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N. Graf Rehbinder – Elfenmährchen

Märchen

N. Graf Rehbinder, Elfenmährchen, Märchen, Druck von Heinrich Laakmann, Dorpat, 1850.



Prolog.

Wenn linde leise Lüfte
Auf Blumenwiesen weh'n, –
Wenn süße sanfte Düfte
In Abendluft vergehn, –

Wenn Nachtigallen singen
Im mondscheinhellen Wald, –
Dann tönt ein leises Klingen,
Ein Flüstern alsobald.

Aus jeder Blume heben
Die Elfen sich hervor, –
Im Kreise sieht man schweben
Den luft'gen, duft'gen Chor.

Kein Grashalm beugt sich nieder
Bei ihrem leichten Tritt;
Der Nachtigallen Lieder
Ertönen im Chore mit.

In Mondesstrahlen scherzen
Kosen mit süßem West,
Und jedes Blümchen Herzen, –
Das ist der Elfen Fest!


Nacht.

Freier Platz im Walde, mit Blumen bewachsen.

Die Elfen tanzen im Mondschein den Reigen.

Elfenchor.

Wir lieben nicht den Sonnenstrahl
Mit seinen glühendheißen Blicken, –
Die Nacht, die Nacht bringt uns Entzücken,
Und sieht der Elfen frohe Zahl!
Wir schlummerten in Blumendüften,
So lang' der Tag der Erde lacht, –
Und freuen uns in lauen Lüften
Der stillen Sommermitternacht!

Einige.

Aus den Blumen laßt in Ringen
Bunte Ketten rasch uns schlingen!

Andere.

Seht Johanniswürmchen glänzen, –
Schmücken uns bei unsern Tänzen.

Andere.

Süßer Thau, um uns zu letzen,
Muß der Blumen Kelch benetzen!

Andere.

Vöglein schlafen still im Neste, –
Weckt sie nicht bei lautem Feste!

Chor.

Reicht behende
Euch die Hände,
Neigt Euch, beugt Euch,
Schlingt den Reihen, –
Und im Kreise
Schwebet leise, –
Lieder wieder
Lasset steigen!

Iduna

(eine Elfe, die allein abwärts steht).

Keine Kränze,
Keine Tänze,
Süße Triebe
Für mein Herz!
Keine Sänge,
Keine Klänge!
Liebe, Liebe
Macht mir Schmerz!

Chor.

Stehst alleine,
Liebe Kleine,
Fliehst den Scherz?

Iduna.

Keine Tänze,
Keine Kränze!
Liebe, Liebe
Füllt mein Herz!

Elfenkönig (vortretend).

Es herrscht die Lust in unsrem luft'gen Kreise,
Und gaukelnd wirbelt sich die frohe Schaar; –
Warum entziehst Du Dich der frohen Weise,
Und fliehst den Reihen, jeder Freude bar?
Du senkst Dein Haupt, die Lippe murmelt leise? –
Vertraue mir, und sei dem König wahr! –
In meinem Reiche lebt nur Glück und Frieden, –
Was hat Dich, Kind, von unsrem Fest geschieden?

Iduna.

Wie soll ich, Herrscher, die Gefühle nennen,
Von welchen tief das Herz mir wird durchwühlt,
Die unsere Gespielen nimmer kennen.
Und die wein ganzes Sein so innig fühlt! –
In heißer Liebe will die Brust entbrennen.
Und keine Hoffnung meine Wunden kühlt. –
Vernimm, o Herr, was mächtig mir begegnet,
Und kannst Du helfen, o so sei gesegnet!

Im Walde ruht' ich in der Blumen Mitte
Im Mondesglanz in stiller Mitternacht, –
Da tönten durch das Dickicht kühne Schritte,
Und leuchtend in des Ritterkleides Pracht,
Im Auge Stolz und Kühnheit, edle Sitte,
Erschien ein Mann, wie ich ihn nie gedacht,
Und wie ich ihn erschaut, da in den Tiefen
Der Brust erwachten Geister, die noch schliefen!

Von heißer Sehnsucht fühlt' ich mich umfangen.
Von niegekannten Gluthen mich umwallt.
Beengt von namenlosem süßem Bangen,
Von rascher Liebe zündender Gewalt; –
Sie überwand! – Ich fühlte mich gefangen,
Und trat zu ihm in irdischer Gestalt, –
Es zog mich willenlos dem Manne nah!

