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Clara Ratzka – Die grüne Manuela

Roman

Clara Ratzka, Die grüne Manuela, Ullstein & Co., Berlin und Wien, 1919


Die Nacht lag schwer über der Stadt, in dem dunkelblauen Geäder der Straßen, um die fahlen Häuserblocks, in den schiefen Gassen, auf den weiten Plätzen und über dem mächtigen, mächtigen Strom. Er schob sich zum Meere hin, lehmig, langsam. Unzählige Schiffe mit bizarren Umrissen drängten sich in: Hafen zusammen und blinzelten wie dräuende Fabeltiere aus kleinen Augen, rot, gelb, grün, durch den warmen Dunst des schlammigen Flusses.

Weit draußen, im glänzenden Schwarz des kaum bewegten Meeres, ruhten die großen Ozeanfahrer.

Zwischen der Stadt und den südlichen Sternen lagerte eine Wolke. Nicht regenschwanger, nicht mild. Wie ein Rauch, der nicht weichen konnte, zu dem immer neuer Schwaden emporquoll.

Es war eine Stadt von sieben Welten, und die Nacht lag schwer über der Stadt. – –

In einer der schnurgeraden Straßen des spanischen Viertels öffnete sich eine Tür. Eins Frauengestalt, ein langes, schwarzes Tuch fest um den Körper gezogen, glitt heraus und verschwand im Dunkel. Die Nacht nahm ihre leisen Schritte auf. Sie liefen durch ein wahres Labyrinth der blauen Adern. Dann verstummten sie in einem Torbogen.

Hier hockte die Frau nieder und bog sich über ein kleines Bündel in ihrem Arm. Sie sah zufrieden aus und wartete. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Mauer, die Kühlung ausströmte. Das tat wohl. Der Sonnenbrand stand schon seit langen Wochen über den funkelnden sieben Welten.

Die Frau wiegte den Körper in leisem Summen hin und her. –

Eine Stunde lang mochte sie so gesessen haben, da lockerte sich die Finsternis. Man sah über einen kleinen Platz hinweg die weißgetünchten Mauern eines alten Klosters mit einer schweren Tür, neben der, in die dicke Wand eingefügt, eine Art Drehkreuz war, eine geteilte Holzplatte, auf die die Vorübergehenden wohl eine Gabe legten, Blumen, Trauben, ein Laib Brot.

Aber das war nicht ihre eigentliche Bestimmung.

Die Frau im Torbogen wußte um ihre Bestimmung, und jetzt ging sie leicht und frei über den Platz und legte ihr Bündel in die drehbare Nische. Dann kehrte sie zurück.

Nach einer Weile schnitt ein scharfes, helles Läuten in den dämmerigen Dunst. Die Nonnen vom Kloster der ewigen Anbetung lösten sich in der Nachtwache ab.

je fünf von ihnen knieten jahraus jahrein vor einem goldumglänzten, purpurverhangenen Altar. Wenn die fünf neuen Schwestern ihre Kniee bogen, standen fünf weißgekleidete Frauen, müde, mit stillen Gesichtern, auf und machten ihren Rundgang durch den Hof und die Hallen, um dem ganzen Kloster den Gruß des Herrn zu bringen. Die jüngste von ihnen mußte zum Tore gehen und die Nische zum Klosterhof hindrehen, denn die Stadt legte hier die überflüssigen, ungeliebten Kinder nieder.

Als Schwester Donata an diesem Morgen die Platte in Bewegung setzte, blieb das Bündel vor ihr liegen, das die Frau im Torbogen gleichmütig verschwinden sah.

»Nun haben sie es, nun haben sie es,« sagte die Frau leise und triumphierend, dann lief sie nach Hause zu ihrer jungen Tochter, die weinend und elend in schmutzigen Decken lag.

»Gott, wer wird weinen, mein Engel!« sagte sie tröstend, lächelnd, und die Worte flogen leicht, wie helles Blumenwerk, durch das dumpfe Zimmer. »Jetzt ist ja alles gut, das Leben fängt von neuem an. Wer wird weinen! Acht Tage, vierzehn Tage, und du tanzt die Milonga – ja, ja, kleine Isabel, tanzt die Milonga. Laß nur. Bist klüger geworden. Denk' nicht an ihn. Es gibt andere. O ja.« Sie streichelte ihr Kind, ging ein paarmal durch das Zimmer, dann trat sie zum Tisch und bereitete einen herb duftenden Tee.

Isabel wischte über ihr schmales Gesicht und horchte beruhigt zur Mutter hin.

»Er ist fort.« sagte sie.

»Längst. Ich wußte es. Wer sagte es dir?«

»Sidonio.«

»Gut, gut.«

Die Mutter kniff befriedigt die Augen zusammen und brachte ihrer Tochter den heißen Tee.

»Und jetzt schlafen. Das Kind ist bei den guten Nonnen. Kann es nicht besser haben.«

»Nein, nicht besser,« sagte Isabel müde, gleichgültig werdend, »ja, ich will schlafen.« –

Da glitt der erste Strahl durch den Dunst, die Sonne hing rot im Gewölk.

Schwester Donata war mit dem kleinen Bündel zum Schlafsaal der Findlinge gegangen, einem nackten, hohen Raum. Neben ihr her trottete auf krummen Beinen ein breites, ungeschicktes Kerlchen mit einem großen Kopfe, das immer wieder eifrig mit dem Finger auf das Bündel zeigte und dann gegen seine Brust schlug, die Augen beschwörend auf Schwester Donata gerichtet. Dabei stieß es rauhe, unartikulierte Laute aus.

»Nein, Pedro, ich kann es dir nicht geben. Du hast wieder in der Tornische geschlafen. Du darfst es nicht. Schwester Natalie grämt sich.«

Der Kleine hatte gespannt auf ihre Lippen gesehen. Er stolperte und hielt sich am Rosenkranz der Nonne fest, der vom Gürtel herabhing.

Schwester Donata war eine feine Französin, die die Welt nicht kannte und am wenigsten diese heiße Stadt mit ihrer Atmosphäre von Blumen und Blut, Kinderei, Luxus, Geschäftsgier und Verbrechen. Sie wußte nichts von der Steppenwildheit da draußen, die an den Ausläufern der Stadt mit den Wagenburgen beginnt und in endloser Weite mit dem Horizont zusammenfließt.

Sie trug das Kind in den Schlafsaal zur alten Schwester Natalie, die es freudig entgegennahm und dem vierschrötigen Kerlchen einen wohlmeinenden Klaps gab. Nein, sie grämte sich nicht. Sie lebte mehr als dreißig Jahre im Kloster der ewigen Anbetung, und wenn sie auch, wie fast alle Schwestern, ihr Ordenskleid einstmals in Frankreich empfangen hatte, so war sie doch längst mit den Wildlingen über dem Ozean verwachsen. Sie verstand es, daß so ein Knirps hin und wieder den Atem der Nacht unter freiem Himmel spüren mußte; nur als der Kleine auch sie bittend bedrängte, als wäre alles andere belanglos, suchte sie ihm klarzumachen, daß er nur dann der Beschützer des kleinen Findlings würde, wenn er es sich angewöhnen könnte, Nacht für Nacht neben dem Kindchen zu schlafen. Das würde ihn binden, denn damit war Pedros heißester Wunsch erfüllt.

Es war Sitte im Kloster, daß jedes ausgesetzte Kind einen Schutzengel bekam, einen etwas älteren Genossen, der es behüten mußte. Den taubstummen Pedro hatte man zurückgesetzt.

Er verstand Schwester Natalies ausdrucksvolle Gebärden und er las ihr manches Wort von den Lippen; er beschwor und versprach, und schließlich reichte sie ihm das schlafende Kind. Sein häßliches Gesicht leuchtete. Er setzte sich auf den Fußboden und hielt das Bündel zärtlich in seinen Armen.

Schwester Donata beugte sich nieder und betrachtete das Kind, das anfing, sich zu rühren.

»Ein schönes grünes Tuch,« sagte sie und strich darüberhin, »Seide – ah, und hier, hier steckt ein Zettel.« Sie nahm ihn.

Die Schwestern traten an das Fenster.

»Manuela – Manuela heißt das Kind.«

»Das paßt aber schlecht,« sagte die praktische Schwester Natalie. »Das kleine Wesen, das um Mitternacht hereingeschoben wurde, heißt auch Manuela. Wochen-, oft monatelang bleibt die Nische leer – gottlob, wohin sollten wir mit all den Kindern – und diese Nacht beschert uns zwei Manuelas.«

»Es geht aber nicht –,« begann Schwester Donata zögernd.

»Nein, es geht nicht. Seinen Namen soll es behalten und diesen grünen Fetzen auch. Hier,« – sie steckte den Zettel auf das Tuch, das sie losgewickelt hatte – »leg' es zu den anderen Sachen. Macht auch nichts. Wir nennen sie eben die grüne Manuela, dann gibt es keine Verwechslung. Gott segne dich, mein Kind,« fügte sie hinzu und machte über das neugeborene erwachende Kind das Zeichen des Kreuzes.

Pedro lag zu ihren Füßen, faltete abwechselnd die Hände und schlug wieder gegen seine Brust. Er gelobte sich der kleinen Manuela mit der ganzen Inbrunst seiner tiefgebundenen Leidenschaftlichkeit an.

»I – i – i« stieß er in langgezogenen Lauten des Entzückens hervor. Er versuchte den Namen zu formen, den er auf den Lippen der Schwestern sah, aber es gelang ihm nicht.

Schwester Natalie gab ihm ein kleines Stück grüner Seide, zeigte auf das Kind und machte ihm verständlich, daß nur diese Kleine und kein anderes Kind, beileibe nicht das um Mitternacht Angekommene, mit der grünen Farbe irgend etwas zu tun hätte.

Das gefiel dem Beschützer. Bald konnte er ein heulendes U hervorstoßen, das den Namen wiedergeben sollte. Den grünen Lappen hielt er krampfhaft zwischen den schmutzigen braunen Fingern. – – – –

Einige Tage später löste sich ein orgelnder, brausender Sturm weit hinten in der Steppe. Erst war er nur wie das Donnern einer heranstürmenden Rinderherde, dann aber wuchs er zu ungeheurer Gewalt. Er nahm die Dunstwolke, die über der Stadt hing, wie eine Feder hinweg und blies sie hoch empor. Sie zerstob.

Dann schoß er seine Milliarden stahlharter Lanzen plötzlich auf das Meer. Es begann zu wirbeln und zu brodeln. Nun kamen des Sturmes starke Arme. Das Wasser zerbarst. In grenzenloser Wut bäumte es sich auf. Klaffende Tiefen und zitternde, steil stehende Kämme. Schaum fliegt darüber hin.

Doch die Stadt freute sich. Nach kurzem Ringen lag alles wieder unter einem metallblauen Himmel. Er wölbte sich über die Unendlichkeit der Steppe und des Meeres. Die Sonne war kühler, heller geworden, als sei sie hoch emporgestiegen und hätte Welten zu überstrahlen.

Der Hafen im gelben Fluß war von Schiffen aller Art bedeckt, wie von tausend bunten Vögeln, und an seinem Ufer hingen unzählige Arbeiter einem Volke von Bienen gleich. Man erbaute eine Kaimauer, baggerte, stampfte, brüllte und tutete. Eine Kaimauer für die künftige Riesenstadt. Einen Hafen für die Ozeanfahrer.

Am lebendigsten war es an der Boca, der tiefen Ausbuchtung des alten Hafens. Hier war der Drehpunkt eines schillernden Fächers, von hier aus liefen Straßenzüge, elektrische Bahnen, ganze Reihen von Lastwagen.

Von der Boca aus empfing die Stadt ihr Leben und gab es vervielfältigt zurück.

Und der Fächer lag, in halber Rundung ausgebreitet, an einer Berglehne, die plötzlich stumpf endete und sanft, dem Auge kaum wahrnehmbar, über Gärten und Felder hinweg zur Steppe hinüberführte.

Wer vom Turm der hochgelegenen Kathedrale aus die Stadt überschaute, sah in ihre Welten hinein, in die der Matrosen und Hafenarbeiter, in die Welt der Einwanderer, Handwerker, Krämer und kleinen Wirte, in ein enges Chinesenviertel, in den altspanischen Stadtteil mit den bunten Häuserblocks, den großen hellgrünen, rosa, blau, gelb gestrichenen Quadraten, den stillen, geraden Straßen, den Binnenhöfen und schmalen Balkons; er sah in das moderne Geschäftsviertel mit seinem Menschengewimmel und seiner rücksichtslosen Hast, auf die Plaza Independencia, die wie ein riesiges, feinverschnörkeltes Teppichbeet anzusehen ist. Ihre grünen Flächen, Palmenreihen, weißen Statuen und Bänke, die hellen Wege und die hier und da eingelassenen Schmuckstücke von Blumen sehen überaus sorgfältig geordnet aus. Der Platz ist von üppigen weißen Gebäuden mit Säulenhallen umgeben, und in die Nebenstraßen hinein wird der kühle Luxus weitergetragen, denn hier ist die Welt des Geistes. Universität, Theater, die Große Oper – ein Rokokobau, wie aus Zuckerguß – die Gesandtschaften, wissenschaftliche Institute und das massive, dunkelgraue Regierungsgebäude mit dem klobigen Turm.

Am Rande des Fächers, dort, wo er sich dem Meere zuneigt, wie in Spitzen und Rankenwerk auslaufend, die Gärten der Reichen mit ihren erlesenen Villen und zur Landseite hin anspruchslose Vororte.

Stromaufwärts liegen riesige rote Würfel. Landungsbrücken führen zu ihnen hin. Das sind die «Schlachthäuser, um die ein schwerer, süßer und doch ätzender Brodem lagert. –

Zwischen Steppe und Meer nur diese eine Stadt, und in ihren Straßen, Häusern und Gärten, in Arenen und Theatern, Schifferkneipen, Klubgebäuden, an der Börse, dem Hafen, in den Tanzsälen, an den Spieltischen, in den Kirchen und Kontoren, überall zusammengedrängtes, unbändiges Leben.



2.

Die Prozession der Karwoche bewegte sich langsam durch die Straße der Dreiunddreißig. Von allen Türmen rasselte es, als ob unaufhörlich große Kastagnetten geschlagen würden. Die Gassenjugend warf wie toll mit knallenden Schwärmern und Fröschen um sich, und die verschiedenen Musikkapellen stürzten in der engen Straße dröhnend übereinander her. Es dunkelte bereits. Junge Burschen schwangen, zu beiden Seiten der Prozession gehend, große Fackeln, deren Licht regellos über die Gesichter und die bunten Kleider der Menschen zuckte und über die phantastisch in der Luft hin und her schaukelnden lebensgroßen Gruppen von Holzfiguren, die in kostbare Gewänder gehüllt waren.

Die zwölf Stationen der Leidensgeschichte des Herrn wurden von den »büßenden Männern« auf kulissenlosen Bühnen durch die Straßen getragen. Zuletzt kam die Kreuzigung. Der Leib Christi, von Blut und Wunden bedeckt, schwankte über der Menge. Diese letzte, schauerlichste Bühne war vom betäubendsten Lärm gleichsam eingehüllt. Die Männer, die sie trugen, waren in schwarze Gewänder gekleidet. Alle anderen Träger und ihre Begleiter hatten, je nach der Kongregation, der sie angehörten, enge bunte Chlamiden übergezogen, die nur kleine Schlitze für die Augen freiließen. Die Verspottung Christi war der Mittelpunkt einer grellgelben Kongregation, die Geißelung wurde von blutroten Männern begleitet, die Dornenkrönung schwebte über einem tiefen Kobaltblau. Alle Figuren waren von einem fanatischen, ins Bizarre hinübergleitenden Naturalismus. Die Gesichter der Geißler, der Verhöhnenden, der Henker und Kriegsknechte zeigten eine tierische Brutalität; Körper und Antlitz des Heilandes waren eine schreiende Anklage.

In dem wechselnden Licht und steten Auf und Nieder bekamen diese Gruppen ein grausiges Leben.

Doch die Musik, die Schwärmer, die Rasseln lärmten, und auf dem Fußsteig knieten auf bunten kleinen Teppichen entzückende Frauen, in Mantillas gehüllt, so daß nur das linke Auge frei blieb. Dieses eine Auge aber wußte zu finden, was es suchte, und es wußte festzuhalten. Die »büßenden Frauen« mit ihren bunten Gebetteppichen knieten die ganzen Straßen entlang, durch die die Prozession zog, aber trotz der schwarzen Mantilla sahen sie überall verschieden aus. In der Straße der Dreiunddreißig, einer der belebtesten Geschäfts- und Flanierstraßen, knieten fast nur jene Frauen, die hier auch bei Tage gerne die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Und vielleicht war ihnen zuliebe der Lärm hier toller denn irgendwo sonst.

Doch hinter der Kreuzigung des Herrn, der eine Gruppe von Priestern und Mönchen folgte, senkte sich merkwürdige Stille nieder. Nach einem Abstand, der nicht zu übersehen war, folgten leise, fast schüchtern, einer alten Sitte gemäß, die Findelkinder aus dem Kloster der ewigen Anbetung, alle in weißen Kleidern; sogar die Knaben trugen weiße Anzüge mit blauen Schärpen. Sie alle hielten irgendein Emblem in den Händen: Herzen, Tauben, vergoldete Kreuze, oder auch Blumen.

Ihnen voran schritt ein schlankes Mädchen von vielleicht zehn Jahren. Sie trug auf ihren Armen das Lamm Gottes mit schwebenden Bändern und klingelnden Glöckchen. Goldbraunes Haar lag auf ihren Schultern, die Augen wanderten stolz hin und her, um doch immer wieder mit kindlich zärtlichem Ausdruck aus dem Lamm zu ruhen.

Hinter den »büßenden Frauen«, dicht an den Häusern entlang, immer gleichen Schritt mit dem überaus graziösen Mädchen haltend und sie fortwährend betrachtend, ging ein häßlicher, untersetzter Bursche. Wenn das Mädchen ihn ansah, und sie tat es oft, nickten sie einander kameradschaftlich zu.

Und jedesmal schlug es dem Tauben – el sordo nannten sie ihn, einen anderen Namen hatte er nicht– heiß aufs Herz, denn für ihn gab es nur das kleine Mädchen, das stolz, kokett und feierlich vor den Findelkindern einherging, die grüne Manuela, nach der niemand gefragt hatte, seitdem Schwester Donata sie von der Drehscheibe in das Kloster trug.

Das hatte sie nicht beschwert: die grüne Manuela lebte zu ihrer eigenen Freude. Ein Springquell von Lustigkeit war in ihr und ein Reiz ohnegleichen. Und um sie herum schwebte noch die Wolke des Unbewußten.

Man war gut zu ihr gewesen. Was war es weiter? Alle Welt war gut! Solange sie denken konnte, hatte sie einen ergebenen Diener gehabt, den Pedro. So mußte es sein!

Sechs Jahre alt war er, als er ihr Beschützer wurde, und er war es geblieben.

Im neunten oder zehnten Jahre wurden die Findlinge in Familien, bei einer Ziehmutter, untergebracht, sie mußten nun selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen: ihr hatte man den Pedro gelassen. Freilich nicht um ihretwillen, aber was verschlug es? Sie behielt ihren Diener. Und als er dann zum Goldschmied kam, zum Xavier Maella, gehörten ihr alle seine freien Stunden.

Dann saßen sie im inneren Klosterhof unter der Kolonnade, und Pedro zwickte die Rosenkränze der Schwestern zusammen, setzte große, farbige Steine aus Glas in Madonnenkronen und Heiligenscheine, putzte die Rauchfässer, besserte sie aus, und hin und wieder bastelte er aus allerlei Kettengliedern, Perlchen und Steinen irgendein Schmuckstück für sie zusammen. Abfall aus der Werkstätte des Maella, denn das Gold, Silber und Edelgestein des Maella war nichts als wertloser Flitter. Pedro aber war ein kleiner Künstler. –

Und nun war sie zehn Jahre alt und sollte zu Frau Joaquina Gazul kommen, die weit da draußen wohnte und die sie jeden Tag mit zur Tabakfabrik nehmen würde.

Ho hei! Ein Vergnügen war das nicht. Da mußte Pedro helfen. Eine fromme Frau, die Frau Gazul. Schwester Natalie hatte sie ausgesucht . . . Und nun sah die grüne Manuela wieder steif und andächtig auf das bimmelnde Lamm.

Andächtig, andächtig! Sie ging ja in einer Prozession. Das vergaß sie immer wieder. Es machte so lustig, das Knallen, die Musik, das Licht. –

Jetzt näherte sich die Prozession dem großen Platze vor der Kathedrale. Die breite, dreiteilige, mit Türmen flankierte Front der Kirche war ganz erhellt von offenen Feuern, die in erhöht stehenden Schalen brannten. Der warm durchlohte, grauviolette Rauch zog quer über den Platz und über die grotesk aussehende Menge. Die kräftig geschwungene Erhebung über dem mittleren Portal der Kirche mit ihren großen, freistehenden Heiligenfiguren, die Türme und die Kuppel über dem Hauptaltar, verloren sich im Dunkel.

Alle drei Portale waren weit geöffnet. Licht entströmte ihnen, lag breit auf den flachen Stufen, die zum Platz hinunterführten, und auf den Fahnen der Republik, die sie fast bedeckten.

Die Prozession sollte über sie hinwegschreiten.

Die Begeisterung der Menge war grenzenlos. Manche brachen in Schreie des Entzückens aus.

Mitten hindurch schritt das kleine Mädchen mit dem Gotteslamm, zierlich, den Kopf leicht gesenkt. Doch auf der obersten Stufe hob sie ihn empor und nickte zum letztenmal ihrem Beschützer zu. – – –

Am Ostertage stand Pedro am Klostertor und wartete. Schwester Natalie würde es nicht gern sehen, wenn er sich gleich neben die grobknochige Frau Gazul aufgepflanzt hätte, das fühlte er, und so scheuerte er seinen Rücken am Tor der alten Heimat. Sie würden schon herauskommen, die alte Gazul und seine kleine Manuela. Er würde ihnen folgen.

Aber es dauerte lange. Da machte er sich daran, kleine Steine vom Boden aufzuheben und verschlungene Figuren mit ihnen in den Staub zu legen. Eine merkwürdige Beschäftigung für einen Burschen von sechzehn Jahren.

»El sordo! el sordo!« riefen die schmutzigen kleinen Bälger, die überall vor den Türen herumlungerten oder auf dem Platz vor der Klostertür spielten. Sie ahmten ihn nach, seine Bewegungen, seine Kopfhaltung, sie schnitten Grimassen.

Pedro kannte das. Er lächelte. Seit seinem dritten Jahr etwa wußte er, daß die Kinder ihn verhöhnten. Er hatte längst eine Welt in sich aufgebaut, an der solche Kleinigkeiten abglitten. War es nicht wirklich drollig, daß diese da, daß fast alle so prall in den Tag hineinlebten, wie geblendet vom zügellosen Licht um sie her, einzig geleitet von ihren derb-lustigen Begierden? Er, der Taube, der nur mit Mühe einige rauhe Worte hervorstoßen konnte, sah viele Formen und Farben des Lebens; er, der Einsame, kam sich vor, als hätte er die Empfindungen Unzähliger in sich gesammelt.

Mit gutmütigem Blinzeln nahm er die Späße der Kinder entgegen, als sie ihm aber seine Figuren verdarben, schüttelte er heftig mit dem Kopf, griff in die Tasche und warf ein paar Centavos auf den Platz.

In dem Augenblick, als die Kinder sich darüber herstürzten, sprang ein Sambo mit ausgesprochenem Negertypus aus sie los, warf sie wie Bündel zur Seite und hob dann gemächlich das Geld auf. Er hatte wie schlafend an einem Hause gelehnt, neben ihm auf du Erde zwei Gefährten, die Coca kauten und sich für nichts sonst auf der Welt interessierten. Ihre stumpfen Gesichter hingen vornüber.

Der Sambo war herkulisch gebaut. Seine starken Unterkiefer mahlten. Er kostete die Freude des Kauens im voraus.

Jetzt erst sah er zu Pedro hinüber. Er pfiff durch die Zähne und machte einige schnelle Zeichen. Pedro ging zu ihm hin. Die beiden standen gestikulierend voreinander. Sie kannten sich. Schließlich nickte der Sambo befriedigt. Ja, Pedro wollte kommen, abends, zum »Hohlen Zahn«. Gut. Es gab Arbeit.

Als Pedro sich umwandte, sah er gerade noch die Haube der Torschwester. Manuela trat mit Joaquina Gazul auf den blendendhellen Platz. Die Gazul hielt ihre Hand fest und zog sie energisch mit sich fort.

Manuela hüpfte vorsichtig über Pedros Figuren. Sie lächelte, grüßte nicht. Da blieb auch Pedro ruhig stehen.

Kaum war das Mädchen an ihm vorübergegangen, da machte sie mit der freien Hand Zeichen hinter ihrem Rücken.

O, sie hatte die Figuren im Staub sehr gut verstanden. Sie und Pedro hatten ihre eigene Sprache. Das da auf der Erde hieß nicht mehr und nicht weniger als: Was soll ich tun? Eine Frage, die Pedro unzählige Male an sie gerichtet hatte, wenn es galt, ihr beizuspringen.

Gewiß, man mußte diese knochige Gazul erst einmal kennenlernen. Es war unklug, sofort als Beschützer aufzutreten.

Er folgte den beiden und hatte lange zu laufen, denn Frau Gazul wohnte weit ab, im Vorort Cimba, in der Nähe der großen Tabakfabrik. Am Tage zuvor erst hatte er erfahren, wer sie sei.

Sie war die Witwe eines Töpfergesellen, der, wie sein früherer Arbeitsgefährte erzählte, einging, weil seine Lehmkruste zu dick geworden war. Der schmierigste Kerl im ganzen Viertel. Seine Frau trank, war aber gutmütig. Der Herr im Hause sei der Sohn, Alfredo Gazul, Inhaber einer Schuhputzstelle, deren es unzählige in der ganzen Stadt gab, von eleganten Kiosken mit Polstersitzen, Spiegeln und Zeitungsauslagen, bis zum Hocker des abgerissensten Eckenstehers. Alfredo aber war ein Elegant.

Wie Joaquina Gazul mit den Schwestern zur ewigen Anbetung in Verbindung gekommen war, hatte Pedro noch nicht erfahren.

O, so wie er und Manuela. Ja, so würde es sein. –

Mit der Zeit ließ der feste Griff der Gazul nach. Manuela tänzelte wie eine Bachstelze neben ihr her. Sie freute sich des Lebens ringsum. Bisweilen schnellte ihr Kopf zur Seite. Pedro war da. Gut.

Sie kamen durch das spanische Viertel. Es war wie eine große Versteinerung. Hätte nicht jeder Häuserblock eine andere Farbe gehabt, es wäre trostlos gewesen, so aber war alles aufgehellt, lockerer, anmutiger.

Die Straßen waren eng, und je weiter man kam, um so farbloser wurden sie. Allmählich ging alles in ein schmutziges Grau über. Aber nun rückten die Häuser auseinander; hier und da sah ein hartes Grün zwischen ihnen hindurch.

In jedem Torweg schrien Kinder, sie quollen aus allen Häusern heraus. Die Frauen standen mit untergeschlagenen Armen beisammen und ratterten ihre Neuigkeiten herunter. Manche hatten sich Stühle auf die Straße geholt. Man hörte Gitarrenspiel. Aber die Sonne stand noch hoch am Himmel. Man wartete auf den Abend.

Bei einem starren, plumpen Haus mit wenigen Fenstern und flachem Dach blieb Frau Gazul stehen. Sie zeigte Manuela die Umgebung. »Das mußt du nun behalten, ich kann nicht immer neben dir hergehen!« sagte sie, und mit einem schnellen Blick bemerkte das kleine Mädchen, daß hier und da Reste roter Farbe an dem Hause klebten und daß oben am letzten Fenster zur rechten Hand der ganze Bewurf abgefallen war. Der helle Fleck sah wie ein Hundekopf aus. Aber sie sagte nichts. Frau Gazul gefiel ihr nicht. Sie legte beide Hände auf den Rücken und machte flinke Zeichen.

Pedro war unzufrieden. Manuela hatte gut sagen, er sollte morgen wiederkommen! Wann? Er mußte zunächst einmal erfahren, wann die Gazul mit ihr zur Fabrik ging und wann die Arbeit aufhörte.

Keine leichte Sache, er kannte hier niemanden. Der Arbeitsgeselle des verkrusteten Gazul wohnte in der Nähe des Hafens. Die Witwe war erst kürzlich nach Cimba gezogen.

Nun, bis morgen würde er erfahren, was er brauchte. Er ging zur Fabrik. –

Die grüne Manuela stieg voll Neugierde die Treppe hinauf, die dunkel und dumpfig vor ihr emporgähnte. Sie war keineswegs traurig. Das alles war nichts Endgültiges, nur der Anfang von unerhört Neuem.

Als sie durch einen hohen, schmalen Korridor gingen, hätte sie am liebsten jede Tür geöffnet, um in all die verschlossenen Geheimnisse hineinzusehen. Doch sie hatte gelernt, sich äußerlich zu beherrschen.

»Nun, da wären wir, meine Puppe,« sagte Frau Gazul, stieß gegen eine Tür, die nur angelehnt war. Sie hatte das vage Gefühl, dem Kind ein gutes Wort geben zu müssen, denn das da, hinter der Tür, war nicht eben freundlich.

Es war ein großer, steinerner Raum. Das war der erste Eindruck. Tapeten? Was sollte Joaquina Gazul mit Tapeten! Zwei Fenster hatte sie. Zwei. Zum Hof hinaus.

Allerdings gehörte ihr nur das eine, denn das andere lag vor Alfredos Gemach, das in den steinernen Raum etwas willkürlich hineinsprang. Bunte Vorhangfetzen und ein Schrank schlossen es ein. Hier gab es ein Bett, einen Waschtisch mit etlichen Toilettegegenständen und einen Spiegel.

Solcher weltlichen Dinge hatte sich die fromme Joaquina längst entschlagen. Sie hatte eine Matratze für sich selbst, Decken für ihr Ziehkind, einen Stuhl, eine Kiste, Nägel in den Wänden und eine Feuerstelle.

Die grüne Manuela war übrigens ihr erstes Ziehkind. Sie gedachte mit dem kleinen Lohne des Schützlings ihre eigene Lage zu verbessern, die nicht sonderlich gut war.

Lediglich am Wochenende schien sie ihr rosig und beneidenswert. Dann hielt sie ihre Geldrolle in der Hand, und aus dieser Rolle strömte Wärme in ihren Körper.

In diesen Stunden fühlte sie sich schön und verjüngt. Nein, sie ging nicht, wie andere, in belebte Straßen, kaufte Firlefanz und Naschzeug. Wie eine honette Frau stieg sie ihre Treppe hinauf, säuberte ihr Kleid, wusch sich, striegelte ihr wüstes Haar – und dann kam der Feiergang: eine wohlüberlegte, allwöchentlich wiederkehrende Sache.

Voller Anstand überquerte sie die Straße, verschwand in einer Gasse, bog um ein paar Ecken herum und machte bei einer Fruchtverkäuferin halt. Mit dieser Frau tauschte sie einige ganz zeremonielle, stets wiederkehrende Höflichkeiten aus. Sie verabredeten sich. Es war die Gefährtin ihrer schönsten Stunden. Beim Feliciano Santos würde man sich wiedersehen.

Von jetzt ab aber brannte die Geldrolle wie ein glühender Pflock. Wenn Joaquina der Obsthändlerin ihre Ruhe gezeigt hatte, verflüchtigte sich ihre ganze Würde. Stieren Auges lief sie ihren Weg und hielt nicht ein, bevor sie nicht die Tür ganz hinten in einem Keller öffnete.

Der unbeschreibliche Dunst des niemals gelüfteten Raumes benahm ihr im ersten Augenblick den Atem, dann wirkte er schon angenehm benebelnd. Sie ließ sich auf einem der Ochsenfelle nieder, die nahe der Erde an starken Pflöcken aufgespannt waren.

Wie waren sie so bequem! Hatte man genug vom Chicha, Anisado, Majorcagrog und all den anderen teuflischen Getränken, dann sank man um, wo man gesessen hatte, lag trefflich, brauchte für nichts zu sorgen.

Manche waren so glücklich, daß sie sich in die Arme sanken.

Hemmungen irgendwelcher Art kannte man in Felicianos Keller nicht.

Er selbst und seine ganze Familie widmeten sich den Fässern, Flaschen, Gästen und häuslichen Beschäftigungen, denn das Kellerloch war zugleich auch Küche, Wohn- und Schlafgemach.

Joaquina kannte die Familie Santos von früher her. Es hieß, daß Feliciano nicht umsonst so zurückgezogen lebte, aber was kümmerten Frau Gazul derartige Dinge! Sie verstand etwas von seinen Getränken, aber auch dieses Verstehen dauerte nicht lange. Dann kam der große Trichter, in den sie, wohlig herumgewirbelt, hinabrutschte.

Erst mit dem Mittagsgeläut am Sonntag erwachte sie, wurde einigermaßen reputierlich zurechtgestutzt und von irgend jemand ans Tageslicht befördert.

Das machte sie allemal wieder munter. Auf einem Stein am Hafen sitzend, philosophierte sie über ihre eigene ihr so unerklärliche Natur, die, der Himmel mußte es so gewollt haben, nicht auf das bürgerliche Gleichmaß gestellt war.

Sechs Tage sollst du arbeiten. Stand es nicht so in der Bibel? Und am siebenten sollst du ruhen.

Ruhen! Was hieß schließlich ruhen? Ruhte nicht alles in ihr, war nicht alles ausgeschaltet, der letzte Gedanke, wenn die dunkelrote Schwere kam, das Drehen und Sinken? Dann lag sie da, ruhig, ruhig wie ein Sack.

