war, sondern träumte sich in seine Heimat an die Nordsee zurück und hörte den Gesang des Meeres und ließ seine Seele als Möwe über den Wellen und mit den Wellen schweben und gleiten und sah auf der einsamen Insel zwei Menschen gehen, das waren Peter und Mara. Aber er sah auch eine dritte Gestalt mit ihnen gehen, die er nicht kannte.

Und dann schlief er ein und träumte, bis zum nächsten Tag – bis Peter kam und ihm seinen Kaffee brachte und für ihn sorgte wie eine Mutter – ja und dann kamen endlich die Tage, wo er wieder herumging, wo er aus dem Traum und Paradiesesdasein ganz erwachte und wieder anfing zu leben und Menschen aufzusuchen und Beziehungen anzuknüpfen, und dann kam es ganz von selbst, daß er des Nachmittags zwischen vier und fünf bei Mara vorsprach. Sie gab dann noch Unterricht, aber er saß in ihrem kleinen Wohnzimmer, rauchte Zigaretten und holte sich von ihrem Bücherregal irgend ein Buch und las, und manchmal kam sie dann herein und sie sprachen über das, was er las, und sie tranken etwas Tee zusammen. Manchmal kam auch Oda, und dann sprachen sie viel von der Heimat. Oda war auch eine Schleswig-Holsteinerin, das Gut ihrer Eltern grenzte an Maras Heimat, und Knud Hansen und Peter Rasmussen stammten beide aus Husum. Eines Tages saß Knud wieder bei Mara, da sagte er plötzlich: »Es ist doch eigentlich Blödsinn, daß ich nicht gestorben bin.«

Über Maras Stirn ging ein Schatten.

Das kannte er so gut bei ihr, – wie Wolkenschatten auf dem Meer. Sie schüttelte den Kopf.

Aber ehe sie etwas sagte, fuhr er rasch fort: »Nun sagen Sie, bitte, keinen Gemeinplatz – so wie ›das Leben liegt vor Ihnen‹ oder ›es kann noch alles gut werden‹ – Sie kennen mich nicht, wenn Sie so denken; dazu bin ich schon zu oft am Abgrund gewesen, – jedesmal hat man mich gerettet, und doch plumpse ich jedes neue Mal wieder hinein, – also, was ist da zu machen?«

Er saß dicht vor ihr, hatte die Hände um die hochgezogenen Beine verschlungen und blickte sie mit seinen hellblauen Augen starr an. Sie sagte:

»Wenn Sie nur einmal auf die Idee kämen, anderen Leuten helfen zu wollen, anstatt es immer so weit kommen zu lassen, daß Ihnen geholfen werden muß.«

Knud sprang auf.

Sein mageres Gesicht war wie mit Glut übergossen. Eine ganze Weile schwieg er. Dann zuckte er die Achseln und setzte sich wieder.

Er lachte leise.

»Ich – anderen helfen? Sehn Sie, ich habe eben Pech, daß ich immer unter so vortreffliche Menschen gerate. Wem sollte ich da helfen? Und da sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Denken Sie – Häberle? Häberle ist ein Kind Gottes, ein Heiliger beinah – soll ich Peter helfen? oder Ihnen –?

» Er brach plötzlich ab.

»Helfen könnten Sie uns allen,« antwortete sie ruhig, »man hilft doch niemals durch das, was man tut, sondern nur durch das, was man ist.«

»Ach so,« gab er trocken zurück.

Dann schwiegen sie beide.

Mara hatte eine Arbeit vorgenommen.

»Wie gefällt Ihnen Peters Roman?« fragte sie plötzlich, ohne aufzusehen.

»Sehr gut,« sagte er.

»Ist das – alles?«

»Alles? Fräulein von Doren, das ist doch wahrhaftig sehr viel, Sie, die Sie so biblisch sind, wissen, daß es das höchste Prädikat ist, das der Schöpfer seinem Werk gab, – übrigens sage ich Peter immer, er müßte mit seinem Dings – an die See gehen und es da fertig machen, – so ein bißchen Salz- und Seeluft – scheint mir, fehlt dem Hallig-Roman noch, und das ist doch wohl eigentlich –«

»Die Hauptsache,« fiel sie ein.

»Ja wohl, aber was machen wir armen Teufel nun in so einem Fall, sehnen uns nach dem Meer und sitzen in München fünf Treppen hoch.«

Mara stand auf.

Ihr Gesicht bekam einen ganz dunklen, leidenschaftlichen Ausdruck.

»Ich muß es Peter verschaffen, ich muß!«

Knud Hansen stand auch auf. »Dann werde ich hingehen und irgend einen reichen Menschen totschlagen und Peter an die Nordsee schleppen, und dann müssen Sie auch mitkommen, denn ans Meer gehören Sie doch eigentlich hin.«

»Ich? Warum?«

»In Ihren Augen ist das Meer.«

»Ach, lassen Sie das, Herr Hansen, Sie sind auch ein Seevogel, wenn Sie wollen.«

»Bin ich auch, und heimatlos und elternlos – das sind wir alle drei – unsere Mutter ist die Nordsee – wir müssen zu ihr gehen und sie um Rat fragen, was wir mit diesem trostlosen Leben anfangen. Adieu, Fräulein Mara, – ich will einmal wieder – mein Heil versuchen.«

Er lachte auf und verließ sie plötzlich.

Mara blieb allein und dachte über den seltsamen Menschen nach. Er hatte so viel Gutes, so viele Möglichkeiten und Gaben, er hätte gewiß spielend sein Glück im Leben machen können und trieb sich herum wie ein steuerloses Schiff und lehnte es lächelnd ab, glücklich zu werden, und sie und Peter, beide so ernsthaft und schwerfällig, mühten sich so ab und kamen doch nie zum Ziel, nie! Das Leben kam ihr jetzt manchmal so entsetzlich lang und zwecklos vor.

Vielleicht hatte ja Knud Hansens Dazwischenkunft etwas zu bedeuten. Sie wurde aus seinem Verhältnis zu Peter nicht klug. Peter stand ganz unter seinem Einfluß seit einiger Zeit, und sie wußte noch nicht, war es zum Guten oder Bösen, – sie konnte sich Peters furchtbare Erregtheit nicht recht erklären, sie fühlte nur irgend einen Wendepunkt in ihrer aller Leben, aber wo? und wie?

Peter kam diesen Abend nicht zu ihr, dafür ertönte sein dreimaliges Klingeln früh am anderen Morgen an ihrer Tür.

»Mara,« sagte er, »ich habe eine Nachricht – eine schöne –.«

»Komm hier herein,« bat sie, die Tür zum Atelier schließend und ihn in ihr Wohnstübchen ziehend.

Er faßte ihre beiden Hände.

»Denk dir,« sagte er rasch und leise sprechend, »Knud hat plötzlich Geld bekommen, und er will, daß wir davon an die Nordsee gehn, nach Hölup oder St. Peter oder Nordstrand. – was sagst du nun?«

»O, wie schön!« rief sie aus. Sie legte einen Augenblick ihren Kopf an seine Schulter. »Aber, wie kam das nur?« fragte sie dann, eben so erregt wie er.

»Ja – Mara, das ist nun so eine Sache, – ich kann nichts dabei tun, er war gestern abend so frisch, und wie gingen noch zu Berger zusammen und –«

»O,« sagte Mara nur, »ihr habt gespielt.«

Sie ließ seine Hand los.

»Pfui,« sagte sie, »wie häßlich ist dies und wie schade.«

Peters Gesicht verfinsterte sich. »Wir verstehen uns jetzt gar nicht mehr – ich habe nicht gespielt,« sagte er ärgerlich, – »daß die andern es taten, ist mir gleichgültig, ich ging um zehn Uhr nach Hause, um zwei kam Knud und hatte Willi Cohn tausend Mark abgenommen.«

Mara antwortete nicht und Peter ging ans Fenster und sah verbittert hinaus.

»So'n Dusel,« sagte er, »ist es nun nicht Blödsinn von uns, daß wir uns so schinden, und so einem leichtsinnigen Vogel fällt alles in den Schoß, aber – Mara, wenn du gesehen hättest, wie rührend er war, – er warf mir die Scheine aufs Bett und sagte: ›Da, mein alter Kerl – für mich ist der Mammon nichts, fang du etwas Ordentliches damit an.‹ und dann kam der Reiseplan, er wird dort malen und ich schreiben und schließlich Mara – schließlich – freuen wir uns eigentlich wie die Kinder darauf.«

Er kam wieder zu ihr und sah sie ordentlich bittend an.

»Wann wollt ihr denn fort?« fragte sie.

»Sobald wie möglich, – für seine Gesundheit ist es ja auch prachtvoll, jetzt im Juni, und er will mir auch bei meiner Arbeit helfen, er will kopieren und korrigieren so viel als nötig ist. – Mara, vielleicht gelingt es mir, noch einen ganz ordentlichen Menschen aus ihm zu machen, da in der Einsamkeit, – er ist doch ein lieber, unwiderstehlicher Kerl! Wir sind uns in dieser Zeit wieder so nah gekommen.«

»Wie lange wollt ihr bleiben?« fragte Mara.

»So lange, wie's Geld reicht, – weißt du, so zwei fahrende Leute wie wir brauchen nicht viel.«

»Peter!« sagte sie plötzlich und legte beide Arme um seinen Hals.

Er sah sie fragend an.

»Ach nein,« sagte sie rasch. »sieh mich nicht so vorwurfsvoll an, aber ich habe ein Gefühl, als ob dies unrechtmäßig erworbene Geld uns Unglück bringen wird, mußt du es denn von ihm annehmen?«

»Du brauchst starke Ausdrücke Mara, – so groß ist die Sünde doch nicht, und warum soll ich es nicht von meinem besten Freund annehmen?«

»Ist er denn das?« fragte Mara.

»Ja, das ist er, – hast du irgend etwas gegen ihn?«

»Nichts, nichts, – es beunruhigt mich nur alles etwas und ich dachte – er würde nun bald fortgehen, – zu helfen ist solchem Menschen ja doch nicht.«

»Das sagst du! Hast du ihn denn nicht auch gern? Er ist doch nicht unbescheiden gegen dich geworden irgendwie?«

»O nein, – wie kannst du denken, ich hab ihn auch gern, er kann so etwas Kindliches haben, – hilf ihm zum Arbeiten, Peter, laß ihn wieder anfangen zu malen oder für Zeitungen zu schreiben, sonst nimmt er dich den ganzen Tag für sich in Anspruch, wie jetzt – ich weiß es wohl, du bist wenig zum Arbeiten gekommen, du hast an seinem Bett gesessen und ihr habt philosophiert, und an der See werdet ihr am Strand liegen und die Zeit, die furchtbar knappe Zeit versäumen.«

Peter schwieg.

Nach einer Weile sagte er zögernd: »Wie wäre es denn, wenn du mitkämst –?«

»Ich? ich habe kein Reisegeld und ich – Peter« – sie lehnte sich wieder an ihn – ich bin auch lieber zu zwein, wie zu drein –.«

Peter schloß die Arme um sie.

»Wir zwei sind ja unzertrennlich, Mara, – ich begreife dich nicht recht, du bist so sonderbar, ist irgend etwas vorgefallen zwischen dir und Knud? Nein – sagst du, gut –, dann gönne mir doch dies bißchen Freiheit einmal – sieh mal – ich fand unsere Kameradschaft zu dritt so wunderschön die letzten Wochen, und ich habe das heilige Gefühl, daß ich Knud nicht loslassen darf jetzt, sondern ihn halten muß, er soll nun wieder malen, – ich glaube nicht, daß Schreiben gerade sein Talent ist, trotzdem er drüben manchmal damit Glück gehabt hat, wie er sagte – aber wenn er erst wieder ordentlich malt, dann kriege ich auch wieder Ruhe zum Schreiben, und nun adieu, heut abend in der Osteria? Kommst du?«

»Ja, – ich werde kommen, natürlich, – lebe wohl, meine Schülerinnen warten auch.«

– Sie kam um sieben Uhr ins Restaurant und traf an dem gewohnten Platz Knud Hansen allein an.

»Peter wird sofort kommen,« begrüßte er sie ernst.

Und als sie sich stumm setzte, sagte er leise: »Sind Sie böse?«

Sie wollte ja sagen und konnte nicht recht. Er sah sie so seltsam traurig an.

»Wissen Sie,« fuhr er fort, – »Sie wissen natürlich längst, daß Peter einfach fest sitzt mit seinem Roman – wenn nicht irgend etwas geschieht, was die Sache lebensfähig macht, – also wollen wir doch – Willi Cohns überflüssigen Mammon zu dieser Auffrischung benutzen, – da kommt er übrigens –«

Peter drängte sich eilig durch die Menge.

»Wartet ihr schon lange? Nicht, schön, – hast du es Mara schon erzählt?«

»Was denn?« fragte Mara.

»Wir wollen morgen schon fort reisen, Liebste, dies ist unser kleines Abschiedsfest, und in vier Wochen sind wir frisch und mit Erfolg beladen wieder da.«

Mara antwortete nicht.

Knud hatte eine Flasche Wein bestellt und schenkte ein.

 »Kinder,« sagte er dann plötzlich erregt, »gönnt es mir doch, daß ich euch diese Reise verschaffe, nachdem ihr mir das Leben gerettet habt.«

»Mara geht nicht mit,« sagte Peter.

Knud setzte sein Glas wieder auf den Tisch.

»Aber das ist doch nicht möglich!« rief er aus.

»Das konnten Sie doch unmöglich denken, daß ich mitgehen würde,« sprach jetzt Mara rasch und leise, »ich habe jetzt keine Reisemittel und außerdem absolut keine Zeit.«

»Ich sagte es dir ja gleich, Knud,« fiel Peter ein.

Mara streifte ihren Verlobten mit einem erstaunten Blick.

Ein beklommenes Schweigen herrschte.

Knud trank langsam seinen Wein aus. Dann sagte er in seiner alten, leichten Weise: »Nun, ich dachte, unter Kameraden wäre Nebensache, wer nun gerade das Reisegeld hätte, – ich dachte bisher, Sie teilten diesen menschlichen Standpunkt, gnädiges Fräulein, – verzeihen Sie meine Unverschämtheit also und erlauben Sie mir jetzt, auf Ihr Wohl zu trinken, und auf deines, Peter, – – auf eure Zukunft.«

»Prosit Knud, – Mara ist nicht böse, nein – siehst du wohl, es geht nur jetzt nicht, ja die Zukunft, – sie muß die Entscheidung bringen.«

»Für euch wenigstens, – für mich –«

»Doch, für Sie auch,« fiel Mara ein, »Sie müssen das Glück erzwingen, – nicht erspielen, das ist so – ekelhaft, ich kann mir nicht helfen.«

Knud sah sie mit brennenden Augen an. »Ja, auf welche Weise soll man denn das große Los erjagen?«

»Peter sagt, Sie wollen wieder malen, – benutzen Sie die Zeit an der See nur ordentlich, oder schreiben Sie eine flotte Skizze – beteiligen Sie sich doch auch noch an der großen Konkurrenz, – Herr Hansen, – es sind ja die verschiedensten Preise ausgesetzt!«

Peter und Knud blickten Mara ganz starr an.

Mara geriet plötzlich in Eifer.

»O, dann können Sie zusammen arbeiten und sich gegenseitig anregen und ermuntern, – wie schön wäre das.«

»Famos,« sagte Peter.

Seine Stimme klang sonderbar und hart.

Knud starrte immer noch Mara an. Dann goß er sein Weinglas wieder voll.

»Trinken wir noch eins auf diesen Gedanken.« sagte er leichthin. »Gedanken – kosten ja nichts. – ich bin kein Schriftsteller, so viel ich weiß, nicht wahr, Peter? Das sagst du ja auch, ich fahre bloß mit, um Peter Gesellschaft zu leisten und das Meer – anzubeten – und meine zerrüttete Gesundheit zu stärken. Peter, prosit – ich trinke auf deine Arbeit!«

Peter stürzte auch seinen Wein hinunter, und dann saßen sie alle wieder still.

Das kleine Restaurant war an diesem Abend gedrängt voll, Stimmengewirr erschallte, Tabakswolken erfüllten die Luft, und Mara kam es vor, als sähe sie ihre beiden Freunde auch nur noch durch einen Nebel. Sie sah Peter sitzen, den Kopf hinten über geworfen, das dunkle, weiche Haar von der Stirn zurückgestrichen. Die Stirn liebte sie so besonders mit den breiten Knochen, wo die »zurückgedrängte« Musik saß – – er starrte in den Rauch seiner Zigarre, die er zwischen den Lippen hielt, er hatte die Arme über der Brust verschränkt und kam ihr so fremd und so weit – weit ab vor plötzlich.

Dagegen fühlte sie die Nähe des anderen intensiv, trotzdem seine hellen, unruhigen Augen über die Menge glitten und fort von ihr. – In der Ferne erklang Musik, und Mara spielte mit ein paar verwelkenden Blumen, die auf dem Tisch lagen. Wo kamen sie eigentlich her? Wer hatte sie neben ihren Teller gelegt?

»Es wird spät,« sagte sie endlich, »ich möchte nach Hause.«

Sie erhoben sich alle drei und gingen hinaus. Vor der Tür verabschiedete sich Knud Hansen. »Sie kommen uns ja doch nachgereist,« sagte er lachend zu Mara, »soll ich Ihr Meer grüßen und eine Meeressymphonie auf Sie komponieren?«

»Adieu, Herr Hansen,« erwiderte sie, »und alles Gute –«

Sie gab ihm die Hand. Er küßte sie. »Dank – für alles – –« murmelte er.

Dann nahm sie Peters Arm, und sie gingen fort. Sie gingen ganz stumm.

»Also morgen,« sagte Mara, als sie endlich vor ihrer Haustür standen, »und wann?«

»Morgens um 8.30,« antwortete Peter.

Sie standen sich gegenüber und blickten sich an.

»Wir wollen uns den Abschied nicht schwer machen,« sagte sie, »wir haben uns ja schon oft trennen müssen, – aber es ist komisch, – diesmal wird es mir so schwer, Peter, – was ist das nur?«

»Ich habe auch Vorahnungen,« antwortete er, »aber es ist doch wohl kindisch, auf so etwas zu achten –«

»Im Gegenteil,« rief sie angstvoll, »Vorahnungen sind Warnungen, bitte, reise nicht, wenn du gewarnt wirst.«

Peter blickte sie unsicher an.

»Doch,« sagte er dann, »ich muß reisen, – ich will und muß mein Werk zu Ende bringen, Mara, störe mich nicht darin! Knud wäre sehr töricht, wenn er sich aufs Schreiben legen wollte, statt aufs Malen, – wie kamst du nur auf diesen Gedanken!«

»Ich denke es mir so interessant, zusammen zu arbeiten, und er hat doch drüben oft Skizzen geschrieben, sagt er.«

»Ach – er ist ein Allerweltskerl – ich glaube, es ist gut, daß er mit mir fortgeht. Was meinst du?«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Ich meine, – er wird hier sonst – im Handumdrehen wieder leichtsinnig –«

»Ach so, du meinst das mit Cohn und Konsorten, ja, Peter, da hast du recht, – sorge für ihn, ich bitte dich – er tut mir so furchtbar leid – er ist doch – grenzenlos verlassen.«

»Gewiß, ich werde für ihn sorgen. Gute Nacht, Mara, heute noch einmal auf morgen! und dann –«

»Still, Peter, sprich nicht mehr, – ich komme morgen auf die Bahn – gute Nacht.« –

Am andern Morgen stand Mara auf dem Zentralbahnhof und sah die beiden Freunde am Fenster des Coupées stehen.

Sie schienen beide froh und im Reisefieber zu sein, und als der Zug fort war, blieb Mara noch eine ganze Weile stehen und dachte: »Jetzt reisen sie beide fort, für immer.«

Dann ging sie langsam nach Hause und arbeitete den ganzen Tag fleißig. Aber am Abend war ihr so sonderbar zumut, und schließlich ging sie in die Theresienstraße. Sie hatte den Schlüssel zu Peters Wohnung und sie ging hinein und räumte noch etwas bei ihm auf. Er war fort. – Ein törichtes Weinen wollte in ihrer Kehle aufsteigen, und eine ganz unerklärliche Angst legte sich auf ihr Herz, als sie so seine Sachen weglegte, als wäre er gestorben, sie konnte sich dies Gefühl gar nicht erklären, sie verließ die Stube schnell und klopfte noch bei Häberle an.

Der Alte schlurfte in seinem Zimmer herum und räumte Knud Hansens Nachlassenschaft auf.

»Gut, daß du kommst, Kind,« sagte er, »mir war so allein ohne die Jungens, – es sind gute Jungens, Kind, beide, ich habe sie wohl kennen gelernt, aber der eine muß in die Höhe und der andere in die Tiefe, – du wirst mich verstehen und du mußt aushalten, Kind, – auf dem Posten bleiben, bis deine Ablösung kommt! Das ist alles, was wir tun können.«

Mara saß auf dem verlassenen Sofa von Knud Hansen. Sie hörte nicht recht, was der Alte sagte, es war alles so sonderbar.

Der Alte ging hin und her. »Laß gut sein,« sagte er, »man muß solche Trennungen nicht schwer nehmen, die sind noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, wenn man auf ein falsches Geleise kommt und sich von sich selbst – trennt. Dann erst ist man wirklich allein im Leben. Aber wir wissen so wenig. Einmal ist auch deine Zeit um, und dann wirst du wissen, was du tun sollst, und nun willst du ein bißchen Musik haben, nicht wahr? Ich weiß schon, und dann will ich dir noch etwas sagen, Kind, heute abend, – laß die Jungens lange fort bleiben, lange, – es ist besser, und fahre du einmal diesen Sommer zu deiner alten Großmutter, von der du mir erzähltest, und sieh einmal wieder, was deine Leute machen da oben im Norden. Du hast etwas Luft aus deiner alten Sphäre nötig, wenn du Kraft behalten willst für dein ›Postenstehen‹. – es ist nicht gut, immer nur in einer bestimmten Sphäre zu leben – die Flügel schrumpfen ein, hörst du, was ich sage?«

»Ja. Vater Häberle,« sagte Mara leise.

Der Alte trippelte hin und her und dann ging er an sein Klavier, und durch die heiße, stille Sommernacht erklang Beethovens Mondscheinsonate von Meisterhänden gespielt.



An der Westküste Schleswig-Holsteins lag das kleine Stammgut der Dorens. Die Dorens saßen seit Hunderten von Jahren darauf, und viele wechselnden Besitzer hatten in guten und bösen Zeiten darauf gelebt. Zuletzt hatte Maras Vater, der etwas aus der Art geschlagen war, wie die Dorens behaupteten – das Gut ziemlich herunter gewirtschaftet, sein früher Tod wurde daher in der Familie als eine Art gütiges Geschick betrachtet und ein jüngerer Bruder brachte den Besitz wieder in die Höhe. Mara war nach dem Tode ihrer Eltern bei der alten Großmutter Doren, die ein Witwenhaus in der Nähe des alten Hofes bewohnte, erzogen worden. Verschiedene Gouvernanten wechselten sich ab, keine wußte recht etwas mit dem stillen, verschlossenen Mädchen anzufangen, mit vierzehn Jahren kam sie in eine Pension nach Hamburg, und als sie von dort zurückkehrte, erklärte sie voller Ruhe, daß sie Malerin werden wollte und in München studieren. Obwohl ihr dieser Wunsch erst schroff abgelehnt wurde, beharrte sie mit eiserner Entschlossenheit dabei und setzte endlich nach hartem Kampf ihre ›Künstlerlaufbahn‹ durch.

Die Dorens hatten Familienrat gehalten, das große, ernsthafte Mädchen war ihnen in Bucheneck recht unbequem geworden, wenn sie auch gar keine Ansprüche auf das Gut hatte, so ging sie doch wie der leibhaftige Schatten ihres Vaters dort herum, und es war ja nicht so übel, wenn sie etwas unternehmen wollte, da sie doch gewiß niemals heiraten würde, schließlich fand man den Gedanken, daß sie sich auf eigene Füße stellen wollte, ganz in der Ordnung. Ihre Hamburger Lehrer behaupteten, daß sie Maltalent hätte, in München lebten weitläufige Dorensche Verwandte, und so kam sie denn mit einundzwanzig Jahren, als sie mündig war und auf ihr kleines Vermögen Anspruch erheben konnte, nach München in eine solide Pension und fing ihr Studium ganz regelrecht und ordentlich an.

Sie war sehr fleißig und kam gut vorwärts, trotzdem herrschte große Familienempörung, als sie nach einigen Jahren noch keine größere Gemälde verkaufte, nur so kleinere Zwanzigmark-Gegenstände manchmal, aber Onkel Ludwig hatte dann einmal mit einem anerkannten Maler in Hamburg gesprochen und der sagte etwas von »Berechtigung zu den schönsten Hoffnungen«, und das war doch so viel wie das Attest eines Arztes, und die Familie bemächtigte sich dieser schönen Hoffnungen mit großem Ernst.

Und dann kam das traurige, schreckliche Erlebnis in Maras Leben, – der dunkle Punkt.

Sie war auf Ferien zu Hause bei der Großmutter und dann kam eines Tages ein langer, dunkelhaariger Jüngling angereist und stellte sich als Pianist Peter Rasmussen vor, und nicht nur das, sondern er – entpuppte sich ganz einfach als Maras Bräutigam. Die Sache war äußerst peinlich und versetzte die ganze Familie Doren in die allergrößte Aufregung. Etwas Ähnliches war in der Familie noch nicht vorgekommen. Man konnte aber, so viel man wollte, mit Mara reden – – sie sagte ganz ruhig, sie und Peter hätten sich kennen und lieben gelernt und hätten sich eben verlobt. Und es nützte auch nichts, daß man beiden sagte: an Heiraten sei doch überhaupt nicht zu denken – was sie eigentlich wollten – dann erklärten sie seelenruhig – sie dächten auch vorläufig gar nicht daran, sondern wollten sich erst etwas verdienen und sich ganz selbständig machen und dann heiraten. Auf das »ganz« legten sie besonderen Nachdruck.

So war weiter nichts zu machen, als daß man Mara eben in Ungnade fallen ließ, Peter den Aufenthalt in Bucheneck untersagte und hoffte, die Sache würde auf irgend eine Weise wieder ins Reine kommen. Der dunkelhaarige Pianist mußte den Dorfkrug, wo er sich, sehr unpassenderweise, einquartiert hatte, schleunigst wieder verlassen und reiste nach Berlin zurück, wo er Musik studierte, und anstatt in Tränen der Verzweiflung und Reue auszubrechen, packte Mara still ihre Koffer und reiste wieder nach München. Das kleine Vermögen, das sie von ihrer Mutter ererbt hatte, konnte man ihr nicht entziehen, und da sie erklärte, wundervoll damit auszukommen, besonders da sie zehn Schülerinnen habe, so mußte man sie ziehen lassen.

Trotzdem ließ Großmutter Doren sie zum Weihnachtsfest wiederkommen, aber Peters Name durfte nicht genannt werden.

Die Sache wurde aber immer schlimmer, denn Peter und Mara ließen nicht von einander, und nach ihrer Rückkehr schrieb Mara ihnen eines Tages, Peter sei nun auch nach München übergesiedelt, er habe die Musik aufgesteckt und sei Schriftsteller geworden. Sicher würde er damit bald sein Glück machen und sie bliebe ihm bis zum Tode treu. Hierauf antwortete die Familie mit der Drohung völliger Lossagung von ihr, wenn sie die Verlobung nicht aufgebe und wenigstens von München fortzöge. Aber Mara blieb in München, und so gab die Familie sie auf.

Nun war sie dreißig Jahre alt und war seit fünf Jahren nicht zu Hause gewesen, und die alte Großmutter Doren nannte den Namen ihrer Enkelin seit zwei Jahren nicht mehr, – da kam eines Tages vom Nachbargut die junge Malerin Oda Brente nach Bucheneck auf Besuch, und die sprach den ganzen Tag nichts anderes als Mara und immer wieder Mara und daß Mara jetzt so allein in München sei und so blaß und mager, und die Brentes wollten sie einladen und sie müßte kommen, Oda würde sie mit Gewalt holen. Die alte Großmutter sagte nichts dazu, aber sie hielt sich noch gerader wie zuvor und war gegen Fräulein Brente sehr kühl. Am Abend schickte sie ihre alte Trine zum Herrenhaus hinunter und ließ ihren Sohn zu sich bitten. Ludwig Doren, groß und breit, sehr wohl gepflegt, trat pünktlich um halb neun Uhr bei ihr ein, und nach einigen Berichten über den Stand der Saaten, die Wetteraussichten und Politik sagte Frau von Doren plötzlich:

»Ich fände es einfach unpassend, wenn – Marie Agnes – jetzt, nach allem, was vorgefallen ist, zu den Brentes ginge – Ludwig.«

Ludwig war erst sprachlos.

»Ist denn davon die Rede, Mama?«

»Nun, diese kleine Person, die heute bei euch war und mich auch besuchte, – sprach nichts anderes, und – Marie Agnes – wäre imstande, uns diesen Affront zu bieten, was meinst du, daß man tut? Soll – ich – –, – es noch ein einziges Mal versuchen, sie hierher einzuladen in Anbetracht meiner sechsundsiebzig Jahre –?«

»Ja. Mama, das wäre zweifelsohne das beste!« antwortete Ludwig erleichtert, »denn sieh mal – wir können es unserer Töchter wegen doch wirklich nicht gut, – sie sind schon von all den modernen Ideen angesteckt, aber ein Leben, wie Mara es seit einigen Jahren führt, – das finde ich, brauchen sie nicht erst so genau zu ergründen, ich fürchte nur, du bekommst den gewohnten Korb von Marie Agnes.«

Die Großmutter runzelte die Stirn.

»Der Mensch – soll ja jetzt fort sein von München.«

»So? Das ist ja ausgezeichnet, – definitiv?«

»Das verstand ich nicht so, aber Marie Agnes wurde mir als sehr verlassen und unglücklich geschildert.«

Herr von Doren stand auf.

»Dann ist die Geschichte natürlich zu Ende! Das ist ja herrlich! Siehst du, Mama, was ich euch immer sagte – nur ruhig abwarten, – die beiden kriegen die Geschichte schon satt. – Für Marie Agnes ist es allerdings eine kolossale Demütigung, aber wer nicht hören will, muß fühlen, – das alte Lied, die kleine Brente war gewiß eine Abgesandte von ihr, sie wagt uns noch nicht um Verzeihung zu bitten! Eigentlich müßte man es ja jetzt ruhig abwarten, aber die Idee, daß sie erst zu Brentes ginge anstatt zu uns, finde ich auch peinlich und nicht passend, – Mama, schreib doch ein paar Worte, das ist das beste.«

Weiter wollte Frau von Doren ja nichts hören, und so schrieb sie am folgenden Tag ihrer Enkelin ein paar Zeilen und forderte sie auf, sich bei ihr ein wenig zu erholen.

Wider ihren Willen wurde der Brief freundlicher, als sie beabsichtigt hatte, und nach einigen Tagen traf dann auch Maras Antwort ein, sie würde kommen.

Die alte Dame war erregter, als sie es merken lassen wollte. Sie ging immer wieder ins Fremdenzimmer und sah nach, ob alles in Ordnung wäre, und am Tage der Ankunft stand sie mit unsicheren Knien am Fenster und sah hinaus, ihre Enkelin erwartend. Ludwig hatte seinen Wagen zur Bahn geschickt, und jetzt hörte sie schon das Räderrollen auf dem Steindamm durch die Dorfstraße, und dann bog das Gefährt in die Lindenallee ein und kam jetzt in kurzen Wendungen zu ihrem Rosenhäuschen empor.

Die alte Dame legte einen Spitzenschal um die Schultern und trat in die Haustür. Da stand auch schon Mara mit großen, fragenden Augen vor ihr.

Keine der beiden Frauen sagte ein Wort, aber Mara beugte sich über die Hand der Großmutter und küßte sie.

Das hatte sie vor fünf Jahren, als sie abreiste, nicht getan, denn die Großmutter hatte häßliche Dinge über Peter gesagt, und Mara war aus der Tür gegangen, ohne ein Wort zu sagen. Und warum rief die alte strenge Frau, von der sie nie viel Liebe empfangen hatte, sie jetzt zurück?

Mara wußte es nicht, aber sie hatte deutlich gefühlt, daß sie dieses Mal nicht »nein« sagen durfte, weil auch diese Reise mit zum Wendepunkt ihres Lebens gehören würde, und sie wollte das Geschick nicht aufhalten.

Wie im Traum folgte sie der alten Dame, die sie in ihr altes Kinderstübchen führte und dann nur kühl sagte: »Zum Abendessen um sieben Uhr erwarte ich dich unten.«

»Gewiß Großmutter,« antwortete Mara. Sie blickte die Alte an, und eine seltsame Weichheit kam über sie, was war das nur?

Auch Frau von Doren sah so sonderbar bewegt aus, aber sie ging mit einem kurzen Räuspern aus der Tür und ließ Mara allein. Mara setzte sich auf einen altmodischen, niedrigen Stuhl am Fenster und rührte sich nicht.

Das Fenster stand auf, es war von Rosen umrankt, und Jasmindüfte strömten hinein mit der Abendsonne, die auf ihr geblümtes Himmelbett schien, und den wackeligen, alten Schemel davor, – – Heimatluft umfing sie; sie mochte sich nicht rühren und mochte nichts denken, sie saß wie gebannt, bis ein harter, heller Glockenschlag draußen sie mahnte, daß das Abendessen nicht mehr fern war.

Mit einem Seufzer erhob sie sich und fing an, ihre Siebensachen auszukramen, ihren Rucksack und das Plaidpaket.

Mit einem halben Lächeln ergriff sie eine dunkelseidene Bluse, die sie jahrelang nicht getragen hatte, aber der alten Frau zuliebe wollte sie »Toilette« machen, und dann schritt sie hinunter mit einem eigentümlichen Gefühl von Spannung, wie dieser Besuch wohl ablaufen würde und was es eigentlich alles bedeutete.

Sie fand ihre Großmutter im kleinen Salon; in schwarze Seide gekleidet, saß sie an ihrem Nähplatz und stickte an einem großen buntblumigen Kissen.

Anders kannte Mara sie nicht, und sie dachte blitzschnell, wie viel Kissen die Großmutter nun wohl schon gestickt habe in ihrem Leben, und daß die vielen, vielen Kissen eigentlich die einzigen Wesen wären, die alle die vielen Gedanken der verschwiegenen, stolzen Frau in sich aufgenommen hätten und von ihr Bescheid wüßten – wie glühend hatte Mara als junges Mädchen für ihre Großmutter geschwärmt, sie hatte sie fast angebetet, aber als sie älter und wissender wurde und mit hellen Augen sah, da schwand die Anbetung dahin und es blieb nichts übrig als eine harte, alte Frau, die mit ihrem scharfen Urteil die Menschen kränkte und verletzte und niemand, niemand beglückte. Mara verfiel sofort in die alten Gewohnheiten früherer Zeiten, sie setzte sich mechanisch auf den Stuhl, der dem Lehnsessel ihrer Großmutter gegenüberstand, und fragte mechanisch:

»Wie geht es dir, Großmutter.«

Die Alte stickte weiter, ohne aufzublicken. »Wie soll es einer alten, einsamen Frau gehen, – man wird nach und nach ein Krüppel, man ist den ganzen Tag allein, die Menschen haben ja auch alle Besseres zu tun, als sich um ihre alten Verwandten zu bekümmern, – aber wie Gott will, – – Du – bist – krank gewesen – Marie Agnes?«

»O – nein, nur etwas abgearbeitet, müde, – ich sehnte mich recht nach frischer Luft, da kam gerade dein Brief – ich – danke dir sehr, Großmutter.«

Wie merkwürdig, – wieder kam ihr diese Weichheit, und sie wäre gern aufgestanden und hätte die Arme um den Hals der Großmutter gelegt und sie geküßt und ihr alles gesagt, ihre ganze heimliche, bittere Not, aber nein, – an einem kühlen Herzen weint man sich nicht aus.

Die Alte hatte die Stirn gerunzelt und stickte noch eifriger, und dann kam das Mädchen und meldete das Abendbrot, und Frau von Doren schritt mit großer Würde ihrer Enkelin voran ins Speisezimmer. Eine etwas mühsame Unterhaltung half ihnen über diese halbe Stunde hinweg, dann ruhte die alte Dame in ihrem Korbsessel vor der Haustür unter der großen Linde, und Mara schlenderte unter den alten Bäumen umher und wußte nicht mehr recht, warum sie gekommen war. Sie hatte das kleine Besitztum von Frau von Doren bald durchschritten, dann kam sie an eine Dornenhecke, dahinter lagen weite, weite Wiesen und dahinter, da lag das Meer. Sie war stehen geblieben und seufzte tief, – warum war sie hierher gekommen, warum ging sie nicht ans Meer, da wo Peter war, da gehörte sie doch hin, – und Peter schrieb so selten, so unregelmäßig, – sie fühlte schon längst, daß da irgend etwas nicht in Ordnung war, nach seinen Briefen mußte er in furchtbarer Stimmung sein, ob er wohl fest saß mit seinem Roman? Ach nein, das glaubte sie nicht, denn er hatte alles so fein und sorgfältig ausgearbeitet und brauchte bloß nach seinen eigenen Notizen weiter zu schreiben. Sie schob alles auf Knud Hansen, diesen Fremdling, der zwischen sie getreten war, diesen Dritten im Bunde, der sie und Peter trennen wollte, der irgend etwas Geheimes im Schilde führte und Peters engelgute Seele bedrohte, auf irgend eine geheimnisvolle Weise, wie ein böser Geist, – sie hatte seinen Einfluß auf Peter schon lange so deutlich gespürt, aber sie wußte nicht recht, nach welcher Seite dieser Einfluß drückte – auf sie jedenfalls drückte er wie ein schwerer Stein, der seit Wochen auf ihrem Herzen lag.

Der alte Häberle mit seinen wunderlichen Reden war ihr auch kein rechter Trost mehr gewesen, oder sie verstand ihn nicht!

      Wie doch der Jasmin duftete! und sie stand dazwischen wie ein plötzlich alt gewordener Mensch, ohne eigentlich zu wissen, warum.

Als sie wieder zum Hause zurückkam, sah sie mehrere Menschen um ihre Großmutter versammelt und erkannte ihren Onkel Ludwig und seine Frau, Tante Minette.

Alle diese Menschen verdachten ihr ihre Liebe zu Peter Rasmussen so schwer und hatten sie gekränkt und beleidigt und verurteilt, aber sie hatte ein zu ernstes, arbeitsvolles Leben geführt, um sich mit dem Zorn der Familie weiter aufhalten zu können, und ihr Leben mit Peter, mit ihren Freunden und Schülerinnen in München war ja auch so reich, so voll zum Überströmen, daß sie die Liebe ihrer Familie schließlich kaum mehr entbehrte. Auch sagte sie sich, daß sie mit der Liebe, die sie ihr vielleicht zu geben hätten, kaum etwas anzufangen gewußt hätte!

Denn was nannten diese Menschen Liebe und Freundschaft und Verständnis!

Mara schritt langsam näher, sie hatte keinen Groll gegen die Ihren, und die Weichheit aus ihrem Herzen war auch noch nicht ganz fort.

Tante und Onkel erhoben sich und begrüßten sie mit einer etwas verlegenen Steifheit.

Mara setzte sich zu ihnen und wurde nach ihrer Reise, nach ihren Malstudien und ihren Erfolgen gefragt, und dann standen die Verwandten auf und verabschiedeten sich, – Frau von Doren nahm den Arm ihres Sohnes und ging mit ihm durch den Park, – Mara ging ins Haus hinein.

»Nun, – wie ist sie?« fragte Ludwig Doren neugierig.

»Merkwürdig, – höchst merkwürdig,« sagte seine Mutter, stehen bleibend, – »keine Spur von Reue oder Gefühl, sage ich dir, – kühl und gemessen wie immer, aber durchaus nicht in Not – oder unglücklich, wie mir scheint.«

»Und ganz gut angezogen,« warf Tante Minette ein, »wer ihr wohl die seidene Bluse geschenkt hat?«

»Aber Minette, ich bitte dich, – weißt du, Mama, Minette und ich haben uns einmal wieder überlegt, daß jetzt der Sache doch definitiv ein Ende gemacht werden muß, ich bin heute früh bei Brentes gewesen, und die kleine Oda schwatzt so viel Zeugs – da ist jetzt noch ein Dritter, wie mir scheint –«

»Ein Dritter?« fragte Frau von Doren atemlos.

»Ja, denk dir, der längst verschollene und gänzlich verkommene Sohn vom alten Rektor Hansen in Husum, – der ist in München aufgetaucht, es scheint, daß Marie Agnes ihn bei sich aufgenommen hat und –«

»Ludwig, du vergißt dich –«

»Ach so, verzeih, Mama, – ich wollte nur sagen, dieser Hansen ist ein Spieler und ein ganz liederliches Subjekt und er hat den andern – den – Rasmussen jetzt mit nach Hölup geschleppt, und die beiden Kerls werden da jetzt wohl Marie Agnes ihre Ersparnisse verjubeln, – so denke ich mir die Geschichte, und wenn wir Marie Agnes erst beweisen können, daß ihr teurer Peter ein gemeiner Kerl ist, dann wird sie ihn aufgeben, dazu ist sie dann doch eine Doren, glaubt es mir.«

»Alles ist mir im höchsten Grade degoutant,« sagte die Großmutter, sich fester in ihren Schal wickelnd.

Ludwig warf seiner Frau einen Blick zu.

Es war klar, daß man der Alten nicht mehr sagen durfte heute abend, denn das Wort »degoutant« war die Äußerung ihres schärfsten Mißfallens.

Sie brachten Frau von Doren wieder zurück und gingen dann den Hügel des Buchenwäldchens hinab, ihrem eigenen Hause zu.

»Ludi,« sagte Minette nach einer Weile, »glaubst du es wirklich?«

»Aber ich bitte dich, mein Herz. – nach den gänzlich naiven Äußerungen von Oda Brente bin ich davon überzeugt, – außerdem ist es ja gar nicht anders denkbar, – erstens sind sie Künstler, seit sieben Jahren lieben sie sich, – von einer Trennung haben wir nie etwas gehört, also natürlich leben sie zusammen in wilder Ehe.«

»Gott, Ludi, – dann können wir den Töchtern doch eigentlich gar nicht erlauben, mit ihr zusammen zu kommen, – was machte sie dir für einen Eindruck?«

»Na, alt geworden, – verbraucht – wenn doch Oskar Brente, der just da ist, sie schnell heiraten wollte.«

»Ein bürgerlicher Landmann, Ludi –«

»Na, für Marie Agnes ist der jetzt längst gut genug, und immerhin doch ein ganz schneidiger Kerl, – ich werde mal an Herrn von Birke in Amrum schreiben, der kann vielleicht ergründen, was die beiden Kerls für ein Leben treiben an unserer Küste, – ich freue mich bloß, daß die alten braven Hansens längst tot sind und nicht die Heimkehr ihres saubern Bengels erlebt haben. Nun komme, es ist spät –.«

Frau von Doren ging tief erregt in ihrem Salon an ihrem Stock auf und ab.

Ihr Herz war wieder von Zorn gegen die unbegreifliche Enkelin erfüllt, und sie bereute ihre Einladung schon bitter. Sollte sie noch heute abend sie vornehmen und ihr noch einmal die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit schonungslos?

In diesem Augenblick ging die Tür auf und Mara kam herein.

»Darf ich dir gute Nacht sagen, Großmutter? Ich bin so müde von der Reise –«

Die Großmutter blickte einen Augenblick in das ruhige, blasse Gesicht ihrer Enkelin, mit den großen dunklen Augen, die in dem dämmrigen Zimmer etwas wie von Meeresleuchten an sich hatten; dann reichte sie ihre Hand hin und sagte kurz: »Gute Nacht.«

Mara antwortete ein etwas erstauntes »gute Nacht«, dann ging sie hinauf und saß bald darauf an ihrem Schreibtisch und schrieb an Peter. Sein Bild stand vor ihr, – ein Bild, das sie so besonders liebte, ein Freund hatte ihn photographiert am Flügel sitzend, in Gedanken verloren – den Kopf etwas gesenkt – o wenn er doch wieder spielte, wenn er doch wieder spielte und komponierte –, ein Schrei wollte sich aus ihrem Herzen ringen, aber sie blieb stumm vor seinem Bilde sitzen.

Jetzt war es ihr, als hörte sie das Lied, das er spielte – ein kleines Lied, das sie einmal gedichtet und er komponiert hatte:


»Ich bin ein arm Poetlein, hab weder Geld noch Gut,
Und zieh doch meine Straßen so frisch und wohlgemut –
Ich baue mir ein Hüttlein, wo grad die Sonne lacht,
Wird doch ein arm Poetlein von Engeln stets bewacht.
Denn als der ew'ge Vater ihn sandt auf's Erdenland,
Da legt er um sein Herze ein feines, güldnes Band.
Das Glänzen dieses Bandes kann draußen keiner sehn,
Man läßt ihn außer Landes mit Spott und Lachen gehn.–
Doch still an diesem Bande zieht heimwärts der Poet – –
Braucht hier kein Vaterlande – sein Herz im Himmel steht.«


»Sein Herz im Himmel steht,« summte Mara vor sich hin –, o und statt dessen saß er nun und schrieb an diesem Roman, – dieser Roman, den sie haßte, wie ihren allerbittersten Feind, denn seit er daran schrieb, war es anders zwischen ihnen geworden – o sie wußte es so genau, seitdem stand sein Herz nicht mehr im Himmel, sondern trachtete nach der Erde, nach Geld, nach Erfolg. – diese greulichen Konkurrenzausschreiben, die hatten sein stolzes, singendes Herz nach unten gezogen, und sein ganzes Lebensglück hing jetzt an diesen zehntausend Mark, die er gewinnen wollte!

Gewinnen, um sie zu heiraten! Ach, da waren Gedanken, zu tief, um sie auszudenken. – saß er nun in dieser Sommernacht und schrieb diese endlose Geschichte, die nicht Saft und Kraft hatte und an der er mit solch wildem Fanatismus hing?

Mara stand auf und ging ans Fenster und blickte in die Nacht hinaus.

Es kam ein Rauschen von ferne zu ihr her, war es das Meer?

Plötzlich sah sie ihren Geliebten ganz deutlich vor sich. Er saß in einer niederen Bauernstube an einem alten Klavier und spielte, und sie sah ganz deutlich eine Gestalt mit großen Flügeln, wie die eines Engels, hinter ihm stehn, der Engel hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt. Da wußte sie, daß sein Bestes noch nicht ganz verloren war, und während die Vision verschwand, murmelte sie noch einmal: »Sein Herz im Himmel steht.«



Mara war nun wieder in ihrer alten Heimat. Die ersten Tage verliefen still, die Großmutter sah sie immer so an, als ob sie ihr etwas sagen wollte, aber sie schien sich nicht entschließen zu können. In ihrem Wesen wurde sie dadurch schroffer und unzugänglicher, und der weiche Punkt in Maras Herzen schrumpfte immer mehr zu einem Nichts zusammen. Sie wunderte sich nur, warum die Alte sie hatte kommen lassen, das heißt, sie fühlte wohl, daß irgend etwas gegen sie im Schilde geführt wurde, oder daß falsche Nachrichten von ihr zur Familie gedrungen waren, aber sie war wie unter einem Bann, sie fühlte, daß sie den Schlag, der sie treffen sollte, hier erwarten mußte. Sie ging am nächsten Tage auf den Hof hinunter und machte ihrer Tante und ihrem Onkel eine richtige Anstandsvisite.

Dabei sah sie auch ihre Cousinen, Hilda und Leni Doren, die wenige Jahre jünger wie sie waren, aber eigentlich noch ganz den Eindruck von Siebzehnjährigen machten.

Mara wurde neugierig betrachtet und mit allerhand belanglosen Fragen überschüttet, sie kam sich unter diesen Menschen wie verzaubert vor, aber sie antwortete freundlich und eilfertig auf alles, und als sie nach einer halben Stunde fortging, war sie ganz ermattet und machte noch einen weiten Spaziergang, um ihr Gemüt wieder zu beruhigen.

Sie ging durchs Dorf und suchte noch ihre wenigen Bekannten auf, es hatte sich alles in Bucheneck verändert, von den alten Leuten, die sie aus ihrer Kindheit und Jugend noch kannte, lebten nur mehr wenige. Da war der alte Schäfer und der alte Kutscher, aber sie war ihnen fremd geworden, und ihr Beruf als Künstlerin galt ihnen als etwas Böses, das der Teufel erfunden hatte.

»Warum bliewt Se nich bi Grosmuddern,« wurde sie immer wieder gefragt und konnte ihnen das nicht erklären. Mara ging in den Wald und fand bald ihren Lieblingsplatz wieder, eine alte Bank, auf der sie gesessen und gewartet hatte, als damals vor vielen Jahren Peter gekommen war, mit dem sie sich kurz vorher in Berlin verlobt hatte.

Sie mußte heute so lebhaft an diese erste Zeit zurückdenken, an die wunderbaren Tage in Berlin – wo sie bei einer Freundin war und wo sie ihn hatte kennen lernen, den begeisterten Musiker –. Er war ja ihr Landsmann, und er war eine Waise wie sie, – seine alte Mutter, die bei ihm gelebt hatte in Berlin, war vor kurzem gestorben, – er erzählte ihr das alles, sie fanden sich, – und verstanden sich so gut, so gut, – sie besuchten Konzerte zusammen und waren zusammen begeistert –, oder zusammen still und schweigsam, und als nach kurzer Zeit Peter Rasmussen ihr seine Liebe erklärte und sie fragte, ob sie seine Frau sein wollte, – da antwortete die stille, stolze Mara einfach und selbstverständlich – ja! – Dann war sie nach Holstein gefahren und dann kam er nach, hier auf dieser Bank hatten sie gesessen, – – fest umschlungen, alles um sich her vergessend – –, dann waren sie auf gestanden, um zur Großmutter zu gehen, und als sie Hand in Hand den Waldweg entlang schritten, da war ihnen Onkel Ludwig begegnet, und dann kam all das Furchtbare, – die widerlichen Auseinandersetzungen und Beratungen, – Peter trug noch den Trauerflor um seine Mutter, und sie hörte Onkel Ludwigs harte Stimme sagen: »Na, wenigstens hat der Kerl keinen obskuren Anhang mehr, – das ist noch 'was.«

Die Bitterkeit übermannte Mara bei dieser Erinnerung, sie erhob sich und ging weiter.

Auf dem Rückwege kam ihr ein Wagen nachgefahren, und darin saß Oda Brente mit ihrem Bruder Oskar.

Der Wagen hielt und Oda sprang herunter und umarmte sie stürmisch und wußte sich vor Freude und Überraschung gar nicht zu lassen. –

»Hier ist auch Oskar. Gestern ist er gekommen, um mich zu sehen, er hat jetzt sein eigenes kleines Gut, – Dremmelshof, mit wundervollem Strand, – Mara, da müssen wir einmal zusammen malen, wie lange bleiben Sie? und wie geht es Rasmussen und dem Amerikaner?«

So überstürzten sich ihre Fragen, schließlich nahmen sie Mara mit auf den Wagen und fuhren sie nach Bucheneck zurück.

Die Buchenecker sahen sie natürlich vorbeifahren. »Aha,« sagte Ludwig Doren, »Mara und Oskar!« Ludwig und Minette sahn sich bedeutungsvoll an und ihre Phantasiegebilde gingen schon so weit, daß sie sich darüber aufregten, ob sie die Hochzeit geben müßten, oder ob Mara von der Alten aus heiraten sollte.

»Eine Frühstückshochzeit natürlich, im kleinsten Kreise.« sagte er tiefernst.

»Natürlich, – Ludi, weißt du, was mich heute beunruhigt?«

»Was denn?«

»Nun, daß Fritz an Hilde etwas vom Kommen geschrieben hat.«

»Fritz will kommen? Famos, – Minette, du glaubst doch nicht etwa, daß unser Fritz, – ein Gardeleutnant, mit Mara anbinden könnte! Das ist einfach zum Schieflachen! Eine ältliche Cousine, und noch dazu eine Malerin und mit einem Musiker-Verhältnis – Gott bewahre mich, – wenn sie noch etwas Verführerisches hätte, aber sie ist genau so todernst und langweilig, wie diese emanzipierten Frauenzimmer immer sind. Was soll man überhaupt mit ihnen sprechen? Ne, laß Fritz man immer kommen, – Mädchen, die sich in Pianisten verlieben, sind für unsern Fritz ungefährlich, und weißt du, – mir ist es ganz angenehm, wenn Fritz hier ist, – ich habe immer die Angst, daß dieser Rasmussen hier mal wieder antritt, wenn er hört, daß sie hier ist, und dann kann Fritz ihn ja abfertigen und ich brauche es nicht.«

»Gott, Ludwig, das kann zu Duellen führen.« »I bewahre, – Rasmussen ist sicher nicht satisfaktionsfähig, – wie denken eigentlich die Mädchen über ihre Cousine?«

»Ach, die finden sie verrückt, so viel ich gemerkt habe, – sie haben jedenfalls nichts Besonderes gesagt.«

»Ich habe gestern abend Mama noch gebeten, doch Marie Agnes klar zu machen, daß sie nicht mit unsern Töchtern über ihr Verhältnis zu Rasmussen spricht, aber Mama ist zu sonderbar diese Tage, – ich weiß nicht, ob sie Angst vor Marie Agnes hat, oder was es ist, – sie lehnte es gestern schroff ab, mit mir über sie zu sprechen, – na, ich warte nur noch Birkes Antwort aus Amrum ab, dann spreche ich noch einmal ganz deutlich mit ihr.«

Fritz Doren, der einzige Sohn und Erbe von Bucheneck, trat wirklich in den nächsten Tagen bei den Seinigen an. Ein leichter Sturz mit dem Pferde und eine Verstauchung des Fußes hatte ihm diesen Urlaub verschafft. Er traf in elegantem Zivil, leicht auf einen Stock gestützt, im väterlichen Hause ein.

