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Gabriele Reuter – Das Problem der Ehe

Essay

Gabriele Reuter, Das Problem der Ehe, C. A. Schwetschke und Sohn Verlagsbuchhandlung, Berlin, o. J.


Unter die Kultureinrichtungen, welche uns die meisten Rätsel und Widersprüche zu lösen aufgeben, zu denen Herz und Verstand die meisten bangen Fragen stellen, gehört sicherlich die menschliche Ehe. Zugleich ist sie, außer der Religion, wohl das einzige moderne Problem, über das nicht nur Weise und Philosophen, Reformatoren und die geistigen Führerinnen der Frauen sich die Köpfe zerbrechen, sondern von dem sich auch der einfachste Familienvater, die bescheidenste Hausfrau zu Zeiten tief beunruhigt fühlen. Sehr begreiflicherweise, weil die Ehe wie kaum ein anderes Problem energisch in ihr eigenes Gemütsleben wie in ihre bürgerliche Existenz eingreift. Edward Carpenter, der ein schönes Buch über die Geschlechtsbeziehungen der Menschen zu einander schrieb, sagt nicht zu viel, wenn er ausspricht:

Der Gegenstand ist weit wie das Leben, wie Himmel und Hölle und spottet jeder Bemühung ihm gerecht zu werden.

Die Monogamie, d. h. die Lebensgemeinschaft eines Mannes mit einer Frau, gilt im allgemeinen als ein, nach vielen Entwickelungszuständen und sexuellen Verirrungen glücklich erklommener Gipfelpunkt der Zivilisation und der seelischen Kultur des Menschen. Jene Entwickelungsgeschichte der Ehe zurück bis in die grauen Vorzeiten zu verfolgen, würde uns zu weit führen. Ich glaube auch, mich nicht zu täuschen, daß die Schwierigkeiten, die unsere Generation mit diesem Gegenstande, der Himmel und Hölle in sich faßt, zu erleben hat, die Leser mehr interessiert, als die Verwickelungen, die daraus entstanden, daß vor unbestimmten Jahrtausenden der Jüngling eines Stammes die 200 oder mehr blutsverwandten Mädchen, die ihm zu Gebote standen, verschmähte, um einer Dame ans anderem Stamme willen, die ihm als Genossin auf Tod und Leben verboten war, und die er nun eben deshalb durchaus haben mußte. Oder die Feindschaften zwischen Weibern und Kebsweibern in dem Hause eines würdigen Patriarchen und die Listen, mit denen hin und wieder eine geistig überlegene Sheheresade das Herz und die Sinne des Herrn trotz aller Nebenbuhlerschaften dennoch von den Vielen zur Einen bekehrte. Oder die Sehnsucht eines guten Polynesiers – eines überspannten Vor-Monogamisten – nach dem seligen Alleinbesitz eines Weibes, während doch die Schicklichkeit sowie die Moral geboten hätte, daß er sich in ihren Besitz mit mindestens einem halben Dutzend seiner Brüder und Vettern schiedlich-friedlich teilte.

Wir blicken heute mit nachsichtig-humoristischem oder degoutiert-empörtem Lächeln auf alle diese sexuellen Seltsamkeiten unserer

Vorfahren und fremder Rassen. Wir finden, daß die Entwickelungslinie der Menschheit sich nicht immer gerade in aufsteigender Linie vollzogen hat. Doch ist es gewagt, Lebensformen der Vergangenheit und fremder Völker nach den eigenen Moralbegriffen zu beurteilen. Es ist noch gewagter, solche aus tausend uns unbekannten Bedingungen entstandenen und zusammengehaltenen Zustände als Heilmittel gegen Leiden und Übelstände im eigenen Hause zu empfehlen. Ich denke da an die Schwärmerei für das »Mutterrecht«. Es wieder einführen zu wollen, weil die Frauen jetzt sich in dem einseitig organisierten Vaterrecht nicht mehr wohl fühlen, scheint mir ein Rat, wie wenn man einem Menschen, dem seine Stiefel zu eng werden, den Vorschlag machen wollte, seine Baby-Schuhchen aus Mutters Erinnerungsfach wieder hervorzusuchen, weil er sich darin jedenfalls bequemer bewegen könne.

Es ist erst sehr kurze Zeit verflossen, seit die Menschen systematisch begonnen haben, die Vergangenheit ihres Planeten gründlich zu studieren. Niemand von uns weiß, ob unser Weg abwärts zum Niedergang und Ende führt oder aufwärts zu noch ungeahnten Höhen der Entwickelung – aber was wir wissen müßten ist, daß unser Pfad vorwärts geht, niemals zurück.

Eines kann und soll uns vor allem die Vergangenheit lehren, was noch nicht allzu vielen Menschen in das Bewußtsein übergegangen ist, besonders nicht vielen Frauen: wir sollen im Anschauen der wechselnden Kulturepochen den Fluß aller Dinge begreifen lernen – das ewige Werden, die unendlich leise Veränderung alles Seienden, das allmählig sich Modeln zu anderen Formen, die doch organisch eine sich aus der anderen entwickeln, in kaum merklichen Abweichungen, bis im Laufe der Zeiten etwas Grundverschiedenes, und trotzdem durch tausend heimliche Ähnlichkeiten noch mit dem Früheren verwandtes Etwas geworden ist.

Der Mensch ist von allen seinen Geschwistern in Feld und Wald und Wüste das Experimentier-Tier par excellence. Kaum ist in seinem Dasein ein Zustand leidlich stabil – da treibts ihn mit dämonischer Gewalt, denselben zu kritisieren, zu untersuchen, zu unterwühlen, etwas Neues zu wünschen und zu versuchen. Mit seiner affenhaften Neugier freut er sich dann kindisch an der frischen Errungenschaft, erwartet alles Heil seiner unruhigen Seele von ihr und bemerkt in seinem künstlerischen Größenwahn kaum, daß das neu Geschaffene garnicht so ungeheuer verschieden von der vergangenen, nun in den tiefsten Grund der Verdammnis geschleuderten Lebensform ist . . . . . . .

 Aber wir wollten von dem Eheproblem reden. – Ja ist denn die Ehe überhaupt noch ein Problem?

Sie gehört doch zu unseren Höchsterrungenschaften! Sie ist doch ein Gipfelpunkt! – Längst schien sie in allen Ländern christlicher Kultur aus dem Stadium des Fraglichen, Schwankenden, Zweifelhaften in den Zustand des Festfundierten, Bewegungslosen übergegangen zu sein. Aber gerade an ihr sehen wir neuerdings mit einiger Überraschung jenes uralte Gesetz der Evolution sich betätigen. Auch die Ehe scheint inmitten unseres so verwandelten modernen Lebens irgend einer Umänderung, einer noch kaum vorherzusehenden Phase entgegen zu reifen.

Wir sind im Allgemeinen nicht geneigt, Dinge, die uns persönlich so nahe angehen wie unser Liebesleben, objektiv und vorurteilslos zu betrachten. Daher kommt es denn auch, daß alles, was über diesen Gegenstand geschrieben und geredet wird, und sei es in den würdevollsten wissenschaftlichen Mantel gehüllt, doch von den eigenen intimsten Erfahrungen des Schreibenden oder Redenden seine Färbung erhält – mehr als bei irgend einer anderen Frage von allgemeiner Bedeutung. Es ist aus diesem Grunde so ganz besonders schwer, alle Äußerungen über die Ehe auf ihren Wert für die Kenntnis des gegenwärtigen Zustandes hin abzuschätzen oder gar ihre Bedeutung als reformatorische, auf Hoffnung ausgesäete Ideen für die Zukunft zu ermessen.