Der siebente Tag – ein Tag des Herrn. Wohlan! Dann schritt sie wieder zur Reinigung, die ihr an allen anderen Tagen so überflüssig vorkam.

Sie trat vor ihres Sohnes Spiegel, nun ganz illusionslos, demütig. Und je eindringlicher sie sich ansah, je mehr ihr Magen nach einer warmen Kost verlangte, um so zerknirschter wurde sie.

Dann erinnerte sie sich der guten Nonnen, die sie einstmals aufgelesen hatten, gedachte des heißen Kaffees, den jeder frühere Zögling erhielt, wenn er an Sonntagnachmittagen zum Kloster kam, und diese Sehnsucht setzte sich in fromme Gefühle um, denn nach dem Kaffee kam die schöne Andacht in der kühlen Kirche. Man ruhte aus und fühlte sich so durch und durch gereinigt, gestärkt und für die sechs arbeitsreichen Tage vorbereitet.

Sie kam so regelmäßig, die gute Joaquina, eine fromme Seele, ja, man konnte ihr ein Pflegekind anvertrauen. –

Dieses Pflegekind nun sah sich, keineswegs enttäuscht, in Frau Gazuls Zimmer um; Alfredos Gemach interessierte sie. Alles darin war wüst durcheinandergeworfen. Es roch nach Pomade und stark parfümierter Seife. Er mußte ein großer Herr sein.

Auch Frau Gazul betrachtete die Unordnung voll Interesse. Sie dachte darüber nach, wer ihrem Sohn wohl Gesellschaft geleistet hätte. Das war ihr nicht ganz gleichgültig.

Dann begab sie sich daran, alles aufzuräumen. Sie tat es gründlich, und Manuela mußte helfen. Während der Arbeit schwoll ihre Mutterliebe und ihr Mutterstolz. Nun, Alfredo – gewiß, Alfredo – – er war ein Mann danach! Der las sich nichts auf. Bewahre.



3.

Als Pedro wußte, wann er Manuela treffen konnte, war er vorläufig zufrieden. Nun konnte er zum »Hohlen Zahn« gehen.

Der lag an den Ausläufern der Stadt, in der Richtung zum Meere hin, in einer großen, gelbgrauen Mulde, die in längst vergangenen Jahren von einer ungeheuren Woge ausgewaschen war.

Erdbeben und ein wütendes Aufbegehren des Meeres hatten hier einstmals einen ganzen Stadtteil fortgerissen. Hier und da waren Basaltfelsen, wie große Zuckerhüte, stehengeblieben; auf einem Plateau, ganz vereinzelt, unberührt vom Anprall des Meeres, stand eine Häusergruppe. Ein breiteres Felsstück hatte sie gehalten.

Im Anfang sah man in eine Straßenöffnung hinein. Dann hatte man sie zugebaut. Die Häuser, alt, rissig und dennoch stark, stemmten sich aneinander wie eine Burg. In der Mitte war ein Hof. Ihre Bewohner gedachten nicht zu weichen. Sie stellten Leitern an ihren Felsen, die sie abends, wenn es ihnen so paßte, heraufzogen. Sie fühlten sich sehr wohl da oben.

Ihre weißlichgrauen, verwitterten Häuser mit dem Hof in der Mitte sahen einem hohlen Zahn sehr ähnlich. Die hellen, vom Meer ausgewaschenen Wurzeln standen ein gutes Teil aus der Erde heraus. Es war eine Sehenswürdigkeit, dieser »diente hueco« . . .

Zu seinen Füßen sammelten sich langsam Häusergruppen an, eine neue, wirre Stadt erstand, denn nur desperates Volk hatte Lust, sich in der Mulde anzusiedeln.

Und nahe am Wasser, eingeengt von hohen Bauten, die einst als Speicher gedient hatten, jetzt aber ganz und gar vom Elend und Laster der Letzten einer südlichen Hafenstadt gefüllt waren, lag das Chinesenviertel, die Vergnügungsstätte dieser Letzten.

Das alles hatte die Zeit gebracht, das fiebernde Tempo einer rasch wachsenden Stadt, in die das Leben eines unermeßlich reichen, jungfräulichen Hinterlandes einströmt und die ihre Arme der Gier und Not der alten Welt öffnet. Der »Hohle Zahn« konnte es übersehen, das Wachsen, Werden, Niederreißen und Erstehen. Er war alt.

Er war alt und fühlte sich wohl.

Er war voll Leben. –

»Halt, el sordo kommt – ho! Gebt Platz – fort da!« Der Sambo, ein Mischling von einem Indianer und einer Negerin, rüttelte gewaltig an der Leiter, von der einige Kinder wie Frösche herunterhüpften.

Pedro kletterte hinauf. Die beiden verschwanden sofort in einer schmalen, hohen, abseits liegenden Tür. Ein grünlich modriger Gang nahm sie auf. Es gab viele Türen, viele Korridore. Unmöglich für einen Fremden, sich zurechtzufinden. Sie aber gehörten beide zum »Hohlen Zahn«.

Das konnten eigentlich nur vier Menschen von sich sagen: Pepe Barboza und sein Weib Leocadia, die berühmte Pastetenbäckerin, und Luis Delgado mit seiner fetten chinesischen Frau. Ihnen allein gehörte der ganze »Hohle Zahn«, alles andere war siebenmal von ihnen gesiebt oder als vollkommen harmlos von ihnen nicht allein geduldet, sondern bevorzugt.

Der Sambo und Pedro nahmen eine besondere Stellung ein.

Es gab Stunden, in denen sie des Mischlings stiermäßige Kraft und seinen unbekümmerten Wagemut, der niemals fragte, nicht entbehren konnten. Er führte, fast interesselos, jede Aufgabe aus. Sie durfte seine Zeit nur nicht zu sehr in Anspruch nehmen. Er war träge wie ein Nilpferd.

Hier oben hatte er, was er brauchte: gute Kost und viel Ruhe. Daneben die schönste Unterhaltung in Leocadias Gesellschaftsräumen.

Den tauben Pedro hatte Luis Delgado eines Tages bei Maella, dem Goldschmied, aufgelesen. Der Bursche war geschickt, taub und unwissend. So etwas konnte Luis, der Verschlagene, Sanft-Bürgerliche, gebrauchen.

In seinem korrekten schwarzen Rock, das schmale Gesicht mit einem innigen Ausdruck von Mitleid und Güte zur Seite geneigt, sah er dem Tauben wieder und immer wieder bei der Arbeit zu, und schließlich bat er ihn gerührt, wie ein Kind bei ihm ein und aus zu gehen.

Und Pedro tat es. Er sah in eine wunderliche Welt.

Manche Nacht schlief er im »Hohlen Zahn«, und Arbeit gab es da oben. Luis Delgado bezahlte nicht schlecht.

Das eine hatte Pedro begriffen: Geld brauchte er. Nicht für sich selbst, für Manuela. Und er hatte seine eigenen Gedanken. Es war ihm ganz gleichgültig, woher dieses Geld kam. Mochte es durch unsaubere Kanäle gelaufen sein – er, der Taube, konnte die Welt nicht ändern – wenn es nur bis zu ihm hin gelangte.

Er hatte primitive Anschauungen von Gerechtigkeit. Waren wir nicht alle Kinder Gottes, alle gleich? Ungleichheit war Menschenwerk. Wer besaß, hatte genommen. Sein Vater hatte genommen, sein Großvater, irgend jemand. Es durfte nicht sein, daß die da oben in Marmorhäusern mit Goldgittern wohnten und daß die alten Speicher von eitrigen Dünsten überquollen, wie eine brandige Wunde.

Daß ganze Schichten, tiefe Schichten von Menschen, Männer und Frauen, all ihre Kraft, ihre Ehre hingaben, daß ihr letztes aus ihnen herausgezerrt wurde, nur damit eine Handvoll Menschen überschäumendes Leben hatte.

Durch seine Augen und sein Empfinden zog all das hindurch, und langsam kam er zu dem Schluß, daß es in diesem Meer von Ungerechtigkeit nur das eine gab, die Liebe, und daß alles recht ist, was der Liebe dient.

So wurde alles für ihn zum Mittel. Sein Leben hatte nur einen einzigen Zweck, einen Inhalt: Manuela. –

An sie dachte er, als er mit dem Samba zu Luis Delgado ging. Er wußte es, man würde ihm Steine anvertrauen, Gold. Ja, es mochte mit vielem Schmutz in den »Hohlen Zahn« gespült worden sein. Was verschlug es? Es kam von denen, die einstmals genommen hatten. Mochten sie doch verlieren.

Und wie verloren sie es!

Kannte er nicht die Salons der Pastetenbäckerin?

Es gab wieder Arbeit, und sie würde für Manuela sein.

In einer Tabakfabrik konnte sie nicht bleiben.

Aber er stellte sich niemals vor, was aus ihr werden sollte. Er wich dem Gedanken aus. Sie war noch ein Kind.

Er wollte es sich nicht sagen, daß er sie einstmals verlieren würde. Das lag ja in weiter Ferne.

Aber viel Geld mußte er verdienen. Das war's. Xavier Maella hatte ihn in seine private Werkstatt aufgenommen, in der andere Dinge als Flitter verarbeitet wurden. Aber das genügte nicht. Der »Hohle Zahn« mußte aushelfen.

Während Pedro über seiner Arbeit saß und eine kleine, aber wichtige Veränderung an einem Armband vornahm, das ein Mädchen am Abend zuvor statt Geld auf den Spieltisch geworfen hatte, war Manuelas ganzes Sein von Alfredo Gazul ausgefüllt.

Er hatte die Huld gehabt, von Real de San Carlo aus, wo er in der großen Arena mit Tausenden um die Wette den Pelotaspielern zugeschrien hatte, zunächst einmal seine Mutter zu besuchen.

Breit, mit weit auseinandergestellten Beinen, saß er auf dem einzigen Stuhl. Er hatte bleiche, fette Hamsterbacken und eine aufgestülpte Nase, glänzendes, an den Kopf geplättetes Haar und runde, braune Augen, die er verführerisch rollen ließ, gleichviel mit wem er sprach. Das war ihm in seinem Beruf zur Gewohnheit geworden. Jede Bewegung an ihm war selbstgefällig und zugleich von einer öligen Beflissenheit. Sein runder Körper wand sich vor Affektation.

Er war ein gesprächiger und weitherziger junger Mann.

Die Ausflüge seiner Mutter übersah er vollkommen. Er wohnte unentgeltlich bei ihr, das genügte ihm. Wie sie ihr Leben einrichtete, war ihre Sache, sie durfte ihm nur nicht mit Ansprüchen irgendwelcher Art kommen. Sie mußte sich damit begnügen, ihn anbeten zu dürfen.

Schließlich – er konnte ja in ein anderes Viertel ziehen, allein wohnen. Seine Mittel gestatteten ihm das.

Seit mehr als zwei Jahren hatte er schon seinen eigenen überdeckten, man konnte wohl sagen eleganten Stand in einer der Hauptstraßen. Gemietet, gewiß, mit allem, was dazu gehörte – der frühere Inhaber war einst sein Patron gewesen –, aber die Zeit würde kommen, in der alles, bis auf den letzten Nagel, sein Eigentum war.

Alfredo Gazul war betriebsam, er trug sich mit großen Plänen; das war auch der Grund, weshalb er die mütterliche Liebe, soweit sie sich als nützlich erwies, gern entgegennahm.

Seit einiger Zeit hatte er begonnen, sein Gewerbe nach dem Vorbilde Größerer zu erweitern. Er verkaufte Zeitungen, Witzblätter, Postkarten, Photographien, Abbilder holdester Weiblichkeit, wie er es nannte, und nun sollte auch das letzte kommen: der Vertrieb von Losen und die Annahme von Wetten. Die ganze Stadt war jahraus, jahrein in Lotteriespiele jeder Art verstrickt. An den Straßenecken, vor den Kirchen und öffentlichen Gebäuden, am Hafen und auf der Plaza, überall konnte man sein Glück machen.

Man konnte es aus der Hand des Stiefelputzers empfangen.

Alfredo hatte zwei Angestellte. Er selbst machte die Honneurs, verkaufte, unterhielt einen jeden und bediente seine Stammkundschaft persönlich.

Dann flogen Bürste und Wolltuch wie in einem Wirbel. Die kurzen, beringten Hände des perfekten Alfredo sah man kaum. Um ihn her wölbte sich der Duft seiner Pomade. Er beugte sein Knie auf ein rotsamtenes Kissen, nachdem er zuvor die Hose mit einem flotten Ruck emporgezogen hatte.

Man konnte wohl sagen, daß er beliebt war. – –

Dieses Gefühl schwellte ihn heute ganz besonders. Er hatte viel Glück gehabt, Glück im Spiel und Glück bei einem besonders reizenden Exemplar der holden Weiblichkeit.

Dieses Mädchen, eine kleine Belgierin, war der eigentliche Grund seines Besuches. Er wollte sich von neuem elegant herrichten und mit der Kleinen in einem der hell erleuchteten Restaurants im Prado speisen.

Im übrigen gedachte er von ihr zu lernen. Ihre Sprache sollte ihm nützlich sein. Sein Geschäft vergaß er nie.

Er beriet sich mit seiner Mutter darüber, während er befriedigt seine Schenkel streichelte.

Die grüne Manuela hatte ihn die ganze Zeit über beobachtet. So ein drolliger Mensch war ihr noch nicht vorgekommen. Er hatte etwas von einer wippenden Gummipuppe. Zumal solange er vor dem Spiegel stand, prustete, glättete, bürstete. Er schnellte immerfort hin und her. Das hatte er sich in seinem Beruf angewöhnt. Sich selbst bediente er genau so behende und devot wie seine Kundschaft.

Als er dann auf dem Stuhle saß und von seinen Erfolgen erzählte, die bleichen Hamsterbacken wichtig aufblasend, konnte sie sich nicht enthalten, laut loszulachen. Sie saß in der Ecke auf dem Fußboden, die Kniee unters Kinn gezogen, und verwandte keinen Blick von ihm.

»Que hay! Was gibt's da hinten?« fragte Alfredo gutgelaunt. »Komm mal heraus, kleine Eule, laß dich besehen.«

Er hatte das Ziehkind bis dahin gar nicht beachtet.

Die grüne Manuela schnellte hervor, es machte ihr ein kitzliges Vergnügen, vor diesem geschwollenen Götzen herumzutanzen.

Sie stellte sich vor ihm auf und bog ihren kleinen Körper hin und her. Den Kopf mit den braunen Locken senkte sie auf die emporgezogene linke Schulter. Immer noch kicherte sie in sich hinein. Ihre Augen waren fast geschlossen. Nur unter den Schlitzen hinweg beobachtete sie den pomadisierten Alfredo.

»Caramba« ein hübsches Käuzchen,« sagte er halb gönnerhaft, halb amüsiert; »gib mir mal die kleine Pfote. Ist sie auch sauber?«

Manuela trippelte mit Ballettschrittchen aus ihn zu und hielt ihm von weitem ihre ausgestreckte Hand entgegen. Sie platzte fast vor Vergnügen.

Dann machte sie einen tiefen Knicks.

Joaquina Gazul sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. Was hatte sie sich da mit ins Haus gebracht! »Willst du wohl bescheiden sein, du grüner Affe!« rief sie.

»Ich heiße grüne Manuela,« sagte die Kleine voll Grandezza.

»Laß sie doch, Mutter, laß sie!« rief Alfredo, und es ging ihm durch den Kopf, daß er Manuela als Losverkäuferin anstellen könnte. So ein bewegliches, keckes Ding.

Er sagte es seiner Mutter. Die aber wollte nichts davon hören. Sollte sie nochmals umsonst Quartier hergeben und den Lohn in Alfredos Tasche fließen sehen? Nein, so weit reichte ihr Opfersinn nicht! »Niemals könnte ich das vor den guten Nonnen verantworten,« sagte sie, und die fromme Rührung des Sonntags stieg wieder in ihr auf. »Sie gehört nicht auf die Straße. Man hat sie mir anvertraut.« Und nun fühlte die Gazul selbst schon, daß es um die Pflicht und nicht um das Geld ging, denn sie war, im Gegensatz zu ihrem Sohne, eine Frau, bei der Materialismus und Idealismus beständig durcheinanderliefen. Sie selbst vermochte sich nicht zu fassen. Vielleicht hing es mit ihren allwöchentlichen Feiergängen zu Felicianos Keller zusammen.

In diesem Augenblick war sie jedenfalls plötzlich gerührt und hielt sich für gut. Sie zog die grüne Manuela an sich, als müsse sie das Kind behüten.

Ihr Sohn schmunzelte. Manuelas Körper wurde steif von unterdrücktem Gelächter. Selbstverständlich! Sie wollte Losverkäuferin auf der Straße werden. Nicht in die Fabrik, nein.



4.

Die kleinen Mädchen rutschten unter den langen Tischen herum und suchten den Abfall auf. Die Geschickteren, Regsamen wurden zu einer anderen Arbeit verwendet.

Die grüne Manuela kam kaum unter dem Tische hervor.

Da saß sie zusammengerollt und lauschte. Niemand vermochte sich so in ein unscheinbares Bündel zu verwandeln, wie sie.

Rief man ihren Namen, dann kollerte sie sofort wie ein Igel weiter und schien aufmerksam herumzuspüren.

Da sie aber meistens mit leeren Händen kam, war sie der Verdruß der Aufseherin.

Man hatte es mit anderer Arbeit versucht, aber sie verdarb, was sie anfaßte. Da ließ man sie in ihrer Höhle.

Hier, zwischen den Schuhen und Röcken der Arbeiterinnen, verbrachte sie fast ein Jahr. Es gab nichts, über das die Frauen an den langen Tischen nicht verhandelten. Es blieb den kleinen Mädchen überlassen, sich eine Welt daraus zusammenzusetzen.

Und sie taten es. –

In der Mittagspause lief Manuela mit der Gazul nach Hause. Viel Zeit hatte man nicht. Es gab immer dasselbe Gericht, das schon am frühen Morgen vorbereitet wurde: eine dicke, breiartige Suppe von gedörrtem Fleisch mit Kartoffeln und irgendwelchem Kraut darin. Bisweilen nahm Frau Gazul statt der Kartoffeln auch Reis. An den Sonntagen kam Pedro und brachte Manuela Brot, Obst und Leckereien mit. Frau Gazul hatte nichts dagegen einzuwenden.

Sobald Manuela herausgefunden hatte, daß Joaquina Gazul sich im Grunde gar keine Gedanken darum machte, was sie tat und ließ, wenn nur das Wochengeld nicht verkürzt wurde, hatte sie ihr dreistes kleines Leben danach eingerichtet.

Daß Pedro nicht fehlen durfte, war selbstverständlich. Er gehörte zu ihr. Sie kannte es nicht anders. –

Als aber dieses erste Jahr seinem Ende zuging, war Manuela so voll von Überdruß, daß sie eines Abends zu Alfredo schlich, der in seinem Bette lag, rauchte und eine Zeitung las, und ihm das Versprechen abschmeichelte, sie als Losverkäuferin zu nehmen. Er hatte den Gedanken aufgegeben, schon weil er das Mädchen kaum sah; als sie aber jetzt vor ihm stand, in ihrem kurzen Röckchen, eine Decke um die Schultern, die wie eine breite Schleppe hinter ihr lag, das reizende Gesicht voll leidenschaftlichen Eifers, schien ihm sein erster Einfall gar nicht so übel zu sein.

Es gab hübschere kleine Bälger, gewiß, aber keckere, temperamentvollere sicher nicht. Sie mußte sich auf den Rand seines Bettes setzen und Geschichten erzählen, die sie in der Fabrik aufgelesen hatte. Sein runder Körper tanzte auf und ab vor Lachen.

»Mutter,« rief er endlich ganz laut – und Joaquina Gazul stellte ihr regelmäßiges Schnurren ein – »Mutter, hör' dir bloß mal an, was dem Pflegekind alles gelernt hat, die Nonnen können sich freuen, wenn ich sie mit auf die Straße nehme.«

Die Gazul wurde munter, wickelte sich in ein Tuch und schlorrte heran. »Du Teufelsbraten!« rief sie, als sie Manuelas ansichtig wurde, »was hast du auf meines Sohnes Bett zu sitzen. Marsch, in deine Ecke!«

Die Kleine zog ein verschmitztes Gesicht und zeigte ihre Zähne.

»Wie ein brauner Affe hockst du da, du faules, gottverdammtes Luderchen.«

Manuela rührte sich nicht. Sie war diese täglichen wohlmeinenden Ausbrüche ihrer Pflegemutter gewöhnt. Auch Alfredo lachte.

»Mutter, sie ist nun fix und fertig für eine Ausruferin, du hast sie gut erzogen. Ich nehme sie mit. Wir müssen dem Affen aber noch ein buntes Kleid anziehen. Grün, was?« Er zog die Kleine an sich.

»Ja, ja, grün!« quiekte das Kind. Sie hopste ausgelassen auf dem Bette herum.

»Und ich? An mich denkst du wohl gar nicht?« fragte die Mutter erbost.

»Ach so – ja,« sagte Alfreds gedehnt, »du meinst, es wäre ein Ausfall für dich? Komm her, Alte, geh mal an meinen Schrank. Links unten steht eine Schachtel mit Konfitüren« – sie war eigentlich für die Belgierin bestimmt – »die gib her. – So, nun nehmt mal beide,« – er hielt großmütig die geöffnete Schachtel hin – »das werden wir schon alles richtig drehen.« Er war in Geberlaune. »Der Affe wird in der Speisehalle beköstigt. Das bezahle ich. Und ihr Tageseinkommen – na, wie hoch war es denn? Ordentlich nehmen, Mutter.« Er rüttelte an der Schachtel und setzte sie dann auf Joaquinas Schoß.

Die hatte sich ebenfalls aus das Bett des Sohnes gesetzt, und, um ja nicht zu kurz zu kommen, pickte nun auch sie immer wieder in die Konfitüren hinein, denn Manuela hatte sich gierig darüber hergemacht.

So saßen sie und beratschlagten, und da Joaquinas schwächliche Grundsätze nun auch noch überzuckert wurden, war das Ende der nächtlichen Aussprache, daß die Gazul eigentlich nichts erhielt als eine kleine monatliche Gabe für Manuelas Unterkunft.

In dieser Nacht ging ein quirlendes Leben durch Manuelas Kopf. Der Standort des elastischen Alfredo an der Straße des fünfzehnten Mai war ihr wohlbekannt. Sie sah Equipagen, Arme, Beine, vorüberflitzende Räder, Köpfe mit kühnen Hüten darauf, Lackschuhe, immer wieder Lackschuhe, kleine Hunde, Uniformen, und zwischen all dem hüpfte sie herum und schrie mit der ganzen Kraft ihrer kleinen Lunge: »Kauft Lose, Lose! Machen Sie Ihr Glück, meine Herren, meine Damen. Lose, Lose! Gehen Sie nicht vorüber!«

Allmählich glitt sie in den Schlaf hinein. Aber immer noch stand sie mitten auf der Straße. Ihre eigenen Arme und Beine wirbelten um sie herum, und weit im Kreis flogen die Lackschuhe, Hunde, Uniformen. Ihr tolles Ausrufen setzte alles in Bewegung. –

Am anderen Morgen sah Joaquina die Sache bedeutend nüchterner an. Doch sie kannte ihren Alfredo. Er war nicht der Mann, zurückzutreten, wenn er sich irgend etwas vorgenommen hatte. Und wiederum: er tat nichts, was ihm nicht nützlich war. Weshalb aber sollte sie an dem Nutzen nicht teilnehmen? Sie mußte eine gute Stunde abwarten und nochmals mit ihm sprechen.

Vorläufig jedoch sollte Manuela mit zur Fabrik gehen. Sie stieß die Kleine an und zerrte lange an ihrer Decke.

Manuela rührte sich nicht.

»So steh' doch auf, du siebenschädlige Kröte,« sagte sie wütend. Ihr standen jederzeit viele Ausdrücke zu Gebote.

Manuela aber streckte nur ein Bein hervor und spielte mit den Zehen.

Da riß der gutmütigen Gazul die Geduld. Sie nahm das Bein und zerrte Manuela über den Fußboden. Die Kleine kreischte wie ein Papagei.

»Caracho! Was für eine Schweinewirtschaft!« rief Alfredo. »Ich will schlafen!«

»Ich soll zur Fabrik, ich soll zur Fabrik,« zeterte die Kleine ununterbrochen, und damit erreichte sie, was sie wollte: Joaquina Gazul mußte nachgeben. –

Alfredo aber gefiel es sehr gut, daß Manuela ihn nachher wie ein kleiner Page bediente. Er brachte sie zu einer Kleiderhändlerin, und schon am Nachmittag desselben Tages stand sie bunt herausgeputzt vor dem »Salon« des geschäftstüchtigen Alfredo, und ihre grellen fanatischen Anpreisungen schnitten in die vorüberflutende Menge ein.

Sie tanzte um die Menschen herum, sprang auf die Trittbretter der Wagen, lief hinter den Omnibussen her und fuchtelte gleichmütigen Rentnern so lange mit ihren Losen vor der Nase herum, bis sie zugriffen.

Wollte man ihr nichts abnehmen, dann fand sie wehmütige, prophetische Worte, mitleidsvolle Gesten, und schließlich rannte sie hinter den schwankend Gewordenen her, riß ein einzelnes Los heraus und rief wieder und immer wieder: »Dies ist Ihr Glück, dies ist es. Halten Sie es. Nehmen Sie es!«

Und das Wort »Glück, Glück« flatterte vielfarbig über die Straße.

Nach kurzer Zeit war die grüne Manuela, wie sie auch hier allgemein genannt wurde, eine bekannte und beliebte Straßenfigur. Ihr buntes Röckchen tauchte überall auf im stärksten Gewimmel, ihre kleine Faust hielt die Lose mit energischem Griff, ihr bebender Mund stieß die Anpreisungen mit Begeisterung hervor, und manche kleine Münze flog ihr zu, auch wenn man nicht kaufte.

Alfredo ließ sich schließlich herbei, seiner Mutter den Fabriklohn der Kleinen zu ersetzen, und so wäre alles gut gewesen, wenn dieses geschäftliche Unternehmen nicht einen tief unzufriedenen stummen Zuschauer gehabt hätte: Pedro.

Er kam zu jeder freien Stunde zur Straße des fünfzehnten Mai und sah, wie seine geliebte Manuelita bis tief in die Nacht hinein mit weit aufgerissenen Augen umhersprang, Lose feilbot und mit den Straßendirnen abgelernten Koketterien die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich lenkte.

Sie wußte nicht, was sie tat, sein Schützling. Wenn sie auf kurze Augenblicke zu ihm hineilte, neben ihm auf dem Stein hockte, der am Toreingang eines Hauses stand, wenn sie mit heiserer Stimme auf ihn einredete, so erregt, daß er die schnellen Schläge ihres Herzens unter dem dünnen Kleidchen sah, dann war sie noch dasselbe Kind, das im Klosterhof gespielt hatte. Nichts hatte sich in ihr festgesetzt. Eine tolle Reihe von Bildern, unverstanden, unzusammenhängend, schwirrte durch ihren Kopf.

Es war, als hätte man einen Spiegel, der das Leben wiedergab, zerschlagen und dem jungen Ding eine Handvoll Splitter hingeworfen, in denen jetzt zerrissene Brocken standen.

Manuela aber lachte über die Brocken. – Sie war schmal geworden und größer. Sie hatte das bleiche, wie von Großstadtluft zermürbte Gesicht eines Straßenmädels.

Pedro haßte den öligen Alfredo. In was trieb er dieses Kind hinein? Was entriß er dem kleinen Herzen und Körper? Gehörte er nicht auch zu jenen, die andere niedertreten, um selbst höher stehen zu können?

Den hilflosen Pedro überkam die Sucht, dieses brutale Tier, dessen geiles Innere von einer geschmeidigen Fettschicht bedeckt war, recht, recht nahe zu sehen, und so kam er jetzt jeden Tag und stellte seinen breiten, schlecht beschuhten Fuß auf Alfredos Bock und ließ nicht nach, bis der Bursche ihn selbst bediente.

Alfredo war viel zu glatt, sich dem zu entziehen.

Nur keine Auftritte!

Er kannte den Tauben, hatte ihn oft bei seiner Mutter gesehen, und er hütete sich, ihn zu reizen.

In Pedro aber fraß sich ein tiefer Grimm ein.

Jedesmal, wenn er den Fuß hinstellte, faßte ihn ein kaum bezähmbares Verlangen, ihn gegen die Brust des behenden Alfredo zu stoßen, daß er taumelte, fiel, lächerlich wurde. Daß er mit den feisten Hamsterbacken gegen den Boden schlug. Er hatte das Gefühl, als müßten ihm seine albernen Glotzaugen aus dem Kopfe rollen.

Wie oft hatte er Manuela gebeten, mit ihm fortzugehen, niemals wieder zu Gazuls zurückzukehren, aber das Kind empörte sich, wollte nichts davon wissen.

Die Straße hatte sie noch nicht erschöpft, noch erfreute sie der Lärm und ihr eigener kleiner Erfolg, noch stieß sie ihre gellenden Rufe triumphierend heraus, noch haschte sie voll Wonne nach den Centavos.

Pedro aber, der glaubte, daß die Menschen eine Seele hätten, grämte sich um all das, was in ihr verkümmerte.

Endlich faßte er einen Entschluß. Es fiel ihm schwer.

Er ging zum Kloster der ewigen Anbetung, zur alten Schwester Natalie, und bat sie, Manuela der Frau Gazul zu nehmen.

Frau Gazul schwamm in Tränen, als sie zur Rede gestellt wurde, und diese Tränen waren echt.

Sie war nicht nur wehmütig gestimmt wegen ihrer allgemeinen sonntäglichen Verfassung, es war auch alles so gut gewesen, selbst Manuela war fröhlich und nützlich zugleich, und nun kam dieser vierschrötige Maulwurf und zerstörte alles.

Sie versprach mit heiligen Gelübden, Manuela wieder mit in die Fabrik zu nehmen, ja, sie verschwor sich auf das Herz der Madonna, und so ließ man ihr das Kind.

Am anderen Tage, in einer grauen und kühlen Frühe – es war die Regenzeit –, zottelte Manuela ingrimmig hinter ihrer Ziehmutter her.

Der Eingang zum Fabrikgebäude öffnete sich ihr wie ein häßlicher Schlund, der süße dicke Geruch schnürte sie zusammen, die Arbeiterinnen und Kinder kamen von allen Seiten, freudlos, wie abgegriffene Menschenbilder, herbei und machten sich mit Gesichtern, in denen Unzufriedenheit und Schwatzbegier stritten, an die Arbeit.

Die vielen Hände hatten in ihren stets gleichen Bewegungen etwas leblos Gewordenes, als könnten sie nicht zu Körpern und zu Gesichtern gehören, die von Eigenem sprachen. Der Dunst schien gegen die Decke zu drücken, und die Decke wieder preßte ihn in die feinsten Poren aller Dinge und Menschen.

Manuela träumte. Das Straßenleben ratterte in ihr weiter. Hüpfend, blitzend schoß es an ihr vorüber. Sie sah sie ganz deutlich: die Eisverkäufer, die Händler, die Zeitungsjungen, die sie überholen, überschreien mußte. Ihr Gesicht wurde starr in der Erinnerung, ihre Hände arbeiteten langsam, langsam – dann blieben sie wie abwesend auf dem Tische liegen.

Ein Stoß in den Rücken ermunterte sie. Sortieren sollte sie, richtig. Und sie begann von neuem.

Am Nachmittag war sie todmüde. Die ewige Anspannung und Erregung fehlte, und Luft – wäre es auch nur Straßenluft.

Die Mädchen hatten um vier Uhr eine kurze Pause. Sie trieben sich in einem engen Hofe herum. Carlotta, die größte von ihnen, machte sich über die eingefangene Manuela lustig. Sie hatte sie bisweilen, in einer Abendstunde, auf der Straße des fünfzehnten Mai gesehen.

Manuela stürzte sich blindlings auf sie zu. Sie schlug, stieß und kratzte. Es war eine Erleichterung.

Das große Mädchen aber packte sie an beiden Armen und hielt sie von sich ab. Als sie das zuckende, weinende Gesicht sah, tat ihr Manuela leid. »Weshalb bleibst du hier? Lauf' doch zu,« sagte sie leise. »Zweimal bin ich schon fortgelaufen. Bin immer irgendwo untergekommen. Jetzt – jetzt habe ich einen Liebsten,« fügte sie keck hinzu, »noch zehn, vierzehn Tage, und dieses Loch hier sieht mich nicht mehr. Kennst du niemanden?«

Da fiel es Manuela ein, daß sie ja schließlich zu Pedro gehen könnte, doch sie dachte voll Erbitterung an ihn. Aber fortgehen? Gewiß, warum nicht? Mochte er sich doch grämen. Alle, alle sollten sich grämen, die sie hier eingesperrt hatten. Sie bemitleidete sich selbst und ihr zukünftiges Los, aber zugleich schillerte es schon in verlockenden Farben. Das Abenteuerliche bestrickte sie.

»Kann ich denn an den Aufpassern vorbei auf die Straße?«

»Nein, das nicht. Da mußt du schon hier im Hintergebäude durch den Keller gehen. Du kannst es gar nicht verfehlen. Duck' dich und rutsch' die Treppe hinunter, dann kommt der Gang. Im hinteren Lagerraum rechts ist ein wackeliges Fenster. Du mußt nur auskundschaften, ob niemand im Lagerraum ist. Das ist alles. Mach' schnell, daß du fortkommst.«

Carlotta wandte sich ganz langsam von ihr ab, als hätten sie irgend etwas Belangloses besprochen.

