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Henriette Riemann – Die Geliebte

Novelle

Aus: Henriette Riemann, Der andere Tod, Erich Reiß Verlag, Berlin, o. J.

Dreizehn Stunden nach jener Nacht, der eine wunderbare Erscheinung Bedeutung verliehen hatte, stand Herbert Weßley schweigend am Fenster seines Arbeitszimmers. Er blickte auf die weiten Rasenflächen des Parkes. Die Eschen neigten sich im Winde, und die Arme der Sträucher umfaßten den dämmernden Abend. Am Gitter, das in zart verschleierter Ferne zwischen den Bäumen sichtbar ward, glitt rasch ein Schatten hin. Herbert Weßley unterschied die Gestalt eines Mannes, der an der Pforte stehen blieb und durch die hohen Eisenstäbe ein weißes Päckchen warf; dann ward die Glocke gezogen und während der Ton leise bis zum stillen Hause hinüberdrang, entfernte sich die Gestalt eilends, wie sie gekommen war. Dieser einfache Vorgang schien Herbert Weßley seltsam zu bewegen, aber, als hielte das Bewußtsein, daß Eile seinem grauen Haar nicht zieme, ihn in Bann, ließ er abwartend dem Pförtner zu gemächlichem Dienste Zeit. Eine Weile später überbrachte ihm der Diener das Päckchen, das in unbekannter Schrift seinen Namen trug und ging. Herbert Weßley ließ sich am Fenster nieder, löste langsam die Schnur und hielt ein Bund lose gefalteter Briefe in Händen. Im verblassenden Lichte begann er zu lesen.


* * *


Herbert Weßley. Ich glaube, die Götter kommen zu uns in dem Lächeln eines Menschen. Mit frohen Händen schiebe ich die Hemmungen bei Seite, die unser enges, tägliches Leben einkerkern, die unsern Glauben und unser Fühlen im Keime ersticken oder darauf lauern, daß es mit gebrochenen Flügeln wieder zur Erde herniedersinke. Die Wehmut, die mich ergriff, als Sie gingen, weht nur wie ein zarter Schleier über die Tage hin. Sie gingen, ohne mich im Bewußtsein ihrer Freundschaft zurückzulassen. Nun habe ich keinen andern Wunsch, als den, zu Ihnen zu sprechen. Es ist belanglos, ob meine Zeilen Sie jemals erreichen, oder ob es ihr Schicksal ist, zu verwehen, wie sonndurchglühtes Herbstlaub. Ja, ich fühle schon jetzt, daß sie sich zu Asche verwandeln werden, ohne daß Flamme und Glut je aus ihrem Schachte emporsteigen. Aber es ist Seligkeit, zu leben, zu glühen und zu sterben . . .

Wie sehr vertraue ich Ihnen! Ich weiß nicht mehr, daß es eine Welt gibt, die sich geschäftig und verzehrend zwischen uns schiebt. Ihr Wesen und ihre Werke sind es, für die ich atme; und dies schwere, feste Gefühl, das meine Adern durchkreist, dies Erkennen, daß wir von gleichem Blute sind, läßt mich meiner selbst sicherer werden, vermählt mich inniger den Menschen, wie meinem eigenen Ich. Ich fühle, wie ich im Tiefsten froh werde und die Wirklichkeit leichter tragen kann. Kennen Sie das Märchen von dem Manne, den Nacht um Nacht die rätselhafte Geliebte besucht, und der am Tage, wie im Traume, alles tut, was die Menschen von ihm verlangen? So ist das, was im Urgrunde unserer Seele vor sich geht, den fernsten Linien unseres Lebens verbunden. So ist die Beichte, die ungehört verhallt, die wieder in mein Bewußtsein hinabfällt, ohne das Ohr meines Priesters zu erreichen, ein Aufsteigen zarter Träume in zwingende, folgenschwere Wirklichkeit.

Ich kann mich eines leisen Gefühls der Angst nicht erwehren. Erwecke ich mit frevelnder Hand die Geister, die mir mein Sterbelied singen?

Mag es drum sein. Der Tod, wie das Leben scheinen gleich kurz vor den Blicken der Seele . . .

