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Richard Rieß – Das Erlebnis des Tenors

Novelle

aus: Die flammende Venus, Erotische Novellen, ausgewählt von Reinhold Eichacker, Universal Verlag, München 1919

Eben kreischte das Licht in den Portalbogenlampen des Stadttheaters in wildem Lebensdrange grell auf. Und im gleichen Augenblicke war die bergige Auffahrt des Hauses und ein guter Teil des Theaterplatzes mit protzig-brünstigen Lichtschwaden übergossen. Nun sah man die dicht drängende Volksmenge deutlicher, die jetzt, eine volle Stunde vor Beginn der Oper, auf die Kassenöffnung wartete. Lauter prahlten die riesigen Plakate an den Eingangstüren:

»Gastspiel Marco Calfieri«

Und alle die Menschen, die, einander fremd durch Herkommen und Beruf, verschieden an Alter, Erscheinung und Lebenssehnsucht, der Möglichkeit eines Billettkaufes entgegenharrten, alle verband der Atem eines Namens: Marco Calfieri! Der große Calfieri, das Weltphänomen, sollte heute abend den Roudolphe in Puccinis »Bohème« singen.

Geduldig standen die Wartenden vor dem Theater . . . in dichter, schwarzer Fülle bedrängten sie die Stufen des delphischen Tempelbaues. Und der Zug der Gestalten schob sich bis weit auf die Straße zurück, wo er sich, ein fester Pol im Gewühle des abendlichen Großstadttreibens, stark wie ein Felsblock den hastig Weiterbegehrenden entgegenstellte. So standen sie nun schon lange. Manche lasen die Zeitung, andere aßen ihr Abendbrot aus knitternden Papieren, andere unterhielten sich. Denn die Gemeinsamkeit der Muße des Harrens hatte schnell Bekanntschaften vermittelt. Einem Jünglinge, aus dessen linker Manteltasche die unordentlich verborgenen Farben eines studentischen Couleurbandes hervorleuchteten, lauschten alle, die ihm nahestanden. Denn er kannte aus dem Privatleben Calfieris Histörchen von köstlicher Sensation und Intimitäten delikatester Art, die er gern und reichlich zum besten gab. So die Schauermär von den Genuenser Damen, die sich des Künstlers wegen duelliert hätten – ja: ganz richtig duelliert, auf Pistolen . . . Ehrenwort! – und dann die bekanntere Tat der Newyorker Milliardärstochter, die ihn von einem riesenhaften Neger aus der Theatergarderobe entführen lassen wollte und nur durch die Geistesgegenwärtigkeit eines Inspizienten um den Erfolg ihres Planes gebracht worden war . . . So wurde den Zuhörern, die gern einen Sensationsprolog zu der sie erwartenden Kunstsensation mit in Kauf nahmen, der ganze, schmackhaft pikant gewürzte Brei klatschhafter Anekdoten vorgesetzt. Man staunte weidlich über den kundigen Jüngling, der vom Glanze seines Helden einen Schimmer am eigenen Antlitze leuchten fühlte, unterbrach ihn bisweilen durch Ah! und Oh! und »Nein, so was!«, bis plötzlich durch die Kasseneröffnung das Interesse in andere Wege gelenkt und der Erzähler in die Dunkelheit seiner Eigenschaft als »einer von vielen« zurückgestoßen wurde.

Ein hochgewachsener Herr mit rundem, glattrasiertem Gesichte beobachtete nicht ohne Anteilnahme die Volksmenge. Er nickte einige Male mit dem schweren, großen Kopfe einen, durch Würde pathetisch betonten Beifall, der sich seiner eigenen Hoheit freute. Dann hob er die rechte Hand, an deren Mittelfinger ein in mattes Gold gefaßter riesiger Smaragd glänzte, in lässiger Armneigung zum Kopf, rückte den Zylinder ein wenig nach hinten und strich sich die breite Stirnlocke seines tiefschwarzen Haupthaares tiefer ins Gesicht. Das tat er stets, wenn er – ohne Perücke – dem jubelnden Publikum dankte. Vor dem Theater blieb er einen Augenblick lang stehen, während ein Gedanke sein Hirn durchschoß: Ich könnte alle diese Menschen hier für ihr ganzes Leben glücklich machen, wenn ich jetzt in den Bannkreis des Lichtes treten wollte. Einer würde mich schon erkennen, und das Brennen dieses einen Augenpaares würde die Begeisterung der ganzen schwarzen Schar in Brand setzen . . . »Das Volk ist närrisch«, schloß der große Mann seine Betrachtungen. Dann schob er die breite Musikmappe unter die Achselhöhle und lockerte mit der Rechten seine mit Edelsteinen besetzte Uhr, die er an einer goldseidenen Schnur trug, die kostbare Uhr, auf deren Innendeckel die zartgliederigen Lettern eines geschickten Graveurs zu lesen waren: »Marco Calfieri, dem gottbegnadeten Sohne Italiens, von seinem gnädigen Könige Vittore Emanuele II.« Es war erst halb sieben.