Sich unsichtbar machen, spionieren und durch ein Fenster in die Freiheit hineinsteigen, das war nach Manuelas Sinn.

Als sie auf der Straße stand, trödelte sie ganz gemächlich weiter. Sie mußte überlegen, was sie nun beginnen sollte. Am besten würde es sein, die Stadt ganz hinter sich zu lassen. Da draußen würde sich etwas finden.

Sie wußte, in welcher Richtung sie zu gehen hatte.

Eine ganze Weile kamen noch lockere Häuserreihen, dann Gärten und ländliche Ansiedlungen, deren Felder in dichte Hecken von Agaven und Kakteen gerahmt waren.

Die riesigen Stacheln und die willkürlichen, plattgedrückten und aufgedunsenen grünen Arme schienen sich in den Himmel zu bohren. Man sah nur wenige Bäume.

Und dieser Himmel wurde immer größer. Manuela hatte bis dahin nur den gewundenen eingerissenen Streifen zwischen den Häusern gesehen und hin und wieder die Fläche am Hafen, vor der unzählige Masten, Segel und Schornsteine standen.

Jetzt erfaßte sie eine vorwärtsdrängende Sucht in die Weite.

Von der Steppe her kam ein frischer Wind. Sie tauchte hinein, ihr leichtes Kleid blähte sich, er umspülte ihren Körper.

Manuela dachte an nichts als an das Wandern.

Wandern, bis es kein Haus mehr gab, keine stacheligen Hecken, keine Menschen und Wagen.

Der Boden hob sich vor ihr. Nur weiter. Von dort aus würde sie die ganze Stadt sehen und das, was hinter ihr lag.

Es war ein langer Weg. Das dort oben wurde immer ferner.

Und als sie es erreichte, vergaß Manuela zurückzublicken. Da lag ein grünes Meer, Welle um Welle. Hier und da Inseln von blauen Korallen: ein knorriges, niedriges Gebüsch. Unten, zur Seite, der unabsehbare Strom, und über diesem verzehrend Endlosen die große Weite.

Das erste bebende Erstaunen, die erste Andacht zog in Manuela ein. Sie hatte ein unbestimmtes Gefühl, als sähen die Augen der Welt sie an.

Schmal und klein stand sie da, scheu, tief Atem holend.

Hinter ihr kamen Reiter herangaloppiert, Sie wandte sich um. Die kühne Gelassenheit der Männer und der Anblick von Cimbas letzten Häusern entriß sie dem ungeahnt Großen.

Das da war wärmender, schützender; sie wollte umkehren. Nicht auf der alten Straße. Hinter den letzten Hecken entlang.

Diese undurchdringlichen lebenden Hecken aber schoben sich eigensinnig in ihren Weg. Es dunkelte. Irgendwo mußte sie eine Unterkunft finden.

Stand da nicht eine Gruppe Häuser?

Manuela ging schneller, sie spürte Hunger.

Nein, es war wie ein Dorf von großen Wagen. Zu je fünf, sechs und mehr waren sie zusammengeschoben, so daß in der Mitte ein Lagerplatz frei blieb. Schwere Karren mit Zeltdächern, auf zwei hohen, kräftigen Rädern. Die Deichseln hatte man wagerecht aufgestützt. Bis tief in die Steppe hinein weideten die Zugtiere.

Gleich bei der ersten Wagenburg blieb Manuela stehen. Sie schien verlassen zu sein. Nur ein alter Mann hockte auf der Erde und flocht eine Matte. Manuela kroch unter einem Karren hindurch. Als sie den Kopf hob, sah sie in das Gesicht eines Mädchens, kaum älter als sie selbst, das ihr gegenüber unter einem Zeltdach saß und einen Napf mit Brei auslöffelte.

»Ho,« rief das Mädchen, »wer kriecht da herum?« Dabei lachte sie und schlenkerte mit den Beinen.

Manuela ging auf sie zu. »Kann ich in deinen Wagen klettern?«

»Hopp! Komm' nur 'rauf.« Das Mädchen rückte zur Seite.

Manuela nahm einen Anlauf, dann saß sie neben ihr.

»Das hast du fein gemacht. Ich konnte es auch. Aber sieh mal her, mein Arm – er ist ganz steif. Ich kann nicht mehr ordentlich zufassen. Er ist mal gebrochen.« Sie hatte die Schüssel zur Seite geschoben.

»Wenn du den Papp nicht mehr magst, dann gib ihn mir,« sagte Manuela.

»Hast du Hunger?«

»Ja. Ich bin ausgerückt,« – und Manuela erzählte knapp und kräftig ihre ganze Geschichte, die Tonia Llorente sehr gefiel. Sie waren sich bald darüber einig, daß Manuela auf keinen Fall zurückkehren könnte.

Tonia schlug ihr vor, die Nacht über im Wagen zu bleiben. Es wäre zwar wenig Platz zwischen all den Ballen, aber außer dem Alten käme niemand herein, und der merkte nichts. Er sei ihr zur Begleitung mitgegeben worden. Sie wäre wegen ihres Armes bei einem Arzt gewesen. Aber der blieb nun mal steif. Sie wäre beim Reiten gestürzt.

Draußen in der Steppe hätte ihr Vater eine Besitzung, Schenke, Kramladen und Unterkunft für Reisende; die Wagen da gehörten einem Händler.

Na, sie würde ja sehen. Nur Männer. In der Nacht würden sie wiederkommen. Man hatte das Regenweiter abgewartet. Vielleicht noch drei Tage, dann ging's wieder fort.

Durch die Steppe?

Gewiß. Fünf Tage und Nächte, vielleicht auch mehr. Dann setzten die Wagen sie ab. – – –

Am Abend vor der Abreise beschlossen die Mädchen, daß Manuela mitfahren sollte. Man würde es erst spät am anderen Tage bemerken. Niemand würde sie zurückbringen. Der Weg war zu weit.

Ihre Eltern? Nun, die Eltern würden wohl nichts dagegen haben. Sie könnte ja arbeiten – und schließlich: man mußte schon etwas wagen.



5.

Die Stadt war versunken. Fünf große Karren, jeder mit sechs Paar Ochsen bespannt, bewegten sich in stets gleichem Tempo immer tiefer in die Steppe hinein.

Der Zug wurde zu beiden Seiten von Reitern begleitet. Mit langen Stangen, die eine eiserne Spitze trugen, trieben und lenkten sie die Tiere.

In dem kniehohen wogenden Grase geigten die Grillen, hier und da flog eine Erdeule auf, die vor ihrem Loch gesessen und mit gelben, runden Augen den kreischenden Fuhrwerken entgegengesehen hatte. Ihr braun und weiß geflecktes Gefieder streifte die Gräser, dann war sie verschwunden.

Große bunte Disteln standen am Wege, in den Niederungen flocht hartes Gestrüpp die Arme ineinander, und auf weichen Höhen lagen Teppiche von Blumen, Verbenen und Portulak, karminrot.

Weit hinten verebbte alles in einem violetten Blau.

Der Alte saß vorn im ersten Wagen. Er war der einzige, der nicht ritt. Neben ihm hockte Tonia Llorente, und in der Dunkelheit schwamm Manuelas von Erregung und Glück gespanntes Gesicht.

Tonia wendete sich bisweilen um und nickte ihr zu.

So fuhren sie langsam in die Nacht hinein.

Als die Dunkelheit schwer wurde und den stummen Zug eng umschloß schienen die Sterne sich tief hinabzusenken. Sie waren groß und klar, weit größer als über der Stadt.

Nach Mitternacht machte man halt. Die Männer setzten sich um ein Feuer, über dem ein Kessel hing. Sie bereiteten sich Maté, den sie aus kleinen Kürbisgefäßen durch metallene Röhren saugten. Dazu aßen sie geröstetes Mehl oder Maisbrot.

Träumerisch saßen sie da, vom Maté angenehm erregt und zugleich tief beruhigt.

Einer von ihnen zog eine kleine viersaitige Gitarre unter seinem Mantel hervor und begann leise zu singen, ein anderer begleitete ihn, zwei Brettchen aneinander schlagend. Die Stimme schwoll an, wurde volltönend. Immer dieselbe melancholische Melodie, ein Rhythmus wie die stets gleichen Wellenlinien der Steppe.

Es war eine lange, bruchstückweise vorgetragene Erzählung von der Liebe eines dieser Nomaden. Jede der reimlosen Strophen endete mit dem Ausruf: »Wie seltsam – wehe mir!« Und dieser Ausruf war hoch, lag niemals auf demselben Ton.

Vielleicht fiel ihm das Lied ins Herz hinein, während er sang.

Als er das letztemal laut und wie in tiefem Staunen »Wie seltsam – wehe mir!« gerufen hatte, sah er eine Weile in das Dunkel und dann voll Zufriedenheit in das verglimmende Feuer.

Einer nach dem anderen hüllte sich in seinen Mantel und in die buntgestreifte Decke, die er, durch den Gürtel gehalten, um die Hüften getragen hatte, legte den Kopf auf den Sattel und schlief ein.

Der Alte stolperte auf den Wagen zu. Die Mädchen lagen aneinandergeschmiegt zwischen weichen Ballen.

Die Stille war hinreißend, die Luft klar und herb. –

Am anderen Morgen lag starker Nebel über der Steppe. Die aufgehende Sonne war wie ein riesiger verschwommener Opal. Er funkelte in roten und grünen Blitzen hinter dem weißen Dunste. Plötzlich riß das Licht einen mächtigen Schacht auf. Der Nebel zerrann. Man sah überall weidendes Vieh und in der Ferne, wie unzählige, sich stetig fortbewegende Punkte, die Rücken einer großen Rinderherde.

Die Reiter waren davongesprengt, um die Zugochsen einzufangen.

Tonia und Manuela kamen gleichmütig aus dem Wagen hervor. Sie erfreuten sich an des Alten Erstaunen und langatmigen Vorwürfen. Alle anderen ging es nichts an, ob ein oder zwei Mädchen zur Ansiedlung befördert wurden. – – –

Um dieselbe Zeit ging Pedro tieferschöpft zu seiner Schlafstätte.

Als er zwei Tage zuvor seinen klobigen Schuh auf Alfredos Bock setzte, dieses Mal voll Schadenfreude, hatte der junge Gazul seine Arbeit wie immer hurtig ausgeführt, zum Abschied dem Tauben aber, einer Quittung gleich, einen Zettel überreicht, auf dem weiter nichts stand als: Manuela ist durchgebrannt.

Unzählige Fragen lagen fest verknotet in dem bestürzten, hilflosen Pedro. Er konnte sprechen, konnte fragen – o ja, aber nur Gutwillige, Geduldige konnten ihn verstehen.

Alfredo verstand nichts. Er zuckte bedauernd seine runden Schultern, streckte seine geöffneten Hände hin, als wären diese wenigen Worte alles, was er gehabt hätte, wurde ungeduldig, zeigte auf seine Kunden, und schließlich wandte er sich energisch ab, als müsse er einer ganz unsinnigen Sache ein Ende bereiten.

Dem da hatte er das innere Lachen gründlich zerdrückt.

An diesem Tage ging die Arbeit doppelt so gut – und übrigens hatte er schon ein anderes Mädel gefunden, das nun in Manuelas bunten Lappen herumsprang. Nicht so gewandt, nicht so entzückt vom Lärmen, Hetzen und Klingen der Straße und vom eigenen kleinen Erfolg, aber etwas reifer als die ausgelassene Manuelita – vielleicht anziehender.

Pedro aber taumelte zum Hafen. Zum Hafen, da mußte sie sein. Als ob alles Wirre, Geheimnisvolle, Verzweifelnde und Rasche dort emportauchte, dorthin flutete.

Und als er in dem betäubenden Lärm stand, als er von allen Seiten gestoßen und gedrängt wurde, als er der entmutigenden Zahl der Schenkstuben und Keller gedachte, die er in der Hafengegend aufsuchen mußte, der Höfe, Hinterhäuser, Lagerräume und Baracken, er, der Taube, da fiel ihm das Chinesenviertel ein, die Gegend der Schlachthäuser, die krumme Stadt am »Hohlen Zahn« und so vieles, vieles – –  und er wußte, daß sein Leben nichts mehr war, als ein zusammengepreßtes Hasten, Schluchzen und Zittern, durchtränkt von Gewissensbissen – – –

Während Manuela lächelnd, sich leicht hin und her wiegend, im glitzernden Morgen stand und ihrer Gefährtin und dem Alten erzählte, wie sie es angestellt hätte, um in einer einzigen Stunde eine ganze Handvoll Lose zu verkaufen, da kroch Pedro nach einer elenden Nacht in seine Schlafstätte. –

Hier und da eine Stunde Ruhe, das mußte ihm genügen, alles andere gehörte Manuela.

Er fing wieder an zu grübeln. Wie war es denn nur möglich gewesen, daß er seine Manuelita so wenig gekannt hatte, daß er nicht gefühlt hatte, was in ihr wohnte?

Er hätte etwas ersinnen müssen, das ihr die Straße, die Ungebundenheit, das kecke Draufgehen ersetzte. Was nur? Was konnte es wohl sein? Er zermürbte sich mit Denken. Und mitten darin fiel ihm ein, daß ja alles unnütz sei, daß sie fort war, verschwunden, von dieser fressenden Stadt verschluckt.

Von einer Stadt, die alles an sich riß und fort stieß, wie sie es wollte.

Ununterbrochen strömte sie Leben aus, übers Meer, die Flüsse hinauf, über die Steppe hinweg.

Wer konnte ihm die Gewißheit geben, ob die Stadt sie noch hielt?

Wie war es ihm nur in den Sinn gekommen, zu denken, dieses und jenes sei gut für seine Manuelita? Er hätte fühlen müssen, was in ihr wuchs, besser als sie selbst. Das war wohl die Liebe, wenn man still dem anderen nachspürte, sein Wesen, Wünschen und Wollen ganz erriet, ihm diente.

Hätte die Natur ihn nicht so schwer mißhandelt, dann würde das starke und heitere Leben sein Herz wohl in andere Strömungen geworfen haben, so aber war er ganz in das eine einzige Gefühl verstrickt. Und jetzt erst kam er sich gebrandmarkt und geschlagen vor.

Wie war diese Stadt so grausam. Sie fegte ihn zur Seite, wollte nichts von ihm wissen.

El sordo, el sordo! Das stand leichtfertig, höhnisch, ungeduldig auf den Lippen aller, an die er sich wandte.

Da griff er zu einer List. Auch er wurde Ausrufer, ging auf die Straße. Einen Pack Zettel trug er über dem Arm, es schien eine Reklame oder doch irgend etwas Besonderes zu sein, denn der vierschrötige Mann da trug ja auf dem Rücken und auf der Brust ein grelles Plakat, auf dem groß geschrieben stand: »Wo ist Manuela?«, und er reckte die Hand mit einem Zettel in die Luft und stieß dazu rauhe, laute Schreie aus.

So stand er vor den Schenken, den Tanzlokalen, den Basaren. –

»Wie, da bist du schon wieder, du tauber Klotz?« rief eine Frau. Sie streckte ihr flaches, schlitzäugiges Gesicht aus der Tür. »Komm' nur 'rein, mach' es uns vor!«

Und er durfte in einer Matrosenkneipe am Hafen auf einen Stuhl steigen und, so gut er es vermochte, mit Worten und Zeichen aus sich herausreißen, daß er ein zwölfjähriges Mädchen suche, Manuela, und er zeigte seinen Zettel, auf dem ihre Beschreibung stand, genau, bis ins kleinste hinein.

Alle lachten.

»Hö, gib her! Ein hübsches Ding, caramba! Glaub schon, daß du's suchst,« rief ein langer Bursche.

»Er soll seinen Liebesgram ersäufen!« sagte ein anderer und hielt ihm ein Glas Branntwein hin.

»Nein, erzählen soll er uns! Das macht er großartig!«

»In der Straße des fünfzehnten Mai? Eine Losverkäuferin?« Ein Mädchen trat auf ihn zu, machte ein ernstes Gesicht, nickte – schon glomm eine Hoffnung, da reckte sich das Mädchen dreist und rundete um ihren eigenen Körper in der Luft groteske, üppige Formen: »So, und so, und so!« kreischte sie, »die kenne ich! Ein bildschönes Weib!« Die Männer grölten.

Pedro schlich hinaus.

Was sollte er tun? Das Kloster, die Polizei? Sie sagten, daß sie suchten. Aber wie suchten sie?

Ein zwölfjähriges Mädchen, ein Findelkind. Die Stadt hatte viele Kinder.

Draußen in Cimba liefen die Kinder in allen Straßen. Niemand beachtete sie. Niemand hatte gesehen, daß eins von ihnen weit hinaus in die Steppe lief. Und wenn man es gesehen hätte, so hätte man es vergessen.

Endlich gab Pedro es auf, seine Zettel zu verteilen. Er beobachtete.

Bisweilen erinnerte ihn ein halb abgewandtes Gesicht, eine Bewegung an Manuela. Dann sprang er rücksichtslos vor, riß andere zur Seite – – nein, sie war es nicht.

Stundenlang stand er im chinesischen Viertel vor den offenen Zelten der Tanzmädchen.

Man konnte ihre Gesichtszüge kaum unterscheiden, so dicht waren sie mit Puder und Schminke überdeckt. Diese in Anstrengung und Lächeln erstarrten Gesichter, die wie Pappmasken aussahen, konnten einer jeden gehören, einer Alternden, einer Jungen, einem Kinde. Und hinter den nach drei Seiten offenen Zelten lagen die Gesellschaftsräume, wie ihre Besitzer sie nannten. Da schob sich Abend für Abend, jede Nacht, eine erhitzte Menge. Wenn die Tanzmädchen abgelöst wurden, drängten sie sich hinein.

Rechts und links waren Verschläge mit bunten Vorhängen. Aus einem dieser Vorhänge sah ein kinderjunges Gesicht – und verschwand.

War das nicht Manuela gewesen? Großer Gott, Manuela!

Mit einem grauenhaften Schrei stürzte Pedro vorwärts. Da packte ihn ein gelber Kerl am Arm. Das Mädchen sah nochmals heraus und lachte.

Nein – nicht Manuela.

An diesem Abend aber, als er ganz betäubt von Gram weiterging, dem roten Viertel zu, wo der dicke, süßliche und doch ätzende Dunst wie ein fetter Block über den Schlachthäusern stand, begegnete er Carlotta, dem Fabrikmädchen, das er an ihren blonden Haaren wiedererkannte. Ein fahles Blond, das Erbteil ihrer ausländischen Mutter. Das Haar war Pedro aufgefallen, als er eines Tages Manuela abholte.

Unter all den dunklen Köpfen die einzige Blonde. Er ging auf sie und ihren Begleiter zu, um irgend etwas, sei es auch nur eine Erinnerung, von Manuela zu hören.

Sie blieben stehen, lachend, er war ein zu komischer Kauz.

Pedro zog eines seiner Blätter hervor, die er immer mit sich herumtrug, und dieses Mal bat er nicht umsonst.

Gewiß, Carlotta hatte sie gekannt. Ganz langsam, so daß er ihr die Worte vom Mund ablesen konnte, erzählte sie ihm von Manuela, ihre Gesten halfen nach, und schließlich nahmen die beiden den verlorenen Tropf gutmütig in ihre Mitte und gingen mit ihm in eine Schenke. Sie saßen lange beisammen, und Carlotta tröstete ihn. Daß sie dem Kinde zur Flucht verholfen hatte, verschwieg sie.

Aber der abgehärmte Mensch tat ihr leid, und so schrieb sie ihm allerlei Hübsches, was ihr gerade einfiel, auf seinen Zettel.

Nein, Manuela sei gar kein Mädchen, das sich übertölpeln lasse. Es würde ihr schon gut gehen, sie hätte es immer verstanden, den Rahm abzuschöpfen. Und wie geschickt sie gewesen wäre. Keine bessere Straßenverkäuferin als sie. Aber Carlotta wollte suchen, sie auch. Wo er wohnte? Man könnte sich bisweilen treffen. Ihr schlug das Gewissen. – – –

Von dieser Zeit ab fand Pedro sich in den Zwang des Alltags zurück. Mußte er nicht für Manuela sorgen, arbeiten? Vielleicht warf ihm ein Zufall auf den Weg, was er so lange mit der ganzen Verzweiflung des Menschen gesucht hatte, der sich gefesselt fühlt.

Dennoch war kein Tag, an dem er nicht die alten Wege ging. – – –

Bisweilen dachte Manuela seiner. Froh und listig. Sie lebte in der Freiheit und dem ungehemmten Licht der Steppe.

Man hatte sie nicht gern aufgenommen, als sie aber mit richtigem Instinkt erfaßte, daß man sie behalten würde, wenn sie nützlich war, griff sie flink zu. Das Helle und Herbe um sie her spornte sie an. Nach kurzer Zeit schon mochte man sie nicht mehr entbehren.

Einer der prächtigen Kentauren, die die Viehherden umkreisten und abends zur Schenke gesprengt kamen, nahm einen Brief an das Kloster zur ewigen Anbetung mit, brachte ihn zur nächsten Poststation. Im Kloster kam der Brief niemals an. –

Die Ansiedlung des Llorente war sehr verschieden von den Hütten der Eingeborenen, die Manuela unterwegs gesehen hatte. Und doch wäre sie auch in eines der kleinen Häuser aus Rasenziegeln gekrochen, die mit zerschnittenen Konservenbüchsen und Resten von Petroleumkannen geflickt waren.

Das Anwesen der Llorentes bestand aus einem Haupthause, in dem die Schenke und der Kramladen war, einem Unterkunftsraum für Reisende und einem Zimmer für die Familie. Hinter diesem Hause lag der Hofraum, um den einige niedrige Hütten aus ungebrannten, geweißten Ziegeln standen. Die Tünche war zum größten Teil abgeblättert, so daß die kleinen, scheckigen Häuser bunt und lustig dreinschauten. Dazu kam noch, daß einige von ihnen, die Vorratsschuppen, auf Stelzen standen, da sie sonst von den großen Steppenkaninchen geplündert wurden.

An einer Seite der Hütten zog sich ein Garten hin, der von Kakteen und Agaven umrändert war. Hier standen Zitronen- und Orangenbäume, schlangen sich Wicken und Weinreben. Es blühten Rosen.

Dann kamen die Felder, mit Mais und Lein bestanden, mit Weizen, Raps, Anis und Luzerne. Und weithin große Strecken einer violett blühenden Kleeart.

Das ruhige Violett drängte die bunten Felder gleichsam dichter zur Ansiedlung hin. Es sah aus, als hätte man hier ein riesiges Tuch ausgespannt, das in allen Farben leuchtete. Wenn der Wind darüber hinstrich, wellte es schillernd auf und ab.

An der anderen Seite der Ansiedlung standen, wie zum Schutz, übermannshohe, buntblätterige Disteln, Weiden und ein paar Eukalyptusbäume.

Man hatte Vieh in Menge. Die Ansiedlung war äußerlich ziemlich sauber gehalten. Was die Menschen nicht fortschafften an Abfall und Unrat, das holten die schwarzen Urubus.

Nur in den Häusern selbst war Schmutz und eine faulige Luft. Schenke, Kramladen und Küche, das war alles ein Raum. Ausdünstungen aller Art hatten sich in ihm festgesetzt.

Llorente und seine Frau, eine Mestize, waren einst hinter den berittenen Nomaden hergezogen, in die wilde Steppe.

Jetzt tauschten sie mit ihnen Absinth, Chicha, Tabak, Hemden, Stiefel, Lebensmittel gegen Felle erlegter Pumas und Jaguare, Rinderhäute, getrocknetes Fleisch, Straußenfedern und Schafwolle ein.

Sie zeigten mit Stolz die kleine am Hof gelegene Lehmhütte, in der sie angefangen hatten, Handel zu treiben. Sie würden bald eine Poststation bekommen.

Ihr Sohn Carlos lenkte das Kopfpferd der Post, an der Spitze von fünfzehn Pferden, die mit dem knarrenden, quietschenden Kasten in voller Karriere durch die Steppe jagten, durch Flüsse, über Erderhebungen, ganz gleich. Wer hier ritt und fuhr, der holte das letzte heraus. –

Dann würde der Unterkunftsraum, in dem es allerdings keine Betten gab, aber Matratzen, Decken und Rinderhäute, eine Menge Gäste sehen.

Ja, es gab Arbeit bei Llorentes, und Geld. Viel mehr noch würde es geben!

An ihren Kindern hatten sie nicht viel Freude, Carlos ausgenommen. Tonia hatte den steifen Arm, sie ritt aber wie eine Amazone. Für nichts anderes hatte sie Sinn. Miguel und Juan nahmen den Steppenreitern im Spiel den Verdienst langer Wochen und Monate ab. Um die Wirtschaft kümmerten sie sich nicht.

Miguel wollte die Witwe eines Viehzüchters heiraten. Er hatte die besten Aussichten, bei ihr sein Faulenzerleben fortsetzen zu können. Juan, der zweite Sohn, ein kräftiger, breitschultriger Bursche, überlegte von Jahr zu Jahr, ob er auf dem Kamp bleiben sollte oder zur Stadt ziehen. Doch er war reger als sein Bruder, und es gab Zeiten, in denen er sich zum Herrn der Ansiedlung machte und alles anbrüllte, was ihm in den Weg kam. Dann jagte er um die ganze Besitzung herum, bis weit in die Steppe hinein, und abends saß er prahlend am Feuer. Seine zwanzig Jahre ließen die Heldentaten des Tages ins Gigantische wachsen.

Jetzt hatte er sich eine neue Aufgabe gestellt: er gab Manuela Reitunterricht, wie einst Tonia. Er hatte in der Nähe des Hauses eine Manege eingerichtet, deren Umkreis durch das niedergetretene Gras erkennbar war. Hier stand er in der Mitte, mit zusammengebissenen Kinnladen, eine lange Peitsche in der Hand. Auf der Brust baumelte ihm eine Trillerpfeife. Seine gewaltige Stimme, das Peitschenknallen und die Pfeife dirigierten die beiden Mädchen. Er nahm die Sache sehr wichtig.

Tonia beachtete er kaum, da der lahme Arm sie behinderte. Manuela aber wurde rücksichtslos vorwärtsgetrieben. Er hätte seine Aufgabe nicht ingrimmiger anfassen können, wenn er Manuela zur Zirkusreiterin vorbereitet hätte.

Zu immer neuen Tollkühnheiten stachelte er das ohnehin waghalsige Mädchen auf.

Wenn es um die Leistungen anderer ging, war er überhaupt sehr zähe. Stundenlang konnte er zusehen und aneifern.

Sobald Manuela ihre häuslichen Arbeiten erledigt hatte – Juan hatte es erwirkt, daß man sie bestimmte Stunden frei ließ –, dann schrillte seine Pfeife. Wie ein rechter Herr ging er langsam in die Reitbahn, und seine schwere Arbeit begann.

Als er es aber erreicht hatte, daß Manuela auf ungesatteltem Pferde stehend ritt, begann er, sich für sie zu interessieren. Er betrachtete es mit Wohlgefallen, wenn der knospende Körper, von den Fußspitzen bis in die hochgestreckte Hand eine köstliche schlanke Linie, an ihm vorüberflog, seines Kommandos gewärtig.

Er ließ sie knien, sitzen, stehen, abspringen. Es war ihm ein Genuß. Sie mußte den Kreis enger ziehen und schließlich, wie erstarrt, vor ihm stillhalten.

Dann war es ihm, als hielte er das Mädchen in seiner Hand, und es kam ihm in den Sinn, er könne sie auch weiter beeinflussen, kommandieren und sich Untertan machen.

Manuela durch Freundlichkeit zu gewinnen, das lag ihm ganz fern. Sobald es ihm paßte, wollte er sie zu sich hinzwingen.

Er wollte es sich nicht eingestehen, daß dieses heranwachsende Mädchen ihn mehr reizte als irgendeine andere, ja, daß es Tage gab, an denen er heftiges Verlangen trug, sie zu besitzen.

Er war ein großmächtiger Herr.



6.

Llorentes hatten endlich die Poststation. Der Unterkunftsraum, in dem sonst nur Miguel und Juan übernachteten, wurde rein gefegt und erhielt eine Lampe. Nun mochten die Reisenden kommen.

Unter den ersten Gästen würde ihr Sohn Carlos sein, der die Post bis zu ihnen hinfuhr und auf kurze Zeit abgelöst wurde.

Man lud zu diesem Tage die Nachbarn ein, die viele Stunden reiten mußten.

Aber alle kamen.

Als der Postwagen mit seinem großen Vorspann im Galopp herannahte, stand die ganze Familie mit ihren Gästen vor der Tür. Es war heller Nachmittag.

Der sechzehnjährige Carlos riß im Vorbeifahren seinen Hut vom Kopfe und stieß einen jauchzenden Schrei aus.

Man jagte in einem weiten Bogen durch die Steppe, ehe der Mayoral, der vom hohen Bocke aus die Fahrt leitete, halten ließ. Es war ein prächtiger Anblick.

Dann wurden die Pferde ausgespannt und sich selbst überlassen. Die Reisenden krochen lahm aus dem langen Kasten heraus. Alle waren erfreut, eine so stattliche Ansiedlung zu finden.

Man war guter Dinge und saß bald schwatzend und Maté saugend vor der Tür.

Nachdem alles besorgt war, kam Carlos heran. In der Tracht der Steppenreiter: weiten Hosen, hohen Stiefeln mit großen Sporen, einer kurzen Jacke und rotseidenem Halstuch. Um die Lenden schlang sich eine buntgestreifte Wollendecke, die mit einem Ledergurt festgehalten wurde. Der Gurt, in dem eine Pistole steckte, war mit Silbermünzen benäht. Er hatte sich festlich herausgeputzt, und man sah es ihm an, wie stolz er war.

Sie saßen im Kreise und erzählten sich abenteuerliche Geschichten. Dann kamen sie auf die Politik. Die Weißen und die Roten lagen in der Fehde. Die konservativen Weißen hatten ein Pronunciamento erlassen; es sollte ein neuer Präsident gewählt werden. Auch hier draußen auf dem Kamp bildeten sich zwei Gruppen, die mit fanatischer Lebhaftigkeit gleichzeitig ihre Beweise vorbrachten, ihre Ansichten verteidigten.

Manuela saß im Schatten einer Distelstaude, etwas abseits. Sie beobachtete Carlos Llorente und einen jungen Herrn in Lackstiefeln, der sie an die Straße des fünfzehnten Mai erinnerte.

Von Zeit zu Zeit ging sie herum, um die Kürbisschalen mit frischem Maté zu füllen.

Juan ärgerte sich über die politische Unterhaltung. Er wurde kaum beachtet. Sein Blick blieb auf Manuela haften, die den jungen Herrn bedient hatte und sich jetzt neben Carlos in den Kreis hockte.

Sie hatte hier nichts zu schaffen; er wollte sie springen lehren. Er stand auf und schrie: »Meine Herren, lassen wir doch die Politik, wir, hier draußen. Ich werde Ihnen etwas zeigen – – holla, Manuela, auf!« Er nahm seine Pfeife. Das Mädchen erhob sich sofort und lief nach ihrem Pferd.

Sie kam glückselig herangesprengt, auf Juans Kommando wartend.

Einige blieben sitzen, andere gingen mit Juan zur Reitbahn hinüber. Er schritt aufgeblasen in ihrer Mitte und erzählte von seiner Energie, seiner Arbeit und seinen Erfolgen.

Carlos ging lächelnd neben ihm her. Er konnte es sich nicht denken, daß das Mädel in so kurzer Zeit so viel gelernt hätte – er selbst war mit den Pferden groß geworden und war wegen seiner Kunststücke bekannt. Er wollte es ihnen schon zeigen, wie man ritt und seinen Körper in der Gewalt hatte.

Währenddessen flog Manuela durch die Bahn, nahm Hindernisse, warf das Pferd herum, ritt Figuren, kehrte zurück, und plötzlich, auf Juans Ruf hin, kniete sie auf dem Pferde, und dann stand sie aufrecht da, den Körper ein wenig nach vorn geneigt, den linken Fuß erhoben. Sie winkte mit dem Taschentuch.

Das hatte Carlos nicht erwartet. Er zog seine Stiefel aus. »Tritt nach vorn, steh' fest, ich springe hinauf!« rief er ihr entgegen.

Manuela sah schnell zur Seite. Sie ritt im gleichen Tempo weiter. Carlos, der diesen Sprung oft gemacht hatte, taxierte die Entfernung, nahm einen Anlauf und stand hinter ihr. Er hatte sie gar nicht berührt. Beide brachen in einen jubelnden Ruf aus. Dann ließ Manuela sich in die Knie nieder und glitt in den Sitz zurück.

Carlos setzte sich dicht hinter sie und umfaßte das schlanke Ding. Ihr Herz schlug unter seiner Hand. Manuela lehnte sich gegen ihn. Sie sprengten im Übermut davon.

Manuela wandte sich um. »Wir tun es noch einmal!« sagte sie, glühend vor Eifer.

»Nein, jetzt nicht.« Carlos beugte sich vor, so daß seine Wange die ihre streifte. Er zog sie fester an sich. Es war ein seltsam schönes Gefühl, so mit ihr zu reiten.

Er wußte kaum etwas von Frauen und nichts von der Frechheit der Straße. Die Knabenschwermut war noch über ihm. An seinen freien Abenden saß er am liebsten unter den großen Sternen, oder er ritt in die Steppe hinein und sang.

Wogen von Glück und Traurigkeit zogen durch ihn hin, er wußte nicht, aus welchem Urgrund sie kamen, noch wohin sie ihn tragen würden, aber er fühlte eine grenzenlose Sehnsucht.

