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Gabriele Reuter – Die Herrin

Roman

Gabriele Reuter, Die Herrin, Roman, Ullstein & Co. Verlag, Wien, 1918

Erster Teil

1.

Die Neuvermählten fuhren durch nächtige Wälder. In großen Kurven wand sich die Landstraße um den Berg, senkte sich zu Tal und stieg wieder die Höhe hinan. Riesentannen wurden vom Frühlingssturm geschüttelt, Äste und Zweige krachten, Regengüsse schlugen gegen das Schutzleder der Halbkalesche. Aus den Gründen stieg der Atem des Waldes, von den herben Düften seiner Fruchtbarkeit gesättigt.

Gemächlich lenkte der greise Kutscher, ohne sich nach der Herrschaft umzusehen, seine Gäule durch das wilde Wetter.

»Fahr' zu, Hinrichs, »rief der Baron ihm ungeduldig zu. »Wir wollen heimkommen, ehe der Regen stärker wird.«

»Heim –,« wiederholte die junge Frau, und ihre Stimme war ertränkt in schwerer Süßigkeit. Sie sog im Arm des Gatten träumerisch entzückt die feuchte Frische ein.  »Das ist wie Meerluft, und doch anders,« sagte sie leise. »Im April habe ich den Wind so um unser Haus auf Rügen sausen hören. Wie ich das liebte! Alles Erwarten ist in diesem Toben und möchte einem das Herz aus der Brust zerren.«

»Und du hast gewartet, immer gewartet, »flüsterte er zärtlich. »Ich sehe es vor mir, wie du am offenen Fenster standest, im langen weißen Hemd, und dir den Wind durch deinen blonden Schopf wehen ließest . . . und die Lippen ein wenig offen hattest – ach . . .«

»Auf dich gewartet!« hauchte sie und fühlte mit einem Schauer, der ihr durch die feinsten Nerven rann, wie ihr Mann sie fester an sich drückte. Zitternd schmiegte sie sich seinem warmen Körper an, schob verstohlen das Tüllschleierchen von ihrem Munde zurück und fühlte sogleich seinen weichen Bart an ihrer Wange, seine Lippen auf den ihren. Sie wurden sich beide ein ungeahntes, heißes Erleben nach der kühlen Brautzeit, in der Ausstattungssorgen und Formfragen regiert hatten.

»Ist's nicht schöner so,« hauchte Herta dem Gatten ins Ohr, »als mit Spitzenreitern und Fackeln und von einer Rede des Herrn Lehrers begrüßt?«

»Freilich, schöner – tausendmal,« beteuerte er und küßte sie unter das Ohr auf den Hals, auf die daunenzarte Haut, die aus dem Pelze schimmerte.

Herta war es, die den feierlichen Einzug auf Burg Dottum nicht gewünscht hatte. Vierergespann, Ehrenpforte, Gesang der Schulkinder – das alles war schon einmal gewesen, und Karell hätte sich erinnern müssen . . .

Als Braut dachte sie der armen toten Jutta, ihrer Vorgängerin, selten und flüchtig. Seit ihrer Vermählung begann sie sich zu fragen: Hatte Karell jede Zärtlichkeit, unter der sie neu erbebte, schon früher – und wie oft – an die Tote verschenkt? Aber Gräfin Herta Schlobzien, nun Baronin von Dottum-Elend, die Philosophie studiert hatte und die Doktorwürde trug, wußte auch, daß sie solchen wehen Empfindungen nicht Raum lassen dürfe. Wozu gab es Vergangenheit, als um Werdendes und seine Überwinderkräfte zu stählen?

»Ich bin begierig auf die Bekanntschaft mit deiner Großmutter, »sagte sie lauter, und ihre Stimme klang hell.

»Du wirst dich gut mit ihr stellen – du weißt, wieviel mir daran liegt . . . »antwortete Karell langsam.

»Ich weiß – ja . . . Und sie liebt dich . . . Das wird alles erleichtern!«

»Sie liebt mich. Ich bin wohl der einzige Mensch, den die alte Frau in ihrer Weise liebhat . . . Aber erleichtern –? Ich weiß nicht, ob das eine Erleichterung ist. Nun, du wirst ja sehen, ich will dir keine Vorurteile einpflanzen. Du hast ohnehin genug über die Alte von Dottum-Elend reden hören.«

Er lachte unbehaglich.

»Sie ist doch auch nur ein Mensch, der durch schwere Schicksale gegangen ist – – Das vergiß nicht, Herta!«

Die junge Baronin neigte das schmale, weiße, kluge Gesicht. Ein Lichtstreif der Wagenlaterne fiel darauf und hob es so eigen aus der Dunkelheit hervor.

»Dieselben Worte hat Papa zu mir gesagt, ehe er von mir Abschied nahm, »sagte sie sinnend. »Ich werde sie nicht vergessen, Karell. Das Geschwätz der Leute riecht immer nach Hintertreppe. Ihren Briefen nach ist deine Großmutter eine originelle, starke Persönlichkeit. Mit einer Frau dieser Art zu leben ist gewiß nicht bequem, aber es hat großen Reiz für mich. Und wenn ich zur Furcht neigte, dann hätte ich wohl keinen Dottum-Elend geheiratet.«

»Nein – eine behagliche Familie sind wir nicht! Was machst du, Hinrichs, warum hält der Wagen?«

»Wir sind am Wildgatter, gnädiger Herr!«

»So. Na schön. Steig' ab und gib mir die Zügel. Dies ist der Eingang zum Park, Herta.«

Nach dem kurzen Aufenthalt fuhren sie durch eine breite Allee, aus vier Reihen mächtiger Baumriesen gebildet.

– Es rauschte und brauste um ihr Gefährt, es pfiff und heulte, knarrte und stöhnte, als seien alle Bäume und Büsche lebendig geworden und wollten Protest erheben, wollten klagen und warnen.

Der jungen Frau ging eine Erinnerung durch den Sinn. Sie hatte gehört, die Dorfleute mieden den Weg durch den finsteren, modrigen Park, in dessen Mitte ein umfriedeter Platz, dicht von Efeu eingesponnen, unter grünen Hügeln die Toten von Dottum-Elend barg. Weil es Schwierigkeiten mit der Geistlichkeit gegeben hätte, sie auf dem Kirchhof zu beerdigen.

Herta seufzte, es war nur wie ein banges Atemholen, von etwas künstlicher Munterkeit schnell versteckt.

»Hilf mir die Veilchen sammeln, Karell,« flüsterte sie dem Baron zu. »Ob der gute Kerl dort oben unsere Wagenpolster so sinnig geschmückt hat? Wie viele es sind und wie sie duften!«

Sie drückte ihr Gesicht in die Blumen und hielt sie auch dem Gatten entgegen.

»Ich will sie mitnehmen und trocknen zum Andenken dieser Fahrt! Es wird dem Alten Freude machen, meinst du nicht?« plauderte sie weiter. »Kommen wir nicht durchs Dorf?«

»Nein, das liegt auf der anderen Seite des Berges. Wir nahen der Burg meiner Väter verstohlen wie die Einbrecher!«

Von prasselndem Regenschauer umpeitscht, betrat Herta unter dem hastig aufgespannten Schirm, den der weißhaarige Haushofmeister schützend über sie hielt, das Eingangsportal und die Halle von Burg Dottum.

Ein schmaler, hoher Raum, in dem das Licht weniger Wandlampen sich verlor. Schwere, geschnitzte Schränke und nachgedunkelte Gemälde an den Wänden verstärkten den Eindruck strenger Vornehmheit.

Mitten in der Halle stand, von Dämmerung umgeben, die alte Baronin von Dottum-Elend. Sie trug ein schwarzes Damastkleid, das rings um sie her steif auf dem Boden lag, und eine schwarze Tüllhaube, unter dem Kinn geschlossen.

Rechts und links von ihr, etwas im Hintergrunde, hielten zwei junge Diener schwere silberne Armleuchter mit brennenden Kerzen.

Herta war erstaunt, wie klein und zierlich die Frau wirkte, welche ihr ganzes Geschlecht hartnäckig grausam beherrschte. Die schwarze Haube umfaßte ein feines Gesicht mit einer scharfen, dünnen Adlernase, das an eine alte Elfenbeinschnitzerei gemahnte. Aus dunklen Augenhöhlen blickte sie scharf den Eintretenden entgegen. So stand sie, auf ihren Krückstock gestützt, ruhig wartend, daß man sich ihr nähern sollte.

Karell eilte seiner Frau um einige Schritte voraus.

Da geschah etwas Überraschendes.

Die Greisin warf den Krückstock zur Seite, daß er mit Gepolter auf den Boden schlug, und sprang mit einem Satz, beinahe wie ein kleines, wildes, schwarzes Tier, auf den Enkel zu, der sie mit den Armen auffing. Sie hing an seinem Halse und küßte ihn mit einer Leidenschaft, der der große, schlanke Mann geduldig standhielt, während sie die junge Gattin mit Verwunderung, ja mit Grauen erfüllte.

»Hier ist Herta,« sagte der Enkel endlich, indem er versuchte, die weißen, knöchernen, vor Erregung zitternden Greisenhände, die ihn zärtlich betasteten, von sich zu lösen.

Mit einem Ruck wandte sich die alte Frau Karells neuer Gattin zu. Ihre schwarzen Augen aus den bräunlichen Höhlen sprühten sie an, mit einem Blick, der eher von Zorn als von Freundlichkeit sprach.

Herta neigte sich tief, ergriff die Hand, die sich ihr nicht entgegengestreckt hatte, und küßte sie ehrerbietig. Zu sagen wußte sie nichts. Sie litt nur diesen eindringlich bösen Blick der scharfen schwarzen Augen auf ihrem blonden Gesicht. Sie fühlte, wie es sich unter dieser Prüfung rötete, wie ihr feine Schweißperlen auf der Stirne ausbrachen.

»Tue das Schleierzeug weg,« sagte die alte Frau unwirsch. »Ich kaufe nicht gern die Katze im Sack.«

»So ist's gut –,« meinte sie befriedigter, als Herta ihrem Wunsch nachgekommen war. »Gefällt mir nicht übel, deine Erwählte, Karell! Kriegt sie 'nen tüchtigen Jungen, gefällt sie mir noch besser. Wie sie rot wird, die Prinzeß! Wozu hast du denn geheiratet, wenn du dich vor dem Kinderkriegen genieren willst! Davon steht wohl nichts in deinen philosophischen Büchern, Herr Doktor?«

»Großmama,« warf Karell ein, der die Lust der alten Frau an kräftigen Späßen kannte, »laß mich bemerken, daß Herta deine Sprache noch nicht kennt.«

»Dann ist's notwendig, sie schnell kennenzulernen. Ich soll doch wohl nicht Rücksichten nehmen auf meine alten Tage – vor so 'nem kleinen Aas?«

Die weißen, dürren Greisenfinger mit dem blutroten Siegelring tappten ihr die zarte, schmale Wange. Das schien eine Liebenswürdigkeit zu sein; Herta beschloß, es für eine solche zu nehmen.

Die alte Baronin winkte. Einer von den beiden jungen Dienern reichte ihr den Stock mit der Elfenbeinkrücke. Die silbernen Armleuchter emporhaltend, schritten sie vor der Greisin her; die zwischen dem jungen Paar stark hinkend die Treppe zu den oberen Räumen hinaufstieg.

Im Eßsaal wurde ein ländliches Mahl von Geflügelpastete, Schinken, Eiern und Früchten eingenommen. Es gab aber auch Rotwein und Kognak für die Durchkälteten. Die alte Baronin nahm nur eine Suppe und einen Apfel. Sie wich niemals von dieser Gewohnheit. Dabei fragte sie lebhaft nach Einzelheiten der Hochzeitsfeier, der sie nicht hatte beiwohnen wollen. Sie hatte Burg Dottum seit vielen Jahren nur zu Ausfahrten im Wagen verlassen. Die Eisenbahn verabscheute sie – dieses proletarische Verkehrsmittel, bei dem man nicht mehr Herr seiner selbst, sondern nur ein gleichgültiges Gepäckstück sei, wie sie Herta erklärte. Sie wußte trotz ihrer abgeschiedenen Lebensweise ausgezeichnet Bescheid unter den adligen Familien. Mit erbarmungslosem Witz charakterisierte sie einzelne Persönlichkeiten und Verhältnisse, so daß Herta, die gleichfalls einen scharfen Blick für die Schwächen ihrer Nebenmenschen besaß, ein paarmal zustimmend und amüsiert lächeln mußte. Sie merkte, daß sie dadurch bei der alten Frau an Beachtung gewann; und das ermunterte sie, nun auch ihrerseits in den geistreich mokanten Plauderton zu verfallen; für den sie in der Berliner Hofgesellschaft bekannt und teils gefürchtet, teils beliebt gewesen war.

Die Dottumerin lachte wohlgefällig mit dem krächzenden Ton eines alten, vergnügten Raben und forderte das junge Paar auf, nach dem Essen noch eine Tasse Tee in ihrem Zimmer zu nehmen.

Karell zündete sich eine Zigarre an und begann schweigsam hin und her gehend zu rauchen. Herta bemerkte, wie sich eine Wolke von Unzufriedenheit; ja von Sorgen auf seiner Stirn und auf seinen schönen Zügen ansammelte, während sie sich so viel Mühe gab, durch die unbarmherzige Abschlachtung ihrer nächsten Freunde die Gunst der alten Dame zu erobern. Aber nun war es zu spät, einzulenken. Sie erbot sich, das Geschäft am Teetisch zu übernehmen.

Die alte Baronin sah sie scharf an, und ein sonderbares Lächeln krümmte ihre dünnen Lippen, die dem höhnisch klugen Mund eines alten französischen Philosophen glichen.

»Kannst wohl die Zeit nicht erwarten, hier die Herrschaft zu übernehmen? – Den Versuch lasse nur fallen, mein Döchting . . . Ihren Tee besorgt die Alte noch allein – und manches andere auch.«

Herta lächelte liebenswürdig.

»Es war nur eine Höflichkeitsform,« sagte sie mit einer scharmanten Betonung. »Mir liegt das Häusliche gar nicht; und ich bin froh, wenn ich alles in bewährten Händen lassen darf.«

Sie wußte, daß sie eine Lüge sprach. Warum hatte sie Karell von Dottum-Elend geheiratet, als weil er Herr eines weitläufigen Besitzes war?

Es hatte Herta Schlobzien stärker gereizt, die Herrschaft über Menschen auszuüben, als Bücher zu schreiben, von deren Notwendigkeit sie nicht gerade überzeugt war, als in der Gesellschaft zu flirten und galante Zweideutigkeiten mit Geschick zu erwidern oder abzulehnen.

Der siebzigjährige Haushofmeister Bormann hatte den jungen Herrschaften durch die »Schmale Jungfer« geleuchtet. Diesen Namen führte, niemand wußte mehr aus welchem Grunde, ein Teil der Burg, der aus unbewohnten Sälen bestand und die Wohnung der alten Baronin von den Gemächern Baron Karells und seiner Familie trennte. Es roch in den leeren, öden Räumen nach Moder, steif standen verhüllte Damaststühle längs der Wände, die Seidentapeten hingen an einigen Stellen in Fetzen herab, die Lüster waren in vergraute Gaze gehüllt, der Staub lag auf den schweren Goldrahmen der Ahnenbilder und der Fürstenporträts, mit denen die Dottumer Barone für verschiedene Dienste, die sie dem Staate geleistet, und für besonders ergiebige Jagden der hohen Herren in ihren Besitzungen beglückt worden waren.

Herta sah neugierig umher.

»Der Schwamm haust hier, die ganze Geschichte müßte abgerissen und neu aufgebaut werden,« bemerkte Karell. »Aber die Großmutter mag die Handwerker nicht im Hause haben und rückt deshalb kein Geld 'raus. Was, Bormann? – oder hat sie ihren Sinn letzthin geändert? Wie stehen die Chancen? Es ist doch eigentlich ein Skandal, diese Verwahrlosung.«

Bormann schmunzelte diskret.

»Frau Baronin meinten, sie tanzten doch nicht mehr, deshalb hätte die Sache sozusagen keinen Zweck.«

Herta konnte es nicht unterlassen, hell heraus zu lachen. Sie fand die Vorstellung, zu jedem Besuch bei der Großmutter diese geisterhaften Säle durchwandeln zu müssen, nicht eben sympathisch. Das Gelächter war ein Ausfluß von Unbehagen mehr als von Lustigkeit. Sie sah noch immer den Zug von Mißbilligung auf ihres Gatten Gesicht und sehnte sich nach dem Augenblick, wo sie erforschen konnte, was er ihr bedeutete.

»Deine Großmutter ist ja eine grundgescheite, geistreiche Frau!« rief sie in dem großen Schlafzimmer, in dem das gewaltige Doppelbett aus alter Holzskulptur den meisten Raum einnahm. »Ich habe mich prachtvoll mit ihr unterhalten . . .«

»Hm – –,« machte Karell und sah nachdenklich auf sie nieder.

»Es war dir nicht recht, daß ich so lebhaft wurde?« fragte Herta. »Du mußt es mir immer offen sagen, wenn ich etwas tue; was dir nicht gefällt.«

»Du kennst Großmama nicht. Sie ist ja jetzt entzückt von dir. Das sah ich wohl. Nur – es könnte auch einmal die Gelegenheit kommen, wo sie die Waffen, die du ihr ausgeliefert hast, gegen dich selber kehrt. Was du über die Kusine Anna sagtest; war geradezu gefährlich! Das süß-saure Dropsgesicht – gut charakterisiert! Nur – es sollte mich nicht wundern, wenn der Spitzname noch einmal eine fatale Rolle zwischen euch spielen würde!«

»Ach, die alten harmlosen Pensionsgeschichten!« rief Herta. »Sie mag doch Anna auch nicht besonders!«

»Sie haßt sie – jetzt! Was nicht ausschließt, daß sie ihren Sinn einmal plötzlich ändert. Verzeih' mir, Herta – aber ich habe heut abend jede dieser Institutsgeschichten verflucht. Nun – ich mag nichts weiter sagen, du bist ja klug und wirst schon selber sehen . . .«

»Diese alte Frau interessiert mich,« sagte Herta langsam, »sie scheint mir ein psychologisches Problem.«

»Liebste – bleib' mir um Gottes willen fort mit deinen psychologischen Untersuchungen. Die kann ich nicht ertragen, wenn sich's um mich selber, und noch weniger, wenn sich's um die Großmama handelt. Bitte, merk' dir das.«

»So gereizt?« fragte Herta lächelnd.

Er schlug die ein wenig nach oben gebogenen Wimpern seiner schweren Augendeckel zu ihr auf, sah sie lange eindringlich und schweigsam an, und sie begann leise zu zittern unter seinem Blick.

»Tu' das fort, – all das steife Wollene, was du da anhast,« murmelte er und begann, zu ihr hingebeugt, an den vielen kleinen Knöpfen zu nesteln, die das Schneiderkleid wie einen undurchdringlichen Panzer um ihre zarte Brust schlossen.

Gleich darauf hatte sie einen losen Überwurf von blumigem Mull über die weiße Nacktheit ihrer Schultern und Arme geworfen und löste das blonde Haar, dessen weiches silbernes Schimmern berühmt war, und in dem Karell sein Gesicht vergrub.

Baronin Herta hatte viel über die Liebe gelesen, viel über sie geredet und diskutiert. In den Flirts der Salons und Hörsäle war sie allmählich zu der Überzeugung gelangt, daß sie selbst keine amoureuse sei. Deshalb fand sie es nicht gefährlich, eine Vernunftehe zu schließen mit dem stillen, zurückhaltenden Baron von Dottum-Elend, den sie weder für besonders gescheit noch für irgendwie aufreizend hielt. Nun erfuhr sie, daß sie nichts gewußt, nichts geahnt hatte von allen Kräften der Eroberung und der Hingabe.

Sie hatte einmal geglaubt, es würde ihr schwer werden, das Zimmer zu betreten, in dem die arme tote Jutta gelebt und auch geliebt hatte, – aber sie dachte in diesem Augenblick nicht mehr an Jutta. Sie fühlte nur, daß Karell sie in seinen Armen hielt, und trank seine Küsse, als seien Tage und Nächte bisher nur ein Schmachten nach dieser einen Lebensspeise gewesen.

Plötzlich standen sie beide kerzengerade –

Herta wurde weiß bis in die Lippen, die Karell blutig gebissen hatte.

Es hustete vor der Tür. Sie hatten beide die schlürfenden, schweren Schritte gehört. Nun klopfte es.

»Wer ist dort?« rief Karell böse.

»Bormann –,« klang es ängstlich.

Der Baron riß die Tür auf. »Was ist los, in Teufels Namen? . . . Ein Unglück geschehen?«

»Gnädiger Herr – Sie möchten gleich zur Frau Baronin kommen! Sie hätte eine Depesche vom Rechtsanwalt – es ist wegen des Prozesses – morgen wäre Termin – es hätte die größte Eile.«

»Die verfluchten Rechtsverdreher! – So, hm . . . ja . . . Herta, verzeih', in drei Minuten bin ich wieder hier. Und wenn's länger wird, leg' dich nieder, du mußt ja müde sein.«

Herta stand steif, mit hochmütigem Gesicht. Sie neigte zur Antwort nur ein wenig den Kopf. Nachdem Karell hinausgegangen, hob sie schwer den Arm, als müsse sie versuchen, ob er noch zu bewegen sei, und tupfte mit dem Finger das Tröpfchen Blut von ihrer Lippe.

Lange blickte sie gedankenlos auf das rote Fleckchen an ihrer weißen Fingerspitze. Dann stand sie wieder mit geschlossenen Augen, Ströme von Sehnsucht rannen durch ihr Blut.

»Karell – lieber süßer Karell –,« hauchte sie beklommen.

Mit beiden Händen strich sie über ihre Schläfen und das helle Haar entlang, um sich zu wecken. Sie ging zum Fenster, zog den Vorhang zur Seite und öffnete die Scheiben. Der kühle Regenwind drang ihr entgegen. Herta hatte die Empfindung, sehr hoch über der Welt zu sein. Die Wipfel großer Tannen wogten und rauschten aus einer Schlucht zu ihr herauf, tief unten flimmerte ein Lichtlein – dort lag vielleicht das Dorf. Man sah weit in eine dunkle Ferne, über der Wolken flogen und Sterne glänzten. Burg Dottum lag auf einer in die fruchtbare Ebene vorgeschobenen Höhe des Harzgebirges. Jenseit der Schlucht mochten sich Karells fette Weizenfelder erstrecken.

Wie seltsam es war –: dies einsame Stehen und Warten in einem Hause, das man nicht kannte, dessen Familiengeschichte angefüllt war mit geheimen und schrecklichen Dingen, die an Sagen der Vorzeit erinnerten, an Mären von Fluch und Unheil über einzelnen Geschlechtern.

Herta neigte sich aus dem Fenster und versuchte mit den Blicken die Dunkelheit zu durchdringen. Rechts drohte der zinnengekrönte Wartturm, der einzig übriggeblieben war von der uralten Burg. Eine Fledermaus flog ins Zimmer, huschte, ruhelos den Ausgang suchend, an der Decke hin und her. Herta wandte sich zurück und verfolgte mit den Blicken eine Weile den Zickzackflug des geängsteten Tieres.

Und nun mußte sie an die tote Jutta denken. Ob sie auch einmal so gestanden und gewartet hatte, während Karell bei der Großmutter war –? Ob sie auch herausgerissen aus Zärtlichkeit und Hingabe, in tiefstem Sein beschämt und verwundet, dagestanden war wie ein nutzloses Opfer im verlassenen Tempel . . .

Eine Uhr in einem benachbarten Raum schlug mit hellem, dünnem Silberklang drei Schläge. Herta nahm den Armleuchter, der noch auf dem Tische brannte, öffnete die Tür und betrat ein Damenzimmer mit schönen, alten Rokokomöbeln und silbergrauen, geblümten Damasttapeten. Sie trat leise ein und leuchtete umher. Hier hatte Jutta gehaust, hier sollte sie nun hausen . . . die Großmutter hatte gewünscht, man solle keine neuen Möbelstücke kaufen, das sei alberne Gefühlsduselei. »Schafft euch lieber für das Geld einen neuen Dampfpflug an,« hatte sie geschrieben. Und Herta wollte sich nicht sentimental zeigen; sie willigte ein, das innere Unbehagen rücksichtslos in sich unterdrückend. Ohnehin war sie es gewohnt, daß die Einrichtung der alten Schlösser sich von Generation zu Generation vererbte.

Ein schwerer Blumenduft schlug ihr aus dem Gemach entgegen. Auf geschweiften Kommoden; auf den von goldenen Amoretten getragenen Tischen – überall fand sie Vasen und Schalen mit weißen Maiblumen frisch gefüllt. War es auf Anordnung der Großmutter geschehen, oder war es Bormanns Werk?

Die junge Frau wanderte, mit dem silbernen Armleuchter in der Hand, in dem Gemach umher und betrachtete die Bilder an den Wänden. Ein feines Kinderköpfchen von Greuze – ein Fragonard in silbergrauen und gelben Tönen – ob der echt war? Ja, sie besann sich, Karell hatte ihr von diesen Schätzen erzählt. In der tiefen Fensternische, auf einem Tritt erhöht, ein Nähtischchen mit zarten Intarsien, über ihm an der Wand ein Blatt in schwarzer Schrift, von Passionsblumen umrankt, wie Missionare und fromme Anstalten sie abgeben, mit dem Spruch:

»Aus tiefer Not schrei' ich zu dir, o Herr, erhör' mein Rufen.«

Auf dem Tisch ein kleines weißes Marmorkreuz. Die tote Jutta war sehr fromm gewesen.

Herta dünkte der Spruch etwas sonderbar für eine junge, verwöhnte Schloßfrau. Er mochte aus der letzten Zeit von der Armen Krankheit stammen . . .

Wenn sie ihn jetzt beseitigte, konnte es ihr wohl niemand verdenken. Auch das Kreuz wirkte recht stillos in dem Rokokozimmer. Ein Spiegel in geschwärztem Silberrahmen warf ihr das eigene Bild aus grünlichem Glase entgegen. Herta sah sich im losen, blumigen Kimono mit dem fließenden Blondhaar und leichenfahlem Gesicht. Sie starrte erschrocken auf die Erscheinung, als habe sie mit ihr selbst nichts zu schaffen.

Tränen drängten sich ihr heiß unter die Lider, quollen unaufhaltsam hervor, rannen über ihre Wangen, – eilig lief sie ins Schlafzimmer zurück.

– Ob sie Karell entgegenging – ob sie ihn bei der Großmutter abholte? Sie öffnete die jenseitige Tür, die Dunkelheit des langen Flurs drang ihr entgegen. Dort hinten lagen die leeren Säle der »Schmalen Jungfer«. Nein, – sie zu durchschreiten fand sie in dieser Stunde nicht den Mut. Sie schloß die Tür, hob wieder die Arme, strich mit beiden Händen über Schläfe und Haar.

Wohin hätte sie sich auch wenden sollen? Sie wußte ja noch nicht Bescheid in diesem weitläufigen, alten Gebäude, das ihr Heimat werden sollte.

Viele alte Menschen leiden an nächtlicher Ruhelosigkeit . . . Man hatte Herta schon erzählt, daß es zu den Eigentümlichkeiten der Großmama gehöre, in der Nacht im Schlosse umherzuwandeln, die Dienstleute aufzuwecken, rücksichtslos Tagesarbeiten von ihnen zu verlangen. Sie betrachtete den Enkel wohl nur als ihren ersten Diener . . .

Armer Karell! Er hätte der alten Frau doch den Meister zeigen müssen . . . wenn er sie liebte . . .

Langsam begann Herta sich zu entkleiden. Eine bittere und enttäuschte Empfindung schlich in ihr Herz. Noch einmal ging sie zum Fenster, den Vorhang zu schließen. Über der Ebene dämmerte schon die blasse Helle des neu beginnenden Tages an einem milchweißen Himmel. Herta zog auch die dunkle Damastgardine zu und löschte die Kerze. Sie legte sich nieder; fühlte das kühle, feine Linnen angenehm um die heißen Glieder, schloß die Augen, versuchte einzuschlafen. Sie versank gleich wie in einen tiefen Abgrund von Betäubung und Schlaf. Aber als sie wieder aufschreckte, wußte sie, daß sie dort unten, tief unten im Unbewußten irgendwo der toten Jutta begegnet war. Die hatte den Finger erhoben und gesagt: Merkst du nun, daß er uns nicht gehört? Er gehört nur der Alten zu eigen. Die läßt ihn nicht, – die läßt ihn nicht . . .

Herta blickte mit erschrockenen Augen in die Dunkelheit. Die Angst überwältigte sie.

In dem Bette; in dem sie lag; war Jutta gestorben. Derselbe Kranz goldener Amoretten hatte über ihr schwebend die niederfließenden Damastgardinen zusammengehalten, während die Arme hustend und fiebernd ihre letzten Qualen litt . . .

»Aus tiefer Not schrei' ich zu dir . . .«

Warum hatte Karell ihr das angetan? Fühlte er dort drüben nicht, was sie leiden mußte? Und ließ sie so allein?

Wußte er nichts davon; daß Liebe sterben konnte in solcher Nacht? Sterben – so; daß kein Sehnen und Verlangen sie je wieder zu erwecken vermochte.

Und ihre Liebe war so jung und zart; war ihr selbst noch ein Fremdes, Ungewohntes! –

Wie schmachvoll; dieses Sehnen nach dem Manne, der sie allein ließ. Und Herta biß die Zähne in ihre Kissen; sich zu stillen, reckte sich hart und gerade aus, die Nägel in die Handflächen gebohrt.

Sie hörte ihn kommen. Er öffnete die Tür behutsam, trat auf Zehen ein, beschattete die Kerze mit der Hand.

Herta lag mit geschlossenen Augen, als schliefe sie.

»Einen Rat gebe ich dir mit in deine Ehe, Kind,« hatte ihr Vater am Tage vor der Hochzeit zu ihr gesprochen, »lasse dein Bett nie zu einer Stätte von Auseinandersetzungen werden. Das Bett ist nur zur Liebe und zum Schlafen da – zu nichts anderem.«

Das Wort des Vaters war plötzlich hell und klar vor ihren Sinnen, sie hörte seine Stimme, die langsam und bedächtig und ein wenig näselnd war.

»Aber Papa, – wenn man sich gezankt hat?« erwiderte sie damals.

»Dann soll man es am hellen Morgen miteinander ausmachen, nicht in der Dunkelheit, wo alle Dinge sich vergrößern und andere Gesichter annehmen. Glaube mir, es ist schon manche Ehe an nächtlichen Auseinandersetzungen – auseinandergegangen.«

– So lag nun Herta mit fest geschlossenen Wimpern; hörte ihren Gatten sich entkleiden, fühlte, wie er sie betrachtete; das Licht löschte und sich neben ihr ausstreckte. Und rührte sich nicht. Habe ich jetzt nicht die Kraft, so habe ich keine für alle Zukunft, dachte sie.

Lange Zeit lagen sie beide schweigend. Bis Karell den Kopf hob, in der grauen, kühlen Morgendämmerung sich über ihr stilles, weißes Gesicht beugte, sie leise auf die Lider küßte, auf die Wangen, auf die Stirn und Lippen. Da plötzlich schlang sie die Arme um seinen Nacken und drängte sich ungestüm an seine Brust, ihm entgegen.



2.

Um acht Uhr stand die geschlossene Kutsche der alten Baronin mit den Apfelschimmeln vor dem Portal. Die Achtzigjährige kletterte behende hinein, ohne die Hilfe der zwei jungen Mannen, die ihre ständige Begleitung bildeten, sonderlich in Anspruch zu nehmen.

Karell, den hübschen Mund unter dem weichen braunen Spitzbart zornig verkniffen, stieg zu ihr.

Es war eine peinliche Angelegenheit: Beamtenbeleidigung. Die alte Baronin hatte den Gendarmen ein Rindvieh genannt.

Karell hatte geraten, einfach die Buße zu zahlen und nicht zu erscheinen. Aber die Alte von Dottum wollte dem Pack in der Kreisstadt einmal gründlich ihre Meinung sagen und wünschte ihres Enkels Gegenwart, damit die Sache sich feierlicher ausnehme. Karell folgte ihr nicht gern, doch wollte er in diesen ersten Tagen seiner jungen Ehe nicht Gelegenheit zum Zorn geben.

Das Frühstück war in unbehaglicher Stimmung genossen. Herta blickte blaß aus müden Augen. Der zahnlose, höhnisch gebogene Mund der Alten hatte ein zynisches Witzwort nach dem anderen auf die neue Schwiegerenkelin niedergeschmettert, während die bösen, schwarzen Augen vor Lust glänzten.

In Gegenwart der Domestiken Anspielungen über die Mysterien ihrer Ehe dulden zu müssen – das war eine Folter, an die Herta Gräfin Schlobzien freilich nicht gedacht hatte, als sie Karell von Dottum-Elend die Hand zum Lebensbunde reichte. Und sie war auch nicht gewillt, sie in Zukunft zu leiden. Jetzt in diesem Moment war es unmöglich, eine Szene herbeizuführen – es hätte ausgesehen wie Ranküne wegen der nächtlichen Einsamkeit.

Als das Frühstück beendet war und die Großmutter Herta aufforderte, ihr Mantel und Hut aus dem Schlafzimmer zu holen, wandte sich Herta mit einer Bewegung von hochmütiger Nachlässigkeit zu Bormann und sagte: »Lassen Sie sich von der Kammerfrau die Sachen der Frau Baronin geben und bringen Sie sie mir.«

Die alte Frau sprach mit dem Enkel, als bemerke sie den Auftrag nicht. Während ihr Herta dann den altmodischen, weiten, seidenen Mantel umlegte, traf sie tief aus den bräunlichen Höhlen ein Blitz von den schwarzen Funkelaugen, ein Blick, der scharf, prüfend und zugleich voll abgründigen Spottes zu sagen schien: Wer bist du denn, junges Küken, daß du dich gegen mich und meine Macht aufzulehnen wagst? – Und der zugleich drohte: Nimm dich in acht! Ich habe schon manchen Aufrührer bezwungen und mürbe gemacht – ganz mürbe und weich und schmiegsam . . .

Karell und Herta schlenderten durchs Dorf. Die Hütten drängten sich aneinander in der Schlucht, die, von beiden Seiten mit hohen Tannen bestanden, ihnen die Sonne nur für kurze Mittagsstunden gönnte. Schon von vier Uhr an lagen Schatten und schwere Feuchtigkeit über den moosbewachsenen, windschiefen Dächern. Die Kinder, auf der Dorfstraße lungernd oder auf den ausgetretenen Türschwellen hockend, sahen blaß und gedunsen aus. Die Weiber hager mit harten, versorgten Zügen.

»Es ist armes Volk hier in der Gegend,« erklärte Karell. »Sie leben von Zichorienbrühe und Kartoffeln. Im Winter sitzen sie in der grauenhaften Luft in ihren Löchern, verkleben die Fenster mit Papier und schnitzen Quirle und solches Zeug. Damit ziehen die Weiber durchs Land. Die Männer gehen in die Thermometerfabriken über den Berg. Zur Landwirtschaft sind sie nicht zu bringen, dazu müssen wir polnische Arbeiter kommen lassen. Es ist ein Elend.«

Herta hatte aufmerksam zugehört.

»Wenn ihr besser zahltet als die Fabrik?« bemerkte sie nachdenklich.

»Ach, Herta – welch ein Einfall – mit solchen Vorschlägen solltest du mal der Großmama kommen!«

»Sage, Karell – bist du etwa – nein, im Ernst, erkläre mir die Sachlage – bist du der Verwalter deiner Großmutter – oder bist du Herr auf eigenem Grund und Boden?«

Karell lachte unbehaglich. Seine schönen dunklen Augen, welche tief im Kopf lagen wie die der Großmutter, ohne ihren stechenden Blick zu besitzen, schweiften mit unsicherem Ausdruck ins Weite.

»Du hast eine Art zu fragen . . .«

»Ich möchte nur klar sehen, um mich den Verhältnissen anzupassen . . .«

»Ja nun, – das alles datiert schon sehr weit zurück. Der Großvater heiratete die steinreiche schlesische Magnatentochter, um die verschuldeten Güter zu halten. Ein solides Geschlecht waren wir Dottumer nie, der Großvater am wenigsten. Er hatte wohl gedacht, mit dem Gelde der Frau noch eine Weile weiterlumpen zu können. Irrte sich aber in der Frau. Sie gab zwar ihre Millionen, forderte aber Zinsen wie ein Jude. Kontrakt mit Gütertrennung und so weiter. Dadurch bekam sie die Macht in die Hand. Sie hat die Besitzungen in die Höhe gebracht; alles was recht ist. Mit Elend war ja nicht viel zu wollen, da ist der Boden miserabel; es geht mit nichts anderem als mit Waldkulturen. Aber Dottum kann sich sehen lassen. Sie ist doch eine außerordentliche Frau; so wütend man sich oft über sie ärgern muß. Du hättest sie nur gestern vor Gericht sehen sollen, mit welchem grimmen Humor sie sich verteidigte. Der Richter war ganz platt. Wenn sie mit zweihundertfünfzig Mark Geldstrafe davonkam, so hatte sie's nur ihrer Persönlichkeit zu danken, die den Kerls wieder mal imponierte. Natürlich schimpfte sie nachher im Wagen mächtig und will sich eher pfänden lassen als zahlen. Man muß es abmachen, ohne daß sie davon erfährt.«

»So wird sie hintergangen, wie alle Tyrannen, »sagte Herta leise.

»Ja – wie soll man's sonst halten? Der sogenannten bürgerlichen Ordnung will sie sich nicht fügen, und es ist doch schön, daß es unter dem armseligen Gesindel heutzutage noch solche Charakterköpfe gibt. Ich muß sagen, ich empfinde oft eine geradezu ästhetische Freude an ihr – bin manchmal beinahe verliebt in die alte Frau. Sonst hätte ich's die Jahre hindurch wohl nicht mit ihr ausgehalten.«

»Und sie ist verliebt in dich,« rief Herta lebhaft. »Ich hab's wohl gesehen, wie sie dich oft anschaut. Mir graut vor diesem Temperament, das noch im Greisenalter nicht sterben kann.«

»Denk' nicht darüber nach!« bat Karell mit seiner weichen, verführerischen Stimme. »Es gibt so viele Dinge auf der Welt, über die man lieber nicht ins reine kommen soll.« Er sah schnell umher – sie hatten die Hütten hinter sich – und küßte seine Frau hastig hinter das Ohr.

»Ich könnte nur im Klaren, Hellen leben,« sagte Herta träumend.

Er legte seinen Arm in den ihren und drückte sie an sich, während sie in den moosigen Hohlweg einbogen.

»Meine weiße Hirschkuh,« hauchte er ihr zärtlich ins Ohr, »liebst du nicht unsere dunklen Nächte? Bist du nicht tausendmal süßer und heißer und lebendiger in der Nacht als am Tage?«

»Schweige, Karell . . . schweige nur . . .«

»Ach du – wenn ich dich nun nicht kennte . . . Wie hast du mir in der Brautzeit bange gemacht mit deiner blonden Herbheit . . .«

Er lachte in sich hinein. »Ich war schon überzeugt davon, neben dir als Asket leben oder mir früher oder später eine Liebste suchen zu müssen.«

»Abscheulicher Mann!« Sie hielt ihn bei den Schultern, und ihre feinen; schmalen Lippen lächelten eigen wollüstig. Ihre Augen, die etwas von dem Silberglanz fließender Gewässer in sich trugen, flimmerten zwischen den erzitternden Goldwimpern, während sie seine Küsse duldete und erwiderte.

Aus dem dunklen Walde ragten feuchte, von gelben und roten Flechten bunt gefärbte Felsen steil empor. Sie stiegen die gehauenen Stufen hinan, kletterten dann von Steinblock zu Steinblock. Oben schaute man in die blauschwarze Tannenwelt der Berge und in ihre stillen Täler. Wandte man den Kopf, so breitete das weite Land, zu sanften Hügelwellen sich ebnend; seine braunen und hellgrünen Felder vor dem schweifenden Blick. Ferne Fenster in den Dörfern glänzten, von der Abendsonne getroffen, wie kleine Blitze.

Unter einer Ebereschenstaude erhob sich ein graues, efeuumranktes Steinkreuz ohne Namen.

»Hier erschoß sich mein Vater,« sagte Karell leise und legte die Hand auf das Kreuz, als sei es ihm ein persönlicher Besitz.

»Hier?« fragte Herta. »Ich hörte, in Berlin?«

»Nein – das war Onkel Karlemann, Großmutters jüngster Sohn. Sie verweigerte ihm die Zahlung einer Ehrenschuld. Da blieb ihm nichts anderes übrig.«

Herta hatte die Hände gefaltet und den Kopf ehrfürchtig geneigt.

»Von meinem Vater weiß niemand, warum er es tat,« sagte Karell nach einer kleinen Weile. »Der Zug nach dem Tod liegt in uns allen. Ja, Herta, eine fröhliche Familie sind wir nicht.«

Er blickte sie an mit den Augen eines stumm klagenden Tieres.

Sie nahm seine Hand und drückte sie fest.

»Du hast nun einen Kameraden, mit dem du alles tragen kannst,« sprach sie ernst.

»Das sagt ihr so, und dann laßt ihr uns doch allein. Es ist wohl auch nicht anders möglich. Jutta wollte mir eine Kameradin sein – und wie bald konnte sie nicht mehr, das arme Ding. Als sie so krank wurde und es schlecht roch in ihrer Nähe, immer so nach Arzneien – da fürchtete ich mich vor ihr. Du darfst nicht krank werden, Herta, niemals, hörst du?« flehte er, ihren Arm fassend, ungestüm wie ein Kind.

»O Karell –« Sie schwieg und blickte ihn mit großen, geängsteten Augen an. Etwas Kaltes durchfröstelte sie vor dem Erkennen schmerzvoller Wirklichkeiten.

Lange saßen sie Hand in Hand auf der Steinbank; sahen das Land im Goldglanz schwimmen und rosenrote Wolken über des Himmels zarte Bläue segeln, hörten das Rauschen der Bäume und das Raunen der kleinen Gewässer aus den tiefen Gründen.

»Du bist klüger und stärker, als die arme Jutta war,« sagte Karell endlich. »Du wirst einen Weg finden, mit der alten Frau zu leben. Es wird so nicht für lange mehr sein – sie ist einundachtzig Jahre alt . . .«

»Und lebendiger als wir beide,« murrte Herta mit Groll.

»Nicht so, Kind, nicht den Ton – bedenke, wenn Großmama ihr Testament ändert, wenn sie ihr Geld aus der Gutsverwaltung herauszieht, dann bin ich ein ruinierter Mann. Vergiß es nicht!«

Herta zog nervös die Brauen zusammen, unbehaglich schüttelte sie den kleinen Kopf. »An goldener Kette sicher gehalten und geführt,« sagte sie, »die Großmama versteht es, die Menschen sich dienstbar zu machen!«

»Du wußtest, daß es so war!« »Man weiß vieles, was man doch nicht bedenken mag! . .  Armer Karell, du wirst manche schwere Stunde durch diese verwickelten Familienverhältnisse haben.«

Karells Mund zuckte ein wenig unter dem braunen Bart und zog sich sonderbar schief.

»Man lernt unter allen Umständen leben. Und schließlich gewöhnt man sich an das Unabänderliche,« sagte er. Es klang recht müde für einen jungen, starken und gesunden Mann.

Herta wußte mit einemmal, daß der kranke, hoffnungslos traurige Blick, der bisweilen in seine Augen kam, ihr Herz gewonnen hatte.

Könnte ich ihn retten, ihn heilen, fühlte sie voller Sehnsucht und Hoffnung, ohne zu ahnen, auf welchem Wege das möglich sein würde, belastet wie er war mit dem dunklen Gram abgeschiedener Geschlechter, belastet auch mit ihrem Leichtsinn und ihrer Lebensgier.

»Sage mir,« begann die junge Frau bedächtig, »warum ist die Großmutter so feindlich gegen Karlemann und seine Frau gesonnen? Ihr seid doch ursprünglich beide auf Burg Dottum erzogen?«

»Ja – schon – und hatten uns sehr lieb. Die Großmutter wollte ihr Vermögen zwischen uns teilen. Wenn Karlemann geheiratet hätte, wie sie es wünschte, Kusine Jutta war ausersehen – die nachher auf mein Teil kam, als er den Machenschaften der ehrgeizigen Anna Trautmann zum Opfer fiel. Ganz junger Adel – du hättest Großmama schnauben hören sollen. Es war eine wunderliche Sache, denn ich habe noch heute die Überzeugung, Karlemann hat eigentlich die Jutta geliebt – wir waren immer in die gleichen Mädels verschossen. Wie dem auch sei, die Großmama fand es nötig, ihn offiziell zu enterben und zu verfluchen – sie macht gern so große Theaterszenen. Nun sitzt der arme Kerl mit Schulden auf seiner Klitsche Oberwiesendorf, und wir dürfen natürlich auch nicht mehr verkehren. Ekelhaft . . . Für mich war's ja trotzdem ein Glück.«

»Ein Glück?« fragte Herta langsam.

»Nun– gewissermaßen . . . Ich mit meinen luxuriösen Gewohnheiten hätte jedenfalls nicht als großer Gutsherr ohne Zulage auskommen können.«

Herta biß die Zähne aufeinander. Ein tiefes Nachdenken kam in ihr blondes, schmales Gesicht mit der etwas langen Nase.

Karell sah sie erstaunt an, und auf seine Züge trat ein Ausdruck von Unbehaglichkeit. Seine Frau wurde ihm durch dieses Grübeln stets in weite Ferne gerückt, wohin er ihr zu folgen keineswegs gesonnen war.

Er zog seine Uhr und machte eine erschrockene Bewegung.

»Herta, es ist die höchste Zeit zum Nachtessen, wir kommen kaum noch zurecht.«

Sie eilten nun heim. Indessen schlug die Uhr schon halb Acht, als sie beide eilig und mit flüchtig geordnetem Anzug den Eßsaal betraten. Die gewöhnliche Speisestunde war sieben Uhr.

Die alte Baronin saß auf ihrem Platz. Sie hatte sich ihren Teller Mehlsuppe bereits servieren lassen. Kühl und fremd blickte sie dem jungen Paar entgegen.

Herta murmelte, dunkel errötend, eine Entschuldigung.

»Ich bin es nicht gewohnt, auf die Jugend zu warten, merk' dir das für ein andermal, »sagte die alte Baronin frostig.

»Es war unverzeihlich,« versuchte Herta zu begütigen. Indessen schien sie den Zorn der alten Frau auf diese Weise nur noch mehr zu reizen.

»Karell weiß, daß er in meinem Hause pünktlich zu sein hat!« zankte sie laut und heftig. »Wenn du dich unterstehst, hier neue Sitten einführen zu wollen, so nimm dich in acht, kleine Kröte.«

»Großmama, bitte, sage uns später die Wahrheit,« unterbrach Karell und machte eine Kopfbewegung nach dem aufwartenden Diener hin.

Die Baronin lachte laut.

»Du denkst wohl, ich soll hier auf das süße Frauchen Rücksicht nehmen? Nein, mein Junge, das habe ich nicht gelernt. Genieren tue ich mich in meinen vier Pfählen nicht! Daran kann sie sich gewöhnen, wenn sie mit mir auskommen will. So – ich bin fertig. Stefan, meinen Stock! Beeilt euch und kommt dann hinüber in den braunen Saal!«

»Ich darf mich wohl entschuldigen, »sagte Herta und konnte es nicht verhindern, daß ihre Stimme zitterte. »Ich bin müde und möchte mich nach dem Essen zurückziehen.«

»Faxen!« knurrte die Alte, die den Stuhl zurückgeschoben hatte und aufgestanden war. »Du bist nicht empfindlich und kommst, Prinzessin Zipp – verstanden?« Sie schlug ihr hart mit der knöchernen Hand auf die Schulter. »Ich habe keine Lust, den Abend allein zu versitzen. Denk' dir was Lustiges aus für mich.«

Auf ihren Stock gestützt, hinkte sie hinaus. Karell und Herta nahmen schweigsam ihr Mahl ein.

Plötzlich regte sich in der jungen Frau eine kampflustige Laune. Nein, sie wollte sich nicht schon für besiegt erklären. Durch die glänzende Imitation eines flennenden und um Verzeihung bettelnden Kindes gelang es ihr, die böse Stimmung der alten Baronin zu vertreiben.



3.

»Fräulein Bäbenbrod,« sagte Herta zu der großen, dürren Person, die vor ihr stand und mit ihrem blassen, langen Pferdegesicht ergeben auf sie blickte, »was ich sagen wollte, ist dies: Ich will jetzt hier in diesen Räumen wohnen, ich, die Lebendige – und ich möchte Raum um mich haben für mein Eigentum. Das junge Ding, die Klara, braucht ja nicht in alles Gewesene hineinzuschauen. Deshalb habe ich Sie rufen lassen, liebe Bäbenbrod – Sie wissen Bescheid – Sie sollen mir helfen, die Sachen der verstorbenen Baronin Jutta aus den Schränken und Kommoden zu räumen.«

Die Bäbenbrod, vor der alle Hausmädchen zitterten, um die jeder neue Diener einen weiten Umweg machte, blinzte mit ihren wimperlosen, rotgeränderten Lidern und hustete hinter der vorgehaltenen Hand.

»Gnädige Frau,« begann sie dann umständlich, »es ist eine Schande, wie gnädige Frau die Dinge hier so vorgefunden haben – und was mögen gnädige Frau nur von mir denken, wo es doch der Herr Baron und meine alte Gnädige befohlen hatten, alles in Ordnung zu bringen.«

»Warum taten Sie es nicht?«

»Gnädige Frau – die Herrschaften meinten, ich sollte die Sachen nur auf einen Haufen werfen und verbrennen . . .«

»Die Herrschaften? Der Herr Baron meinte das doch wohl nicht?«

»Ach – der kümmert sich um so was nicht, der läßt alles gehen wie es geht, und das ist ja auch hier das beste! Aber sehen Sie, gnädige Frau – mit den Dingen, die einem Toten lieb gewesen sind, da mag man doch nicht so umgehen! Das könnte schlechte Folgen haben.«

»Wieso – schlechte Folgen?« fragte Herta befremdet.

»Die Toten hängen manchmal mehr an ihren Sachen, als man glauben möchte,« sagte die alte Kammerfrau leise. »Und hier im Hause haben die Toten viel Gewalt. Das weiß jeder von uns, der lange auf Burg Dottum gewohnt hat. Das weiß meine alte Gnädige auch.«

»Aber, Fräulein Bäbenbrod, Sie wollen doch nicht behaupten, daß die Großmama, diese aufgeklärte, scharf denkende Frau, dergleichen Aberglauben verfällt,« sagte Herta und konnte ein Lächeln nicht ganz unterdrücken. »Die armen Toten sind froh, sich nicht mehr um die Dinge dieser Welt kümmern zu dürfen.«

Das lange blasse Pferdegesicht mit den tränenden, entzündeten Augen blieb unverändert.