Eines scheint aber, wenn man die Fülle solcher Zeugnisse überblickt, und wenn man die in den Schränken der Gerichtsstuben sich anhäufenden Akten über stattgefundene Scheidungen dazu halten würde, aus der Masse dieses Stoffes unzweifelhaft hervorzugehen: eine tiefgreifende Unzufriedenheit mit den jetzigen Ehezuständen, eine Sehnsucht, ja ein unruhvolles Bedürfnis nach Besserung ist vorhanden. Lassen wir uns nicht durch einige hervorragende Fälle von »Eheirrungen« unter bedeutenden Künstlern und den Abkömmlingen von Fürstenhäusern verleiten, die Bewegung auf solche einzelnen Ausnahmeerscheinungen zurückführen zu wollen.

Gewiß – Genies, Künstler und fieberhaft bewegte, überverwöhnte Prinzen und Prinzessinnen waren zu allen Zeiten Ausnahmeerscheinungen und werden es bleiben. Sie werden nie und an keinem Orte mit irgend welchen Regeln und Schranken für den Verkehr der Menschen zufrieden sein. Und so verschieden an Wert und Bedeutung für die Kultur sie auch untereinander sein mögen, wie viele unter ihnen auch nur eine ekle Fratze und den wesenlosen Schatten einer Individualität darstellen, sie alle, Würdige und Unwürdige, Große und Kleine, Erhabene und Lächerliche tragen das Kainszeichen des Heimatlosen, des ewig Unbehausten, des unablässig Suchenden an der Stirne und haben ihr Schicksal, ihre Nöte und Kämpfe für sich.

Es liegt eine Gefahr darin, daß diese Schicksale sich oft auf weithin sichtbaren Höhen und von den Scheinwerfern der öffentlichen Meinung bestrahlt, abspielen. Auch vermögen sich Künstler und Dichter von allen, die da leiden, über ihre Schmerzen am eindrucksvollsten zu äußern.

So wirkt ihr Einfluß weiter und tiefer, und wenn wir sie in unserem Urteile ausscheiden wollen, so wird uns das niemals ganz gelingen, weil diese Einflußfäden sich, durch das Medium der Kunst und der Presse überleitet, ins Fernste verlieren und noch in dem Dasein des schlichtesten Bürgers in Malchin oder Blaubeuren zersetzend zu wirken vermögen. – Aber einem fest gegründeten Eheglück würden solche, sagen wir »bösen Beispiele« kaum etwas anhaben können. Wir wissen längst, daß ein gesunder Organismus den Zersetzungskeimen einen kräftigen Widerstand bietet, daß sie nur da günstigen Nährboden finden, wo schon etwas faul und mürbe geworden ist.

Nun hat noch jede große wirtschaftliche oder religiöse Umwälzung im Leben der Völker auch auf die Art seiner Eheführung eingewirkt. Wie sollten die ungeheuren Veränderungen, die das vergangene Jahrhundert in sozialer und praktischer Beziehung, wie im Denken und Empfinden uns gebracht hat, einzig an der Ehe spurlos vorübergehen? Vollzieht sich doch gerade in der Ehe der Werdeprozeß des Menschen sowohl in körperlicher wie in seelischer Hinsicht am konzentriertesten. So muß sich denn das Suchen nach neuen Idealen und neuem Glauben, die subtileren Gemütsbedürfnisse auch in der Ehe am stärksten fühlbar machen.

Jener Drang nach einem ganz individuellen Glück, welcher heut die Jugend beherrscht, die nicht mehr an den Himmel glaubt, bringt, zuweilen von Seiten des Mannes, zuweilen von Seiten der Frau Wünsche hervor, der der andere Teil absolut verständnislos gegenübersteht. Denn wie in allen Übergangszeiten haben sich heut einige Menschen ganz hervorragend seelisch und feinfühlig entwickelt, haben eine Aufnahmefähigkeit für alle neuen Gedanken und Empfindungen bewiesen, die sie nun abgrundweit von den anderen, latenteren oder schwerfälligeren oder eigensinnigeren Naturen scheidet. Und es entwickelt sich durch dies jähe sich von den anderen entfernen auch eine Nervosität, ein Einsamkeitsgefühl und oft auch ein geistiger Hochmut in den Strebenden, die dann den alltäglichen Verkehr mit ihnen höchst schwierig gestalten. Man führt im Allgemeinen das »Nichtverstehen« auf die Urgegensätzlichkeit zwischen Mann und Weib zurück. Auch solche Gegensätzlichkeit ist uns noch nie so tief zum Bewußtsein gekommen wie heut im Zeitalter der psychologischen Analyse. Aber ganz abgesehen von diesem Punkte, der immer war und immer bleiben wird, ist, glaube ich, der Unterschied in Denkweise und Weltanschauung zwischen den Angehörigen derselben Gesellschaftsschichten und Bildungsklassen noch nie so erstaunlich stark gewesen wie gerade heute, wo die verschiedensten Entwickelungsphasen im Kampfe gegen einander ringen. Noch glaubt eine ungeheure Mehrzahl an das Sakrament der Kirche, eine andere Mehrzahl an das Sakrament des Staates – und wie Zahllose sind mit allen Sakramenten und Dogmen fertig geworden, und empfinden es als unerträglich, wenn Kirche, Staat oder Familie sich in ihr Glaubens- oder ihr Liebesleben mit irgend welchen Forderungen einmischen. Und so prallen in der Ehe nicht nur die gegensätzlichen Temperamente, die sich so oft sexuell anziehen, in hartem Strauß und Gefecht gegeneinander, sondern gegensätzliche Weltanschauungen vertiefen die Feindschaft, und die aus den mannigfaltigsten Quellen herrührenden verschiedenen Ansichten über jede praktische Frage der Lebensführung, der Hygiene und Kindererziehung verschärften das Mißverstehen zu tagtäglichem aufreibendem Kampf. Da entstehen denn freilich manche Ehen, wie jene, die der Dichter John Henry Mackay schildert:


Sie mußten zusammen
Durchs Leben gehen
Und konnten doch niemals
Zusammen stehn.

*

Sie wurden müde, sie wurden alt
Und quälten sich weiter mit zäher Gewalt,
Der Eine so, der Andre so –
Und seines Lebens ward keiner froh.


Wie soll die Liebe – auch wo sie in genügender Stärke vorhanden war – über alle sich auftürmenden Gefahren triumphieren? Eine Liebe, die bei dem neurasthenischen Gegenwartsmenschen sensitiver, verletzlicher und unsicherer geworden ist, als je zuvor – die viel öfter einen akuten, krankhaft gesteigerten, hysterisch-egoistischen Gemütszustand darstellt, als einen kraftvollen, ruhig-energischen Willen der Zuneigung zum Andern.

Der Kampf des Daseins für den Familienvater ist heute, bei den gesteigerten Ansprüchen an Luxus und Ausbildung der Kinder ein so harter, seine Kräfte zum Äußersten anspannender geworden, daß er oft mit den Rücksichten auf Weib und Kind, für die er doch wieder geführt wird, kaum noch zu vereinen ist. Es hat wohl manche Ehefrau keine Ahnung, wie oft ihre Vorurteile, ihre Antipathien, ihre Eitelkeiten dem Manne ein ernstes Hindernis im Fortkommen werden – und wieviel heimliche Erbitterung diese Tatsache in seinem Herzen gegen sie nährt.

Und wieder in anderem Falle versucht die Frau ihren ehrlichen Anteil mit eigener Arbeit an dem Kampf ums Dasein zu nehmen und wird von dem Gatten durch tausend rückständige Bedenklichkeiten und Kleinlichkeiten daran verhindert.