Er hätte für irgend etwas entbrennen mögen und vergehen, sich opfern und doch hundertfach leben. –

Seit seinem dreizehnten Jahre lenkte er das Kopfpferd der Steppenpost. Im Hause des Mayoral und draußen auf den Stationen, da war er für alle ein Knabe, weiter nichts, ein geschickter Fahrer.

Man sprach nicht viel in der Steppe.

Die Reisenden sprachen, sie waren Städter. Er hatte nichts mit ihnen gemein. Sein ganzes inneres Wesen war ihnen abgewandt. Der schweigsame Mayoral, die Pferde, das Leben um ihn her in der Steppe – darüber hinaus gab es nur Sehnsucht.

Auf einer Station war ein Mädchen in seinen Jahren, Carmen Rosa. Sie hatte viel Freundlichkeit für ihn. Das machte ihn scheu und zog ihn dennoch zu ihr hin.

Aber es war ihm eine unfaßliche Vorstellung, daß er sich ihr nähern, daß er ihr Zärtlichkeit geben könnte, ihr, die gar keinen notwendigen Zusammenhang mit seinem Leben hatte, deren ganze Atmosphäre ihn wie ein Zwang umspannte, der wohltuend nachließ, sobald er wieder die Zügel in seinen Händen fühlte und die große Weite vor ihm lag. Wie er aber jetzt das Mädchen im Arme hielt, das warme, bewegliche Geschöpf, jünger als er, lebenüberströmt, da wich die Scheu; ein übermächtiges Verlangen trieb ihn, sie noch weiter fortzuführen von den anderen, ganz still mit ihr zu sein und sie mit der Innigkeit zu erfüllen, die aus seinem Herzen brach und Herr über ihn wurde.

Sie ritten auf eine Sumpfstelle zu, um die Weiden und hohes Röhricht standen. Große Kiebitze umkreisten ihre Köpfe, abgebrochene schrille Schreie ausstoßend.

»Hier ruhen wir aus,« sagte Carlos, hielt das Pferd an und sprang herab. Manuela glitt in seine Arme. »Kommst du oft zum Wasser? Das war mein Lieblingsplatz, ehe ich zum Mayoral ging.«

»Weshalb bliebst du nicht hier?« Sie gingen zum Wasser hin. Carlos bog das Rohr auf die Seite.

»Weshalb? Hab' doch zwei ältere Brüder.«

»Ja – ja,« sagte Manuela nachdenklich. Carlos hatte die Hand auf ihre Schulter gelegt, sie fühlte sich ihm ganz nah. »Da hast du recht.« Und dann, auf seine Frage zurückkommend: »Ich war schon oft hier, mit Tonia.«

»Immer nur mit Tonia?«

»Ja, mit wem denn sonst?«

»Ist wahr.« Ihm war froh zumute, daß sie niemand hatte als seine Schwester.

Sie setzten sich auf den starken, tiefgebogenen Zweig einer Weide. »Aber früher, ehe du zu uns kamst?« fuhr er fort. Es fiel ihm ein, daß sie aus der Stadt war, die er nicht kannte und die ihn beunruhigte. Die Post hielt in einem Vororte, von dem aus elektrische Bahnen gingen. Er war selten in das Getriebe hinabgefahren.

»Ach, früher! Ja, siehst du – da war alles anders.« Und sie erzählte bunt durcheinander von ihrem ganzen Leben.

»Wer ist denn der Pedro, von dem du immer sprichst? Mochtest du ihn gern?«

Manuela, die während des Sprechens mit einem Zweige gespielt hatte, sah auf und in Carlos' Augen. Da fühlte sie, weshalb er so fragte, und ein beengendes Glück umschloß sie.

Sie zog den Zweig noch fester zu sich hin, als müsse sie sich halten. »Ja, ich mochte ihn gern.« Indem sie die Worte sagte, wurde sie sich des großen Unterschiedes bewußt zwischen ihrer Zuneigung zu dem dienenden, mißgestalteten Pedro und dem Gefühl, das sie zu Carlos hinzog. »Er hat mich von meinem ersten Tage an gekannt und immer für mich gesorgt. Er ist taub und fast stumm, und jetzt – ja, jetzt ist er kleiner als ich.« Sie ließ den Zweig emporschnellen, erleichtert.

Dann stand sie auf und kletterte höher in den Baum hinein.

»Du kannst mir nicht nachkommen,« rief sie zurück, »zwei trägt er nicht hier oben.« Carlos sah ihr zu.

Plötzlich blieb Manuela stehen, dann hockte sie sich nieder. Sie schämte sich ihrer kurzen Kleider und ihrer Kinderei.

Es war eine ganze Weile still zwischen ihnen. Dann rief Carlos: »Ich gehe schon voran, es wird Zeit.«

Als sie allein war, erfaßte Manuela ihre alte Lustigkeit. Sie kletterte so hoch hinauf, wie sie nur konnte. Dabei sang sie laut.

Carlos stand im Röhricht. Er wagte kaum, sich zu bewegen. Das Leben des Mädchens drang in das seine ein.

Dann schlich er sachte weiter, damit sie ihn nicht anträfe. Er hielt das Pferd am Zügel und wartete.

Sie trabten langsam davon. Sein Arm umfaßte das Mädchen ganz leicht, sanfter, als bei dem ersten Ritt. –

Man saß schon beim Abendbrot, als die beiden anlangten. Juan schleuderte Manuela gleich einen Befehl entgegen. Sie sollte die Decken der Reisenden in den Schlafraum bringen.

»Laß nur, ich mache es schon,« sagte Carlos. Da wußte Juan genug. Er schnaubte geringschätzig und stieß seinen Stuhl zurück. So ein alberner Gelbschnabel!

Manuela holte sich ihre Schüssel mit Maisbrei. Sie sah gar nicht auf.

Sie dachte, wie seltsam dies alles sei, und daß Carlos nun oft kommen würde.

Heut abend aber wollte sie mit ihm tanzen.

Es war noch warm draußen und ganz windstill. Der grünblaue Himmel war dort, wo er sich der Steppe zuneigte, mit langen purpurnen Streifen bedeckt.

Zwei Männer von der Ansiedlung lehnten mit dem Rücken an der Wand und spielten die Gitarre. Alles war vor der Tür versammelt. Eine Gruppe Reiter saß auf Ochsenköpfen, wie auf hellen, beinernen Hockern. Sie hatten ein Tuch auf der Erde ausgebreitet und würfelten. Stumm, in gieriger Anspannung, beugten sie sich vornüber.

Andere waren mit den Mädchen der Ansiedlung zum Tanz angetreten.

Man hatte in stürmischen Kadenzen den Fandango beendet und dann den etwas gekünstelten Habanero getanzt, den der Stadtherr in den Lackstiefeln anführte. Er tanzte mit Manuela, in der ein neues Wissen war, eine neue Lebendigkeit, die aus all ihren Bewegungen glühte.

Man sah sie an, und die Blicke der Männer elektrisierten sie. Carlos saß unter ihnen. Sie hatte den heißen Drang, vor ihm zu glänzen. In dem jungen Burschen aber war ein Glücksgefühl, so stark, so schwer, daß es dem Schmerze verwandt war.

Das Abendlicht wurde langsam von der Unendlichkeit aufgesogen, die Figuren der Tanzenden bewegten sich gleich düsterfarbigen Silhouetten vor der grünlichen Fläche.

Manuelas schmaler Körper schwang sich in immer neuen Wendungen vor den Augen des staunenden, hingerissenen Knaben.

Er stand auf und näherte sich ihr.

»Die Milonga, die Milonga!« rief sie, jubelnde Sehnsucht in der Stimme. Sie schwebte in inbrünstiger Heiterkeit über ihren vergangenen Tagen.

»Ja – die Milonga!« riefen auch andere.

Die Männer mit den Gitarren spielten eine Überleitung voll erregender Dissonanzen, die tanzenden Paare trennten sich, suchten andere Gesichter.

Manuela ging auf Carlos zu, hob die Hand und senkte sie dann tief zur Erde.

Carlos erglühte. »Mit mir tanzest du die Milonga?« sagte er innig.

»Mit dir.«

»Manuelita,« flüsterte er, und dann glitt er leicht an ihr vorüber, in die ersten Takte des Tanzes hinein, der still und graziös das Mädchen umgarnte.

Ein leidenschaftliches, doch verhaltenes Werben, ein Nachgeben, Losreißen und Sichnähern, alles wie in beklemmender Stille.

Während Carlos von neuem in abgemessenen glutvollen Wendungen seine Tänzerin umkreiste, stand sie bebend da, den Arm über den zurückgelehnten Kopf gebogen, den Körper in weichen, schüttelnden Bewegungen drehend, als gingen Wellen von Zärtlichkeit durch ihn dahin.

Ganz unbewußte Verlockung.

Und dann flogen sie sich entgegen, Augen und Mund so nahe, aber niemals berührten sie sich. Hin und wieder, bei kunstvollen Formen, glitt Manuelas Hand durch die des jungen Carlos. Er hielt sie nicht. Für diese beiden Erwachenden war der Tanz noch voll von naturnahem, geheimnisvollem Zauber.

Als die letzten rasenden Takte über sie hereinbrachen, der Schluß dieses ernsthaft-zarten Spieles, waren sie fast bestürzt, wußten nicht, wie ihnen war – taumelten einander in die Arme – und trennten sich scheu.

Nach diesem Abend und den nun folgenden traumhaften Tagen war Manuela wie verwandelt. Eine Verzückung hatte die beiden erfaßt, die sie still und fügsam machte.

Doch als Carlos von ihr ging, als die Ferne den Hufschlag seines Pferdes hinwegnahm, als alles in der Ansiedlung, Haus, Hof, Tiere, sie ansahen wie ehedem, da war es, als ob etwas emporschnellte, das ein merkwürdiger Zauber niedergebogen hatte.

Freude, blank und klar, ungetrübte Freude durchbrach alle Hüllen ihrer Kindheit. Wie war das Leben so herrlich!

Für die Melancholie der jungen Jahre war kein Raum in Manuela.

Die Tage klangen und blitzten, und die Nächte waren voll tiefer Ruhe.

Ja, es war immer noch Carlos, der mitten in ihrem Leben stand, aber um ihn herum schwirrte ihre Freude, die Tollheit ihrer plötzlich erstandenen Jugend. Sie hätte sich einer Welt von Abenteuern entgegenwerfen mögen. Ihr Blut war berauscht, aber ihre Sinne lagen noch in gesegneter Gebundenheit.

Und so war es doch wieder nicht Carlos, es war alles das, was seine innig-ehrfurchtsvolle Liebe entfesselt und beseelt hatte. Es lag vor den Augen aller, doch niemand sah es. Und es wäre wohl noch lange ein lichtvolles Gewebe geblieben, wenn Juan es nicht zerrissen hätte.

Nachdem sein Bruder, den er nur hohnvoll belächelt hatte, abgereist war, nahm er sich vor, das Mädchen zu besitzen, ehe der Gelbschnabel zurückkehrte. Das sollte seine kalte, stille Rache an dem jungen Burschen sein, der ihm ins Gehege gekommen war.

Vor Ablauf eines Monats kam Carlos dieses Mal nicht heim. Zeit genug für Juan.

Er nahm sich wieder einmal der Wirtschaft an, da Manuela auf die Reitstunden verzichtete, seit sie mit Carlos zum Platz am Wasser geritten war.

Manuela wurde täglich mit Aufträgen bedacht, die sie von anderen absonderten.

Wenn sie stand und arbeitete, im Felde, in einem Schuppen, dann kam Juan herangewuchtet. Er stand dicht neben ihr und begann heiß und roh über Dinge zu sprechen, die Manuelas Gedanken bisher nur wie in einem kühlen Fluge gestreift hatten.

Er verdichtete Vorstellungen in ihr, die in leichten, körperlosen Umrissen durch ihr halbwaches Bewußtsein glitten, die sie nicht festhielt, weil alles noch Spiel, Träumerei und Lustigkeit war.

Carlos hatte ihr die Kindlichkeit zart abgestreift; das aber, was nun wartend stand, ehe es blühen sollte, konnte diese Derbheiten nicht ertragen.

Nach einer kurzen Zeit des Staunens, Hinhörens und Zauderns war alles in ihr empörte Abwehr.

Sie widersetzte sich der Arbeit, widersetzte sich seinen Worten und entzog sich seiner Nähe. Seine Stimme, sein Atem, seine Bewegungen, alles war ihr zuwider. Sie erriet seine Absichten.

Juan aber ging blindwütig auf sein Ziel los.

Als er sie eines Abends in einem Vorratsraume beschäftigt wußte, stellte er sie wie ein Wild. Aber sie hatte auch die Gewandtheit eines Wildes.

Zu Tode erschrocken entrann sie ihm.

Bebend, von inneren Schaudern geschüttelt, lief sie über den Hof, in die Schenke hinein und lehnte sich hinter den Ladentisch.

Llorente sprach mit einem Mann, der Schafwolle zur Stadt brachte. Er hatte einen mächtigen Packen Felle mit auf den Wagen geladen. Der Fahrer bescheinigte den Empfang. Die Reiter, die den Wagen begleiten sollten, spielten Karten.

Der eine sah auf und rief Manuela an. Es war ein alter Mann, der häufig zur Ansiedlung kam. Seine Haut war wie gegerbt, seine Knochen standen eckig unter den weiten Kleidern.

»Ein Gläschen Kognak, Manuela!« rief er ihr zu. Seine roten, wie von Sonnenbrand gesengten Augen blinzelten sie an. Tiefe Risse liefen in sein Gesicht hinein.

Gedankenlos füllte sie zwei Gläser.

»Eins, eins, mein Töchterchen – na, macht nichts,« er schob dem Genossen das zweite Glas hin, »wird eine kalte Nacht heute.«

Manuela blieb neben ihnen stehen. Ihr kam ein Gedanke. »Fahrt ihr heute noch?«.

»Freilich heute. Sogleich.«

»Bis zur nächsten Ansiedlung?«

»Weiter.«

»Dann macht ihr bei Acharan Station, ja?«

»Nirgendwo.«

»Übernachtet ihr in der Steppe?«

»Ja, ja.« Der Mann nickte.

Juan rief etwas zum Fenster herein. Er hielt sein Pferd am Zügel.

Manuela sah nicht hin.

»So gib ihm doch, was er will!« sagte Llorente ungeduldig.

Sie goß ein drittes Glas voll Kognak und reichte es ihm hinaus.

Er hätte sie vor Haß erdrosseln mögen.

Sie sah seinen Blick, und der Gedanke befestigte sich.

Langsam kehrte sie zurück, kramte unter den Vorräten und ging hinaus.

Frau Llorente arbeitete mit Tonia im Garten. Manuela winkte ihnen zu, dann lief sie ums Haus herum zu dem hochbepackten Wagen, kletterte hinauf und zwängte sich zwischen die Wollenballen.

Nicht lange nachher fuhr der Wagen davon.

Manuela dachte an Carlotta und den Fabrikhof. »Zweimal bin ich ausgerückt und jedesmal bin ich gut untergekommen,« so hatte sie gesagt. Aber dies da – fortgehen von hier – – es war schwer. Sie mußte mit Carlos sprechen.

Nein – nicht. Das konnte sie ihm nicht sagen.

Und doch mußte sie mit Carlos sprechen. Bei Acharar war seine Station. Sie kannte den Weg der Händler. Sie würde sich hinfinden. –

In der Nacht überholte Juan den Wagen. Er hielt sein Pferd an und fragte nach Manuela. Als ihm niemand etwas zu sagen wußte, stieg er selbst auf die Packen hinauf. Er stieß mit einem Stock in die Spalten hinein. Aber er fand sie nicht.

Manuela hatte sich in ihrer Angst ganz tief hinabgebohrt. So fuhr sie eine Nacht und einen Tag. Als es wieder Nacht wurde, arbeitete sie sich mit vieler Mühe herauf. Ein Sturmwind flog über die Steppe. Ringsum war ein bebendes, tiefes Schwarz, das wie von kommendem aufgewühlt schien.

Sie hörte die Männer beratschlagen. Nein, man konnte nicht wissen, was da heraufzog. Besser war's, schon in der nächsten Hütte einen Unterschlupf zu suchen. Zu Acharan? Ganz unmöglich. Weshalb auch zurückfahren?

Hier in der Nähe mußte Alberto Rays wohnen.

Sie hieben auf die Tiere ein.

Carlos – nun würde sie Carlos nicht sehen! Zugleich aber fiel Manuela ein, daß Juan vielleicht zu Acharans Station geritten war.

Und dennoch würde sie Carlos wiedersehen, im Vorort Sarandi, dort, wo die elektrische Bahn begann, bei dem Gastwirt Diaz.

Sie nahm von ihren kleinen Vorräten und wurde ruhig. Während die Männer in der Hütte waren, konnte sie hinabsteigen, ihre Glieder recken und sehen, ob sich ihr keine neue Gelegenheit bot, schnell zur Stadt zu kommen. – –

Die niedrige Lehmhütte des Alberto Rays war so vollgestopft mit Menschen, daß nur wenige sich in Decken wickeln und hinlegen konnten, die anderen hockten beisammen, sogen, wie immer, Maté, der alles verscheuchen mußte, Hunger, Müdigkeit und trübe Gedanken, lehnten sich gegeneinander, wenn sie allzu schläfrig wurden, oder vertrieben sich die Zeit mit Gitarrengeklimper und Würfelspiel.

Währenddessen fuhr der Sturm daher.

Die Tiere duckten sich in Erdfalten, ganze Herden lagen aneinandergepreßt.

Manuela drückte sich gegen die schützende Hausseite. Ab und zu rutschte sie bis zum Fenster hin und sah in die Hütte hinein. Das offene Feuer beleuchtete einzelne Gesichter, Hände und Kleidungsstücke, aber es war, als ob vor ihnen allen eine Staubschicht läge. Der Rauch der Herdstelle stand dick, graugelb über den gleichmütig Wartenden.

Es fiel kein Tropfen Regen, aber hin und wieder zuckte ein Blitz herunter, dem fernes, langes Rollen folgte.

Der Sturm wurde immer gewaltiger.

Plötzlich zerriß alles Gehaltene, Zusammengeballte, ein greller, steiler Blitz stieß wie ein feuriger Keil in den Kamp hinein, der Donner krachte, als ob die Erde geborsten wäre.

In demselben Augenblick sprangen die Steppenreiter auf, stürzten aus der Tür zu ihren Pferden hin, die angepflockt dicht nebeneinander in einem Schuppen standen.

Die Tiere bäumten sich, stießen wiehernde Schreie aus, aber mit unfaßlicher Geschwindigkeit zwangen die Reiter sie in ihre Gewalt und sprengten davon.

In der Hast des Aufbruchs schnellte Manuela in die Hütte, rollte sich in die nächste noch warme Decke ein und kroch allmählich bis dicht an die Wand. Jetzt mochte kommen, was da wollte, sie war geborgen.

Der Sturm ließ nach, aber das Gewitter schien Erde und Himmel aufwühlen zu wollen. Blitz auf Blitz stand weiß über der Steppe. –

Die Reiter wußten, um was es ging. Die Herden, die riesigen Rinderherden! Wenn eine Panik ausbrach, konnte sie sich über die ganze ungeheure Fläche verbreiten, eine Herde nach der anderen mit sich fortreißend. Dann hieß es Tage und Nächte lang im Sattel sitzen – nur hin und wieder das Pferd wechseln – Tag und Nacht die sinnlos Gewordenen umreiten, sie zusammentreiben. In Flüsse und Sumpfstellen rannten sie hinein, versanken, die Luft mit ihrem grauenhaften Todesgebrüll erfüllend, oder sie rasten in die wilde Weite, bis zum Gebirge hin – –

Die Zurückgebliebenen saßen erregt um das Feuer und erzählten von der Wucht der vieltausendköpfigen Herden, die alles überrannten, was ihnen entgegenkam.

Ein schmächtiger Mensch, wohl ein junger Händler, der dicht neben Manuela lag, setzte sich aufrecht hin. In jedem langanhaltenden Donner hörte er das Herannahen einer Ochsenherde. Er fürchtete um seinen Karren, der etwas abseits von den anderen stand. Schließlich wagte er sich hinaus. Er stolperte über Manuela hinweg, aber er vermochte nicht, sie zu wecken.

Sie war fest eingeschlafen, kaum daß sie ausgestreckt im Warmen lag. – –

Am anderen Morgen, sehr früh, spannten die Wollenhändler ihre Pferde ein und fuhren davon. Manuela sah ihnen von ihrer Ecke aus zu, als sie aufstanden und sich berieten.

Nun fühlte sie sich sicher. Niemand kannte sie. Sie würde schon zur Stadt kommen. – – –

Aber es dauerte monatelang, bis sie ihr Ziel erreichte.

Bisweilen nahm sie einen Dienst an, um kleine Ersparnisse machen zu können. Sie log und stahl und lachte sich bis zu den ersten Häusern einer der Vorstädte hin. Dann verließ sie sich auf ihren Spürsinn.



7.

An einem Sonntagmorgen, als alle Glocken ihre schwingenden, hallenden Rufe über die Stadt verstreuten, stieg Manuela in eine elektrische Bahn, die bis zur Plaza Independencia führte.

Von hier aus fand sie den Weg zur Straße des fünfzehnten Mai. Und sie sah im Geiste, wie auf einer ausgebreiteten Karte, alle Gassen und Ecken, die ihr von dort die Richtung zu Pedro wiesen.

Zunächst aber würde sie Alfredo sehen. – –

Er stand, wie jeden Sonntagmorgen, in seinem wohlgepflegten, elastischen Fell, von einem hellen Anzug prall umgeben, eine leuchtende Krawatte hervorgebauscht, vor seinem »Salon«, ordnete die Zeitungen und dienerte. Selbst wenn er der Straße den Rücken zuwandte, wie eben jetzt, dienerte er gewohnheitsgemäß weiter: ein rechter Gummimann.

Das reizte Manuela so sehr, daß sie kräftig auf seine erhabenste Stelle patschte. Alfredo fuhr wie ein sprühender Kreisel herum. Wer konnte es wagen, seine, seine Würde derartig zu verletzen?!

Manuela war sofort zurückgesprungen. Sie sah ihn zwischen lachenden Gesichtern hindurch funkelnd an.

Alfredo wollte auf sie losstürzen, fing sich aber rechtzeitig wieder ein. Wie, er, der Besitzer eines Salons mit Spiegeln und pfauenblauem Plüsch, konnte er sich mit einem abgerissenen Gassenmädel balgen? Daß es Manuela war, hatte er gar nicht bemerkt. Die Empörung nahm ihm den klaren Blick.

Seine leidenschaftlichen Wallungen unterdrückend, schritt er würdig auf das Podium. Seine bleichen Hamsterbacken zitterten.

Manuela flitzte davon. Alles an ihr war gleichsam gespannt von Übermut. – –

Pedros Wirtin schlug kreischend die Hände zusammen, als sie die Verlorene wiedersah. Und wie groß das Mädchen geworden war, wie es blühte! Kaum noch zu erkennen.

»Er schläft, der arme Kerl,« sagte sie, »die Nacht vom Samstag zum Sonntag sucht er seine Manuelita. Aber zwei Jahre. Das muß man sich mal denken!«

»Sucht mich? Weshalb ging er nicht zum Kloster? Man schrieb es ihnen doch, wo ich war. Was für ein Unsinn,« sagte Manuela halb ärgerlich, halb bedrückt.

»Und wo steckte das Fräulein denn?« fragte die Wirtin höhnisch, von ihrem Erstaunen auf den platten Boden ihres Vorstellungsvermögens hinabfallend.

Manuela war unruhig geworden. »Wo ich steckte? Alberne Frage. Auf einer Ansiedlung in der Steppe. Man hat es den Nonnen doch geschrieben,« sagte sie in trotziger Verbissenheit, »und jetzt will ich zu ihm hinein.«

Die Frau stellte sich ihr in den Weg. »Nichts hat man geschrieben, daß du es nur weißt. Die Seele hat er sich fast aus dem Leib geängstigt. Keine ruhige Stunde hat er gehabt, ja!«

»Ist doch nicht meine Schuld, wie?« rief Manuela. »Ich dachte doch, alles wäre gut, als ich nichts hörte.«

Pedros Wirtin betrachtete Manuela genau. Ja, eigentlich sah sie aus, als ob sie geradeswegs aus der Steppe käme. Möglich, daß sie die Wahrheit sagte. Jedenfalls wollte sie es sich mit dem tauben stillen Mieter nicht verderben.

»Wenn sie den Brief nicht abgaben, dann kannst du nichts dazu, bewahre,« sagte sie einlenkend, und sie schob sich an der Wand weiter. »Komm nur. Meistens ist seine Tür unverschlossen. Er hört ja doch nichts – so oder so. Und Reichtümer hat er auch nicht.« Sie lachte.

»Ich kenne doch seine Kammer,« sagte Manuela ungeduldig. Sie wollte den Zuschauer nicht.

»Na, dann lauf'.« Die Wirtin blieb stehen. Manuela öffnete behutsam die Tür. Es war halbdunkel. Sie ging auf das Bett zu. Da sah sie das große, abgehärmte Gesicht, fahl und erschlafft. Eine magere, gelbe Hand hing wie in tiefer Entmutigung herab.

»Zwei Jahre gesucht, gewartet – zwei Jahre!« dachte Manuela. Es war unfaßlich. Nein, das hätte sie von sich geworfen. Zwei Jahre suchen? Niemals.

Irgend etwas verhärtete sich in ihr. Nicht gegen den armen Tauben da. Gegen das Jämmerliche, Miserenhafte, gegen das Verbrauchtwerden und Stillhalten, gegen das Hinschenken der eigenen Ruhe und Kraft.

Nein, niemand war des anderen Hund, sollte es nicht sein. Auch er sollte nicht. Jetzt erst begriff sie, daß er sich ihr vor die Füße gelegt hatte.

Sie beugte sich zu dem Tauben hinab und prägte sich seine Züge ein. War er denn immer so – so häßlich gewesen?

Sie sah Carlos zu sich aufs Pferd springen, fühlte seine behutsamen, warmen Hände, sah sein inbrünstiges Gesicht, den elastischen, sehnigen Körper.

Und wer da draußen war nicht gerade gewachsen und kräftig? Alle, auch Juan, sie alle konnten zupacken, ängstigten sich nicht die Seele aus dem Leib.

Hatte nicht auch sie viel Kummer um Carlos gehabt? O ja, es war hart gewesen. Sie hätte ihn so gerne, so herzensgerne wiedergesehen. Als sie daran dachte, nahm sie sich vor, sofort auszukundschaften, wann er zur Stadt käme, und in diesen Gedanken verlor sie sich.

Ihre Blicke gingen im Zimmer umher. Alles sah vernachlässigt aus. Die Luft war schlecht. Sie trat ans Fenster, ein hochliegendes kleines Loch, und schob den Vorhangfetzen zur Seite. Der dunkelblaue Himmel stand so wirklich und nah vor ihr. Er war schön.

In dem kleinen Raum war alles trübe, ihre eigenen Gedanken kamen ihr krank vor.

Sie wollte Pedro wecken. Gewiß! Er sollte sich freuen.

Als sie aber nun im helleren Licht das gramvolle Gesicht sah, stieß etwas gegen ihr rundes, glänzendes Herz.

Armer, armer, dummer Pedro! Fast hätte sie geweint.

Sie nahm die herabhängende Hand, drückte sie, und dann fuhr sie glättend über die Stirne des Tauben.

»Pedro, Pedro, da sitze ich ja!« rief sie laut, »hier, auf deinem Bett. Wach' doch auf!« Nun strich sie hastig, reuevoll über das farblose Gesicht.

Der Taube öffnete die Augen, warf sich mit einem Ruck herum, dann verbarg er sein Gesicht und schluchzte.

»So laß doch, laß doch!« Manuela faßte seine Schulter. Pedro wühlte sich nur fester in seine Decken ein.

Da ließ sie ihn los und ging zum Fenster hin. Er sollte es nicht sehen, wie schrecklich ihr all das war. Sie starrte in das Blau und fühlte die Sonne. Auf der Gasse ratterte und schwatzte es, einige Vögel blitzten wie Silber und glitten auf das nächste Dach.

Pedro hatte sich aufgerichtet und sah zu ihr hinüber. Er sah ihre schwellende Kraft, das freie, aufwärts gerichtete Gesicht. Sie hatte nicht gelitten – sie nicht. Es war wohl, wie Carlotta sagte: Manuela konnte kein Leid geschehen.

Er wischte sein Gesicht ab, fuhr durch sein Haar und stieß rufende Töne aus.

Sogleich kam sie heran, erleichtert, fröhlich. Sie sagte es ihm, wo sie gewesen war. Nichts hatte sie verlernt. Ihre Mienen, ihre Finger, alles sprach mit. In stürmischer Reihenfolge zog alles an dem Tauben vorüber. Er verlor sich ganz in dieses freie Leben, war glücklich, dankbar.

Hatte er je etwas so Gutes für sie erdacht? Nein. Er mußte in sie hineinspähen, mußte ihr helfen, wenn sie fliegen wollte. Nur nicht mehr dieses Leid. Alles andere mochte kommen, wie es wollte.

Sie hatte einen Brief gesandt, sie meinte es gut. Da saß sie, wie früher. Nein, nicht wie früher.

Sie war kein Kind mehr. – –

In der Mittagsstunde ging er mit ihr in einen Kleider- und Wäschebasar. Er war wohl nie glücklicher gewesen.

Pedro war nicht so arm, wie seine Wirtin dachte, und was er hatte, das gehörte seiner Manuelita.

Und sie nahm ganz unbefangen.

Dieser Glückstag rauschte herrlich über den Tauben dahin. Am Abend führte er zum ersten Male ein schönes Mädchen zu einem Vergnügungsort, und alle Lichter, die durch ihre Augen glitten, fielen in sein Herz.

Sie saßen in einem der schwimmenden, auf korkigen Balsastämmen ruhenden Restaurants, um die in leisem Quirlen und Gleiten der gelbe Strom floß. Über ihren Köpfen schwebten farbige Lampions. In der Mitte, auf einem erhöhten Platz, saßen die Musikanten. Ihre eigentümlich geformten Instrumente brachten eine klangarme exotische Musik hervor, in die bisweilen knöcherne Laute rasselten.

Fünf, sechs derartige Restaurants waren um eine schwimmende Bühne gruppiert, auf der eine Chinesentruppe eine Pantomime aufführte.

Das lautlose, groteske Spiel über dem dunkelgelben Strom, von Scheinwerfern beleuchtet, das Ringen dieser grellen Figuren um Liebe und Leben, alle Skalen des Empfindens bloßlegend, war wie ein Stück zuckender, zusammengepreßter Wirklichkeit.

Manuela riß es mit durstigen Sinnen an sich. Das alles wollte sie und mehr. Mehr noch! – – –

Ein paar Tage lebte sie in berauschtem Nichtstun dahin; dann sehnte sie sich nach Menschen, nach Betätigung.

»Ich muß etwas tun, etwas Lebendiges. Nicht in einer Fabrik,« sagte sie zu Pedro, sagte es ihm oft, und da fiel ihm Carlotta ein.

Sie war mit einem Einsalzer aus einer der großen Schlächtereien verlobt und wohnte bei dessen Schwester.

Als Pedro und Manuela den Hof überquerten, an dem Frau Torres wohnte, wurden sie angerufen. Aus einer Gruppe Schwatzender kam die Schwester des Einsalzers auf sie zu.

»Heh, heh! Ihr wollt Carlotta besuchen, was? Ein feines Weibsbild!« Sie stützte die Hände auf ihre hohen Hüftknochen und sah die Ankommenden herausfordernd an. Der Chor ihrer Freunde stand hinter ihr.

»Ja, wir wollten zu Carlotta. Ist sie nicht zu Hause?«

»Nicht zu Hause!« höhnte die Frau. »Da hör' einer: zu Hause!«

»Die ist so was wie 'n Plakat geworden,« rief eine andere lachend.

»'ne Wachsfigur ist sie!« schrie ein abgerissener Lümmel.

Manuela lachte und verständigte Pedro.

»Was sagt denn der Bräutigam dazu?« fragte Manuela.

»'n Bräutigam! Auch noch! Daß Sie's nur wissen: aus ist's.« Frau Torres wandte sich dem Chor der Freunde zu. »Sollte mein Bruder, mein anständiger Bruder« – sie tippte erregt auf ihre Brust – »noch mit so einem Mensch zu tun haben?«

»Bewahre! Unmöglich! Auf keinen Fall!« rief es durcheinander.

Frau Torres kam näher. »Kennen Sie die überhaupt, Fräuleinchen? Kennen Sie die gut? Der Taube da weiß ja von nichts. So 'n dummer Fisch. Sucht zwei Jahre lang irgendein verfluchtes Luderchen. Mein Bruder und die Person haben ihm gut zugeredet. Na, wie gesagt: er weiß von nichts.«

»Ja, ich kenne sie. Wer was ist denn los?«

»Also das will ich Ihnen mal sagen.« Frau Torres trat dicht vor Manuela hin. Der Chor rückte nach. »Und was ich sage, das ist die reine Wahrheit. Die da können es mir bezeugen. Alle.«

Bekräftigende Zurufe.

»Carlotta ist mit meinem Bruder auf einem Ball. Da lernt sie so einen nichtswürdigen französischen Windhund kennen. Ein Mensch wie 'n Stück Seife. Faßt 'n an, ist er auch schon weg. Hier ist er hingekommen, in meine Wohnung. So ein Halunke. In meine Wohnung!«

»Furchtbar nobel hat er sich gehabt. Na?«

»Ein Geck war er, ein Lappen von 'nem Kerl!« rief es hinter ihr.