»Aberglauben?« fragte seine Besitzerin tadelnd, »das weiß ich nun nicht – ich meine nur, was man hört und sieht!«

»Also, was hört und sieht man?« fragte Herta ungeduldig.

»Gnädige Frau, unsere alte Baronin fürchtet sich vor Gott und dem Teufel nicht – wie man so zu sagen pflegt – ich meine man bloß . . . Aber vor den Toten hat sie Bange – davon lasse ich mir nichts abstreiten. Ich kenne sie zu gut und bin doch bei ihr, wenn sie sonst niemand sieht.«

Herta wurde ernst.

»Das mag wohl sein, Fräulein Bäbenbrod, das will ich gewiß nicht bestreiten,« sagte sie nachdenklich.

»Sehen Sie,« flüsterte das alte Pferdegesicht wichtig, »da widerruft sie denn so manches Mal alles, was sie gestern befohlen hat, oder vielmehr: sie widerruft nichts – sie hat's einfach nicht befohlen!«

»Ach so – nun verstehe ich Ihr Zögern schon besser, Fräulein Bäbenbrod. Aber sehen Sie – ich übernehme jetzt die Verantwortung, und Sie können sich auf mich beziehen. Die Arbeit muß einmal getan werden – und zu zweien, am hellichten Tage wird uns wohl kaum etwas Unheimliches dabei geschehen.«

Sie begaben sich nun an die Aufgabe, vor der es Herta freilich auch gegraut hatte, in einem anderen Sinne als der Dienerin. Denn es hat etwas seltsam Peinliches, dieses Herumstöbern in einem abgeschlossenen Leben, dieses Aufdecken von kleinen, alltäglichen Intimitäten, aus denen tausend Wesenszüge vernehmlich zu uns sprechen und um Schonung bitten. Alle Schwächen und kleinen Heimlichkeiten werden enthüllt und flehen in der Gestalt ihrer Symbole mit einer rührenden Stummheit um Nachsicht. »Nichts kann ich dir wehren,« hauchen sie, »nichts mehr vermag ich zu erklären, zu verteidigen – nackt und bloß bin ich dir, dem Lebendigen, preisgegeben – berühre mich mit zarten Fingern und hülle mich in den Schleier deines gütigen Erbarmens!«

So fühlte Herta, während die Dienerin von bedürftigen Nichten flüsterte und jedes Kleidungsstück, jeden Stoß der feinen Wäsche mit gierigen Händen betastete. Sie empfing reichliche Geschenke, das blasse Pferdegesicht erhellte sich mehr und mehr, die Mahnung, bei der ansteckenden Natur der furchtbaren Krankheit, der Baronin Jutta erlegen, die Kleider erst gründlich desinfizieren zu lassen, würde, wie Herta vermutete, nicht allzu genau befolgt werden. Sie kannte das Volk und seine lässige Art auf dem Gebiet der Gesundheitspflege. Aber sie fühlte auch: Wäre sie hier strenge vorgegangen, hätte sie sich den unauslöschlichen Haß des alten Pferdegesichts zugezogen.

Es bewegte sie eigenartig, Tanz- und Reitkleider ihrer jungen Vorgängerin zu finden und von der Bäbenbrod zu hören, daß Jutta eine leidenschaftliche Sportsdame gewesen sei, bei Hetzjagden die Tollste, und nach einem Rehbock sei sie tagelang mit ihrem Manne in den Bergen herumgestiegen.

Herta – der solche Passionen wenig lagen– äußerte sich verwundert über die beiden so verschiedenen Seiten im Wesen der Dahingeschiedenen.

»Das war so die Zeit, in der der Herr noch mächtig verliebt war,« plauderte die Bäbenbrod. »Da hätte sie auf'm Seil getanzt, um ihm zu gefallen. Sie hatte immer so Anfälle – mal so und mal so – und alles mit so einer Leidenschaft – sie war eben durch und durch eine Dottumerin. Später – wie sie kränker wurde – fiel sie in die Gewalt von den Frommen unten im Dorf. Da war ein alter Chinese – eigentlich war es von Geburt ein Deutscher, nur lange bei den bezopften Kerls gewesen – der lehrte, man müsse von einem jeden Wort, das man spräche, einmal am Jüngsten Tage Rechenschaft ablegen . . . Das steht ja auch in der Bibel – aber doch nicht so – ich meine, er verstand es den Leuten so grauslich nahezubringen und betete und hatte Gesichte – was weiß ich. Mir war's unheimlich, als ich ihn mal gehört habe.«

»Und der gewann Gewalt über Jutta?« fragte Herta gespannt – sie hatte niemals Einzelheiten über das Schicksal dieses verloschenen Frauenherzens gehört.

»Ja – sehen Sie, gnädige Frau,« sagte die Bäbenbrod und legte dabei prüfend und sorgsam ein Spitzenhemd auf das andere und band den Stoß mit dem blauen Seidenband zusammen und dachte vielleicht an die Nichte dabei, die heiraten wollte, »das war nun so: Der Frau Jutta, der fuhr gerne mal ein »Donnerwetter« oder ein »Verfluchtes Aas« aus dem Munde – das ist nun mal so Mode hier bei den Herrschaften. Das machte der Chinese sich zunutze und ängstete sie mit allen Höllenstrafen und behexte sie ganz und gar, bis sie sich nicht mehr getraute den Mund aufzumachen und oft mitten im Satze innehielt und die Hände faltete und bloß so die Lippen bewegte, daß man sehen konnte, sie betete. Gott – wenn es ihr ein Trost war, will ich ja nichts dagegen sagen – ich meine man bloß . . . Daß ihr der Chinese eingab, unsere alte Gnädige zu bekehren, das war schlimm, und es konnte nichts Gutes dabei herauskommen, denn was einer siebzig Jahre hindurch getrieben hat, davon läßt er nicht, und unsere alte Gnädige hat ja freilich gotteslästerlich geflucht und gewettert ihr Leben lang! Wenn die sollte einmal bei den Engeln von jedem Wort Rechenschaft geben – ich danke, da möchte ich schon lieber nicht dabei sein!«

Die alte Kammerhexe lachte voll grimmen Humors.

»Ich bewundere den Mut von Frau Jutta,« sagte Herta, der auch ein Lächeln um die Mundwinkel spielte bei der Vorstellung von dem Auftritt, welcher bei solcher Gelegenheit zwischen der Großmama und der Enkelin stattgefunden haben mochte.

»Gnädige Frau,« flüsterte die Bäbenbrod, »zu Füßen hat sie sich ihr hingeworfen, hat ihr die Hände entgegengerungen und mit Tränen gebeten, die Großmama möchte dem  Herrn Jesus nachfolgen und ihre Sünden bereuen!«

»Und die Großmama?«

»Gnädige Frau – so lachen habe ich die alte Baronin selten gehört – es war rein zum Fürchten. Und dann« – die Stimme der Alten sank immer mehr zu einem Raunen und Flüstern – »dann ist sie aufgestanden aus ihrem Stuhl und hat die Hundspeitsche genommen und hat die junge Baronin mit der Hundspeitsche aus dem Zimmer getrieben.«

»Mein Gott!«

Herta bebte in einem tiefen, schauervollen Schrecken. »Ist das möglich?«

»Hier ist vieles möglich, gnädige Frau,« sagte die Bäbenbrod hart. »Von da an ist die alte Gnädige niemals mehr mit ihrem Fuß im neuen Flügel gewesen – auch nicht, als Frau Jutta starb und sich so gerne noch mit ihr versöhnt hätte.«

Herta sprang im Herzen die Frage auf: »Und ihr Mann?« – Sie konnte sie nicht aussprechen. Sie wußte, wie wenig die kränkelnde Frau ihm noch war, als sie seine Sinne nicht mehr reizte.

Sie blickte auf die Bibelsprüche an der seidenen Wandbespannung. »Nehmen Sie das auch fort, liebe Bäbenbrod,« sagte sie leise, »es bedrückt mich.«

Ihre Hände waren grau und befleckt von dem Staub, der sich in den Schränken angesammelt hatte, aus denen die Bäbenbrod Stöße von vergilbten Journalen und Missionstraktaten zusammenpackte. Es befiel Herta, während sie wartend auf dem Stuhl in der Fensternische saß, die Vorstellung, als sei auch sie selbst schon gestorben, und sie sah das alte Pferdegesicht, noch dürrer, noch blasser und runzliger geworden, sich über die Schriften der Philosophen und Dichter beugen, die Herta liebte, und sie mit den hageren, verarbeiteten Händen beiseiteschaffen, um Raum für Neues zu gewinnen. Denn unvergänglich schien auf Burg Dottum nur das Alte.

Die Bäbenbrod zog zufrieden ab, indem sie Klara und den Diener befehligte, wohin die verschiedenen Körbe mit den ausgeräumten Gegenständen gebracht werden sollten.

Was noch getan werden mußte, konnte auch das Auge einer alten Hausvertrauten nicht mehr ertragen.

. . . Karell hätte mir das ersparen sollen, dachte Herta mit scharfem Vorwurf, dem sich ein sonderbares Mitleid über die Empfindsamkeit des Mannes beimischte. Sie eilte, mit den Obliegenheiten zu Ende zu kommen, ehe Karell von dem Ritt durch die Felder heimkehrte. Er würde durchnäßt und hungrig und nicht eben in bester Laune sein.

»Das deutsche Klima im März und April verdirbt den deutschen Charakter,« an diesen Ausspruch ihres Vaters mußte Herta denken, als sie einen Blick durch die betauten Scheiben in die graue Regenflut tat, die draußen unaufhörlich niederging. Nun schon seit fünf Tagen.

Wie wenig hatte man sich aus einem Regentag in Berlin gemacht, wenn alles funkelte in der Feuchte von tausend Lichtern und die Menschen sich mit einer ungeheuren Lebensenergie zu Arbeit und Vergnügen drängten. –

Im Kamin brannte ein großes Feuer aus Buchenscheiten, und Baronin Herta wanderte im grauen Lichte des unfrohen Nachmittags zwischen dem Schreibtisch mit den Bronzebeschlägen und den feinen Intarsien und dem Feuer ab und zu, die kleinen Schubladen und Kästchen in den Händen, aus denen sie Briefe, trockene Blumen, Tanzkarten und Photographien in die Flammen schüttete.

Jedes Zettelchen von Kinderzeit her schien die Verstorbene aufbewahrt zu haben und Stoffrestchen von alten Kleidern, die sie getragen.

Mit dem Stahlhaken stieß Herta zuweilen ungeduldig in die verkohlte Masse, damit die Vernichtung schneller vonstatten gehe.

Welch ein kindliches Gemüt war die kleine Jutta gewesen – und wieviel Sentimentalität unter der zur Schau getragenen Derbheit! Ob Karell wohl auch nur geahnt hatte, welche heiße, zähe Liebe hier in der Krankenstube, die er floh, qualvoll mit der Vernichtung gekämpft hatte?

Ein Päckchen, in einem Elfenbeinkasten besonders bewahrt, trug die Aufschrift: »Seine Brautbriefe.« –

Herta lehnte im Stuhl zurück und schloß die Augen, während die Blätter knisternd auflohten. Ein feines, durchdringendes Weh spürte sie in der Brust, als stürbe da vor ihr etwas, das sie sehr nahe anging.

In dem flachen, glatten Kasten mit dem Namenszug der Verstorbenen fand sich unter den Briefen noch ein in braunes Leder gebundenes Buch. Es enthielt augenscheinlich Tagebuchaufzeichnungen. Im Begriff, die Blätter aus dem Einband zu lösen und ebenfalls dem Feuer zu übergeben, hielt Herta inne und blickte eine Weile, ohne etwas zu denken, ja ohne irgendeine deutliche Empfindung, am wenigsten geneigt, darin zu lesen, auf das Buch mit den gekritzelten Seiten nieder. Dann erhob sie sich, nahm ein Tüchlein und säuberte es sorgfältig von dem Staub, der sich auch hier angesammelt hatte. Sie legte es langsam, in dumpfem, unklarem Träumen in seinen Elfenbeinbehälter zurück, den sie verschloß und in das Mittelfach des nun leeren Schreibtisches stellte. Auch dieses wurde verschlossen, denn sie wollte das Büchlein mit den Bekenntnissen der Toten keineswegs immer vor Augen haben.

Baronin Herta stieß trotz des Regens beide Fensterflügel weit auf und reckte in der frisch eindringenden Bergkälte die Glieder, atmete tief und lange. Darauf wusch sie ihre Hände sehr sorgfältig und bespritzte sich mit Kölnischem Wasser, um den Moderduft aus ihren Kleidern zu vertreiben. Jetzt konnte sie, die neue junge Herrin von Burg Dottum, beginnen, sich häuslich einzurichten. Die Kisten mit ihrem Eigentum standen schon in den langen, kühlen Korridoren.



4.

Vor der Tür zu der breiten Terrasse, die sich vor dem neuen Flügel und an der »Schmalen Jungfer« entlang streckte und, dem alten Wartturm gleich, von schweren, plumpen Mauerzinnen umgrenzt war, stand Baronin Herta. Sie blickte hinauf zu dem wilden, frohen Vogelflug, welcher das dunkle Gemäuer umkreiste. Hunderte von Schwalben, deren weiße Brüste im Sonnenschein glänzten, deren schrille, kleine Stimmen wie jubelnde Lichtblitze das helle Himmelsblau durchschnitten. Die Terrasse trug eine Fülle von Blumenbeeten. Blaue Teppiche aus Vergißmeinnicht, durchschlungen von lila Bändern der süß duftenden Pflaumeniris, Goldplatten aus hellen Pensees und fröhliche, bunte Arabesken aus den weißen Büscheln der Narzissen, aus braunsamtenem Goldlack und den feierlichen Glocken der Kaiserkronen mit den geheimnisvollen Tränen in den gesenkten Kelchen. Über die Mauerzinnen strömte das fließende Gelb der Goldregentrauben, und die roten Blüten des japanischen Pyrus saßen wie Blutstropfen zwischen ihrem dornigen Geäst mit den dunkelglänzenden Blättchen.

Eine schmale, etwas baufällige Steintreppe, zwischen deren bröckelnde Stufen sich die Efeuranken drängten, die auch die alten Mauern überzogen, führte an der rechten Seite der Terrasse zur zweiten und dritten, auf denen feines Spalierobst, von den Strohdecken des Winters befreit, seine ersten bepelzten Triebe der Sonne entgegenbreitete, und weiter zu einem ergrauten Holzpförtchen, durch welches man in den Park gelangte. Noch jenseits des Pförtchens setzte sich die schmale Treppe fort, hier schon fast unkenntlich gemacht durch Schlingkraut, Moos und Gestrüpp, das sie überwucherte und in dem sie gleichsam unterging.

Zwischen den bunten Blumenbeeten wandelte die kleine schwarze Gestalt der alten Baronin und wies mit ihrem Krückstock hier und da auf einen Busch, von dem der junge Diener dann die Blüten schnitt oder Raupen und Insekten ablas, je nach ihrem Befehl.

Herta beobachtete sie eine Weile, und ein weiches Gefühl überschlich sie für die alte Frau. So nahe an der Pforte, die hinausführt aus allem Lebendigen, stand sie und klammerte sich doch mit Hartnäckigkeit an jeden Rest der Kraft, die ihr die Zeit zu entwinden drohte. Hatte dabei das Wissen tief innen in der Brust, daß alle grausame Energie, die sie durch ihr seltenes Frauendasein aufgespeichert hatte, ihr nur den Tod erschweren mußte.

Es erschütterte Herta, sie dort stehen zu sehen, friedlich im Frühlingsschimmer wandelnd, während das Geschlecht, das ihr dem Laufe der Natur nach zu folgen bestimmt war, sich schon eigenwillig an das andere Ufer gerettet hatte, vor ihr, die dort so zierlich ging, in der feinen, dürren Hand den Strauß erlesener Blüten, und das scharfe Raubvogelprofil in freundlichem Genusse über den Duft der Kelche gebeugt.

Herta weidete ihr Auge in ästhetischem Behagen an dem Bilde. Der dunkle Hintergrund, auf dem es in ihren Gedanken stand, erhöhte nur seinen Reiz. Die blonde junge Frau hob den Saum ihres rosafarbenen Morgenkleides und trat hinaus, die Großmama zu begrüßen. Deren zahnloser, sonst so sarkastischer Mund lächelte beinahe gütig, indem sie Herta zunickte.

»Hübsch!« sagte sie und zeigte über die in der Sonne leuchtende Blütenpracht. »Daß einem das Zeug doch immer wieder Spaß macht! Um Wissenschaft, Kunst, Literatur wird so viel leeres Gerede getrieben – wären Tiere und Blumen nicht, könnte man das dumme Gezerre schon längst nicht mehr ertragen. Na – das hörst du wohl nicht gerne – bist ja auch 'ne Studierte!«

»Ach, deshalb liebe ich die Blumen doch auch – ja wirklich, ich habe sie, glaube ich, noch lieber als die Philosophie. Sieh einmal – diese braunen Iris mit den gelben Flecken, – die habe ich noch nie gesehen.«

»Ist Dottumer Zucht! Der Gärtner hier versteht seine Sache!«

»Auf diesen sonnigen Terrassen muß doch auch Edelobst gedeihen? Dessen Pflege war meine Passion in Schlobzien!«

»So – das ist recht!« sagte die alte Baronin freundlich und nahm den Arm der Enkelin.

Sie stiegen vorsichtig die Steintreppe hinab und wechselten an den Spalieren sachgemäß Frage und Antwort.

»Sieh mal einer an – das kleine Aas versteht wahrhaftig was davon,« bemerkte die Alte wohlgefällig. »Da kann ich dir am Ende die Terrassen zur Pflege anvertrauen? Bröseke kann sich dann mehr um den Park kümmern, der schon zu einer regelrechten Modergruft zusammenwächst. Aber wehe dir, du verfluchte Kröte, wenn du dein Amt nicht ordentlich ausübst! Jutta wollte auch immer alles! War dann ewig erkältet, und die Blattläuse vermehrten sich wie die Kinder Israel!«

»Ich bin Ihnen dankbar, Großmama, daß Sie mir ein Amt geben! Man wächst gleich fester. Ist nicht so sehr Logierbesuch auf Hochzeitsreise.«

»Gibt sich schon alles mit der Zeit! Sich nur nicht wichtig nehmen. Das hab' ich gern an dir, daß du dich nicht wichtig machst. Sieh mal, die Pfirsiche haben schon tüchtig angesetzt. So richtig pelzige kleine Knubben. Das gibt 'ne Ernte, wenn der schweinische Harzregen nicht wieder alles vermantscht. Bei so 'nem reifen Pfirsich – da könnt' man wahrhaftig an Gott glauben lernen. Während man bei seinen Lieblingsgeschöpfen, die er ja nach seinem Ebenbilde geformt haben soll, von dem Vorbilde keinen allzu hohen Begriff kriegt!« Das Lachen schepperte in ihrer Kehle. »Ein bestialisches Gesindel!«

»Und doch so famose Einzelne darunter,« sagte Herta warm, und ihre hellen Augen glänzten einen herzlichen Blick hin über das Greisengesicht. »Liebe von Menschen ist doch mehr als alle Frucht- und Blumenherrlichkeit der Welt!«

»Liebe –?« Die Alte spie aus. »Nee, mein Döchting – damit komm' mir nicht. Das ist leeres Geschmuse – Schweinerei und Verbrechen stecken dahinter. Ein schöner junger Kerl wie der da« – sie zeigte mit dem Stock auf den jungen Diener Stefan, der in respektvoller Entfernung stand, schlank wie eine Gerte und durchglüht von der warmen Sonne – »gerade Schenkel voll Saft und Kraft – die lasse ich gelten, die bedeuten mehr als alles Liebesgefasel der Welt. Aus Frauenzimmern habe ich mir nie viel gemacht. In der Hauptsache hysterische Mistviecher. An seinen Weibern wird Deutschland noch zugrunde gehen. Mich soll's nicht kümmern. Was die Herrschaften sich eingebrockt haben, können sie auch fressen. Ich wünsche guten Appetit!«

»Komm, Kerl, wollen noch eine Treppe tiefer steigen zu den Mistbeeten.«

Sie legte dem jungen Menschen die feine, blaugeäderte Elfenbeinhand auf die Schulter und stieg so die Stufen hinunter. Während Herta ihr folgte, große Blütenzweige im Arm, die die Großmutter eigenhändig für sie geschnitten hatte, ging es ihr durch den Kopf, daß einmal jemand die alte Baronin von Dottum-Elend eine gefährliche Liebeskünstlerin genannt hatte, der in ihrem langen Witwentum die Männer des eigenen Standes nicht immer genügten. Auch das arme Volk in den Hütten hinter der Tannenwand in dem feuchten, schattigen Talgrund sollte sich an manchem langen Winterabend mit dem Erzählen dunkler Sagen von Verbrechen vergnügen, deren Schauplätze abgelegene Zimmer, Keller und Grüfte von Burg Dottum bildeten.

Als Karell in den Berliner Salons begann, sich Gräfin Herta Schlobzien zu nähern, hatte man ihr solche pikante oder schauerliche Histörchen mit Beflissenheit zugetragen. Sie nahm sie als das, was sie waren: ein Versuch mancher Nebenbuhlerin um Karells Gunst, sie abzuhalten von dem gefährlichen und beneideten Los, neben der wilden Alten Herrin auf Burg Dottum zu werden. Übrigens genoß Gräfin Herta sie als eine feine Würze zu dem alltäglichen Geschehnis einer Werbung.

Welch ein Temperament offenbarte sich ihr in der wollüstigen Bewegung, mit der die gelbe, feine Hand der Achtzigjährigen mit den langen, spitzen Nägeln den jungen Stefan am Ohr kraute. Nüchtern kam sich Herta vor und recht ein Geschöpf des hellen Tages gegenüber den Nachtgewalten, die die alte Frau umwitterten.

Es waren nicht nur Fliederdolden und Pyruszweige, die Herta geschenkt erhielt. Aus geschnitzten Schatullen und eingelegten Kästen, mit verblaßter Seide wattiert, kramten die zitternden Finger der Großmama vergilbte edle Spitzen und Perlenschnüre mit altertümlichen Schlössern. Als in der Nachbarschaft die Aristokratie sich zu einem großen Diner vereinigte, das junge Paar zu feiern, trat Herta in den Saal, funkelnd und strahlend an Haupt, Hals und Armen wie eine indische Göttin unter den Familienjuwelen der Dottum-Elend, die ein halbes Jahrhundert in der an den Fußboden geschmiedeten Eisentruhe unter dem Prachtbett der alten Baronin geruht hatten. Sie selbst trug niemals Schmuck, seitdem sie die Witwenkleider angelegt hatte. Nur einen Ring mit einem geschnittenen Stein sah man an ihrem Zeigefinger, eine antike Wölfin weisend, denn sie war eine geborene Fürstin Wolfenstein, und ihre Väter führten den Wolf im Wappen.

Nun wußte man mit einemmal in der Gegend, daß Herta der Liebling der alten Dottumerin geworden war. Jutta hatte nur wenige Teile des Schmuckes jeweilig tragen dürfen, und Anna von Trautmann besaß niemals auch nur eine Perle von der Großmutter. Man machte seine Glossen, aber sie setzte sich gleich in Respekt, die blonde, feine Herta Schlobzien – die den Dr. phil. zu ihrem Namen fügen konnte, wenn sie wollte. Er stand aber nicht auf ihrer Visitenkarte. Also war sie doch noch nicht von jedem Geschmack verlassen – trotz ihres Studiums, meinte die Landrätin von Erxleben.

Die alte Dottumerin saß nach dem Mahl im Herrenzimmer, trank einen Schnaps nach dem anderen, schwatzte mit den Männern über Politik, Geldgeschäfte und Getreidepreise, lachte ihr krächzendes Rabenlachen, wenn einer ihr eine hervorragend saftige Zote erzählte. Man hob die besten für sie auf, denn ihre Vorliebe für solche Derbheiten war bekannt. Doch konnte sie den Erzähler grausam ironisch abfallen lassen, wenn seine Schweinerei nicht witzig war oder er in der Weinumnebelung mit der Pointe nicht zustandekam. Die alte Baronin lag ständig im Krieg gegen die Hälfte der eigenen Familie wie der Nachbarschaft. Keine kleine Aufgabe, sich unter dem Gewirr von Feindschaften und Prozessen, die sie umgaben, herauszufinden und nicht zu gewärtigen, daß sie beim Betreten des gastlichen Saales ein ihr mißliebiges Gesicht erblickte und schrie: »Fort mit der Visage!« oder »Mit dem Aas esse ich nicht zusammen!« – ausspie, kehrtmachte, ihren alten Landauer wieder bestieg und heimfuhr.

Das war ein paarmal geschehen, und solche Häuser betrat sie auch nicht wieder. Man drängte sich infolge dieser Schwierigkeiten nicht gerade nach ihrem Umgang, obschon Rang und Reichtum ihr eine beherrschende Stellung gaben, ihre Bosheit gefürchtet und ihre Geschäftsklugheit von den Landherren geschätzt wurde.

»Die Dottumerin legt den schlauesten Juden rein,« so klang ein Wort, das über sie umlief.

Nun wollte man die junge Dottumerin feiern. Ihr Vater galt als einflußreich in Berlin, und die Tochter schien ja scharmant. Eine wahre Bereicherung des Kreises. Sie stand in einem dichten Kranz der jungen Männer, als um zehn Uhr der Wagen gemeldet wurde und die alte Baronin am Arm des Hausherrn in der Halle erschien. Länger blieb sie nie.

Der scharfe Blick der Alten flog über die Enkelin, die, rosig überhaucht, mit glänzenden Augen und lächelndem Munde sich sehr gut zu unterhalten schien. Ihr Gatte gähnte etwas müde und gelangweilt neben einer mütterlichen Dame auf einem Wandsofa und sprang bereitwillig auf, sich zu verabschieden.

»Deine Frau versteht den Rummel, »sagte die Großmutter während der Heimfahrt zu Karell. »Willst du was erreichen, wende dich nur an die!«

Ein Unterton von kalter Grausamkeit in der Stimme machte Herta stutzig.

»Wie meinen Sie, Großmama?« fragte sie.

»Ich meine, was ich sage, und nichts weiter, »knurrte die Alte verdrießlich. »Manche Männer lieben das ja – in der Welt weiter zukommen und das Bezahlen ihren Frauen zu überlassen.«

Herta richtete sich aus dem leisen Hindämmern auf.

»Großmama!« sagte sie sehr hochmütig, »eine solche Frau würde Karell nie gewählt haben – Sie wissen es so gut wie ich. Was tat ich Ihnen, daß Sie mich unvermutet beleidigen?«

»Ach, Narrenspossen,« brummte Karell, »Großmama will dich nur reizen, merkst du das nicht? Du hast auch arg geflirtet, gib's zu, Herta!«

»Um mit irgend einer guten Tante über Kinderkrankheiten zu reden, gehe ich nicht in Gesellschaft,« antwortete Herta. »Flirt ist eine Form des Salonverkehrs.«

»Der erste Schritt zum Bett des Nachbars. Wenn's Karell recht ist, mich geht's nichts an,« grummelte die Baronin.

Herta schwieg betroffen. Sie hatte zu früh triumphiert. Das Herz der harten Dottumerin war doch wohl nicht so leicht gewonnen.

Mit Karell mußte der Austrag kommen, sobald sie beide allein waren.

Das mit Gewitterstoff geladene Schweigen ging voran.

Herta saß vor dem Toilettentisch und bürstete ihr reiches blondes Haar, als sie den Kopf über die Schulter wandte und dem schon im Bett sich streckenden Gatten zurief:

»Karell – den Kampf mit der Großmutter werde ich schon allein durchhalten! Aber wenn du ihr sekundierst, dann – – dann könnte die Sache böse enden. Das vertrage ich nicht!«

Karell knurrte etwas Unverständliches und drehte sich auf die andere Seite. Das schmale weiße Gesicht mit den vor verhaltenem Zorn dunklen Augen zwischen der niederfließenden hellen Mähne und die erhobenen Arme wollte er nicht sehen, sich nicht schwach und begehrlich machen.

Herta legte sich bald darauf ebenfalls nieder. Zum erstenmal verging die Nacht ohne eine Zärtlichkeit, ohne leise getauschte Liebesworte. Herta fühlte sich in einer feindlichen Welt, als Eindringling von draußen. So blieb es einige Tage, bis Karell seine Frau wieder erobert hatte durch die Macht, die zwischen ihnen noch lange nicht erschöpft war.

Herta vermutete, er habe mit der Großmama gesprochen. Sie machte ihre Bosheiten wieder gut und forderte Herta auf, sie »du« zu nennen, denn sie gehöre zur Familie Dottum-Elend, und ihr Sohn werde einmal Erbe des ausgedehnten Besitzes. Sie nahm Herta mit auf ihren Spazierfahrten, zeigte ihr das Gut und was sie dazuerworben, was sie verbessert und verschönert hatte. Dessen war nicht wenig. Verschrie man die Dottumerin auch als geizig, sie verstand trotz der ihr nachgesagten Eigenschaft mit guter Manier Geld auszugeben, sobald sie sich Gewinn und Vorteil versprach. Für alle Wohltaten gegen Menschen, für alle sozialen Einrichtungen zeigte sie höhnische Verachtung.

»Moderner Quatsch!« war ihr Ausdruck für derartige Bestrebungen, wo sie ihnen begegnete, und ihr kaustischer Witz hatte schon manches gute Werk verhindert, das in der Provinz geplant war.

Seltsam unheimlich und unsympathisch berührte es Herta, die stets Geld zur Verfügung gehabt und reichlich ausgegeben hatte, ohne je viel darüber nachzudenken, mit welcher Zähigkeit, mit welchem Aufwand von Schlauheit und List die alte Dottumerin einen Gewinn vorbereitete, ihm nachging, ihn einheimste. Welch ein diabolisches Vergnügen die alten Züge überzog, wenn sie berichtete, wie sie vor dreißig, vierzig Jahren irgendeinen Gutsnachbar oder Käufer oder das Marktpublikum in der nächsten Stadt übervorteilt hatte.

Sie wußte mit unfehlbarer Sicherheit, wer von den Herren des Adels nicht mehr sicher stand, wieviel Aussteuer jede einzelne Frau mitbekam, und welche Enttäuschungen dabei vorgefallen waren. Sie hatte ihre Späher und Zuträger überall und erzählte Herta mit schüttelndem Lachen von manchem Wirtschafter, der das Vertrauen seines Herrn besaß und dabei die Kartoffeln fuderweise für eigene Rechnung verkaufte, von manchem Schweizer, der die Milch wohl tadelfrei an die Molkereien lieferte, aber einen schwunghaften Nebenhandel betrieb mit dem Käse, zu dem die als schwachmilchend ausgegebenen Kühe die Bestandteile immer noch lieferten.

Herta hatte studiert und war doch grenzenlos lebensfremd, in einen etwas verstiegenen Jungmädchen-Idealismus glücklich eingehüllt. Den durch ihre unbarmherzigen Wahrheiten zu zerreißen, machte der alten Dottumerin einen grausamen Spaß.

»Du bist klug und herrschsüchtig,« sagte sie und lächelte faunisch mit den verkniffenen, welken Lippen. »Widersprich nicht, deine lange Nase und der Mund will Herrschaft – du weißt nur nicht, wie du's anstellen sollst. Bist ja auch noch verliebt. Das muß erst vorübergehen, gründlich. Dann kommt der Spaß dran, das Geschmeiß zu regieren. Einmal gehe ich ja auch. Du wirst hier meine Nachfolgerin. Zu dem Amt will ich dich mir erziehen.«

»Und Karell – ist er nicht der Herr?« fragte Herta schnell. Die Großmama zog den zahnlosen Mund schief.

»Werden die Dottumer Männer nicht von ihren Frauen in die Kandare genommen, gehen sie alle vor die Hunde,« belehrte sie, ungerührt durch die Liebe zu dem Enkel. »Karell so gut wie die anderen.«

»Ich möchte keinen Mann, den ich beherrschen müßte,« sagte Herta leise.

Die Alte krächzte ihr vergnügtestes Rabenlachen.

»Sehr gut, ausgezeichnet. Möchte keinen Mann, den sie beherrschen muß, und legt alles auf Tyrannei an; – wozu denn die Faxen mit den Honigblicken und den Bauchtänzen, kleines Aas? Mach' dir nichts weis! Ist ja ganz schön – solange es dauert! Hab's auch geübt, als ich jung war! Kam auch damit so weit, daß ich meinem Herrn Gemahl die Liebsten, die sich hier eingenistet hatten, zum Teufel jagen durfte. Verdammt! Groß Reinemachen! Eins von den Äsern hat mir zum Dank den neuen Schafstall angesteckt! Sechs der besten Zuchtböcke gingen zum Deibel. Hat mich mehr geärgert als der Ehebruch selber! Sein Vergnügen gönnt' ich dem Herrn Gemahl, aber die Huren machten sich zu breit. Das darf man nicht erlauben, sonst wird man selbst mit Füßen getreten. Wirst's ja auch noch kennenlernen!«

»Großmama,« antwortete Herta, »ich hab' dir neulich abend ins Herz gesehen – es wird dir nicht gelingen, Karell bei mir zu verdächtigen.«

Die Alte sah die Junge mit ihrem schwarzen Funkelblick von der Seite an.

»So – hast mir ins Herz gesehen? Na schön! Hast ja wohl auch Psychologie getrieben . . . Daß die Mannsen in jahrelanger Witwerschaft nicht als Mönche zu leben pflegen – darüber hat euch der Professor wohl keinen Vortrag gehalten?«

»Laß uns das Thema wechseln, bitte,« sagte Herta hochmütig. Sie fühlte, wie ihre Lippen bei den Worten zitterten, obschon sie Haltung zu bewahren strebte.

»Das Betthäschen will in seinem Behagen nicht gestört werden. Kannst dir merken: Sich selbst nichts weismachen ist der einzige Weg zur Macht über Menschen!«

»Danach strebe ich nicht,« sagte Herta kühl.

»Oho, ist doch das Vergnügen, das besteht, wenn alles andere in des Teufels Küche zu einem Sudelbrei verkocht ist. Ich weiß schon, was die Leute von mir reden: Das alte Weib kann nicht sterben, weil der Herrgott sie nicht will und der Teufel sich vor ihr fürchtet! Na – wenn er sich nur weiter fürchtet!«

Sie kicherte, hustete und erstickte fast an ihrem Gelächter. Dann beruhigte sie sich und legte die trockene Greisenhand auf die der Enkelin, während ihr feines, elfenbeinernes Gesicht mit der scharfen Adlernase, dem vorspringenden Kinn, den schwarzen Glutaugen die junge Frau triumphierend betrachtete.

Herta fühlte: Da war eine Kraft, errungen in einem harten und bitteren Leben – eine Kraft, die sie selbst nicht in sich spürte und die wohl teuflisch sein mußte, denn göttlich konnte man sie wahrhaftig nicht nennen.



5.

Auf einem ihrer weiten Spaziergänge, die Herta frühmorgens unternahm, wenn Karell im Dienste der Großmama oder in eigenen Geschäften ausritt, hatte sie eine Begegnung, die ihren Gedanken lange zu tun gab. In Begleitung ihres schwarzen Gordon-Setters war sie weit über Dottumer Gebiet hinausgestreift und kam in ein ihr noch fremdes Waldgebiet, in dem sie sich nicht mehr auskannte. Endlich führte ein bemooster Weg sie zu einer Jagdhütte, auf deren Türbank ein großer, schlanker Herr sein Frühstück verzehrte. Hin und wieder warf er den zwei Teckeln, die er mit sich führte, einige Brocken zu. Sobald die den Setter witterten, fuhren sie herum und mit Gekläff auf den Fremdling los. Der gab den Empfang mit tiefem, grollendem Gebell zurück. Herta ergriff ihn am Halsband und fragte den Jäger nach dem Wege. Er stand auf, grüßte, schaute sie lächelnd und beziehungsvoll an.

»Der Weg nach Burg Dottum ist von hier aus etwas schwer zu finden. Erlauben Frau Baronin, daß ich Sie ein Stück begleite bis ins Freie, wo Sie den Turm sehen können. Ich bin der Oberwiesendorfer.«

Herta lächelte gleichfalls. »Ich dachte es mir! Sie haben Ähnlichkeit  mit Karell! Wissen Sie, daß ich mit Ihrer Frau im Institut in Genf zusammen war?«

»Ja, Anna hat mir davon erzählt. Es ist schade, daß so dumme Familiensachen zwischen uns liegen. Anna steht etwas allein . . . Sie hat keinen ihr so recht zusagenden Umgang in der Gegend . . .«

Baron Karlemann brach ab, und seine freundlichen braunen Augen bekamen einen unsicheren Blick.

Er hat dasselbe befangene Lächeln, das mich  an Karell so ärgern kann, dachte Herta. Wie diese Männer dadurch plötzlich unbedeutend aussehen können.

»Wenn ich wüßte, daß es Anna willkommen wäre, würde ich sie gern besuchen,« sagte sie.

»Willkommen wäre es ihr schon, aber Sie sollen sich keine Ungelegenheiten machen. Nein – ich weiß, wie die Sachen liegen. Wir sind nun einmal da oben verpönt. Sie sind noch im Zustand der Gnade, wie ich höre – Sie sollten sich darin erhalten, so lange wie möglich . . .«

»Die Großmama ist eine höchst fesselnde Persönlichkeit; ich leugne nicht, daß sie mich unendlich interessiert,« sagte Herta. »Schwierig mag sie oft sein, das sehe ich jetzt schon!«

»Schwierig – ist wohl kaum das richtige Wort,« sagte Baron Karlemann von Dottum-Elend. »Es gäbe da andere Ausdrücke – doch ich möchte Ihnen Ihre Unbefangenheit nicht rauben, gnädigste Baronin! – Nur – da uns der Zufall einmal zusammengeführt hat, will ich es doch aussprechen, daß wir auf Oberwiesendorf mit Teilnahme Ihren schweren Weg verfolgen. Sollten Sie jemals eines Rates oder . . . oder auch eines Haltes bedürfen, Sie können jederzeit auf uns rechnen!«

»O – da ist doch Karell,« rief Herta und dachte: Wie kann er sich unterstehen . . .

Baron Karlemann sah von ihr fort ins grüne, dichte Gebüsch. »Gewiß, gewiß – nur – er hat auch Jutta geopfert,« sagte er leise, kaum verständlich.

Herta überhörte das Wort. Tausend- und tausendmal dachte sie später daran.

Nachdem sie eine Weile schweigend und verstimmt neben dem Vetter ihres Gatten auf dem schmalen Waldweg dahingeschritten war und er auch nicht wieder versuchte, ein Gespräch anzuknüpfen, kamen sie ins Freie, und Karlemann zeigte Herta den in der Ferne aufragenden Burgberg, beschrieb ihr kurz die Richtung, die sie einzuschlagen habe, und faßte dann grüßend an seinen Hut, sich zu verabschieden.

Herta streckte ihm lebhaft die Hand entgegen und sagte mit einem Aufglänzen ihrer Augen: »Grüßen Sie Anna– und sagen Sie ihr bitte, ich würde demnächst bei ihr vorsprechen!«

»Das ist recht!« rief Karlemann, und so schieden sie.

Herta ging schnell den schmalen Weg durch die Saatfelder. Sie ärgerte sich über sich selbst. Warum hatte sie dieses Versprechen gegeben? Anna war ihr im Institut nie sympathisch gewesen.

Der Baron stand unter den Bäumen und blickte ihr nach, der Hochgewachsenen, die das kleine helle Köpfchen aufrecht und sicher trug und mit festem Gange durch das dichte, wogende Grün schritt, während der schöne schwarze Hund um sie her sprang.

In einer von den Stunden, in denen sie allein waren und von Herz zu Herzen vertraulich plauderten, erzählte Herta ihrem Manne von ihrer Begegnung mit Karlemann, und wie sie ihm versprochen, Anna einen Besuch zu machen, obschon sie nicht den geringsten Wunsch danach empfunden habe. Sie lachten beide, aber dann wurden sie ernst. Herta mußte mit ihren Gedanken zu dem Anerbieten des Oberwiesendorfers, ihr Stütze und Helfer sein zu wollen, zurückkehren. Immer stärker empfand sie dieses Anerbieten gleich einer Beleidigung. Sie plauderte weiter von der Knabenfreundschaft der Vettern, die durch die Großmutter zerstört worden war, denn es durfte ja niemand Einfluß auf Karell gewinnen als sie selbst.

Es geschah in jener Nacht, daß Karell an Hertas Brust weinte – der kühle, vornehme Mann – sie fühlte, wie seine Tränen ihr Batisthemd durchnäßten, ihre Haut feuchteten. Er weinte über seine verängstete Jugend, die unter der bösen Liebe der Großmutter sich zu verstecken getrachtet hatte gleich einem scheuen Vögelchen und ihr doch nicht hatte entrinnen können. Der Haß brach aus seiner Brust, schrie und stöhnte: »Keine Ruh' hat sie gegeben, das verfluchte Weib, bis sie mich von allen getrennt hatte, zu denen ich gehörte. Die Mutter – nie habe ich anders als in den wüstesten Schimpfworten ihren Namen nennen hören. Weil sie so schnell nach meines Vaters Tode einen anderen Mann geheiratet hat. Sie wollte sich herausretten aus dieser Familie – wer kann es ihr verdenken! Gott mag wissen, wie die Alte Papa zum Selbstmord getrieben hat . . . Es bleibt uns ja nichts weiter übrig, wenn man noch einen Funken Ehre im Leibe hat.«

»Und hier hast du mich hereingebracht,« sagte Herta traurig. »In diese Greuel – Karell –«

»Ja – es war gemein – ich weiß es jetzt. Ich glaubte – wahrhaftig, ich glaubte, du würdest dich mit der Großmutter gut stellen – weil sie mir doch selbst zu der Heirat geraten – darum glaubte ich es, ich Schwachkopf!«

»Sie hatte dir geraten?« wiederholte Herta und fühlte, als sei ihr Herz ein Glas, das zersprang.

»Ich hätte doch nicht den Mut gehabt – deine Klugheit und Gelehrsamkeit waren mir peinlich – ich wußte ja damals nicht, wie wenig man davon merkt.« Und er hob den Kopf und küßte sie, doch Herta lag still.

Die alte Baronin von Dottum-Elend hatte bei ihrem Vater für den Enkel Karell um Herta geworben . . . Nun ja, – alles war sehr formell zugegangen bei ihrer Verlobung – sie durfte Karell keinen Vorwurf machen. Nur überschauerte sie jetzt ein kühles, fremdes Gefühl. Sie war ja auch die Erbin eines großen Vermögens, wenngleich es längst nicht an die aufgehäuften Schätze der Dottumerin reichte, von denen sagenhafte Gerüchte in der Gegend umliefen. Baronin Herta kam in dieser Nacht zum erstenmal der Gedanke, daß der sichere Boden, auf dem sie stand, ein ranker, stolzer junger Baum, ihr wohl auch Kraft geben möchte, der Alten Trotz zu bieten.

Könnt' ich ihn befreien, dachte sie mit heißer Inbrunst. In ihr stieg der Wille kerzengerade auf, sich nicht zu beugen, ihr Recht als Gattin zu verteidigen, und wenn's durch täglichen Kampf sein müßte . . . Sie liebkoste mit zarten Fingern den braunen Kopf an ihrer Brust, mit erfinderischen kleinen Zärtlichkeiten, die der Mann sich friedlich gefallen ließ, unter denen ihm alle Schreckbilder böser Großmütter sachte zerrannen. Denn die Dottumer waren ein leichtsinnig Geschlecht, das der Stunde lebte, mochte sie süßen oder herben Geschmack auf die Lippen legen. So hatte Karell Herta schon in der Brautzeit sein Bild gezeichnet. Denn er kannte sich nur allzu gut. Herta verriet ihm dafür auch, daß kein pflichtgetreuer, sogenannter starker Charakter sie je zur Liebe zu reizen vermocht hätte. Doch allmählich wurde ihr das Zerpflücken der eigenen Schwächen bei dem Gatten peinlich. Anfangs hatte sie es als eine große Ehrlichkeit geachtet, jetzt begann sie sich zu fragen, ob sich nicht auch Eitelkeit hinter diesem Selbstbetrachten berge.

Die Gatten redeten noch viel miteinander in jenen Nachtstunden. Herta suchte Richtlinien.

»Wir dürfen uns nicht allein auf die Großmama beschränken. Das reizt ja nur ihre Lust, uns zu tyrannisieren. Wir müssen unser eigenes Leben haben, Verkehr, Freundschaft, Arbeit, alles außerhalb ihres Kreises. Und dann – soweit möglich – ihr gegenüber Höflichkeit und Ehrfurcht . . .«

»Ach, Herta, du setzest das auseinander wie ein Professor,« sagte Karell ungeduldig, »aber in der Wirklichkeit geht ja nichts. Ich konnte es doch nicht einmal durchsetzen, weiter mit meinem Vetter Karlemann zu verkehren – den ich doch so liebhatte!«

»War er nicht durch dich vom Erbe der Großmutter ausgeschlossen – das hat er dir wohl kaum verziehen?«

»Nein – so ist Karlemann nicht. Über diesen Punkt hätten wir uns schon verständigt. Wir waren immer gute Freunde, schon als Jungen – ich betete ihn geradezu an – und er hat ja eigentlich auf die Jutta verzichtet, weil er wußte, daß ich in sie verliebt war – ein kolossal anständiger Kerl ist er! Nur komisch – er liebte immer dieselben Weiber wie ich – oder ich wie er, was ja auf dasselbe herauskam. Vielleicht hat die Anna Lunte gerochen und war darum so gehässig gegen mich. Oder – der Teufel mag wissen, was die Großmutter für Stänkereien angestiftet hat. Menschen auseinanderbringen – das ist ja einmal ihre besondere Gabe.«

»Jutta ist tot – es ist manches Jahr vergangen – ich bin fremd unter den alten Zänkereien – man könnte wahrhaftig versuchen, euch zu versöhnen! Gelingt es, so stellen wir einfach Großmama vor die vollendete Tatsache!«

Karell küßte sie freudig und herzhaft. Arm in Arm schliefen sie ein, ein warmes, frohes Gefühl folgte Herta in den Schlummer und begleitete sie in den frischen Morgen. Ihr war zumut, als beginne sie nun an ihrem eigenen Schicksal zu arbeiten.

Karell fuhr in die Stadt, und Herta bestellte für den Nachmittag den Landauer zu einer Spazierfahrt. Ihr Wille streckte sich gleich einem Pfeil auf scharf gespanntem Bogen.

Sie stand in der Eingangshalle, die Handschuhe überstreifend, als Hinrichs statt mit dem Landauer mit dem offenen gelben Jagdwagen vorfuhr. Die Frau Baronin hätten bestimmt, die Schimmel sollten heut ruhen, sie lahmten.

»Und die Rappen?« fragte Herta, rot stieg ihr der Zorn in die blonde Haut. Wurde jeder ihrer Befehle zuerst an die Alte weitergegeben?

Hinrichs erzählte eine etwas umständliche Geschichte von den Rappen, auf die Herta weiter nicht hörte.

»Also, Klara, meinen Gummimantel, falls es regnet.« Sie sprang geschickt in das hochrädrige Gefährt. »Durch den Park und auf nächstem Weg nach Oberwiesendorf,« befahl sie kurz.

»Vors Schloß?« fragte Hinrichs.

»Ja – zum Schloß,« bestätigte Herta.

Im Park sah der alte Kutscher sich nach ihr um.

»Frau Baronin . . . ich bin ja ein Dienstbote und habe keine Meinung – ich möchte Frau Baronin nur den Rat geben – Frau Baronin sollten den Besuch man lieber lassen. Da kommt nischt Jutes von – verzeihen Frau Baronin, daß ich mich unterstehe. Aber ich kenne unsere alte Gnädige doch nun schon seit fünfzig Jahren – und wo die nicht will – da is nu mal nichts zu wollen!«

»Hinrichs, ich bin Ihnen nicht böse,« sagte Herta kühl, »aber nun fahren Sie nach Oberwiesendorf – auf dem nächsten Wege – hören Sie wohl?«

»Zu Befehl, Frau Baronin!«

Der Wald war angefüllt mit Sonnenlichtern, es tanzte und glitzerte nur so von lustigen kleinen Blitzen zwischen dem sich entfaltenden, seidenzarten Buchengrün. Und ein Vogelzwitschern rings, als sänge die Lebenslust selbst mit hundertfacher Stimme ihr seliges Lied.

Hinrichs fragte, ob er quer durch den Wald fahren dürfe, er spare sicher eine halbe Stunde Wegs. Auf Hertas Bejahung hin lenkte er das einspännige, hochrädrige Gefährt über schmale, moosige Richtwege, an deren Rändern aus braunem Herbstlaub Tausende von gelben Schlüsselblumen und weißen Windröschen die munteren Köpfe hoben.

Plötzlich knackte und raschelte es wie die Flucht eines Wildrudels durchs Dickicht und jagte über den Weg. Es waren Kinder, barfuß und zerlumpt.

Hinrichs klatschte mit der Peitsche hinter ihnen her. »Da sind sie wieder an der Arbeit, die verdammten Ludersch!« schimpfte er.

»Warten Sie, die kleinen Holzdiebe werde ich treffen,« rief Herta lachend, sprang mit einem Satz vom Wagen; zog den engen weißen Rock, der sie hinderte, hinauf und sauste hinter den Kindern her. Sie wären doch entsprungen, aber das Kleinste fiel, blieb liegen und brüllte wie in höchstem Todesschrecken. Ein größerer Junge suchte das Weite, ein Mädchen blieb unentschlossen neben dem Geschwisterchen stehen und heulte zum Erbarmen.

Herta faßte sie an der Schulter und schüttelte sie ein wenig, da brach sie in die Knie, hob beide Arme und streckte bittend die Hände nach ihr aus, mit einer Gebärde so abgründiger Angst, daß Herta sie freigab und gütig zu ihr sprach.

»Aber Kind, ich tue dir ja nichts. Sag' mir nur, hast du denn einen Holzzettel vom Förster?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Ihre Blicke schossen irr vor Schrecken nach allen Seiten. Plötzlich bückte sie sich zu dem Kleinen, das noch immer auf dem Bauch im Grase lag, und schrie ihm zu: »De Olsch kimmt, de swarte Olsch!«

Gellende Schreie stürzten aus dem weitaufgerissenen Mäulchen.

Das Mädchen riß das Kind wild in die Höhe und wollte mit ihm davonjagen, Herta aber hielt sie nun wieder fest und sprach auf sie ein.

»Die Frau Baronin ist im Schloß und kommt nicht. Warum hast du so Angst vor ihr?«

»Sie haut – mit die Hundspeitsche haut sie,« wimmerte das Kind.

»Ach, schwatz' keinen Unsinn,« wehrte Herta. »Warum tust du etwas, das verboten ist? Ihr zertrampelt die Schonungen und brecht die jungen Bäumchen ab, wenn ihr nichts Dürres findet, das kennt man schon! Warum geht die Mutter nicht mit euch?«

»Die hat schlimme Füße. Wenn wir den Schlitten nicht voll nach Hause bringen, haut sie uns,« stammelte das Kind.