 

Sie sahen mich prüfend an, wie ein Bild, das einem wohlgefällt und gingen vorüber. Sie lieben Gesang, und Sie baten mich nicht, daß ich sänge. Es war keine Eitelkeit, die mich traurig machte; nicht um ja und nein, nicht um Lob oder Tadel ging es mir. Wie einer vor Schrecken stehen bleibt, wenn sein Freund, den er voll Angst und Bangen gesucht, den er voll Freude wiederfindet, nicht das leiseste Zeichen des Wiedererkennens geben würde, so war es. Wie armselig ist es zu singen! Aber begegnen wir endlich im Leben einem Menschen unserer Art, dann wünschen wir innig, daß er uns schon in dem wertlosen Boten unserer selbst, in unserm Antlitz, unserer Stimme, erkennen möge, daß er sich selbst in dem Spiegel unseres Auges begrüße! Ich wartete vergebens. Nun fühle ich, daß es töricht war. Auch die Sonne weiß nichts von mir.

So lebe ich nun dahin und trinke lächelnd Glanz und Wärme, die über mich hinfließen. Manchen Morgen, wenn ich erwache, ist es mir, als niste dieser Glanz sich mir am Haare, an den Lippen, den Händen fest, und funkle wie flüssiges Gold unter meinen Schritten auf.

Sonne umgibt mich, meine Finger gleiten über die Tasten, ich spiele Ihre Symphonien. Durch die offene Gartentür streift der Morgenwind herein. Kann er forttragen, was mein ist? Töne, die ihr zum blauen Himmel emporsteigt, ihr schwebt eurer Heimat zu!

Spotten Sie meiner nicht, ich würde Ihren Spott nicht ertragen. Wie töricht ich bin! Gäbe es irgend ein Ding von Seele zu Seele, das Sie nicht mit behutsamen und ehrfürchtigen Händen berührten? Mein Freund. Lassen Sie mich Sie so nennen. Unaufhaltsam strömt Ihnen mein Wesen zu. Als ich Sie sah, ward mein Herz weit, und meine Hände streckten sich Ihnen entgegen. Nun macht die Erinnerung an ein helles Lächeln auf Ihrem Antlitz mich fort und fort froh. Fühlen Sie nicht, wie ich alles, was mir zufließt, mit meinen beiden Händen auffange und Ihnen als Opfer darbringe?

Ich spiele. Ich suche mir noch Unbekanntes aus Ihren Werken hervor und spiele ganze Sätze, ohne die Noten zu kennen, ohne je einen Ton vernommen zu haben. Dann sehe ich voller Grauen, daß ich fast Note für Note fand, wie Ihre Hand sie einst setzte. Ich habe aus meinem Innersten Ihre Töne, Ihre Sprache, Ihr Fühlen hervorgeholt. Ist in diesen Dingen Mutwille, dann verzeihen Sie mir, liebster Freund! Es ist ein aufschauend mutiger Wille, unsere Seelen in einen lebendigen Kreis zusammenzuschließen.


Freund! Freund! ich bin recht einsam.

Draußen stürmt es, mich friert, und ich kauere, in meinen Pelz gehüllt, vor dem Kamin. Es ist still und nächtlich um mich her, das Feuer spricht. Von Zeit zu Zeit antwortet der Sturm, und dann halten sie gar fremdartige Zwiesprache. Die Scheite brennen, tief graben die Flammen sich in das stöhnende Holz. Funken sprühen durch schwarzen Rauch, seltsame Gebilde steigen ausweichen neuen, verlöschen. Ihr Antlitz bleibt.

War mir doch recht, als sei ich verzaubert, wie Sie vor mir standen und mir die Hand gaben zum Abschied. Ich sah mir Ihr Gesicht genau an und könnte es niemals vergessen, wie die Gesichter anderer Menschen. Es huschte gar seltsam darüber hin, wie Schatten von Wolken und Bäumen, wie Rauschen nächtlicher Wälder und Gesang der Sonne beim Einbrechen der Nacht. Die Augen waren dunkel. Kühl und verwegen, drohend und süßer Geheimnisse voll schien mir Ihr Antlitz, wie der Hain eines Gottes. Die Sterne des Himmels blitzten darüber hin . . .

