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Richard Rieß – Der Tod des Eros

Sechs Reihen Gedichte und das dramatische Gedicht »Der ewige Haß«

Verlag von L. Heege,Schweidnitz, 1912


Der Knabe.

(1907–1910.)


Der Tod des Eros.

 

Alle Götter leben in jedem

Menschen.

Alle Götter ringen in jedem

Menschen.

Wollen in ewigem Kämpfen und Ringen

jeder den andern verdrängen, verschlingen – –

Alle Götter sterben in jedem

Menschen.

 

Den Menschen preist, den in der Kindheit Land

die Götter schonen. Friedlich lebt er, froh

der Schönheit seiner eignen stillen Seele.

Doch seine Götter wohnen schon in ihm,

und bald beginnt der Kampf um seine Seele – –,

bis alle sterben;

dem Besiegten folgt der Sieger in den Tod.

Denn sterblich sind sie alle.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

 


– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

So leer und tot ist meine arme Brust.

Denn über meiner Jugend Schwelle liegt

gebrochenen Blickes

Eros

im frühlingsfrohen

Herzen den Tod. – –

Der Knabe spricht:

 

Ihr Frauen, die ihr stolz vorübertragt

die hohen Brüste, die ihr kaum beachtet

den Schwärmer, der sich heiß um euch zerschmachtet – –

habt ihr mir je ein Liebeswort gesagt?

 

– – und doch! In Kissen, die um euch geklagt,

habt ihr in meinen Armen übernachtet – –

weinte ich bitter, weil ihr mich mißachtet,

nun höhn’ ich euch, so oft ihr bei mir lagt.

 

Ich rufe euch! – Schon naht ihr mir zum Kosen,

und euer Hauch umbrünstet meine Stirne;

wollustbegehrend drängt ihr zu vereinen

den heißen, schönen Frauenleib dem meinen.

 

Da sinken von den Wangen euch die Rosen – – –

In meinen Armen blinzelt eine Dirne.

 


Zwei.

 

Zwei junge Himmelsstürmer

schritten dem Ziele zu.

 

Wir gingen der Sonne entgegen,

wir beide, ich und du.

 

Da plötzlich – Wetterdrohen –

wie? Du erbleichst? – Sinkst um? –

 

Am Grabe einer Freundschaft

Steht einer, ernst und stumm.

 


Ich bin so jung.

 

Ich bin so jung, daß meine Zeit

mir dünkt ein ewiges, großes Fest;

ich bin so jung, daß mich ein Leid

gleich an der Welt verzweifeln läßt.

 

Ich bin so jung, daß falscher Sinn

niemals mein Wort berechnend wägt,

daß ich mich gebe, wie ich bin,

wie es sich mir im Herzen regt.

 

Ich bin so jung, daß nie um Geld

mein Herz mir feil wär, nie um Gold.

Ich bin so jung, daß ich die Welt,

ich weiß es selber – meiden sollt!

 

Pubertät.

 

Ich war ein Knabe, der in jedem Leid

gleich das Verrinnen sah des Lebensglückes.

Die kleinen Schmerzen meiner Kinderzeit

erschienen mir als Wirken des Geschickes.

 

Ich glaubte, ungekannt in meinem Weh,

ich würd’ am Rand des Lebens hängen bleiben. – –

Die Freunde balgten draußen sich im Schnee – –

ich starrte müde in das Flockentreiben.

 

Und tollte sich die Jugend rot und heiß – –

ich grübelte, wie ich das Sein ergründe – –

gar mancher Knabe ist ein blonder Greis,

und wenn er grau ist, wird er erst zum Kinde. – –


Dichter und Richter.

Des jungen Dichters Seele ist so fein,

so zartgeformt wie sprödes Edelglas,

das nach dem feinsten Schliff begehrt, und das

auf reinsten Wohlklang abgetönt und mild

gehärtet werden soll, auf daß es hell

den jungen Tag grüßt und der Sonne Glanz

verklärungsselig widerleuchten läßt,

auf daß es still ertönt in Harmonien,

wenn leicht ein frischer Frühlingswind es küßt,

wenn eine weiche, kluge Frauenhand

liebreich und sorgsam prüfend es berührt.

Doch weh! Wenn rohe plumpe Arbeitsfinger

das silberhelle Werk betasten, wenn

keck eines Buben Tölpelfaust es packt. –

Dann bricht’s entzwei mit seinem letzten Seufzer.

 

Des jungen Dichters Seele ist so fein,

so zartgeformt wie sprödes Edelglas,

und nur ein Meister weiß sie zu behandeln.

 

Dir ward die Kunst. Du, selbst ein Dichter, weißt

Poeten, die noch nicht vom rauhen Leben

gehärtet sind, zu lenken, ohne sie

jäh mit der harten Faust des Spottes, mit

dem spitzen Dolch der Ironie zu treffen.

Zu läutern weißt Du ihre Seele, bis

in reinstem Tone sie die Sonne grüßt. – –

Für Paul Barsch.

 

Der Dichter.

(1909–1910.)


Dichten.

Und weißt du nicht mehr aus noch ein zu finden

vor Lust und Schmerz, und stickst du schier am Schweigen –

Narr, wagst du, dich der Welt verwirrt zu zeigen?

Stürm’ lieber fort und klag’ dein Leid den Winden.

 

Doch niemals sprich zu mitleidsvollen Seelen

von deinem Kampf: Bedauern ist Entweihung.

Nur Dichten ist ein ringendes Entquälen

Gefesselter, ein Kampf um Selbstbefreiung. – –

 


Der Dichter spricht:

 

Was ist das Leben euch? – Ein Fünkchen Glanz

von falschem Golde: eure Feiertage –

und euer Werktag?: Eine ewige Klage.

 

Doch schelt ich euch, weil ihr euch müht und plackt

und emsig jeden Kupferheller sackt,

ihr Kavaliere bei dem Sonntagstanz? –

 

Nein! Ihr seid glücklich! Ihr entbehrt ja nie

euch hungert nicht wie mich die Phantasie –

in euren Klagen pulst das wahre Leben.

 

Ihr seid des Lebens mächtige Gebieter,

denn ihr seid stark; ihr seid ja alle Brüder

und braucht, gleich stark, euch keinem hinzugeben.

 

Ich gäbe all mein Dichten gerne her,

wenn ich wie ihr und nicht mehr einsam war. –

 


Dichter und Dirne.

 

Ihr Frauen mit den grell geschminkten Wangen,

die feil ihr euer heiligstes Verlangen

herniederzerrt ins Marktgefeilsch der Gassen,

ich lernt’ es nie, entrüstet euch zu hassen,

denn nie war euer Tun verächtlich mir.

 

Ihr stellt den Leib zum Kauf. Und ist das Fehle . . . ?

Seht mich! . . . Pfui . . .! Ich verkaufe meine Seele,

die steht vor Gaffern wie ein fremdes Tier.

 

Erblick ich euch vor eures Hauses Stufen,

stets möcht’ ich schluchzend euch entgegenrufen:

Da nehmt mein Glück! Auch ich bin feil . . . wie ihr!

 


 

 

 

 

 

Prinzessin Manna.

(1910.)

 

Deine Augen.

 

Ein dunkler Waldsee scheinen deine Augen.

Im kühlen Schatten weitgeschweifter Wimpern

träumt er dem Abend zu, der ihn besucht

wie einen Freund voll schweigsamen Verstehens.

 

Ich möchte in der Nacht, wenn grad der Mond

sich in dem Wasserspiegel wiederfindet,

in deiner Fluten Kühle mich entsühnen . . .

 

Das nimmt mich ganz . . .

 

Vergessen hab ich meines jungen Lebens

drangvollen Kampf, der mich so heiß bewegt;

die ewig regen Ruder meines Strebens –

in dieser Stunde sind sie eingelegt.

 

Und all die Sorgen, die mich sonst umtollen,

nun weichen sie von mir und fliehen mich –

denn meinem Herzen ist ein Glück entquollen;

das nimmt mich ganz: Ich fühl, ich liebe dich! – –

 

Vereinigung.

 

Vom hohen Berge floß mein Strom herab,

der Gletscher Eisbach speiste seinen Lauf,

der nach den dunkeln Tälern abwärts eilte.

Nun wandt’ er schlängelnd sich durch grüne Auen,

floß durch des Waldes Nacht, die nur bisweilen

die Lichtung unterbrach. An seinem Bette

blühten Vergißmeinnicht und Wiesenblumen,

und feingefügtes Farn und junges Grün,

die die Natur, nicht Menschenhand gepflanzt.

Auf schwachen Füßen ging ich schnell dahin,

dem Meere zu, das ich erreichen wollte. –

Eng war mein Laufbett, und ich bangte schon,

zu schwach zu sein für meine große Reise – –

da sah ich dich. – –

Durch morgenhelle Auen,

vom frischen Wind gefördert, floh dein Strom;

auf Wiesen spielten frohe Kinderscharen

an deinem Ufer, und die Frühlingssonne

bestrahlte deine Wasser. Kleine Bäche

von allen Seiten deiner Fruchtgefilde

erreichten dich und stärkten deine Flut.

Du kamst mir nah, und meine Arme streckte

ich nach dir aus, und lachend hüpftest du

mir froh entgegen. Doch als ich dich faßte,

daß unsre Fluten fast zusammenströmten,

entwandest du geschickt dich meinen Armen

und lachtest meiner, den du keck getäuscht.

 

Siehst du den großen Strom nicht, dessen Wasser

durch weite Strecken uns entgegenleuchtet,

die breiten Wasser der Alltäglichkeit?

Fühlst du nicht seine Gier, uns zu verschlingen?

Ich aber streb zum Meere. Willst du jenen,

der trotzig seine Fühler ausstreckt, fördern?