Herta schwieg einen Augenblick. Hier Prügel – dort Prügel, – hin und her gejagt von irrsinnigem Schrecken – arme kleine Brut . . .

Sie strich dem Mädchen linde über das glattgezöpfte Strohhaar. Die sah von unten auf, halb scheu, halb tückisch.

»Ich bin die neue Frau Baronin,« sagte Herta sanft. »Morgen werde ich deine Mutter besuchen und sehen, ob ihr es nötig habt, dann kriegt ihr eine Bescheinigung vom Förster, und niemand darf euch mehr schlagen. Verstehst du mich? Nun geh brav heim. Komme ich wieder vorbei und finde euch noch bei der Arbeit, so werdet ihr zur Strafe mit aufs Schloß genommen!«

»Nein, nein, nich aufs Schloß,« schrie das Mädchen, »nur nich aufs Schloß!«

»Sag' mir deinen Namen und wo du wohnst!« Stotternd gab das Kind die geforderte Auskunft. Frau von Dottum kehrte zum Wagen zurück. Die mutige, frohe Stimmung, in der sie die Fahrt angetreten, war verschwunden. Die Lippen schmerzlich zusammengepreßt, saß sie grübelnd. Unerbittlich zeigte ihre Phantasie ihr immer wieder das Bild der bösen, alten Frau, die Hetzpeitsche über die Kinder schwingend – sie sah den wollüstig-grausamen Zug um den greisen Mund, sie hörte ihr krächzendes Rabenlachen. Und wieder schaute sie die Kätnersfrau, wie sie mit dem Holzscheit den kleinen Strohkopf blutig drosch.

Herta schloß die Augen und seufzte traurig. Was vermochte sie, die einzelne, gegen die mächtige Grausamkeit der Welt?

Das Gutshaus von Oberwiesendorf konnte sich an feudaler alter Pracht keineswegs mit Burg Dottum messen. Es war ein lang gestrecktes, einstöckiges Gebäude mit einem hohen, einmal geknickten Dach, an dem die geflickten Stellen hellrot zwischen dem gebräunten alten Ziegelbelag hervorleuchteten. Eine Lindenallee führte bis an das Parkgitter, welches offenstand. Ein runder Rasenfleck mit Teppichbeeten und einer alten Sonnenuhr bildete den traditionellen Schmuck vor der Haustür.

Anna von Dottum kam Baronin Herta mit ausgestreckten Händen entgegen, nachdem sie sie ein Weilchen hatte warten lassen.

»Nun, Herta – das nenne ich eine gute Idee! Du hast wahrhaftig den Weg zu uns gefunden! Von der hohen Burg herab! Alle Achtung vor deinem Mut! Den hast du ja schon im Institut in Genf bewiesen, wenn sie über die Deutschen schimpften, weißt du noch? Was haben wir uns zu erzählen! Meine Gören – schade, daß sie gerade spazieren sind, du wirst sie später sehen! Magst du Tee oder Weißwein und Selter? Ich denke, Tee wird dir lieber sein – unsere Harzer Frühlingstage sind nicht so heiß, daß einem nicht nach der Fahrt im offenen Wagen was Warmes gut täte! Komm mit in meine Räuberhöhle, da schwatzt sich's gemütlicher. Nein – weißt du – Karlemann und ich haben gewettet, ob du kommen würdest oder nicht! Ich sagte: Paß auf, sie kommt! Ich kenne sie doch! Einen Lapislazuligriff für meinen Sonnenschirm! Also Dank auf den Knien, Freundin meines Herzens!«

Herta stand lächelnd und ließ den Sturzbach von Geschwätz über sich ergehen. Noch immer unverändert, wie als Institutsmädchen – eine Fülle von Geräusch, von dem der Hörer so betäubt wurde, daß er sich zu fragen vergaß, ob hinter all diesem Aufwand etwas Wesentliches zu finden sei. Nein, Freunde waren sie und Anna von Trautmann nie gewesen.

Doch mochte es nicht schaden, wenn das Jahr gemeinsamer Pensionserinnerungen sich Anna jetzt so darstellte. Sie hatte immer die Dinge der Welt gesehen, wie sie ihr zu sehen in den Kram paßten.

Während die Damen an sehr gutem russischem Tee nippten und kleine Kuchen knabberten, deren Rezept Baronin Anna der Kusine freigebig zur Verfügung stellte, sagte Herta lächelnd, sie betrachte sich auf Burg Dottum noch völlig als Gast und wolle der Großmama keineswegs ins Hausregiment hineinreden. Anna horchte auf.

»Du bist weise – es würde dir wohl auch schlecht bekommen!« kicherte sie. »Ich beneide dich überhaupt nicht um deine Stellung!«

»Großmama ist von großer Liebenswürdigkeit,« sagte Herta und legte so viel Herzlichkeit, wie ihre etwas spröde Stimme nur aufbringen konnte, in den Ton. »Aber sieh, Anna, weil ich mich hier in allem füge, beabsichtige ich andererseits mein und Karells Leben in der durch die Verhältnisse gegebenen Schranke nach unserem persönlichen Geschmack auszubauen. Und dazu gehört vor allem, daß wir das alte freundschaftliche Einvernehmen zwischen Karell und Karlemann wiederherstellen müssen! Ich denke, dazu soll uns unsere Pensionsbekanntschaft gute Dienste tun, ich brauche deine Hilfe, Anna!«

»Wenn du dich nur nicht täuschest über die Grenzen deiner Macht,« meinte Anna bedenklich.

»Sobald es gilt, ein Unrecht wieder gutzumachen, habe ich eine ganze Menge Energie,« versicherte Herta fröhlich. Sie sprach noch von regelmäßigen Zusammenkünften, von gemeinsamem Musizieren, und Anna unterstützte sie lebhaft in der immer reizenderen Ausmalung eines freundnachbarlichen, heiteren Sommerverkehrs.

Im ganzen war Herta zufrieden mit dem Erfolg ihres Besuches. Anna hätte sich ja auch verleugnen lassen können, obschon Herta das eigentlich nicht befürchtet hatte bei Annas Neugier.

Als sie sich schon zum Gehen erhob, kam Karlemann in verstaubten Reithosen und hohen Stiefeln. Mehrere Stufen ländlicher als Karell.

»Da ist ja mein Neufundländer, mein großes gutes Hundel,« stellte Anna vor. »Wirst du brav Pfötchen geben, Hundel, – hier ist ein liebes Frauchen – ganz liebes Frauchen!« Sie nahm dem Gatten die Mütze vom Kopf, legte Hertas Hand in seine heiße, verbrannte, beide lächelten etwas befangen über das dalbrige Gehabe.

»Die hat Mut,« sagte Karlemann, nachdem er Herta an den Wagen geleitet hatte und zu seiner Frau zurückkehrte.

»Gott – was heißt Mut – wenn man eine geborene Gräfin Schlobzien ist und ein paar Millionen im Rückhalt hat,« meinte Anna. »Da wird die Alte schon andere Saiten aufziehen als bei uns. Geld ist einmal der einzige Faktor, der ihr imponiert. Herta bezieht's natürlich auf ihre scharmante Person!«

»Mit dem Vermögen der Schlobziens ist's nicht so weit her, und Herta ist wirklich charmant!«

Anna zog ein Mäulchen. »Lern' erst ihren Hochmut kennen! Gegen den seid ihr Dottumer noch bescheidene Waisenkinder! Ich lasse die Dinge an mich kommen – und mit dem Gegenbesuch eilen wir nicht!«



6.

Seit Herta die Kinderschuhe abgelegt hatte, war sie ein so freier Mensch gewesen, wie es wenige Frauen, vielleicht noch weniger Männer von sich rühmen dürfen.

Die Hausdamen im Palais ihres Vaters, jene Lebensschwierigkeiten mutterloser Töchter, hatte sie durch Liebenswürdigkeit der Form und undurchdringliche Zurückhaltung des Wesens in scheuem Respekt zu halten gewußt. Sie hatte selbständig ihren Wohnsitz gewechselt, wie es ihr für ihr Studium genehm war, nur daß sie dabei an der Gewohnheit festhielt, einige Sommerwochen in enger Gemeinschaft mit ihrem Vater auf Schloß Schlobzien an der Ostsee zu verbringen.

Und in den letzten Jahren suchte sie es einzurichten, während der alte Graf an den Sitzungen des Herrenhauses teilnahm, ihm zu den Repräsentationspflichten, welche seine Stellung erforderte, zur Verfügung zu stehen.

Auch dies hatte er kaum verlangt, doch verstand Herta, daß es ihn freute, und dieser Grund war genügend.

Vater und Tochter konnten stundenlang über metaphysische Fragen disputieren und fanden in diesen Spielen ihres Geistes eine feine Gemütserquickung.

Sonst war nicht viel Zärtlichkeit zwischen ihnen, doch Herta fühlte, wie sehr tief ihr Vater ihr vertraute, und schätzte solches Vertrauen höher als alle Zärtlichkeit.

Er war ein Träumer und ein Denker – jedenfalls zu den Einsamen gehörend, die immer hinter einem goldenen Gitter zu leben scheinen.

Das Bedürfnis, das er so stark in sich selber spürte, verstand er auch in seiner Tochter. Vielleicht hatte er sie schärfer beobachtet, als sie es spürte – jedenfalls ließ er ihr alle Bewegungsmöglichkeiten.

In ihrem Charakter und ihrem stark ausgeprägten jungfräulichen Stolz lagen die notwendigen Bindungen. Präsidierte sie heiter und voll zarter Würde den offiziellen Herrendiners ihres Vaters, die durch ihre Anwesenheit eine seltene Würze erhielten, bis sie sich zu rechter Zeit zurückzog, so empfing sie doch auch gänzlich ungehindert in den eigenen Gemächern Kommilitonen und Kommilitoninnen, verkehrte weit unbefangener als andere junge Damen ihres Standes auch in der Gelehrten- und Künstlerwelt Berlins.

Geld hatte ihr stets in richtigem Verhältnis zu ihren Wünschen zur Verfügung gestanden – ihr Geschmack ging nicht auf das Seltene und Luxuriöse. Diese Macht, welche die Welt regiert und oft in die wildesten Krämpfe versetzt, hatte in ihrem Gedanken- und Gefühlsleben nicht die mindeste Rolle gespielt.

Aus dieser inneren Freiheit schöpfte Herta Schlobzien die äußere Sicherheit ihres Wesens, die sonst nur durch manche Überwindung und die Reife der Jahre errungen wird.

Als sie nach Burg Dottum zurückgekehrt war, überreichte ihr Klara ein Telegramm.

Ihr Mann teilte ihr mit, er werde, durch einen wichtigen Kauf von Zuchtböcken in Anspruch genommen, erst übernächsten Tag heimkommen.

Sie stand, noch in Hut und Jacke, mit der Botschaft in der Hand und las sie zwei-, dreimal, als könne sie hinter den nüchternen Worten noch einen geheimen Sinn erraten. Ein sonderbares Unbehagen, wie etwas Fremdes, Feindliches, umschlich ihr Herz.

Er läßt mich allein! – Der heftige Wunsch befiel sie, nun auch ihrerseits die Auseinandersetzung mit der Großmama bis zur Rückkehr ihres Gatten zu verschieben. Ein Unwohlsein konnte sie vorschützen, sich einschließen und das Abendessen durch ihre Jungfer auf ihr Zimmer bringen lassen.

Ihr Vorhaben, die Großmutter sofort um eine Unterredung unter vier Augen zu bitten und das rachsüchtige Gemüt mit Vorsicht für eine Versöhnung günstig zu stimmen, war ohnehin vereitelt.

Die Großmutter wußte jedenfalls in dieser Stunde bereits von Hertas Besuch in Oberwiesendorf. Hatte ihr nicht der Vorfall mit dem Landauer bewiesen, daß jeder Schritt, den sie unternahm, im alten Flügel gemeldet und von dort aus gebilligt oder abgelehnt wurde?

Gleich einem Kinde stand sie unter dem Willen der alten Dame. Und Hinrichs um Schweigen zu bitten – nein, das hätte ihr Stolz nicht ertragen.

Aber es hatte ja keinen Sinn, dem Gefühl der Zaghaftigkeit, das sie in sich spürte, nachzugeben. Jedes Zeichen von Schwäche konnte hier verhängnisvoll werden. Es war ihr eigner freier Wille gewesen, den Kampf heraufzubeschwören – nun mußte sie auch dem Sturme die Stirn bieten.

Am Ende ließ sie sich, als sei nichts Außergewöhnliches im Schwange, von der Jungfer das Haar ordnen und ein Abendkleid überwerfen.

Ihre Hände bewegten sich unruhig, sie begann plötzlich so heftig zu frieren, daß ihre Zähne aufeinanderschlugen und das Mädchen sie besorgt fragte, ob ihr nicht wohl sei.

»Nur ein wenig nervös,« antwortete sie lächelnd und erschrak zugleich über die Blässe ihres Gesichts.

»Ich muß mir wahrhaftig ein neues Glas für diesen schönen alten Spiegelrahmen besorgen lassen, es ist doch nicht erfreulich, sich stets mit dieser grünen Leichenfarbe auf den Backen zu sehen,« scherzte sie zu Klara, während ein Gefühl von Übelkeit ihr immer deutlicher zum Hals hinaufstieg. Es zu überwinden lief sie schnell die Treppen hinab, durch die öden Säle der »Schmalen Jungfer« und trat nach einem Augenblick des Zögerns in das Speisezimmer.

Die Großmutter saß schon am Tisch.

Mit einer heiteren Entschuldigung wollte sie sich der alten Frau nähern, ihr die Hand zu küssen, während Stefan die gewohnte Abendsuppe vor sie hinstellte.

Baronin Dottum stützte beide Hände auf die Tischplatte und sah von unten herauf an Herta empor. Ihr Gesicht war hart und böse.

»Ich wundere mich, daß du dich unterstehst, dich mit mir an den Tisch setzen zu wollen, »sagte sie mit einer Stimme, in der eine beleidigende Verachtung sich recht sichtbar machen sollte. »Wer zu meinen Feinden hält, gehört nicht an meinen Tisch – verstehst du mich?«

»Ich verstehe, daß du mein Vorgehen eigenmächtig findest,« antwortete Herta, und ihre Haltung bekam jene Steifheit des Hochmuts, in die ihre Sensibilität sich in Augenblicken innerer Erregung wie in einen Panzer wappnete. »Gewiß, es wäre richtiger gewesen, deine Meinung vorher einzuholen. Darf ich mich später . . .«

Sie hielt inne.

Das weiße Greisengesicht vor ihr verzerrte sich zu einer Fratze furchtbarer Wut. Die geballten Hände hoben sich drohend.

»Hinaus, hinaus, du freches Biest!« kreischte die alte Frau. »Schleppt sie 'raus, die falsche Kröte – das vermaledeite Aas, ich will ihr verfluchtes Gesicht nicht sehen! Packt sie – schleppt sie weg, oder ich hetze die Hunde auf sie . . .«

Als Herta, erstarrt vor Entsetzen, ihrem Befehl nicht sofort folgte, faßte sie mit beiden Händen den Teller mit heißer Suppe vor sich und schleuderte ihn gegen die Brust der jungen Frau.

Herta schrie auf – sie war hart getroffen, die kochende Flüssigkeit durchdrang die Spitzen ihres Kleides, lief garstig und schleimig daran herunter.

Ein wildes, lautes Hohngelächter tönte grausig um sie her.

»Karell – Karell! Jetzt müßtest du deine Betthäsin sehen . . .! Ist er nicht da? Das wär' ein Anblick zum Verlieben!«

Herta hatte aufgeschrien vor Schmerz und mit beiden Armen in die Luft gegriffen. Jemand sprang zu und hielt sie.

Erst auf der Chaiselongue ihres Zimmers fand sie unter den Bemühungen ihrer Jungfer die Besinnung wieder. Klara entfernte das beschmutzte Kleid, legte Umschläge auf den mit Brandblasen bedeckten, heiß geröteten Busen. Herta ließ es gleichgültig geschehen. Ihre Glieder flogen im Zitterkrampf. Hätte sie nur weinen können, meinte sie, müsse ihr besser werden. Ein schreckliches Angstgefühl quälte sie, als müsse sie ersticken, und sie rang röchelnd nach Luft.

»Solche Anfälle hat die Alte oft,« versuchte das Mädchen zu trösten. Stefan sagt: ›Es ist eine Gemeinheit! Sie ist verrückt, sie müßte ins Irrenhaus' . . .«

»Schweigen Sie – kein Wort weiter!« herrschte Herta das Mädchen an.

In ihr war eine hoffnungslose, dunkle Verzweiflung.

Karell wußte von solchen Anfällen und hatte sie allein gelassen . . .

In der Nacht setzten krampfartige Schmerzen ein. Als der Arzt, der am nächsten Morgen geholt werden mußte, einen reitenden Boten an den Baron Dottum in die Stadt schicken wollte, schüttelte Herta heftig den Kopf.

Sie mußte allein fertig werden mit der zerstörten Hoffnung auf erstes Mutterglück. Sie hätte des Gatten Nähe, seine Liebkosungen jetzt nicht ertragen.

Auch nach seiner Rückkehr machte sie nicht viel Aufhebens von ihrer Unpäßlichkeit. Was zwischen ihr und der Großmama vorgefallen, berührte sie mit keinem Wort. Sie sagte Karell nur, daß sie sich überzeugt hätte, ein Verkehr mit Karlemanns sei zur Zeit nicht durchführbar. Sie war bald wieder auf den Füßen, spürte aber dann doch, wie sehr ihr Körper noch nach Schonung verlangte. Da ihr zudem der Arzt für eine Weile das Treppensteigen verbot, nützte sie die Gelegenheit, eine leise Bemerkung zu dem Gatten zu machen, es sei wohl der Augenblick gekommen, wo man eine Änderung eintreten lassen und künftig in den eigenen Räumen speisen könne.

Als indessen dieser Wunsch bei Karell nur ein betroffenes Erstaunen und eine deutliche Mißbilligung hervorrief, drang sie nicht weiter in ihn, sondern ließ ihn nach wie vor mittags und abends hinüberwandern zu der Großmutter und nahm die Mahlzeiten einsam in ihrem Krankenzimmer. Mochte die alte Frau nun auch Karell gegen sie aufhetzen mit ihren tausend kleinen, schlauen Bosheiten – sie mußte es leiden. Irgendeine Widerstandskraft in ihrem Gefühl schien zerbrochen – funktionierte einfach nicht mehr.

In den Zeitungsblättern, die sie jeden Morgen mechanisch in die Hand nahm, murrte und grollte es von gefährlichen, gewitterdrohenden Spannungen, von näherrückenden Kriegsaussichten. Obschon sie sich früher wohl  für Politik interessiert hatte, ließ das Getriebe in der großen Welt draußen Herta jetzt völlig gleichgültig. Dennoch fühlte sie, es sei ihr nötig, ein Gegengewicht gegen das tatenlose Hinträumen über alle Enttäuschungen, die ihr die kurze Zeit ihrer Ehe schon gebracht, in sich zu schaffen. Vielleicht hatte sie zu viel von außen erwartet. Sie mußte in sich selbst wieder festen Boden bereiten. Eine scharfe Verstandesarbeit – das war es, was ihr jetzt gut tun würde. Und so nahm sie eine philosophische Arbeit wieder vor, die sie als Mädchen begonnen.

Liebes- und Machtgefühle als Entwicklungsprobleme des menschlichen Charakters.

Sie las die schönen, wohlgefeilten Sätze – ausgeklügelt, reine Theorie ohne einen Funken lebendiger Wahrheit schien ihr heut alles, was sie damals so ahnungslos geschrieben . . .

Und eine Träne glitt dabei an ihrer Wange nieder. Nein – auch jetzt konnte sie dieses Werk nicht weiterfördern – zu tief war ihr Herz in diese Fragen verstrickt, als daß ein Überschauen, ein wissenschaftliches Zusammenfassen möglich gewesen wäre. Und so vertiefte sie sich denn in rein erkenntnistheoretische Studien, wollte zunächst nichts weiter sein als geduldige und aufmerksame Schülerin der großen Denker ihres Volkes.



7.

Karell war viel abwesend. Er hatte mit der Verwaltung der Güter zu tun, sowohl seiner eigenen als mit denen, welche die Großmutter noch von väterlicher Seite in Schlesien besaß. Herta hatte es sich als selbstverständlich gedacht, mit ihm durch die Felder und Wälder zu kutschieren, weite Ritte nach entfernten Vorwerken zu unternehmen. Trotz ihrer geistigen Beschäftigungen war sie sportlich trainiert und auch häufig mit ihrem Vater auf die Entenjagd oder auf den Anstand nach einem Rehbock gegangen. Freilich war ihr dabei der Naturgenuß die Hauptsache gewesen. Sie liebte leidenschaftlich das verborgene Sitzen in der tauigen Morgendämmerung, in der die Vogelstimmen einzeln wach wurden – und das spannende Warten auf den Bock – bis er auf die grausilbrige Wiese heraustrat– umherwitterte– der scharfe Knall ertönte und der Schuß ihn niederstreckte.

Herta hatte oft mit großstädtischen Studiengenossen über die Berechtigung und das Vergnügen der Jagdleidenschaft gestritten. Sie fühlte, was dabei in den Menschen ausgelöst wurde an kräftigen Urinstinkten, und war nicht so sentimental, jede Art von Grausamkeit als unerträglich zu brandmarken, wie das junge Geschlecht der Städter es mit großspuriger Überhebung tat. Sie ahnte in solchen Momenten notwendige Auslösungen und vielleicht Ablenkungen dunkel gärender Gewalten, die sich, wenn unaufhörlich unterdrückt, andere gefährlichere Auswege suchen mochten. – Aber nun im Frühsommer war Schonzeit für das Getier, das seinen Familienfreuden oblag, und wie gern hätte auch Herta sich geschont, wenn es nur einen heiligen, fruchtbaren Sinn gehabt hätte. So wie die Dinge sich mit ihr gewendet hatten, kam sie mit ihren gescheiterten Hoffnungen sich oft nur vor wie eine unter die Macht des Mannes gebeugte, ihrer Jungfräulichkeit beraubte Amazone, der die Fähigkeit fehlte, ganz Weib zu werden. Nie redete sie mit Karell vertrauensvoll über ihr Leid, doch empfand sie in seinem kühleren, höflichen Wesen die schmerzliche Enttäuschung.

Auf der obersten Terrasse hatte sich Herta im Schutze der zinnengekrönten Mauer, die von Löwenmaul und blauen Glockenblumen überwuchert wurde, einen Arbeitsplatz herrichten lassen. Hier stand ein Tisch mit Büchern und Schreibgerät und unter einem großen roten Schirm ihr Liegestuhl mit Kissen und Decken. Sie fühlte oft unangenehm, wie wenig sie sich noch auf ihre Kräfte verlassen konnte. Schon ein langsames Hin- und Herwandeln zwischen den Blumenbeeten ermüdete sie. Sie schaute gerne von dieser Höhe aus ins Weite über die sanft geschwungenen Linien der Felder, die ferne sich erhebenden Türme kleiner Ortschaften, diese einfache deutsche Vorgebirgslandschaft, die ihr Heimat werden sollte und zu der sie immer noch kein Heimatgefühl sich errang. Zuweilen, wenn sie an die Mauer trat und die Terrassen hinabsah, die in jähem Absturz geradeswegs in den Tannenwipfeln der Schlucht zu enden schienen, kam ihr eine quälende Erinnerung. Dort unten, inmitten der kleinen Hütten mit den moosbewachsenen Ziegeldächern, lebte ein Kind – angstvoll gejagt zwischen dem Holzscheit, das die Mutter schwang, und der Gespensterfurcht vor der drohenden »swarten Olschen«. Baronin Herta hatte dem Kind Erlösung versprochen . . . Karell aber antwortete auf ihre Bitte um einen Holzzettel: »Das ist Großmamas Privatangelegenheit. Wenn ich dir raten darf, Liebste – kümmere dich möglichst wenig um diese Sachen – du kennst die Verhältnisse hier noch zu wenig. Deine großstädtischen, sozialen Ambitionen passen wirklich nicht aufs platte Land. Das sind ja alles leere Theorien!«

Baronin Herta schwieg. Vor vier Wochen noch hätte sie ihren Willen lebhaft und energisch durchgesetzt. Was war über sie gekommen, daß sie es nicht mehr vermochte? Sie konnte es nur mit einem Fremdwort bezeichnen: dégoût – am Leben, an ihrer Umgebung, an sich selbst.

Sie hob mit behutsamem Finger den Kelch einer der ersten sich erschließenden Teerosen und blickte auf dieses in seiner Frische so vollendete Gebilde von zartestem Gelb mit dem süßesten Rosaanhauch – oder sie atmete tief den üppigen Sommerduft, der in einer purpurnen, halb entfalteten Knospe schlief und in dem die ganze Fülle königlicher Naturgeschenke sich zusammenzudrängen schien . . . Sie dachte: Das ist schön – erkenne es – freue dich . . . Sie dachte es, ohne daß auch nur ein Hauch jenes vollen Glückes in ihrem Wesen aufging, den sonst jede Schönheit ihr geweckt hatte.

Die alte Baronin kam mit einem Manne, der das Aussehen eines ehrbaren Handwerkers besaß, von der »Schmalen Jungfer« über die Terrasse her und hinkte, auf ihren Stock gestützt, bis in die Nähe von Hertas Liegestuhl. Dort blieb sie stehen, ohne im mindesten von ihr Notiz zu nehmen, während der Mann die Mütze zog. Sie stieß mit ihrem Stock gegen eine der dicken alten Mauerzinnen, in der einige Steine lose geworden waren, und befahl: »Also dies hier wird noch in dieser Woche nachgemauert. Daß nicht der nächste Gewitterregen die Geschichte wieder zusammenreißt! Die ganze Ecke muß genau untersucht und ausgebessert werden. Ordentliche Arbeit, sonst soll  Sie der Deibel holen, verstanden?«

Der Meister gab die Versicherung, seine Leute am nächsten Tage zu schicken. Es werde aber mindestens eine Woche dauern, bis sie die Sache in Ordnung gebracht hätten, und würde auch viel Schmutz und Unruhe geben. Ob er nicht lieber warten solle, bis die Frau Baronin wieder gesund seien. Er blickte nach der jungen Frau, als erwartete er von ihrem Lager aus eine Bestätigung, doch schien sie nicht gehört zu haben und blickte aufmerksam in ihr Buch.

Der Maurermeister empfahl sich, die alte Baronin blieb stehen und sah auf die Liegende herab. Herta befiel ein Zittern, sie biß die Zähne aufeinander, die Schwäche zu unterdrücken, und fühlte doch, wie ihr Gesicht sich mit kleinen Schweißperlen bedeckte.

»Wie geht es der Prinzeß?« fragte die alte Dame ironisch, doch nicht gerade ungütig. »Die hohe Wöchnerin pflegen ja schon wieder herumzuspazieren!«

»Ich danke, es geht mir wieder gut,« sagte Herta und ihre Stimme klang spröde wie dünnes Glas.

Die alte Frau lachte, die tausend Falten und Fältchen in dem Greisengesicht verzogen sich so wunderlich, es bekam Ähnlichkeit mit dem Bilde eines japanischen Dämons der Schadenfreude.

»Was seid ihr für ein armseliges Gemächte, ihr modernen Weiber . . . Nicht mal ein Kind könnt ihr austragen! Wozu sind solche Puppen eigentlich auf der Welt?«

Herta hob den Kopf. »Ich denke, Großmama – wir wollen nicht untersuchen, wer an diesem Unglück die Schuld trägt. Ich wenigstens möchte es vergessen.« Scharf blickte sie der Alten in die Augen, einen Moment lang, so kurz wie eines Vogels Flügelschlag. Dann legte Herta sich wieder in die Kissen, nahm ihr Buch auf und las weiter.

»Deibelskröte – infames kleines Aas,« ließ sich die Alte vernehmen, nachdem sie die Enkelin eine Weile beobachtet hatte. »Zum Donnerwetter – viel Demut hast du nicht mit auf die Welt gekriegt. Das gefällt mir! Also: Wollen wieder gut Freund sein!«

Herta fühlte die kühle, harte Greisenhand leise auf ihren Scheitel klopfen. Da gab sie sich einen Stoß, richtete sich wieder auf und neigte zeremoniös ihre Lippen über die Hand der Großmutter.

»Ich danke dir!«

Die alte Baronin schien nicht den Wunsch zu fühlen, die Unterhaltung länger auszuspinnen. Ihre kleine goldene Pfeife, die sie an schwarzem Bande um den Hals trug und mit der sie ihre Dienerschaft herbeizurufen pflegte, gellte über die Terrasse. Der in einiger Entfernung herumlungernde Stefan sprang herzu.

»In den Obstgarten,« kommandierte die alte Dottumerin, schon wieder unwirsch. »Da wird meine Gegenwart wohl sehr nötig sein. Das Unkraut wächst wie toll! Verläßt man sich mal auf andere Leute, wird doch alles verludert.«

Stefan reichte ihr seinen stützenden Arm, und sie hinkte davon, ohne Herta eines ferneren Blickes zu würdigen.

Die blieb in Zorn und Scham zurück und lag mit schweren, kalten Gliedern unter dem sonnedurchglühten Schirm.

Freilich hatte sie den Obstgarten vernachlässigt. Was galten ihr jetzt die Früchte der Erde, da die Frucht ihres Leibes hatte vorzeitig verdorren müssen!

Der alte Haß stieg neu quellend mit bitterem Geschmack in ihr empor. Endlich ging sie ins Haus zurück und befahl Klara, den Schirm sowie den Stuhl und ihre Bücher hereinschaffen zu lassen, da in den nächsten Tagen die Handwerker auf der Terrasse zu tun haben würden.

Das notwendige Ergebnis dieser Unterhaltung war Hertas Erklärung an ihren Gatten, sie fühle sich wieder kräftig genug, an den allgemeinen Mahlzeiten teilzunehmen.

Seine Zufriedenheit äußerte sich in einer so knabenhaften Freude und Zärtlichkeit, daß Herta fühlte, ihr Herz erwärmte sich aufs neue für ihn. Wie konnte es anders sein unter dem Schauer seiner Küsse, unter der Sonne seines liebenswürdigen, spitzbübischen Lächelns, unter den an ihrem Ohr geflüsterten Beteuerungen von all der heimlichen Wonne, die er ihr bereiten wolle – o, sie solle wieder heiß und lebendig in seinen Armen werden, seine blonde, kühle Herta. Seine Augen glänzten während des ersten Abends, den sie bei der alten Baronin verbrachten, wie nächtige Sterne zu ihr hinüber, sein Fuß suchte unter dem Tisch den ihren, seine Hand glitt verstohlen an ihrer Hüfte entlang – er zeigte seine Verliebtheit ungeduldig und konnte nicht früh genug aufbrechen.

Vielleicht hätte der alte Rausch Herta noch einmal ergriffen, wäre nicht die Beobachtung der bösen, schwarzen Funkelaugen über ihr gewesen. Dieses hämische Lauern auf jede ihrer Bewegungen, die ein Gefühl verraten mochten. Und Bormann und der junge Stefan, die mit unbeweglichen Lakaiengesichtern hinter den Stühlen standen und doch in ihrer Erinnerung das Bild von Hertas Erniedrigung trugen. Immer kälter wurde es in ihr, es war, als ob sie von innen heraus erstarrte, so daß auch ihr Ausdruck, ihre Haltung immer steifer und abgeschlossener wurde. Mit harter Selbstüberwindung vermochte sie nur wenige Bissen der aufgetragenen Speisen zu sich zu nehmen. Im braunen Saal, der so kühl und süß nach Rosen duftete und über dessen alte Ledertapeten die durch die Bogenfenster strömende Abendsonne köstliche altgoldene Lichter malte, saß sie streng aufgerichtet in ihrem Stuhl und hörte mit einem fremden, kühlen Lächeln auf Karells Geplauder. Er bemühte sich; Stimmung zu machen – warum konnte sie ihn nicht unterstützen? Warum lähmte die Gegenwart der alten Frau ihr ganzes Wesen, so daß sie sich vergeblich auf eine freundliche Antwort, auf irgendeine kleine Geschichte besann, wie ein Kind sich auf vergessene Schularbeiten zu besinnen sucht?

Das Gesicht der Großmutter wurde immer frostiger, der lippenlose, dünne Mund zog sich verdrossen herab, die Augen waren wie kalte schwarze Steine in ihren braunen tiefen Höhlen. So verändert sich dieses Greisengesicht, wenn in dem rastlosen Hirn unter der schwarzen Haube eine Bosheit entsteht, dachte Herta und empfand mit Grauen, daß feine Schweißperlen ihre Stirn bedeckten. Hatte das Volk recht, wenn es der Alten übernatürliche Kräfte zuschrieb? Unsinn – nur schwach war sie selbst, elend schwach und hinfällig noch . . .

Karell kam ihr nun doch zu Hilfe.

»Du siehst müde aus, mein armes Kind, – so müde ist mein Kind,« sagte er sehr weich und streichelte Herta die Wange. »Großmama wird erlauben, daß wir uns zurückziehen . . .«

»Ja gewiß – ich bitte darum,« sagte Herta leise. »Ich habe mir wohl zu viel zugemutet.«

Er nahm sie in den Arm, und sie lehnte sich hilfesuchend gegen seine Schulter.

Die alte Baronin verfiel in ihr grausam-lüsternes Gekicher.

»Aha,« höhnte ihre greise Schamlosigkeit, »die geile Äffin kann die Zeit nicht erwarten zu ihren süßen Schweinereien!«

Herta stieß einen Wehlaut aus wie ein verwundetes Tier. Sie riß sich aus des Gatten Arm, sie lief durch den Saal, blindlings der Tür entgegen, nur Flucht konnte sie retten vor den Giftpfeilen dieses Hasses, die hinter ihr herschwirrten. Karell aber wandte sich gegen die Unholdin, die sich mit beiden Händen an den Lehnen ihres Sessels hielt und lachte, daß es sie schüttelte: »Wie sie plötzlich springen kann, die zarte Leidende!« Mit erhobenen Fäusten stürzte der Mann auf sie zu: »Wage es noch einmal, meine Frau zu beleidigen – ge – ge – gemeine Hexe du!« keuchte er in maßloser Wut. »Ich bin auch ein Dottum-Elend – weißt du das nicht?! Ich kann dich auch würgen, wie mein Vater dich gewürgt hat!«

»Wage es doch,« klang es ihm aus dem Greisenmund entgegen, »wenn du den Mut hast, dich an einem alten Weibe zu vergreifen – immerzu – ich wehr' mich ja nicht!«

»Karell – Karell! Komme zu mir – lasse mich nicht allein!« Der laute Angstruf seines Weibes aus dem Nebenzimmer brachte den Mann plötzlich zur Besinnung, er sprang in weiten Sätzen hinaus, fand Herta gegen die Wand lehnend, die Glieder fliegend im Zitterkrampf, große Tränen die weißen Wangen hinablaufend. Nie hatte er die Starke so von jeder Selbstbeherrschung verlassen gesehen. Der Anblick erschütterte ihn tief. Er nahm sie in die Arme, und sie wehrte ihm nicht. Während er ihr die zärtlichsten Trost- und Beruhigungsworte zuflüsterte, führte er sie hinweg aus diesem Bezirk des Grauens, hinüber in ihr reineres Reich. Hinter ihnen herrschte Schweigen.

In dem rosenduftenden, von der Abendsonne friedlich durchgoldeten, hohen Raum saß die alte Dottumerin in ihrem Lehnstuhl, den Kopf mit der Raubvogelnase auf die Brust gesenkt, ganz klein und zusammen geschrumpft, wie ein Winterblatt unter dem Eis. Sie stierte vor sich hin, murmelte und schimpfte leise, abwesenden Geistes, bis Bormann kam, die Lampe brachte und nach ihren Wünschen fragte. Aber sie hörte ihn gar nicht, und er ging erschrocken, ihre alte Jungfer zu benachrichtigen. Die Bäbenbrod brachte sie durch ihr Zureden so weit, sich in ihr Schlafgemach führen und entkleiden zu lassen.

»Heut nacht schlaf' ich nicht,« murrte die alte Frau. »Bleib' wach, Rieke, lies in deiner verfluchten Bibel, damit du nicht einschläfst. Und wenn ich dich rufe, reibe mir die Füße mit heißen Tüchern. Sie sind kalt. Das Alter kommt, Rieke. Man verfault von innen heraus.«

In Burg Dottum ging das Gerücht; die alte Dame sei ernstlich erkrankt. Wie es sich damit auch verhalten mochte, jedenfalls verließ sie eine Woche lang ihr Schlafzimmer nicht, und es durfte sie auch niemand außer der Bäbenbrod dort sehen. Als habe mit dem tyrannischen Geist der alten Frau, der für den Augenblick ausgeschaltet war, auch aller Zusammenhalt zwischen den Menschen plötzlich aufgehört, stand das Dienstvolk müßig umher, schwatzte, genoß seinen Feiertag oder zankte und keifte gegeneinander, je nach Alter und Laune. Die Losgebundenheit erstreckte sich bis in den neuen Flügel hinüber. Herta klingelte vergebens nach ihrer Jungfer und fand sie in traulichstem Geplauder und sehr nahe beieinander mit dem schönen Stefan auf einer Gartenbank. Sie erzählte es lachend ihrem Manne, denn etwas von diesem aufrührerischen Geist der Freiheit erfüllte sie beide ebenfalls. Sie ließen sich den Morgenkaffee auf die Terrasse bringen, von der Karell die Handwerker für diese Tage energisch verjagte. Sie machten lange Spazierfahrten in die Berge, ohne Diener, Karell kutschierte, um keinen Lauscher in der Nähe zu haben. Sie kehrten abends in einer alten Waldschenke ein und ließen sich einen Eierkuchen backen, ruhten auf dem harten Roßhaarsofa unter den Öldruckbildern des alten Kaisers und des Kronprinzen in blauer Dragoneruniform mit weizengelbem Vollbart. Sie saßen dort und lachten und sahen sich in die Augen, wie ein Liebespaar, das ein heimliches Stelldichein hat. Während der Wirt die ungeduldigen Pferde mit Brot und Zucker besänftigte, schlenderten sie weit hinaus in den dunklen, verschwiegenen, schwerduftenden Fichtenwald und vergaßen, was draußen lag und sonst ihre Herzen beschweren mochte. Herta wurde zur lockenden Waldnymphe, die sich hinter den Bäumen versteckte und mit leisem Ruf den Geliebten immer tiefer hineinzauberte in das grüne Dunkel, bis er sie faßte und sie ihm glühend in die Arme sank. Es war beinahe etwas wie Trotz in ihrer Liebesfreude, wie übermütige Auflehnung gegen die Macht, die ihnen das Schönste und Heiligste zu besudeln wagte.

Die Ferienzeit war kurz. Sehr bald hatte die alte Frau Lebenskraft genug zurückerhalten, um ihren Enkel an ihr Bett zu fordern. Er kam blaß und verstimmt zu Herta zurück und wollte nichts von der Zusammenkunft berichten. Daß er um Verzeihung gebeten wie ein geschlagenes Kind – nicht aus Überzeugung – einfach aus Furcht vor den schwarzen Augen, die ihn im Bann gehalten seit seiner Kindheit ersten Tagen, mochte er seiner Frau nicht gestehen.

Nun ließ die Alte ihn holen, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, wie die Laune es ihr eingab, und er gehorchte blindlings. Neben dem großen, geschnitzten Himmelbett mit den schweren roten Damastgehängen, in dessen weitläufigen Kissen die alte Frau lag wie ein kleines, wächsernes Gespenst, an dem nur die Augen lebten und aus all dem Weiß hervorglühten, saß der Enkel oft stundenlang und nannte sie mit alten Koseworten aus fernen Kindertagen. Er rieb leise die erstarrten Hände und küßte ihre Finger, nahm sie zwischen seine warmen Lippen wie ein zärtlicher Liebhaber, erfand tausend dumme kleine Geschichten, sie zu zerstreuen, zu erheitern, bis sie lachte, munter und lebendig wurde, ihre derben Späße machte, ihn fragte, was er sich wünsche, ihm eine englische Stute versprach, auf die er längst ein Gelüst gehabt, und die sie in ihrem Geiz ihm verweigert hatte. Auch streifte sie ihm einen wundervollen Siegelring seines Großvaters an den Finger, kurz, sie konnte sich nicht genug tun mit Liebesbeweisen. Ein unheimlich peinigendes Gefühl begann sich bei dem Manne einzunisten: es war ihm, als könne er von der geisterhaften, wilden Alten den Weg zu seinem Weibe nicht zurückfinden.

Sie ließ sich ankleiden, in schwere Seide und spanische Spitzen. Sie nahm die breite goldene Kette um, die Karell liebte, mit dem Kreuz von blutroten Steinen, die ihr das Aussehen einer jener märchenhaften vornehmen Äbtissinnen verlieh, welche das Zepter über eine Schar blutloser Nonnen wie über nervige Reisige und trotzige Mannen führten, vor deren Wink Könige sich neigten, und die eine widerspenstige Feindin in die unterirdische Höhle mauern ließen und lächelnd zuschauten, wie Stein auf Stein gefügt wurde, bis nur noch die jammervoll flehenden Augen der Gefesselten aus dem grausigen Verlies zu schauen vermochten.

So erschien sie in allen Prächten, auf die Schulter des Trabanten Stefan gestützt, im braunen Saal, wo man sich vor der Abendmahlzeit zu versammeln pflegte. Das geistreiche und hinterhältige Lächeln ihrer guten Stunden erhellte das schmale, gelbe Gesicht mit der scharfen Adlernase, als sie den Enkel liebenswürdig begrüßte. »Wir bekommen noch Gäste,« sagte sie und forderte ihn auf, zu raten, wer von ihr eingeladen worden sei, während sie Herta nicht zu bemerken schien.

Man hörte einen Wagen vorfahren, eiliges Flüstern und das Rascheln eines Seidenkleides. Karlemann und Anna von Oberwiesendorf traten ein und eilten auf die alte Baronin zu, die sie herablassend, aber doch freundlich begrüßte. Sie nahm Karlemann bei der Hand und führte ihn Karell entgegen.

»Da habt ihr euch wieder – Achill und Patroklus! Bist du zufrieden, mein Junge?« Und sie faßte den sich bewegt über ihre Hand beugenden Enkel mit der Linken in das braune Bürstenhaar und zauste ihn zärtlich.

»Du siehst, liebe Herta, ich brauche deine Vermittlung nicht, um meinem Karell eine Freude zu machen. Es scheint ja auch, als ob meine Einladungen immer noch wirkungsvoller sind als – die von anderen Leuten . . .«

»Verehrte Großmama! Ich bin begeistert von deiner Kunst, Menschen zu überraschen!« antwortete Herta gewandt.

Sie hatte gesehen, wie Karells braune Augen unter Wasser standen. Nein – er sollte heut abend das Glück, den Jugendfreund wiederzuhaben, rein genießen! Kein Zug ihres Gesichtes, nicht der leiseste Hauch im Ton ihrer Stimme sollte ihn die scharfe, bittere Gereiztheit spüren lassen, von der ihr ganzes Wesen erfüllt war. Sie küßte sich mit Anna so herzlich, als sei auch ihnen beiden das köstlichste Hoffen erfüllt.

Selbst Baronin Annas in der Umgegend vielberühmte Plauderkunst kam heut abend nicht zur Geltung, so glänzend unterhielt die Großmutter die kleine Gesellschaft. Es funkelten ihre Augen und saugten sich mit den Blicken leidenschaftlichster Liebe an Karells schönem, jungem Männerantlitz fest. Sie legte ihm die besten Früchte auf den Teller, sie bedachte auch Karlemann nicht karg mit Zeichen ihrer Huld. Die beiden jungen Frauen waren gleichsam ausgeschaltet – es schien, als seien sie überhaupt nicht vorhanden.

»Kokett ist die Alte, – dagegen kommt die Jüngste nicht auf,« flüsterte Anna Herta ins Ohr, als man sich erhoben hatte und in den braunen Saal zurückkehrte.

Herta machte ein warnendes Fingerzeichen – die Großmutter hatte ein für ihr Alter verblüffend feines Gehör, ewig durch Mißtrauen geschärft. Doch schien sie diesmal gar nicht nach der Frauenseite hingehört zu haben. Karell mußte sich auf ein Kissen zu Füßen ihres Lehnstuhls niederlassen, sie kraute sein braunes Haar, zupfte ihn am Ohr und spielte mit ihm wie mit einem Kinde oder einem verwöhnten Lieblingstier. Sie hatte ein Glas Wein getrunken, das feine Elfenbeingesicht überzog eine zarte Röte, und die Schmeicheleien, die Karell ihrem Aussehen freigebig spendete, waren nicht ungerechtfertigt. Eine geisterhafte, unwahrscheinliche Jugend schien einzig durch einen überwältigenden Willen in den absterbenden Greisenkörper zurückgerufen und sprühte wie griechisches Feuer aus den Augen, aus allen Bewegungen der merkwürdigen Frau.

Man sprach nur von Familienangelegenheiten und Erinnerungen, von denen die beiden jungen Gattinnen nichts wußten und nichts kannten.

Karell strahlte. »Heut war die Großmutter doch anbetungswürdig,« sagte er zu Herta, als sie durch die leeren Säle der »Schmalen Jungfer« in ihr Gebiet zurückwanderten. »An solchen Tagen könnte man alles für sie tun – und ich frage mich wahrhaftig zuweilen –«

»Was fragst du dich, Lieber?« sagte Herta sanft.

»Nein – das ist nicht in Worten auszudrücken . . . Und es liegt ja auch nur so in der Stimmung.«

Da hielt sie es für besser, nicht zu forschen. Es gelang ihr auch einzuschlafen, ohne daß eine Träne das Gitter der Wimpern verlassen hatte.



8.

Die Vettern freuten sich unbefangen ihrer wiedergewonnenen Kameradschaft. Sie ritten viel zusammen aus, zeigten sich gegenseitig die Resultate landwirtschaftlicher und viehzüchterischer Versuche, besprachen eifrig Erfolge und Mißerfolge.

Diese beiden Männer, die seit frühesten Kindertagen in ihrer ganzen Existenz von den Launen einer alten Frau abhingen, hatten sich beide viel Gleichmut angewöhnt, indem sie die freundlichen Tage als unerwarteten Sonnenschein genossen und die schlimmen über sich dahinrauschen ließen wie einen Gewittersturm, nach dem es doch auch einmal wieder heller werden muß.

Männer gewöhnen sich eher in einen solchen Gleichmut hinein als Frauen, die mitten in den heiteren Stunden meist noch an den bösen zu tragen und zu überwinden haben.

Herta beobachtete, wie lebhaft sich der Verkehr zwischen Anna und der Großmutter gleich nach der ersten Annäherung gestaltete. Es verging kein Tag, daß die Oberwiesendorferin nicht drüben vorsprach oder die Kinder mit irgendeiner Aufmerksamkeit für die Großmutter sandte.

Zwar erklärte die alte Baronin bei jeder Gelegenheit, kleine Mädchen seien ihr eklig wie halbausgebrütete Küken, und Hertas Jungfer berichtete ungefragt, die Kinder hätten sich heulend geweigert, zur Großmutter hineinzugehen, seien indessen von der Erzieherin durch große Stücke Schokolade bewogen worden, ihre Furcht zu überwinden.

Herta hatte Mitleid mit den Kleinen, sie konnte sich gut vorstellen, wie unheimlich die alte Frau auf die kindliche Phantasie wirken mußte. Gern hätte sie die blonden Dingerchen beim Verlassen des großmütterlichen Reviers zu sich herübergeholt, um mit ihnen zu spielen und zu tollen.

Nach kurzem Besinnen ließ sie es bleiben. Wer konnte wissen, wie ihre Einmischung aufgefaßt werden würde!

Herta sah die alte Baronin, auf Annas Arm gestützt, häufig auf den Terrassen umherhinken, sie hörte ihr scharfes Lachen über Annas Späße bis zu ihr herauftönen. Die beiden Damen plauderten aufs vertraulichste miteinander, und Herta fragte sich zuweilen, welche Themen ihnen wohl so reichen Stoff bieten konnten.

Ein Thema hatten sie freilich gemein, an dem Herta nicht das mindeste Vergnügen gewinnen konnte. Das waren die Vermögensumstände der verschiedenen Familiengruppen sowie der Nachbarn und Freunde. Schon in Genf suchte Anna bei jeder neuen Pensionärin zuerst einmal zu erforschen, wieviel Geld ihre Eltern besaßen und ob sie Erbonkels oder ebensolche Tanten besaß. Bei jedem Geschenk fragte sie zuerst nach dem Preis und schätzte die Gabe danach ab.

Herta hatte zu ihrer Entschuldigung stets angeführt, daß Anna, aus armem Hause kommend, in steter Verlegenheit war, um das Nötigste, was die gesellschaftliche Stellung von ihr forderte, zu beschaffen. Da war es nur zu verständlich, wenn ihre Gedanken sich viel mit Geldfragen beschäftigten.

Herta Schlobzien war es stets gut ergangen, sie bekam, was sie wünschte, und ihre Wünsche gingen niemals über den guten Geschmack und eine vornehme Einfachheit hinaus. Wollte sie einer Bekannten helfen, so stand ihres Vaters Kasse ihr stets offen. Sie hatte wirklich kein Recht, über andere abzuurteilen.

Aber jetzt fragte sie sich doch zuweilen, ob dieses gierige Interesse am Gelde überhaupt, am eigenen wie am fremden, wie es ihr bei der Großmutter entgegentrat, nicht der Ausdruck einer tief eingewurzelten, gefährlichen Geistesrichtung überhaupt sei. Einer Richtung, die ihr selbst fremd und beinahe unverständlich blieb, so sehr es sie sonst lockte, alle menschlichen Eigenschaften zu durchdenken und zu verstehen.

Hin und wieder kam Anna zu ihr herauf und – sie konnte es nicht ableugnen – erfreute sie mit ihrem leichten Geplauder. Sie wußte, daß Anna wieder ein Kindchen erwartete. Vielleicht fühlte sie sich aus diesem Grunde so ganz als Siegerin.

Mochte sie es! Herta dachte in diesen Tagen wenig an den Erben von Burg Dottum und die Güter der Großmutter in Schlesien. Sie bangte um ihr innerstes Herzensglück, um den Grundbau ihrer jungen Ehe. Die Wärme zwischen ihnen, jenes leuchtende Glück der kurzen Ferien war zerronnen, wie ein schöner Freudentag schnell dahingeht.

Karell ließ es sie empfinden, daß er enttäuscht war – weil die Großmutter sie nicht mehr mochte.

Herta fühlte sich von dem ungerechtfertigten Mißtrauen der alten Frau auf Schritt und Tritt umgeben. Daß die Dienstboten von der Alten ausgehorcht, jede ihrer Bewegungen, jedes ihrer Worte drüben berichtet wurde, hatte sie ja nun schon an untrüglichen Zeichen erfahren. Sie wußte kaum noch, ob ihre Briefe nicht der Spionage unterlagen, und begann sie stets selbst zur Post zu tragen, weil sie auch ihrer Jungfer nicht mehr traute, seit sie sie von der jungen, strammen Männerschönheit Stefans betört wußte.

