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Georg Reicke – Winterfrühling

Gedichte

Georg Reicke, Winterfrühling, Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig, 1901



Frau Sabine
zu eigen



Wir.


Es ist nicht anders und wir wollen's wissen:
wir schweben hin auf einem schmalen Boot,
an stummen Ufern und in Dämmernissen,
entgegen einem lichten Himmelsrot.


Und ob wir sacht des Fahrzeugs Fährte leiten,
wenn Städte türmend steigen, da und dort,
wir müssen dennoch dran vorübergleiten,
uns bietet sich kein gastlich stiller Port.


Es trägt uns keine Brücke mehr hinüber,
zu jenen Stätten, wo die Vielen gehn,
ihr blasses Bild verdämmert trüb und trüber,
ihr letztes Licht verlischt im Windeswehn.


Wir aber sprechen mit des Himmels Dunkel,
wir reden mit der Wiesen Wunderlaut,
und Aug in Auge strahlt uns das Gefunkel,
darin den Sinnen Seele sich vertraut ....


So lasst denn Land und alle Welten gerne,
nur unsre Fahrt verkünde unser Ziel –:
ob jenes Leuchten in der Himmelsferne
der Sonne Abend- oder Morgenspiel!



Die Burg des Schweigens.


Ein kunstvoll reichgeziert verschneites Gitter –
dahinter schneebelad'ne hohe Tannen;
und wo die Augen Durchblick sich gewannen,
vor dem Portal ein erzgegossner Ritter.


Zu beiden Seiten aber stumme Wände
von schwarzen Baumeswächtern streng begleitet,
und wo zum Parke sich der Garten weitet,
der weisse Gitterzaun – schier ohne Ende!


Dies ist die Burg des Schweigens, die wir trafen;
so hatten wir in Träumen sie gesehen,
und wie im Traum nun Thor und Türme stehen,
scheint Alles unterm weichen Schnee zu schlafen.


Doch plötzlich rauscht es um die hohen Orte,
der Himmel flammt in gelben Kupferfarben,
und während langsam alle Schatten starben,
thut lautlos auf sich die verschneite Pforte.


Gelassen führt der Weg uns ans Gemäuer,
die Stufen nehmen willig unsre Schritte,
und feierlich schon stehn wir in der Mitte
des gold'nen Saals – vor uns ein flackernd Feuer.


Auf breitgestuftem Altar hoch gerichtet
steht eine Frau und weisse Hüllen gleiten
von ihren Schultern, drauf die Lichter streiten –
denn sie ist's, die die heil'gen Flammen schichtet.


Wir standen sehr verwundert und erblasset,
und waren von dem Anblick ganz durchdrungen –
sie aber mass das Schweigen unsrer Zungen


und sprach zu uns: »So ihr die Menschen lasset –
das ist der ewig eine Weg zu mir!«



Stimmen im Eise.


Stimmen im Eise –
heimliche leise
Stimmen –!
Jetzt Wispern, irrend
gleich Elfenflüstern
in nächtlichen Rüstern;
jetzt fein erklirrend
wie von krystallener Schale,
die herabfiel beim Mahle
und auf dem weichen Teppich
kaum klingend zerbrach –!
... Doch eine weisse Hand griff danach
und raschelte mit den gläsernen Scherben
auf dem weichen Teppich –
ein Tröpflein musste sie färben,
Blut, Tröpflein rotes Blut!
– – –
Und in dem Kelch war Champagner gewesen
– – –
Und in dem Blicke stand Glut,
o, tiefe, scheue Glut zu lesen,
die herüberdrang
zu mir – –
                                                      Jetzt kracht es laut;
Schau, klirrend zersprang
die weisse Decke unter der Brücke
in grosse Stücke!
Die Februarsonne küsst das Eis
gleich einer spröden Braut,
ungestüm, hier hinterm Walde,
dass die starre Hülle springt
und Flut hervordringt,
niedergehaltne –!


Warte nur, nun ich das weiss,
küss ich dich auch, du Schöngestalt'ne
ungestüm, hier hinterm Walde,
bald –! balde!



Winterfrühling


Der Winterfrühling hat mich müd' gemacht –
der Winterfrühling mit der weichen Luft,
dem blauen Himmel und dem Veilchenduft
in deinem Kleid! Ich wollt, es würde Nacht!


Hier wo der Wind von braunen Wiesen streicht,
und mit den Haaren auf der Stirn dir spielt,
hier sag ich's dir, wohin mein Sehnen zielt –
komm, lass uns ruh'n – hier sag ich's dir vielleicht.


Ich hasse meines Schicksals Gaukelfahrt,
dies können, haben – des ich nicht begehrt,
mich widert alles, was mir nicht verwehrt,
und all mein Sinnen steht nach eigner Art!


Wie lang ich lebt', mein selber kaum bedacht,
jetzt fühl ich mich verirrt und arm und bloss,
und fiebernd liegt mein Haupt in deinem Schoos –
der Winterfrühling hat mich müd gemacht!



Von Engeln.


Liebe weiche Kinderhände
liegen Nachts wie offne Blumen,
die in keuschen Heiligtumen
still erblühten, lieblich schlank ....


Und ich sehe Kinder schreiten
vor den weissen Tempelwänden,
Alle Blumen in den Händen,
solche weisse, schlanke Blumen ....


Und durchs mitternächt'ge Schweigen
weht es wie von Flügel-schweben:
Engel seh ich still sich heben
wallend auf zu Tempeln steigen.



Die heil'gen drei Könige.


Der Wintertag liegt auf dem Dörfchen stumm,
die heil'gen drei Könige gehen heut um.


Der Erste schreitet gebeugt einher,
sein Alter und Krone drücken ihn schwer.


Der Zweite führt trippelnd ein Kind an der Hand,
ihn fröstelt im Königs-Bettlergewand.


Der Dritte hebt hoch empor sein Gesicht –
er grüsst eines blinkenden Sternes Licht.


Und als sie die dörfliche Runde vollbracht,
hat jeder sich schweigend davon gemacht.


Im Armenhaus auf der Ofenbank
schlürft bald der Erste den wärmenden Trank.


Sein böses Weib trifft der Zweite an,
sie schlägt das Kind und sie schimpft den Mann.


Der Dritte hat stumm sich hinausgewandt
und schaut über'n Schnee und das dunkelnde Land –


schaut lange hinauf zu den Sternenhöh'n,
kann sich und ihr Leuchten doch nimmer verstehn!



Nebelstimme.


Im Stadtpark hing der Nebel wie ein Rauch,
gleich Schleiern vor den Augen, grau und schwer –
starr stand die Luft, und Busch und Baum umher,
und nur zuweilen kam ein eis'ger Hauch.


Wir beide gingen schweigend, Hand in Hand.
Du liessest still den Blick im Räume gleiten,
ich, sinnend, hing an deiner Füsse Schreiten,
die schmale Spuren drückten in den Sand.


Da tratest du ein wenig von mir fort,
und deutetest, wie durch den Dämmer droben
sich zweier Kiefern dunkle Fächer schoben,
»gleich Pinienwipfeln« – und du sprachst dies Wort.


Und wir erkannten aus dem einen Laut,
wie beide wir die gleiche Sehnsucht trügen
nach ferner Helle und nach Sonnenflügen,
wo auch der Seele noch ein Sommer blaut.


Nun aber schreiten wir durch Nebelrauch,
wie zitternd Laub von banger Furcht bewegt,
dass uns zu spät die Sonnenstunde schlägt---
denn immer öfter kommt der eis'ge Hauch,
die Bäume frieren – und uns fröstelt auch.



Werdehauch.


Flutenden Lichtes ein Werdehauch
dringt durch das kahle Geäste –
am Fliederstrauch
zittert im zärtlichen Weste
schon das erste Grün.


Knospend aus Irrtum und Fehle,
drängend zum Lichte empor
ringt meine suchende Seele –
und ich steh stumm davor
und fühle sie blühn!



Von Angesicht.


Ich sah ein Angesicht mit dunklem Blick:
von Marmor schienen Schläfen, Kinn und Wangen,
doch drein des Meisters wundervoll Geschick,
des Lebens ganzen Liebreiz aufgefangen.


Auch diese Augen, glutvoll und verträumt,
sie sprachen Leben, ob sie sich nicht regten,
und auf den Mund, den Herbigkeit umsäumt,
geheimnisstarr sich keusche Finger legten.


Vom Haupte aber, auf dem schwarzen Haar,
erblinkte gold ein Helm, zu beiden Seiten
hochauf geflügelt, als ein Schwingenpaar,
bestimmt und stark zu sonnenhohen Weiten.


So sah ich's vor mir, und ich wusste kaum,
war es belebter Stein, war's steinern Leben –
doch hat der Rätselanblick mir im Traum
des Wachens stete Sehnsucht eingegeben:


nach solchen Gluten, die aus Träumen stammen,
nach solchem herben Stolz und sich-verschweigen,
nach solchem goldbeschwingten Sonnen-flammen,
und nach der Kunst, der alles das zu eigen!



Vorfrühling.


Von kahlen Ästen flimmert Frühlingsluft –
ein erster Sonnenhauch geht durch die Räume,
und um die müden Sinne spielt's wie Träume
von neuer Liebe, neuem Lied und Duft.


Und aus dem Traum entspinnt sich holde Lüge
von jungfräulicher Dörfer Felderglanz,
von Waldesdunkel und von Wellentanz,
und lichten Morgen, jung wie deine Züge.


Ich seh dich schreiten mit mir Hand in Hand,
auf steilem Wege sind wir lang gegangen,
nun halten wir von Sonnenglut umfangen
und blicken nieder ins gelobte Land – –


Das ist der Frühling! Aug und Antlitz offen,
weiss uns der liebliche Betrüger wohl zu fassen,
noch aber wird, wie oft! die Sonne uns verblassen,
und wem ward je erfüllt sein Frühlingshoffen!



Begräbnis.


Sie kamen daher – drei Mann oder vier,
in Feiertagskleidern und hohen Hüten;
der erste trug ein Bandelier,
daran ein Kindersärglein hing –
war gar ein winzig ärmlich Ding.


