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Walter Rheiner – Insel der Seligen

Walter Rheiner, Insel der Seligen, Ein Abendlied, Dresdner Verlag von 1917, 1918

                                         ... ergriffen
                                        von mystischen Fängen, weiß er nicht mehr,
                                        ob Erde und Mensch er ist! ...
                                        (: ... Pinguin am kosmischen Gestade! ...)
                                                        Das tönende Herz 1. Teil, III, 3.


DAS ERSTE ABENDLIED

Abend, himmlische See!
Blaue Gnade! Neig dich auf des Ergriffenen Haupt!
Spül ein, spül ein in das klingende Herz,
ein in der Dörfer ersterbendes Rot.


Mische dich bald der gebenedeieten,
der Träne, die von den Wimpern strahlet,
da des Einsamen Stirn, klar von deiner Tiefe,
tief sich dir neigt.


Nimm ihn auf! Schon rüstet zum Flug er sich
weit in die kosmische Au. Der Sonne
dürstet ihn. Schwarzer Reise
der Nacht vertraut er sich träumend an.


Erflehte Landschaft ersteht in der Brust.
See blüht im Wald, silberne Blume, enorm,
Abbild unendlicher Wölbung und Burg,
deren Zinnen klingen von Morgen klar.


Gieß dich aus, selige Heimat, fernste, nächste!
Wie weit, ach wie weit ist es zu wandern
in deinen Schoß. Wie bitter,
an deinen Grenzen verlangend zu stehn!


... Den Atem fühlen, den göttlichen, den du spendest!
Inbrünstiges Antlitz trinkst du auf in dich!
Wie ein Baum (kaum noch Mensch), wie ein Felsen
steht vor dir der Ergriffene: dein Geschöpf!


DAS ZWEITE ABENDLIED

Neige dich, du Baum-Geflüster!
Näher wehet schon der Wald.
Zwischen Wolken, Welt-Geschwister,
Sirius erhebt sich bald.


Feld gebreitet in der Aue,
Vogelflug am Horizont.
Über Teichen schwingt der blaue
unermeßlich ferne Mond.


DAS DRITTE ABENDLIED

Zu Häupten kreist uns der Himmel. O
du goldner Wagen, Sonne, fährst hin
melodisch über uns Menschen. Duftendes
Haar der Erde, Bäume, neigen sich dir.


Wie der Wald uns bestürzt! Die Wege
sind Wesen, die fragen und lächeln. Schon schwillt
uns ein Hügel, atmende Brust, entgegen. Grün
fließt unser Herz in das Land.


In den Azuren blau badet die Stirne sich.
Erde, Mutter und Heimat du! Gib,
gib dich uns! Siehe, wir schlafen im Wald,
sind dir Moor oder Tier oder schmerzlicher Baum.


DAS VIERTE ABENDLIED

Unendliche Stille! Der Himmel wölbt.
Wolken hangen uns in die Stirn.
Süß reift im Ost des Mondes Frucht.


Baum blüht reglos in die Nacht.
Der Frösche Schrei, der Fledermaus Flug
Und der Käfer sanfte Musik
Gießt unsre Herzen hinaus.


Trunken in solchem Abend
Wehen an Horizonten wir hin.
Golden leuchtet die Hand im Raum.


Nacht schenkt unendlichen Traum!
Fliegende Erde, wachsender Wald:
alles sind wir! ... Du bist ich!


DAS FÜNFTE ABENDLIED

In des Abends samtnen Hafen
lenken hin die Häuser-Schiffe.
Siehe! Mond und Sonne trafen


sich in unsrer Stirnen Spiegel!
Wiese breitete die Schwingen,
Wald hob auf den dunklen Flügel.


Leise Wege um uns singen.
Unser Herz in nahen Gärten
leuchtete. Der Nacht Syringen


schlingen sich um uns, die warten –
warten, daß sich uns die Räume
füllen mit verwehten, zarten


Farben unsrer wachen Träume,
die sich magisch offenbarten.


DAS SECHSTE ABENDLIED

Wie wir in die Wiesen sinken,
segelt Mond, das ferne Schiff,
leise um des Waldes dunkles Riff


Von der Stirn dir will ich trinken
Abendschein, der dich betaut,
und den nahen Himmel, der
unermeßlich tief erblaut.


Leise regt sich das Geflüster
naher Sterne. Milde wandern
Wolken, die im Osten landen.


Schwinden wir? ... Schon düster
schwingt sich Weg den Betgen zu.
Bist du hier? ... Am Horizont
stehst in Firmamenten du!


DAS SIEBENTE ABENDLIED

Schatten wächst in unsren Herzen.
Waldsaum schwankt im Gold, zerrinnt.
Silbern fährt das Nacht-Gestirn,
über Schlummer-Dorfes Kerzen.