Karell sprach sich nicht aus – wie er sich niemals aussprach. Oft verriet nur ein Zucken der Schulter, eine Handbewegung, ein Seufzer seine Mißbilligung.

Herta fühlte sie trotzdem grausam deutlich, fühlte, wie kühle und kühlere Schatten sich zwischen sie beide senkten. Sie war höflich gegen die Großmutter, zu einem Mehr konnte sie sich nicht überwinden.

Karell machte der Alten seit jenem Versöhnungsabend geflissentlich den Hof. Die halben Nächte blieb er im braunen Saal, wenn seine Frau sich längst zurückgezogen hatte. Er spielte mit der wenig Schlaf bedürfenden Greisin Karten oder Mühle und schlich dann auf Zehen in sein Schlafzimmer, wo die Gattin in festem Schlummer zu liegen schien.

Er zog sie nicht mehr, wie an jenem ersten Abend, verlangend und sehnsüchtig in seine Arme – er streckte sich seufzend, zuweilen vor sich hinbrummend, an ihrer Seite aus und schlief schnell ein.

In diesen Tagen empfing Herta den Brief einer Studienfreundin, die ihren Besuch ankündigte. Es war eine alte Verabredung, und Herta freute sich ihrer.

Doktor Brandhöfer würde einen frischen Zug aus der Welt draußen nach Burg Dottum bringen. Sie war gescheit und gesellig. Es verlangte Herta, einmal mit ihr über allerlei gute unpersönliche Dinge zu plaudern, als da waren Kunst und Poesie und philosophische Themen.

Ihr eigen Leid, an dem doch nichts mehr zu ändern schien, für kurze Stunden in den Hintergrund ihres Denkens schieben zu dürfen, kam ihr wie eine Erlösung vor. Sie meinte auch, sie könne es später wieder objektiver betrachten und einen Ausweg finden, der ihrer verstörten Seele jetzt nicht sichtbar werden wollte.

Sie ging mit einem gewissen frischen Mut und mit fröhlichem Gefühl zu der alten Baronin hinüber, um sie zu fragen, ob ihr der Besuch genehm sei und welches der Fremdenzimmer sie für Fräulein Doktor Brandhöfer herrichten lassen dürfe.

»Was geht mich dein Besuch an?« knurrte die Dottumerin unwirsch. »Bring' ihn unter, wo du willst, ihr habt ja drüben Raum genug – das ist deine Sache! Frag' mich nicht um jeden Dreck!«

»Da ich leider in dem Hause meines Gatten nicht die Verfügung über Weißzeug und Küche habe, »antwortete Herta, durch den unliebenswürdigen Ton heftig gereizt, »so mußt du schon entschuldigen, wenn ich wegen dieses Dreckes zu dir komme. Ist es dir unlieb, Doktor Brandhöfer hier zu sehen, so kann sie auch im Wirtshaus unten im Dorfe wohnen.«

»Quatsch,« grollte die alte Dame. »Sei nur nicht gleich so empfindlich. Sie kann ja kommen, dieses Fräulein Brandstänker.«

»Brandhöfer,« verbesserte Herta.

»Also Brandhörner – oder wie du willst – wenn sie nett und pläsierlich ist, kann sie ja ein ganz aufmunterndes Element zwischen euch langweiligen Stieseln sein! Wende dich an die Bäbenbrod, die wird das Nötige besorgen.«

Herta dankte und wollte sich zurückziehen, als ihr die Alte nachrief:

»Du, hör' mal, deine Jungfer – das freche Aas – auf die solltest du ein wachsameres Auge haben – ewig ist sie hier drüben um den Weg! Ich lasse mich nicht ausspionieren. Treffe ich sie noch einmal hier an den Türen horchend, bekommt sie ein paar Ohrfeigen und fliegt hinaus!«

Herta erschrak.

War das Einbildung der Alten – oder war das Mädchen, das ihr bisher einen guten Eindruck gemacht hatte, in irgendeiner Weise gefährlich? Oder nur neugierig und verliebt?

»Ich werde Klara scharf vornehmen . . . Vielleicht klärt sich die Sache harmlos auf!« sagte sie ernst.

»Papperlapapp, ich hab' meine Augen im Kopf! Dies Gelichter brauchst du mich nicht kennen zu lehren. Schick' sie fort, die Dirn, sag' ich, kurzen Prozeß! Ohnehin ist mir ihre Visage widerlich und das zimperliche Zofengetue. Schaff' dir ein dralles Dorfmädel an, der du eine 'runterhauen kannst, wenn sie frech wird.«

»Daran bin ich nicht gewöhnt,« sagte Herta.

»Ach was, so eine Ohrfeige tut keinen Schaden und erleichtert,« lachte die alte Frau. »Ihr in der Stadt seid auf dem Punkt blödsinnig verzärtelt.«

»Ein Dorfmädchen könnte mir nicht leisten, was mir Klara leistet, »meinte Herta nachdenklich. »Ich bin an sie gewöhnt und war bisher mit ihr zufrieden.«

»Halte dein Gesinde wie du willst,« grollte die alte Dottumerin, und ihre Augen blitzten schon wieder in bösem Zorn. »Mich geht's nichts an, jeder mag ausessen, was er sich einbrockt! Hier bei mir dulde ich sie nicht mehr!«

Herta ließ das Mädchen kommen und verhörte sie.

Klara gab zu ihrer Überraschung sofort zu, an der Tür der alten Baronin gehorcht und durchs Schlüsselloch gesehen zu haben.

Als Herta ihr die Ungehörigkeit solchen Betragens vorhielt, antwortete das Mädchen: der Stefan sei ihr Bräutigam, und sie hätte ein Recht zu wissen, was die alte Baronin mit dem jungen Kerl angäbe, die Leute in der Küche und im Dorfe redeten Abscheuliches.

Das Gesicht ihrer Herrin erstarrte in Strenge und Kälte.

»Wie können Sie auf diesen widerlichen Klatsch hören, Klara – ich hätte Besseres von Ihnen geglaubt. Geben Sie sich weiter mit diesen Geschichten ab, muß ich Sie entlassen.«

»Ach Gott,« rief das Mädchen, dem die Tränen in die Augen sprangen, »das werden mir gnädige Frau doch nicht antun! Ich hab' doch gnädige Frau immer verehrt und stets aufmerksam bedient!«

»Gewiß, das Zeugnis werde ich Ihnen auch ausstellen – aber ich will ein für allemal keine Dienstbotenzänkereien oder ungehörige Liebschaften in meiner Umgebung.«

»Gnädige Frau, ich hab' mir mit dem Stefan nichts zuschulden kommen lassen. Er will mich heiraten, und er meint ja, die alte Frau Baronin würde ihm schon einen guten Posten auf ihren Gütern geben – hier oder in Schlesien, und ein Häuschen mit Garten.«

Herta schüttelte lächelnd den Kopf über die Phantasie des Volkes.

»Liebe Klara,« sagte sie nachsichtig, »ich fürchte, Sie verkennen die Sachlage vollständig. Jedenfalls ist der Weg, den Sie eingeschlagen haben, wohl nicht der richtige, um die alte Frau Baronin günstig für Sie zu stimmen.«

»Ja,« gab das Mädchen zu, »es war wohl dumm von mir. Wahrhaftig – ich – ich geb's zu – ich war eifersüchtig.«

»Klara – –! Die Frau Baronin ist über achtzig Jahre alt!«

»Gnädige Frau – die mit ihren Augen – die kann noch den jüngsten Kerl verhexen. Das sagen sie ja alle.«

Ihre Stimme wurde leise und geheimnisvoll vor abergläubischem Schauder.

»Der Stefan hat mir selber gestanden: ›Wenn die wollte, könnte sie mich zu einem Mord anstiften!‹ Und was seine Mutter ist – die hat ihm selber gesagt, er wäre ein Enkel von der Frau Baronin und solle nur fordern – er würde schon manches kriegen!«

»Jetzt hören Sie auf, Klara,« rief Herta scharf. »Kein Wort weiter von diesem Schmutz. Sie haben in den Zimmern der alten Frau Baronin nichts zu suchen, werden Sie noch einmal drüben betroffen, sind Sie sofort entlassen. Gehen Sie nun und wagen Sie es nicht, die Frau Baronin in meiner Gegenwart zu beleidigen.«

Klara senkte die Wimpern und wandte sich zum Hinausgehen.

An der Tür hielt sie inne, sah nach Herta zurück und flüsterte: »Ich seh' doch auch, was gnädige Frau zu leiden haben!«

Schnell war sie entschwunden. Herta hielt es für besser, das letzte Wort nicht gehört zu haben. Das Mädchen mußte entlassen werden. Bei der nächsten Dienerin würden dieselben Ungelegenheiten beginnen. Herta gestand sich, daß ihr die Stellung des schönen Stefan und die Art, in der die Großmutter mit dem Untergebenen verkehrte, immer fatal gewesen war. Sie hielt es nicht für ausgeschlossen, daß er verwandtschaftliche Rechte an die alte Frau geltend machen konnte. Wie moderdunstig stieg es um sie her bei jedem Schritt aus dem Boden, der ihr Heimat werden sollte. Was würde sie noch erfahren an Abscheulichkeiten? –

Und sie hatte stets, solange sie lebte, im Klaren, Reinen geatmet – –

Lange saß sie still in ihrem Stuhl am schmalen, hohen Fenster des alten Bauwerks und blickte vor sich nieder, versunken in mancherlei Gedanken.

Träume, Pläne und Hoffnungen, Befürchtungen stiegen auf, verschwanden wieder – nichts, was in ihr entstand, konnte sich formen, Schmerz, Ekel, Sehnsucht wogten wie große Wolkenmassen, die vom Sturmwind getrieben werden und jeden Augenblick ihre Umrisse wechseln, gestaltlos durch ihre Seele. Nichts wollte Macht gewinnen, kein Gefühl sich aus dem anderen heben und die Kraft des Willens gewinnen.

Sie sah keinen Weg durch die Wirrnisse, die vor ihr lagen, und hob die Augen traurig, verzagt zu dem Bilde ihres Gatten auf, das an der Fensternische hing statt des von Passionsblumen umrahmten Spruches: »Aus tiefer Not schrei' ich zu dir«, dessen Umriß sich noch durch einen dunklen Schatten auf der grauen Seidentapete verriet.

Die Photographie war für sie gemacht worden, das Männergesicht mit den feinen, etwas müden Zügen trug den schwülen Ausdruck in den Augen wie ein Bitten um Gnade, ein Ausdruck, der so ernst unter den Lidern und so eigen hinterhältig in den Mundwinkeln wohnte.

Herta wußte, daß sie diesem Blick gegenüber wehrlos war – preisgegeben, wie Opfer einer Gottheit preisgegeben werden, die sie nicht kennen. Und indem sie sich in Karells Antlitz vertiefte, stieg aus ihm schon wieder dieselbe Betäubung auf, die sie zugleich ersehnte und fürchtete. Denn sie war dann kaum noch Herta Schlobzien, ein Mensch mit Verstand und Willen; ein Eigener, sondern nur noch ein Teil von jener Macht, die völlig unpersönlich die Welt bewegt – ein Teil des allgewaltigen Geschlechtes, umgetrieben und vorwärts gestoßen, zu Taten und Handlungen und Ergebungen, die ihr im Grund wesensfremd waren, bang schauerlich, wenn auch beglückend.

Sie wußte aber schon: Gab sie sich blindlings diesen Mächten hin, so war sie hier auf Burg Dottum ein verlorener Mensch, so verloren und zertreten wie nur die arme Jutta . . . Doch der leitende Faden aus diesem Labyrinth von Empfindungen – der war ihr entschlüpft, und sie ahnte, das Suchen nach ihm würde die Aufgabe ihrer nächsten Jahre bilden.



9.

Margarete Brandhöfer gehörte zu jenen modernen Weibtypen, in denen alle Instinkte und alle Vitalität aufgezehrt und in Anspruch genommen scheinen vom Geistigen, in denen jedoch das Herz der Frau, unberührt von allem Ringen der Individualität, sehnsüchtig und weich geblieben war. Und dieses Herz, das von Männern kaum begehrt wurde, hatte sie in aller Stille, und ohne Aufhebens davon zu machen, Gräfin Herta Schlobzien geschenkt. Sie wußte, daß Gräfin Herta niemals und zu keiner Zeit ihre Neigung auch nur annähernd in gleichem Maße erwidern würde. Sie erwartete und verlangte das auch gar nicht. Sie sah in der schlanken, aufrechten blonden Herta eine jener Erscheinungen, wie Kunst und Dichtung sie uns überliefert haben, in den florentinischen Büsten Verrocchios und Donatellos, in den Lustspielgestalten Shakespeares – sie nannte sie gern Porzia oder Rosalinde. Sie berauschte sich in der Vorstellung, wie leidenschaftlich die junge Gräfin mit dem feinen hellroten Mündchen, der etwas zu hohen Stirn, um die das seidene Haar sich bauschte, den rassigen, beweglichen Nüstern der langen, geraden Nase und den schmalen, nervösen Händen von Männern geliebt werden mochte, obwohl sie Philosophie studierte und die griechischen Dichter im Urtext las.

Margarete Brandhöfer war entzückt, weil hier einmal angeborene geistige Begabung und erworbene Wissenschaft nur wie ein sonderlich besticktes Kleid dem Geschlecht doppelte Reize verliehen, gewissermaßen zur Dienerin der Erotik wurden. So sollte es sein bei der Frau, dachte sie, die Härtere, Unbegehrte, und konnte mit einem tiefen ästhetischen Wohlgefallen der Freundin nachblicken, sich ihres vornehmen Ganges und des leichten, sicheren Schrittes der Füße mit den feinen Fesseln freuen. Sie genoß das alles beinahe wie ein männlicher Kenner von Frauenschönheit, sie labte sich daran, wie am Dufte köstlichen alten Weines oder frisch gebrochner Früchte.

Auf Gräfin Hertas geistige Produktion blickte sie ein wenig mitleidig, und was die Doktorwürde betraf, so meinte sie bei sich, in gewissen Fällen sei es ganz natürlich und begreiflich, wenn die Herren Examinatoren keine allzu schweren Fragen stellten.

Karell und Margarete Brandhöfer standen sich gut während der Brautzeit. Er spürte und schätzte das Herzliche und Gerade in der Gelehrten.

Gerne hatte er ihr zugehört, wenn sie ihm die Vorzüge des umworbenen und geliebten Mädchens schilderte.

»Ich habe nie geglaubt, daß ein Weib ein anderes so neidlos anerkennen könne,« pflegte er zu sagen. »Freilich, die Brandhöfer ist ja eigentlich gar kein Weib – aber ein famoser, anständiger Kerl!«

Ein vermittelndes Element zwischen ihm und Herta war gerade jetzt nicht unwillkommen. So trat er der Freundin seiner Frau mit liebenswürdig heiterer Kameradschaft entgegen.

Der Gast brachte die Kunde einer schauerlichen Tat mit auf die Burg. Auf den Bahnhöfen hatte man die Nachricht des Fürstenmordes von Serajewo ausgerufen. Etwas Dunkles, gewaltig und unheimlich Dräuendes schob sich plötzlich vor alle persönlichen Beziehungen, ließ sie vor seinen gespenstischen Formen zusammenschrumpfen und gleichgültig werden.

So empfand es Fräulein Doktor Brandhöfer, die mitten aus den Tagesereignissen kam.

Es erstaunte sie, daß Herta und auch Karell, der Mann, nicht stärker durchschüttelt wurden.

Die Großmutter höhnte über die Bande da unten im Balkan.

»Ein verfluchtes Aas, der kleine Gymnasiast« – meinte sie wohlgefällig, »möchte den Bengel wahrhaftig kennenlernen! Die Österreicher nehmen den Serben ihr Land, und die Kerls lassen sich's nicht gefallen. Ganz recht! Warum denn! Ich würde auch schießen, wenn man mir das meine nehmen wollte.«

Eine lebhafte Debatte über die Berechtigung politischer Meuchelmorde entspann sich. Die alte Dottumerin verteidigte ihren Standpunkt mit wunderlichen Paradoxen.

»Der Kleine hat wenigstens ganze Arbeit gemacht, das gefällt mir,« meinte sie schmunzelnd. »Wenn diese alte, langstielige Erde mal wieder in Zuckungen gerät – desto besser! Aber ihr sollt sehen, Kinder – alles wird mit Tinte und Papier wieder zusammengeschmiert. Die feige Hundsbande versteht nicht mehr, sich zu rächen, wie sich's gehört! Gewinsel und Gesabber, wohin man sieht und hört!«

Auf Karells Wunsch schickte sie Botschaft an die Nachbarn sowie an die Oberwiesendorfer und lud zu einem Diner, Hertas Freundin zu Ehren. Sie unterhielt sich gerne mit ihr, war zynisch und witzig. Daß sie den bürgerlichen Namen zu allen möglichen und unmöglichen Variationen verdrehte, nahm ihr Doktor Brandhöfer nicht weiter übel, auch daß sie am Ende bei der »Brandstifterin« hängenblieb. Herta mußte ihres ersten Abends auf Burg Dottum denken, als ihr Gast sich in allen Tönen der Begeisterung über diese wundervolle alte Frau äußerte.

»Ja, sie ist in ihrer Art ein Phänomen,« bemerkte sie kühl.

Doktor Brandhöfer horchte auf. Ein Ton unendlicher Müdigkeit klang an ihr Ohr, Herta war nicht mehr die alte, welche sie vor einem Jahr gekannt hatte. Margarete war gekommen, sich im Glück zweier Herrennaturen zu sonnen – war die Ehe auch hier schon die große Enttäuschung geworden? Sie fühlte einen Schmerz, als habe man ihr persönlich wehegetan. Aber sie konnte und durfte nicht fragen. Sie wußte, Herta war die letzte, welche einer Freundin den Eintritt zu den geweihten Geheimnissen ihres Reiches gewähren würde.

Die Säle der »Schmalen Jungfer« öffneten sich, Sonne und Luft zu trinken und für einen Abend ihren öden Modercharakter zu verlieren. Die eingehüllten Kronleuchter warfen die Gazebehänge ab, funkelten in tausend Prismen und gelben Lichtern. Die Ölgemälde der huldvollen Könige waren vom Staub gesäubert, und die Bilder der alten Barone und Baroninnen von Dottum-Elend blickten von den Wänden mit den zerschlissenen, unschätzbaren Tapisserien auf eine gewählte und sehr elegante Gesellschaft herab.

Die alte Baronin machte die Gastgeberin in feudalster Weise. Hatte man ihre krächzende Rabenstimme fluchend und schimpfend durchs Haus wettern hören, hatte der Krückstock manches Mal heftig den Boden gestampft, und war das Dienervolk mit verstörten Gesichtern, die Mädchen mit rotgeweinten Augen, durch die Räume und treppauf, treppab gejagt – heut zeigte sich Burg Dottum im Glanz von Silber und Kristall, von Blumen in goldenen Prunkschalen auf spitzenüberdecktem Damast als ein prunkvoller und beinahe heiterer Herrschaftssitz.

Man aß viele und gute Dinge von allen Enden der Erde, man trank schwere Weine vom Rhein und aus Burgund sowie den herben französischen Sekt. Man machte viele Scherze über den bevorstehenden Krieg und fragte neckend die Baronin Karell, ob sie ihren Gatten zur Front zu begleiten denke, und in welcher Verkleidung. Beinahe alle diese Männer mußten im gegebenen Falle sofort einrücken oder ihre Söhne ziehen lassen – aber es hätte für im höchsten Grade unanständig gegolten, irgendeinen Schimmer von Besorgnis zu zeigen. Im Grunde glaubte vielleicht auch niemand wirklich an die bevorstehende Gefahr, mit der sie spielten, die sie herbeiwünschten als einen frischen, fröhlichen, reinigenden Donnerschlag, ein schnell vorüberziehendes Wetter, danach die Welt nur um so fruchtbarer wieder blüht und grünt.

Herta hörte das erregte Reden nur mit dem äußeren Ohr. Ihre Phantasie kreiste um einen anderen Pol. Während sie zwischen den Gästen hin und her ging, die, in Gruppen auf den Terrassen verstreut, den Kaffee nahmen, hörte sie Bruchstücke eines Gespräches, das freilich kaum geführt worden wäre, hätte man geahnt, es erreiche die Ohren der Baronin Karell. Denn die alte, freundliche Landrätin von Erxleben, die mit dem Kammerherrn von Wendtropp plauderte, war ja als eine gütige und wahrhaft christliche Frau bekannt, und nichts lag ihr ferner, als Klatsch und Tratsch aufzurühren.

Sie sagte denn auch mit einer herzlichen und schonenden Stimme zum Kammerherrn, nachdem er sein Erstaunen geäußert hatte, sie bei einer so ausgesprochenen Gottesleugnerin zu treffen, als welche die alte Dottumerin doch in der Gegend bekannt sei:

»Wir  wollen uns nicht zum Richter über unsere Nächsten aufwerfen, lieber Wendtropp, und wenn einer alten Frau ihre drei Kinder genommen sind, und auf so schauerliche Weise, so kann man getrost sprechen: Das ist eine Unglückliche, und alles Weitere geht mich nichts an. Aber Sie haben ganz recht gehört, – – nach dem gräßlichen Verlobungsfest, das einmal hier gefeiert wurde, konnte ich mich jahrelang nicht entschließen, dieses Haus wieder zu betreten.«

»Gnädige Frau sind Zeuge der damaligen Geschehnisse gewesen?« fragte der Kammerherr überrascht. »Ich bin ja erst viel später in diese Gegend gekommen und habe davon berichten hören – und eben wie von einer unheimlichen, aber unwahrscheinlichen Vorweltsage!«

Der Kammerherr stand mit der Landrätin an eine der Mauerzinnen gelehnt, auf die er sein Likörgläschen niedergesetzt hatte, während er mit dem goldenen Löffelchen in der kleinen, gemalten Tasse rührte.

»Hat sich die Tochter des Hauses wirklich bei ihrem Verlobungsdiner vergiftet?« fragte er vorsichtig.

Die Landrätin machte nur eine bejahende Kopfbewegung.

»Es fiel uns allen auf, wie zum Erbarmen weiß das arme Kind aussah,« erzählte sie. »Und eine Beule hatte sie über dem Auge, so groß wie ein Hühnerei. Sie erzählte jedem, der es hören wollte oder nicht hören wollte, daß sie sich am Morgen an der Schranktür gestoßen habe. Nun, wir wußten ja von dem Jähzorn ihrer Mutter, und daß die Verlobung ganz allein ihr Werk war. Sie wollte das junge Mädchen möglichst bald aus dem Hause haben. Den Bräutigam fesselte wohl die Habgier nach dem reichen Besitze – sonderlich reizend war er nicht. Sehen Sie, dort wo die steile Steintreppe seitwärts hinunterführt, zum Park, dort hat man das unglückliche Geschöpf in Krämpfen zusammengekauert gefunden. Das Taschentuch hat sie in Fetzen gebissen, um nicht zu schreien . . .«

Herta trat zu den beiden, und sie verstummten, doch hatte die junge Frau die letzten Sätze noch gut gehört, ein warmer, rosenduftiger Luftstrom hatte sie zu ihrem Ohr getragen. Sie sagte irgend etwas Gleichgültiges zur Landrätin, nur damit dieses Gespräch nicht fortgesetzt werden sollte, und als könne sie so auch die Erinnerungen töten. Aber nun waren jäh in ihrer Phantasie Bilder lebendig geworden, verfolgten sie, wo sie ging und stand. Das schöne junge Mädchen, wie ihr Jugendbild sie zeigte, im bauschigen, rosafarbenen Kleide, einen Rosenkranz im Haar, die nackten Schultern nach vorn gezogen, die nackten Arme und Hände um die Knie geschlungen und den Kopf mit der Beule über dem Auge tief, tief darauf gepreßt . . . Dort unten, auf der bemoosten Stufe, die hinabführte in den feuchten, dunklen, modrigen Park, den keiner der Gäste gerne betrat, – dort hatte sie lautlos mit ihren Todesschmerzen gerungen – – damit sie nicht in letzter Stunde noch dem Leben zurückgegeben werde. Das war vor vierzig Jahren geschehen – aber Herta schien, als könne es nur gestern gewesen sein.

Als Margarete Brandhöfer besorgt den Arm um die Freundin legte und liebevoll fragte, ob ihr nicht wohl sei, sie sähe blaß und ihre Augen blickten zerstreut, meinte Herta ablehnend: was sie heute von Mord und Kriegsvorbereitungen gehört hätten, wäre wohl genug, um die Heiterkeit zu töten. Sie log mit Bewußtsein, denn wie ferne lag ihrem Fühlen jener Mord in Serajewo, und an einen bevorstehenden Krieg glaubte sie nicht.

Etwas in ihr erwachte, ein Ahnen von Dingen, die geschehen mußten, und die sie doch nicht denken konnte.

Mehrere Tage vergingen in angeregten Gesprächen, in Fahrten über Land und Spaziergängen in die grünen Bergtäler. Hertas Hoffnung, der Freundin Kraft werde die auseinanderstrebenden Elemente ihres kleinen Kreises wieder mehr zusammenschmelzen, schien sich zu erfüllen. Die Großmama hatte sogar ein entschiedenes Wohlgefallen an Doktor Margarete. Als es sich ergab, daß deren besonderes Studium die französischen Enzyklopädisten waren, offenbarte die alte Dame eine erstaunliche Kenntnis dieser Philosophen – rezitierte ganze Seiten aus Voltaire und Diderot und lachte mit ihren krächzenden Vogeltönen vor Vergnügen über das Erstaunen der Zuhörerinnen.

»Ihr Jungen denkt jetzt, man muß durchaus auf die Universität gehen und nachschreiben, was der Professor sagt, mitsamt seinen blöden Witzen. Vater hatte die Bücher in seiner Bibliothek, und in den langen Wintern auf dem Lande habe ich sie gelesen – beim Licht einer Unschlittkerze – einfach vor grausiger Langeweile – habe mir meine eigenen Gedanken darüber gemacht – und was ich schon vom Menschengelichter sah und hörte, das hat die Verachtung und der Zynismus dieser klugen Alten nur bestätigt! Die Herren verstanden zu leben! In die Zeit vor der verdammten Revolution hätte ich hineingehört, wo Liebe und Philosophie so elegant zusammengingen und der Adel noch in Wirklichkeit herrschte, weil er die Gesetze gab und das Gesetz doch für ihn nicht gültig war, sondern nur für den Demos. Statt dessen geriet ich in den Pietismus, der hierherum in den fünfziger Jahren Mode wurde. Da haben mich die lieben Nachbarn freilich für eine halbe oder ganze Hexe ausgeschrien. Mir hat's diebischen Spaß gemacht, sie in ihrem frommen Wahn zu bestärken. Hätten die mich gerne verbrannt! Wieviel Sonntagnachmittage drohten mir eifrige Gottesmänner mit ihrem Gesabber zu verderben, hätte ich sie nicht mit ein paar saftigen Teufelsflüchen abgefertigt, daß sie sich nicht wieder auf Burg Dottum blicken ließen. Meine Dogge mochte sie auch nicht. Die Antipathie der famosen Bestie wurde mal so doll, daß die pastörliche Hose bei ihrem Angriff in Fetzen ging – so daß man mehr von dem behaarten Gottesmann zu sehen bekam, als mir lieb war, hä hä hä! Jutta geriet ja später auch in das fromme Gewese – sang mit den alten Weibern im Dorfe Lämmleinlieder und machte Versuche, mich zu bekehren. Das habe ich ihr aber ausgetrieben!«

Die Augen der Greisin blitzten in den tiefen braunen Höhlen, und sie schlug mit der dürren Faust auf den Tisch, daß die Teetassen klirrten.

»Sie hat's nicht mehr probiert! Der himmlische Bräutigam hat die kleine weiße Häsin auch bald zu sich geholt!«

Ein kalter, abgründiger Hohn klang durch ihre Worte. Und ein Schweigen folgte in dem Kreise.

Doktor Brandhöfer brachte das Gespräch sehr geschickt wieder auf ein allgemeines Thema.

»Hören Sie, Herta,« sagte sie später zu der Freundin, »diese alte Frau interessiert mich unbändig!«

»Sie sitzen ja auch den ganzen Morgen bei ihr drüben, »bemerkte Herta kühl.

»Welcher Ton, Liebste? Sollte ich das Glück haben, daß Sie einige Eifersucht an mich verschwenden?«

»Ach, Margarete – vielleicht hat es mich ein wenig gekränkt, daß Sie mich heut und auch gestern allein ließen . . . Aber Eifersucht . . . Margarete, ich sehe und fühle täglich, daß Eifersucht in des Teufels Küche gebraut wird – wie sollte ich ihr Herrschaft über mich einräumen?«

Margarete heftete die ernsten Augen hinter dem Kneifer auf das Antlitz der jungen Frau.

»Karell?« fragte sie vorsichtig.

Herta schüttelte den Kopf. »Es soll ja peinlich sein können, wenn Männer eifersüchtig werden, – peinlich und schmeichelhaft, »sagte sie mit einem sonderbaren, fremden Lächeln.

»Das meinte ich nicht. Haben Sie nicht verstanden, in welchem Ton die alte Frau von meiner Vorgängerin hier im Hause sprach?«

»Ja – sie scheint ihr nicht eben sympathisch gewesen zu sein – das war nach dem, was sie andeutete, wohl begreiflich!«

»Gewiß, gewiß,« sagte Herta ungeduldig, und eine flüchtige Röte färbte ihre Stirn. »Die Tochter mußte aus dem Haus, sobald sie erwachsen war, nur entzog sie sich der geplanten Vermählung durch Gift – die Schwiegertochter lief mit einem Liebhaber davon – sie lief davon, Margarete, weil die Alte ihr das Leben auf Burg Dottum zum Greuel gemacht hatte. O – die Alte von Dottum-Elend ist liebenswürdig– verführerisch liebenswürdig, solange als sie die Menschen für sich zu gewinnen sucht. Doch habe nur eine Sekunde lang einen Willen für dich . . . hei – da lerne die geistreiche Philosophin kennen!«

Herta sprach schnell und leidenschaftlich. Sie wand ihre dünnen weißen Finger ineinander, als leide sie körperliche Pein.

»Und Karell?« fragte Doktor Brandhöfer aufs neue, doch in einem anderen, bedeutend ernsteren Ton.

»Karell –,« wiederholte Herta, und nach einer Pause: »Sie liebt Karell . . . Das sagt alles.«

»Herta – wußte Ihr Vater nicht von den Verhältnissen hier?« fragte Doktor Brandhöfer.

»Er hat mir ernst und eindringlich von der Verbindung abgeraten. Ich war vierundzwanzig Jahre alt und bestand auf meinem Willen. Trotzdem ich Karell damals nicht einmal liebte – oder – nicht zu lieben glaubte,« verbesserte sie sich nachdenklich. »So verrückt und toll es Ihnen klingen mag, Margarete, diese sagenhafte Großmutter lockte mich. Wie ein Gaul, auf dem jeder Reiter verunglückt, immer wieder einen Käufer findet! Und so dürfte ich denn nicht klagen, ich habe mir ja mein Schicksal selbst erwählt!«

»Sie werden es auch bändigen!« rief Doktor Brandhöfer, und in ihrer Stimme glänzte die Bewunderung, die sie für die Freundin hegte und die das aufsteigende Mitleid überwand.

»Nur leider fühle ich mich nicht im mindesten zur Tierbändigerin geboren,« meinte die junge Frau melancholisch.



10.

Die beiden Damen gingen hinüber durch die nun wieder stillen und verhängten Säle der »Schmalen Jungfer« und die gewundenen Treppen hinauf, die aus diesem Teil des weitläufigen Gebäudes zur Wohnung der Großmutter führten.

Der offizielle Eingang durch die Halle und über die breite Prunktreppe wurde eigentlich nur von Gästen und bei festlichen Gelegenheiten benutzt.

Doktor Brandhöfer wollte sich aus der Bibliothek ein Buch holen, das die alte Baronin ihr empfohlen hatte.

Die Bibliothek lag neben dem braunen Saal und grenzte auch an das Schlafzimmer der alten Frau.

Während sie von der Wendeltreppe aus den Korridor des oberen Stockwerkes betraten, faßte Herta erschrocken Margaretes Arm. Sie war plötzlich schneeweiß im Gesicht.

»Hören Sie?«

Doktor Brandhöfer nickte.

»Um Gottes willen – ein Mensch in Not . . .«

Das Heulen, das durch die Wände zu ihnen gedrungen war, begann aufs neue, ein rauher Schrei dazwischen, ein Scharren von Füßen, ein Murmeln von Stimmen.

Herta rannte den Korridor entlang. Vor der Tür, die zum Eßsaal führte, fand sie das Dienstpersonal in einen Knäuel zusammengeballt, mit schreckerstarrten Gesichtern. Die Tür schien verschlossen, ein paar Männerfäuste hämmerten grimmig gegen das Holz. Die Stimme des jungen Stefan stieß greuliche Flüche aus. Vom Schlafzimmer her drang aufs neue das Heulen und Flehen eines Mädchens.

Herta horchte, die Hände geballt vor aufsteigendem Zorn.

Das war Klaras Stimme . . .

»Was geht hier vor?« fragte sie kurz und schroff.

»Dadrin ist er eingeschlossen von der Baronin,« platzte das Hausmädchen heraus, vor Aufregung in ein albernes Gekicher verfallend.

»Die Klara kriegt Schläge! Sie hat sie mit dem Stefan gefunden. O Gott – o Gott – o Gott, – die Alte schlägt sie tot!«

Ein neuer Schrei von drüben ließ sie schaudernd die Hände vors Gesicht schlagen und aufkreischen.

Auch die anderen Mädchen stöhnten und seufzten in Mitgefühl. Bormann hielt sich mit beiden Händen an einem alten Eichenschrank fest, vor Entsetzen stand sein zahnloser Mund weit offen, der Speichel floß ihm herab.

»Die Frau ist ja wahnsinnig geworden,« schrie Herta – »warum steht ihr hier, warum befreit ihr das Mädchen nicht?«

»Da kann keiner 'ran!« wurde ihr geantwortet. »Wenn die Frau Baronin ihre Wut kriegt – da kann keiner 'ran . . .«

»Das wollen wir doch sehen,« rief Herta und riß die Tür zum braunen Saal auf. »Ich lasse meine Jungfer nicht mißhandeln.«

Ein Angstgekreisch erscholl, doch keiner außer Doktor Brandhöfer wagte zu folgen, die unwirsch das jammernde Weibervolk beiseitestieß und dicht hinter Herta angelangt war, als diese die Bibliothek gekreuzt hatte und nun die Schlafzimmertür aufriß.

Zwischen umgeworfenen Möbeln, verschüttetem Wasser, zerbrochenem Porzellan auf dem Teppich sah sie die unglückliche Klara, zerrauft, verheult, das Gesicht mit Blut beschmiert, und über ihr die Alte mit der furchtbaren Wutfratze, die Herta kannte, die Spitzenhaube im Nacken, die spärlichen grauen Haarzotteln wirr um den Kopf hängend, die eine Hand wie die dürre Klaue eines Raubvogels in die Haare des Mädchens gekrallt, mit der anderen die Hundspeitsche über ihr schwingend.

Das Opfer gab, nachdem ersichtlich ein Kampf stattgefunden hatte, vor Angst und Schmerz jeden Widerstand auf und versuchte nur mit den Armen das Gesicht zu schützen.

Herta stürzte auf die Peinigerin zu, ohne ein Wort zu reden, packte ihren Arm und entriß der Überraschten blitzschnell die Peitsche. Doktor Brandhöfer hatte ihren anderen Arm gefaßt und versuchte die verkrallte Hand aus dem Haar des Mädchens zu lösen.

Zwischen den zwei zielbewußt und kaltblütig arbeitenden jungen, kräftigen Frauen war der Widerstand der wahnsinnigen Greisin schnell besiegt, sie hielten sie zwischen sich und riefen Klara zu, das Zimmer schnellstens zu verlassen.

Schluchzend raffte sich der unglückliche Haufen zerrissener Kleider, blutender, klappernder Glieder, zerzauster Haare zusammen und taumelte schreiend, schluchzend hinaus.

Herta hielt den dürren, muskelzähen Arm der Greisin und starrte ihr Auge in Auge.

»Noch eine Bewegung von dir, und in fünf Minuten ist die Polizei im Haus,« schrie sie ihr ins Gesicht. »Ich lasse meine Leute nicht von dir mißhandeln! Das Gefängnis oder das Irrenhaus, sobald du dich jetzt nicht gleich zu Bett bringen läßt und dich ganz still verhältst! . . . Bormann – –«

Der alte Diener erschien wankend in der offenen Tür.

»Man sende nach dem Arzt, damit er der Baronin Brom verschreibe, und Sie, Bäbenbrod, helfen ihr sich niederlegen.«

Die alte Frau war totenstill gewesen, während Herta ihre Befehle erteilte. Ihr Mund hatte sich zu einem schmalen Schlitz zusammengekniffen, die schwarzen, bösen Augen blickten tückisch aus ihren braunen Höhlen auf die blonde Enkelin, die sie überwältigt hatte. Sobald Herta sie aber losließ und sich mit Margarete schnell zum Gehen wandte, spie die Alte hinter ihnen her, und wie giftiger Geifer entfuhren ihr Schimpfworte von so abgründiger Bosheit, daß Herta und Margarete verzweifelt, als hätten auch sie den entwürdigendsten Schlag empfangen, zusammenfuhren und, von roter Scham übergossen, durch das um Klara bemühte Dienstvolk flüchteten, hinüber in Hertas gesicherte Räume.

Als die Stille dort sie plötzlich beruhigend umfing, sank Hertas Kopf auf Margaretes Schulter, und sie weinte laut.

»Nach diesem muß ich das Schloß sofort verlassen, »sagte Margarete, bebend vor Empörung. »Ich werde bis zum nächsten Dorfe gehen und mir dort einen Wagen besorgen. Herta – ich möchte Sie am liebsten mit mir nehmen.«

»Das ist jetzt unmöglich, »sagte Herta entschieden. »Nach dem, was die Alte da an Injurien von sich gelassen . . .«

»Sie haben recht,« murmelte Margarete und errötete aufs neue. »Mein Gott – Herta, –  sie ist doch wahnsinnig! Warum bringt man sie nicht in eine Anstalt?«

»Hätten Sie gestern, als Sie sich mit der Frau über Voltaire unterhielten, dieses Urteil gefällt? Sie ist sicher einer von den ganz gefährlichen Grenzfällen, die am meisten Unheil stiften, weil auch die Ansichten der Psychiater immer über sie geteilt sein werden. Wollten Karell und Karlemann nur wagen, sie in eine Anstalt zu tun – sofort wären andere Zweige der lieben Familie mit Anklagen und Prozessen bei der Hand! Eine Frau, die ihre Güter noch in der Hauptsache selbst verwaltet – und wie verwaltet! – eine Frau, der Millionen zur Verfügung stehen -- die kann schon sicher sein, daß der nächste Sachverständige, der von der Gegenpartei geworben ist, ihr schnell wieder die Tür zur Freiheit öffnet. Das möchte denn doch weder Karell noch Karlemann riskieren. Dazu haben diese Männer nicht die Nerven, meine Liebe!« 

Herta sprach unendlich bitter, während sie sich erschöpft in einen Lehnstuhl hatte fallen lassen.

»Bitte, drehen Sie den Schlüssel im Schloß, Margarete,« bat Herta plötzlich. »Man möchte hier sicher sein. Und wenn Sie noch Kräfte haben, geben Sie mir ein Glas Wasser.«

Margarete umsorgte die Freundin und versprach ihr, falls Klaras Zustand es gestattete, das Mädchen mit sich zu nehmen und sich weiter um sie zu kümmern. Nachdem sie verabredet hatten, daß Margarete in Oberwiesendorf im Gasthof einen Bescheid von Herta erwarten solle, drängte Frau von Dottum sie selbst zum Abschied. Es wäre ihr unerträglich gewesen, nach allem Vorgefallenen einem Wiedersehen von Karell und Margarete beizuwohnen.

Am Nachmittag fuhr der von Doktor Brandhöfer bestellte Wagen vor, der die verbundene und noch immer zu Tränen und Aufschluchzen geneigte Klara nach Oberwiesendorf bringen sollte.

Herta entlohnte sie reichlich, gab ihr als Andenken an sich selbst ein wertvolles Schmuckstück und versprach ihr ein weiteres Schmerzensgeld und die Vermittlung einer neuen guten Stelle, falls sie eine Anzeige bei den Gerichten unterlassen würde. Das Mädchen meinte, darüber müsse sie sich erst mit ihren Eltern beraten, aber sie sei ja nicht rachsüchtig und wolle der Frau Baronin keinen Schaden zufügen.

Herta war überzeugt, daß Klara ihr, trotzdem sie sie befreit hatte, so recht eigentlich nicht mehr traue, unterließ deshalb alle weiteren guten Worte. Es fand sich auch, daß die Jungfer niemals bei Doktor Brandhöfer eintraf, sondern den Kutscher bewog, zum Bahnhof einer anderen Ortschaft zu fahren.

Am Abend desselben Tages hatte sich auch Stefan von Burg Dottum entfernt. Mit ihm war sie wohl zusammengetroffen, und beide suchten gemeinsam ein neues Gestade für ihre fernere Lebenspilgerschaft. –

Wie immer nach solchen Jähzornsausbrüchen mußte die alte Baronin, erschöpft und verbittert, für einige Tage das Bett hüten. Die Bäbenbrod hätte manches über ihre mörderische Laune berichten können, wenn der Getreuen nicht längst die Lippen versiegelt worden wären.

Diesmal war es besonders gefährlich, mit ihr zu verkehren. Stefan, ihr verwöhnter Liebling, der an Geschenken ziemlich viel von ihr hatte erreichen können, dem nur Baron Karell, als legitimer Erbe, in ihrer Gunst die Wage hielt – Stefan hatte der bevorzugten Stellung in ihrem persönlichen Dienst und der Aussicht, einmal in ihrem Testament bedacht zu werden, ein wenig ansehnliches Jüngferchen und die Freiheit vorgezogen. Als die Tatsache der alten Dottumerin nicht mehr verborgen werden konnte, hatte es für eine Weile sogar mit ihrem Schimpfen ein Ende. Schweigsam lag sie in ihrem rotverhangenen Paradebett, und der Ausdruck ihres verfallenen gelben Gesichtes erweckte der an die Anfälle der harten Herrin gewöhnten Bäbenbrod ein unbehagliches Grausen.

Eine Woche lang wirtschafteten sie und ein altes Weib aus dem Dorfe, das als Besprecherin einen bedenklichen Ruf unter dem Landvolk besaß, mit Pflastern, Tränken und Einreibungen um die Kranke, die um keinen Preis einen Arzt zu sich gelassen hätte. Dann verließ die alte Dame ihr Lager und nahm ihr gewohntes Leben wieder auf. Man bemerkte, daß der kleine Kopf in der schwarzen Haube auf dem dürren Halse von einem beständigen Zittern erschüttert wurde, das vorher niemand an ihr beobachtet hatte.

Karell war nach einem heftigen Ausbruch der Großmutter stets verschlossen, ablehnend, in sich befangen. Seine Frau fühlte: es war die Scham, die ihn peinigte.

Durch diese Art Selbstschutz in Kälte und Hochmut wuchs auch die Entfremdung zwischen ihm und Herta.

Über die jähe Abreise von Doktor Brandhöfer äußerte er nur flüchtig: »Nun – sie paßte ja auch wenig in unseren Stil.«

»Besuch – Freundschaft paßt wohl überhaupt nicht in den Stil von Burg Dottum,« antwortete Herta traurig.

»So mag es schon sein, wenigstens endet es immer peinlich,« sagte Karell und blickte angespannt auf seine Zigarre nieder. »Übrigens, Herta, wenn du nichts dagegen hast, möchte ich mal hinüber nach Braunschweig zu meinem Regiment fahren und sehen, was eigentlich an diesen Kriegsgerüchten ist, die immer hartnäckiger auftreten. Man müßte doch gegebenen Falls seine Vorbereitungen treffen . . .«

Herta dachte erbittert: er hätte sie auffordern können, ihn zu begleiten. Daß er selbst jedesmal floh, sobald die Verhältnisse schwierig wurden, war ihr ja nun schon etwas Gewohntes.

Ein Entsetzen befiel sie, mit dem wilden, bösen Weibe allein gelassen zu werden – ihr gewissermaßen als Beute überantwortet . . .

Sie schloß für einen Moment die Augen und hätte gern geweint.

»Du siehst blaß aus, ist es dir nicht recht, wenn ich fahre, so sage es doch,« bemerkte er zögernd. »Nur – es schien mir notwendig.«

»Gewiß – gewiß – reise und bleibe, so lange du es für angebracht hältst.«

Er fühlte nichts, nichts von allem, was in ihr vorging.

»Meinst du nicht, daß du noch eine Kur brauchen solltest?« begann er wieder. »Deine Nerven scheinen noch nicht ganz hergestellt. Sieh, Herta – ich erwarte von dir den Erben von Burg Dottum!«

Er lachte unbehaglich, der schöne, schlanke Mann mit den Rehaugen, während er die Hand seiner jungen Frau spielerisch faßte und einen Kuß darüber hauchte.

Verrate ich ihm jetzt, wie mir zumut ist, gibt es eine Szene, die nie wieder gutgemacht werden kann, fuhr es Herta durch den Sinn, während sie rang, die aufquellende Erbitterung und alle Enttäuschung in sich zu verschließen.

»Ich werde mit dem Medizinalrat sprechen,« sagte sie obenhin, »zuerst müßten wir ja wissen, wie sich der Weltlauf da draußen gestaltet. Hoffentlich bringst du beruhigende Botschaft.«

So schieden sie. Denn als Karell in den Wagen stieg, der ihn zur Station fahren sollte, rief er vergebens nach seiner Frau. Es hieß, die Frau Baronin sei in den Park gegangen, und er hatte keine Zeit mehr, sie dort zu suchen.



11.

Der Sommer stand auf seiner Höhe. Als Herta heimkehrte, nachdem sie zwei Stunden lang planlos durch die bemoosten Parkwege und weiter hinaus in den tiefen Wald gelaufen war, wo die Hitze brütete, fühlte sie sich erschöpft und in Schweiß gebadet.

Sie ließ sich von dem Dorfmädchen, das Klaras Stelle in ihrem persönlichen Dienst zu vertreten hatte, ein warmes Bad bereiten und nahm frische Wäsche. Sie wählte nach kurzem Besinnen eine einfache Sportbluse und einen leichten grauen Kostümrock, obschon es auf den Abend zuging, wo sie meistens eine duftige Toilette anzulegen pflegte.

Sie ließ sich Tee, Brot und Butter und etwas kaltes Fleisch aus der Küche bringen und aß in ihrem Zimmer, ohne Freude, doch mit nervösem Heißhunger. Dann mußte das Mädchen die Sachen schnell abräumen und wurde von ihrer Herrin verabschiedet.

Herta sah nach der Uhr. Es war gegen Acht. Nun sie Karell ferne wußte, war sie entschlossen und voller Energie. Sie nahm aus dem Mittelfach des eingelegten Schreibtisches den Elfenbeinkasten, der das braune, in Leder gebundene Buch enthielt, dem die verstorbene Jutta in schweren Stunden ihre Gedanken und ihre Seelennot anvertraut hatte.

Noch war es hell und sonnig – nichts Gespenstisches oder Melancholisches hatte dieser goldene Abend, nur brummelte in der Ferne ganz leise ein Gewitter, das vielleicht an anderer Stelle sich entlud.

Herta zog sich einen Stuhl in die Fensternische und begann zu lesen. Jetzt sollte die Tote zu der Lebenden reden, Auge in Auge wollte Herta ihr unerschrocken sehen und sie allein um Rat befragen.

Sie blätterte eilig über die Leidenschaftsbeteuerungen, über die Schilderungen zärtlicher Szenen hinweg. Das alles war ihr bekannt. Sie hätte es selbst geschrieben haben können.

Wußten die Männer so wenig Varianten in den Äußerungen ihrer Liebesempfindungen?

Die Worte der Toten muteten sie gespenstisch an – so nah und zugleich so fern. Sie biß die Zähne in die Lippen – es gehörte ein sehr fester Entschluß dazu, um das Buch nicht von sich zu werfen.

Das Verhältnis zur Großmutter nahm, wie es Herta erwartet hatte, den gleichen, wenn nicht einen größeren Raum in den Aufzeichnungen ein. Es war ja auch von allen Beziehungen zu ihrem Mann gar nicht zu trennen.

Bitter klagte Jutta über die Anforderungen, die von der Großmutter an ihre Kräfte gestellt wurden, und in denen eine schonungslose Nichtachtung ihrer zarten Gesundheit zutage trat. Oft wirkte sie beinahe wie grausame Absicht.

Stundenlange Fahrten über Feld, in Sturm und Wetter, die sie mit der Alten im offenen Wagen unternehmen mußte, brachten ihr schwere Katarrhe und unaufhörlichen Spott über ihre Zimperlichkeit.

Schmerzlicher empfand Jutta die aufstachelnden Reden der alten Dame – die sie in dem Buche nur mit einem großen »A« bezeichnete.

Die Großmutter suchte der Enkelin die Überzeugung beizubringen, eine Natur wie die von Karell sei in der ehelichen Treue nur festzuhalten, wenn die Frau ihn niemals sich selbst überlasse. Und zugleich reizte es sie, den jungen Mann zu tollen Ritten und Jagdausflügen anzuregen.

Spannte Jutta, obgleich sie schon damals häufig leise fieberte, ihre Kräfte bis zum äußersten an, ihm dabei Gefährtin zu bleiben, und brach in der Folge zusammen, so höhnte die Alte diabolisch über ihre Schwäche und den kindischen Eigensinn Juttas, mit denen sie ihrem Rate gefolgt sei, statt selbst zu wissen, was sie leisten könne und wo ihre Grenzen seien.

Die alte Dottumerin flößte dem Enkel ihre eigene Verachtung gegen die Ärzte ein, und Jutta selbst wollte ja keine ärztliche Untersuchung – sie wollte gesund scheinen, auch als sie es längst nicht mehr war.

Einmal – ein zweites Mal wurde sie um ihre Mutterhoffnungen betrogen . . .

Herta legte das Buch nieder und schloß die nassen Augen. Das Mitleid brannte in ihrem Innern wie eine offene Wunde, die mit heißem Eisen berührt wird. So ähnlich war das, so schaurig ähnlich dem Selbstdurchlebten . . . Die unaufhörlichen, aus dem Nichts entstehenden Szenen, mit Geschrei und Fluchen und zertrümmerten Gegenständen – nur war die Großmutter damals noch behender auf den Füßen und kam in den neuen Flügel, wenn sie die Enkelin ihre Macht spüren lassen wollte. Das arme Geschöpf hatte bald keinen Winkel in der Burg mehr, wo sie sich vor ihrer Peinigerin verstecken konnte.

Einmal hatten die Dienstboten sie verraten, und die Großmutter zerrte sie aus einer Bodenkammer, wo sie sich, wie ein verängstigtes Kind, ein heimliches Plätzchen hergerichtet hatte, um zu ruhen, zu weinen, zu beten.