»Noch eine Stunde Zeit«, flüsterte Calfieri vor sich hin. Und selbst in dem leisen Murmeln dieser belanglosen Worte schlummerte ein verborgenes Pathos. Denn Calfieri hatte sich daran gewöhnt, selbst den kleinsten und niedrigsten Funktionen seines Lebens und auch seinen gleichgültigsten Gedanken und Worten hohe Bedeutung beizumessen. Wenn er mit sich allein war – was im übrigen selten genug geschah – dann schien es ihm, als sei er, das menschlich reagierende Geschöpf und der Tenor Calfieri zwei verschiedene Wesen. Und er war sich selbst der staunendste Bewunderer. Seit er sich dessen bewußt geworden war, liebte er es, laut zu denken und sich in pathetischen Monologen an dem Wohlklange seiner Stimme selber zu berauschen.

Langsam schritt der Künstler nun über den Theaterplatz und betrat den Bürgersteig, an dem die riesigen Geschäftshäuser der Straße entlangführten. Betrachtete die Auslagen eines Delikatessengeschäftes, wo allerhand seltene Leckereien in farbenprächtiger Gruppierung ausgestellt waren: lange Reihen kleiner Muschelschalen mit roter Hummermayonnaise, Alleen grüner Artischockenköpfe und ein Kreis von Büchsen graukörnigen Kaviars. Calfieri trat in den Laden ein – weniger aus Kauflust und Appetit, als deshalb, weil es ihm gefiel, aus dem gleichgültigen Unbekümmertsein der Straße herauszutreten. In den Tiefen seines Unterbewußtseins schlummerte aber vielleicht auch die leichte Sensation des Zweifels: Wird man mich in diesem Hause erkennen? Und er war ein wenig enttäuscht, als ihn der junge Verkäufer höflich, aber keineswegs betroffen oder erstaunt, nach seinen Befehlen fragte. – Er forderte ein halbes Kilo Kaviar und ließ einen der zwanzig Hundertmarkscheine, die ihm das Theaterbureau schon am Nachmittag als die Hälfte seines Honorares ins Hotel gesandt hatte, wechseln und schlenderte dann weiter . . . an den Läden entlang, bis ein Juwelierschaukasten ein eigenartiges Begehren in ihm erweckte: Wie tausend leuchtende Frauenaugen blitzten ihm hier aus den Auslagen kostbare Steine, Schmuckstücke Amsterdamer Schleiferkunst, ohne jede einzwängende Fassung, entgegen. Und in Calfieris Sinnen rief ein Verlangen danach, mit freigiebigen Händen diese Steine in die Haarflut einer schönen Römerin zu versenken, um dann, toskanische Liebesworte tauschend, aus dem dunkeln Meere die siegende Glut der Edelsteine hervorleuchten zu sehen . . . »O lingua  e bocco romana . . .« flüsterten seine Lippen, sinnlich erblühend . . . unhörbar. Schneller schritt er weiter und bog nun in die kleine Seitengasse ein, die, wie ein Torweg zwischen den beiden lichtdurchbrandeten Plätzen, den Theaterplatz mit dem »Großen Markte« verband. In dieser Gasse schien das Leben abgeschnitten. Hier lebte kein Atem von der prunkenden Lust der abendlichen Straßen. Gaslaternen spendeten, spärlich verstreut, ein ungewisses Halblicht, und die meisten der einfachen, ohne Balkons und Erkerzierat errichteten Häuser, deren Fenster fast durchaus Schutzpanzer grüner Jalousien trugen, schienen in lebloser Ausgestorbenheit dahinzudösen. Aber wenn auch alle die Eingangstore dieser kleinen Gebäude verschlossen waren und kein Schild den Namen menschlicher Bewohner nannte, hier und da verrieten dennoch ein paar matte Lichtstreifen, die sich auf die Gasse zu stehlen verstanden, daß hinter den ängstlich versorgten Wänden Menschen lebten. – Und noch sonderbarer stand es um die kleine Straße: Wenn man langsam an den Häusern entlangschritt, da schien es bisweilen, als schwebe ein lächelndes Geflüster hinter den verschlossenen Türen . . . und der gläserne Klang eines Mädchenlachens flüchtete sich bisweilen – besonders in schönen, warmen Nächten – auf die Gasse hinaus, um in der Dunkelheit zu ersterben . . . Und der Wanderer, der dann aufhorchend stehenblieb, durfte den Duft eines schweren, süßen Parfüms einsaugen, der sich gleichsam aus den Ritzen des Gemäuers zu stehlen schien  . . .