Stumm schritten sie durch das Strassengewühl
mit müden, verdrossenen Arbeitsgesichtern –
und manchen beschlich ein eigen Gefühl,
wenn er nachblickte dem traurigen Zug,
der ein Menschenkindlein zu Grabe trug.


Sie hatten es bald zur Erde gebettet.
Als die Klumpen drauf fielen, Scholl auf Scholl',
da zogen die Hüte sie andachtsvoll.
Dann setzten sie sich in die Schänke daneben
und liessen sich Bier und Branntwein geben.


Der Vater that zwei tüchtige Schlück':
»Ist schon solch ein liebes Dingel gewesen –«
Sein Nachbar sprach: »Es war ein Glück
was hätt es vom Leben gehabt und besessen!«
und dann war das arme Würmchen vergessen.


Zu Haus aber liegt ein blasses Weib,
das krallt die Hände in dürftige Kissen.
Sie sehnt sich nach dem verscharrten Leib,
den kleinen Gliedern, die weich und warm
ein paar kurze Monden ihr lagen im Arm.


Denn wieder nun sieht sie nur alte Not,
die tägliche Sorge fürs tägliche Brot
um nichts, um nichts, als das bischen Leben!
Und schmerzlich stöhnt sie: »Mein lieber Kleiner!
warum denn? warum nur!« ... Es hört sie keiner!



L'heure bleue.


Blaue, liebe Dämmerstunde,
die du sanft vom Himmel steigest,
dem Verlassenen dich neigest –
ach, dir blutet meine Wunde!


Sterne blinken schon hernieder,
Schatten steigen, Schatten fallen
und vom lauten Leben hallen
leiser schon die Fernen wieder.


Frieden, der die Flügel breitet,
küsst mit weichem Mund die Erde –
gieb, o Nacht, dass mir auch werde,
was die Seele heimgeleitet!



Flocken.


Nun seh ich dich im unbekannten Zimmer:
ein fremder Himmel blickt durch tiefe Scheiben,
und ungewohnter Flocken weisses Treiben
wirft übers Blatt dir märchenhaften Schimmer.


Du hebst den Blick und prüfend in der Runde
schickst du ihn nach den oft bestaunten Wänden,
wo Schwarzkunstblätter der vertrauten Fremden
Genuss und Lehre bieten jeder Stunde.


Doch mählich gleitet nach der Fensterhelle
dein suchend Aug und starrt in das Getriebe
des weissen Tändelns, bis die ferne Liebe
es flügelsüchtig bannt auf eine Stelle.


Und plötzlich ist's, als hätte überm Schauen
dein Blick den Raum und den Krystall bezwungen,
und Flocken wären zu dir eingedrungen,
die langsam nun an deiner Wimper tauen.



Von ewiger Kindheit.


Mich überfallen meiner Kindheit Träume
wie Schauer übern Leib! Dies lebt ich schon,
dies alles! diesen Himmel, diese Bäume,


der Heidelerche müden Zwitscherton,
des weichen Abendwindes Flügelschlagen –
mir ist, als sei ich all dem längst entflohn,


und sei doch nicht! Denn wie in jenen Tagen
blick ich umher – und fühl mich sehr verwaist,
blick ich empor – dort stehn die alten Fragen,


blick ich in mich, und was mir Liebe heisst,
klingt noch wie schwermutvolles Geigerstück,
das süss und schmerzlich an der Seele reisst!


Die Sehnsucht selbst, die nach dem grossen Glück,
dem unbekannten, wie ein Rausch dem Kinde,
sie pocht wie einst, und trägt mich weit zurück ....


Allein was frommt mir diese alte Binde?
und warum wird mir all dies offenbart
von neuem jetzt, da neu ich nichts empfinde?


Sind wir einmal so festgefügter Art,
dass, ew'ge Kinder, wir im Kreise kehren,
und stets Vergangnes unsre Gegenwart?
So wär's umsonst, sich alter Ketten wehren?
So stünde auch der Innenseele Fluss,
gebannt in engste Thale, wie wir wären


von Anbeginn? .. Was kann ich, wenn ich muss?



Die rote Blume.


Du bist ein roter Mohn, der still auf grüner Halde
Berg, hinterm Berge glüht, –
Dem scheuen Schläfer am verlassnen Walde
im Traum erblüht –


Sein Sinnen steht fortan und seiner Augen Sehnen
der roten Blume nach,
und weiss gewiss, ihm werden Blut und Thränen,
wenn er sie brach –


Und ging, und suchte lang, und fiel zur Erde nieder,
da er sie fand, so rot –
und brach sie doch, und herzte ihre Glieder –
und küsst' den Tod!



Im Wintermoos.


Hier haben wir so manches Mal gelegen
im Wintermoos; um uns die kahlen Bäume
und Stamm auf Stamm zu dichteren Gehegen
fernhin verlierend sich die dunklen Räume.


Die Räder, unsrer raschen Reise Flügel,
gelehnt an nächste Tanne, hingesunken
wir selbst ins Moos – so lagen wir am Hügel
von Lebens- und von Frühlingsahnung trunken.


Dein Haupt hatt' ich in meinem Schosse ruhen,
wir schwiegen, lauschend, ob sich Laute regten –
Nichts! Nur ein leis Geräusch von deinen Schuhen,
die kreuz-gelegt sich ab und an bewegten.


Sonst alles still; als wär ein Vorbereiten
in Erd und Luft zu ungewohnten Dingen,
als rüstete Natur zu sonderhohen Zeiten,
und schweigend nur vermocht ihr's zu gelingen.



Rosen im Schnee.


Rosenblätter sah ich heut im Schnee –
dunkle Rosenblätter, die wie Tropfen
roten Bluts auf weissem Linnen lagen.
Rosentropfen, blutete ein Weh
auch der Seele, die mit bangem Klopfen
euch als Schmuck am Busen hat getragen?


Warf euch leichthin eine Kinderhand?
Oder waren's letzte Totenkränze,
denen diese Zeugen stumm entfielen?
Ach, ihr teilt das Schicksal mit dem Lenze,
der mit Blumenfingern vor uns stand,
und um den nun wieder weisse Flocken spielen.



Genio loci.


Steht ein Altar unter schattigen Bäumen –
stiller Platz, geweiht von Dichter-Träumen.


In das Steinrund ist ein Band getrieben,
»Genio loci« steht darauf geschrieben.


Haben an dem Platz uns stiller Stunden
gern im mittäglichen Park gefunden.


Vogelstimmen, sanften Windes Schwellen,
Blätterrauschen, und der Ilme Wellen –


sonst ein Schweigen: Doch die Herzen klangen,
Sommersegen war uns aufgegangen.


Haben nicht umsonst den Spruch gelesen –
Genius loci ist uns hold gewesen.



Korso.


Rote Hüte auf goldenen Haaren,
rosige weiche Mädchengesichte,
kommen sie einmal, zweimal gefahren,
schön wie lebendige Frühlingsgedichte!


Schön wie das blühende sprühende Leben,
stolz von schäumenden Rappen gezogen –
einmal noch wird uns sein Anblick gegeben,
und dann ist es für immer entflogen!



Die Krone.


Ich krönte dich mit einem goldnen Reifen.
Lang hatt ich ihn gehegt und oft bestaunt,
und oft mit meinem Atem jeden Streifen
hinweggehaucht, und oft ihm zugeraunt:
sie sollst du schmücken, blinkendes Geschmeid,
die Einzige! so liege mir bereit!


Nun stand ich vor dir, und die spitzen Zacken
erglitzerten im gelben Kerzenschein;
sanft floss der Haare Last um deinen Nacken
und weisser Schleier hüllte fromm sie ein.
Du wehrtest noch – ich aber sah dich an
und hab den Goldreif dir aufs Haupt gethan.


Doch plötzlich, wo die dunkel-wirren Locken
das Gold umnachteten, quoll es wie Blut
auf deiner Stirn: Ich griff danach, erschrocken –
Da rann es mehr und mehr, und in der Flut
von roten Thränen strömte all dein Leben
aus goldnen Dornen, die ich dir gegeben!



Auf einer Bank im Tiergarten.


Herbstmorgen – Um bläuliche Stämme
spielt Nebel und Sonnenschein,
durch grüner Blätter Gewirre
fallen schräge Strahlen darein.


Um deine dunklen Gewande
wittert der goldene Rauch,
und deine Füsse im Sande
küssen die Lichter auch.


Boten vom Himmel gesendet
hier zu der heimlichsten Bank,
meiner Liebe gespendet –
Himmel und Sonne, habt Dank!



Formen.


Die frohen, festen Formen hab ich gerne,
die uns der Anblick bietet, Baum und Strauch,
ein Glied, die Wolke, meinen Schatten auch,
den vor mich hinmalt eine Gaslaterne.


Mein Nächster hört die spröde Sprache nicht:
ihm ist ein Schatten dunkel, Wolke – Wind,
er nennt mein heiter Linienschauspiel blind,
und was mich trunken macht, begreift er nicht.


Und beiden giebt sich uns das gleiche Leben –
So meinen wir! Doch ist's das gleiche nicht:
denn ewig anders leuchtet dort das Licht,
wo meiner Sinne Sonnen sich erheben.


So wandeln wir als auf getrennten Sternen.
Zuweilen sehn wir blinkend Grüssen kommen,
noch unverstanden dies! und fast beklommen,
bohrt sich der Blick in die versagten Fernen.



Allein.


In deinem Mädchenstübchen
sassen wir beide allein –
es kam durchs Fenster uns grüssen
der rote Abendschein.


Schwellend die bunten Gardinen
strich leise ein kühler Wind –
ich küsste so oft deine Lippen,
ich wiegte dich wie ein Kind.


Das Leuchten ist lange verglommen,
Wind hat sich zur Ruhe gelegt –
ich halte dich fester umfangen,
o wie dein Herz nun schlägt!



Ostermorgen.