Klagte sie sich aus gegen eine Verwandte oder Bekannte, so trat ihr ein so ungläubiges Staunen entgegen, daß sie bald verstummte – und auf irgendeine rätselhafte Art erfuhr die Großmutter immer schnell von solchen Herzenserleichterungen, und sie bekam Ohrfeigen.

Einmal lief sie davon und verbarg sich bei einer Familie in der Nachbarschaft, doch diese fürchtete Ungelegenheiten und ließ sie heimbringen. Da stellte die Großmutter sie vor die Wahl, mit Schimpf und Schande aus dem Schlosse gejagt zu werden oder sich mit der Peitsche züchtigen zu lassen wie einen aufrührerischen Schulbuben.

Jutta wählte die Züchtigung und erduldete sie schweigend mit zusammengebissenen Zähnen.

Niemals erfuhr Karell hiervon, wie er denn das wenigste von den Quälereien ahnte, denen Jutta ausgesetzt war. Er wollte sie auch nicht sehen.

Das unglückliche junge Weib wußte nicht, wen sie hätte um Hilfe angehen sollen. Sie besaß keine Eltern mehr, keine Geschwister, die Großmutter war ihre gesetzliche Vormünderin.

»Sie wählte mich zu Karells Frau, weil sie wußte, daß ich nur ein kleines dummes Ding und ganz in ihre Hand gegeben war,« schrieb Jutta mit grausamer Klarheit. »Sie wird erst zufriedengestellt sein, wenn ich unter der Erde liege und sie ihren vergötterten Liebling wieder allein für sich hat. Sie liebt auf der ganzen weiten Welt nur diesen einen Menschen. Als kleines Kind hat sie ihn seiner Mutter fortgenommen, mit der sie um ihn einen jahrelangen Prozeß geführt hat. Aber sie hat ihm den Willen ausgesogen, der Vampir. Alle Männer von Dottum-Elend haben keinen Willen . . .«

– – – Herta hielt inne und dachte nach. – – –

Weshalb war sie gewählt worden, als die Frage nach dem Erben von Burg Dottum brennend wurde? War es geschehen, weil diese alte Frau nur eine Vernunftehe für den Enkel wünschte und die »Studierte« zu nichts anderem für fähig hielt?

– – – Man sandte endlich die todkranke Jutta nach dem Süden. Karell begleitete sie, kehrte aber schnell wieder in die Heimat zurück. Sie erholte sich unter den neuen Eindrücken ein wenig.

Als sie nach Hause kam, hatte sie ihren Mann verloren. Er hing einem hübschen Dorfmädchen an, und Jutta erfuhr, daß die Großmutter dieses Verhältnis in jeder Weise begünstigt habe.

Wenn die Bäbenbrod Baronin Jutta so gar eilig von allen vorgefallenen Dingen unterrichtete, geschah es auch wohl nicht ohne den Willen der »A!«, vermutete Jutta, denn sie hielt, indem sie sich zur Mitschuldigen machte, den Enkel wieder fest in der Hand.

In dieser Zeit kam der chinesische Missionar in das Dorf und begann seine Bibelstunden unten im Tal hinter den hohen Tannen, bei einem frommen alten Tischler in einem kleinen Kreise von Gläubigen.

Hier fand das vereinsamte, kranke junge Weib Trost und Hoffnung auf ein Ende ihrer Leiden, auf ein seliges Leben in himmlisch reiner Gottesnähe. Mit der ganzen Leidenschaft ihres Geschlechtes warf sie sich einer fieberhaften Buße, einer schwärmerischen Jesusliebe entgegen.

Das Beichtbuch war zuletzt nur noch ein Gestammel wirrer Sehnsüchte nach der Auflösung des Leibes und der Erlösung der Seele.

– – Wie allein das arme Geschöpf ihre letzten Qualen hatte durchkämpfen müssen . . . Nur das dürre Pferdegesicht, die Bäbenbrod, las ihr zuweilen Gesangbuchverse, wenn die nächtlichen Beklemmungen kamen und das Fieber sie verbrannte . . .

Aus Hertas Augen tropften viele Tränen auf die Seiten des Buches zu den braunen Flecken, die dort von den Tränen Juttas geblieben waren.

Es dunkelte – sie konnte kaum noch die Buchstaben entziffern. Dann saß sie lange still, die Hände im Schoß gefaltet.

Die Tote hatte zu ihr gesprochen, und ihre Seele war erfüllt von dem, was sie ihr kundtat.

Endlich erhob sich Herta, zündete Licht an und sah nach der Uhr.

Es war nun Zeit. Sie packte eine kleine Tasche mit Nachtzeug und den notwendigen Toilettegegenständen und legte das braune Buch dazu.

Einen Augenblick hielt sie ihre Augen auf ein Kinderbild ihres Mannes geheftet, das in silbernem Rähmchen auf dem Schreibtisch stand, sie ergriff es eilig und schob es, ohne weiter darauf hinzusehen, gleichfalls in die Tasche.

Sie war ganz ruhig, überlegte zuweilen, nahm einige Geldscheine aus ihrer Kassette, trat ans Fenster und prüfte die Witterung.

Der Himmel hatte sich bezogen, ein Regen raschelte auf die Bäume nieder. Sie nahm ihren Gummimantel, einen leichten Filzhut und den Regenschirm. Denn sie hatte eine ziemlich weite Wanderung vor sich, wohl gute drei Stunden. Sie wollte nicht auf der nächsten Station in den Zug steigen, wo jeder sie kannte, sondern bis zu einem größeren Ort gehen.

Sie hatte lange überlegt, ob sie Karell einen Brief hinterlassen sollte, aber sie entschied sich, ihm erst vom Hause ihres Vaters aus zu schreiben. Sie ging auch nicht aus der großen Haustür, die auf den Wirtschaftshof führte, sondern wählte die Glastür zur obersten Terrasse. Von hier aus stieg sie die schmale, moosige Treppe hinab in den Park. Die Stufen, auf denen die unglückliche Tochter der Großmutter bei ihrem Verlobungsfest in Todesschmerzen gekauert hatte. Dieser Teil ihres Weges war Herta fast unüberwindlich erschienen. Aber nun ging sie, vorsichtig, doch leicht und sicher die bröckligen Steinstufen hinab und fühlte nichts anderes in sich als einen harten Willen.



Zweiter Teil.



1.

Herta stand vor ihrem Vater.

»Mein liebes Kind,« sagte Graf Schlobzien bedächtig und strich mit der Hand über seine hohe, ungewöhnlich ausgearbeitete Stirn, »du weißt, daß ich mich immer freue, dich bei mir zu sehen. In unserem alten Haus bleibt deine Heimat. Selbstverständlich. Nur scheint mir der Zeitpunkt deiner Reise im Augenblick nicht glücklich gewählt. Eifrige Zeitungsleser seid ihr wohl nicht, ihr auf Burg Dottum. Habt ihr nichts von dem Ultimatum Österreichs an Serbien gehört? Das bedeutet den Krieg, liebe Herta –«

Die junge Frau zog die Brauen zusammen. »Auch ich habe ein Ultimatum zu senden, und es wird Krieg bedeuten, »antwortete sie, störrisch befangen in der fixen Idee ihres eigenen Geschickes.

Ihr Vater sah sie forschend an. »Wie sehr bist du doch Frau – trotz des Dr. phil.,« sagte er weich und mit einem freundlichen Lächeln.

Sie ist blaß und mager geworden, stellte er bei sich fest. Die Haut um den Mund hat etwas Gespanntes, die Backenknochen treten hervor, sie gemahnt ja fast an einen Totenkopf. Wie mögen sie dort mit dem armen Kinde umgegangen sein . . . Er seufzte.

»– – Du wirst mir alles erzählen. Du wirst hier mit mir auf unseren Kreideklippen sitzen und auf das Meer hinaussehen, wie an der Côte d'Azur liegt es in diesen Sommertagen, wie blaues Öl mit Funkelblitzen besät. Deine Nerven werden sich beruhigen – und dann werden wir entscheiden. Karell ist Oberleutnant der Reserve, er muß sofort einrücken, nicht wahr?«

Der alte Herr beobachtete seine Tochter scharf, indem er dies letzte aussprach. »Du würdest ihn in diesem Falle kaum noch sehen . . .«

»Für so nahe hältst du die Gefahr?« sagte Herta leise, als könne ein lauter Ton sie beschwören, noch näher zu kommen.

»Für sehr nahe – und für entsetzlicher, als die Menschen ahnen,« antwortete der Graf ebenfalls leise und mit tiefem Ernst. »Das wird ein Schrecken, wie die Welt noch keinen sah – unmeßbar – ohne Ende . . .«  Er blickte vor sich nieder, sein edles Gesicht war durchfurcht von schwerer Trauer. »Unser armes Vaterland!«

»Papa – so – so denkst du darüber –? Ja, bei uns sprachen die Herren wie von einem tollen Abenteurerritt, durch Belgien nach Frankreich – oder im Sturm auf Petersburg . . . Wir sind doch gerüstet, wir haben die herrliche Armee!«

»Die haben wir, Gott sei Dank,« bekräftigte der Graf mit einem Aufglänzen in seinen Augen. »Jeder wird sein Bestes tun! Nur seien wir uns klar: Es geht um die Weltmacht – um eine neue Teilung der Erde . . . Ein Ringen bis zum letzten Verderben . . . England hat dies seit vielen Jahren so vorbereitet. Seine eigenste Angelegenheit ist dieser Krieg! Old England wird ihm nicht fernbleiben, ob es nun heut oder morgen oder übermorgen eintritt – es wird die Stunde wählen, die ihm die geeignetste scheint – und der Engländer hält aus, bis er sein Ziel erreicht hat. Es gibt auf der Welt in keinem Volke mehr diesen konzentrierten Eigensinn wie bei den Angelsachsen. In Deutschland haben sehr wenige Menschen eine Ahnung, welcher Gegner uns erwartet – geladen mit kaltem Haß und Vernichtungswillen bis zum äußersten. – – Aber vielleicht ist es gut, daß sie's nicht wissen . . .«

Herta hatte die Hände gefaltet, erschüttert lauschte sie auf jedes Wort aus dem Munde ihres Vaters, von dem sie wußte, daß sein Blick weiter schaute und tiefer in die Wesenheit menschlicher und politischer Zusammenhänge eindrang als der der meisten seiner Standesgenossen.

»Ich spreche offen zu dir, Herta,« sagte der Graf nach einer Pause, in der er seiner Tochter Zeit ließ, sich zu sammeln. »Sonst pflege ich über meine Anschauungen der Weltlage, die von der der Mehrzahl ziemlich abweicht, zu schweigen. Doch scheint es mir wichtig, daß du gerade in deinem augenblicklichen unsicheren und bedenklichen Zustand dir klar wirst, daß wir mit einem schweren Feldzug von Jahren zu rechnen haben werden – – Und nun zu deinen Privatangelegenheiten.«

»Papa, »sagte Herta, »nimm es nicht als Mangel an Vertrauen, wenn ich über meine Ehe nicht sprechen kann. Was ich auch sagen würde, – es wäre immer in irgendeinem Sinne falsch. Meine Bitte geht nur dahin: Blättere heut abend dieses Buch durch. Es sind Bekenntnisse von Karells erster Frau. Hast du sie gelesen, so wirst du meinen Entschluß verstehen. Ich will von hier aus meinem Manne die Wahl stellen: ich oder die Großmutter. Er muß sich für eine von uns beiden entscheiden. Für immer. Kann er das Vermögen der alten Dottumerin – darum handelt es sich im Grunde – nicht aufgeben – nun, so bleibe ich bei dir und fürchte selbst einen Scheidungsprozeß nicht.«

»Du wirst kaum einen triftigen Grund zur Scheidung haben, will ich hoffen!«

»Wahrscheinlich zunächst nicht. Aber ich bin sicher – ich kenne Karell – wenn ich nur warten kann, wird der triftige Grund nicht fehlen.«

Bitter und kalt sagte sie das. Der Graf nahm ihre Hand und streichelte sie zärtlich.

»Mein armes Kind.« Da brach sie in Tränen aus.

Nachdem Graf Schlobzien Juttas Tagebuch durchgelesen hatte – es geschah noch in der Nacht, nachdem seine Tochter so unerwartet vor ihm erschienen war –, erklärte er sich bereit, selbst an seinen Schwiegersohn zu schreiben.

Er teilte ihm in ernsten und gehaltenen Worten mit, daß er seiner Tochter nach allem Vorgefallenen die Rückkehr nach Burg Dottum nicht wieder gestatten würde und ein Zusammenleben mit der alten Baronin für ausgeschlossen halte. Seine Tochter fordere, um erniedrigenden Szenen ein für allemal zu entgehen, einen eigenen, selbständigen Haushalt. Er stellte dem Baron Dottum zunächst seine Hilfe in Aussicht zum Erwerb einer Pachtung oder eines mäßigen Grundbesitzes, wo das junge Paar sich freilich auf einem bedeutend bescheideneren Fuße einzurichten haben werde, als es Karell auf Burg Dottum gewohnt sei. Von seiner Tochter könne er sagen, daß sie den häuslichen Frieden und eine ungehinderte Bewegungsfreiheit den größeren Verhältnissen bedeutend vorziehen werde – an ihm, Karell, sei es, sich zu entscheiden, was er wählen wolle. Der Graf flocht manches gute und kluge Wort ein in seine Botschaft und fühlte bei allem, was er schrieb, die Grausamkeit, die darin lag, den Mann, der in den nächsten Tagen in den Krieg ziehen  mußte, vor eine so folgenschwere Entscheidung zu stellen. Aber aus dem, was er aus Juttas Bekenntnissen erfahren, hatte er die Überzeugung gewonnen, nur eine harte Erschütterung könne Karell zur Klarheit bringen, wieviel ihm seine Frau und ihre Liebe wert sei.

Der Graf ging am Abend mit seiner Tochter am Rande des sturmzerzausten Buchenwaldes, und sie schaute auf die See hinaus, wie er es ihr verheißen, die See, die weißlich, mit lichtgrünen Bändern durchwoben und einem feinen Goldschein darüber, in der weiten Ferne mit dem Himmel zu einem zarten Lila zusammenschmolz. Solche friedevolle Farbenschönheit wurde weder von der Tochter noch vom Vater genossen.

Der Graf hatte einen reitenden Boten nach dem nächsten Ort gesandt um die Abendzeitung. Er las sie im Gehen. Es zog sich dräuender und gewaltiger das Gewölk rings um Deutschland zusammen, ein Aufklären der Atmosphäre schien kaum noch möglich.

»Wir können morgen den Kriegszustand erwarten,« sagte er ernst zu Herta, die mit beunruhigtem, nervösem Antlitz neben ihm ging. Den Tag über hatte sie sehen müssen, wie ihr Vater angestrengt und eilig arbeitete, Konferenzen mit dem Verwalter, dem Pfarrer, dem Ortsvorsteher abhielt, wie das Bevorstehende eine atemlose Unruhe, ein banges, leidenschaftliches Erwarten unter den Dienstleuten des sonst so stillen Vaterhauses schuf.

Ihr schlug das Herz hart und schmerzend in der Brust, es war ihr unsäglich quälend, sie war benommen von einem Schwindel, wirre Vorstellungen von Gefahren, die ihnen allen drohten, gingen durch ihre Phantasie und ließen sie doch im Grunde gleichgültig.

»Kommt es so weit, daß der Krieg erklärt wird, so melde ich mich als Krankenschwester,« sagte sie plötzlich und fühlte in diesem Entschluß eine Art Befreiung aus dem dumpfen Druck.

Ihr Vater sah sie wieder so eigen an. »Das wäre ein Ausweg – nur, ich meine – man sollte jetzt nicht Auswege suchen, sondern bereit sein zum Nächsten – Schwersten!«

»Was meinst du, Papa?« fragte sie beklommen.

»Ich habe an deinen Mann geschrieben. Die Entscheidung liegt nun bei ihm . . . Seltsam, wie sich überall Beziehungen finden zwischen den großen Weltgeschicken und den kleinen Einzelschicksalen der Familien. Immer wieder wirken die gleichen Kräfte verheerend gegeneinander. Die alte Tyrannin und Herrscherin will kein Atom ihrer Macht abtreten, die aufstrebende junge Macht muß sie bekämpfen, sie mag wollen oder nicht, so prallen die Gegensätze aneinander, und es gibt Funken und Feuer. Der Golddämon sitzt bei allem im Hintergrund und zieht die Fäden und freut sich seines Einflusses!«

»Darum muß seine Gewalt zuerst gebrochen werden,« rief Herta leidenschaftlich. »O, wie ich das fühle! Frei sein von der Gier nach Macht, nach Besitz – darin liegt die Erlösung, für den einzelnen, für die Völker! Vater, ich kann die Begeisterung nicht teilen, mit der die jungen Burschen singend durchs Dorf ziehen – hörst du sie – die Melodien klingen bis hierher. Schilt mich unpatriotisch – ich sehe nur, daß es Blut und Tod geben wird – daß Vernichtung über die Erde gehen wird – und warum – warum?«

Sie rang die Hände, ihr feines Antlitz verzog sich in Qual.

»Ich wollte, Kind, deine Nerven wären kräftiger, für alles, was dir bevorsteht,« sagte der reife Mann gütig. »Sieh, Herta – wir haben nicht mehr zu fragen, warum. Wenn morgen der Kaiser ruft, haben wir alle nur unsere Pflicht zu tun – denn nie noch war deutsches Wesen, deutsche Art in solcher Gefahr wie in diesen Stunden. Glaubst du nicht, daß ich mit dir traure über alle feine Weltkultur, die vernichtet wird? Aber es geht um unser Eigenstes, um unser Höchstes! Als Volk, als Nation! Indem du vorgestern dein Heim verließest, wußtest du da nicht auch: es ging um deine eigenste Art, um deine Seele? Meine Tochter wäre nicht aus dem Hause des Gatten geflohen und hätte sich das Odium von Leichtsinn und Abenteurerlust aufgeladen, wenn sie sich darüber nicht klar gewesen wäre. Zieh' einen Vergleich, meine Tochter! Vergleiche stimmen nie auf allen Punkten, und doch werden sie dir helfen zu verstehen, warum Deutschland jetzt in den Krieg muß – auf die Gefahr hin, verleumdet, beschimpft, gebrandmarkt zu werden!«



2.

Der Blitz fuhr nieder in Europas Mitte, und die Menschen wurden entsetzt bis ins innerste Mark. Der Donner rollte mit majestätischer Wucht über die Lande und dröhnte allen Lauen, allen Schwachen, allen Selbstsüchtigen das furchtbare Wort »Krieg« ins Gehirn, daß sie gelähmt vor Grausen in sich zusammensanken. Für die Mutigen, die Starken, die Tapferen wurde das Wetter des strafenden Gottes zu einer Fanfare, die sie aufrief, dem brüllenden Sturm zu stehen, dem Tode die Brust zu bieten, sich zu einer Mauer zusammenzuschließen vor dem bedrohten Vaterland. Und die Liebe war niemals flammender, niemals so glutbereit, sich das Herz aus der Brust zu reißen für die Brüder und Schwestern, wie damals, als der Haß von allen Seiten gegen sie die Waffen schwang und sein Gift speite.

Von Karell traf ein Telegramm in Schlobzien ein: »Bin in Braunschweig beim Regiment. In sechs Tagen rücken wir aus.« Das war die kurze Antwort auf seines Schwiegervaters langen Brief. Er fügte keine Bitte um ein Wiedersehen mit seiner Frau hinzu. Doch Herta kannte ihn – wie schwer er sich entschloß, das Letzte zu sagen. Hätte er nicht den Wunsch nach ihr gehabt, wäre keine Nachricht zu ihr gelangt. Sie war sofort bereit zur Reise.

»Ich wußte, du würdest gehen! Zähle in allen Dingen auf mich, »das war ihres Vaters Abschiedswort.

Im Unausgesprochenen verstanden zu werden – an einer Stelle der Welt sich fest verankert zu fühlen – das war mehr, als den meisten Menschen in diesen Tagen gewährt wurde. Doch empfand dies Herta nur im Unbewußten ihres Seins als eine schöne Sicherheit, als einen ruhenden Punkt in dem Schwall von Glück und Jubel, der ihr Herz gewaltig bedrängte. So stark hing ihr Gefühl doch noch an dem Manne, den sie glaubte zu verachten? Sie dachte, sie empfand, sie wollte nur eins: ihn noch einmal wiedersehen, ehe er mit den Kameraden dem Tod entgegenging. Und sie zitterte nur noch vor einer Gefahr: zu spät zu kommen. Die wild drohende Angst steigerte sich in ihr zu schneidenden, zerreißenden Schmerzen, sobald die Möglichkeit sich ihr aufdrängte, in dem Strom von Reisenden, von feldgrauen Soldaten, der sich von Norden her nach Deutschlands Mitte ergoß, der alle Züge bis zum Bersten füllte und eine kriegerische, tobende Unordnung in den ganzen Eisenbahnverkehr brachte. Lagen die Züge stundenlang fest, so meinte Herta, dies sei härtere Qual, als sie je zu tragen für möglich gehalten hätte. Und brauste der Zug weiter, saß sie eingekeilt zwischen schwitzenden Männern, jammernden Frauen, heulenden Kindern. Bäume, Häuser, Telegraphenstangen sah sie vor den bestaubten Scheiben vorüberfliehen und kam sich vor wie ein vom Sturmwind erfaßtes Saatkorn, das einem unbekannten Geschick entgegengewirbelt wird.

Die schöne kleine deutsche Stadt mit ihren Giebelhäusern und dem wuchtigen, efeubehangenen Burggemäuer in ihrer Mitte, mit ihren betriebsamen, vom Rauch der Fabriken erfüllten Außenvierteln, in der sich Vergangenheit und Gegenwart so seltsam traulich verbanden, war berauscht von dem heißen Feueratem des wilden Geschehens. Noch trug der Krieg ein schauerlich-festliches Gepräge, er zog einher unter dem Geläut der Glocken, dem Beifallsrufen der Menge, bekränzt von grünen Zweigen, betaut von Tränen der Begeisterung und des Opferwillens. Schreien, Singen, Rufen, schmetternde Musik brauste durch die Gassen. Beten, Singen und Orgeltöne hallten in den Chören alter Kirchen, der Marschtritt der blumengeschmückten jungen Mannschaften klirrte und dröhnte Tag und Nacht über das Pflaster.

Zu Pferde, neben seiner Kompagnie, unter den Offizieren, die bestaubt und müde vom Übungsplatz heimkehrten – so erblickte Herta ihren Mann vom Fenster des Hotels aus. Sie beugte sich vor und winkte mit dem Tuch. Da wurde einer der Kameraden aufmerksam, die Offiziere und der Oberleutnant von Dottum-Elend legten die Hand an den Husarentschako. Ein Lächeln ging über sein schmales, dunkles Gesicht mit der scharfen Adlernase, seine braunen Augen glänzten zu ihr herauf. Aber sie mußte noch manche Stunde warten, ehe sie ihn in ihre Arme schließen durfte.

Zwischen den finsteren Abgründen des Todes und aller Vernichtungsmächte feierten sie ein Fest des Lebens und der Liebe – drei Nächte lang. Denn der Tag gehörte dem Dienst, der Pflicht und riß sie auseinander. Herta, die mehr Zeit zum Denken hatte als Karell, der Soldat, mußte wieder fühlen, wie seltsam nächtlich und dunkel ihre Ehe doch immer gewesen und jetzt wieder blieb – ohne die gemeinsame Arbeit und Kameradschaft des hellen Tages, die erst aus dem Liebesrausch die Ehe schafft. Aber es durchflammte sie heiß und stark wie nie zuvor: Ihre Körper gehörten zueinander, verstanden sich ohne Worte in einem tiefen und geheimnisvollen Sinne der Natur. Sie verschmolzen, tausend Hinderungen des Verstandes entgegen, zu seligster Einheit und Harmonie.

In Karell fieberte ein heißes Begehren, die Stunden auszuschöpfen bis zu allen letzten Möglichkeiten, er war rücksichtslos, toll, wie sie ihn nie gekannt. Und wieder starrte er sie zwischen seinen Küssen mit blassem Gesicht, mit zusammengebissenen Zähnen finster, drohend an, oder er legte die Hände an die Schläfen und stöhnte laut.

Herta wollte die Frage aller Fragen nicht tun: Wie konnte es geschehen, daß ein Mann, der sein Weib so inbrünstig liebt, gegen die Gewalten der eigenen Familie – der Erinnerungen – des Besitzes so schwach und nachgiebig bleibt. Nein – sie fragte nicht, die Gewalt des Schicksals hatte ihr jede Zukunftsfrage von den Lippen gerissen – sie warf ihre bebende, todbereite Liebe blind und vernichtungssüchtig in die Flammen seiner Zärtlichkeiten. Sie ahnte, in diesen wildtraurigen, tiefseligen, dunklen Stunden dreier Nächte hatten sie beide das Schönste gekostet, was Menschen zuteil werden mag. Beide würden einen goldenen Schatz an Glück durch alle nahende Kälte und Finsternis tragen dürfen!

Erst am letzten Abend vor dem Abschied sprach Herta von ihrem Entschluß, sich als Krankenpflegerin zu melden. Da zeigte sich eine grenzenlose Bestürzung auf Karells Gesicht, und seine braunen Augen bekamen den hoffnungslosen Blick, der sie zuerst aus Mitleid zur Liebe verführt hatte.

»Ja, willst du denn nicht zurück nach Burg Dottum und in unserem Hause wohnen?«

»Karell – darfst du mir das zumuten? Wäre es auch nur weise von mir, so wie die Großmama nun einmal zu mir steht?« Sie sagte dies sanft, sehr liebevoll im Ton, und doch riß sie mit ihren Worten die Decke ab, die sie beide sorgfältig über die jüngste Vergangenheit gehalten hatten. Plötzlich stand erbarmungslos das böse Gesicht der Tatsachen vor ihnen.

Karell saß am Tisch, stützte den Kopf in die Hand und starrte bedrückt vor sich nieder. Herta sah, wie sein Gesicht mehr und mehr von Schatten der Sorge und der Qual verdüstert wurde.

»Ich habe dir noch nicht gesagt, daß die Großmutter einen Schlaganfall erlitten hat.«

»Karell – –?«

»Nein, nein, hoffe nicht zu früh,« sagte er bitter, »diese Natur ist nicht so leicht zu brechen.

Sie erholt sich schon wieder. Nur scheint es, daß die rechte Seite gelähmt bleibt. Du fändest nur noch eine Kranke . . .«

»War es der Schrecken über deine Einberufung?« fragte Herta leise.

Karell schüttelte den Kopf und schwieg.

»Karell – Liebster – wie siehst du aus – blick' mich nicht so an, Karell – ich kann's nicht ertragen!« Sie schrie es fast und kam um den Tisch, faßte ihn um die Schultern, drückte seinen Kopf an ihre Brust, strich ihm leise, beruhigend über die Schläfen.

»Süßer, Lieber . . . vertraue mir doch!«

Er schloß die Augen, während sie sich über ihn neigte.

»Wenn sie stirbt, bin ich ihr Mörder. Ach Gott – ich geh' ja in den Krieg, da gibt's viel Blut, – da kann ich auch meines dazutun.«

»Nicht – nicht, Karell. Es mußte einmal mit diesem wilden, wütenden Weibe so enden.«

»Warum durch mich? Warum muß ich dazu verdammt sein, andere zu rächen? Sie hatte mich doch lieb, sie hat mir so viel Gutes getan.«

»Und sehr viel Böses!« rief Herta leidenschaftlich.

»Ja, gewiß! Sie ist ja nicht gut. Nur – ich war doch nicht zum Richter über sie gesetzt – das war zu grausam.«

»Karell – was ist geschehen zwischen euch?«

Karell machte sich frei aus den Armen seiner Frau, stand heftig auf, ging im Zimmer umher. Herta folgte ihm besorgt mit den Augen. Und etwas in ihr triumphierte doch wie über einen Sieg.

»Frag' mich nicht, »bat er finster, »ich kann dir nicht Einzelheiten sagen. Als ich heimkam – dich nicht fand – keine Zeile von dir – da ist der Jähzorn über mich gekommen. Dies schauerliche Erbe von ihr . . . Ich sah nur, was sie mir genommen hatte. Ich bildete mir ein, gerade ich müßte über sie Gericht halten. – Ach, pfui Teufel . . . Pfui Teufel – – Sie war doch nichts als ein hilfloses Weib – – Diese drei Tage, die wir noch zusammen gehabt haben – die habe ich mir vom Herrgott erbeten . . . Nun weiß ich auch, ich bin zum Tod verdammt. – Ich habe ihm gesagt: Schenkst du mir das noch, will ich gehen! Er hat's angenommen. Mir ist es recht – wir müssen ja so enden – wir von Dottum-Elend.«

»Weine doch nicht, Liebste, du wußtest das ja, als du mich nahmst – oder nicht? Sieh, ich hab's gut, ich sterbe ja als Held fürs Vaterland.«

Er hatte leise, beinahe ohne Ausdruck gesprochen, nur in seinen letzten Worten lag ein kalter Hohn.

Sie saß auf dem Bett, auf diesem gleichgültigen Hotelbett, das ihre wilde Lust, ihr tiefes Entzücken in sich aufgenommen hatte, und schluchzte in heftigen Stößen.

Sie sah keine Rettung für ihn in dieser Stunde.

Und sie liebte ihn – ihr Herz war eine offene Wunde, blutend, zuckend im Schmerz um den schwachen und zügellosen Mann, dem sie so verbunden war, als sei er ein Teil ihres eigenen Leibes, ihres eigenen Herzens.

Sie erhob sich. In ihrem streng bis über ihre Füße niederfallenden weißen Nachtkleid, das helle Haar zu beiden Seiten des blassen Gesichtes mit den geröteten Lidern über Brust und Schultern hängend, die Hände über der Brust gefaltet, die Augen geschlossen – so stand sie und rührte sich nicht. Der Mann blickte zaghaft und erstaunt zu ihr auf: Betete sie – oder was ging in ihr vor?

Eine Ehrfurcht kam in sein Herz, wie er sie so anschaute und ahnte, daß sie kämpfte und sich doch nicht klar war, um welches Ziel der Kampf ging – und nur empfand, er müsse sie schweigend gewähren lassen.

Ihre Augen öffneten sich – sie blickte ihn voller Liebe und Freundlichkeit an, ihre Hände lösten sich und kamen den seinen entgegen, ihr Mund verlor den strengen, harten Zug und lächelte plötzlich heiter, war voll weicher Süße. Sie trat einige Schritte auf ihn zu, bis sie sich mit zusammengefügten Händen so nahe waren, daß Auge in Auge tauchen konnte. »Karell,« sagte Herta ruhig und klar, »liebster Mann, ich gehe zu ihr! Ich will ihr dienen und sie pflegen, damit du frei hinausziehen kannst, unbeschwert von dieser dunklen Reue, die dich quält. Ich nehme sie auf mich. Tag und Nacht, wenn du heimdenkst, wirst du wissen, daß du selbst auch daheim bist – weil wir doch ein Leib sind und ein Geist!«

Er hielt sie im Arm und küßte ihre Hände, auf die seine Tränen fielen.

»Herta,« flüsterte er, erlöst und tiefbewegt, »ich danke dir so sehr . . . Ich weiß, was es heißt, daß du mit deinem Stolz mir gerade dieses Opfer bringst.«

»Es ist kein Opfer mehr, Karell – es ist Notwendigkeit.«



3.

Das große Erleben des Abschieds war vorüber. Im Wagenabteil saß Herta von Dottum und fuhr der schweren Pflicht entgegen.

Ein Telegramm ihres Mannes hatte ihr das Fuhrwerk an die Station bestellt und Befehl gegeben, man solle ihre Zimmer im neuen Flügel für sie wohnlich machen. Sie trug gerichtlich beglaubigte Vollmachten mit sich, die ihr weitgehende Rechte einräumten. Sie war zur Verwalterin von Karells Eigentum bestellt.

Es bewegte Herta in tiefer Freude, daß er diese Vollmachten hatte aufsetzen lassen, als er noch nicht wissen konnte, ob sie zu ihm zurückkehren werde. So starken Glauben hatte er in ihre Liebe gehabt. Ja – das fühlte sie nun bis in den letzten Augenblick des Zusammenseins: er vertraute ihr schrankenlos, wie ein kleiner Junge seiner Mutter. Ein süß-bitteres Weh erfüllte Herta bei dieser Wahrnehmung. Es war nicht so, wie sie sich einst die Ehe vorgestellt hatte, in der sie, sicher geführt durch männliche Überlegenheit, den Frieden liebevoller Unterwerfung hatte fühlen wollen. Frieden ließ Karell sie sicherlich niemals kosten. Doch wuchs in ihr ein großer Wille, sein Vertrauen auf ihre Kraft nicht zu enttäuschen.

Sie hatte den geliebten Mann nicht zum Bahnhof geleitet, denn es wäre ihr unmöglich gewesen, im Gewühl der Menge von ihm Abschied zu nehmen. Doch nun, wenn die Militärzüge an ihrem Fenster vorübersausten, meinte sie immer unter den Feldgrauen auch sein Gesicht zu sehen, sie winkte mit beiden Händen, ihr Herz brannte in atemraubendem Weh und in stolzem, hartem Glück.

Der alte Hinrichs begrüßte sie respektvoll, als sie auf der Station den Wagen bestieg. Mit Veilchen und Maiglocken war der Sitz heut nicht bestreut.

»Wie geht's der alten Baronin?« war Hertas erste Frage.

»Die – die ist schon wieder auf den Beinen und krägel wie immer – die is so schnell nich umzubringen – na – natürlich, so wie früher is es noch nich mit ihr – und die Laune is auch nich die beste. Den Sanitätsrat hat sie zweimal 'rausweisen lassen – es war peinlich für den alten Herrn – ja – wir mußten ihn doch kommen lassen, der Herr Baron hatte es doch so streng befohlen. Das Koppkissen, das sie nach ihm schmiß, war ja auch man weich. Die Bäbenbrod hat dann gewirtschaftet mit ihre Pflaster, und der Barbier mußte ihr zur Ader lassen – die Besprecherin unten aus'm Dorf is auch dagewesen – is ja denn auch besser geworden . . .«

»So – so –,« antwortete Herta einsilbig. Hatte sie  auf andere Nachricht gehofft?

»Wie geht's dem Herrn Baron?« fragte Hinrichs, indem er sich auf dem Bock zurechtsetzte und sich eine Decke zur nächtlichen Fahrt um die Gichtbeine wickelte. »Der is woll gerne 'raus ins Feld gemacht – und es tut ihm auch gut, mal all den Ärger hinter sich zu lassen! Wenn sie'n uns man bloß nich totschießen!«

»Das wolle Gott verhüten, Hinrichs,« sagte Herta leise.

Die Sommernacht war schwül und erfüllt von schweren Düften. Ab und zu ging es wie ein Seufzen durch die Tannenwipfel, ein stärkeres Rauschen und wieder Stille. Herta dachte der Fahrt mit Karell, als sie von der Hochzeitsreise kamen – ein Gefühl grenzenloser Vereinsamung und Verlassenheit überwältigte sie bis zu Tränen. Sollte sie nun immer so allein bleiben? Und hatte doch vor einer Woche erst die Einsamkeit mit Bewußtsein gewählt. Jetzt bebte sie davor, in Angst und Schrecken, in großer Verzagtheit.

Sie schloß die Hände fest zusammen, und der uralte, ewige Menschenruf in die Nacht, in das Dunkel hinein, stieg auch aus ihrer Seele: »Gott, mein Gott – hilf mir! So du bist, offenbare dich in deiner Kraft!« – – –

Herta hielt es für geraten, sofort hinter der sie meldenden Bäbenbrod den braunen Saal zu betreten. Sie fand die alte Dame in der tiefen Fensternische, von der aus man einen Teil des Wirtschaftshofes überblicken konnte, in einem Lehnstuhl, in Pelzdecken und Tücher verpackt. Neben ihr auf dem breiten Sims prangte in weißen Porzellantöpfen eine erlesene Auswahl von Gloxinien mit ihren feierlichen purpurnen und tiefvioletten Kelchen.

Gute Wurfgeschosse hat sie bei der Hand, dachte Herta flüchtig, ließ sich indessen nicht abhalten, auch nicht durch den kalten Blick, den die Alte auf sie richtete, näher zu kommen und ihr mit tiefer Hofverneigung die Hand zu küssen, die weiß und leichenhaft auf dem Pelz lag. Die alte Baronin ließ es geschehen, doch ohne sie anzublicken.

»Karell hat mich mit seiner Vertretung beauftragt. Er ist gestern zur Front, nach Belgien.«

Herta hielt inne, sah fragend auf sie nieder. Die Alte bewahrte eine steinerne Ruhe, ihre schwarzen Augen, die noch tiefer in den braunen Höhlen versunken schienen, waren stumpf und gleichgültig.

»Großmama, »sagte Herta bewegt, »Karell bittet dich durch mich um Verzeihung für alles, was zwischen euch vorgefallen ist. Ich weiß nicht, was es war – aber – ich bitte dich auch um Verzeihung. Wir sind ja alle heftige Menschen . . .«

»Mische dich nicht in Dinge, die dich nichts angehen, dumme Gans,« knurrte die Alte wie ein bissiger Hund. »Lauf' deiner Wege – Weiber, die ihren Männern durchbrennen, gehören nicht nach Burg Dottum.«

»Großmama – ich habe mich mit meinem Gatten verständigt. Er hat mich mit seiner geschäftlichen Vertretung, auch mit der wirtschaftlichen Aufsicht betraut. Deshalb bin ich nach Burg Dottum zurückgekehrt.«

»So – nun da bleib' nur drüben in deinem Teil von Burg Dottum und wirtschafte von da aus, so viel du Lust hast. Sieh mal zu, wie weit du's ohne Geld bringst!«

»Das will ich auch,« sagte Herta mutig. »Aber, Großmama, du weißt besser Bescheid als ich, darum möchte ich deinen Rat und deine Hilfe haben!«

Die Alte lachte krähend auf.

»Leuten, die mir ekelhaft sind, steht mein Rat und meine Hilfe nicht zu Gebot,« schrie sie, und nun begannen ihre Augen, ihre Züge sich zu beleben. Der Haß, der alte Menschenerreger, peitschte das Greisenblut.

»Widerliche Kröte – vermaledeites Aas – willst mich hier herausekeln – das könnte dir so passen! Häh?«

»Nichts liegt mir ferner! Ich möchte dir nur zur Hilfe und Stütze sein!«

»Brauche keine Stütze – Satansdirne . . .«

»Großmama – warum beschimpfst du mich?« fragte Herta, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Wir haben doch beide denselben Mann lieb – und der geht jetzt hinaus in Gefahr und Tod – er steht nicht mehr zwischen uns . . .«

Die Alte zog die zahnlosen Mundwinkel zu einer schauerlichen Grimasse des Widerwillens herab.

»Mag er krepieren – was geht's mich an?« schrie sie auf.

Ihre Hand hob sich mühsam nach der silbernen Glocke, die neben ihr stand, und schellte heftig. Die Bäbenbrod erschien.

»Ich will mein Frühstück haben. Und sag' dem Esel da unten, daß er die Tür zum Hundestall offen gelassen hat, nachher geht die Jagd nach den Biestern wieder den ganzen Tag!«

Da zog sich Herta zurück, um zu gelegenerer Zeit wieder eine Annäherung zu versuchen. Keine starke Festung ergibt sich beim ersten Ansturm. –

So gesund, wie die alte Baronin vorgab, war sie bei weitem nicht. Jeden Morgen mußten Bormann und die Bäbenbrod den zur Mumie eingeschrumpften, leichten Körper der Greisin zum Fensterplatz tragen, von wo ihr Falkenblick hinunterging nach dem Hof und auf jedes Versehen der Leute paßte. Aber einer nach dem anderen von den Angestellten und den Knechten mußte sich bei ihr melden, empfing unwirsche Worte und einen Taler, ehe er ausrückte. Die Zurückbleibenden wurden doppelt streng gehalten. Der Inspektor war vorläufig reklamiert.

Er hatte lange Verhandlungen drüben im neuen Flügel mit Baronin Herta und ihrem Vater. Graf Schlobzien war, die Autorität seiner Tochter bei den Leuten zu stützen, für einige Tage nach Burg Dottum gekommen, ehe er nach Berlin ging, um seine Kraft der Regierung zur Verfügung zu stellen. Er hatte seine Karte der alten Baronin geschickt, war aber nicht vorgelassen worden.

»Es mag ja auch ganz überflüssig sein, mit dem alten, verrückten Weibe zu reden,« sagte er bekümmert. »Du hast dir eine schwere Bürde aufgeladen, mein armes Kind. Lieber sähe ich dich zwischen unseren braven Feldgrauen walten.«

»Ich weiß, daß ich hier nötig bin,« antwortete Herta freudig. »Seit ich die Verhältnisse gründlich mit Inspektor Meinicke durchgeredet habe, sehe ich, wie die Oberaufsicht der Großmutter eigentlich doch nur eine scheinbare ist, wie durch die zweigeteilte Herrschaft schon lange Zeit viel versäumt oder zurückgestellt wurde, um Konflikte zu vermeiden. Karell arbeitete ja stets mit gefesselten Händen. Das Band, das ihn lähmte, hat sie nun selbst zerschnitten – vielleicht bin ich die Veranlassung – aber wie dem auch sei – ich bin nun freier, und er wird es in Zukunft sein. Ganz als Neuling komme ich doch nicht in die Landwirtschaft – ich bin immerhin auf einem Gut aufgewachsen. Solange der verständige Meinicke bleiben darf, wird es schon gehen.«

Graf Schlobzien verließ seine Tochter, sicher ihres mutigen Wollens, keineswegs beruhigt über die Verhältnisse, in denen sie sich durchzukämpfen hatte und die durch die Erfordernisse des Krieges nach allen Richtungen erschwert wurden.

In die Gastzimmer des Mittelbaues der Burg Dottum zog Baronin Anna aus Oberwiesendorf ein mit dem Gefolge ihrer drei kleinen Mädchen, deren Fräulein und einer Jungfer.

Karlemann war eines Herzfehlers wegen vorläufig noch zurückgestellt. Es lag keinerlei Grund zu dieser Übersiedlung vor, denn auch in Oberwiesendorf forderte der Haushalt die Herrin. Doch die Großmutter hatte Anna zur Gesellschaft und Erheiterung herbeigerufen. Die Spitze dieser Maßregel richtete sich unzweideutig gegen Herta.

Herta bat die Oberwiesendorferin zu einer Unterredung herüber in ihre Zimmer und erhielt zur Antwort: die Großmama wünsche keinen Verkehr zwischen den beiden Flügeln. Eine gelegentliche Begegnung der beiden Frauen war trotzdem nicht zu vermeiden.

Herta redete Anna freundlich an.

»Wir sind auf Verständigung untereinander angewiesen,« sagte sie ihr, »beide wollen wir die Eigenheiten der alten Frau schonen. Sie ist krank, sie kann nicht regieren, und doch wollen wir ihr den Schein der Herrschaft möglichst zu bewahren suchen. Dazu brauche ich deine Hilfe, Anna! Sei nicht eigensinnig, nicht richterisch – umgürte dich nicht mit Moral wegen meiner Heimreise zu Papa. Du weißt selbst, daß man hier an einen Punkt kommen kann, wo die Nerven nicht mehr standhalten.«

Die sonst so lebhafte Anna fiel ihr nicht nach ihrer Gepflogenheit ins Wort, sie stand in einer ostentativ höflichen, kühlen Ablehnung vor ihr und lächelte mit ihrem schlimmsten süß-sauren Dropsgesicht. Da schwieg Herta, biß sich auf die Lippen und wartete einfach auf ihre Antwort. Die kam denn auch, in der gewähltesten Form und einer Sprache, die der ursprünglichen Natur der Baronin Anna so fremd war wie das chinesische Hofzeremoniell.

»Ich bin, Gott sei Dank, ein moderner Mensch,« sagte sie mit ihrer hellen Stimme. »Ich denke nicht an moralische Verurteilung. Immerhin möchte ich dich doch daran erinnern, daß du durch deine unmotivierte Flucht das Tafeltuch zwischen uns zerschnitten hast – nicht wir waren es. Jetzt erfülle ich nur die Wünsche einer schwachen, kranken Frau, ich finde gar nicht, daß es so schwer ist, mit ihr in Frieden auszukommen, wenn man nur Geduld und die rechte Liebe mitbringt.«

»Beides wünsche ich dir in reichem Maße, liebe Anna,« sagte Herta, die vor Erregung zitterte und mit flüchtigem Kopfneigen sich schnell entfernte.

Auch hier eine offene Feindin. Während sie die große obere Terrasse entlangschritt, um die Glastür zu erreichen, die in ihre Gemächer führte, kam schon wieder ein leises Lächeln über ihre ernsten Züge. Anna kämpfte den Kampf um das Erbe der Großmutter, um den künftigen Glanz von Oberwiesendorf, für den erwarteten Sohn.

Herta ahnte, daß sie selbst ebenfalls neuen Mutterhoffnungen entgegenging – vielleicht konnte sie deshalb Anna ohne Groll gerecht werden. Sie wollte ja auch für ihr Kind kämpfen – nur in einer anderen Weise! Und ganz gewiß nicht um dieses Erbe von Gold, an dem so viel Tränen und Flüche hafteten.

Ihr Herzblut klopfte vor Glück und Liebe, wenn sie dieses werdenden Menschleins dachte, das in allen Kriegsängsten und dem Wüten des Hasses, der die Welt durchtobte, still behütet von guten, warmen Empfindungen, sich bildete, wuchs und ward und einmal auf die Erde hinaustreten sollte als ein Erbe ihres heiligsten Wollens. Denn es durchschauerte sie oft ein unendlich tiefes, geheimnisvolles Wissen von den seelischen Kräften, die eine Mutter mit den Säften ihres eigenen Lebens dem Wesen, das sich unter ihrem Herzen formte, einzuflößen vermochte. Und Herta hütete jeden ihrer Gedanken, jede Empfindung, damit nichts Dunkles, Böses in ihr sich ausbreiten und der kleinen Menschenknospe Gift zuführen konnte.

Doch hatte sie nicht viel Zeit zum Träumen – das tätige Leben forderte sie in jedem Augenblick und oft bis zur Erschöpfung ihrer Körperkräfte.

Sie hatte sofort nach ihrer Rückkehr ein leerstehendes Parterrezimmer zur Küche einrichten lassen – in einfachster Weise, denn sie war sich klar, wie sehr sie sparen müsse und sich von mancher lieben Luxusgewohnheit trennen, um ihre Pläne durchzuführen. Sie hatte von Anfang an keinen Unterschied von Herrschafts- und Gesindetisch eingeführt, ein schlichtes Mädchen aus der Nachbarschaft kochte für sie alle: Gemüse, Fleisch, Kartoffeln. Daneben gönnte sich Herta etwas Obst. Sie wies den Gärtner an, das Erlesenste hinüberzusenden zur alten Baronin – doch auch auf diesem Gebiet stieß sie mit Anna zusammen, die rücksichtslos die ganze Ernte forderte. Herta fügte sich ohne weiteres und ließ das für sie Notwendige durch einen Händler besorgen. Ihre Leute waren angewiesen, den Wünschen der alten Frau Baronin bis zur Grenze der äußersten Möglichkeit entgegenzukommen. Niemals benutzte sie die Equipagen von drüben. Ihr Vater hatte ihr ein leichtes, offenes Wägelchen mit einem russischen Pferdchen angeschafft, mit dem sie selbst aufs Feld hinaus kutschierte. Das Gäulchen war zu klein für den Militärdienst und konnte von einem fünfzehnjährigen Dorfjungen besorgt werden. Die große, vornehme Baronin von Dottum-Elend unterschied sich in ihrem Äußeren in keiner Weise mehr von einer kleinen, bürgerlichen Landwirtsfrau.

Alles übrige Pferdematerial wurde zu Heereszwecken eingefordert. Die alte Baronin wütete, keifte, fluchte und warf von ihrem Lehnstuhl aus mit allen erdenklichen Wurfgeschossen nach jedem, der ihr wieder eine neue Nachricht brachte von einer Gewalt, die wuchtig ihre eigene zusammenschrumpfen ließ, die individuelle Meinungen und Machtbefugnisse in den Staub trat und nahm, was sie eben brauchte: Menschen, Vieh, Getreide. Dieser Satansstaat, der scheinbar fest gewurzelte Rechte jeder Art mit einem Griff und Federstrich vernichtete! Da lernte auch Anna, ihr vieles verheimlichen. Die Alte, an ihr Bett und ihren Lehnstuhl festgebannt, fühlte das Raunen zwischen Anna und der Bäbenbrod in ihrem Rücken, sah eine warnende Fingerbewegung, fing einen schnellen Blick des Einverständnisses auf.

Solche Zeichen ihrer beginnenden geistigen Ohnmacht konnten sie bis zur Raserei bringen. Aber nach einigen Heftigkeitsanfällen wurde sie plötzlich stille, beobachtete scharf, giftig, tückisch aus dem Hinterhalt ihres Krankenstuhles – kombinierte, zog Schlüsse.

Zu einem Rollstuhl konnte sie sich nicht entschließen. Der kam ihr vor wie die endgültige Besiegelung ihrer Schwäche. Doch mit der größten Energie arbeitete sie mit der Bäbenbrod an der Belebung des absterbenden Gliedes, achtete keiner Schmerzen dabei, rang im Schweiße des elenden, greisen Körpers um die kleinste Bewegung.

War ihr eine solche gelungen, oder schien ihr auch nur eine winzige Besserung vorhanden, so war sie für den ganzen Tag gut gelaunt. War das Gegenteil der Fall, so kannte ihr finsterer Zorn gegen sich selbst und ihre Umgebung keine Grenzen. An solchen Tagen durfte man auch die kleinen Mädchen nicht zu ihr lassen, selbst Anna hielt sich vorsichtig fern. –

Herta verhandelte jeden Abend und jeden Morgen mit dem Inspektor, dem Rechnungsführer, dem Förster, dem Gärtner. Alle diese Beamten hatten ihre festbestimmten Zeiten, in denen sie die Pläne für den Tag der jungen Frau vorzulegen hatten. Keine Schwäche, keine Schwankung ihrer Gesundheit, und sie war mancherlei Hemmungen und Schmerzen ausgesetzt in dieser Zeit, konnte sie abhalten, eingehend die nötige Arbeit mit den Männern durchzusprechen. In dem Rokokozimmer der seligen Jutta, neben dem feinen, alten, eingelegten Schreibtisch, türmten sich Schriften über Waldkulturen, über künstliche und natürliche Düngung, über Pferde- und Schweinezucht. Auch neben dem Himmelbett mit den geschnitzten Amoretten lagen dergleichen Broschüren und wurden Hertas Gefährten in mancher schlaflosen Nacht.

Denn in der Dunkelheit, wenn der Körper den ersten, tiefen Schlaf der Übermüdung gekostet hatte und die Seele aufschreckte aus den Abgründen des Nichtwissens – dann nahten sie, die Schrecken der Angst, und legten ihr Gespensterhände um die atmende Brust, und es kam die Sehnsucht und das Verlangen nach dem Geliebtesten.