Nein! Komm zu mir. Gemeinsam eilen wir,

zusammen stark genug, der Macht zu trotzen,

dem Meere zu, dem unsre Sehnsucht gilt. – –

 

Der Dichter und der Andre.

 

Ich weiß von einem, dessen weiche Augen

durchsonnte Frühlingstage gern durchstaunen,

und dessen junge, knospenhafte Lippen

der Schönheit willig sich entgegenöffnen.

 

Ich weiß von einem, dessen Heiligstes

ein Herz ist, das den lauten Jubel haßt,

und der, wenn Schmerz und Lust ihm überquillt,

hinhastet durch die menschenleeren Straßen

und nach zwei Fenstern späht; und ahnt er dort

durch die Gardine einen Mädchenkopf,

dann wird er weich und jauchzet – oder weint,

und kehrt befreit zurück, als sei ihm nun

die schwerste Last zu hehrster Lust gewendet;

er stammelt Worte ohne Form und Sinn,

die er vergißt, sobald er sie gesprochen. –

 

Und mancher brave, wohlgenährte Bürger,

der aus der Schenke schwer nach Hause schwankt,

blickt ihn verwundert an und schüttelt langsam

den Kopf und denkt: Auch der ist heute voll. – –

 

O du!

 

Den Duftkreis deines Haars und deines Kleides

hab’ ich in gierigen Zügen eingesogen,

und hab’ damit im Garten meines Leides

mir meine schönsten Blüten aufgezogen.

 

Die schnitt ich ab, und eine Frühlingsblume

trug Duft und Schönheit meinem kargen Leben,

die meiner Jugend Nöte überschweben . . .

. . . nun bin ich Priester deinem Heiligtums.

 

Morgengabe.

 

Nun schließt der Morgen sacht die Tore auf

mit seinem roten, goldumsäumten Schlüssel.

Die Arme breit ich, und in meiner Schüssel

fang’ ich den Erstling seiner Strahlen ein.

 

Und während schon des Tages Rosse schäumen,

schläfst du noch sanft. Dein halberschlossener Mund

tut deiner Träume stille Schönheit kund.

So lächelt eine Braut in Mutterträumen.

 

Froh küßt mein Auge deiner Jugend Licht,

dem nie Enttäuschung Glanz und Leuchten raubte. –

Dann schütt’ ich segnend über deinem Haupte

den goldenen Reichtum meiner Schale aus.

 

Wandlung.

 

Es polterte toll meine Jugend

die Treppe des Lebens hinauf.

Sie schwang ein Schwert in der Rechten

und rief sich selbst ihr »Glück auf!«

 

Ich schlug mir gewaltige Stufen;

hell jauchzte mein Streben dem Glück;

und klomm und klomm zur Höhe

und ließ meine Kindheit zurück.

 

Und plötzlich gingst du mir zu Seiten,

das hat mich so seltsam bewegt,

da hat meine streitbare Jugend

ihr Panzerhemd abgelegt.

 

Zur Höhe tastet mein Sehnen,

besorgt, daß die Bahn ich verlier,

geh’ langsam ich, leise, behutsam

und spähe nach dir hin, nach dir.

 

Spaziergang.

 

Über Feld und sommerfrohe Fluren

durft ich heut an deiner Seite gehen.

Langsam schritten wir, und keiner sprach.

 

Und desselben Wegs – auf unsern Spuren –

nur zu fühlen, Liebste, nicht zu sehen –

schwebte uns ein lichter Engel nach.

 

Unsres Weges Ziel ein kleiner Hügel.

Weithin blicken wir auf frohe Triften;

Hand in Hand – still steht der Stunden Lauf.

 

Und der Engel breitet seine Flügel,

und er schwingt sich durch die reinen Lüfte

segnend über uns zum Äther auf.

 

Der Liebhaber spricht:

 

Ich muß gleich einem Hampelmanne springen,

wenn deine Mädchenlaunen an mir zerren,

muß jedem deiner Worte Beifall plärren

und, wenn ich schluchzen möchte, Hymnen singen.

 

Und muß mein Herz der Sorge kalt entringen,

weil du die Trauermiene ungern leidest,

und wenn du müd die Tummelplätze meidest,

dann soll auch ich die Freude niederzwingen.

 

Ich liebe dich! – Frei hab’ ich unterjocht

mich deiner Herrschergeißel, die mich knutet,

um meinen Eigenwillen zu bezwingen.

 

Ob mir auch Ohnmachtszorn im Innern kocht,

wenn du mich richtest nach den Zirkussprüngen – –

ich halte still. – – Und nur mein Stolz verblutet. – –

 

Das Opfer.

 

Prinzessin Manna schreitet durch die Hallen

des marmornen Palastes. Ihr Gewand

läßt sie in strengem Wurf zur Erde fallen.

Den Hals verziert ein reichgeschmücktes Band

aus großen Perlen und demantnen Schnallen.

So schreitet sie, dem Garten zugewandt.

 

Zum Parke führen sie die Marmorstufen;

es knirscht der Kies kaum unter ihrem Fuß,

und alle Vögel auf den Bäumen rufen

der Fürstin lustig ihren Morgengruß.

 

Prinzessin Manna schreitet zu dem Becken,

das hoch des Springbrunns Wassermenge füllt;

am Rande sitzt sie träumend, und es lecken

die Fische voller Gier ihr Spiegelbild.

 

Zwei schwarze Augen tauchen in die Fluten,

zwei Augen blinken aus dem Grund empor,

als ob im Brunnen tief zwei Sterne ruhten,

zwei Sterne, die die späte Nacht verlor.

 

Prinzessin Manna denkt an einen Knaben,

der Ruh und Tod gesucht in dieser Flut,

dem ihre Reize einst genommen haben

die Kraft zum Leben und den Lebensmut. –

 

 


Dann löst sie eine Perle vom Geschmeide – –

es hat der Grund das Kleinod bald erfaßt – – –

und nun erhebt sie sich; es rauscht die Seide

des Faltenwurfs. Sie kehrt in den Palast. – – –

 

So oft der junge Tag erhellt die Lande,

so oft die Nacht in sich zusammensank,

geht Manna im langwallenden Gewande

gemessenen Schrittes ihren Opfergang. – –

 

Gleichnis.

 

Ich sah, als ich im Regen einer Nacht

nach Hause hastete, ein Stück Brokat

(von einem Festgewande wohl) im Rinnstein;

wasserzerweicht, verschwommen in den Farben.

Ein Angezechter ging vorbei und spießte

den Stoff auf seinen Stock und lachte heiser,

und hob den Stock und trug ihn wie ein Banner,

indem er trunken-lustige Lieder lallte. – –

 

Da sah ich deinen marmorweißen Nacken

und sah den Gecken, der dereinst ihn kauft. – –

 

Liebesnacht.

 

Das Licht am Schreibtisch flackert in die Nacht . . .

Ich blättere in altvergilbten Briefen;

Erinnerungen, die so lange schliefen,

und die zu neuem Leben mir erwacht.

 

Und wieder geh ich auf den stillen Wegen,

von denen meines Lebens Stürmen wich . . . .

da trittst du aus dem Dämmern mir entgegen,

und meine Menschlichkeit fällt hinter mich.

 

Führst du mich nicht durch hohe Tempelhallen? – –

Sieh! Von den allerheiligsten Gedanken

fühl’ ich erschauernd-scheu die Hüllen fallen;

und junge, rote Rosenknospen ranken

 

um meine Sehnsucht sich, die himmelwärts

die Flügel reckt, daß froh sie aufwärts fliege,

und mein im Jubelrausche jauchzend Herz

küßt wie im Banne deine Federzüge.

 

Mein Haupt sinkt nieder, und im schönsten Traume

weicht weit ins Wesenlose Leid und Qual.

Gleichmäßig tickt die Uhr im stillen Raume . .

das Licht verschwelt . . der Morgen dämmert fahl. –

 


 

 

 

 

 

Lieder des Einsamen.

(1911.)

 

 

Das Buch.

 

Wenn ich des bunten Treibens müde bin,

zieh vor mein kleines Fenster ich mit raschen,

hastigen Griffen einen Vorhang hin,

 

damit ich einsam bleib in meiner Ruhe.

Und trete zu dem breiten Leib der Truhe

und greif in eine ihrer tiefen Taschen.

 

So süßer Duft entströmt dem alten Buch,

das meine beiden Hände zitternd halten.

Wie von Altarbrokat, der weihrauchtrunken.

 

So duftet wohl ein altes Spitzentuch,

in dessen lange nicht gelösten Falten

so manche Zeit träumt, die schon längst versunken.

 

Der meinem Herzen nah gewesen ist,

der schrieb das Buch für mich vor grauer Zeit . .

und oben steht mit groß gemalten Lettern:

 

Wenn du des bunten Treibens müde bist,

dann sollst du hier in diesen Seiten blättern –

aus ihnen blüht dir frohe Einsamkeit.

 

Das ist dein Los . . .

 

Das ist dein Los: Einsam zu wandern

früh, bis der Tag am Abend zerbricht.

Lust und Leben leuchten den andern,

du aber schreitest im eigenen Licht.

 

Härmt dich dein Schicksal, feuriger Stürmer,

daß du’s verzweifelt den Winden klagst?

Einsam bleibst du, ragender Türmer,

der du die Erde so hoch überragst.

 

Hörst du im Tale Flöten und Geigen,

während dein Auge die Flamme bewacht –

wiss’: Wir durchtanzen im wildesten Reigen

Jugendjauchzend die wonnige Nacht.

 

Komm in mein Haus . . .

 

Komm in mein Haus. Ich hab es mir erbaut

der Einsamkeit zum Tempel voller Weihe.

In seinen Hallen wird kein Schelten laut;

tritt leise ein, daß es auch dich befreie.

 

Zur Nacht sind schon die Möbel eingedeckt.

Die steifen Lehnen alter Väterstühle

sind unter weißem Linnenzeug versteckt.