Denn wir alle sind heute weiter voran mit unserem Denken und Wollen, als mit unserem Tun, mit unserem Geschmack. Und gar unsere Instinkte gehen nur zu oft ihren ganz aparten Weg für sich und bringen Verwirrung und Tragödien in unser sonst von der Vernunft oder oft genug nur von Theorien geregeltes Leben.

Theorien – Theorien, die wir als richtig erkannten, die aber vielleicht erst in der übernächsten Generation blutwarmes Leben gewinnen und in das unbewußte Handeln unserer Enkel übergehen.

Unser ganzes jetziges Leben spielt sich nicht mehr wie das unserer Altvorderen in gegebenen Normen, in einem festgefügten Rahmen ab, sondern es ist ein Experimentieren mit zahllosen, noch unerprobten Faktoren, ganz neu erkannten Gesetzen und ungeregelten Daseinsverhältnissen. Die ungeheure Entwicklung des Verkehrs über Länder und Meere bindet den Beruf nicht mehr an die Scholle, sondern bietet Mann und Weib unermeßliche Möglichkeiten der Veränderung, der Verbesserung ihrer Lebenslage. Sie wird aber mehr und mehr den Mann zum Wandervogel machen, der eine Familie als unerträgliche Last für seine Bewegungsfreiheit empfindet. – Der Mann braucht nicht mehr, wie früher eine Gattin, um sich den nötigen Daseinskomfort zu schaffen. Er kann als Junggeselle in der größten Behaglichkeit leben – mit weit weniger Kosten, als sie ein Familienhaushalt fordert.

Eine schleichende, lähmende Bangigkeit wird in vielen Männern erzeugt durch die Resultate wissenschaftlicher Forschungen über Vererbung, Alkoholvergiftung und den Einfluß hereditärer Krankheiten auf Gesundheit, Geist und Ethik der Nachkommen.

Die Verantwortung, die ein Mann übernimmt, wenn er heiratet, war nie stärker als jetzt bei den Gewissenhaften. Wie war es doch so bequem früher, alle Folgen dem lieben Gott zu überlassen, der die Ehen im Himmel schloß.

Die größte Gefahr für ein friedliches Zusammenleben von Mann und Weib aber werden im beginnenden Jahrhundert die Folgen der Frauenbewegung sein. Das dürfen wir uns nicht verhehlen. Ganz abgesehen von dem durch sie entfesselten Kampf um die besten Plätze am Feuer und an der Futterkrippe, hat sie einen vollständig neuen Frauentypus geschaffen, der mit neuen, teils natürlichen, teils überspannten Forderungen an den Mann herantritt, ein Typus, der sich erst im Leben einrichten muß, weil er gar keine vorgeschriebenen Bahnen des Verhaltens für sich findet. Ich denke an den Seelenkampf, in den gerade die ehrliche, nach Vertiefung und Vervollkommnung ihres Ich ringende Frau gerät, sobald sie heiratet und die Pflichten gegen Mann und Kinder mit den Pflichten gegen sich selbst nicht mehr zu vereinen sind. Ein Kampf von dem Ellen Key das erschütternd wahre Wort spricht: Man steht hier vor der tiefsten Bewegung der Zeit, dem Freiheitswillen des Weibes als Persönlichkeit und damit vor dem größten tragischen Konflikt, den die Weltgeschichte bis jetzt noch gesehen hat.

Denn es liegt zu tief in der seit Jahrtausenden an unbedingte Herrschaft – wenigstens dem äußeren Anschein nach – gewöhnten Mannesnatur, sich gegen jede, auch die gerechteste, offene Forderung brutal zur Wehr zu setzen. Ich meine hier nicht in der Theorie, in der heute viele Männer dem Kampf der Frau sympathisierend zustimmen – sondern in der Praxis des Alltagslebens im Hause, in der Familie. Auch hier rebelliert nur zu oft der ererbte Instinkt gegen die Ergebnisse der Vernunft.

So wird denn beinahe jede neue Ehe, die geschlossen wird, auch zu einem neuen Experiment, den Reichtum, den das vielfarbige Leben uns verschwenderisch in den Schoß schüttet, einzudämmen in die Schranken alter, an allen Ecken und Enden zu eng gewordener Ehegesetze und gesellschaftlicher Ehevorurteile. Dazu gilt es all das neue Verlangen auch noch in Übereinstimmung zu bringen mit den strengen Forderungen geheimnisvoller, ewiger Naturgewalten – die grausam aber göttlich sind – und ihrer nicht spotten lassen.

Überdenkt man diese Verhältnisse, die jetzt in Wahrheit bestehen, so begreift man, wie die besten, intelligentesten Männer und viele selbständige Mädchen die Ehe mehr fürchten als den Tod – wie so wenige Menschen noch Befriedigung in ihr finden – wie das Seufzen und Jammern nach Befreiung aus unerträglichem Zwang lauter und lauter wird. Gleich sind auch mancherlei Reformatoren zur Stelle, die mit einer gründlichen Umgestaltung unseres gesamten sexuellen Lebens – wenigstens auf dem Papier – schnell bei der Hand sind.

Junge Schwärmer glauben, daß vollständig freier Liebesaustausch der Jugend untereinander, mit Verhütung allzu frühen Kindersegens, die Menschheit vom Schmutz der Prostitution wie vom Elend der Ehen befreien werde und gründen Kolonien zur Erhöhung der Liebespotenz in der Welt. Ernste Männer kämpfen in Wort und Schrift für eine von Staat und Wissenschaft geregelte Polygamie, einen freien Wettbewerb der von Autoritäten erwählten besten Männer um die tüchtigsten Mutterweiber als das Mittel, eine kraftvollere und begabtere Rasse zu züchten. Schwesternverbände, innerhalb deren die Kinder durch eine Art Mutterrecht geschützt, aufwachsen würden, sollen ihnen die bisherige Vaterfamilie und das Heim ersetzen. Solche Vorschläge werden bei der Mehrzahl der modernen Frauen, denen es gerade auf eine Vertiefung der geistigen Gemeinschaft mit dem Manne ankommt, wenig Beifall finden.

Noch andere versprechen sich eine Reorganisation der Beziehungen zwischen Mann und Weib von der sogenannten freien Ehe, die nur durch den Willen des betreffenden Paares zusammengehalten wird, und jederzeit, sobald die Zuneigung aufhört, ihr Ende erreichen kann.

Tolstoi predigt völlige Entsagung von den Lüsten des Fleisches. Ellen Key redet in glühenden Worten von der großen, allgewaltigen Liebe, die einzig das Recht geben soll zur Eingehung eines Ehebundes. Sie ahnt in ihrer wundervollen Überschätzung der Menschennatur nicht, wie sie damit eine beinahe so strenge Entsagung verlangt, als der russische Moralprediger! Wie viele Menschen sind dieser großen, allgewaltigen Liebe überhaupt fähig, und bei wie vielen ist sie mehr als ein prachtvolles Feuerwerk der Sinne oder ein Frühlingstraum des Herzens.

Die Männer verlangen Freiheit und die Frauen verlangen Freiheit. Und vor ihnen erhebt sich plötzlich das Kind und sagt: wißt Ihr denn nicht, daß dies mein Jahrhundert ist? Und wie komme ich zu meinem Rechte, wenn ein jeder von euch nur an sich selber denkt?