Die pontischen Azaleen blühten auf dem Tisch,
die Fenster standen offen, und durchsonnte Luft
strich in das Zimmer, weich und frühlingsfrisch –
ich weiss es noch wie heut! Den feinen Duft
auch weiss ich noch, der mich mit leiser Welle
umfächelte, aus deinem Kleid!
                                                      Wir schauten
in sel'gem Schweigen, wie die Lüfte blauten,
und übern Wall hinweg, wo goldne Helle
um Danzigs hochgetürmte Giebel spann.


Du, heut vom Krankenlager aufgestanden –
zum ersten Mal, – lehntest dich an mich an,
aus Schwäche halb, halb Liebe, und es fanden
sich unsre Finger; lässig ruhten sie,
gleich Blumen, ineinander...
                                                      Da von Sankt Marie
kam Glockenklang herüber, voll und klar
die Luft durchzitternd wie mit Hammerschlägen.
Wir wussten's wohl: dies war der Ostersegen,
den sie verkündeten erstandener Welt.


Und wussten beide jetzt mit einem Mal,
dass dieser Tag ja Auferstehung war
auch uns, von bang durchlebter Wochen Quall
Und unser Leben schien mir so erhellt
in dieser Stunde, wie der Frühlingstag,
der draussen auf der jungen Erde lag –
So sagt' ich dir's!
                                                      Du – warfst den Kopf zurück
in meinen Arm und sahst mich leuchtend an
und lächeltest ... O unser junges Glück!



Nebel.


Wie der Nebel rieselt! Das weite Land
liegt wie gestorben! Einsam ruft
schattenhaft segelnd in grauer Luft
nur eine Krähe mit heiserem Schrei
nach ihren Schwestern – und fliegt vorbei.


Doch Schwermutsgedanken, ein Krähenschwarm
umflattern das Haupt mir mit dunklen Fängen
In meiner Seele ein fieberndes Drängen –
es möcht in die Weite – zum Lichte hinauf –
und immer wieder senkt sich Nebel drauf!



Absage.


Das war ein trüber Traum, der heut mich traf!
Ich kam in meine alte Vaterstadt,
in unsre liebgewohnte krumme Gassen,
zum alten Haus; leer stand es und verlassen,
und alle Fenster schliefen Totenschlaf.


Die Thüre aber öffnete wie eh' –
vor mir erhob sich die vertraute Treppe,
und auf den Knien gehorchend innerm Rufe
erklomm ich sie, bis auf der obern Stufe
ich niedersank, lautweinend und voll Weh.


Und eine Stimme sprach: »Vergiss dies, Sohn!
Vergiss den Zauber dieser alten Stätten!
Auf neuem Boden wächst des Wirkens Reis –
Ein Opfer ist's, doch jedes Zieles Preis!«


Und ohne umzusehn schlich ich davon!



Abendgebet.


Schöne Stille – Abendruh,
lass auch mich den Hauch verspüren,
der von deinen Himmelsthüren
schwebt den Menschenhütten zu!


Möchte wie ein Wandersmann
müd im Thal mich schlafen legen –
morgen froh zu Berges-Wegen
fangen neue Bahnen an!


Sinke, streue roter Mohn
in die Seele sanft Vergessen
allem, was ich gern besessen,
stets gesucht, mir stets entflohn!



Das tote Blatt.


Ein Blatt Papier, gleich einer Wetterfahne
vom Sturm an einen kahlen Zweig geklebt
und ängstlich flatternd jetzt, so ängstlich krank
wie eine Seele, die im Tode bebt!


Ich weiss es wohl, es ist ein totes Blatt –
doch meine Seele traf der Klagelaut.
Nun fühlt den Wind sie, spürt den Todeshauch
und zittert mit, dass mir es selber graut!


Bas Tiefste ist dem Höchsten so verwandt –
Wir sind ein Spielball beider! Oder hat
mir ein Unsterbliches die Seele mehr
betroffen je als dieses tote Blatt?



Träumerei.


Aus Abendhelle, Frühlingswind-durchweht
kehr ich zurück in mein verdunkelt Zimmer.
Schräg blinkt der Mond herein; sein bleicher Schimmer
huscht übern Schreibtisch, wo ihr Bildnis steht,
und küsst mit blassen Lippen drüben an der Wand
der Rubensschen Cäcilia weisse Hand.


Hastig in meinem Rücken tickt die Uhr,
als mahne sie die Zeit zum weiterschreiten –
vom Ofen her aus halb verbrannten Scheiten
kriecht übern Teppich eine Glimmerspur,
und draussen weht der Wind. Und so versponnen
schlürf ich der Einsamkeit gemischte Wonnen.
 

Ein Augenpaar –! Du mein vertraut Gesicht,
kommst du mich suchen? Sprichst von blauen Stunden
an Wintertagen, die uns oft verbunden
an diesem Platz? Ich weiss! Du bist es nicht!
Ich weiss es wohl! Der Winter ist dahin
und du mit ihm! Ach, dass ich einsam bin!


Horch, wie es braust! Der Frühling stürmt die Welt!
Die Tage rinnen – bald von reifen Ähren
wogt rings das Land, gleichwie in gold'nen Meeren
ein üppiger Windhauch Fluten überschwellt –
O junger Frühling, – die ich lang gesucht,
lass reifen mir auch meiner Träume Frucht!



Lieder.


Stimme der Sehnsucht, kleine Lieder,
die ihr im Herzen singt und klingt,
ob auf eurem leichten Gefieder
wohl mein Grüssen zu ihr dringt?


Grüssen, davon ihre Seele schwillt
gleichwie die meine von klingendem Sehnen,
so voll Liebe, und oft so wild,
ach, so wild – und so nahe den Thränen?



Du.


Ein Grüssen kam vom hellen Himmelssaum,
ergoss mit Silberleuchten sich ins Meer,
und tanzte über nächtlich-weissen Schaum
bis dicht vor unsre Füsse her.


Dich traf ein Strahl von jenem Himmelslicht,
denn seinem Wesen bist du urverwandt –
nun leuchtet er aus deinem Angesicht
und redet selbst in deiner Hand –


Du, einer reinern Welt verflognes Kind,
wirst oft hier tasten, suchen, nicht verstehn –
und dennoch wirkst du mehr als Flut und Wind
durch deiner Seele Flügelwehn!



Die vier frischen Mädchen.


Vier frische Mägde sah ich gehn
vier Stuben- oder Küchenfeen,
sie gingen Hand in Handen –
sie trugen alle rosa Kleid
mit Schürzen weiss und Bändern breit,
wie einem Nest entstanden.


Und jeder, der vorüberging,
und schritt er sacht und schritt er flink,
er guckte nach den Heben –
und freuten ihrer all sich bass.
Ei warum thaten alle das?
Das Leben war's, das Leben!



Nachtfahrt.


Durch winterlich vermummte, stille Gassen,
fremdartig schlummernd unter weisser Decke,
trägt uns der Wagen von dem Fest nach Hause.
Noch voll des Glanzes, den wir kaum verlassen,
lehnt jeder müde in der Wagenecke
und selt'nem Wort folgt eine lange Pause.


Da öffnest du das Fenster. Frische Luft,
schon Feuchte witternd, fächelt unsre Schläfen
und weckt die halb verdämmerten Gedanken.
In die geblähten Nüstern steigt ein Duft
aus deinem Haar, als wenn mich Blicke träfen,
die unter Wünschen und Verzichten kranken.


Im irren Schimmer unsrer Wagenlichter
blinkt deine Hand vom Kissen mir entgegen,
als böte sie sich an, mir zu gehören.
Ich folge gern und neig zu ihr mich dichter –
doch plötzlich zag ich meine drauf zu legen,
ungerne möcht ich deine Träume stören.


Ist nicht das Beste, was die Seele giebt,
im stummen Klingen, in der Lüfte Wehen,
die hold-gemeinsam unsern Sinn umflüstern,
im Schweigen-dürfen, das die Seele liebt
wie tiefstes Wissen, besser zu verstehen
als Wort und That, die alles Sein umdüstern?



Himmelsnähe.


Ein Heiderücken mit braunem Gras,
darüber Scharen von spielenden Mücken;
hoch oben der Mond, schon voll, doch blass –
sonst nichts rundum als welliges Land
und abender Himmel ausgespannt.


Wir ruhten beisammen im weichen Moos,
und sahen langsam die Sonne scheiden –
mein Kopf in deinem lieben Schoss:
und über mir so nah und so weit
nur Himmel und Himmelsseligkeit.



Regentag.


Ein rot Gebäude, durch der Ulmen Dach
Der jung belaubten, ganz und gar zu sehen –
gleich Riesenspielzeug scheint es dazustehen,
wie blankgespiegelt von dem Regentag.


Mir aber birgt es Ernst und vieles Leben:
ich weiss, dass hinter dieser Scheiben Wand
dein Auge blickt, hinraschelt dein Gewand
und deiner Seele Träume sich erheben.


Du trittst zur Thüre. Deiner Füsse Spur
verfolg ich übern Teppich, den sie schreiten.
Du stehst und sinnst – dein Auge sucht in Weiten.
Dein Herz vernimmt sein eigen Klopfen nur.


Doch heiss verlangend pocht hier mein's empor,
den Atem deiner Nähe möcht ich teilen,
den Atem nur –! Und muss vor Mauern weilen,
verregnet, stumm, blindäugig wie zuvor!



Glückes genug.


Gelber letzter Widerschein
der hinabgestiegnen Sonne –
Herz, nun magst du ruhig sein!
Dieses Tages süsse Wonne
ist für immer dir beschlossen,
und was heut du hell genossen,
wird einst deiner Nächte Leuchte sein!


Schon verklingt des Tages Schall –
in der Gärten Dämmerschweigen
stirbt ein letzter Widerhall.
Und zum Sternenhimmel steigen
aus zwei tiefbeglückten Seelen
Wünsche, denen Worte fehlen –
horch, statt ihrer schlägt die Nachtigal!



Der Dämon.


Wir hatten uns ein herrlich Haus gebaut,
mit lichten Räumen und verträumten Ecken,
der Garten blühte unter Busch und Hecken
und um uns war's von lieben Kindern laut.