Wo konnten ihre Gedanken ihn suchen? Er kämpfte den furchtbaren Kampf in Belgien, er war beim Sturm auf Lüttich und Antwerpen, er mußte durch die Blutbäche waten, die Mordgruben durchschreiten, die das zum Wahnsinn erhitzte Volk den eindringenden Fremdlingen bereitete, und den furchtbaren Strafgerichten beiwohnen, die die zur Verzweiflung getriebenen deutschen Soldaten üben mußten.

Jeden Tag flog ein Blättchen, ein Liebesgruß zu ihm hinaus, doch wie eilig, wie flüchtig waren seine Antworten. Herta wußte, sie konnten nicht anders sein in diesem wilden Vorwärtsstürmen, gehemmt von dem Zagen, ihr das Gräßliche mitzuteilen, was sie doch, wenn auch hundertfach abgeschwächt, durch die Zeitungen erfuhr.

Am Tage schaltete sie die Sorge um ihn gleichsam aus, verschloß die Kammer ihres Herzens, wo sein Bild wohnte, vor sich selbst, um in der Fülle und Intensität der Arbeit nicht gehindert zu werden.

Des Nachts wachte ihre Liebe heißhungrig auf und forderte ihr Recht. Da kamen die Phantasien und zeigten ihr Karell von Hunger gepeinigt, umdonnert von Geschützen, unter dem Hagel der Fliegerpfeile, in jeder schauderhaften Lage, von der sie las und hörte. Sie sah ihn verwundet, sie stellte sich die Art seiner Verwundung vor, sie fühlte auf der eigenen, brennenden, trockenen Lippe seinen Durst . . . Und Tränen strömten, sie rang die Hände und schrie zu Gott um sein Leben, sie zündete Licht an und suchte sich zu zerstreuen, umsonst – alles umsonst.

Das Furchtbare war bei ihr, umgab sie rings und schlug auf ihr Herz, bis es zerrissen war von beinahe körperlichen Schmerzen, bis sie endlich, ermattet von Qualen und Tränen, ergeben den Kopf in die Kissen wühlte und mit nassen Augen und Wangen in den Schlaf zurücksank. Denn sie wollte schlafen, sie wußte ja, was davon abhing, daß sie tapfer blieb, ihren Nerven keine Schwäche gestattete. Doch wie sehr begann sie die Nächte zu fürchten in diesen heißen Sommerwochen des August und September, in denen die Sonne tagtäglich vom wolkenlosen Himmel herabglühte und die Erde in Glanz und Schönheit schwamm, während die Menschen sich gegenseitig die Glieder zerfleischten, die Gehirne zertraten und bis an die Knie im Blute, in den Resten von Leichen ihren Zielen entgegenstampften.

Und es endete Hertas Flehen in jeder Nacht mit dem Stöhnen und Seufzen: O Gott – erbarme dich des Wahnsinns deiner armen Menschenkinder! Erlöse uns, erlöse uns von dem Banne des Machtfluches, der uns alle peitscht und unter dem wir alle ringen und keinen Ausweg finden!



4.

Baronin Herta fürchtete in dieser Zeit die einsamen Spaziergänge, die sie als Mädchen so sehr geliebt hatte. Unerträglich erschien ihr die schwelgerische Freude an den Reizen der Natur. Alle Beruhigung, sonst in der stillen Hingabe an die Dinge der Schöpfung gefunden, suchte sie nun nur in der Arbeit. Je trockener, gleichförmiger diese sich abrollte, desto eher gelang es ihr, damit die Stunden zu töten. Eigentümlich tröstend war es ihr, nach Feierabend ins Dorf hinunterzugehen, sich zu den Frauen auf die Bänke vor die Hüttentüren zu setzen und zu fragen: »Haben Sie Nachricht?« Dann redeten sie miteinander, Frau zu Frau, von den Männern und den Söhnen, die draußen im Felde standen. Sie trugen alle das gleiche Leid, jeder Ton, der aus den Schützengräben von den vorwärtsstürmenden Truppen zu ihnen drang, löste das gleiche Interesse bei ihnen allen aus. Herta hütete sich, mit Wohltaten zu diesen einfachen, verschlossenen Frauen der Harzer Bergwälder zu kommen. Sie wollten sich nur gegenseitig kennenlernen, sagte sie einmal.

Sie erbot sich den Alten, die gichtstarre Finger und trübe Augen hatten, für sie den Söhnen zu schreiben. Das wurde gern angenommen, es kamen auch Jüngere, baten die Baronin, bei schwierigeren Mitteilungen für sie die Feder zu führen. Von den Feldgrauen draußen stand dann auf den Postkarten mancher Gruß und Dank an die Baronin. So lernte sie den Leuten in die Herzen sehen. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Last der Schickung von ihnen getragen wurde, ergriff Herta tief. Da war kein Fragen über die Notwendigkeit, kein Sichzergrübeln über die Ursachen, über die mögliche Schuld, die auch das eigene Volk, die eigene Regierung an dieser Weltkatastrophe tragen mochte, kein empörtes Überlegen, wie man hätte anders handeln müssen, und ob das Elend nicht zu vermeiden gewesen wäre – alles Gedankengänge, die Baronin Herta oft bis zur Erschöpfung quälten. O, wie sie lernte von diesen stillen Frauen ihres deutschen Volkes und von den alten, weisen, gelassenen Männern, die Weltereignisse, die sie in ihren Wirbel rissen, hinzunehmen wie gewaltige Erschütterungen der Natur, unter die der einzelne sich demütig beugt, die Bürde tragend, die unsichtbare Gewalten ihm auf die Schultern legen. Anfangs hatte Baronin Herta wohl gemeint, die Frauen würden erstaunt sein, daß nun ein so anderer, menschlicher Ton von Burg Dottum zu ihnen hinausklinge – denn an Teilnahme waren sie nicht gewöhnt durch die alte Herrin. Aber sie nahmen Frau von Dottums Kommen als etwas sehr Natürliches, wie alles, was nun geschah und an das sie doch nie zuvor in ihrem Leben hatten denken können.

Zuweilen nickte ihr eine Mutter verständnisvoll zu: »Ja, das ist wohl schwer, so eine Wirtschaft versorgen ohne den Mann.«

Und Herta schämte sich ihrer eitlen Vorstellungen. Sie trugen ja dieselben Sorgen – wie sollten sie Verwunderung zeigen, daß man zueinander kam.

Einer der ersten, von dem die Kunde eintraf, er sei gefallen, war der Vater der Kinder, denen Herta im Frühling im Walde das unvergessene Versprechen gegeben. Um dieses Haus – es war eines der ärmsten im Dorfe – machte sie stets einen Bogen. Es gibt Sünden der Schwäche, die in der Peripherie unseres Seins liegen und doch quälender sein können als Größeres, das im Kern geschieht.

Nun ging sie doch tapfer hinein. Sie wußte, sie würde ein wildes Weib finden, und so erstaunte sie nicht sehr, als sie schon draußen laute Klageschreie hörte. Die Mutter, eine hagere Person mit hellen grauen Augen, stand zwischen den Nachbarinnen, die die Stube mit erregtem Geschwätz füllten, und überschrie sie noch mit ihrem Schmerz. Sie wischte sich dazwischen Nase und Augen mit der Hand, doch faßte Herta diese Hand, strich teilnehmend darüber hin und sprach leise Worte der Güte und des Trostes. Die Kinder drängten sich zu einem Klumpen von Blondköpfen, Barfüßen und Lumpen in einer Ecke des schmutzigen Zimmers zusammen. Auf dem Tisch lag das Schreiben des Feldwebels mit der blutgetränkten Brusttasche des Gefallenen, seinem Merkzeichen und dem Eisernen Kreuz. Das nahm die Witwe auf und zeigte es der Baronin.

»O – das ist ein schönes, teures Andenken an Ihren Helden,« sagte Herta herzlich.

»Ist auch das einzige, was mich der Söffel hinterläßt – alles verludert – und von dem Kreuz wer'n wir nich satt!«

Der Schmerz hatte plötzlich gestockt, statt seiner strömten Gift, Galle, Bitterkeit frei aus dem Herzen.

Einen Augenblick war alles still, dann begann die Witwe sich der Pflicht der Stunde zu erinnern. Sie stöhnte aufs neue jämmerlich, einige unterstützten sie darin, andere wiesen auf die ihr zustehende Kriegswitwenpension, und man stellte Berechnungen an, wieviel sie bei dem Kinderreichtum des Hauses betragen würde. Es ergab sich eine ansehnliche Summe, doch die meisten der Frauen bezweifelten mißtrauisch, ob sie voll ausgezahlt werden würde. Herta wandte sich zu den Kindern und fand das neunjährige Mädchen heraus mit dem alten Gesicht.

»Du,« sagte sie freundlich, »ich habe dir im Sommer einen Holzzettel versprochen, weißt du noch?«

Die Kleine nickte.

»Ich konnte mein Versprechen nicht halten, aber nun komme nur zu mir auf Burg Dottum und hole dir dafür Kartoffeln und Gemüse. Ja, willst du?«

Die Kleine schüttelte den Kopf.

»Warum willst du nicht?«

»Ich graule mich.«

»So,« murmelte Herta, »dann schicke ich dir einen Korb voll, und du kochst der Mutter etwas Gutes! Du brauchst dich aber nicht zu graulen, die alte Frau Baronin ist krank, die würdest du nicht zu sehen bekommen.«

Das Kind schwieg, verstockt oder nur verlegen.

Herta verabschiedete sich und stieg bedrückt den steilen Weg zur Burg empor. Was hatte der Besuch, den sie sich abgezwungen, nun bewirkt? Sie hatte nur gestört und war im eigenen Empfinden schwer verletzt worden.

Aber, sagte sie sich gleich, bin ich um ihretwillen gegangen – oder um das unruhige Gefühl nicht mehr mit mir herumtragen zu müssen, einem Kind etwas schuldig geblieben zu sein?

Und dann wollte ich von dem Besuch auch noch Erhebung erwarten? Das war zu viel verlangt.

Ihre Jungfer, der sie ein Paket mit guten Eßwaren für die Witwe übergab, meinte spitz: Frau Baronin wisse wohl nicht, wem sie die Unterstützung schicke.

»Das ist das schlimmste Pack im ganzen Dorf. Lassen sich Frau Baronin nur nicht mit denen ein.«

Sie sah den Neid auf dem Gesicht des sonst gutmütigen Mädchens. Und in der Tat war durch diese Gabe im Dorfe plötzlich Eifersucht und Begehrlichkeit geweckt. Es kamen nun Bitten über Bitten. Mußte sie diese oder jene abschlägig bescheiden, weil auf Erkundigung bei Pfarrer und Lehrer durchaus kein Notstand nachzuweisen war, so regnete es versteckte und offene Gehässigkeiten. Es kam sogar einmal ein anonymer Brief, in dem auf längst verjährte Liebeleien ihres Gatten angespielt wurde und so etwas wie eine erpresserische Absicht deutlich genug durch die unorthographischen Zeilen schimmerte.

Herta dachte zuweilen der Großmutter und ihrer Menschenverachtung. Vielleicht, wenn sie erst vierundachtzig Jahre Lebenserfahrung gesammelt haben würde, daß sie dann der alten Frau in ihrer Härte recht geben mußte? Nach den ersten Wochen des Eifers für die große Idee des Opfers überschlich sie nun oft eine unermeßliche Müdigkeit. Ihr körperlicher Zustand mochte mitsprechen, doch auch ihr Geist war abgestumpft, die hochfliegenden Gedanken, die kühnen Pläne, die Inbrunst des Gefühls ließen sie im Stich. Die Sehnsucht legte sich zur Ruhe, die Angst und Sorge um den Mann zerging in einer Art von dumpfer Abspannung – sie begehrte nur noch danach, zu schlafen – fest und tief zu schlafen, um niemals wieder zu erwachen.

Die Novembernebel füllten die Schlucht und verschlangen die Dorfhäuser in ihren weißen, nassen Dampf, die grauen Wolken hingen schwer über dem alten plumpen Turm,

den das Geflatter der Schwalben längst verlassen hatte. Die Terrassen lagen kahl, Tannenreisig verdeckte die Rosenbeete. Aus dem verwilderten Park rauschten und brausten die Eichenwipfel, und der Sturm riß an allen Fensterläden der Burg, die ihm auf ihrer Höhe schutzlos preisgegeben war. Herta fror in ihren großen, leeren Zimmern, selbst wenn sie neben dem Ofenfeuer kauerte.

Gern hätte sie zuweilen Annas Kinder herübergeholt, mit ihnen gespielt und getollt und sich so vergessen. Doch sobald sie den drei kleinen Mädchen begegnete, auf dem Hof oder sonst in der Umgegend der Burg, wo sie von ihrer Erzieherin spazierengeführt wurden, sagte das Fräulein eilig und mit nicht mißzuverstehender Absicht:

»Kommt schnell, Kinder, Anni, trödle nicht – Mama wartet.«

Dann knicksten sie scheu und liefen vorüber, Herta aber schossen in ihrer Schwäche die Tränen in die Augen.

Es überraschte sie deshalb aufs höchste, als Baron Karlemann sich eines Abends bei ihr melden ließ.

Von plötzlicher Bangigkeit erfaßt, ging sie ihm schnell entgegen und streckte die Hände nach ihm aus.

»Du bringst Nachricht von Karell – sage – es ist ihm etwas geschehen . . . O Gott!«

Sie wankte, er faßte sie schnell um, drückte sie herzlich an sich und rief:

»Herta – woher weißt du denn – nein, armes Kind, sei ruhig, es ist nichts Gefährliches. Er ist nur verwundet!«

»Karlemann, du belügst mich –!« schluchzte sie heftig.

»Nein, gewiß nicht! Sieh, er schreibt selbst – ich sollte es dir mit guter Manier beibringen – das habe ich Esel ungeschickt genug angefangen. Komm, setz' dich!«

Er führte sie sorgsam zu dem tiefen Sessel am Ofen, wo sie gerne saß, und gab ihr den Brief.

»Hast du gelesen? Karell möchte von einem unverdächtigen Zeugen hören, wie du aussiehst, wie du lebst, »versuchte er zu scherzen. »Nun, zeig' einmal dein Gesicht! Sehr heiter hast du's ja gerade nicht hier!«

Sie lächelte, während ihr noch die Tränen an den goldenen Wimpern hingen. Nur eine Fleischwunde am Schenkel, und er im Lazarett außer Gefahr und gut aufgehoben! Ein wohliges Gefühl des Befreitseins durchflutete sie. Nun konnte sie manche Nacht in Frieden schlafen – wie das guttun würde!

Der Vetter sprach ihr seine Bewunderung über die in den letzten Monaten geleistete Arbeit aus. »Ich wäre ja längst gekommen, um dir meine Hilfe anzubieten – wenn ich nicht gefürchtet hätte, die Weiber drüben könnten es dich irgendwie entgelten lassen.«

»Karlemann, sprich nicht im Plural!«

»Doch, ich will im Plural sprechen!« Er machte ein finsteres Gesicht. »Glaubst du, ich wäre damit einverstanden, daß Anna sich täglich vor der Alten erniedrigt? Aber sie ist ja von der fixen Idee besessen, für den zukünftigen Sohn einen Teil des verfluchten Goldes zu ergattern! Gebrauchen könnten wir's ja in Oberwiesendorf – aber am Ende ist doch alles vergebens . . .«

Herta lächelte. »Ich bin überzeugt, »meinte sie, »die Großmama vermacht ihr Geld am Ende einer Heilanstalt für Rassehunde oder sonst irgendeiner ausgefallenen Wohltätigkeitsanstalt! Ich bedaure Anna. Das Verhältnis zwischen uns beiden Frauen ist auch nicht erquicklich und dient den Leuten im Haus wie im Dorf zum Hohn. Ich habe versucht, was in meiner Kraft stand, es zu ändern. Vielleicht, wenn Karell Weihnachten auf Urlaub kommen und sich mit der Großmama aussöhnen könnte . . .«

»Ich will es ihm jedenfalls vorstellen,« rief Karlemann lebhaft. »Ja – ich habe nämlich auch den Eindruck, daß sich die Sachlage drüben zum Schlechteren wendet.«

»Wieso – meinst du im körperlichen Befinden der alten Frau?«

»Im körperlichen wohl kaum, aber geistig beginnen da sonderbare Erscheinungen aufzutreten. Das Mißtrauen, von dem sie geplagt wird und mit dem sie ihre Umgebung quält, wird doch reineweg krankhaft.«

»Ach, lieber Karlemann,« sagte Herta matt, »es geschieht so viel hinter ihrem Rücken, es muß so viel gegen ihre ausdrücklichen Befehle geschehen; daß das Mißtrauen in den guten Willen ihrer Umgebung bei der kranken Herrscherin noch kein Zeichen von geistiger Verwirrung zu sein braucht.«

Karlemann zuckte die Achseln.

»Ich will kein Urteil abgeben – bin ja kein Psychiater. Übrigens – etwas Praktisches: Ich höre, dein Rechnungsführer ist eingezogen, ich könnte dir einen tüchtigen Mann empfehlen.«

»Da wäre ich dir von Herzen dankbar,« rief Herta erfreut.

Sie besprachen die Angelegenheit und noch manche andere Geschäftssache, in der sich die ungeübte Frau keinen Rat wußte.

Karlemann hielt beim Abschied Hertas Hand einen Augenblick zwischen seinen beiden fest und fragte:

»Ich darf doch ab und zu mal bei dir vorsehen? Und kann Karell Gutes melden . . .? – Wirklich wahr –?«

»Ja, ja . . . Etwas müde, etwas einsam, das ist begreiflich. O, Karlemann – du tust ein gutes Werk, wenn du dein Versprechen hältst.«

Der Oberwiesendorfer kam von diesem Abend an häufig auf einen Sprung in den neuen Flügel, nachdem er bei seiner Frau gewesen war.

Wie diese Besuche von den Damen im Hauptbau aufgenommen wurden, danach fragte Baronin Herta nicht. Sie brauchte jetzt einen Menschen, eine freundliche, trostreiche Zusprache – und schon Karlemanns Stimme, die sie im Tonfall, in der Art sich auszudrücken, in einem gewissen Familienjargon so sehr an Karell erinnerte, tat ihr unendlich wohl.

Sie hatte gleich zu ihrem Manne ins Etappenlazarett reisen wollen, doch der Arzt verbot ihr aufs strengste jede Bahnfahrt mit den Erschwerungen des Kriegsverkehrs. So fügte sie sich seufzend. Karell hatte sich seine Verwundung bei einem überaus kühnen Patrouillenunternehmen geholt, und nachdem er gleich zu Anfang des Feldzuges – wie die meisten Offiziere – das Eiserne Kreuz zweiter Klasse erhalten hatte, wurde ihm jetzt auch das Kreuz auf der linken Brust gewährt.

Herta empfand eine heftige Befriedigung über die Tatsache. Sie hatte ihren Mann oft in ihrem Herzen feige gescholten, dieser Vorwurf war der verbitternde Tropfen Gift im Kelch ihrer Liebe. Nun durfte sie erfahren, daß er seine Pflicht draußen tat wie jeder andere Kämpfer, daß die Rücksicht auf sein Leben, sein Wohlergehen einfach nicht für ihn existierte.

Die Zeitungen brachten ausführliche Berichte über den tollen Ritt des Oberleutnants von Dottum bis mitten in die feindlichen Linien hinein – Herta genoß sie mit der Begierde eines jungen, begeisterten Schulmädchens und ließ die Blätter haufenweise im Dorf verteilen. Sie alle, ihre Freunde und Freundinnen dort unten in den Hütten und Häuschen, sollten wissen, was ihr Herr geleistet hatte!

Die Hoffnung, ihren Helden zum Weihnachtsfest daheim zu haben, erfüllte sich nicht. Karell schrieb ihr, ein Urlaub würde ihm zweifellos gewährt werden, schon um auf seinen Besitzungen nach dem Rechten zu sehen, indessen möchte er darauf verzichten, ihn zu fordern. Er sähe zu viele unerquickliche Auftritte voraus, und die könnten seine Nerven und sein Herz jetzt nicht ertragen.

Herta entschloß sich, hinüberzugehen und noch einmal bei der Großmutter einen Versuch zu machen, sie zur Versöhnung zu stimmen. Käme eine Einladung der Großmutter an Karell – sie wußte ja, daß er diesem Ruf, diesem Wunsch unbedingt Folge leisten würde. Sie hatte fast erwartet, gar nicht vorgelassen zu werden. Doch Anna sagte in ihrer spitzigen Weise, mit ihrem sauersüßen Lächeln: »Ich führe dich gleich hinein – die Leute sollen nicht denken, daß ich die Großmutter von der Welt absperre! Ich weiß, man redet in der Nachbarschaft schon – es ist mir sehr angenehm, daß du kommst.«

»Ich war immer zu deiner Verfügung, Anna,« antwortete Herta ernst. »Du hättest mir nur die Bäbenbrod zu schicken brauchen. Nein, denke niemals, daß ich beleidigt sei! Ich meine, wir in den Familien sollten mit ganzer Überzeugungskraft beginnen, Frieden miteinander zu halten. Wie können wir sonst von den Völkern verlangen, daß sie zum Frieden und zu einem guten, freundlichen Einvernehmen zurückkehren?«

»Solche hohen Gedanken sind mir nicht gegeben,« sagte Anna mit einem kleinen Auflachen. »Du versuchst sie wohl zuerst bei meinem Manne in die Tat umzusetzen, was?«

»Anna – ich bin ihm sehr dankbar für die Ratschläge, die er mir gibt. Ich bin ja so unbewandert in all den Geschäften, die jetzt auf mir lasten.«

»Natürlich – und die Männer helfen nur zu gerne jungen, schönen Frauen, sie sind gar nicht dagegen, wenn die geschäftlichen Besprechungen sich bis in die tiefe Nacht hinein erstrecken!«

Herta blickte Anna traurig an. Diese sah blaß und hohläugig aus, der Reiz ihres Gesichtes, das fröhliche Spiel der Züge war völlig fortgewischt, das zu kleine Mündchen zog sich herbe zusammen. Herta fühlte sich von Mitleid bewegt. Anna war unter der Gewalt des Dämons, desselben Dämons, der die Völker zur gegenseitigen Vernichtung peitschte – was konnte sie dafür, wenn sie ungerecht und gehässig wurde?

»Du solltest deinen Mann begleiten, Anna, »sagte Herta und lächelte die Kusine freundlich an. »Das wäre die beste Lösung, und wie manchen gemütlichen Abend könnten wir haben!«

»Ich tue nichts hinter dem Rücken der Großmutter – auch wäre Karlemann diese Lösung schwerlich angenehm!« sagte sie scharf. »Aber bitte, willst du nicht eintreten? Da klingelt es schon, sie hat es nicht gern, wenn man im Nebenzimmer spricht.«

Erschrockener als über den Anblick der jungen Frau war Herta über den Verfall, der sich auf dem Antlitz und in der Erscheinung der alten Baronin eingeschlichen hatte. Sie saß tief gebückt und schlaff in dem Lehnstuhl, die Greisin, die sich im Sommer so herrisch in Schloß und Garten bewegt hatte. Sie war noch magerer und ausgedörrter und glich ganz einem elfenbeinfarbenen kleinen Gespenst unter all den Kissen und Decken, die sie umgaben. Dennoch war sie mit Sorgfalt gekleidet, die schwarze Spitzenhaube umrahmte die eingefallenen Schläfen und war unter dem spitz vorstehenden Kinn fest geschlossen. Aber über den scharfen schwarzen Falkenaugen des Raubvogelgesichts lag jetzt ein trüber grauer Schleier.

Sie hatte still vor sich hingeblickt und schien Hertas Eintritt lange nicht zu bemerken, bis diese sie anredete und ihr Grüße von Karell ausrichtete, ihr auch, ohne weitere Aufforderung abzuwarten, von dem tollen Ritt, von seiner Verwundung, von der ihm gewordenen Auszeichnung erzählte.

Die Alte ließ sie reden, ohne sie zu unterbrechen, Herta war sich nicht klar, ob sie überhaupt zuhörte.

Dann folgte ein Schweigen.

»Wozu schwatzest du da?« fragte die Alte. »Es interessiert mich nicht.«

Herta beugte sich ein wenig näher. »Großmama,« sagte sie gelinde, »Karell könnte auf Urlaub kommen, wenn – wenn du ihm verzeihen wolltest! Großmama!« Sie glitt neben dem Stuhl der Kranken zur Erde, so daß sie kniete, und hob die gefalteten Hände gegen sie. »Ich weiß, er hat sich vergangen! Denke, er knie hier! Ich bitte für ihn!«

Die Alte saß zusammengekrümmt, vor sich hinstarrend mit den trüb und grau gewordenen Augen. Ihr Kopf zitterte merkbar auf dem dürren Halse.

Herta schlug das Herz, sie konnte es kaum ertragen. Aber die Alte gab keinerlei Antwort.

»Großmama – es ist vielleicht das letztemal, daß wir ihn sehen,« flüsterte Herta.

Das Zittern des alten Kopfes wurde stärker, es ging in ein sichtbares und energisches Schütteln über.

Vergebens war jeder Versuch, die Greisin zum Reden zu bringen. Herta verließ endlich seufzend das große, prunkvolle Zimmer, wo die kleine, grausame Gestalt im Lehnstuhl in der Fensternische saß und mit den trüben Augen vor sich niederstarrte – in eine finstere Vergangenheit oder in eine dunkle Zukunft – wer mochte es sagen?



5.

Als Karlemann, gemütlich seine schwere Zigarre rauchend, bei Herta am warmen Ofen stand, bat sie ihn, seine Besuche nicht zu wiederholen. Sie müsse als einsame Frau jeden Keim eines Geredes scheuen.

Seine braunen Augen blickten sie aufmerksam an, während sie ihm dieses schonend und gütig auseinandersetzte.

»Herta, Herta,« sagte er langsam, »ich hätte dich für größer gehalten. Hier enttäuschest du mich. Karell hat mich aufgefordert, ich erfülle den ausdrücklichen Wunsch meines Vetters und Freundes, mich deiner anzunehmen.«

»Trotzdem . . .«

»Ja, trotzdem soll ich gehen, und das ist sehr egoistisch von dir. Glaubst du denn, es ist erfreulich für mich, während alle meine Altersgenossen sich draußen Ruhm und Ehre holen, hier mit meinem ekelhaften rebellischen Herzen über die Sturzäcker zu stampfen und Listen von meinem Eigentum für die Regierung anzufertigen? Glaubst du das wirklich? Den einzigen Lichtblick in diesem erbärmlichen Dasein willst du mir nun nicht mehr gönnen?«

»Du bist blind gegen dein Eigentum, Karlemann – wenn du auf deinen Listen für die Regierung auch so falsche Einschätzungen abfassest, kann ich die Regierung nur bedauern. Du besitzest jenseit der Schmalen Jungfer drei sehr süße, goldhaarige kleine Lichtblicke – von der Zentralsonne gar nicht zu reden . . .«

»Immer wieder Anna! Ich pfeife auf Annas Eifersucht! Die Frauen sind immer eifersüchtig, wenn ein Mann ihnen sagt, daß eine andere Frau turmhoch über ihnen steht an Gesinnung!«

»O Karlemann – das hättest du getan – du Tor – du großer Esel du! Verzeih', ich muß dich so nennen!«

Herta schlug lachend die Hände zusammen und war doch verzweifelt.

Karlemann lachte auch.

»Selbstverständlich war es dumm – aber was willst du – man kann manchmal nicht anders als seine Meinung sagen – man erstickt sonst! . . . Und jetzt gehe ich wirklich, es ist zehn Uhr. Ich höre den Jungen schon mit der Peitsche klatschen, und die Pferde dürfen bei der Kälte nicht stehen. Aber ich komme wieder, Herta, verlasse dich drauf – ob du willst oder nicht! Ich weiß nämlich, daß du im Grunde willst!«

Er neigte sich über die Hand der jungen Baronin und küßte sie, wärmer und länger als sonst.

Herta schrieb an Doktor Margarete Brandhöfer und lud sie zum Weihnachtsfeste ein. Sie wollte nicht allein bleiben in diesen schweren Tagen, sie wollte sie bitten, den Winter in Burg Dottum zu verbringen.

Mochte man jenseit der »Schmalen Jungfer« über diese Freundschaft denken, was man wollte, es war ihr gleich. Sie hatte Arbeit für diese energische, organisatorisch begabte Natur, die sie wohl veranlassen durfte, ihre bisherige Kriegstätigkeit in Berlin aufzugeben.

Bei Baron Karlemanns nächstem Besuch fand er den Gast schon bei Herta. Er wußte nicht viel mit ihr zu reden, die Furcht vor der studierten Frau, die bei Herta durch ihre rassige Schönheit und ihre Weltgewandtheit überwunden wurde, benahm ihm dem herberen Mädchen gegenüber die Freiheit gemütlicher Plauderei.

Er kam nun seltener, denn der Reiz dieser Abende war für sie beide zerstört. Das eben hatte Herta gewollt.

Am Abend des zweiten Weihnachtstages stieg die junge Baronin, auf Doktor Brandhöfers Arm gestützt, langsam die sich um den Burgberg windende Chaussee empor.

Der Mond schien hell, ein leichter Schnee bedeckte die Erde, doch die Bäume standen schwarz, und schwere Tropfen rieselten von ihren Zweigen.

Zuweilen flogen finstere und phantastisch geformte Wolken über das leuchtende Gestirn oder bäumten sich in seiner Umgebung zu seltsamen Ungetümen, denen es nun mit heiterem Lächeln entgegenzuschwimmen schien.

Die beiden Damen kamen von dem Fest, das Herta im Schulhause den Frauen und Kindern des Dorfes gegeben hatte.

Keine Bescherung, denn sie haßte diese Austeilung von Gaben, bei denen dem Neid und der Gier alle Anlässe zur Betätigung gegeben waren, wie sie es auch stets als taktlos empfunden hatte, arme Leute dazu aus ihren dürftigen Behausungen in die üppige Pracht der Schlösser zu locken und dann, nach sentimentalen Ansprachen, wieder heimzuschicken in ihre Dunkelheit.

Nein, sie war mit Doktor Brandhöfer einig, daß es galt, eben diese eigenen Heime der Menschen zu erhellen, daß es nie die Gaben an sich sein durften, durch die die gebildete Frau sich ihrer Schwester im Volke zu nähern habe, sondern immer wieder nur das geistige Verständnis für die Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse der anderen, auch für solche, die jener selbst noch nicht zum Bewußtsein gekommen sein mochten.

So war denn bekanntgemacht worden, daß jede Familie des kleinen Dörfleins sich einen Christbaum beim Förster holen könne. Der Preis war auf wenige Pfennige festgesetzt.

Als Beigabe zur kleinen Bescherung kam schon einen Tag vor dem Fest für jede Mutter ein Paket mit Süßigkeiten, Spielzeug oder warmen Kleidungsstücken, je nach dem Bedarf. Und Kerzen, vor allen Dingen Kerzen, damit das Stübchen, von der Mutter selbst geschmückt, hell und warm sei. Denn die erste Entbehrung, die der an den Grenzen wütende Krieg der Bevölkerung auf dem Lande auferlegte, war der Mangel an Petroleum. Von vier Uhr an saßen die Frauen im Dunkeln und spannen an ihren Sorgen. Das fühlte Herta so schmerzlich mit ihnen – sie kannte die Ängste der Dunkelheit.

Am zweiten Weihnachtstage hatte sie sie alle ins Schulhaus gebeten, auch die alten Männer und die Kinder. Dort war neutraler Boden, dort konnten sie Freundschaft und Herzlichkeit fühlen, ohne die Schärfe des sozialen Unterschiedes als peinliche Beigabe zu empfinden.

Es gab einen großen, leuchtenden Christbaum, heißen Kaffee und viel Weihnachtsstollen, es wurden Lieder gesungen, und einer kleinen geistlichen Ansprache des Pfarrers folgte eine lustige Verlosung von Scherzgegenständen, durch einen drolligen Knecht Ruprecht geleitet, ein fröhlicher Tanz der beiden Lehrertöchter als Alpenbub und Dirndl, einfache Belustigungen, an denen alt und jung gleichen Anteil zu nehmen vermochte.

Das ernste Fräulein Doktor selbst brachte die Vorstellung eines derben Kasperletheaterstückleins, in dem diesmal nicht der Kasperl, sondern ein Franzos, ein Russe und ein Engländer, aus Kartoffeln hergestellt, mächtige Prügel vom deutschen Michel bekamen, begleitet vom unendlich jubelnden Gelächter der Greise wie der Jugend.

Herta hatte es immerhin als eine freundliche Annäherung empfunden, daß die drei Oberwiesendorfer Kinder mit der Erzieherin dem Feste beiwohnen durften, obschon sie mutmaßte, daß wohl nur ein ausdrücklicher Befehl ihres Vaters eine Bresche in den Stacheldraht geschlagen, hinter dem man sich jenseit der »Schmalen Jungfer« noch immer verschanzte.

Mochte dem sein, wie ihm wollte, die Mädchen schrien und jauchzten im Chor mit den Dorfkindern und sahen beim Handkuß dann mit heißen Backen und glänzenden Augen freudig zu der merkwürdigen Tante auf, die sie so strenge meiden sollten und die ihnen doch längst nicht so unheimlich erschien wie die Großmutter. Der mußten sie täglich ihre Aufwartung machen, ohne je ein gütiges Wort von ihr zu empfangen, während ihr zitternder Greisenkopf und ihre kalten, knöchernen Finger ihnen ein stetes Entsetzen einflößten.

Am Schluß der Festlichkeit war von Herta in einigen herzlichen Worten bekanntgegeben worden, daß man sich von nun an einmal in der Woche im Schulhaus versammeln wolle, abends, wenn die Kinder schliefen, um zu flicken und zu stricken, zu plaudern und zu singen.

Fräulein Doktor Brandhöfer würde die Abende leiten, den Frauen manches Interessante vorlesen oder auch über Hauswirtschaftliches mit ihnen reden.

Niemand sei gezwungen zu erscheinen. Sie wollten nur in dieser schweren Zeit alle fühlen, daß sie zusammen gehörten und daß ein gemeinsames Leid sich leichter ertragen ließe als ein einsames.

Die Frauen stießen sich an und flüsterten miteinander. Sie sahen heut abend zum erstenmal, daß die Baronin Mutterhoffnungen entgegenging. Und der Druck ihrer harten Hände war wärmer, die verschlossenen Gesichter blickten freundlicher, als es sonst ihre Art war, auf die junge Frau vom Schlosse. Es gibt kein Band, das die Frau fester mit der Frau verbindet als die Mutterschaft.

Alles war gut und erfreulich verlaufen, und doch sah Margarete Brandhöfer einen Gram die Züge der Freundin überschatten, einen Gram, der die Heiterkeit gänzlich verdrängt hatte, als träte er ein altes Besitztum an.

»Herta – er ist doch nicht in Gefahr,« versuchte sie zu trösten.

»Nein – aber er könnte hier sein, wenn er wollte, »brach sie jäh und leidenschaftlich aus.

»Ist es nicht unbegreiflich, daß er wieder hinausgeht in das grausige Dasein zwischen Schlamm und Hunger und Ungeziefer – wo jede Stunde ihm den Tod bringen kann – und will mich nicht sehen . . .«

»Herta, Liebste, unbegreiflich? Ich weiß von anderen Männern, die sich vor dem Heimurlaub scheuen  . . Mein eigener Schwager . . . Sie fürchten den neuen Abschied, oder auch – sie werden wieder hineingezogen in das alte Leben mit seinen Freuden und Sorgen. Aber sie können diesen unwahrscheinlichen, begrifflosen Zustand ›Krieg‹ wohl nur ertragen, wenn sie alles Dahinterliegende aus ihrem Denkapparat ausschalten. Es ist geheimnisvoll schrecklich – aber ist es ganz unbegreiflich? Ich weiß von Verwundeten, die mir gestanden haben, die plötzliche Befreiung von allen Sorgen der Familie, von allem Kleinkram des Häuslichen sei die große Erlösung des Krieges. Es muß wohl auch sein, daß ihnen der ganze Bezirk des Frauenwesens mit seinen winzigen Erregungen um Nebensächliches unerträglich ist, wenn sie auftauchen aus dem Zwischenzustand zwischen Tod und Leben . . . Und die Frau, deren Gefühl in einer großen Flamme zum Himmel steigt, die sich in geraden, starken Linien bewegt, zu der sehnen sie sich ja nicht,« fügte Doktor Brandhöfer nach einigen Augenblicken in sich gekehrt hinzu.

»Alles das ist wahr, doch tröstet es mich nicht,« sagte Herta dumpf. Und ihr Gefühl schrie auf:

»Margarete – ich weiß – er wird fallen, und ich werde ihn nicht noch einmal gesehen haben – und das hat mir die alte Frau drüben angetan! Es ist grauenhaft, so mit dem Haß ringen zu müssen! Ja ja! Ich hasse sie – ich kann nicht dagegen an! All mein Friedewollen ist vergeblich!«

Herta hatte sich vom Arm der Freundin befreit und streckte mit einer Gebärde drohender Leidenschaft die Hände und Arme zum Winterhimmel auf, wo die ungeheuren Wolken um das ruhige Himmelslicht kämpften.

»Zuweilen in nächtlichen Phantasien, da kommt es mir,« sprach sie leise und hart, »als müsse es eine gute Tat sein, die Erde von dieser Bösen zu reinigen – als könne er nur leben, wenn sie tot wäre . . . Und als sei ich dazu ausersehen, ihn zu retten . . .«

»Herta, liebes Geschöpf, quäl' dich nicht mit diesen Phantasien, »bat Margarete, zum erstenmal das »Du« der schwesterlichen Freundschaft wagend. »Sie gehören nicht zu dir, sie sind deiner Natur fremd – und doch können sie zur fixen Idee werden.«

»Ich weiß – o, ich weiß,« murmelte Herta. »Doch was liegt an mir?«

»Vergiß nicht, daß du nicht mehr allein du bist, Herta Schlobzien! Jetzt bist du das Gefäß, das die Zukunft in sich trägt – und auch vor ihr verantwortlich ist!«

Herta stöhnte im Leid. Doch der gespannte, unglückliche Ausdruck ihres Antlitzes glättete und beruhigte sich, sie nahm wieder Doktor Brandhöfers Arm, und langsam schritten sie weiter unter dem monddurchschienenen Geäst der Bäume, die den Weg begrenzten, der Höhe entgegen, auf der der Kampf ausgefochten werden mußte.

Um Neujahr kündigte die alte Baronin von Dottum-Elend das Kapital, das auf dem Gute ihres Enkels stand.

Herta hatte es erwartet und in Gemeinschaft mit ihrem Vater bereits seit längerer Zeit ihre Vorkehrungen getroffen, um dem gewaltigen Schlage wirksam zu begegnen.

Karell schrieb, er wolle versuchen, sich für einige Tage frei zu machen. Er beabsichtigte, einen letzten Sturm auf die rachsüchtige alte Festung zu wagen.

Doch nun war es Herta, die ihn bat, sich nicht nutzlos zu demütigen. Was er nicht um ihretwillen wagte, sollte er um des Geldes willen ganz gewiß nicht tun!

Ihr mütterliches Vermögen war von ihrem Vater bereits flüssig gemacht worden. Durch die Kriegsumstände freilich wurde der Verkauf der Papiere so ungünstig wie möglich beeinflußt. Die Summe erwies sich bedeutend kleiner, als man gehofft. Doch in der großherzigsten Weise trat Graf Schlobzien in die Bresche. Er verkaufte sein Berliner Palais, in einer der vornehmen, auf den Tiergarten mündenden Straßen gelegen, an eine Kriegsgesellschaft.

Herta stürzten die Tränen aus den Augen, als sie von dem Opfer ihres Vaters hörte und die Worte las:

»Du sollst wissen, mein Töchterchen, daß Du einen Bundesgenossen hast, auf den Du sicher zählen kannst. Es wird Dir Mut geben zu allem, was Dir noch bevorsteht. Und das wird nichts Leichtes sein.«

Acht Tage löste sich der Graf aus seinen vaterländischen Ehrenämtern und kam nach Burg Dottum, seiner Tochter in der Neuordnung der geschäftlichen Angelegenheiten beizustehen.

Auch der Oberwiesendorfer wurde als genauer Kenner des ziemlich verworrenen Familienrechtes hinzugezogen. Durch das Freiwerden des Millionenvermögens war er mit dem Interesse für seine eigene Familie nicht unwesentlich beteiligt.

Trotzdem, oder gerade deshalb, wie er offen aussprach, redete er heftig zu, auf allerlei Klauseln einer früheren Schenkungsurkunde hin um das Vermögen der Großmutter zu prozessieren. Jedenfalls sei ihr Haushalt auf Burg Dottum eng mit der Einzahlung des Vermögens verknüpft und nur unter dieser Bedingung zulässig.

Graf Schlobzien erschien der Ausgang eines solchen Prozesses ebenfalls nicht absolut ungünstig, hauptsächlich um Zeit zu gewinnen und die alte, tolle Frau zu verhindern, ihr Geld in irgendeiner ruchlosen Weise zu verschleudern. Selbst wenn sich am Ende nur ein Vergleich zwischen den streitenden Parteien ergeben sollte, war dies vorteilhafter als ein völliger Verzicht.

Er wies seine Tochter auf die Tatsache hin, daß Burg Dottum bei all den von ihm gebrachten Opfern voraussichtlich doch kaum über die Kriegszeit hinüber zu halten sein werde.

Karell und Herta müßten sich klar sein, in der Zukunft mit einem bedeutend eingeschränkten Dasein zu rechnen.

Bedachte man die Forderungen, die der Staat nach diesem gewaltigen Kampf um Deutschlands Machtstellung an jeden einzelnen seiner Bürger stellen mußte, als Beitrag zum Aufbau eines neuen, gesunden Gemeinwesens, so war vorauszusehen, daß ihnen auch die Sorge um das tägliche Brot und Entbehrungen unbequemster Art nicht fremd bleiben würden.

Herta erklärte sich freudig zu jeder Einschränkung bereit. Ihr Vater sah mit Erstaunen, wie sie ihr Hauswesen schon jetzt auf dem schlichtesten, kleinbürgerlichen Fuß eingerichtet hatte. Die Aufforderung, eine gerichtliche Entscheidung herbeizuführen, lehnte sie auf das entschiedenste ab.

Schlobzien schrieb an seinen Schwiegersohn und wünschte dessen letzten Entscheid in der Angelegenheit.

Karell kämpfte mit seinem Regiment in der furchtbaren Gegend des »Toten Mannes«. Er antwortete dem Vater seiner Frau: bei jedem Brief in die Heimat habe er die Überzeugung, dieses Wort sei nun das letzte, das ihm zu sagen vergönnt sei. Da werde man so seltsam losgelöst von alten irdischen Interessen, man stehe auf einer so schmalen Grenzscheide vor der Ewigkeit, Geldfragen hätten jede Wichtigkeit für ihn verloren, und er habe nur den einen Wunsch, nicht darüber befragt zu werden. Er lege alle diese Dinge mit vollem Vertrauen in Hertas Hände, sie solle verfügen, als sei er schon gefallen. Solche Losgelöstheit werde den Angehörigen daheim wohl unverständlich sein – aber sie schenkten eine Ruhe und Sicherheit, die sie alle, den Offizier und gemeinen Mann, erst befähigten, zu leisten, was hier gefordert werde!

Graf Schlobzien wollte den Brief vor seiner Tochter verbergen. Es erschien ihm als eine Grausamkeit, sie aus dem beinahe nachtwandlerischen Zustand von stillbeseligter Sicherheit aufzuwecken, mit dem sie durch Schrecken und Sorge der Tage schritt. Er dachte, es möchte bald eine Zeit kommen, wo ihr diese Worte ihres Gatten als ein ernstes Vermächtnis teuer sein würden. Doch Herta kam ins Zimmer, als er das Schreiben noch in der Hand hielt, und fragte, ob er Nachricht von Karell habe. Da hielt er es für besser, ihr Karells Antwort nicht vorzuenthalten. Sie las und blickte mit hellen, strahlenden Augen auf ihren Vater.

»So mußte Karell empfinden! Ich war sicher, er würde in dieser Weise antworten – ich fühle mich ihm ganz vereint,« sagte sie glücklich und schien den dunklen Untergrund seiner Entscheidung kaum zu bemerken.

Auf Flügeln der Seele schwebte sie über jeder Angst und Qual. Überwunden war die Mutlosigkeit, die geistige Erschlaffung der letzten Wochen. Verschwunden war der Haß und der Ekel, der sie die Nächte hindurch gepeinigt hatte bis zu Mordphantasien, mit dem sie gerungen hatte wie mit einem furchtbaren und widerlichen Feinde, ohne ihn besiegen zu können.

Zu ihrem tiefsten Erstaunen fühlte sie sich erlöst von dem gespenstischen Genossen. Sie verstand es nicht, wie die Erlösung in ihr sich vollzog, sie fühlte nur das grenzenlose Glück der Befreiung. In dieser Zeit, in der »das böse Prinzip dort drüben«, wie Herta die Großmutter zu nennen pflegte, seinen Hauptschlag zu tun meinte, war seine Macht plötzlich gebrochen. Es hatte gehofft, die werdende Mutter in ihrem Lebensnerv zu kränken.

Und siehe: die böse Frau hatte mit dieser letzten Tat die Fähigkeit verloren, ihr noch ferner zu schaden. Herta hatte sich innerlich für immer von ihr geschieden. Sie empfand es gleich einem Wunder, daß sie und mit ihr das Kind sowie der Mann, den sie liebte, gerettet waren von dem Zauber, mit dem die dämonische alte Frau ihr Geschlecht bisher geknechtet hatte. Gehetzt und gefoltert war es von ihr worden und unter ihren Willen gezwungen, in der Jugend wie im Mannesalter, durch den Giftstoff, mit dem sie ihre Kinder frühzeitig zu infizieren verstanden hatte, jener Gier nach Geld und Macht, die der alten Frau selbst als der beste Inhalt des Lebens erschien.

Wie Geiz und Herrschsucht der Alten jeden ihrer Schritte gängelte, sie gleich seelenlosen Puppen hierhin und dorthin schob, so vermauerte derselbe höhnische und kalte Geiz ihnen auch jeden Blick in die Höhen ruhiger Geistigkeit, jede Freude in die Weite und beschmutzte ihnen alle Sehnsucht nach wahrhaftiger Freiheit. Bis sie, entwertet und verwirrt durch die Furcht vor ihrer brutalen Gewalt, keinen Weg mehr sahen, als sich aus dem Leben zu stehlen, um ihrem teuflischen Einfluß zu entgehen.

Herta, die das Teuflische wohl noch sah, war doch nun innerlich seinen Banden entrückt – war erlöst.

Mit heiterer Dankeswonne spürte sie die Segnungen einer neuen Freiheit. Sie hatte nicht umsonst gekämpft hier in der Heimat für den Mann, der draußen seinen Leib dem Feinde bot. Sie waren denselben gefährlichen Weg gegangen und zu denselben Zielen gelangt. Verzicht für unendlichen Gewinn. Zutiefst empfand sich die Frau dem Gatten verbunden in der Ehegemeinschaft, wie ihre geheimste Wesensart sie verlangte und ersehnt hatte.

Was galt gegen solche selige Gewißheit noch die Entfernung der Körper und alle Gefahren, die sie umwitterten? Die Aussicht, daß auch sie, die Frau, an des Todes aufgerissenem Tor dicht vorüberstreifen mußte, um ihre Mutterschaft zu erfüllen, war ihr Genugtuung – sie fühlte sich durch jeden bangen Schauder und jedes Überwinden in gestähltem Mut dem Geliebten nur inbrünstiger vermählt.

Unermeßliche Kräfte, deren Ursprung sie als göttlich ahnte, trugen sie über diese Tage und durchfluteten ihre Brust mit einer herrlichen Zuversicht: Gottes Schöpfungstat konnte ja kein Stückwerk bleiben! Karell mußte ihr heimkehren, seine und ihre Zukunft mußte sich auswirken zu dem friedevollen, heiligen Familienleben, wie es ihrer Phantasie vorschwebte, wie sie es durch unermüdliche Hingabe auszubauen und auszuschmücken strebte.

In Herta von Dottum triumphierte die aus ihrer Natur heraus geborene Idee mit strahlender Sieghaftigkeit und trug sie hoch hinweg über alle Schwäche des Irdischen, über alle Not und Entbehrung des Tages. Ihr ganzes Sein entbrannte in einer weißen, reinen Flamme höchsten Wollens.

Auch gleichgültige und fremde Menschen, welche Herta in dieser Zeit nahekamen, fühlten sich fortgerissen zu Liebe und Bewunderung für das blonde Weib, dessen Leib die Spuren der segnenden Mutterschaft trug, dessen Jugendreiz zerstört schien und dessen strahlender Ausdruck im Auge, im Lächeln des Mundes von einer weit höheren, gewaltigeren Schönheit Kunde gab.

Aber die Alte von Dottum-Elend in ihrer Burghöhle, ihrem Lehnstuhl, von dem sie ein Scheinbesitztum mit herrischen Worten regierte, die sah sie ja nicht, wollte sie nicht sehen, denn sie selbst blieb gebannt in den Hexenring ihres eigenen Wesens.



6.

Graf Schlobzien war abgereist, und Herta bereitete sich mit Margarete zu einem arbeitsreichen Winter vor. »Wie die Schmetterlingspuppen wollen wir uns einspinnen«, scherzte Herta, »und in unserem unscheinbaren Gehäuse an einem neuen Leben bauen!« Margarete hatte mit ihrem klaren, sicheren Intellekt sich schon ihren Wirkungskreis geschaffen und bewährte in seiner Vielfältigkeit ihre große Arbeitskraft aufs beste. Sie hatte fast unbemerkt der überlasteten Herta ein gutes Teil der geschäftlichen Korrespondenzen aus der Hand genommen und beaufsichtigte den neuen, kränklichen und leicht zerstreuten Rechnungsführer. Im Dorfe war sie mit ihrer frischen, zugreiferischen Art beliebt. Ließ sie sich mit ihrem kurzen Lodenrock und der Männerjacke unten in der langgestreckten Dorfstraße sehen, nickten ihr die Frauen zu, und die Kinder liefen herbei, um »Patschhändchen« zu geben. Man war vertrauter mit ihr als mit Herta, die trotz aller menschenfreundlichen Bemühungen doch immer von dem Nimbus der »Baronin vom Schlosse« umgeben blieb. Ihr ernst verschleiertes Wesen erweckte auch sonst eine gewisse Scheu, die sie vergebens durch Güte zu durchbrechen versuchte. Doktor Brandhöfers derber, volkstümlicher Witz half ihr oft schneller zum Ziel, als Predigten und Reden es gekonnt hätten. Während mehr und mehr Mütter in diesem männerlosen Winter in den umliegenden Fabriken beschäftigt wurden, blieben die Kinder sich selbst und ihren Unfuggelüsten überlassen. Die kleine Bande galt es zu sammeln und zur Gemeinsamkeit zu erziehen. Sie rief sich die jungen Lehrerinnen, welche die ins Feld gerufenen Lehrer ersetzten, nicht ohne Erfolg zur Hilfe, aber sie forderte auch mit Energie die Beisteuer und das Interesse der Fabrikherren aus der Umgegend für das im einfachsten Stil ins Leben gerufene Jugendheim, in dem Mädchen und Knaben außerhalb der Schulstunden mit der Erlernung der notwendigsten häuslichen Arbeiten beschäftigt wurden. Doch blieb es nur in kleinem Rahmen, denn die meisten der größeren Kinder waren schon durch Heimarbeiten mannigfacher Art in Anspruch genommen und als Mitverdiener von ihren Eltern ins Joch gespannt. »Das Landleben ist doch in der Wirklichkeit recht anders, als wir es in der Stadt uns vorzustellen lieben, »seufzte sie manches Mal, wenn sie die blassen, gedunsenen und verkrümmten kleinen Gestalten über ihre eintönigen Arbeiten gebückt sah, über das Stückchen Sandpapier, mit dem Hunderte von Wagenrädern poliert, über den Farbenpinsel, mit dem zahllosen hölzernen Puppenköpfen Augen und Münder angetupft wurden.