Ich hatte einen Traum. Mir träumte, ich sei ein Bergsee, tief zwischen Gestein und Felsen. Der Himmel war in unendlicher Höhe und leuchtete in meinem Spiegel wieder; ein grünblau Wunder. Ich fühlte, daß ich Wasser war, ich fühlte die Tiefe meines Bettes und die eisige, schillernde Ruhe meines Atems, der von Zeit zu Zeit wie ein leichter, kaum merklicher Stoß mich durchbebte. Seltsame Blumen blühten in mir. Ihr Fleisch war wie festes Wachs; blaß und durchsichtig standen sie auf dicken, grünen Stielen starr zwischen hartem Moose und sahen zu meinem leuchtenden Spiegel hinauf. In mir aber schwamm schwer und erdrückend ein Toter. Er schwamm tief auf meinem Grunde und ich mühte mich vergeblich, ihn auszuwerfen. Wie tief ich auch Atem holte, er war schwerer als Geröll und Felsstücke, und ich ward seiner nicht ledig. So lag ich in schillernder Ruhe; Sonne und Himmelsblau auf meinem Antlitz und in meinem Innern eisige, grauenhafte Schwere. Über mir rauschten und flüsterten die Tannen. Nachts ward es dunkel um mich her, aber ich fing die Sterne auf und fühlte ihren zitternden Strahl weich bis zu meinem Toten hinab . . .

Als ich erwachte, lag draußen der Morgen. Herbstliches Laub fiel in die nebelnasse Dämmerung.

Das Feuer verlischt. Möge Ihnen die Freundschaft, die mir im Herzen lebt, ein unbewußt glückliches Gefühl verleihen.

 

Ich bin sonderbar kurz von Gedächtnis. Was ich nicht mehr fühle, ist tot. So kann ich leicht Unrecht begehen, da ich oft nicht mehr weiß, was wehe tut.

 

Ich freue mich wie ein Kind, daß ich Ihnen einmal nahe war. Nun wohne ich bei Ihren Werken, sie sind mir Geleit und Erfüllung. Und manches Mal dünkt mir, Sie müßten fühlen, was es ist, das mich Ihnen so mächtig zutreibt. Zürnen Sie nicht! Empfinden Sie mich nicht als überhebliches Geschöpf, das in die Seele eines Mannes, der allein stehen mag und muß, eindringen will! Ich will Ihnen fern bleiben. Ich will zu Ihnen aufsehen, wie zu meinem Gestirn, das mir Licht und Wärme gibt. Ich weiß nichts von Ihrem Leben. Aber ich sehe Sie wie in einem Zauberspiegel, und ich weiß, daß ich Sie recht sehe. Ich sehe, wie Sie Menschen aufrütteln, sie in Bewegung setzen, ihre Kräfte lebendig machen. Die Gleichgültigsten zum Denken zwingen, sie einschirren in die Spannkraft Ihres Geistes, das wird Ihre Art sein. Alle Energien, die Ihnen entstammen, und zu Ihnen gewandelt zurückfließen, werden schöpferisch, da Sie schaffen; nähren sich von Ihrer Seele, von dem Blute, das Ihre Adern durchkreist: und wieder strömt es in mächtigen Klängen den Menschen zu. Ach, nur den irdischsten Teil der wirkenden Kräfte vermögen Sie auf die zu übertragen, die Ihrem Geiste Untertan sind!

Ich liebe nichts so sehr, als diese Kraft des Geistes, die Erde und Sonne schafft und erhält. Nichts so sehr als diese Kraft, die Mutter und Kind des Glaubens ist.

Weshalb werde ich so traurig? Fast entfällt die Feder meiner Hand. Es ist, als stünde mit einem Male schwarz und drohend ein Schatten hinter meinem Stuhl . . .


Wann werden diese Blätter zu Ihnen kommen? Wenn es dreißig oder hundert oder unzählige sind? Gleich, oder in einem Jahr, oder wenn ich alt bin und über uns beide lächle? Oder wenn ich für ewig verstummt bin?

Wenn ein Wort das andere verzehrt hat, wenn eine Seite die andere vergessen macht, wenn nur der lebendige Strom, der von Seele zu Seele gleitet, Sie erreicht, ohne daß Worte, Gedanken, Gefühle die Ihren bestimmen, anziehen oder abstoßen können. Wenn Asche wieder Flamme ward.

Wie aus einem Strauß Blumen, den eine liebe Hand uns schenkt, nicht die oder jene uns wertvoller dünkt, wie an einem Menschen nicht diese Tugend oder jener Fehler uns ergreift, so möge aus all diesen kleinen Worten ein Ganzes zu Ihnen kommen. Nichts anderes eint und schafft dies Ganze, als Ehrfurcht, Vertrauen und Zusammengehörigkeit.

Wie matt sind Worte. Fühlen Sie die Sicherheit, die in mir ist, wahrend ich Ihnen schreibe? Welten umkreisen einander, Leben jagt durch sie hin, eint und zerstört; mir träumt von einem Augenblicke der Ruhe, einem kurzen Augenblicke des Schweigens, das alle Gesetze, die mir geprägt, stumm und mit überirdischem Richtschwerte von sich weist.