»Also mit dem ist sie ausgerückt,« sagte Frau Torres plötzlich kalt und ruhig, ihre Erzählung kurz abschneidend.

»Na, erst sagte doch jemand, sie wär 'ne Wachsfigur geworden.«

»Ist sie auch!« Frau Torres zischte wieder auf. »Gehen Sie nur mal mit dem Tauben da zum Ausgang der Straße der Dreiunddreißig, an den Platz mit den Cafés. Da können Sie das Weibsbild sehen.«

»Da ist sie schon seit drei Abenden. Länger läßt sie sich gewöhnlich nicht ausstellen. Tagsüber ziehen sie herum,« rief eine Frau aus einem Fenster.

»Dann wollen wir mal sehen, ob wir sie noch erwischen,« sagte Manuela. Es kam ihr sehr unwahrscheinlich vor, daß die etwas plumpe und keineswegs hübsche Carlotta an einer öffentlichen Vorführung teilnahm. –

Wie aber staunten sie und Pedro, als sie Carlotta wiedersahen.

Vor einem der Cafés, dessen Stuhlreihen bis zum Fahrdamm reichten, stand Carlotta auf einem kleinen, zusammenlegbaren Sockel, und hinter ihr, ebenfalls erhöht, ein schlanker brünetter Mensch, in hellkarierten Beinkleidern und einem wehenden schwarzen Rock, eine große Blume im Knopfloch. Neben ihnen, auf einem hohen Gestell, war ein aufgeklappter flacher Kasten.

Der Mann löste gerade Carlottas sehr schöne, reiche Haare.

Diese Haare aber waren nicht mehr blond, sondern purpurrot.

Das Mädchen stand ganz still. Ihr Gesicht war so bemalt, daß es kaum zu erkennen war. Der Körper war eng eingeschnürt. Eine türkisblaue Seidenbluse glänzte auf. So stand sie, wirklich wie ein Plakat, gegen den dunklen Hintergrund.

Manuela sah sofort, um was es sich handelte. Sie hatte nicht umsonst auf der Straße gelebt.

Der Mann verkaufte Haarschmuck und zeigte die Wirkung am lebenden Modell. Aber es war neu, wie er sein Modell hergerichtet hatte.

Seine langen weißen Hände glitten schmeichlerisch, mit unglaublicher Geschicklichkeit, durch das rote Haar. Im Nu hatte er eine hohe Frisur aufgebaut und mit spitzen Fingern, kokett lächelnd, eine glänzende Agraffe hineingesteckt.

Und als ob es nichts sei, rollte er die Purpurflut auseinander, rückte den Knoten etwas tiefer und schob schräg den monumentalen spanischen Kamm hinein.

Dann nahm er eine Spange, zeigte sie allen Umstehenden, versicherte feurig, daß sie sich niemals löste, nie verlorengehen könnte und einen entzückenden Abschluß bilde.

Carlotta senkte ihr Haupt ein wenig, und die Spange saß fest. Jeder, der wollte, konnte sich davon überzeugen.

Immer, wenn ein neues Werk gelungen war, drehte Carlotta sich nach allen Seiten und lächelte. Ihre Lippen waren herzförmig kirschrot angemalt.

Und der geschmeidige Herr im schwarzen Rock verkaufte.

Pedro und Manuela sahen sich das eine Zeitlang an.

Als das Paar von den Hockern stieg, sie zusammenklappte und mitsamt dem Kasten weiterzog, ging Manuela auf Carlotta zu.

»Ah, sieh da, die grüne Manuela!« rief das Mädchen. »Bei Gott, sie ist's! Und Pedro, der gute Pedro!« Sie stellte ihren Hocker und den Kasten auf die Erde und reichte ihnen die Hände. Ihr Begleiter sah mit einem bedauernden Wiegen des Kopfes zu. Aber das half ihm nichts. Die Erklärungen sprudelten schnell. Von beiden Seiten.

Der Taube war mit den Wandlungen der guten Carlotta nicht einverstanden, doch auch er mußte sich fügen.

Schließlich überzeugte der Franzose sein Modell, daß die beste Geschäftszeit verstrich, wenn man hier auf der Straße plauderte. Er verbrämte seine überaus liebenswürdige Rede mit einer Unmenge von Zärtlichkeitsausdrücken, die ihm dankbare Blicke aus den künstlich vergrößerten, violett umrandeten Augen seiner Partnerin eintrugen.



8.

Komm mit, du wirst ja sehen,« sagte Carlotta. Es war vierzehn Tage später.

Die Mädchen gingen durch eine der Hafengassen. Manuela war es nun schon gewöhnt, daß die Augen der Männer sie suchten.

»Wie macht sie es denn?«

»Mit Henna, aber sie gießt noch was hinein. So ein Rot hat ja kein Mensch. André meint, wir hätten auch blaue Haare nehmen können. Es wäre noch auffallender gewesen.«

»Ja, aber du sitzt nachher da mit dem blauen Kopf.«

»Wieso? Ist doch gleich. Wir heiraten bald. Und später laß ich es ausbleichen.«

»Heiraten?«

»Ja gewiß.« Carlotta sah ihre Begleiterin mit ihren matten Augen der Morgenfrühe erstaunt an. Ihr gutmütiges, abgeschminktes Gesicht hatte etwas Verwittertes.

»Na, meinetwegen kannst du ihn ja heiraten. Ich täte es nicht.«

»Du nicht? Na weißt du – das sagt jede, die keinen hat. Sieh ihn an und sieh Alfonso an – einen Schlachthausarbeiter! Die vergleich mal–,« und sie schilderte beide, ihre ganze Art sich zu geben, ihre Zärtlichkeiten. –

Manuelas Gedanken aber gingen zurück. Sie hatte vor einigen Abenden Carlos gesehen. Nicht eigentlich, weil die Erinnerung sie trieb. Das alles war schon so lange hin. Nur weil sie es wollte.

Sie war oft nach Sarandi gelaufen. Endlich war er da. Er hantierte mit den Pferden herum und bemerkte sie nicht. Manuela aber sah, daß er nur ein Knabe war. Und doch war Sehnsucht in ihr.

Als er hinter das Haus zu den Stallungen ging, eilte sie ihm nach, rief ihn an. Er blieb stehen. Sie sprang auf ihn zu und schlang ohne Überlegung ihren Arm um seinen Hals. Er zog sie in das Dunkel, und sie küßten sich. Küßten sich wortlos.

Carlos hatte sie halten, hatte fragen wollen. Ihre Küsse, sonst wollte sie ihm nichts geben.

»Ich komme nicht wieder, komme niemals wieder!« hatte Manuela gesagt, vor Erregung schluchzend.

Alles andere blieb ohne Erklärung, ohne Zukunft.

Sie vergaß die Stunde nicht.

Während Carlotta sprach, schmolz diese Erinnerung mit den freien Worten der anderen, dem eigenen Verlangen und den Blicken der Männer, die ihnen entgegenkamen, zusammen.

»Da sind wir,« sagte Carlotta, »wenn du mit der Blumenhändlerin gesprochen hast, komm in das letzte Zimmer rechts, zu Mutter Valdéz. Es dauert eine Weile, bis sie mich hergerichtet hat.«

Die Blumenhändlerin hatte Manuela erwartet.

»Von heute ab gibt's viel Arbeit,« rief sie ihr zu. »Tagsüber kannst du es dir einteilen, wie du willst, aber abends: erst in die Ceritostraße, wenn die Maiandacht zu Ende ist, und dann zum Prado. Immer vor den großen, eleganten Restaurants. Ach, du weißt schon.« Die Blumenhändlerin war eine breite, gemütliche Frau. Manuela gefiel ihr. Oben am Prado konnte man keine Kinder gebrauchen, und die schönen Mädchen gingen abends lieber eigene Wege.

Mehr als einen Monat wollte sie nicht bleiben, gut, in einem Monat, und dazu im Mai, bringt eine geschickte Verkäuferin ein nettes Sümmchen nach Hause.

Manuela war aber nicht sonderlich zufrieden mit ihrer Aufgabe.

Blumenverkäuferin! War das ein Leben? Es mußte sich etwas anderes finden. Sie hing den flachen Korb um und ging zu Frau Valdéz.

Ein altes gelbes Weibchen saß am Fenster und bearbeitete Carlottas Gesicht. Um das Haar des Mädchens war ein fleckiger Turban geschlungen.

»Nun, das ist etwas anderes,« sagte sie, als Manuela hereintrat. »Komm' mal her, Töchterchen, laß dich besehen.« Sie nickte beifällig. »Das ist etwas anderes,« sagte sie nochmals. »Setz' dich, setz' dich.«

»Könntest mich doch auch schminken, Mamita.«

»Dich? Nein. Wollen dich mal wieder genau ansehen, so nach ein, zwei Jahren.«

»Bis dahin kannst du Blumen verkaufen,« rief Carlotta.

»Blumen verkaufen?« Die Alte grinste.

»Dummes Zeug.« Manuela stellte ihren Korb hin. »Einen Monat, nicht länger.«

»Und dann? Was willst du dann machen? Übrigens – weshalb kommst du nicht in den ›Hohlen Zahn‹?« sagte Carlotta.

»In den ›Hohlen Zahn‹?«

»Kennt das Menschenkind den ›Hohlen Zahn‹ nicht!«

»Nein – oder doch! Warte mal – Pedro ging früher hin, als ich noch bei Alfredo Gazul Lose verkaufte.«

»Ja, natürlich geht Pedro hin, immer noch. So ein Filou! Dir sagt er kein Wort.«

Die Alte betrachtete Manuela genau, dann tippte sie auf ihren Arm. »Er soll dich mitnehmen, mein Töchterchen. Sag' ihm das. Kannst da oben auch Blumen loswerden. – So, Carlotta ist fertig. Nimm das Tuch nur herunter und setz' dich in die Sonne. Auf den Hof.«

»Meine Kleine,« sie wandte sich wieder an Manuela, »dir mache ich mal erst die Finger zurecht.« – – –

Als Manuela am Abend auf der Ceritostraße stand, ging ihr alles durch den Kopf, was die Alte ihr erzählt hatte. Sie war die erste Frau, ja, eigentlich der erste erfahrene Mensch, der rückhaltlos und teilnehmend mit ihr gesprochen hatte.

Die Alte hatte recht, es kam darauf an, möglichst frei zu sein, ganz unabhängig. Von Pedro konnte und wollte sie nicht leben, und Straßenverkäuferin oder Reklamemädchen – na, da war man ein gutes Stück von der Freiheit entfernt.

Die Valdéz hatte bessere Ratschläge gehabt. Gewiß, sie wollte zu dem Tanzmeister gehen, mochte das Mütterchen mit der Pastetenbäckerin im »Hohlen Zahn« sprechen. Es würde amüsanter sein da oben, und gebunden war man ja schließlich nicht.

Mechanisch und doch mit dem ihr eigenen Reiz bot sie fortwährend ihre Blumen an. Die Ceritostraße war schon gedrängt voll von jungen, eleganten Männern. Die Maiandacht mußte jeden Augenblick beendet sein. Auf dem Platze vor der Marienkirche stand Wagen an Wagen. Bis tief in die nächste Straße hinein sah man Fuhrwerke.

Und dann öffnete sich das Hauptportal der Kirche. Eine Wolke von Musik und Weihrauch quoll heraus, und unter ihr schritten geschmückte Frauen, wie auf einer Bühne.

Die Wagen fuhren vor. Man stand auf den breiten Stufen und unterhielt sich. Aber das war noch das Reich der Frauen.

Dann kam die langsame Fahrt durch die Ceritostraße; Die Männer bildeten Spalier, standen dicht bis an die Wagen heran, in denen sich die Frauen zur Schau stellten, fast ausnahmslos einen schwarzen Spitzenschal lose um das kunstvoll frisierte Haar geschlungen. Das war ein alter Brauch: sie kamen aus der Kirche.

Die Männer, und unter ihnen ganz junge Burschen, alle in gewählter Kleidung, sagten den vorbeifahrenden Frauen Schmeicheleien, sprachen über sie, in laut geäußertem Entzücken. Einige warfen Blumen in die Wagen hinein, erlesene einzelne Blüten.

Es schwirrte und duftete in der langen, breiten Straße, Köpfe neigten sich, Blicke wurden erwidert, aber alles das von einer gewissen Steifheit und Grandezza ver hüllt. Man begrüßte sich nicht auf der Ceritostraße, man wurde betrachtet wie ein Bild; aber die Frau war unglücklich, der keine bewundernden Worte zuflogen. Dann – ja, dann fing sie an zu altern. – – – – –

Oben auf dem Prado, in den Parkanlagen, vor den Restaurants und Cafés, in den Teegärten war es ungebundener.

Wenn Steppe, Meer und Himmel im Blau der Nacht ruhten, schienen sich in der Stadt strahlende Lichtquellen zu öffnen.

Im Prado strömten sie gegen gigantische Bäume. An den Restaurants standen große Mahagonibäume mit dunklem, hartem Laub, über und über von weißen Sternen besät, aus deren Mitte ein grellroter Fleck leuchtet. Korkeichen und Papyrusbäume, gemischt mit Mimosen, bildeten zackige Gruppen. Der Anauacui senkt seine federigen, herrlich duftenden Blätter zur Erde nieder. Sie hängen wie Spitzenvorhänge über der farbigen, bewegten Menge.

Tief in den Park hinein zieht sich ein Labyrinth von Eukalyptusalleen. Hier verlieren sich die Wandelnden wie bunte weiche Tupfen im berauschenden, mit Wohlgerüchen erfüllten Dämmern.

Vor den strahlenden Restaurants, aus denen zärtliche und hinreißende Melodien quellen, halten die Fahrzeuge, die auch hier in langer Reihe fahren. Die Frauen, wie für das Salonstück einer Pariser Bühne hergerichtet, neigen sich zu gepflegten Männern hinab. Die treten an den Wagenschlag, Blumen und parfümierte Elogen überreichend. Sie sehen zu, wie diese sehr sorgfältig und oft sehr reizvoll bemalten, in Seide und Spitzen eingehüllten Wesen langsam eine kleine Schale Eis genießen oder durch eine Röhre ein kühles Getränk saugen.

Manuela sieht dies alles, betrachtet es ganz genau – – sie ist voll lächelnder Überlegenheit. Sie denkt an Carlottas verbrauchtes Gesicht, an ihren ungelenken Körper, und sie stellt sich vor, wie es sein würde, wenn man diese Dämchen da in die Steppe setzte und ihnen ein Pferd gäbe und sonst nichts.

Viele schöne Frauen, graziöse Frauen, Carlotta und ihresgleichen sehr unähnlich, und doch nur Puppen.

Sie reicht Blumen hin und denkt: ›Gebt mir Geld, und eure Künste kann ich auch. Es mag sein, daß ich euch einmal zeige, wie man lebt.‹ – –

Wenn sie der Händlerin das Geld ablieferte, ging sie jedesmal zu Mutter Valdéz. Die Alte schien sich nie aus ihrem Zimmer zu entfernen. Mager, gebrechlich, ewig hustend, schob sie sich mit stöckerigen Schrittchen vom Fenster zum Schminktisch und vom Schminktisch zu ihrem Bette. Das Essen brachte ihr ein Kind aus dem chinesischen Viertel. Gutes, fettes Essen. Es kam vom Besitzer des ersten Gesellschafts- und Spielhauses. Er war der Bruder der Frau Delgado aus dem »Hohlen Zahn« und ein Freund der Pastetenbäckerin Leocadia Barboza. Manuela sprach mit der Alten wie mit sich selbst. Ihre Freundschaft gründete sich auf manche Dinge, sie war aber besonders befestigt worden, als Manuela eines Abends die Pastetenbäckerin bei ihr getroffen hatte.

Sie war noch nicht im »Hohlen Zahn« gewesen, das Leben auf dem Prado hatte sie festgehalten, so war Leocadia Barboza ihr noch fremd.

Die Frau saß im Lehnstuhl der alten Valdéz und sah sehr ehrbar aus. Sie trug ein schwarzes Kaschmirkleid mit einer weißen Spitzentolle, eine große Brosche und lange, schwere Ohrringe, die die weichen Läppchen förmlich herunterzogen.

Überhaupt neigten sich ihre ganzen, sehr üppigen Formen dem Hängenden zu.

Sie sprach außerordentlich laut, als sei sie es gewöhnt, viel Lärm um sich zu haben und überschreien zu müssen. Ihr Organ war nicht hart, aber sie quetschte jede Silbe sehr deutlich heraus.

»Also da hätten wir Pedros grüne Manuela!« sagte sie lachend, als das Mädchen hereinkam. »Ein geschickter Bursche, der Pedro – – hä, hä, nicht übel!« fügte sie hinzu und legte die Hände auf den Leib.

»Tanzen willst du, mein Töchterchen. Möchtest einen Tanzmeister haben? Zeig' uns aber erst, was du kannst.«

»Was soll ich tanzen, mamita?« sagte Manuela, sich fröhlich der alten Valdéz zuwendend, »das mit dem Schleier, ja?« Sie begann sofort, sich zu entkleiden. Die beiden Frauen sahen ihr zu.

Manuela war vollkommen schön. Sie kannte keine Scheu.

Sie begann leise zu singen und sich zu wiegen. Die Valdéz lehnte schräg, verschrumpelt, an der Schulter der breit ausladenden Barboza. Sie waren mit ihrem Schützling sehr zufrieden.

Als das Mädchen den Tanz beendet hatte, mußte sie dicht vor die beiden hintreten. Leocadia Barboza tippte und strich auf ihrer Haut herum, als hätte man ihr einen kostbaren Stoff hingehalten.

»Den Lehrer will ich dir verschaffen. Kannst bald bei uns tanzen. Mein Pepe wird nichts dagegen haben.« Die Frauen lachten, weil sie sich das Schattenmännchen vorstellten, das in devoter Aufmerksamkeit die Wünsche der Herrscherin des »Hohlen Zahnes« und die ihres Geschäftsgenossen, des Luis Delgado, zu erraten suchte. – – –

Einige Tage nach dieser Besprechung kam Manuela in Pedros kleines Arbeitszimmer. Es lag in der Wohnung des Goldschmiedes Xavier Maëlla.

Sie setzte sich neben ihn auf einen Schemel und erzählte ihm, daß alle nun ganz anders sein würde als bisher, und zwischendurch griff sie nach einem Goldreif, an dem einige Münzen hingen. Sie dachte nicht viel darüber nach, wie ihr Entschluß ihm gefiel, sie wollte ihr eigenes Leben, aber sollte nicht traurig sein.

»Wir sind jetzt öfter beisammen als sonst, Pedro,« sagte sie, »du kannst jeden Abend in den ›Hohlen Zahn‹ kommen.«

Er nickte. Gedanken, Vorstellungen lagen wie glühende Barren in ihm, er vermochte nicht, sich zu befreien.

»Eigentlich ist es auch ein Abschied,« sagte sie, entschieden vorstoßend und doch mit ihm fühlend. Sie zog seinen Kopf zu sich hin. »Ich gehe erst noch einmal in die Steppe – aber sieh, ich sage es dir.« Sie strich mit beiden Händen über sein Haar und die früh durchfurchte Stirn.

Konnte es nicht sein, daß sie dort blieb? Das war eine Hoffnung. »Wohin gehst du denn? Nicht zu Llorentes, nein?«

»Ach nein! Auf ein großes Gut, zu einer Bekannten der Valdéz. Sie ist Aufseherin in der Käserei, oder so etwas. Ich soll einige Wochen tüchtig Atem holen, ehe die Tanzerei losgeht. Das ist doch gut, ja?« Sie freute sich auf das freie Leben im Kamp. »Ein Abschied auf kurze Zeit, Pedro, aber ein Andenken mußt du mir doch geben,« sie griff wieder nach dem Goldreif. »Dies Ding da, das könnte mir gefallen.« Sie wollte dem Tauben eine Freude machen. »Um den Arm kann ich es zwar nicht tragen, es geniert mich. Mach' es etwas weiter, dann trag' ich es über dem Knie. Wenn ich tanze, klingelt es,« sagte sie lachend. »Du mußt aber sehen, daß es stramm sitzt. Komm, nimm mir das Maß. Du schenkst es mir doch, was?«

Der Taube nickte und preßte ihre Hand. Ja, sie sollte etwas von ihm an ihrem Körper tragen, an diesem schönen Körper, den nun bald jeder begaffen durfte.

Er kniete vor ihr nieder.



9.

Der unendliche, lebensvolle Raum war wie in Silber gebadet. Es glitzerte auf der grünlich gelben Erdoberfläche und umspann das weiße, langgestreckte Herrenhaus. Eine kalte, reine Luft strich über die Steppe, die am Horizont mit den Morgennebeln ineinanderfloß. Die Weiden und Eukalyptusbäume, wie aus Silber gegossen, die Silhouetten der Pferde und Rinder, das wuchs in diesem seltsamen Zusammenwirken von Licht und Nebel ins Riesenhafte. Weiterhin verwischten sie sich allmählich, bis sie in der großen Ferne nur mehr wie unzählige Nebelflecken wirkten.

Die Angestellten des Landgutes erwarteten die Ankunft einer großen Rinderherde. Die Herrschaft war einige Tage vorher eingetroffen. Man rüstete sich zu einem Feste. Das junge Volk ritt in die Steppe hinein, der Herde entgegen.

Manuela war unter ihnen. Dicht ihr zur Seite ein sonnengebräunter, stattlicher Bursche, Vincente Delano. Ganz von weitem sah man eine dunkle Masse, die stetig wuchs. Und nun kam sie näher, Ochsen in langen Reihen, die Luft mit ihrem Gebrüll erfüllend. Schließlich wuchs es zu einem donnerähnlichen Getöse an.

Um die Herde kreisten in rasendem Tempo Reiter, mit den phantastischen Umrissen von Kentauren, die Masse immerfort zusammenhaltend.

Die jungen Leute von der Ansiedlung schlossen sich ihnen an. Sie alle jagten, schreiend vor Lust, um die kompakte, brüllende Herde.

Die Flüchtlinge wurden von Steppenreitern, die in voller Karriere einen noch weiteren Kreis zogen, eingefangen oder zurückgetrieben. Die Reiter lagen über den Sattel gebückt, unaufhörlich den Lasso schwingend.

Man trieb die Tiere auf einen eingezäunten Platz. Berittene Männer, lange, biegsame Stäbe in der Hand, an deren Spitze ein Nagel befestigt war, hielten in trichterartiger Aufstellung vor dem Eingang in die Umzäunung. Immer wilder wurde das Geschrei, immer rasender das Reiten.

Als die letzten Tiere in den Pferch getrieben waren, kam noch ein Steppenreiter mit zwei wütenden Ochsen herangesprengt, die er am Lasso hinter sich herzog.

»Brito, Brito!« schrien, seine Genossen. Manuela ritt auf ihn zu. Sein Gesicht war gespannt vor Energie.

Ein Ochse stürzte sich blindwütig auf den Reiter. Eine zweite Schlinge flog um seine Vorderfüße. – –

Die Sonne hatte die Nebel vertrieben, man ritt in ihrer goldenen Flut zum Landhaus.

Eine Stunde später kam die Gutsherrschaft mit ihren Gästen. Sie begrüßten die versammelten Reiter, dann bestiegen sie die Tribüne, die neben dem Pferch aufgebaut war.

Die Ochsen gingen in andere Hände über; es sollte ihnen ein neuer Stempel aufgebrannt werden.

Am Ausgang der Umzäunung loderte ein Feuer. Die Tiere waren in einer unsinnigen Erregung.

Brito, sein Lasso schwingend, war der erste, der hineinritt; ihm folgte eine Schar ausgewählter Männer.

Jedes einzelne Tier mußte mit dem Lasso eingefangen und zur Feuerstelle befördert werden. Sie alle wußten um die Gefahr, da es eine Herde starker, älterer Ochsen war.

Der Tumult in der Umzäunung war ungeheuer. Die Tiere versuchten auszubrechen, stemmten sich gewaltsam gegen die Erde oder wandten sich wütend gegen die Reiter.

Die Szenen, die sich in dem großen Pferch abspielten, waren aufregender als bei den Stierkämpfen in der Plaza de Tores in Real de San Carlo.

Und wo es am heißesten zuging, sah man Britos sehnigen Körper, sein entschlossenes Gesicht. Manuela, unter deren Augen Vincente Delano seine ganze Kraft und Geschicklichkeit spielen ließ, sah nichts als Brito. Das war ein Mann. Wahrlich. Sie bangte keinen Augenblick um ihn. Sie fühlte seine Kaltblütigkeit, die genaue Berechnung all seiner Bewegungen, sein unbiegsames Wollen. Es war, als hätte dieser Wille auch den ihren niedergezwungen. Der Fremde da, der Brito, zog ihr die ganze Selbstherrlichkeit aus der Seele. Ihre Lustigkeit, ihre Berechnung, ihre Eitelkeiten, das kroch klein zusammen.

Stunde um Stunde stand sie da. Die anderen Frauen und Mädchen richteten das Festessen, schmückten die langen Tische unter den Bäumen. Sie half nicht. Sie sah und fühlte den einen.

Zwei- – dreimal streifte sie sein Blick, nicht mehr.

Vincente Delano rief sie an. Sie antwortete nicht, lächelte nur. – –

Und später saß sie an seiner Seite, da sie es ihm versprochen hatte. Ihr schräg gegenüber Brito, der den Kopf immer wieder zu seiner Nachbarin bog, einer zierlichen Plätterin aus der Stadt, die im letzten Moment, statt der Vorarbeiterin, über die Bank gestiegen war und sich an ihn drückte.

Die Vorarbeiterin lachte. Sie gab nichts auf den Ehrenplatz. Sie war froh, daß ihr Mann mit heilen Knochen aus der Steppe gekommen war. – – –

Nachmittags war Wettrennen auf dem Kamp, Spiele, Tanz.

Brito lag unter einer Weide, rauchte und unterhielt sich mit jedem, der Lust hatte, ein wenig im Schatten zu sitzen. Er wollte am Abend noch in die Steppe zurückkehren. Die anderen Reiter brachten die Herde zum Käufer. Seine Aufgabe war erfüllt. Er hatte die Ochsen zum Landgut geführt. Das übrige ging ihn nichts an. Ihm waren die Herden tief in der Steppe anvertraut, wo es noch keine Pfähle und Stacheldrähte gab, wie hier, in der Nähe der Stadt.

Auch mit Manuela sprach er. Eine ganze Weile hielt er ihre Hand, wendete sie hin und her und sagte, es sei eine richtige Samtpfote, dann ließ er sie wieder fahren.

Vincente Delano lehnte am Baum und sah sie bewundernd an. Da lief sie mit ihm zum Tanzplatz.

Die Herrschaft war auf dem Kamp und sah zu, aber Manuela hatte ihren Ehrgeiz verloren. Nur einmal mit Brito tanzen! Doch er kam nicht.

Er ging mit ein paar anderen Männern und holte einen jungen fetten Ochsen, stach ihn ab, dann weideten sie ihn aus und bereiteten ihn zum Braten vor.

So wie er da war, in der Haut mit den Knochen, legten sie ihn in ein frisch ausgeworfenes Loch, bedeckten ihn leicht mit Erde und entzündeten ein mächtiges Feuer über ihm. Allmählich fanden sich die ganzen Reiter ein. Es sollte das Abschiedsessen sein.

Die Mädchen und Frauen gingen an ihre Arbeit. Manuela strich um die Stallungen und Häuser herum, verbarg sich hinter einem Gebüsch und sah den Männern zu.

War es denn möglich, daß Brito fortritt, ohne sie auch nur beachtet zu haben?

Sie war zornig und zugleich voll bittenden Sehnens.

Brito stand lachend in der Nähe des Feuers. Bisweilen warf er neues Holz hinein.

Manuela fühlte sich wie geknebelt. Da war etwas Unerreichbares, und sie wollte, wollte es haben.

Nein, nicht sie – er sollte begehren, auch er. Sie? Ach, sie wäre mit ihm fortgeritten.

Delano hatte sie ganz vergessen. Er saß unter den Männern, sollte sie nicht sehen.

Niemanden auf der Welt ging es etwas an, daß sie hier stand.

Sie zog sich langsam zurück, ging in einen Schober und legte sich ins Heu. Von hier aus hörte sie die Stimmen der Reiter und der Knechte.

Sie wartete, bis das verkohlte Holz fortgeräumt und der Ochse hervorgeholt wurde. Es ging lebhaft zu, die Leute vom Hofe kamen, nun konnte auch sie zu den Reitern gehen.

Die standen und hockten um ihren dampfenden Braten. Die Haut war abgetrennt und zur Seite geschlagen. Ein jeder schnitt sich ab, was ihm behagte.

Der Hausherr hatte Getränke herausgeschickt.

Als die Männer sich satt gegessen hatten, kam das Gitarrenspiel an die Reihe und der Gesang. Er schallte weithin über die Steppe. Fast alle Angestellten des Landgutes hatten sich zum Abschied eingefunden.

Die Sonne glühte rot in einem warmen Gewölk, als die Männer wieder zur Umzäunung ritten. Sie stellten sich wie am Morgen auf, die langen Stäbe in der Hand. Weiter ab die Lassowerfer.

Am Eingang des großen Pferchs lag ein träger brauner Ochse, ein abgerichtetes Tier, das bestimmt war, die Herde zu leiten.

Man hatte die Ochsen den ganzen Tag ohne Wasser und Futter gelassen. Sie waren ruhiger, aber sie drängten zurück, als die Tür geöffnet wurde.

Einige Reiter galoppierten hinein und trieben sie vorwärts.

Da erhob sich der Ochse, die Schellen an seinem Halsband ertönten. Er trottete in die abendliche Steppe, und die ganze Herde folgte ihm beruhigt.

Sie schloß sich zusammen, wurde ferner, verlor sich in einer orange Staubwolke.

Brito war ein Stück Weges mitgeritten, dann kam er zur Ansiedlung zurück. Manuela sah ihn, aber sie wußte, daß nun alles vorüber war.

Sie ging ihm entgegen. »Zum Direktor, ja?« sagte sie unbefangen. »Ich glaube, er ist nicht im Bureau.«

»So? Na, dann warte ich.«

»Ich kann mal nachschauen –«

»Laß nur« – Brito sah sie an –»du Sammetpfote«. Er lachte und schlug leicht auf ihren Rücken. Ihr Blick schien ihn berührt zu haben. Er wandte sich nochmals nach ihr um. Dann öffnete er die Tür zum Bureau.

Sollte sie sehen, wie er fortritt? Sein Pferd stand im Hof.

Sie lief bis zum letzten Schober und wartete.

Dann kam der Hufschlag, ein leises Klirren, nah. Pferd und Reiter flogen an ihr vorüber.

Wie sie stand und Brito nachsah, bis sie ihn nicht mehr von den vielen dunklen Punkten der in der Ferne weidenden Rinder unterschied, hörte sie einen Schritt.

Sie wandte sich zur Seite.

Das war ja Vincente Delano! Er kam auf sie zugesprungen. »Manuelita, Manuelita!« Er wußte kein Wort zu sagen, nur ihren Namen. Seine Arme umschlossen sie mit inbrünstiger Kraft. »Wie hab' ich dich gesucht,« stieß er hervor.

Einen Augenblick war ihr, als müsse sie den Burschen zurückstoßen – dann drängte sie zu ihm hin.

Sie stürzte sich förmlich in seine Liebkosungen hinein.



10.

Man stieg unter einer schmalen, kühlen Wölbung eine Steintreppe hinauf, öffnete eine Tür, über der eine kleine Laterne glimmte, und stand im Gastraum der Leocadia Barboza.

Was für ein prächtiges Weib war sie doch. Wer konnte solche Pasteten backen, wie sie! Man sah ihr zu, stand um sie herum, roch das gute Fett, den feinen Teig, kostete alles schon im voraus, und man nahm sein dampfendes Gericht selbst in beide Hände und trug es an einen der unregelmäßig umherstehenden Tische.

In einer Ecke war das Büfett, dessen viele Flaschen und Krüge Pepe genau so bekannt waren wie seine zehn Finger. Der hagere, flinke Mann hatte zudem feine Ohren. Er verstand, was man ihm vom letzten Tische des stets von lärmender Unterhaltung erfüllten Raumes zurief. Im Nu glitten seine Hände über die Flaschenreihen dahin, als wären sie Klaviertasten, und er zauberte aus ihnen für seine Gäste einen Rausch hervor, um den ihn mancher Virtuose hätte beneiden können.

Zwischendurch blinkerten seine unruhigen Augen, die Ähnlichkeit mit denen eines Huhnes hatten, immerfort zu Leocadia hinüber, deren Zufriedenheit ihm allezeit eine Ehre war.

Sie stand solide, wie eine herrschaftliche Köchin, vor ihrem Tische, rollte, hackte, schnitt, knetete. Mehrere Mädchen gingen ihr zur Hand. Es gab keine Heimlichkeiten in abseits liegenden Küchen. Jeder konnte die Vorbereitungen zu seinem Mahle genießen. Doch alles war so zurechtgerückt, daß Leocadia ihr Gastzimmer übersehen konnte.

Wenn die Gäste zu dicht vor ihrem Tische standen, schrie sie: »Heda, Platz da, zur Seite treten!« Sie konnte es nicht leiden, wenn man ihr die Aussicht verstellte, und das war begreiflich, denn am Büfett und in dem großen, einstmals weißgetünchten, jetzt speckig grauen Raume, den unzählige Reklamebilder schmückten, stand und lief eine ganze Schar junger Burschen und Mädchen, ihre Angestellten, die allesamt, um der besseren Kontrolle willen, in grellblaue Anzüge gesteckt waren.