Besonders lagen den beiden Frauen die Abende der Mütter am Herzen, denn sachte, sachte mußte ihnen von hier aus der Raubbau, den sie mit aller Unschuld der Unwissenheit an ihren Kindern betrieben, begreiflich gemacht werden.

»Wie hat die Alte gesündigt, indem sie in ihrer Menschenverachtung und ihrem Geiz die Wechselwirkung zwischen Schloß und Dorf so gänzlich mißachtet hat,« zankte Doktor Brandhöfer sich das übervolle Herz frei. »Ich bin sonst wahrhaftig nicht für patriarchalische Zustände, aber wenn sie wie hier durch die Verhältnisse bedingt sind, dann soll man sie zum Donnerwetter auch gewissenhaft ausbauen. Herta, Herta, du bist noch immer zu weich gegen das alte Ungeheuer. Ergreife den Augenblick und kündige ihr den Aufenthalt auf der Burg! Ich sag's immer wieder!«

Herta schüttelte den feinen, blassen, blonden Kopf.

»Sie hat Karells Wort, bis zu ihrem Tode die Burg als Wohnsitz zu behalten – daran wird nicht gedeutelt!«

»Und so wären wir in gewissem Sinne denn immer noch ihre Gäste!«

»Sind wir auch,« gab Herta zu. »Ich fühl's täglich an tausend Nadelstichen.

»Unmögliche Verhältnisse!« schimpfte Doktor Brandhöfer.

»Unmögliche Verhältnisse sind es doch auch, unter denen die Soldaten an der Front leben müssen!« rief Herta warm. »Und sie ertragen's um des großen Zieles willen. Ich habe Anna benachrichtigt, daß nichts, was an Bosheiten und Ärgernissen dort drüben jenseit der »Schmalen Jungfer« ausgeheckt wird, mich veranlassen könnte, Karells Versprechen zu mißachten!«

»Herta – war das klug? Du hättest die Möglichkeit dazu wenigstens in Reserve behalten sollen.«

»Klug oder nicht – mein Gewissen fordert es so!«

Margarete sah bald ein, daß Hertas klarer Entschluß der richtige gewesen, denn drüben gingen in der Tat sonderbare Dinge vor sich. Ein Raunen und Flüstern und Sichentsetzen schlich durchs Dorf, von dem Doktor Brandhöfer manches spürte, ohne die Ursache deuten zu können.

Plötzlich erschien die alte Bäbenbrod verweint und aufgeregt vor der jungen Baronin.

»Gnädige Frau – nehmen Sie nur den Befehl zurück!« bettelte sie mit aufgehobenen Händen.

»Welchen Befehl?« fragte Herta verwundert.

»Den Befehl, die Burg zu räumen,« schluchzte das alte Pferdegesicht heiser.

»Meine Frau Baronin hat ja wohl nicht immer schön gehandelt – ich sage, wie's ist – aber so im Winter die alte, kranke Frau an die Luft setzen – das ist doch grausam – das wird sich rächen – das kann sich am Kindchen rächen,« schloß sie, in geheimnisvolles Schluchzen verfallend.

»Niemand will die Baronin an die Luft setzen,« rief Herta streng. »Bitte, besinnen Sie sich, Bäbenbrod, was Sie sagen, und glauben Sie nicht jeden Tratsch!«

»Aber die Baronin haben doch Befehl gegeben, zu packen, gnädige Frau,« stotterte die Alte, und ihre kleinen, farblosen Mäuseaugen mit den roten Rändern öffneten sich vor Empörung so weit, wie es ihnen möglich war. »Bormann hat doch schon immer nachts das Silberzeug und sonstige Wertsachen nach Oberwiesendorf geschafft!«

Herta schlug vor Empörung heftig mit der Hand auf den Tisch, an dem sie stand. Was war dies nun für eine neue, seltsame Niedertracht der alten Frau? In ihr erstarrte etwas vor dieser unergründlichen Phantasie des Schädlichen.

»Sagen Sie den Leuten, Bäbenbrod, daß die Frau Baronin hinziehen kann, wohin sie will,« rief Herta laut und entrüstet. »Mit dem Willen von Baron Karell oder dem meinigen geschieht es nicht – verstehen Sie mich, Bäbenbrod? Niemals haben weder er noch ich einen solchen Befehl oder Wunsch ausgesprochen.«

Die alte Jungfer hob ihre ausgeblaßten Augen zu der jungen Frau und senkte sie dann nieder auf ihre schwarze Schürze, an der sie putzte und strich, während ihre Lippen sich zusammenkniffen.

»Die Frau Baronin sagen's doch – und so weit ist die Frau Baronin noch lange nicht, daß sie nicht mehr wüßten, was sie sprechen,« meinte sie, »nein, das könnte ich vor jedem Gericht beschwören, wenn's notwendig ist, daß die Frau Baronin noch sehr klar bei Verstande ist!«

»Bäbenbrod – hier liegt ein Mißverständnis vor – gewiß! Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind. Ich will sofort Baron Karlemann benachrichtigen, damit er die alte Dame aufklärt, daß niemand sie vertreiben will. Auf keinen Fall darf man sie den Erregungen eines Umzuges aussetzen! Warten Sie, damit Sie den Brief sogleich durch den Reitknecht Franz befördern lassen. Er soll sich sputen, hören Sie wohl!«

Die Bäbenbrod murmelte noch allerlei, teils Ungläubiges, teils Befriedigtes zwischen den zahnlosen Kiefern. Herta schrieb eilig, mit vor Erregung bebenden Fingern, sie konnte und wollte ihre Empörung über die hinter ihrem Rücken gesponnenen Pläne nicht verbergen.

Am Abend kam Karlemann herübergeritten.

»Ergib dich drein, Herta, wie ich mich drein ergebe! Wenn dieses alte Weib ihren Kopf aufsetzt, ist nicht dagegen anzugehen. Sie will dich ins Unrecht setzen. Zu morgen mittag ist der dramatische Umzug geplant. Sie platzt vor Gier nach Sensationen . . . Mein Gott – trag' es, Herta – niemand wird dir zutrauen, daß du die Schuld trägst . . .«

»Aber Anna . . . sie hat mir doch versprochen, den Auftrag auszurichten, daß die Großmama selbstverständlich auch nach der Kündigung des Kapitals weiter auf Burg Dottum hausen könne! Hat sie das nicht getan? War sie so falsch gegen mich? Ist sie so doppelzüngig?«

»Nein – wahrhaftig – diesmal ist sie unschuldig! Sie hat deine Botschaft treulich ausgerichtet, schon um des eigenen Vorteils willen. Auf der Burg zum Besuch sein mit Kindern und Fräulein in diesen teuren Kriegszeiten, dafür konnte man schon manches bissige Wort in Kauf nehmen . . .«

»Du urteilst sehr – objektiv über deine Frau.«

»Was willst du – man wird sehend in der Ehe – hast du das nicht auch erfahren, Herta?«

»Ich möchte wissen, wie es mit der Großmutter ging, als Anna ihr meine Worte übermittelte!«

Herta sprach hastig und scharf.

Baron Karlemann zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich sind sie der Alten nicht bis ins Hirn gedrungen, nicht bis dahin, wo die fixe Idee sich verfangen hatte, sie würde hier ausgewiesen! Oder ob sie nur tat, als begreife sie nicht – wer kann das ergründen! Herta, du mußt dich gegen manches wappnen – die Macht ihrer Verleumdung war jederzeit stark!«

»Das weiß ich,« sagte Herta mit einem schmerzlichen Lächeln.

Karlemann blickte sie an, und auch sein Mund verzog sich leidend.

»Man hat ja einiges zu schleppen,« brummte er, »bei mir sieht es scheußlich aus, das Oberste zuunterst gekehrt, um Raum für den erlauchten Gast zu schaffen! Er kommt ja nicht allein. Jetzt in Kriegszeiten die Verpflegung der ganzen Garde, Bäbenbrod, Hinrichs, Bormann – wie sie alle heißen – die Haare stehen mir zu Berge. Dazu die Entbindung meiner Frau vor der Tür!«

»Sie wird euch Zuschuß zahlen – sie kann sich doch nun im Gelde wälzen,« sagte Herta.

»Den Teufel wird sie zahlen, »schrie der Baron Karlemann grimmig. »Geld ist das letzte, was sie hergibt. Das muß man ihr mit den Daumenschrauben herausdrehen. Karell weiß ein Lied davon zu singen. Ekelhaft! . . . Ja – wir werden uns nun auch nicht mehr sehen dürfen, wenn ich nicht die Hölle im Hause haben will . . .«

Herta neigte den Kopf. »Ich bin dir dankbar, weil du mir nicht feindlich warst,« sagte sie sanft.

»O Herta – Herta! Weißt du denn nicht, daß ich den Gedanken an dich hüte, wie die Kathol'schen so ein kleines Gnadenbild in einem geschnitzten Häuschen, vor das sie alle Morgen Blumen legen?«

»Guter Karlemann . . .«

»Sieh . . . vielleicht – vielleicht, wenn du spazierengehst und mir die Gegend verrietest, könnte ich dir begegnen . . .«

»Nein,« sagte Herta hart.

Baron Karlemann wurde glutrot und biß die Lippen. »Verzeih' mir!«

Sie seufzte und reichte ihm die Hand. Aber sie schwieg dabei, und ihr verschlossenes Gesicht sagte ihm deutlicher als Worte, daß er gehen müsse.

Ein grauer, fahler Wintertag. Vom frühen Morgen an sickerte der Regen, mit Schneeflocken vermischt, in den aufgeweichten Lehm der Landstraßen. Die alte Baronin hatte trotzdem befohlen, das Deck des Landauers zurückzuschlagen. »Ich brauche mich vor niemand zu verstecken bei meinem Wegzug aus dem Hause, das ich ein Menschenleben lang regiert habe, »sagte sie.

Zwei stämmige Jäger, die auf Urlaub daheim waren, trugen sie auf einem Lehnsessel die Treppen hinunter und hoben sie in den Wagen, die kleine, verkrümmte Gestalt, bis zur Unkenntlichkeit in Pelze und Tücher vermummt. Anna hielt den Schirm über sie und nahm dann neben ihr Platz. Bormann kletterte zu Hinrichs auf den Bock, die alten Gesellen heulten, daß ihnen die Tränen über die Backen liefen. In einem zweiten Wagen herrschte die Bäbenbrod in einer Art von seltsamem Trauerhut über eine Masse von Holz- und Lederkoffern aus Urväterzeiten, von gestickten Reisetaschen und Schachteln mit Schäferinnen und Perlenhunden auf den Deckeln.

So ging der Zug in langsamstem Schritt wie ein Leichenkondukt auf der Straße, die um den Burgberg und dann durch das schmale Dorftal führte. Was von Gesinde in Schloß und Garten irgendwie beschäftigt war, lief herzu und gaffte staunend. Aus den Häusern unten kamen sie hervor, die Frauen, die Kinder, die alten Männer. Wie verhaßt, wie unheimlich ihnen die »swarte Olsche« gewesen war – jetzt murrten sie unwillig. »Die kranke alte Frau aus dem Haus zu jagen, bei diesem Schauderwetter über Land zu schicken – nein, das gehört sich nicht – das hätte die junge Frau nicht gedurft.«

Der Wagen hielt mitten im Dorf beim Armenhaus, dessen Insassen im Vorgärtchen standen und glotzten.

»Ja – hierher komme ich, wenn mein zweiter Enkel mich auch von seiner Tür weist,« krähte die Alte plötzlich aus ihren Decken und Pelzhauben heraus mit ihrer heiseren Stimme und zeigte mit dem ausgereckten Finger auf das niedere Gebäude. »Macht mir nur Platz, Hinnersch – hebt mir nur ein Eckchen auf, Mörschen – habt ihr gehört?«

Die alten Spittelweiber drängten sich herzu, die Greise kamen angewackelt und streckten der sonst Gefürchteten nun empört und zutraulich die gichtgekrümmten Hände entgegen. »Das wolle Gott nicht, Frau Baronin! Das wird der da oben strafen, Frau Baronin!«

»Na – ihr liebt sie ja, die junge Herrin, die um eure Gunst sich so eifrig bemüht,« sagte die Dottumerin spöttisch. »Das ist der Lauf der Welt. Junge, glatte Gesichter hat man lieber als alte, verhutzelte Pflaumen – kann's euch nicht verdenken! Ich hab' nicht solche moderne Fisimatenten mit euch gemacht – aber meine Pflicht habe ich doch auch an euch getan – und nun geht's zur letzten Fahrt . . . Ja, Kinder – na, heult nur nicht wie die Schloßhunde – das alte Aas muß verrecken, und wenn man da ein bißchen nachhilft – wenn man da ein Pülverchen in die Suppe tut – was ist da weiter dabei? – Lebt wohl – lebt alle wohl, gute Kinder!«

»Was sagt sie –? Was hat sie gesagt?«

Dicht drängten sich die Leute um den Wagen, schluchzend, winkend, die Kinder hebend, versuchend, die Hände zu erfassen, die so welk auf der Pelzdecke lagen und sich ihnen dann doch mühsam über den Wagenschlag entgegenstreckten – um geküßt und gedrückt zu werden, als nähme die geliebteste Herrin Abschied . . . Und die schwarzen Augen in dem gelben Raubvogelgesicht belebten sich wieder, der zahnlose Mund lachte befriedigt, während der Wagen sich langsam in Bewegung setzte. Die Gruppen blieben im Regen stehen, flüsterten und raunten. »Was hat sie gesagt, von dem Pülverchen das . . .? Da oben – da in der Burg ist schon manches Böse geschehen – wer davon reden wollte – aber das ist doch der jungen Baronin nicht zuzutrauen – nein, das nicht – ach, die vornehmen Leute, die wissen, daß ihnen nichts geschieht!«

Zum nächsten Mütterabend kamen nur wenige Frauen. Aus dem Jugendheim wurden die Kinder geholt – man brauche sie zu Haus nötiger, und so neumodische Sachen paßten hier nach Dottum nicht her. Margarete spürte an allen Ecken und Enden das Feindliche, das sich plötzlich erhob. Niemand wollte mit der Sprache heraus – alles erging sich in sonderbaren Andeutungen und gehässigen Bemerkungen. Einer beschuldigte den anderen; die und der halte es mit der alten Baronin, das solle die junge Gnädige nur wissen . . .

Ersichtlich bildeten sich schon zwei Parteien, die sich gegenseitig befehdeten, mit Mißtrauen, mit Tratsch und Klatsch verfolgten. Die ältesten Geschichten wurden ausgegraben und mit Wollust und entzücktem Grauen erzählt, wenn man an den langen Winterabenden bei einem brennenden Kienspan wie zu Urgroßmutters Zeiten beisammensaß und das dürre, harzduftende, qualmende Reis die niedrige Stube mit unheimlichen Flackerlichtern spärlich erhellte, während die Schatten in den Winkeln um so schwärzer und nächtlicher spukten. Da summten und raunten die Stimmen aufgeregt durcheinander wie in einem Bienenschwarm. Das war weit spannender als alles, was die Damen vom Schloß an Belehrendem und Wissenswertem bei den Mütterabenden vorzubringen wußten. Es war eine so angenehme Veränderung, einmal einen Stoff zum Reden zu haben, der nichts mit dem Kriege zu tun hatte, der so herrlich ablenkte von dem eignen, am Herzen fressenden Kummer, den Mann, den Sohn im Granatendonner oder im Lazarett zu wissen oder gefangen – wer wußte; wo?

Endlich erfuhr Margarete Brandhöfer Näheres über die aufgeregte Stimmung im Ort und kam, glühend vor Entrüstung, zum Schloß hinauf. Das Tollste, das Grausigste wurde von Herta und ihrem Manne geglaubt. Einzelheiten durfte und wollte Doktor Brandhöfer der Freundin nicht berichten – sie sprach nur im allgemeinen die Ansicht aus, Herta werde nichts weiter übrigbleiben, als den Schutz der Gerichte anzurufen gegen die abgründig gemeinen Verleumdungen, die dort unten hinter den Tannenwipfeln von Mund zu Mund gingen. Sie war verzweifelt über den Undank, über die bodenlose Dummheit, die einmal wieder im Volk zutage kam, vermischt mit dem verruchtesten Aberglauben. Doktor Brandhöfer äußerte sich sehr temperamentvoll, doch Herta hob beide Hände mit einer Bewegung, als wehre sie etwas Feindliches, das auf sie eindringen wollte, von sich ab.

»Sage mir nichts, Liebe, ich will nicht, hörst du? Es könnte mir haftenbleiben, mir einzelne Menschen verleiden – man ist plötzlich nicht mehr Herr über die Empfindungen . . .

Ach, warum erregst du dich so heftig? Konntest du wirklich glauben, daß unsere Bemühungen von einem halben Jahr aufkommen würden gegen die Tradition von Jahrhunderten, die den Leuten dort unten die Herren und Frauen von der Burg als das Böse, die Feinde, die Tyrannen eingeprägt hat? Sieh dir doch die Bilder in den Sälen der »Schmalen Jungfer« an – welche harten, hochmütigen oder lüsternen, sinnlichen Gesichter!«

»Eben darum müßten die Leute vom Volk unterscheiden, wer es gut mit ihnen meint – aber nein, sie hängen ja an dem alten Ungeheuer – sie weinen ihr nach, als sei der höchste Schatz ihnen entrissen.«

Herta lächelte – ein wehes, ironisches Lächeln.

»Gestern beehrte mich ja auch die Landrätin Erxleben mit ihrem Besuch. Weißt du, was diese kluge und gute Frau bei mir wollte? Mir Vorstellungen machen, ich hätte die Großmutter auf keinen Fall gehen lassen dürfen – es gäbe böses Blut in der ganzen Gegend – ich müsse durchaus suchen, sie zu bestimmen, nach Burg Dottum zurück zukehren. Es scheint, die alte Dame hat sonderbare Anschuldigungsbriefe gegen uns an verschiedene Familien unter dem Adel verschickt. Es sollte mich nicht wundern, wenn demnächst die Kriminalpolizei uns einen Besuch abstatten würde . . .«

Herta schloß tief ermüdet die Augen, die goldenen Wimpern zitterten leicht auf den bläulichen Schatten der blassen Wangen.

»Darf ich dir eine Erfrischung holen, Liebste?« fragte Doktor Brandhöfer besorgt.

Die junge Frau bewegte verneinend den Kopf und schlug die Augen auf mit einem Ausdruck abgründiger Angst.

»Margarete – es ist heut wieder kein Brief da – seit drei Wochen bin ich nun ohne Nachricht . . .«

»Und du Arme schläfst nun auch nicht mehr . . .?«

»Wie kann ich . . . Es ist so grauenvoll, dieses Warten. – Es gibt Augenblicke, wo ich wünsche – ja wahrhaftig, ich wünsche, die letzte Nachricht käme . . . besser als diese Ungewißheit. – Und das ist schlecht . . . Ich müßte stark sein . . . Margarete – was mag er in diesem Augenblick für Höllenqualen leiden – und ich bin nicht bei ihm – kann ihm nicht helfen, ihn nicht trösten . . .«

Sie klammerte sich an Doktor Brandhöfers Arm, sie schrie und wimmerte ihn hinaus, den großen Jammer, den sie seit drei Wochen tapfer in sich verschlossen hatte und der doch neben ihr ging und ihr das Herz zerriß zu jeder Sekunde des Tages und der Nacht.

Es kam über Herta von Dottum-Elend das Leid, das in diesen Jahren von Tausenden von Frauen erduldet worden ist. Schreiben und Fragen und Forschen um Nachricht – auftauchende Hoffnungen, die trügen, ruhigere Stunden, da man so ergeben scheint, daß man sich selbst verwundert, und dann wieder der plötzliche, gleich einem Krampf einsetzende, wütende Schmerz.

Vermißt –! Dieses grausame Wort, das der Trauer nie gestattet, mit sich selbst zurechtzukommen, stiller und geduldiger zu werden. Dieses Wort, das immerwährend die grausame Geißel der Erwartung über den gepeinigten Nerven schwingt, die Phantasie aufstachelt zu den wildesten, sonderbarsten Träumen . . . Vermißt – das Wort, das uns nicht Abschied nehmen läßt von unseren Toten, sondern sie gleichsam in einem Zwischenreich festhält, von wo aus sie zu allen Zeiten mit blassen, gespenstischen Gesichtern wieder auftauchen, die vorwurfsvolle Frage in den Augen und auf den Lippen: Lösest du deine Seele auch nicht von der meinen? Gedenkst du auch nicht an mich als an einen vergangenen Schemen, während ich doch das Leben dulden muß und hungere nach der blutwarmen Vereinigung mit dir? Trauerst du linde - wehmutsvoll an einem Grab, während mein Leib sich in Schmerzen windet, mein Gaumen brennt in Durstqualen, während alle Nerven, alles Gefühl sich aufbäumen unter der Gewalt von Hohn und Beschimpfungen?

Herta erschien es als eine Feigheit, Ruhe zu suchen in dem Gedanken, ihr Mann könnte tot sein – alles überstanden haben und gelandet sein an jener Küste, von der wir nichts wissen. Aber dann, als die Zeit vorrückte und jeder neue Tag den vergangenen, der noch Hoffnung enthielt, Lügen strafte, versank sie mehr und mehr in das Bewußtsein der Entfernung von ihm. Sie umfing gleichsam den Tod und rang mit ihm, auf daß er das Bild des Geliebten rein und verklärt in ihrer Seele zurücklasse.

So litt die Frau mit Karell tausend Tode und erlebte in sich tausend Auferstehungen, denen ebenso viele Stunden folgten, da sie ihm wieder ein Grab in ihrem Herzen grub und es mit weißen Blüten ihrer Erinnerung schmückte. Bis der eine wolkenverhangene, in Regentau aufgelöste, milde Frühlingsabend kam, an dem der junge Adjutant vor ihr stand, der an Baron Dottums Seite gefochten an jenem verhängnisvollen Tage. Er hatte ihn fallen sehen und war selbst verwundet worden. Baron Dottum hatte mit Anstrengung Hertas Bild aus der Brusttasche gezogen, es ihm in die Hand gedrückt und gebeten, wenn er heimkomme, es nach Schloß Dottum zu bringen mit einem letzten Gruß. Der junge Offizier war zurückgeschleppt worden. Die Toten hatte man beerdigt – sehr eilig, weil man einen neuen Angriff des Feindes voraussah, der auch gleich darauf einsetzte. Man konnte ihnen die Erkennungszeichen nicht mehr abnehmen. Doch Herta empfing das blutbefleckte kleine Bild.

Sie hörte den Bericht des jungen Offiziers still, mit gefalteten Händen, während lautlos Tränen aus ihren Augen flossen. Sie war so furchtbar allein und einsam gewesen in den Wochen dieser Kämpfe um das Begreifen seines Todes, daß es ihr nun nicht mehr unausdenkbar schwer erschien, auch fürderhin allein zu bleiben.

Der schlanke, kleine Leutnant mit dem kindhaft runden Gesicht blickte mit nassen Augen auf diese in ein weites schwarzes Gewand gehüllte Gestalt, die so nahe vor ihrer schweren Mutterschaft stand, und neigte sich wortlos erschüttert über ihre Hand. Als er mit dem Oberwiesendorfer, der ihn geleitet hatte, die Treppe hinunterging, gestand er dem Manne, er habe die Wahrheit ein wenig entstellt: man habe die Gefallenen nicht beerdigen können, der nächtliche Angriff des Feindes sei über sie hinweggestampft. Karlemann dankte ihm für die geübte Schonung.

Im April wurde der Sohn geboren.

Herta hatte ersehnt und gehofft, er werde ihr Karells Abbild zurückbringen, doch die Bildung des Köpfchens, der Schläfen, der hellen Augen wiesen entschieden auf das Geschlecht der Schlobzien. Mit dem Verstande beurteilt, hätte die Tatsache die Mutter befriedigen müssen, daß dem Kleinen durch eine andere Konstitution vielleicht das unselige Erbe des Dottumer Temperaments erspart bleiben würde. Dennoch war sie enttäuscht. Ihr Liebeszusammenhang mit dem Manne war noch zu neu, zu tief durchwoben mit tausend Schmerzen und leidenschaftlich dem Geschick abgetrotzten Seligkeiten, als daß andere Erwägungen hätten Raum gewinnen können. Ihre Seele erfüllte sich einzig mit dem Verlangen, die Erinnerung an ihn lebendig zu erhalten. Sie grollte diesem neuen kleinen Wesen beinahe, weil es die Mutter nicht mit den Augen des toten Vaters anschaute.

Die Nachbarschaft und das Dorf zeigten plötzlich wieder wärmere Teilnahme. Das vaterlose Kriegskind rührte die Herzen der Frauen, gleichviel, ob sie dem Adel oder den Landarbeiterinnen angehören mochten. Herta erhielt während ihres Wochenbettes täglich jene Zeichen der Teilnahme und der Liebe, die von alters her den Müttern dargebracht werden. Freudenopfer, vor dem Altar des Lebens niedergelegt, welche seit Jahrtausenden bei allen Völkern die gleichen sind: Blumen, Früchte, junge Tauben, zarte weiße Wolle und feines Linnen mit dem Schmucke von Spitzen und Stickereien zur Umhüllung des Neugeborenen sowie silberne und goldene Geräte. Es war, als habe man die Empfindung, etwas gutmachen zu müssen. Das Richteramt wurde mit einer gewissen Erleichterung Gott überlassen, und man durfte aus vollem Herzen vergeben.

Ja, manche Dame ging so weit, sich zu fragen, was sie denn eigentlich zu vergeben habe. War die alte Baronin nicht stets ein sündhaft böses Weib gewesen? Dieselben undeutlichen und schreckhaften Verleumdungen von seltsamen Greueln und Verfolgungen, die im Winter Herta umsponnen hatten, gingen nun auch von Oberwiesendorf aus und beschuldigten Karlemann und Anna, in deren Hause die Greisin doch gastliche Aufnahme gefunden hatte. Man schämte sich seiner sittlichen Empörung, wie man sich eines verdächtigen, dunkeln Aberglaubens schämt, in den man bei Gelegenheit verfallen war, und der zu harter Ungerechtigkeit führte.

Das Oberwiesendorfer Ehepaar sandte einen Korb mit weißen Rosen, unter denen das alte goldene Becherlein in köstlicher, getriebener Arbeit verborgen lag, aus dem der Erstgeborene einer neuen Generation der Barone von Dottum-Elend seit Jahrhunderten seine Milch zu trinken pflegte, sobald ihm der Quell der mütterlichen Brust versiegte. Anna hatte keinen Bedarf für das Gerät. Bald nach der Übersiedelung der Großmutter hatte ihr die Vorsehung, die sie nicht nur in ihren Gedanken boshaft zu nennen beliebte, das vierte Mägdlein geschenkt.

Die Wöchnerin ließ alle Beweise von Teilnahme, Mitgefühl und Verehrung gleichgültig über sich ergehen. Das eine Zeichen, auf welches sie inbrünstig gewartet hatte, bei Karells Todesnachricht wie bei der Geburt seines Sohnes, es blieb aus.

Knospenhaft und noch schamvoll in sich geschlossen wuchs ein Gefühl in Herta, das sie noch kaum zu betasten wagte, und von dem sie doch ahnte, es wuchs und erstarkte in ihrem Innern: ein Gefühl, sie sei durch Karells Tod nun auch befreit von der Aufgabe, die sie sich selbst gestellt hatte. In einer von dämonischen Haß- und Rachebedürfnissen gehetzten Familie die Kultur des Friedens und der gegenseitigen Duldung zu erwecken – es war eine Aufgabe, die über die Kraft des einzelnen Menschen hinausging. Wollte Gott sie nun von der allzu schweren Last dieser Gewissenspflicht befreien? Sie hatte sich dem Gatten und sich selbst als rechtes Eheweib erwiesen, indem sie seine Sorgen auf die eigenen Schultern nahm und die Verfolgung der Verleumdung statt seiner erlitt. Sie hatte Karell die Freiheit verschafft, hinzugehen und der großen Idee zu dienen, ohne sie durch die persönliche krankhaft-schwache Begierde nach dem Tode zu beflecken. Und so hatte er rein und stark sich opfern dürfen.

Mit diesem einen sollte sie sich nun wohl begnügen müssen, Es war ja auch viel – es war alles für ihr Herz, sagte sie sich am Tage unzählige Male und wunderte sich über sich selbst, schalt sich eitel und anmaßend, weil ihre Gedanken nicht von der alten Frau loskommen konnten. Nach wie vor quälte sie die bittere Enttäuschung, nichts, aber auch nicht das allergeringste bei dieser hartnäckigen Natur ausgerichtet zu haben.

Als ihre Genesung voranschritt, als sie die frischen Kräfte des neuen Mutterlebens in sich wachsen fühlte, sie das Kindchen an ihrer Brust blühen und gedeihen sah, erwachten auch andere Stimmen in ihr, Stimmen, die ihr zuflüsterten: Es ist schön, zu sich selbst zurückzukehren, das Eigene nun freudig auszubauen und in ihm sich wirkend zu betätigen. Mochte denn alles dort draußen Gott überlassen bleiben, die alte, böse Frau, wie die böse alte Welt, beide im Irrsinn des Hasses und der Eifersucht sich selbst zerfleischend. Es war Vermessenheit gewesen, auch nur im kleinsten Kreise diese ungeheuren und furchtbaren Mächte überwinden zu wollen. Ohne Resignation ging es einmal nicht ab. Konnte sie nicht fernerhin ein güldenes Gitter der Vorsicht und der Liebe um sich und ihr Kindchen aufrichten, sicher und still wohnen im Schutze einer maßvollen Selbstgenügsamkeit?

Es dünkte sie süß und süßer, sich eine neue Zukunft in der Phantasie aufzubauen, eine Zukunft, die mit den Dottum-Elends kaum mehr noch als den Namen gemein haben sollte . . . Nur das Andenken eines verklärten Toten sollte hinübergerettet werden an das jenseitige Ufer ihres Daseins, das sie, von mildem Glanz umschimmert, in naher Ferne vor sich auftauchen sah. Mußten die Burg und das Gut nach dem Kriege verkauft werden, so sollte ihr das recht sein – sehr recht sogar. Unberührt von allen schweren Erinnerungen und Überlieferungen sollte ihr Knabe in heiterer Luft aufwachsen. Sie dachte es sich herrlich und spann an stolzen Mutterträumen, wie er ihre tiefen Wünsche teilen und aus eigener Kraft ein Mann werden würde, der das Leben mit festen Händen meistern und zum Heile des neu aufzubauenden Vaterlandes einsetzen würde.

Sie las in diesen Wochen keine Zeitungen. Sie vermochte nicht mehr all die Greuel und Abscheulichkeiten in sich aufzunehmen, von denen die Welt erfüllt war. Ja, auch das Organ für die unsäglichen Heldentaten unseres Heeres schien taub geworden. Der Nerv, der stärkste, der sie mit dem Leben der Front verband, der war ja zerschnitten . . . Nach dem stürmischen Schmerz trat eine große, heilige Ruhe ein. Ihr Geist nahm den Frieden gleichsam voraus – mußte er doch nun bald eintreten – sie, Herta, lebte und webte schon in ihm. Sie tränkte ihr Kind mit den Träumen und Hoffnungen des Friedens, sie küßte und herzte es mit den neu aufblühenden Freuden des Friedens.



7.

Nachdem der Frühling sich lange hinter wildem Schneetreiben, spätem Frost und scharfen Winden verborgen gehalten, brach er im Mai mit einer wahrhaft berauschenden Üppigkeit ins Land. Auch die rauhen Höhen und Täler des Harzes bekamen seinen Glanz zu spüren.

Herta saß auf der Terrasse, eine schmale schwarze Gestalt, im Sonnenschein unter dem roten Schirm.

Neben ihr schlief in seinem Korbe, die Fäustchen gegen die Bäckchen gestemmt, der kleine Erbe von Dottum-Elend.

Die Mutter blickte über die von lichtgetränkten Farben prunkenden Blumenseen der Terrassen auf die blauen Lachen von Vergißmeinnicht, die purpurdunklen und hellgelben Inseln von Stiefmütterchen und die in langen Reihen gleich heraldischen Wappenzeichen wirkenden blauen Schwertlilien – und sie dachte des Tages, als sie hier mit der Großmutter Blumen gepflückt hatte und die Aussicht sich öffnete in ein warmes, freundliches Gemütsland, in dem sie gemeinsam wohnen könnten. Eine der wenigen harmonischen Stunden aus ihrer jungen Ehezeit, in der alles sprießte und duftete von Hoffnungen.

Derselbe Flieder, von dem sie damals große Zweige abgebrochen, schäumte auch jetzt über von lila Blütentrauben, derselbe Goldregen hing dort in der Ecke seine gelben Dolden über eine zerbrochene, bemooste Flora, derselbe süße Geruch des Goldlacks, der um die Mauerzinnen wucherte, durchschwebte die Lüfte, und jenseit des tiefen, tannengefüllten Tales breitete sich das Land in grünen, braunen und grauvioletten Tönen, eine Wonne dem Auge.

Aber was Herta damals gewünscht, gedacht, gewollt und geliebt hatte – alles lag in Scherben, Asche und Grabesmoder. Sie wagte kaum, ihre Gedanken von der Natur, die ihr linde wohltat, auf irgend etwas Menschliches zu richten, aus Furcht, die Schmerzen, die ein wenig stille geworden waren, neu zu wecken.

Das kleine Hausmädchen kam und meldete die Baronin Anna.

Herta zuckte zusammen – die Feierstunde ging zu Ende, etwas würde kommen, und sicher nichts Gutes.

Sie ließ Baronin Anna herausbitten, als könne hier draußen in dem fröhlichen Sonnenschein alles sich leicht gestalten.

Anna kam in Schwarz und Krepp – Herta wunderte sich ein wenig, daß sie um Karell so tief trauerte – aber das war ja Familientradition.

Sie zeigte ihr das Kind, und die sachlichen, sich immer gleich bleibenden Mutterfragen wurden zwischen den beiden jungen Frauen getauscht, unterbrochen von den ebenfalls immer gleichen Ausrufen der Bewunderung, die Annas Lippen eilig entquollen.

Zwischenhinein schob sie die Bemerkung: Knaben seien so viel schwerer großzuziehen als Mädchen, und bei den Charaktereigenschaften der Dottumer Männer sei sie froh über ihr viertes Mädel. Ihre Bewegungen waren unruhig, ihre hübschen braunen Augen gingen hin und her. Als Herta läuten wollte, um eine Erfrischung zu bestellen, legte ihr Anna die Hand auf den Arm.

»Nein, ich nehme nichts – wirklich nicht – ich komme vom Frühstück . . . Nur – ich möchte ungestört mit dir reden – ich habe dir so viel zu sagen – können wir nicht hineingehen?«

»Gerne,« antwortete Herta, »ich freue mich, daß du den Weg zu mir gefunden hast!«

»Vielleicht freust du dich bald nicht mehr, »sagte Anna und lachte ohne jeden Grund, wahrscheinlich aus Verlegenheit.

Herta rief das Mädchen, um neben dem Körbchen mit dem schlafenden Kind zu sitzen. Die beiden jungen Frauen gingen durch die Glastür und eine kleine Treppe hinauf in das grauseidene Rokokozimmer der verstorbenen Jutta, mit den verführerischen Frauengestalten Fragonards an den Wänden und dem Schreibtisch, in dem damals Herta das Tagebuch der Ärmsten gefunden. Nun war er bedeckt mit großen schwarzen Wirtschaftsbüchern und landwirtschaftlichen Broschüren.

Herta lehnte sich leicht gegen seine feine Bronzeumrandung und stützte die Hand auf die eingelegte Platte, Anna ging mit ihren kleinen, eiligen Schritten umher und besah die Bilder an den Wänden.

»Schöne Sachen habt ihr hier – doch wohl Dottumsches Familieneigentum, was?«

»Ich weiß nicht,« sagte Herta mißgestimmt. »Man müßte Karlemann fragen – er hat sicher mehr Kenntnis über diese Dinge als ich – oder die Großmama . . . Ich hänge nicht an den Gegenständen, die mir fremd geblieben sind . . .«

»O – ich meinte ja nichts, Herta – ich sagte das nur so hin,« rief Anna und wurde plötzlich rot. »Das mußt du wirklich glauben!«

»Ich dachte, du wärst vielleicht gekommen, um über irgendeine Teilung zu reden, – es muß ja auch einmal sein.«

Anna schossen die Tränen in die Augen, sie schüttelte heftig den Kopf und zog nervös die Handschuhe von den Fingern.

»Herta – nein – – Es ist wahr, ich dachte einmal, es wäre das beste, man brächte die Großmama dazu, ein Testament zu machen, um allem Familienhader aus dem Wege zu gehen. Aber es regte die alte Frau unmäßig auf, und auch Karlemann wurde so böse . . . Ja – er dachte, du könntest auf diese Weise benachteiligt werden!«

Sie schluchzte auf.

Herta blickte sie verwundert an, dieses hübsche, feingeformte Frauengesicht, in dem alle die kleinen Züge erzitterten unter einer heimlichen, starken Erregung.

»Ich habe Karlemann immer für einen sehr anständigen Mann gehalten, auf den man sich verlassen kann,« antwortete sie ruhig. Aber sie wurde erschüttert von der Wirkung, die ihre Worte auf Anna übten.

»Anständig – sich auf ihn verlassen können?« rief diese, und die Tränen stürzten über ihr Gesicht. »Herta, wie wenig kennst du den Mann! Glaube mir nur, wie er mich betrogen hat, wird er dich betrügen – das gibt kein Glück – nein – so wahr ein Gott im Himmel lebt, gibt das kein Glück!«

»Ich verstehe nicht, was du meinst,« sagte Herta kälter und zurückweichend vor dem Zorn der andern. »Ich begreife kein Wort von allem, was du redest!«

Doch eine Ahnung glitt ihr gleichzeitig durch die Phantasie, und etwas wie ein innerer Frost durchbebte sie.

Anna lachte gequält, unnatürlich.

»Ich wußte ja,« sprudelte sie wütend heraus, »daß du deine hoheitsvolle Unschuldsmiene aufsetzen würdest – o du – du – du Kanaille!«

Die Beleidigung des letzten Satzes kreischte sie mit überschnappender Stimme, die ringgeschmückten, rundlichen Hände ballten sich, sie schüttelte sie krampfhaft hin und her.

Herta lehnte sich schwerer gegen den Tisch und stützte auch die andere Hand auf die Platte.

Sie blickte blaß und ernst auf die junge Frau.

»Anna, ehe du mich beschimpfst, sage mir, was ich dir angetan haben soll! Alles muß ein Mißverständnis sein – es wird sich aufklären – beruhige dich, mein armes Kind. Willst du dich nicht setzen?«

»Herta,« sagte Anna zwischen ihren Zähnen, »du weißt so gut wie ich, daß hier kein Mißverständnis möglich ist – und übrigens waret ihr ja schon im Winter einig . . .«

»Karlemann?« fragte Herta so leise, daß Anna die Frage mehr ahnte als hörte.

Sie nickte.

»Anna,« antwortete Herta auf diese Bewegung mit ihrer hellen, kühlen gläsernen Stimme, »ich verlange Achtung vor meiner Witwentrauer und meiner Mutterschaft – verstehst du mich, du böses, unüberlegtes, leidenschaftliches Kind?«

Anna fiel in einen Stuhl und weinte wie toll, sie schrie, als leide sie körperliche Schmerzen.

Herta ließ sie sich austoben, ohne ihr zu Hilfe zu kommen. Sie drehte den Stuhl vor ihrem Schreibtisch und setzte sich gleichfalls, denn die Knie waren ihr unsicher geworden.

Welche schreckliche Familie, dachte sie nur, und zum erstenmal durchzuckte sie die Reue, daß sie damals nicht bei ihrem Vater geblieben sei.

Plötzlich hob Baronin Anna das verweinte, rot verschwollene Gesicht aus ihrem Tuch, der schwarze Hut saß ihr schief auf dem Kopf, sie sah kläglich und lächerlich aus, während sie wie ein Kind sich zu fassen und ihre Tränen hinunterzuschlucken suchte.

»Ich wollte dich ja nicht beleidigen, Herta,« flüsterte sie demütig. »Nein, dazu bin ich wahrhaftig nicht gekommen – ich wollte dich nur bitten – im Namen meiner Kinder wollte ich dich bitten – nimm mir meinen Mann nicht – laß ihnen den Vater!«

Herta sprang auf und schlug schallend mit der Hand auf den Tisch. »Du bist irrsinnig! Ich denke nicht daran, dir deinen Mann zu nehmen! Ich habe Karlemann seit Monaten nicht gesehen – mit einer einzigen Ausnahme – als er mir die Nachricht von Karells Tode brachte – und, Anna, du kannst wohl denken, daß ich in der Stunde nicht auf ihn geachtet habe! Deine törichte Eifersucht ist völlig grundlos.«

»Herta,« sagte Anna, jetzt anscheinend ruhiger, »er sehnt sich krank nach dir – er ist so blaß und mager geworden – er liebt dich unsinnig, Herta, – und er hat mich angefleht – er hat vor mir gekniet, Herta – ich soll mich scheiden lassen – damit er um dich werben könne . . . Ach, ich bin so maßlos unglücklich.«

Erschöpft begann sie aufs neue leise zu weinen.

Zwischen den beiden schwarzgekleideten Frauen lag der leere Raum des großen Zimmers. Die Sonne warf durch das Fenster, vor dem die Jalousien herabgezogen waren, kurze, grelle Lichtstreifen auf den blanken Parkettboden.

Herta stand vor ihrem Schreibtischstuhl – starrte auf diese kurzen, flimmernden Lichtstückchen und suchte nach Worten, die sie nicht fand, suchte ihrer Bewegung, die mehr Zorn als Rührung war und in der doch irgend etwas von tiefem Mitleid mit dem Mann hindurchklang, Herr zu werden. Es war furchtbar, daß ihr diese arme Frau, die dort drüben weinte, so von Herzen unsympathisch war!

»Anna – zuerst muß ich dir sagen, daß ich selbstverständlich ganz auf deiner Seite stehe, »begann sie – o Gott, wie kalt klang, was sie sagte – sie hatte hinübergehen, sie in die Arme nehmen und schwesterlich mit ihr weinen wollen, aber dazu konnte sie sich auf keinen Fall entschließen.

»Ich schwöre dir hier, daß ich niemals einen Augenblick mit der Liebe, die du meinst, an deinen Mann gedacht habe.«

Anna hob den Kopf, streckte den Hals vor, bohrte ihre Blicke in das Gesicht der Feindin.

»Würdest du ihm das selbst sagen?« fragte sie lauernd.

»Gewiß – obschon ich solche Szenen als ein unnötiges Nervengift empfinde und lieber meiden möchte!«

»Ach – du fürchtest dich!«

»Für mein Kind fürchte ich mich,« sagte Herta ungeduldig. »Bestelle deinem Mann, daß ich in aller Zukunft, was er auch Törichtes angeben möge, niemals und unter keinen Umständen einwilligen würde, ihn zu heiraten.«

»Du – man kann niemals so sicher seiner selbst sein, wenn ein Mann wie Karlemann liebt und wirbt! Sie haben so etwas, die Dottumer, so etwas Dunkles – Süßes – schmerzlich Lockendes! Ich glaubte auch einmal, ich wollte nichts von ihm wissen, und als er dann kam – da war alles ganz anders!«

Hertas Gesicht wurde streng und stolz.

»Ich nehme keiner Frau ihren Gatten, selbst wenn ich ihn liebte . . . Und – ich würde nicht zum zweitenmal einen Dottum-Elend heiraten!«

»Darf ich das der Großmama sagen?« fragte Anna rasch.

»Wenn du willst . . . nur laß uns dies Gespräch beenden. Es tut mir weh in Erinnerung an einen, um den ich trauere . . . Übrigens die Großmama – wie geht es ihr – nimmt sie noch Anteil an den Dingen dieser Welt?«

»Sie ist es ja, die Hexe, die Karlemann auf den unglücklichen Gedanken einer Scheidung gebracht hat – von selbst hätte er nie den Mut gefunden, trotzdem er herumging und seufzte und in die Luft starrte und, ich glaube, jeden Abend zu dir betete.«

»Anna – entspringt das alles nicht etwa deiner Phantasie? Sie war immer sehr rege! Die Großmutter haßt mich!«

»Jetzt haßt sie mich, mehr als sie dich je gehaßt hat, das kannst du glauben,« beteuerte Anna. »Ich habe die Hölle im Hause, und bei mir ist alles enger beisammen, man kann sich nicht so aus dem Wege gehen wie hier, wo die »Schmale Jungfer« doch immer trennte. Die Bäbenbrod, Bormann, Hinrichs, alles meine erbitterten Feinde. Du ahnst nicht, welche Kraft dieser alten Bestie noch innewohnt.«

Nun war Anna wieder die alte; ein wenig erlöst von dem Druck, der auf ihr gelegen, quoll ihr der Schwall der Worte wieder ungehemmt. Und sie schilderte, wie die Alte oft tagelang todesstumm dasitze, in sich versunken, fern von jeder Anteilnahme, ihr Geist kaum erreichbar für Frage oder Anruf, man glaube zuweilen, sie brauche nur die Augen zu schließen, um allem Irdischen für immer entrückt zu sein. Dann aber sei es, als wache sie auf, sie ließe einen von ihnen, meistens aber Karlemann, an ihr Bett rufen, und die Pläne kämen ans Tageslicht, die sie während ihrer scheinbaren Geistesabwesenheit gesponnen habe. Freilich verwechsele sie die Generationen und befinde sich offenbar zuweilen inmitten uralter Intrigen und Machenschaften ihrer Jugend. Es sei grausig, wie sie so kalt und gehässig von Menschen rede, die längst vermodert seien. Aber dann wieder könne sie ganz scharf und logisch Vorschläge machen. So habe sie denn eines Tages, noch dazu in ihrer, Annas, Gegenwart, wie wenn sie von einem Hauskauf rede, zu Karlemann gesagt:

»Du mußt dich scheiden lassen und die da drüben, die Herta, heiraten, damit der Junge ein Dottumer bleibt.«

Und mit ihrer abgründigen Bosheit habe sie hinzugefügt:

»So kommt alles Gut in eine Hand, du wirst ein mächtiger Mann, und die Herta paßt auch besser zu dir in der Größe als die Kleine mit ihren vier Küken.«

»Abscheulich! »entfuhr es Herta mit einem Ton so ehrlicher Entrüstung, daß Anna aufsprang und mitten in ihrer bebenden, schäumenden Wut der Feindin die Hand entgegenstreckte.

»Du, schlag ein! Wir beide wollen zusammenhalten!«

Herta legte, nach dem Zögern einer Sekunde, ihre Hand in die von Anna und drückte sie fest.

»Siehst du – seit dem Abend war Karlemann wie ein Wahnsinniger! Es war, als sei der Blitz durch ihn gefahren und hätte sein ganzes Innere in Flammen gesetzt!«

»Er wird darüber fortkommen, wenn er die Hoffnungslosigkeit seiner Wünsche einsieht, »sagte Herta nachdenklich.

»Mir wird er niemals glauben – du mußt es ihm selbst sagen . . .«

»Ich will ihm schreiben!«

»Dann wird er meinen, ich habe dich zu dem Brief veranlaßt, und mich desto ärger hassen. Er darf überhaupt nicht ahnen, daß ich bei dir war.«

»Vielleicht nicht!« Herta seufzte. »Wenn ich ihm schreibe, ist's ein Bruch, und ich möchte eure Freundschaft nicht einbüßen – ich möchte sie fester fassen und halten!«

»Herta – du bist ein edler Mensch! Ich habe das eigentlich nicht um dich verdient . . .«

»Ach, unsere Interessen gehen einfach Hand in Hand,« meinte Herta, die Rührung der Erregten durch ihren kühlen Ton dämpfend. Und dann herzlicher: »Ja, Anna, ich glaube, du darfst ihn mir anvertrauen, und am Ende heil' ich dir den toll gewordenen Knaben!« Ein flüchtiges Lächeln glitt über ihr schmales, blasses Gesicht.

So schieden sie mit Umarmung und schwesterlichem Kuß.



8.

Herta verschob die Einladung an den Vetter fast eine Woche lang von Tag zu Tag. Oft saß sie schon am Schreibtisch und suchte nach einer Karte, dann griff sie plötzlich zu dem Block mit Quartbogen und schrieb eilig zwei bis drei Geschäftsbriefe, zuletzt sprang sie auf, weil irgendeine andere dringende Arbeit ihr eingefallen war. Anna mußte sie erst noch einmal an ihr Versprechen mahnen, ehe Karlemann die flüchtigen Zeilen von ihr empfing: Sie lasse ihn am Nachmittag zu einer Tasse Tee zu sich bitten, um in einer Familienangelegenheit sich bei ihm Rat zu holen.

Der Teetisch war im Rokokozimmer mit den grauen Seidentapeten zurechtgemacht, dicht am weitoffenen Fenster. Karlemann fand Margarete Brandhöfer anwesend, die den Kleinen auf dem Schoß hielt und an diesem zappelnden Stücklein Mensch so viele wunderbare Schönheiten entdeckte, wie sie bisher noch an keinem Kinde der Welt gefunden. Fräulein Doktor hatte geglaubt, Babies lägen ihr nicht, ihre leidenschaftliche Anhänglichkeit an dieses noch völlig geistlose Geschöpfchen empfand sie gleich einem ihr geschehenen Wunder. Lebhaft sprach sie auf den Oberwiesendorfer Baron ein, und er begann sich ungeduldig zu fragen, ob Herta grausam genug sein könne, ihn einzig zu dem Zweck gerufen zu haben, um mit dem Sohn und Erben zu prunken, dessen er selbst so nötig bedurft hätte und den ihm die eigene Frau mit allem guten Willen nicht schaffen konnte. Es nahm ihn nur wunder, warum Herta das Kindchen nicht selbst auf den Arm nahm, Mütter pflegten eine so unfehlbare Gelegenheit, sich lieblich und reizend darzustellen, selten vorübergehen zu lassen.

