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Richard Riess – Uhu's Nachtlieder

Gedichte

Richard Riess, Uhu's Nachtlieder, Verlag von Josef Singer, Hofbuchhandlung, Strassburg i. E. und Leipzig, 1910

Der Eremit.

Ein Uhu, der des Bösen viel gehört,
Und der auf Erden viel erschaut des Schlechten,
Hatt' von der Welt sich mutig abgekehrt
Und aufgehört, mit ihr zu rechten.

Er setzte sich auf eine Wettereiche
Und träumt' am Tage wie ein Philosoph
Und dacht' an Menschen, Welt, an seine reiche
Erinnerung. Das gab ihm immer Stoff.

Er blickt auf edle irdisch-eitlen Dinger,
Auf alles Niedre sah er, hoch und frei.
Und manchmal hob er seinen Uhufinger
Und sagte: Hm! und dacht' sich was dabei.

Und oft des Nachts, wenn klar in allen Sprachen
Die ganze Welt von klugem Schweigen klang,
Dann öffnete er seinen Uhurachen
Und sang von seinem Baum herab und sang

Von dem, was er erschaut in langen Jahren,
Wo er noch jedem Wetterstrahl gezuckt,
Und auch von dem, was später er erfahren,
Seitdem er hinter jedes Ding geguckt . . . .


Der Stoiker.

Der Uhu dacht' mit ernstem Sinn
An seine Frau, die Uhuin,
Die, während er der Weisheit pflog,
Ihn mit dem Kuckuck geil betrog. –
Nachdem der Uhu dies bedacht,
Hat er die Augen zugemacht.


Na ja!

Auf einem Baum, der niemals Frucht getragen,
Genoß ein Uhu seiner Träumerein;
Da sah er einen Menschen näher jagen,
Und der begann fuchswild ihn anzuschrein:

Du dummes Vieh, du raubst dem Baum die Früchte,
Du stiehlst der Blüten sommerliche Pracht.
Ich geh' mit dir ganz schrecklich ins Gerichte,
Hast du dich nicht in Bälde fortgemacht.

Der Uhu hielt 'ne Antwort für verloren.
Als er den andern so in Hitze sah,
Verschloß er sich mit Federn seine Ohren
Und dachte bloß: Er ist ein Mensch. –
                                                          Na – ja –


Frühling.

Leute, jubelt! Mai ist's wieder,
Und im Wasser hupft der Molch;
Und der Mensch singt Frühlingslieder,
Und im Freien schlupft der Strolch.

Und das Vieh ist meistens trächtig,
Und es schwillt der Kuh der Bauch.
Und des Menschen Lust ist mächtig, –
Und der Plural ist es auch.



Sommer.

Jetzt ist die Zeit der Ähren,
Da paart sich Mann und Maus.
Und nicht mehr lang wird's währen,
Dann kommt der Storch ins Haus.

Das Korn – ein gutes Jährchen! –
Glüht schwer im gelben Hag. – – –
Ich zähl' zehn Liebespärchen
Pro Kornfeld und pro Tag.



Der Genießer.

Ein Rabenvater hat sein neust-
es Kind mit Appetit verspeist.
Das rutscht' ihm bis zum Nabel.

Drauf wischt er sich den Schnabel
Und gab mit Wohlbehagen flink
Der Rabin 'nen gewissen Wink.


Der Rülpser.

Ein Rülpser, der noch nicht bejahrt,
Der machte eine Rodelfahrt
Als Embryo! – man höre! –
Glutsch! Durch die Speiseröhre,
Zum Mund heraus, wie er's erstrebt
Da hatt' er auch schon ausgelebt.


Handschuhe.

Ein Handschuhherr der linken Hand,
Der sprach zu seiner Frau: Genant
Ist's, daß du also abgegriffen.
Der Ton war – mein' ich – ungeschliffen.

Die Handschuhfrau, auf Seite rechts,
Empfand die Schmähung als was Schlechts.
Sie sagte: Mann, ich räche mich! –
An diesem Tag vergaß sie sich.

Der Mensch, der davon nicht entzückt,
Sprach: Nein, wie bin ich ungeschickt.
Schnitt aus dem linken Handschuh Flecken
Und Finger aus zu Heilungszwecken.


Bilder.