In Wahrheit wird voraussichtlich das Kind und die wachsende Bedeutung, die Anzahl und Qualität der Nachkommenschaft für die schwächer und älter werdenden Kulturnationen gewinnt, ein Regulator aller Veränderungen der Ehe werden, die in der Zukunft zu erwarten sind. Ich glaube nicht an radikale Revolutionen auf diesem Gebiet. Alle Vorschläge, die ich kenne, rechnen, meiner persönlichen Ansicht nach, viel zu sehr mit der Anständigkeit, Idealität und Konsequenz der Menschennatur. Ich sehe nur, daß bei allen Versuchen solcher Umwälzungen der Mann das Vergnügen und die Frau die Kosten zu tragen haben würde. Und noch hat niemand Vorschläge gemacht, die für das Wohl und den Schutz der Kinder nur annähernd so viel Garantien bieten, wie die jetzige Eheform, selbst mit all ihren Auswüchsen, Zerrbildern und Häßlichkeiten.

Auch ließen sich Revolutionen auf dem Gebiet der Ehe überhaupt nicht ohne allgemeine Umwälzungen auf staatlichem und wirtschaftlichem Gebiet durchführen. Für absehbare Zeiten scheint indessen nicht an die Aufrichtung des sozialistischen Staates oder der anarchistischen freiwilligen Gemeinschaften an Stelle unserer heutigen Republiken und Monarchien zu denken zu sein. Unser ganzes wirtschaftliches Leben scheint doch bei allen tiefen Schäden und Abscheulichkeiten, an denen es unleugbar krankt, keineswegs dem Tode und der Auflösung verfallen – sondern lebenskräftig genug, manche Leiden aus sich heraus langsam zu bessern und auszuheilen – trotz anderer Gebrechen, die der Heilung spotten, noch lange rüstig weiter zu bestehen. Es basiert zum nicht geringen Teil auf der Einehe mit ihren Eigentums- und Erbverhältnissen, auf der Einzel-Familie. Deshalb wird die äußere Formation der Ehe, ihre gröbere Umhüllung und Schale wahrscheinlich auch noch ebenso lange bestehen, wie das heutige Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftswesen.

Dennoch – und im Gegensatz hierzu – wie unser ganzes Sein aus fortwährend sich ergänzenden Gegenströmungen besteht, ist gerade in der Ehe die still arbeitende Kraft der Umwandlung fortwährend am Werke. Jeder aufmerksame Beobachter kann die Spuren dieses Wirkens verfolgen.

War das Verhältnis des griechischen Mannes zu seinem Weibe nicht etwas grundverschiedenes von der Ehe des Mittelalters? Ist die Stellung der Kinder zu den Eltern, die Stellung der Frau zum Manne, der Frau im Haushalt nicht heute eine völlig andere als zur Zeit unserer eigenen Großeltern?

Und so wird auch die Ehe unserer Tage, wenngleich ihrer äußeren Form nach bestehend, allmählich einen anderen Inhalt gewinnen, und sie gewinnt ihn schon unter unseren Augen.

Wir stehen, wie vorhin schon ausgesprochen wurde, an den Grenzen einer tief greifenden Umwandlung unserer Anschauungen. Erst unser, aus den Schranken religiöser und kirchlicher Weltbetrachtung sich losringendes, ins Reich gelassener, naturwissenschaftlicher und monistischer Überzeugung hinstrebendes Denken und Fühlen wird neue Wege finden, um auch die Ehe wieder mit neuen Idealen und neuen Lebenskräften zu füllen. Und diese neuen Lebenskräfte werden sich unfehlbar, so bald sie aus unsicher tastender Kindheit zu energischer Jugendfülle herangereift sind, auch neue Freiheiten und neue Gesetze schaffen.

Bis dahin gilt es, Geduld zu haben, denn was nützen alle neuen Rechte, wenn die Menschen noch nicht reif für sie sind. Was helfen uns neue Einrichtungen, wenn die Menschen sie mit ihren alten Vorurteilen erfüllen?

Von innen, aus den Herzen und dem Wollen der Menschen muß das Begehren nach neuem Aufbau, statt nach mutwilliger Zerstörung kommen. Und ein stolzer und demütiger Glaube an die Mächte des Lebens und der Fruchtbarkeit wird die Menschen mit neuer religiöser Andacht vor ihrer eigenen Liebe erfüllen, ihnen aus dieser Andacht heraus neue sittliche Kräfte verleihen. Vielleicht wird dann am Ende von Jahrtausenden »die freie Liebe« der Menschheit letzter schönster Aufschwung sein. Jene freie Liebe eines zum andern, von der Browning zu seiner Braut sagt:

»Wenn es jetzt keine Ehe gäbe, so müßten wir sie erfinden«.

Noch ist die Ehe leider nur in ganz seltenen Ausnahmefällen eine solche höchste Vollendung. Sie ist ein unabwendbares Übel – unabwendbar wie Krankheit und Tod inmitten des Lebens. Doch auch gegen Krankheit und Tod hat der Mensch den Kampf aufgenommen, beide sucht er seinem harten Willen zu beugen. Und so wird er auch unablässig danach ringen, die Ehe sich und seinen gegenwärtigen Bedürfnissen erträglich zu machen.

Schauen wir nicht allzu viel mit Seheraugen in fernste himmelblaue Zukünfte. Das Auge, das zu viel in die Weite schweift, verliert leicht den richtigen Maßstab für die nächste Umgebung. Es ist so angenehm und so leicht ins Wesenlose hinein zu fabeln, wie alles sich gestalten wird, wenn die Menschen einmal die Vollkommenheit erreicht haben werden.

Beschäftigen wir uns lieber wieder mit der Gegenwart.

Haben wir bisher einen Überblick gesucht über die durch allgemeine Kulturbewegungen geschaffenen Eheschwierigkeiten, und haben wir ferner die Gründe gefunden, die es wahrscheinlich machen, daß trotz aller Erschütterungen die äußere Eheform erhalten bleiben wird, so wollen wir nun unsere Kreise enger ziehen, mehr zum Einzelnen übergehen.

Wir wollen aus der Fülle des Stoffes einige typische Fälle psychologischer Ehegefahren und Eheleiden herausgreifen. Indem wir sie auf ihre Abwendungs- und Heilungsmöglichkeit prüfen, wollen wir uns immerfort von der Frage leiten lassen: Was können gebildete, von gutem Willen beseelte Kulturmenschen, Mann und Weib tun, um sich die Ehe gegenseitig zu erleichtern? – Jeder Leser wird ans den eigenen Erfahrungen unendlich viel ergänzen können, wird das Berühren ganzer Gebiete vermissen.

Es ist ein zu weites Feld . . . . . . . wie der alte Fontane sagt.

Ich möchte hier, um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, bemerken, daß ich unter dem Begriff »Ehe« jeden ernsten Bund zwischen Mann und Weib verstehe, der zum Zweck einer Lebensgemeinschaft und mit der Absicht, Kinder zu zeugen und zu erziehen, geschlossen wird – ganz gleich, ob man dazu die Einwilligung des Staates und der Kirche einholt oder auf beides verzichtet. Im Gegensatz zu diesem Begriff der »Ehe« stehen dann flüchtige oder länger dauernde, aber lediglich zum Zwecke der Anregung und des Sinnengenusses eingegangene Bündnisse. Es gibt ihrer manche, die mit Myrtenkranz und Hochzeitsfeier beginnen und mit Kirchenglocken eingeläutet werden, und die ich durchaus unter die »Liebschaften« rechnen möchte und nicht unter den Begriff der »Ehe«. Auch solche Liebesverhältnisse haben ihren Duft, ihre berauschende Schönheit und ihre starken Lebenswerte. Und oft werden sie zu wirklichen Ehen ausreifen. Man sieht, der Unterschied ist ein ganz innerlicher.

Was ist nun »eine gute Ehe«?