Er wurde gleich von der ganzen Familie heftig mit Beschlag belegt. Die Schwestern neckten ihn liebevoll wegen seines bleichen, edlen Aussehens und fragten ihn nach all seinen letzten Courmachereien aus, – überall hatte man Freunde gehabt, – überall war er gespürt, und seine baldige Verlobung mit irgend einer reichen Erbin wurde seit Jahren stündlich in Bucheneck erwartet.

»Ihr laßt einen ja gar nicht dazu kommen,« sagte Fritzchen stoisch.

»Wie meinst du das? Was soll das nun? Nun sollen wir Schuld haben, weil du zu keinem Entschluß kommst?« Hilde und Leni waren sehr pikiert.

»Nein,« antwortete Fritz, »denn kaum interessiert man sich für jemand, so wird dieses unglückliche Wesen im Familienkreise geradezu totgeredet, noch ehe es überhaupt da war, und da zieht man sich dann natürlich zurück.«

»Fritz, du bist unausstehlich,« sagte Leni.

Glücklicherweise war das Mittagessen gerade beendet, aber die Schwestern fanden, daß Fritz diesmal wirklich in übler Stimmung sei, ob das nur vom Fuß kam? oder ob er sonst etwas auf dem Gewissen hatte? Hoffentlich kam das nicht während dieses Urlaubes ans Tageslicht, denn dann war es um Papas Laune geschehen und alle Sommerfreuden waren zerstört.

Fritz erregte schon am ersten Tage seiner Heimkehr lebhaften Unwillen bei den Seinen.

Nach dem Mittagbrot war er, ohne jemand etwas zu sagen, allein zur Großmutter gegangen und war dort zum Kaffee geblieben, obwohl er keinen Kaffee trank. Und als er wiederkam, sagte er im Familienkreise: »Ich habe mich übrigens famos mit Mara unterhalten, Papa, die ist ja ganz charmant geworden.«

»Das ist – Geschmacksache,« meinte Herr von Doren achselzuckend. »Mama und ich finden, daß sie sich in eine sehr schiefe Lage gebracht hat, uns allen gegenüber, aber sie geht wohl auch bald wieder fort, ich glaube nicht, daß die arme Großmama diesen aufregenden Besuch lange aushält.«

»Großmama hörte sehr amüsiert zu, während wir uns unterhielten,« beharrte Fritz, seinen kurz geschnittenen Schnurrbart in die Höhe drehend, so viel es ging.

»Willst du nachher mit mir noch nach Dremmelshof fahren, Fritz?« sagte sein Vater etwas nervös.

»Zu Oskar,« sagte Fritz leicht errötend, »ja, gerne, Papa.«

Die beiden Herren fuhren bald darauf fort, und kaum waren sie außer Hörweite, da sagte Hilde zu Leni: »Jetzt wird er in Maras Schandtaten eingeweiht, – wenn ich bloß wüßte, ob die Eltern recht haben, ich kann es ja nicht fassen, wie man überhaupt auf den Gedanken kommen kann, einen Musiker zu lieben, aber diese Geheimniskrämerei finde ich widerlich.«

»Komm, laß uns sie besuchen, weißt du, wenn er nun Kunstprofessor wäre und vermögend, dann fände kein Mensch was dabei, und das kann er doch noch täglich werden, ich finde es eigentlich ungerecht, daß er hier so behandelt ist vor fünf Jahren. Standesvorurteile gibt es doch heute eigentlich nicht mehr.«

»Nein, es soll sie ja nicht mehr geben, und doch bleiben die Unterschiede rettungslos immer dieselben. Stell Fritz und Rasmussen neben einander und du weißt, warum man sich in den einen verlieben kann und in den anderen nicht, wenn er auch tausendmal das ist, was man so ein ›hübscher Mensch‹ nennt.«

Mara saß dicht am Rosenhäuschen und malte, sie sah voller Schrecken die beiden Cousinen kommen, konnte aber nicht mehr entfliehen.

Schon standen sie neben ihr.

»O wie reizend! Was soll es vorstellen?«

»Die eine Ecke vom Haus mit den Rosen.«

»Schade, daß nicht das ganze Haus aufs Bild kommt, dies kann man so schwer erkennen, willst du es Großmama schenken?«

»Ich weiß noch – nicht.«

»Wir stören dich wohl, Marie Agnes?«

»Ach nein, das heißt, die Sonne geht gleich fort, dann höre ich auf, wenn ihr so lange warten wollt – –«

»Ach, wir wollten eigentlich zu Großmama, ist sie oben?«

»Ja gewiß, – also auf Wiedersehen.« –

»Sieh mal, das sind eben so Künstlermanieren, die Rasmussen gewiß auch hat,« sagte Hilde im Fortgehen, »jeder andere gebildete Mensch legt doch seine Arbeit beiseite, wenn Besuch kommt, denke dir mal, Fritz –«

»Fritz? Der geht einfach zur anderen Tür hinaus, wenn zur einen Besuch herein kommt. Wenn du das vielleicht bessere Manieren findest. – Hilde, geh du zu Großmama, ich warte hier draußen.«

Bald darauf kam Mara mit ihren Malsachen und fand Leni vor der Tür sitzend.

Leni sprang auf.

»Darf ich dir tragen helfen?«

»Danke schön, wenn du magst –«

»Ja, ich bringe alles mit hinauf.«

Leni blieb oben bei ihrer Cousine sitzen und starrte bisweilen verstohlen Peter Rasmussens Photographie auf Maras Schreibtisch an, aber sie wagte nichts zu sagen.

»Wie findest du Fritz?« sagte sie schließlich.

»Sehr nett,« antwortete Mara prompt. Sie hatte sich dies belanglose Frage- und Antwortspiel, wie es in Bucheneck Mode schien, schon ganz angewöhnt und fand es ganz bequem, man konnte so schön Verstecken dabei spielen und es hatte für sie diesmal wieder den Reiz der Neuheit, denn unter ihresgleichen in München kannte man diese Art Unterhaltung gar nicht – dazu hatte niemand Zeit.

»Wir finden ihn still und recht elend,« fuhr Leni fort.

»So,« sagte Mara, »wie ist das mit dem Fuß eigentlich gekommen?«

Sie bekam nun eine umständliche Beschreibung des Sturzes und reinigte während dessen ihre Palette, und dann rief Hilde von unten, Leni möge schnell kommen, es sei schon spät.

Als sie allein war, seufzte Mara tief; sie würde sich mit ihren Cousinen niemals näher kommen. Sie kamen ihr jedesmal, wenn sie wiederkam, so unverändert vor, als stünde die Welt in Bucheneck still und hätte nur anderswo diesen rasenden, atemraubenden Sturmschritt angenommen.

Durch das Erscheinen des Leutnants wurde das Leben in Bucheneck anders, der Verkehr mit der Nachbarschaft wurde reger, auch Mara wurde dann und wann mit der Großmutter eingeladen, aber sie sagte fast immer ab, nur bei Brentes auf dem Seehof war sie viel, dort fühlte sie sich wohl und geliebt. Es wurde wirklich in der Umgegend schon über sie und Oskar Brente geredet, – die beiden Beteiligten ahnten natürlich nichts davon, – Mara war das, was man hierzulande »Courmachen« nannte, ein völlig fremder Begriff; wenn ein Mensch ihr gefiel, so unterhielt sie sich gern eingehend mit ihm, einerlei welch Geschlechtes er war und ahnte nicht, daß es Menschen gab, die Zeit hatten und Spaß daran fanden, über sie und ihre Freunde zu reden.

Sie hatte aber noch einen Freund gewonnen in dieser Zeit, der ihr sehr verdacht wurde.

Das war Fritz Doren.

Der Familie Doren war es völlig unbegreiflich, was Fritz an Mara hatte, und die Eltern fingen an, sich ernstliche Sorge zu machen, ob sie ein Machtwort sprechen sollten, denn fast täglich fand Fritz Gelegenheit, Mara zu sehen, und wenn seine Freundschaft mit ihr »herumkam«, so konnte ihm das manche Heiratsaussicht in der Umgegend verderben.

Zum Beispiel, die sehr reichen, aber hochmütigen kleinen Komtessen Linde von Lindberg, – »außerdem« – sagte Tante Minette – »ist diese Art Freundschaft mit einer älteren und so koketten Person wie Marie Agnes direkt ein Unglück für einen jungen Menschen, denn es hindert ihn, sich in junge Mädchen zu verlieben und bringt ihn auf ungesunde und unnatürliche Gedanken, – sieh, Ludwig, da promeniert Fritz wieder zur Großmutter, wie er immer sagt.«

»Na, – wenn er wiederkommt,« meinte Ludwig ingrimmig.

An Maras Tür wurde bald darauf leise geklopft.

»Mara – bist du da?« »Come in – Fritz – ich male den Blick aus meinem Fenster, das stört dich doch nicht?«

»Im Gegenteil, – es ist so gemütlich, wenn du arbeitest, darf ich hier bei dir rauchen? Na, dein Bräutigam raucht natürlich auch.«

»Nein, denke dir, er ist gar kein Raucher, aber darum kannst du doch rauchen, – ich weiß ganz gut, daß es oft das Leben erleichtert.«

»Mara, du weißt so viel, mit dir kann man sprechen wie mit einem Freunde.«

»Danke dir, Fritz, für dies Wort.«

Ihre Stimme klang bewegt, als sie dies sagte, aber sie blickte nicht auf von ihrer Arbeit, die eine Untermalung war über die fixierte Zeichnung hinweg und ihr darum das Sprechen erlaubte. Fritz hatte sich auf den altmodischen kleinen Stuhl am Fenster gesetzt und rauchte eine Zigarette nach der anderen.

»Mara,« begann er nach einer Weile tiefen Schweigens – stockend, »wir sprachen gestern übers Heiraten und dergleichen und deine Auffassung von der Ehe –«

»Und seine,« fiel Mara ein.

»Ja natürlich, Peters auch, – die hat mir ziemlich Eindruck gemacht, aber du ahnst nicht, wie die Welt uns diese Auffassung schwer, fast unmöglich macht.«

»Die Welt? Ich lebe auch in der Welt, Fritz.«

»Na ja, aber ihr habt wohl – andere Gefahren, in deiner Welt, bei uns sind es diese – verdammten – Standesgewohnheiten, oder wie soll ich sagen, jeder macht's, und so macht man es auch, und die Mädchen sind so erzogen, daß sie von nichts 'was wissen und ihnen doch nachher alles egal ist, ich meine das sogenannte Vorleben – und siehst du, wie sollen wir da herauskommen aus dieser ewigen Patsche, – wenn niemals Riegel vorgeschoben werden, dann bricht man ja doch wieder aus, und wenn du mir sagst, daß Peter – bis jetzt keinen Augenblick in seinem Leben zu bereuen hat, so sage ich: Hut ab vor Peter und – ich, ich möchte ihn fast beneiden.«

»Du – Fritz?«

»Ja, weißt du, Mara, – ich – ich sitze, nämlich drin, tief, – – tief drin.«

Ein Schweigen folgte. Mara strich mechanisch ihre Leinwand voll, – laß das Bild verderben, dachte sie, – sie durfte Fritz in seiner Aussprache nicht stören.

»Wenn es dir gut tut, – erzähle mir,« sagte sie leise und freundlich, ohne ihn anzusehen.

»Es ist ja eigentlich ganz verrückt, daß ich mit dir sowas spreche, aber es ist ja auch Mode geworden heutzutage, daß vor Damen alles und jedes besprochen wird, schauderhaft–«

»Fritz, ich würde dir das Sprechen darüber einfach verbieten, wenn ich nicht wüßte, aus welchem Grunde du es tust, – wir haben ja auch all diese Tage schon all diese schweren Probleme besprochen, also bitte, mache keine Redensarten weiter darüber.«

»Nein, nein, bewahre, also sieh mal – die Person läßt mich nicht los, und ich – ich liebe doch Oda Brente so entsetzlich.«

»Oda Brente,« wiederholte Mara und blickte ihren Vetter erstarrt an.

Er hatte den Kopf in die Hände vergraben und machte einen tief unglücklichen Eindruck.

»Erzähle weiter,« sagte sie nur.

»Ich dachte, du müßtest mein Geheimnis entdeckt haben, nicht? Wie merkwürdig, – von den Meinen ahnt es niemand, es ist ja auch alles egal, wenn ich nur das eine ungeschehen machen könnte, – – Mara, du und Oda seid ja glühend befreundet, und nachdem ich nun deine Ansichten über uns Männer weiß. – da muß ich ja beinah annehmen, daß Oda – dieselben hat –? und darum kam ich heute zu dir, vielleicht kannst du mir raten, helfen – Mara, aus diesem Dilemma!«

Mara war eine ganze Weile still.

Dann sagte sie mit zitternder Stimme: »Wie furchtbar traurig ist dies, – und wie schade! O, warum, warum verderbt ihr euch immer alles.«

»Mara, es ist entsetzlich, ich gebe es zu, aber damals, vor drei Jahren, sie war so süß, das Lieschen, und so arm und so hungrig – und wie dann so was kommt, die Kameraden lachten mich aus, sie zwangen mich beinah dazu, – nachher war's dann bald vorbei – aber ich muß greulich viel Geld zahlen an das leidenschaftliche Geschöpf, und nun seit einem Jahr liebe ich Oda, – ich wollte sie jetzt – fragen – ich kann es nicht mehr aushalten, aber du könntest doch ein gutes Wort für mich reden bei ihr, Mara, – die andere Sache ist ja in Wirklichkeit längst aus, längst, – nur mehr eine Geldsache und weiter nicht.«

»Weiter nichts? O Fritz, es ist eine niederträchtige Sache – eine ganz gemeine Sache, ja schauderhaft gemein, wie kannst du so davon sprechen, hast du keine Reue?«

 »Bittere!« antwortete er kaum hörbar.

»Und seit drei Jahren schleppst du dich damit herum, – warum hast du nicht deinen Eltern –«

»Eltern? bei so was?« Er lachte bitter auf.

»Papa würde sagen: ›Über so was spricht man nicht, mein Junge, man bezahlt es und läßt Gras darüber wachsen, schrumm‹, und Mama? Die würde so außer sich geraten und mich als verlorenen Sohn betrachten und schließlich – und das ist das Bitterste, Mara – schließlich würde sie mir doch raten, möglichst bald eine anständige Partie zu machen! Nein, – man hat eben niemand, der einen berät in diesen Dingen. Erst unsere Gespräche der vorigen Tage haben mich darauf gebracht, daß du – ganz spezielle Ansichten über die Sache hast, und du kennst das Leben, – was soll ich tun, Mara!«

Mara war aufgestanden und ging verzweifelt im kleinen Stübchen hin und her.

»Fritz,« sagte sie, »es ist furchtbar, aber du mußt sie wohl heiraten.«

»Das hab ich mir tausendmal auch gesagt, – aber ohne einen Funken von Liebe, von beiden Seiten, sollen wir uns heiraten?«

»Gott nein, das wäre auch ein Verbrechen an der Natur, dann bleibt dir nichts übrig, als dafür zu sorgen, daß sie nicht untergeht durch deine Schuld, und jemand anders heiraten – darfst du, finde ich, nicht.«

»Das ist zu viel verlangt! Das ist zu hart gestraft!«

»Ja, wie willst du es anfangen? Ich verstehe es nicht. Willst du es deiner zukünftigen Braut nicht sagen – so ist es doch ein ganz simpler, glatter Betrug –«

»Mara!«

»Ja. Fritz, – Peter denkt genau wie ich: wie ihr diesen Betrug bisher immer mit eurem Ehrgefühl vereinigt habt, ist mir unfaßlich! Ihr wißt ja auch im Grunde ganz gut, daß ihr vor eurem tiefsten Gewissen nicht damit besteht, – es gibt nur eins für dich, – willst du ein ehrenwertes Mädchen heiraten, so mußt du ihr ein offenes Bekenntnis vorher ablegen! sonst erniedrigst du sie und – dich.«

Fritz war auch aufgestanden. Er sah ganz blaß und elend aus.

Unten ging die Glocke.

»Die Großmutter wünscht mich,« sagte Mara. –

»Fritz, – ich kann dir nicht helfen anders, als wie ich dir eben gesagt habe –.«

»Aber glaubst du, daß Oda –«

»Ich kann nicht für Oda gut sagen, ich selbst weiß von mir – daß ich, selbst bei – größter Liebe – es nicht tun könnte!«

»Aber Mara – und du sagst, du liebst –«

»Ja, Fritz, das ist etwas anderes, aber Ehebruch – könnte ich nicht begehen.«

»Ehebruch – was meinst du?«

»Ich meine, so lange die erste – lebt – ist sie deine Frau, ob ihr nun standesamtlich auf einem Stück Papier zusammengeschrieben seid – oder nicht, – sie ist deine Frau, das ist doch Gottes Bestimmung von Anbeginn der Schöpfung her, daß aus zwei Menschen – einer wird, dies Gesetz soll der Mensch nicht brechen, das kann er ja auch gar nicht, mit noch so viel tausend Redensarten und Begriffen!«

»Mara – ich glaube, du stehst einzig da mit dieser Anschauung!«

»Das ist ja möglich, – aber sage mir, – gilt das sechste Gebot nur für Frauen? Das scheint ihr anzunehmen, – soviel ich weiß, hat Gott es der Menschheit ohne Kommentar und ohne Klausel gegeben, – aber ich muß hinunter.«

»Nur noch eins, Mara, wie lange bleibst du noch hier?«

»Nicht mehr lange, – ich gehe bald fort, an die See, vielleicht mit – Oda –.«

»O, dann komme ich auch nach – Mara, du bist mein einziger Freund auf der Welt, du bist es in diesen Tagen geworden, verachtest du mich?«

»Niemals! Morgen mehr – – lebe wohl – –.«

»Ich komme mit hinunter, habe Dank.«

Als Mara bei ihrer Großmutter eintrat, sah sie gleich, daß die alte Dame sehr erregt war. Seit ihrer Ankunft in Bucheneck hatte die Großmutter jedes ernstere Gespräch mit ihrer Enkelin vermieden, aber in den letzten Tagen hatte sich der alte Groll wieder angesammelt und vermehrt, und ein heute früh mit ihrem Sohne geführtes Gespräch hatte sie nun zu dem Entschluß gebracht, endlich eine offene Aussprache zu halten.

»Du hast mich warten lassen, – hattest du Besuch oben?«

»Fritz war bei mir.«

»Fritz in deinem Schlafzimmer? Das ist sehr unpassend, Marie Agnes, sehr, – mir äußerst – unangenehm, in meinem Hause.«

»Verzeih, Großmutter, ich habe mir nichts dabei gedacht.«

»Du scheinst dir überhaupt bei nichts etwas zu denken, – Marie Agnes, – bitte, setz dich, – ich habe dich herkommen lassen, weil ich es für meine heilige Pflicht als Großmutter halte, dir noch ein einziges Mal, ehe ich – nicht mehr sein werde – zu sagen, daß, – dir vorzustellen, daß – Marie Agnes, hast du denn gar keine Spur von Reue, wie du mich, wie du uns alle behandelst?«

Mara hatte sich auf den Stuhl ihrer Großmutter gegenüber gesetzt. Ein Gefühl von innerer Kälte kroch langsam durch ihren Körper hin und machte sie erstarren.

Sollte sich nun dieselbe Szene wie vor fünf Jahren wiederholen? Sie hob den Kopf und blickte ihre Großmutter an, aber sie senkte sofort die Lider wieder, denn die kalten Augen gegenüber trafen sie wie mit Messerhieben.

»Du weißt, Großmutter,« sagte sie dann leise, »daß dein Zorn mein Lebenskummer ist, aber was soll ich tun!«

»Dieser Kummer ist eine Phrase, Marie Agnes, und was du tun sollst? Endlich diesen Menschen, diesen Habe-Nichts aufgeben, denn ich sehe ja, daß sein Bild noch immer auf deinem Schreibtisch steht, trotzdem er dich wohl längst aufgeben möchte.«

Mara hielt ihre Hände fest verschlungen und ließ alle diese bösen Worte nicht in ihr Herz hineindringen, und sie war auf diesen letzten Kampf schon so lange vorbereitet, daß sie auch wirklich an ihr abglitten, ohne sie zu verwunden.

Womit konnte man sie verwunden?

»Peter und ich halten zusammen, bis der Tag kommt, wo wir uns heiraten können,« antwortete sie schließlich mechanisch.

»So, – ich mische mich ja schon lange nicht mehr in deine internen Angelegenheiten, habe auch gar keine Lust dazu, – aber – du selbst bist schuld daran, wenn man von euch sagt, daß ihr – längst – in wilder Ehe lebt.«

»Sagt man das?« fragte Mara.

»Allerdings, und ich frage dich nun zum letztenmal, – willst du diesen Menschen, der zwischen uns steht, nun endlich aufgeben oder nicht?«

Und da Mara schwieg, fuhr sie fort: »Bedenke doch, sieben gänzlich vergeudete Jahre hast du nun zugebracht, – natürlich leidet dein Beruf darunter, du siehst ja alt und elend aus, du bist dreißig Jahr, du mußt dich jetzt entscheiden, – nur dieser Mensch steht zwischen dir und deiner Familie.«

»Warum steht er eigentlich zwischen uns?« fragte Mara, »ihr kennt ihn ja gar nicht ordentlich.«

Die Großmutter war einen Augenblick still. »Man kennt einen Menschen nach – seinen Taten, – diese lange Verlobung – ist einfach unsittlich – Marie Agnes.«

»Es kann sein, daß wir im Herbst heiraten,« sagte Mara.

Wieder entstand eine Pause. Mara fühlte, daß die alte Frau vor Zorn und Aufregung zitterte, aber sie konnte ihr ja nicht helfen.

»Es ist nutzlos, mit dir zu sprechen, Marie Agnes, du bist verstockt, – renne also in dein Unglück, ich weiß aus sicherer Quelle, daß dein Bräutigam mit einem schlechten Kumpan ein liederliches Leben an der Nordsee führt und –.«

Mara stand plötzlich kerzengerade auf.

»O, dann muß ich schnell hinreisen, um ihm zu helfen,« sagte sie.

 Die alte Dame blickte sie so fassungslos an, daß Mara einen Augenblick dachte, sie würde vom Stuhl sinken. Sie trat auf sie zu und sagte erschrocken: »Großmutter –.«

Mit zitternder Hand stieß die Alte sie zurück. »Reise doch hin, das ist der Höhepunkt dieser Geschichte – ich prophezeie dir alles Unglück, aber wenn du das jetzt tust, ist es das letztemal, daß du bei mir warst, – geh nur, geh.«

Mara stand unbeweglich neben ihr.

»Großmutter!« sagte sie noch einmal, dann wandte sie sich um und ging aus der Tür.



Peter Rasmussen legte die Feder aus der Hand und lauschte auf das ferne Brausen und Donnern, das unablässig zu ihm drang.

Dort hinter den Dünen, da kam es her. Da drängten die wilden Wasser, vom Sturm getrieben an den Strand und fuhren dann pfeifend und sausend über Steingeröll und Seetang und Brettertrümmer wieder zurück in ihr dunkles Grab.

Peter blickte mit weit geöffneten Augen vor sich hin und lauschte wie gebannt. Kam es näher? oder entfernte es sich?

Da war wieder dieser tiefe Glockenton, der jedesmal seine Seele erzittern machte, wie ein Ruf aus unbekannten Welten, der ihm persönlich galt, aber den er nicht verstehen konnte, und nun kam ein ganzes Orchester von Tönen, anschwellend zu ungeheurer, fast überirdischer Kraft und Schöne – –, er stand unwillkürlich auf und hielt den Atem an, um das letzte jubelnde Finale zu erwarten – – da – da war es! mit einem Todes- und Siegesschrei zugleich brachen sich die hereinstürzenden Wogen am Strand, um dann langsam zurückzurauschen und in fernen Melodien zu verklingen, bis dann die große Glocke in der Tiefe ein neues, mächtigeres Kommen verkündete.

War das ein Abend!

Peter stand an dem niedrigen kleinen Fenster, an dem der Orkan rüttelte, daß die Scheiben klirrten. Er sah in dunkle Nacht hinaus und fühlte in der Finsternis das Meer kommen wie eine riesige ausgestreckte Hand, die mit einem einzigen Griff die kleine Insel ergreifen und in die Tiefe ziehen wollte, – vielleicht mit dem nächsten –.

Er schüttelte eine Art Erstarrung von sich ab und ging durch die kleine Stube.

Vor einem alten Klavier, das in der Ecke stand, blieb er stehen. Fast behutsam, wie ein Dieb, öffnete er den Deckel und schlug ein paar Akkorde an, während ein tiefer Seufzer aus seinem Herzen stieg.

Ebenso vorsichtig, traurig ängstlich, schloß er den Deckel wieder und ging schnell an seinen Schreibtisch zurück, auf dem eine einsame Kerze sein dickes Manuskript beleuchtete. Er hatte vorhin die Feder so hastig hingeworfen, das weiße Papier war mit unzähligen Tintenflecken bespritzt. Peter nahm ein Lineal, und – in Gedanken versunken – zog er feine grade Striche darüber hin und ordnete die schwarzen Punkte in Gruppen und lauschte auf die tosende, brausende Symphonie da draußen und sah im Grunde des Meeres den alten Harfner sitzen mit der großen goldenen Harfe.

Er zog die Schublade seines Tisches auf, kramte hastig unter Maras Briefen, – dann schrieb er etwas daraus ab, aber – seine Hand fing an zu zittern, und plötzlich ergriff er das beschriebene Blatt, zerknüllte es in der Faust und warf es zur Erde.

Er durfte ja keine Zeit mehr verlieren, in fünf Wochen war der letzte Termin, um sein Manuskript einzusenden und was hatte er denn in diesen langen, schönen Wochen geschafft!

So gut wie gar nichts!

Die Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, als er heute abend einmal wieder seine Arbeit übersah, – er hatte sich sozusagen seit Wochen im Kreise gedreht, immer um den einen toten Punkt in der Geschichte herumgeschrieben, immer wieder Blätter auf Blätter vernichtet, schließlich wie in Wut ein paar Kapitel geschrieben, und dann wieder der tote Punkt und wieder alles aus und vorbei.

Er hatte keine Ruhe mehr bei der Arbeit.

Das war es.

Und darum würde auch alles verunglücken.

Diese Ruhe hatten sie ihm genommen.

Mara und Knud.

Seine Geliebte, und sein bester Freund. Das hatte angefangen, als Knud nach München kam, und seiner Schriftstellerei nicht die genügende Achtung zollte. Er bildete sich ein, selbst etwas davon zu verstehen, und er hatte Mara auch gegen seine Arbeit eingenommen, das hatte er, Peter – längst gefühlt.

Es war ein entsetzlicher Gedanke von Mara gewesen, daß sie Knud geraten hatte, sich auch noch an dieser Konkurrenz zu beteiligen. Das war die Krone von allem.

Das hatte ihm den Boden unter den Füßen fortgenommen, denn nun war es wirklich so gekommen, daß Knud, anstatt zu malen, plötzlich angefangen hatte zu schreiben, – eine Skizze – wie er sagte –, ja, und anstatt ihm zu helfen – saß nun dieser Mensch da oben über ihm in seinem Zimmer und schrieb auch.

Das heißt, man wußte nie, ob er eigentlich schrieb oder nicht. Er sprach nie darüber, er war oft tagelang fort, machte Segelfahrten mit den Fischern, spielte die Nächte durch in den Kneipen am Festland, kam mit irgend einer Gelegenheit wieder, – lag Stunden und Tage am Strande, verschwand auf Tage oben in seine Wohnung, war immer liebevoll und treu für ihn, Peter, und untergrub doch seinen ganzen Frieden.

Mehr wie einmal hatte er ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß er Peters Roman – schwach fand. Er hatte das nicht ausgesprochen. Aber Peter fühlte es.

Und Mara – –?

Peter biß die Zähne zusammen.

Daß Mara seinen Roman nicht liebte, das wußte er ja schon lange. Aber sie hatte doch wenigstens treu zu ihm gehalten bis, ja – bis Knud Hansen kam.

Seitdem war alles anders geworden.

Er hatte diesen verborgenen, inneren Kampf ja so lange mit sich herum getragen, aber es gibt eben im Leben verborgene Kämpfe, von denen niemand etwas wissen darf.

Nur hier, diese tobende, brüllende Nordsee, diese hüpfenden, tanzenden Wellen, die ihr Leben in blendendem Schaum verspritzten und versprühten, – die hatten ihm sein Geheimnis entrissen, die höhnten ihn und verspotteten ihn, die klagten mit ihm in Melodien aus Urtiefen des Lebens, – die zerzausten auch sein ganzes theoretisches Gewebe vom Schriftstellertum in lauter flatternde Fetzen, die wollten ihn erbarmungslos zerschellen und fortspülen aus dem Bereich alles Lebendigen!

Peter kämpfte mit ihnen bis aufs Blut, und manchmal, da hatte es ihn erfaßt, – und wenn sie zu laut sangen, dann setzte er sich ans Klavier und übertönte sie mit seinem Spiel in wilden, jauchzenden Melodien und spielte die Dämonen, die seinen Schreibtisch umgaukelten, fort, bis er selbst zu Tode ermattet aufs Lager sank und schlief, um vom Meer zu träumen.

Aber sie sollten ihn nicht unterkriegen.

Er war ein Mann. Er arbeitete nun doch seit Jahren auf dies Ziel los, und er arbeitete mit gutem Gewissen und reinen Händen.

Sie sollten nicht recht bekommen, die ihm alle damals abgeraten hatten, umzusatteln. Alle! War es, weil sie ihm seine Erfolge nicht gönnten?

Wie hatte auch Mara ihn angefleht damals in Berlin, als er halb aus Übermut eine Erzählung für eine Zeitung schrieb und seine ersten dreihundert Mark verdiente! Spielend hatte er sich dann weiter mehrere hundert Mark verdient durch Zeitungsartikel und sarkastische Kritiken, die freilich Mara sehr mißfallen hatten, aber er arbeitete doch nur für Mara, um sie endlich, endlich heimführen zu können, nicht in ein kümmerliches Musikantendasein, nein, in ein Heim, das er mit großen Mitteln glänzend ausgestalten wollte, wie sollte er dies je als Musiker erreichen! Als Schriftsteller winkten ihm eben diese leichten fabelhaften Gewinne – gewann er jetzt diese Konkurrenz, so rissen sich nachher alle Blätter und Verleger um ihn, und Professor Lenthe, dessen Stimme in der Jury galt, hatte ihn gelobt und ihm Mut gemacht.

Es waren ja auch nur Phantome, mit denen er sich hier herumstritt, und daß sie alle behaupteten, Schriftstellerei sei nicht sein wahres Talent und so ein paar Zeitungserfolge hätten gar nichts zu sagen – das war einfach Neid. Wenn nicht diese unselige Reise gewesen wäre, so säße er fleißig in München und schriebe, statt dessen hatte Knud ihm diese ganze Reise geschenkt und setzte sich dann zu ihm und fing auch an zu schreiben, – auf Maras Rat!

Ja, wußten sie denn nicht, daß sie ihn einfach damit vernichteten? Und wenn sie es nicht wußten, wie konnte er es ihnen sagen? Sie hätten ihn nicht verstanden.

Es beteiligten sich ja Tausende von Menschen an dieser Konkurrenz. Es waren Preise ausgesetzt für Romane, für Skizzen, für Kompositionen sogar –, sollte er Knud sagen: bitte, beteilige dich nicht! wo für Knud vielleicht auch das Lebensglück davon abhing?

Horch! Was war das für ein Ton, für ein Gekrach, – stürzte das Haus zusammen? Da, schon wieder, oben in Knuds Zimmer mußte ein Fenster aufgeflogen sein, und seine Wirtsleute schliefen längst.

Ob Knud seine Schreibereien wohl ordentlich verwahrt hatte? Wie leicht konnte ein Windstoß hereinfahren und alles durcheinander treiben –, mochte es, – es ging ihn nichts an, Knud hatte ihn nicht in sein Geheimnis gezogen, was er schrieb und wie er schrieb, – er ging niemals in Knuds Zimmer hinauf, – er wollte sich da nicht hineinmischen.

Horch, jetzt ging eine Tür, – er hörte den Fischer Klaassen herauf tapsen und oben das Fenster schließen, – so war das Manuskript wohl gerettet.

Peter gab sich einen Ruck und setzte sich wieder an seinem dürftigen Schreibtisch zurecht.

Wo Knud wohl war?

Vielleicht am Festland? Vielleicht besuchte er Mara?

Warum hatte ihm Mara so lange nicht geschrieben?

Und warum war sie nur plötzlich wieder bei ihrer Familie?

Ging da eine Versöhnung vor sich? Das konnte doch nur sein, wenn sie ihn aufgab. Sollte – sollte das möglich sein?

Mara war ja so sonderbar gewesen, damals beim Abschied in München, – sollte da wirklich etwas gewesen sein – mit Knud –? Blitzartig stand die ganze Zeit vor seinen Augen, – Knuds Krankheit, Maras Pflege, – und nachher hatte ja Knud jeden Nachmittag bei Mara zugebracht und nur er – er – war mit Blindheit geschlagen gewesen!

 Er stöhnte laut.

Sein ganzes Leben war verhext – Mara verließ ihn, und Knud, den er bei sich aufgenommen hatte, schleppte ihn hierher, und anstatt ihn in Ruhe zu lassen, hetzte er ihn mit dieser Konkurrenz zu Tode.

Es war um wahnsinnig darüber zu werden. Was sollte er tun, – sollte es ihnen gelingen, ihn zu demütigen? Denn anderes konnten sie doch nicht bezwecken.

Er ergriff plötzlich die Feder und fing an zu schreiben, er schrieb die ganze Nacht durch mit eiserner Energie.

Am anderen Morgen fand ihn seine Wirtin eingeschlafen am Tisch sitzend, den Kopf auf die Arme gelegt«

Es gelang ihr nur schwer, ihn zu wecken.

»Herr Rasmussen,« sagte sie dann, als er verstört in die Höhe fuhr, »das taugt nich. – Das viele Sreiben in die Nacht, das is mich ganz und gar nich gut. Nu trinken Sie man Ihren Kaffi und dann legen Sie sich zu Bett, ich weck Ihnen zu Mittag, – aber taugen tut mich das nich.«

Peter nahm ihr stumm das Kaffeetablett ab und ging damit vor die Tür, in die Morgensonne.

Der Sturm hatte sich gelegt, aber alles sah zerfetzt und ermattet aus, wie nach einer wilden Schlacht.

Der Kaffee stärkte und belebte ihn, er hatte das Gefühl, eine schwere Krankheit durchgemacht zu haben. Aber war er denn heute gesund? Mühsam sammelte er seine Gedanken.

Ja, er hatte das zweitletzte Kapitel zu Ende gebracht in der vorigen Nacht, und wenn Knud vorläufig nicht wiederkam, wollte er den Schluß in den nächsten Tagen schreiben.

Wie schön war diese Morgenluft!

Es erfaßte ihn eine Lust, an die See hinunter zu gehn und ein Bad zu nehmen. Er erhob sich und schritt etwas schwankend den schmalen Wiesenpfad entlang, der zu den hohen Dünen führte und dann dort hinüber ans Meer.

Als er fort war, kam von der entgegengesetzten Seite Knud Hansen zurück.

Er hatte sich sehr verändert in den letzten Wochen. Sein Gang war kräftig und elastisch, seine Gesichtsfarbe so gebräunt, daß die Augen noch heller daraus herausblitzten. Er ging mit raschen Schritten, als brächte er eine frohe Nachricht.

Ohne weiteres trat er bei dem Freunde ein, aber er fand die Stube leer.

Knud sah sich um, und ein Blick auf das unheimlich dicke Manuskript sagte ihm, daß Peter fleißig gewesen sei.

Auf der Erde lag ein zusammengeknülltes Papier.

Knud wußte selbst nicht, warum er es aufhob und auseinander faltete, – dann wurde sein Gesichtsausdruck ernst und gespannt, – er war mit zwei Schritten am Klavier und versuchte die kleine Komposition zu entziffern.

Es war ein kleines Lied, und es standen Worte darunter gekritzelt.


»Wenn wild die Wasser toben
Zu mitternächt'ger Stund, –
Dann sitzt mit goldner Harfe
Der Alte tief im Grund. –

Er fährt mit mächt'gen Händen
Über die Saiten her. –
Dann schüttert an allen Enden
Und bebt das ganze Meer.

Und alsobald mit Brausen
Erhebt sich rings umher
Wie Sturmwind Glockenläuten,
Ein Lobgesang im Meer.

Es rauschen hoch die Wellen,
Und übers Land im Wind
Die Melodien schwellen, –
Bis wo dein Herz sie find't –.


»Dein Herz« hatte Peter ausgestrichen und statt dessen »der Tod« geschrieben.

Knud war so erregt, daß er kaum die Worte lesen konnte, und dann fing er an zu spielen, aber seine Hände waren zu unruhig, er sprang auf, verwahrte die Komposition sorgfältig in seiner Brusttasche, blieb noch einen Augenblick ruhig stehen und rief dann laut Peters Namen.

Die Wirtin kam herein und sagte ihm, daß Peter fortgegangen sei. Sie sah Knud mißtrauisch an, Peter war ihr entschiedener Liebling, aber Knud verstand sie doch immer wieder mit seiner Liebenswürdigkeit zu entwaffnen.

Heute hatte er keine Zeit für sie.

Er eilte Peter nach an die See. Im hohen Dünengras fand er ihn ausgestreckt liegend und schlafend.

Er betrachtete ihn besorgt. Die Augen waren so eingesunken und die gerade Nase stand dadurch mehr hervor. Knud war wieder ganz fasziniert von der edlen Schönheit dieses Gesichts, besonders der fein geschweifte Mund interessierte ihn diesen Augenblick, als sähe er ihn zum erstenmal, – diesen merkwürdigen Zug um die Lippen, – wie ein halbes Lächeln, von dem man nicht wußte, ob es Hohn oder Güte war, und diese kraftvolle gedrungene Stirn, in der die verborgenen Schätze dieses seltsamen Menschen wohnten, den Mara liebte. Herr Gott! ja, natürlich. Aber was würde aus diesem Menschen einmal werden?

Knud Hansen hatte ein unheimliches Gefühl, als stünde ein unsichtbarer Dritter zwischen ihm und dem Schlafenden, – den Mara liebte, Mara!

Er machte eine unwillkürliche Bewegung, und Peter erwachte. Merkwürdig.

Knuds Wiedersehensfreude schrumpfte plötzlich zu einem kleinen Haufen grauer Asche zusammen, als er in Peters dunkle Augen sah, die ihn erschrocken und fast feindlich anstarrten. Aber er faßte sich schnell.

»Da bin ich wieder, mein Alter,« sagte er, sich neben Peter ins Gras werfend, »ich habe einen Sack voll Neuigkeiten für dich.«

»Wo warst du denn?« fragte Peter langsam, noch immer halb erstarrt.

»Im Meer, auf dem Meer, unter dem Meer. – ich kenne diese große Sphinx jetzt gut, – – dann auf dem Lande, – du, ich – habe Mara gesehen.«

»Mara,« wiederholte Peter. Hatte er das nicht gewußt?

»Ja, – ich kam nach Dremmelshof, – wir hatten uns beim Segeln verirrt und landeten an Oskar Brentes Strand.«

Knud machte eine Pause.

Aber da Peter schwieg, fuhr er fort: »Oskar war sehr nett und anständig gegen mich, er nahm uns ins Haus, und da fanden wir seine Schwester Oda, Mara und – Fritz Doren –.«

Wieder eine Pause.

»Du weißt doch,« – sagte Knud dann, – »daß Fritz und ich zuletzt als Primaner uns fast duellierten – ich glaube, er haßt mich, aber Mara – deine Braut – begrüßte mich so freundlich, daß er sich überwand und mir auch die Hand gab. Eine ganz komische Gesellschaft waren wir da eigentlich.«

»Und Mara?« sagte Peter endlich.

»Na, du wirst doch alles wissen?«

»Nichts, – du weißt doch, daß zwischen Mara und mir Abmachung ist, nicht öfter als alle vier Wochen zu schreiben.«

»Ich weiß, – also Mara hat Krach mit der Alten gehabt.«

»Natürlich, – ich sagte es ihr ja vorher. Warum geht sie immer wieder hin zu diesen Leuten.«

Knud räusperte sich.

»Ja, was so die Heimat ist, Peter, das ist nun einmal die Heimat, – sie konnte nicht länger bei der Alten bleiben und wollte gleich zu dir; aber sie bekam keine Antwort von dir auf ihre Karte, – sie meinte, die Karte wäre wohl verloren gegangen –? und sie ist zu Brentes gezogen erstmal und wollte nun mit Oda – bei Oskar malen, – ich habe sie überredet, uns aber jedenfalls hier einmal zu besuchen.«

Peter sprang auf.

»Du!« sagte er nur.

Knud blickte an ihm vorbei.

»Ja,« antwortete er ganz gelassen, »Mara hatte solche Sehnsucht nach dir, – sie will bald nach München zurück, – sie möchte dich wohl vorher sehen.«

»Na ja, natürlich,« Peter sprach hastig, erregt, »übrigens, verloren gegangen ist die Karte nicht, ich dachte nur, – sie meinte es so – im allgemeinen, besonders da sie nichts von dem Krach mit der Alten schrieb.«

»Na ja, natürlich, nun wird sie hoffentlich bald kommen, dann sind wir wieder drei wie in München,« sagte Knud, auf dem Rücken liegend und in den Himmel starrend.

»Ich kann nicht arbeiten, wenn so viele Menschen da sind,« rief Peter plötzlich.

»Viele Menschen? Die anderen kommen wohl nicht mit, übrigens Oda Brente sah auch so aus, als ob sie lieber wo anders wär – als zu Hause, und Fritz Doren hat sich den Fuß verknaxt und sieht gottsjämmerlich aus, – Peter, mein alter Kerl, hast du denn feste gearbeitet?«

»Ja, feste, – ich muß auch wieder nach Hause laufen, – du bleibst wohl doch hier am Strande heut vormittag?«

»Ich gedenke noch eine lange Meerandacht zu verrichten, also – auf später.«

Peter eilte mit langen Schritten nach Hause.

Mara kam.

Das war sein einziger Gedanke.

Sie würde ihm gewiß Vorwürfe machen, daß er nicht weiter sei mit seiner Arbeit, aber daran war Knud schuld, der Störenfried, dieser Dritte, der zwischen ihn und Mara gekommen war.

Mara kam.

Sie hatten frohe Tage in Dremmelshof verlebt, sie und Knud, während dessen er in dieser furchtbaren Einsamkeit um Sein und Nichtsein gerungen hatte. Aber, mochten sie sich amüsieren, sie sollten ihn nicht vom Wege locken, und wenn sie ihn störten, dann würde er es sein, der ging. Ja, er würde gehen! Das war ein erlösender Gedanke. Ganz gleich wohin.

Aber hier konnte er seine Arbeit nicht fertig bringen, das wußte er, wurde er denn überhaupt fertig?

Die nächsten Tage brachten keine Nachricht von Mara. Knud lag am Strande und Peter saß auf seinem Zimmer und schrieb. Bei jeder Tür, die ging, erwartete er Maras Erscheinen.

Er wurde noch nervöser dadurch.

Und der Schluß, der Schluß zu seiner Geschichte!

»Ich weiß keinen Schluß,« sagte er einmal ganz laut vor sich hin.

Gibt es denn im Leben immer einen Schluß bei solchen Geschichten?

Da war doch eigentlich weder Anfang noch Ende genau zu bezeichnen, und im Leben gab es einen Romanschluß – doch fast nie. Es würde immer etwas übrig bleiben zu sagen, was sich in Worten kaum sagen ließ, – da war es anders mit der Musik, – bei einer großen Symphonie, da fühlte man den Schluß, das Ausklingen, und jeder Mensch kämpfte die Sache still mit durch und brauchte das Ende – den großen, entsetzlichen Schlußakkord nicht in banale, ohnmächtige Worte zu fassen.

Großer Gott, wie seine Seele nach Musik dürstete und lechzte in dieser Zeit.

Eines Abends, als er wußte, daß Knud mit einigen Schiffern fortgesegelt war, setzte Peter sich wieder ans Klavier und fing an zu spielen.

Als er endlich, nach mehreren Stunden erschöpft aufhörte und sich zurück ins Zimmer wandte, standen Mara und Knud in der Tür.

Mara kam auf ihn zu mit großen, erschrockenen Augen und küßte ihn, er ließ es willenlos geschehen. Er war wie erstarrt und blickte die Freunde ganz entgeistert an.

Knud brach die Stille. »Peter,« sagte er erregt, »es hilft nichts – ich muß es dir noch einmal sagen, du hast so wunderbar gespielt, du, – es ist überhaupt eine Todsünde, daß du die Musik hast liegen lassen! Ich habe es dir schon tausendmal gesagt, aber heute beschwöre ich dich! Wirf doch dein Manuskript fort! Um Gotteswillen wirf es ins Meer und schreibe auf, was du heute, was du in all dieser Zeit komponiert hast! Es ist nicht zu spät! Sei ein Mann und kehre um!«

Peter blickte stumm von einem zum andern, dann schob er Mara fort und war im nächsten Augenblick aus der Tür verschwunden.

»Mein Gott, was haben Sie getan!« rief Mara jetzt erschrocken, »wie konnten Sie ihn so anfahren, wo ist er nun geblieben – –«

Knud hatte sich auf einen Stuhl geworfen.

»Kinder,« sagte er, »habt ihr denn gar kein Gefühl mehr für das, was Kunst ist, seid ihr denn in diesen drei Jahren so total versimpelt und versandet und verballhornt, daß ihr so'n Menschen, wie Peter, da an einen Schreibtisch setzt und ihn Romane schreiben laßt, wo er der Musik gehört und, – aber verzeihen Sie, Fräulein Mara, – ich hatte Sie ja darauf vorbereitet, daß mit Peter eine Wandlung vorginge, seit er hier ist, aber diese wundervolle Symphonie, die wir eben hörten, hat mich ganz aus dem Sattel gehoben, – die Geschichte ist ja einfach – zu dumm, zu dumm.«

Mara sah fast so verstört aus wie ihr Verlobter.

»Ich will Peter suchen,« sagte sie nach einer Weile mit seltsam ruhiger Stimme und ging langsam fort.

Peter eilte planlos in den Dünen umher.

Er befand sich in furchtbarer Aufregung.

Schließlich warf er sich ermattet ins Dünengras und versuchte sich klar zu machen, was geschehen sei. Er war noch ganz im Bann seiner eigenen Komposition, und da stand plötzlich Knud wie ein Racheengel vor ihm und beschwor ihn, weiter zu komponieren, und Mara stand da und sah ihn mit großen, flehenden Augen an, oder war es gar nicht Mara gewesen? War es eine Erscheinung gewesen? War es das Schicksal, das ihn rief?

Er griff sich mit den Händen an die Stirn – wurde er verrückt?

»Mein Gott!« stöhnte er, »was willst du von mir?« –

Er lag wohl eine Stunde da, die Nacht brach herein, warm und duftig, über das dunkle Meer warf das Mondlicht eine breite Silbersäule, da hörte Peter Schritte sich nahen und erkannte von ferne Maras Gestalt.

 Sie war es wirklich, und nun war ihm auch alles wieder klar.

Knud hatte sie überredet, zu kommen, und Knud wollte ihn jetzt überreden, die Arbeit, auf die er seine Zukunft gründete, der er seit Jahren Zeit, Kraft, Seele, alles, mein Gott, alles opferte, und die in wenigen Tagen fertig sein würde, ins Meer zu werfen. Warum nur? Damit er die zehntausend Mark nicht bekam und Mara nicht heiraten könnte. Ob Mara –

Da war sie schon neben ihm, ihre Gestalt erschien ihm in der Dunkelheit so groß, und wie schön sie war, schöner noch als früher – eine Erschütterung ging durch seinen Körper und eine Bitte wollte sich von seinen Lippen ringen, aber er blieb stumm und richtete sich nur halb auf, als sie sich jetzt neben ihm niederließ.

Sie faßte nach seiner Hand.

Er ließ sie ihr und sie streichelte sie sacht. Sie blickten beide über das Meer hinaus und waren stumm.

Wird er mich denn gar nicht begrüßen, dachte sie.

Sie fühlte, daß sie es sein mußte, die das Schweigen brach, er, zu dem sie sonst aufschaute, kam ihr heute so verlassen vor, wie ein kleines Kind. »Was ist es nur zwischen uns!« wollte sie sagen, aber sie sagte nur: »Wie geht es dir denn?« Und als er schwieg – »war es dir auch recht, daß ich kam? Ich will nach München zurückreisen in den nächsten Tagen und – sehnte mich, von dir und deiner – Arbeit zu hören, – wann kannst du mir lesen? Ich bin so furchtbar gespannt auf alles.«

Peter hätte weinen mögen, weinen wie das Meer, das dort unten zu ihren Füßen so unaufhörlich weinte und seufzte.

Er bezwang sich mühsam.

»Du hörtest ja, was Knud sagte, – ins Meer soll ich's werfen, wahrscheinlich findest du das auch.«

»O Peter, wie kannst du das denken, du warst doch zuletzt so schön im Zug in München, und daß du inzwischen – musizierst – das – das – ist doch nur schön.«

»Ich war auch in München gut im Zug, aber du – weißt, daß Knud auch geschrieben hat?«

»Ja, er erzählte es mir, ich bin so froh darüber, daß er wieder arbeitet, das ist sicher nur dein Verdienst, aber er ist ja sehr unzufrieden mit seinem Machwerk, – außerdem – seid ihr – ist seins ja höchstens eine Skizze und deine ein dicker Roman, also von – Konkurrenz ist doch zwischen euch keine Rede.«

»Die ganze Sache ist ja ein Konkurrenzausschreiben. Mara, – eigentlich eine teuflische Einrichtung. – um die Menschen verrückt zu machen, wahnsinnig, wie kann man nur in kurzer Zeit etwas Gutes, Durchgearbeitetes schaffen! Wenn ich diese Arbeit nicht seit drei Jahren unter den Händen hätte, würde ich sie ja auch nicht einreichen, aber – es ist sehr die Frage, ob ich fertig werde, – Mara, – du – es ist ja schon so spät, – wo wohnst du denn?«

»Im Dorf, – Knud hat für mich ein Stübchen genommen beim Schuster Jens, und für Oda Brente, die morgen kommt. – ich muß jetzt nach Hause gehen, es ist nach zehn Uhr schon, kommst du mit? oder bist du zu müde, eine halbe Stunde geht man ja noch bis zu eurer verlassenen Kate – hier dicht hinter den Dünen.«

Sie hatten sich beide erhoben und schritten nun hinter einander einen schmalen Pfad durch die Dünen hinab. Mara ging voran. Peter folgte ihr. Nach einer Weile fing er an, sie zu fragen, nach ihrem Aufenthalt bei der Großmutter, und sie erzählte ihm alles, aber sie sprachen beide wie im Traum und keiner hörte recht, was der andere sagte. Zwischen ihnen ging der Dritte.

Das Mondlicht fiel blendend auf ihren Pfad und beleuchtete scharf ihre beiden hohen Gestalten. Knud Hansen lag in seinem offenen Fenster und sah sie von ferne und wunderte sich, warum Mara so gebückt ging. als trüge sie eine schwere Last.



Im weichen Sand am Strande lagen Mara und Oda Brente lang ausgestreckt.

In einiger Entfernung bauten Fritz Doren, Oskar Brente und Knud Hansen eine Sandburg und freuten sich wie Kinder, wenn eine gefühllose kalte Welle den stolzen Bau vernichtete und sie überschwemmte. Es ging ein heftiger Wind, aber der Himmel war noch blau und die Sonne schien strahlend.

»Wann will Rasmussen denn lesen?« fragte Oda plötzlich ihre schweigende Freundin.