Ein Kupferstich, der blickte nie
Ohn Abscheu auf sein vis-à-vis.

Das war kein Aquarell, das war –
Ein Öldruck, bunt und schauderbar.

Der sah von seiner Gegenwand
So farbengrell und arrogant.

Den Kupferstich empörte dies,
Weshalb er seinen Platz verließ.

Der Mensch, verkennend diese List,
Seufzt': Nein, wie schlecht die Mauer ist! –


Die Puppe.

Es spielt' ein Kind mit einer Puppe.
Der Puppe war das riesig schnuppe.
Es spielte eine Stunde schon
Sein Lieblingsspiel: Mama und Sohn.

Kaffee kriegt' grad die kleine Mutter,
Da gab sie auch der Puppe Futter,
Was sie ihr etwas unsanft stülpst'.
Da gab's 'nen Ton. »Sie hat gerülpst!«

Rief da die Kleine stolz: »Mama!!«
Da kam Mama herbei und sah.
Und sprach strengfaltigen Gesichts:
»Die Puppe schweigt. Ich höre nichts.«

Und weil nun unterblieb der Ton,
Verhaut' das Kind den Puppensohn,
Woraus man wiedermal ermißt,
Wie wichtig die Erziehung ist.


Die Ballade vom Schüttelreim.

Es war einmal ein Schüttelreim,
D. h. er war noch keiner.
Und nur der Dichter, der ihn schrieb,
Der wollt', er wäre einer.
       Der Schüttelreim spuckt' hinter sich
       Und rief vergnügt: Ich bin nicht Ich!
       Der Dichter, in Exstase,
       Zerbohrte sich die Nase.

Die Jahre gingen, aber (oh!)
Die Zeit war ganz verloren,
Der Schüttelreim blieb Embryo
Und wurde nicht geboren.
       Doch den ergötzt' des Dichters Qual,
       Er jauchzt': Ich bin original;
       Ihr mögt an mir nur rütteln –
       Ich lasse mich nicht schütteln.

Der Dichter wurde krank und schlapp.
Freund Hein zog grad die Straße
Und schnitt schwipp! schwapp! den Armen ab
Mit der zerbohrten Nase.
       Der Schüttelreim verließ den Leib
       Und sang ein Lied zum Zeitvertreib
       Dem Schüttelreim zur Ehre –
       Froh, daß er keiner wäre.

Das Sofa (parodistisch).


(Ein Galgenlied à la Morgenstern.)

Du, Molekülehäufung, du,
Du, Mensch, ich frage dich: Wozu,

Wozu schreibst du Poetisches?
Sag mir: Hast du denn nötig es?

Wie so fandst du die Zeit dazu?
Und dann – Wozu? – Wozu? – Wozu? –


Der Sechser-Lebemann.

Aus dem Büro im Arbeitsrock
Geht Fridolin im Havelock.

Er zieht sich aus und zieht sich an
Und wird zum Sechser-Lebemann.

Der speckge Frack! Die Weste weiß!
All right! Jetzt geht's zur Bummelreis'!

Die Freundin findet sich zum Werk.
Heut ist er nobel: Kupferberg!

Bald streichelt er die kleine Maus –
Da fällt ihm das Monokle raus.

Und beim Umärmeln und beim Knutschen –
Hilf Himmel! Weh! Die Röllchen rutschen!

Um ein Uhr geht er und sagt: So!! –
Um achte wartet das Büro.

Zwar will sie eine Autofahrt,
Doch wohnt er nah. Drum wird gespart.

– – – – – – – – – – – – – –

Er zieht sich aus und zieht sich an.
Futsch ist der Sechser-Lebemann.

In das Büro im Arbeitsrock
Geht Fridolin im Havelock.


Auf dem Lande.

Die echt-tiroler Zimmermaid
Tritt zu 'nem Herrn – im kurzen Kleid.

Erst hat sie ihm das Bett gemacht,
Dann sagt sie: Gute Nacht! und lacht.

Und lacht dem Herrn keck ins Gesicht. –
Der Herr jedoch versteht es nicht.

Er klopft ihr auf die Hinterfront,
Obwohl er ganz was andres konnt'.

Und dabei denkt der fromme Christ:
Wie lieblich doch die Unschuld ist!

Drauf geht die Maid herab die Trepp'
Ins Souterrain zu ihrem Sepp.