Vor einiger Zeit besuchte ich den Zoologischen Garten und trat an den Löwenkäfig. Friedlich lagen die majestätischen Bestien nebeneinander, der Löwe strich mit seiner mordgewohnten Tatze seinem Weibe zart und liebkosend über den Rücken. Die Löwin aber hatte das Haupt erhoben und genoß mit einem beinahe transcendenten Ausdruck tiefsten ruhevollen Glückes in ihrem seltsamen Tiergesicht die Liebe ihres Gatten. Ich ging dann weiter durch das Reich der fremden Geschöpfe – der Garten ist groß, es dauerte ziemlich lange, bis ich zurückkehrte – und noch immer lag das Paar, wie ich es verlassen, der Löwe strich mit zarter, liebkosender Bewegung seinem Weibe über den Rücken, und sie träumte, still beseligt in die Unendlichkeit hinaus. Ein anderes Bild ergänzte diesen Eindruck. Ein Künstler, der der Tierwelt in der Wildnis Afrikas mit Hilfe von Fernrohr und Blitzlicht viel ihres intimen Wesens abgelauscht hat, stellte seine Gemälde aus. Da sah ich ein zweites Löwenpaar, welches Flanke an Flanke jagenden Laufes hinauszieht auf Beute in die schweigende, gelb verdämmernde Wüste. Ein Wille, ein Streben, ein Verlangen schließt die beiden Geschöpfe zusammen zu einer fast unüberwindlichen Einheit. Beide Szenen – geben sie nicht ein Symbol für die Urform der guten Ehe, wie sie sich durch allen Wandel der Entwickelung eigentlich nicht so sehr viel geändert hat? Jenes ruhevolle Glück in der dauerhaften Zärtlichkeit der körperlichen Anziehungskraft; jenes zweite in der Kameradschaft der Daseinsinteressen – das gemeinsame Hinausziehen zur Eroberung des Lebens in die schweigende geheimnisvolle Weite der Zeit und des Raumes, die da angefüllt ist mit Beute und Gefahren . . .

Es giebt noch etwas Höheres als dieses – der göttliche Funke, der die notwendigen Faktoren Zärtlichkeit und Kameradschaft zu einer höheren Einheit zusammen schmiedet und etwas undefinierbar Mystisches dazu tut – eben dieses Mystisch-Unerklärliche, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Erst dieses dritte, als Gemeinschaft in Geist und Seele hebt zwei Menschen aus dem Gemeinen in das Reich des Göttlichen – des Ideals empor. Wo es vorhanden ist . . . . . . . .

Zahllose unserer Mitmenschen wären völlig zufriedengestellt, wenn sie nur das Glück der guten Löwen genießen dürften!

Wir sprechen in Deutschland sehr viel von Liebe bei der Eheschließung. Es gilt für nicht anständig, wenn Verlobte nicht verliebt sind. Niemand würde offen zugestehen, daß er um des Geldes, oder um der Karriere oder um der Versorgung willen heiratet. Dennoch sind Geld- und Versorgungsheiraten bei uns genau so an der Tagesordnung wie in Frankreich, ja unsere Militär- und Beamtenverhältnisse basieren zum Teil geradezu auf der Geldheirat. Weil aber der Sache bei uns so viel romantische Mäntelchen umgehängt werden, beginnen die meisten Ehen mit Unaufrichtigkeiten und Schauspielerei. Man hat rein um äußerer Vorteile willen geheiratet und erwartet als Zugabe in den Handel auch noch Geistes- und Seelengemeinschaft, womöglich schon in den ersten acht Tagen! Das ist ein bischen viel verlangt.

Die überlegtesten Geldheiraten bergen überdies einen verhängnisvollen Rechenfehler. Der junge Mann, der es empörend finden würde, wenn seine Frau durch ihre Arbeit in irgend einem Beruf zu den Kosten des Haushaltes beisteuern würde, nimmt oft mit der größten Ruhe ihr ererbtes Vermögen als sein unumschränktes Eigentum in Anspruch, schaltet und waltet damit und macht sich selten klar, wieviel Verachtung sich im Herzen seiner Frau über diese seine »Ungeniertheit« ansammelt.

Um solche heimliche, bei tausend Anlässen offenbar werdende Verachtung stets an seiner Seite zu haben, hat er vielleicht einen tiefen Herzenswunsch geopfert.

Warum müssen junge Ehepaare Repräsentationspflichten haben? In Amerika denkt, mit Ausnahme einiger Milliardäre, kein vermögender Vater daran, seiner Tochter eine Mitgift zu geben. Die jungen Leute des Mittelstandes wohnen fröhlich im boardinghouse, wenn das Einkommen des Mannes nicht zur häuslichen Einrichtung reicht. Das ist gesund und frisch und jung. Bei uns gehen Liebende eher in den Tod, als auf eigene Möbel zu verzichten!

Könnte man eine Statistik darüber aufnehmen, wieviel menschliches Glück in den letzten dreißig Jahren bei uns an den »Möbeln« gescheitert ist, wir würden uns unserer greisenhaften Philistrosität zu schämen beginnen. Auch später spielen die Möbel im weitesten Umfange, das Getriebe des Haushaltes, mit den dazu nötigen Dienstboten eine viel zu große Rolle in der Ehe. Ich weiß noch immer manche Hausfrau, der man mit Kreuzstich auf Silbercanevas den Spruch sticken könnte:

Die Möbel sind um des Menschen willen da,

Nicht der Mensch um der Möbel willen.

Warum wollen wir nicht von der jungen Nation jenseits des Ozeans lernen? Wir sind doch sonst nur allzu aufnahmefähig! Die deutsche Frau und auch der deutsche Mann hängen noch viel zu sehr am Unwesentlichen, vergessen darüber das Wesentliche!

Unser Geschmack widerstrebt vorläufig noch energisch einer Sozialisierung der Wirtschaftsführung. Aber die Richtung geht in dieser Linie. Wir werden uns mit unserem Geschmack anpassen müssen, wir mögen wollen oder nicht! Darum istʼs besser, man erziehe die junge Generation nicht mit allzu viel »Schmücke Dein Heim«-Bedürfnissen! Sie ist auch selbst schon am Werke, sich härter und herber zu machen. Wer sich gern Wind und Wetter um die Nase wehen läßt, wer rudert, radelt und mit Schneeschuhen über die Berge fährt, der braucht zu Haus auch nicht tausend gestickte Deckchen, Lampenschleier und stilvolle Papierblumen zu seinem Wohlbehagen.

Zugleich mit der Sozialisierung der Häuslichkeit geht aber auch ein starker Zug nach Individualisierung des eigentlichen inneren Verhältnisses von Mann und Frau.

Und hier gilt es die tiefsten Schwierigkeiten der nächsten Zukunft zu überwinden.

In vielem was ich jetzt sagen will, werde ich das Mißfallen meiner Mitschwestern erregen. Aber ich denke, die vorgeschrittene Frau kann auch die Wahrheit vertragen, und es ist doch wohl wünschenswerter, weiter zu kommen, als unter Weihrauchdämpfen, die man um sich selber schwingt, auf dem Gewonnenen einzuschlummern.