Der weite Raum, ungleich aufgehellt, je nach der Größe und dem Zustand der herabhängenden Lampen, war jeden Abend gefüllt: Händler aller Art, hauptsächlich solche, deren Gewerbebetrieb einen öffentlichen Verkaufsraum überflüssig machte, Matrosen, Schlachthausarbeiter, Straßenverkäufer und Männer, deren Herkunft nicht festzustellen war, die meisten in Begleitung einer Freundin oder zufälligen Bekannten.

Sie wußten, hier konnte man alles treffen, hier konnte man spielen, trinken, sich absondern, Geschäfte machen, hier gab es Gänge und Nebenräume: jeder fand, was er suchte.

Der große Vorraum war nur für die Gelegenheitsbesucher der einzige Reiz des »Hohlen Zahnes«; die ständigen Gäste, und ihrer waren viele, gingen nickend an dem Sambo vorüber, der wie ein Türhüter am Eingang in die inneren Räume stand.

Da war die Börse der Edelsteinhändler, die den bis tief ins Land und Gebirge hinein wandernden Suchern ihren Fund abkauften; der Treffpunkt der Konterbandisten, deren weitverbreitetes und trefflich organisiertes Gewerbe es war, den Fluß des bunten Vogels hinauf die vielen Bedarfsartikel zu schaffen, auf die der Nachbarstaat weit höhere Zölle gelegt hatte als die eigene gesegnete Republik; hier war der intime Raum der Spieler, denen die Tische im Gastzimmer, an die ein jeder herantreten konnte, nicht zusagten; und überall verstreut lagen kleine Salons.

Uneingeweihte konnten den vertrauten Gästen ruhig folgen, denn alle, wer immer sie waren und was sie auch suchten, gingen zunächst in den Tanzsaal, der dichtgedrängt voll Menschen war. Von hier aus liefen die verborgenen Nerven des »Hohlen Zahnes«.

Die Gesellschaft im Saale war gleichsam gesiebt. Die rauhesten Elemente kamen selten hinein, denn Ihnen bot das vordere Gastzimmer alles, was sie wünschten.

Der Saal und die hinteren Räume unterstanden Luis Delgado und seinem Stabe.

In diesem Saale, der durch seine Spiegelwände weit größer schien, als er war, und im Reiche der Leocadia Barboza spielten ununterbrochen je zwei Kapellen. Sobald die eine aufhörte, begann die andere. Die Musik aber wurde von den Menschen überschrien. Erst gegen Morgen endete das Getöse.

Um zwei Uhr nachts wusch Leocadia ihre Hände, streifte die Ärmel herunter, band die Schürze ab und machte im schwarzen Kaschmirkleid mit der Spitzentolle ihren Rundgang. Dann gab es keine Pasteten mehr. –

Heute nun hatte sie den Besuch ihrer Tochter, die sich nicht ganz und gar vom »Hohlen Zahn« lossagen konnte, so ungern ihr Mann es sah.

Während die Mutter knetete und rollte und der Vater ununterbrochen wählte, mischte und einschenkte, saß sie, alles scharf beobachtend, mit hochgezogenen Schultern, geduckt und unscheinbar, neben dem tauben Pedro auf einer Bank an der Wand.

Wie eine Spitzmaus sah sie aus.

Ihr Mann, Pablo Rosas, war einst den Diamantsuchern nachgezogen, hatte hier im Hause seine Bekannten getroffen, die ersten großen Geschäfte gemacht, und jetzt hatte er unweit des Schuhputzsalons von Alfredo Gazul ein schmales, blitzendes Juweliergeschäft.

Es gab größere, elegantere Läden, aber er hatte eine lebendige Kundschaft. Jedes Mädchen, das hier oben und in ähnlichen Sälen tanzte, wußte, wohin sie den Freund zu führen hatte, der sie beschenken wollte. Es war ihr eigener Nutzen.

Herr Rosas aber bewohnte eine hübsche Villa in der Nähe des Prado. Seine unscheinbare Frau mußte dort ein buntes Gefieder anlegen, seine Kinder gingen mit einer französischen Erzieherin spazieren, und nur ab und zu kamen »die Großeltern vom Lande« und besuchten sie.

Ach, es war sehr weit.

Pepe, Leocadia und Rosas wünschten es so. Julita Rosas hätte ebenso gern ein paar Zimmer im »Hohlen Zahn« gehabt.

Sie schob dem Tauben hin und wieder einen beschriebenen Zettel hin, und er antwortete mit raschen Worten auf seiner Schiefertafel. Der Lärm war betäubend.

Einige robust aussehende Männer waren in Streit geraten, die Musik gellte, der Sambo reckte sich ein wenig. Er bewegte sich nicht einmal von der Stelle. Diese kleinen Meinungsverschiedenheiten kamen zu oft vor.

Zwei blaue Kreisel schossen an ihm vorbei, ein anderes Mädchen lief auf den Marinhaspieler zu und trommelte mit den Knöcheln dicht neben den Saiten auf seinem Holzinstrument herum, immerfort hoch und aufgeregt kreischend.

Das wirkte: man wandte sich von den Streitenden ab und lachte.

Was für Sprünge die beiden Blauen machten! Die Kleine da mußte man auffangen.

Ein Mann mit einem kurzen dicken Hals nahm sie um die Mitte. Aber in demselben Augenblick lief sein Gesicht krebsrot an. Durch die Tür mit der Laterne war Carlotta eingetreten, violett, weiß und rosig, mit purpurnem Haar, Arm in Arm mit ihr Manuela, einige Schritte hinter ihnen der geschmeidige Franzose im wehenden schwarzen Rock.

Der Einsalzer ließ das Mädchen fahren. Das, das also war Carlotta!

Ganz langsam ging er auf sie zu.

Der Franzose schob sich zur Seite.

Carlotta zitterte.

Er sah ihr dicht ins Gesicht. »Eine Leiche bist du, ein bemalter Kadaver,« sagte er leise, deutlich.

Es war Carlotta, als ob sich eine Eisschicht um sie gebildet hätte. Sie blieb stehen. Es wurde ganz still um die beiden.

Manuela lächelte. Sie warf ihren schwarzen Mantel auseinander. »He, was gibt's? Laßt uns durch!« und sie stieß sich rücksichtslos zur Barboza hin, Carlotta hinter sich herziehend.

Der Einsalzer wandte sich geekelt ab.

Plötzlich rief er: »Hinaus mit den Parfümierten, den Seidenhemden!« Und damit hatte er ein Schlagwort gesagt. Er suchte den Franzosen, aber sein Haß wälzte sich auf alle, die nicht seinesgleichen waren.

Die eben eingedämmte Streitlust war neu entfacht.

Ja, es waren viele unter ihnen, die wie Matrosen, Reiter, Leute aus den Schlachthäusern aussahen, an ihren verzärtelten Körpern aber parfümierte seidene Hemden trugen.

Das übersättigte Mannsvolk aus den Villen, das hier neuen Anreiz suchte. In ihren feinen Tuchröcken und Lackschuhen konnten sie nicht durch die schräge, wirr bebaute Mulde in den »Hohlen Zahn« hineingehen.

»Hinaus mit ihnen!«

Die Lust am Lärmen und Raufen hob diese Eindringlinge bisweilen empor und beförderte sie an die Luft. Im ganzen beachtete man sie nicht, es waren ihrer zu wenige, sie verschwanden in der Menge. Aber sie mußten stets auf der Hut sein, um ihre Umgebung nicht zu reizen, wenngleich sie wiederum an den Spieltischen gerne gesehen waren.

Heute aber fand des Einsalzers Ruf Widerhall. Das Raufen lag in der Luft. Und wie gewöhnlich bildeten sich Parteien und wurden Unrichtige ergriffen.

Der erste aber, der die steinerne Treppe hinunterflog, war Carlottas Franzose.

Er war schon an der Tür, wollte schleunigst das Weite suchen, doch Alfonsos Fäuste erreichten ihn noch.

Dann tauchte der Sambo auf. Dies war seine Stunde. – –

Manuela, Carlotta und ein junger Mann in einem abgerissenen Anzug, ein Tuch um den Hals geschlungen – er hatte schon über eine Stunde lang bei Leocadia Barboza gestanden –, verschwanden hinter einer schmalen Tür neben dem Herd. Die Pastetenbäckerin stopfte sie gewaltsam in ihren Vorratsraum und schloß sie ein.

Erst mußte der Einsalzer mal auf der Straße sein, und den kleinen Grafen sollte ihr niemand anrühren.

In der Mitte des großen Vorraums aber erdröhnte eine erfrischende Schlacht. War die Spannung einmal da, dann mußte sie auch gelöst werden. Das war Leocadias langjährige Erfahrung. Nachher war die Stimmung um so besser.

Einzig Pepe zappelte wie eine flügelschlagende Henne vor seinen Flaschen herum, die Hände wie zur Abwehr und zum Auffangen abirrender Geschosse erhoben. –

»Weshalb haben Sie sich in die Vorratskammer stecken lassen, Henri?« fragte Manuela den nachlässig aussehenden Menschen. Sie zog seine Hand aus der Rocktasche. »Der sieht jeder das seidene Hemd an. Sie hätten mal ordentlich losgehen sollen.«

»Wozu? Ich hab' keine Lust. Solche Scherze kann ich jeden Tag am Hafen haben. Ich liebe das nicht.« Er trat dicht vor Manuela hin. »Sie wissen ja, weshalb ich komme.« Seine großen, tiefliegenden Augen, weich und heiß, suchten die ihren festzuhalten.

Carlotta schluchzte.

»So laß doch, Lotta,« sagte Manuela, sich zur Seite wendend, »wie siehst du nachher aus!«

»Ach was! Der Alfonso hat ihn gepackt, ganz sicher.«

»Glaub' doch das nicht. Dein André drückte sich ja schon, kaum daß er ihn sah.«

»Nein, ich glaube es nicht.« Carlotta schluchzte weiter.

Henri hatte Manuelas Hand ergriffen. »Kann ich Sie denn wirklich nirgendwo treffen als hier oben?«

»Nein. Ich wohne hier – habe auch meinen Kontrakt.«

Henri zog sie zu sich heran. »Manuelita, habe ich Ihnen nicht längst gesagt, daß ich jeden Kontrakt für Sie löse?«

Das Mädchen sah ihn an. Ein reizvolles, fast knabenhaftes Gesicht, zarte, nervöse Züge, die dunklen Augen des Südfranzosen, weiche, wellige Haare.

»Ah, mein Kleiner,« sagte das junge Ding und fuhr ihm liebkosend über die Wange. Schnell faßte er auch diese Hand, preßte sie zitternd an sich. »Manuelita, alles – alles,« stammelte er, »sag' es nur.«

Manuela bog den Kopf zurück. »Lassen Sie das, Henri, möglich . . .«

»Was ist möglich?«

»So lassen Sie doch meine Hände los! Möglich, daß ich morgen, übermorgen – irgendeinmal ›ja‹ sage. – Heute,« sie lachte laut, »heute sicherlich nicht!«

»Das sagen Sie immer.« Henri ließ enttäuscht von ihr ab.

»Hören Sie nur, wie der Sambo brüllt,« sagte sie, den Körper vorneigend. »Es ist zu dumm; ich möchte es sehen.« Sie klopfte gegen die Tür.

»Gleich, gleich, zieh' den Mantel aus!« rief die Barboza.

»Ah, ich soll tanzen. Na, dann ist der Spaß da draußen schon im Abnehmen.« Und, sich an Henri wendend: »Ich hab' schon mal hier vorne getanzt. Nach einer prächtigen Keilerei. Sie holten mich aus dem Saal.«

»Ich will es nicht,« sagte Henri heftig, »sie sollen nicht!«

Manuela sah ihn interessiert an. »Wie wollen Sie das verhindern? Sie sprechen mit der Barboza, gewiß, aber ich muß doch auch gefragt werden! Es macht mir Freude.«

»Morgen schicke ich Ihnen mein russisches Gespann,« sagte der junge Mensch.

Manuela liebte es sehr. Sie überlegte eine Weile. »Gott, Carlotta, wie siehst du aus! Sehen Sie nur, Graf!« rief sie laut. Das Mädchen hatte sich beruhigt und strich mit dem Taschentuch rücksichtslos über ihr geschminktes Gesicht. Währenddessen hatte Manuela ihre Hand leicht auf Henris Nacken gelebt. »Gut, also morgen,« sagte sie nachlässig.

»Wohin?«

»Zum Hippodrom. Ich werde am Eingang sein, um vier Uhr. Vorher reite ich.«

»Ich komme zur Bahn.«

»Mir recht,« sie sah kühl an ihm vorüber.

»Manuelita – eine Frage. Was ist mit dem großen Blonden?«

»Ich weiß nicht. Kenne ich gar nicht.«

»Was? Sie haben fast täglich mit ihm geritten.«

»Möglich. Ich kenne so viele. Lassen Sie doch den Unsinn. Immer diese Fragen. Das ist mir nur lästig.« Sie sah zu ihm hin. Plötzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände. »Henri, Henri, so sei doch gescheit, Kerlchen.«

Seine Augen wurden feucht. »Ich kann ja nicht, Manuela.«

»Man meint das so,« sagte sie, wie in etwas Fernes hineinsehend.

»Nein, ich weiß es . . .« Er nahm ihre Hände und küßte sie.

Die Barboza riß die Tür auf. »So, jetzt ist's Zeit,« rief sie.

Manuela warf den Mantel ab. Sie trug ein ganz leichtes, goldgelbes Kleid. Um ihren rechten Oberarm lief eine eigentümliche, bunte Bemalung.

So wie sie da war, sprang sie in den Saal hinein, mit einem hellen Aufschrei.

»Die grüne Manuela, die grüne Manuela!« Die Nahestehenden klatschten in die Hände. Die Musikkapelle begann zu spielen. Hinten im Saal ging es noch tumultuös zu.

Aber Manuela tanzte. –

Da schlich sich Carlotta zur Tür hinaus. Durch die krummen Straßen lief sie, nahm einen Wagen und fuhr zu Andrés Wohnung.

Ein Freund von ihm, der an demselben Flur wohnte, war damit beschäftigt, die Sachen des Franzosen einzupacken.

Kaum, daß Carlotta hereinkam, sprang er auf sie zu, fuchtelte mit beiden Händen aufgeregt vor ihrem Gesicht herum und sagte: »Sie müssen auch packen, sofort, sofort. Gehen Sie. André holt Sie morgen mittag ab. Alles einpacken, verstehen Sie? Mein Freund läßt sich nicht sein Nasenbein zertrümmern oder ein Auge einschlagen. Sie fahren mit ihm den Strom hinauf bis zur nächsten großen Stadt oder weiter, was weiß ich. Nur schnell fort und nichts vergessen. Hier war ohnehin der Rahm abgeschöpft. Ich soll auch schön grüßen.« Damit schob er sie aus der Tür hinaus. – –

Nach einer Weile öffnete sich der Kleiderschrank. André kam hervor, hinkend, mit einer Beule am Kopf

Die beiden lachten.

»So, das wäre überstanden. Und nun noch den Wagen, amigo. Fährst du mit zum Dampfer?« André trat vor den Spiegel und strich besänftigend über seine Beule.

»Warum nicht? Gerne. Wärst besser schon vor zehn Tagen abgefahren, dann hättest du dir das erspart. Was macht das Bein?«

»Oh – auf dem Schiff kuriere ich es aus. Gewiß hätte ich längst reisen sollen. Man ist immer noch zu sentimental. Mit dem Geschäft war nichts mehr los.« Er klappte seinen Handkoffer zu. »So ein blödes Frauenzimmer. Wenn sie wenigstens mal etwas Neues erfunden hätte. Aber nein: Tag für Tag leierte sie herunter, was man ihr mit Mühe beigebracht hatte. Dieselben Bewegungen, dasselbe Gesicht, und, weiß Gott, Tag für Tag dieselbe Liebe! Na, nun ist's aber Zeit. Der Wagen.«

Sein Freund lief auf die Straße.

Und dann fuhren sie zu einem großen Ozeandampfer, der früh am Morgen den Hafen verließ.

Gegen Mittag brachte ein Bote Carlotta die Fahrkarte für den Flußdampfer und einen Brief.

André wäre zur Vorsicht mit der Post gefahren. Sein Freund bezeichnete den Ort, an dem sie ihn treffen würde.

Dieser Scherz war den beiden im letzten Augenblick eingefallen.

»Weshalb soll sie nicht mal eine kleine Vergnügungsreise machen?« sagte André und zog gutgelaunt seinen Geldbeutel. »Die Hochzeitsreise!« fügte er lachend hinzu.

Und Carlotta machte es wirklich ein großes Vergnügen, einmal etwas anderes zu sein, als eine von allen Seiten begaffte Drahtpuppe. Sie saß in einem Sessel des großen Salons und hörte dem Spiel eines tüchtigen Pianisten zu, den eine Weltfirma engagiert hatte, um ihre Instrumente hier einzuführen.

Wenn der zweistöckige, dicht besetzte Dampfer für längere Zeit hielt, wurde stets eine Konzertanzeige ausgehängt. Jeder vom Land konnte sich kostenlos einem seltenen Genusse hingeben und zugleich die gute Küche des Schiffs erproben. Es war überhaupt ein lustiges Kommen und Gehen an Bord des Flußdampfers und ein bunter Verkehr auf dem Strome selbst. Das alles genoß Carlotta ungetrübt, bis zu dem Tag, an dem sie es sich eingestehen mußte, daß der Franzose sie verlassen und obendrein noch seinen Scherz mit ihr gehabt hatte. Diese Einsicht aber kam ihr so spät, daß sie längst bei einem Weinwirt in Stellung war. Sie hätte sonst verhungern können.



11.

An den Anschlagsäulen stand mit weithin sichtbaren Lettern: Die grüne Manuela tanzt. Und nach einiger Zeit konnte man lesen, wo sie tanzte.

Sie war schon berühmt. Sie war das Gespräch der jungen Leute in den Klubs und auf den Sportplätzen, im Theater und an der Börse.

Und daß sie im »Hohlen Zahn« tanzte, daß sie nicht zu bewegen war, auf einer großen Bühne aufzutreten, erhöhte ihren Reiz.

Die Tanzmädchen da oben waren nicht viel besser als die des Chinesenviertels, aber dann kam Manuela. Wann, das wußte man nicht. Aber sie kam jeden Abend.

Dort, wo sie tanzte, wurden dunkle Vorhänge über die Spiegelwände gezogen, ein Tuch über die erhöhte Bühne gebreitet und sie stand daneben, duftend, köstlich bemalt, unter einem farbigen Schleier.

Es war, als ob die alte Schminkerin, Mütterchen Valdéz, Ägyptens versunkene Tempelfriese zum Leben erweckt hätte. Bunte Ornamente, Sinnbilder der Liebe, der Fruchtbarkeit, der Jugend, in immer neuer Wahl, neuen Farben, waren in phantastischer Anordnung auf den jungen Körper gemalt. Niemals trug die grüne Manuela ein Schmuckstück. Nur über dem linken Knie saß eine goldene Spange, an der ein paar Münzen klimperten. Sie war wie ins Fleisch eingewachsen. Die braunen starken Locken waren so kurz geschnitten, daß der Nacken frei blieb. – –

Ihr Körper war völlig in ihrer Gewalt, bis in die letzten Bewegungen der Hände hinein, aber sie tanzte niemals einen Kunsttanz. Sie rief der Musik zu, was sie gerade brauchte, dann sprang sie auf das Podium und tanzte, was sie wollte.

Und alle warteten auf den Augenblick, wenn sie den Schleier fallen ließ. Zitternde Wellen voll Inbrunst durchliefen sie. Es war wie damals in der Steppe, als Carlos sie in der Milonga umwarb. Leise singend bog und dehnte sie sich. In unbegreiflicher, somnambuler Verzückung vermochte ihr Körper, wie in schwebender Ruhe, in Stellungen zu verharren, die anderen nur für kurze Augenblicke im Tanze gegeben waren.

Von Stille umsponnen, von Stille geliebkost, stand sie da, in ihrer Ruhe unendlich lebensvoll.

Plötzlich schnellte sie dann empor, stieß den Ruf eines Steppenvogels aus, nahm ihren Schleier und lief davon.

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

»Ja, das sagst du immer. Immer Liebe, Liebe. Wenn ich aber einmal etwas Besonderes von dir verlangte –«

»So tu es doch, Manuela, ich bitte dich darum. Was ist es denn?«

»Ich weiß selbst nicht, Henri, ich habe alles.« Sie zog die Ringe von ihren Händen und warf sie in das gefüllte Sektglas. »Ich schütte sie hier über die Brüstung auf den Weg.«

Graf d'Amiron sah ihr in die Augen.

»Tu es doch, Manuelita,« wiederholte er.

»Ach, Unsinn!« Sie lachte und trank aus dem Glase. »Wie gut sie aussehen.« Und nach einer Welle: »Ich hätte doch einen Wunsch.«

»Was denn?« Er ergriff ihre Hand. »Sag' es mir. Ich will nicht, daß irgendein Mann außer mir deine Wünsche auch nur kennt. Mein Liebling, du weißt es, ich könnte ein Verbrechen für dich begehen. – Ich ertrage es nicht mehr. Es ist eine Folter.«

Sie saßen auf der Terrasse eines Restaurants im Prado.

»Sehen Sie nur den jungen d'Amiron,« sagte eine ältere Dame zu ihrem Begleiter; »die arme Mutter!«

Sie lehnte sich in ihren Wagen zurück und gedachte der grauhaarigen Frau, die mit ihrem spätgeborenen einzigen Sohne hierhergekommen war, weil seine Gesundheit es verlangte.

»Ja, Graf d'Amiron hat den schlechten Geschmack, sich vor aller Augen für diese Tänzerin zu ruinieren.«

»Ach, ruinieren! Mein Lieber, die Gräfin ist unendlich reich.«

»Trotzdem. Ich dachte nicht an Geld.«

»Wieso?«

»Sie zieht ihm das Mark aus den Knochen, zerbricht ihm den Willen, macht ihn zu ihrer Puppe – für was?«

»Da müssen Sie mich nicht fragen, mein Freund,« sagte die Dame lächelnd, »das ist eine männliche Angelegenheit.«

»Schließlich, wir können offen miteinander reden. So alte Bekannte, nicht wahr? Der Junge hat ja nicht einmal Erfolg. Wir haben ja alle in unserer Jugend mal eine Dummheit gemacht, aber doch nicht solche Don-Quichoterien. Man verwickelte sich da in irgendeine Geschichte, ging hindurch, meinetwegen versengte man sich auch ein wenig, aber dann war's erledigt, man war gesund. d'Amiron kann nicht leben und nicht sterben. Das Weib läßt ihn nicht los und nimmt ihn nicht.«

Manuela träumte in den Abend hinein. Sie ließ die vielen Liebesworte über sich dahingehen.

»Ich habe da in der Zeitung gelesen,« sagte sie nach einer Weile, »daß deine Mutter eine ganz berühmte Perlenschnur mit einem großen Schloß hat, das als Schmuckstück vorn auf der Brust liegt. Die möchte ich gern einmal sehen,« sagte sie. Sie hatte es sich in diesem Augenblicke erst ersonnen. Ihre Augen sahen abwesend in das Laubwerk.

»Es ist nicht viel daran zu sehen, Manuela, ein Familienschmuck, einstmals von einem französischen König einer Vorfahrin geschenkt. Er soll sehr kostbar sein.«

»Ja, das las ich. Deine Mutter hat ihn bei dem großen Empfange getragen, auf einem gelblichen Spitzenkleid.« Die kleine Straßenverkäuferin erwachte in ihr. »Weißt du, ich werde nach der Maiandacht im Korso fahren, in einem gelblichen Spitzenkleid.« Sie wandte sich lebhaft zu d'Amiron hin. »Du zeigst mir die Perlen mit dem großen Schloß, ja?«

»Das geht nicht, Liebste, ich kann meine Mutter doch nicht darum bitten, daß sie mir die Kette einen Tag lang überläßt.«

»Das geht nicht, sagst du? Vorhin behauptetest du, du würdest alles, einfach alles für mich tun. Sieh, und das wünsche ich mir nun mal.«

»Nein, das war es nicht,« sagte Henri, »du machst dir kaum etwas aus Schmuck.«

Manuela hatte ins Blaue hinein gesprochen, hatte gar keine besonderen Wünsche gehabt, jetzt aber reizte es sie, zu sehen, was Henri für sie tun würde.

»Ja,« sagte sie langsam, »es ist wahr, ich habe mir nie etwas aus Schmuck gemacht, aber als ich die Beschreibung las, da dachte ich, so etwas möchte ich ein einziges Mal tragen, beim Tanz. Immer wieder mußte ich daran denken.«

»Liebling, wünsch' dir nichts, was ich einfach nicht erfüllen kann.«

»O nein, du wirst sie mir bringen. Ich werde zum Dank das tun, was du dir immer gewünscht hast: für dich allein werde ich tanzen – mit den Perlen – o ja, in meinem eigenen, schönen Raum, den du nicht kennst.« Sie sah, wie es ihn erregte. »Es ist ja gar nicht so schwer. Um diese Zeit sind viele Gesellschaften. Du bringst mir die Perlen, ja, ich weiß, du tust es. Vielleicht sucht man sie zehn, zwölf Stunden lang. Was schadet das? Nachher legst du sie irgendwohin – auf den Toilettetisch, auf ein Sofa – kannst sie ja selbst finden.« Der Gedanke machte ihr Freude, sie rückte näher zu ihm heran.

»Sieh, Henri, das wäre noch mal etwas Besonderes. Ich möchte die Perlen tragen, das große Smaragdschloß mit den drei langen Tropfen, das der französische König schenkte. Du sagst nicht ›nein‹.«

»Manuelita –«

»Ach, sag' nichts. Komm', wir fahren zum ›Hohlen Zahn‹.« Ihr Einfall entzückte sie. »Ich zeige dir meinen privaten Tanzraum. Niemand findet sich allein hin. Im ›Hohlen Zahn‹ sind viele Türen, Gänge und Winkel. Das mußt du einmal sehen. Behalten kannst du es doch nicht. Die Valdéz kommt heute abend. Sie kommt in einem drolligen alten Wagen. Wenn du mir die Perlenkette bringst – – nun, wir sprechen noch darüber.« Manuela stand auf. – – – –

Seit diesem Abend ging d'Amiron fiebernd umher. Er sah den merkwürdigen, niedrigen Raum, von Düften erfüllt. An den Wänden entlang war gelber, chinesischer Stoff gespannt, über den regellos, einzeln und in Zügen, schwarze, schlanke Vögel flogen. Die Decke war dunkelblau getüncht. Auf dem Boden lagen bunte Teppiche. Von der Wand abgerückt ein breites, mit Fellen und feinen Leinentüchern bedecktes Ruhebett, ein niedriger runder Tisch daneben, einige gepolsterte Hocker, in einer Ecke Schrank und Toilettetisch. Das war alles.

Die niedrige blaue Decke, die gelben Wände mit den fliegenden Vögeln, der weiche Boden und Manuela, vor der die magere Alte saß und ihre Figuren ausmalte, diese Vorstellung verließ ihn keinen Augenblick.

Er saß nun oft neben seiner Mutter, wenn sie von einer Gesellschaft kam, betrachtete den Schmuck, sah ihn neben sich liegen, und der Gedanke, daß er die Perlen für eine kurze Zeit nehmen könnte, schien ihm nicht mehr so ungeheuerlich. Seine Sehnsucht nach Manuela betäubte ihn.

Er fühlte dunkel, daß ihre Laune mit der Zeit feste Formen angenommen hatte, daß sie heftiger wurde, je länger er zögerte. Manuela war fähig, den Schmuck länger behalten zu wollen. Hatte sie ihm nicht gesagt, daß sie ihm angehören würde, solange sie die Perlen trüge? Sie hatte es leicht hingeworfen, wie einen Scherz. Aber ihre Scherze konnten sich in Wahrheit verwandeln.

Er versuchte es, seiner Mutter einzureden, das Schloß müsse nachgesehen werden, es sei nicht ganz in Ordnung, und die alte Frau nahm die Kette, probierte immer wieder die Feder und fand sie fest und gut.

Allmählich erfaßte ihn unbezähmbares Verlangen. Seine Mutter, die Zofe, die anderen Angestellten, ihre Gewohnheiten, die Tageseinteilung, alles bewachte er. Er tat es mit einer unsinnigen Ungeduld, denn Manuela beachtete ihn kaum noch. Sie lächelte spöttisch, wenn er mit leeren Händen kam.

Die alte Gräfin aber war glücklich. Ihr Sohn war die letzte und einzige Liebe ihres Lebens. Ihm gehörte ihre ganze Zärtlichkeit, vor ihm, dem verwöhnten, zarten und schönen Kind, zerrannen Wille und Stolz. Wäre er gekommen und hätte sie um die Perlenschnur gebeten, hätte es ihr offen gesagt, daß Manuela sie wünschte, auf kurze, auf eine längere Zeit, sie hätte sie ihm gegeben. Ihr war bekannt, was alle wußten, aber niemals sprach sie davon. Sie bat ihn nur immer wieder, mit all der Zartheit und Geduld einer Mutter, die nur eine große Liebe kennt, diese Stadt zu verlassen, nach Paris zu gehen, auf das Schloß in der Provence, auf Reisen. Alles, was er wünschen konnte, trug sie ihm entgegen, wenn er nur von diesem Mädchen ließ.

Und jetzt war er liebevoller als sonst, verbrachte lange Stunden mit ihr, begleitete sie in das Theater, in die Gesellschaften, die er mehr und mehr gemieden hatte.

Wenn sie müde war, konnte sie den Kopf an seine Schulter lehnen. In dem halbdunkeln Wagen sprachen sie vertraulich miteinander. Oft saß er spät noch an ihrem Bette, hielt ihre Hand – und er kämpfte, kämpfte mit sich, denn auch ihm kam in dieser Zeit die Mutter näher, deren Liebe er über seinem leidenschaftlichen Verlangen nach Manuela fast vergessen hatte.

Er belauerte seine Mutter, und es machte ihn krank.

An einem stillen Abend – sie saßen in der Mutter Wohnraum – preßte er sich an sie, wie als Kind. Sein Herz bettelte: gib sie mir, gib sie mir. Und er dachte an Manuela und nicht an die Kette.

Er wußte, daß er spät in der Nacht im Tanzsaal mit den Spiegeln in stummer Verzweiflung neben einem anderen Stummen sitzen würde: Pedro.

Die Mutter sprach von Paris, und daß es nun wirklich Zeit würde, zu reisen.

Dann kam die Zofe herein – eine Frau, die schon jahrelang im Dienste seiner Mutter war – um den Schlüssel. Jetzt würde sie das Tresor öffnen und Schmuck auswählen, irgendein bescheidenes Stück, da die Mutter bei einer Freundin in kleinem Kreise speisen wollte.

Er wußte so genau, wo die Kette lag.

In nervöser Unruhe stand er auf, ging im Zimmer umher, auf die Veranda, durch eine andere Tür ins Haus zurück, und dann stand er vor dem geöffneten Tresor. Die Zofe war im angrenzenden Schlafzimmer.

Auf dem Toilettentisch lagen eine verschnörkelte alte Brillantbrosche und Ohrringe.

Henri ging an das Tresor, nahm die Perlenkette, schloß das Etui, stellte es an seinen Platz zurück und rief der Zofe zu: »Diese Brosche hier ist mir eigentlich die liebste, sie hat sehr schöne Formen.« Er nahm sie in die Hand und trat unter das Licht.

Die Frau kam herein, ein dunkles Chiffonkleid auf dem Arme. Sie legte es über einen Stuhl.

Henri hörte ihre Antwort. Sie war für ihn ohne Inhalt. Seine linke Hand umfaßte die Perlenschnur, die er in die Tasche seines Jacketts gesteckt hatte.

Doch blieb er stehen und beobachtete die Frau.

Sie traf einige Vorbereitungen, schloß das Tresor ab und ging hinaus. Henri folgte ihr.

Er ging zu seiner Mutter.

Die saß noch, wie er sie verlassen hatte. Henri rückte sich einen Sessel heran, und während er vornübergebeugt das Muster des Teppichs betrachtete, erzählte sie ihm irgendeine belanglose Geschichte aus der Gesellschaft.

Das beruhigte ihn. Er würde die Kette zurücklegen. Es war einfach, es gab tausend Möglichkeiten für ihn, den Sohn. Tiefinnen aber saß immer der Gedanke: Manuela wird die Kette nicht hergeben. Es ging ihr nicht um den Wert des Schmuckstückes, nein, das nicht, aber das Abenteuerliche, Erregende würde sie reizen. –

Er fuhr mit seiner Mutter bis zur Plaza Independencia, um im Klub zu speisen. Immer wieder drängte es ihn, offen mit ihr zu sprechen. Der Abschied fiel ihm schwer. – –

Als er spät in der Nacht zum »Hohlen Zahn« kam, hatte Manuela noch nicht getanzt. Sie saß in einem einfachen, nachlässig geschlossenen Kleid im vorderen Raums an Pepe Barbozas Schenktisch. Henri hatte sie selten so gesehen. Bisweilen überkam sie die Lust, nichts anderes zu sein als ein Mädel aus dem Volke, das frisch aus der Steppe kommt. Und nie war sie reizender.

Es war noch viel Spielerei und Reinheit in ihr.

Als Henri auf sie zuging, kam gerade irgendein Hafenarbeiter, der vielleicht zum ersten Male hier oben war und nichts von der grünen Manuela wußte, trank ihr zu, scherzte mit ihr, und dann führte er sie zur Mitte des Raumes, wo einige Paare tanzten. Und sie überließ sich der Leitung dieses Mannes, ganz wie irgendein anderes junges Ding.

D'Amiron sah ihr zu, und zum ersten Male empfand er Weiches, fast Liebliches in ihr, das ihre Keckheit sonst verbarg. Sie hatte etwas von einem großen lustigen Kinde. Die innige Zärtlichkeit, die er für sie empfand, in der Stunde, die ihm endlich Erfüllung bringen sollte, überdeckte seine letzte Reue, die letzten Bedenken.