Herta versorgte ihn nur mit Tee und Zigarren; übergroß und schlank erschien sie ihm in dem schwarzen Kreppkleide und von einem durchsichtigen Weiß der Gesichtsfarbe. Sogar die Lippen, sonst so frisch und wie eine Rosenknospe in dem hellen Antlitz, waren blaß geworden, aber noch beredter im Ausdruck der feinen Linien. Baron Karlemann hatte anfangs mit einer starken Befangenheit zu kämpfen, als er Herta nach so geraumer Zeit zum erstenmal wiedersah. Was inzwischen in seinem Herzen vorgegangen war, alles, was sich an häßlichen und wilden Kämpfen in seiner Familie an den Namen dieser Frau knüpfte, spiegelte sich in dem dunklen Rot wider, das sein sonnverbranntes braunes Gesicht überflutete, während er sie begrüßte. Doch in dem ruhigen Geplauder mit den beiden Damen, in dieser still gedämpften Atmosphäre, die sie beide umgab, wich all das Düstere, Wilde, Glühende, das ihn gepeinigt, weit zurück. Er fühlte nur eine große, helle Befriedigung, die ein wenig gläserne Stimme wieder zu hören in den feinen, leicht ironischen Bemerkungen, wie Herta sie liebte. Er genoß es, die mageren, durchseelten Hände sich mit vornehmer Ruhe bewegen zu sehen – nur ihr eigenes Wesen wieder atmen und fühlen zu dürfen. So ging alles eine Weile in ebenem Geleise, bis der Tee genommen war, das Kindchen zu schreien begann und Margarete es hinaustrug.

Da waren sie plötzlich miteinander allein, und die Befangenheit senkte sich schwer über sie beide. Karlemann blickte Herta an und sah, wie ihre Nasenflügel zitterten, ihre Wimpern sich tief über die Augen legten und die Finger ein nervöses Spiel begannen.

Er fragte: »Herta – du hattest mir etwas zu sagen?« und legte alle Weichheit, alle dunkle, verführerische Hingebung in seine Stimme, über die Männer in solchen Augenblicken verfügen.

Sie ging schnell zum Fenster und schloß die Flügel.

»Ja, Karlemann – es nützt nichts, daß das peinliche Thema umgangen wird! Wir müssen doch einmal mitten hinein!«

Sie stand, wie sie in der Unterredung mit Anna gestanden, an dem Tisch, der vollbeladen war mit den Zeugen ihrer Arbeit, und stützte ihre Hand auf einen Stoß braun gebundene Rechnungsbücher.

»Ich habe eine Bitte an dich – du hast mir einmal das Versprechen gegeben, wenn ich deiner Hilfe bedürfe, sollte ich mich an dich wenden. Weißt du noch?«

»Es war bei unserer ersten Begegnung im Walde,« fuhr sie fort, »und ich nahm dir deine Äußerung damals sehr übel, denn ich glaubte, niemals eines anderen Rates oder Hilfe zu bedürfen als meines eigenen Mannes . . . Nun ist Karell nicht mehr da . . . Und gleich denkt die Welt, die einsame Frau beleidigen zu dürfen mit widerlichem Gerede . . .«

»Wer hat das gewagt?« murmelte Karlemann zwischen den Zähnen. Er stand vor Herta still, denn er war im Zimmer umhergegangen, er sah auf sie nieder, wieder kam die Röte über seine Stirn. »Selbstverständlich kannst du auf mich zählen!«

Herta neigte nur ein wenig den Kopf.

»Es geht ein Gerücht,« sprach sie eilig und etwas atemlos, mit steigender Heftigkeit, »ein Gerücht, das nicht davor scheut, mich im Heiligsten zu kränken, was mir bleibt – in meiner Witwentrauer . . . Vielleicht geht es von dem Krankenstuhl der Großmama aus – vielleicht nicht – das ist ja gleich – man muß ihm in jedem Falle sofort energisch entgegentreten!«

»Was ist es?« fragte Karlemann leise, und an dem eigenen, unsicheren und nervösen Spiel seiner Züge sah Herta, daß er verstand, worauf sie andeutete. Wie ähnlich ist er Karell in diesem Augenblick – fuhr es ihr durch den Sinn – dieser Aufblick der Augen . . . Sie fühlte es mehr, als sie es dachte, Weh und Sehnsucht durchschauerten sie.

»Du weißt davon – ich sehe es an deinem Gesicht,« sagte sie leise. »Geh' sofort zu der alten Frau und sage ihr, an mich und mein Kind solle sie sich nicht wagen mit ihren Intrigen und Plänen! Da werde sie ein für allemal zuschanden! Hörst du wohl, Karlemann . . .!« Ihre Stimme wurde zornig. »Ich bin eine schutzlose Frau und kann nicht überall herumgehen und den Leuten klarmachen, daß ich meinem Gatten die Treue halten will – auch über den schweren Tod hinaus! Ich fordere von dir Schutz und Hilfe in dieser Sache. – – – Habe ich vergebens gebeten?«

Sein Atem kam schwer, seine Augen standen voll Tränen und blickten sie mit hilflos der Leidenschaft hingegebenem Flehen an –

»Habe ich vergebens gebeten?« fragte sie nochmals.

»Nein – nein –!« stammelte der Mann. »Alles, wie du es willst – nur – die Zeit, die Zeit verändert so viel – ist da nicht – könnte nicht eine Hoffnung für die Zukunft . . .?«

»Keine, Karlemann,« sagte Herta, und er fühlte, wie dieses Wort aus ihrer tiefsten Seele kam. »Du warst Karells Freund – ich brauche dich als meinen Freund – als meinen Bruder, o Gott, Karlemann – siehst du denn nicht, wie notwendig ich dich brauche – willst du mir denn nicht helfen?«

Sie hatte sich tapfer aufrechtgehalten, aber nun kämpfte auch sie mit den Tränen. »Soll mein Sohn das furchtbare Erbe der Dottums antreten und auch in Feindschaft mit seiner Familie leben? Soll gegenseitiges Mißtrauen und Haß und Feindschaft sich auch durch die nächste Generation weitervererben? Karlemann, willst du mir nicht helfen, den tiefsten Wunsch meines Herzens zu erfüllen? Mein Leben habe ich eingesetzt, um euch von Dottum-Elend den Frieden zu bringen – ich weiß, es ist nur eine Familie – eine kranke Familie vielleicht – was tut es – mir war es wie ein Symbol! Nie – nie, nie kann den Völkern Friede werden, solange in den Familien Haß und Neid und Begierde und alle Leidenschaften gegeneinander wüten! Karlemann – dein schwaches Herz verbietet dir, draußen in dem Kampf um deutsches Wesen dich einzusetzen – aber dein Herz ist nicht zu krank und zu schwach, um den Kampf daheim zu kämpfen, in dem wir Seite an Seite stehen müssen, als treue Bundesgenossen – wenn wir siegen wollen!«

Er blickte sie hingerissen an – sie erschien ihm wie eine junge, strahlende Sibylle – geheimnisvoller starker Kräfte und Weisheit voll.

Er streckte ihr beide Hände entgegen. »Ja, Herta, ich will,« sagte er fest und männlich. »Du wirst dich überzeugen, daß ich wollen kann . . .«

»Ich danke dir!«

Und ihre Hände schlossen sich mit den seinen zu festem Druck ineinander.

»Nun geh', Karlemann.«

»Ahnst du auch, was du verlangst – wie leer ich mich oft fühle an Annas Seite?«

»Ich weiß es.« Ihr Blick und Ton war ernst. »Du hast vier Töchter, Karlemann – in einer von ihnen wirst du dich wiederfinden – dein Wesen, deine Art – suche nur! Zwischen Vater und Töchtern, da weben sich feine, wunderreiche Fäden – o, ich habe es ja erfahren dürfen! Wie unendlich nah verwandt fühle ich mich meinem Vater! Du wirst sehr geliebt werden – du lieber Karlemann – wenn du nur willst!«

Er hatte nur sachte den Kopf geschüttelt und war gegangen.

Herta blieb stehen. Sie sah lange still auf die Tür, durch die der Mann sich entfernt hatte. Wie er dem Toten glich . . . Kleine Bewegungen des Körpers – die schwülen, bittenden Augen, das Lächeln . . . Erinnerungen überfluteten sie, vermischten sich seltsam mit dem eben Durchlebten . . . Eine Welle Blutes schoß ihr nach dem Herzen, bedrängte ihr die Brust – sie faltete angstvoll die Hände – Gott im Himmel – was erschütterte sie denn so tief – war da – etwas, das nicht sein durfte? Dunkle Stimmen des Bluts, die riefen, verlangten, dem Willen kaum bewußt? Diese unheimliche Vermischung von Vergangenem und Gegenwärtigem . . .

Herta ließ hilflos beunruhigt ihre Augen im Zimmer schweifen, sie fielen auf ihres Mannes kleines Bild, ein dunklerer Rand in der Seidentapete zeigte die Stelle, wo Juttas Spruchtafel gehangen, die Herta hatte entfernen lassen. Sie trat heftig näher, hob beide Arme, streichelte mit weichen Händen das Glas über dem Männerkopf und lehnte das Haupt gegen die Wand. Aus dem innersten Leben hervor stöhnte nun auch diese einsame Frau das Leitwort der Toten: »Aus tiefer Not schrei' ich zu dir . . . Herrgott, erhör' mein Rufen!«



9.

Eine kleine Karte von schlechtem Papier, mit halbverwischten Bleistiftzügen bedeckt, irrte in der Welt umher. Sie war von einer unsicheren Hand beschrieben und schwer zu entziffern, und sie hatte einen weiten, weiten Weg zurückzulegen, zu Wasser und zu Lande und über mancherlei Grenzen, feindliche und neutrale. Da konnte es wohl geschehen, daß so eine unscheinbare, bleistiftbekritzelte Karte hier und dort liegenblieb, auf den vielen Bureaus, die sie zu passieren hatte. Immerhin, sie befand sich auf der Reise zu ihrem Ziele, und das war ein großer Vorsprung, den sie ihren Vorgängerinnen abgewonnen hatte.

Jede Woche einmal ging der aufsichtführende französische Sanitätssoldat im Lazarett des Gefangenenlagers von Bett zu Bett, die Briefe und Karten einzusammeln, welche die Kranken ihren Angehörigen im fernen Deutschland zukommen lassen durften. Abends wenn seine Feierstunde kam und ein kühles Lüftchen sich von der See erhob, stieg er auf das flache Dach, blickte über die vielen weißen, niederen Häuser der afrikanischen Stadt hinaus zum veilchendunklen Meer, und die Sehnsucht wurde in ihm wach – eine Sehnsucht, die nimmer befriedigt werden konnte. Denn sein Sohn lag mit gespaltenem Schädel irgendwo in den Vogesen, und sein Weib hatte ihn betrogen mit einem Poilu, der auf Urlaub kam – jedenfalls glaubte er es. Wenn er an diese schrecklichen Dinge dachte – am Tage ließ ihm der Dienst keine Zeit, und die tolle Hitze betäubte ihn – aber wenn das kühle Lüftchen vom Meer sich erhob, wachte auch die Erinnerung auf. Dann griff er in seine Brusttasche, nahm den Packen Briefe und Karten der deutschen Gefangenen und begann sie gemächlich in kleine Stücke zu zerreißen. Die winzigen Vierecke, die so viel Liebe und Verzweiflung enthielten, die streute er über des Daches niedere Mauer hinaus in die Nacht. Und das Meerlüftchen nahm sie, spielte mit ihnen, wirbelte sie in die Palmengärten und über den weißen Wüstensand oder tanzte mit ihnen auf der schmutzigen Straße umher, wo nackende braune Kinder im Staube saßen und aus dem Pferdemist flache Kuchen kneteten. Kam der weiße Flockentanz über ihre Köpfe, so sahen sie hinauf und lachten, und auch über das scharfe Gesicht des französischen Sanitätssoldaten glitt ein Lächeln. So hatte er sich doch einmal wieder gerächt und fühlte sich in einer sonderbaren Weise befriedigt – die Bürde seines Schmerzes schien ihm leichter zu tragen. Aber dann wollte es der Zufall, daß auch er den Typhus bekam und in ebenso wilde Fieberdelirien verfiel wie seine Pflegebefohlenen.

In den Saal, der seiner Obhut bisher unterstanden, kam ein anderer Aufseher. Und so geschah es, daß die kleine, dünne, bleistiftbekritzelte Karte ihren Weg fand, über das Mittelländische Meer nach Marseille, und  dann nach Paris, und dann wieder hinunter nach der Schweiz durch verschiedene Bureaus vom Roten Kreuz – und endlich – endlich auch nach dem kleinen Harzstädtchen, wo die Post für Burg Dottum abgefertigt wurde. Dort zeigte sie eines der Postfräulein dem  anderen, und sie buchstabierten und wurden ganz rot und heiß vor Erstaunen.

»Die kommt zur rechten Zeit,« sagte die eine zur anderen, »mein Gott, wenn die jetzt nicht gekommen wäre . . .«

Denn das Gerücht ging um zwischen Oberwiesendorf und Dottum, das von der bevorstehenden Scheidung des Barons Karlemann flüsterte und von seiner Wiederverheiratung mit der Mutter des Erben von Burg Dottum und dem Gute Elend.

Es war ein Tag gewesen wie andere Tage auch, vollgepfropft mit Arbeit und Ärger über Dinge, die trotzdem ungetan geblieben. Herta war stundenlang auf holprigen Feldwegen umherkutschiert, hatte das Gefährt warten lassen und war mit dem Inspektor zwischen den Hafer- und Roggenbreiten hindurchgewandert – glühheiß hatte die Sonne niedergebrannt vom hartblauen Himmel, dünn und spärlich stand das Korn, zur Überreife erhitzt durch die wochenlange Dürre; die Wiesen lagen gelb und verbrannt. Das Vieh fiel in den Ställen, nicht genügend ernährt und erschöpft durch die ungewohnte Glut. In der Nacht zuvor waren wieder zwei Kälber und ein paar Lämmer eingegangen. Der alte Verwalter zankte mit der jungen Herrin, weil sie die Regierungsvorschriften von der Ablieferung der Futtermittel allzu gewissenhaft befolgte. Er schimpfte über die Dummköpfe vom grünen Tisch und bewies Herta, daß keiner von den Bauern oder Gutsbesitzern die Sache wörtlich befolge. Er hing an jedem Tier, das er großgezogen, der alte Mann, und Herta hatte schon gemerkt, daß er manchen Sack Hafer und Kleie heimlich zur Seite schaffte. Sie hatte es ihm nun heftig untersagt, und er hatte mit Kündigung gedroht. Herta war zwiespältig in ihrem Gewissen. Sollte sie schweigen, Augen zudrücken, geschehen lassen? Den verdienten Mann konnte sie nicht entbehren, mit Entsetzen überfiel sie die Vorstellung, hier allein der Verwaltung der zwei großen Güter gegenüberzustehen. So kam sie, grübelnd, überlegend nach Haus, von Hitze und Arbeit erschöpft, mahnte den kleinen Reitknecht, die Decken über die erhitzten Gäule zu legen, fragte das Mädchen nach dem Kind, warf den Hut ihm zu und ging in ihr Zimmer. Auf dem Schreibtisch lag die Abendpost. Briefe und Zeitungen schob sie unwillig zurück. Das alles hatte Zeit. Sie fiel auf die Chaiselongue, reckte alle Glieder – Gott, wie müde sie war! Und sie schloß die Augen – alle Sorgen und Gedanken verschwammen in einem befriedigten Gefühl des Ausruhens.

Das Mädchen brachte ihr Tee und rückte ein Tischchen neben ihr Lager.

»Haben gnädige Frau die Post schon durchgesehen?« fragte sie in einem Ton, der Herta die Augen öffnen ließ.

»Nein – warum?«

»Der alte Mählert sagte man nur – da wäre so 'ne sonderbare Karte . . . Aus Afrika . . . Ach, gnädige Frau!«

»Gib her!« befahl Herta, schnellte auf, das Mädchen reichte ihr den Stoß Briefe, die, von zitternden Händen durchblättert, zur Erde flatterten – Herta hielt die kleine, verschmutzte, verwischte Karte – mit Karells Handschrift . . . Ein letzter Gruß? Sie winkte dem Mädchen, zu gehen – sie mußte allein sein mit diesem letzten Gruß . . . Sie starrte auf die Buchstaben: »Seit einigen Tagen geht es mir entschieden besser. Warum – warum kein Wort, kein Lebenszeichen von Dir? Keines auf alle meine Briefe? Bin ich schon zu den Toten geworfen? Oder hat nichts Euch erreicht? Erbarme Dich, Herta, seit ich wieder denken kann, verbrennt mich die Sehnsucht. Karell.«

Herta schaute wirr umher – woher kam dies? Von wann? Was hatte es zu bedeuten?

Ein Laut drang aus ihrer Kehle – ein heiserer Laut, als werde sie erwürgt.

Eilige Schritte liefen draußen, die Tür wurde aufgerissen, Margarete stürmte herein: »Herta – was höre ich . . .?«

Und sie fing die Zusammensinkende in ihren festen Armen auf.

Es war eine lange, tiefe Ohnmacht. Als Herta wieder zur Besinnung kam, unter nassen Tüchern auf ihrer Stirne die Augen aufschlug, ging ein beunruhigter Ausdruck über ihr Gesicht; sie wandte sich zu Margarete, die neben ihr am Boden kniete.

»Sag' mir – was war es denn? Eine sonderbare Erscheinung, nicht wahr? Bin ich denn krank? Es ist gar keine Karte von Karell gekommen? Wie könnte denn auch . . .«

Und sie brach in Tränen aus.

»Herta, Liebe, Einzige – sie ist gekommen – sieh, hier ist sie ja – und allem Anschein nach lebt dein Mann – ist in Afrika gefangen, war krank – ist genesen . . . Suche es doch zu fassen, Herta! Er lebt dir!«

Herta starrte sie an, blaß, zitternd. Sie streckte ihre Hände nach dem Papierblättchen aus, suchte, entzifferte, und konnte nur weinen – weinen – weinen. Noch fand die Freude keinen Eingang in ihr gemartertes Herz, das ihr wild flackernd in der Brust schlug, in Angst vor dem Unfaßbaren.

»Ich kann nicht,« stammelte sie immer wieder, »ich kann nicht –!« und faßte mit beiden Händen die schmerzenden Schläfen. »Es ist schrecklich, ich kann ja nicht glücklich sein – es ist ein Irrtum – sonst müßte ich es ja fühlen, daß er lebt! Ich hätte es doch fühlen müssen – alle diese Zeit her . . .«

Und wie ein Kind, das man mit unmöglichen Versprechungen trösten will, fragte sie demütig, ängstlich: »Kann dies nicht gefälscht sein? Oder – ach, sie ist ja wochenlang unterwegs gewesen – nein – der Leutnant Bonin hat ja Karell fallen sehen – sie haben ihn ja doch begraben . . .«

»Das hat man dir gesagt, dich zu trösten, »sagte Margarete. »Sie sagen das oft – ich wußte, daß die bei jenem Angriff Gefallenen in Feindeshand geblieben sind. Er ist anscheinend nur verwundet gewesen – vielleicht lange unfähig, dir überhaupt Nachricht zu geben. Herta, Süße, Liebe – du darfst hoffen! Glaube es doch! Versuche, zu glauben!«

Herta blickte auf, aus den feuchten Augen kam noch immer kein Strahl der Erkenntnis.

»Wenn es nicht wahr wäre, ich könnte es nicht noch einmal tragen!« Und das blasse, verweinte Gesicht zwischen beide Hände pressend, flüsterte sie: »Barmherziger Gott, hilf uns vom Tode zum Leben, wenn es dein heiliger Wille ist!«

Aus der Benommenheit unendlicher, nie zu ahnender Gefühle riß sie Margarete mit dem Hinweis, man müsse Graf Schlobzien telegraphieren, nun man Karells Adresse wisse, müsse man suchen, möglichst bald Nachricht an ihn gelangen zu lassen.

Da blühte zum erstenmal ein Lächeln auf Hertas starren Zügen auf: »Seine Adresse – seine Adresse – in Afrika – im Lazarett – dort lebt er – dort lebt mein Geliebter,« flüsterte sie leise in sich hinein und hielt das Blättchen mit der Kunde in den gefalteten Händen an ihre Lippen. »O Liebster, ich will dir ja schreiben, täglich, täglich will deine Herta dir Nachricht geben – – Wie muß er gelitten haben . . .«

Und plötzlich noch leiser, geisterhaft: »Kann denn ein Toter leiden? Kann denn ein Toter sich sehnen? Ach – wie ist alles so unfaßbar!«



10.

Auf dem altmodisch breiten Balkon, der, von den Säulen des Eingangsportals getragen, einen Blick über den Wirtschaftshof des Oberwiesendorfer Herrschaftshauses gewährte, pflegte man in diesen heißen Sommertagen das Frühstück zu nehmen. Eine Linde zur Seite schattete hinüber, man saß ganz in dem Duft ihrer Blüten. Die Familie hätte für jeden Fremden das Bild äußersten Behagens und friedlicher Eintracht geboten. Der Baron, in einen losen Anzug von graugelber Seide gekleidet, war in die Zeitungen vertieft, aus denen er seiner Frau hin und wieder eine Notiz vorlas.

Kristallschalen mit Blumen standen auf dem Tisch zwischen dem bunten Porzellan, goldgelber Honig, rotes Gelee und dunkles Brot gaben ein freudiges Farbendurcheinander. Baronin Anna deutete nur durch eine schwarze Kette auf ihrem weißen Morgenkleid die Familientrauer flüchtig an – und die drei kleinen Mädchen saßen in blauen Leinenkleiderchen vor ihrer Milch, bis sie fertig waren und an dem Balkongeländer Turnübungen probierten. Anna machte ein pädagogische Bemerkung über die Unnützlichkeit solchen Beginnens, als ein kleines, gelbes, offenes Wägelchen durch die Torfahrt in den Hof ratterte.

»Das sind die Dottumer Apfelschimmel – ich kenne sie ganz genau,« rief die Älteste, die sich neugierig übergebeugt hatte. »O, und es ist Tante Herta, die kutschiert – sie besucht uns – wie merkwürdig!«

Der Baron hatte die Zeitung fortgeworfen und war aufgesprungen. Er und seine Frau sahen sich eine Sekunde lang wortlos gespannt in die Augen – die Kluft war aufgerissen zwischen ihnen, in deren Grunde so viel Weh und Angst sich barg.

Etwas Lichtes, Weißes sprang vom Wagen, war in einem Nu im Haus, Anna mußte in diesem Augenblick verwundert denken: In Weiß –? Ja, ich bin es auch – es ist so heiß – aber sie, als Witwe?

Karlemann stand zögernd – er wußte nicht, ob er hier irgend jemand beleidigte, wenn er ihr entgegenging –

Da wurde die Tür schon aufgerissen, Herta stand vor dem Ehepaar, weiß und golden und rosenrot, mit den hellen Augen, in denen ein Glanz war wie fließendes Silber, und sie streckte ihnen beide Hände entgegen und rief laut: »Er lebt!« Und noch einmal, klingend, wie ein Triumphlied: »Karell lebt! O Gott – ich mußte zu euch!« Sie faßte je eine Hand des Mannes und der Frau und drückte sie und rief: »Ich habe ja Nachricht von ihm! Ihr Lieben, ihr müßt euch mit mir freuen!«

»Das tun wir, das tun wir von Herzen,« rief Anna, die sich zuerst gefaßt hatte, und küßte Herta stürmisch, während die Kinder fragten und jubelten.

Die Älteste aber sah ihren Vater an, der sich abgewandt hatte, und sagte vorwurfsvoll: »Papa, du weinst? Freust du dich nicht, daß die Franzosen den lieben Onkel Karell nicht totgeschossen haben? Du mußt dich freuen!«

Herta legte der Kleinen die Hand auf das glatte braune Köpfchen: »Laß deinen Vater, du begreifst das nicht, Kind – ich habe auch geweint– gestern abend, als die Nachricht kam. Noch in der Nacht habe ich viel geweint –«

Leise, scheu vor den dunklen Geheimnissen der Menschenseele, fügte sie hinzu: »Es ist nicht so leicht, sich aus dem Tode wieder zum Leben hindurchzuringen – es braucht Zeit . . .«

Die kleinen Mädchen wiesen mit ihren tausend unbefangenen und neugierigen Fragen den Weg, auf dem man gehen konnte. Herta zeigte die Karte, man studierte jedes einzelne Schriftzeichen, als könnten da verborgene und überraschende Enthüllungen entziffert werden. Herta berichtete, was sie noch in der Nacht getan, um bald nähere Kunde von dem Gefangenen zu erhalten und vor allem ihm Nachricht von daheim zu bringen.

Dann sagte sie lebhaft: »Wo ist die Großmutter – ich will ihr selbst die Nachricht sagen!«

Karlemann und Anna blickten sich an. »Geht hinunter in den Garten, Kinder – ihr wißt nun alles!« befahl Anna.

»Und dürfen wir's erzählen?« fragten sie alle drei wie aus einem Munde, die Augen leuchtend in der Vorfreude der Wichtigkeit dieses Ereignisses, das in ihre kleinen Hände gegeben war.

»Ja – ihr dürft! Ihr dürft,« rief Herta, »aber dann muß ich eilen, zur Großmutter zu kommen, sonst läuft das Gerücht schneller als meine Füße!«

»Willst du nicht lieber darauf verzichten?« begann Karlemann schwer, »sie nimmt oft so wenig Anteil an der Außenwelt – und – ihr Anblick ist nicht erfreulich.«

»Wir haben viel Not mit ihr, gerade in den letzten Tagen,« seufzte Anna. »Wir hatten einen Psychiater hier, denn sie wird ja immer verwirrter – der hat ihr nicht gutgetan – sie glaubt, es sei ein Rechtsanwalt und wir wollten sie zwingen, ihr Testament zu machen, – o Herta – es ist eine solche Pein mit ihr! Sie hat sich förmlich verbarrikadiert vor uns! Und Karlemann will sie nicht in eine Anstalt tun – rede du ihm doch zu!«

»Ich will nicht noch mehr Skandal und Rederei in der Umgegend,« rief der Baron. »Wir haben schon genug davon, dünkt mich. Überdies würde sie beim geringsten Versuch sie zu zwingen, Tobsuchtsanfälle bekommen. Der Professor meint auch, bei ihrer körperlichen Hilflosigkeit sei es eine unnötige Quälerei für die alte Frau.«

»Ja, er hat gut reden,« rief Anna zänkisch, man konnte an ihrer Gereiztheit ermessen, wie oft dieser Punkt schon mit Erbitterung zwischen den Eheleuten erörtert worden war. »Er weiß nicht, was es heißt, das Haus voller Feinde zu haben. Die alte Garde da um die Großmama, die steht zu ihr und treibt es toller als sie selbst mit ihren Phantasien und Anschuldigungen, mit all dem geheimen Geflüster und Getuschel! Eine Verbrecherin – so steht man gebrandmarkt da vor den eigenen Dienstboten!«

Anna brach in heftiges Schluchzen aus, sie mußte sehr gelitten haben.

»Vielleicht kannst du doch etwas erreichen bei der Kranken,« sagte Karlemann zu Herta, »der Zustand ist in der Tat für Anna unerträglich. Der Professor hatte uns eine Wärterin empfohlen – eine tüchtige Person – aber wir haben sie schon wieder ausquartieren müssen. Die Bäbenbrod stellte sich mit geballten Fäusten vor die Tür zum Zimmer ihrer Gnädigen. Ich glaube, sie hätte der unglücklichen Krankenschwester das Gesicht zerkratzt, wenn wir ihren Eintritt hätten durchsetzen wollen . . . Wir wissen kaum noch, was dort drinnen eigentlich vor sich geht – niemand von uns darf zu der Kranken. Du mußt nicht erstaunt sein, Herta, wenn die drei Kerls – denn die Bäbenbrod ist ja auch beinahe ein Kerl zu nennen – dich nicht hereinlassen . . . Ich wollte dir diese Enttäuschung ersparen.«

»Es wäre ein letzter Versuch, »sagte Anna, nahm Hertas Hand und streichelte sie bittend.

»Für mich gibt es keinen letzten Versuch,« rief Herta, ihr Gesicht leuchtete. »Mir ist heut zumut, als müßten alle Türen vor mir aufspringen, sobald ich sie mit der Fingerspitze berühre! So viel Kraft spüre ich in mir!«

Sie wollte Karlemann und Anna nicht sagen, daß von den Getreuen der Großmutter schon verschiedene Botschaften an sie ergangen waren, schriftlich und mündlich, sie möge sich einer Mißhandelten annehmen. Alles war indessen von einem Wust von Aberglauben, Übelwollen und Mißverständnis durchwuchert, und Herta hatte bis heut vorgezogen, die Bittenden kurzerhand abzuweisen.

Anna führte Herta durch einen langen, mit Schränken bestandenen Korridor dem Krankenzimmer zu. Herta war in ihren Empfindungen schon so ganz bei dem, was sie ersehnte, daß sie wie aus tiefen Träumen aufschreckte, als Anna heftig ihre Hand faßte, sie preßte und flüsterte: »Ich danke dir auch, Herta – inbrünstig danke ich dir! O – und nun kann ja alles gut werden!«

Herta mußte sich besinnen, was sie meinte – wie weit hinter ihr lagen diese Dinge!

»Ja – alles wird gut werden,« sprach sie zerstreut. »Es gibt nur eines, das irreparabel ist – der Tod! Wenn wir das nur immer, immer bedächten!«

Sie klopfte, die alte Bäbenbrod erschien. Das lange Pferdegesicht war noch blasser und hagerer geworden. Anna zog sich zurück.

Herta legte der alten Person beide Hände auf die Schultern und flüsterte ihr zu: »Lassen Sie mich zur Kranken! Ich bringe gute Botschaft!«

Die Alte starrte sie bestürzt an. Das leuchtende Gesicht, die weiße Kleidung . . . Herta schob sie leicht beiseite, trat durch ein schmales Vorzimmer in das geräumige, halbdunkle Gemach und blieb schmerzlich betroffen stehen. Ein grotesker Anblick bot sich ihr. Das große Himmelbett, welches in die Stube hineinragte, war mit glänzenden Blechplatten verschlagen, auch die Zimmerdecke war mit Blechplatten benagelt. Rings um das Bett war ein Zaun von Stacheldrähten gespannt. Mitten in diesem stachlichten, glänzenden Verschlag saß aufrecht, von großen weißen Kissen gestützt, ein winziges gelbes Skelett mit einem beschmutzten, zerrissenen Hemd bekleidet, dünne graue Haarzotteln hingen um das zusammengeschrumpfte Gesicht, das nur noch aus der messerscharfen Hakennase und den braunvioletten Augenhöhlen zu bestehen schien. Der zahnlose Mund bewegte sich murmelnd, zuweilen hob sich die linke Hand und machte eine Bewegung, als scheuche sie etwas fort oder wische etwas von der Stirn.

Die Bäbenbrod hatte sich an Hertas Seite geschlichen und hob schnell den Stacheldraht an einer Ecke auf, so daß die junge Frau hindurchschlüpfen konnte. Sie eilte auf das Bett zu, sie fiel neben der Kranken auf die Knie und umfaßte sie. Das Mitleid mit diesem grauenvollen Verfall überschwemmte ihr Herz.

»Großmutter – liebe Großmutter,« flüsterte sie, »ich habe dir etwas Wundervolles zu sagen! Hörst du mich, liebe Großmutter?«

Die Alte wachte aus ihrer Versunkenheit auf und schaute sie gleichgültig an.

»Großmutter – Karell lebt, unser Karell – den wir beide so liebhaben!« Hertas Stimme wurde tiefwarm durch die Inbrunst ihrer Empfindung. »Er lebt, er kommt wieder zu uns, wenn der Friede kommt, Großmama!« So flüsterte und sprach sie mit den innigsten Tönen der Liebe.

»Alberne Gans!« murrte die alte Frau. »Karell ist doch nicht tot, er kommt ja jede Nacht zu mir.«

»Ja – kommt er zu dir?« fragte Herta, als redeten sie beide von Dingen, die ihnen natürlich, aber der Außenwelt verschlossen waren. »Kommt er im Traum? Spricht er zu dir?«

»Nicht doch im Traum, er ist wirklich da, ich sehe ihn doch,« zankte die Großmutter eigensinnig. Der zahnlose Mundspalt verzog sich zu einem Lächeln. »Er sitzt da unten auf dem Bett, das ist hübsch, er ist ja nicht schwer, der kleine Junge,« erzählte sie. »Manchmal nickt er mir zu und sagt: ›Ich bin Großmutters Liebling!‹ Ich dachte, sie hätten ihn auch vergiftet, wie sie mich vergiften wollen, aber das ist nicht wahr, das mußt du nicht glauben, mein Döchting! Wundere dich nur nicht über diese kuriose Angelegenheit hier,« sagte sie mit einem sonderbaren Ausdruck von Hilflosigkeit. »Das mußte ich mir machen lassen, weißt du, – das Aas – die Anna – sie wollte mich doch zu dem Testament zwingen, da fing sie an, mir durch die Zimmerdecke schmutziges Wasser auf den Kopf zu gießen . . . Das war so unangenehm – ich konnte nicht davor schlafen, immer die einzelnen großen Tropfen – du siehst, alles ist davon beschmutzt!«

Sie zeigte auf ihr Hemd.

»Ich sehe aus wie ein Schwein! Wenn Karell mich besucht, lacht er immer darüber, der kleine Filou!«

Sie kicherte. »Die Jugend hat keine Ehrfurcht mehr vor dem Alter – sie schwatzen so viel durcheinander, daß ich ganz verrückt davon werde! Das Zimmer ist so voller Menschen, sie haben kaum Platz. Ach, Kind – sie sagen so abscheuliche Sachen – es ist ja auch wahr, ich bin zeitlebens ein böses Weib gewesen . . . Aber solche Ausdrücke brauchten sie doch nicht gegen mich zu spucken. Ich bin immer froh, wenn der kleine Kerl kommt mit seinem braunen Lockenkopf! Da schämen sie sich wenigstens.«

Herta hörte die wirren Reden und verzagte, einen Begriff der Wahrheit in das umdüsterte Hirn zu träufeln. Doch was tat es – der alten Frau war der Enkel ja nicht gestorben – sie hatte ihn nicht betrauert – er lebte in ihr in seiner lieblichsten Gestalt, und was später zwischen ihnen Böses vorgefallen, das schien vergessen – sollte sie es ihr wieder zum Bewußtsein bringen? Vielleicht wäre hier Wohltat zur Grausamkeit geworden.

Und Herta streichelte leise die kalten, dürren Finger, die sich kaum noch wie etwas Lebendiges anfühlten, und sagte weich:

»Er hat dich auch so lieb, unser Karell, Großmutter, wie sollte er da nicht in jeder Nacht zu dir kommen!«

Die Kranke wandte ihre Augen, die mit einem dünnen grauen Häutchen bedeckt schienen, jetzt zum erstenmal auf die junge Frau und betrachtete sie angestrengt, sie nahm ihre Anwesenheit wohl erst in diesem Augenblick wahr. Herta überkam die Furcht vor einem Heftigkeitsausbruch, doch die Greisin zog sie am Arm nahe zu sich.

»Du willst doch nichts von mir – du?« Die Augen wurden drohend. »Alle wollen sie Geld, immer nur mein Geld,« zischte sie böse. »Solange ich lebe – immer nur mein Geld! Pfui Teufel, die Äser!«

»Nein, Großmutter,« sagte Herta mit ihrer klaren Stimme, »ich will nichts von dir!«

»Warum bist du denn gekommen?« Auge in Auge schauten sie sich, das helle schaute beherzt in das trübe, in dunkle Höhlen versunkene Licht.

»Ich will dich von Karell grüßen, »sagte Herta langsam, deutlich, dicht vor dem Gesicht der alten Frau. »Und, Großmutter, sende ihm auch einen Gruß und einen Kuß, dem kleinen Jungen, dem kleinen Filou mit dem braunen Lockenkopf!«

Atemlos wartete sie, sah, wie ein dürftiger, spröder Tropfen sich in den trüben Augen sammelte, die gelbe, dürre Wange hinabsickerte, wie der Kopf langsam nickte, in Vergangenheiten versunken.

»Ach,« seufzte die Alte, »wer es wüßte – wer es wüßte – ich kann mich nicht besinnen! Grüße ihn nur, er soll oft kommen, sieh mal, ich kann doch nicht aufstehen und ihn suchen – er versteckt sich so oft, das kleine Luder. Wenn er sich nur nicht einmal wehtut an den ekligen Stacheln!«

»Großmama,« sagte Herta in einem plötzlichen Impuls, »wie wäre es denn, wenn du wieder zu mir nach Burg Dottum kämest? Da ist niemand, der dir schmutziges Wasser über den Kopf gießt – da bist du zu Hause und hast deine gewohnten Räume und dein bequemes Bett – und wir können uns vom kleinen Karell viele hübsche Geschichten erzählen.«

Die Greisin tastete nach Hertas Hand, lehnte sich an sie. »Ja, das wäre wohl schön,« sagte sie leise, »aber es geht nicht.«

»Warum geht es nicht?«

»Da ist doch die Herta, weißt du – die haßt mich!«

»Sie haßt dich nicht, sie will dir alles zuliebe tun.«

»Meinst du? Sie ist ein anständiger Kerl, sagt immer, was sie meint! Lügt nicht, wie die Bande hier . . . Du,« – ihre Stimme sank zu einem kaum vernehmbaren Flüstern – »hast du nicht etwas zu essen? Ich bin hungrig – hungrig! Hier traue ich mich nicht, etwas zu genießen, weißt du, sie machen Gift in die Speisen.«

Herta sann einen Augenblick, dann sagte sie freundlich: »Ich will gleich nach Haus fahren und dir etwas Milch holen und Brot – und wir essen miteinander, willst du? Von Burg Dottum hole ich's!«

Die Kranke nickte. »Aber bleib' nicht lange fort – ich fürchte mich allein! Sie denken so abscheuliche Grausamkeiten aus.«

Herta verließ sie, erschüttert bis in die innersten Wurzeln ihres Wesens. Sie teilte Karlemann und seiner Frau ihren Entschluß mit, die Kranke noch an diesem Tage nach Burg Dottum zu überführen. Es war ihr gleich einem Wunder: Sie liebte dieses verfallene Häuflein elenden Menschentums, diesen jammervollen Rest einer Herrscherseele die sich an der Kleinheit und Erbärmlichkeit ihrer Umgebung selbst vergiftet hatte. Ihr Herz brannte vor Lust, der alten Frau Freundliches und Gutes zu tun. Das hoffnungslose Unterfangen, in dieses geistige Verlöschen Trost und Licht zu tragen, erschien ihr als das schönste Los, welches ihr gestattete, ihrem Schicksal Dankbarkeit zu erweisen.



11.

Der Reitknecht war nach Burg Dottum gejagt worden mit dem Wägelchen, um von dort Suppe, Milch, Brot zu holen und den Befehl zu übergeben, die Zimmer der alten Frau Baronin sofort für die Kranke in Ordnung zu bringen. Man hätte die einfachen Erquickungen auch näher haben können, doch Herta lächelte leise und innig bei Annas Anerbieten und sagte: »Ich möchte nicht mit einer Lüge meine Arbeit beginnen . . . Wahrscheinlich muß ich später noch manchmal zu diesem Mittel greifen – nur heute . . . verstehe mich – ich könnte ihr nicht klar in ihre armen, irren Augen sehen – und ich glaube auch, das Ahnungsvermögen solcher Kranken wächst, je mehr der Verstand für das Reale abnimmt.«

Herta war froh, ihren Willen durchgesetzt zu haben, als die alte Baronin so eindringlich fragte: »Du betrügst mich auch nicht? Nein, du bist eine stolze Kanaille – eine stolze Kanaille!« wiederholte sie mehrere Male.

Die alte Dottumerin nahm die Speisen aus Hertas Hand. Die fütterte sie wie ein Vögelchen, einen Bissen in den eigenen Mund, einen für die Kranke. Es sollte ihr ein Zeichen sein, ob ihr Vorhaben gelingen konnte, und sie war glücklich wie über die köstlichste Gabe.

Am Nachmittag wurde die Übersiedlung vollbracht. Anna und Karlemann konnten ihre Befriedigung, von der schweren Verantwortung befreit zu werden, nicht verbergen, wenngleich sie sorgenvoll und bekümmert schienen um die schwere Last, die Herta auf ihre Schultern nahm. Diese hatte die Empfindung, nun das störende, aufreizende Element zwischen ihnen entfernt war, würden sie beide mit einem gewissen Behagen in die Alltäglichkeit der Tage, wie sie früher gewesen, zurückgleiten und sich so am besten miteinander abfinden.

Anna konnte ihr die alte Frau ruhig überlassen – sie war nicht mehr in dem Zustand, noch rechtsgültige Testamente abfassen zu können. Herta dachte solches ohne Bitterkeit. Sie war zufrieden, von den Verwandten in gutem Einvernehmen zu scheiden. Der Baron und seine Frau hielten sich auf Hertas Rat bei der Abfahrt der alten Frau verborgen. Herta war sehr bange, ob nicht eine unberechenbare Stimmung die Kranke noch in letzter Stunde in ihrem verlöteten Blechverschlage zurückhalten würde. Doch ließ sie sich gehorsam von der Bäbenbrod ankleiden, von Bormann und Hinrichs auf einem Lehnstuhl die Treppe hinabtragen. Nur durfte Herta nicht von ihrer Seite weichen. Als sie in Burg Dottum in ihr Schlafzimmer überführt wurde, heulte die Bäbenbrod wie ein dürrer, alter Wachhund, der in seine gewohnte Hütte wiederkehren darf, aber ihre Herrin war von der Fahrt durch die ihr entwöhnte Luft zu ermattet, als daß dieser klägliche Einzug irgendwelchen Eindruck auf sie hervorgebracht hätte.

Der Anblick der vertrauten Räumlichkeiten wirkte in den nächsten Tagen entschieden wohltuend auf die Kranke. Sie wurde heller im Geiste, befahl Bormann und Hinrichs an ihr Bett und gab Verordnungen, die an Früheres anknüpften, als sei sie niemals entfernt gewesen. Sie aß und trank mit Appetit, doch verlangte sie, daß Herta wie am ersten Tage die Mahlzeiten mit ihr teile. Ihr Geist kehrte immer wieder in jene Zeit zurück, da ihr mit dem ersten Enkel das mütterliche Gefühl im Herzen aufgesproßt war, das die eigenen Kinder diesem harten Boden nicht hatten entlocken können.

Es rührte Herta in eigener Weise, wenn sie immer wieder von diesem kleinen Jungen erzählte, der, so früh vater- und mutterlos, allein ihrer Pflege zufiel. Sie suchte die freundlichen Bilder in dem verfallenden Hirn auf jede Weise zu erhalten und zu pflegen. So stieg sie in den Bodenkammern der alten Burg herum und brachte das Spielzeug ihres Gatten herunter, stellte sein Schaukelpferd, seine Festung im Schlafzimmer auf, als habe das Kind nur eben das Zimmer verlassen und werde gleich wieder eintreten, das unterbrochene Spiel fortzusetzen. Der Instinkt der Liebe trieb sie, mehr als verständige Überlegung, sich mit der alten Frau in ein seltsam weitläufiges Phantasiespiel einzuspinnen, in dem dieses imaginäre Kind den Mittelpunkt bildete, um den sich lange Unterhaltungen drehten, mit Scherzen, Gelächter, kleinen Streitigkeiten und eingebildeten Sorgen. Es vereinte die beiden Frauen nun ebenso, wie die gemeinsame Liebe zu dem herangereiften Mann sie getrennt und verfeindet hatte.

Herta versuchte, ihr eigenes, lebendiges Kindchen in den Bannkreis dieser Traumphantasien zu rücken, doch das gelang ihr nicht. Der Anblick des kleinen Geschöpfes verwirrte und ärgerte die alte Frau. Sie wußte anscheinend nicht, wo sie dieses neue Wesen unterbringen sollte, sie maß ihm keinerlei Bedeutung zu. Herta mußte seufzend vom Vorhaben abstehen, den Kleinen in ihrer Nähe zu haben.

Sie wußte ihn gut aufgehoben in Margaretes gewissenhafter Pflege. Doch mußte sie lächelnd zuschauen, wie er das Köpfchen ängstlich vor ihr versteckte und Doktor Brandhöfer verlangend die Ärmchen entgegenreckte. Da lernte sie den scharfen Stachel der Eifersucht fühlen. Ach, sie gönnte der Freundin ja das flüchtige Glück so innig, und dennoch – wie sehr litt ihr Mutterherz.

An dieser Stelle war das größte Opfer, das ihre Aufgabe von ihr forderte, in Stille und Schweigen zu vollbringen.

Durfte sie ihrem Gatten in seine dunkle Gefangenschaft die hellen Strahlen ihrer Briefe senden, so konnte sie ihm schreiben, daß die Großmutter auf Burg Dottum wieder festgewurzelt sei und sich in ihrer Gesellschaft und unter ihrer Pflege wohl fühle. Sie berichtete ihm von der seltsam weichen Liebe, mit der die alte Frau Tag und Nacht seine Gegenwart spüre und mit ihm lebe, wie alle Trübungen zwischen ihm und ihr augenscheinlich in ihrem Gedächtnis erloschen seien. Herta trug das Bewußtsein in ihrer Seele, in Wahrheit des fernen Gatten Eheweib geworden zu sein, herangereift war sie unter bitteren Widerständen zu dem Einssein mit dem Mann, nicht nur im Genuß des Fleisches, tausendfach in ihm verwurzelt durch Kämpfe und Dulden, Ausharren und Hoffen. Spärlich kamen seine Antworten, die entweiht waren durch so viele trennende Späheraugen, in denen er niemals sein Gefühl ungehemmt strömen lassen durfte, nie ihr, der Vertrauten, seine Leiden klagen, alle Erniedrigungen andeuten durfte, die ihm zu ertragen auferlegt wurden. Und dennoch spürte Herta all das Unausgesprochene in den dürftigen Sätzen. Es waren nur stammelnde Laute der Dankbarkeit und Sehnsucht, aber sie sanken wie ein Schauer duftender Rosenblätter über ihr dürstendes Herz. Und drückte sie die von seiner Hand niedergeschriebenen Worte inbrünstig an ihre Lippen, meinte sie einen tiefen Trunk von Kraft getan zu haben.

Von Woche zu Woche, von Monat zu Monat staunte sie, wie ihr die Fähigkeiten wuchsen, allen Pflichten gerecht zu werden, die von ihr gefordert wurden. Der Wille war gestrafft zur äußersten Leistung und die Nerven angespannt bis zum Zerreißen. Dennoch war ihre Gesundheit nie besser, ihre Leistungsfähigkeit nie vielseitiger gewesen. Aber freilich, jener glühende Aufschwung der ersten Kriegswochen hatte sich nur noch einmal wiederholt – als sie die alte Baronin zu sich in ihre Hut holte. Allmählich wich er einer inneren Kühle, einer Härte gegen sich selbst, aus der heraus sie nun erst den seltsamen Charakter der alten Frau zu verstehen vermochte. Bisweilen kamen ihr Ahnungen von dem zornigen Mord, den das böse und herrische Weib in sich begangen hatte: dem Töten der Sehnsucht nach menschlicher Gemeinschaft.

Die Kranke durfte nicht bei den sanften und lieblichen Erinnerungen an den kleinen Karell ausruhen. Dunkle Herbstnächte hindurch und während kalter, öder Schneewintertage rang das zerfallende Gehirn mit allen Phantomen der Schuld, die sich in diesem Frauenleben angehäuft hatte. Das Zimmer um ihr Bett war angefüllt mit den Gespenstern ihrer Kinder, die vor ihrer Härte in den Tod geflohen waren – der Mann, den sie mit Gedanken und Plänen der Rache und Vernichtung verfolgt hatte, hob die rote Damastgardine und streckte mit ekelhaften Hohngebärden die Zunge nach ihr aus – die tote Jutta saß auf ihrem Bettrand und hustete Blut und Eiter auf ihre Kissen. Grauenhafte Angstkrämpfe erschütterten den ausgemergelten Greisenleib, die Hände krallten sich hilfesuchend um Hertas Arme, daß deren zarte Haut Wunden davontrug, der zahnlose Mund schäumte über von schmutzigen Flüchen, von obszönen Anschuldigungen und wüsten, verbrecherischen Drohungen . . . Trostworte drangen nicht durch den Ring der Dämonen Haß und Mißtrauen, von denen dieses absterbende Gerippe umhergeschleudert wurde. Kämpfe wurden hier ausgefochten, deren wilde Not darum nicht geringer wurde, weil sie nur Spiegelungen eines kranken Geistes waren. Herta wußte und fühlte stark, wieviel erschütternde Wirklichkeit diesen giftigen Phantasien zugrundelag. Ihre Liebe war auf eine harte Probe gestellt, oft empfand sie nichts als Ekel und Abscheu, sehnte leidenschaftlich oder müde die Erlösung durch den Tod herbei.

Ließen die Anfälle nach, und die Kranke wurde wieder zugänglich ihrem freundlichen Lächeln, ihrem guten Zureden, so kam ihr auch geduldiger Mut zurück. Und geschah es, daß die Großmutter ihre Hand hielt und ihr zuflüsterte: »Bleib' hier – dann kann ich schlafen – nicht wahr, du gehst nicht fort?« so blühte gleich auch die Wärme wieder auf für das unglückliche, gepeinigte Menschenkind.

Der zweite Winter schwand, in dem rings um Deutschlands Grenzen der furchtbare Kampf der Welt um die Macht und Herrschaft über den Erdball raste, im Blut der Hunderttausende schwelgend und doch nie gesättigt.

Als der Frühling wiederkam und auf Burg Dottum die Schwalben um die Mauerkronen des alten Turmes in Zickzackflügen froher Lebenslust schwirrten, ging das Erdensein der alten Frau von Dottum-Elend zu Ende. Die letzten Wochen brachten ein sanftes Verträumen und Einschlummern ihres wilden, herrischen Geistes. Ob sie Herta noch kannte, blieb ungewiß. Als diese eines Nachts an ihrem Lager saß und die kalten, absterbenden Hände zwischen ihren warmen Fingern streichelnd zu erwärmen suchte, faßte die Hand der Sterbenden die ihre, und sie spürte einen leisen Druck. Gleich darauf sank der Kopf zur Seite, und der Puls des Lebens stand still.

Im Sommer erfuhr Herta, ihr Gatte sei unter den für den ferneren Waffendienst unbrauchbaren deutschen Invaliden nach der Schweiz gesandt worden. Es war eine ernste Freudenbotschaft, denn sie enthielt die Gewißheit, daß Karell ein siecher Mann bleiben werde, immer ihrer Pflege, ihrer gütigen Nachsicht bedürftig.

Und doch, er war ihr mit dem Überschreiten der Grenze des gastlichen Berglandes zurückgegeben! Herta durfte zu ihm eilen und ihm seinen Sohn bringen! Neue Aufgaben warteten ihrer – vielleicht neue Leiden . . . Bereitwillig öffnete sie allem Kommenden ihre Seele. Denn sie vertraute den göttlichen Kräften, deren Wirken sie in sich spürte, und die unüberwindlich waren.