Da rief ein Dämon – wie ein Vogel klang
sein Ruf vom nahen Walde. Und mit Schaudern
sah ich dich aufstehn, schreiten, wieder zaudern–
es schien dir beides: schwer und leicht der Gang.


Ich sah den Blick, mit dem du uns umfingest,
die Kinder, mich, dein blühend Heim und Haus –
dann richtetest du starr den Blick hinaus,
noch immer rief der Dämon – Und du gingest.



Die weisse Kappe.


Deine weisse Radlerkappe, Lieb,
sah ich einsam heut im Schranke liegen –
wusste nicht, dass sie vergessen blieb
und ich musst' sie auf den Fingern wiegen.


Leichtes Ding und weich! Wie angegossen
sie geruht auf deinen dunklen Haaren,
weiss ich wohl und hab den Reiz genossen,
als zum erstenmal wir so gefahren.


Hurtig warst du mir voraufgeflogen,
rollend wie das Glück, bald fern und klein –
Doch den Ritter hat es nachgezogen
und die weisse Kappe war sein Schein!



Im Wechsel der Tage.


Durch kahle Zweige, die im Winde schwanken,
grüsst mich des blassen Mondes kleine Scheibe –
bewegend mir das Meer von Schmerzgedanken,
darin ich als ein irrend Schifflein treibe.


So stand ich oft und sah zu Sternen auf
und meine Lippen nannten grosse Worte,
und ward enttäuscht! Der öden Tage Lauf
hat bald gesorgt, dass Wunsch und Wille dorrte.


Und dennoch, eh' der Mond von neuem ründet –
ich bin gewiss (und schelt ich wohl den Segen?)
empfing ich wieder, was mir Hoffnung kündet
und geh mit neuem Wunsch auf alten Wegen.



Wallendorfer Mühle


Stiller Abendweg
zwischen Wies' und Korn –
Sonne blinkte schräg
schon durch Busch und Dorn.


Schrittest mir zur Seit'
lieblich wie ein Traum,
blütenweiss das Kleid,
mit gesticktem Saum;


rote Strümpfe drunter
und braungelbe Schuh
und ein seidenbunter
roter Schirm dazu.


Bei der Mühle dann
sassest du zwischen Andern,
aber ab und an
liess den Blick ich wandern –


 
mieden sich gar gut
Aug und Auge noch,
aber keusche Glut
lohte heimlich doch!


Und dann kam die Kühle,
schneller ging's zurück,
still lag schon die Mühle
wie verschlafnes Glück.


Ãœber Wies' und Wege
schwebte die Sommernacht,
auf dem tauigen Stege
hatte nun jeder Acht ..


Auch Dein leuchtend Gewande
hobest behutsam du –
schattenhaft sah ich im Sande
schreiten die gelben Schuh!



Heisse Nacht.


.. und ab und zu kam ein verirrter Falter
und flatterte mit schwerem Flügelschlag
um unser Licht, bis auf den blanken Halter
verbrannt er niederfiel. – Im Garten lag


die schwüle Sommernacht, kaum dann und wann
im Schlaf sich regend, wenn vom See erfrischt
ein leiser Windhauch durch die Blätter rann,
wollüstig weich, mit Blumenduft vermischt.


Die gelbe Seide hattst du ausgezogen,
im Schosse lag das knisternde Gewand
und deines jungen Busens stürmisch Wogen
bedeckte nur die ringgeschmückte Hand.


Stumm hielt die andre ich aufs Herz gepresst
und las in deiner Blicke dunklen Gluten.
Ob sich das Rätsel wohl ergründen lässt,
wie Seel und Seele ineinanderfluten?


Ist dies nun Liebe, die das Tiefste kennt,
wenn Sinne ihre heisse Sprache reden?
Wie – oder sind's die Sinne, was uns trennt,
und flackern sie um alle und für jeden?


Giebt es nicht dennoch letztgeheimen Laut
im Blut, im Druck der Hand, im Augenleuchten,
darin nur Einem unsre Seele taut,
die wir sonst eisumstarrt und unser däuchten? ...


Vielleicht gar ist's uns Schicksal, so zu irren
um schöne Flammen, wie der Falter irrt,
der unablässig um die Leuchte schwirren
und fürchten muss, dass er ihr Opfer wird!



Merkspruch.


Flamme, o Seele, und züngle empor,
lass dir vom Himmel die Antwort geben!
Horche dem Winde, lauschendes Ohr,
über die Welt weht Liebe und Leben!


Kommst du dann wieder zu Enge und Leuten,
sorge, dass nicht dein Sinn es vergisst:
auch in den Seelen hat nur Bedeuten,
was von Wind und vom Himmel ist!



Vor der Stadt.


Es klingen die Glocken, es klingt mir im Sinn
ein leises, ein fernes Geläute –
o meine Liebste, wie gerne bin
ich einst hier gegangen mit dir! Wohin
entflohst du mir heute!


Laternen erglimmen, es streicht der Wind
übers kahle Strassengelände –
von dämmerigen Türmen verhallte der Ton,
so einsam wird es, so dunkel schon –
und Sehnsucht reicht mir die Hände!



Vergebens.


In grossen Schmerzen fand ich dich befangen,
als unsre Schritte erstenmals sich trafen:
ein schwer Martyrium bleichte deine Wangen,
und junges Glück ging früh gealtert schlafen.


Da kam ich mit der Raschheit meiner Jahre
und zerrte an dem Vorhang, der dir wehrte,
dass deinem Blick ein Weg sich offenbare
zurück zur Welt, und neuen Glückes Fährte.


Und du erhobst dich zu dem neuen Licht,
es leuchtete dem Dunkel deines Lebens –
es leuchtete, allein es wärmte nicht,
und deine Sehnsucht zitterte vergebens!



Ferne und Nähe.


Nun ist es grün! Die Seele jauchzt empor –
um höchsten Wipfel schon ein lichter Flor!


Das Auge kehrt zurück in engsten Kreis –
aus jedem Würzelchen ein grünes Reis!


In alle Weite will der Mut nun dringen,
auf Adlerflügeln sich zur Sonne schwingen –


und sehnt sich doch in einer stillen Gassen
ein liebes kleines Händepaar zu fassen!



Regen-Huldigung.


Achtundvierzig Stunden endlos Regen
und das grünt und grünt! Von jedem Baume
fliesst ein eigner würz'ger Frühlingssegen
und die ganze Welt steht wie im Traume.


Und im Traume schreit ich unter Zweigen,
tief versponnen in ein üppig Grüssen –
alle Bäume seh ich dir sich neigen,
alle Tropfen fallen dir zu Füssen.


Und ich selber beuge schon die Kniee,
meinem Wunsch wirst du gewähren müssen,
denn mich trug mein Traum nur her, um, siehe,
deines Fusses Spitze fromm zu küssen.


Dies vollbracht, so kehr ich zu der Stille
meiner regenschweren Ulmen wieder –
nicht zu stören war mein Wunsch und Wille,
Huldigung nur an deine schlanken Glieder!



Der Hüter des Thales.


Der Abend lagert im Gebirge schon –
es wetterleuchtet und die Wolken drohn.


In dunkler Tiefe blitzen Lichter auf –
die niedern Hütten liegen dort zu Hauf.


Des Thales Hüter steht auf fels'ger Wacht,
sein stählern Hemde leuchtet durch die Nacht.


Wild drängt heran des Ungewitters Kraft,
erwehrt ihm still mit Schwert und Schild und Schaft.


Die unten zittern, zagen, wissen nicht
und beten ängstlich um ihr kleines Licht –


Hoch über allem Ird'schen steht der Geist,
der den Gewalten ihre Wege weist.



Rauhreif.


Umzaubert, mondversilbert steht die Welt,
ein weisses Märchen, unterm Schneegewande;
der Wipfel Netzwerk knüpft ein Nebelzelt
von Reif und Rauch an die gestirnten Lande.


Zu meinen Füssen leise knirscht der Schnee
und Einsamkeit wie schattenhafte Mauer
umschränkt die Schritte, dass ich lauschend steh
und mich versenke in der Stille Schauer.


Da klingt ans Ohr mir feiner Glockenton;
fern zwischen Stämmen schwanken, schwinden Lichter ..
ein Schlitten taucht empor, genähert schon,
und Pferde, Menschen, Lachen und Gesichter....


Und kommt – und geht. Bald sterben Licht und Klang,
verlassen mir die Nähe doppelt trüber ...
So war es oft! wir stehn und lauschen bang –
das Leben fährt mit Schellenklang vorüber!



Dem Vater.


Nicht eben leicht war deines Lebens Reise –
im Liebsten hast am schwersten du gelitten,
und war dein Mund zu stolz, um laut zu bitten –
das Schicksal gab von Gunst dir nie Beweise.


Doch du bliebst standhaft: im erwählten Gleise
ist nie dein Fuss gestrauchelt und geglitten,
und wenn im Schatten du zumeist gestritten –
jetzt lächelt milde Sonne noch dem Greise!
 

So sehen wir die alte knorr'ge Eiche
trotz Wind und Wetter heut noch aufrecht ragen,
ein Neid und Stolz dem schwächeren Geschlechte;


und wissen auch, dass man im Geistesreiche
um andre Ziele kämpft, als Kronen tragen –
denn nur wer selbstlos kämpft, das ist der Rechte!



Radpartie.


Türmende Ferne, wolkige Weite,
nebelnder, sonnedurchgluteter Wind –
fröhlicher Menschen buntes Geleite,
rollende Räder hasten geschwind.


Kräftige übergebeugte Gestalten
flatternde Blusen, weiss und blau,
Haare von Käppchen und Schleier gehalten,
Stiefel und Gürtel passen genau –


Fliegen sie wiegend auf ebenen Bahnen,
nahen sich, trennen sich, wie es gefällt –
spielendes Suchen und liebendes Ahnen,
und ihren Herzen gehört die Welt!



Nachtstück.