»Ach, ich weiß nicht, ob er's überhaupt tut,« antwortete Mara.

»Er hat es mir gestern abend versprochen – aber weißt du, Hansen soll auch lesen, das wird furchtbar interessant, – ich wäre dafür, daß es heute abend geschieht, wir wollen deinen Vetter Fritz zu Rasmussen schicken, damit er ihn dazu bringt, – ach, wenn sie in Dremmelshof und Bucheneck ahnten, wie urfidel wir hier alle sind, ist Rasmussen eigentlich gar nicht eifersüchtig auf deine große Freundschaft mit Vetter Fritz?«

Mara richtete sich auf und sah Oda erstaunt an, sie war von ihren eigenen Angelegenheiten so hingenommen gewesen die letzte Zeit, daß sie ganz vergessen hatte, sich mit Oda und Fritz zu beschäftigen, – sie hatte wohl gemerkt, daß Oda die stille Werbung ihres Vetters zu beachten begann, aber Fritz hatte ihr doch gesagt – höchstens in zwei Jahren – und nun? Oda blickte unverwandt in die Himmelstiefe, so sagte Mara nur: »Bitte, brauche nie dies entsetzliche Wort Eifersucht, – schon der Klang ist so gemein, so gewöhnlich –«

– »Mara, Geliebteste, in jeder wahren Leidenschaft muß Eifersucht sein, sonst weißt du nicht, was lieben heißt.«

»Weißt du es denn?« wollte Mara fragen, aber sie schluckte die Worte hinunter, es gab ein Thema auf der Welt, über das sie nicht gern sprach. – Das war Liebe, – die Auffassung der Menschen darüber erschien ihr derartig profan und gewöhnlich, daß sie wirklich nicht wußte, was sie daraus machen sollte. Sie konnte sich auch kein Bild davon machen, wie Fritz und Oda sich verloben wollten, so lange Lieschen Meier da war. – Fritz hatte dies Thema nicht wieder berührt, – aber vielleicht wollte er sich ja mit Oda hier auf Hölup aussprechen? Würde Oda es tun trotz Lieschen?

Merkwürdig! Überall ist dieser geheimnisvolle Dritte, von dem der alte Häberle sprach, dachte Mara, – zwischen Fritz und Oda ist es das unglückliche Lieschen, aber wer ist es zwischen Peter und Knud? Und wer ist es zwischen Peter und mir?

Wie hatte er sich verändert, seit er hier auf der Insel war, als hätte eine Nixe aus dem Meer ihn umgarnt, was hatte Knud aus ihm gemacht! War Knud sein böser Geist?

Und was war es zwischen Knud und Peter! Was konnte zwischen eine solche Freundschaft kommen?

Mara wußte nicht mehr, ob Peter und Knud sich liebten oder haßten, es war alles so merkwürdig jetzt und so verworren und dunkel, scheinbar führten sie hier alle ein so urfideles Leben, wie Oda sagte, und im geheimen ging jeder mit seiner großen, bitteren Last umher und keiner zeigte sein wahres Gesicht, und Mara hatte das Gefühl, als ob sie sich alle zusammen immer fester in ein großes, unsichtbares Netz verwickelten, aus dem kein Entrinnen mehr möglich war.

Die Herren traten jetzt zu ihnen, und Oda bat Fritz Doren sofort, zu Peter zu gehen und ihn zu bitten, heute abend auf ihrer Veranda vorzulesen.

»Sonst müssen Sie lesen, Herr Hansen,« sagte sie schließlich.

»Warum nicht?« gab Knud gleichmütig zurück, »ich bin seit gestern abend fertig.«

»Was fertig?« riefen alle aus einem Munde, »nicht möglich! Und das sagt uns der Mensch gar nicht! Baut hier den ganzen Morgen Sandburgen wie ein Kind und verrät das größte Ereignis der Woche nicht.«

»Holla!« rief Fritz, »also einer von unseren Dichtern ist durch, – na, wir haben euch die letzten acht Tage auch hübsch in Frieden gelassen, – Mara hat ihren Verlobten kaum gesehen, – ein netter Zustand eigentlich, wenn man verlobt ist, nicht wahr, Fräulein Brente? was? Sie finden das ganz passend? Na, ich danke, – ich werde mir meinen Vetter in spe jetzt mal langen, – wenn Hansen fertig ist, wird er wohl auch fertig sein, – also – au revoir, Herrschaften.«

»Wird auch Zeit,« sagte Knud wieder, »in vierzehn Tagen ist der letzte Termin, und der Schluß muß doch noch wieder abgeschrieben werden.«

»Fritz –« rief Mara, »bleib du hier, ich will zu Peter gehen und ihn fragen.«

»Allright – Fräulein Oda, wollen Sie denn jetzt die Burg beziehen, die ich für Sie gebaut habe?«

Mara hörte noch Odas lustiges: »Erst anschauen – und dann beziehen –,« dann verloren sich die Stimmen und sie schritt allein am Strand entlang. Aber da kam ein eiliger Schritt hinter ihr her. Sie wußte wohl, wer es war.

»Quälen Sie ihn nicht mit dem Vorlesen,« bat Knud, neben ihr gehend.

»Warum soll er nicht lesen?« gab sie zurück, – »es wird ihn stärken, wenn sich alle daran freuen, ich selbst habe ihm noch sehr zugeredet gestern.«

Knud sah sie verzweifelt an.

»Wer weiß –« fing er an.

Mara unterbrach ihn. »Sind Sie denn Ihrer Sache so gewiß, daß Sie so bereitwillig lesen wollen?«

Er blieb stehen.

»Adieu, Fräulein Mara,« sagte er leise und sprang mit ein paar Sätzen über die Dünenabhänge fort.

Was hat er nur, dachte Mara, hat er überhaupt etwas Ordentliches geschrieben, er ist zu sonderbar.

Peter saß und schrieb. Sein Gesicht war noch schmaler geworden und hatte in den letzten acht Tagen einen ganz undurchdringlichen Ausdruck angenommen. Weder Knud noch Mara hatten wieder mit ihm über Musik gesprochen, er hatte sich tagsüber in sein Zimmer verschlossen und schrieb an – seiner Arbeit. Er lehnte die Bitten zum Vorlesen sofort ab und lachte etwas, als es hieß, daß Knud vorlesen wollte, »aber dazu komme ich jedenfalls« – sagte er dann.

Der Abend dieses Tages fand die ganze Gesellschaft auf Oda Brentes Balkon versammelt, auch Peter erschien – nur der Autor und Vorleser Knud Hansen fehlte noch.

Fritz Doren hatte Bier und Limonade bestellt, endlich kam Knud an, eine Mappe unter dem Arm tragend.

Er sah blaß und hager aus und war ganz gegen seine Gewohnheit nervös und aufgeregt. »Erstens bin ich kein Schriftsteller,« sagte er laut, »wie hier – Peter bezeugen kann, und hier kann ich nicht lesen – nennt ihr dies etwa stimmungsvoll? Diese Engigkeit und diese Fliegen – Gott, Kinder, kommt doch ans Meer, – wir nehmen eine Laterne mit, dabei lese ich, wenn's dunkel wird, es ist ja stickend heiß diese Nacht, der Wind hat sich ganz gelegt.«

»Ja, ans Meer, ans Meer,« riefen sie alle.

Sie wanderten über die Dünen an den Strand, und bald darauf hatten sie sich an einem Dünenabhang alle niedergelassen, es war ein brütend heißer Abend, das Meer lag wie ein Spiegel da voller Erwartung und Stille. Als alle sich gelagert hatten, nahm Knud Hansen seine Mappe auf die Knie und zog einzelne Blätter hervor.

»Es ist nur eine Erinnerung aus meinem Leben drüben,« sagte er, »aber – wer weiß – vielleicht ja zehntausend Mark wert!« dazu lachte er auf, dann warf er noch einen blitzschnellen Blick über seine Zuhörer, ehe er zu lesen begann; – er sah Peter Rasmussens weißes Gesicht mit den glühenden dunklen Augen und dem spöttischen Mund, dessen Lächeln sein Herz ganz kalt machte, er sah Maras weit offene Augen, ebenso still und erwartungsvoll wie das Meer, – er sah Fritz Doren und Oda – die sich liebten – und den guten dicken Oskar, der sicher Mara liebte und seine Zigarre, – wie konnte man Mara lieben, – etwas Hoffnungsloseres gab es doch gar nicht, ebenso gut konnte man ja das Meer lieben, – sich berauscht in seine Arme stürzen – damit es im nächsten Augenblick kühl lächelnd einen in die Tiefe zog und vernichtete –, alles dieses dachte Knud blitzartig schnell, – dann sagte er laut: »Also aufgepaßt, – es ist, wie gesagt, heller Blödsinn, was ich da schrieb, – ein Erlebnis, das ich in Amerika hatte, als ich Kellner war, – also hört zu.«

Er las rasch und hastig, aber nach und nach wurde seine Stimme ruhiger, und bald war er selbst von seiner Erzählung so hingenommen, daß er seine Umgebung völlig vergaß.

Er merkte nicht, wie sie stiller und stiller wurden, er sah nichts von Maras glänzenden Augen, er sah nicht, daß Peter sich hintenüber gelegt hatte, die Hände unter dem Kopf verschlungen, die Augen geschlossen, er sah nicht die todernsten Gesichter von Oda Brente und Fritz Doren, und daß sie jetzt Hand in Hand saßen, er sah auch nicht Oskar, der die ausgegangene Zigarre zwischen den Fingern hielt, – er las und las, bis es ganz dunkel wurde, – jemand zündete schweigend das Licht in der Laterne an. Knud stellte sie neben sich und las weiter, las auf Leben und Tod.

Und auf Leben und Tod ging seine Erzählung auch, man fühlte sofort das Wahre daran, das selbst Durchlebte und Durchrungene, man machte die furchtbaren Kämpfe des von Gott und Menschen verlassenen Mannes mit durch und wartete atemlos auf die Entwirrung dieses Schicksals.

Einmal hörte Knud auf zu lesen, er sprang in die Höhe und sagte laut: »Genug, genug – –«

»Weiter,« sagte Fritz Doren mit heiserer Stimme, und Knud warf sich wieder in den Sand und las beim Schein des kleinen Lichtes weiter.

Die Nacht kam schwer und groß herauf.

Gegen Mitternacht fing das Meer an unruhig zu werden, und in der Ferne, weit, weit grollte ein Ton – und dann plötzlich warf Knud seine Blätter zusammen und sagte: »Ich kann nicht mehr, – morgen abend den Schluß. »

Und ehe die Zuhörer sich gefaßt hatten, lief er, die Mappe unter dem Arm, fort.

Schattenhaft sahen sie seine Gestalt in der Sommernacht verschwinden. Nur langsam schüttelten sie den Bann, der sie gefangen hielt, von sich.

Oskar Brente murmelte etwas Unverständliches und folgte dann Knud mit starken Schritten. – Fritz Doren und Oda Brente sahen sich entgeistert an, dann gingen auch sie, Hand in Hand, – nur Mara stand noch und blickte auf den regungslos liegenden Peter.

Ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie konnte lange nichts sagen.

Dann ermannte sie sich.

»Kommst du nicht mit – Peter?« sagte sie leise, »sie sind alle schon fort.«

Peter sprang in die Höhe. Mara sah seine Augen dicht vor sich, und plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht Peter stünde vor ihr, sondern ein Geist aus der anderen Welt, ein dämonisches Licht blitzte sie an – nur für eine Sekunde – aber es machte ihr Herz erstarren, und sie dachte einen Augenblick, sie müßte vergehen.

Sie versuchte etwas ganz Einfaches zu denken, zu sagen, und sie hörte ihre Stimme wie aus weiter Ferne stammeln:

»Ich glaube, es kommt ein Gewitter – wollen wir nicht nach Hause gehen, lieber Peter?«

Da schüttelte sich die Gestalt vor ihr, sie hörte ein Stöhnen, und dann sagte Peter mit fremder Stimme: »Ja, nach Hause.« Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, dann legte er den Arm um sie und führte sie. Nach einer Weile sagte er: »Mara –, – Mara –!«

Aber sie vermochte nichts zu antworten, sie lehnte sich an ihn im Schreiten und fühlte, daß dicht hinter ihnen eine Gestalt ging, sie wandte sich nicht um, aber sie sah sie trotzdem, sie sah lange, graue, angelegte Flügel und hörte die leisen, triumphierenden Schritte.

»Der Dritte,« dachte sie schaudernd.

Wer war es?

Peter sprach auch nicht mehr, er brachte sie nach Hause und gab ihr zum Gute Nacht die Hand.

»Morgen – der Schluß,« sagte er mit abgewandtem Gesicht.

Dann trennten sie sich.

Peter schritt langsam durch die Nacht nach Hause. Der Wind nahm an Stärke zu, dunkle Wolken fingen an das Firmament zu bedecken und warfen ihre Schatten auf die Erde und auf das Meer. Peters Füße fanden den Weg, seine Augen sahen nichts mehr.

Der Donner fing an zu grollen, und hinter den Dünen erhob sich der Harfengesang im Meer.

In seiner Kate sah er Licht schimmern.

Seine Wirtsleute waren auf, der Donner hatte sie geweckt.

Peter warf einen Blick nach Knuds Fenstern hinauf, sie standen weit geöffnet, aber es war dunkel im Zimmer.

»Herr Hansen ist noch einmal wieder ins Dorf gelaufen, er will wohl die Nacht um die Ohren schlagen, gut ist das nich, Herr Rasmussen, und wenn nu das Gewitter kömmt, – Herr Rasmussen, wollen Sie die Fenster bei Herrn Hansen oben schließen? Sonst kömmt uns all der Regen rein, und wenn Herr Hansen ins Wirtshaus ist, kommt er doch erst spät wieder.«

»Ja,« antwortete Peter mechanisch.

Er ging die Stiege hinauf und stand nun in Knuds Stube. Der Schreibtisch stand am offenen Fenster, darauf lag hingeworfen die offene Mappe und die zahlreichen Manuskriptbogen.

Ein Blitz überquerte den ganzen Himmel und die ersten schweren, großen Regentropfen fielen zur Erde.

Peter stand am Fenster und blickte hinaus. Jetzt ein Gewitter, dachte er, und ein Blitzstrahl, und ich und das ganze Haus vernichtet in einer Sekunde. –

Er erschrak über seine Gedanken, und sein nächster Blick fiel auf Knuds Manuskript.

Wie er so die Blätter ansah, war ihm, als hörte er ein sonderbares Tönen und Brausen. Er wußte wohl, was es war.

Es war derselbe Klang in diesen Blättern, wie drunten, tief, tief im Meer der Alte mit der goldenen Harfe, den auch niemand sah. – in diesen Blättern saß er auch und griff in die Saiten und ein Glockenläuten hub an und dröhnte durch die Welt, und die Herzen der Menschen erzitterten und ihre Ohren lauschten wie gebannt. Der Klang, der Schrei aus der Tiefe, der alte Riesenkampf des Menschen mit Gott und dem Satan, der erhob sein Feldgeschrei in dieser Erzählung von Knud Hansen, und jeder Mensch wußte: das ist auch mein Kampf, den muß auch ich rettungslos einmal bestehen, heute oder morgen, und für wen wird meine Entscheidung fallen, für Gott oder den Satan.

Peter legte seine langen, abgemagerten Finger auf das Manuskript. Da, hier, lag der Sieg des Freundes.

Der glänzende Sieg. Wie knapp und meisterhaft war der Stil, aber Stil hin und Stil her – es war das unerbittliche, glanzvolle Angesicht der Wahrheit, was aus diesem Schicksal hervorblickte, und das machte die Sache so groß.

War das ein Blitz!

Der Himmel wurde auseinander gerissen, Peter machte das Zeichen des Kreuzes über sein Gesicht. Ja hier, unter seinen Fingern lag der Sieg des Freundes, und lag seine Niederlage, sein Tod.

Es nützte nichts, daß er sich sagte, dies sei ein Hirngespinst von ihm, – seine Arbeit wäre gut und tüchtig und es sei vollständig gleichgültig, ob zufällig Knud Hansen auch eine Novelle und zwar eine gute geschrieben habe, – es würden sicher viele Tausende von Romanen eingeliefert zu dieser großen Konkurrenz, die Chance zum Gewinnen war für ihn nicht anders geworden als früher, auch war gar nicht zu wissen, ob nicht die Jury seine Arbeit besser finden würde als Knuds, – das mit der Harfe, das brauchte ja nicht jeder zu hören, – das konnten überhaupt nur solche hören, die von dieser großen Harfe etwas wußten, und das waren immer nur die wenigen – o wie ihre Saiten rauschten und brausten in dieser Nacht und selbst das Geroll des Donners übertönten, – ja, alles das konnte sein, und doch und doch, – in dieser Stunde wußte er es mit unumstößlicher Gewißheit. Knuds Erzählung würde den Sieg erringen und – sie hatte seine vernichtet!

Das war kein Hirngespinst. Das war Tatsache. Und wenn auch tausend Menschen vor ihm stünden und ihm das Gegenteil sagten, – er wußte, daß die eine Arbeit gut war und die andere schlecht.

Von dem Moment an, wo Knud angefangen hatte zu schreiben, wo sie beide, wie er lachend gesagt hatte: wettarbeiteten, – von dem Augenblick an war seine Arbeit schlecht geworden. Hätte Knud, wie beabsichtigt war – gemalt, – dann hätte er in Ruhe weiter schreiben können. Aber so – hatte er nicht gekonnt.

Das hätten sie nicht tun dürfen! sagte Peter sich immer wieder. Das hätten sie nicht gedurft!

Sie, seine besten Freunde, Knud und – Mara! Sie hatten ihn zu Tode gehetzt durch dieses Wettschreiben, und sie kannten ihn doch und wußten, wie er war, sie hätten seinen Seelenfrieden nicht stören dürfen!

Sie hatten ihm nun alles genommen! Sie hatten sich von Anfang an gegen ihn verbündet, – Mara war immer auf Knuds Seite gewesen, und es war eine Eingebung des Teufels gewesen, als Knud sich entschloß, ihm den Preis abzuringen.

Denn anders war es doch nicht.

Knud, den er so geliebt hatte! den er vom Tode des Verhungerns gerettet hatte, – nun konnte er nicht anders, als ihn hassen.

Seine Hand lag noch immer auf Knuds Manuskript, und er sagte sich, daß er Knud haßte.

Dieser Feind, der sich als Dritter zwischen ihn und seine Arbeit gedrängt hatte, ihn vom Tisch des Lebens verdrängt und sich selbst daran gesetzt hatte und gegessen das lebendige Brot. Dieser Mensch, der ohne Pflichtgefühl sich durchs Leben trieb, der gar keinen Beruf hatte, dem es egal war, ob er Kellner oder Maler oder gar nichts war, der nur zur Abwechselung mal Geschichten schrieb und dem es einerlei war, ob er sich tausend Mark oder zehntausend verdiente, – der hatte sich in sein Heiligtum, in seine Werkstätte gedrängt und ihm das Handwerkszeug aus der Hand genommen.

Und Mara hatte zugesehen!

Mehr noch – er hatte ihm Mara genommen . . .

Hatte das nicht eingeschlagen – eben? Kam nirgends wo ein Feuerschein? Blieb alles Nacht, wie zuvor? – –

Er hatte Mara gegen seine Arbeit eingenommen. Von Anfang an. Und dann kam er immer und schlug ihm vor, er sollte das Schriftstellern aufgeben und wieder Musiker werden, und Mara, die früher ganz mit ihm gegangen war, hatte dasselbe gesagt, sie – die wußte, welches Opfer er damals gebracht und warum er es gebracht –, es war zu viel! Es war zu furchtbar! Seine beiden besten Freunde! Wenn sie gefunden hatten, daß er solch ein Stümper war, warum nicht offen es sagen, von Anfang an, und wer gab ihnen das Recht dazu, so klein von ihm zu denken? Wer? Professor Lenthe, der sein Werk gelesen hatte, der fand es eine gute Arbeit, andere Kameraden auch, und nur diese beiden, die wollten ihn nicht gelten lassen? Wie kam das eigentlich?

Was konnte das für einen Grund haben?

Doch nur den einen – den er nicht auszudenken wagte! Und in ihrer Angst, sich zu verraten, waren sie so freundlich zu ihm, heuchelten Interesse für seinen Roman und ließen ihn diese Höllenqualen leiden.

Da lag das Manuskript vor ihm, der Himmel war ein Flammenmeer, und er sah es immer liegen, – wie hatte sich Maras ganzes Herz dieser Erzählung zugewandt und geöffnet!

Dieses verfluchte Manuskript!

Es grinste ihn an, es war sein Mörder, er konnte es wieder töten, er konnte mit zwei Händen diese Blätter zusammenraffen und herauswerfen in Regen und Sturm und sie vernichten.

Der Tisch, auf den er sich stützte, bebte unter der Wucht des Druckes und Peter selbst bebte vom Kopf bis zum Fuß.

Horch, horch, wie wild die See war, o diese schwarzen Riesenwasser, die ans Land stürzten, und doch, was sind sie gegen die Untiefen in der eigenen Brust, die sind ja viel, viel schwärzer und viel bitterer als die bitterste See, hieß sie nicht Mara? –

Unten standen der Fischer und seine Frau mit ihren Kindern und starrten besorgt ins Unwetter hinaus.

»Der Herr Rasmussen sollt lieber herunterkommen, 's wird immer ärger,« sagte die Frau, – da kam er grad die Stiege hinunter, und sie sahen sein weißes Gesicht im Blitzesschein, er ging in seine Stube, ohne ein Wort zu sagen.

»Ob er die Fenster zugemacht hat oben, Vater? Sieh noch mal zu.«

Fischer Klaassen ging hinauf und kam wieder und sagte: »Ick will doch noch an Rasmussen seggen –« und trat in Peters Stube – und da – in diesem Augenblick geschah das Furchtbare, – ein donnerndes Krachen und Licht, blendendes, tanzendes Licht und dann Rauch und Prasseln und eine Feuergarbe zum Dach hinaus. – –

Die Dorfbewohner der kleinen Insel sahen den Feuerschein, und alles stürzte herbei. Aber als sie bei der Brandstätte anlangten, war schon alles vorbei. Die Wut des Gewitters war jetzt gebrochen, die Menschen hatten ihr Leben gerettet, die Fischerkate war das Opfer und jetzt nur mehr ein qualmender Trümmerhaufen, von schreienden, rufenden Menschen in strömendem Regen umlagert.

Es war nichts mehr zu retten gewesen, und doch sah man jetzt noch einen Mann mit angesengten Kleidern und geschwärztem Gesicht durchs Feuer springen – es war Knud Hansen, – er stürzte auf eine Gruppe von Menschen los, unter denen er Peter erkannte –.

»Peter,« schrie er, »mein Manuskript, mein Manuskript.«

»Um Gottes willen.« sagte Maras Stimme, »wo ist es?«

»Peter, mein Manuskript,« schrie Knud wieder und schüttelte den Freund an den Schultern.

Peter sah ihn verständnislos an. »Ich weiß nicht,« murmelte er.

»Aber deines hast du doch unterm Arm, Peter,« flehte Mara, – »hast du nicht Knud seins auch?«

»Ach Gott, ach Gott,« jammerte die Fischerfrau, »nix als das büschen Leben gerettet, aber Gotts Dank, wie sünd ja versichert, lieber Herr, wie sünd versichert.«

»Meine Schreiberei,« schrie Knud die Frau an, »meine Arbeit, – oben auf meinem Schreibtisch.«

»Ach Gott, ach Gott, Herr Hansen, Herr Rasmussen war ja die ganze Zeit oben in Sie Ihre Stube, er hatte die ol Geschicht unterm Arm, als er herunter kam, ganz gewiß, ich hab's gesehen, oben war sie nicht mehr.«

»Dann hat Peter sie irgendwo hin gerettet,« sagte Mara bestimmt, »beruhigen Sie sich, Knud, – – o Peter, dir fehlt doch nichts? Du bist so weiß und still, – Knud, wir müssen ihn nach Hause bringen, Sie sehen doch, er ist krank – er fällt ja um, Peter, Peter, komm zu dir, sag etwas!«

Sie umfaßte ihn, der wie eine Bildsäule stand, eine schwarze Mappe fest unter den einen Arm gepreßt.

Knud warf ihm einen hoffnungslosen Blick zu. »Mein Manuskript,« sagte er leise.

Er setzte sich auf einen Stein und verbarg das Gesicht in den Händen.

»Mensch,« sagte Oskar Brente plötzlich heftig, »was kneipst du auch die ganze Nacht durch und läßt deinen Schatz hier verbrennen, es ist lediglich deine Schuld.«

Knud antwortete nicht, die Menge schrie und tobte durcheinander, bei der Kate war nichts mehr zu machen, die Grundmauern umgaben einen qualmenden Trümmerhaufen.

Es war vier Uhr morgens, als sie alle zusammen durchnäßt und verstört zurück ins Dorf wanderten, Fritz Doren und Mara unterstützten Peter, der nur schwankend ging.

»Die Erschütterung,« murmelte Fritz, und Mara fügte leise hinzu: »Und gänzliche Überarbeitung.«

In Maras Stube richteten sie ihm ein Bett her, Mara zog zu Oda.

Bald hörte draußen der Regen auf, ein frischer Sturmwind fegte die Wolken auseinander, im Morgensonnenglanz lag die kleine Insel da und die Wellen hüpften lustig auf der tiefblauen See durcheinander.

Gegen neun Uhr kam Knud Hansen und fragte nach Mara.

Nach einer Weile kam sie aus der Tür und setzte sich zu ihm vors Haus auf eine weiße Bank.

Knud erschrak, als er sie kommen sah.

»Zehn Jahre älter,« dachte er.

Er selbst fühlte sich elend und sterbensunglücklich, aber sie nahm gar keine Notiz von ihm. Sie saß und starrte vor sich hin.

»Wie geht es Peter,« sagte er nach einer Weile.

»Jetzt schläft er,« antwortete sie mit trockener Stimme, »er war zuerst ganz wie betäubt, – es ist ja ein Wunder – daß er nicht tot ist.«

»Ja, ein Wunder,« wiederholte Knud. »Er hat mir noch gesagt,« fuhr Mara mit derselben Stimme fort, ohne aufzublicken, »daß die Fischerfrau ihn bat, in Ihre Stube hinaufzugehen, um nach den Fenstern zu sehen. Das hat er getan und hat Ihre – Manuskriptbogen – die lose umherlagen, zusammengerafft, – der Sturm konnte ja alles fortfegen –. Ob er sie in die Mappe getan hat oder nicht, erinnert er sich nicht mehr, – er dachte, das Gewitter ließe nach und ging hinunter – dann glaubt er, daß der Fischer noch zu ihm hereinkam, – und dann kam der Schlag, er hat instinktiv sein Manuskript, das auf einem Tisch lag, ergriffen und erinnert sich nicht – wie er hinauskam, – dann – brannte ja alles in zwei Minuten herunter. – Niemand konnte durch den Rauch mehr ins Haus, und als wir alle kamen – war ja alles schon Schutt und Asche.«

Knud antwortete nicht, er starrte in den kleinen, umgatterten Blumengarten, der vor ihm lag, voller Nelken und Resedaduft, voller Leben und Wonne, spürten die Blumen nicht, daß ein Mensch mit totem Herzen zwischen ihnen saß, oder zwei?

»Fräulein Mara.« sagte er mühsam, »dann ist wohl alles vorbei, mein Manuskript ist – verbrannt, ja, es ist natürlich nur meine Schuld, – ich habe mich einmal wieder zugrunde gerichtet, natürlich, so muß es mir ja immer gehen.«

Er schwieg eine Weile.

»Na,« sagte er dann, – »einmal wird man selbst ja auch Asche sein, wie all dies verkohlte Papier, – eigentlich schön, so in vollem Glück zu sterben, anstatt langsam zu erfrieren, – es ist ja auch ganz gleich – viel verloren war an der Sache nicht, oder meinen Sie, Fräulein Mara, daß – daß die Sache – ganz gut war?«

Er war aufgestanden und blickte auf sie nieder, Mara hob plötzlich den Kopf und sah ihn mit ein paar Augen an, die voller Tränen standen, sie hatte die Lippen zusammengepreßt und vermochte nichts zu sagen.

»Um Gottes willen,« sagte Knud, »weinen Sie doch nicht.«

»Doch,« sagte sie, »ich muß es Ihnen sagen, daß – Ihre Erzählung das Schönste ist, was ich seit langem gelesen, das Erschütterndste, das – Knud, versprechen Sie mir, daß Sie noch einmal anfangen, schreiben Sie es noch einmal, es darf nicht verloren sein, es darf nicht.«

Knud blickte zu Boden.

»Es ist verloren,« antwortete er, »und nun – leben Sie wohl – und haben Sie Dank, – grüßen Sie Peter, – ich fahre heute mit Oskar hinüber nach Dremmelshof, – ich habe auf dieser Insel – nichts mehr zu suchen, – ich wünsche Peter allen Erfolg – in München treffen wir drei wohl wieder zusammen.«

»In München?« sagte Mara langsam, »ach ja, – adieu Knud –.«

Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Er sah sie an, als wollte er noch etwas sagen – aber er schien sich zu besinnen, drückte ihre Hand und sagte nur: »Fischer Klaassen meint, er hätte mein Manuskript noch in Peters Stube gebracht, aber das hätte Peter doch natürlich – bemerkt.«

»Natürlich,« antwortete sie, – »wie ich den Fischer frug, sagte er, er hätte gar keine Erinnerung mehr, ob er es überhaupt aus Ihrer Stube mitnahm oder nicht, – untersuchen Sie doch noch einmal alles, Knud – vielleicht –«

– »Ich habe bis eben gesucht, – man verbrennt sich nur Füße und Hände in der glühenden Asche, es ist eben alles Asche, Fräulein Mara, – schade, daß ich nicht mit verbrannt bin, – denken Sie, – wenn Peters Arbeit verbrannt wäre!«

»Adieu, Herr Hansen,« sagte Mara, »ich glaube, Peter ruft mich – –«

»Ja, ja, – ich gehe ja schon, – adieu, – ist – dies nun das Letzte –?«

Er hielt ihre Hand fest.

»Das Letzte?« fragte Mara, ihn wie aus weiter Ferne anblickend, »nein, denken Sie an alles – was wir sprachen – lassen Sie mich nicht – im Stich, Knud.«

»Wie – meinen Sie das?«

»Sie dürfen es nicht!« wiederholte sie angstvoll, »aber – er ruft mich –.«

»Er ruft mich!« wiederholte der einsam stehen bleibende Knud; er schlenkerte mit seinem Spazierstock in der Luft umher, warf einen Blick nach oben, dann pflückte er sich eine Reseda und ging langsam und schwerfällig fort.

»Ob er sie wohl jemals rufen wird,« dachte er, »so wie man nach einem Menschen ruft, den man haben muß, ohne den man zugrunde geht, verhungert, stirbt – Herrgott, nach dem jeder Atemzug, den man tut, ein Sehnsuchtsschrei ist – wo man ruft und ruft, bis einem das Herz platzt, – na ja. 's ist nun mal so wunderbar verteilt in der Welt, daß der eine ruft, und der andere nicht hört, und daß man doch immer wieder – so furchtbar leicht falsch hört, das heißt, wer ruft nach mir? Peter vielleicht, der treueste der Freunde? sie werden froh sein, wenn sie mich los sind, die beiden, ich war der Dritte, und ein Dritter ist immer vom Übel und muß sich drücken. – Beizeiten, beizeiten, nicht erst, wenn es zu spät ist. Holla, avanti, Knud Hansen, sei keine Memme.«

Er schlenderte an den Strand hinunter und blickte über das große Wasser.

In der weiten Ferne glitt ein Segelboot davon. Er hörte den Fischer singen: »Ihr dunkelblauen Wogen, – wo kommt ihr hergezogen.« –

Dann wanderte er ruhelos weiter, und am Abend stand er vor Maras Häuschen und wollte sie fragen, was sie gemeint habe mit dem – im Stich lassen, – aber was nützte alles Fragen, – das ganze Leben blieb ja eine Frage. – Knud Hansen blieb die ganze Nacht draußen, und am andern Tage war er verschwunden.



Im Schnellzug Hamburg-München in einem Coupé dritter Klasse saßen Mara und Oda Brente.

Maras Ferien hatten ihr Ende erreicht, wenn sie ihre Malschule wieder eröffnen wollte und keine Schülerinnen verlieren, so mußte sie notgedrungen an einem bestimmten Termin in München sein. Aber die Abreise war ihr schwer geworden, denn sie hatte Peter allein und elend auf der kleinen Insel verlassen.

Er hatte aber auf ihrer Abreise bestanden.

Mara dachte mit wehem Herzen an diese letzten Tage mit ihm zurück. Peter befand sich in einer ganz sonderbaren Verfassung. So hatte sie ihn noch nie gekannt.

Nachdem die erste Erstarrung von ihm gewichen war, folgten Tage großer Aufregung und dabei hatte sich eine solche Flut von bitteren Reden über sie ergossen, daß sie noch ganz betäubt davon war. Jetzt, während der Schnellzug durchs Land raste und sie aus dem Fenster blickte, ohne etwas zu sehen, versuchte sie, sich alles zurückzurufen, was er gesagt hatte, um es zu verstehen; aber wie sie auch dachte und dachte, zu einer Klarheit kam sie nicht. Sie verstand nicht, wie er so kalt und ruhig sagen konnte, – in der Nacht nach Knuds Vorlesung hätte er eingesehen, daß seine Arbeit nichts tauge und die Konkurrenz definitiv aufgegeben. Sie hatte gefleht und gebeten für die Arbeit, – da hatte er ihr Heuchelei vorgeworfen, – sie solle sofort sagen, wie sie Knuds Erzählung fände, und wie sie sagte – schön – da fuhr er sie an, das brauchte sie nicht erst zu sagen, das wüßte er längst, er hätte es ja ihrem Gesicht angesehen, als Knud vorlas.

Ja, gewiß, er fand die Erzählung auch schön, ein Jammer, daß sie verbrannt sei, aber ein so vielseitig begabter Mensch, wie Knud es sei, würde sich nun wohl hinsetzen und ein Seegemälde malen statt dessen und das für zwanzigtausend Mark verkaufen. Er hätte keine Lust mehr, sich an diesem ganzen Hazard zu beteiligen. Und wenn er wieder arbeitete, dann wollte er allein arbeiten, ganz allein, – sie hätten ihn zu Tode gehetzt, sie und Knud, wie Windspiele einen Hasen.

Mara sprach sich heiser und besänftigte ihn, sie hielt ihn für krank, aber er war dann wieder so kühl und ruhig, daß auch dieser Trostgedanke ihr schwand.

Dann kamen Stunden tiefster Depression, und dann kam er und bat sie, ob er bei ihr sitzen dürfe und nur ihre Hand halten, und bat sie so tiefgebeugt und so verzweifelt um Verzeihung, daß sie schon gar nicht mehr wußte, was er ihr eigentlich getan hatte.

Es geht zu Ende! dachte sie immerfort, es geht zu Ende! Sein Manuskript rührte er nicht an. Er hatte es in seinem Koffer verschlossen. Er sprach von weiteren Arbeitsplänen, aber er sagte nicht, was es sei, und einmal sagte er, die Heiratsaussichten wären nun ja auch unter Null.

Er solle sich doch mit diesen Gedanken nicht quälen, hatte sie gesagt – – zu ihrem eigenen Erstaunen ganz ruhig und freundlich, – sie gebe ihm sofort ihr Wort zurück, wenn es ihm auch nur irgendwie eine Last wäre, – da hatte er sie so sonderbar angesehen und war fortgegangen.

Nachher hatten sie dies Thema nicht wieder berührt. Sobald er sich etwas erholt hatte, ging er zur abgebrannten Kate und stöberte den ganzen Tag im Trümmerhaufen umher, er schalt auf den Fischer, der doch hinaufgegangen war und das Manuskript mit hätte herunter nehmen können, der Tölpel –

»Ja, ick weet ok nich,« sagte der Fischer, – »hew ick dat Dinge mit runner bröcht oder nich. Mit runnerbröcht hew ick wat und ufn Disch in Herrn Rasmussen sin Stuw hew ick dat hinßmieten, – ne hier inne Kök up'n Disch, Herr Rasmussen stunn ja ok do und nu is't weg.«

»Ich war in meiner Stube,« antwortete Peter gereizt. »und nicht in der Küche, als es einschlug. »

»Ja, det weet ick denn uck nich, min Fru seggt, Herr Rasmussen har wat ßwartes ünnern Arm, und etwas hew ick ja uck ünnern Arm het, as ick rünner käm, awer, ick weet uck nich, wär dat Hansen sin Büx, de da äwern Stohl hung, oder sin Maneskript, – det weet ick nich, awer up den Disch hew ick't legt.«

»Mann, up den Kökendisch sat Lena un hul doch – ne so'n Gewitter, – ewer Schuld hätt' Hansen ganz aleene, – wat löp he ins Wirtshus und supt, wenn uns Herrgott mit em to reden hätt.«

Peter kam ganz außer sich zu Mara.

»Die Frau sagt, ich hätte es unter dem Arm gehabt, als ob ich's durchgebracht hätte.«

»O Peter,« sagte Mara, »wenn du gekonnt hättest, du hättest ja seins eher gerettet wie deins, das weiß ich.«

Peter wurde kreideweiß.

»Mir wird ganz übel von all diesen Geschichten, bitte, laß mich allein.«

So gingen ein paar Tage hin, in denen Mara und Peter zum erstenmal seit ihrer Verlobung sich fast feindlich gegenüber standen.

Und eines Morgens erklärte Mara ruhig und bestimmt, sie müsse nun nach München zurück.

Da war er wie mit einem Schlage verwandelt.

Erst flehte und bat er sie, daß sie noch etwas bliebe, dann sah er die Notwendigkeit ihrer Reise völlig ein, aber er war wieder freundlich und fast so liebevoll als früher.

Von Knud sahen und hörten sie nichts mehr.

Als er Mara damals verlassen hatte, fand sie Peter am Fenster stehend, er begrüßte sie mit den Worten: »Ich habe alles gehört, was ihr spracht.«

Sie sagte: »Das konntest du ja auch gerne,« und wußte schon gar nicht mehr, was sie und Knud dann gesprochen hatten. Und dann wunderte sie sich, daß Knuds Abreise ohne Lebewohl ihn gar nicht weiter aufregte. War es wirklich vorbei mit der schönen Freundschaft? Und warum nur? warum?

Wirklich dieses Manuskriptes wegen?

Und dann kam der Tag der Abreise. Peter versprach, in acht Tagen nachzukommen, – er brachte sie und Oda ans Festland, und sie sah seine große, schlanke Gestalt noch lange stehen, nachdem der Zug sich schon in Bewegung gesetzt hatte.

Ihr war, als sähe sie sie noch immer, als der Zug mit ihr jetzt durch die Lande flog, und als röche sie noch immer die herrliche, freie, salzige Seeluft, – die kleine Insel hatte es ihr angetan in dieser Zeit, und sie hatte plötzlich die Vision von einer alten, einsamen Malerin, die dort in einer Kate lebte – –, war sie das?

Sie war so versunken in ihre Gedanken, daß sie Odas Gegenwart völlig vergaß und erschrak, als diese sie plötzlich anredete.

»Jetzt ist Fritz bei seinen Eltern,« sagte sie, »und versucht unsere Verlobung durchzusetzen, – der arme Kerl.«

Als sie keine Antwort erhielt, blickte sie Mara an.

»O Mara,« sagte sie dann und rückte neben ihre Freundin. Sie nahm ihre Hand in die ihre und sprach nicht mehr, und so fuhren sie schweigend ihrem Ziele zu.

Als sie sich München näherten, standen sie beide am Fenster und blickten in die Nacht hinaus, – da fingen schon die Lichter an zu glänzen, – sie beide liebten München, diese rechte, echte Heimat alter Künstler, und hatten sich einmal geschworen, niemals irgend wo anders zu leben als hier. Als sie am großen Zentralbahnhof ausstiegen, sagte Oda: »Mara, darf ich nicht mit dir kommen und bei dir wohnen? Seit du nach Dremmelshof zu uns kamst, habe ich doch die Rechte einer Freundin, darf ich?«

Mara nahm sie in die Arme und küßte sie.

»Brauche diese Rechte, aber Freundschaftsrechte bestehen in gegenseitiger Freiheit, laß mich ein paar Tage – ganz allein –.«

»Ich will's versuchen,« murmelte Oda, »aber es könnte doch sein, daß ich dich brauchte –«

»O, dann kommst du sofort, und wäre es mitten in der Nacht, – Oda – habt ihr euch denn verlobt?«

»Ja, Mara, in der Nacht am Meer.«

»Das Meer!« sagte Mara, – »riechst du es nicht noch, das – Meer –? Ich kann es gar nicht los werden, – wollen wir nicht einmal dorthin ziehen, wir zwei ganz allein, ohne Welt und ohne Menschen, nur Meer, Meer und Wind und Sonne und Rauschen und Singen – und alle, alle Sehnsucht gestillt –.«

»Mara – ich bringe dich doch noch nach Hause und ins Bett, du weißt, daß niemand so schön Schlummerpunsch brauen kann wie ich, – komm nur, kein Widerspruch, – hier, ich habe noch Geld für eine Droschke, und von morgen an erhöht Oskar meinen Zuschuß, denk dir, wie fein, – komm nur, Liebste – komm –.«

Mara ließ sich plötzlich willenlos fortführen, und Oda verließ sie erst, als die Freundin anfing zu schlummern.

Oda kam am anderen Morgen sehr früh wieder und brachte allerhand gute Sachen mit, Früchte und Pfefferkuchen und eine Flasche Vermouth, – aber zu ihrem Erstaunen fand sie Mara schon auf, die Wohnung zurecht geräumt und Mara mit ihrem alten ruhigen, verschlossenen Gesicht bei der Arbeit.

Ihre Augen waren glanzlos und von Schatten umgeben, das war alles, was Oda bemerkte. Sie arbeitete an einem großen Stilleben, das während der Ferien gut durchgetrocknet war und wo sie nun einen mit dicker Farbe aufgetragenen Kupferkessel mit feinen blauen Tönen lasierte.

Oda stellte ihr Frühstückskörbchen etwas betreten beiseite. Maras sprichwörtliche Unnahbarkeit legte sich ihr lähmend aufs Herz. Aber sie war auch ein Kind von der Nordküste und wußte sehr wohl, daß die Leute von der See – ebenso unergründlich verschlossen sind wie die See selbst, und daß ihre Perlen nur in der Tiefe zu finden sind.

Wer aber einmal die Perle in der Tiefe geschaut hat, der vergißt sie nicht wieder, dem bleibt ein Glanz davon, wie Meerleuchten – in Augen und Herz.

Das alles wußte Oda Brente, und so ging sie nach einer Weile wieder fort und ruhig und still an die eigene Arbeit. Es kränkte sie nicht, daß Mara sie nicht weiter nach ihrer Verlobung ausfrug, sie fühlte, daß sie jetzt Mara nicht mit ihrer eigenen Liebesgeschichte quälen durfte. Ein Telegramm von Fritz »Nicht hoffnungslos«, hatte sie am Morgen geweckt, sie trug es in der Tasche mit sich herum, und diese kurzen Worte erwärmten sie wie Sonnenglanz, durch und durch.

Wie ein Traum fast lag die letzte Zeit hinter ihr, und wie traumhaft schön war es gewesen, dies Sichfinden – mit dem Geliebten. O, schon lange liebte sie ihn und er sie auch, das wußte sie nun, – aber diese Zeit des Erkennens, des sich immer Näherkommens und schließlich der dunkle, heiße Abend in den Dünen am Meer, wo Knud seine großartige Geschichte vorgelesen hatte – da war aus zwei Seelen plötzlich eine geworden, sie hörte wie aus weiter Ferne Knuds Stimme lesen: »Einmal in jedem Menschenleben kommt der große Augenblick, wo sein wahres und einziges Schicksal an ihn herantritt, und wenn er diesen Augenblick nicht erkennt, so ist er verloren –.« Da hatte sie still und ruhig ihre Hand in die ausgestreckte Hand Fritz Dorens gelegt. – – Das war ihre Verlobung gewesen.

Sie hatten ihre Hände nicht wieder losgelassen, sie waren zusammen zurückgegangen, und erst weit, weit hinter den Dünen hatten sie sich gesagt, daß sie sich lieb hatten. Die anderen alle hatten sie vergessen, sie vergaßen sie auch die nächsten Tage, vergaßen bald den schrecklichen Brand und den armen Knud Hansen, vergaßen Mara und Peter, den der Blitz zweifellos gestreift und betäubt hatte, und erst zuletzt wurde es Oda klar, daß zwischen Peter und Mara irgend etwas vor sich ging.

Ach, aber warum sollten sie nicht auch einmal uneins sein – es würde wohl einmal wieder gut werden.

Oda vergötterte Mara und hatte lange für Peter, den Dichter, geschwärmt – was hatte er nur jetzt? Der Gewinn der zehntausend Mark im Laufe des Jahres und Maras und Peters Hochzeit war ein so feststehendes Ereignis in ihrer Idee geworden, daß sie es sich gar nicht anders mehr vorstellen konnte.

Ob Peters Roman wohl noch schöner war als Knuds?

Sie und Fritz hatten sich nach dem Brande zugeflüstert, daß es eigentlich heilloses Glück für Peter war, daß dieser Rivale – vernichtet war.

Aber sie hatten sich beide über diese Idee geschämt.

Knud Hansen kam schon wieder hoch, Unkraut vergeht nicht, während man Peter doch alles Gute wünschen mußte.

Ob Peter wohl in acht Tagen kommen würde?

Jedesmal, wenn sie Mara fragen wollte, erstarb ihr das Wort auf den Lippen. Sie wußte nicht warum.

Mara hatte an all ihre Schülerinnen geschrieben und ihre Rückkehr gemeldet, aber erst zwei oder drei Anmeldungen erhalten.

Sie vollbrachte ihr Tagewerk wortkarg und mechanisch.

Oda wurde in ihrer Gegenwart unwillkürlich auch ganz stumm.

Nach acht Tagen erhielt Mara eine Ansichtskarte von Peter und Oskar Brente zusammen, er würde bald gründlich schreiben.

Mara hatte einen ganzen Kasten voller Ansichtskarten, sie legte diese schweigend dazu.

Eines Tages ging ihre Klingel ziemlich heftig, – sie erschrak und sagte laut –: »Das Ende!«

Einen Augenblick blieb sie stehen, dann ging sie und öffnete. Fritz Doren stand vor ihr. Sie merkte gleich, daß er sehr erregt war, und kaum war er in der Stube, so warf er sich erschöpft auf einen Stuhl nieder und stieß hervor: »Also die Alten sind wütend, – na, ich kann dir überhaupt sagen –.«

»Sage nur zu, Fritz.«

»Ja, unsere ganze Escapade nach den Inseln, – weißt du, sie sind überhaupt einfach fassungslos über unser aller Benehmen, – vielleicht wäre es ja auch besser gewesen, wir hätten irgend eine Elefantin mitgehabt, was, Mara?«

Mara mußte lächeln.

»Ja, erst haben und dann mitnehmen – weißt du, so viel Zeit hatten wir ja gar nicht, in allen Zeitungen nach einem Elefant zu inserieren, denn gutwillig tat's ja doch keiner. – also Onkel Ludwig und Tante Minette sind böse, das ist ja ihr bon plaisir, aber ein Hinderungsgrund für eure – – Liebe ist es doch wohl nicht, – seid ihr denn eigentlich wirklich verlobt, Fritz?«

»Ja,« antwortete Fritz strahlend, – dann fuhr er schnell fort: »Aber eklich ist dieser Zustand doch, denn meine Zulage wird durch Papas Zorn nicht fetter.«

»Oda hat ja Geld.«

»Oda sagt auch – es ist ganz egal, aber sie besteht auf Papas und Mamas Segen.«

»So altmodisch war sie doch sonst nicht.«

»Mara – so warst du doch sonst nicht, so – sarkastisch, was ist dir?«

»Ach, laß gut sein, ich arbeite viel und man wird alt. Fritz. – also du warst schon bei Oda?«

»Ich komme daher, – mein Urlaub ist nun abgelaufen, der dumme Fuß ganz heil, Mara, was sollen wir nun tun?«

Mara schabte mit großer Kraft die alten Farben von ihrer Palette, – die waren ja bald ebenso eingetrocknet wie sie selbst – Gott, waren diese Kinder kindisch, – da war doch kein Grund zum Kummer, wenn sie sich selbst nur einig waren.

»Mutter Brente muß mal mit Mutter Minette die Sache ein bißchen bereden, Fritz, – deine Eltern können ja im Grunde nichts gegen Oda einwenden, daß sie bürgerlich ist – das ist doch im Ernst kein Grund, also seid nur recht brav und treu und liebevoll, dann feiert ihr Weihnachten als glückliches Brautpaar in Bucheneck.«

Eine Stille folgte ihren Worten.

Dann sagte Fritz: »Mara, du hast irgend etwas, haben ich oder Oda dir irgend etwas getan? Sieh mal, du warst und bist mein bester Freund – – du – du weißt ja – ohne dich wäre ich niemals zu Oda vorgedrungen.«

»Also wirklich!« sagte Mara.

Fritz schwieg, und Mara dachte erstaunt, wie sie sich doch in Oda getäuscht hatte. Sie hatte nicht gedacht, daß Oda sich so leicht über Lieschen Meiers Existenz hinwegsetzen würde.

»Ja, – wir wollten es dir ja gleich sagen, Mara, aber Peters – Krankheit – hinderte uns daran, – wie geht es ihm?«

»Ganz gut, danke.«

»Ja und dann hat die Verlobungszeit uns ganz – hingenommen, – Mara. Du und Peter, ihr seid schon so lange verlobt und wir sind ja erst eben so weit, – haben wir dich irgendwie gekränkt, Mara?«

»Um Gottes willen, Fritz, nicht ein bißchen, ich freue mich ja so an eurem Glück, – da höre ich Odas Klingel, – sie hat wohl den Schlüssel verloren –«

Fritz sprang an ihr vorbei, um seiner Braut zu öffnen, und erst nach einer ganzen Weile kamen die beiden zu Mara herein.

Sie waren strahlend, erbaten sich von Mara ein großes Ölbild zur Hochzeit, und von ernsten Sorgen war nicht die Rede.

Mara mußte von Zeit zu Zeit die Augen schließen, um nicht mit Deutlichkeit die Gestalt des verlassenen Lieschens zwischen ihnen im Zimmer stehen zu sehen, – und plötzlich hatte sie die Empfindung, daß Fritz es Oda nicht erzählt hatte, wie er doch wollte, – ihr wurde siedend heiß bei diesem Gedanken.

Und kaum hatte sie es gedacht, so wurde Fritz unruhig und mahnte zum Aufbruch, er hatte nur diesen einen Tag in München, und er und Oda wollten ihn wie die Kinder genießen.

Als sie fort waren, blickte Mara sich trostlos um.

Das Leben war so wunderlich und so lang – so entsetzlich lang. Sie fand sich gar nicht mehr zurecht darin. Wie waren doch die Menschen alle so wunderlich, und wer war denn noch treu und wahrhaftig? Oder erwartete sie zu viel von den Menschen? Schließlich mußten Oda und Fritz ja auch allein wissen, was sie wollten, – sie hatte ja gar nicht das Recht, sich da weiter hinein zu mischen.

Nach einigen Tagen erhielt sie wieder eine Karte von Peter, und dann wieder eine, – daß er mit Oskar Brente zusammen war, tröstete sie, und wahrhaft froh war sie, als die letzte Nachricht meldete, Oskar habe Peter mit nach Dremmelshof genommen für die Herbstwochen zur Erholung.

Auch Oda war glücklich hierüber und sagte: »Nun kann er da in Ruhe auf seinen Lorbeeren ruhen, denn die Jury wird doch wohl mindestens ein halbes Jahr lesen, wann erfährt Peter eigentlich das Urteil?«

Sie gingen zusammen an der Isar entlang, als Oda dies sagte.

»Er hat ja gar nicht eingeschickt –,« sagte Mara nach einer Weile.

Oda blieb stehen. »O Mara, das ist doch nicht möglich!« Weiter vermochte sie nichts zu sagen. »Warum nur?« fragte sie nach einer Weile angstvoll, denn Mara schritt so groß und steinern neben ihr her.

»Er fand es nicht – gut, – und er fand keinen Schluß, – ein Schluß läßt sich ja auch nicht erzwingen. Wie selten ist ein Schluß so, wie wir ihn dachten, – aber, wenn er nur später einen Verleger findet, – das ist ja ein viel sicherer Weg.«

»Ja natürlich, viel sicherer,« antwortete Oda kleinlaut.

Sie war so erschrocken über diese Nachricht, deren Konsequenzen sie mit Blitzesschnelle erwog, daß sie nichts mehr zu sagen wagte. Aber sie schrieb noch denselben Abend an ihren Bruder und bat ihn, Peter zum weiteren Arbeiten zu zwingen und ihm bei der Suche nach einem Verleger zu helfen.