Dort lachte sie und küßte den:
Wie dumm sind die Gebildeten.


Roman.

Ein Mädchen hatte 'nen Verehrer.
Ein Leutnant kam als Friedensstörer.

Das Mädchen wies dem Schatz die Türe.
Der Leutnant war fortan der ihre.

Dem Schatze ging die Sache tiefer,
Er schrieb noch manchen Liebesbrief ihr,

Da er vor Liebe noch ganz toll wär.
Sie schwieg – da griff er zum Revolver.

Es fiel ein Mann nach einem Knalle.
Das Mädchen ging tagsdrauf zum Balle.


Die Unschuld.

Die Unschuld sprach zu 'nem Berliner:
»O Gott, du bist ein Wollustdiener,
Von denen ja die große Stadt
'ne sündhaft große Menge hat.

Doch eine Maid wie ich gedeiht
Nur in der stillen Einsamkeit.
Ich bin der Menschen größte Zierde,
Denn ich verscheuche die Begierde.
Und da ich vor der Sünd gefeit,
Verlass' ich jetzt die Einsamkeit.«

Und sieh! Sie blieb auch sittesam,
Nachdem sie in die Großstadt kam.
Sie blieb so zart und blieb so sehr
Schmalbrüstig schlank – ganz wie vorher.

Nur ging sie – so von Zeit zu Zeit
Ganz solo in die Einsamkeit.


Dichterstreit.

Es stritt im Himmel sich herum
Das sel'ge Dichterpublikum,
Ob es sich lohnt, die Musengaben
Der lieben Welt geschenkt zu haben.
Da brummte bös der Herr von Goethe,
Daß er es heute nicht mehr täte;
Und Nietzsches grimmiges Gesicht
Wurd ernster noch: Ich dito nicht.
Man schimpfte auf die unerhörten
Auslegekniffe der Gelehrten
Und auf das urteilslose Beten
Zu Individualitäten,
Die man zwar nicht versteht und kennt,
Jedoch die »wahrhaft Großen« nennt.
Und durch den Dunstkreis der Zigarren
Tönt's laut: Die Menschen, das sind Narren.

Nur einer, der nicht Stengel rauchte,
Dafür aus einem Pfeifchen schmauchte,
Und sich umpafft' mit einer Wolke,
Sprach milder von dem Menschenvolke.
Er sprach: Den Menschen zoll ich Ehr,
Denn wißt: Mich liest heut keiner mehr,
Der nicht mehr weidet jene Triften,
Wo man sich nährt von Jugendschriften.
 

 
Und wer noch jene Triften weidet,
Dem werde ich gar bald verleidet,
Daß er mir wird ein seltner Gast
– ich mein', im Fall er Gymnasiast.
So bin zufrieden ich und nütze. –
Und weiter schmauchte Schiller-Fritze.


Das moralische Stearinlicht.

Ein Licht aus weißem Stearin,
Das oft zu seinem Leid beschien,
Was in verschwiegen-stiller Nacht
Ein Dirnlein für Geschichten macht',
Hielt, als es schon ganz klein gebrannt,
'nen Monolog: »Welch eine Schand'
Seh ich in meiner Einsamkeit,
Wo alles hier sich herzt, sich freut!
Und ich allein muß einsam sein
In meinem Leuchter – wie gemein!
Ja, früher, als ich hoch noch stand
Und nicht so kläglich abgebrannt,
Da war es nicht so trist und öde.
O Unmoral, du schnöde, schnöde!
Was muß ich sehn? Pfui! Wollustfeiern!
Wer wird denn solcher Unzucht steuern!
O über dies verworfne Haus!«
Dies sprach das Licht. – Dann ging es aus.

Bekanntlich schimpft man immer dann,
Wenn man was möchte und nicht kann.


Das verlegte Manuskript.

(Eine Verlegertragödie.)

Ein Jüngling namens Musentod
Macht 'nem Verlag ein Angebot,
Und er bekam zurückgetippt,
Man bitte um das Manuskript.

Drei Monde gingen drauf ins Land,
Ohn' daß man eine Antwort sandt'.

Und als der Jüngling wütend schrieb,
Wo der Bescheid denn wohl verblieb,
Da merkte man und war betrübt,
Daß man »verlegt« das Manuskript,
Was allerdings nun ganz und gar
Nicht des Verlegers Absicht war.