Jetzt weiß ich, was auf Erden Ihres Amtes ist.


Ich schaute einen Himmel in zartestem Blau, eine Luft, die so klar und durchsichtig war, wie ich sie nie gesehen und die doch einen leisen Ton der Himmelsfarbe angenommen hatte, über der Erde aber war eine Stille, daß jeder Mensch, wer immer es war, den Gedanken seines Lebens denken mutzte. Nur ein Kind stand da, das seinen Ball in die Luft geworfen hatte, und zu ihm empor sah mit stummem Erstaunen, denn der Ball fiel nicht zurück, sondern hing still im blauen Raum.


Mein Haus war heute voller Menschen, in alle Winkel drängten sie, alle Türen sprangen vor ihnen auf. Etliche kamen in mein Zimmer, betrachteten die Dinge, deren ich gewohnt bin, und daß ich's gestehe: ich ward ungeduldig. Ja, ich fürchte, ich war nicht freundlich . . . Fließt doch mein Tag gar seltsam dahin; lebendig, wenn ich träumen kann und es still um mich her ist; ein totes Ding, wenn geschäftig und redselig meine Seele mich verläßt. Wahrhaftig, sie verlaßt mich. Sie schließt die Türe ihrer Wohnung mit einem Lächeln und geht fort. Dann plötzlich, mit einem Male ist sie wieder da. Freude! Freude Ihnen zu schreiben! Eine Zwiesprache mit meinem guten Geiste, ein glückliches Erkennen und Festhalten.

Lichter und Stimmen sind erloschen; ich sehe sie, fast wie auf der Bühne, dunkler, leiser werden, sich zerteilen, im Gemurmel ersterben, um irgend wo, hinter den Kulissen wieder anzuschwellen und wie eine Woge in wechselndem Versinken und Wiederauftauchen über Raum und Zeit dahinzugleiten.

Mein Kopf ist schwer und fällt auf meinen Arm, mein Haar kriecht in langen goldenen Fäden über das Papier. Weiß nicht, wie's über mich kommt, aber möge die Sehnsucht nach Ihnen nicht stärker werden, als die Freude, die mich beherrscht, wenn ich Ihnen schreibe.

Vorhin wanderte ich durch die finsteren Räume, stand still, fast ratlos, sah durch die offene Gartentüre die Nacht und erhaschte das leise Flimmern der Lichter in den stillen Straßen. Mich umgab noch der Atem der Menschen; ihre Bewegungen, ihre Blicke erfüllten noch die Luft. Aber mit einem Male entglitt dies alles. Es jagte herein und trug mich über die langen, stummen Wege hinweg, zu jenen dunklen Häusern, zu jenen Mauern, die Sie bergen . . . Träumten Sie?


In diesem glühenden, wundervollen Herbste wandere ich Stunden um Stunden durch den Park, schlendere auch wohl durch die Straßen, bleibe am Tore einer Schule stehen und sehe dem Spiele der Kinder zu. So war auch der heutige Tag mir von reiner Freude erfüllt. Es war um die Mittagsstunde, und Sonne und Mond standen in friedlicher Gemeinschaft am Himmel. Ein kleiner Junge wies mir die Gestirne und lachte. Ich lachte mit; hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich alle Sterne sichtbar geworden wären; schien mir doch die Welt von lieblichstem Glanze durchstrahlt. Das rote Laub war durchsichtig wie Glas, als hätte jedes Blatt ein wenig von dem glühenden Lichte in sich eingesogen. Einen schöneren Herbst sah ich nie. Nie fühlte ich die Sonne so . . .

Ich habe mir meinen Schreibtisch jetzt in mein Schlafzimmer herauftragen lassen, von seinen Fenstern erschaut man den weiten Horizont. Wenn ich Tag in Nacht und Nacht im Tage aufflammen und vergehen sehe, ist es mir, als rücke mein Geschick mir seltsam nahe. Ich sage: mein Geschick . . . Was mag das sein? Sage ich es doch so zärtlich, als sagte ich: meine Heimat. Fast fühle ich Sie nahe und mich dünkt, Sie sehen mich liebevoll an.

Meine Seele gehört Ihnen. Nein. Ist mein eigen durch Sie.