Oskar antwortete umgehend.


Liebe kleine Oda,


. . . mit dem Peter ist nichts mehr anzufangen. Du weißt, daß ich für die schönen Augen deiner Mara viel tue, und lediglich aus diesem Grunde habe ich den Menschen mit hergenommen. Er sagt, er hätte eine großartige Idee zu einer neuen Novelle, derweilen läuft er am Strand herum oder sitzt und paukt auf meinen alten Flügel los, was das Ding halten will. Ich verstehe nichts von Musik, aber die Leute laufen zusammen und hören ihm zu, – wenn er's merkt, wird er wild und fährt wie der Deubel zum Fenster oder zur Tür 'raus, – ihr Künstler seid ja nun mal spleenig, Oda, das hab ich immer gesagt, und der größte Spleen ist wohl, daß Du den Gardeleutnant heiraten willst, – übrigens, der Fritz ist ein guter Kerl, ich halt' ihn auch für leidlich solide, sonst gäb ich ihm auch meine kleine Oda nicht und wenn's die Alten dreimal erlauben. Wenn Du Deine Mara von mir grüßen willst, so tue es und sag ihr – sie sollte ihren langen Dichter man laufen lassen und lieber den guten alten Oke nehmen, – ihre Großmutter ist doch eine höllisch kluge Frau, ich besuche die Alte manchmal, mit deren Mitgift könnten Mara und ich fein leben.


Der gute treue Oke.


Oda wagte nicht, diesen Brief Mara zu zeigen, sie war auch sehr erbittert, daß Oskar die Solidität ihres Fritz bezweifelte. – Wenn aber Peter eine neue Idee hatte zu einem Buch, so war das ja auch schön, – er würde wohl bald wieder nach München kommen, sich mit Zeitungsartikeln und Kritiken wieder viel Geld verdienen und dann fix seine Novelle schreiben, und dann würde auch Mara wieder froh werden und alles wieder gut. Sie beruhigte sich allmählich wieder und doch blieb ihr ein unangenehmes Gefühl von Oskars Brief zurück. Sie beschloß, einmal mit Fritz zu sprechen. Er war ja so offen und gut.

Sie ging täglich zu Mara und nahm wieder Stunden bei ihr mit noch drei anderen Damen zusammen, aber Oda blieb nicht mehr, wie früher so oft, nach den Stunden bei Mara, sondern ging mit den anderen fort, – sie ahnte mehr als daß sie wußte, daß Mara einen stillen Riesenkampf vollführte und daß sie allein sein mußte. Wenn sie mich braucht, wird sie mich rufen, dachte sie. Sie hatte ja ihren Fritz, – ihre Schwiegereltern waren schon milder gestimmt und verlangten nur Bedenkzeit bis Weihnachten, – Oda und Fritz waren ganz zufrieden. –

Peter kam nicht wieder.

Einmal im November kam ein Brief aus Hamburg an Mara.

Er hatte in Dremmelshof Hamburger Herren kennen gelernt, die eine ganz neue Zeitschrift herausgaben. Er war als Mitarbeiter aufgefordert und ihm große pekuniäre Vorteile in Aussicht gestellt. Natürlich hatte er zugesagt, seine Münchener Wohnung gekündigt, – da er gar kein Reisegeld habe, so möge sie doch so gut sein, ihm die nötigsten seiner Sachen zu schicken. Er war voll guter Zuversicht, sie und Knud würden schon sehen, wie sie sich über ihn getäuscht hätten und sein schriftstellerisches Können. –

So ging Mara eines Tages in seine Wohnung und packte seine Sachen zusammen. Die vielen Skizzen und Bilder, die er von ihr hatte, nahm sie mit in ihre Wohnung, er wollte ja nur das Nötigste haben und konnte keinen Ballast brauchen. In seinem Kleiderspind lag ein Riesenhaufen fest zusammengeschnürter Papiere. Das waren seine alten Kompositionen, fertige und halbfertige, sie wußte nicht, ob in den letzten Jahren neuere dazu gekommen waren, sie durfte ihn ja nie danach fragen.

Ihre Hand lag schwer auf dem Papier und hielt es nieder, als wäre es etwas Lebendiges, das nicht leben durfte, fast wie ihr eigenes Herz . . » dann legte sie das Paket doch noch in seinen Koffer.

Und dann ging sie fort.

An der Tür des alten Häberle ging sie auf den Fußspitzen vorbei, trotzdem eine große Sehnsucht sie ergriff, zu dem alten Mann hineinzugehen, – aber nein, nein, – erst wenn das Ende da war.

Aber war es denn nun nicht da?

Sie war schon die Treppe hinunter gegangen, plötzlich kehrte sie um und ging zum Alten rasch hinein.

»Vater Häberle!« sagte sie laut und fremd, »was wird nun werden – was wird nun werden!«

Der Alte zog sie in sein Heiligtum, wo sein Klavier stand und ließ sich von ihr erzählen, und plötzlich konnte sie ganz ruhig sprechen und erzählte ihm alles, und schließlich sagte sie immer wieder: »Was wird nun werden?«

»Kind,« sagte der Alte geheimnisvoll, »zwei Worte sind gesprochen, ein drittes liegt in der Luft, es heißt ja oder nein, aber greife nicht vor, – es wird eines Tages hell wie Blitzlicht vor dir stehen, dann greife zu und nimm es tapfer in die Hand.«

»Ich kann – bald nicht mehr,« sagte Mara.

»Das hilft nichts, bleib du auf deinem Posten, bis die Parole kommt, und komm zu mir, bis – er wiederkommt.«

Aber er kam nicht wieder.

Er schrieb immer seltener, immer bitterer, er war sehr verlassen, aber er wollte nicht gestört werden, die Zeitschrift wäre Saat auf Zukunft, selbstverständlich konnte der Erfolg erst in Jahren kommen, und dann war er zu alt, um sie noch bitten zu können, sein Los zu teilen, er würde auch vorher sterben, untergehen, er dankte ihr für all ihre Liebe und Treue, sie wäre das einzige Licht in seinem dunklen, verfehlten Dasein gewesen, aber sie konnte ihm nicht mehr helfen.

So schrieb er durcheinander, Mara antwortete ruhig und liebevoll und eingehend, – sie wußte das Wort – das letzte noch nicht – aber eines Tages – da kam auch das.

Ihre Korrespondenz hatte in der letzten Zeit einen anderen Charakter angenommen, – wie es gekommen war, wußte Mara selbst nicht, – sie fand den Ton nicht mehr, auf den seine Seele gestimmt schien, und so waren schließlich kühle, grausame Briefe zwischen ihnen hin und her gegangen, von denen jeder ein neues Mißverständnis hervorrief, von seiner Seite waren es Vorwürfe über ihr mangelndes Verständnis seiner schriftstellerischen Laufbahn, von ihrer Seite kühle, vernünftige Worte, die ihn verletzten, – statt ihm zu helfen, schließlich schrieben sie sich, daß sie die Korrespondenz aufgeben wollten.

Aber dann schrieb sie doch noch einmal wieder. Sie hatte vor Weihnachten ein größeres Bild verkauft und sie konnte nicht gegen ihre Natur handeln, sie tat, was sie früher so oft getan, – sie bot ihm das Geld an, um Weihnachten nach München zu kommen, damit sie sich aussprächen –, sie wartete Tag und Nacht, Stunde für Stunde auf seine Antwort, und endlich kam sie.

Er lehnte ab.

Er mußte leider eine andere Einladung annehmen aus Rücksicht für seine Karriere, – er hätte jetzt Menschen kennen gelernt, die ihm helfen wollten, und zwar sei alles so sehr merkwürdig zugegangen! Seine Freunde hätten ihn mit in ein Konzert geschleppt und da hätte eine entzückende junge Dame mit einer prachtvollen Altstimme gesungen, die er auch später kennen gelernt habe. – Aber was habe sie gesungen, was! Ob Mara sich erinnere, daß sie ihm einmal von Dremmelshof aus ein kleines Gedicht geschickt habe »Wenn wild die Wasser toben«? NB. in der letzten Strophe habe er nur »Dein Herz –« in »Der Tod« um geändert, das wäre ihm wahrscheinlicher gewesen. Dazu habe er einmal in einer Sturmnacht eine Komposition gemacht, aber schlecht, schlecht, er hätte sie in den Papierkorb geworfen, zusammengeknüllt. Wie kam das Ding nun in die Hände dieser jungen Dame? Er kombinierte, daß Lene Klaas, die in Hamburg diente, seinen Papierkorb geleert habe und das Ding aufgehoben, – und auf irgend eine rätselhafte Weise war es in die Hand der Sängerin gekommen. Ja, wer könnte diesen Zufallswegen nachspüren.

Die junge Sängerin und das Publikum waren entzückt von dem Lied, und die Dame hätte ihn gebeten, ihr noch einige Lieder mehr für ihr Repertoire zu komponieren, er wäre im Hause ihrer Eltern gewesen, zu Tisch, und was das merkwürdigste war, – der Vater war Verlagsbuchhändler, und die Tochter hatte lachend gesagt: »Papa muß Ihnen alles verlegen, wenn Sie mir zum Ruhm verhelfen.« Nun wollte er die neue Novelle schreiben und Weihnacht beim Buchhändler Thomsen verleben und vielleicht etwas für die Dame komponieren, – vielleicht käme er dann Ostern nach München, wenn er Zeit hätte, – bis dahin wären sie wohl auch beide ruhiger und vernünftiger geworden und könnten sich dann ja gründlich aussprechen, wenn sie es wünschte.

Alles dies schrieb er Mara.

Und alles dies las sie wieder und wieder.

Das heißt, sie las eigentlich nur zwei Worte: Entzückend und jung! Und dann nach einer Weile begriff sie plötzlich, daß er wieder komponieren wollte. Also endlich wieder! Das war ihr erster Gedanke. Und der zweite? Für eine entzückende junge Dame. Und wie sie so stand mit dem Brief in der Hand, da fiel das dritte Wort vom Himmel und stand mit Blitzesschrift vor ihren Augen: Aus! hieß es.

Die zwei, die bis jetzt gesprochen waren, von ihr und von ihm, die hießen ja – nun war das dritte da und das hieß nein – – und der Ring war geschlossen.

Mara wußte nicht, wie lange sie so dastand, sie wußte auch nicht, wie sie diesen Tag weiter verbrachte und wie die Nächte waren, und wie die nächsten Tage, aber endlich fühlte sie, daß sie irgend etwas tun mußte, und da ging sie zum alten Häberle und gab ihm stumm Peters Briefe.

»Vater Häberle, es ist da, das dritte Wort!« sagte sie dann nach einer Weile.

Häberle stand ganz stumm und blickte ins Weite.

»Nein,« sagte er, »– ich sehe es noch nicht, – es ist unterwegs, – es ist im Fallen – aber die Klarheit ist noch nicht da. Von einer Klarheit zur anderen – Mara – vielleicht dringen die da oben noch durch. Verstehst du mich?«

Aber Mara sah ihn leer an und ging stumm wieder fort.



Unter dem Weihnachtsbaum in Bucheneck waren die Dorens und die Brentes versammelt.

Es war so gekommen, wie Mara gesagt hatte. Frau Brente und Frau von Doren hatten sich des längeren ausgesprochen, hatten sich erst viele Unannehmlichkeiten über ihre zukünftigen Schwiegerkinder gesagt und sehr außerordentlich viel Gutes von den eigenen geredet, aber schließlich war festgestellt worden, daß Oda eine brillante Partie war, und das besänftigte die Dorenschen Herzen. Wiederum war Frau Brente der Gedanke sehr verführerisch, ihre Tochter später als Nachbarin auf Bucheneck zu wissen, – kurz, die lieben Kinder setzten ihren Willen durch und standen jetzt als strahlendes Brautpaar unter dem Christbaum.

Oda war exquisit gekleidet, eine künstlerisch schöne Reform-Gewandung aus rosa Spitzen umfloß ihre Gestalt, und Onkel Ludwig fing an, den Geschmack seines Sohnes zu bewundern.

Spät am Abend, als Vater und Sohn noch allein zusammen eine Zigarre rauchten, sagte der Alte gemütlich: »Na, mein Junge, zu verheimlichen hast du wohl nichts, oder soll ich dir noch aus irgend einer Klemme helfen, wie?«

Fritz sah seinen Vater erstaunt an, dann sagte er beinahe gerührt: »Danke, Papa, – ich bin – geordnet, – das heißt einmal vor drei – oder vier Jahren –.«

»Also doch,« murmelte der Vater tiefsinnig.

Fritz wurde es sehr beklommen zumut.

»Papa, es ist längst geregelt, längst –«

»Bombensicher?«

»Ja, bombensicher, – viel Geld damals, aber –«

»Kein Kind?«

»Nein, Papa, kein Kind.«

»Dieu merci, – dann sind also niemals Beweise da.«

»Papa – muß man das – seiner Braut – bekennen?«

Herr von Doren fuhr auf. »Junge, – du bist wohl verrückt? Seiner Braut Bekenntnisse machen? Damit sie morgen nicht mehr deine Braut ist, außerdem, – mit Damen spricht man nicht über solche kleinen Mädchen – wie dein Lieschen oder Minchen – – und noch dazu Bräute! Bräute wissen von nichts was, und das ist gut und anständig und gehört sich so. Junge, du bist doch kein Schafskopf, – man macht da unter vielen Küssen und Zärtlichkeiten seinen Bräuten so allerhand dunkle Andeutungen, daß man ein schlechter Kerl ist und ihrer Liebe gar nicht wert, und du kannst zehn gegen eins wetten – dann beteuern sie dir – ahnungslos, daß sie noch viel schlechter sind als du, und es endet in großartigen Liebesbeteuerungen und Erklärungen und man schwört sich, daß man den Teufel heiraten würde – wenn man ihn liebte, – ach Gott ja – schön ist er ja auch, dieser kolossale Liebesdusel, in dem man dann ist –.«

»Vater,« fing Fritz wieder an, – »aber nachher?«

»Was nachher –, da hat man sich doch, und hat man's dann nicht vorher sagen wollen, daß man schlecht war? und haben sie's denn etwa wirklich wissen wollen, diese kleinen Mädchen? Bewahre! Im schlimmsten Fall gibt's Szenen und Tränen und nachher Versöhnungen und Armbänder, da darf man ja dann nicht sparen, aber zehn gegen eins wette ich – den meisten ist es nachher ganz egal, und wenn du ihnen erst klar gemacht hast, daß wir alle so sind, dann glauben sie's dir schließlich und sind froh, daß sie dich noch glücklich raus gerettet haben. »

»Wir sind aber nicht alle so,« antwortete Fritz leise, mit einem tiefen Seufzer, »ich wollte –.«

»Was wolltest du, nun sei nur stille, mir gefällt deine Oda sehr, da ist Schneid in der jungen Dame, und nun gute Nacht, Fritz, – Gott segne dich, mein Junge, – alles Heil und alles Gute.«

Fritz ging allein die Treppe hinauf in sein Zimmer.

»Ich wollte –« dachte er seine Gedanken von vorhin zu Ende –, »ich hätte Mara früher gefragt und ich wollte, ich hätte jemand gehabt, der mir gesagt hätte, daß man rein bleiben könnte und müßte.«

Er blickte in die Winternacht hinaus, drüben beim Kutscher war noch Licht und er hörte singende Kinderstimmen:


»O nimm unsere Herzen zum Opfer dann hin,
Wir geben sie froh dir im kindlichen Sinn,
O mache sie heilig und selig wie deins,
Und mach sie auf ewig mit deinem in eins.«


Fritz hatte unwillkürlich die Hände gefaltet.

»Heilige Herzen,« dachte er betrübt, – »was hat es nun für einen Sinn, daß man seine Kinder lehrt, solche Lieder zu singen und später ihnen lehrt, daß es keinen Sinn für einen Mann hat, ein heiliges Herz zu haben.«

Am ersten Festtag war großes Verlobungsdiner bei Odas Eltern auf dem Seehof.

Der Seehof war im Verhältnis zu Bucheneck nur ein kleines Gut, wurde aber mustergültig geführt, und Odas Eltern lebten dort mit noch mehreren jüngeren Kindern in behaglichem Wohlstand. Die neuen, nahen Beziehungen zu den etwas hochmütigen Dorens waren ihnen etwas ungemütlich, aber Fritz Doren verstand es, die Herzen der Menschen zu gewinnen, wenn er es wollte, und so sah man dem heutigen Feste freudig entgegen.

Die alte Großmutter Doren wollte auch kommen, das war das Ereignis des Tages. Der Hausherr, Major a. D. Otto Brente, glücklicher Schwiegervater von Fritz, trat immer wieder vor die Haustür, um das Ankommen der Wagen rechtzeitig zu merken.

Da rumpelte der alte, schwere Landauer schon über den Steindamm, Herr Brente zog sich die weiße Weste stramm und rief laut: »Oda, Oda – sie kommen, mach fix, Mädchen.«

»Gleich, Vater,« antwortete Oda gleichmütig, – sie konnte die Aufregung über das Erscheinen der alten Großmutter nicht teilen und war nur knapp dazu zu bewegen, der alten Frau die genügende Achtung zu zollen.

»Oda, wir müssen die alte Dame draußen empfangen,« bat nun auch Fritz flehentlich.

»Die Uniform steht dir brillant,« antwortete Oda, »ich werde ein flottes Bild von dir malen später, – Reithosen und hohe Stiefel und Waffenrock – Mütze etwas schräg – o weh, da steigt die böse, alte Frau schon aus.«

»Oda!« rief Fritz noch bestürzt, dann ließ auch er seine Braut, die heute in zartgrauem Velvet wieder einmal bildschön aussah – stehen und eilte der Großmutter entgegen.

Wahrhaft pompös betrat die alte Dame am Arm Herrn Brentes die Eingangshalle. Oda bekam zwei Fingerspitzen zum Handkuß, begnügte sich aber mit einer anmutigen Verbeugung und begrüßte dann ihre Schwiegereltern und Schwägerinnen – wie konnte Fritz in diese Familie hineinschneien, dachte sie, das war auch eins von den sieben Welträtseln.

Sie fand dieses Verlobungsfest fürchterlich, – geradezu wahnsinnig, aber sobald sie so etwas Ähnliches äußerte, wurde ihr von allen Seiten gesagt, sie kopierte Mara, und das war ihr so langweilig, daß sie lieber gar nichts mehr sagte, denn Widerspruch führte sowohl bei den Ihrigen wie bei den Dorens zu gar nichts. Das wußte sie schon. Höchstens artete es in unliebsame Erörterungen aus, wurde ein endloser »Trätsch«, wie Mara gesagt haben würde, und Oda dachte – laß sie nur, ich heirate ja schließlich doch nur Fritz allein.

Und mit Fritz in Berlin malte sie sich ihr Leben schön und reich aus. Brentes hatten bei diesem Essen ordentlich »aufgefahren«, wie Vater Ludwig später bemerkte. Die Stimmung war recht animiert. Es wurden die üblichen Toaste gehalten, in denen sehr viel von »offenen Armen« und »größtem Zutrauen« vorkam. Fritz nahm alles sehr wichtig, seine elegische Stimmung vom Abend vorher war total verschwunden, »Oskar,« rief er über den Tisch, »du mußt auch noch dran.«

»Ja wohl,« sagte Oskar, klopfte ans Glas und stand breit auf, alle dachten, er würde die Großmutter leben lassen, auch diese blickte ihn schon mit einem halb bereiten Lächeln an, da sagte er ruhig: »Auf das Wohl einer leider abwesenden Verwandten, – Fräulein Marie Agnes von Doren.«

»Hurra,« rief Fritz überlaut, aber das allgemeine Hoch war nur mäßig und gedrückt.

In die peinliche Stille, die folgte, sagte Odas freundliche Stimme: »Ich kann Maras Wohl nicht trinken, ohne zugleich das ihres Verlobten. Peter soll leben!«

Sie blickte nur ihren Bräutigam an. Er stieß mit ihr an und küßte ihr die Hand, was sie bei dieser Gelegenheit ganz überflüssig fand.

Der Herr des Hauses stand jetzt schnell auf und hielt eine etwas schwülstige Rede auf die Großmutter.

Nachher wurde die Unterhaltung wieder allgemeiner. Oda wurde sogar noch von ihrem Schwiegervater in Versen als Künstlerin gefeiert.

»Wenn Mara das wüßte,« sagte sie lachend zu Fritz.

»Warum?« antwortete Fritz leicht pikiert, »du bist doch eine große Künstlerin, dein letztes Seebild aus Dremmelshof –«

»Still, Kinder,« rief Oda, »früher wolltet ihr von meiner Kunst nichts wissen, – jetzt laßt sie nur in Frieden.«

»Ganz wie Mara,« sagte eine der Schwägerinnen.

»Ganz! » wiederholte ein Chorus von Stimmen.

Oda hielt sich die Ohren zu.

Endlich war das Festessen überstanden.

»Na, in welche Stube wollt ihr euch zurückziehen?« sagte Schwiegervater Brente strahlend.

Statt aller Antwort ergriff Oda einen ihrer jüngeren Brüder und stürzte mit ihm fort.

»Wieder ganz die Künstlerin,« sagte Mutter Minette süßsäuerlich. Fritz bekam allmählich einen roten Kopf. Er steckte sich nervös eine Zigarre an und ging schließlich mit seinem Schwager Oskar nebenan in das Billardzimmer.

Aber da fanden sie Oda und die jüngeren Geschwister bei eifrigem Spiel vor, und es dauerte nicht lange, so beteiligten sich die beiden Herren.

Aber bald wurden sie schon wieder zur Kaffeemahlzeit in den Salon gerufen, und erst gegen Abend hatte das Brautpaar noch einen ruhigen Augenblick für sich allein in Odas Stube.

»Oda,« sagte Fritz, »du bist wirklich ein bißchen sonderbar gegen die Alte, – du hast geradezu etwas Hartes, wenn du mit ihr sprichst. Das geht doch nicht.«

»Mara,« antwortete Oda bloß.

»Ja gewiß, – sie ist hart und ungerecht gegen Mara, – wie die Meinigen auch, du weißt, wie ich Mara verehre, aber wir machen es nur schlimmer, wenn wir sie noch anärgern, ich habe schon oft gedacht, ob nicht gerade du noch einmal Großmutters Herz erweichen könntest!«

»Ich? Um Gottes willen! Sie haßt mich, findet mich bürgerlich und mauvais genre, – das siehst du ihr doch an der Nasenspitze an, – übrigens ein bißchen deine Nase, Fritz, hier, so um die Spitze 'rum – sehr schnittig.«

Fritz lachte schwach.

»Bitte, sei nicht hart, Oda, Frauen müssen nie hart sein! Das ist der charme an Mara, daß sie nie hart ist, und du?«

Oda lehnte sich in das Sofa, auf dem sie saßen, zurück und sah ihn an.

»Hast du Angst vor mir, Fritz?«

Fritz wurde wider Willen dunkelrot. Blitzschnell fiel ihm sein Gespräch mit dem Vater ein. Er bezwang sich mühsam, aber plötzlich ernst geworden sagte er nur leise: »Nein, – grenzenloses Vertrauen und –« er wollte mehr sagen, aber alle Worte seines Vaters standen wie kleine böse Geister um ihn herum und er wußte nichts zu sagen.

Vielleicht war das sein Glück.

Oda dachte, sie hätte ihn verletzt und lehnte sich liebend an ihn, aber er brauchte lange Zeit, bis er die Gespenster los wurde und wieder völlig die Gegenwart mit ihr genießen konnte.

Am nächsten Tag wiederholte sich dieselbe Festlichkeit in Bucheneck, nur daß die Buchenecker die »einzig mögliche« Stunde sechs Uhr zum Diner hatten, während bei Brentes um zwei Uhr gegessen wurde.

Fritz und Oda verlebten frohe Tage.

Es war klares, köstliches Frostwetter, sie liefen Schlittschuh und gingen spazieren und machten Schlittenpartien, einmal auch nach Dremmelshof, wo der arme Oskar ziemlich widerwillig die ganze Gesellschaft bewirten mußte.

Er sagte schließlich wütend, er wollte nicht immer mit den Dorenschen Damen sitzen bleiben und er reise nächstens ab.

»Wohin?« fragte Oda neckend.

»Nach München,« antwortete er kurz, »kümmert ihr euch wohl um Mara? Der Peter sitzt fest mit seiner Arbeit in Hamburg und die Mara sitzt ganz allein in München.«

Oda wurde ernst.

»Ich bin auch außer mir, daß ich diese Tage gar keinen Brief von Mara habe.«

»Vielleicht morgen,« meinte Fritz tröstend. »komm, laß uns nach Haus fahren, – nur noch zwei Tage, Oda –.«

Der Brief von Mara traf am andern Morgen wie gerufen ein.

Oda saß mit dem Brief und las und las, dann sprang sie auf, schlüpfte in ihre Lodenjacke, setzte sich einen Lodenhut auf, ergriff ihren Spazierstock, und mit blassem Gesicht und ganz verstörtem Ausdruck eilte sie hinaus und zu Fuß nach Bucheneck.

Es war grau und kalt und fing sachte an zu schneien, Oda merkte das alles nicht, sie ging, so rasch sie konnte, und war in einer Stunde beim Rosenhäuschen der Großmutter.

Plötzlich blieb sie stehen.

Dann faßte sie einen raschen Entschluß und ging in das Haus der alten gefürchteten Dame.

Odas Verhältnis zur letzteren hatte sich etwas gebessert, die Großmutter hatte ihr sogar Dutzschaft angeboten, in diesem Augenblick vergaß Oda auch alle Angst, – schneebedeckt, mit roten Wangen, trat sie ins Zimmer der alten Dame und rief: »O Großmutter, warum hast du ihnen nicht geholfen.«

Frau von Doren starrte Oda wie eine Erscheinung an, dann sagte sie mit fliegender Stimme: »Du bringst Schnee in mein Zimmer, – bitte, lege draußen ab, – und dann komm zu mir herein.«

»Und wenn ich auch verschneit bin,« rief Oda empört. »was tut das! Hier –!« sie hielt Maras Brief in der Hand – »hier –! Das ist deine Schuld, wie konntest du das tun!«

Frau von Doren erhob sich etwas zitternd, aber jetzt stand sie kerzengerade da.

»Sie sind impertinent, Fräulein Brente, bitte, verlassen Sie mein Zimmer.«

Odas Atem ging rasch, sie sah plötzlich, daß sie zu weit gegangen war und murmelte stockend: »Verzeih, – verzeihen Sie, aber ich bin – so außer mir, Mara schreibt mir eben, daß alles aus ist zwischen ihr und Peter –«

»Gott sei Dank!« rief Frau von Doren und sank wieder auf ihren Lehnstuhl.

»O Pfui,« sagte Oda.

Wieder wollte Frau von Doren zornig antworten, aber diesmal kam Oda ihr zuvor.

»Ich weiß, daß ich es nicht sollte – aber ich kann nicht anders, seit Jahren hungere ich, Ihnen dies zu sagen, denn seit Jahren mache ich die Qual mit Mara durch, und Sie brauchten ja nur Mara und Peter Geld geben, dann konnten die beiden vor sieben Jahren heiraten, anstatt daß sie die besten Jahre ihres Lebens verhungern und verkümmern und zugrunde gerichtet werden, bis sie schließlich nichts mehr können und wollen, o, warum, warum hast du das getan, Großmutter! Mara ist ein Engel und Peter ist ein edler, guter Mensch, es hatte doch keinen Sinn, ihn so zu verfolgen, und nun habt ihr's erreicht.«

Sie schwieg erschöpft, und der aufgelöste Schnee floß in kleinen Bächen und Strömen an ihrer Kleidung hinunter und über den Fußboden.

Aber die Alte achtete nicht mehr darauf, sie hatte vor Wut ein ganz kleines Gesicht bekommen und eine spitze Nase. Trotzdem war sie nicht imstande, ein Wort hervorzubringen, und dunkel empfand sie, daß irgend jemand ihr diese gräßliche Rede schon oft gehalten hatte – in dunkler Dämmerstunde, in schlaflosen Nächten – sie wußte nur nicht recht genau wer, – aber dies – dies war doch einfach unerträglich. Was fiel der unverschämten Person ein, – wie sollte sie sie los werden, sie haßte allen Skandal.

»Warum liebst du Mara nicht?« sagte Oda jetzt matt und betrübt, »wir lieben sie alle so glühend, – wir sind alle durch sie erst zu richtigen Menschen geworden, wir in München, sie ist so groß und gütig, sie gibt ihre letzten Groschen an Arme, sie arbeitet von früh bis spät und oft die Nächte durch, sie tut niemand Böses und ihre Familie verläßt sie ganz und gar, – niemand hilft ihr und bekümmert sich um sie, – sie hat nur ihren Geliebten, den guten, reizenden Peter Rasmussen, und den nehmt ihr ihr nun auch, – hilf ihr doch, Großmutter.«

Würde die Kleine denn niemals schweigen?

Die Alte rang nach Luft, nach Worten, – sie fand keine, – schließlich sagte sie mühsam: »Ich – mißbilligte – diese Verlobung von Anfang an, Marie Agnes hat nicht auf mich hören wollen, ich wasche meine Hände in Unschuld.«

»Ja, was sollte Mara denn machen? Du wolltest ja doch nichts von ihr? Du wolltest keinen Beruf für sie, du wolltest diese Heirat nicht, ja, was sollen wir Unglücksmenschen denn machen? Wenn meine Eltern das Studieren nicht erlaubt hätten, dann hätte ich auskneifen müssen, denn zu irgend etwas auf der Welt sind wir doch wohl da, oder findest du wirklich, daß meine Schwägerinnen beneidenswerte Menschen sind, die nicht wissen, wie sie den Tag am besten totschlagen?«

Das war zu viel.

»Deine Schwägerinnen haben bessere Manieren als du, ich finde es unerhört, ja empörend, wie du hier bei mir alten Frau eindringst, ich verbitte mir das von Fritz, er soll seine Braut besser erziehen, oder sie nicht in anständige Häuser bringen – so, da kommt er ja – Fritz, bitte, entferne dein Fräulein Braut, – ich verbitte mir dieses, ich verbitte es mir.«

Fritz war eiligst eingetreten, er war vollständig sprachlos, dann führte er stumm die verstörte Oda hinaus.

Draußen standen sie sich gegenüber.

»Mara,« rief Oda, – »es ist alles aus mit ihr und Peter, o Fritz, ist dies nicht schrecklich?«

»Mara und Peter?« stammelte Fritz, – »aber was hat das mit Großmutter zu tun?«

»Ach, laß Großmutter – sie haßt Mara, – Fritz, komm mit mir, was soll ich tun, ich muß sofort nach München fahren zu Mara.«

»Na, na, laß erst mal hören, – was ist denn eigentlich los? Bist du zu Fuß hergelaufen, allein über die Chaussee? Aber Oda, das geht nicht, du konntest doch telephonieren.«

Oda sah ihn entrüstet an.

»Ihr seid alle von Stein, – Maras Lebensglück ist zu Ende, hörst du? All diese jahrelange Zerrerei und Hofferei für nichts und wieder nichts, – verstehst Du?«

»Ja ich verstehe, es ist entsetzlich – komm, laß uns schnell ins Haus, daß ich den Brief hören kann –.«

»Ach, nur nicht zu deinen Leuten, die alle jubilieren werden – bring mich nach Seehof zurück.«

»Du bist ja ganz ermattet, – komm wir gehen ins Gärtnerhaus, da ist's mollig warm und Rath ist draußen, die Frau im großen Haus.«

Sie begaben sich in die Gärtnerwohnung und Oda legte ab. Fritz zog sie liebevoll zu sich aufs Sofa, und dann las sie Maras Brief vor.

»Was für ein – merkwürdiger Brief!« sagte Fritz, – »so kühl und ruhig, – wie von einem Geschäft schreibt sie – wir fanden es beide richtiger, diese hoffnungslose Verlobung definitiv aufzulösen –, Peter braucht volle Freiheit und Sorglosigkeit zum Arbeiten – so ungefähr wie ich ein Pferd brauche zum Reiten, nicht wahr, Odachen?«

»Ich bin auch ganz starr!« murmelte Oda, »sie war ja diese ganze letzte Zeit vor Weihnachten kühler und verschlossener denn je, – vielleicht war die Verlobung – ihr schließlich eine Last, – glaubst du, Fritz?«

»Höchstwahrscheinlich, – weißt du, – nur dir im Vertrauen sage ich es – Peter hat mir auf Hölup gar nicht mehr – so gut gefallen wie früher, – der Mann hatte irgend etwas, – er war verstört, – vielleicht hat Mara irgend etwas erfahren –.«

Er brach plötzlich ab.

»Ach Unsinn, Fritz, – Peter ist ein absolut zuverlässiger Mensch, der hat keine Hintertücken, ebensowenig wie du, nicht wahr?«

Fritz hatte die Arme um sie geschlossen.

»Wozu sollte ich Hintertücken haben? Engel sind wir ja alle nicht und –«

Gott, da waren wieder die Worte des Vaters, – Fritz wurde es einen Augenblick ganz übel.

»Ich sagte das auch nur so von Peter, – ich meine nur – ich weiß nicht, warum der Mensch so verändert war, – ich mochte Knud schließlich viel lieber.«

»Ich auch,« sagte Oda, »Fritz, du meinst doch nicht, daß Knud« –

»Höllisch verschossen in Mara war er, aber –«

»Pfui Fritz, warum gleich so banal, ihr seid wirklich gräßlich – immer dies alberne Verlieben, und wer weiß, wie oft ihr das tut.«

»Na, das ist doch auch schließlich kein Verbrechen und ganz harmlos, – merkwürdig, wie die Männer alle Mara mögen, aber – um sie zu heiraten – dazu gehört ein gewisser Schneid.«

»Wie meinst du das?« fragte Oda gedehnt.

»Ja, – man hat – Angst vor ihr, – sie ist zu – gut.«

»Na hör mal, Fritz, – das läßt tief blicken! Meinst du etwa, ich –«

Sie war aufgefahren.

»Ach Unsinn,« unterbrach Fritz sie schnell, – »ich meine nur – dies Lied: ›Er, der Herrlichste von allen‹ wird sie nie von uns singen, sie ist so mütterlich, – ach, sie ist so'n famoser Kerl, ich hätte wohl Lust, mir den Rasmussen mal vorzukriegen.«

»Fritz, das laß man, – du redest so sonderbar, ich meine, dies Lied – das ist doch einfach Blödsinn und nicht wahr.«

»Nanu.«

»Und ich will die Hohe segnen –: Quatsch, das tut kein Mensch, – wenn du mich verläßt, soll ich deine neue Braut noch segnen? fällt mir gerade ein.«

Fritz lachte beseligt. »Nun! was tätst du denn?«

»Erstens, – ich würde sie verachten, daß sie einen abgelegten Bräutigam nimmt, – denk dir – wie eklig.«

»Oda, – Du bist kindisch.«

»Ach bewahre, im Gegenteil, ich nehme alles ernst und heilig, das hab ich von Mara gelernt, – möchtest du denn jemand andres küssen, wie mich?«

Statt aller Antwort küßte er sie. Dann sagte er gedehnt: »Mara ist wohl auch so ein bißchen übertrieben in ihren Ansichten, und weißt du, was so die ganze, rechte Liebe ist, – wie zum Beispiel unsere, – ob sie – das wohl so weiß –?«

Hieran zweifelte Oda auch, und schließlich meinten sie beide, für Mara könnte nun noch ein neues Leben anfangen, – befreit von diesem sonderbaren Freund Peter Rasmussen. Oda erzählte nun ihre Szene mit der Großmutter, und Fritz mußte, als Oda fort war, hingehen und die Alte stundenlang versöhnen, aber ohne rechten Erfolg, – Frau von Doren war außer sich, und Fritz ging schließlich beleidigt fort.

Es war ein recht ungemütlicher Tag. Das Frohlocken seiner Familie über Maras Schicksal beleidigte ihn auch tief, und er fuhr abends äußerst verstimmt nach Seehof, um von seiner Braut Abschied zu nehmen, denn am nächsten Tag lief sein Urlaub ab.

Oda hatte sich erkältet, sie war gedrückt und ernst, und Fritz geriet außer sich bei dem Gedanken, daß sie mit dieser Erkältung nach München reisen wollte.

»Wir dürfen Mara nicht länger allein lassen,« beteuerte sie, »es ist ja Unrecht genug, daß wir sie in unserem Glück ein wenig vergaßen.«

Schließlich holte Fritz sich Trost bei seiner Schwiegermutter, die ihm versprechen mußte, Oda nicht reisen zu lassen, und dann rückte der Abschied heran.

Fritz war, als er fortfuhr, nicht befriedigt von diesem Abschied. Oda war so hingenommen von Maras Schicksal, – er fing an, eifersüchtig auf Mara zu werden, – wer weiß, ob Mara nicht in ihrer jetzigen Verbitterung Oda über ihn aufklären würde, – ihm wurde heiß und kalt bei diesem Gedanken. Er mußte sofort an Mara schreiben, – gleichzeitig kondolieren, – eine dumme Geschichte, diese Entlobung, – die hätte auch später kommen können, totensicher war da etwas mit Knud passiert! Aber Mara! Sie hatte eben diese kameradschaftliche Art mit jedem, darum hatte er sich auch in Dremmelshof nichts gedacht bei ihrem vielen Alleinsein mit Knud, der wie ein Seefahrer und Abenteurer plötzlich am Strande aufgetaucht war, – und jetzt fiel ihm Maras Gesicht wieder ein, in jener Nacht, als Knud gelesen hatte, und Peter, der sich zu Tode gearbeitet hatte und nun von frischem anfing in Hamburg, und wo war Knud Hansen geblieben? Die Unruhe trieb ihn am andern Morgen sehr früh noch einmal nach Seehof vor seiner Abreise.

Oda schlief noch.

Oskar stand breitspurig in der Haustür und kam ihm übelgelaunt vor.

»Wo warst Du denn gestern?«

»In Hamburg.«

»Ach – sahst Du Peter?«

»Flüchtig –«

»Mensch, was ist da nur passiert?«

»Hol's der Kuckuck, – der Mensch, Peter ist einfach gebrochen.«

»Donnerwetter, meinst Du – Knud –?«

Oskar zuckte die Achseln.

»Knud war ein Taugenichts von klein auf, – aber der Kerl hatte sich ja fabelhaft gerappelt, Dank Peter und – deiner Kusine, – diese Erzählung, die verbrannte, war einfach meisterhaft, – das ist alles, was ich weiß.«

»Merkwürdig. – die Mädchen waren immer hinter ihm her, aber dies ist zu sonderbar, – was arbeitet denn Peter?«

»Na – er hat jetzt Glück gehabt, ein reicher Buchhändler nimmt sich seiner an. Da soll auch eine Tochter sein.«

»So, – dann könnte man ja beinahe hoffen, daß der arme Kerl – aber nein, diesen Schlag überlebt er nie.«

»Wie soll er auch,« brummte Oskar.

»Sag mal, Oskar, – ich habe noch drei Minuten Zeit, ob Oda immer noch schläft?«

»Ja,« antwortete Oskar.

»So,« sagte Fritz Doren kurz, »sahst du sie gestern abend noch?«

»Ja, ich sah sie noch.«

»Na, denn adieu – grüß deine Schwester.«

»Will ich bestellen, – sie sagte ausdrücklich gestern abend, sie wollte heute nicht gestört werden, auch dich heute nicht sehen.«

Fritz setzte sich im Wagen zurecht.

»Gewiß, – das machten Oda und ich gestern ja selbst schon aus. – ich verlangte, daß sie im Bette blieb wegen dieser Erkältung, – ich wollte mich nur erkundigen heute früh, – adieu, – Klaus, fahr zu.«

»Dummer Patron, dieser Oskar,« dachte er wütend, »mir vor Klaus solche Taktlosigkeiten zu sagen, aber was bedeutet dies? Was hat er Oda gestern abend noch alles erzählt von Mara und Peter, – vielleicht Anspielungen auf mich gemacht –, o diese verwünschte eine Stunde meines Lebens! Wenn man nur halbwegs ahnte, was man sich alles damit verdirbt und daß man sich selbst seines Ansehens anständigen Mädchen gegenüber beraubt! Scheußlich und gemein! Einmal lebt man nur, und wie macht man so etwas wieder gut? Über Tolstois Ideen in der Auferstehung lachen die meisten und sogar meine Mutter findet solche Gedanken verrückt, – aber das hat mein Vater ihr beigebracht, wie er selbst sagt, wer weiß, was meine Mutter alles durchgemacht hat, – pfui, es ist eine dreckige Welt und nirgendswo, nirgendswo ein Prophet, der aufstünde und uns allen die Wahrheit mal wieder ins Gesicht schmetterte! Was habe ich mich mokiert früher über all diesen Wohltätigkeitsklimbim und über die Sittlichkeitspfaffen und -Basen und jetzt wäre ich heilfroh, sie hätten damals das arme Lieschen – vor mir gerettet! Gott, wenn sie doch einer heiraten wollte, dann wäre doch alles gut, aber Mara – ich muß allernächstens nach München fahren und Mara sprechen.« Der Wagen hielt mit einem Ruck, es war hohe Zeit, und Fritz Doren sprang in den Schnellzug nach Hamburg.



An einem naßkalten, windigen Februarabend schritt Mara langsam durch die Münchener Straßen. Sie fröstelte und wickelte sich fester in ihr Cape. Seit acht Tagen regnete es unaufhörlich. In ihrem Atelier war es so dunkel, daß die Schülerinnen erst gegen elf Uhr kamen, um zwei verließen sie sie wieder, und von drei Uhr ab war es dunkel, zu dunkel, um zu arbeiten. Früher arbeitete Mara auch kunstgewerblich viel, zeichnete, schnitzte, brannte, entwarf Reklamebilder – aber jetzt saß sie im Dämmern in ihrer kleinen Stube, – Stunde auf Stunde und Tag für Tag.

Gegen Abend ging sie zum alten Häberle, und sie nahmen das Abendbrot zusammen. Und nachher spielte er, und dann gegen neun Uhr ging sie nach Hause.

Was aus ihr geworden wäre in dieser Zeit ohne Vater Häberle, das wußte sie nicht. Er hatte immer ein Wort für sie, das sie stärkte. Und wenn sie sagte: »Vater Häberle, – so geht es nicht länger –,« dann sagte er: »Laß nur ruhig, Kind, es hat alles seine Zeit, – man muß die Wege Gottes nicht unterbrechen, tausend Jahre sind ein Tag. und ein Tag sind tausend Jahre. Es muß zu Ende gelitten werden. Bleib nur auf dem Posten. Laß die unsichtbare Hand nicht los. Das ist alles. Was du tust und treibst, ist vollkommen gleichgültig, – nur laß sich auswirken, was sich auswirken soll, die Menschen haben nie Zeit. Sie unterbrechen immer alles und verderben so viel, ach, so viel. Sie stürzen über die Erlebnisse weg, wie eine wild gewordene Hammelherde, und wenn sie am Ziel waren, wußten sie kaum noch, was sie erlebt hatten, waren nur müde und verzagt und haben das Eigentliche, das Wesen verpaßt. Dies Leben ist nicht nur da, um sich tot zu laufen oder müde zu arbeiten, – es ist nur der Anfang eines langen, langen, geheimnisvollen, großen Weges, – immer der Heimat entgegen, immer aufwärts, Kind, – aber die Berge muß man ruhig ersteigen, sonst hat man nicht die Kraft die Höhe zu erleben, – – gehe du ruhig und still und sei wachsam, – du gehst nicht allein, – es ist einer auf dem Wege zu dir, – ich höre seiner Füße Schall.«

»O nein,« sagte Mara, »ich bin ganz allein! Auch Oda und Fritz haben mein vergessen und Knud ist verschollen –«

»Nicht verschollen,« flüsterte der Alte, »niemand geht verloren, sie sind alle auf dem Wege, und so lange du nur geradeaus gehst, ziehst du sie mit, an Fäden, die sie selbst nicht wissen.«

Mara schüttelte den Kopf. Sie wußte es besser und sie wußte, daß sie ganz allein war, als sie so die nassen Straßen entlang schritt. Und sie wußte die Worte, die ihr Großmutter gesagt hatte, die hießen: »Sieben vergeudete Jahre.«

Diese Worte quälten sie mehr als alle Verlassenheit. Und dann stand Oda Brente eines Tages vor ihrer Tür, als sie heimkam.

»O Mara,« rief sie aus und umschlang die Freundin.

»Bist du endlich da,« antwortete Mara leise. Sie ging voran in die Wohnung, zündete eine Lampe an und zog Oda an der Hand mit in ihr kleines Zimmer.

Oda sah sich um, als wäre sie in einem neuen, fremden Raum, oder war es Mara, die so fremd war?

Mara hatte einen kleinen Petroleumofen angezündet, und jetzt erst spürte Oda, wie kalt es in dem Zimmer war. Allerhand Gedanken und Vermutungen durchkreuzten mit Blitzesschnelle ihr Hirn, und für einen Augenblick vergaß sie sich selbst, aber alles, was sie hervorbringen konnte, war wieder nur ein: »O Mara –!«

»Ja,« antwortete Mara, sich niederlassend und Oda neben sich ziehend, »es sind harte Zeiten, aber man muß sie aushalten, – sie sollen sich auswirken – sagt Vater Häberle, und das ist ein trostreicher Gedanke, und du – kleine Oda?«

»Verzeih mir erst«, bat Oda, »daß ich dich so lange allein ließ.«

»O – das war gut, obgleich ich es nicht recht begriff. – Du warst aber krank, nicht wahr?«

Jetzt richtete Oda sich wieder auf. Sie strich sich das Haar aus der Stirn. »Ja, ich war krank, – ein langweiliger Lungenkatarrh, aber – das war's nicht, – zwischen mir und Fritz – ist auch alles aus.«

»O –« sagte Mara erschrocken.

Odas Lippen zitterten. Sie wollte sich gewaltsam bezwingen, aber sie warf sich wieder in Maras Arme und stieß weinend hervor: »Es ist eine scheußliche Geschichte, – denk dir – Fritz –«

»O – hat er es dir gesagt?«

Oda sprang wieder auf.

»Du weißt es auch?« sagte sie mit blitzenden Augen, »du weißt es, daß er ein Verhältnis in Berlin hat – und du hast es mir auch nicht gesagt? Seid ihr denn alle verrückt? Ihr alle wißt es und ich allein soll es nicht wissen? Mara, seid ihr verrückt? oder boshaft und schlecht?«

Mara war auch aufgestanden.

»Fritz war der einzige, der es dir sagen durfte,« sagte sie.

»Ach Unsinn, – Fritz hatte wenigstens Angst, mich zu verlieren, – aber meine Eltern, Oskar und du, meine beste Freundin? Pfui, Mara!«

Sie stürzte zur Tür und wollte fort, Mara vertrat ihr den Weg.

»Sei kein Kind, Oda, komm her und erzähle gründlich, – wie kamst du auf die Idee, daß ich es dir sagen sollte: Ja, wenn du fünfzehn Jahre wärst und von nichts wüßtest, – aber du bist fünfundzwanzig, vollständig aufgeklärt, ich war überzeugt, du und Fritz würdet euch bei eurer Verlobung vollkommen aussprechen.«

»Hätte ich es doch getan!« rief Oda und schlug die Hände vor das Gesicht.

Mara versuchte die Fassungslose zu beruhigen, und dann nach einer Weile saß Oda wieder neben ihr und erzählte.

»Siehst du,« sagte sie, »das ist ja – alles so schön – in der Theorie, und nachher – da verliebt man sich dann so – schmählich, und dann geht alle Theorie zum Kuckuck, und ich dachte immer – ist da was oder ist da nichts – mir ist's egal – und doch hat es mich oft so furchtbar gequält, denn ich fühlte es längst, daß Fritz – nicht ganz aufrichtig war, aber Mara – denk dir – ich wollte es manchmal gar nicht wissen! Du kannst das gewiß nicht verstehen, du – du und Peter – das war so anders, ihr waret so – richtig befreundet und gewiß so viel – viel besser als Fritz und ich, aber so leidenschaftlich lieb, wie Fritz und ich – ich meine, ihr waret so anders, nicht, Mara?«

»Ganz – anders,« erwiderte Maras ruhige Stimme. Sie hatte Odas Kopf gegen ihre Brust gedrückt, und Oda sah nicht ihr weißes Gesicht und die großen, toten Augen.

»Ja und denk dir, Mara, dann hat Oskar es mir erzählt, das heißt, ich hab es ihm eigentlich so richtig abgedrückt, – er war nach Weihnachten in Hamburg und sah Peter und –«

»O, er sah Peter –«

»Ja – ganz flüchtig nur, Mara, – auch Knud, und die beiden wollten sich ja beinah schießen, und Oskar –«

»Oda, – was ist denn geschehen? Erzähle mir alles, – ich ahne nichts –«

»Du ahnst nichts?«

»Nein, wie sollte ich –«

»Ich dachte – Knud –«

– »Ich habe Knud nicht wiedergesehen, o, was haben die beiden gehabt?«

»Sie sind sich in einer Gesellschaft begegnet, ich glaube, Knud ist wohl etwas betrunken gewesen, – meinte Oskar –, jedenfalls hat er sein Manuskript von Peter verlangt und behauptet, Peter wäre schuld am Verlust, und Peter ist ganz sinnlos geworden vor Wut, und sie haben sich gegenseitig die unsinnigsten Vorwürfe gemacht, Oskar hat sie mühsam auseinander gebracht. – Knud ist schließlich fortgelaufen und Oskar kam zu mir, um auf alle zu schimpfen, auch auf Fritz, und so kam es heraus – und erst sagte ich – es wär mir ganz egal, ganz, – und nun, seit ich's weiß, kann ich nicht darüber weg, ich kann es nicht!«

»Wann war – das?« fragte Mara.

»Gleich nach Weihnachten, – ich quälte mich so acht Tage hin, und dann sagte ich Fritz – die Verlobung auf.«

»Und – Fritz?«

»Fritz – ist – außer sich, er – schreibt mir und schreibt mir und sie sind alle wütend und finden mich verrückt, – wegen dieser alten Geschichte! sagt Papa, – die reine Kinderei – und dann war ich – so krank, daß sie mich schonen mußten, und nun sollte es wahrhaftig wieder losgehen mit der Schinderei, und da hab ich mich in die Bahn gesetzt und bin zu dir gefahren. – – –«

»O Mara, – was sagst du dazu?«

»Ihr armen Leute,« sagte Mara.

»Kannst du uns denn nicht helfen, Mara?«

War das Mara, die zitterte?

Oda blickte erschrocken auf, aber nein – Maras Gesicht war so ruhig und undurchdringlich wie immer.

»So lange diese Andere – diese Dritte, zwischen Fritz und mir steht,« fing Oda wieder an, »so lange kann es ja nicht gut werden.«

»Das arme Lieschen steht nicht zwischen euch –, Fritzens Schuld ist es, die euch trennt.«

»Wie meinst du das?«

»Ach, ich meine nur, mit einer alten Schuld kann man kein neues Leben anfangen, ach Oda – die schiebt sich immer wieder dazwischen, ihr mögt anfangen was ihr wollt! Laß erst Fritz seine Schuld wieder gut machen, und dann seht weiter, – mehr kann ich euch nicht raten.«

»Wie soll er sie wieder gut machen! Wie soll er!«

Oda sprang auf und rannte im Zimmer umher, dann stand sie wieder vor Mara.

»Und ich,« stieß sie zwischen den Zähnen hervor, – »und ich? Was nützt es mir, wenn er tut, was er kann, um es gut zu machen? Es ist doch einmal geschehen! Und ich sage dir eins, Mara – mir ist es einfach – ekelhaft! Mögen andere Mädchen darüber denken, wie sie wollen und mögen sie mich zehnmal verrückt schelten – ich kann nicht darüber weg!«

»Odachen,« bat Mara.

»Nein.« schrie Oda und ballte die Hände, »ich tu es nicht, ich bin mir – zu gut dazu! Ich ziehe keine getragene Wäsche an, und so was läßt sich nicht – abwaschen – wie ein äußerer Schmutzfleck – ich will keine Gemeinschaft zu dreien! Dann können's ja ebenso gut vier sein, – oder fünf –, nein, laß mich vorbei, wenn du zu Fritz hältst.«

Ihre Augen funkelten, sie stürzte zur Tür und hinaus.

Mara blieb regungslos sitzen.

Arme Oda – dachte sie, wie ist da zu helfen? Läßt es sich abwaschen? Ach nein. Es ist kein äußerer Vorgang, – eine Zerstörung der gottgedachten Einheit hat unabsehbare und furchtbare und viel geheimnisvollere Folgen wie die Menschheit ahnt, ein Tropfen Blut genügt, um ganze Generationen von Geschlechtern zu verderben. – –

Mara schüttelte sich –. So war auch dies zerstört.