Salamander, deine Hand
ruht in Büschen, wachsam hell.
In der Hunde Traum-Gebell
mischt sich dunkler dein Gesang.


Stirn, verlorner Mond im Moos,
neigt sich über dein Gesicht.
In den Bäumen, wesenlos,


brennt ein wunderbares Licht.
– Nacht entschreitet riesengroß
über uns und sieht uns nicht.


                                        (Meiner Frau zum Geschenk.)


DAS ACHTE ABENDLIED

Abendlich brauset die Landschaft. Da geht
der Ergriffene hin durch den flötenden Wald.
Zwischen vergehenden Stämmen steht
weithin ergossenes Rot, netzend die Stirne kalt.


Aus der dämmernden Brust, über der Augen See
hebt sich der hohen, der kreisenden Sterne Gebäu.
In den Haaren, ach!, von den versunkenen Hügeln weht
die süße Mutter, die goldene- Nacht herbei.


Mond beleuchtet die Hand, Welt-Vogel fernher geneigt.
(Bach schon dunkel verschlürft in der atmenden Erde Schoß.)
Silberner Wind in den Wipfeln singend erbleicht.
Erde schwankt durch den Raum: seltsam' und ruhelos.


DAS NEUNTE ABENDLIED

Goldener stets und immer erhabener
sinkt das klingelnde Dorf hin in die Arme des Untergangs,
des Verwelkens der Sonnen-Rose am tönenden Abend-Gewölb,
das uns musikhafte Gondel ist, lang
enteilend mit uns in den Raum, mit uns Ergriffenen.


Schon gleitet, Silber-Falter, der klirrende Mond
über die Haupte uns hin. Fittich, schwingt Wolke um uns.
In der Ferne ragt auf, ehern und klar,
die Grenzenlose mit blauem -Haar, die Nacht,
die uns Mutter scheint, fern und unendlich nahe.


Süßer hebt auf sich chromatisch der Wälder Gesang,
der betaut unser Ohr im Schlaf. Fledermaus
schwirrt, und der grünen Wiese
Woge wallt uns entgegen, ein Tanz,
vermischt mit der Sterne Fontänen,


breitend sich aus auf uns. Wir sinken,
sinken hin, ach!, stammelnd, ohne Wort und Gebild,
ganz ihr hingegeben, der unendlichen Ferne, ihr
angehörig, unendlicher Nähe. Und sausend
streift uns ein Atem wieder: der schluchzende Pan!


DAS ZEHNTE ABENDLIED

(Ode)

Des Abends grüne Woge erhebt sich groß.
Die Firmamente über uns singen leis.
          In dunklem Rausch ein Baum gewaltig
                    wirft sich im Tanze dem Mond entgegen.


Der Wald flammt schwer, ein finsteres Feuer weit.
Die Wiese schwankt gespenstisch, ein Schiff im Raum.
          Gestirne hangen, fernes Antlitz,
                    fremd zwischen Wolken, die näher schweifen.


Wir schlafen tief. Es nistet die Stirn im Stein
des Hauses, das mit uns durch die Träume fährt,
          die uns der Sonne Wein noch schenkte,
                    dunkel am Horizont: Mohnes Blüte!


Die Nacht äugt groß am Fenster, ein buntes Tier.
Vom Wolkenrand träuft Licht auf der Lippe Flor.
          Die Hand erbleichend schwankt im Schlafe.
                    Düstre Musiken erklingen innen


in unsrer Brust. Unendliche Nacht dort blüht
und steigt und tönt. Ein Meer schwemmt durch uns hindurch.
          Wir sinken tief und tiefer immer,
                    schlafend und träumend zu uns hinüber!


HEIMKEHR

An meiner Nächte Horizonten mächtig kreisend,
magnetisch düster von den Wolken hangend:
– da bist du wieder, große Stadt! Du wehe Mutter!


Die Straßen, die mein Schluchzen jäh umfah,
thronende Giebel, von der Hochbahn Pfeil
zerfetzt: sie sind! und sind mir immer da!


So nimm mich auf, gigantisches Gemach!
An deinen Wänden spül ich wirbelnd hin.
(Von heulender Kuppel dröhnet neu der Sonne Explosion!)


Brausende Nächte! Mystisches Revier!
Da torkeln Menschen, und die Stadtbahn zischt
in mein Gedicht. Gleisdreieck schwebt empor


und wirft mich in der roten Kirchen Tanz
und Schwall von Menschen (Zappel-Puppen viel)
und bleichen Schiffen, die im schwarzen Flusse faulen.


Berlin! Berlin! Heimat du aller Wege!
Du aller Fahrten Ziel! Du Hohe See!
Du bittrer Schoß umschließest schweigend mich ...

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