Er war nicht derb genug, sich einen Genuß – und sei es der allerhöchste – bewußt und berechnend zu erkaufen, er liebte das Mädchen wirklich, das so losgelöst von Vergangenheit und Zukunft mit einem einfachen Burschen tanzte, als sei es ein Sonntagsvergnügen.

Und als er dann auf sie zutrat und auch um einen Tanz bat, hatte er etwas von einem Jungen, der sich auf eine Überraschung freut.

Sie fragte gar nicht, sie sah ihn an und wußte sogleich, daß er das Schmuckstück bei sich trug.

Manuela hatte kaum noch darauf gewartet, sie legte während des Tanzens einen Augenblick ihre Wange an die seine und sagte: »Ein lieber Kerl bist du, Henri, ein guter.« Seine Tat erfüllte sie mit gerührtem Staunen. Dann aber kam sogleich eine prickelnde Lust. Würde es nicht die ganze Gesellschaft, die abends im Prado an ihr vorübergefahren war, aufwühlen, wenn die berühmte Perlenkette fehlte, gestohlen war? Und niemand, niemand konnte es ahnen, von wem. Das mußte sie erleben. Nein, sie gab den Schmuck nicht her. Henri konnte ihr das nicht abschlagen.

Sie zog ihn nach dem Tanz mit sich fort, durch Gänge und Türen, die niemand vermutete, und dann standen sie in dem niedrigen Raume mit den gelbbespannten Wänden und der blauen Decke.

»Gib die Perlenschnur her,« rief sie fröhlich, »sieh, sieh, wie herrlich sie mich kleidet!« Sie legte die Kette um ihren Hals, und noch während sie das Schloß befestigte, begann sie, sich zu drehen.



12.

Nein, sie gab die Kette nicht her, an keinem der nächsten Tage. Sie war voll Wermut, voll Spannung. Sie zog Henri in ihren Rausch hinein. Es war nicht schwer. Die erregende Heimlichkeit zwischen ihnen machte sie überschwenglich zärtlich. Sie kannte sich selbst kaum wieder.

Hatte sie jemals so das Leben in ihren Adern gefühlt seit damals – – damals in der Steppe.

Wo mochte Brito sein?

Der Gedanke an ihn hatte etwas Düsteres, Starkes. –

Immer wieder lief sie zu Pedro, ihrem einzigen Vertrauten, und zeigte ihm die Perlen. Waren sie nicht wirklich wunderschön? Und Pedro betrachtete sie ganz genau, behielt sie stundenlang in seinem Arbeitsraum.

Was sollte dieser junge Fant da mit der Perlenschnur? Eines Tages würde er sie seiner Braut schenken.

Weshalb sollte die Mutter, die alte Frau, sich mit diesen Kostbarkeiten schmücken?

Einer hatte sie genommen, gewiß. Das stand fest in seinem Kopfe. Perle für Perle war aus dem Schweiß und Blut, aus der Ehre der Ärmsten. Ein Peso nach dem anderen war Hilflosen ausgepreßt worden, bis man so eine Perle, viele solcher Perlen kaufen konnte. Das da, diese Schnur, dieses prachtvolle Schloß, es war wie ein zusammengefaßtes Unrecht. Aller Besitz kam von Ausgebeuteten; er mußte zu Ausgebeuteten zurückkehren.

Und dieser Graf d'Amiron – was nahm er sich, was? O, Manuela!

Konnte das je mit Perlen bezahlt werden?

Seine, seine eigenen Qualen, hätte er sie mit diesen Perlen bezahlen lassen? Nein, sie waren zu groß.

Ein läppisches Ding, dieser Halsschmuck. Es gab andere Werte auf der Welt! Aber wem der Tand da gehörte, der war frei. – –

Eines Tages kam Manuela übermütig in sein Arbeitsstübchen gerannt. »Seine Mutter hat es entdeckt. Die ganze Kriminalpolizei ist in Bewegung. Heimlich!« Sie setzte sich auf eine Ecke seines Tisches und lachte. »Das ist ein Hauptspaß!« rief sie, und was Pedro nicht von ihren Lippen las, ergänzte sie durch die Kinderzeichensprache.

Pedro nahm das Schmuckstück nachdenklich in seine Hand.

»Man darf sie nicht bei dir finden,« sagte er, »laß sie mir.«

»Nein, nein! Ich will sie auf der Haut fühlen. Ich gebe sie nicht her. Jetzt nicht!«

Pedro suchte sie zu überreden, aber nichts half. Er hatte sie all die Zeit nicht so ausgelassen fröhlich gesehen.

Schließlich nahm er ihr das Versprechen ab, sie sollte von Henri eine schriftliche Bescheinigung verlangen, daß er ihr die Kette geschenkt hätte; denn ihm würde ja niemals ein Leid geschehen, was auch kommen möchte.

Ach, das war ja einfach – gewiß, sie wollte ihn gleich heute bitten.

Henri aber nahm es nicht leicht; dennoch fügte er sich. Er konnte nicht anders.

Und immer spürte er, daß Manuela im Grunde nichts an der Kette lag. – –

Als die heimlichen Nachforschungen zu nichts führten, wurde der Diebstahl des berühmten Schmuckstückes zu einer öffentlichen, Aufsehen erregenden Angelegenheit. Man las darüber in allen Zeitungen, es wurde eine hohe Belohnung für jeden ausgesetzt, der irgendwelche Angaben machen konnte – und für den jungen d'Amiron wurde es immer schwerer, die Perlen wieder in die Kassette zu legen, oder auch nur in ein Zimmer seiner Mutter, denn man hatte alles auf das sorgfältigste untersucht.

Doch er ließ sich treiben, er hatte allen Widerstand aufgegeben. Manuela war glückselig, sie trug den Schmuck unter ihrem Kleide. Wenn seine Hand die Perlen tastend berührte, waren sie ihm wie ein Unterpfand. – – – – –

In Real de San Carlo war Stierkampf. Die Arena war dicht besetzt.

Henri und Manuela hatten eine Loge. Weit über ihnen, zusammengepreßt und erhitzt, saßen Luis Delgado, Pedro und Pepe Barboza; Luis Delgado, wie immer, in einem ehrbaren schwarzen Rock. Er sah wie ein bescheidener Bürgerdeputierter aus. Pepe drang die freudige Erwartung aus allen Poren. Pedro beobachtete Manuela, ihre Bewegungen, ihr Lächeln, ihre funkelnde Lebhaftigkeit.

Ein Hornsignal, und die Toreros hielten ihren feierlichen Einzug. Die Musik brannte, das Volk begrüßte schreiend seine Lieblinge.

Zuerst kamen die Picadores auf Pferden in spanischer Rittertracht mit einer Lanze, dann die Banderilleros zu Fuß, mit Bändern geschmückt, grellfarbige Tücher in der Hand und, den Zug beschließend, die Espadas in schillernd bunter Kleidung, ein blankes, kurzes Schwert in der Rechten, in der Linken einen Stab mit scharlachrotem Seidenzeug tragend.

Sie zogen um die ganze Arena herum, stürmisch bejubelt.

Dann ein neues Zeichen, und der Stier erschien. Dumpf, wie geblendet, stand er da. Ein mächtiges, dunkles Tier. Die Picadores sprengten auf ihn zu, versuchten ihn zu reizen, ritzten seine Seiten mit ihren Lanzen die Banderilleros standen mit ihren grellen Tüchern in angespannter Haltung da, um sie dem Stier über den Kopf zu werfen, sobald ein Pferd stürzte oder einer der Picadores verwundet wurde. Andere hielten ihre kleinen bebänderten Harpunen in Bereitschaft, die Schwärmer und explodierenden Geschosse, die ihn zur äußersten Wut aufstacheln sollten.

Das Tier wehrte die Picadores ab, es stürzte bösartig, in verhaltener, grollender Wucht vor, in kurzen Stößen und Wendungen. Die Harpunen und Schwärmer schwirrten, das Volk tobte.

Die Toreros standen in prachtvoller Haltung in der Arena. Jeden Augenblick konnte das gereizte Tier losstürmen und einen von ihnen annehmen. Ihre scharlachroten Tücher bauschten sich.

Es war ein köstliches Bild, diese bunte Bewegtheit auf dem tiefgelben Sande, die wogende Menge, unzählige leuchtende Farbentupfen, überwölbt vom metallblauen Himmel und alles golden durchflutet von strahlender Lichtfülle.

Manuela lehnte sich gebannt und entzückt über die Brüstung der Loge.

Da stürzte der Stier unerwartet mit dröhnendem Gebrüll vorwärts auf das flammend rote Tuch eines Espada los. Den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen.

Der sehnige Bursche trat leicht mit unerhörter Kaltblütigkeit auf die gesenkte Stirne und schnellte über ihn hinweg. Sein Körper stand einen Augenblick steil in der Luft.

Die Zuschauer rasten vor Entzücken, der Stier aber rannte tollwütig weiter, nur das Tuch des nächsten Torero sehend.

Unter Manuelas Loge saßen einige Steppenreiter. Sie warfen dem jungen Espada, der über den Stier weggesprungen war, Geld in die Arena und riefen ihm begeistert zu.

Manuela sah hin, ihr Blick blieb starr haften, sie sah Britos etwas hartes, dunkles Profil.

Sofort wandte sie sich zu Pedro, der weit hinter ihr saß. Seine Augen waren wohl die einzigen, die jetzt nicht an dem Stier und dem Espada hingen, der bereit stand, das mächtige Tier abzustechen.

Sie hob ihre Hände auf und bedeutete ihm mit hastigen Zeichen, daß sie ihn sofort sprechen müßte.

Er zuckte mit den Schultern und warf ratlose Blicke auf die erregten Menschen um sich her.

In dem Augenblick ertönte ein brausender Jubel. Der Torero hatte sein kurzes Schwert in die Rückenwirbel des Stieres gestoßen, der sofort zusammenbrach.

Pedro benutzte die gelöste Spannung und den Tumult der Zuschauer, die fast alle aufgesprungen waren, und drängte sich weiter. –

Das war ja nur der Anfang der Kämpfe. Man erwartete das Trompetensignal für den zweiten Stier. Manuela sah, wie Pedro sich bemühte, sie wandte sich wieder den Steppenreitern zu.

Sie trugen bunte, gestreifte Hemden, weite Hosen, hohe Stiefel, breitkrempige Hüte, Waffen im Gürtel, genau wie in der Steppe, und Manuela sah wieder das Brennen der wilden Ochsen, Britos Geistesgegenwart und Sicherheit, den erhobenen Arm mit dem kreisenden Lasso, die emporgereckte Gestalt – – und dann sah sie auf Henris gepflegte, nervöse Hände, in sein feines, schmal gewordenes Gesicht, und in einer Art zärtlichem Bedauern legte sie ihre Hand auf seine Schulter. Er war ihr lieb gewesen, lieber als die anderen. Doch da saß Brito.

Pedro kämpfte sich langsam bis in ihre Nähe, so daß sie sich besser verständigen konnten, und während wieder aller Augen an dem neu beginnenden Schauspiel hingen, beschwor Manuela ihren alten Gefährten, ihr den einen Mann da in den »Hohlen Zahn« zu schaffen, bald, möglichst heute noch. Delgado müsse helfen, und wenn es heute nicht sein könnte, wolle sie wissen, wo er wohnte.

Manuela hatte niemals ein starkes Interesse für irgendeinen Mann gezeigt. Das war Pedros Trost. Dennoch war es ihm jetzt eine Genugtuung, als er Brito sah.

Er war keiner von den Parfümierten, von den Seidenhemden, für die ein Mädchen aus dem Volke eine Ware ist.

Er nickte zustimmend, ein zerdrücktes Lächeln auf dem bleichen, unschönen Gesicht. Es war Manuela noch so selbstverständlich wie als Kind, daß Pedro für sie da sei. –

Nach gar nicht langer Zeit sah sie Luis Delgado würdig, mit schmalgezogenen Schultern, neben einem der Steppenreiter auftauchen. Sie sprachen lange miteinander. Immer wieder. Die Ereignisse in der Arena rissen sie auseinander, doch bei jedem Atemholen knüpfte Delgado von neuem an. –

Als die Kämpfe zu Ende waren, fuhr Manuela in ihrem kostbaren hellen Kleide an Henris Seite langsam durch die Menge, immer nach Brito ausschauend, aber sie sah ihn nicht.

Sie war sehr erregt. Es war ihr unmöglich, sogleich mit Henri zu ihrer Wohnung zu fahren, die tief in einem blühenden, reizenden Garten lag. Sie bat ihn, ob sie nicht einen Umweg machen und durch die Vorstadt Cimba fahren könnten, in der sie einst gelebt hatte.

»Du bist zerstreut, mein Liebling,« sagte Henri, »hat es dich ermüdet?« Er nahm ihre Hand. Und Manuela wunderte sich über diese Zärtlichkeit, die ihr fremd vorkam.

Sie fuhren durch lange Straßen, um die bunten Häuserblocks des spanischen Viertels, und wollten einen Platz überqueren, als ihnen der Weg versperrt wurde.

Auch hier Wettkampf, ein Sonntagsvergnügen für die Daheimgebliebenen: ein Mann mit verwegenem Gesicht, in einem zerfaserten, schäbigen Rock, hockte auf der Erde und hetzte zwei Hähne aufeinander los. Das Volk war mit ganzer Seele dabei: sie wetteten und schrieen. Etwas abseits stand ein Wagen mit einer zugenähten, wackelnden Rinderhaut darauf, aus der ein dürrer Alter Wein ausschenkte. Ein Mädchen ging herum und bot ihn an.

Manuela hatte sich halb erhoben und sah über die Köpfe der Menschen hinweg. Nun wandte ihr das Mädchen das Gesicht zu, fahl, auffallend groß.

Nein, bewahre, nicht groß! Das war ja Haar, aschblondes Haar, zum Knoten hin purpurrot werdend.

»Carlotta!« rief Manuela lachend, »was machst du da, was ist los? Wo ist André?«

Das Mädchen erhob ihr trübseliges Gesicht.

»Ja – Manuela!« sagte sie matt.

Die Leute wurden aufmerksam, der Besitzer der Hähne ärgerte sich

»Gib ihnen Geld, hier, gib Geld,« drängte Henri.

»Lotta, komm doch her,« rief Manuela unbekümmert. »Sitzest du bei den beiden fest?«

»Wenden, wenden!« sagte Henri. Der Kutscher tat, wie ihm befohlen wurde.

Carlotta war herangekommen. »Gewiß sitze ich fest. Kam heute erst zur Stadt.« Henri erkannte sie. Er hielt ihr ein paar Scheine hin. »Nehmen Sie doch, ja? Und später kommen Sie in den ›Hohlen Zahn‹,« fügte er freundlicher hinzu.

»Jawohl, du kommst,« rief Manuela, »langt es?« Carlotta nickte zustimmend und winkte den Davonfahrenden nach. Dann rief sie laut, mit neu auflebender Freude: »Dieses Mal ist er durchgebrannt.« –

Als Manuela mit Henri gespeist hatte, fuhr sie sofort zum »Hohlen Zahn«.

Es kam jetzt häufiger vor, daß dort Wagen hielten.

Neben der Treppe stand ein Riesenplakat: Die grüne Manuela tanzt.

Sie ging in Delgados Wohnung. Seine chinesische Frau saß am Tisch und aß Pudding. »Komm, meine Katze, iß mit mir,« sagte sie freundlich. Sie alle wußten, wie viel ihnen Manuela wert war.

»Ich habe schon gegessen. Wo ist Delgado?«

»Weiß nicht, Kind, wir schicken Rica,« und sie rief ihrem Mädchen.

Nach einer Weile kam Luis herein. »Es war einfach, Manuelita,« sagte er, in dem ehrbaren Gesicht nur den Mund vorsichtig bewegend. Er sprach immer sehr leise. »Konterbandisten waren es. Oder vielmehr Leute aus der Steppe, die mit Konterbandisten arbeiten. Der eine war schon häufig bei uns. Der zweite, große, er heißt ja wohl Brito, fährt in einigen Tagen den Fluß des bunten Vogels hinauf. Das ist ungefährlich. Unsere gute Regierung übersieht es. Nur jenseits, über die Grenze, du weißt, da muß man vorsichtig sein. Gut reiten können. Das ist's.«

Manuela lächelte. »Und kommt er heute?«

»Wahrscheinlich. Aber morgen bestimmt. Übrigens habe ich die Adresse.«

»Ich werde zweimal tanzen – heute, morgen, übermorgen!« rief Manuela.



13.

Du wirst mir die Kette geben, nicht wahr, Manuelita?«

»Nein, nein!«

»Du trägst sie nicht einmal.«

»Heute nicht. Zufällig.«

»Wer hat sie denn?«

»Pedro. Aber du brauchst dir keine Mühe zu geben. Was Pedro für mich aufbewahrt, das nimmt ihm niemand ab.«

»Ich weiß. Wo ist die Kette, während du tanzest?«

»Aber, lieber Henri, das hast du mich schon oft gefragt. Immer an einem anderen Ort. Gestern, nach dem Stierkampf, habe ich sie in meinem Zimmer unter das Ruhebett geworfen. Da lag sie sehr gut. Nachher habe ich sie unter dem Kleide getragen.«

»Kindchen, laß das doch, man könnte sie bemerken. Du hast den ganzen Abend getanzt – und mit mir kaum.«

»Ach – du kamst nicht! Und wegen der Perlenschnur sorg' dich nicht. Sie paßt gerade um meine Taille. Glaubst du, daß jemand sie dort fühlt?«

»Vielleicht doch.«

»Ich trage sie nicht jeden Tag.«

»Gib sie mir!« Henri legte seinen Ann um sie und küßte ihre Schulter. »Du hast es doch selbst gelesen, wie eng man jetzt den Kreis zieht. Weiß Gott, ich komme noch in Verdacht,« fügte er erregt hinzu. »Der Kommissar hat mich heute kreuz und quer ausgefragt. Was soll ich denn machen?«

»Du? Nichts. Laß sie doch. Komm, wir gehen an den Spieltisch – oder zu Pepe. Mein Kleiner, sorg' dich doch nicht,« sagte sie nochmals und strich über sein Haar.

Er ließ die lästigen Gedanken fahren.

Im Vorraum stießen sie auf Carlotta, die Leocadia Barboza vor einer Stunde in eine blitzblaue Uniform gesteckt hatte. Das Haar war nachgefärbt. Sie war guter Dinge.

»Schick' den Grafen fort, oder bring' ihn zu Pepe,« sagte sie leise, »am letzten Spieltisch sind ein paar Seidenhemden, da können wir dich gut gebrauchen.«

»Wir sehen uns in meinem Zimmer,« sagte Manuela leise zu Henri.

Da ließ er sie gehen. Doch ehe sie zum Spieltisch kam, sah sie Brito mit seinen Bekannten. Er saß neben einem hübschen, großen Mädchen.

Sofort ging sie auf ihn zu.

»Wir kennen uns,« sagte sie und streckte ihm ihre Hand hin.

Er sah sie eine Weile an. Sie war sehr verändert. Ein leichtes gelbes Seidenkleid, kurz, mit einem tiefen Ausschnitt, lag um ihre Glieder.

Brito hielt ihre Hand fest. »Nein, dich kenne ich nicht, du weicher Hase.«

»In der Steppe nanntest du mich Sammetpfote,« sagte sie, dicht zu ihm hintretend.

»Caramba, ja! Die Sammetpfote.«

»Laß sie doch,« sagte seine Begleiterin.

»Hast dich gut herausgemacht.«

Er schob Manuela von sich fort, um sie besser betrachten zu können.

»Ist doch die grüne Manuela,« sagte das hübsche Mädchen, den Kopf wegdrehend, und dann leise: »so laß sie doch.«

»Na, wir sehen uns noch. Troll' dich,« sagte er zu Manuela und wandte sich seiner Begleiterin zu. »Was denn, Anita?«

»Hast du nie was von der grünen Manuela gehört? Draußen ist doch das große Plakat. Sie ist ein Tanzmädchen und das Liebchen von den eleganten Gecken, die hier oben herumlungern. Sie kommen schon ganz ungeniert herauf. Alles wegen der Manuela.«

»Ist doch gleich. Tanzt sie gut?«

»Du wirst ja sehen.«

Es ging Brito durch den Kopf, wie sie vor ihm hergeritten war, auf dem Kamp, wie sie am Feuer gestanden und ihn angesehen hatte. Er hatte Lust, sie kennenzulernen. Doch das, was Anita ihm gesagt hatte, gefiel ihm nicht. Ein bezahltes Dirnchen der Gecken –

Er blieb neben dem Mädchen sitzen, während Manuela tanzte. Dann brachte er Anita fort und ging allein zum »Hohlen Zahn« zurück.

Gegen drei Uhr nachts kam er in den Spiegelsaal. Manuela saß auf einem Tische, um sie herum einige Männer.

Sie sah ihn kommen und beachtete ihn nicht.

Auf der Bühne standen sechs gleichgekleidete Mädchen, die mit scharfen, gequetschten Stimmen ein Couplet in den Lärm hineinschmetterten.

Pedro lehnte, wie immer, müde und aufmerksam in einer Ecke.

Auch er hatte Brito bemerkt.

Als die Mädchen ihr Lied beendet hatten, sprang Manuela auf und winkte der Musik. Delgado, dem nichts entging, ließ die Vorhänge vor den Spiegeln herab und breitete eigenhändig ein orangefarbenes Tuch über die Bühne. – –

Manuela war nur einige Augenblicke fortgewesen, da kam sie unter einem wehenden blauen Schleier herein.

Die Musik spielte eines der langgezogenen klagenden Steppenlieder, mit dem hellen Ausruf am Schluß jeder Strophe, ein Ruf, der niemals dieselbe Klangfarbe hat.

Manuela tanzte nur kurze Zeit unter den Falten des blauen Schleiers, dann ließ sie ihn zur Erde gleiten, und ihr Körper schmiegte sich in langsamen, glutvollen Wendungen in den Sinn des Steppenliedes ein. Bei dem hellen Ausruf am Schluß der Strophen stand er in wundervoller Linie ganz still da.

Jedesmal anders, jedesmal unsäglich schön.

Und dann rief sie selbst das den Steppenreitern so bekannte:

»Wie seltsam – wehe mir!«

Es war ganz still geworden.

Sie bückte sich, wickelte sich in den Schleier ein und fragte, was sie nun tanzen sollte.

Es war wieder das Kindliche in ihrer Stimme, das Henri so sehr entzückte. Aber er war fort.

Man drängte zu ihr hin, sie alle hatten Wünsche.

Und sie gab. Freudig. Nicht einen Blick sandte sie zu Brito hin. Als sie fortging, ließ sie sich von Pedro begleiten. –

Brito kam jetzt jeden Abend. Bisweilen war er nur im vorderen Raume und spielte; oft saß er mit seinen Bekannten in einem Hinterzimmer. Wenn Manuela tanzte, kam er in den Spiegelsaal.

Er hatte es aufgeschoben, den Fluß des bunten Vogels hinaufzufahren. Das mochten andere tun.

Er sah diesem Mädchen zu.

Nie hatte sie so keck, so ausgelassen gelebt wie jetzt. Sie wollte es vor seinen Augen vertilgen, daß er, von all den Männern Brito, sie auf die Seite geschoben hatte und niemals mehr ansprach.

Und doch hätte sie jeden quälen mögen, weil ihr selbst so qualvoll zumute war.

Sie kam jetzt immer wie ein Straßenmädel in den »Hohlen Zahn«, nur wenn sie tanzte, war sie die grüne Manuela.

Und wie ein Straßenmädel wandte sie sich unbekümmert bald diesem, bald jenem zu. Henri litt unsinnig und nicht nur um Manuela.

Seine Mutter ließ ihm keine Ruhe, sie bettelte formlich darum, er möchte doch mit ihr nach Paris reisen.

Sie hatte die Belohnung verdoppelt, hatte Verschwiegenheit zugesichert; das Schmuckstück mußte rasch herbeigeschafft werden, fast war es wertlos für sie geworden, es ging um ihren Sohn.

Und all ihre innigen Bitten vereint mit seiner leidvollen Sehnsucht trug er zu Manuela hin.

Er fühlte, daß sie innerlich tief bewegt war. Das durfte nur ihm gehören. Er mußte sie losreißen, mit sich nehmen. Das war der Ausweg. –

An einem lärmenden Abend – der Tanzsaal war heiß, eng und stauberfüllt, die Gesellschaft roher und bunter als gewöhnlich – kam Manuela in einem fast bis zum Hals geschlossenen einfachen Kleide zur Tür herein. Henri ging dicht hinter ihr her. Sie hatte bereits getanzt. Weshalb kehrte sie noch einmal zurück? Sie hätte in ihrem Zimmer bleiben oder mit ihm fortgehen können. Ihr zartes Spitzenkleid fiel auf. Es reizte die Männer, die hier nur Derbes sahen.

Manuela blieb mitten im Gedränge stehen, als suchte sie jemanden. Man spielte den Cacuca. Da glitt Brito, sie auffordernd anblickend, mit den ersten gewundenen Drehungen dieses wilden Tanzes an ihr vorüber. Sie bewegte sich langsam vor ihm weiter, bis sie an eine Stelle kamen, die ihnen Raum ließ. Sie sprachen nicht, aber ihre Augen hielten einander fest.

Es bildete sich ein Kreis um sie, sie tanzten beide mit unhemmbarer Leidenschaft.

Plötzlich griff Brito in das Spitzengekräusel an ihrem Hals. Weshalb das? Weg mit den Fetzen. War sie denn eine Dame? Sie gehörte ihm, mußte ihm gehören!

Da hielt seine Hand die Perlenschnur, die Spitzen lösten sich, er sah das Schloß.

Nur er, da er sie im Tanz zurückgebogen hatte.

Sofort hob er das Mädchen auf, hielt sie über die Köpfe der anderen: »Platz da, Platz da!« und lief mit ihr der Tür zu, die in die inneren Räume führte.

Ein grölendes Lachen folgte ihnen.

Er lief blindlings weiter, Manuela an sich pressend.

»Komm' mit mir, ich führe,« stieß sie hervor. Es ging durch Gänge und Kammern, über Treppen, dann waren sie in Manuelas Zimmer.

Brito sah gar nicht hin, er sah nur Manuela, die einige Schritte von ihm entfernt stand, atemlos, die Hand auf der Brust, als müsse sie ihr Schmuckstück festhalten.

»Also du hast die Perlen,« sagte er.

Es klang drohend.

Sie lächelte, löste das Schloß und warf ihm die Kette zu.

»Ich will sie nicht. – – Dich,« sagte Brito.

Er hatte kaum die Arme erhoben, da lag sie an seiner Brust.

Henri hatte abseits gestanden, während Manuela tanzte. Er sah, daß der Mann, der ihn schon längst beunruhigt hatte, das Mädchen hinaustrug. So etwas hatte Manuela nie geschehen lassen. Sie war immer ihr eigener Herr geblieben. An die Kette dachte er nicht.

Er lehnte sich verzweiflungsvoll an eine Tischkante, in wirrer Gedankenfolge überlegend, was er beginnen sollte.

Da umfaßte eine große kühle Hand die seine. Er wandte sich um und sah Pedro. Der Taube winkte ihn zu sich heran. Henri setzte sich neben ihn auf die Bank und bestellte Wein. Keiner von ihnen sprach. Sie tranken und wühlten sich in ihre Gedanken ein, verzichtend, begehrend, duldend, ingrimmig, einander Feind und Freund, sich abstoßend und zugleich verstehend.

Es war ein närrisches, zerrissenes und wieder zusammenströmendes Spiel, grausam, belebend und vernichtend.

Und Wein floß hinein, immer wieder Wein.
Eine rote, schwere Flut.

So saßen sie die ganze Nacht. Dann trug der Sambo, lachend und geschwätzig, von Delgados bissigen kleinen Bemerkungen begleitet, Henri d'Amiron in eine der Kammern oben im »Hohlen Zahn«.

Drei Nächte lebte er so, und die Tage saß er neben Leocadia Barbozas Herd. Manuela kam nicht wieder, und niemand gab ihm Auskunft. Man hatte das Plakat neben dem Treppenaufgang entfernt.

Auch der Taube war verschwunden.

Carlotta war die einzige, die ihn tröstete. Sie versicherte ihm immer wieder, Manuela hätte den »Hohlen Zahn« nicht verlassen, und es schien fast so, denn so oft Henri auch zu ihrer Wohnung schickte, sie war nicht dort, man hatte nichts von ihr gehört.

Als er eines Morgens elend auf einer Bank lag, seiner Umgebung nicht achtend, rüttelte ihn jemand an der Schulter.

»Steh' doch auf, Henri, wie kann man sich so verkommen lassen,« sagte Manuela.

Er begann zu schluchzen, legte den Kopf in den Arm und drehte sich der Wand zu.

Die Mädchen, die am Abend blaue Uniformen trugen, schlappten in abgetragenen Lumpen im Vorderraum umher, wischten den Boden auf und säuberten die Tische. Sie kamen neugierig zu den beiden hin.

Manuela richtete sich auf.

»Macht, daß ihr fortkommt! Hier gibt's nichts für euch zu sehen und zu hören. – Carlotta!«

Die kam heran und zog Henri ohne weiteres empor.

»Er hat zu viel getrunken, das siehst du doch,« sagte sie zu Manuela.

Der junge Mensch lehnte an der Wand, hilflos weinend.

Manuela beugte sich vor und streichelte sein Haar.

»Armer, armer Kleiner,« sagte sie immer wieder.

Da lehnte er den Kopf an ihre Brust und wurde langsam ruhiger.

»Wir gehen von hier fort,« sagte sie, und er ließ sich willig führen. –

Einige Stunden später erwachte er in Pepe Barbozas Schlafzimmer. Carlotta saß neben ihm.

»Na, Graf, Sie sind schön zusammengeklappt,« sagte sie. »Sie wußten es doch, daß Manuela hier oben war.«

Henri richtete sich auf. Er fühlte sich erfrischt. »Wo ist sie jetzt?«

»Jetzt? Mein Gott, in ihrem Zimmer, oder sonstwo. Sie hat rein nichts anzuziehen. Ihr Kleid – das Spitzenkleid« – sie lachte, »ich glaube, es ist zerrissen. Sie möchten doch zur Wohnung fahren und etwas Anständiges holen. Sie käme dann mit.«

Henri sah sie ungläubig an.

»Das hat sie gesagt.«

»Vorher muß ich sie sprechen. Gehen Sie, holen Sie Manuela. Ich kleide mich indessen an.« –

Nach einer Weile kam Manuela herein, und nun sah er, was er am frühen Morgen gar nicht bemerkt hatte, daß sie nichts wie eine lose alte Bluse und einen kurzen Rock trug. Er schwieg.

Manuela nahm seine Hand und sagte sehr freundlich: »Henri, ich habe es mir überlegt, ich reise mit dir ab.«.

»Verspotte mich nicht.« »Habe ich dich früher belogen?«

»Nein.«

»Nun also.«

»Und was ist's mit dem Mann?«

Er hatte die Hände auf ihre Schultern gelegt. Kaum, daß ihn seine Füße trugen. Der Umschwung war zu groß.

»Man soll nicht nach allem fragen. Ist es dir nicht genug, daß ich mit dir abreise?« Sie öffnete ihre Bluse und zeigte ihm das Schmuckstück, das um ihre Taille lag. »Habe ich dir nicht versprochen, daß ich dein sein werde, solange ich die Perlen trage?«

»Manuela! Ist es wirklich wahr?« sagte er im Taumel seiner verwirrten Gefühle.

»Ja, ja!« rief sie ungeduldig. »Nun fahr' aber zur Wohnung und hol' mir Kleider, dunkle, einfache. Ich tanze hier nicht mehr.«

»Nicht tanzen?«

Er küßte ihre Hände.

»Mein Gott, Henri, was hast du nur mit dir angefangen? Ich sage doch alles ganz klar. So mach' doch, daß du fortkommst.«

Sie drängte ihn, begleitete ihn bis zur Straße hin.

Dann ging sie zu Pedro und blieb bei ihm sitzen. Am Nachmittag fuhr sie zu ihrer Wohnung, erfrischte sich und bat Henri, der immer noch wie erstarrt war, auf sie zu warten. Sie hätte einen wichtigen Gang zu machen.

Es war schwer, ihn zu überzeugen, daß sie zurückkehren würde.

Gegen Abend fuhr sie in einem offenen Wagen zur Vorstadt Recoleta.

Sie hielt vor einer schlichten Marmorvilla in spanischem Stil. Der Vorgarten war in strengen Arabesken angelegt, aber von den Bäumen hingen blühende lange Ranken herab.

Die große, durchbrochene Haustür war vergoldet. Man sah durch eine kunstvoll eingelegte, glänzende Marmorhalle in den ersten Hofraum des Hauses, um den Empfangs- und Gesellschaftsräume lagen.

Dieser innere Hof war wie ein Hain von Rosen und Palmen. In seiner Mitte stieg ein Wasserstrahl empor und fiel in ein blaues Becken zurück.

Manuela blieb einen Augenblick stehen und betrachtete das alles, dann kam ein Diener, dem sie einen Brief übergab.

Er führte sie in den Hofraum, um den Kolonnaden mit maurischen Säulen liefen. Auf den flachen Stufen lagen Perserteppiche.

Es dauerte ziemlich lange, bis der Diener zurückkehrte. Er ging ihr voraus durch einen Gang mit weißen Statuen in den zweiten Hof hinein, so groß wie der erste, überaus schön, doch wohnlicher. Hier standen bequeme Sessel, Liegestühle und kleine Tische.