Den hohen Raum durchgleitet leise Kühle.

 

Wie einsam doch die alten Sessel stehn,

in Dämmerträumen, die kein Laut zerrissen.

Wie Menschen, welche sich alltäglich sehn

und sich doch gar nichts mehr zu sagen wissen.

 


Geschwister.

I.

 

Nebeneinander sind wir gestellt,

einem Mutterboden entsprossen,

Kinder des Walds; und die flüchtige Welt

nennt uns traute Herzensgenossen.

 

Aber ob auch der Sturm uns beugt,

ob wir im Kampf der Gewalten vergehen,

einsam bleiben wir, brudererzeugt,

ohne uns liebend zu nahn, zu verstehen.

 

Grau liegt die Zeit, da wir uns gekannt,

einer nur weiht uns, der große Vereine? . . .

seht: Geschwister sind wir genannt . . .

Vielheit macht einsam. Reich ist nur einer.


 

II.

 

Wir gingen unsere Tage, ihr und ich.

Wir liebten uns, zu feig, um uns zu hassen,

uns hielt ein Bett, doch jeder fühlte sich

im heißen Kreis des anderen verlassen.

 

Da ward die Freiheit endlich uns geschenkt . . .

– wie wurde uns, als unsere Flügel rauschten –

doch weil ein Bett zu lange uns beengt,

und weil wir unsere Träume gier belauschten,

 

griff jeder in des andern Einsamkeit

durch Zeit und Land und weitentrückte Fernen.

Und jeder zielte nach des anderen Leid. –

Geschwister sein, heißt – sich verachten lernen.

 

Flügge.

 

Zwei Phrasen und ein Kuß . . . Schon rückt der Zug . . .

ein guter Rat . . . noch einer. Tränen blinken

(die Rührung will’s) . . . und bis zum Wegesbug

ein Nach-einander-schauen . . .. Tücherwinken.

 

Nun stürmt der Junge in die Welt hinaus,

er, dem sie schlau daheim die Flügel banden. –

Die Mutter lächelt: Unser Werk ist aus.

Nun ist’s an ihm, zu steuern und zu landen.

 

Der Vater denkt: Das Leben ist ein Ring.

Anfang und Ende werden stets sich küssen. –

Und keiner ahnt, daß er, der eben ging,

ob ihrer Liebe sie wird hassen müssen.

 


Sehnsucht und Erfüllung.

 

Ich hatte heute nächtens einen Traum. – –

Der ward mir aus dem Land der eigenen Torheit

geschickt. Ich nahm ihn gastlich bei mir auf

und fütterte ihn mit Erinnerungen

aus giftig-bittrem Marzipan, das rot

mit Judenkirschengift bereitet war.

Und gab ihm zum Dessert zwei kleine Stückchen

von einem feuerroten Kuchenherzen

und – sonderbar! – ich glaub, das Herz, das zuckte,

als ich die Stücke brach . . . . .

 

Ich hatte heute nächtens einen Traum.

Der trat zu meiner jungen Seele und

begann zu sprechen: Komm und laß dich führen!

Da folgt ich ihr, und plötzlich stand ich still.

 

Der Garten schwelgte sommerlich-lebendig,

viel grüne Bäume priesen ihre Zeit;

die Blumen in den zierlichen Bosketts

begrüßten mich graziös, wie die Marquisen

des ersten Kaiserreichs den Kavalier;

eine Fontäne sprühte mir Willkommen,

und selbst mein eigenes Angesicht, das mir

der Wasserspiegel zeigte, freute sich,

mich zu erschaun. Mein eignes Angesicht?

Das hatt ich lange, lange nicht gesehn.

 

 


Ich hatte einen Traum, ein Märchen, das

wie ferner Tage müdes Geigenspiel

aus tiefen Weiten mir den Sinn umschwebte . . . .

 

Am Rande der Fontäne fand ich mich,

ich pflog mit ihrem Silberglänzen Zwiesprach,

und manchmal traf ein Tropfen weißen Blutes

umwerbend ihres Gastes Schemenkörper.

Der beugt sich tief hinab in ihre Flut.

Sie zog ihn an sich wie ein brünstig Weib. –

Doch, als er ihren gieren Atem spürte,

fühlte er sich zurückgestoßen weit,

tief in den Wahrheitsschoß des Ekelhaften,

ins Wunderreich des Schauens: der Erkenntnis,

und die Fontäne ward zum Schlammoraste,

und ihre Sehnsucht, die zum Himmel sprühte,

versickerte im eig’nen Unrat. – – Weit

späht ich umher, und Nebeleinsamkeit

umfröstelte mich rings. – – Zwei Raben hackten

sich hungrig-gier um eines Vogels Aas;

von einem toten Strauche irrten ängstlich

die Augen einer Krähe übers Feld

und durch die blutleer-starre Öde peitschte

der Wind sein Roß. – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ich hatte heute nächtens einen Traum. – –

 


 

 

 

 

 

Bilder.

(1910–1911.)

 

Spätherbst.

 

Am Himmel jagen die Wolken, wie

Erinnyen zur Richtstatt im Flug . . .

Den fröstelnden Abend durchmißt in Hast

verspätet ein Vogelzug . . . .

 

Das Feld liegt schwarz und herb und kalt,

wie ein schmutziges Leichentuch . . .

Und durch der Bäume Skelett pfeift gell

der Wind einen höhnischen Fluch . . .

 

Ein Spielmann sitzt am Meilenstein

und sinnt und summt so müd’

und zupft auf der Zither leis’ den Akkord.

. . . Ihm klingt ein Frühlingslied . . . .

 

In der Dämmerung.

 

Wenn ich mein Leben schreit mit festen Schritten,

im Land der Arbeit und im Reich der Pflicht –

dann ist mir wohl. Dort hab’ ich nie gelitten.

Denn glücklich fliegt mein Streben auf zum Licht.

 

Doch wenn, nach meines Tagewerkes Ziele,

am Fenster ich der Dämmerung entgegen

mit meinem Fühlen, meinem Denken spiele, –

dann mag sich oft in meiner Seele regen

 

der Heimat stilles Leid. Nie ausgesprochen

ist es mir nah, gleich einem weichen Kätzchen,

das langsam zu mir auf den Schoß gekrochen,

und mich nun peinigt mit den Sammettätzchen.

 

Mein Städtchen zur Nacht.

 

Nun schläfst du schon: Gefegt sind Weg und Gosse,

die Brücke hat die Arbeit eingestellt;

es träumt dein Strom gleich dem verwunschenen Schlosse,

das einen Fürst, den Mond, gefangen hält.

 

Kein Windhauch wagt den Weg. Ich höre deinen

gleichmäßigen Atem durch den weiten Raum.

Und rollt ein später Wagen auf den Steinen,

dann stört ein kurzer Seufzer deinen Traum.

 

Der Himmel blickt mit seinem Sternenheere

aus tausend Augen hilfreich durch die Nacht . . .

. . . . Da klingt im Ohr mir leis die alte Märe

vom Engel, der des Kindes Schlaf bewacht.

 

Herbst.

 

Wo ist der Felder blondes Frühlingshaar,

des gelben Weizens sonnenfrohes Fluten,

in dessen Schutz manch junges Liebespaar

gestillt der Jugend brünstig-reiche Gluten?

 

Der Baum am Wiesenrain, der lebensfroh

im grünen Blätterschmuck das Land erfrischte,

steht kahl und kalt wie eine abgetischte,

verlassene Tafel, der der Gast entfloh.

 

Und einsam liegt das herbstzerwehte Feld. –

Vom Baum, der wie ein schmucklos-finstrer Ritter

vor einem Totenfelde Wache hält,

nickt ernst ein Uhu wie ein Leichenbitter.

 


Weihnacht.

 

Der Sturm hat die lustige Windsbraut gefreit

und bracht ihr ein schneeweißes Hochzeitskleid

aus Millionen Flocken.

 

Die Menschen gehen in schweigsamen Reihn

in die lichtdurchflutete Kirche hinein;

es zittert der Dreiklang der Glocken

 

die schneeigen Wege des Dorfes entlang.

Nun tönt aus der Kirche inbrünstiger Gesang

hinaus in die friedliche Stille. – –

 

Es ist, als ob die nie rastende Welt

im Vorwärtsschreiten still innehält,

daß sich der Messias erfülle. –

 

Meine Leiden.

 

Meine Leiden wohnen in Höhlen,

still im Verborgenen schlummern sie da

und erwachen, um mich zu quälen,

wenn man mich einmal zu glücklich sah.

 

Meine Leiden gleichen der Drachen

schneller Mordschar auf hurtiger Bahn;

und sie öffnen den blutigen Rachen,

fassen mein Herze mit bissigem Zahn,

 

greifen mit gierigen, wütenden Bissen

tief in meine Seele hinein.

Doch was daraus sie räuberisch rissen,

wächst mir von neuem – es wächst aus Stein.

 

Mein Berg geht schlafen.

 

Nun liegt dein bäumestarrer Riesenleib

vom Elfenglanz durchsonnter Luft umbadet,

und dein beglänzter Purpurgipfel ladet

die Engel ein zu Spiel und Zeitvertreib.

 

Bald decken Wolkenschleier deine Ruh

wie weiche, goldumsäumte Daunendecken,

und deine wetterharten Gipfel recken

vergeblich ihren Hals dem Himmel zu.

 

Und während aus der Nacht des Waldes tauchend,

des Mondes Silberhaupt am Himmel steht,

begleiten meine Lippen, farblos hauchend,

der Fingerspitzen stummes Nachtgebet. – –

 

Stadtbahn im Abend.

 

In Spielzeugniedlichkeit steht auf dem Damme

der Stadtbahnzug. Aus seinem Rohre zischt

verglühend unter firnenweißem Gischt,

versprühend eine letzte trotzige Flamme.