Man schrieb dem Dichter: Nur Geduld!
Der aber eine Antwort wullt'.
Und als er schrieb: Zurück die Chos',
Da erst gestand man ein, was los.

Der Jüngling lachte: Das ist stark:
Schadenersatz: Zweihundert Mark!

Weil er verlegt, zahlt' der Verlag,
Was sonst nur bei dem Autor lag.
Und dies Verlegerhonorar
Des Dichters weitaus größtes war.

 

Pietät.

Er spricht der Sohn zur alten Mutter:
»Was soll nur dein vergrämt Gesicht?
Du hast bei mir dein täglich Futter.
Wehleid'ge Mienen lieb' ich nicht.

Du bist mir für Gesundheitsreisen
Doch wirklich teuer jedes Jahr.
Wer könnte mir ein Beispiel weisen,
Daß wer so pietätvoll war?«

Die Mutter denkt bloß still: Wo bliebe
Ich denn, könnt' ich nicht Dir vertraun!
Mein Sohn ist doch für mich voll Liebe!
– Er hat mich auch noch nie gehaun.


Wohltätigkeitskonzert.

Die Frau Etatsrat von Klette
Späht' durch ihre goldne Lorgnette
Sehr eifrig podiumwärts. –
Es steht am Zettel geschrieben,
Ihre Adda ist Numero sieben
Des Wohltätigkeitskonzerts.

Wo bleibt nur das säumige Mädchen,
Will sie sich denn gar nicht betät'gen?
– Da tritt die Ersehnte herein.
– – Die Nachbarin äugelt: Was hat da
Fürn Kleid an die eitele Adda?
Das ist doch für heute zu fein!

Die Tochter singt ernst und dann heiter.
Der Mutter Gesicht wird noch breiter –
Da ist auch der Beifall schon da.
Nach diesem Genüsse ist Pause.
Die meisten gehen nach Hause.
Auch Adda geht mit Mama.

Ein Bettler steht an der Pforte,
Er stammelt verlegene Worte
Und bittet in flehendem Ton.
Mama sagt grad: Adda, wohl hundert
Mal hat Herr von X. dich bewundert.
Da – – – sieh bloß – das Plebs hier – –
                                                          Fi donc!

 

Im Zuge.

Es flog ein Zug durch das Schweizerland-----
– Ein Jüngling hielt ein Buch in der Hand.

Und las und las und las und las,
Daß er schier seine Umgebung vergaß.

Er las von dem alles bezaubernden Reiz
Der Bergesriesen in der Schweiz.

Da jauchzte er auf–denn er war noch sehr jung
Und zeigte noch seine Begeisterung.

Der Zug flog hin. Die Sonne lacht'.
Majestätisch blitzet der Eisgletscher Pracht.

Und der Jüngling las. Das Buch war dick:
Natur, du bist ein Meisterstück!

Hm Fenster saß ein stiller Mann,
Der blickt' auf den Lesenden dann und wann

Und sah dann leuchtenden Gesichts
Hinaus ins Land – und sagte nichts.


Der Oberlehrer und die Elfe.

Ein Elfenkind saß an des Weihers Rand,
Weint' glitzernde Elfentränen;
Es liebte so warm und wurd' doch verkannt
Und fand für sein Sehnen nur Höhnen.
Der Wasserjüngling, den es so liebt',
Der mocht' ein' andre gern sehen,
Drum wollte das Elflein herzensbetrübt
Hinab zu den Menschen gehen.

Und wie es da weinte, und wie es da saß,
Kam auch schon ein Menschlein gegangen,
Das hatt' vor den Augen ein Brillenglas
Und war mit 'ner Tasche behangen.
Oft bückte es sich und pflückt' eine Pflanz',
Die tat's in sein blechernes Büchslein.
Da fielen auch schon die Augen des Manns
Auf unser weinendes Nixlein.

Gleich trat er heran und sah sie sich an
Und sie – sie erzählt ihre Schmerzen
Und schüttete aus vor dem schwitzenden Mann
Die Pein ihres Elfenherzens.
Und sagte, sie liebe so wahr und so warm
Und müsse nun fort in die Fremde. –
Und es umschlang ihr Lilienarm
Sein wollenes Jägerhemde.