Sie wußte nicht, wo Oda wohnte, aber sie wußte, daß Oda wieder kommen würde, und nach drei Tagen kam sie auch. Aber sie wehrte alles von sich ab, bis sie eines Abends ganz plötzlich wieder zusammenbrach und an Maras Herzen Trost suchte.

»Es ist alles so dunkel und verworren,« flehte sie, »sage mir nur, wie du – über dies alles denkst – wenn auch kein Mensch und kein Engel mir raten kann und ich doch nur nach meinem Gefühl und Gewissen handeln kann.«

Mara sprach sie zur Ruhe, dann sagte sie leise und langsam: »Ich meine, du mußt Fritz helfen, Odachen, er ist so'n guter Junge, verliebe dich nicht so wild in ihn, sondern liebe ihn richtig heraus, aus dieser Geschichte, – das ist ja das Unglück der Männer, daß wir Frauen sie so wenig verstehen, so wenig das Beste in ihnen lieben, sondern immer meinen, der Sinnenrausch ist das Höchste, das Beste, ist auch das Einzige, was sie von uns wollen – die völlige Hingabe, – es ist nicht so, Oda, – das Sinnliche in der Liebe hat sein Recht, sein volles, aber es ist niemals das, was uns Gott näher bringt und unsern Geist befreit, und der– Gottesmensch schlummert doch in jedem Mann, so gut wie in der Frau, – wir sollten ihnen mehr helfen den Männern, diesen höheren Menschen zu entwickeln, statt den niedern durch unsere Leidenschaft zu unterstützen! Glaub mir, wir Frauen haben entsetzlich viel Schuld, entsetzlich, die meisten ahnen gar nicht, wie sehr –! Es hat mich immer so frappiert, wie die Männer im großen ganzen – wenn sie ihre Frauen noch so lieben, – doch vor ihrer eigenen Mutter noch eine viel größere und durch nichts zu störende Achtung haben! Wie kommt das? Ich habe viel darüber nachgedacht, und es kann nur das sein, daß sie fühlen, die Mutter liebt sie doch noch anders, als die Frau! Dürfte das sein? Die eigene Frau sollte ihnen doch das Heiligste sein, aber sie stehen so vielfach noch auf dem alttestamentlichen Standpunkte des »Herrseins«, der doch im Neuen Testament durch Christus aufgehoben ist, und wir bestärken sie darin durch diese willenlose Hingabe, die unter der Fahne der »grande passion« segelt und sich so hoch und heilig dünkt! Ach, wir sollten sie – mütterlicher lieben und mehr an den Sinn der Ehe, als an den – Genuß – denken und sie würden uns mehr achten! Ich habe all diese – Jahre unter ihnen gelebt, als – gute Kameradin, – ich kenne sie wohl –, sie sind gar nicht so wie manche Frauen – um sich selbst zu entschuldigen – sie darstellen möchten, – sie sind oft gut und rein, aber so hilflos, – wer nimmt sich ihrer an? Wer hat sich denn Fritzens angenommen, seit er Leutnant ist? Seine Mutter? Seine Schwestern?«

Mara hatte flüsternd gesprochen, und eine feierliche Stille herrschte, als sie schwieg, in der kleinen Stube.

Oda stand jetzt auf.

Sie warf den Kopf zurück.

Sie sah wundervoll aus diesen Augenblick.

– – »Ich werde mich seiner annehmen,« sagte sie ruhig. »du hast das richtige Wort getroffen, Mara, – gute Nacht – es ist spät, darf ich morgen wiederkommen?«

»Immer, Liebste, immer, – noch eins, – du weißt – seitdem – nichts mehr von Knud?«

»Nichts mehr,« antwortete Oda langsam. Dann ging sie fort und Mara blieb allein. Sie löschte die Lampe und blieb beim rötlichen Schein des kleinen Ofens auf ihrem Diwan sitzen.

So anders also liebten sich Fritz und Oda, wie sie und Peter sich geliebt hatten – ach ja, ach ja, sie war alt und müde und vergessen und – allein. Die glücklichen Kinder, – zwischen ihnen stand eine Schuld, die erkannt und bereut wurde, und die Oda jetzt mit mütterlichen Händen vom Herzen des Geliebten nehmen würde –, zwischen ihr und Peter stand – ein Gespenst. Ein unfaßbares, wesenloses Etwas, mit vielen, vielen Namen, von denen keiner der richtige war. Manchmal hieß es erloschene Liebe, – manchmal hieß es – ganz nüchtern und kurz – Armut, manchmal hieß es – falscher Beruf –. Schuld –? hatte er noch nie geheißen, aber jetzt – jetzt konnte es manchmal vorkommen, daß in stillen, dunklen Nächten dieser Dritte sie angrinste und ihr höhnisch zurief: Wo ist Knud Hansens Manuskript?

Mara erschauerte dann. Heute abend wieder hatte es sie angerufen, wie ein frecher Ankläger mitten am hellen Tage, und es war Knud selbst, der mit lauter Stimme schrie: Wo ist mein Manuskript?

Und Mara erschauerte von neuem, und dann übergoß es sie siedend heiß, und sie wiederholte laut: »Wo ist es? Wo ist es?« Aber dann kamen andere Stimmen, eine ganze geschäftige schwatzende Schar: Wo es ist? Es ist verbrannt. Kein Mensch konnte etwas dafür. Peter? Der hätte es bei dem starken Wetter mit herunternehmen sollen, in seine Stube? Aber welch eine Idee! Warum? Wenn Knud Hansen seine Arbeit im Stich ließ, um die Nacht im Wirtshaus zu sitzen, – außerdem, – wie unangenehm für Peter, kam Knud zurück und fand seine Arbeit in Peters Stube – –, mein Gott, wer konnte ahnen, daß es wirklich einschlug! Und Fischer Klaassen, der behauptete, er hätte das Manuskript in schwarzer Mappe herunter getragen und auf Peters Tisch gelegt, und Peter hätte ja ebensogut mit beiden Mappen aus dem Fenster springen können, wie mit einer –? Fischer Klaassen »tünte«, das war alles, – einmal sagt er, er hätte Hansen »sin Büx« heruntergebracht, einmal war es das Manuskript, – was sollte Peter in aller Welt dabei machen! Und daß Knud nachher gesagt hatte: Mein erster Trostgedanke bei dem aufkommenden Gewitter war: Peter ist ja im Hause, – Peter sorgt für unsere Schätze, – ja, warum sollte Knud das nicht sagen? Er hatte allen Grund, Peter zu vertrauen und zu danken, Peter hatte ihm schon mehr gerettet, wie ein Manuskript, nämlich das eigene Leben – damals in München. Ja, würde nicht jeder einem Verhungernden helfen? O – lange nicht jeder, aber Peter hatte es getan und hatte alles für Knud getan, obgleich ja freilich Vater Häberle seine Stube gab und Mara das Kochen übernahm.

Mara erhob sich von ihrem Sofa und stand in ihrer vollen Größe, wie eine Niobe da –, wo war das Manuskript – nein, das war es nicht mehr, was sie fragte, – aber wo ist der Gottesmensch in Peters Herzen geblieben – das war es, was sie marterte und quälte, – wer – wer – hatte ihn verdrängt? Und seit wann? Und war es wirklich möglich, daß ein Mensch sich plötzlich so ganz und gar veränderte, und daß ein unfaßbares, wesenloses Gespenst zwei Menschen trennen konnte, die sich jahrelang geliebt? Oder war es kein Gespenst? War es ein – Etwas –? Und dann kam wieder dies Erschauern und dies Gefühl von Kälte und Dunkelheit. Sie drehte den Ofen aus und legte sich zum Schlafen nieder.

Früh am andern Morgen schon kam Oda. Sie war sehr blaß, aber ganz ruhig.

»Ich habe mir in der Nacht alles noch einmal gründlich durchgedacht und – ich werde nach Berlin fahren und mich mit Fritz aussprechen.« sagte sie.

»Das ist gut!« rief Mara, – dann ging ein kleines Lächeln über ihr Gesicht:

»Wie – unpassend – ist das nun einmal wieder!«

»Mein Gott, Mara, – dies Wort hat der Teufel erfunden, – es braucht ja niemand zu erfahren, daß Fritz und ich uns sehen werden.«

»Nein, nein, natürlich, – du kannst ja auch im Hotel sehen und sprechen, wen du willst.«

»Natürlich, – wenn das ganze Leben davon abhängt, sind Sitten Phantome, – ach, willst du denn nicht mitkommen, Liebste?«

»O nein, was sollte ich da –.«

»Ach Mara, – komme mit! Ich habe so das Gefühl, daß es sein soll! Fritz – sieht so zu dir auf! er soll es auch zu mir tun –. Das weiß ich jetzt, – aber – ach Mara, gehe mit uns durch diese Tage, – die Reise laß mich bezahlen – du tust es ja für mich –!«

»Ich will's – bedenken,« meinte Mara, »obwohl es mir so schwer wird, mich aus meiner Höhle hier zu wagen und Vater Häberle –.«

»Ein paar Tage kann er ohne dich sein, – komm mit.«

Sie überredete Mara, und noch denselben Abend reisten die beiden Freundinnen nach Berlin. Sie stiegen in einem kleinen Hotel im Westen ab, und als sie sich installiert hatten, schrieb Oda an Fritz und bat ihn, zu kommen.

Mara ging währenddessen fort. Sie war nicht wieder in Berlin gewesen seit ihrer Verlobung, und halb wie im Traum suchte sie altbekannte Stätten auf. Sie ging an der Hochschule vorbei, sie ging durch die Bayreutherstraße, wo Peter gewohnt hatte, und sie hatte das Gefühl, als wäre das alles hundert Jahre her. Wie jung waren sie damals gewesen, sie und er! Wie glückselig! Alle Hindernisse waren ihnen nur ein Sporn gewesen, sie zu überwinden, er träumte von großen Symphonien und sie von herrlichen Bildern! Das war alles, alles gewesen, oder hatten sie es nur geträumt? Hatte es wirklich einmal eine Zeit gegeben, wo sie lustig gewesen waren? wo sie Karnevalsspäße in München mitgemacht hatten und mit falschen Nasen auf der Straße gegangen waren? wo sie ein rechtes, echtes Künstlerleben geführt hatten, in schwerer Tagesarbeit und mit frohen, oft tollen abendlichen Festen? Hatte sie denn nun eigentlich noch das Recht, sich Künstler zu nennen? Dann war es wohl Zeit, daß jetzt endlich einmal der große Wurf kam, der ihr Künstlertum besiegelte und weihte, oder sollte sie immer so weiter leben, wie es bis jetzt gewesen war, von einem kleinen Erfolg zum andern, sich mit Schülerinnen abplagen, die kamen und gingen – ihr immer gerade so viel einbringend, daß sie leben konnte! Aber bis jetzt hatte doch alles den Sinn gehabt, daß sie auf ein Ziel losarbeitete, und so war sie schließlich ganz zufrieden mit ihrem Beruf gewesen und hatte darauf zugelebt, einmal mit Peter zusammen zu arbeiten, zu leben und zu sterben, – und er hatte so sehr ihrer Hilfe immer bedurft, daß sie gar nicht die Zeit gehabt hatte, an eigene Ziele zu denken, – sie hatte für sein Ziel gelebt! Sie hatte an seine Musik, an seine Zukunft geglaubt, und damals, als er die Musik aufgab, da hatte sie zum ersten Mal ganz deutlich gefühlt, daß das der Anfang vom Ende gewesen war. War denn nun wirklich das Ende da? Das unerbittliche, grausame Ende? Mara fand sich in ihrem neuen Leben noch nicht zurecht, sie wußte, daß das Ende da war, – für sie, – aber für ihn? Sie glaubte, daß sie seinen Weg jetzt mit großer Deutlichkeit sah . . . und es gab Stunden, wo sie sich sagte: Wenn er nur durchkommt, dann ist ja alles gut, und wo sie den großen inneren Zusammenhang aller Dinge wieder begriff und auch wußte, daß sie zu seinem Leben hatte gehören müssen, wie er zu ihrem, – für eine Weile. War nun für beide eine Ablösung gekommen? Vater Häberle war es, der sie das lehrte und der sie in dieser Zeit rettete vor sich selber.

Aber dann kamen wieder Stunden, wo sie fühlte, daß sie Peter noch nicht verlassen durfte, – innerlich nicht. Und sie fühlte, wie ihre Seele losgelöst von sich selbst noch immer Peter umgab, mit großen schützenden Flügeln.

Sie konnte gar nichts dabei machen. Das geschah ohne ihr Zutun und Wollen. War das immer noch – Liebe?

Mara blieb in Gedanken verloren stehen und starrte mechanisch in ein Schaufenster.

Plötzlich sagte eine tiefe Stimme neben ihr: »Guten Tag, Fräulein von Doren.«

Sie erwachte wie aus einem tiefen Traum und sah in Oskar Brentes gutmütige blaue Augen.

»O wie schön,« sagte sie unwillkürlich, – »ich war im Begriff, im Weltall zu vergehen, – da schickt mir der Himmel einen Freund; wie geht es Ihnen?«

»Das ist ja ganz famos, daß ich Sie treffe!« antwortete er etwas erregt, »wo essen Sie zu Abend?«

»Noch nirgends.«

»Haben Sie den Abend frei? Dann kommen Sie mit mir in die ›Traube‹, bitte, bitte, und seien Sie einmal wieder mein Gast, wie in Dremmelshof, ich habe so viel auf dem Herzen für Sie –, Oda – und so weiter.«

Mara überlegte.

»Ja, – ich bin frei, – ich komme mit Ihnen.«

Sie gingen zusammen die Leipzigerstraße hinunter und traten dann gemeinsam in die hell erleuchtete ›Traube‹. Oskar ging stolz voran und fand bald eine gemütliche Ecke, Mara setzte sich und blickte immer noch um sich wie traumverloren.

Plötzlich kam ihr das elegante Lokal zum Bewußtsein und sie sagte lächelnd zu Oskar: »Wollen wir nicht lieber in ein einfaches Restaurant gehen, Herr Brente? oder stoßen Sie sich nicht an meinen Münchener Loden? »

»Ach Schnack, – Sie sehen immer anständig aus, – glauben Sie doch bloß nicht, daß diese Strohtöpfe und Blumenräder von Hüten uns die Spur imponieren, Fräulein von Doren, – wir denken bloß mit Grausen an Hutrechnungen und denken noch allerhand anderes, – und sehen Sie, wenn unsere Damen jetzt auch anfangen mit solchen Hüten und Frisuren – dann kann man sie ja schließlich von den ›Demis‹ gar nicht mehr unterscheiden, – Sie hält kein Mensch für etwas anderes, als was Sie sind, – – noli me tangere – und das ist doch schließlich das beste.«

»Damen müßten sich überhaupt so kleiden.« sagte Mara, »daß die Männer niemals das ordinäre Wort ›Hut-Rechnung‹ in den Mund zu nehmen brauchten, – ich komme mir hier vor wie verzaubert, – lassen Sie uns von der Heimat sprechen, von der Nordsee, sonst werde ich tiefsinnig.«

Sie ist und bleibt eine Sphinx! dachte Oskar, den das Wiedersehen mit Mara nach ihrem Zerwürfnis mit Peter seltsam aufregte. Ist sie nun unglücklich? Kann sie überhaupt warm fühlen? Knud sagte immer, sie wäre wie die Nordsee, kalt und groß und immer schön – ja, in der Tat, sie war schön, gerade hier, wo er sie mit der anderen Frauenwelt vergleichen konnte, sie war imponierend wie eine Königin, trotz ihres schlichten grünen Lodenkostümes und des grünen Plüschhutes, mit einer einzigen langen Feder daran, – wie fein das Ding auf ihrem dichten schwarzen Haar saß und wie groß und ruhig ihre prachtvollen Augen herumblickten, potz Donner, da mußte ja jeder den Hut abreißen, der sie sah.

Oskar winkte den Kellner heran und bestellte ein ausgesucht gutes, kleines Diner für sie beide, und er freute sich wie ein Kind, als Mara gleich die schöne Suppe lobte und sagte: »So gut habe ich seit Wochen nicht gegessen.«

»Aber das ist doch Blödsinn!« fuhr er auf. »Sie sollen immer gut essen.«

»Ach – ich bin auch gar kein Kostverächter, aber im Grunde schmeckt mir eine ordentliche Kartoffelsuppe ebenso gut wie Kaviar, und frisches Brot so schön wie Hummer, – jedenfalls würden mich Delikatessen auf die Länge zur Verzweiflung bringen.«

»Wie kommt es eigentlich, – daß Sie hier sind, Fräulein von Doren?«

»Ich – ich habe zu tun, ein paar Tage.«

»So, aber Oda –«

»Ja – Sie wollten von ihr sprechen?

»Ja, – was in aller Welt sagen Sie nun dazu?«

Er wartete aber ihre Antwort nicht ab, sondern fuhr fort, ziemlich heftig auf Oda zu schelten, die doch sonst so'n kluges, verständiges Mädchen wäre und nun plötzlich sich auf die Prüde, Zimperliche spielte, und wenn alle Mädchen so dächten, dann gingen die Männer überhaupt vor die Hunde, er verstände Oda nicht, wie sie die Verantwortung auf sich nehmen wollte. Fritz jetzt der Liederlichkeit in die Arme zu stoßen, wo er sich gerade rappeln wollte.

Mara ließ ihn ruhig ausreden.

»Es ist gerade umgekehrt,« sagte sie dann, »wenn die Mädchen sich so leichten Kaufs hergeben, wie das gewöhnlich der Fall ist, dann ist es kein Wunder, daß die Männer den Kaufpreis niedrig stecken und denken, ein etwas angesudeltes Schild ist gerade noch gut genug für ein anständiges Mädchen.«

Oskar bekam einen blauroten Kopf.

»Potz Donner,« sagte er dann und schenkte sich ein Glas Wein ein mit etwas unsicherer Hand.

Mara sah ihn ganz ruhig und freundlich an.

Er war vor Schrecken wie verstummt.

»Befehlen Sie noch etwas Wein?«

»Ja, – ich möchte mit Ihnen anstoßen auf unsere famose, tapfere kleine Oda.«

»Fräulein von Doren, – Sie sind einfach unglaublich! Na ja, – wenn sie alle so wären, wie Sie und Oda –«

»Was dann?« fragte Mara.

»Ja, weiß der Kuckuck – dann würde man wohl etwas mehr acht geben auf seine weiße Weste, – aber wie wollen Sie die Welt besser machen, es geht doch nun einmal nicht! So wie das Leben ist und die Sitte, – sehen Sie sich doch einmal in diesem vollgepfropften Lokal um, glauben Sie, daß ein einziger Mensch mit weißer Weste hier sitzt?«

Maras Augen glitten über die Menschheit und füllten sich dann ganz langsam mit Tränen.

Oskar hatte sie neugierig angestarrt, jetzt verlor er ganz die Fassung.

»Um Gottes willen, Fräulein von Doren, bitte, trinken Sie schnell etwas Wein, wir wollen von anderen Sachen sprechen.«

»Es ist schon wieder gut, Herr Brente, seien Sie ruhig, – aber sehen Sie einmal den jungen Leutnant dort – er sieht so ganz unverdorben und frisch aus, und dann sehen Sie die Kameraden, die ihm immer wieder einschenken und ihn nachher zu wer weiß was verleiten, und nun denken Sie, dieser Mensch hätte eine Liebe zu einem Mädchen, von der er wüßte, daß seine – weiße Weste – ihr heilig wäre, und der sich sagte, daß kein Mensch sich allein beschmutzt, sondern immer andere Menschen auch damit entehrt – vielleicht würde er doch jetzt aufstehen und nach Hause gehen.«

Und plötzlich, beinah wie zu sich selbst, sagte sie: »Peter dachte ebenso.«

Oskar schwieg verlegen.

Und Mara wußte plötzlich, warum sie nach Berlin gekommen war.

»Sie wissen,« sagte sie, »daß Peter und ich unsere siebenjährige Verlobung – gelöst haben, – weil es für – uns beide – nicht das Rechte war – als Freunde können wir uns gegenseitig mehr sein, – ich hoffe – jetzt so viel für ihn und seine Musik.«

Oskar starrte sie an.

Sie nahm ganz ruhig noch etwas Gemüse und fragte dann: »Sahen Sie – Peter in Hamburg?«

»Ja, ich sah ihn.«

»Glauben Sie, – daß er – schreibt – oder musiziert? Er schrieb mir von der reizenden Sängerin, und ich hoffe, s o, daß diese ihn wieder auf den richtigen Weg bringt!«

»Er hat sie neulich ein ganzes Konzert durch begleitet,« antwortete Oskar mechanisch.

»Hat er? – ach, – dann hat er wohl wieder – geübt?«

»Er hat bei mir in Dremmelshof gepaukt, daß die Wände wackelten, aber Fräulein Mara, – Ihre Augen fangen ja ordentlich an zu leuchten wie das Meer, – ja, er hat getrommelt und gepaukt, daß alle meine Leute rein verrückt wurden, – die ältesten Weiber fingen an zu trällern und zu zwitschern, und die brummigsten Knechte fingen an zu pfeifen und zu singen, – ich wußte gar nicht, daß Peter so doll konnte und mußte ihn geradezu ermahnen, an seine Schriftstellerei zu denken, aber er nahm erst wieder Vernunft an, als die Kerls aus Hamburg kamen mit der Zeitschrift, – aber bestes Fräulein Mara – Sie sind ja ganz weiß im Gesicht, wir wollen heraus, kommen Sie, dies Lokal ist wirklich nichts für Sie.«

Er half ihr in den Mantel und setzte sie draußen in eine Droschke, dann sprang er selbst nach.

»Wohin?« fragte er.

»Bülowstraße,« antwortete Mara.

»Ich hatte Sie bitten wollen, mit mir ins Theater zu gehen, aber Sie mögen wohl nicht?«

»Vielen Dank, – heute lieber nicht, – Herr Brente, – – – begleitete er eigene Kompositionen?«

»Ja, ich glaube, er hatte das Zeugs auch komponiert, ich versteh mich ja nicht auf Musik, aber außerdem sitzt er Tag und Nacht am Schreibtisch und schreibt eine neue Novelle, sagte er mir, aber ich glaube, es ist eine Symphonie – wissen Sie, daß Knud Hansen ganz frech wurde und wir ihn rausschmeißen mußten? Pech hat der Mensch ja gehabt mit seinem Manuskript, – aber er schreibt wohl bald ein neues, – er wird wohl wieder nach drüben gehen, – na hoffentlich begegnen er und Peter sich da nicht, Sie wissen ja wohl, daß Peter auch daran denkt?«

»Hinüberzugehen?«

»Ja, Fräulein Thomsen beabsichtigt eine Tournee durch Amerika und möchte ihn gern als Akkompagneur mit haben, ich glaube, er kriegt famos Prozente, wenn die ganze Tour reüssiert. Thomsens sind schwer reich.«

»Ja –« fuhr er fort, als sie schwieg, »merkwürdig genug ist das Leben, – Fräulein Mara, – darf ich – noch eins sagen –?«

»Ich glaube, wir fahren schon an meiner Hausnummer vorbei, Herr Brente – bitte, sagen Sie es dem Kutscher, – ja – hier ist es, – Herr Brente, haben Sie vielen, vielen Dank und versprechen Sie mir, gut gegen Oda zu sein!«

»Für Sie tut man ja viel,« murmelte Oskar, als er ihr aus dem Wagen half und sie bis zur Haustür brachte. –

»Adieu, Fräulein von Doren, – wenn Sie mal einen Freund brauchen, dann – dann – das wollte ich Ihnen nur sagen – –«

»Dann denke ich an Sie! Adieu, Herr Brente – adieu.«

Er sah sie im Hausflur verschwinden.

Eine ganze Weile blieb er stehen.

Dann schüttelte er den Kopf und ging langsam fort. »Was ist es nur, – das ihr solche Macht gibt – sie ist doch eigentlich einfach verrückt! Heult über einen besoffenen jungen Leutnant, findet Oda tapfer – die den famosen Fritz laufen läßt, und freut sich, daß sie ganz blaß wird, weil ihr Ex-Bräutigam sich in eine reiche junge Dame verliebt, und da das eine Sängerin ist – selbstverständlich auch wieder musikalisch wird. Und doch, und doch! Es ist etwas Wahres daran, mehr noch, – sie ist wie das verschleierte Bild der Wahrheit selbst, wer sie nicht versteht, wird sie belächeln, und wer es wagt, ihr ins Gesicht zu sehen, muß eigentlich – sterben! – Potz Donner, man wird noch auf seine alten Tage sentimental. Kutscher – he, – Wintergarten, ne, warten Sie man, es ist ja viel zu spät, schon halb zehn.«

»Um zehn kommt gerade det Feinste,« sagte der Kutscher grinsend.

»Na, was denn?«

»Na, so wat wie die nackte Schönheit – und Tanzbeene.«

»Ja, ist das dann nun schön?«

»Ick weeß nich, muß doch wohl sind, denn die vornehmen Herrschaften und die Leitnants wollen det doch immer sehn, und was die Herrschaften vom Lande sind, die nehmen ihre Jräfinnen ja auch mit hin, also scheen muß doch sind.«

»Ach – Kuckuck, fahren Sie mich nach Haus.«

»Auch jut, – der Herr gehört jedenfalls in die solide Richtung. – komm, Amaleken, hast jenug Haber jehabt.«



Mara fand die Freundin schon im Bett liegend vor.

Aber sie wachte noch, und Mara mußte sich zu ihr setzen.

»Es war furchtbar,« sagte Oda mit ganz erloschener Stimme.

»Wieso?« fragte Mara erschrocken.

»Ja, es dauerte so lange, bis wir uns wirklich ganz verstanden.«

»Aber nun – tut ihr es doch?«

»Ja, ich hoffe, ich hoffe – ich kann nicht mehr darüber sprechen heute nacht, aber Liebste, willst du morgen – einen Gang mit mir tun?«

»Alles, alles, Odachen.«

»Ich habe – ihre Adresse, – denk dir, vor ein paar Tagen noch hatte er einen Brief von ihr, es geht ihr so schlecht! und er – hat – wortlos fünfzig Mark hingeschickt – sind das nun eigentlich Menschen, die so handeln –, ach laß! ich muß Lieschen Meier besuchen, ich muß!«

»Natürlich mußt du, und nun schlaf, kleiner Kamerad, – es ist doch gut, daß wir uns haben.«

»Es ist alles, Mara!« Sie schlang die Arme um Maras Hals und zog sie zu sich nieder.

»Nur eins sage mir, – glaubst du wirklich, daß Fritz – dies alles verstehen kann –? Kann ein Mann das überhaupt verstehen? oder sind sie alle schon so versumpft, daß sie es gar nicht mehr verstehen können

»Alle Menschen, die in aufsteigender Linie gehen, werden sich immer verstehen, Odachen, das habe ich heute so deutlich gespürt. Auf dem geraden Wege zu Gott herrscht immer Klarheit, einerlei ob man Mann oder Frau ist. Nur durch das Abweichen vom Guten, und geschieht es auch nur durch den allerkleinsten Gedanken – kommen Mißverständnisse! Du kannst nichts Größeres für Fritz tun, als daß du jetzt – geradeaus gehst, – nicht abweichst! Das allein wird er verstehen. Oda, – ich sah Oskar, – ich habe ihm nicht gesagt, daß du hier bist, er hat mir das größte Geschenk gemacht, was er mir machen konnte.«

Oda fuhr auf.

»Er hat mir gesagt, daß Peter – auch wieder – geradeaus geht, – seinem Stern entgegen – die Musik hat ihn wieder! Ich glaube es ganz bestimmt! Und nun – gute Nacht – schlaf wohl.«

»Gute Nacht, Mara, sage mir noch eins, – wie bist du eigentlich so geworden, wie du – bist?«

»Ach,« antwortete Mara langsam, »ich bin immer sehr einsam gewesen – das ist alles.«

Am andern Morgen fuhren Mara und Oda mit der Hochbahn in den Osten Berlins, und dort in einer etwas ungemütlichen Straße, vier Treppen hoch bei einer Familie Rosner fanden sie endlich Lieschen Meier. Eine magere, blasse, kleine Nähterin saß am Fenster und schneiderte an einer seidenen Bluse.

Ein erstaunter und kühler Blick empfing die eintretenden Damen.

Oda trat freundlich auf sie zu.

»Ich habe – durch Freunde – gehört, daß es Ihnen schlecht geht, und wollte Sie fragen, ob ich Ihnen helfen kann?«

Lieschen stand sprachlos da. In diesem Augenblick trat die Wirtin herein, robust und gesund.

»Schlecht? Natürlich geht's ihr schlecht, meine gnädige Dame, wenn der Bräutigam sie sitzen läßt, aber so machen's die Herren ja alle, und ich hab Lieschen schon gesagt, Lieschen, hab ich gesagt, es wird Zeit, daß du dir 'n andern Schatz nimmst, der dir anständiger unterhält, als der Herr Leutnant.«

Lieschen stand kerzengerade und ganz blaß vor ihnen, zum Glück wurde die Wirtin jetzt abgerufen. Mara folgte ihr und ließ Lieschen und Oda allein, die Tür hinter sich schließend. Draußen verwickelte sie die Wirtin in ein längeres Gespräch, und so gewann Oda Zeit, mit Lieschen zu sprechen, wie sie es gewünscht hatte.

Als sie wieder die Stube betrat, saßen Oda und Lieschen nebeneinander, Hand in Hand und Oda rief eifrig: »Ich überrede sie eben, etwas für ihre Gesundheit zu tun, sie ist so lange krank gewesen, und da sie hier niemand hat, der für sie sorgt, so könnten wir sie doch so schön mitnehmen, Mara, weißt du, in die Anstalt von Dr. Blehn bei München, da erholt sich ihre Lunge gewiß bald, – ich habe ihr gesagt, daß ich es gern bezahlen will, und nachher finden wir einen guten Platz für sie, nicht wahr?«

Oda sprach sehr rasch und mit leuchtenden Augen.

»Nicht wahr! Sie überlegen es sich, Lieschen, – bringen Sie mir morgen Bescheid nach der Bülowstraße, bitte!«

Lieschen schwamm in Tränen und versprach alles, und die beiden Freundinnen fuhren in einer Droschke zusammen nach Hause.

Beide schwiegen erschüttert.

Dann sagte Oda ruhig: »Zwei Jahre ist sie seine Geliebte gewesen, dann hatte er genug von ihr! Sie ist jetzt im Begriff, ein anderes Verhältnis einzugehen, krank, wie sie ist – wenn wir sie nicht mit fortbekommen, ist sie verloren, das sagt sie selbst, – denn dann rollt der Karren abwärts – Mara – o Mara!«

»Du wirst sie retten,« flüsterte Mara.

»Ach ja – aber er, – er – wie ist es möglich, Mara, daß ein Mann, ein Ehrenmann wie Fritz, – der sich doch auch Christ nennt, – die ganze Sache mehr als – Unglück, und als quasi selbstverständliches Erlebnis, wie als Schuld auffaßt! Ja wohl, es ist ihm furchtbar leid, aber eigentlich bat er doch immer nur mich um Verzeihung, anstatt daß er – Lieschen um Verzeihung bitten müßte. Ich habe mich heiser geredet gestern abend und ihm gesagt, welche Erbärmlichkeit ich es fände, gerade mit einem Mädchen aus einem anderen Stande anzubändeln, das ja wehrlos ist, – das keinen Bruder hat, der ihn sofort fordern würde, und das doch ebenso gut ein Mensch ist und seine Ehre hat wie seine hochgeborenen Schwestern und Cousinen! Denke dir, daß jemand seiner Schwester zu nahe trete! Aber dies ist eben nur das »Lieschen«, das rechnet nicht, weil – es sich nicht wehren kann! Gibt es etwas Gemeineres? O Mara, ich war so außer mir gestern, ich habe ihm das alles ins Gesicht geschleudert, obgleich mir selbst das Herz darüber brach, ich fühlte es ordentlich, wie es in lauter ganz kleine Stücke ging, während ich redete! Und sieh mal – alles, was sie sagen, ist doch Unsinn – so lange Lieschen Meier lebt, ist sie seine Frau, ob sie nun Papiere haben oder nicht, und ich – ich will keinen Ehebruch begehen, Mara, ich könnte es auch gar nicht, – das habe ich ihm gesagt.«

»Wie trenntet ihr euch denn?« fragte Mara, den Arm um sie legend.

»Er will heute abend noch einmal wiederkommen, dann will ich ihm von Lieschen sagen. Wie gut, daß ich reich bin, sie sieht so verhungert aus, das kleine Ding.«

Am Abend kam Fritz Doren. Mara sah aus dem Fenster seine elegante Gestalt in Uniformsmantel mit Pelzkragen in der Droschke lehnen, dann begrüßte sie ihn, als er ins Lesezimmer des Hotels trat.

Er sah furchtbar erregt aus, aber er hatte etwas Gutes, Jungenshaftes im Blick, als er Maras Hand ergriff und stockend sagte: »Glaubst du – es kommt noch wieder zurecht?«

»Es kommt alles darauf an, Fritz, ob du Oda wirklich liebst.«

Fritz sah sie an, dann blickte er zu Boden und kämpfte einen sichtbaren Kampf. Aber er ließ Maras Hand nicht los.

»Mehr denn je,« sagte er dann leise.

Mara stieg es heiß in die Kehle und in die Augen.

»Es wird aber schwer sein.« sagte sie.

Oda kam herein, und sie ließ die Liebenden allein.

Einige Tage später reisten Mara und Oda mit Lieschen Meier nach München zurück. Als sie im Coupée saßen, sagte Oda ganz ruhig: »So. Nun wäre alles aus, – die Bahn ist klar, und das Glück ist tot. Hat das nun einen Sinn, Mara?«



»Die Bahn ist klar, und das Glück ist tot.«

Das waren furchtbare Worte von Oda gewesen. Sie klangen Mara immer in den Ohren, als sie viele Wochen später, im Glanz der Frühlingssonne, mit ihren Schülerinnen eine Partie ins Isartal machte, um zu skizzieren.

Sie hatte nicht gewußt, daß ein totes Glück eine Last ist.

Sie hatte das auch nicht geglaubt.

Ich habe es doch gehabt, sagte sie sich immer wieder, andere haben gar nichts, haben das Glück überhaupt niemals gekannt.

Dann fing sie an zu grübeln: Was ist denn Glück?

Sie wußte ganz genau, daß es viele Antworten hierauf gab. Das heißt, eigentlich hatten die Menschen doch nur eine: Liebe ist Glück. Als sie jung war, hatte sie das auch gedacht. Mehr noch, sie hatte es erfahren.

Als sie und Peter zuerst sich liebten, das war Glück gewesen. Aber wenn sie jetzt daran zurückdachte, dann wußte sie auch, daß es einen ewigen Hunger gab, den doch keine menschliche Liebe stillen konnte. Sie hatte sich lange gewundert, was dieser Hunger eigentlich war, bis sie ihn verstand.

Nur lieben – ist noch nicht leben. Leben ist noch mehr als lieben. Leben hat Zweck, – Liebe hat keinen. – Leben heißt – schaffen! Leben ist – Arbeit, leben heißt, jeden Tag ein bestimmtes Ende Wegs zurücklegen mit dem Ziel – endlich nach Hause zu kommen und dann erst das wahre Leben zu finden.

Und dies zurückgelegte Ende Wegs, – das quälte sie so, – war sie in all den Jahren überhaupt von der Stelle gekommen? Hatte sie nicht immer gewartet und gewartet und gedacht – es hat ja keinen Sinn, daß ich allein weitergehe – bald kommt Peter und nimmt mich an der Hand, und dann wird alles anders, und ich muß doch seinen Weg mit ihm gehen.

Das – bald war nicht gekommen.

Nun endlich war die Bahn klar und nun konnte sie ja ihren eigenen Weg gehen.

Das Furchtbare war, daß sie keinen hatte.

Eine alte Mallehrerin werden, war das alles? Nur für sich leben, nur für sich?

Sie machte sich keine Illusionen. An ihre Kunst glaubte sie nicht mehr. Und daß andere ihr sagten, wieviel sie ihren Mitmenschen sei, ihren Schülerinnen –, das half ihr nichts, denn sie wußte es besser.

Sie wußte längst, daß in Wirklichkeit kein Mensch einem andern wirklich etwas ist.

Ja, – Freude vielleicht, – Glück – für eine Zeit – aber nicht das, was die Menschen immer denken – –.

Wirkliche Hilfe, wirklicher Halt, wirkliches Leben.

Jeder ist im Grunde und in der tiefsten Tiefe seiner Seele ganz allein. Und muß ganz allein durch das Leben und durch den Tod.

Mara war furchtbar verlassen. Und ein Neues, Schweres stand ihr bevor: Oda würde sie auch verlassen, das fühlte sie schon jetzt. Oda zog sich von ihr zurück.

Das hatte angefangen, seit unter Maras Schülerinnen eine junge lustige Offiziersfrau war, – mit der hatte Oda sich befreundet.

Sie begleitete Oda auf den geheimnisvollen Gängen, die Oda gewöhnlich des Sonntags unternahm. Dann fuhren sie zusammen nach Laufing hinaus und besuchten das kranke Lieschen in der großen Lungenheilstätte.

Oda hatte Mara immer genau von diesen Besuchen berichtet, aber dann sprach sie eine Weile nicht mehr davon, und dann fing sie eines Tages wieder an, aber schon am Klang der Stimme merkte Mara, daß etwas Neues vor sich ging.

Oda sagte: »Ich glaube – Lieschen wird besser, –« und dabei blickte sie Mara an, mit einem Blick, – ja, was lag denn in diesem Blick?

Feindschaft, – dachte Mara blitzschnell. Ehe sie noch antwortete, fuhr Oda hastig und nervös fort: »Frau von Lindberg findet mich einfach verrückt, – so verrückt, daß sie überhaupt keine Worte dafür hat.«

»So,« sagte Mara.

»Ja,« antwortete Oda.

Und damit raffte sie ihre Malsachen zusammen und verließ Mara.

Das war das erste gewesen. Oda war am zweiten Abend wieder gekommen, mit Blumen und Apfelsinen für Mara, aber über Lieschen hatten sie kein Wort gesprochen.

Dann nach ein paar Tagen fing sie wieder an: »Frau von Lindberg sagt – wenn man mit einer Guttat – gleichzeitig – gleichzeitig ein großes Unrecht begeht, – dann wäre es nichts Gutes mehr.«

»Was meint sie damit –?«

»Sie meint, – Fritz –.«

»Aber Oda. –«

»Ja, – weißt du, sie ist eben eine verheiratete Frau und weiß wohl – doch noch mehr davon, wie wir. Mara, – sie sagt – – Fritz ginge rettungslos vor die Hunde, – das sagt sie.«

»Mir scheint, – das ist doch lediglich Fritzens Sache, und weder deine, noch Frau von Lindbergs.«

»Ja, das sagst du so, – aber ich habe doch eine Verantwortung Fritz gegenüber, – ich kann ihn doch vom Bösen abhalten!«

»Das – kannst du nicht, – du kannst nur selbst auf dem graden Wege bleiben, – das ist alles, was einer für den andern tun kann, – unentwegt geradeaus.«

Da brach es aus Oda heraus.

»Ich hasse diesen geraden Weg nachgerade, von dem du immer redest, – mit dieser trockenen, harten Pflichterfüllung helfen wir keinem Menschen, aber mit Liebe können wir helfen, das sagt Frau von Lindberg auch, – wenn sie nicht ihrem Mann alles verziehen hätte, wo kämen sie hin? wo kämen alle Ehen überhaupt hin?«

»Dahin – wo sie sind,« sagte Mara hart, »daß der Mann die Frau nicht achtet, weil sie ihm alles verzeiht.«

»Mara, du bist zu hart! das ist doch entsetzlich schroff gedacht, – da kann ich – nicht mehr mit.«

Eine Pause entstand.

»Ja – was willst du denn tun?« fragte Mara.

Oda weinte plötzlich auf.

»Nichts,« – sagte sie, – »nichts, aber ich komme mir zu dumm vor, so entsetzlich dumm, – bloß wegen so einer – kleinen Liebesgeschichte, die jeder durchmacht, jeder, – mein ganzes Glück eigenhändig zu zerstören. – ich glaube – du – stehst einzig mit deiner Ansicht da, Mara.«

Mara sah die Freundin sprachlos an.

»Aber Oda – du kamst zu mir und sagtest – – sagtest – du könntest Fritz nicht heiraten und –«

»Natürlich sagte ich das zuerst, aber ich wollte doch nur zugeredet sein, und statt dessen hast du mich in diesen hochtrabenden Ideen so bestärkt und hast uns nun so – grenzenlos unglücklich gemacht.«

Damit war sie fortgelaufen. Mara saß noch lange unbeweglich auf ihrem Platz am Fenster, nachdem sie fort war.

Hatte sie nur geträumt, daß draußen so schönes Frühlingswetter war? Es war ja so kalt und dunkel. Stand nicht plötzlich ein Feind in der Stube, eine geheimnisvolle Gestalt, die fast sichtbar eine Hand ausstreckte – um ihr das Letzte zu entreißen?

Mara fröstelte, dann stand sie auf und trat rasch auf ihren kleinen Balkon, um noch etwas Himmel und Wolken zu sehen, ehe die Nacht kam, – aber sie sah nur wie in eine weite, große Leere.

»Nichts, nichts,« murmelte sie, »meine Freunde verlassen mich alle, warum nur! o warum?«

Odas Stimmung schlug immer mehr um, schließlich konnten sie und Mara über das Thema Lieschen überhaupt nicht mehr sprechen, und damit verrann und verrieselte die Freundschaft allmählich, denn, wenn sie zusammen waren, war irgend ein Drittes zwischen ihnen, das jedes Verständnis von vorneherein ertötete und alle Aussprachen mißlingen ließ.

Mara konnte Oda nicht halten.

Sie versuchte einmal mit Frau von Lindberg darüber zu sprechen, aber die junge Frau, die sehr nett und sehr klug war, – lachte ihr gerade ins Gesicht.

Sie hatte in ihrem Leben noch nichts Tolleres gehört, als daß eine Braut die Geliebte ihres Bräutigams entführt, um diese zu pflegen und mühsam am Leben zu erhalten, – diese arme, schwindsüchtige Person, für die doch der Tod das beste war, und die ja längst gar nichts mehr von dem Leutnant wollte, – sie wollte nur Geld haben, um nicht zu verhungern, und das konnte man ihr doch geben, – mein Gott, – aber vom Leutnant konnte man nicht verlangen, daß er treu blieb, – lieber Himmel, die Damen waren eben nicht verheiratet, sie wußten nicht, wie die Männer in Wirklichkeit sind, – ach, diese Ideale waren ja lieb und gut, aber so töricht und so dumm und auch so unrecht –« so schwatzte sie auf Mara ein, die groß und still dastand und nichts mehr sagte, weil sie nichts mehr zu sagen wußte.

Vielleicht war ja das Leben wirklich so, wie Frau von Lindberg sagte, – vielleicht war sie ja verrückt, oder nur – töricht, – ein ganz unbrauchbarer Mensch, der nur den anderen im Wege stand und sich selbst auch.

So gingen ein paar Wochen hin.

Oda war wieder lieb und gut, aber fremd, – sie verstanden sich nicht mehr.

Der Sommer kam, und mit der Hitze gingen die Schülerinnen fort, sie zogen alle hinaus aufs Land zum Studieren, mit großen Plänen, mit großen Hoffnungen und Träumen von Glück und Erfolg.

Frau von Lindberg wollte Oda nach Dremmelshof begleiten, zu Oskar, während ihr Mann eine Dienstreise machte, und Mara blieb allein in München.

Oda hatte sie sehr gebeten, mitzukommen, sehr, – aber Mara hatte energisch abgelehnt. Sie wollte nicht reisen. Sie hatte ihre Gründe, aber sie verschwieg sie. Das waren ihre Geldverhältnisse. Die waren sehr schlecht. Sie mußte künftig noch ganz anders sparen, wenn sie nicht wirklich in Not kommen wollte. Sie hatte immer ihr Kapital angreifen müssen die letzten Jahre, bald war es zu Ende, und dann?

Sie mußte suchen, bald wieder ein Bild zu verkaufen, – ohne eine Extra-Einnahme würde es gar nicht gehen die nächste Zeit. Aber wie malt man ein schönes Bild, wenn man bei lebendigem Leibe tot ist? Und wie verkauft man es?

Mara biß die Zähne zusammen und ging still und streng an die Arbeit. Es war ein drückend heißer Sommer, Tag und Nacht stand das Fenster auf in ihrem Atelier, weil sie meinte, sonst zu ersticken, sie kramte alte Skizzen und Studien hervor, sie machte ungezählte Entwürfe, sie verbrauchte viel Farben und viel, viel Kraft, und sie kam nicht von der Stelle.

Aber sie ließ nicht nach.

Sie dachte schließlich gar nichts mehr, als an das Bild, das sie malen wollte, um es zu verkaufen und um davon dann wieder leben zu können.

Sie sah keine Menschen.

Ein Modell konnte sie sich nicht leisten. Sie mochte auch nicht mehr ausgehen.

Sie holte sich in der Abendkühle das Nötigste ein und kochte sich ihr Essen selbst.

Zu Vater Häberle ging sie auch nicht mehr, denn der hatte jetzt des Abends eine Schülerin, ein kleines Mädchen, aus der er eine große Künstlerin machen wollte. Er war ganz davon erfüllt.

Mara war überflüssig.

Sie war ganz allein.

Manchmal spät abends saß sie auf ihrem Balkon und hörte das Brausen und Rauschen des unaufhörlichen Lärms, der aus der großen Stadt zu ihr hinauf drang.

War es bloß ein chaotisches Getöse, oder war es das wahre Leben, von dem sie nichts wußte? Das sie verpaßt hatte?

War sie ganz allein zurückgeblieben und lebte auf einer Insel, auf der niemand sie entdeckte, weil sie außer Ruf- und Hörweite war? Oder war die Welt schon ausgestorben und gab es überhaupt keine Menschen mehr?

Und dies große Brausen kam vom Meer, von der Nordsee –?

Ihr graute vor der Nordsee. Die verschlang alles, was es gab. Menschen und Liebe. Menschen und Liebe – alles. Auch Kunst und Kraft und Jugend.

Es war ja lächerlich, daß sie hier oben, auf dieser einsamen Felsenspitze saß und versuchte, ein Bild zu malen.

Sie hatte das Malen ja längst verlernt. Ja, ja, jetzt wußte sie auch das.

Sie hatte ja immer Stunden gegeben. Stunden geben und selbst schaffen – ist zweierlei.

Besonders wenn zum Selbstschaffen kein freier Tag in der Woche mehr übrig blieb. Wenn man immer nur lehrt und lehrt, wird man schließlich wie zerfetzt. Man kritisiert, man lobt und tadelt immer an kleinen Dingen herum, man sieht so viel durch einander, man muß seine beste Kraft hingeben an andere, man lehrt schließlich so lange, bis man selbst ganz hohl wird und keines spontanen Eindrucks mehr fähig ist. Mara hatte das Gefühl, daß sie sich hohl gelehrt hatte. Das durfte so nicht weiter gehen: einmal mußte doch auch ihre Stunde schlagen! So wie es jetzt war, war sie nicht mehr imstande, sich voll und ganz auf eine eigene Arbeit zu konzentrieren, sie hatte immerwährend ihr Herzblut tropfenweise weggeben müssen, – da war schließlich die Quelle versiegt.

O es einmal hinzugeben in einem einzigen, großen, reißenden Strom, und dann sterben. –

Nur nicht dies fortwährende mühsame Verspritzen – in ganz kleinen Teilen, – das ertrug sie nicht länger.

Der Sommer war lang und heiß und ein Tag war wie der andere und eine Nacht wie die andere. Die Wochen gingen so hin, und aus Maras großem Bild war nichts geworden, aber jetzt hatte sie ein paar Rosen gemalt, von denen glaubte sie, daß sie gut waren, sie fand noch einen alten Rahmen, den sie wieder auffrischte mit neuen Tönungen, und sie überlegte, ob sie das kleine Bild zum Händler bringen sollte.

Aber sie konnte sich nicht entschließen. Die Rosen hatten etwas so Eigentümliches an sich, sie entblätterten so hoffnungslos, so ganz genau wie sie selbst, daß sie sich nicht entschließen konnte, die Arbeit zu Markte zu tragen.

Vielleicht war es das Letzte, was sie gemalt hatte. Sie war eben so müde, wie die Rose, sie saß jetzt regungslos und betrachtete die sterbende Blume, die vor ihr in einem Glase stand – eine ganz leichte Bewegung, ein kaum vernehmbarer Ton – wie das Schwirren eines kleinen Flügels – und wieder lag ein großes rosa Blatt auf dem Tisch neben dem Glase.

»Wie schön,« sagte sie unwillkürlich. Sie erschrak vor dem Klang ihrer eigenen Stimme.

Was tat sie eigentlich, und was wollte sie?

Am Abend dieses Tages kramte Mara lange in all ihren Sachen und Arbeiten umher. Sie sagte sich, daß sie sich jetzt entscheiden müßte für irgend etwas. Sie mußte irgend etwas anfangen, oder es ging mit ihr zu Ende.

Sie fing an zu ordnen und auszuräumen. Und je mehr sie das tat, desto ruhiger wurde sie. Sie fand, daß sie doch noch eine ganze Menge Skizzen hatte, die sie verkaufen konnte, z. B. alle die, die früher bei Peter Rasmussen gehangen hatten, – das würde sie für eine Weile vom Verhungern retten, und dann, wenn dieser lange, lange Sommer vorbei war, dann wollte sie sich eine Stelle suchen, eine richtige Stelle als Lehrerin, sie wollte nicht mehr vom Zufall abhängen und von Monat zu Monat in der Spannung leben, ob sie Schülerinnen bekam oder nicht, ob sie Brot zum Essen haben würde oder nicht, – sie wollte wieder lehren, aber sie dachte es sich schön, einmal Ruhe zu haben im Leben. Einmal!

Dann war sie eben Mallehrerin.

Vielleicht eine mittelmäßige. Es gab große Schicksale und es gab kleine. Ihres war dann klein und gewöhnlich. So wie sie gab es ja Hunderte, Tausende – einsame – freudlose – arme Menschen, die ihrer Hände Arbeit gerade so bezahlt kriegen, daß sie davon leben können, – leben – heißt ja doch nur wandern, – wandern durch Wüstensand, oder durch blumige Täler, – bis an das schwere, große Tor, durch das jeder einmal gehen muß, und was kam dann?

Die Befreiung, sagte Vater Häberle.

Und das mußte ja wahr sein.

Denn das Leben hier auf dieser Erde war ja doch wie in einem großen Kerker. Heraus konnte niemand. Sie wanderten alle ruhelos darin herum. Manchmal gingen sie Hand in Hand. Aber meistens gingen sie allein, jeder nur mit dem Tragen der eigenen Kette beschäftigt, – so gingen sie schattenhaft aneinander vorüber, und manchmal klirrten die Ketten lauter, manchmal leiser. Und manchmal war es einzelnen, als wenn ein großes Licht durch die eisernstäbigen Gitterfenster herein fiele, – dann schauten sie wie verzückt und meinten, der große Tag wäre da, aber nur zu bald kam wieder die Dunkelheit und beschattete sie alle.

Inzwischen mußte man sich in diesem Kerker das Leben einrichten.

Nur wandern und denken, das tat nicht gut. Man mußte auch manchmal essen. Sonst konnte man verhungern. Es hungern ja so viele, nach Brot, nach Arbeit, nach Glück, nach Liebe –, sie freilich war schon so lange nicht mehr hungrig. Hatte sie eigentlich in den letzten Tagen etwas Ordentliches gegessen?

Sie konnte sich nicht recht besinnen, aber das Aufräumen und Ordnen hatte sie so müde gemacht, daß sie heute jedenfalls nicht mehr ausgehen konnte. Sie wollte lieber schlafen, ach ja, lange, lange schlafen – sie sank auf ihren Stuhl am Fenster zusammen, aber ihre trockenen großen Augen blieben offen, und Gedanke reihte sich an Gedanke, es kam kein Schlaf, es kam kein Mensch – es kam kein Laut und kein Ton zu ihr herein, – aber schließlich kam die Nacht. Sie kam heiß und schwer, aber sie kam dunkel und leise und freundlich, und sie blieb lange, so lange wie sie konnte, damit das Tageslicht die zusammengekauerte Gestalt dort am Fenster mit den leichenblassen, eingefallenen Wangen und den dunklen, toten Augen nicht sähe und nicht störte.

Aber ehe das volle Tageslicht kam, da kamen leichte Schritte die fünf Stiegen zu Maras Wohnung hinauf, und eine schmale, blasse Hand drückte auf die Klingel.