Elfenkönig.

O wehe Dir, daß Dich sein Auge sah!

Iduna.

Der Ritter sank auf seine Kniee nieder,
Und rief: »O schwinde nicht. Du hohes Bild!
Vom Himmel stiegest Du zur Erde nieder,
Die, längst geahnet, meinen Traum erfüllt!« –
Da floh' ich, barg mich unter Blumen wieder.
Von jähem Schrecken vor mir selbst umhüllt! –
Jetzt weißt Du, Herr, was zündend mich getroffen,–
O, gieb Vergessen, oder laß mich hoffen!

Nimm meines Elfenlebens duft'ge Freuden,
Und laß mich leben für der Liebe Glück, –
Ich will mich nie von dem Geliebten scheiden, –
Nur Elend scheint mein jetziges Geschick!
Ich fleh' zu Dir! – Du kennst nicht meine Leiden,
O, gieb mich hin! – Ich kehre nie zurück!
Was sind mir unsre Freuden, unsre Triebe:
Es giebt nur ein Gefühl mir: Liebe! Liebe!

Elfenkönig.

Wir können nicht den Flug der Liebe binden, –
Frei bist Du, hat er mächtig Dich gefaßt,
Und kannst als Mensch dem Menschen Dich verbinden.

Doch streng ist unserer Gesetze Spruch, –
So lange treu der Mann, den Du erkoren.
So lange lebst Du, – spricht des Schicksals Buch.

Hat er der Treue Schwüre einst gebrochen, –
Hat einmal nur ein andres Weib sein Herz
An ihrer Brust gefühlt mit heißem Pochen, –

Dann mußt Du sterben, wie ein Kind der Zeit,
Und büßest ein der Elfen höchste Güter:
Die ew'ge Jugend, – die Unsterblichkeit! –

Jetzt weißt Du Alles, – frei ist Deine Wahl,
Wir halten nicht den Fuß vom Fliehn zurücke, –
Allein bedenke: Tod und Untreu'-Qual!

Unstät und flatterhaft, vom Tag geboren,
Ein Kind der Laun' ist ird'schen Mannes Sinn, –
Ein Augenblick, – und weh! Du bist verloren!

Du giebst für Deine Liebe Alles hin, –
Bist dessen Du gewiß, den Du erkoren?
Entscheide jetzt! – Du bist die Richterin!

Iduna.

Ich zaudre nicht, – mich schreckt kein Todesdrohn, –
Die wahre Liebe kann und wird nicht wanken, –
Ihr ist die Welt im einzigen Gedanken,
Und tief im Herzen des Gedankens Thron! –
Lebt wohl, Gespielen! – klaget nicht um mich,
Bin ich Euch gleich für immerdar verloren,
Lebt wohl! – Mir ist kein Sterben fürchterlich,
Da ich durch reine Liebe erst geboren!
(Ab.)

Elfenkönig.

Es folge Segen Deinen Schritten,
Und Glück, wie Dir Dein Herz verhieß, –
Wo Tausende mit Qual gestritten,
Da blühe Dir ein Paradies!

Chor der Elfen.

Wir schlummerten in Blumendüften,
So lang der Tag der Erde lacht,
Und freuen uns in lauen Lüften
Der stillen Sommermitternacht!


Halle in Ritter Udo's Schloß.

Udo und Konrad (kommen).

Udo.

Nein, laß mich! laß mich! zieh' allein hinaus.
Ergötze Dich bei ihren schaalen Festen,
Bei Mummenschanz, bei Spielen und Turnier,
Laß Dir die Preise von der Schönsten reichen:
Für mich ist's Keine, seit ich sie gesehn! –
O, daß ich sie gesehn, – daß einmal nur
Das holde Antlitz meinem Blick geleuchtet! –
Sie immer, oder niemals sie zu sehn,
War' hohes Glück gewesen, aber so
Bin ich vernichtet in des Herzens Tiefen!

Konrad.

Ermanne Dich! – Kann denn ein Augenblick
Den starken Mann zum Diener eines Weibes,
Die er nicht kennt, die er nur einmal sah, –
Kann er zum Schäfer einen Tapfern machen.
Daß schmachtend nun er alle Menschen flieht,
Im Traum und Wachen nur ein Bild vor Augen.