 

Und schwarzen Atems quellen, wirbeln, stürmen

aus kleinem Eisenmunde wilde Massen,

die toll einander bei den Schultern fassen,

um sich gigantisch-kühn zu übertürmen.

 

Der Himmel aber röchelt rauchbeklemmt,

bis Riese Sturm, der hilfsbereite Meister,

die Fäuste reckt, und Dunst- und Nebelgeister

gewaltigen Schwunges in die Weite schwemmt.

 

Reife.

 

Wie eine Frucht, die prall zur Ernte drängt,

so drückt aus undurchdringlich blauem Grunde

der Sonnenball aufs Feld, der die gesunde,

kraftreife Saat mit neuer Glut beschenkt.

 

Doch mit dem satten Gold der Ähren streitet

das volle Blondhaar eines jungen Weibes,

der Leib sich reif von neuem Leben strafft.

 

Ein Lächeln, das von ihren Lippen gleitet,

küßt glücksbewußt die Fülle ihres Leibes;

Das weiche Leuchten froher Mutterschaft.

 

Der Zug der Tage.

 

So seh ich meine Tage: Fackelträger

vom einen Ende bis zum andern Ende;

stumm stehen sie, und ihre Feuerbrände

aufflackern hoch als meines Glückes Heger.

 

Schier endlos deucht mir ihre lange Reihe,

die sich in ferner Düsternis verliert,

in buntem Wechsel: Freunde, Feinde, Kläger.

 

Und jeden bitt’ ich, daß er mir verzeihe . . . .

 

Stets spür’ ich leise es wie Heimatsweh,

als traf’ ich Freunde, die ich einst betrogen,

wenn ich den langen Zug der Tage seh’,

die einst als Weggenossen mit mir zogen . . .

 

Der Zauber.

 

Kennt ihr das Märchen jener Königstochter,

die immer, wann der Heumond wiederkehrt,

sich eines Rehs Gestalt vermählt und ängstlich

in weher Hast durch Einsamkeiten flüchtet? –

 

Ihr seht mein Leben: seine Wege geht’s

im stillen Leuchten einer frohen Zeit,

dem Wandrer gleich, der durch den Herbsttag schreitet

der Ernte zu, die ihm sein Frühling schuf.

 

Doch immer wieder leben Tage auf,

die, von des Jahres Kreislauf wachgeküßt,

mit Zaubermacht mein stilles Glück vernichten,

daß ich als Siedelmann der Einsamkeit

mit einem großen Leide Zwiesprach halte . . . .

 

Die Tage sind es, da du von uns gingst . . .

 

Der Himmel.

 

Heut gleicht der Himmel einem leeren Saal.

Fein-zarte Nebel mit diskretem Schleier

bedecken keusch der Sterne Bacchanal,

und nur der Mond schwelgt noch in später Feier.

 

Um den flanieren in graziöser Gruppe

silberne Wölkchen, eifrig bis zuletzt,

wie Herrlein um des Balles schönste Puppe –

– und das Orchester hat schon ausgesetzt.

 

Nebliger Wintermorgen.

 

Das Morgenrot, das nach den Dächern tastet,

ist heut mit weißem Hermelin verbrämt;

der junge Fluß, der niemals müßig rastet.

Schweigt in der toten Landschaft, schneeverschämt.

 

Die Spatzen wärmen die erstarrten Schnäbel

am kargen Kleid und beben hungrig-matt;

und auf den weißen Feldern braut der Nebel,

wie der Beschützer einer Totenstadt.

 

Noch ruht der Tag wie ein verankert Schiff,

schweigt, wie ein Baum, der nie vom Sturm geschüttelt,

bis meines Eilzugs geller Mahnungspfiff

ihn hell-lebendig aus dem Schlafe rüttelt.

 


 

 

 

 

 

Stimmungen.

(1910–1911.)

 

Feierabend.

 

Das Tor zwieteilt sich bei des Pförtners Rütteln . . .

Aus tiefen Höfen strömt die Menschenflut:

Hohlwangige Männer, schwarz, in Arbeitskitteln,

staubblasse Mädchen ohne Kraft und Blut.

 

Starr ragen hoch der Schlote Silhuetten,

wie stumme Wächter in den Himmel weit,

nachdem von ihres Frondienst Hungerketten

die Arbeitssklaven der Fabrik befreit.

 

Am Fahrdamm steht im graukattunen Rocke

ein Mädchen, das auf den Geliebten harrt.

Kommt er da nicht? Schon winkt er mit dem Stocke . . .

Da sinkt des Alltags schwere Gegenwart

 

der Kleinen weit zurück. Sie lebt in Märchen

und fühlt sich Königin: Du Lieber, du!

Und eng umschlungen geht das junge Pärchen

der kleinen Wohnung des Geliebten zu.

 

Leis flüstert sie: Wie hab ich dich so gerne!

Da lächelt er, der sie am Arme hält.

Ein ehbettsicherer Spießer sieht’s von ferne

und gluckst erbost: Wie schlecht ist doch die Welt!! – –

 

Requiem.

 

– – und oft, wenn mich das Leben mit sich reißt

und mir ein Wirbel die Besinnung raubt,

verschwimmen jäh des Tages bunte Farben

zu tiefem Schwarz. Und aus dem Dunkel tauchen

Gestalten auf aus totenfernem Land. –

Und Menschen, die vor langer Zeit gelebt,

die meiner Jugend Förderer gewesen,

besuchen mich, und leis’ geht mir von ihnen

ein kühler Hauch zu, der mein Fieber kost.

Und große Augen suchen meine Seele

und sprechen still zu ihr.

– – – – – Bis dann ein schriller,

gell-heller Ton mich weckt. – –

Bunt wogt der Tag.

Fabrikenschlote rauchen, und es dröhnt

und schwirrt und hastet durch die Stadt. Zum Werke

treibt mich das Leben, packt mich hart und wirft mich

im Wirbel, bis ich ruhig mich ergebe

und weiterschwimme in dem Strom und kaum

der stillen Stunden, die ich trinken durfte,

noch denken kann. – – – –

 

Und immer seltener kommen diese Stunden,

und immer leiser sprechen sie zu mir. – – –

 

Das ist das Köstlichste.

 

Das ist das Köstlichste der Weihnachtszeit,

daß sie Erinnerungen zu sich lädt,

und sie bewirtet als willkommene Gäste.

 

Die sitzen in den alten Polsterstühlen

und halten still ein kurzes Plauderstündchen. –

Wir aber streicheln sie wie gute Freunde,

die wir im Kampf des Tags vergessen haben

und wiederfinden.

Und sie lächeln dann

und schweigen wohl, bis sie wie Schatten gehen.

 

Im Zimmer aber bleibt so süßer Duft,

als habe sich ein alter Schrein geöffnet,

drin eine Schale Weihrauch duftete . . .

 

Abend in Venedig.

 

Die schwarze Ruderstange sticht dem Meere

dolchschmale Wunden, die das Wasser schließt,

und langsam zieht die Gondel ihre Furche.

 

Der silhuettenschwarze Barkenführer

steht hoch am Bug und summt in leisen Tönen

ein Liedchen an das Meer. Es spielt der Mond

mit seinem Bilde, das die Wasser wellen.

 

Stumm der Kanal. Auf leisen, leichten Schwingen

trägt sacht der Wind vom Markusplatz herüber

den Schaum der Wogen bunten Straßenlärms;

der streift die Gondel und versinkt ins Meer.

 

Nun ist es still. Das letzte Leben stirbt

an dem Skelett verfallener Paläste.

 

Nur in dem Brückenbogen wird’s lebendig.

Dort schwillt ein Rauschen hoch und rundet sich

und spricht von alten Tagen, alten Sagen,

von Dogenglanz und einem wilden Volke,

von hoher Macht und reichem Herrenprunk.

 

Und grüßt die Gondel, die vorübergleitet. . . . .

 

Für Lilli von Goddaens

in herzlicher Freundschaft.

Schwüle.

 

Brütende Leere über den Gassen,

oben der Himmel: tiefblau und schwer,

alle Wege menschenverlassen;

schweigend duldet das Häusermeer.

 

Träge treibt die faulen Pferde

lässig der Fuhrmann mit schlaffem Gebot;

und auf der ofenheißen Erde

hocken die Spatzen als seien sie tot.

 

Auf des Rinnsteins steinigem Pfühle

ruht ein Bettler am Straßenrand –

selbst der Schatten Schemenkühle

hat die glühende Sonne verbrannt.

 

Und die Stunden rinnen vergebens.

Und noch schwillt und wächst die Glut,

bis das rege Rad des Lebens

müde innehält und ruht.

 

Nächtliche Fahrt.

 

Schwer hängt und schwarz die Nacht. Am Wege tragen

Cypressen ihre Kronen starr zur Höh;

und zwischen ihnen schleicht durch die Allee

weinenden Zugs ein schwarzverhangener Wagen.

 

Nun drängt das weiße Tor sich aus der Nacht,

und zwischen Gräbern wird der Sarg getragen,

das Tor schlägt zu, und schnell entrollt der Wagen,

als sei aus langem Träumen er erwacht.

 

Der Sarg wird in der Halle aufgebahrt.

Die Nacht dringt schweigend ein; es zuckt ein fahles

Laternenlicht von dem Portal des Saales,

und bleiche Lippen flüstern: Leichte Fahrt!

 

Zwei dunkle Punkte in der Friedhofstür,

stehn, auf den Stock gestützt, zwei müde Greise.

Aus einem welken Munde klagt es leise:

»Nun ging auch der. Wer weiß, wann wir . . . wann . . . wir!«

 

Abschied.

 

Es beugen im gemeinsamen Beginnen

die Bäume mit den halbentlaubten Zweigen

ihr Kronenwerk, das weich der Wind durchweht.