Und der Mann besah sie von hinten und vorn
Und sie flehte, er möchte ihr helfen –
Da sagte er: »Stammst du aus jenem Born,
So gehörst du zur species der Elfen.
Es gereicht mir zur Freude, daß ich dich fand;
Da lohnt sich fürwahr meine Seereis'. –
Doch sag mir, o Elfe, bist du verwandt
Mit Thetis, der Tochter des Nereus?

Denn es soll alles, was dich betrifft,
Nicht länger verschlossen bleiben.
Ich werde, mein Kind, über dich eine Schrift
Von siebzehn Bogen schreiben.
Jawohl, o Nixe, ich nehme dich mit.«
Dann grinst er mit sattem Behagen
Und rief: »Und Sie, Herr Kollega Schmidt,
Was werden Sie dazu sagen??«


Aus des lyrischen Tertianers Tagebuch.

Der Himmel scheint mir heute so blau,
Ich blicke empor zu dem lichten;
Die Lüfte säuseln so lind und so lau – –
Die Stimmung will ich bedichten.

Ich eile hinaus in Wald und Feld,
Zu all den grünen Sachen,
Und will, solange das Wetter hält,
Drauf ein paar Verse machen.

Und fängt Gott Pluvius gar zu schnell
An, wieder loszulegen,
Nun, dann bedicht' ich auf der Stell'
Die Wolken und den Regen.

Ich muß 'nen schönen Versestrauß
Heut noch vor Abend binden.
Ich habe doch das Dichten raus,
Kann mich in alles finden.


Der Preis.

Er liebte eine Ladenmaid,
Die er ganz reizend fand,
Und schenkte ihr nach ein'ger Zeit
Ein goldnes Armenband.

Und sagte ihr, er sei allein . . . .
Und das sei Gott geklagt . . . .
Und sie sei 'n nettes Mägdelein . . . .
. . . . Und was man sonst noch sagt.

Da rief erzürnt die Ladenmaid:
– Das tu ich nich! Nee! Nee!
Was denken Sie von der Sittlichkeit . . .?
Und das Armband ist auch bloß doublée.


Der Einzige.

O, du mein einz'ger Hardi,
Schrieb ihm die kleine Maus.
Doch in derselben Nacht ging
Sie mit 'nem andern aus.

Er schalt sie Lügenmetze,
Da meint' sie lieb und zart:
Du bist von meinen Schätzen
Der einz'ge – Eberhard.



Der junge Held.

. . . Und herrlich steht der junge Königsohn,
Vom Rampenlicht beleuchtet, auf der Bühne.
Vom Siege kommt der Vielbewunderte;
Und triumphierend zeigt er sich dem Volke,
Das jubelnd seinen jungen Herrscher preist.
Und er befiehlt . . . Da stürzt, des Winks gewärtig,
Der hurtigen Lakeien Schar herbei,
Und sklavisch wird sein Wille ausgeführt.

Der Aufzug ist zu Ende. – Beifall spendend
Regt dankerfüllt der Hörer frisch die Hand,
Und lächelnd grüßt herab der junge Mime.

Nun ist das Spiel verklungen. Matt verdunkelt
Liegt still, in müdem Glanz die Bühne da.
Nacht überm Raum, darin die Hörer saßen.
Der Vorhang noch zur Hälfte aufgezogen,
Und hinter der Kulisse steht der Held,
Der Königsohn, der eben Herrscher noch,
Und schminkt sich ab und überlegt bei sich,
Ob wohl ein reiner Kragen heut noch lohne –
Jedoch – er band sich seinen alten um.
 

Metamorphose.

Am Tische ein Pärchen. – Ein Weibel
Bietet Naschwaren aus.
Da ruft das Fräulein: Pfui Deibel!
He, Alte, scher dich hinaus!

Die Frau betrachtet das Mädel,
Dann lacht sie gell-vergnügt,
Daß sich ihr runzliger Schädel
Nach allen Seiten biegt.

Und ruft: An Eurem Platze
Saß einst ein Liebespaar.
Ich war's mit meinem Schatze –
Das sind jetzt dreißig Jahr.

Ich will Ihnen, Fräulein, nichts wünschen.
Doch werden Sie erst mal alt. –
Mein Schatz ist jetzt in München
Der Erste Staatsanwalt.