Udo.

Ein Bild nur, – das von meiner Seligkeit!

Konrad.

So forsche nach, – erkunde Deine Minne!

Udo.

Vergebens Alles! – Wie in Luft verweht,
Wie in des Mondes bleichem Strahl zerflossen,
Der glänzend um die Herrliche verschwamm, –
War sie, als sie verschwand! – Seit Wochen schon
Durchstreifte ich, ein Hoffender, die Gegend:
Da ist kein Fleck, wo ich sie nicht gesucht, –
Umsonst!

Konrad.

Wenn Dich ein Spuck im Wald geäfft?
Wofür uns Gott behüte!

Udo.

Sind Dämone
Schön wie die Engel? Haben sie ein Auge,
So sanft, so mild, so strahlend doch und leuchtend,
Wie die verborg'ne Herrlichkeit des Himmels?
Da ist kein Scheinen, wo man lieben kann,
Sonst giebt's nichts Menschliches auf Erden mehr!

Konrad.

Es wechselt leicht Dein flatterhafter Sinn, –
Der schönen Bertha denkst Du gar nicht mehr,
Die lang' in ihren Fesseln Dich gehalten?

Udo.

Wer denkt der Morgendämm'rung, schwach und trüb,
Die glanzvoll nur dem Nachtumfangenen, –
Wer denket ihrer, wenn die Sonne aufging,
Der sie als Botin nur vorhergegangen?

Konrad.

Das fass' ich nicht. – Mir fehlt der Jugend Feuer,
Das leicht entflammt, nach allen Seiten aufschlägt, –
Ich habe solches Toben nie gekannt,
Gesucht mein Heil stets in besonnenem
Ehrlichem Thun; – weiß nicht, soll ich deshalb
Mich glücklich oder unglückselig nennen.

Udo.

Glücklich, da Du die Liebe nicht gekannt?

Konrad.

O doch! – Ich war dem Weibe herzlich gut,
Das ich zu meiner Ehefrau erwählt,
Und solche Liebe ließ ich mir genügen, –
Sie hat mich nicht verzehrt mit wilder Gluth,
Sie hat den Lebensweg mir nicht gestört, –
Fest, ehrlich aber treu, so haben wir
Durch's Leben uns geführt, – stets treu, mein Udo, –
Untreue kann nicht Glück noch Segen bringen,
Weil sie den Richter scheut in eig'ner Brust.

Udo.

War' sie die Meine, gäb' es keine Untreu'! –.

Konrad.

Was Hilft dem Manne Wollen, Kraft und Stärke,
Was hilft's ihm, daß er trotzet den Gefahren,
Kann er sich vor der Liebe nicht bewahren,
Die störend greift in seine kühnsten Werke?

Udo.

Wenn ihn ein Augenpaar besiegt, dies merke! –
Mit seinem Himmelsglanz, dem feurig klaren,
Ist's keine Schmach, nein, ein Triumph, erfahren,
Wie Gluth sein Herz durchzieht, statt Eisesstärke! –
Trotz gegen Feinde, – gegen eine Welt,
Kühn in den Kampf mit off'ner Brust gegangen, –
Demüthig aber neige Dich der Liebe. –
Zu seiner Huldin Füßen liegt der Held,
Dort fühlt der Niebezwungene das Bangen,
Und mächtig reißen fort ihn süße Triebe!

Konrad.

Ist diese Liebe Deinem Leben nöthig,
So wirst Du sie erstreben und erreichen. –
Bedarfst Du Freundesrath und Hülfe, zähle
Auf mich!
(Ab.)
(Iduna tritt ein.)

Iduna.

Mein Udo!

Udo (wendet sich).
Ha! – ist's möglich? – Blendet
Die Sehnsucht mich? – Bist Du's?

Iduna.

Ich bin's!
(Udo sinkt aufs Knie.)
Nicht frage,
Woher ich komme und woher ich stamme, –
Nicht forsche nach, was mich zu Dir geführt, –
Sonst muß ich fliehen und Dich ewig meiden!

Udo.

Verlassen nochmals? – Nimmermehr! ich schwöre
Bei Allem, was mir heilig ist im Himmel
Und auf der Erde! – Was bedarf's des Wissens,
Wenn ich Dich strahlend vor den Augen sehe! –
Den guten Engel fragt man nicht, woher
Er kam, – man betet an vor seinem Glanze!