Es ist schon gesagt worden, daß der Mann das Eheweib, die Familie heute weniger notwendig braucht, als je zuvor. Es ist, außer im Arbeiterstande, gewissermaßen ein sittlicher und pekuniärer Luxus, wenn er heiratet. Darum fühlt er sich von vorn herein als der großmütige Geber und erwartet Dankbarkeit. Die Frau ist sich über ihre ungünstige Lage keineswegs klar. Sondern im Gegenteil, je weniger man sie nötig hat, um so vielseitiger und schwieriger wird sie in ihren Forderungen an den Mann. Sie verlangt, daß er mit unberührter Jünglingsreine die raffinierteste Erfahrung in erotischen Dingen vereint, daß er Parsifal und Don Juan in einer Person sei. Und meistens ist er doch keins von beiden, sondern nur ein braver Bürgersmann, der ein paar dunkle Seiten in seinem Vergangenheitsbuche gern vergessen möchte, wenn er auch unter dem Einfluß des Alkohols gelegentlich wohl gerade mit den dunklen Seiten prahlt. Die meisten Männer möchten wirklich, wenn sie heiraten, gern eine neue weiße Seite frisch beginnen. Sie erwarten von der Frau, selbst wenn sie sie um ihres Geldes willen nahmen, mit kindlich-gläubigem Vertrauen ein von ihr ausstrahlendes Fluidum reinigender Kräfte. Der Mann stellt sich, trotz aller Weltkenntnis in der Erwählten eine Art von himmlischem Wesen vor, und mit dieser Heiligenverehrung paart sich sonderbar genug die zynische Verachtung des Weibes als Geschlechtswesen, die er von seinen ersten trüben Liebeserfahrungen her als ein böses Gift ins Blut und ins Gehirn bekommen hat. Von einem Extrem torkelt er jungenhaft brüsk zum andern, und tötet mit solchen jähen Übergängen oft ganz unbewußt die Ideale des psychologisch und erotisch unerfahrenen jungen Geschöpfes an seiner Seite. Hier muß der Grund liegen, warum es so vielen Frauen absolut an Respekt vor ihren Männern fehlt – trotzdem die tüchtige Tagesarbeit unserer deutschen Männer doch vor aller Welt glänzend dasteht.

Respekt vor dem Manne – Achtung vor seiner Arbeit – ist das nicht ein Satz aus altem Fibelbuche? Nein und nein und aber nein – Respekt der Frau vor dem Manne, Ehrfurcht des Mannes vor der Frau ist noch heute das A und O  jeder guten Ehe.

Es ist von einem Manne, der, wie die Verhältnisse liegen, spät in die Ehe tritt, nicht zu erwarten, daß er keine Liebeserlebnisse gehabt haben soll – aber er sehe zu, daß er sich ihrer vor Gattin und Sohn nicht zu schämen brauche. Auch hier auf diesem dunklen Gebiet wird mehr und mehr das Kind zum Richter über seinen Vater werden. Es ist anzunehmen, daß ein Sohn, der es wagt seinen Vater schonungslos zur Verantwortung zu ziehen, weil er ihn mit einem Erbe von Krankheit ungewarnt und ungeleitet in verpestete Sümpfe hinausgehen läßt, dasselbe Unrecht nicht an seinem Sohn begehen wird!

Und wenn die Männer sich daran stoßen, daß auch die anständige Frau heute diese Sümpfe mit ihren grausigsten Gefahren kennen will, so mögen sie sich doch sagen, daß ihre einfachste Mutterpflicht es fordert. Immer aufs Neue muß es ausgesprochen werden, daß heute jede junge Frau genug vom Leben weiß, um es schnell zu entdecken, es deutlich zu empfinden, wenn der Mann in zwei Welten lebt, wenn sein Gefühl, seine Denkweise die verhängnisvolle Zweiteilung rigoroser Moral und cynischer Verderbtheit aufweist, in der so viele existieren. Vielleicht schweigen die Lippen der Frau bis zum Tode über diese Enttäuschung. Aber sie hat die Heiterkeit und das fröhliche Vertrauen in ihr ausgelöscht.

Ganz sicher ist es mehr die Schuld der Gesellschaft, dieses Doppelleben der Männer, als des Einzelnen. Und nun geschieht es, daß das junge Weib, das einiges von diesen Dunkelheiten weiß, von anderen Seiten gar kein Verständnis hat, sich ein Urteil anmaßt, welches oft ganz verkehrt ist, oft weit über das Ziel hinaus schießt. Solches Verurteilen erfüllt dann den Mann auch nicht gerade mit Zutrauen zu Intellekt und Güte seines Weibes.

Sehr fein und wahr sagt Ellen Key: Die grosse Gefahr für die Evolution der Liebe liegt darin, daß die Frauen noch immer nicht genug mit der Sinnlichkeit rechnen, die Männer noch immer nicht genug mit der Seele.

Viele der begabtesten, reichsten männlichen Naturen sind entschieden polygamisch angelegt. Die Ehe ist ihnen ein unverhältnißmäßig harter Zwang, in den sie sich nur mit mancherlei Entsagung und Qual finden können Wie man jetzt nicht mehr die Mädchen mit kindischer Unwissenheit über die Geschlechtsvorgänge in die Ehe treten läßt, sollte doch eine kluge Mutter, ein gewissenhafter Vater ihre Tochter vorsichtig aber nüchtern über die wirkliche Natur des Mannes aufklären, statt sie in den romantischen Träumereien zu lassen über die unerhörten Seligkeiten, die sie an der Seite des geheimnisvollen Herrlichen erwarten. Dann würde die moderne Frau ihr gestärktes Lebenswissen in Güte und mütterlicher Nachsicht über den Gatten walten lassen, und sich sagen, daß es für das Wohl ihrer Kinder und ihr eigenes wichtiger ist, er bewahrt ihr Liebe, Hochachtung und Freundschaft, als die unbedingte physische Treue. – Den meisten Frauen wird es so unendlich schwer, zu begreifen, daß der Mann ihr trotz eines Ehebruches seine Liebe bewahren kann. Aber der Mann, der es weiß, und darum eine Abschweifung von der Treue oft gar sehr leicht nimmt, möge sich doch über eine Folge klar sein: In zahllosen Fällen kann die Frau ihm mit ganzem Willen vergeben haben, aber ihre Fähigkeit der seelischen Hingabe ist zerstört, alles Feinste, Süßeste ihrer Liebe ist dahin. Auf der Asche einer gestorbenen Liebe aber breitet sich gern ein hartes Knollengewächs aus: das Bewußtsein des Besitzrechtes! Jener hartnäckige Eigensinn, welcher den Mann um jeden Preis an sich fesseln will, der so oft aus der Frau nur noch einen von einer fixen Idee besessenen weiblichen Detektiv macht, den sollte jede Frau von anständiger Gesinnung von seinen Uranfängen an in sich bekämpfen. Mit allen Mitteln gelingt es ja doch nicht, den Mann zu halten, der nicht den Willen zur Treue in sich trägt. Aber die Frau selbst wird niedrig und gemein bei Tyrannei und Polizeisystem. Sobald die Menschen fühlen, daß sie trotz allen guten Willens durch das Zusammenleben mit dem anderen erbärmlich, boshaft, grausam, schlecht werden, sollten sie sich trennen, ohne Rücksicht auf ihre Kinder. Was haben die Kinder für Vorteil von der Erniedrigung ihrer Eltern? Glaubt man denn, daß sie dies nicht fühlen – daß es keinen bösen Einfluß auf ihre eigene ethische Entwickelung ausübt?

Eine Erleichterung der Scheidung, eine Behandlung dieser Frage, die es nicht mehr nötig macht, allen Herzensjammer, allen häuslichen Schmutz vor dem Gericht auszubreiten, die sonst anständige reinliche Leute nicht zwingt, erst Gemeinheiten begehen zu müssen, um frei zu werden, ist eine Forderung, die so lange und so energisch gestellt werden muß, bis sie gegen jene, welche in der Ehe noch immer das untrennbare Band des Himmels sehen, durchgesetzt wird. Niemand wird diese Gläubigen hindern, geduldig in ihren Ehen auszuhalten, aber sie sollen keinen unerträglichen Druck auf die andern ausüben wollen. Die Kinder wären ein für allemal bis zum vierzehnten Jahr in der Obhut der Mutter zu lassen. Eine Ausnahme wäre nur dann gestattet, wenn die Frau sie selbst wünscht, oder wenn sie sich durch starke moralische Minderwertigkeit, verbrecherischen oder liederlichen Lebenswandel als unfähig zur Erziehung erweist. Gewiß werden auch dann Ungerechtigkeiten vorkommen. Oft wird der Vater der einsichtsvollere Erzieher, der edlere Mensch sein. Aber im Durchschnitt brauchen die Kinder die Mutter nötiger und sie hängt stärker an ihnen, ist ihnen enger verbunden als der Vater.