 

Wie schlanke, wohlgeschulte Tänzerinnen

sich leicht im Takte des Orchesters neigen,

wann stets des Rythmus Welle kommt und geht.

 

Ein Abschied ist’s. Nun soll der Sommer scheiden.

Das ewige Lied vom Weitergehn und Meiden,

das ist es, was ein Baum dem andern rauscht.

 

Ein herzenswehes Von-einander-zwingen.

Da breitet schon der Sommer seine Schwingen . . .

und vor dem Walde steht der Herbst und lauscht.

 

Mutter und Sohn.

 

Nein, Mütterchen, ich mag die Leute nicht,

die eingeladen du zu meinem Feste;

wenn deine sanfte Lippe zu mir spricht,

dann sagen sie mir nichts, die faden Gäste.

 

Jetzt, wo dein Sohn für immer dich verläßt,

mag er nicht Worte aus der Fremden Munde. –

Mit dir allein ist mir das schönste Fest – –

o, gönne mir die beste Feierstunde.

 

Wenn sich der Tag auf seine Ruh’ besinnt

und. grad beendigt seine Promenade,

dann setze dich mit deinem großen Kind

in deinen Lehnstuhl auf der Ballustrade.

 

Nein! Sage nicht, daß ich dazu zu groß,

heut laß ich meine »Würde« gern beiseite.

Ich lege meinen Kopf in deinen Schoß,

daß deine Hand durch meine Locken gleite.

 

Zerdrückt dir meine Wildheit auch das Kleid –

heut wird mir deine Sorgsamkeit nicht grollen.

Du sprichst zu mir von meiner Kinderzeit,

von deines Knaben muntrem Kindertollen.

 


Du sprichst von deiner Sorgfalt ohne Ende,

wie stets du meine Kindheit wohl gepflegt; – –

ich küss’ die Schwielen deiner Arbeitshände

die sich für mich tagaus, tagein geregt.

 

Nun schweigst du. An dem Fenster summt die Fliege

dem müden Tag ein emsig Abschiedslied;

und während ich zu deinen Füßen liege,

sinnst du der Nacht zu, die herniederzieht. – –

 

Nachtstück.

 

»Tochter, so sprich, was dir Kummer macht!«

»Mutter, ich fürchte mich so vor der Nacht;

der Sturmwind braust aus Moor und Holz

wie ein Henker nach blutigem Werke, stolz

seines straflosen Frevels . . .«

 

»Tochter, so weine, so schluchze doch nicht!«

»Mutter, man hat einen Galgen erricht’t

im Walde mitten auf grünem Plan . . .

wehe, sie setzen die Leiter an . . .

Mutter, dess’ muß ich weinen . . .«

 

»Tochter, vergehst ja vor Kummer und Leid!«

»Mutter, hörst nicht das Sterbegeläut?

Schauernd ein Klagen den Wald durchirrt . . .

Mein Herzliebster zur Stunde wird

hoch am Galgen gerichtet . . .«





Der ewige Haß.

Dramatisches Gedicht in einem Akte.

 

Personen:

Ein kranker Jüngling.

Seine Mutter.

Sein Onkel, ein Pfarrer.

Ein junges Mädchen.

Eine Krankenschwester.

 

Beim Scheiden des Sommers.

 


Ich widme diese Dichtung meinem lieben Freunde

Ludwig Marck.

der die Kämpfe kennt, aus denen sie entstanden ist.

 


Ein Schlafzimmer. Das Bett im Vordergrunde (links) zunächst dem großen Fenster, das in die Gegend weist.

Weite Felder strecken sich hinter dem Hause behaglich der Ferne entgegen. – – Es ist Mittag. – – –

 

1. Szene.

 

Der Jüngling

(erwacht und richtet sich augenblinzelnd ein wenig auf).

Die Schwester

(tritt an ihn heran und ordnet an seinen Kissen).

 

Der Jüngling

(nach einigen Augenblicken des Staunens):

Nun blitzt die Sonne ihren Lebensstrahl

aus dem Zenith herab in meine Enge;

und ihre Strahlen jubeln Lustgesänge

von Sein und Glück in meines Siechtums Qual.

(Zur Schwester):

Entfern’ den Vorhang, und laß ungemindert

das warme Leuchten ins Gemach hinein

und gönne mir den golddurchbebten Schein,

der mich erquickt und meine Qualen lindert.

(Er spricht, während die Schwester die Vorhänge zurückschlägt):

Ich habe ihn zu schmerzlich ja entbehrt,

da er mich lang nicht zu erreichen wußte,

als ich, dem regen Leben abgekehrt,

mit meinem siechen Leibe rechten mußte.

Wie lange brachte mir kein junger Morgen

Leuchten und Glanz zur Linderung meiner Qualen – –

ich will fürs Glück, das meine Leiden stahlen,

von ihr mir neue, reine Schönheit borgen.

(Er richtet sich noch höher aus, so daß er in die Gegend hinaussehen

kann).

Bin ich aus einem langen Traum erwacht?

Ich fühl’ mich heut so wohl. Bin ich’s? Ich selber?

Wie lange währte meine Schmerzensnacht?

Der Weizen neigt schon reifer sich und gelber

dem Boden zu, und Frucht trägt jede Ähre.

Der Sommer kam schon, – ja, schon geht er sacht!

Und ich – ich wähnt, daß es noch Frühling wäre.

 

Schwester:

Ist Dir heut wohl?

 

Jüngling:

Ich spürs, wie neu erfrischt

mich meine Kräfte lebensstark durchbeben.

Noch eben bangt ich, daß mein Licht erlischt –

jedoch neu fühl ich es: Ich werde leben!

 

Jüngling

(hat dies in immer wachsender Freude gesprochen).

 

Schwester

(steht zu Häupten des Kranken und zerdrückt im Auge eine Träne).

 

Jüngling (eifrig):

Nicht wahr, das hat doch auch der Arzt gesagt?

Er gab mir immer Mut und neues Hoffen.

Ich bitt Dich, liebe Schwester, sprich mir offen –

stets hast Du ihn ja sorgsam ausgefragt.

 

Schwester:

Gewiß! Du wirst noch lange leben, Freund.

Nur Ruhe tut dir not. Ich will doch wieder

den Vorhang – – – –

 

Jüngling:

Laß, solang die Sonne scheint,

mich ihren Glanz in vollen Zügen trinken,

und zieh erst dann die dunklen Tücher nieder,

wenn Riesenschatten von den Bäumen sinken.

(Leuchtenden Auges):

Ich werde leben! Weißt Du, was das heißt?

Noch schmacht ich, ein Gefangener, gekettet;

jedoch schon fühl ich es: die Kette reißt!

Bald klopft die Freiheitsstunde, die mich rettet,

Einlaß gebietend herrisch an die Tür.

 

Schwester

(kann ihren Tränen nicht gebieten).

 

Jüngling:

Was ist Dir, Schwester? Freue Dich mit mir!

Du weinst, Du schluchzest? Jauchzen solltest Du!

Mir ist so leicht. Was soll jetzt Trauer taugen?

Schwester:

Die Sonne blendet mich. Ich schließ die Augen,

vor ihrem Glanz erschauernd zu.

 

Jüngling:

Komm her zu mir. Ich trockne Deine Tränen.

Komm, stütze mich. Ich will mich sachte lehnen

an Deinen weißen Arm. Der hat mich immer

in schweren Stunden mütterlich gestützt.

Siehst Du: Ich küss’ den weißen Strahlenschimmer,

den grad die Sonne rein auf ihn geblitzt.

 

Schwester:

Liebst Du die Sonne so?

 

Jüngling:

Wen sie gemieden,

der weiß erst, wie’s den Menschen zu ihr zieht.

Geht mir mit eurem »heiligen Todesfrieden«; –

nur der ist glücklich, der die Sonne sieht.

(In Erinnerung):

Zwar gibt es Menschen, die an ihren Tagen

geschlossenen Augs die Straße gehn,

die ihre Kraft dem Licht entgegentragen

und doch nicht seinen Urquell sehn.

Ich mußte dies am eignen Leib erproben –

was war ich für ein undankbarer Tor –

die Gottheit strahlte hoch am Himmel oben,

und stumpfen Auges blickt’ ich nicht empor!

Das war mein ärgstes Leid bei meinen Leiden,

 

hat auch mein Leib Unsägliches gelitten:

daß mir der Weg zu ihr ganz abgeschnitten,

wenn mir die Parzen schon den Faden schneiden. –

(Stille.)

 

Schwester (ob seiner Wehmut besorgt):

Nun siehst Du ja, wie unnütz all Dein Bangen. –

Doch jetzt gebiet dem gar zu regen Mund.

Du darfst von Dir, eh Du nicht ganz gesund,

nicht allzu große Kraft verlangen.

(Stille.)

 

Jüngling:

Wie lange bin ich krank gewesen!

An einem ganzen Werden der Natur

ging ich vorüber, ohne eine Spur,

ohn’ einen Gran von Lieb und Hassen

für mich daraus zu erfassen,

von mir darinnen wirken zu lassen!

(Stärker):

Doch nun ich wieder neu erstarkt genesen,

soll alles wieder sich in mir ernenn:

Den Frühling will ich atemheiß durchbeben

und im herzinnigen Verein

den Menschen mich und mir die Menschen geben.

Kein Leid könnt mir mein Künstlertum entraffen,

ich fühle neues Blut und neuen Mut

und will, nachdem ich schon zu lang geruht,

mit heißer Inbrunst schaffen. – Schwester: Schaffen!!

 

Schwester:

Wie doch die Freude Dir die Wangen rötet –

Du bist ein Dichter ja. –

 

Jüngling (heiß):

Ja! Ich bin Dichter!

Mein eigener Dichter und mein eigener Richter,

der selber sich erhebt und selbst sich tötet!