Iduna.

Vergöttere nicht, was Du vernichten kannst!

Udo (außer sich).

Du bist ein Engel, bist kein irdisch Wesen! –
Du bist zu schön, Du kannst nicht irdisch sein! –
Der Himmel ist im Auge Dir zu lesen,
Und alle Seligkeit so süß und rein! –
O fliehe nicht! – Anbetend laß mich knien
Vor Dir, – die ich gefunden und verloren, –
Willst Du zum Himmel mich, den Armen, ziehen?
Hast Du mich zur Verdammniß auserkoren?

Iduna.

Ich liebe Dich!
(Udo nähert sich entzückt.)
Mehr kann ich Dir nicht sagen, –
Es spricht mein Herz, doch meine Zunge schweigt. –
So lange dieses Herz wird lebend schlagen,
So lang dies Aug' sich nicht dem Tode neigt,
So lang' wird meine Liebe nimmer wanken,
In Thaten, Worten, Leiden und Gedanken!

Udo (umschlingt sie feurig).

Mein Leben Dir, den Du zum Gott gemacht!

Iduna.

Doch – bleibe treu!

Udo.

Ich schwör's bei meiner Liebe!

Iduna.

Die Untreu' rächt sich fürchterlich – an mir! –
Bedenke wohl, – wenn je Dein pochend Herz
An eines andern Weibes Brust geschlagen,
Bin ich für Dich verloren, – bin dahin,
Und habe Alles nutzlos aufgeopfert! –
Die Worte klingen räthselhaft, – Du wirst
Nicht weiter forschen nach verborg'nem Sinn, –
Nur denken, daß uns Untreu' ewig scheidet!

Udo.

Eh' schlinge mich die Erde in sich ein, –
Eh' stürze diese Halle über mir, –
Eh' werde Nacht aus Tag, und Tag aus Nacht,
Eh' ich den süßen Schwur der Treue breche! –
Du mein auf ewig!

Iduna.

Du auf ewig mein!


Zimmer in Bertha's Schloß

Bertha (ein Schreiben in der Hand).

Vermählt? – und ich betrogen?
Gebrochen der Liebe Schwur?
Der kurze Rausch verflogen? –
Es blieb die Asche nur! –
Das Glück ist fortgezogen,
Wie der Frühling von grünender Flur! –

Weh' mir, daß seine Worte
Jemals mein Ohr berührt! –
Weh', daß die Herzenspforte
Den Schlüssel leicht verliert! –
Er ist dahingegangen,
Mein Leben nahm er mit, –
Mein Glück, das untergegangen
Unter seinem ehernen Tritt!

Und sie, die ihn mir raubte! –
Weh' ihr und ihrem Glück! –
Die seiner Treue glaubte,
Und seinem falschen Blick! –
Mich rächt des Schicksals Walten, –
Die Gluth in seiner Brust
Wird auch für sie erkalten,
Der Rache zu jubelnder Lust! –
Sie wird die Qual empfinden,
Die fürchterlich ich empfand, –
O, könnte ich Sieg verkünden
Und hätt' ihn auf's Neu' gebannt! –
Will ich glühende Rache finden,
Geb' mir sie der Liebe Hand!
(Ab)


Der Dichter.

1.

Wer malt die Wonne liebesel'ger Stunden,
Wer malt der Herzen glühendes Entzücken,
Beglückt zu werden, wieder zu beglücken.
Der selber nicht der Liebe Macht empfunden?

Wo sich zwei Wesen eng in eins verbunden,
Sich wiederstrahlen nur in ihren Blicken,
Des Lebens allerschönste Blumen pflücken,
Und wo der Tag im Augenblick entschwunden,

Da scheint für eine Reihe Ewigkeiten
Des Busens glühend Klopfen auszureichen,
Kein Leid ist möglich mehr und keine Klage,

Gehemmt der stete Wechsellauf der Zeiten; –
Ein höher Glück scheint nicht mehr zu erreichen,
Es folgt der Wonnetag dem Wonnetage.

2.