Gestern las ich bis tief in die Nacht hinein. Fand Michel Angelos Worte: »Liebe ist die Erinnerung an die Schönheit des Paradieses.«


Mein Schritt scheint mir schwerer als sonst. Sollte ich so klein sein, zu warten? Worauf? Gibt es irgend eine Wirklichkeit, etwas, das zerstörend wirken kann, etwas, wo Worte wie Mut oder Feigheit, gut oder böse gelten? Etwas, was weniger ist als ein Zustand und doch lebensfähiger? Erinnert mich irgend etwas in mir an die Lüge des Paradieses und läßt mich im Staube kriechen? Schon ein Hauch solcher Dinge genügt, um Ihrer Freundschaft unwert zu sein. Mit einem Male dünkt mich, daß Schweigen wahrer ist als Sprache. Nur im Schweigen klagen wir uns an, ohne aufs neue zu sündigen. Schweigen ist Erlösung, und nur das Schaffen ist mehr als Schweigen. Es ist ein Verstummen aller unreinen Stimmen, ein Gesang aus göttlicher Kehle.

Ich nehme wieder Ihre Werke in meine beiden armen Hände. Ich fürchte den Tod nicht mehr.

Heute hielt ich ein Kind im Arm. Es hatte unendliche, nachdenkliche Augen, und während es sich an meine Schulter schmiegte, lächelte es. Kann einem das Leben mehr geben, als ein Kind, als ein Freund einem gewähren? Ich habe kein Kind; und in manchen Augenblicken steht das Grauen an meiner Türe. Es flüstert mir zu, daß ich nichts, auch nicht ein bißchen von Ihnen weiß. Nicht einmal das Land, oder die Stadt, oder das Meer kenne, an dem Sie weilen.

Und sage doch: vergessen Sie mich nicht!


Abermals träumte ich. Es war in einer lieblichen Landschaft. Rings Hügel und Täler, duftende Wiesen und Einsamkeit, und um mich her ein dichter Wald, mit allerlei Getier und Prüfungen, wie im Märchen. Ich schritt hindurch und sah zwischen den Stämmen der Bäume die Sonne, kurz vor ihrer Neige. Heidekraut blühte inmitten junger Tannen; es war warm, und die Bienen summten. Ein steiler Berg trug mich hinab. Sein Rücken war jäh und abschüssig wie Marmel, sein Fleisch braun und warm. Ich ging, und es war, als ginge ich auf ebener Erde, so leicht war mir. Aber als ich im Tale anlangte, sah ich, daß ich den Weg verfehlt hatte. Rings umher starrten in der abendlichen Luft die braunen Berge zum Himmel. Uber den engen Paß eines Bergrückens kamen Menschen, ihre Gewänder leuchteten, und ihre wohlgebildeten Züge waren deutlich zu erkennen; sie hatten ein Maultier bei sich und schritten auf dem schmalen Wege einzeln hintereinander her. Es waren einige Frauen und ein Vater mit seinen Kindern. Sie sahen mich freundlich an, und ich fragte sie nach dem Wege. Die Frauen schlugen die Hände ineinander, ergingen sich in lebhaften Warnungen und sagten, daß ich den Ort, den ich suche, nur erreichen könne, wenn ich den mühsamen Weg zurücknähme und daß die Nacht mich lange vor der Besteigung des Berges überfallen würde. Der Mann lächelte.

»Kommen Sie lieber mit uns,« sagte er zutunlich, »wir ziehen an einen herrlichen Ort; da sind Wiesen, Wälder und Fische und eines lehnt sich an das andere.« Ich schüttelte den Kopf. »Mein Kind wartet« erwiderte ich und fühlte die Sorge in meinem Herzen, daß ich's nicht in gleicher Nacht erreichen konnte. Die freundlichen Leute bedauerten, daß ich ihrer Bitte nicht achtete, gaben mir Brot und Wein und wiesen mir den besten Aufstieg. Dann verschwanden sie am rötlichen Firmament.

Die Nacht brach langsam herein, das Rot der Sonne verlor sich in zartem Grau. Die Erde duftete, und ich stieg einsam bergan. Es war dunkel um mich her, ich grub mit meinen Händen ein Bett in den braunen Boden und legte mich zur Ruhe. Uber mir blitzten die Sterne auf.


Seltsam, daß es erst gestern war, daß Ihr Name fiele Daß ein höheres Geschick Ihnen die Macht verlieh, die das Umfassungsvermögen Ihres Denkens erweitert, und vertiefte, und Ihrem Genie alle Wege öffnete läuft den Menschen wider den Strich. Daß so wenige Herzen den Pulsschlag eines anderen Herzens empfinden! Gibt es eine höhere Freude als die, zu fühlen: dies ist ein Mensch, an den kein Begehren sich herandrängen soll, einer, der nichts verlangt; dessen Sein Geschenk, dessen Aufmerksamkeit empfangen heißt? Ach, Sie spotten meines Eifers! Ich saß still und fühlte: so spricht man über Herrscher; ich sah das Lächeln Ihrer Augen, ich gedachte jener dunklen Schatten um Ihre Lider, die mir so vertraut sind . . .