Im Hausflur von Dremmelshof saßen Oskar und Oda mit Frau von Lindberg beim Nachmittagskaffee. Trotz des goldigen Oktoberwetters und der herrlichen Seeluft, die durch die geöffnete Haustür zu ihnen hineindrang, sahen sie alle nicht sehr zufrieden aus. Oskar und Frau von Lindberg rauchten, Oda saß zurückgelehnt im Schaukelstuhl und starrte vor sich hin, ein eben geöffneter und gelesener Brief lag in ihrem Schoß.

»Nun, wie geht es Mara?« fragte Oskar schließlich.

»Gut,« antwortete Oda prompt.

»Ich glaube,« bemerkte Frau von Lindberg, »daß es einem Menschen wie Fräulein von Doren immer gut gehen wird.«

»Wieso?« fragte Oskar.

»Nun ja, – sie ist – ein in sich abgeschlossener Mensch, der keinen anderen Menschen zu seinem Glück braucht, – kommt das nun, weil sie wirklich in ihren Idealen lebt, oder einfach, weil sie kühl und nüchtern ist.«

»Eine sonderbare Mischung, gnädige Frau – kannten Sie schon einen kühlen, nüchternen – Idealisten?«

»Doch, – das stimmt gerade,« fiel Oda nervös ein, – »wir wissen ja alle ganz genau, daß Mara der beste Mensch von der Welt ist, aber schließlich – kühl – ist sie, muß sie sein, und darum wird es ihr auch nicht schwer, ihren Idealen nachzuleben, während Menschen – mit Blut in den Adern, – das doch einfach nicht können, – man wäre ja kein Mensch mehr, wenn einem schließlich alles egal ist, und so wie Mara durchs Leben gehen – kann doch schließlich nur ein kühler Mensch! Denkt doch an Peter! Kühl hat sie die Verlobung gelöst, – hat sie ihn überhaupt geliebt? Wir alle wissen es noch heute nicht! Und dabei bringt sie einem manchmal bei, daß sie die einzige ist, die wirklich zu lieben versteht, und sie bringt doch alles ins Unglück mit diesen Prinzipien! Um wen gibt sie denn überhaupt etwas? Ihre Familie? Die könnte für sie da leben, wo der Pfeffer wächst, gibt sie um uns was? Warum kam sie nicht mit hierher? Ich kann mir wohl denken, daß sie einen stillen und großen Sommer für sich ganz allein gehabt hat, wie sie heute schreibt, und ich hab mich zu Hause so richtig schinden müssen und werde von allen geschnitten wegen Fritz, – ich fange wirklich an zu glauben, daß Fritz auch nur unter Maras Einfluß gehandelt hat, – es ist ja alles zum Verrücktwerden. »

Frau von Lindberg rauchte gelassen weiter, Oskar hatte Oda manchmal unterbrechen wollen, aber er sah ihre blitzenden Augen in Tränen schwimmen und murmelte nur ingrimmig: »Schade, schade.«

»Was ist schade?«

Oda richtete sich herausfordernd auf und sah ihn gespannt an.

»Daß eine Freundschaft so in die Brüche gehen kann, wie deine und Maras, – ich habe immer noch nicht kapiert –«

»Aber Herr Brente,« rief Frau von Lindberg, »das war kein Freundschaftsdienst von Mara, daß sie Oda, die damals in der ersten Verzweiflung war, zuredete, das Band mit Herrn von Doren zu lösen, – vor solchen sogenannten guten Freundinnen soll man sich hüten bei solchen Gelegenheiten –«

Oda sprang auf.

»Ach laßt nur, – natürlich habe ich ganz allein schuld, ich war ja auch damals wütend, ich sage ja nur, wenn Mara nachher ein bißchen mehr Verständnis für mich gehabt hätte, dann wäre die Freundschaft dieselbe geblieben, sie merkte längst, daß ich mich gern – mit – Fritz versöhnt – hätte, – aber sie tat, als ob die Sache nun ein für allemal erledigt wäre, und das nenne ich eben kühl, und so ist sie immer gewesen, auch beim Malen, – wenn ihr ein Bild mißlang – schwupp, stellte sie es in den Ofen und fing ein neues an, während unsereiner tagelang noch probiert und gewirtschaftet hätte und gebessert und schließlich verzweifelt gewesen wäre, – aber sie? Bewahre. – ›Aber das ist doch so einfach!‹ sagte sie ruhig – und eben so einfach will sie das ganze Leben nehmen! Hat sie sich in der Liebe geirrt – schwupp, in den Ofen damit und fertig ist's, – ›aber das ist doch so einfach!‹ – Knud Hansen ist auch an ihr gescheitert, das glaube ich ganz gewiß.«

»Donnerwetter, Oda, nun ist's genug, – ihr versteht alle Mara nicht, und du bist ungerecht und schlecht.«

»Oke, hör auf.«

Oda lief weinend fort.

Oskar ging ärgerlich im Flur auf und ab.

»Sie ist eben ganz auseinander, das arme Ding,« sagte Frau von Lindberg. »daß Mara ihr diese Geschichte mit dem Lieschen zumutete, war auch zu toll, – das hätte sie sich denken können, daß Oda das nicht aushielt, immer die Person vor Augen, – an Ihrer Stelle, Herr Brente, brächte ich die Sache mit dem Leutnant jetzt schnell ins reine, die beiden lieben sich, es ist ja heller Blödsinn, diese Trennung, andere Frauen machen noch ganz anderes durch und sind doch glücklich mit Mann und Kindern, – ich möchte so'n Engel von Mann ja auch gar nicht zum Mann haben.«

Sie lachte vor sich hin.

Oskar murmelte ein paar unverständliche Worte, dann sah er Maras Brief auf der Erde liegen, er hob ihn auf und ging stumm damit fort.

Am Abend holte er sich Oda in seine Schreibstube und gab ihr den Brief.

»Was steht denn drin?« fragte er.

»Hast du nicht gelesen? Sie wird ganz verrückt, – seit Ende September ist die – das Lieschen doch bei ihr, sie haben sie in Laufing als geheilt entlassen, ich hatte ihr längst da eine Stelle gemietet bei Bauern, statt dessen geht sie eines Tages in aller Herrgottsfrühe zu Mara, und die behält sie bei sich als Mädchen oder als Modell, was weiß ich. – dadurch macht sie es mir doch ganz unmöglich, wieder zu ihr zu gehen, – ich hatte gerade geschrieben, ich wollte wieder gut und lieb sein und kommen – da ist dies die Antwort. Und weil ihr die Wohnung auf die Länge zu teuer würde, schreibt sie, zieht sie in das alte Atelierhaus zu Häberle, Lieschen mit, da wäre was frei, und sie müßte nun selbst tüchtig arbeiten, schreibt sie, und wollte keine Schülerinnen mehr haben zum Winter. Na, vielleicht hat Häberle ja Geld aus seiner Matratze geholt, – was ich immer glaube, – aber ich mag nun auch nicht mehr nach München zurück, trotzdem Tilli Lindberg eine ausgezeichnete andere Malschule weiß.«

Oskar saß breit in seinem Lehnstuhl.

»Schreib doch an Fritzen, er soll wiederkommen,« sagte er kurz.

Oda wurde dunkelrot und schwieg.

Plötzlich schlang sie die Arme um seinen Hals. »Ach Oskar, das könntest du doch tun! Ich habe nichts von Fritz gehört, nichts seit damals.«

»Wenn ich als Bruder dir einen ordentlichen Rat geben soll, Oda, dann warte, bis Fritz –«

»Ach Oskar, du bist bloß auch unter Maras Bann, das ist ja so schwer für mich.«

»Soll ich dir mal was sagen, Oda?«

Er machte ihren Arm los und schrie plötzlich heftig: »Schmeiß doch diese Tilli Lindberg raus! Das sage ich dir! Solche Weiber sind eine Pest, ja, sie sind das Schlimmste, was es gibt, – das bißchen Ideal und das bißchen Ehrgefühl, das man noch hat, das wollen sie uns wegreden und -schmeicheln, weil sie selbst einen Mann haben wollen, weiter nichts, und darum wird alles Hohe und Gute verlacht und – Sinnlichkeit und Leidenschaft zu etwas Hohem gestempelt statt dessen von diesen koketten Weibern, die sich nur amüsieren wollen! Die haben uns Männer auf dem Gewissen, die allein, weil ihnen Liebesgeschichten und Gemeinheiten Spaß machen und weil wir sie darum nicht achten können, diese Frauen! Herr Gott ja, – man lacht wohl mal beim Wein und in Gesellschaft über so Geschichten und Zoten und Erlebnisse, aber im Grunde der Seele sind einem die zweideutigen Späße und Dinge und Theaterstücke doch verhaßt. Das sage ich dir, Oda! Und eins sage ich dir auch noch, – daß ich deinen Fritz beneide, einfach beneide, daß ihm so was passiert ist. – Himmeldonnerwetter, Kreuzelement, der Kerl kann dich doch achten, er hat ein Wesen auf der Welt, das ihn – mit andern Worten – herauf zieht statt herunter, und das er darum höher achtet, als sich selbst, aber ich sehe jetzt, du bist ja gar nicht so, – das ist ja alles nur Mara, diese – dieser Mordskerl von Mensch! Das ist so eine, – an der kann man sich wieder so'n bißchen in die Höhe rappeln, – Herr Gott, warum gibt's nicht mehr solche Frauen auf der Welt.«

Oda war jetzt leichenblaß und starrte ihren Bruder an. Sie rührte sich nicht.

Oskar war ganz außer Atem vom Reden. Dann setzte er sich wieder und sagte: »Warte nur noch ein bißchen, – laß die Lindberg abreisen und bleib du hier bei mir, und wenn dein Herz wieder auf den richtigen Fleck gerutscht ist, dann fahren wir mal nach München und bitten Mara um Verzeihung, – wenn sie sich nur nicht noch ganz kaputt arbeitet mit all diesem Volk zusammen, – da sitzt sie nun in dieser Spelunke mit der ganzen Räuberbande zusammen und könnte es doch im Rosenhaus bei Großmuttern so gut haben, – weißt du, daß es der Alten schlecht geht? Ich reite morgen mal herüber, willst du mit?«

Oda rührte sich noch immer nicht.

»Ich darf mich ja da nicht zeigen,« murmelte sie kleinlaut, »reite du hin – gute Nacht – Oke – und – danke.«

»Na, laß gut sein. – du siehst ja ganz klötrig aus, ja, das Leben ist keine Kleinigkeit, – selbst so ganz gewöhnliche Menschen wie wir müssen uns richtig abmühen, um Oberwasser zu behalten, – Deubel, und uns geht's doch noch ganz gut, nicht wahr, Oda? Aber die Lindberg bringst du mir bald weg, nicht wahr? Das ist ein schlechter Mensch! Glaub es mir, jeder Mensch, der das Gemeine für das Wahre und das Herrschende hält, ist selbst schlechter als er denkt und weiß – gute Nacht, kleiner Kerl.«

Am andern Tag ritt Oskar nach Bucheneck herüber und erkundigte sich nach dem Befinden der alten Dame. Sie ließ ihn vor, saß sehr steif und erkältet an ihrem Fensterplatz, aber ihre Augen blickten so klar und scharf wie immer.

Oke erzählte der alten Dame alles, was ihm gerade einfiel, von seinen Erlebnissen in Westerland, wohin er jeden August einmal ging, von Dremmelshof und der Ernte und Politik, schließlich zog er eine ausländische Zeitung aus der Tasche und sagte: »Der Rasmussen hat da drüben Riesenerfolg gehabt, das hätten wir doch alle nie gedacht.«

»Von wem sprechen Sie?« sagte Frau von Doren eisig.

»Na, von Peter Rasmussen,« wiederholte Oke harmlos, – »anstatt Schriftsteller wird er nun doch wieder Musiker, Komponist, – wird einmal ein großer, berühmter und schwer reicher Mann.«

Nach einer Weile meinte Frau von Doren mit etwas unsicherer Stimme: »Gott sei Dank, daß meine Enkelin Marie Agnes damals die Verlobung selbst löste, – diese Verirrung meiner Enkelin war mir immer unbegreiflich, aber seit der Auflösung habe ich ihr selbstverständlich mein Haus wieder geöffnet, aber sie hatte bis jetzt leider – keine Zeit zu kommen. Meine Enkelin soll eine sehr fleißige Künstlerin sein, sagen sie alle.«

Klang es wie ein leiser Stolz aus ihrer Stimme?

Oskar räusperte sich.

»Ich komme nächstens durch München, – darf ich Ihrer Enkelin einen Gruß bestellen?«

Frau von Doren verneigte sich leicht.

»Sehr liebenswürdig, Herr Brente, – waren Sie schon bei meinem Sohn?«

»Nein, noch nicht, ich hoffe, es geht den Herrschaften gut?«

»Sehr gut, mein Sohn ist noch immer sehr ärgerlich über diese – dumme Affäre mit Fritz, – es wäre ja besser gewesen, Herr Brente, Ihre Schwester hätte – da mein Enkel sie nun einmal heiraten wollte, – etwas mehr Rücksicht auf den Dorenschen Namen genommen und diesen Familienskandal vermieden. Die jungen Leute konnten diese – Jugendtorheit meines Enkels ja lieber nach der Hochzeit allein mit einander – berichtigen, – aber auf alte Leute hört eben kein Mensch mehr und das Noblesse oblige existiert nicht mehr, – recht schade, – adieu, Herr Brente, – besuchen Sie mich einmal wieder.«

Oskar ritt ganz zufrieden fort. Hatte er seine amerikanische Zeitung auch bei sich? Ja wohl, da war sie, – da hatte es richtig und deutlich gestanden heut früh, daß Peter Rasmussen und Frida Thomsen in jeder Stadt ihrer Tournee einen großen Erfolg gehabt hatten, Peters Kompositionen wurden anerkannt und bewundert. –

Donnerwetter, da kam ihm ein Gedanke, ob er diese Zeitung Mara brachte? Er ritt im Galopp nach Hause, um diesen Plan mit Oda zu besprechen, aber Oda war so verzagt, daß er nichts sagen mochte, – Frau von Lindberg war auf die erste Andeutung hin beleidigt abgereist und Oda behauptete, krank zu werden und hatte sich ins Bett gelegt. Als er ihr von Rasmussen erzählte, sagte sie nur:

»Das allergescheiteste wäre, Peter heiratete die Thomsen schnell und Fritz sein Lieschen, dann hätten sie ja beide, was sie wollten.«

Oskar wurde nachdenklich, wer weiß, ob Mara die gelungene Tournee so begrüßen würde, wie er es getan hatte, – seine Reisestimmung verging und Oda wurde wirklich krank, sie hatte sich beim Malen im Freien Rheumatismus geholt, und ihre Stimmung verschlechterte die Sache sehr.

Nach einigen Wochen kam die alte Frau Brente angereist und beratschlagte mit Oskar, ob man nicht an Fritz schriebe? Ja, – Fritz war auf Herbsturlaub in Tirol, seine Familie wußte die Adresse seit acht Tagen nicht, und Oda wollte auch durchaus nichts davon wissen. Sie sagte, die Krankheit wäre gerade richtig gekommen, Fritz sollte nichts erfahren.

Fritz Doren wanderte unterdessen Ende Oktober in München umher und suchte die Wohnung des alten Häberle. Er hatte Mara besuchen wollen und sie vergeblich in der alten Wohnung gesucht, endlich hatte er erfahren, wo sie war und wollte gerade in den dunklen Torweg in der Theresienstraße einbiegen, als ihm Mara jetzt entgegentrat. Ja, war es denn Mara? So mager geworden. So entsetzlich mager und so ernst – aber jetzt erkannte sie ihn plötzlich und ihr Gesicht erhellte sich.

»Das ist schön, Fritz, dich wiederzusehen! Willst du mit mir essen gehen? Dann komm in die alte Osteria.«

Er war so erschüttert über das Wiedersehen, daß er ihr wortlos folgte. Bald darauf saßen sie sich gegenüber an einem kleinen Tisch, und Mara suchte in der Speisekarte die besten Sachen für ihn heraus, mit einer Ruhe und Gemütlichkeit, als hätten sie sich gestern gesehen.

 »Aber, – ist das alles, was du ißt?« fragte Fritz erschrocken, auf Maras Suppenteller deutend.

Sie lachte: »O, das ist schon eine Menge, in – bösen Zeiten ißt man noch weniger, Fritz, und – es geht auch, – ich war schon einmal viel magerer als jetzt.«

So kamen sie ins Sprechen und dann erzählte Mara ihm, daß Lieschen jetzt bei ihr wäre, sie hätte sie nicht fortschicken können, als sie eines Morgens früh bei ihr angetreten wäre und sie wach geklingelt hätte, – »nur mit großer Mühe, denk dir, Fritz, denn ich schlief wie tot, ganz merkwürdig, – als könnte ich nie mehr aufwachen – und da stand Lieschen vor meiner Tür und ich mußte nun doch für sie sorgen, – ich glaube, das war sehr – gut für mich, vielleicht – meine Rettung«' –

»Was habt ihr immer für sonderbare Ideen,« sagte Fritz –, »es wäre gewiß besser gewesen, jemand hätte für dich gesorgt, anstatt daß du dir noch – etwas auflädst, – du siehst mir gerade danach aus.«

»Ach nein, mir geht es ganz gut wieder, ich habe tüchtig zu arbeiten und ich tauschte mit niemand.«

»Kann man dich da besuchen, Mara? ach so –.«

Eine Pause folgte.

»Ja Fritz,« antwortete Mara langsam, »ich würde mich freuen, wenn du es tätst, aber mache dich auf manches gefaßt –.«

»Natürlich, kolossal Bohéme,« fiel er ein.

Mara mußte lachen.

»Mir wird so heimatlich mit dir, Fritz, – also – bohéme, – gut, da ist zuerst der alte Vater Häberle, von dem nicht viel zu sagen ist und der doch unser alter Anker ist. Er hat in der Jugend viel Schweres durchgemacht – sein Bruder nahm ihm die Braut, aber er hat uns alle gelehrt, daß man nicht andere Menschen bekämpfen und hassen soll, sondern nur sich selbst, – das heißt den Teufel, der bei jeder Gelegenheit unser Meister werden will. Dann ist da sein Wunderkind, dann ist eine Frau da mit vielen kleinen Kindern, ohne Mann, dann wohnen da zwei junge Architekten und noch eine ganze alte Malerin, und dann ich und Lieschen, und dann tauchte ganz wie selbstverständlich vor zwei Tagen wieder auf – wer glaubst du?«

»Keine Ahnung, Mara.«

»Knud Hansen, denk dir, ganz unverändert, – ganz, – augenblicklich ist er obenauf, hat irgend etwas geschrieben und viel Geld, – jetzt ist er an die Nordsee gereist aus Kummer, daß keine Stube im Ahnensaal frei war, aber in drei Wochen kommt er wieder und will hier arbeiten und wohnen, er hat sich mir als lebenslängliche Stütze der Hausfrau angeboten.«

»Ahnensaal?« wiederholte Fritz.

»Ja, – der große Bodenraum ist eine Art Halle geworden, die alte Russin und ich malen die Wände aus, – ein alter Flügel steht in der Mitte, und wenn Häberle abends spielt, sind alle Götter dort versammelt, ›unsere Ahnen,‹ sagen die Architekten, – der eine singt, der andere spielt Laute –.«

»Und du?« fragte Fritz.

»Ich? ach ich bin nun alt und prummelig geworden und heiße Mutter Mara, Fritz.«

»Eine Mutter warst du immer, – für uns alle, ich käme gern mit dir heut abend, aber – Lieschen –.«

»Lieschen –? betrachte sie doch einfach als deinesgleichen, was sie ja im Grunde doch ist, – denke – daß du ihr einmal ein großes Unrecht getan hast und bitte sie einfach ritterlich um Verzeihung, – dann ist der Ton gefunden –.«

»Herrgott, Mara, wenn alles so einfach wäre, wie du denkst –.«

»Es ist einfach, Fritz, – das habe ich in den letzten drei Wochen meines Lebens wieder gelernt, – das Leben ist furchtbar einfach, – so lange wir selbst nur einfach und wahr sind! Das ist die ganze Lösung.«

»Ja, – aber – Lieschen – liebt mich doch nicht mehr?«

»O nein! Sie hat mit furchtbarem Haß gegen dich zu kämpfen gehabt, sie hat dich gründlich verachtet, ja sie – verachtet dich noch heute, – nicht wegen des Unrechts von damals, sondern wegen deiner Auffassung desselben, – sie sagt immer: ›In Gottes Augen sind doch die Menschen gleich, aber wenn die vornehmen Christenleute so was tun, – dann soll's bei uns eine Sünde sein und bei ihnen nicht – und wenn zwei ganz dasselbe tun, dann sind sie sich doch ganz gleich.«'

»Sie hat recht,« murmelte Fritz.

Mara hatte leise gesprochen, jetzt sah sie nach der Uhr.

»Es ist schon spät, willst du mitkommen? Ich möchte dir noch sagen, daß Lieschen – ich glaube nicht, daß sie geheilt ist, und der Winter steht vor der Tür – vielleicht tut dir ihr Segen – später mal gut, – ich werde vorangehen, kommst du nach?«

»Ja,« antwortete Fritz aufstehend.

Sie gingen zusammen heraus, Mara sah ihn mit so leuchtenden Augen an, daß er sie wieder jung und schön fand, dann trennten sie sich. Er wollte noch eine halbe Stunde spazieren gehen und dann nachkommen. Der Entschluß, hinaufzugehen, wurde ihm schwer.

Aber als die Uhr neun war, schritt er doch hinauf. Oben angekommen hörte er, daß der Alte spielte, und ein neuer Zauber fing an, ihn zu umfangen. Leise öffnete er die Tür und befand sich nun in der »Halle«. Er erkannte sofort, daß der Ahnensaal ein einfacher, großer, altmodischer Bodenraum war, der durch künstlerischen Anstrich wirklich eine Halle geworden war. Zwei Wände waren mit Fresken bemalt, die anderen waren mit Rupfen und Teppichen bespannt, eine große Strohmatte lag in der Mitte unter dem Flügel, an den Pfeilern hingen zwei uralte Messingwandleuchter, er sah einen breiten Kachelofen mit einer Ofenbank, auf der verschiedene Personen hockten, er sah am Flügel ein altes, gespenstisches Männchen kauern, dessen Hände über die Tasten flogen und der diese geheimnisvollen, ergreifenden Töne dem alten Instrument entlockte. – Fritz lehnte sich lautlos an einen Pfeiler und sah sich langsam um. Er sah Mara sitzen, den Oberkörper vorgebeugt, die Hände auf den Knien verschlungen, – im Dämmerlicht sah er ihre Augen leuchten und ihr dunkles Haar glänzen, – wie eine Sybille saß sie da, so groß und feierlich, diesen Augenblick kam sie ihm ganz neu und ganz fremd vor. Ihr zu Füßen kauerte ein kleines Mädchen mit hellen Haaren, das mit all ihren Sinnen bei der Musik war, er sah die beiden Architekten stehen und die alte Russin, und während er noch stand, öffnete sich wieder die Tür und andere Gestalten kamen hereingeschlichen, manche sahen ärmlich aus, verhungert fast, aber ein Glanz lag auf allen Gesichtern, ein Götterglanz, dachte Fritz, – nein, kein Götterglanz, sondern der Glanz – der auf allen Gesichtern liegt, die wissen, daß es etwas Besseres gibt, als dies arme, mühsame Leben hier auf dieser Erde, und die den rechten Weg endlich gefunden haben. Unter dem einen Freskobild lasen seine Augen den Spruch: »Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.« Er fing an, den Zusammenhang dieser Worte dunkel zu ahnen.

Als der Alte geendet hatte, war so tiefe Stille, daß niemand sich zu rühren wagte, dann trat einer der Jünglinge heran und sprach mit Häberle, und Fritz sah sich nach Mara um. Er ging zu ihr und gab ihr die Hand, und da sah er auch Lieschen sitzen, und nun kam es ihm mit einemmal ganz natürlich und einfach vor, daß er auf sie zuging. Er hielt ihr die Hand hin und sagte leise: »Guten Tag, Lieschen. – Verzeih mir.«

»Von ganzem Herzen,« antwortete das Mädchen.

»Still!« rief jemand, – »still!«

Vater Häberle spielte die Mondscheinsonate. Mara hatte das Gesicht in den Händen vergraben, Fritz fühlte, was sie dachte, er fühlte, wie lauter große, durchgekämpfte Lebensschicksale durch diesen Raum schritten und ihn heiligten, und er dachte, wie arm ist das Leben aller der Menschen, die von so etwas nichts wissen, die nur Gesellschaften kennen oder müde, bleierne Abende, – keine Erhebung der Seele, wenn der Tag sich neigt und die stille, große Nacht kommt, und die nicht wissen, wo sie mit all ihrer Sünde und Not hin sollen.

Er war verzaubert. Nannte man dies Bohéme?

Als die letzten Töne verklungen waren, erhob sich Mara und machte ihm ein Zeichen, – er folgte ihr, und sie gingen auf eine niedrige Tür los, an der ihr Name stand, M. A. v. Doren.

Dann betraten sie eine lange, schmale Kammer, die aber mit wenigen Möbeln so wunderhübsch eingerichtet war, daß ihm ein: »O, wie gemütlich!« entfuhr.

Sie nahmen am Ofen auf zwei Korbsesseln Platz.

»Mara,« sagte er, – »aber – wird denn auch genug für dich gesorgt hier?«

»Besser wie im feinsten Hotel, – du glaubst gar nicht, welche Wonne es ist, hier oben, unter diesen Menschen krank zu werden, – neulich lag ich ein paar Tage, und die Geschichte wurde einfach als Hauptfest aufgefaßt. Ich habe lange nicht so herrliche Süppchen gegessen, als wie der Architekt Bremer sie kochen kann, und der Tee von der Russin und Kamillentropfen vom Vater Häberle. Köstlich. Wir leben hier oben eben wie freigeborene Menschen. Es gibt eine ganze Kategorie von Worten, die man hier oben überhaupt nicht kennt, die heißen z. B. bei Krankheiten – Ansteckung, – im Verkehr – Einladung, oder Kleidung und – last not least – Langeweile –, wir brauchen keinem Verein anzugehören, um anderen wohlzutun, – zwischen uns allen ist das geheime Band, und jeder hilft wortlos und selbstverständlich dem anderen. Wir lösen alle brennenden Zeitfragen nicht mit Worten, sondern am eigenen Leibe, Fritz.«

»Du schilderst paradiesische Zustände, Mara.«

»In gewisser Weise, ja, – Jesus hat ja auch niemand so bemitleidet, wie die reichen, satten Menschen.«

»Aber es gibt doch auch furchtbar heruntergekommene Existenzen bei euch.«

»O gewiß, aber selbst das Laster kann man hier eher bekämpfen, weil es wahr ist und nichts anderes sein will, – während in höheren Kreisen, in Beamten-, in Offizierskreisen z. B. doch immer das Laster verheimlicht wird und der Ehrgeiz ist, nach außen für anständig zu gelten! Ach, Fritz, was nützt das? Es beschwert das Herz nur noch mehr, – die Menschen sind sich überall gleich, – Schufte und korrumpierte Frauen gibt es in den höchsten und niedrigsten Kreisen ganz gleich, und es gibt keinen Stand, der verlotterter wäre als ein anderer, – das ist die Wahrheit.«

Beide schwiegen. »Weißt du, daß dies – Peters Stube war? Hier verlor er sich und hier finde ich mich wieder – seitdem ist eine ganze Zeitepoche vergangen, aber er wird auch zu seiner ersten Liebe zurückkommen – zur Musik! ich glaube es bestimmt!«

Fritz schwieg beklommen. Dann fragte er: »Hast du kürzlich von – Oda gehört, Mara?«

Mara seufzte leise, dann erzählte sie ihm vorsichtig von Odas Stimmung und von ihrer Freundschaft mit Frau von Lindberg, und daß die Menschen doch alle so verschieden über diese Sachen dächten, – sie konnte und wollte nichts mehr dazu sagen, aber sie begriff, daß es Oda schwer schien, nach München zu kommen, sie wäre auch wohl am allerbesten bei Oskar.

»Also da ist sie noch, – ich wollte jetzt nach Hause fahren, aber ich gehe dann nur auf zwei Tage hin, – die Nähe ist zu schwer – weißt du, – Oda und ich dürfen nun nicht schwach werden, – das wäre ja, als ob man mitten in einer Reiterattacke umkehren wollte, nicht, Mara? Wir müssen nun abwarten, was der liebe Gott über uns beschließt! Und so ein Abend – hier oben bei euch – das tut gut! Adieu, Mara – ich besuche dich bald einmal wieder und – alles, was ich noch für Lieschen tun kann – das weißt du, brauchst du mir nur sagen! Aber – Geld – kommt mir jetzt wie eine Beleidigung vor, – und doch – wovon lebt ihr hier denn eigentlich alle zusammen, Menschenkind?«

Mara mußte über seine entsetzten Augen lachen.

»O, jeder verdient etwas, und das ist in der Gemeinschaft immer viel, – ich habe – viele Skizzen verkauft, ehe ich herzog, und hing die Kunst an den Nagel, und denke dir –, erst hier in diesem Milieu habe ich nun mich selbst gefunden, der Wirt unten hat meine Fresken hier gesehen, und ich soll ihm unten die Gaststube malen, das ist meine erste gute Bestellung im Leben, Fritz, nun fängt mein Künstlertum überhaupt erst an, ist das Leben nicht merkwürdig?«

»Du – willst ein gemeines Lokal ausmalen?«

»Vielleicht ist das wichtiger – als eine Kirche, – dahin muß die Kunst überhaupt zurück, mein Lieber, – ich male ihnen eine Meeresbrandung hin, – dann wird ihnen freier und froher vielleicht, – und das Bier erscheint ihnen – fade, adieu, Fritz, und Dank, daß du kamst!«

Fritz nahm ihre Hände und küßte sie ehrerbietig.

»Und – bleibst du immer hier, Mara – willst du hier ganz festwurzeln?«

»Wer mag das sagen, – ich bleibe vorläufig hier, ich fühle, daß ich hier wieder ganz glücklich werden kann, mehr noch, ich fange ja jetzt erst an zu leben! – Man muß nur nicht denken, daß das Leben einem irgend etwas Besonderes oder Großes bringen soll – – klein und groß sind auch nur Begriffe. Nur manchmal – des Nachts ist mir, als kämen Schritte auf mich zu, von weit her, – aber ich weiß nicht – ist es das Leben, oder ist es der Tod, – der Klang ist ja derselbe. Es kann auch die Glocke sein im Meer, die mich ruft, – Peter sagte ja immer, ich wäre mit dem Meer verwandt. Vielleicht passe ich darum so schlecht unter die Menschen? Peter sagte auch einmal, als ich ihm eine – vielleicht harte – Wahrheit sagen mußte: ›Mara, Mara, wer kann dies bittere Wasser trinken?‹ Darum ist es gut, daß ich jetzt allein bin, – adieu, Fritz – adieu.«



Zwei Jahre waren vergangen.

Und wieder war es ein leuchtender Oktoberabend, da saß die alte Großmutter Doren nicht mehr steif und gerade, sondern recht bedrückt und kümmerlich an ihrem Kaminplatz.

Vor ihr stand der Spieltisch, sie wartete auf ihren treuen Freund Oskar Brente, der jede Woche zweimal zum écarté zu ihr herüber kam. Heute blieb er länger aus als gewöhnlich, die Alte saß und dachte an die alten Zeiten.

Das, was ihren stolzen Rücken so gebeugt hatte, war der Tod ihres Sohnes Ludwig vor zwei Jahren, – ganz plötzlich war der starke Mann an Lungenentzündung im Herbst gestorben, und nach seinem Tode zeigte sich, daß das Gut so heruntergewirtschaftet war, daß die Familie Doren sich in rechter Notlage befand und schweren Sorgenzeiten entgegenging. Die Alte bezahlte wortlos so viel Schulden, wie sie bezahlen konnte, aber es genügte nicht, und sie dachte heute abend: Was wohl geworden wäre, wenn nicht Lieschen Meier gestorben wäre und Fritz und Oda sich versöhnt hätten, – freilich, hart blieb es, daß Bucheneck nun durch Brentesches Geld gerettet war, aber die junge Frau von Doren hatte es verstanden, in kurzer Zeit die alte Großmutter um den Finger zu wickeln, – wahrhaftig, das verstand sie, die resolute kleine Person, – ein schattenhaftes Lächeln flog über Frau von Dorens Gesicht, als sie an das glückliche junge Paar da unten auf dem Hof dachte, mit ihrer kleinen blonden Mara, – der Stammhalter würde ja wohl bald folgen und Fritz, das mußte man sagen, hatte sich sehr heraus gemacht, seit er das Gut selbst übernahm, und jeden Abend kamen die beiden herauf und erhellten ihren Lebensabend. Mutter Minette mit den beiden Töchtern war nach Kiel gezogen, ließen sich von Fritz und Oda eine anständige Rente auszahlen und stürzten sich in die Kieler Geselligkeit, – es war merkwürdig, wie wenig die Alte sie entbehrte, trotzdem sie ja entschieden bessere Manieren gehabt hatten wie Oda, – das war fraglos, denn Oda – die blieb, wie sie war, – sie kam noch immer schneebedeckt in die Stube und gab der Alten ohne weiteres einen herzhaften Kuß, – wieder lächelten ihre Züge, – lieb war sie doch, die Oda, wenn sie auch modern und unverfroren war.

Und sie erzählte so viel von Mara, – anfangs war ihr das gar nicht lieb gewesen, aber nach und nach hatte sie sich daran gewöhnt, und jetzt war ihre erste Frage, wenn Fritz und Oda hereinkamen, gewöhnlich: »Habt ihr Nachrichten von Marie Agnes?« und dann hörte sie mit unbeweglichem Gesicht alles an, und schließlich sagte sie kurz: »So, – so, – lieber Fritz, sahst du deine Mutter in Kiel?«

Damit war das Gespräch abgebrochen.

Versuchten Fritz und Oda manchmal Andeutungen zu machen, daß Mara nach Bucheneck kommen möchte – dann wurden sie kurz abgewiesen.

»Sie hat diesen – Monsieur – Rasmussen uns allen vorgezogen, sie paßt nicht mehr unter die Dorens.«

»Aber Großmutter,« sagte Fritz dann, »seit bald vier Jahren ist die Verlobung zurückgegangen,« dann sagte sie nur: »So? Davon weiß ich nichts. Marie Agnes hat es mir nicht mitgeteilt, Marie Agnes soll sich nur entschließen und den wirklich – außerordentlich angenehmen Herrn Brente auf Dremmelshof heiraten, dann wollte sie ihr die Jugendtorheit verzeihen.«

Sie war gerade in ihren Gedanken bei Oskar wieder angelangt, als dieser eintrat und der alten Dame ein paar Rosen überreichte.

»Danke,« sagte sie, »wie attentiös von Ihnen, lieber Herr Rittmeister, – Sie hatten wohl keine rechte Lust heute, zu der alten Frau zu kommen, Sie sind ja so spät.«

»Bitte tausendmal um Verzeihung, – mein Inspektor ließ mich nicht los, – Sie wissen ja, wie furchtbar gern ich komme.«

»Sehr aimable, – Sie sind ein Schmeichler.«

»Ne – es hat auch nicht jeder eine solche Großmutter wie ich,« sagte Oskar ruhig.

Seit die Alte Odas Großmutter war, hatte er sie auch so genannt, und Frau von Doren ließ es sich halb gnädig halb spitz gefallen.

»Heute werde ich wohl auch wieder solch miserables Pech haben wie neulich, – Sie fangen an, Herr Rittmeister, – was gibt es denn Neues?«

»Massenhaft, – wollen Sie erst Zeitungsnachrichten oder Familiennachrichten hören?«

»Die Familie steht einem doch immer am nächsten, Herr Rittmeister, – betrifft es meine Enkelinnen in Kiel?«

»Ich habe leider nicht die Ehre, etwas von den gnädigen Fräuleins zu wissen, aber ich habe von meinem Vetter aus Hamburg gehört, daß dort nächstens im Glucksaal die große Meeressymphonie aufgeführt werden soll und daß Rasmussen aus Amerika herüberkommt, um selbst zu dirigieren.«

Die Hände der alten Dame flogen.

»Herr Brente, schlechte Witze sind nicht mein Genre, – Sie vergessen, daß ich eine alte Frau bin.«

»O, bitte tausendmal um Verzeihung, mein Vetter gehört doch nun mal zu meiner Familie, und dies hat er mir wahrhaftig heute geschrieben, und mehr, gnädige Frau, aber, das soll ich wohl nicht sagen?«

»Vielleicht auch, daß dieser – Rasmussen jetzt allgemein vergöttert wird und daß er einen spitzen, schwarzen Vollbart trägt – wie neulich sogar in der ›Kreuz-Zeitung‹ stand – ich finde diese Art Reklame, die auch mit der Person des Künstlers getrieben wird, ziemlich ordinär, aber anders werden sie ja wohl nicht berühmt.«

Oskar beobachtete entzückt das Gesicht der alten Dame.

»Na, ein feiner Kerl war Rasmussen immer, und ehrlich durchgearbeitet hat er sich, wahrhaftig.«

»So, wirklich? Sie sind daran, Herr Brente?«

»Ja wohl, ja wohl, und bin im Verlieren wie ein Heupferd, – ach pardon, das darf ich ja nicht sagen, aber die Frau Großmutter ist ja immer so gütig zu mir, also Rasmussen wird nun wohl sein Glück machen, und ich bin auch eingeladen, die Feier nachher noch mitzumachen.«

»Was dann noch für eine Extrafeier? –«

»Nun, – bei Thomsens, – Fräulein Thomsen wird irgend eine große Geschichte mit Orchester singen, alles von Petern dirigiert, – nachher kommt seine Symphonie und nachher kommt dann großes Diner bei Thomsens, und da soll denn wohl die Verlobung von Peter und Frida Thomsen gefeiert werden, schreibt mir mein Vetter.«

Er sah bei diesen Worten die alte Dame gespannt an. Frau von Doren warf die Karten zusammen.

»So,« sagte sie mit blitzenden Augen, »also nun, wo er im Glück ist, läßt er sie sitzen und nimmt die reiche Thomsen, – übrigens – ich erwarte es von dieser Art Leuten nicht anders.«

Oskar riß die Augen auf.

»Läßt sie sitzen? Aber Großmutter! Mara – ich meine Ihre Enkelin – hat ihm doch glatt den Laufpaß gegeben, was soll der arme Kerl denn machen?«

»Meine Enkelin wußte, was sich gehörte, Herr Brente, – bitte, Sie sind dran – Sie spielen heute miserabel, mein Lieber, – wann ist die Geschichte in Hamburg?«

»In acht Tagen, den 22. Oktober, – bei mir in Dremmelshof will alles hin, – Inspektors, und Mamsell sagte: ›Was, Herr Rasmussen, de hier so schön speelt hät, dat man blots ümmer so hulen kunn – de giwt in Hambog 'n Konsät – ne, Herr Rittmeister, da möt wi rein hen, – wat min Swester is, Line Groterjahn, de hätt mich schon öfteres inladen.‹ – Und Ihre Enkelkinder von unten, die werden sicher hinmachen, Rasmussen is ja auch ein Holsteiner, da muß alles hin, was Beine hat, – fein, wenn so'n Mensch so in die Höhe kommt durch seine Arbeit und durch sein prachtvolles Talent und durch so'ne Frau wie Ihre Enkelin in München, – übrigens, wußten Sie schon, daß es nächstens Krieg gibt in der Türkei? Da will ich mit, als Freiwilliger, ich hab die Einsamkeit in Dremmelshof auch satt, – oder, – Großmutter, gnädige Frau, warum ziehen Sie eigentlich nicht zu mir? Das wäre famos.«

»Dieser Vorschlag ist sehr touchant von Ihnen, mein lieber Rittmeister, aber – meine Tage sind gezählt. –«

»O bewahre! Sie haben noch ›Rosen up de Back‹, Sie sind die Jüngste von uns allen, soll ich Sie nicht mit nach Hamburg nehmen, damit Sie die große Symphonie hören? Ich bestelle einen Extrazug und ein Auto hier vor Ihre Tür, – denken Sie, welche Ehre für alle Holsteiner, wenn die alte Frau von Doren von Bucheneck angefahren kommt, um die jüngste Holsteiner Berühmtheit – unseren Rasmussen – mitzufeiern, fein fein, – nich?«

Frau von Doren sah ihn ganz seltsam an. Nach einer Weile sagte sie nur: »So, – Sie haben das Spiel gewonnen, – für heute ist es wohl genug, Liese bringt gleich den Tee, – nun erzählen Sie mir noch mehr von der Türkei, Herr Rittmeister, das interessiert mich brennend.«

Als er fort war, sagte die Alte mehrmals vor sich hin: »Ein komischer Mensch, ein ganz komischer Mensch.«



Acht Tage später war der große Tag in Hamburg. Die Stunde des Konzertes war da und der Riesenkonzertsaal überfüllt von Menschen. Glänzendes, flutendes Licht, glänzende, helle Toiletten, Stimmengewirr und geheimnisvoll aufregende, wirre, unterdrückte Töne vom Orchester her, das »stimmte« – auch die Stehplätze waren ausverkauft und an den Eingangstüren standen sie dicht gedrängt und Kopf an Kopf, die wahrhaft kunstbeflissenen Jünger, die gern drei Stunden stehen, nur um keinen Ton, keinen Augenblick zu verlieren, – jetzt schwirrten ein paar Worte hin und her – – sie kommen! Das sind sie – und alle Hälse reckten sich, um den Künstler besser zu sehen, auch Mara hob den Kopf etwas, und dann – sah sie ihn.

Sie war vor ein paar Stunden aus München gekommen und stand nun, dunkel gekleidet, mitten zwischen dem Steh-Publikum, an eine Säule gelehnt.

»Das ist Frida Thomsen,« sagte ein Student neben ihr, »einfach göttlich, – nicht? Ganz wie Silber das Kleid, und wenn sie singt, – Mensch, du bist hin. – Sie singt nur Sachen, die er komponiert hat.«

»Wo ist er denn?«

»Mensch, da – der dunkle, große im Frack, mit der weißen Weste und der roten Rose im Knopfloch – Junge, der mit dem schwarzen Bart und Haar, feiner Kerl, – sieh mal, wie er sich bewegt – wie der den Kopf trägt, na ja, der hat das Glück zu fassen gekriegt, aber er hat auch was Eisernes im Gesicht, nicht, – still – still – pst – pst –«

Peter Rasmussen bot Frida Thomsen den Arm und führte sie auf das Podest. Donnernder Applaus empfing sie beide. Frida Thomsen war schon lange der Liebling der Hamburger, aber seit einiger Zeit nannte man ihren Namen nicht mehr ohne den Peter Rasmussens.

Sie verbeugten sich beide, dann schritt Peter an den Flügel und schlug einige Akkorde an.

Sofort entstand Totenstille. –

Frida Thomsen sang lauter Lieder, die er komponiert hatte.

Mit ihrem eigenen Lieblingslied: »Wenn wild die Wasser toben«, fing sie an, das brachte gleich die richtige Stimmung in den ganzen Abend. Es drang wie Meeresrauschen und Meeresluft in den Konzertsaal und war schon wie ein Vorbote zu der großen Symphonie, – wie die erste Möwe, die über den Dünen flattert, hinter denen das Meer donnert und brandet.

Jubelnder Beifall folgte.

»Wer hat nur die Worte verfaßt?« sagte jemand, – »Mara steht da –, wer ist Mara?«

»Mara ist niemand. Mara ist seine Mutter. Nein, Mara ist das Meer. – Still – still, es geht weiter.«

Lied folgte auf Lied, dann war eine kleine Pause, dann sang Frida Thomsen zur Orchesterbegleitung, und Rasmussen dirigierte vom Pult aus, aber seine Direktionen waren fast nur wie Andeutungen, Frida Thomsen führte die ganze Sache siegreich mit ihrer Glockenstimme, und in den nachfolgenden Applaus mischte sich am eifrigsten der Dirigent, – sie nickte ihm dankbar zu –.

Dann kamen zehn Minuten Pause, wo niemand den Saal verließ, – man sah nur, wie Rasmussen Frida Thomsen fürsorglich fortführte, – dann kamen wieder die leisen Töne des stimmenden Orchesters, und dann kam Peter Rasmussen und stieg mit ein paar Schritten auf das Podest.

Alles war schon still.

Mara sah, wie Peter den rechten Arm erhob, es ging wie ein Beben durch den Mann, dann reckte sich seine Gestalt und er stand wie aus Erz gegossen da, – aber er ließ den Arm noch einmal wieder sinken, – wurde er schwach –? aber dann kamen die drei raschen, kleinen Taktschläge, – jetzt hob er beide Arme und jetzt – jetzt setzte die Musik ein. –

War das Musik?

War das nicht das Meer, das so ruhig und still da lag, daß man es vor sich liegen zu sehen glaubte – unermeßlich, unendlich, – tief dunkelblau – in heiliger Ruhe und Größe – und fern am Horizont schwammen schneeweiße Segel hin und zogen in das unbekannte Land, und in den Wolken da schwebte die Fata Morgana – eine große Stadt mit vielen Türmen und vielen, vielen Wohnungen – hörte man nicht weit, weit schon die Glocken klingen und tiefen, seligen Frieden verkünden für alle Lande? Aber was waren das für Töne, die jetzt etwas Neues zu künden schienen –, eine geheimnisvolle Veränderung ging vor sich, das Meer bekam etwas Starres, etwas Unbewegliches, – es wartete –; – riesenhaft – still und groß wartete es; – und jetzt kam von irgend wo ein Befehl – und aus dem blauen, träumenden Spiegel wurde plötzlich etwas anderes, etwas Grauenerregendes, ein Ungeheuer, das sich zusammenduckte und ganz in sich selbst zusammenzog, um dann auf seine Beute zu stürzen. Noch war alles still, unheimlich, drohend, – dann kam ein tiefer Glockenton, und dann kam die Dunkelheit, – fern am Horizont stieg sie auf, langsam, schwer, unerbittlich, – die Fata Morgana verschwand, die Dunkelheit stieg, – und – dann kam der Wind!

Wie ein plötzlicher Schrei fuhr er daher, strich über die Wasser hin und verschwand. –

Wo kam er her? Wo war er geblieben?

Aber die in der Tiefe, die hatten ihn gehört – – –

Bum, ging die große Glocke, bum, – und das Ungeheuer nahm den Schall auf und fing leise an zu brummen und hob die große, graue, stahlglänzende Brust, schwer und langsam, auf und nieder – auf und nieder – die Dunkelheit stieg.

Was war das? Wieder ein Schrei? Tausend Schreie zugleich? Ein gellendes Gejohle und Gepfeife, ein Trommeln und Dröhnen – hui, da jagten sie vorüber – wie die wilde Jagd und fegten über das Ungeheuer weg, und das tat seinen Rachen auf und zeigte seine schneeweißen Zähne und stieß ein Gebrüll aus, das alles überklang. Und ein tausendfaches Gebrüll antwortete. Es kam aus der weitesten Ferne, daher, wo es längst kein Meer und keine Erde mehr gibt, es kam aus der tiefsten Tiefe, die tief unter der Hölle liegt, und es kam aus abgrundweiten Höhen, wo sonst Seraphin und Cherubin die langen, goldenen Posaunen blasen, – es zerriß die Erde und stürzte in riesenhaften Wasserbergen heran – es riß der Schleier von aller Welt Enden und zeigte in weitesten Fernen, wie das große Schiff unterging, in zwei Teile barst und wie ein Bolzen in die Tiefe schoß, – es zeigte die letzten flatternden Fetzen des zerrissenen Segels am untergehenden nahen Boot und übertönte den Schrei der Ertrinkenden, und jetzt, jetzt streckte sich eine große Riesenhand aus und zog mit einem einzigen Griff ein ganzes Land in die Tiefe, – hei, wie der Wirbel brauste und brodelte, – war es denn immer noch nicht genug? Wer rief denn noch? Bum, ging die Glocke in der Tiefe, bum, – ich, ich rufe, ich rufe lauter wie ihr alle, ich rufe Tag und Nacht seit Tausenden von Jahren, ich bin das große, versunkene Menschenherz, ich rufe in Sehnsucht Tag und Nacht, ich klinge in tausendfachen Tönen, Tag und Nacht, ich läute in allen Schmerzen, die je nach Hilfe schrien, ich klinge sacht und laut, seit das Meer und die Erde geworden sind, ich rufe und lasse meine Klänge dröhnen, bis das gläserne Himmelsdach auseinanderspringt und das große, blutende Menschenherz wieder aufsteigt zum Licht. –

Horch, wie die Wasser brausen, und sieh, wie die Dunkelheit steigt, aber hör' – hör' – die Glocken in der Tiefe. –

Und was war das jetzt? Kam das Licht? Es ging wie ein Schauer über das Meer und über die Erde, und es kam der erste Streifen Morgenrot nach der langen, furchtbaren Nacht.

Es kam mit Flötenklängen und Äolsharfen und schwebte zart und behutsam über Trümmerhaufen und Stätten des Todes.

Es verbreitete sich langsam, es floß in leichten, glänzenden Schwingungen durcheinander, und hing in zitternden Schleiern über unruhigen, zornigen Wassern, – es war wie eine große, gütige Hand, die segnet, und wie ein unnennbares Wort, das allen Kummer stillt, und die gierige Faust aus der Tiefe verschwand, und die Glocke verstummte.

Und wie es dann kam?

Mit einem Male war alles Licht und Glanz, und in diesem Glanz tauchte weit – weit in der Ferne die Fata morgana wieder auf, die Stadt mit den vielen Türmen, wo die Glocken hin und her schwangen, und der Glockenklang vermischte sich mit dem Gesang unzähliger Stimmen, und da tat die Himmelstür sich auf, und das Meer gab seine Toten wieder, und die Himmel und die Erde und die Hölle gaben ihre Toten wieder, und es kam der allerletzte Tag, wo auch das große, versunkene Menschenherz auf der Tiefe des Meeres – verstummte.

Und dann kam die große, selige, klingende Stille.

Eine neue Ewigkeit begann . . .

Das war die Symphonie des Meeres.

Die Musik verstummte, Peter Rasmussens Arme sanken herab, und in dem tiefen Schweigen, das folgte, stand er da wie eine Statue, und erst als der nicht enden wollende Applaus losbrach, wandte er sich um, und sie sahen für einen Augenblick sein totenbleiches Antlitz.

Auch Mara sah es.

Sonst sah sie nichts. Sonst hörte sie nichts. Sie hörte nur das Glockenläuten und stand da mit gefalteten Händen und ließ die Tränen aus ihren Augen stürzen. – Nur wenige Worte waren es, die sie denken konnte, und sie dachte sie immer wieder, sie dachte nichts anderes als dies: Gott sei Dank! Gott sei Dank!

Niemand beachtete sie, alle waren unter dem Bann des großen Erlebnisses, alle sahen verklärt, begeistert, strahlend aus und alle schrien und tobten: »Rasmussen, heraus, Rasmussen, heraus, – hervor, Rasmussen!« – und dann kam er wieder ganz erschöpft und so still und blaß, und alles drängte nach vorne, um ihn zu sehen, und in diesem Gedränge schob Mara sich hinaus und stand bald im Freien.

Draußen regnete es in Strömen, Mara zog den Paletot, den sie immer über dem Arme gehalten hatte, wieder an und ging planlos durch die Straßen.

Sie ging mit ihren gewohnten langen, elastischen Schritten, so wie sie in ihrer Jugend gegangen war neben Peter. »Peter«, murmelte sie, »min lütt Piet!«

Das war eine der ersten und zartesten Liebkosungen gewesen, die sie ihm gegeben hatte, – damals – wie kam es nur, daß ihr diese Worte heute abend nach zehn Jahren wieder auf die Lippen kamen?

Weil sie ihn wieder gefunden hatte. Endlich, endlich, – nach langen Jahren, o so langen, langen Jahren.

Dies war er wieder, dies war Peter Rasmussen, so war er gewesen, als sie sich verlobten, und: »Min lütt Piet,« sagte sie wieder. Nun wußte sie endlich wieder, daß das Böse über ihn nicht siegen konnte! Mochte er Verbrechen begangen haben – seine Seele fand sich zurück zum Licht!

Sie wollte die Nacht noch wieder nach München fahren, aber der Zug ging erst um ein Uhr nachts, – es war noch lange hin.

Schließlich ging sie in ein beliebiges kleines Restaurant und bestellte sich Abendbrot und wunderte sich, daß die Menschen alle so gleichgültig und öde aussahen. Heute an seinem großen Ehrentag. Es kam eine ganz übermütige Stimmung über sie, sie hätte am liebsten alle diese Menschen eingeladen, mit ihr zu feiern, aber sie sahen alle so satt und behäbig aus, gewiß wußten sie nichts von Kunst und von Musik und von einem Tag wie heute, an dem der Menschheit ein großes Geschenk gemacht worden war, – ein Füllhorn von Schönheit und Ewigkeitswunder in den Schoß geschüttet worden war. Sie aß fast nicht. Endlich bezahlte sie und ging langsam fort.