Doch wie im raschen Lauf die Stunden ziehen,
So dämpfen sich die allzujähen Flammen,
Und langsam, langsam sinkt die Gluth zusammen,
Und langsam neigt die Blume zum Verblühen.
Der Mann, der sich berauscht in hast'gen Zügen,
Er fühlt der Erde wieder sich entstammen,
Und, muß ihn auch das eig'ne Herz verdammen,
Doch fühlt er's in die Ferne wieder ziehen.

Und langsam trocknet aus des Glückes Quell,
Und langsam trüben sich des Tages Stunden,
Und herbstlich wird das Herz, wie die Natur.

Nicht scheint der Liebe Auge mehr so hell, –
Und von zwei Herzen, die sich eng verbunden,
Verläßt das eine seines Glückes Spur.

3.

Und als des Jahres Kreislauf sich vollendet,
Da hat vollendet auch ihr Blüthenleben:
Sie sieht ihr sel'ges Glück wie Hauch entschweben,
Unsterblichkeit hat sie umsonst verschwendet!

Auf's Neue sind die Augen ihm geblendet
Von jenem Licht, dem früher er ergeben, –
Ihm war die Kraft der Treue nicht gegeben,
Ein Traum von Ewigkeit so kurz beendet.

Wer zählt die Nächte thränenvoller Klage,
Wer nennt den stillen Schmerz in ihrem Busen,
Die Sehnsucht nach dem alten Paradies!

Wie trübe schwindet jetzt der Lauf der Tage,
Die nur auf Dornen, nicht auf Rosen fußen,
Und die Erinnerung nur bleibt ihr süß.


Iduna's Gemach.

Iduna.

Ich habe eine lange Nacht durchwacht
In namenlosem, qualenvollem Sehnen,
Und kein Gedanke hat mir Trost gebracht, –
Vergebens rief um Lind'rung ich in Thränen; –
Der Morgenthau, er fehlt der Mitternacht,
Ich konnte nicht mehr fliehn zu süßem Wähnen,
Nein, denken nur aus allertiefstem Herzen
An ferner Zeiten Lust und Glanz und Schmerzen!

O, meines Jugendmorgens gold'ne Wonnen,
O, meines Daseins sonnenhelles Licht,
Seid ihr in Nebel denn für mich zerronnen? –
Mir blieben selbst die Schattenbilder nicht!
Nur langsam rieselt meines Lebens Bronnen,
Er braust nicht wellenschlagend, ein Gedicht! –
Wo seid ihr hin, ihr Bilder und ihr Träume,
Ihr Paradiese, zauberhaften Räume!

O, meiner Liebe jugendfrische Sprossen,
Wie seid ihr so verwelkt und abgestorben? –
Einst ward ihr mir beständige Genossen,
Da ich um Eure Gunst noch kaum geworben, –
Jetzt flieht ihr mich, – die Pforte ist verschlossen,
Des Lebens frisches Blühen ist gestorben! –
O, meiner jungen Liebe junges Sehnen,
Wirst Du denn nie im Herzen wiedertönen?

So dacht' ich, als am finstersten die Stunde,
Bis schon in purpurfarb'nem Goldesglanz
Ter Morgenröthe Pracht zu neuem Bunde
Gerufen neuen Tages Wechseltanz, –
Da schloß mein Auge sich, und meiner Wunde
Ward Linderung durch Schlummers Mohnenkranz:
Und als geschlossen meine Augenlieder,
Stieg Elfenkönig mir im Traume nieder,

Und sprach: »Was klagest Du? – Dir ward gegeben
Nach Deinem Wunsch, und mehr, als vielen Andern, –
Kurz lebst Du nur, doch war's ein schönes Leben,
Ein stetes Hoffen, Lieben, Sehnen, Wandern, –
Wirst Du getäuscht in Deinem Menschenstreben.
Weil Du vertraut, und nicht gekannt die Andern,
Und welken jung Dir schon des Glückes Sprossen,
So hast Du kurz, doch viel und heiß genossen!

Du hast der hehren Liebe glüh'nden Quell
Aus Deinem Herzen ganz Hinströmen lassen,
Und ströme auch Dein Herzblut, klar und hell,
Und wandle auch sein Lieben sich in Hassen, –
Im Lebensmeere hob Dich Well' um Well', –
Willst klagen Du, wenn sie Dich sinkend fassen? –
O zürne nicht! – Dein Maß hast Du gemessen,
Und Deinen Tod, – er wird ihn nicht vergessen!«


Herzogliches Hoflager.