(Visionär):

Gestalten fühl ich an mir ringen,

sich selber bezwingen, sich selber verschlingen!

Ich bin ihr Meister! Ich schlag sie in Ketten!

Ich werde sie bannen, sie schaffen, sie retten!

 

Jüngling

(hat sich immer mehr aufgerichtet. In seinen Augen lodert es flammend: Die erwachte und sich selbst immer wilder anfachende Leidenschaft und das Fieber der Krankheit).

 

Schwester (gleichsam ausgleichend):

Das wirst Du, Freund. Und dadurch bist Du reich.

Du bist als Schaffender der Gottheit gleich,

die aus dem Nichts heraus, aus eigener Macht,

das ganze Schöpfungswerk vollbracht.

Doch Du, ein Mensch, an Menschliches gekettet,

geh’ nicht zu hoch hinaus mit Deinen Plänen!

Klein ist des Menschen Kraft, so groß sein Sehnen;

und mancher hat an seiner eig’nen Welt,

die selbst er schuf, sich seinen Kopf zerschellt.

Jüngling:

Banale Weisheit, in Philisterhirnen

und »Pädagogenschädeln« großgezogen,

aus deren stachelhaarig-flachen Stirnen

niemals Gedanken hoch zum Äther flogen!

Was wissen die von Welt und Dichtersehnen,

von heißen Stunden heiliger Offenbarung,

sie, die im Zug des Lebens gehn und stöhnen,

weil ihnen allzu schwer wird ihre Nahrung.

Was wissen die von lohenden Lebensfeuern,

von einer Sehnsucht, die sich selbst vergißt,

von heißer Nächte Glut, die einen teuern,

geliebten Namen wild ins Linnen küßt?

Was wissen die – – –

 

Schwester (streichelt seine fieberheißen Wangen):

Du darfst Dich nicht erregen.

Wir haben ja Dein Leiden zwar verscheucht,

doch sucht es nur nach hinterlistigen Wegen

und lauert bloß, daß es Dich neu erreicht.

 

Jüngling:

Ich muß mich schonen? Soll mich nicht erregen?

Geh, Schwester, sag’ mir solches, wenn ich Greis; –

noch pulst das Blut in meinen Adern heiß,

da kann ich mich nicht müde niederlegen.

Doch fürchte nicht für mich. Meine Natur

wirft mich dem Tode nicht so schnell zur Beute.

Mir ist so wohl. Ich glaube, einmal nur

im Leben war so glücklich ich wie heute.


Schwester (um ihn abzulenken):

Wann war dies, Freund? Ging das so schnell vorbei?

 

Jüngling (einfach):

Als ich erkannte, daß ich Dichter sei. –

(In Erinnerung; leiser):

Vor Jahren war’s. Im fernen Isartal.

Ein Sommersonntag. – Froh hatt’ ich verlassen

die Stadt mit ihren feierschwülen Gassen,

dem Dorf entgegen ging ich durch den Wald.

Als ich’s erreichte, stieg der Abend bald

aufs Wegroß, und des Volks beschwingter Haufen

hatt’ schon den buntgeschmückten Platz verlassen

und sich im Labyrinth der Stadt verlaufen.

Die hohen, talwärts winkenden Terrassen

fand ich vom Abend purpern überhaucht;

die Sonne war ins Land hinabgetaucht

in rotem Glutball, und der Himmel schrieb

mit Sternenschrift das schönste Abendlied. –

Bald kam der Mond. Auf einem Wolkenwagen

aus schwarzem Samt, mit Silber reich umrandet,

wurd’ er den dunklen Wald hinaufgetragen;

und als er über’m Gipfelwerk gelandet,

erhob er sich, den Abend zu erhellen

mit seinem Licht, das er herniedergoß.

Die Wolke aber, die ihn trug, zerfloß

dicht unter ihm in reine Silberwellen. –

Die Berge winkten fernenfahler, blasser,

wie Scheinen durch den blauen Abend her,

und unten sprang der Isar junges Wasser

voll Bubenkeckheit lustig übers Wehr. – –

Still – einsam stand ich da und staunte, staunte – –

da fiel der bunte Firniß von mir ab,

mit dem die Welt, das Leben mich umgab.

Aus meiner Seele tiefstem Innern raunte

mir eine Stimme zu: Das ist das Wahre,

nicht jener Tand, den ihr »Kultur« benennt;

hier such das Ewig-Wahre, Wunderbare,

wenn Dir die Sehnsucht heiß im Herzen brennt.

Mir war’s, als durft’ ich von dem Trunke nippen,

der uns das Rätsel löst der Ewigkeit,

wie müde Flitter fielen Raum und Zeit

weit von mir, und es jauchzten meine Lippen

in unbewußtem Rythmus heiße Worte,

die, kaum geschaffen, in der Luft zerstieben. –

(Leiser):

Die Verse hab’ ich niemals aufgeschrieben. – –

(Stille.)

 

Schwester:

Ja, schön ist die Natur, und groß ist Gott,

der sie erschafft, sie werden läßt und tötet.

 

Jüngling (unangenehm berührt):

– – zu dem Ihr ohne Überlegung betet

und gar nicht fühlt, daß Euer Beten Spott.

Gott und Natur ist eins. In jedem Beben

des Windes fühl ich göttlich Leben:

Denn jede Schönheit ist ein göttlich Teil. –

 

Schwester (einfach):

Nur die sind selig, die den Kinderglauben

von keiner Macht der Welt sich ließen rauben.

(Groß):

In mir lebt er noch unberührt und heil.

(Stille.)

 

Schwester:

Doch ruhe jetzt.

 

Jüngling:

Ich will die Glieder strecken

und etwas schlafen. Doch Du sollst mich wecken,

wenn jemand kommt. Gern seh ich Menschen hier.

Ich brauch’ ja ihnen jetzt nicht mehr zu klagen;

nein; – hocherhobenen Hauptes darf ich sagen:

Ich bin gesund. Ich leb. Ich bin wie Ihr!

(Stille.)

 

(Er fällt in leisen Schlummer. Die Schwester zieht die Vorhänge vor

die Fenster. – Die Sonne wirft schmale Streifen ins Zimmer, die

das Bett durchqueren und von links über die ganze Bühne in die Kulisse laufen. –)

 

 

2. Szene.

 

(Nach kurzer Zeit klopft es leise. Die Schwester öffnet behutsam, und der Pfarrer erscheint.)

 

Schwester:

Er schläft.

 

Pfarrer (tritt sacht an den Schlafenden heran):

Ganz friedlich hält ein milder Schlummer

des Fiebermüden Antlitz süß umfangen,

und, losgelöst von Hoffen und von Bangen,

ist jenseits er von Lebens Lust und Kummer.

Ruht er schon lange so?

 

Schwester:

Nein, Herr. Noch eben

hat er mit mir in voller Kraft gesprochen.

Es war, als wollt sich das gebeugte Leben

noch einmal übermächtig stark erheben,

eh roh des Todes Hand es abgebrochen.

Er war so froh, so lebenshoffnungsvoll

und glaubte sich schon wieder neu genesen;

er weiß es nicht, wie bald er scheiden soll,

daß von dem Tode er schon auserlesen.

So ausgeglichen war er. Ohne Groll

gab er es auf zu richten, zu verdammen. –

Sein Anblick krampfte mir das Herz zusammen.

 

Pfarrer:

Und wovon sprach er?

 

Schwester:

Von der Sonne Leuchten

und seiner ewigen Sucht nach ihrem Strahl.

 

Pfarrer:

Zu lang entbehrt er schon das Abendmahl;

sprach nie er von dem Wunsche, bald zu beichten?

 

Schwester (will antworten).

 

Jüngling (bewegt sich).

 

Schwester

(legt den Finger an den Mund und geht zu dem Kranken).

 

Jüngling (richtet sich auf):

Wie – – ? Wer – – ? Ach so – – –

 

Pfarrer:

Hast Du geruht, mein Sohn?

 

Jüngling (verwundert):

Du, Onkel, hier bei mir?

 

Pfarrer:

Gar lange schon

Hab ich Dein Krankenbett besuchen wollen.

Jedoch, Du weißt, das Amt mit seiner Pflicht

erlaubten dies dem guten Willen nicht.

 

Jüngling:

So hast Du aufgehört mit Deinem Grollen?

 

Pfarrer:

Ich hab Dir nie gezürnt. Du weißt ja: Lieben

ist Christenpflicht. Ich durfte mich betrüben

ob Deines Sinnes; doch ich richte nicht.

Du warst ja auch so jung. Wer nie gelitten

und nie entbehrt, bleibt lange jung, mein Sohn.

Doch nun hast Du der Kindheit Land durchschritten,

jetzt lerntest Du ja leiden, dulden schon,

und Leid stimmt mild und läßt uns dankbar werden.

Des Körpers Siechtum unsere Seele heilt.

Wenn wir uns auch von Gott in Frevel kehrten,

als er das Glück uns gütig zugeteilt,

im Schmerze finden wir des Betens Wege

zu seinem hocherhabenen Vaterthron.

Und sieht der Gütige uns dort, mein Sohn,

dann steht er auf und kommt uns mild entgegen

und gibt uns mild-gerecht den Vatersegen. –

Auch Deine Büßerworte wird er hören.

 

Jüngling:

Was soll das, Onkel, willst Du mich bekehren?

 

Pfarrer:

Ich will Dir helfen, will den Weg Dir zeigen,

der Dich zum Segen und zum Heile führt;

Du hast auch Gottes Rächerhand gespürt,

die zwingt Dich, seinem Namen Dich zu neigen.

 

Jüngling:

Ich dank Dir, Onkel, für Dein Mühn. Ich glaube.

Du meinst es wahrhaft gut mit mir. Indes:

Was ist denn wohl des Menschen Eigenstes,

ist’s nicht die Überzeugung und der Glaube!?