Der Regen hatte aufgehört, die Luft war schön, das Gehen tat ihr gut. Sie kam viel zu früh auf dem Bahnhof an, da standen noch frierende Blumenverkäuferinnen, und Mara in ihrer großen, heiligen Feststimmung kaufte ihnen so viel Blumen ab, wie sie bezahlen konnte, und stieg beladen mit Rosen und Nelken und Veilchen in ihren Wagen dritter Klasse. Sie setzte sich in ihre Ecke und schloß die Augen. Sie blieb allein in ihrem Coupé, der Zug jagte durch die Nacht, und sie saß in Blumenduft still da – nur weit, weit in der Ferne brauste das Meer und donnernd ging die Brandung nieder.



Herr Rasmussen, Sie wollen wirklich nicht mehr zu uns kommen heute abend?«

»Nein, Fräulein Thomsen. – Seien Sie nicht böse; ich bin es nicht imstande, – fühle mich nicht wohl.«

»Nun denn – auf morgen, – adio –.« Frida Thomsen raffte ihre schillernde Schleppe zusammen, nickte ihm zu und verließ ihn.

»Auf morgen,« wiederholte Peter mechanisch.

Andere Menschen kamen und umdrängten ihn, er mußte noch viele Hände schütteln, wie im Traum rauschte Lob und Dank der Freunde über ihn hin, und er murmelte immer wieder dasselbe – »vielen Dank, – bitte sehr, – zu liebenswürdig, – danke, danke,« – und endlich saß er in einem Auto und glitt lautlos seinem Hotel zu.

Die Kellner stürzten herbei.

Ob der Herr Professor das Diner unten serviert wünschte, oder oben im Salon, ob der Herr Professor á la carte speiste oder Menu, – es gab Tomatensuppe, Schellfisch –

»Nichts, nichts,« unterbrach Peter den Schwall, »bringen Sie mir kalte Küche und Rotwein herauf, – weiter nichts.«

»Sehr wohl, Herr Professor.«

Endlich war er allein in seinem Zimmer.

Er ließ den schweren Mantel fallen, und dann warf er sich lang ausgestreckt auf den Diwan, schloß die Augen und blieb regungslos liegen.

Nach einer Weile klopfte es und der Kellner meldete, daß nebenan serviert sei.

»Danke,« sagte Peter lakonisch und blieb liegen.

Ach, wie das gut tat nach den furchtbaren Aufregungen der letzten Tage und nun nach dem endgültigen Sieg. Er wollte weiter nichts, als nur sich strecken und sich nicht rühren, jeder Nerv in ihm war aufs äußerste angespannt, – sein Blut hämmerte in den Adern, an den Schläfen und im Herzen – er fühlte sich erschöpft zum Sterben.

Aber nach einer Weile wurde ihm wieder besser. Er schlug die Augen auf und starrte die Zimmerdecke an. Wo war er eigentlich?

Er versuchte seine Gedanken zu sammeln. Aber er war es nicht imstande.

Vor seinen Ohren dröhnte und brauste es – er war an der Nordsee, – nun wußte er es, – er lag am Strande, und neben ihm saß Mara und legte die Hand auf sein Herz. Da wurde er ruhig.

Er fühlte ihre Nähe so deutlich, daß seine Lippen leise ihren Namen nannten. Der Klang dröhnte durch die Stille des Zimmers, – erschreckt riß er die Augen auf und sah, daß er allein war und erkannte sein Zimmer.

Mit einem leisen Seufzer erhob er sich endlich und dachte: »Ich muß jetzt – etwas – genießen –, sonst falle ich um.«

Langsam und schwankend ging er in die andere Stube, dann setzte er sich an den gedeckten Tisch und fing an Rotwein zu trinken. Wie purpurrot der Wein war, so wie sein Herzblut, das er heute ausgeschüttet hatte vor der Menschheit, und es gehörte doch nur ihr, der einen.

Er hob sein Glas. –

»Für dich,« sagte er laut.

Seit er den Fuß wieder auf heimischen Boden gesetzt hatte, war sie ihm so nah, – wie ein Gespenst schritt sie neben ihm her, auf Schritt und Tritt.

Peter saß stumm und regungslos da und hielt das Glas zwischen den Händen, – all dies verschüttete Herzblut, das mußte doch eigentlich bis zu ihr dringen – wie ein reißender Strom, und sie finden, wo immer sie auch war.

Ach, sie war ja so weit, so weit, – sie war ihm verloren, und wenn er sein Herzblut über die ganze Erde spritzte, – sie war ja nicht mehr da, – sie war gestorben und er war ganz allein für immer, für immer.

Was nützte es, daß Oskar ihm gestern erzählt hatte, – sie lebte in München, ganz wie früher, – ganz die Alte, – er brauchte ja nur hinreisen, und – ach, Oskar wußte ja nicht, – niemand wußte, was alles dazwischen lag, zwischen ihm und ihr – all die Kälte, all der Kampf – all die Lüge –.

Das Blut stieg ihm siedend heiß ins Gesicht, er stand auf und ging ins Schlafzimmer, – er holte sich Zigarren, aber er zündete sie nicht an, ging wieder ins Nebenzimmer zurück und versuchte etwas zu essen.

Langsam zwang er einige Bissen hinunter, dann saß er wieder regungslos da.

Er war nun ein gemachter Mann.

Heute war sein Siegestag, heute.

All die Siege drüben im Ausland, die galten nicht, aber heute hatte sein Vaterland ihn, den Ausgestoßenen, den Verlorenen aufgenommen, – heute hatte er das große Ziel seines Lebens erreicht.

Gütiger Gott, nach welchem Kampf und nach welcher langen Irrfahrt.

Wem verdankte er schließlich sein Schicksal?

Frida Thomsen?

War sie sein Schicksal?

Peter sah nach der Uhr. Er wußte, wenn er jetzt noch hinfuhr, – es war eben Mitternacht, und sie fragte – dann war sie sein, dann kam zu all seinem Ruhm und Erfolg noch ein glänzendes Vermögen, das seine Zukunft sicherte, dann hatte er eine Gattin, die selbst eine große Künstlerin war, und vereint würden sie einen Triumphzug durch die Welt halten, – nur – den Stein, den er da in der Brust mit sich herum schleppte, den würde er zeitlebens behalten, – aber, behielt er den nicht so wie so?

Wieder wurde ihm so heiß und eng, – bei Gott, das war sein Siegestag, da saß er hier und litt Qualen, statt zu feiern –, er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. Er stürzte noch ein Glas Wein hinunter, – aber es nützte nichts, – er saß da und blieb, was er war, – ein gebrochener Mann. Er hatte das Ziel erreicht. Aber über Leichen.

Und warum das eigentlich?

»Ich konnte nicht anders, ich konnte nicht anders!« stöhnte er laut. Sie haben mich da hineingetrieben in all die Wut und den Haß, sie haben mit meinem Herzen und meinem Können gespielt, sie waren verbündet gegen mich, sie liebten sich heimlich, sie haben meine ehrliche Arbeit veruzt und verspottet, sie haben über mich triumphiert, ich mußte sie von mir schütteln und fliehn – sie wollten mich vernichten.«

»– Wer eigentlich?« fragte eine Stimme ganz laut.

Peter sah sich wild um. Es war niemand im Zimmer. Die Stimme hatte einen ganz unbeschreiblichen Klang. So voll tiefster Ruhe und Güte.

Er sprang auf und ging hin und her.

»Knud und Mara,« schrie er plötzlich.

»Das ist ja alles Lüge,« sagte die Stimme wieder ganz ruhig, »das sage doch andern, aber dir selbst in dieser deiner Siegesnacht sage es nicht.«

»Ich muß es aber sagen, ich muß es sagen!« stöhnte er wieder; »sie waren beide nicht da heute abend, sie mißgönnen mir auch diesen Sieg, sie leben zusammen und lieben nur sich.«

»Gehe hin und frage sie doch, ob das wahr ist!«

»Ich kann es nicht, ich müßte ihn töten, diesen Dritten, der zwischen uns steht, diesen Teufel –«

»Aber Peter!« sagte die Stimme nur.

Peter saß am Tisch und vergrub das Gesicht in die Arme. Dies war nicht mehr zu ertragen. Wer sprach hier mit ihm, wer verfolgte ihn, war sie es, Mara? Sein Leben lang hatte sie ihn verfolgt, immer, immer, auch diese drei letzten Jahre drüben in Amerika, – sie hatte nicht von ihm gelassen – er wußte es wohl, – sie hatte an dem Abgrund gestanden, in den er hineinspringen wollte, und hatte ihn nur angesehen – und er hatte es nicht getan – sie war immer um ihn gewesen, und jetzt, wen schickte sie ihm nun?

Herr Gott, er hatte sie geliebt, wie man im Leben nur einmal liebt, aber sie hatte ihn verlassen, gerade als seine schrecklichsten, schwierigsten Lebensjahre waren, als er versuchte, mit seinem schriftstellerischen Können ihr Lebensschiff flott zu machen – da hatte sie ihn verlassen, da war sie kalt und kühl geworden, da hatte sie ihn verachtet und war mit Knud Hansen gegangen und ihn hatten sie fast in den Tod getrieben, und jetzt, daß er jetzt das geworden, was er war – das verdankte er doch nur – sich selbst!

»Armer Peter,« sagte die Stimme.

Er sprang wieder auf.

Ruhelos ging er in den beiden Zimmern hin und her, die ganze Nacht.

Würde denn dieser Kampf nie aufhören?

Was half ihm denn seine herrliche Symphonie, in der er sich ausgetobt hatte und sein Herz zur Ruhe gedichtet und gesungen – war denn diese Ruhe erlogen? War alles vergebens gewesen? Half ihm kein Erfolg und kein Ruhm und kein Glück?

Tönte die Glocke immer noch in der Tiefe?

Ja, ihm war, als läutete sie stärker denn je.

»Was ist es?« stöhnte Peter, »was ist es?«

Er erhielt lange keine Antwort und rannte mit seinen quälenden Gedanken im Zimmer hin und her. Aber als er im ersten Frührotschein am Fenster stand und hinausblickte, da kam die Stimme noch einmal.

»Peter!« sagte sie, »willst du auch in dieser Nacht wieder unterliegen?«

Er stand eine Weile regungslos, große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn.

»Nein!« schrie er plötzlich laut, ergriff seinen Hut und stürzte fort. – – – – – – – – –



In der großen Stube von Vater Häberle lag Knud Hansen auf dem Sofa. Er hatte sich den Fuß verletzt, sein Bein war geschient und er gebärdete sich sehr kläglich.

Aber augenblicklich leuchteten seine wasserblauen Augen hell. Denn neben seinem Bett saßen Mara und Vater Häberle, und Mara mußte erzählen.

Knud Hansen klatschte in die Hände wie ein übermütiger Junge.

»Bitte, noch einmal, Fräulein Mara, bitte sagen Sie es noch einmal, – ganz Hamburg war da und jubelte ihm Beifall, und am liebsten hätten alle Kopf gestanden, so prachtvoll ist diese Symphonie, so großartig, – fein, nicht? Unser Peter, nun hat er also gesiegt.«

»Ich glaube es auch, daß er jetzt siegen wird,« meinte Vater Häberle, – »ich glaube es bestimmt.«

»Was da –, natürlich – bald kommt er in der vierspännigen goldenen Kutsche vorgefahren und holt uns die Königin Mara weg, – Fräulein Mara – nicht fortgehen, – ich mache dumme Witze, ich weiß es, aber die ganze Geschichte ist doch so famos, – bitte hier bleiben, ich ersticke sonst allein, – Vater Häberle geht fort, aber Sie bleiben, Mara, ich habe Ihnen doch auch etwas zu erzählen.«

»Was denn?« fragte Mara freundlich und ließ sich wieder neben seinem Bett nieder.

»Also der Verleger schreibt, daß er meine Kindermärchen herausgeben will, wenn Sie die Illustrationen dazu hergeben wollen.«

»Ach, haben Sie meine Dinger wirklich mitgenommen? Aber natürlich gebe ich sie gern.«

»Gut, – dann teilen wir den Verdienst, – vielleicht wird es ein Treffer und bringt endlich die Tausende ein, auf die ich noch immer warte seit dem berühmten Brand-Roman.«

»Knud,« sagte Mara, »haben Sie die Sache wirklich verschmerzt, oder tun Sie nur so, seien Sie doch endlich einmal ganz offen.«

»Aber Mara, – ich nicht offen? Ich liege ja wie ein aufgeschlagenes Buch vor Ihnen! Sie wissen, daß ich Sie abgöttisch liebe –«

»Still doch! Bitte, nicht so sprechen.«

»Nein, nein – ich mein es ja auch nicht, – aber offen bin ich, – also das verbrannte Manuskript hab ich total verschmerzt, total! So bin ich nun einmal, nur Peter seine Art dabei konnte ich lange nicht verschmerzen, erst war ich ganz krank davon – und dann dachte ich, nun wär es aus mit mir – – ich wollte untergehen und wollte Sie vergessen, Mara, – aber die Geschichte ist eben, daß man das nun einmal nicht kann! Sie wissen, daß ich die Jahre drüben – immer an Sie gedacht habe, – Sie brauchen nicht fortgehen – ich meine es im besten Sinn, und wenn man an Sie denkt, Mara, dann kann man nichts Gemeines machen, – das ist die ganze Geschichte! Und dann – endlich verstand ich auch Ihre Abschiedsworte damals, mit dem – im Stich lassen, – wissen Sie noch? Man kann nämlich nur treu sein, – wenn man – sich selbst nicht im Stich läßt, seine innerste Natur! So meinten Sie es doch!«

»Ja, – die innerste Natur ist das große Geheimnis jeder Menschenseele, die innerste Natur – ist Gott.«

»Ja – ja, und so hab ich mich noch einmal wieder 'raufgerappelt! Aber es ließ mir doch keine Ruh – bis ich wieder in München, in Ihrem Bereich unterkroch und heute, als am 23. Oktober, können Sie mir doch einmal das Zeugnis ausstellen, daß ich mich in diesem Asyl für Obdachlose zu so'ner Art Kinderfrau in die Höh entwickelt habe, – ich habe eben, wie Häberle sagt, den Deubel auf die Schnauze geschlagen.«

»Häberle drückt das freilich ein bißchen anders aus, aber die Kinderfrau stimmt wirklich, Knud, – was machten wir hier alle ohne Sie, – Sie helfen uns allen! Sie sind der fleißigste von uns allen, und für Vater Häberle sind Sie wie ein Sohn.«

»Und für Sie?«

»Wie – ein Freund«, sagte Mara,

Knud Hansen verstummte, aber seine Augen blickten sie mit unbeschreiblichem Ausdruck an.

Sie stand auf und gab ihm die Hand.

»Also nun wollen wir an unser Märchenbuch gehen und unsere Sache eben so gut machen wie – Peter, nicht wahr? Auf Wiedersehen, Knud.«

Sie verließ ihn und ging noch zu Vater Häberle hinein, um einiges zu fragen wegen seiner Schülerin, die sie auch unterrichtete.

Ehe sie fortging, sah sie ihn mit einem langen, traurigen Blick an, und er sagte:

»Ich weiß, was du wissen willst, Kind, – und ich kann dir nur sagen: bleib eisern auf dem Posten, eisern, – ich habe, als ich diese Nacht um ihn und dich betete, an den Prophet Daniel gedacht, dessen Gebetserhörung einundzwanzig Tage durch böse Geister aufgehalten wurde, – und sie sind am Werk, du kannst es mir glauben, gerade wo er im Siegen ist, vielleicht muß er noch durch viel durch – durch viel Reichtum und viel Not –«

»Du meinst – Frida Thomsen?«

»Ja, vielleicht muß er auch da durch, – was ist es alles im großen Kampf der Geister um das Kleinod, – wenn wir nur dem Guten zum Sieg verhelfen.«

»Ach ja, ach ja, – Spielst du heute abend, Vater?«

»Ja, um neun Uhr – Knud, das Kind, kann ja nicht schlafen ohne dem, aber ich habe keine Ruhe – bis ich die Symphonie habe, – Mara –!«

»Was ist?«

»Nichts – aber ich glaube – deine Tür ging.«

»Meine Tür – sagst du?«

Sie stand unbeweglich vor ihm, dann richtete sie sich auf und ging hinaus.

Im Ahnensaal war niemand, sie ging in ihre Stube – es war niemand da. –

Vater Häberle hatte sich getäuscht.

Was konnte er sich auch denken, und selbst wenn – ja, selbst wenn er käme – was würden sie sich dann sagen?

Sie setzte sich in ihren alten Lehnstuhl am Fenster, es war dämmrig, vor ihren Ohren klang Meeresrauschen und Glockengetön.

Um sieben Uhr hörte sie die Entreetür gehen und seinen Schritt draußen in der Halle.

Sie wunderte sich keinen Augenblick. Sie war ganz ruhig.

Dann klopfte er an, und auf ihr Herein kam er zu ihr in die Stube.

Er blieb in der Tür stehen. Den Hut in der Hand. Sie sah, daß er leichenblaß war und vor Aufregung nichts zu sagen vermochte.

Da stand sie auf und ging ihm entgegen.

»Guten Tag,« sagte sie und hielt ihm die Hand hin.

Er ergriff sie und sie standen sich nun gegenüber, – sie stumm und gütig und er auch ganz stumm und sehr blaß.

Und wie sie so standen, versank zwischen ihnen eine ganze Welt – und eine neue stieg auf, langsam, feierlich – aber sie konnten sie beide noch nicht sehn.

»Wolltest du – zu mir?« fragte Mara leise.

»Ja, wenn ich – darf,« antwortete er.

»Dann komm.«

Hatte er nicht dies »Komm« gehört heute früh im Morgengrauen, als er zum Bahnhof stürzte und mit dem ersten Schnellzug nach München fuhr?

Mara ließ seine Hand los, sie setzte sich wieder auf ihren alten Platz und zeigte auf einen Stuhl in ihrer Nähe, sie wunderte sich, wie eiskalt ihre Hände waren, als sie sie in einander verschlang.

Peter blieb stehen, wo er war. Er starrte sie an wie eine Erscheinung.

Mara – wollte er sagen, – aber er kam nicht weiter, – er kniete neben ihr und legte den Kopf in ihren Schoß.

Maras Hände umfaßten ihn.

Es war totenstill in der Kammer.

Endlich hob Peter den Kopf und sah sie an.

»Nun?« fragte Mara, »was willst du denn von mir?«

»O – Mara – verzeihe mir! verzeih mir!«

»Min lütt Piet!« sagte sie, beugte sich zu ihm nieder und küßte ihn.

Plötzlich machte er sich los und sprang auf.

»Ich weiß, daß ich kein Recht mehr an dich habe, Mara,« rief er heftig, »du hast mich schon damals viel zu lange getragen und erduldet, o still, – du brauchst mir nichts zu sagen, ich weiß schon alles, ich habe deine Liebe mit Füßen getreten – ich war ihrer längst nicht mehr wert – ich verlange nichts von dir – nichts – nur hier – hier,« – er griff in die Tasche seines Paletots und riß ein umfangreiches Paket heraus, mit zitternden Händen löste er es auseinander und legte es ihr in den Schoß.

Es war die Symphonie.

»Das wollte ich dir nur bringen – das war ich, als ich jung war, nein, das bist du, – deine Seele ist es, Mara, die meine geweckt hat, – nimm es, es gehört dir, ich selbst kann nie wieder glücklich werden, aber nimm es, willst du es denn nicht nehmen?«

Er sah sie flehentlich an.

Sie hatte sich hintenüber gelegt und saß regungslos da, in der Dämmerung sah er ihr weißes Gesicht und die Augen, die ihn so groß und ernst ansahen, – auf ihren Knien lag die Symphonie, – warum sagte sie nichts?

Er kniete wieder neben ihr hin.

»Mara – liebe Mara, – ist es zu viel, was du mir zu vergeben hast? Ach, nimm doch diesen Stein von meiner Brust.«

»Ich will ihn dir gerne nehmen, Peter, – aber dann mußt du ihn mir auch ganz geben, willst du das tun?«

Er lehnte den Kopf an ihre Brust und sprach rasch – in abgerissenen Sätzen – auf sie ein.

»Hier,« sagte er, – »hier – in dieser Symphonie ist alles drin – wenn du sie kennst, – weißt du alles.«

»Ich kenne sie,« flüsterte sie.

»Du? Wie ist das möglich? Erst gestern abend um acht – –«

»Ich war in Hamburg, Peter, – kam erst heute früh zurück.«

»Du warst da? – Mara, ich hab es gefühlt! Du warst mir so nah – ich wußte es, ich hatte keine Ruhe, die ganze Nacht, bis ich zum Bahnhof lief, und zu dir – kam –, ich wußte ja gar nicht, ob ich durfte –?«

Statt aller Antwort umschlang sie ihn mit ihren Armen und drückte ihn an sich. Ein heiliges Schweigen umfing sie.

»Und nun weißt du, was ich durchgemacht habe, nicht wahr?«

»Ich weiß es wohl,« sagte sie leise.

Peter stöhnte.

Wieder entstand eine lange Pause.

»Aber Mara,« fing er plötzlich wieder an, »du weißt nicht alles, – du kannst es nicht wissen, wußtest du – wußtest du – daß ich dich – eine – Zeitlang – nicht mehr liebte –?«

»Ja, ich wußte,« flüsterte sie.

»Wußtest du, – daß ich dich beinahe – haßte, Mara –?«

»Ja, Peter.«

»Und warum haßte ich dich? Weil ich blind war, verrückt, verrannt, – wie furchtbar ist es, wenn man auch nur einen Augenblick seinen Stern verläßt und auf ein falsches Geleise kommt, – dann verschiebt sich alles, und es wird alles verkehrt! – ich verstand nichts mehr! Ich meinte es doch ehrlich mit der Schriftstellerei, ich wollte das Geld verdienen für dich und mich, und du warst mir immer still entgegen, das kränkte mich so, – ich fand dich unbegreiflich und so kühl, ich dachte, die Heirat – wäre dir egal, und dann – dann kam – Knud – zwischen uns als Dritter – so viel begabter wie ich – und du warst immer auf seiner Seite – immer, und schließlich haßte ich ihn auch – weißt du das?«

»Ja – Peter.«

»Ich haßte ihn tödlich beinah, denn er rannte mich ins Verderben, und ich glaubte an meine Musik ja längst nicht mehr, – erst als ich – drüben in Amerika – diese furchtbare Tournee mit – ihr machte – und doch nicht nur von ihrem Gelde leben wollte – da habe ich – auf Tod und Leben wieder gespielt, – in Kaffeehäusern – die Nächte durch, – in Konzerten und bei reichen Bankiers, und dann eines Tages fühlte ich den Stern langsam und groß wieder aufsteigen, und da wußte ich, daß du, Mara – recht gehabt hattest, immer, immer, ich fing wieder an zu arbeiten – du – du hattest mir ja meine Kompositionen alle mitgeschickt, und sie waren meine Rettung, Mara! Ich wollte dir das immer schreiben, aber ich dachte – nun wäre es zu spät! Du hattest dich von mir losgesagt – und ich glaubte nicht an deine Verzeihung.«

»Peter,« sagte sie nur – »Peter« und streichelte seinen Kopf.

Wieder war es ganz still.

Dann fing er wieder an: »Aber, Mara, – du weißt noch nicht alles, – und heute – sollst du alles wissen – du weißt nicht – daß ich – ein Verbrecher geworden bin.«

Die letzten Worte kamen kaum hörbar heraus.

»Doch,« sagte Mara, »ich weiß es lange.«

Er zuckte zusammen, aber sie hielt ihn fest.

»Nicht wahr, du hast das Manuskript von Knud –«

Peter sprang auf. In der Dunkelheit sah sie ihn kerzengerade, totenblaß vor sich stehen.

»Ich habe es verbrennen lassen,« sagte er, – »aber – ich glaubte nicht ans Einschlagen, der schlimmste Schlag war schon gewesen, – aber,« – er machte eine Pause – und fuhr dann leidenschaftlich fort: »aber ich habe mich gefreut, ich habe innerlich gejauchzt, als die Flammen über meinem Todfeind zusammenschlugen und ihn vernichteten, ja, Mara, ich habe mich gefreut, wußtest du – diese Gemeinheit – auch schon?«

Seine Stimme klang hart und bitter, – er wandte sich mit einem tiefen Seufzer ab, dann nahm er einen Stuhl und setzte sich wieder neben sie.

»Nicht wahr, das wußtest du doch noch nicht, daß ich ein richtiger Schuft bin, – denn denken – und tun – ist ja dasselbe.«

»Doch, Peter,« sagte sie ruhig und gütig, – »ich wußte das alles, ebenso wie ich jetzt weiß, – daß du – es nicht mehr bist.«

Er beugte den Kopf tiefer.

»Was nützt es, – ich kann es ja nie – nie – nie wieder gut machen! Wie ist es nur möglich, Mara, daß solche Gefühle in – uns – sind? Man hält sich für einen an ständigen, – guten – Menschen – und plötzlich – plötzlich erstickt man fast vor Zorn – Wut – Mord und wäre fähig – ein Verbrechen zu begehen – nur der Zufall verhindert es!«

»Niemals der Zufall – Peter.«

»Ja, aber wenn Knud untergegangen wäre, so hätte ich die Schuld gehabt, ich, ich allein, – aber auch zu dieser Erkenntnis bin ich erst langsam gekommen, – eigentlich erst letzte Nacht – Mara – – denn in meiner großen Bitterkeit sagte ich mir immer – ach was, er geht nicht unter – er hat ja Mara, – er hat sie, und ich habe sie nicht – Mara, hätte dieser Dritte nicht zwischen uns gestanden –«

»Das hat er ja nie getan, Peter.«

Und als er sie starr ansah, fuhr sie ruhig fort: »Er stand niemals zwischen uns! Wenn du ganz wahr sein willst –«

Er zuckte zusammen und sagte nichts.

Da nahm sie wieder seine Hand.

»Peter, in dieser Stunde kann nur nackte Wahrheit uns helfen. Darf ich dir sagen, was ich denke? Auch wenn es wieder – bitteres Wasser ist, was ich dir zu trinken geben muß? Du möchtest doch gern den schweren Stein – los werden, nicht wahr?«

»Sage nur immer,« antwortete er.

»Min lütt Peter,« sagt sie, »Knud stand niemals als Dritter zwischen uns, und auch nicht seine Schriftstellereien – weißt du nicht noch, was Vater Häberle immer vom Dritten sagt? Daß wir Gottes sind und daß dann der Teufel sich dazwischen stellt und Gott und seine Kinder trennt? Und sobald wir nur einen Finger breit nachgeben, hat dieser Dritte uns in der Gewalt und wir müssen ihm folgen in all unseren kleinen und großen Gefühlen, in Haß und in Neid und Egoismus – und dann verlieren wir uns selbst. Dich hat er verlockt mit den zehntausend Mark, die du dir auf Kosten deines besseren Wissens und Gewissens erwerben wolltest, und damit wurdest du dir selbst untreu und damit – ging alles verloren –. Ich wollte dir so gern helfen, Peter! Aber ich machte es ganz verkehrt, weil ich eben dachte – ich könnte dir helfen –, – das kann kein Mensch! Das ist der größte Irrtum, den es gibt –! O, ich hätte dich viel eher von mir befreien sollen! Ich habe eine schwere Schuld auf mich geladen dadurch, – aber man ist ja manchmal schwach – du konntest nur ganz allein dir helfen, Peter, und wir hier, wir konnten nur um dich beten Tag und Nacht!«

»Das weiß ich,« murmelte er, »darum hat Gott mich auch nicht verlassen, – Mara, – vorige Nacht, da hat es mich gedrängt und gezogen – zu dir zu gehen, – du weißt nicht, wie – und noch in der Bahn – klammerte ich mich an den Gedanken – daß nicht ich schuldig sei, – sondern du und Knud – und ich kam her und wollte dich – zur Rechenschaft ziehen – und jemand sagte immer – ›geh nur –!‹ so deutlich, daß ich die Stimme nun immer wieder erkennen werde, und dann hier, – als ich dich sah – zwang's mich auf die Knie –.«

Nach einer Stille sagte Mara: »Nun wollen wir zu Knud gehen, – nicht wahr?«

Peter sah sie einen Augenblick groß an.

»Ja,« sagte er dann. Sie standen auf, er öffnete ihr die Tür und dann gingen sie zusammen über den Flur. Als sie bei Häberle eintraten, richtete Knud sich erschrocken auf und starrte sie an.

»Mensch – Peter –« schrie er.

Peter preßte seine Hand.

In stummer Erregung sahen sie sich an.

»Knud,« sagte Peter, »ich komme, um dich feierlich –«

»Ach, Unsinn,« unterbrach Knud ihn schnell, »laß nur –«

»Nein,« antwortete Peter mit einem tiefen Seufzer, – »laß mich sprechen, – es muß sein –, nicht wahr, Mara?«

Mara hatte sich am Fußende von Knuds Lager niedergelassen, sie nickte Peter zu, und er kam und stellte sich hinter sie.

»Laß mich endlich die Last los werden, Knud, – du hattest recht, als du mir einmal – in Hamburg – dein Manuskript – abverlangtest –, – ich habe es schlecht gehütet in jener Nacht, nachher war's zum Retten – zu spät, aber das ist's ja nicht – allein, – ich –«

Er schwieg wie erschöpft.

Mara lehnte ihren Kopf leicht an seinen Arm, da fing er wieder an.

»Und ich habe mich gefreut, als es verbrannte, – – vergib mir – das.«

»Ja,« antwortete Knud, der sich wieder hingelegt hatte, – »aber wie war das nur möglich, Peter!«

Jetzt stand Mara auf.

»Ich muß noch Herrn Bremer besuchen, er hat so schlimme Influenza, – ich komme nachher wieder –.«

Die beiden Freunde schauten ihr nach, als sie hinausging, und waren plötzlich stumm geworden. Peter sank auf Maras Stuhl nieder und reichte Knud noch einmal die Hand.

Knud hielt sie fest.

»Menschenkind,« sagte er, »das Manuskript hab ich – längst verschmerzt, – aber deinen Haß – konnte ich nicht recht 'runterschlucken, – was war das nur!«

»Das war der Teufel,« murmelte Peter.

»Ja ja,« sagte Vater Häberles Stimme, »das war er auch, – guten Tag, mein Junge, gut, daß du wieder da bist, – hast du die Symphonie mit?«

»Mara hat sie, Vater.«

»Das ist recht, wie mußt du dich gefreut haben, sie ihr endlich zu bringen, – du hast sie sehr lange warten lassen; du bist ihr nun noch viele Symphonien schuldig.«

»Ja, ich bin viel – schuldig.«

»Nein, – nun nichts mehr, mein alter Kerl,« sagte Knud.

»Doch, doch, – was gäbe ich drum, könnte ich aus Schutt und Asche dir dein Manuskript wieder herausgraben, – ich wollte Tage und Nächte graben und graben –«

»Er wird Besseres schreiben, laß ihn nur, – er ist schon lange auf dem rechten Wege, – du mußt ihn nun wieder einholen, Peter, – die Hauptsache ist, daß kein Dritter mehr zwischen euch steht.«

Peter und Knud blickten sich an.

»Ja, ja,« fuhr der Alte fort, im Zimmer hin und her schlürfend, wie es so seine Art war, – »man muß ihn nur erkennen, und man täuscht sich doch so leicht, so leicht! Wenn uns Steine im Weg liegen, dann denken wir immer, ein Dritter hat sie uns in den Weg gelegt und schieben alle Schuld auf diesen Dritten, und da hat dann jeder immer gleich einen Namen für ihn zur Hand. Die einen nennen es das Schicksal oder die Verhältnisse oder der und der Mensch. – So meinen zwei Freunde manchmal, daß der dritte Freund sie stört, du dachtest, es wäre das Manuskript, – du dachtest – es wäre – Mara – und es war doch alles nur die eigene Schuld, die euch von Gott trennte und daher auch von den Menschen, oder vielmehr es war Satans Arbeit, die ihr als gehorsame Sklaven in Haß und Zorn ausrichtetet. Und damit wird der ganze Weg dunkel, Kinder, denn Luzifers Nähe wirft schwere Schatten auf unseren Weg, und dann verirrt man sich, und dann hat er so leichtes Spiel mit uns. Wir sollten nie vergessen, daß es schließlich alles ein Kampf ist, ein Riesenkampf zwischen Gott und Satan – um uns.«

»Dann wäre schließlich der Mensch der Dritte,« sagte Peter.

In diesem Augenblick kam Mara leise wieder herein. Peter sprang auf, und als sie sich setzte, lehnte er wieder hinter ihrem Stuhl.

Mitten in der Stube stand der Alte und blickte die drei Freunde strahlend an.

»Nein,« rief er, »der Mensch ist Gottes Eigentum, ganz persönlich, denn Gott hat ihn geschaffen. Schöpfer und Geschöpf sind nie ganz zu trennen. Den letzten Fingerabdruck des großen Meisters könnt ihr überall sehen. Der Satan ist erst als Dritter dazwischen gekommen.«

Und da sie schwiegen, fuhr er geheimnisvoll fort: »Habt ihr ihn noch nie gesehen?«

»Ja,« flüsterte Mara, »einmal auf Hölup – und später – noch einmal.«

Ihre Stuhllehne zitterte, aber niemand sagte ein Wort.

»Die Menschen sprechen so viel von Dunkelheit und Schatten, die sie beängstigen, und wenn sie nur ein bißchen die Augen aufmachten, würden sie sehen, daß es die großen, grauen Flügel des gefallenen Engels sind, die sie beschatten, – man muß sich hüten, die Dunkelheit zu lieben. Wer durchzusehen vermag in die übersinnliche Welt schon hier – der kann manchmal ganz deutlich die Umrisse sehen der Riesenschlacht und der kämpfenden Gestalten, – es kommt alles darauf an, zu wem wir uns halten, so werden wir licht oder dunkel und trübe sein, und wem wir uns ergeben, dessen Heer vermehren wir. So trägt jeder unserer Gedanken und jede unserer Taten mit bei zu der großen Weltenentscheidung zwischen Gott und dem Satan, man muß es nur erkennen und nicht dulden, daß der Dritte siegt. – Habt ihr es nun verstanden?«

»Ja, Vater,« antwortete Mara leise.

Sie hob den Kopf und blickte Peter an. Ein langes Schweigen folgte.

Dann sagte sie: »Ich gehe jetzt fort, – es ist schon spät.« Sie erhob sich und reichte ihnen allen die Hand. »Gute Nacht, Vater, – gute Nacht, Knud, – gute Nacht – Peter.«

»Darf ich dich – noch in dein Zimmer begleiten?« bat Peter mit erstickter Stimme.

Sie antwortete nicht, ihr war so sonderbar zumut, so wie nach einer schweren Krankheit, sie ging unsicher, sie kannte dies Gefühl von Schwäche gar nicht, ihr Herz klopfte laut und hart, und vor ihren Ohren dröhnte und brauste es, sie ging ihm voran, und dann standen sie sich im Flur gegenüber.

»Mara,« sagte er, »nicht ihr habt den Dritten gekannt, sondern nur ich, ich allein war es, – ich wollte noch etwas sagen, – aber nun bringe ich es nicht über die Lippen, ich wage – es nicht, weißt du, was es ist –?«

Er faßte ihre Hände und sah sie heiß bittend an.

Sie antwortete noch immer nicht.

»Mara, verstehst du mich, wenn ich nun sage – auf morgen?«

Sie stand ganz gerade und groß da.

»Was – willst du damit sagen?« fragte sie schließlich fast herbe.

»Daß es ist – wie früher, daß ich dich doch noch ebenso – liebe – o Mara.«

Maras Atem ging schwer.

»Du – mich –?« sagte sie.

Sie schüttelte langsam den Kopf.

»Ach, Peter,« sagte sie, »das ist nun zu spät, – ich bin so alt geworden, so alt – sieh mal, all die langen Jahre –«

Plötzlich ging ein Zittern durch ihren Körper, sie machte sich los, ging rasch in ihr Zimmer, setzte sich an ihren Arbeitstisch und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Peter folgte ihr und umschlang sie wieder.

»Mara,« bat er, »meine Mara!« er wußte nichts anderes zu sagen.

Sie war auch bald wieder ruhig, aber sie sagte: »So lange Jahre – das nimmt einem zu viel, Peter, – – sieh mal, die drei Jahre, während du schriebst und dich Tag für Tag mehr von mir entfremdetest – – und dann – – die letzten vier Jahre – die haben mich alt gemacht, ich tauge nicht mehr zum Glück, – ich passe nicht zu den Menschen, – laß mich hier allein unter den Armen – – ich habe meinen Weg hier gefunden – min lütt Peter – wir haben wohl unser Jugendglück gehabt, und den Mittag – haben wir – verpaßt.«

»Ich kann ohne dich nicht leben,« flehte er.

»Meinst du? Ich glaube, du mußt es doch erst einmal versuchen.«

»Nein, Mara, – ich kann es nicht! Und ich kann es nicht glauben, daß deine Liebe tot ist! Ich weiß, daß kein Mensch auf der Welt so lieben kann wie du, nicht wahr, Mara – sie ist nicht tot?«

»Tot? Nein, – stirbt denn irgend etwas auf dieser Welt? Aber sieben Jahre so tief – zu leiden – das geht auch nicht spurlos vorüber, und der letzte Sommer, – ich bin fast Hungers gestorben, nach Brot, Peter, und auch nach Menschen – ich bin erst eben wieder genesen, und ich hatte mein Leben – schon lange – so völlig, so völlig aufgegeben, daß ich nun – nicht mehr kann.«

Da verstummte er. Ins Riesengroße wuchs seine Schuld. Er wagte nichts mehr zu sagen. Er versteinerte förmlich vor Angst.

Mara war nun wieder ganz ruhig. Sie erhob sich und legte die Hände auf seine Schulter.

»Wir müssen da nun durch,« sagte sie, »habe Dank, daß du kamst, das war das Größte, was du mir schenken konntest!«

»Schickst du mich – so fort?«

Und als sie schwieg – fuhr er fort: »Ich will ja warten, warten so lange wie du willst – aber laß mich wieder kommen, Mara, und laß mich dich fragen dürfen von Zeit zu Zeit – ob nun – der Tag da ist – wo du vielleicht – anders denkst – ich habe ja niemand auf der Welt außer dir!«

Er las eine Frage in ihren Augen und sagte schnell:

»Nein, wir sind gute Freunde und Kollegen – Frida und ich – weiter nichts, und Mara – ein Mann, der dich liebte – der hält sein Herz rein, auch in der größten Versuchung, – so tief bin ich nicht gefallen, – ich stünde sonst heute nicht so vor dir, – wann darf ich wiederkommen? Bald? Wirst du mich rufen? oder darf ich es so versuchen – ich will dich nicht quälen, aber –, in einer Weile vielleicht –?«

»Ja,« – sagte sie leise.

»Ist das alles?« fragte er tonlos. Sie nickte nur, da küßte er ihr die Hände und ging still fort.

Er irrte noch lange in den Münchener Straßen umher, die Sterne glitzerten so groß und golden, und Peter Rasmussen sah zu ihnen auf und war so klein und traurig und blickte auf sein verflossenes Leben zurück, das angefüllt gewesen war mit Egoismus und Ehrgeiz und Hochmut und Verzweiflung. Hatte er jetzt gute Tage verdient, nur weil er endlich seine Pflicht erfüllt hatte und angefangen, mit dem heiligen ihm anvertrauten Pfund zu wuchern? Ach nein, er stand nicht am Ende, sondern erst am Anfang seines Weges, und nicht nur das, er mußte auch wieder umkehren, weit, weit zurück – und all die Blumen, die er auf dem falschen Wege achtlos zertreten hatte, wieder neu und fürsorglich pflanzen, und das, was er falsch gemacht hatte, wieder richtig machen und in Ordnung bringen und die bösen Taten, die er getan – vor denen durfte er nicht mehr fliehen und ihnen den Rücken kehren, nein, er mußte ihnen offen ins Gesicht sehen, und er mußte das böse Leben, das sie erzeugt hatten, bei der Gurgel fassen und umbringen. Anders ging es nicht.

Er hatte wohl früher gedacht, – wenn ich nur mein Unrecht bekennen könnte, dann wäre alles gut, und er hatte auch heute zum erstenmal wieder das Gefühl, daß die schwerste Last von seiner Seele genommen war, denn Mara hatte ihm verziehen – aber, würde sie ihm – ganz verzeihen?

Reichte denn ein Menschenleben aus, um das zu sühnen und wieder gut zu machen, was er an seinen Freunden getan hatte? Und womit und wie sollte er sühnen?

Ach, er wollte ihnen ja sein Herzblut schenken in neuen und herrlichen Tonschöpfungen, aber was war seine Kunst angesichts der Schicksale seiner Freunde? Was konnte er mit seiner Kunst ihnen geben? Bildete er sich ein, der Menschheit etwas schenken zu können? Er war es ja gar nicht wert.

Langsam und tiefgebeugt suchte er sein Hotel auf, in dem er übernachtete.

Ein Telegramm von Fritz und Oda rief Mara am nächsten Morgen nach Bucheneck, die Großmutter liege im Sterben. Wie merkwürdig – dachte Mara, sollte sie mich wirklich noch einmal sehen wollen? Es war ihr gleich klar, daß sie nun reisen mußte und –, obgleich sie eben erst die große Reise gemacht hatte, war sie ganz froh darüber. Sie traf schnell ihre Vorbereitungen, sagte den Ihrigen lebewohl, hinterließ einen Gruß für Peter – und eilte mit dem Rucksack auf dem Rücken zum Zentralbahnhof.

Als sie die Bahnhoftreppe hinanstieg, überholte sie jemand, und Peters bittende Stimme sagte: »Darf – ich deinen Rucksack tragen? und darf ich – dich begleiten? Ich muß heute nach Hamburg zurück, und wenn du erlaubst –«

Er sah sie so verzweifelt an, daß sie nicht anders konnte wie – »ja, dann komm nur –« sagen, – »aber – den Rucksack laß mir nur, bis wir im Coupé sind, – da lege ich ihn ab.«

»Gut, ich besorge die Billets,«

»Ich fahre aber dritter.«

»Sitzst du nicht besser in der zweiten? Mara –!« Wieder sah er sie vollständig verzweifelt an, – »ich habe so entsetzlich viel Geld, – darf ich nicht – unsere Karten – nehmen? Ich weiß wirklich nicht, wohin damit.«

»Das scheint so,« sagte sie lächelnd, »Knud sagte, du hättest ihm so viel blaue Scheine aufs Bett geschmissen, daß er den ganzen Tag Patiencen damit legen wollte, – meinetwegen laß uns zweiter fahren, – auch erster, wenn du willst, aber jeder auf seine Rechnung.«

Es war nicht viel Zeit zu verlieren, Mara wartete am Zuge, während er fortstürzte, jetzt sah sie ihn wiederkommen und sah zum erstenmal seine Gestalt klar und deutlich im Tageslicht vor sich.

Er kam ihr plötzlich ganz überraschend fremd und neu vor – er sah ausgezeichnet aus, so groß und männlich, und der Kopf mit der breiten Stirne so durchgeistigt, und mit welcher Leichtigkeit er den eleganten Reisemantel trug, als wäre er zeitlebens ein grand seigneur gewesen, der kleine graue Filzhut stand gut zu seinem spitzen schwarzen Bart, – was hatte er denn nur alles im Arm? Bücher und Blumen und Pakete, hinter ihm kam der Kofferträger mit seiner dicken gelben Tasche. – Mara kam sich wie verzaubert vor, – war das ihr Peter – den sie zuletzt so hager, so ärmlich – und mit so bitterbösem, versteinertem Gesichtsausdruck gesehen hatte bei ihrem Abschied auf der Insel – dieser elegante Mensch, der jetzt mit fast jungenshaftem Stolz auf seine Einkäufe blickte. – Jetzt sah er sie und kam rasch auf sie zu.

»Mara – hier sind unsere Plätze – komm mit – es ist Zeit. –«

Sie folgte ihm, – er hatte ein Coupé erster Klasse genommen, für sie beide allein, und als sie drin waren, sagte er flehentlich: »Mara – dies eine, einzige Mal erlaube mir dieses – wer weiß – wenn ich dich wiedersehen darf – ich muß doch bald nach Amerika zurück, – das weißt du ja alles noch gar nicht, das muß ich dir noch erzählen –, hier am Fenster sitzst du am besten, und wenn du schlafen willst – gehe ich in den Speisewagen.«

Er hob ihren Rucksack empor, breitete Bücher und Blumen und Schokolade vor ihr aus und dann stand er einen Augenblick stumm und hilflos vor ihr.

»Setze dich, Peter,« sagte Mara mit mühsam beherrschter Stimme, »und erzähle mir von deinem Leben.«

Er setzte sich ihr gegenüber, nachdem er den kleinen Fenstertisch hochgeklappt hatte und die roten duftenden Nelken darauf gelegt, – der Zug kam langsam in Bewegung, – Mara lehnte sich in ihrem Sitz zurück und blickte aus dem Fenster, Peter kramte in Zeitungen und Schriften umher, – er war auch halb wie im Traum und wagte plötzlich kein Wort mehr zu sagen.

Er starrte nur ab und zu ihr Antlitz an, das er schöner fand, als es ihm je im Traum vorgeschwebt hatte, aber heut am Tage sah er auch die tiefen Leidenszüge, die darin eingegraben waren, – o wie gern würde er ihr jetzt allen Kummer fort lieben, fort küssen, und dieses Recht hatte er verscherzt, – sein Herz zog sich plötzlich in einem furchtbaren Schmerz zusammen, er stand auf und ging auf den schmalen Gang hinaus.

Da stand er nun und sah in die Ebene hinaus, sah die Türme Münchens verschwinden und empfand die Bitterkeit all der verlorenen Jahre, bitterer als den bittersten Tod.

Seine Hände umkrampften die Fensterstange und sein Auge verdunkelte sich.

Ob sie ihm wohl ein freundliches Wort sagen würde, ein einziges, ehe dieser entsetzlich schnell fahrende Zug in Hamburg einlief, was war ein einziger Tag, was waren ein paar kurze Stunden – was waren die sieben Jahre gewesen, die sie verlobt waren – jetzt kam es ihm vor wie ein blitzartiger Traum, jetzt wußte er, daß er im Paradies gelebt hatte, ohne es zu erkennen. Und nun war es vorbei. Die Pforte war ins Schloß gefallen. Wie hatte das nur so kommen können! Was war eigentlich so Furchtbares geschehen, das sie beide hatte trennen können – war es nur dadurch gekommen, daß er auf einem falschen Posten gestanden hatte? Daß er den rechten Weg verlassen hatte und sich von falschen Motiven hatte leiten lassen? Ja, sagte er sich, das war es, – dadurch hatte er sich und den anderen das Leben verbittert, dadurch war er schlecht und egoistisch geworden und hatte gewaltsam alle seine Freunde von sich gestoßen.

Und würde nun all sein Bitten und Flehen bei ihr noch etwas helfen? War es nicht ganz begreiflich, daß sie sich nun nicht mehr entschließen konnte und mochte – ganz mit ihm zu gehen? Sieben Jahre war sie treu an seiner Seite gegangen! ohne ein Wort der Ungeduld und Klage, immer nur Liebe und Güte und Zartheit, hätte er damals – anstatt umzusatteln – in München die Stelle als Musikdirektor an einer neugegründeten kleinen Musikschule, die ihm angetragen wurde, – angenommen – dann wären sie längst verheiratet – längst –! Aber er hatte nicht versimpeln wollen, und Mara – war ja bereit gewesen zu warten – das hatte er so selbstverständlich hingenommen wie's tägliche Brot. Ihr eigener Beruf war ihm nebensächlich erschienen – er hatte immer nur an sich gedacht, – wie sehr, das erkannte er erst jetzt mit Schrecken, denn wie hatte ihr Künstlertum sich entfaltet, seit er sie verlassen hatte! Hatte er sie so unterdrückt und geknechtet? Nun hatte sie sich ihr Leben eingerichtet, während er fort war, und ein Abend – ein Blick hatte genügt, um ihm zu zeigen, wie reich es war, – wie voll, wie gesegnet, – hatte er noch ein Recht, Anteil an diesem Leben zu nehmen?

Er wagte nicht wieder ins Coupé hineinzugehen, – wie kam er eigentlich dazu, sie mit dieser Partie zu überrumpeln – Knud Hansen war ja immer viel rücksichtsvoller gegen sie, wie er, – wie hatte er damals auf Hölup immer für Mara gesorgt, während er, der große Dichter, nicht in seiner Arbeit gestört sein wollte – und sich um keinen Mensch, um keinen Hund und keine Katze kümmerte.

Dafür war er nun auch so furchtbar allein und verlassen.

»Willst du nicht wieder zu mir hereinkommen?« fragte ihre Stimme hinter ihm.

Er folgte ihr stumm, und dann setzten sie sich wieder gegenüber und Peter schlug die Hände vor das Gesicht und hätte am liebsten geweint.

»Du wolltest mir doch erzählen,« sagte Mara, – »vielleicht hilft es dir – sage mir doch, – hast du nie wieder geschrieben?«

»Nie! Davon war ich ein- für allemal kuriert, nach dieser schrecklichen Gewitternacht, – ich wollte es nur den andern Menschen gegenüber nicht zugeben, aber ich habe auch mein Manuskript nie wieder angesehen, nie! Ich habe die schwarze Mappe nicht wieder geöffnet, sie liegt in meinem Koffer verschlossen bei Thomsens, – jetzt will ich sie verbrennen, mitsamt ihrem Inhalt, – o wäre sie damals verbrannt statt der – andern, – Mara, du – weißt nicht, wie furchtbar das auf mir lastet seitdem, weil es ja auch nie wieder gut zu machen ist, nie, – immer wieder sagte ich mir, ich konnte doch nichts dafür, – und immer wieder stieg das Gespenst drohend vor mir auf – ich bin oft dem Wahnsinn nahe gewesen darüber, – am Tage lag es wie ein Alp auf mir, und nachts im Traum wühlte ich in Schutt und Trümmern umher und fand doch nur Fetzen und weiter nichts, und dann, als ich hungerte und darbte –, da hab ich mich mit der ganzen Qual in Gottes Arme gestürzt – und fand doch keine Ruhe! Und dann dachte ich – nun ist es fortgeschwemmt mit der großen Meeressymphonie – und die Nacht darauf stand es wieder da, größer denn je! Heute ist es anders, – denn ihr habt mir verziehen, aber – glücklich kann ich nie wieder werden.«

»Erzähle es mir doch einmal genau, wie es kam, Peter.«

»Ach ja, wie oft, wie oft hab ich's mir selbst wieder erzählt seitdem, – Klaassens baten mich, hinauf zu gehen, wie du dich erinnern wirst, um nach dem Fenster zu sehen.«

»Ja, ich erinnere mich.«

»Oben – bei Donner und Blitz habe ich eine furchtbare Stunde erlebt, – höllentief, Mara, – ich – ich betete fast, daß Gott Feuer vom Himmel fallen lassen sollte und das Ding verbrenne – ich war eben halb wahnsinnig geworden über diese Konkurrenz, und daß mein liebster Freund mir das antat, – und dann erschrak ich über – mich selbst, – ich tat seine Konzeptbögen in seine schwarze Mappe, wir hatten ja zwei gleiche und – ließ sie oben liegen!«

Er schwieg.

Mara sah jetzt, wie eingefallen sein Gesicht war und wie trostlos seine Augen blickten.

»Du dachtest – das Gewitter wäre vorüber?« fragte sie.

Peter sah sie an.

»Ja, Mara, – ich dachte, mit dem schlimmsten Schlag wäre auch die Wut gebrochen – und ging wieder hinunter in meine Stube. Auf meinem Tisch neben dem Fenster lag meine Mappe, – ich stand am Klavier, und der Donner krachte, – dann kam Klaassen hinein und sagte irgend etwas, aber ich verstand nicht was, – er legte irgend etwas hin und dann – im selben Augenblick kam der furchtbare Schlag –. Wie eine Explosion, – ich stand in Feuergarben halb betäubt – und – mit der letzten Besinnung stürzte ich zum Fenster, stieß es auf, ergriff meine Mappe und – war draußen! Der Regen stürzte wie eine Sintflut über mich, neben mir stand der Fischer mit seiner Familie, – das Haus brannte, der Regen hörte plötzlich auf, – das Strohdach schoß herunter – und alles stürzte krachend zusammen, – an Retten war kein Gedanke, – der Rauch trieb uns fort – ihr alle kamt erst in einer halben Stunde – da war alles vorbei!«

Wieder schwieg er. –

»Mein armer Peter,« sagte sie leise.

Nach einer Weile fing er wieder an. »Ich hatte damals keinen klaren Gedanken mehr, – ich preßte meine Mappe an mich, aber ich hatte das Gefühl – als zöge ich mit einer Beute ab – kannst du das verstehen?«

»Ja,« flüsterte Mara kaum hörbar.