Rückblick.

Ich liebte vier Mädchen hintereinand',
Kaum daß ich flügge war,
Bei der einen gefiel mir die zierliche Hand
Und das duftende Frühlingshaar.

Bei der zweiten gefiel mir das hübsche Gesicht,
Doch war sie im Bau etwas plumpf,
Denn grade zierlich war sie ja nicht –
So im Plattfuß, wie auch im Rumpf.

Bei der dritten war es der mächtige Mund;
(Doch das ist nur bildlich gesagt);
Denn kommen muß noch die seltene Stund,
Wo sie kein Sterbenswort wagt.

Bei der vierten endlich gefiel mir schon mehr.
Doch eines hellsonnigen Tags,
Als ich erfuhr, ich gefiele ihr sehr,
Ließ ich sie – ob schlechten Geschmacks.

Jetzt liebe ich gar nicht. Ich weiß zwar nicht, ob
Mich Amor für immer verschont.
Doch jetzt schein ich ziemlich geheilt, und darob
Mach ich Verse nur an den Mond.

Wie lange noch? fragt Ihr? Ich weiß nicht genau,
Wann ich dieser Liebe entweich'. –
Denn der Mond ist wie eine irdische Frau:
Er bleibt sich nicht immer gleich.



Nur spielen.

Das Theater ist aus.
Wie? Sie wolln schon nach Haus?
O, sehn Sie doch nur diese Sommernacht,
Die ist nicht dem Schlaf, nur dem Träumen gemacht.
Am Tempel im Park, der die Stadt überschaut,
Da werden die heiligsten Stimmen laut;
Doch man muß sie verstehen, die hehren und reinen.
– So schieben Sie doch Ihren Arm in den meinen.
Sie zögern . . . Es sei wider Sitte . . .?
O bitte:
Nur spielen – – nur spielen.

Still! Jetzt kein Wort. –
Sehen Sie: Über den Bäumen dort, –
Der volle Mond! – Wie wunderbar!
Ach, streich mir doch durch das wirre Haar.
Der Nachttau küßte es feucht – –             
O Gott, wie fühl' ich mich wohl und leicht – –
. . . Nicht doch! Nicht! –
                                 – Wie? Ist Dir bang?
Ich lehne mich leis an Deine Wang',
Dann spür ich Dein warmes, junges Gesicht.
– Aber nein doch! Ich küsse Sie nicht.
Nur spielen – nur spielen.


 
Schwarz liegt das Land,
Der Mond verschwand,
Eine dunkele Wolke deckte ihn zu.
Ich liebe dich, O Du! – O Du!
Die Stunde ist des Lebens Preis,
In meinen Schläfen hämmert es heiß –
Ich . . . »Aber was tun Sie . . .? Laß doch, – laß!« –
– – Wie? Mein Geliebtes, tat ich Dir was?
Nur spie – len – nur spie – len.


Bekenntnis.

Ich hab' auf dem Dornenwege des Ruhms
Solange mich zwecklos gepeinigt,
Bis ich von den Schlacken des Lyrikertums
Erkennend mein Dichten gereinigt.

Nun sing' ich und lach' über Freude und Weh',
Doch ein'ge solide Gefühlchen,
Die schloß ich mir sorgsam ins Portemonnaie
Und mach damit gern meine Spielchen.


So brauch' in des Lebens Freudenhaus
Ich mich nicht mehr nutzlos zu grämen.
Nur manchmal, da geh ich und weine mich aus. –
(Deß pfleg ich mich nachher zu schämen).


In Freiheit.

Einst hatt' ich eine Seele
Von handlichem Format,
Die pflegte aufzustöhnen,
Wenn man mich stieß und trat.

Und als mein holdes Liebchen
Mich eines Tags bespie –
Da schluchzte meine Seele,
Die dumme Seele, die.

Drum trug ich sie zum Juden,
Der feilschte darum gern –
Es sind ja Antiquitäten
Ja heutzutag modern. – – –

Nun bin ich froh und friedlich –
Die Seele ist perdü. –
Ich blas' von meinem Berge
Voll Gleichmut: Dideldü . . .!

Gesundend durch Verachtung
Wurd ich jetzt wieder heil. –
Der Meute, die mich ankläfft,
Zeig' ich mein Hinterteil.