Eine leichtere Scheidungsmöglichkeit wird die Ehen nicht verflachen, sondern sie wird beide Teile vorsichtiger, behutsamer machen, dem anderen weh zu tun. Man sieht solches Ergebnis schon in den einzelnen freien Ehen, die unter uns bestehen. Was Willensstärke und von einem Ideal gehobene Menschen tun, ist darum noch nicht für die Masse der Schwachen zu empfehlen. Wohl aber wirkt es als ein sehr beachtenswerter Versuch für Zukunftsmöglichkeiten.

Nur durch die Freiheit wächst die Seele – nur in der Freiheit reift das Glück.

Der verfeinerte, individuelle Mensch braucht ein weit größeres Maß von Freiheit im Privatleben als der unkompliziertere Mensch der Vergangenheit. Sich gegenseitig innerhalb der Schranken des gemeinsamen Lebens das größtmögliche Maß von Freiheit zu gewähren, ist eine Grundbedingung des Wohlbefindens in der Ehe. Da müssen viele alte Vorurteile zerstört werden. Und glücklicherweise beginnt die Gesellschaft bereits auch befremdende und ungewohnte Versuche einzelner Paare, für ihr eignes Glück eine neue Lösung zu finden, mit Interesse zu beobachten, statt mit schonungslosem Hohn zu stören. Die Achtung vor der Freiheit im Handeln und Denken des Andern muß eine tiefe Überzeugung sein, welche auch das Bedürfnis nach Tyrannei, die ja ein Teil der leidenschaftlichen Liebe ist, siegreich überwindet.

Nun ist das Sonderbare eben dies: in früheren Zeiten war in der Ehe der Mann viel unabhängiger von der Frau, als jetzt. Ihre Wirkungskreise waren reinlicher getrennt, der eine fragte kaum nach dem, was im Kreise des andern vorging, und jeder hatte mehr Gelegenheit, sich in dem seinen voll auszuleben. Es galt durchaus für unschicklich, daß die Frau sich nach dem Beruf und dem Aussenleben des Mannes erkundigte, indes galt ferner als erste Regel, die jede Mutter ihrer Tochter mit auf den Weg gab: Plage deinen Mann nicht mit Haushaltssorgen.

Aber jetzt ist die Seelengemeinschaft ja modern, Mann und Frau sind Freunde geworden.

Aus diesen zwei schönen Dingen entstehen neue Komplikationen.

Die Seelengemeinschaft in der Ehe ist für die jungen Leute fast eine Beunruhigung wie in früheren, frömmeren Zeiten das Verhältnis zum heiligen Geist. Es sind arme Menschen irrsinnig geworden im Suchen nach dem heiligen Geist und junge Frauen werden hysterisch im Suchen nach der Seelengemeinschaft zum Gatten. Und sie vergessen darüber ihm in freundlicher Heiterkeit ein Herzensbehagen zu schaffen, das seine Seele dankbar bereit stimmen würde zu tieferer Gemeinschaft.

Eine Seelengemeinschaft mit einem anderen Menschen wird man immer nur in seltenen Weihemomenten fühlen. Das Bewußtsein solcher Augenblicke kann den Alltag vergolden – aber man soll sich hüten, zu häufige Wiederholungen höchster Seelenfeste erzwingen zu wollen.

Die Frau bemüht sich oft so innig und eifrig, dem Manne Freundin zu sein und ist verletzt und empört in ihrem Frauenstolz, wenn er die Freundschaft schweigend oder mit leichtem Lächeln des Scherzes ablehnt. Die Frauenbewegung hat über diese Ablehnung viel gesprochen und geschrieben. Doch hat sie, dünkt mich, nicht immer das Richtige getroffen.

Sagen wir das bittere Wort: Nur wenige auserwählte Frauen verstehen es heute schon, dem Manne Freundin zu sein. In den meisten Fällen ist die Freundschaft seiner Frau dem Gatten nur Belästigung. Gerade männliche, tüchtige Männer lieben es nicht, über ihre Absichten und Entschlüsse viel zu reden. Und die Frau versteht unter Freundschaft zumeist das wortreiche Ratschlagen und Besprechen aller großen und kleinen Dinge, das dem Manne zu unerträglicher Nervenpein werden kann.

Um jeden bedeutenden Menschen ist eine Atmosphäre der Einsamkeit. Unwillkürlich sucht der bedeutende Mann darum so oft die bescheidene Gefährtin, von der er erwartet, daß sie diese ihm notwendige Einsamkeit respektieren wird. Zuweilen irrt er und verwechselt Dummheit mit Bescheidenheit. Zuweilen aber hat gerade die geistig einfache Frau wirklich jene »Diskretion in der Liebe«, die der hochgebildeten so häufig fehlt.

Die Herrschsucht, welche die Frau vor hundert Jahren noch in ihrem weitläufigeren Hauswesen an Knechten und Mägden, an vielen Kindern, in Hof und Garten, bei großen häuslichen Orgien des Befehlens, wie Waschtagen, Schlachtfesten austoben konnte, sie zieht sich heute ausschließlich über dem Haupte des Ehemannes zusammen, sie hat sich verfeinert und geputzt und sie nennt sich gerne: Freundschaft – Kameradschaft.

Die lebensvolle Frau will sich betätigen, muß sich betätigen, wenn ihre überschüssige Kraft sich nicht falsche Wege suchen soll. Der praktische Engländer und Amerikaner weiß recht gut, warum er seine »Ladies« so warm ermuntert in sozialen Aufgaben, sogar in der Politik sich zu tummeln. Er hat dann mehr Ruhe. Der deutsche Mann möge sich seine Lehre daraus ziehen.

Übrigens braucht unser öffentliches Leben die Mithülfe der Frau sehr notwendig, und in mancher großen Stadt weiß man auch diese Hülfe schon zu schätzen.

Nun tritt wieder der Zweifel auf, ob ein Mädchen, das durch die Teilnahme am öffentlichen Leben, durch Berufsarbeit oder durch die Kunst zu einer »Persönlichkeit« geworden sei, sich überhaupt noch zur Ehe und zur Mutterschaft eigne. Ja, man sieht in dem überhandnehmen weiblicher »Persönlichkeiten« eine ernste Gefahr für die Liebe zwischen den Geschlechtern. Und doch will jedes sechszehnjährige Backfischlein heute vor allem »Persönlichkeit« werden, und bemüht sich zu dem Zwecke alle modernen Schlagworte möglichst getreulich nachzuplappern und sein Leben ja genau so einzurichten, wie die Stichworte es vorschreiben. Wie vor zwanzig Jahren die unglückliche Liebe zum Manne, so macht heute die unglückliche Liebe zur Kunst und zur Wissenschaft unsere Mädchen anämisch und nervös. Haben sie in der Ehe nicht mehr Zeit und Gelegenheit, ein Talentlein zu pflegen, so ist etwas unerhört Köstliches zerstört, und der Ehemann hat täglich zweimal um Entschuldigung zu bitten. Die Welt ist um eine Persönlichkeit ärmer.