Aus tiefem Dämmer, drum die Lüfte kosen,
von weisser Balustrade Schattenrand,
die Arme üppig eingewühlt in Rosen,
dass Brust und Kinn noch fast darin verschwand –


so schwamm dein Haupt auf einem Blütenmeer,
wie ein geheimnisvoller bleicher Mond,
der zwischen Bäumen über Wiesen her
auf einmal himmelssücht'gen Blick belohnt.


Und wie der Wandrer still den Schimmer trinkt,
der mehr und mehr zu Leuchten sich verdichtet,
so stand auch ich, von Zauber ganz umringt,
den Blick zu deinem Schein emporgerichtet.


Ich wusste kaum, ob ich dein Antlitz sah,
zu tief war schon die Dunkelheit gesunken,
und fühlte dennoch dich mir deutlich nah
und meine Sinne überwach und trunken ...


Und plötzlich fielen vom Balkone nieder
die Blüt und Blumen all zu meinen Füssen –
Zu mir hinunter neigten weisse Glieder
und kam ein halbgeflüstert weiches Grüssen!



Frühlingsschmerz.


Wir schritten durch dunstige Frühlingsnacht –
der Nebel zog überm Wiesenplan.
Wir standen still und sahen uns an.
Kühl war deine Hand und feucht dein Haar,
doch deine Schulter so warm und weich –
und ich so reich!


Der Frühling kam wieder, kam wieder ins Land,
kalt blinken die Sterne, hoch glänzt der Mond.
Mein Blick ist sehnend ins Weite gewandt –
Du weilst in der fernen Millionenstadt
mir wie verloren im fremden Schwarm –
und ich so arm!



Sonntag-Vormittag.


Sonntag Vormittag! Ins schattige Zimmer
flutet die sonnige Frühlingsluft.
Ãœber die Decke hin irrt ein Flimmer,
durch die Thüre strömt Lindenduft.


Vom Nachbarbalkone herüber dringen
weiche wiegende Flügeltöne,
und in der einsamen Seele klingen
Sehnsucht nach Liebe und ferner Schöne ..


Alles so oft, so oft schon gewesen!
Immer dasselbe, dasselbe Gebahren
innen und aussen! Und doch so erlesen
schon und beglückend, es neu zu erfahren!



Liebesspur.


Im ersten Schnee verfolgt ich eine Spur,
die scharfgezeichnet durch die Strasse lief.
Ein schmaler Frauenfuss: ich sinne nur
welch Bilder jenes Zeichen mir berief ...?


Ein Städtchen taucht empor; es dunkelt schon.
Der frühe Schnee hüllt es mit leichter Decke,
die Strassen leer auf augenweite Strecke
und wie umschleiert jeder seltne Ton.


Zu meiner Seite hob sich leicht dein Schritt,
aus Felderweite rück zum Hause kehrend,
und auf der Schwelle, langem Wunsch nichtwehrend
küsst ich dich rasch und nahm dein Lächeln mit ...


Und wie ich dann in unruhvollem Regen
das Glück befragte, das mir widerfuhr,
kam deiner Schritte schmalgefügte Spur
Am weissen Schnee mir liebevoll entgegen.



Grauer Tag.


Es riecht nach frischer Erde,
nach jungem Wiesengrün,
ob auch auf alle Felder
noch Wolken niedersprühn.


Geduckt in meinen Mantel,
wohl ins Gesicht den Hut,
lass walten ich den Himmel
und bin der Erde gut!


Ein Kiebitz ruft von ferne,
ein wilder Vogel zieht,
doch aus der grauen Höhe
singt Lerche schon ihr Lied.


Ich lebe graue Tage –
wohlauf, sie werden hell!
Bald soll mir wiederkehren
mein lieber Herzgesell!



Wandlung.


Nach Fernen sucht ich, ungelebten Dingen,
nach dem, was meist-erschütternd uns erregt.
Mein eigen Dasein schien mir unbewegt,
und aus erträumten Welten klang mein Singen.


Da kämest du – und brachtest mir die Nähe,
das tiefste Fühlen des lebend'gen Lebens:
nun stand ich vor dem Halme nicht vergebens,
er war geweiht durch meiner Liebe Wehe.


Und nun du mir das Glück mit weichen Armen
ums Haupt gelegt, nun ist mir jede Ferne
vertraut gleich meiner Hand, und liebend lerne
ich beide durch mein eigen Blut erwarmen.



Dämmerung.


Ein Rauschen und Regen
und ruhlos Bewegen
in dunklen Bäumen.
Aus ruhlosen Träumen
bin ich erwacht
und lausche in die windige Nacht.


Geheimnisvoll ziehen
die Nebel am Hügel –
der Mühle Flügel
stehn still in die Luft,
und einsam glühen
im matten Duft
hoch oben fern-ferne
zwei letzte Sterne.


Graudämmerwelt –
was hältst du geborgen
für den steigenden Tag?
Sind's Freuden? Sind's Sorgen?
Lehrt langsam erhellt
dein Himmel ein Glück mich,
ein neues, glauben?
Oder will er mir rauben,
was ich Liebes hätte ..?


Da legt sich leise mir eine
warme Hand auf die meine.
Ich wende zurück mich.
Die Liebste ist aufgewacht
und sitzt im Bette
und sieht mich an und lacht:
»Was willst du doch –?«


Und ich frage noch!



Das Mohnfeld.


Ein purpurn Mohnfeld war mein häufig Ziel,
das hinterm Wall versteckt, wo tiefer Graben
die Citadelle gürtet, einst gefiel
dem Schweifenden. Mit seinen goldnen Gaben


lag dort der Traum im Grase, sah umher,
nachlässig aufgestützt, auf all die Gluten
von rot und grün, und in das Leuchte-Meer,
das drüber wob, lebend'ger Sonnenfluten.


Und zu ihm legt ich mich, und seine Hand
strich meine Stirn, wie weiche Frauenfinger
ein Kind umschmeicheln, das aus Spiel und Tand
unmerklich mit sich führt der Allbezwinger.


So schlief auch ich, und überm Schlummer schien
der Traum mir goldnen Reif ums Haupt zu geben,
aus seinem eignen Haar. Dann sah ich ihn
von meiner Seite lächelnd leis entschweben.


Geschmückt so lag ich ... Als ich spät erwacht,
troff letztes Leuchten von den roten Mohnen,
am Berge stand erwartend schon die Nacht,
und Stimmen sprachen, die im Äther wohnen.


Doch tief getröstet von gemeinem Leid
schritt ich zurück zu meines Tages Bürde,
ein Abglanz jener stummen Herrlichkeit
in mir: ich trug des Traumgotts Würde.



Neue Liebe.


Schon hat ein erster weicher Frühlingstag
die Welt beglückt,
mit langentwöhntem flötendem Amselschlag
das Ohr entzückt.


Schon regt im alten Herzen neu sich wieder
ein jung Gefühl,
und Augen treiben, Blumen, Mond und Lieder
ihr altes Spiel!



Schlittenfahrt.


Durch winterweissen Abend-Tannenwald,
auf raschem Schlitten und mit Silberschellen,
die von den schwarzen Wänden widergellen,
geht unsre Fahrt. Die Luft weht bitter kalt.


Die Sterne blinzeln frierend auf uns nieder,
und sie und uns und rings den Forst erfüllt
das eis'ge Schweigen. In den Pelz gehüllt
lehnst du zur Seite mir, reglos die Glieder.


Ich, lange schon dein ruhig Haupt betrachtend,
beug nun mich vor und forsche deinen Blicken:
da find ich sie geschlossen, und sie schicken
die Wimpern nieder, als den Traum umnachtend.


Und tief empfand ich, wie in jener Stunde
du meiner Seele weltenweit entrückt –
vielleicht ins Kinderland! Vielleicht verzückt
nach einem Sterne in der hohen Runde!


Vielleicht, dass dir Erfüllung gab ein Bild
für manche Wünsche, die vergeblich pochen –!
Vielleicht dass eine Hoffnung dir zerbrochen!
Vielleicht–! Wer weiss! ... Du lächelst, schmerzlich mild.



Tod und Leben.


Silbergrüne Frühlingsweite,
noch im Dunst die Stadt verborgen,
Pfad und Saat und alle Breite
blinkt in tausendtropf'gem Morgen.


Fern vom Kirchhof sonnenklar
tönt der Sang der Nachtigallen,
und ich sehe schwarze Schar
nach dem stillen Thore wallen.


Tragen Kränze liebem Toten,
dem zu spät der Lenz gekommen.
Lächelnd sandt er seine Boten,
hat ihn lächelnd uns genommen!


Und so reih'n sich Tag um Tage
stumm zu unbekanntem Kreis –
Leben heisst die ew'ge Frage,
drauf nur Tod die Antwort weiss.



Phantasie.


Die Spitze deines blanken Lackschuhs hebst
du auf des Wagens Rücksitz, und wir fahren,
du ganz mit einer Königin Gebahren,
wie du im weichen Fonds des Wagens schwebst,
vom rosigen Licht des Sonnenschirms beschienen
durch fremde Strassen, die dir huldigend dienen.


Dann haben wir den Menschenstrom verlassen
und stiller fliesst der Weg, an hohen Bäumen
vorbei und Villen, die in Gärten träumen,
an klaren Teichen, Tempeln und Terrassen –
bis sich der Abend senkt: der Rappen Lauf
nimmt gastlich weitgeöffnet Gitter auf.


Begrünten Rundplatz schliessen weisse Bogen.
Der Wagen hält vor teppich-roter Treppe,
ein flinker Groom bückt sich nach deiner Schleppe.
Milchweisse Tauben kommen hergeflogen,
und zu den Thüren, die dich festlich bitten,
bist du an meiner Hand emporgeschritten.


Aus goldnen Kandelabern quillt ein Licht
durchs schweigsam prunkende Gemach ergossen.
Du aber stehst nun fragend unentschlossen
als sagtest du zu mir: ich bin die nicht,
die draussen du im gaffenden Gewühle
bewundern lässt auf weichem Wagenpfühle.