Dann führte er sie durch einen hellen Gartensaal, in dem jetzt weiche Schatten lagen, in ein Bibliothekzimmer, das wenig benutzt aussah.

Die gegenüberliegende Tür öffnete sich, und die Gräfin d'Amiron kam herein.

Ihr Gesicht war farblos und schmal, ihr Gang schleppend. Sie sah krank aus.

Dennoch ging sie dem Mädchen entgegen und reichte ihr die Hand.

»Bitte, mein Fräulein, setzen Sie sich,« sagte sie – »ich wußte, daß mein Sohn dort oben war. Ich hatte es in Erfahrung gebracht, schickte nach ihm –«

Manuela war stehengeblieben. Der Anblick der leidenden alten Frau verwirrte sie. Sie hatte das nicht erwartet.

Sie wußte genau, was sie sagen wollte. Das lief jetzt durcheinander. Sie mußte sich sammeln.

»So setzen Sie sich doch,« sagte die Gräfin, selbst einen Sessel in Manuelas Nähe wählend.

»Eigentlich habe ich Ihnen nicht viel zu sagen, Frau Gräfin. Nicht viel, aber es ist wichtig.«

Sie sah auf ihre Hände und sagte, wie auswendig gelernt:

»Ihr Sohn muß von hier fort, ich habe versprochen, ihn zu begleiten.«

Die alte Frau hob mit einer trostlosen Gebärde die Hände zu ihrem Gesicht empor.

»Zu begleiten, Frau Gräfin, ich bleibe nicht bei ihm. Er darf es nicht wissen. Sie müssen mir helfen.«

»Ist das Ihr voller Ernst?« sagte die alte Frau, ihre Hände fest in ihrem Schoß zusammenfaltend.

»Ja. Ich habe ihn niemals festhalten wollen.« Es klang trotzig. »Übrigens hat er mir die Perlenschnur geschenkt, er hat sie Ihnen fortgenommen.«

»Mein Sohn? Mein Sohn? Das ist nicht möglich.«

Die alte Frau sank zitternd zurück.

»Doch ist es möglich. Sie können ihn ja fragen. Er will nicht, daß ich sie zurückgebe. Er meint, daß ich bei ihm bleibe, solange ich die Kette trage, und so muß es auch sein.«

Sie sah vor sich hin.

»Helfen Sie mir, daß ich von ihm loskomme, das ist ja auch Ihr Wunsch. Die Perlenschnur gebe ich dann gern zurück. Nicht eher. Ich will aber, daß die Nachforschungen hier aufhören. Sie sind unangenehm.«

Sie griff in ihre Tasche.

»Hier ist der Schmuck. Sie müssen sich schon etwas ausdenken, Frau Gräfin, die Leute von der Kriminalpolizei hierherkommen lassen und ihnen die Perlen zeigen. Irgendwo hier im Hause muß man sie gefunden haben, oder man hat sie Ihnen zugeschickt – gegen die hohe Belohnung. Das ist ja gleich. Nachher muß ich sie wieder tragen. Ich habe ein Schriftstück von Henri. Darin steht, daß er sie mir geschenkt hat. Aber ich will sie nicht haben. Das sagte ich schon. Wenn ich von Ihrem Sohn fortgehe, und ich will,« fügte sie fest hinzu, »dann gebe ich Ihnen den Schmuck zurück. Wenn Sie mir nicht trauen, Frau Gräfin, dann werde ich Henri niemals loslassen. Ich vertraue Ihnen

Damit reichte sie ihr die Kette.

Die Gräfin nahm sie nicht.

»Herrgott, das stürzt so über mich her – – es ist furchtbar, unfaßlich! Und doch – wenn ich es recht bedenke – – Ja, was sage ich denn nur? Ich danke Ihnen, mein Kind, ich danke Ihnen. Sie wollen mir meinen Jungen wiedergeben. Ich soll Ihnen helfen.«

Sie war aufgestanden, und auch Manuela erhob sich.

»Selbstverständlich sollen Sie die Kette tragen. Er soll es wissen, daß ich, seine Mutter, es wünsche. Das wird ihn beruhigen. Und später – ach später, wenn ich ihn erst einmal in Paris habe, für mich allein –«

Manuela betrachtete sie aufmerksam. Sie hatte es sich anders gedacht, schwerer. Die Frau da dachte ja nur an ihren Sohn!

»Es muß schnell gehen. Ich habe sonst Schwierigkeiten,« sagte Manuela.

Als Gräfin d'Amiron die ruhige Stimme hörte, sah sie das Mädchen an. Der Ausdruck dieses Gesichtes war ihr unerklärlich.

»Ja, und Sie, Sie? Was wird dann mit Ihnen?«

»Ich – Gott,« es fiel ihr ein, welche Summe Pedro genannt hatte; jetzt mußte sie fordern. »Ich denke, Frau Gräfin, wenn alles so weit ist, werden Sie wissen, was ich verliere.«

Sie hatte es anders sagen sollen. Aber sie war, unbewußt, klüger als ihr Ratgeber. So dachte die alte Frau vor allem an ihren Sohn, dann auch an die Kette und an alles, was Manuela durch Henri besitzen konnte. Und daß sie nichts forderte und zunächst nur auf die Zukunft hinwies, in der sie etwas erfüllen sollte, gab ihr Vertrauen. Das Mädchen sollte sich nicht betrogen sehen.

»Das weiß ich,« sagte sie warm. Sie hatte Manuelas kühle, trockene Art vergessen. »Sie werden mir Ihre Adresse geben, und jetzt, bitte, schicken Sie mir meinen Sohn.«

»Ja – aber stecken Sie die Kette ein. Henri wird sie mir bringen.«



14.

Manuela lehnte neben Henri an dem Geländer des Dampfers. Sie fuhren zur Anlegestelle der großen Ozeanfahrer hinaus.

Sie hatte es so gewünscht, sie wollte den ganzen Hafen nochmals sehen, von der Boca bis zum neuen Kai.

Die alte Gräfin stand ein wenig abseits. Sie hatte niemandem den Tag ihrer Abreise genannt, und wenn jemand sie gesehen hätte, sie und ihren Sohn, in der Gesellschaft dieses Mädchens, es wäre ihr gleichgültig gewesen.

Sie ließ das Land hinter sich, würde niemals zurückkehren. Der Sohn hatte sich ihr in inniger Dankbarkeit angeschlossen.

Ein armer Junge, der getäuscht wurde. Sie fing an zu verstehen, daß er sich an Manuela verloren hatte.

Sie sah zu den beiden hin. Sie beugten sich vor und winkten lachend zu einem Motorboot hin, das so nahe wie möglich neben dem Dampfer herfuhr. Musik spielte, man winkte zurück. Das war Manuelas Abschied.

Pepe Barboza, Luis Delgado, Pedro, Carlotta, sogar mamita Valdéz, sie alle standen auf dem Deck, auch Brito.

Das war Pedros Werk. Er stemmte sich gegen das Geländer und sah unverwandt zu Manuela hinüber. Seine Augen waren glasig, sein Mund verzogen.

Manuela streckte den Oberkörper weit vor und rief den Bekannten auf dem Schiff Abschiedsworte zu. Sie würden nun bald in schnellerem Tempo davonfahren, die Freunde, die Musik hinter sich lassend.

Plötzlich fiel etwas Blitzendes aus Manuelas Ausschnitt. Lang, hell, mit schwerem Schloß. Einen Augenblick blieb es an einem Vorsprung hängen, dann war es im Wasser verschwunden.

»Die Perlen, die Perlen!« schrie Manuela. Sie jammerte laut. Alle hörten es, man umringte sie, die Gräfin kam hinzu.

Henri stand bleich daneben. Er legte seinen Arm um Manuela.

Auf dem begleitenden Schiff entstand ein großer Tumult.

Einige Männer sprangen sofort ins Wasser. In das aufgewühlte, gelbe Lehmwasser, in das sich hier und da schon blaue Züge des Ozeans mischten.

Nein, das war vergebliche Mühe. Die Perlen waren dahin.

Henri und seine Mutter zogen das erregte, weinende Mädchen mit sich fort, in die Kabine. Sie war gar nicht zu beruhigen.

Am Abend noch brachte sie der Gräfin Henris Schriftstück. Nichts sollte von dieser unseligen Angelegenheit übrigbleiben.

Als die alte Frau den Schein verbrannt hatte, war ihr leicht zumute. Mochte das wertvolle Schmuckstück verloren sein: sie behielt ihren Sohn.

Die Reise verlief sehr ruhig. Man hielt sich von allen fern. Manuela war still und höflich. Meistens lag sie allein auf dem Deck und sah in den Himmel hinein. Es war wie auf der Steppe.

Henri erzählte ihr immer wieder von Paris, von dem Heim, das er ihr schenken, von allem, was er ihr zeigen würde.

Und abends, in stillen Stunden, kam die Gräfin d'Amiron in Manuelas Kabine. Sie hatten vieles zu besprechen. Die alte Frau begann das Mädchen liebzugewinnen. –

Als sie französischen Boden betraten, war Manuela wie ausgewechselt. Sie war lustig, wollte alles sehen, ein Theater, einen Ball besuchen, Kleider kaufen. Die Gräfin war entzückt von ihr, begleitete sie oft stundenlang, ja, die Frauen schlossen Henri, der durchaus nach Paris wollte, bisweilen von ihren Unternehmungen aus. –

Eines Abends kam er in das Zimmer seiner Mutter. Sie saßen beisammen und berieten sich wegen der Abreise. Manuela war zu einer Schneiderin gefahren.

»Sie müßte längst zurück sein,« sagte Henri immer wieder. Er ließ sie ungern allein.

»Sie geht an den Läden entlang, alles hier ist ihr so neu. Vielleicht suchst du sie, Henri. Es sind ja nur zwei, drei Straßen, die sie interessieren können.«

Er nahm den Vorschlag gerne an. In der Tür noch wandte er sich um. »Du warst so gütig, Mutter, ich kann dir nie genug danken. Wenn wir jetzt in Paris sind, wird Manuela deinen Weg nicht mehr kreuzen.«

»Fast ist es schade darum, aber es muß sein,« sagte die Gräfin.

Als sein Schritt verhallte, stand sie auf; sie wußte, daß ihr Schweres bevorstand, aber das Schwerste lag hinter ihr. Manuela hatte vor zwei Stunden die Stadt verlassen.

Ihr armer Junge würde zusammenbrechen, aber hier hatte sie ihn für sich allein, sie würde ihn gesund pflegen.

Er kam zum Abendbrot nach Hause. Seine Mutter erwartete ihn. Es lagen drei Gedecke auf dem Tisch.

Die Gräfin wandte sich um. »Nun – und Manuela?«

»Ist sie nicht hier?« Er klingelte sofort.

Nein, das gnädige Fräulein wäre noch nicht ins Hotel zurückgekehrt. –

Er ging in ihr Zimmer. Alles war wie sonst. Sie würde ja bald kommen. Doch er war unruhig.

Da war der Hafen, viel fremdes Volk, Erinnerungen an ihr ungebundenes Leben – –

Seine Mutter besänftigte ihn.

Es klopfte an die Tür, ein Brief wurde hereingereicht.

Die Gräfin nahm ihn. »Henri, an dich.«

Er kannte die Handschrift nicht. Sie war sehr ungelenk. Er las.

»Mutter, Mutter, sie ist fort!« stieß er angstvoll hervor. Die Mutter umfaßte ihn, nahm ihm den Brief aus der Hand, führte ihn zu einem Sessel und blieb vor ihm stehen.

Manuela schrieb, daß sie ihn niemals wiedersehen wollte. Sie hätte ihn betrogen, um ihn loszuwerden. Jetzt wollte sie ihre Freiheit wiederhaben. Wohin sie gehe, sei gleich, es wäre unnütz, ihr nachzuspüren.

Alles klang hart, klar und hoffnungslos. – –

Während die Mutter um ihren Sohn rang und litt, tanzte Manuela auf einem der großen Ozeanfahrer.

Sie war ausgelassen bis zur Wildheit. Alles war vorüber, alles war gelungen. Es war nicht leicht gewesen. Doch Pedro hatte recht gehabt. Und Brito. Aber Brito? Dem lag nicht viel daran. Pedro war's gewesen. Als sie spät in ihre Kabine trat, kleidete sie sich vor ihrem Spiegel aus. Langsam zog sie die letzte Hülle herunter.

Um ihren Leib schlang sich die herrliche Perlenschnur. Was dort im Hafen lag, war Pedros Werk. Sie lachte, löste das Schloß und schwenkte die Kette herum. – – – – – – – –

Das Plakat stand wieder an der Treppe zum »Hohlen Zahn«. –

Brito saß am Spieltisch, und Manuela stand hinter ihm.

Steppenleute, Seidenhemden und Schlachthausarbeiter, alle erregt, erhitzt. Es ging auf den Morgen zu, das kleine Zimmer war matt beleuchtet und voll Rauch.

Britos Augen gingen immer zu seinem Nachbar, einem eleganten jungen Mann, trotz der fleckigen Jacke.

Plötzlich sprang er auf, faßte ihn im Genick und brüllte! »Du Hund, du Falschspieler!«

Auch die anderen waren aufgesprungen. Man war seit Stunden in einer unheimlichen Spannung.

Es war fast, als hätte dieser eine Ausruf eine Explosion herbeigeführt.«

Alle nahmen Partei, für oder gegen den Angeklagten. Der erhob seine geballte Faust und hieb auf Brito ein.

Fast in demselben Augenblick saß ihm Britos Messer in der Schulter.

Er knickte zusammen. Das Blut schoß heraus.

Ehe sich Brito besinnen konnte, hatte Manuela ihn fortgerissen. Die Erregung war so groß, daß man ihn nicht hielt.

Der Sambo stand vor der Tür, die hinter den beiden zuschlug.

Carlotta schrie immerwährend: »Besetzt die Treppe, besetzt die Treppe, laßt ihn nicht hinaus.«

Delgado hob die Hände zum Himmel und klagte.

Man nahm den jungen Mann auf und legte ihn auf eine Bank.

Da trat der Sambo von der Tür zurück und lächelte: der Vorsprung war groß genug.

»Zur Treppe laufen, die Leitern hochziehen!« rief Carlotta immer wieder.

Bald war das Zimmer leer. Auch Carlotta lächelte. Leocadia Barboza kam mit Verbandzeug.

»Es ist niederträchtig,« sagte sie, »wir bekommen es auf den Hals. Es ist ein Seidenhemd.« Sie schnitt die Kleider auf und begann die Wunde sachgemäß zu behandeln. »Wo ist Pedro?«

Der Sambo grinste.

»Fort, mit den beiden.«

Während sie so sprachen, zog Pedro einen Strick zum Fenster herein. Er war zufrieden.

Sie wollten in die Steppe. Gut. Brito hatte viele Verbindungen, den ganzen Fluß des bunten Vogels hinauf und quer durch den Kamp.

Nur fort aus dem »Hohlen Zahn,« gleichviel, wie.

Pferde bekamen sie, diese Nacht noch. Brito verstand das. Und wenn sie etwas brauchten, konnten sie Boten schicken. – – – – – – – –


Das war nun wieder die Steppe, aber jene welligen, farbigen Linien, an deren Grenze tropische Wälder blauen.

Brito und Manuela hatten den Lärm und Staub, die Menschen und ihr Treiben im »Hohlen Zahn« vergessen. Die Luft und das Licht der großen Steppe, in die sich hier und da Waldstreifen wie Landzungen hineinstreckten, umfloß sie ganz, es nahm sie auf und verwandelte ihre Gedanken.

Hier draußen wußte man nichts von der Dreistigkeit der Großstadt. Sie hatten sich irgendwo an der Bahnlinie, in einer Barackenstadt von Wellblech und rohen Ziegeln, trauen lassen, dann waren sie wieder davongeritten, auf eine scharlachrote Fläche zu, die über und über mit Verbenen bedeckt war. Hinter ihr, am tiefblauen Himmel, hing das durchbrochene Laub des Algarrobobaumes in der Luft. Immergrüne Laurineen, verwilderte Orangen und Pfirsichbäume schlossen sich zusammen, darüberhin schwebten hier und da die feinen Wedel der ersten Palmen.

Die Steppe war voll von Wild und Vögeln. Fuchsrote Hirsche standen in den buschigen Niederungen, Hühner und Tauben hatten ihre Wohnungen in den Waldoasen. Die Früchte wuchsen ihnen zu. Zuweilen trafen sie auf Zuckerrohrfelder. Sie hätten zur Stadt heimkehren können, denn Britos Stich war nicht tödlich gewesen, und man hatte die Ereignisse jener Nacht verdeckt; aber die Klarheit und Freiheit der Steppe berauschte sie.

Sie lebten mit den Grenzreitern, oder fuhren auf dem Fluß des bunten Vogels. An den langen stillen Abenden saßen sie unter den großen Sternen. Sie tropften aus einer warmen, schwarzblauen Tiefe.

Am Morgen weckte sie die Sonne und das Geschrei der grünen Loros, die scharenweise in den Schattenbäumen der Ansiedlung wohnten. Der Strom wurde zu blendendem Gold, und auch über ihn schwirrten Ketten von Vögeln, der Chajo, der Ibis, der schwarzhalsige Schwan, Reiher und Kormorans. Schwimmende Baumstämme waren mit ihnen bedeckt, sie wateten im Schilf. Hier und da stolzierte ein rosenroter Flamingo.

Das Leben war so leicht und wild.

Man sprengte über die Wellenköpfe der bewegten Ebene, meilenweit durch violett blühende Gräser, an niedrigen, duftenden Mimosen und Kräutern vorüber. Viehherden tauchten auf, vom Tarotaro und Chopivogel begleitet. Man lagerte in Waldinseln zwischen kriechender Clematis und gelbblühenden Opuntien; aus den Bäumen hingen blühende Schlingpflanzen herab. Und dann kam wieder Steppe und lange Strecken des harten Channastrauchs, stachelig, einer struppigen Pinie gleich; es war ein verkrüppelter Wald, der an den feuchten Stellen hoch emporwächst. Riesige Kandelaberkakteen und aloeförmige Yukas bildeten Merkzeichen. Wer die Nester der Konterbandisten hier aufsuchen wollte, der suchte vergebens.

Kam man an eine Steppenstation, dann saß man oft die ganze Nacht mit Kameraden beisammen, trank Maté, spielte und sang.

Hin und wieder hörten sie von Pedro und sandten Nachricht zurück, aber ihre Sehnsucht nach Ungebundenheit und Abenteuern war noch ungestillt.

So lebten sie fast ein Jahr lang, ohne zur Stadt zurückzukehren.

Da ereignete es sich, daß einer der ungeheuren Stürme drohte und sie zu einer Ansiedlung trieb.

Vor der Tür hockten ein paar Steppenreiter auf den Fersen einander am Rande eines Ochsenfelles gegenüber. Sie spielten mit Knöcheln, stumm, voll zitternder Leidenschaft. Die Zügel ihrer ruhig hinter ihnen stehenden Pferde hielten sie zwischen den Beinen.

»Heda, Jorje! Herein!« rief Brito, einem der Männer auf die Schulter schlagend, »der Sturm kommt.« Der Spieler knurrte.

Die beiden gingen in die Hütte, die schon ganz voll von Menschen war.

Man sprach von nichts als von der Revolution. Zwei Männer, die beide zur Partei der Roten gezählt hatten, stritten um die Präsidentschaft. Man wußte nicht, wer das Militär für sich gewinnen würde und wie die Stellung der Weißen wäre.

Alle Anwesenden traten glühend für den neuen Präsidenten ein, da das Gerücht umging, der alte Präsident wäre in das Lager der Weißen übergegangen, um sich zu halten.

Der dumpfe kleine Raum konnte die Schmähungen und Flüche kaum fassen, die man gegen den Meineidigen schleuderte.

Doch niemand wußte etwas Bestimmtes zu sagen.

Währenddessen donnerte der Sturm heran. Die Spieler waren hereingekommen, standen an dem kleinen Schenktisch und tranken.

Jorje schrie alle anderen nieder. Er kam aus der Stadt.

Ja, es war so: dieser Hund von einem Präsidenten hatte sich bestechen lassen, den Weißen verkauft, und jetzt wurde das Militär bearbeitet. Und da die Steppenleute allesamt zu den liberalen Roten gehörten, verschworen sich die in der langen und heißen Nacht in einer Hütte Versammelten, ihrer Partei in der Stadt beizuspringen. Ein jeder von ihnen übernahm einen Ritt zu einer Ansiedlung oder einer der kleinen Städte an der Bahnlinie. Der ganze Kamp sollte revolutioniert werden.

Das war bei jedem Aufstand in der Stadt eine große Gefahr. Man buhlte um die Gunst der Steppenbewohner fast ebenso sehr, wie um die des Militärs. Und die Leute aus dem Kamp waren unbestechlich. Sie kamen wie die leibhaftige Verheerung; eine kleine Schar von ihnen bildete einen Kern von Feuer.

Um die Steppenreiter sammelten sich alle kühnen Elemente.

Sie waren stolz auf ihre Kraft und wußten, was sie in die Wagschale warfen.

Brito und Manuela erfaßte die Lust an einem neuen Abenteuer. Gleich am anderen Morgen ritten sie in der Richtung zur Stadt hin, unterwegs alle Ansiedler, bei denen die Steppennomaden einkehrten, alarmierend. Revolution gehörte zum Leben dieses Landes, jeder kam ihr begeistert entgegen, und wer sich zurückhalten wollte, der wurde mitgerissen.

In der Stadt ging es laut zu, besonders im »Hohlen Zahn«, der ganz gegen den Willen von Delgado und Leocadia Barboza zu einem Treffpunkt der Roten gemacht worden war. Sie wußten ja nicht, wie die Sache ausging. Doch sie mußten schweigen.

Die Leute aus der Steppe rissen die Hafenarbeiter, das Volk aus dem spanischen Viertel, die aus den Speichern, aus den Schlachthäusern und die Matrosen an sich. Die große rote Partei ballte sich bedrohlich zusammen. Sie war um so gereizter, drängte um so mehr zu Gewalttaten, je größer der Widerstand war.

Das Militär war zu den Weißen übergegangen.

Die Wut des Volkes kochte wie unter einer dünnen, stark bewegten Oberfläche, die jeden Augenblick zerreißen konnte.

Täglich hörte man von neuen Verhaftungen, neuen Aufreizungen.

Da kamen die ersten blutigen Zusammenstöße, in denen die Roten das ausgesandte Militär vollkommen überwältigten.

Die Antwort sollte das Ausheben aller Nester der Roten sein.

Der »Hohle Zahn« war wie eine Festung. Man hatte nur die Treppe zu verteidigen. Jedes Fenster diente als Schießscharte.

Brito und Manuela aber standen auf einer Schanze in der Straße der Dreiunddreißig. Sie hatten weder den neuen noch den alten Präsidenten je gesehen, aber sie erlebten die Revolution mit einer stürmischen Freude.

Man hatte einen Angriff abgeschlagen und war mitten im Siegestaumel.

Da kam ein Bote und bat um Hilfskräfte. Es ging um den »Hohlen Zahn«, der beschossen wurde. Man wollte den Angreifern in den Rücken fallen.

Brito aber gab keinen Mann her. Die Straße der Dreiunddreißig war der wichtigste Zugang zu den anderen Stellungen. Man mußte ihn halten.

Doch er schickte Manuela; sie sollte ihm genaue Auskunft bringen. Sie, als Frau, fand leichter einen Weg.

In der Nähe des »Hohlen Zahnes« geriet sie in ein Knäuel von Menschen hinein. Aber sie kannte jedes Haus und jeden Hof, und es glückte ihr, dicht am Fuße des »Hohlen Zahnes« wieder auf die Straße zu gelangen. Als sie die Tür eines kleinen Ladens öffnete, sah sie sich Leocadia Barboza gegenüber, die unter einem Zeltdach stand und mitten im Gewühl ihre Pasteten buk.

»Die da oben werden ausgeräuchert,« sagte sie seelenruhig, »wir haben alles in Sicherheit gebracht.«

»Und du stehst hier und backst für die Weißen?«

»Weshalb nicht?« Sie zuckte mit den Schultern. »Mach' doch den Unsinn nicht mit. Wer das Militär hat, behält recht. Bleib' hier. Geh' zu Pedro. Er schläft. Liegt im Zelt – da hinten.«

In dem Augenblick traten ein paar Männer heran. »Ist das nicht das Weib, das abends mit der Fahne der Roten hier oben getanzt hat?« sagte ein Soldat.

»Natürlich ist sie's.«

»Die wollen wir mal erst festmachen.« Sie faßten Manuelas Handgelenke. Sie wehrte sich wütend.

Leocadia Barboza lachte. »Ihr werdet doch kein so sauberes Weib binden,« sagte sie.

»Na, arg sauber sieht sie nicht aus. Wer weiß, wo die sich herumgetrieben hat. Das Tanzen wollen wir ihr abgewöhnen.« Sie zerrten sie mit sich fort.

Die Barboza aber ließ es nicht zu. Sie rief etwas in das Zelt hinein. Da kam ein Offizier heraus und befahl, daß man Manuela in eins der nächsten Häuser zu den übrigen Gefangenen schaffen sollte.

Die Pastetenbäckerin winkte ihr befriedigt nach. Manuela aber war in einer verbissenen Wut. Sie wollte zu Brito und Nachricht geben.

Einen Tag und eine Nacht saß sie in einem dunkeln, hochgelegenen Hinterzimmer, hörte das Schießen und Schreien, das Poltern und Krachen, und kein Mensch bekümmerte sich um sie.

Dann wurde es still. Der Soldat, der die Gefangenen bewacht hatte, schien ebenfalls fortgegangen zu sein. Man hörte seine Schritte nicht mehr.

Da wagte es Manuela, das Fenster zu öffnen. Sie lehnte sich weit hinaus und wurde gewahr, daß sie über einen schmalen Absatz am Haus auf ein Dach gelangen könnte. Sie besann sich nicht. Das war der einzige Weg. Nur sie konnte ihn zurücklegen. Ihren Mitgefangenen war es unmöglich.

Als sie wieder Boden unter den Füßen fühlte, lief sie zuerst zum »Hohlen Zahn«. Er war fast ganz niedergebrannt. Gelber, schwelender Rauch zog in die Straßen, auf denen Hausgerät und Trümmer lagen. Dazwischen spielten Kinder. Die Kaufläden und Schenken waren wieder geöffnet.

Ja, wahrhaftig, es war ein Unsinn gewesen. Was ging sie der Präsident an. Sie wollte zu Brito.

Auch die Straße der Dreiunddreißig zeigte Spuren des Kampfes, mehr als die Gegend um den »Hohlen Zahn«.

Doch Alfredo Gazul wippte wieder in seinem »Salon« herum. Seine Bürste wirbelte.

Manuela sah flüchtig hin und lächelte. Aber je näher sie zur Barrikade kam, um so wüster sah es in der Straße aus.

Plötzlich prallte sie zurück. Zwei Tote.

Weiter! Kleiderfetzen, Hüte – und wieder Tote. Dazwischen Menschen, die aufräumten. Soldaten, Sanitätsleute. Also die Weißen – die Weißen. Sie hatten gesiegt. – Was lag daran!

Manuela kam an einem Torbogen vorüber. Sie sah hinein. Da lehnte ein Verwundeter, sterbend, und quer über dem Weg lag ein Toter.

Sie ging hinein.

Das – nein, es war nicht möglich – sie beugte sich vor – es war Brito.

Nur wenige Augenblicke blieb sie stehen, entsetzt, erstarrt, dann rannte sie davon.

Nein, das war Brito nicht, das Furchtbare, Zerrissene, Beschmutzte.

Sie kannte nur den einen Brito, den Lebenden, Starken, den sie geliebt hatte. O, wie hatte sie ihn geliebt. – – – – – – – – – – – – –


Nun war alles wieder zufrieden. Man hatte seine Revolution gehabt. Es war wüst zugegangen, schlimmer als in früheren Jahren.

Der Präsident, das Militär, Generale und hohe Beamte, alles zog durch die Stadt. Das Volk verlangte es so. Es war der Abschluß.

An der Plaza Independencia waren Tribünen errichtet. Erst kamen Vorreiter, dann Infanterie und hinter ihnen ein hoher General zu Pferde, der von allen Seiten jubelnd begrüßt wurde. Er hatte den Aufstand unterdrückt. Der Sieg war sein Werk. Weiße Blumen flogen ihm zu.

Da knallte ein Schuß, und er sank vom Pferde.

Eine Frau lachte.

Man stürzte sich über sie her und fesselte sie, stieß sie fort. Sie sah sich um, einem Soldaten, der sie mit der geballten Faust geschlagen hatte, gerade in die Augen.

»Das solltest du nicht tun, José,« sagte die Frau ruhig.

Woher kannte ihn dieses zerlumpte, halb verhungerte Geschöpf? Man brachte sie in einem Wagen zur neuen Kaserne, die draußen am Rande einer Vorstadt lag.

»Ich habe den Präsidenten erschossen,« das war alles, was man aus dem elenden, stillen Weib herausbringen konnte.

Was sollte man lange Federlesens mit ihr machen? Es war der General Santos gewesen, gleichviel: sie gehörte an die Mauer im Kasernenhof, wie so mancher in diesen Tagen. –

In der glühendheißen, hellgetünchten Stube saßen zwei Offiziere.

»Wirst du mitgehen, wenn die Person erschossen wird, Marcel, oder soll ich's machen? Du hast das Kommando.«

»Gehen wir beide,« sagte der kleine Dunkle. Er hatte Frauenhände, ein schmales, schwarzes Bärtchen und die träumerischen Augen des Südfranzosen. »Hast du sie heute gesehen? Sie ist eigentlich schön.«

»Schön?« Der kräftige junge Mann gähnte. »Diese schlampigen Weiber sind nie schön.«

»Du hast sie dir nicht ordentlich angesehen. – – Schade –«

»Schade um die Kerle. Was ist an so einem Gassenweib gelegen.«

Der Franzose antwortete nicht. Er versank wieder in Gedanken an seine Heimat, zu der er sich den Weg versperrt hatte. – – –

Ein bunter Trupp ging über den grellen, gelben Hof.

Dann lösten sich die Gestalten der beiden Offiziere.

Die Soldaten wollten der Frau die Füße binden.

Da war es, als ob das Leben in sie zurückströmte. Sie hatte geschwiegen, hatte sich kaum gerührt; jetzt setzte sie sich zur Wehr.

Ihr sehniger Körper bog sich, ihre Augen funkelten.

Die Offiziere waren hinzugetreten. »Laßt mich frei, ich laufe nicht davon,« rief sie erregt. »Ich bin kein Tier, man soll mich nicht binden.«

Der Franzose sah sie bewundernd an.

Wie jung und geschmeidig sie war – und schön, weiß Gott!

»Die Hände können frei bleiben,« sagte er. Ihre Augen trafen die seinen, und Manuela sah wieder diesen Blick, der ihr begegnet war, seit sie zum ersten Male aus der Steppe kam.

Ein Staunen durchlief sie, der Gedanke, alles das sei unmöglich – diese ganze letzte Zeit. Ihr wurde klar und still zumute. Sie hielt den Blick des jungen Franzosen fest. War er nicht wie Henri? Fast fühlte sie Mitleiden.

Der andere Offizier war weiter zurückgetreten. Er kommandierte.

Da griff Manuela in ihre Tasche und warf dem jungen Franzosen eine Perlenkette zu. Das Schloß fehlte. »Da, Kleiner!« rief sie, und diese Worte starben mit ihr.

Der Leutnant hatte sich gebückt. Er mochte die Kette des armen Weibes nicht im Staube zertreten lassen. Jammerschade um das schöne Geschöpf.

Der andere kam auf ihn zu.

»Was tat sie? Warf sie nicht etwas fort? Sie sagte auch einige Worte.«

»Ja, ich dachte es auch. Ich sehe aber nichts.« Er wühlte mit dem Fuße in der Erde herum. Die Kette hatte er in seine Tasche gesteckt. Es war ihm unmöglich, diese letzte Liebkosung einer Sterbenden preiszugeben. Sie mußte es in seinen Augen gesehen haben, wie er sie bewunderte und bemitleidete. Das kleine Andenken und ihre Worte wollte er bewahren.

»Übrigens hast du recht gehabt,« sagte der Große, »sie war schön. Ich habe sie nur bei der ersten Vernehmung gesehen.«

Sie schritten auf die Erschossene zu. Man nahm ihr die Fesseln von den Füßen. Da, als man sie aufhob, rutschte ihr Rock zur Seite.

Über dem Knie saß der Goldreif. Die kleinen Münzen klimperten.

»Die grüne Manuela!« sagte der Große unterdrückt, betroffen, und zog den Franzosen dicht zu der Toten hin.

Er betrachtete sie lange.

Dann gingen die Offiziere fort.

Als sie aus der Hörweite der Soldaten waren, sagte der Ältere: »Das hätte ich wissen sollen: Die grüne Manuela! So ein herrliches Weib erschießt man nicht und er begann dem jungen Franzosen, der erst kurze Zeit in der Stadt war, von ihr zu erzählen, begeistert, voll Bedauern.

Doch der Franzose hörte kaum hin. Seine Hand hielt die Kette, und seine feinen Finger, die einst so gut zu unterscheiden vermochten, fühlten auch jetzt, daß es echte Perlen waren.

Es stieg heiß in ihm auf. Er sah seine Heimat, wollte allein sein.

Der Kamerad schlug auf seine Schulter.

»Na – und dazu hast du nichts zu sagen? Was, das hätten wir wissen sollen. Die grüne Manuela! Besser, wir reden nicht davon. Es geht mir nah. Wahrhaftig! Auf Wiedersehen. Ich hab' Dienst.« Er ging in die Kaserne.