Grosse, geschmückte Halle.

(Man hört Trompeten und Pauken, nebst wiederholten Jubelrufen.)

Udo (kommt sehr erregt).

Triumph! – Errungen ist der Preis, errungen!
Zur Erde sandt' ich meine Gegner alle,
Glanzvoll beendend des Turnieres Spiel, –
Und vor des Hofes tausend Augen stand ich
Als Sieger da, – als Sieger vor der Schönsten,
Vor des Turnieres Königin, vor Bertha! –
Mir jauchzte laut des Volkes Jubelruf,
Mir winkten aller Frauen holde Blicke, –
Sie reichte schweigend mir des Preises Kleinod! –
Tönt nur, Trompeten, – meines Herzens Jubel
Kann eure eh'rne Zunge selbst nicht künden
In seiner ganzen Fülle! – Ja, sie liebt mich,
Sie liebt mich doch, – und mehr, als eh'mals noch!
Ein jeder ihrer Blicke kündet's deutlich!
Nun hält mich keine Fessel länger, nun,
Da ich des Glückes wahren Werth erkannt,
Will ich mir's doch erringen und bewahren!

(Konrad tritt auf.)

Konrad.

Ich suchte Dich!

Udo.

Um meine Freud' zu theilen,
Du treuer Freund?

Konrad.

Dir Lebewohl zu sagen.

Udo.

Wie?

Konrad.

Heimwärts kehre ich auf meine Feste, –
Ich habe schon genug an dem, was ich
Gesehn.

Udo.

Was kann so plötzlich Dich vertreiben?

Konrad.

Willst Du es wissen? – Deines Weibes Auge,
Das mir mit seinem Blick die Seele trifft,
Und meine Eisenbrust dem Schmerze öffnet.

Udo (unruhig).

Was sagst Du da?

Konrad.

Du kennst mich lange, weißt,
Daß ich nicht liebe, eines läst'gen Mahners
Langweilige Rolle beim gereisten Manne
Zu spielen, – wo es mir zu arg wird, spreche
Ein grades Wort ich aus, und gehe dann,
Will man nicht hören, was ich sage. – Udo!
Du thust an Deinem Weibe Unrecht!

Udo.

Was
Muß ich vernehmen?

Konrad.

Was Dein eignes Herz
Dir deutlicher ins Ohr ruft, als mein Mund. –
Du weißt, ich habe nie geforscht, – es war
Mir heilig Deiner Ehe zart Geheimniß, –
Und wer Dein Weib nur sah, der mußte auch
Erkennen, daß durch ihrer Liebe Kraft
Sie Deiner ganzen vollen Liebe würdig. –
Und nun, da sie die Dein', von der Du sagtest:
»Wär' sie die Meine, gäb' es keine Untreu'!« –
Nun, – läßt Du sie um einer Bertha willen,
Dein ganzes Wesen ihr nur zugewendet,
Und fühllos für Iduna's Höllenschmerz!

Udo (finster).

Ich bin kein Kind mehr, brauche keine Leitung.

Konrad (herzlich).

Udo! Udo!

Udo.

Ich sage Dir, ich weiß,
Was ich zu thuen habe!

Konrad.

Dann ist Dein
Die Schuld, und jede Folge böser That!
Leb' wohl!
(Ab.)

Udo.

Willst Du die Bahn des Glücks mir kreuzen
Mit Deinem Weheruf? – Umsonst! Es siedet
Das Blut in meinen Adern nicht für sie, –
Die Fremde, die Geheimnißreiche, die
Mein unerfahrnes Herz in Banden schlug. –
Die Flamme ist erloschen, – eine neue
Schlägt hoch empor und nagt an meinem Dasein!

(Bertha tritt auf.)

Sie kommt! sie kommt! – der Augenblick ist günstig!

Bertha.

Der Tanzsaal strahlt im Glanz von tausend Kerzen,
Und blendend breitet sich der Frauen Kreis, –
Und Ihr allein, auf den sie Alle harren,
Der Sieger, dem des Tages Ruhm gehört.

Udo.

Ich habe einen Preis erkämpft, – der schönste
Bleibt mir noch zu erringen übrig!

Bertha.