Und schon bewegtest du die weisse Hand –
da losch der Glanz; du blicktest nach den Seiten –
der Marmor starb, es blich des Teppichs Breiten;
all meiner Schätze goldne Spur entschwand,
und dunkel ward das Zimmer, kahl und klein –
Doch du mit Leuchten sprachst: »Nun bin ich dein!«



Im Grunewald.


Schlanke kaum bewegte Föhren
stehn im Abendlicht –
zwischen ihrer Wipfelrunde
schau ich dein Gesicht.


Lieg in deinem Schosse sinnend
Blick hinaufgewandt –
deine dunklen Lippen plaudern
wie aus fernem Land.


Blaue Schatten mählich sinken,
schweigend sinnst auch du –
und der grosse stille Frieden
deckt uns beide zu!



Talmühle.


So einsam liegt der grüne Erdenfleck,
so still geborgen in dem Wälderschweigen,
so sonnenfriedlich jetzt beim Abendneigen,
wie tief beglückter Menschen traut Versteck.


Drei Hüttchen nur – dabei die Schneidemühle.
Nun steht das Rad und von dem Bache her,
der hurtig herschiesst vom geschlossnen Wehr,
weht aus den Erlen schon die Abendkühle.


Ins erste tret ich ein: das Feuer loht;
am Herde sitzt, gefaltet ihre Hände,
ein altes Weibchen, das bestarrt die Wände
und wartet überm dürft'gen Abendbrot.


Ihr gegenüber hab ich Platz genommen
und frage frisch, wie's hier dem Alter geh?
Da blickt sie nach der Thüre in der Näh'
und sagt ganz still: »Ist heut der Todmann kommen.«



Tiergartenbildchen.


Frühlingssonne auf jungen Zweigen –
unten sind schon Schleier gewoben,
aber um die Wipfel droben
herrscht noch winterhaftes Schweigen.


Alte Weibchen, schwarz gekleidet,
tragen in ihren welken Händen
golden-gelbe Frühlingsspenden,
Sonne suchend, die sie meidet.


Muntre Kinder, lebende Blumen,
tummeln sich um die alten Gestalten,
hängen sich an Rock und Falten
ihrer fadenscheinigen Muhmen.


Und ich selber, tief-verdrossen,
häng mich so an verwinterte Grillen –
statt mit frühlingsfrohem Willen
auszukehren, kurz entschlossen!



Excelsior!


O dieses Irren und halbe Verbergen,
Scheu und Scham auf lügenden Lippen –
immer die Sonne hinter den Bergen,
und zur Seite nur Felsen und Klippen!


Woll'n wir noch weiter? noch einsamer werden?
Schon entschwand uns des Tales Glück,
auf der Freunde vertraute Gebärden
schaun wir als wie durch Nebel zurück!


Aber du winkst – nun kenn ich kein Zagen –
Auf! und die Zähne zusammengebissen!
Oben! dort oben wird es uns tagen,
wenn wir gemeinsam die Wimpel dort hissen!



Der Besuch.


Vor der Thüre stehen zwei Cypressen
und ein kupferfarb'ner Löwe blinkt –
wollt ich wohl den lieben Laut vergessen,
wie der schwere runde Klopfer klingt?


Weicher Teppich trägt empor die Stufen
lautlos mich vor die bekrönte Thüre –
keine Zofe gilt es mehr zu rufen,
leise rauschen schon die seid'nen Schnüre.


Neckend birgt sich in den grünen Falten
Haupt und Häls, doch blütenweisse Hände
ich schon, die noch den Vorhang halten,
und ich fasse die Verräter-Spende.


Wo ich dann den liebsten Mund vermute,
drück ich von der andern Seite meinen
in die Falten und in heisserm Blute
ich mählich beide sich vereinen.


Kurzes Spiel – doch dann zur Seit' die Decke,
und ein stürmisch Aneinander-pressen – –
Welt versank in lieblichstem Verstecke,
und vorm Fenster rauschten die Cypressen.



Bergnebel.


In den Wald war ich gegangen,
regenschweren, wolkendüstern –
dichter Nebel lag verhangen
um die hohen Bergesrüstern.


Leise rauscht' es in der Runde,
aus der Höhe, aus der Tiefe –
klang, als wenn mit bangem Munde
Berg und Thal um Hilfe riefe.


Plötzlich riss der weisse Schleier.
Um die Stämme ward es lichter,
Brust und Auge hob sich freier,
und die Tropfen fielen dichter.


Auch was Menschen Herz und Glieder
schwer umfängt mit Nebelbanden,
löst als Thräne sich hernieder –
und die Seele ist erstanden!



Begegnung.


Ich traf am Wege, als ich sinnend ging,
gen Abend war es, auf zwei Gottgestalten –
so schienen sie mir –, denen ernst in Falten
ein leuchtend Kleid von hohen Schultern hing.


Betroffen stand ich – fragend, wer sie seien.
Und eine drauf: »Ich bin die Ewigkeit!
Vergänglichkeit heisst diese! Sei bereit
von uns der einen fürder dich zu weihen!«


Und rasch entschlossen trat ich an die Seite
der Redenden. Doch, wie ich auf sie sah,
vertrauend fragt ich: »Sprich – was birgst du da?«
Sie öffnete des Mantels Hüllenweite.


»Die Kraft, begann sie, die urewig dauert,
die nie erlischt und Berge wälzt wie Sand;
und hier den Stoff, der wechselnd sein Gewand
doch stets derselbe bleibt, ob auch ummauert


von Erz und Fels und Fleisch und Blut und Bein.
Auch du mit allem, was dein Leben schönet,
bist nur sein Teil, und eines Tags versöhnet
dem Urquell wieder, meinem ew'gen Sein!«


Indessen trat die andre scheuer Miene
um einen Schritt mir näher, und sie schlug,
die Falten auf, dass, was sie drunter trug,
vor meinem wissbegier'gen Blick erschiene.


Da sah ich – Seele, der Gedanken Wandern,
Gefühl, und Lust, und was auf dieser Welt
vergänglich ist, einander dicht gesellt ...
Und weiser wählend liess ich von der andern.



Ankündigung.


Hundert Rosen, hundert Junirosen
grüssten dich am Abend, als wir kamen ...
Staunend standst du in der Thüre Rahmen,
blicktest wie verwirrt nach all den losen
Liebesboten, die dein Bett bedeckten
und auf der Gardine Falten steckten.


Leise zog ich dich an beiden Händen
leise zu dem Spiegel und bekränzte
dort dein schönes Haupt. Von draussen glänzte
Sonne, doppelt glühend im Verenden;
über First und Dache warf ihr Schimmer
junirosigen Abglanz uns ins Zimmer.


Ohne Sonne kommt und ohne Rosen
mein erinnernd Wort dich heut zu grüssen;
aber Hoffnung schmiegt sich dir zu Füssen
auf viel Sonne, viele Junirosen
und auf mich, des Herz in kurzen Tagen
liebend hofft am deinigen zu schlagen.



Am Goldfischteich.


In aller Frühe kommt er jeden Tag,
seit Jahren, sagt man mir, seit langen Jahren
zum Goldfischteich. An einem Wintermorgen,
der klar und goldig auf den Bäumen lag,
sah ich zum erstenmal ihn. Ringsum waren
die Wege unterm leichten Schnee verborgen –
doch eine frische Spur von plumpen Tritten
geleitete mich; also traf ich ihn.
Er stand am Wasser – sah darüber hin
mit Augen – ja, sie hatten viel gelitten,
das sprachen sie! Sonst war noch alles leer,
die Siegesjungfrau glänzte hoch im Blauen
und eine Pickelhaube blitzte dann
und wann durch kahle Stämme zu uns her.


Da stand er nun in seinem kurzen, grauen,
vertragnen Rock, ein bettelhafter Mann;
zerknittert Hut und Hemde; alte Schuhe;
ein alt Gesicht mit roten Augenlidern
und roten Nasenflügeln; und mit Gliedern
wie steifgefroren; – in trübsel'ger Ruhe.


Er sagt jedwedem, der es hören will
und hat auch mir es nüchtern gleich berichtet,
dass die Geliebte hier ihm einst ertrunken
im Goldfischteich ...... Und darauf wird er still
und starrt aufs stille Wasser, wie gerichtet
von innerm Schicksal und in Schmerz versunken.
Mehr sagt er nicht. Und wenn du weiter frägst,
sieht er dich plötzlich an mit irren Sternen
aus solchen weiten, endlos weiten Fernen,
dass du um Antwort nicht mehr Sorge trägst.


Man meint, es sei nicht wahr, was er erzählt:
die Polizei selbst will durchaus nichts wissen
von einem Fall, der hier sich zugetragen,
und dass er je verlobt war noch vermählt;
auch stopf zu Haus er Gold in Bett und Kissen,
und sei »schwer reich«, wie »alle Leute« sagen ...
Der arme Kerl! Weiss Gott, was ihm geschehn!
Sein Schicksal ist der Teich! Obs wahr, ob nein –
was macht's! Ihm ist's! Die Welt ist nur ein Schein
Und alles Licht ist in uns, das wir sehn!



Frühlingsahnung.


Grau umnebelter Frühlingstag –
Wohin das Auge schaut
auf der Erde schwarze Schollen;
grüne Streifen dazwischen,
Wintersaat.
Krächzende Krähen ziehen darüber
eine ganze Schar –
vorbei!


Die Wälderstreifen rundum
stehn unbewegt
und horcht man in die Luft –
kein Windhauch, kein Laut!
Selbst die dürren letzten Blättchen
an den Wegbäumen
hängen starr und still.


Beängstigend fast
diese Stille!
diese unendliche sanfte Stille,
hier draussen auf der toten Welt,
die doch schon Leben träumt,
unter der weichen, dunstigen
einschmeichelnden Luft!


Da plötzlich, horch!
Aus dem nebelverdeckten Himmel
ein zwitschernder Laut –
jubelnd und hoffnungsfroh
die erste Lerche!



Traumtod.


Im Schlafe kam mir's: dunkel war der Raum.
Ich tappte tastend zwischen Stuhl und Tisch,
als es auf einmal geisterhaft erglisch
an Wand und Decke, gleich Gewittertraum.