Ich achte Dich und achte Deine Lehren,

doch sprich auch von den meinen ohne Hohn

und gib es endlich auf, mich zu bekehren.

Wir alle haben unsre Religion.

Ich kann mich nicht am Bilderdienst ergötzen

und vor dem Abbild eines Menschen knien;

ich kann mich nicht in eine Kirche setzen; – –

zu meinem Beten laß hinaus mich flieh’n.

Ich stürme fort und seh, wie vielgestaltig

mir die Natur stets neue Wunder zeigt,

ich hör den Sturm, der allgewaltig

der höchsten Bäume Kronen neigt;

ich seh das stete, ewige Werden,

wie aus dem Tode neues Leben grünt– –

was solln mir Euere Geberden?

Im Staunen liegt mein Gottesdienst.

Im Staunen, im Bewundern, Lieben –

und im Genießen mein Gebet.

 

Pfarrer:

Wo ist die Frucht des Samens nur geblieben,

den Deiner Kindheit einst man eingesät?

 

Jüngling:

Und Du? Warum verwirfst Du meine Lehren?

Gott preis’ auch ich, wenn all’ dies seine Saat.

Und willst Du einen Meister würdig ehren,

dann rühm’ nicht ihn, dann rühme seine Tat.

 

Pfarrer:

Dein Wort erfüllt mich nur mit neuer Wehmut,

Du Weichlicher, dess’ Wille nie gestählt,

ich seh’ es immer deutlicher, Dir fehlt

des Christen größte Eigenschaft: die Demut.

Du preist das Werk des Ewigen, solange

Du es genießest, weil Du es genießt;

die Sonn, die alles Deinem Aug erschließt,

die rühmest Du, und, was in Deinem Drange

Dir dienlich ist, in Deiner Gier nach Ruhm.

Du preist das, was gefällig Deinen Sinnen,

die daraus neue Schaffenskraft gewinnen – –

mein Sohn, das ist kein wahres Christentum.

 

Jüngling:

Sei’s denn! Ich bin ein Mensch und leb mein Leben

nach dem, was ich als gut und recht erkannt,

denn dies nur ist ein wahrhaft sittlich Streben.

 

Pfarrer (mit erhobener Stimme):

Wer Gott die höchsten Ehren aberkannt,

ist ein Verworfner! Sünder, wag es nicht,

vermessen über ihn Dich zu erheben!

Mild ist sein Sinn, doch furchtbar sein Gericht. –

Damit Du leben kannst ohn’ alle Schranken,

erfandest Du – welch Machwerk, o, welch kluges! –

Dir eine Religion des Selbstbetruges,

die nur geboren ist aus dem Gedanken,

alle Genüsse gierig einzusaugen.

 

Jüngling:

Was können unsere Gespräche taugen!?

 

Pfarrer (in höchster Erregung):

Ich wollte Dich in Deiner Krankheit schonen,

da ich gewähnt, Du seiest demutsvoll,

jedoch noch seh’ ich Dich vermessen-toll

trotzig auf einem Hochmutspfühle thronen.

Ich warne Dich! Ich kam, um Dich zu retten.

Besinne Dich! Es gilt Dein Seelenheil.

Es rasselt schon der Tod mit seinen Ketten.

Denk’ noch zur Zeit an Dein unsterblich Teil!

 

Schwester:

O nicht doch . . . nicht . . .

 

Jüngling:

Du kamst, um mich zu schrecken . . .?

 

Pfarrer:

Um Dich aus Deinem Dämmern aufzuschrecken.

 

Jüngling:

. . . . und scheust sogar vor einer Lüge nicht!??

Ich sag’ es Dir, Du . . . Knecht, . . Dich treibt bloß Neid!

Nicht, weil Du meinen Glauben nicht erfassest,

gehst Du mit ihm so heftig ins Gericht – –

nein! Weil Du mich, den Freien, neidisch . . . hassest,

den freien Sohn der neuen, freien Zeit.

 

Pfarrer:

Schmäh, was Du willst! . . . Ich tue meine Pflicht

und warne Dich. – Und tust Du mir auch leid – – –

jetzt brauchst Du rücksichtslose Offenheit.

 

Jüngling (kommt zur Besinnung des Gehörten):

Noch . . eben . . glaubt’ ich . . mich gesund . . zu seh’n . .

und nun . . . wie? . . sterben? Aus dem Leben geh’n . .?

Ich? . . Tot für ewig? . . Du hast nicht gelogen?

(In fliegender Hast):


Schwester! Komm! Sprich! Er hat mich doch betrogen,

der Pfaff . . .? Bei allem, was Dir lieb,

beschwör’ ich Dich! Sprich mir die Wahrheit! Gib

ihm seine Lüge wieder!

 

Schwester (sinkt schluchzend zusammen).

 

Jüngling:

Es ist wahr . . .?

(Stiller):

Ich soll nicht mehr, wie sonst, das müde Jahr

im Schnee des Winters groß verenden sehen?

Soll nicht mehr schauen dürfen sein Erstehen

in Frühlingskämpfen stark und wunderbar?

Soll nicht mehr in den Himmel blicken dürfen

und nicht mehr glücklich wandern durch den Wald??

. . Die Erde ist so schwarz . . . so. . . herb . . so kalt . . .

. . . o, es ist wahr!! – Ich muß dahin! . . Schon schlürfen

des Todes Schritte näher . . . hör’ ich recht?

Nicht wahr, das ist Musik für Deine Ohren?

(Zum Pfarrer):

Gier horchst Du auf! . . Geht Dir kein Laut verloren?

Du . . Schuft!!! . . . Nicht Schuft . . . ich weih ja, ich bin schlecht,

verderbt! . . Ist das die Strafe . .?

 

Pfarrer:

Fühlst Du Gott?

 

Jüngling (in höchster Erregung):

Ich fühle nur, daß Deine Reden Spott,

daß ein Idol Dein Gott, ein Hampelmann,

den man stets in Bewegung setzen kann,

wenn man ihn braucht. – Geh’ Du, Du Christ voll Lieben!

Was tatst Du, Lieber? – Meine letzte Ruh

hast Du in meinem Herzen aufgetrieben!

Du nennst Dich Friedensspender? Du? – Du? – Du? –

Du hast mich um mein letztes Glück betrogen!

Hältst Du mich so gelassen, wie ich war,

dann war im Tod ich friedlich hingezogen,

nachdem die Stunde mir gekommen war. –

Du Roher, warum sagtest Du mir das?!!!

(Fast lauernd):

Und warum tatest Du’s?? – Aus Haß!!

Ob meiner Sehnsucht hast Du mich gehaßt.

Du, der Du jeden Aufschwung niederdrücktest

und in dem Leben einen Feind erblicktest,

da Du das Leben nie begriffen hast. –

 


3. Szene.

 

(Die Mutter des Jünglings und ein junge! Mädchen eilen herein. Die Mutter ist eine hochgewachsene Frau an der Schwelle des Greisenalters; das Mädchen eine mittelgroße Erscheinung: Lichtblondes Haar umwellt schöne, ebenmäßige Züge.)

 

Mutter:

Um Himmelswillen! Was geschah? Mein Sohn!

 

Jüngling:

Was wollt Ihr alle? Wollt Ihr Euern Hohn,

Ihr Lebenden, auf mich herniedergießen?

(Zur Schwester):

Du, geh! – Du sollst mir gut die Tür verschließen! – –

Was höhnt Ihr mich mit Eurem Mitleidslug?

Ich mag es nicht und spei’ Eurem Bedauern

den Undank ins Gesicht. Ihr habt genug

mich schon gemartert hier in diesen Mauern.

 

Mutter

(blickt den Sohn aus weitgeöffneten Augen an. Sie kann die Situation nicht erfassen).

 

Mutter:

Mein Sohn, ich bin’s. Erkennst Du mich denn nicht?

 

Jüngling (noch immer außer sich):

Der Pfaff soll geh’n! Mich peinigt sein Gesicht!

Hinaus!!

 

Pfarrer:

Der Herr verzeih’ Dir Deine Sünde.

Ich gehe; was ich tat, war meine Pflicht.

 

Mutter:

Du Himmlischer, was tat man meinem Kinde!

 

Jüngling:

Du Gottesheld, vergiß nur nicht Dein Fluchen!

 

Das junge Mädchen:

Mein armer Freund, wir wollen Dich besuchen;

ich bring’ Dir diese Blumen hier.

 

Jüngling:

Wozu

denn alles dies? Eh’ diese Blumen sterben,

habt Ihr vor mir auf ewig Ruh’.

 

Mutter:

Was sprichst Du da, mein Armer? Diese herben

leidvollen Worte? . . . Wer hat Dich betört?

 

Jüngling:

Was wollt Ihr denn bei mir hier? In Euch lohen

noch Lebensfeuer auf und Euch gehört

die Sonne und die Welt, Euch Daseinsfrohen.

Ich mag Euch nicht, die Ihr von Kraft und Glut

satt überschäumt, und Euer Lebensfeuer

drängt sich mir auf wie eines Protzen Gut

und höhnt mich; denn ich bin ein Vogelfreier.

Ich aber darf Euch schmähen, Euch, Ihr Braven,

und Euern Gott und Eure schöne Welt.

Denn könnt Ihr etwa einen Menschen strafen,

den schon der Tod im sich’ren Arme hält!?

Doch – schmähen? Nein! Nur Wahrheit soll Euch werden,

wie sie nur einer, der verloren, spricht,

und wie Ihr sie, Ihr Menschen aus den Herden,

noch nie gehört. Ich halt’ mit Euch Gericht!

 

Mutter (weinend):

Gericht? O Gott, wie schwer hab’ ich gefehlt,

daß ich’s mit solchem Mutterleid bezahle!