»Du meinst – weil ich – seiner den Tod gewünscht hatte – wie furchtbar ist es auch, daß man solcher Wünsche überhaupt fähig ist, Mara, – ich weiß jetzt, daß solche Wünsche gleichbedeutend sind mit einer Tat, für unser eigenes Gewissen – und dann – quält mich noch eins, – so entsetzlich, – Fischer Klaassen sagte doch den andern Tag, – er wäre nach mir oben gewesen und hätte Knuds Mappe herunter gebracht und mir gegeben. Du kannst dir denken, wie außer mir ich darüber war, nicht wahr?«

»O ja!«

»Nachher sagten Frau und Tochter, es wäre Knuds Hose gewesen, und die Mappe hätte er auf den Küchentisch gelegt, – aber denk dir, Mara, – als ich aus dem Fenster sprang – hatte ich wie eine Vision von einer zweiten Mappe auf dem Tisch! Und das quält mich so furchtbar, – ich hätte ja noch einen Griff wieder zurücktun können – ehe das Dach herunterkam – aber ich redete mir vor, – daß das unmöglich war! Ach, was redet man sich nicht alles vor – manchmal – in meiner Qual bildete ich mir ein – ich hätte gewußt, daß Klaassen sie auf meinen Tisch legte und hätte sie absichtlich liegen lassen, – es war zum Verrücktwerden! Was kann einem da noch helfen und retten?«

»Nur – daß man absolut wahr ist, sich selbst – gegenüber –, schonungslos wahr, – dann erst ist man fähig, gut und böse zu unterscheiden, – mir ist immer so merkwürdig – gewesen, daß der Reiter auf dem weißen Pferd in der Offenbarung, der König aller Könige und der Herr aller Herren – – mit zwei so einfachen menschlichen Worten benannt wird, – er heißt ›treu und wahrhaftig‹. Ob die Menschen sich wohl klar machen, welche Riesenbedeutung diese beiden Worte also haben? Und warum ist es wohl so furchtbar schwer, ganz wahrhaftig zu sein!«

»Ach Gott, ja,« sagte Peter tonlos.

»Für dich war es schwer – weil du in einem Zustand warst, der nicht – mehr – ganz zurechnungsfähig war, und dazu kam, daß du wirklich – augenblicksweise – schlechte Gedanken hattest – ich kann mir deine Qual wohl vorstellen.«

»Ja, und was sollte ich machen!«

»Hättest du gleich – Knud – dies alles gesagt – du hättest dir schwere Jahre erspart, – darum konnte auch Gott dein Gebet gar nicht erhören, weil Gott nur wahre Ruhe schenken kann, nicht falsche.«

»Ach ja – ich weiß es wohl, aber Mara – ich weiß es – erst jetzt, – in der Nacht nach dem Konzert – da –«

»Da hast du zum erstenmal das Gebet verstanden: ›Ich lasse dich nicht – du segnest mich denn,‹ nicht wahr? Ehe man sich nicht im persönlichen Kampf mit Gott die Hüfte verrenkt, – eher kennt man Gott überhaupt gar nicht.«

»Ja,« flüsterte er, »trotz all der jahrelangen Not – war da meine erste persönliche Begegnung mit Gott, – wo er meine Schuld von mir verlangte, und ich mich – entscheiden mußte.«

Er vergrub das Gesicht in den Händen, und Mara saß ganz still und sah ihn an und spürte etwas, wie von einem Morgenrot in weiter, weiter Ferne.

Der Zug jagte durch die Lande dahin.

Sie saßen lange still.

Niemand kam und störte sie, und Mara dachte, daß dies die seltsamste Fahrt ihres Lebens wäre, – fast als wären sie ganz allein auf der Welt, er und sie, oder als wären sie gestorben und träfen sich nun auf einem neuen unbekannten Stern wieder.

Gab es doch also ein Wiedersehen, selbst wenn man schon tausend Tode gestorben war?

Sie fühlte jetzt Peters Augen auf sich ruhen.

»Möchtest du nicht – ein bißchen Schokolade nehmen?« fragte er zaghaft.

»Ja, gerne, – du mußt doch überhaupt hungrig sein, Peter.«

»Ich bestelle uns ein kleines Diner hierher – darf ich? Ja bitte, – ach, der Tag ist ja gleich vorbei und – in vier Wochen muß ich zurück nach Newyork.«

»Mußt du – zurück?« fragte sie.

»Ja, – ich bin seit kurzem Direktor an der neuen Musikschule dort, – eine von vielen, mit einem für hiesige Verhältnisse fabelhaften Gehalt. Ich soll in Hamburg noch zwei Konzerte geben, in Kiel und Lübeck auch, – die Proben sind sehr anstrengend, aber doch ist das Ganze so schön, – wo wohnst du in Hamburg? Du kannst doch heute abend nicht mehr weiter nach Schleswig-Niebüll herauf?«

»Nein, ich wollte in Hamburg übernachten. Wo wohnst du?«

»Vier Jahreszeiten, ganz gut – bitte steige da auch ab und laß mich heute abend noch ein – bißchen für dich sorgen –.«

»Kann man in den ›Jahreszeiten‹ mit einem Rucksack antreten?«

»O, ich nehme den Rucksack und du meine Tasche und dann –«

»Nun, was hast du denn noch mit mir vor?«

»Dann lasse ich gleich heute abend meinen alten Koffer von Thomsens holen und vernichte das Manuskript in deiner Gegenwart, Mara –. Es muß auch noch eine kleine Komposition dabei liegen, die ich jetzt vielleicht brauchen kann. Seit wann ist deine Großmutter denn krank? Fritz und Oda und Oskar waren im Konzert und sagten nichts davon.«

»Ich fürchte, es ist ein Schlaganfall, – sie ist zweiundachtzig Jahr.«

»Warst du nie wieder dort?«

»Nie wieder, – ich gab alle Hoffnung auf, – die Dorens sind entsetzlich zähe Leute.«

»Im Bösen und – im Guten,« sagte er.

Er hätte ihr gern die Hand geküßt, als er das sagte, aber trotzdem noch gestern sein Kopf an ihrer Brust gelegen hatte, hielt ihn heute eine ehrfürchtige Scheu zurück, sich ihr zu nähern. Noch nie war sie ihm so hoch und heilig erschienen wie jetzt. – Er besorgte alle Sachen in Hamburg, und sie überließ sich halb erstaunt, halb gerührt seiner Fürsorge, er fuhr mit ihr ins Hotel und trat dann bescheiden zurück, als sie sich ein Zimmer aussuchte.

Sie verabredeten, daß sie zusammen unten essen wollten und wenn sie nicht zu müde war – wollte er ihr noch von seinen Kompositionen einige vorspielen, – er hatte ein Klavier in seinem Zimmer.

Um neun Uhr aßen sie und dann gingen sie hinauf in seinen Salon.

»Der alte Koffer ist schon da,« sagte er, »nun will ich ihn gleich öffnen.«

Mara ließ sich müde in einen Sessel sinken, Peter ging in sein Schlafzimmer und kam gleich darauf mit der dicken, alten schwarzen Mappe zurück.

Er legte sie auf den Tisch und öffnete sie. Dann zog er das ganz voll geschriebene Konzeptpapier heraus.

Mara blickte ihn an und plötzlich sah sie ihn leichenblaß werden.

Er griff sich an den Kopf, er stieß einen Schrei aus, – dann schwankte er und sank auf einen Stuhl.

»Was ist dir?« rief sie tödlich erschrocken, sie stand schon neben ihm, er atmete schwer und brachte keinen Ton hervor – er schloß die Augen und lehnte sich gegen sie, – aber plötzlich nahm er sich gewaltsam zusammen, er sprang auf und stieß hervor: »Knuds Manuskript.«

»Was ist?« – sagte Mara.

»Hier, hier ist es,« – schrie Peter. »Hier – es ist nicht verbrannt, ich habe seins genommen und meins liegen lassen – o Mara!«

Er sank wieder auf den Stuhl – er war ganz außer sich, und Mara sah vor sich auf dem Tisch das unversehrte Manuskript Knud Hansens liegen.

»Gott sei Dank,« sagte sie! Sie mußte sich auch setzen, die Erregung betäubte sie fast.

Sie sahen sich stumm an, sie waren wie sprachlos über diese Entdeckung. Plötzlich sprang Peter wieder auf.

»Was ist die Uhr?« sagte er, »ich muß zu Knud damit, und wenn ich auch drei Nächte durchreisen müßte wieder – es ist zu herrlich, – nicht wahr – ich muß zu Knud!«

»Ja natürlich«' sagte sie, »natürlich mußt du – sofort hin.«

»O – Mara,« rief er und griff nach ihren Händen. –

»Ja wie schade, daß ich nicht mit zurück kann,« sagte sie schnell, »das müßten wir drei doch zusammen erleben.«

»Wir drei, ohne den Dritten!« rief Peter begeistert, – »o Mara – wie ist es merkwürdig! und doch wie furchtbar einfach! Der Fischer hat Knuds Mappe auf meine gelegt und ich habe natürlich die erste ergriffen, die ich sah – und daher meine Vision von der zweiten Mappe, und das war mein unglückseliges Ding! o Mara – was sagst du nur, wann – –?«

        »Ich fahre morgen früh zur Großmutter,« unterbrach sie ihn. Einen Augenblick waren sie beide wieder stumm.

»Und nun, gute Nacht, – wie ist Gott gütig, daß er uns diese Freude noch – schenkt – wann fährst du?«

»Mit dem Nachtzug um ein Uhr – gute Nacht Mara – habe – Dank – darf ich – dir – schreiben?«

»Gute Nacht,« – sagte sie freundlich, – »grüße Knud.« Damit war sie verschwunden.

Fritz und Oda erwarteten Mara an der Bahn.

»Was wird sie nun sagen, daß wir in Hamburg waren zu Peters Konzert.« –

»Ob wir es ihr überhaupt erzählen?«

»Aber Oda, – zweifelsohne, du sollst sehen, das erste, was sie uns fragt, ist, ob wir da waren, außerdem – Mara ist nicht wie andere Menschen, der kann man alles erzählen und man kann alles mit ihr besprechen, – woher kommt das nur!«

»Sie ist der wahrste Mensch, den ich kenne, – übrigens da ist der Zug und da steigt sie schon aus –.«

Oda eilte der Freundin entgegen.

Sie hatten sich lange nicht gesehen.

Mara war nicht wieder in der Heimat gewesen, sie war auch nicht zu Odas Hochzeit gekommen vor zwei Jahren, sie sagte damals, sie hätte mit allen alten Beziehungen ganz abgeschlossen und wollte nicht, daß dieselben Familienszenen sich noch einmal wiederholten, wie das letztemal, ehe sie nach Dremmelshof ging, – sie sagte, sie fände das alles unwürdig und finge nun in München ein ganz neues Leben an, im Hause von Vater Häberle. Das hatte sie dann auch getan.

Und dann starb Lieschen Meier.

Oda war gleich nach Lieschens Tod zu ihr gekommen und die alte Freundschaft war wieder erneut, denn »Mara bleibt ja immer dieselbe,« sagte Oda nachher ganz erstaunt zu Oskar. Später auf der Hochzeitsreise hatten Fritz und Oda sie zusammen in München besucht und waren tief davon beeindruckt, wie groß und schön Mara sich ihr Leben eingerichtet hatte, – in ihrer Kunst war sie riesig vorwärts gekommen, sie hatte jetzt immer Bestellungen, und auf ihre Umgebung übte sie in ihrer stillen, gütigen Art einen Zauber aus, dem sich alle unterwarfen.

Und nun war sie da.

»Was ist denn mit Großmutter?« war ihre erste Frage, als sie mit Oda auf dem leichten Jagdwagen saß, – Fritz kutschierte selbst und sah sehr agrarisch aus – in einer verschossenen und geflickten, sehr knappen Joppe und einem undefinierbaren Filzgestell von Hut auf dem Kopf.

»Tot chick,« flüsterte Oda ihr zu, »nicht wahr? es gibt nichts Eleganteres als unsere Junker in ihren Joppen, – ich male ihn so, lebensgroß –.«

»Großmutter ist sehr elend,« antwortete Fritz, – »wir glauben, daß sie einen Schlaganfall gehabt hat, obgleich es sich nicht recht konstatieren läßt. Sie ist manchmal ganz verwirrt, dann wieder ganz klar, – es geht schon vierzehn Tage so, – als wir nach Hamburg fuhren, war sie besser, und vorgestern – ja wohl, vorgestern dachten wir, es ginge zu Ende.«

»Hat sie denn gewünscht, daß ich käme?« fragte Mara.

»Sie hat es nicht ausdrücklich – gesagt – Mara – aber sie scheint manchmal anzunehmen, daß du da bist und Oskar, der täglich eine Stunde bei ihr sitzt, sagte, – du müßtest kommen.«

»Oskar ist Großmutters Abgott geworden,« sagte Oda.

»Wie amüsant,« meinte Mara.

Die kurze Fahrt war bald zurückgelegt, Oda führte Mara mit einem gewissen Triumph ins Haus und auf ihr Zimmer, und dann mußte gleich die kleine dicke Mara bewundert werden, die, wenn auch nicht Fritzens Nase, so doch wenigstens »ganz« sein Ohrläppchen hatte, und dann kam Oda wieder zu Fritz und sagte: »Siehst du, – sie weiß, daß wir in Hamburg waren und sie hat nicht gefragt, – du, – ich finde zum erstenmal in meinem Leben Mara – verändert.«

»Ach, Schnack,« sagte Fritz.

»Doch –, ich kann dir nicht sagen, woran es liegt, aber denk dir, wie merkwürdig, – sie kommt mir jünger geworden vor.«

»Nanu, Oda, – sieh mal, da geht sie schon zur Großmutter hinauf, na wenn das man gut abläuft, ich will lieber mitgehen.«

Er lief seiner Cousine eilends über den Gutshof nach, und gerade am Abhang des Hügels, auf dem das Rosenhaus lag, holte er sie ein.

»Ach, laß nur, Fritz,« sagte sie, »ich erkundige mich erst bei der alten Mine, wie es ihr geht, und lasse dann einfach fragen, ob sie mich sehen will – sagt sie nein, dann bin ich bald wieder bei euch' – weißt du, ich habe schon zu viel durchgemacht im Leben, um mich noch über irgend etwas zu wundern, beunruhige dich nicht.«

»Ach Gott, unser Fräulein,« sagte die alte Mine, als Mara im kleinen Flur des Häuschens stand, »ach nee, de ollen Tiden.«

»Ja, ja, Mine, wie ist es denn mit Großmuttern?«

»Na, se is so wat witlöftig, – anners is es nich, – se is ja och old un nu geiht se ja wohl bald up de grote Reis', – und manchmal denn is se weder rein so hell un so scharp as ümmer un von gnä Fräul'n red se ümmerto, ick will man glicks fragen, – hüt liegt se im Bett.«

Mara wurde vorgelassen.

Frau von Doren saß hoch aufgerichtet in ihrem Bett. Ihr Gesicht war klein und spitz geworden, aber die dunklen Augen blickten Mara klar an.

Mara ging ruhig auf sie zu.

»Guten Tag, Großmutter,« sagte sie freundlich.

»So, also du siehst wirklich noch mal nach deiner alten Großmutter, das ist ja sehr freundlich von dir, bitte, setz dich.«

»Wie geht es dir denn?«

»Schlecht, wie du siehst, – man wird alt und allen eine Last, – der liebe Gott scheint mich zu vergessen. – Wann bist du gekommen?«

»Heute morgen, Fritz und seine Frau haben mich eingeladen, sie holten mich von der Bahn.«

»So, – bei mir willst du wohl nicht wohnen?«

»Gerne, Großmutter, aber wenn du nun nicht wohl bist, ist es dir doch vielleicht eine Last.«

»Mir nicht, aber meine Leute denken, sie haben schon zu viel mit mir zu tun, hast du denn die Absicht, länger zu bleiben??«

»O – ja, – gerne – wenn ihr mich haben wollt.«

»So, ja natürlich, – qu'elle idèe, – übrigens, die kleine Oda ist eine ordentliche Frau.«

»Das freut mich, daß du das findest.«

»Sie hält große Stücke von dir, Marie Agnes, – hat sie dir schon gesagt, daß sie möchte, daß du das Bild in der Kirche repariertest? Das könntest du eigentlich für sie tun, – du verstehst ja wohl so was.«

»Das täte ich gerne, gewiß, ich will mit ihnen darüber sprechen.«

»Ja, ich finde es einen sehr hübschen Gedanken von ihnen, – dann könntest du doch hier auch einmal etwas von deiner Kunst zeigen.«

Sie schwieg und schien erschöpft, – Mara fragte, ob sie gehen sollte, aber sie sollte bleiben und saß still neben dem Bett der Alten, die jetzt zu schlummern schien.

»Fritz,« sagte sie plötzlich laut, während ihre Augen geschlossen blieben, »nun ist ja Marie Agnes da.«

Und nach einer Weile fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort: »Sie ist doch eine echte Doren geblieben, und sie soll das Rosenhaus haben. Natürlich übernimmt sie Mine mit, aber das versteht sich ja bei Marie Agnes von selbst, die alten Leute hängen an ihr. Warum kommt sie eigentlich nicht zu mir? Ich warte doch nun schon so lange.«

Mara schlich sich leise aus der Tür, irgend etwas schnürte ihr die Kehle zu – sie setzte sich an den Fensterplatz der alten Dame und fing an zu träumen – jetzt war er bei Knud! Was Knud wohl sagen würde, sie gönnte ihnen beiden diese große Freude so, besonders Peter, der sich so tief hatte demütigen müssen! Wie entsetzlich mußten diese Jahre für ihn gewesen sein! Das wußte sie auch erst jetzt.

Bald kam Fritz auf den Zehenspitzen herein und holte sie fort zum Frühstück. Oskar war da und war herzlich und gut wie immer. Sie sprachen über allgemeine Dinge, aber als sie nach dem Frühstück zusammen in Fritz seinem Zimmer saßen, konnten Fritz und Oda nicht mehr an sich halten.

»O Mara,« sagte Oda, »er hat ja so wundervoll dirigiert in Hamburg, und seine Symphonie ist so herrlich.«

»Ja, ganz famos, hervorragend,« fiel Fritz ein – »Hut ab vor Rasmussen.«

Mara sagte keinen Ton, und sie schwiegen etwas beklommen, aber Fritz fuhr schnell fort: »Wir haben ihn auch gesprochen, es geht ihm – scheint's ganz gut.«

Oda machte ihm ein wütendes Gesicht zu und Oskar sagte ganz unnatürlich laut: »Na und unserer Alten oben geht's so schlecht?«

Mara blickte an ihnen allen vorbei aus dem Fenster, ein ganz neues Gefühl hatte sich ihrer bemächtigt, – ein ganz merkwürdiges, was sie selbst nicht begriff, – plötzlich wurde es ihr klar – sie war wie eine heimliche Braut, deren Heiligtum plumpe Finger antasteten – sie erschrak – sie erschrak so sehr, daß ihr ganz heiß wurde, sie kannte sich nicht mehr, sie wollte sich zwingen, ganz einfach und ruhig zu sagen: Ich habe Peter ja auch gesehen – und wollte ihnen alles erzählen, aber sie brachte es nicht über die Lippen.

Warum sollte sie auch, einmal würde wohl alles herauskommen, ach nein, wohl nie.

In vier Wochen reiste er ja zurück nach Amerika, zurück als Sieger, als Versöhnter und – mit der Zeit – würde er wohl auch einsehen, daß sie –

»Mara, gehst du mit uns spazieren?«

Sie fuhr auf, – ganz zerstreut, ganz verstört.

»Ja, gewiß,« antwortete sie hilflos.

Der Bediente kam herein und bestellte, daß die alte Frau von Doren nach Fräulein Marie Agnes geschickt habe.

Mara sagte, sie würde sofort kommen.

Die drei Freunde blickten sich an, als sie fort war.

»Wir waren zu dämlich,« sagte Oda wütend, – »dies Wiederauftauchen von Peter muß sie ja natürlich erschüttern, wenn die Verlobung nun auch schon so lange aufgelöst ist und ja überhaupt längst keine Verlobung mehr war – Fritz, warum fingst du auch wieder an! »

»Erlaube mal, Oda, du fingst an und ranntest uns da hinein.« –

»Ich weiß, – Mara bringt mich diesesmal gerade zum – Heulen – ich finde es erschütternd – wie sie so ist –, man möchte sie immerzu lieb haben und man wagt kaum, sie anzugucken.«

»Hol's der Deubel,« brummte Oskar. »Ich hole mir die Lütche – wo habt ihr das Wurm oben, bon – ja, ja, – es ist ein merkwürdiges Leben, – dies Leben. –«

Das dachte auch Mara, als sie wieder am Bett der Großmutter saß, die meistens schlummerte, aber sowie Mara sich rührte, machte sie die Augen auf und sagte: »Willst du schon wieder fort?«

»Nein, ich bleibe gern, Großmutter.«

Sie selbst war so müde, daß sie auch einschlummerte, aber sie wachte bald wieder auf, denn die Alte rief laut ihren Namen, und als sie sich über sie beugte, sagte sie beinahe liebevoll: »Ich glaubte, nun wärst du doch fortgegangen, – wo warst du? In München?«

»Nein, hier bei dir, – ich war ein bißchen eingeschlafen, verzeih, ich war wohl müde.«

»So, du bist müde, sorgen sie auch ordentlich für dich unten? Hast du alles?«

»Alles – Großmutter.«

»So, so, – ist Herr Brente schon hier gewesen? Ein merkwürdig angenehmer Mensch, Marie Agnes.«

Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Warum sie den wohl nicht nimmt, – aber – sie wollte eben den andern haben, Rasmussen hieß er ja wohl, – Herr Brente sagt, er wäre doch noch ein ordentlicher Mensch geworden.«

Sie machte eine kleine Pause.

»Das ist ja nun Geschmackssache,« murmelte sie dann. – »Mir – unbegreiflich, aber daß sie ihn jemals aufgibt, wie Herr Brente meint, das glaube ich nicht, dazu ist sie viel zu zäh, wir Dorens lassen nicht von unseren Ideen, – das hat mir ja immer bei ihr gut gefallen.«

Mara lauschte atemlos, – drehte die Welt sich um? Nach der Kaffeemahlzeit kam wirklich Herr Brente herauf und saß eine Stunde am Bett der Alten.

Mara machte einen weiten Spaziergang allein, und abends saßen sie wieder alle zusammen. Da kein rechtes Gespräch in Gang kommen wollte, spielten sie Whist.

Am andern Morgen ertappte Mara sich dabei, daß sie mit Spannung die Post erwartete.

Und als der Diener ihr, während sie im Kreise saßen, auf silbernem Tablett einen Brief von Peter überreichte, fühlte sie, daß sie bis über die Haarwurzeln errötete.

Sie stand auf und ging mit ihrem Brief fort, wie mit einem heimlichen Schatz.

Aber schon auf dem Flur kehrte sie wieder um, ging ins Wohnzimmer zurück, setzte sich auf ihren alten Platz und sagte ruhig: »Peter und ich – haben uns auch wieder gesehen, – er besuchte Knud und mich in München, – denkt euch, auch das Manuskript von Hansen hat sich wieder angefunden. »

»Donnerwetter! » schrie Fritz.

»Wie denn, wo –?« sagte Oda atemlos.

Mara erzählte es ihnen und erzählte, daß sie mit Peter zusammen zurückgereist sei bis Hamburg.

»Er wollte mir noch eine Komposition schicken, – das hier wird sie wohl sein, – ach, es ist zu schön, daß er nun im rechten Fahrwasser ist.«

»Sehr schön,« sagten Fritz und Oda a tempo.

»Nun liegt gewiß ein schönes, großes Leben vor ihm.«

»Aber selbstverständlich,« bemerkte Fritz.

»Na, und Knud,« sagte Oda, »war denn der nicht selig? Wird er es nun verkaufen?«

»Ja, hoffentlich, – er hat sich doch auch so richtig durchgerappelt.«

»Nun natürlich, – Donnerwetter, – ich muß doch noch mal nach Hamburg, da will ich mich doch mit Rasmussen verabreden, der muß es mir erzählen mit dem Manuskript. – So was Fabelhaftes ist mir doch noch nicht vorgekommen. – Gehst du schon wieder zu Großmutter hinunter, Mara?«

»Ja, – ich soll ihr vorlesen, adio so lange.«

»Nun brat mir einer einen Storch!« platzte Oda los, – »nächstens wird sie uns mit derselben Ruhe erzählen, daß Peter nun glücklicher Bräutigam von Frida Thomsen ist, und dann wird sie sagen: ach, wie gönne ich ihm das Glück! Fritz! ist das nun menschlich?«

»Ach, Oda, – du kapierst Mara noch immer nicht, – und wenn sie sagt, daß sie ihm das Glück gönnt, dann gönnt sie es ihm eben, verstehst du? Sie macht eben nie und niemals Redensarten, und wir alle machen so hunderttausend, daß wir schon gar nicht mehr wissen, was wir eigentlich wirklich meinen, und was nicht, – ne, ne, dieser Hansen, – ich will mal zu Oskar hinüberreiten, was wird der sagen, – eigentlich müßten wir bei Oskar ein Strandfest feiern, wieder alle zusammen, und Knud liest wieder vor und Peter –«

»Sitzt mit Frida Thomsen – nein, Fritz, so entzückend wie ich die Sängerin fand und obgleich ich es von Peter begreife, wenn er vielleicht unter ihrem Charme steht, das mache ich dann doch nicht mit.« –

Mara hatte der Großmutter vorgelesen, und dann ging sie durchs Dorf und auf den Kirchhof, und da unter der alten Linde las sie Peters Brief. Ihre Hände zitterten ein wenig, als sie ihn öffnete, – sie dachte an die letzten Briefe, die sie von ihm erhalten hatte – voller Bitterkeit und Kälte. Würde sie das je vergessen können? Sie fühlte noch den Hauch von Kälte und Finsternis, der sie angeweht hatte, wenn sie nur das kleine, längliche Kuvert aus Hamburg in der Hand gehalten hatte. Aber aus diesem Brief strömte ihr Wärme und Sehnsucht entgegen, noch ehe sie ihn gelesen hatte, und dann las sie, – lange, lange – und ihr war, als hörte sie die große Symphonie noch einmal. –

»Durch immer tiefere Wasser der Selbsterkenntnis muß ich gehen,« schrieb er, – »das Zusammensein mit Knud hat mich aufs tiefste wieder erschüttert, und immer mehr erkenne ich, was für ein groß angelegter und tiefer Mensch er ist, der seine wahre Natur unter liebenswürdiger Oberflächlichkeit nur versteckte. Und daneben sehe ich mich, – mit Ketten behangen, so unfrei und so klein – o Mara – ich hatte mir eingebildet, und er hatte es ja auch gesagt, – daß er den Verlust seines Manuskripts längst verschmerzt hatte – und wie ich es ihm nun brachte und er es begriff, daß es seine unversehrte und gerettete Arbeit war, – da – ja denke Dir, er wurde beinahe ohnmächtig! Ganz totenblaß saß er da und preßte die Mappe an sich, und erst nach langer Zeit konnte er sich fassen! Ich war so außer mir und sagte ihm, das hätte ich ja gar nicht geahnt, – da rief er mit zitternder Stimme: nein, du, mein Freund – hast nicht geahnt, daß dies meine erste wirklich gute Arbeit war, nach einem gänzlich vergeudeten Leben, und daß ihr Verlust meinen Untergang bedeutete! Nicht wahr, das hast du nicht geahnt!

Du kannst dir denken, wie diese Worte mich zerschmetterten, es war furchtbar bitter, und ich – mußte ihm sagen, daß ich gewußt habe, daß es ein Meisterwerk war, o es war mehr, es war ein Stück seiner selbst, das ich mit Freuden sterben sah – und in diesem Augenblick dachte ich: welch ein glücklicher Mensch ich gewesen wäre, wenn ich in jener Nacht meine Stümperei in die Flammen geworfen hätte und seines gerettet und ihm hätte geben können und sagen: Hier ist dein Meisterstück! Hier ist dein Sieg!«

– Mara hörte auf mit Lesen, – auch sie mußte denken – wie es gewesen wäre, – wenn Peter so gehandelt hätte – aber was hatte Vater Häberle von ihm gesagt damals? Er muß erst ganz in die Tiefe, – eher erkennt er seine Höhe nicht. Ja, er hatte zu lange nur sich selbst geliebt, – das büßt man nicht mit einer einzigen impulsiv guten Tat, – das büßt man durch tiefe, schwere, jahrelange Kämpfe nur, – die großen, unsichtbaren Schutzgeister hatten ihn richtig geführt.

Sie las weiter:

»Es ist mir jetzt ganz unfaßbar, daß Knud mir verzeihen kann, und nachher wollte er noch behaupten, daß es unrecht von ihm gewesen sei, mich damals so in der Arbeit zu stören, – aber er hätte so felsenfest an meine Musik geglaubt, daß er außer sich gewesen sei über meine – Zeitvergeudung beim Schreiben, und denk Dir, – in gewisser Weise hat Knud mich zur Musik zurückgezwungen! Er fand damals meine weggeworfene kleine Komposition in meiner Stube und hob sie auf. Lange hat er sie vergessen gehabt, dann hörte er Frida Thomsen in Hamburg singen, und er ist es gewesen, der ihr die Komposition brachte und sie bat, es zu singen, – nachher schleppten sie mich in das Konzert, und – Mara – als ich dies Lied da singen hörte, – da dachte ich, mein Herz sollte springen vor Übermaß von Gefühlen, – da war es, als hörte ich die ersten brausenden Töne meiner Symphonie – und den ersten zwingenden Ruf zur Musik wieder, den ich seit Jahren nicht gehört – und wie lange habe ich mich noch in blinder Wut gesträubt, zu folgen! Ich fasse es jetzt ja nicht, daß der allerhöchste Meister mir nachher noch erlaubte, – wieder zu schaffen, wo ich so treulos war in jeder Beziehung. Knud ist nicht treulos gewesen, und fast hätte ich ihn ins Verderben gestürzt. Was ihn gehalten hat drüben? Mara, seine Liebe zu Dir, seine große, heilige Liebe, auf die ich einmal so kindisch eifersüchtig sein konnte – – zwischen Knud und mir ist jetzt alles wieder klar und gut, – ich bin noch denselben Nachmittag mit seiner Erzählung zu seinem Verleger gegangen, und abends hatten wir eine große Feierstunde erst beim Abendbrot unten im Lokal vor Deiner »Meeresbrandung«, die so großartig schön ist! Von uns dreien hast ja Du in aller Stille den Meisterwurf getan, – das sagten Knud und ich uns, als unsere Pokale zusammenklangen angesichts Deines großen Kunstwerkes; und dann feierten wir im Ahnensaal, – der alte Vater spielte aus der IXten, – mir war immer, als wärest Du mitten unter uns, Du, unsere Schutzheilige,– Mara, wann, wann – darf ich Dich wiedersehen? O Du weißt nicht, Du kannst nicht wissen, oder hast Du ihn gehört auch in meiner Symphonie – den Schrei der Sehnsucht nach Dir –?«

– Wieder ließ Mara den Brief sinken und blickte mit weit geöffneten Augen in die Ferne.

Ja, sie hatte ihn wohl gehört, diesen Schrei, aber er war ihr noch so neu, daß sie es einfach nicht fassen konnte, – galt er wirklich ihr? Sie schüttelte den Kopf. Sie glaubte es nicht. Konnte es nicht glauben. Und sie glaubte auch nicht mehr an sich, – es war zu spät. Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder, und sie war ein alter, müder, abgearbeiteter Mensch. Sie war nicht unglücklich. Nein, sie hatte mehr gefunden als Liebe und Glück, sie wußte schon lange, lange, worin das Geheimnis des Lebens bestand und was die Lösung des großen Rätsels war, ihr Leben war köstlich, sie wünschte sich kein anderes – nein, nein, kein anderes, aber dieses Leben in Mühe und Arbeit – mit ihm zusammen – wünschte sie sich das?

Wie mußte es doch sein, wenn man plötzlich auf der langen, einsamen Landstraße dem liebsten Freund begegnete, dem totgeglaubten – und plötzlich stand er vor einem in aller Lebendigkeit und breitete die Arme nach einem aus – gerade wo man in tödlicher Verlassenheit dahinpilgerte?

Mara schloß die Augen und erlebte diesen Augenblick.

»Wo – warst du so lange?« fragte sie den Freund. Und er antwortete: »Ich bin gewandert und gewandert in Qual und Einsamkeit wie du, in viel größerer Qual wie du – denn ich hatte eine Schuld zu tragen und war heimatlos und war verzweifelt, aber ich bin durch Wüsten gegangen und durch tiefe Wasser, um dir wieder zu begegnen! Und nun?«

Mara erhob sich von ihrem Platz und ging mit langen Schritten fort. Ja und nun? dachte sie laut.

Dann saß sie wieder am Bett der Großmutter und las geduldig vor, Walter Scott und Dickens, die Lieblingsautoren der Alten, und die Alte schlief, – aber manchmal, wenn Mara aufblickte, ruhten die Augen der Großmutter auf ihr, mit einem großen, sonderbaren Blick.

Ihr Befinden änderte sich nicht. Manchmal dachten sie, der Tod würde sie im Schlaf holen, wenn sie so still und zusammengesunken da lag, aber immer wieder öffneten sich die Augen scharf und hell, nur ihre Gedanken verwirrten sich mehr und mehr, – sie schien viel in ihrer Jugend zu sein und wanderte mit ihrem Manne, den sie »liebster Doren« nannte, in Bucheneck umher. Über Ludwig sprach sie merkwürdig hart, und Minette und ihre Töchter schien sie vollständig vergessen zu haben.

Mara war nun schon vierzehn Tage da, – von Peter erhielt sie täglich Briefe, Fritz und Oda taten, als merkten sie es nicht, obgleich Mara jetzt ganz harmlos darüber sprach, – sie schrieb ihm manchmal ein kurzes, freundliches Wort, aber auf seine Bitte, ob er kommen dürfte, antwortete sie nicht.

Eines Tages sagte die Großmutter plötzlich mit heller Stimme: »Marie Agnes, – hängst du immer noch an diesem – diesem – Monsieur Rasmussen? Hast du ihn noch nicht aufgegeben?«

Mara sah an der Alten vorbei, weit, weit in die Ferne, und dann sagte sie leise und ruhig: »Nein, Großmutter.«

»So, so.«

Und nach einer Pause: »Rittmeister Brente sagt ja, daß er ein ordentlicher Mensch geworden ist. Musikprofessor oder so was, eine sehr gute Partie, – das konnte man ja nicht wissen damals. »

»Nein, das konnte man nicht.«

»Ihr habt euch einmal erzürnt, nicht wahr? Es war ein Dritter da, – sagte man mir.«

»Ach nein, Großmutter, – das waren wir selbst, – wir verdarben uns alles selbst.«

»So – ja, ja, das tut man ja wohl manchmal!«

Beide schwiegen wieder. Dann kam Oskar und löste Mara ab, als er nach einer Stunde von der Alten herauskam, sah er Mara etwas verlegen an.

»Wissen Sie, was sie mir sagte? ›Wann wird dieser – Monsieur Rasmussen mir denn eigentlich die Ehre seines Besuchs erweisen, viel Zeit habe ich nicht mehr.‹«

»Wie merkwürdig,« sagte Mara.

»Ja, komisch, nicht?«

Damit eilte Oskar den Hügel hinunter so schnell ihn seine Füße trugen, fuhr nach Dremmelshof und schrieb an Peter, er möchte augenblicklich zu ihm kommen.

Und so stand Peter nach zwei Tagen plötzlich vor Mara, wie sie aus dem Rosenhäuschen kam.

Aber sie war nicht verwundert. Nur daß er wieder einen ganz neuen Eindruck auf sie machte, – einen fast rührenden – so still und gut und einfach – – –

»Ich dachte es mir, daß du einmal kommen würdest,« sagte sie freundlich. Er sah sie nur stumm an.

Diesen Abend hielt die Großmutter eine lange Rede an Mara. Sie hielt sie für Fritz.

Sie hielt ihre Hand fest und sagte: »Fritz, da Marie Agnes darauf besteht, ihren Musikprofessor zu heiraten, so wünsche ich, daß sie von mir aus heiratet. Ihr könnt das Diner nachher geben, für Feste bin ich zu alt, aber anständig sollt ihr's machen. Der Gärtner und Förster können mit aufwarten, und von der Kirche bis zum Hause müßt ihr Ehrenpforten machen, – Klassen fährt das junge Paar nachher zur Bahn, – später können sie dann im Sommer im Rosenhäuschen sein, der Rittmeister sagt ja, daß er – der Professor, im Winter große Konzerte geben wird, in Wien und Berlin, du mußt also auch für anständige Tafelmusik sorgen, Fritz, und laß mir Vaters Pelz in die Kirche tragen, wenn man so alt ist, wie ich, dann wird man leicht kalt, aber warum weinst du, mein Junge – ist die kleine Marie Agnes krank? Marie Agnes war auch so'n süßes, kleines Kind, und ihre Eltern starben viel zu früh, – viel, – sie war so'n merkwürdiges Mädchen, nur für diese Künstlerwirtschaft hatte ich nun einmal keinen Sinn, – aber darum brauchst du nicht zu weinen, Marie Agnes, liebes Kind, – hast du deinen Professor eigentlich hier?«

»Ja, Großmutter, er ist da.«

»Er soll mich morgen besuchen, ich will morgen aufstehen, es geht mir viel besser, – Fritz, du kannst mir das Brautpaar bringen, um ein Uhr, – allein können sie doch nicht gut Besuche machen.«

Mara verließ sie in großer Erregung.

Am andern Morgen bat sie Peter telephonisch, herüber zu kommen von Dremmelshof, und bat ihn freundlich, ob er der Großmutter einen Besuch machen wollte.

Sie selbst blieb bei Oda.

Fritz ging mit Peter zur Alten, die sich ein schwarzes Seidenkleid angezogen hatte und auf dem Sofa saß.

Es ging ihr anscheinend wirklich viel besser. Fritz erzählte nachher Oda, sie wäre sehr liebenswürdig mit Peter gewesen, aber schließlich hätte sie die Augen zugemacht und ganz laut gesagt: »Sehr comme il faut.«

Da wären sie fortgegangen, aber sie hätte ihnen noch durch Mine nachrufen lassen, doch wiederzukommen.

So kam Peter die nächsten Tage zum Frühstück wieder nach Bucheneck und machte nachher der Großmutter eine halbstündige Visite. Und dann kam er und holte Mara zu einem Spaziergang ab, und sie schlenderten zusammen durch den herbstlichen Wald und über die kahlen Felder.

»Ganz wie zwei gute, alte Kameraden,« sagte Oda, aufs äußerste gelangweilt, – »keine Spur von Liebe.«

Aber Peter und Mara kamen diese stundenlangen Gänge immer nur wie ein kurzer Augenblick vor, – sie hatten sich die Erlebnisse von vielen Jahren zu erzählen, und wenn sie auch mit keinem Wort an ihr früheres Verhältnis rührten – so war ihnen dies Zusammensein doch wie ein ganz neues, wunderbares Glück, – sie gingen neben einander her wie in einem traumhaften Zustand, den sie durch nichts zu unterbrechen oder zu stören wagten.

Eines Tages waren sie durch den Wald gegangen, an der alten Bank vorbei, – da gingen sie stumm, wie auf Zehenspitzen – dann traten sie ins Feld hinaus und stiegen auf ein Hünengrab, wo man weit in der Ferne einen schmalen, glänzenden Streifen sehen konnte – das Meer.

Sie setzten sich auf die alten Steine und sahen in die Ferne, und da sagte Peter: »Bald muß ich hinüber – übers Meer – und in drei Tagen nach Kiel, – Mara, weißt du, daß ich manchmal dachte, dich als Herrin von Dremmelshof wieder zu finden?«

Sie streifte ihn mit einem erstaunten Blick.

»Das dachtest du doch nie wirklich.«

»Nein –, aber in der furchtbaren Einsamkeit bildet man sich ja manches ein, – auf Knud bin ich wirklich eine Zeitlang eifersüchtig gewesen, – so begabt und so liebenswürdig, wie er ist –.«

»Merkwürdig,« sagte sie, »ich kann Eifersucht nicht begreifen, – habe sie nie verstanden und finde sie so – dumm und so schlecht.«

Peter schwieg.

Er wollte sagen – »dann hast du wohl selbst nie geliebt, wie andere Menschen lieben,« aber das Wort erstarb ihm im Munde, denn er wußte wohl, daß es eine Lüge war.

Eine lähmende Angst legte sich auf sein Herz. Hatte er sie wirklich verloren?

Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde hoffte er auf eine kleine Ermutigung von ihr, aber sie schien ihm immer ferner zu rücken, und er wußte nicht, wie er es ertragen sollte, in vierzehn Tagen nach Amerika zurückzureisen ohne – mein Gott, ohne sie. Er wußte viel mehr, er wußte, daß er das nicht würde ertragen können.

Im Glanz der Herbstsonne leuchteten die Buchenwälder purpurrot, aber die goldene Pracht füllte das Herz mit Gedanken des Todes.

Und Mara saß still da, ihre Hände lagen im Schoß.

»Mara,« bat Peter da mit leiser Stimme, »kannst du mich denn nicht mehr lieben?«

»Ach, Peter,« antwortete sie, »es ist zu spät! Du brauchst mich auch nicht mehr, – die Hauptsache ist ja, daß die Musik dich wieder hat, du hast noch so viel Glück verdient, was wolltest du mit mir!«

»Ich wollte – alles für dich tun, was ein Mensch für den anderen tun kann, den er mehr liebt als alles auf der Welt! Mara – ich – ich – sterbe ohne dich! »

Sie wagte nicht ihn anzusehen.

Er saß dicht neben ihr und blickte wie sie ins Weite.

»Willst du es nicht noch einmal mit mir versuchen?« bat er wieder. »Du brauchst ja nichts von deinem Leben zu ändern – mein höchster Wunsch ist, in der Heimat eine Anstellung zu bekommen, am liebsten in München. Ich möchte ein künstlerisches Orchester begründen wie das Convert rouge in Paris, und wir leben ganz wie früher, wir wohnen mit im Ahnensaal unter den Armen, nur daß du erlaubst – daß ich dich auf Händen trage – und – für dich sorge – Mara, und alles, alles wieder gut mache! Du sollst deine Kunst frei entfalten – wo und wie du willst, nur laß uns zusammen wieder den Sternen entgegen gehen – wie früher! Du bist meine heiligste Liebe! Ich will für dich schaffen! Jeder Ton, der in meinem Herzen entspringt, soll seine Heimat in deinem Herzen finden, alles, alles, was ich schaffe und singe, es gehört ja nur dir, es soll nie, nie wieder ein Dritter zwischen uns stehen, – du weißt nicht, wie ich gebüßt habe.«

»Doch ich weiß, Peter, und ich sehe auch jetzt ganz klar, daß ich dir ein furchtbares Unrecht damit antat, daß ich Knud zur Konkurrenzarbeit zuredete, aber du sagtest gleich – ja –, und es ist mein Unglück, daß ich den Menschen immer auf's Wort glaube, und wir waren ja innerlich schon so lange getrennt – Peter – da wußte ich nicht mehr ein noch aus. Du hast mir auch viel zu vergeben, willst du?«

»Ich dir? O Mara – willst du denn nicht – kannst du denn nicht – noch einmal es mit mir versuchen?«

Er legte den Arm um sie, zag und bittend.

Mara ließ es geschehen.

Plötzlich fing sie an zu weinen, sie schlug die Hände vor das Gesicht und weinte.

Sie weinte so herzzerreißend, daß ihr Körper schüttelte.

Sie war ganz außer sich.

»Ich – glaube nicht, – daß ich es kann, Peter,« schluchzte sie in abgebrochenen Worten, – »ich könnte es nicht noch einmal ertragen, nur so neben dir her – zu gehen – wie all die Jahre – dazu habe ich dich – zu – furchtbar – geliebt.«

Peter konnte nicht antworten, er drückte sie an sich, und sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. –

»Zu furchtbar,« wiederholte sie unter strömenden Tränen, »das hast du wohl – gar nicht so gewußt, – du wolltest es auch nicht wissen, und ich habe dich doch so furchtbar geliebt.«

Es war, als könnte sie keine anderen Worte finden, und er war so erschüttert über diesen plötzlichen Ausbruch, der wie ein jahrelang verhaltener Strom nun plötzlich hervorbrach, daß er sprachlos, fassungslos sie in den Armen hielt.

»Und dann – die furchtbare Sehnsucht nach dir,« stöhnte sie wieder, »nach deiner Seele, die du in meine Hand gelegt hattest – aber wie ein versiegeltes Geheimnis – wie ein ewig verschlossener Stein, – ich konnte ihn nicht fortwerfen und ich konnte ihn nicht mehr tragen – er zerdrückte und vernichtete mein Leben und machte mich unbrauchbar für alles, – für die Menschen – für die Kunst – wem bin ich etwas gewesen, – was habe ich vor mich gebracht, nichts, nichts – nichts – ich wäre fast zugrunde gegangen den ersten Sommer, – und da ist meine Kraft versiecht, – was willst du denn noch von mir! Glaubst du, daß ich noch lieben kann?«

»Ja, ich glaube es! Ich glaube, daß kein Mensch auf der Welt so lieben kann wie du, so tief, so heiß, so heilig und so ewig! Glücklich der Mensch, der dir begegnet!«

Sie schlug die Augen zu ihm auf, und sie sahen sich an, tief und stumm und lange.

Sahen sie sich zum erstenmal?

Am Horizont versank die Sonne wie ein Feuerball ins Meer. Ein Windstoß fuhr durch die Bäume über dem Hünengrab.

Der Abend kam.

Mara und Peter erhoben sich, sie ließen ihre Hände nicht los und gingen stumm und langsam nach Hause. Sie gingen in tiefer Stille, wie Menschen, die eben das Größte zusammen erlebt haben oder die ganz nah vor dem Größten stehen. So schritten sie bis zum Rosenhäuschen hin, und da sagte sie zu ihm: »Kommst du mit hinein?«

»Ja« – antwortete er.

In der Wohnstube, bei Lampenlicht empfing sie die Großmutter, sie war wieder auf und saß auf ihrem Sofa, ihre Augen ruhten voll und klar auf Peter, als sie jetzt zusammen eintraten.

»Ich hatte gerade nach euch schicken lassen,« sagte sie. »Ihr seid ja so lange nicht bei mir gewesen, das war, nicht hübsch von euch, Kinder, – will er mir denn nun jetzt endlich einmal etwas vorspielen, Marie Agnes? Herr Brente sagt ja, er könnte so gut.«

Mara hatte sich neben sie gesetzt.

Jetzt sah sie Peter an.

»Das tut er gewiß gern, Großmutter.«

»Gewiß, wenn ich darf,« antwortete Peter. Er sah sich im Zimmer um, in der Ecke stand ein altes, braun poliertes Spinett, Peter öffnete den Deckel, setzte sich hin und griff zart und leise in die Tasten. Es war ein uraltes Instrument, aber der Klang war klar, wie eine alte silberne Glocke, und unter Peters Meisterhänden erwachte jetzt ein Singen und Klingen in der stillen Stube, als sängen die Engel aus dem Paradies.

Er phantasierte in leichten, schwebenden Melodien, dann spielte er ganz schlicht und einfach: »Ach, wie ist's möglich dann,« und in den entzückenden Variationen, die folgten, blieb das die Grundmelodie.

Die Alte nahm Maras Hand und flüsterte laut: »Il joue très-bien.«

Mara hielt die alte weiße Hand fest und streichelte sie leise.

Peter ging jetzt in die Träumerei von Schumann über und dann spielte er Schumanns: »Und als der Großvater die Großmutter nahm,« so zart, so leicht und weich, wie Mara ihn noch nie hatte spielen hören. Eine große Ruhe kam über sie und eine grenzenlose, heilige Freude.

Das, was er ihr nicht mit Worten hatte sagen können, das sagte er ihr jetzt mit seinem Spiel, in diesen schlichten, zarten Melodien erkannte sie ihn und verstand jetzt endlich, daß er ein ganz anderer geworden war, daß seine Seele wirklich wieder himmelan strebte, wie er gesagt hatte. Und unter den einfachen und doch so eindringlichen, erschütternden Tönen fiel die letzte Scheidewand, – wie sie ihn da sitzen sah am Klavier, da war er wieder ihr Peter –. Da fühlte sie plötzlich, daß sie wieder mit ihm gehen konnte, wohin er auch immer ging – die furchtbare Spannung, in der ihre Seele die letzte Zeit gelebt hatte, löste sich endlich und die Flügel der Musik trugen sie zurück an sein Herz. – –.

Die Alte hatte die Augen geschlossen.

Aber sie schlief nicht, sie schien gespannt zu lauschen.

Ihr kleines, verwelktes Gesicht erhellte und verklärte sich, und plötzlich fing sie mit zarter, greisenhafter, aber unendlich feiner, klarer Stimme an – mitzusingen:


»Und als der Großvater die Großmutter nahm,
Da war der Großvater der Bräutigam,
Und sie war seine Braut,
Und sie war seine Braut.«


Mara hörte zu wie in einer Art Verzückung. Sie hatte eine Vision von sich und Peter als Großvater und Großmutter, hier in ihrer Heimat – sie sah leuchtende Blumen am Fenster stehen und sah eine Flut von Sonnenlicht sich ergießen so heiß und warm und leuchtend wie pures Gold – sie hörte Vogelgezwitscher und seliges Lachen und Singen und spürte zum erstenmal in ihrem Leben etwas von der Paradieseswärme einer großen, reinen, ungetrübten Freude.

Als Peter aufhörte zu spielen, summte die Alte noch leise weiter vor sich hin, sie konnte sich gar nicht von den Worten trennen – »und sie war seine Braut« – plötzlich hob sie den Kopf und sah Mara und Peter an.

»Nun, seid ihr – so weit, Kinder, – da war ja wohl irgend eine Schwierigkeit, – ich habe sie vergessen, – ich bin zu alt, aber da ihr gekommen seid, um euch meinen Segen zu holen, so sollt ihr ihn auch haben, Gott wird uns ja alle Schuld gnädig verzeihen. Habt ihr denn schon die Annoncen aufgesetzt? Marie Agnes, ich bin zu alt, um deine Aussteuer mit dir zu besorgen, vielleicht fährst du einmal mit Onkel Ludwig und Tante Minette nach Hamburg, in Hamburg besorgten wir – unsere Aussteuer, als wir Braut und Bräutigam waren, – – – – – – – ja, ja die alten Zeiten! Marie Agnes war so anders wie ich, – aber sie ist mir doch so viel gewesen, denn sie hat den Dorenschen Charakter, und ihr Bräutigam ist ein schöner Mann und ein großer Künstler. Kinder, seid ihr noch da? Wann habt ihr euch denn eigentlich verlobt?«

Mara blickte Peter an, der neben ihr stand, sie nahm seine Hand und drückte sie an ihr Herz.

»Heute, – Großmutter,« sagte sie leise. Da umschlossen seine Finger ihre Hand so fest, als wollte er sie nie wieder los lassen.

»Heute?« sagte die Großmutter, »wie merkwürdig, heute ist auch mein Hochzeitstag, ich möchte eure Hochzeit gern erleben, Kinder, könnte es denn nicht bald sein?«

»Es kann gleich sein, Großmutter, noch heute, wenn du willst – Peter und ich sind bereit – wir warten nur auf deinen Segen. –«

»Gott segne euch, Kinder. – Willst du mich nun zu Bett bringen, Marie Agnes, ich bin ein bißchen müde, – ich bin nämlich nicht mehr ganz jung, Herr Rasmussen. – Gute Nacht, – – Sie haben sehr schön gespielt, es war sehr liebenswürdig von Ihnen – o danke, Marie Agnes führt mich schon, – Kind, – laß ihn doch noch ein bißchen weiter spielen, während ich zu Bette gehe, es klingt so reizend.«

Mara brachte die alte Dame in ihr Schlafzimmer nebenan, und aus der Wohnstube erklangen wieder die lieblichen Töne des alten Spinetts.

»Er spielt so schöne Lieder,« murmelte die Alte, – »jetzt – was ist das – Müde bin ich, geh zur Ruh, – ach, wie schön, das muß man jeden Abend beten, das müßt ihr auch immer zusammen beten, ob ihr alt oder jung seid, Marie Agnes – gute Nacht, liebes Kind – willst du noch etwas?«

»Nur dir danken und dich – einmal lieb haben, Großmutter – – gute Nacht.« –

Leise betrat Mara das Wohnzimmer wieder.

Peter saß am Klavier und spielte, – sie trat neben ihn und legte eine Hand auf seine Schulter – da sprang er auf und breitete die Arme aus, und sie legte stumm den Kopf an seine Brust. Sie hielten sich fest umschlungen – –

Nebenan betete die alte Großmutter Doren mit lauter Stimme: »Deine Gnad' und Jesu Blut macht ja allen Schaden gut.«