Euch,
Der Alles sein nennt, was des Glückes Hand
Verschwendrisch seinem Liebling geben kann:
Den Ruhm, die Tapferkeit, des Reichthums Fülle,
Zum Ueberflusse noch – – das schönste Weib!

Udo.

O nein! – das schönste nicht, das schönste nicht! –
Ihr seid's! – Du bist's, wie ich Dich vor mir sehe –
Dich liebe ich! – Hast Du es nicht gefühlt,
In jedem meiner Blicke es gelesen,
Aus meiner Augen Sprache nicht gedeutet! –
Ich liebe Dich!

Bertha (bitter).

Mich, – die Ihr einst verlassen?

Udo (außer sich).

Ich war verblendet, – ich war nicht ich selbst!

(Iduna tritt im Hintergrunde auf.)

Von Gaukelei berückt und hingezogen
Durch eines Zaubers räthselhaftes Spiel! –
Der Rausch zerrann, – Dein Bild, es ist geblieben,
Dein bin ich, wie ich immer war! – Wirst Du
Verstoßen den, der reuig wiederkehrt.
Um doppelt glüh'nde Liebe Dir zu bieten?

Bertha (für sich).

Triumph!

Udo.

Verstößt Du mich?

(Bertha öffnet ihm die Arme.)

Ha! Liebe! Liebe!

(Er umschlingt sie entzückt.)

Iduna (aufschreiend).

Udo! Udo! – -Weh'! Weh'! Mein Herz gebrochen!

(Sie sinkt todt nieder.)

(Bertha und Udo fahren entsetzt auseinander.)

Udo.

Was – war – das ?

(Die Halle füllt sich mit herbeieilenden Gästen.)

Meines Weibes Stimme!

(Stürzt zur Leiche hin.)

Todt?
Todt! – Todt!

(Bertha entflieht mit einem Schrei.)

Ihr Herz gebrochen? – Ja, so war es!

(Verstört auf die Leiche starrend.)

»Die Untreu' rächt sich fürchterlich – an mir! –
Bedenke wohl, – wenn je Dein pochend Herz
An eines andern Weibes Brust geschlagen,
Bin ich dahin, bin ich für Dich verloren,
Und habe Alles nutzlos aufgeopfert!« –
So sprach sie! – so geschah es! – Wehe mir! –
Ich hab' ein Herz gebrochen, das mich liebte,
Und mit dem Herzen das geliebte Leben! –
Ich brach' den fürchterlichsten Schwur! – So sei
Ich von mir selbst verflucht! – Es donn're mich
Des eig'nen Busens Rachestimme nieder! –
O, daß mein Rasen nur mir selbst Verderben,
Und Dir nicht neues Leben kann verleihen! –
Hinweg! hinweg! – es faßt mich, wie des Wahnsinns
Gewalt'ge Kralle! – Fort! hinweg von hier!
(Er stürzt ab.)


Nacht.

Freier Platz im Walde, wie in der ersten Scene.

(Der Sturm braust, Wolken umziehen den Mond.)

(Die Elfen bestatten Iduna's Leiche.)

Elfenchor.

In dunkler trüber Mitternacht,
Da schlingt die luft'ge Kette! –
Die Liebe hat Dich umgebracht,
Wir bringen Dich zu Bette!

Und wo bei hellem Mondenschein
Du einst von uns geschieden,
Mußt Du nun ruhen ganz allein! –
Leb' wohl! schlaf sauft in Frieden! –

In jeder Nacht, wenn unsre Reih'n
Sich auf dem Rasen schwenken,
Da wollen wir Dir Blumen streu'n,
Und, Schwester, Dein gedenken!

Elfenkönig.

Ihr Schicksal ist erfüllt, – die Zeit verflogen! –
Beklaget sie, ihr ward ein herbes Loos! –
Unwiderstehlich von der Macht gezogen,
Riß sie von unsrem Geisterglück sich los, –
Gewältig faßten sie des Lebens Wogen,
Und betteten sie in der Erde Schoos! –
Ihm aber Wehe! der dies Herz gebrochen! –
Du ruhe sanft, – Dein Tod hat Dich gerochen!

Elfenchor.

In dunkler trüber Mitternacht,
Da schlingt die luft'ge Kette! –
Die Liebe hat Dich umgebracht,
Wir bringen Dich zu Bette!