 

Jüngling (etwas ruhiger):

Mutter, Du weißt ja selbst, nur kurze Zeit

sind wir zusammen noch. Die Ewigkeit

graut schon zu meinen Häupten. Und die Schale,

die sparsam-volle meines Seins, hat längst

die Fülle ihres Reichtums ausgegossen.

Den Sichelwagen mit den schwarzen Rossen

lenkt mir der Tod noch eher, als Du denkst.

Drum sei uns Wahrheit jetzt in dieser Stunde;

fern bleib der Liebesworte Phrasenschwall.

Was ewig wirkt und webt im großen All,

hört angewendet Ihr aus meinem Munde.

Jetzt kam die Zeit, wo jener Selbstlug bleibe,

den uns das Leben zu befehlen wagte,

als es uns sagte,

daß uns die Liebe zueinander treibe.


Mutter:

Wenn ich Dich höre, wird es um mich dunkel;

ich weiß nicht: leb’ ich oder ist’s ein Traum?

Mein Aug’ bedrängt, verwirrt ein Blitzefunkeln,

Irrlichtern gleich. Ich sehe nicht den Raum,

ich hör’ nur einen schrillen, fremden Ton.

(Weinend):

Ist das mein Sohn? Du Deines Vaters Sohn?

Vergaßest Du denn aller Liebe ganz,

die Dich erschuf, und die Dich großgezogen?

(Lauter):

War alle diese Liebe denn erlogen??

 

Jüngling:

Du ließest mich aus Deinen Brüsten saugen

die erste Kraft, und Deine Mutteraugen

verfolgten meines Lebens junge Bahn.

Was ich zuerst getalt, wann ich gezahnt, –

das alles hast Du sorgsam aufgeschrieben – – –

doch meine Seele hast Du nie geahnt.

Und hättst Du sie geahnt, – Du hättst gehaßt,

was Dich von Deinem Kinde trennen mußte,

und hättst Du meine Einsamkeit erfaßt,

die unter einer wohlgefällgen Kruste

von Zugehörigkeit und Kindestreue

zu einem eignen Weg sich durchgeweint – –

Du hättest das, was uns bisher vereint,

zerschnitten, weil Dein Schaudern Dich belehrte,

daß dieser Mensch niemals zu Dir gehörte.

 

Mutter (schluchzend):

Das Deiner Mutter – – –?

 

Jüngling:

Klarheit, Mutter. Klarheit!

In diesem Augenblicke sterb’ der Schein.

Man gab mir über mich die rohe Wahrheit,

so soll denn Wahrheit heut uns allen sein. . . .

 

Das Mädchen (taktvoll):

Ich will doch gehn.

 

Jüngling (hastig):

Nein! Bleib bei mir, Du . . . Kind.

Du, die ich . . . so . . . geliebt in meinem Leben,

Du hast allein mir etwas zu vergeben;

denn Dich hab ich verkannt – die ganze Zeit.

Arg mußt ich stets Dein Selbstgefühl verletzen,

denn (leider!) wagt ich Tor zu unterschätzen

Dein Edelstes, mein Kind; die Sinnlichkeit!

 

Das Mädchen (erregt):

Leb’ wohl! Leb’ wohl! . . . Ich geh’ . . .

 

Jüngling:

Du bleibst bei mir.

Solang’ Du’s kannst, hör’ meinen Worten zu.

Denn schloß sich hinter Dir erst meine Tür,

sind wir getrennt auf ewig: Ich und Du!

(Wärmer):

Doch, Mädchen, Du, die Du nicht durch Geburt

an mich gefesselt bist, Du, die ich liebte,

die mir zu meinem höchsten Glücke wurd’,

und die zum tiefsten Weh mich niedertrübte,

Du sollst an meines Lebens Schwelle stehen,

und, wenn die Wolke, die mich trägt, entschwebt,

sollst Du sie staunend höhergleiten sehen.

Zum Schluß ein Wort zu Dir. Ich habe immer

nach Deiner Seele gierig-froh gestrebt

und habe jeden golden-reinen Schimmer

von Glück, das ich bei Dir zu finden – glaubte,

in meiner Seele widerstrahlen lassen.

Und als mir jener – – Abend alles raubte,

meinst Du, ich hätt’ gewagt, Dich drob zu hassen?

Zu hassen Dich? Ich habe mich nach Dir

geformt. Wie Glas wurd’ meine junge Seele

von Deinen zarten Mädchenhänden mir

gedehnt, gepreßt. Ich wollte ohne Fehle

Dir gleichen. Und das Morden meines Willens

entführte mich dem Ziele des Erfüllens.

Du bist ein Weib und willst den Herrscher fühlen,

die Sinne spüren, welche Dich begehren;

ich konnte Deine Glut nur niederkühlen,

und während meine Sinne nach Dir schrien,

legt ich’s mir selber auf, Dich zu entbehren.

Nur Deine Seele habe ich geküßt

und hab gespäht in ihre tiefsten Gründe – –

in Deinem Leib sah ich nur das Gerüst. –

Und das ist einer Liebe schwerste Sünde. –

Ich sah, wie Deine Blicke glühende Brücken

zu jedem Manne schlugen, heiß und stark,

und fühlte Dein begehrendes Entzücken,

das Deines Taktes Glätte schlecht verbarg,

wenn Du von einem Dich verstanden fühltest.

Und ich – stand da und gaffte, gaffte, während

ich sah, wie Du mit andern lachtst. »Du spieltest

mit meiner Seele« rief’s in mir, wenn gärend

mein Blut, mein Stolz mich an mich selbst gemahnt’;

– – nie hatt’ ich meine eig’ne Schuld geahnt. –

Nun lebe wohl! Du darfst der Welt gehören;

toll weiter in des Lebens buntem Saal.

Umarmen wird Dich bald Dein Ehgemahl,

dem wirst Du Kinder Eures Glücks gebären

und dann – – –

 

Mädchen

(hat mit Machsender Erregung zugehört. Nun bricht sie los)

Du hast mich nie verstanden! Nie!

 

Jüngling:

Gewiß nicht, Kind. Ich sprach Philosophie

zu Dir, wenn Deine Lippen küssen wollten; –

– so kam’s, daß wir uns nie verstehen sollten. – –

 

Mädchen:

Was wagst Du da? Hast Du von mir geglaubt,

ich hätte einem Manne je erlaubt . . . .

 

Jüngling:

Kennt man sie nicht, die Kunst des Unerlaubten,

dann gräbt man seiner Liebe selbst das Grab:

den Kuß, den er erbettelt, schlägst Du ab – –

doch stets verzeihst Du gern ihm den geraubten.

 

Mädchen:

Das hab’ ich nicht verdient. Leb wohl!

(Das junge Mädchen geht hastig fort.)

 

4. Szene.

 

Die Mutter

(hat sich während des Gespräches mit dem Mädchen weinend im Hintergrunde (rechts) gehalten).

 

Die Schwester

(war bis jetzt bei ihr gestanden. Nun geht sie zu dem Kranken).

 

Jüngling

(blickt lange auf die Tür, durch die das junge Mädchen gegangen ist. Nach längerer Pause spricht er viel ruhiger, gleichsam resignierend):

Auch Du!!

Nun bin ich endlich reif zur ewigen Ruh,

nun hab’ ich meine Rechnung ausgeglichen.

– – Mutter . . warum bist Du von mir gewichen . . .?

Es hat Dir weh getan, mein Wort? . . Verzeih!

Es mußt heraus. Nun bin ich endlich frei.

Aus meiner Seele wich der Sturm, der Gast,

der jede sanfte Regung niederdämpfte,

wie ich mein ganzes, junges Leben kämpfte,

so hab’ ich auch im Tode noch gehaßt.

(Schwerer):

Sogar Dich, Mutter. – – Ja, verzeih mir das.

Ein ewiges Weltgesetz ist ja der Haß

des Todes auf das Leben. – – Nenn es Neid. –

Verzeih mir, Mutter, ehe meine Zeit

zur Rüste geht.

( Die Mutter tritt zu dem Kranken und reicht ihm die Hand. – Stille. – Es wird Abend. – Die Dämmerung drückt schwül auf das Zimmer. – Die Schwester schlägt die Fenstervorhänge weit zurück. Die letzten Sonnenstrahlen fallen müde über des Jünglings Bettstatt. – –)

Jüngling (aufgerichtet):

Siehst Du, die Sonne geht.

Noch einmal macht in hoher Majestät,

ein Meer von Glut, ihr Feuerblick die Runde.

Eh’ morgen sie verjüngt am Himmel steht,

schlug mir vielleicht des Lebens Scheidestunde.

(Er blickt hinaus.)

Die Dämmrung lastet wie des Schicksals Hand – – –

Nun hält die Sonne schon am spät’sten Rand

des Horizontes Rast.

(Mit einem sehnsüchtigen Blick):

Leb’ wohl! –

Bald taucht

sie in den Abend nieder. Sie geleiten

zwei weiße Wolken, rosenüberhaucht;

die wollen ihre Königin begleiten.

(Stille.)

Wie still es ist! Hört Ihr die Sensen klirren?

Mir ist’s, als tönen leise Melodien,

die meine müden Qualen leicht entwirren,

daß sie geängstigt von mir fliehn. – –

(Mutter und Krankenschwester weinen. Sonst herrscht Totenstille.)

 

Jüngling:

Nicht weinen! Wegen meiner . .? . . Weiter . . weiter . .

das Leben drängt . . . Strebt stark zur Höh’ hinan!

Wir alle sind bloß Staffeln einer Leiter,

die übermenschlich hoch strebt . . . himmelan.

Nur weiter . . . weiter . . ., bis das Werk vollbracht! – –


Ich bin so müde. Leis’ summt mir die Nacht

ein Lied ins Ohr. Hört Ihr sein fernes Klingen . . .?

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Sie will mir leise, leise Träume singen.

(Stille; nur durch das Schluchzen der Frauen unterbrochen.)