Und in dem jähen Lichte standst du da
– ich hatt' dich viele Monde nicht gesehen –
als wärst du im Begriff, zu mir zu gehen,
der runde Tisch nur zwischen uns, ganz nah.


Da fasste Schreckensfreude so mich an,
dass Feuer mir durchflutete die Glieder
und mir das Herz verbrannte. Lautlos nieder
fiel ich, noch fühlend, wie mein Blut verrann.


Und wusste, dass ich tiefes Glück erlebte,
da ich kein Herz mehr hatte. Ja, ich pries
noch tot mein Leben, da es mich verliess,
als unter deinem Anblick ich erbebte.



Hunde-Moral.


Kläffte ein Hund einen Radfahrer an –
pfiff ihn sein Herr vertraulich heran.


Hat ihn zu nicht geringem Schrecken
tüchtig gebläut mit seinem Stecken!


Sprang da ein anderer Köter schnell
auf den Schlagenden zu mit Gebell.


Aber der erste, kaum war er los,
that sich wieder Wunder wie gross,


fuhr auf den andern zu mit Geblaffen:
»Was hast du mit meiner Prügel zu schaffen?«



Gartenscene.


Ein kirschrot Kleid, das um die weissen Arme
so prall dir sass, dazu ein brauner Hut
mit rotem Mohn, der Blume, die so gut
wie keine zu dir passt ... Im dichten Schwarme
der Abendgäste sassen wir im Garten
und mussten lange unsrer Mahlzeit warten.


Von oben troff ein magisch-blaues Licht
aus Bogenlampen, und zwei junge Birken
vereinten hinter deinem Stuhl sich dicht,
lichtgrüne Schleier um dein Haupt zu wirken;
und wie du plaudernd liess'st die Augen spielen,
gefielst du mir, und manchen von den Vielen!


Das Frühlingsbildchen sitzt mir fest im Sinn:
ich seh noch heut in deinen lieben Zügen
das Kind von damals, das sich mit Vergnügen
Radieschen in den Mund thun liess, das Kinn
so keck emporgestreckt ...
                                                      Und als wir gingen,
da tönte rings der Nachtigallen Singen,
so süss und voll wie unsrer Herzen Laut!



Nachtlied.


Wenn Menschen entschliefen,
kein Laut mehr erklingt,
aus Höhen und Tiefen
sich Leben entringt.


In mondlichen Kreisen
sind Geister erwacht,
mit Nebeln sie gleisen
durch sternstille Nacht.


In flüsternden Winden
unsagbares zieht –
den Menschen, den blinden,
erschauert das Lied.


Und fängt es zu tagen,
ihm schwindet der Laut,
weiss nimmer zu sagen,
was nachts ihm vertraut.


 
In Liebe und Sehnen
verzehrt ihn die Welt,
und Lachen und Thränen
sind Schwestern gesellt.


Umsonst, ach vergebens,
vergebens die Glut.
Das Rätsel des Lebens
erstarrt ihm das Blut.


Die Tages verschwiegen,
Allstimmen Natur,
im Traumeswiegen
erklingen sie nur!  ...


Doch die ihn verwirren,
sie machen ihn gross –
und streben und irren
ist menschliches Los!



Sonnenaufgang.


Hoffnungsreichen Tages Strahl
der mich hoch hier oben grüsst,
während unten tief im Tal
Nebel noch um Hütten fliesst ...


Sei willkommen Himmelsglanz,
der die Wolkenfeste reisst,
dass es als ein Wirbeltanz
um die kahle Höhe kreist!


Luftgeballtes Nachtgevölke,
zieht's und stöhnt und pfeift vorbei,
doch durchs schattendste Gewölke
immer wieder ringt sich's frei ...


Himmelsbläue, Himmelslicht ...
Frühhauch wittert um den Berg ...
Sonne, die sich Bahnen bricht,
und ein neuer Tag am Werk!



Neues Leben.


Im Licht der Krone glühten die Portieren,
die purpurroten, durch das hohe Zimmer;
aus goldnen Spiegeln floss ihr Festes-Schimmer
zum zweitenmal, den Glanz um dich zu mehren.


Dann kam der Thee. Das silberne Gerat
erblinkte auf dem Tisch, und dampfend stiegen
die leichten Wölkchen daraus auf. Wir schwiegen,
von heiliger Furcht und Hoffnung überweht.


Im grauen Kleid, das Trauer dir befahl,
halb scheuer Hast, dass sich die Stille ende,
erfüllten deine mädchenhaften Hände
der Gattin häuslich Recht zum erstenmal.


Und wie du jung und zögernd hingegeben
dich zu mir neigtest, einer Lilie gleich –
da führt ich leis aus deinem Blumenreich
hinüber dich ins neue – vollere Leben!



Die ewige Frage.


Rotwolkig liegt auf dunklem Häusermeer,
von hunderttausend Lichtern angestrahlt,
der nächtige Himmel, dran die Sterne fehlen.
Durch kahle Strassen fegt der Nordwind her,
und in der Ferne, die kein Schimmer malt,
scheint Erden-Nacht sich ewiger zu vermählen.


Und irrend in der schreckensvollen Weite,
wie zwischen Tod und Leben hingestellt,
lausch ich um Antwort in die Winterlüfte.
Dort ging ich rasch in fröhlichem Geleite,
hier bin ich einsam bald dem Schmerz gesellt,
und zwischen beiden gähnen Zweifels-Klüfte.


O ewiger Frage dunkle Rätselmacht,
die du dem Leben ja und nein gebietest,
ich werde dir die Antwort nicht erlauschen:
doch wenn der Seele du, dir dargebracht,
des Menschen-Sehnens letzten Laut verrietest,
wollt ich mein Irren nicht um Wahrheit tauschen.



Sommernacht.


Sammetweiche silberne Sommernacht.
Alle Wege von dichtem Laub überdacht.
Strassen alle in weisses Licht getaucht.
Alle Seelen von Dämmerglanz überhaucht.


Leise nur klingt ein Liedchen. Leis tritt ein Fuss.
Heimlich tauscht liebende Seele vertrauten Gruss
und über Felder schwebt, über schweigende Welt
Sternenatem, der Himmel an Erde hält.



Die Einsamen.


Sind das noch die gleichen Lüfte,
die wir atmen mit den andern,
die zu unsrer Seite wandern,
und durch Berge doch und Klüfte
ferne uns wie Nebeldüfte?


Oder soll in unsern Landen
je die bill'ge Weisheit gelten,
die in jenen lauten Welten
hurtig rollt von Hand zu Händen,
viel begriffen, schlecht verstanden?


Doch – wozu dann Wort um Worte?
Und was frommt euch alle Liebe?
... Dass er ewig einsam bliebe,
leuchte jedem von der Pforte,
die sich hebt vor unserm Horte!



Erinnerung.


Und wieder ging ich heut nach unsrer Mühle:
der Nebeltag lag unerfreulich schwer
auf dem Gebirg, und winterliche Kühle
blies abendlich bereits vom Webicht her.


Und wie ich stand und sah ins Tal hernieder,
wo sich das Städtchen durch den Nebel schob,
da schauert's mich: Erinnrung kehrte wieder,
die um den Berg hier ihre Schleier wob.


Ich sah den Wintertag, den abendklaren,
daran des Leuchtens letzter Schein verblich.
Die Mondessichel kam daher gefahren.
Frost trug der Wind, der übers Schneefeld strich.


Ich sah dich auf dem Himmel vor mir schreiten,
im blauen Schnee folgt ich dem schwarzen Fuss –
mein Herz mit meinem Mut in heissem Streiten,
in tollem Jubel bei dem ersten Kuss!


Und heut ... wie tot! Dort nur die stille Mühle,
die nebelschweren Tannen, dunkel, stumm
und fahler Schnee ... Als Antwort dem Gefühle
kein Laut – kein Mensch – kein Schimmer ringsherum!


Doch sieh! Ein Lichtlein plötzlich ist erglommen,
vom Mühlenfenster blinzelt's in die Nacht ...
So hab ich meine Antwort schon bekommen:
auch mein Licht ward hier oben einst entfacht!



Berliner Sonntag.


Regen, grauer, strömender Himmel und Regen –
junges üppiges Laub über jedem Zaune,
in den Gärten Musik, und auf den Wegen
Sonntagsleute in sehr verdriesslicher Laune.


Auf dem Bahnhof geputzte kleine Mädchen
stehn in Scharen und sehn den Regen klatschen»
heben die bunten Röcke über die Wädchen
und entschliessen sich endlich hindurchzupatschen.


Drei nur schüchterne noch in der Ecke warten
eng verschränkt miteinander die Ellenbogen.
Frecher klingt die Musik aus dem grünen Garten.
Husch! auch meine Täubchen sind ins Garn geflogen.



Sternenfall.


Im Traume schritt mit dir ich einen Weg
entlang an Gärten, die in Sonne schliefen!
Geschor'ne Hecken gleichwie Mauern liefen
zu beiden Seiten, doch darüber schräg
wuchs oft ein Zweig dem Wandrer ins Gesicht,
weitüberhängend. – Grünes Frühlingslicht
lag auf den jungen Blättern, Busch und Bäumen
und mischte sich mit unsrer Liebe Träumen
zu heitrer Seele ... Also schritten schweigend
wir weiter, Arm in Arm und Hand in Hand.


Zur Seite halbverwachsenen Thores stand
ein hoher Strauch, anmutig abwärts neigend.
Hier hieltst du still: der fremden Sonne Kind
erstaunte deine Augen, die sich mühten,
ihn zu erkennen. Leis gewiegt vom Wind,
lichtgrün getüpfelt jedes schlanke Blatt
und übervoll besät mit weissen Blüten,
weiss-grünen Blüten stand er da. Und matt
und langsam deine Arme hebend,
als wärst auch du im Traume, langtest du
hinauf zu untern Zweigen. Rückwärts sanken
der weiten Ärmel Falten dir, und schwebend
um deine Schultern, deckten sie mir zu
die Wurzeln dieser schwellend blüten-schlanken
geliebten Arme .... Da mit einem mal
fühlt ich sie jäh um meinen Hals geschlungen
und dazu kam ein dichter Blütenfall
von weissen Sternen über uns ...
                                                      Ich riss
die Augen auf, halb noch vom Schlaf bezwungen :
durchs nahe Fenster, das ich offen liess,
war sacht der volle Mond hereingekommen
und lag auf meinen Augen wie ein Kuss
und hatte mir mit seinem Strahlengruss
den schönen Traum gegeben und genommen.