Manche Nacht schlafe ich nicht. Manchen Morgen erwache ich und tue die Augen nicht auf. Ich weiß, daß ich fern von Ihnen mein Leben leben werde und mich dünkt, ich müßte sterben, wenn mir eines Tages das Wunder Ihrer Freundschaft zuteil würde.


Abend um Abend sehe ich von meinem Fenster aus die Sonne untergehen. Der Atem der Stadt ist kaum vernehmbar, aber ihre dunklen Spuren verstreut sie noch weit in das ebene Land und trennt durch eine steinerne Schicht Himmel und Erde. Hier starrt das Gerüst eines Hauses empor, dort liegt ein einzelner Speicher, aus der Ferne ragen die Schlote der Fabriken, feine blaue Rauchwolken fliehen über die kargen Kiefern. Fruchtloses, durch Steine verdrängtes Graugrün der Ebene! Keine häuserreichen Straßen mehr, nur unbebaute, laufende, steinerne Bänder von Lichtpunkten gezeichnet; keine Walder: drahtumzäunte Baustellen, statt Wiesen abgesteckte, enge Plätze, die einst Lärm und Geschäftigkeit erfüllen soll. Von Menschen an sich gerissen und eingekerkert, soll dies alles von Menschenhänden neu erweckt werden. Welch versöhnender Anblick ist über all den irdischen Kräften dieser Himmel! Dieser Himmel, der so glühend, weit und sehnsuchtsstillend ist, als wäre er aller Dinge teilhaftig geworden, die der armen Erde hier fehlen. So bringt er mir einen Hauch des Meeres, Wolken, die den Berren gleichen, Ewigkeit und Farben der Ewigkeit . . .

Irgend etwas in diesem Worte läßt mich innehalten . . . Die Wolken flammen windzerfetzt. Bald werfen sich die Schatten der Nacht über sie hin, reißen Wunden in dies zarte Fleisch und gemahnen an die Abende von Golgatha.

Wie müde ich werde. Um meine Lampe schwirrt ein Falter, ein seltsamer Gast zu so später Jahreszeit. Fühlen wir es beide, daß dies Jahr der Sommer nicht enden will?


* * *


Herbert Weßleys Hände sanken herab. Sein Geist hatte bis zum letzten Worte gelesen, was die Augen kaum noch wahrzunehmen vermochten; denn der letzte Schimmer des Tages war im Verlöschen, und nur als ein ferner, silberner Streif neigte sich, zwischen den Bäumen, das Licht.

In stiller Ergebung ward ihm das Gesicht der vergangenen Nacht offenbar. Ein Antlitz, das er einst gesehen, ohne sein inneres Feuer zu erfassen, erhielt neues Leben. Zaghaft wagte es sein Gemüt, sich in die entflohenen Stunden zu versenken, und sie erstanden in neuer Bedeutung.

Es war in der letzten Nacht gewesen, da er aus tiefem Schlafe erwacht und der Zustand, in den er sich versetzt sah, zwischen Wachen und Träumen wunderlich die Mitte hielt.

Die Nacht war von einem Glanze erfüllt, süßer als der Schein des Mondes. Ein seltsam unirdisches Zwielicht lag auf der Schwelle des Schlafgemaches, dessen Türe weit offen stand. Als wäre aus diesem Lichte ein göttlich Wesen geformt, so löste sich daraus die Gestalt einer Frau von vollendeter Schönheit; ihr Lächeln war lieblich wie das Lächeln himmlischer Geister.

Sie kam auf ihn zu ohne Zaudern, und während sein Herz sich der Lichtentstiegenen völlig zu eigen gab und sein Atem ihn verließ, legte sie sich stumm an seine Seite. Mund an Mund, des Schweigens süßester Lohn, des Geheimnisses schweigendste Offenbarung, so lagen sie die lange Nacht. Seine Seele flog auf den Schwingen der Freude dahin.

Bis der Morgen nahte, weilte die Liebe bei ihm. Dann war sie entschwunden.

Nun hielten seine Finger die weißen Blätter fest. Sterben wollte er, um ihr nachzueilen.