Es scheint nötig, den Begriff der Persönlichkeit etwas zu berichtigen. Zunächst hat er nicht das mindeste mit der Ausübung eines Talentes oder einer Wissenschaft zu tun. Es gehen Künstler, Dichter und Gelehrte in Mengen unter uns umher, sogar berühmte, die noch lange keine Persönlichkeiten sind.

Persönlichkeit zu haben – dieses höchste Glück der Erdenkinder – heißt: Selbständigkeit des Denkens und des Handelns zu besitzen, unabhängig zu sein vom Urteil des Tages und von dem seiner Umgebung, harmonisch im eigenen Wesen zu beruhen, der eigenen Natur nicht untreu werden und aus innerer Kraft heraus, nicht durch angelerntes Wissen, einen hohen und freien Überblick über die Fülle der Erscheinungen zu haben.

Warum sollen eigentlich Staubwischen und Kochen und Kinder pflegen das Weisen einer solchen Persönlichkeit hindern? Bei fast allen häuslichen Verrichtungen haben die Gedanken Zeit sich mit ernsthaften Fragen zu beschäftigen – wenn nur das Denken der Frau nicht von Kindheit an in spanische Stiefel geschnürt ist, wenn sie nur überhaupt zu denken gelernt hat.

Freilich gibt es weibliche Naturen von starker Eigenart, die von Geburt an mit so schroffem Charakter, so rauhem Äußern begabt sind, daß sie nicht liebenswürdig sind, wo sie lieben. Die werden nicht für die Ehe bestimmt sein und in ihr schwerlich Glück finden. Aber es hat außer ihnen zu allen Zeiten bedeutende Frauenpersönlichkeiten gegeben, die mit allen weiblichen Reizen geschmückt, heiß begehrt und heiß geliebt worden sind. Auch unter ihnen gibt es zwei verschiedene Typen, ich möchte sie nennen: die Persönlichkeit zerstörenden Charakters und die Persönlichkeit aufbauenden Charakters – die Disharmonische und die Harmonische. Von der Disharmonischen pflegen gerade infolge der Rätsel, die ihr Wesen aufgibt, starke Reize auszugehen – sie wird vielleicht die wildesten Leidenschaften erwecken. Eine Ehe mit ihr aber wird für den Mann im besten Falle eine Fahrt auf hoher See im Tosen von Cyklonen und Wassertromben bedeuten –. Gerade das mag manchen Kühnen reizen, aber er kann von Glück sprechen, wenn er nicht an Leib und Seele Schiffbruch leidet.

Die aufbauende harmonische Persönlichkeit ist im Gegensatz zu jener anderen recht eigentlich für die Ehe geschaffen, weil eine Atmosphäre von Frische und klarer reiner Luft von ihr ausgeht, in der alles, was darinnen leben darf, seiner Existenz froh wird. Wer eine solche Natur kennen lernt, wer sie schalten und walten sah, denkt mit dankbarer Freude an sie zurück – gleichviel, ob sie ihm im Gewände einer bescheidenen Kinderfrau oder in dem strengen Schmuck einer geistigen Aristokratin entgegentrat. – Aber die harmonische Persönlichkeit ist jetzt im Werte gesunken bei Männern wie bei Frauen. Und das darf nicht so bleiben, wenn die Ehen besser werden sollen. Die jungen Mädchen und Frauen – auch solche, die die gütige Natur eigentlich zur Harmonie angelegt hat – bemühen sich mit allen Kräften zerrissen, excentrisch, dämonisch zu erscheinen, weil sie diese Schrecklichkeiten mit Individualität und geistiger Bedeutung verwechseln. Und auch weil sie den sensationsbedürftigen Männern dadurch interessanter sind. Jede Frau, die von diesem unfruchtbaren selbstzerstörerischen Wahn gerettet wird, und mit aller Energie versucht, sich in ernster Selbstzucht zur Harmonie zu erziehen, ist ein Gewinn für die echte weibliche Kultur. Wenn sie heiratet wird sie ihren Söhnen den Sinn schenken für den Zauber und die gesunde Lebenskraft der harmonischen Persönlichkeit. Und so wird durch jede einzelne die falsche Wertung ein wenig zurechtgeschoben.

Blickt man in Vergangenheit und Gegenwart umher auf die Ehen, die sich über die gute Löwen-Ehe zu einer innigeren, menschlichen Gemeinschaft von geistiger und seelischer Schönheit erhoben haben, so wird man finden, daß in den meisten Fällen der Mann ein ritterlicher, generöser, feinfühliger Mensch ist, die Frau aber sich dem Idealtypus der harmonischen Persönlichkeit mehr oder weniger nähert Zuweilen wird eine solche Frau nur in einigen Teilen ihres Ich sich zum Range einer Persönlichkeit aufgeschwungen haben, sie wird vielleicht vor allem stark sein durch ihre Liebesfähigkeit und ihre gelassene Heiterkeit. Aber wie sollte einer harmonischen Frau Bildung, Wissen, Witz und Geist schaden? Sie vermögen sie nur zu verklären und zu erhöhen. Sie trägt dann ihre mütterliche Wärme auch in einen dürren trockenen Beruf hinein, und was sie mag arbeiten, was sie formt und bildet, es ist beseelt von dem freudigen gesunden Atem ihres Wesens. Verzichtet sie auf einen Beruf und lebt ganz der Familie, so wird sie ihren Gatten entzücken durch den Reichtum ihrer Natur. Bequem wird sie nicht immer sein – aber ganz gewiß wird er sie trotzdem nicht gegen eine beschränkte, alberne und alltägliche Gattin eintauschen mögen. Die einfachsten häuslichen Verrichtungen solcher Frauen sind umwebt von dem feinen Zauber eines besonderen Menschen, ihre Kinderstuben sind erfüllt von seltenen seelischen und geistigen Reizen. Kranken- und Wochenbetten werden ihnen zu Stätten inneren Reifens und die, welche ihnen nahestehen, empfangen aus ihren schmerzgezeichneten Händen noch köstliche Güter. Allen den Frauen, wie ich sie hier schildere – und es sind keine Phantasiebilder, sie leben und wirken unter uns – ist ein Zug gemeinsam: Es sind Charaktere, die mit freudigem Mut im Einzelnen manchem Schönen, manchem lieben Wunsch entsagen können um des Ganzen, des Wesentlichen willen. Sie verlangen nicht vor allem danach, glücklich gemacht zu werden, sondern sie sind erfüllt von dem Willen, das Glück um sich her zu bauen. Und so werden sie zu Künstlerinnen des Lebens im wahren Sinne des Wortes. Die harmonische Frauenpersönlichkeit ist es, das wollen wir zum Schlüsse aussprechen, die die geschlechtliche Gemeinschaft zwischen Mann und Weib auf ein höheres Kulturniveau zu heben vermag, und die Mutterschaft veredelt zu einem Werke der Menschheitsentwicklung.

Der Ausbau, die innere Neugestaltung der Ehe wird zumeist in der Hand der Frau und in der Hand solcher Frauen liegen. Sie, ihre Art, ihr Wesen ist bestimmend für den Ton des Hauses. Denn sie ist nicht nur Gattin, sie ist auch die Mutter, die Führerin des wachsenden Männergeschlechtes. Ihr Einfluß ist groß, auch wo er nirgend greifbar hervortritt. Was ihr als Gattin mißlang, das erreicht sie vielleicht bei dem Sohn, bei dem Enkel. Darum möge sich die Frau in jedem einzelnen Falle sagen, daß ihre Ehe, wenn sie trotz aller Stürme und Gefahren geglückt ist, ein Beispiel wird für viele, daß sie eine Lebensarbeit getan hat, von der Ströme des Segens noch in ferne Zukunft hinauswirken.