Melusine.


Ich seh dein Auge forschend auf mir ruhn.
Du kannst mich nicht verstehn und hebst die Frage,
warum ich dir nicht letzte Deutung sage
für vieles Lassen, und für manches Thun ...


Es scheint das Rätselvolle dich zu kränken,
dass so vergeblich tausend liebe Nächte
ob unsern Häupten zogen, ohne Mächte,
die Scheidewände zwischen uns zu senken.


Ach, du beklagst der höchsten Liebe Los!
Die sich der holden Wundernähe rühmen,
sie ahnten sicher nie den ungestümen
ureignen Drang, der unsrer Neigung Schoos.


Denn unsre Brust ist einer Welt Verlass
mit Sonn und Segen, Nacht und Flut und Winden–
und willst du meines Daseins Blüte finden,
such' mich in meiner! Dort nur bin ich was!


So wird kein leerer Schall dir Antwort weihn,
wenn du mich rufst. Aus eigner Welt erklingen
wird meine Seele dann und zu dir dringen –
und darum lass mich, lass' mich fremd dir sein!



Strassenbild.


Blinkende Lichter durch alle Gassen.
Blinkender Widerschein auf dem nassen
Asphaltpflaster, und grosse Pfützen,
darinnen Räder und Hufe sprützen.


Und überm Pflaster hurtige Schritte
von hurtigen Menschen und wechselnde Tritte:
alles eilt unter Schirmen geborgen
nach Hause zu Hoffnung, zu Liebe – zu Sorgen!


.. Und unter den Füssen, kann sein, kann sein,
noch zierlich erkennbar im nassen Schein
meiner Liebsten Füsse – Ich hasche sie kaum –
Und alles – und alles – ist fort wie ein Traum.



Ich suchte dich!


Ich suchte dich! Deine liebe flatternde Seele
hab ich gesucht! Glaub' mir, ich wusst es, du –
ob sie auch in keuscher Scham sich mir verhehle,
mir gehörte sie zu!


Aus deinen Augen sprach sie, den dunkeltiefen,
aus deiner zuckenden Hand, dem verstillten Lied,
das Gluten decken sollte, die dir im Innern schliefen,
und sie doch verriet!


Wie ein verschüchtertes Vöglein auf meiner Hand
lag sie, da ich sie fing, und blickte mich scheu
an und unendlich rührend, und ich empfand
Mitleid und gab sie frei ...


Aber ich hab um sie geworben. Gestreichelt
sie mit Wort und Sturm, mit Schmerzen und hellem Glück –
und meine Liebe hat sie herniedergeschmeichelt –
sie kam mir zurück!


Und nun ich sie halte, beug ich vor ihr die Knie,
anbetend das Weltenwunder, dankend dem Allregierer
ob des lieblichen Rätsels, einer liebenden Seele, die
mein ist und doch ihrer!



Herbstwald.


Durch rotes Buchenlaub stieg ich hinan,
weglosen Weg. Der graue Herbsttag spann
in allen Zweigen seine weissen Schleier,
bekränzend Baum um Baum zur Abschiedsfeier.
Es war so still, dass man des Herzens Schlag
zu hören glaubte und der ganze Hag
nur diesem einz'gen Laute schien zu lauschen –
kein Ton, kein Fall, kein Wehn noch Wipfelrauschen.


Mein eigen Sterben kam mir in den Sinn
bei solcher Todbereitschaft der Natur.
Und sank ich unter diesen Bäumen hin,
was hinterblieb als meines Lebens Spur?
Ein nichts! Ein weniger! Ein fruchtlos Streben!
Von selbsterwählter Armuth ein Gedenken,
die mich gehindert, was ich durfte schenken
in kleiner Münze liebend auszugeben! ...


Jetzt flüstert's leise in den hohen Zweigen –
Ein plötzliches Bewegen, Rascheln, Neigen
geht durch die Buchenkronen hin und wieder –
Die Wolke weint und Regen sinkt hernieder.
Die müde Seele trifft ein frischer Hauch,
und was den Wald erfüllt, erfüllt sie auch:
noch ist's nicht Zeit, sich stumm ins Grab zu legen,
lass Tränen rinnen, doch das Herz sich regen!



Ernste Gunst.


Wie ich durch deiner Neigung ernste Gunst
geläutert ward zu reicherem Verstehen
der Welt und aller seltnen Seelenkunst,
das will mir oft noch durch die Sinne gehen.


Ich höre deiner Stimme müden Klang,
ihr leises Zittern wie von Frost und Leiden,
und dem Krystall, der überfein zersprang,
vergleich ich wohl dein Wesen, Wirken, Scheiden.


Tief dann beklag ich deines Schicksals Wendung,
das selber dir so reich zu geben lieh
und dich mit Armut strafte; denn, ach, nie
reift frostberührte Blüte zur Vollendung!



Berlin-W.


Hier sind wir gegangen vor sieben Jahr
durch wehendes Gras und in sickerndem Sand –
wie weltverloren das alles war,
die Wiese, der Wall und der Grabenrand!


Fern-ferne nur dröhnte ein dumpfer Schall,
der Weltstadt Stimme an unser Ohr,
ein hastender Zug überm Böschungswall
und wieder alles stumm wie zuvor.


Heut ging ich denselben Weg und allein –
zum ersten Mal seit jenen Zeiten:
verwundert stand ich im Lichterschein.
Paläste ragten zu beiden Seiten,


gekrönte Giebel, goldblinkend im Licht
die Treppenhäuser, und Marmorstufen
und glänzende Läden, und draussen dicht
geschäftige Menschen und Hasten und Rufen.


Und zwischen dem allen zwei Weidenbäume,
die damals Einsamkeit hier rauschten ..
und so weit, so weit auch alle Träume,
die in ihrem Schatten wir tauschten!



Zu eines Kindes Geburt.


Nicht leicht ist solcher Tage Glück gewesen,
wie heute du erinnerst. Frühe Stunde
schon trug ein mahnend Sorgenwort im Munde,
und steigend war's der Sonne abzulesen.


Doch kam sie blinzelnd so voll grosser Güte
durch lichten Frühschein her uns zum Balkone,
als spräche sie: ich will, dass Glück hier wohne.
Erschliesse furchtlos dich, du junge Blüte!


Und so erquickt vom höchsten Gruss des Lebens
gingst du vertrauend in die dunklen Stunden –
sie aber hat auch dort dein Haupt gefunden,
und unsre Hoffnung ward uns nicht vergebens.



Die Jugend.


Vor wenig Wochen war's, in stiller Nacht.
Ich sass noch spät bei meiner Lampe Schimmer,
verträumt mehr als vertieft: Da pocht es sacht
und eine Fremde trat zu mir ins Zimmer.


Sie trug ein unscheinbares Graugewand,
doch weisse Glieder sah ich hie und da
darunter schimmern, wie sie ferne stand
und unbewegt zu mir hinübersah.


Und als ich forschend nach dem Augenpaar
den Blick erhob vom unbekannten Kleide,
da kannt ich sie! gar wohl! seit manchem Jahr!
Die Jugend war es–und sie sprach: »Ich scheide!«


Das Wort traf tief. Und eh ich selbst noch sprach,
war schon von meiner Schwelle sie entschwunden.
Ich aber starrte ihr entgeistet nach –
Mir war's, als blutet ich aus Lebenswunden.


Wie Todheit legte sich's mir auf den Sinn.
Unmöglich war's noch Hand noch Blick zu heben.
Das schwere Wort, mir klang es wie Beginn
vom Ende, Sterben! Und doch wollt ich leben.


Doch glaubt ich endlich, dass ich dürfte hoffen
und sei genähert heissersehntem Ziele;
des Lebens gold'ne Thore stünden offen
mich durchzulassen, mich, wie ja so viele!


Und schon dahinter glaubt ich Licht zu schauen,
ein Meer von Licht, und Hallen, offen, weit –
am blanken Springbrunn spielen schöne Frauen,
erles'ne Männer stehen still bei Seit' –!


Und häufig ragen Myrt' und Lorbeerbäume
Warm ruht der Sonne Strahl auf Rosenhecken.
Das duftet, blüht und blüht! Und wache Träume
entflattern gaukelnd winkenden Verstecken.


Und schon vertrauter nah ich mich dem Kreise,
die Augen wissen ihres Herzens Ziel –
und Eine kommt und reicht die Hand mir leise
und zieht mich hin zum lebensvollen Spiel –


Da wach ich auf! Im Dämmer stehn umher
die Wände, wohlbekannt; die Thüren beide
geschlossen, und die Stelle drüben leer –
Die Jugend stand dort und sie sprach: »Ich scheide!«



Frühlingssturm.


Fahlroter Abend um Mariens Turm,
und Rabenflug und Krächzen in der Luft –
In schwarzen Wolken fetzen trägt der Sturm
des letzten Schneefelds winterherben Duft.


Am Fenster stehn wir, schweigend, sehn erglimmen
ein Lichtlein nach dem andern auf den Gassen
und träumen; denken an die letzten schlimmen
Enttäuschungen, Fehlgehn und Unterlassen.


Doch heimlich pocht und flügelt neuer Mut
die Sinne schon ... Ein Druck von Hand in Handen,
ein Blick von Aug' zu Aug', und alte Glut
schlägt aus der Asche auf, wie neu erstanden – –


Das ist die Zeit der frühlingshaften Wende.
Horch! wie es wettert droben hoch am Turm!
Wohlauf! hier heben sich dir Herz und Hände,
komm auch in uns're Seelen, Frühlingssturm!