Calfieri ging langsamen Schrittes durch das
eigentümliche Gäßchen, und er lächelte wie ein Augur vor seiner Zauberei. Wieder zog er die Uhr mit der Widmung des italienischen Königs. Die Zeiger standen rechtwinklig gegeneinander und nannten die Zeit: zehn Minuten vor Sieben. Da blieb der Tenor in der Mitte der Straße vor einem roten Ziegelhäuschen, über dessen Tür unter einer Glasverkleidung eine leuchtende Licht-Sechsundzwanzig flackerte, stehen, überlegte einen Augenblick und drückte dann auf einen kleinen schwarzen Klingelknopf. Lautlos öffnete sich die Tür und ließ den Künstler in einen kleinen, von rotem Lichte magisch erleuchteten, viereckigen Vorraum eintreten. Nun mußte Calfieri noch einige Minuten vor einer zweiten, das Innere des Hauses absperrenden Tür warten, bis er die hastigen Schritte einer schlanken Frauenperson hörte, die dem Ungeduldigen den Zugang erschloß und Calfieri mit halber Stimme bat: »Folgen Sie, bitte, in das obere Stockwerk! Im unteren Salon sind Gäste!« Schweigend klomm der Tenor hinter der Führerin: einem sauber gekleideten, freundlichen Dienstmädchen, die engen Treppen empor, bis die abgetretenen violetten Schutzläufer schließlich in einem langgestreckten Korridore mündeten. Die junge Führerin öffnete eine niedrige Tür, geleitete den Gast in ein großes, salonartiges Zimmer und bedeutete ihm – nun lauter sprechend – zu warten.

Der Tenor zog seinen Pelz aus, den er über einen Klubsessel warf, legte seinen Zylinder auf einen kleinen Marmortisch und blickte sich dann lächelnd im Zimmer um. »Überall dasselbe«, zischelte er. »Die Ottomanen . . . das Klavier . . . hahahaha . . . das Orchestrion . . .« Und dann betrachtete er die Bayrosschen Erotiken, die weißgerahmt an den Wänden hingen.

Bald nahte sich die Frau des Hauses, eine Matrone Anfang der Vierzig, überquellend von Fett und schmalzig-widerlicher Liebenswürdigkeit. Sie musterte Calfieris Nerzpelz mit wohlgefälligen Blicken und bat dann, der Herr möge Platz nehmen.

»Is wohl wenig Betrieb bei euch?«

»Nun zu dieser Stunde . . .?« flötete die Alte. Aber meine Kinderchen sind rei–zend. Rei–zend . . . Und gleich werden sie zur Stelle sein. Einen Augenblick . . .«

Madame ging wieder. Der Tenor aber schritt in dem übertrieben grell beleuchteten Salon auf und nieder, indem er jeden Schritt absichtlich dröhnend betonte, bis sich die Tür schließlich wieder öffnete und einige Mädchen in einer leichten, bei jedem Schritte ihren Formen nachgebenden Gewandung ins Zimmer, huschten . . . auf allen Minen ein klischeehaftes, gleichsam erfrorenes Lächeln, das ein wenig wärmer wurde, als sie die stattliche Erscheinung des Tenors betrachtet hatten.

Eine schlanke Brünette warf sich keck auf die Ottomane, die andern ließen sich in die Klubsessel fallen.

Calfieri bestellte Wein.

Wie Mädchen tranken aus spitzen Gläsern den billigen Sekt. Nun wurden sie lauter und heimischer. Bald lachten sie, sprangen von ihren Sitzen auf, umdrängten den Gast, der sich neben die Brünette auf die Ottomane gesetzt hatte, und sprachen – alle durcheinander – auf den Tenor ein. Der blieb recht schweigsam. Und während er auf dem grünen Plüsch saß, kam es ihm in den Sinn: »Warum bin ich eigentlich überhaupt hierher gekommen?« Er spürte eigentlich gar kein Verlangen nach all den Mädchen, die um ihn herum johlten. Deshalb überkam es ihn wie leichte Verlegenheit, als er ihnen gegenübersaß. Er wollte einen zotigen Witz reißen . . . aber seine Stimme klang rauh, als er zu sprechen anhub. Da ließ er es. Eine Sehnsucht nach Luft überkam ihn plötzlich. Ihn beengten die Rouleaus, die die Fenster verschlossen. Das grelle Licht des Kronleuchters blendete ihn. Es erschien ihm aufdringlich. Er saß da und trank schweigend von dem schlechten Weine. Die Dirnen räkelten sich auf den Polstern.

Calfieri wollte das Abenteuer mit einem Schlage beenden, das Haus verlassen, um in einem Café die letzte halbe Stunde bis zum Theaterbeginn zuzubringen. Während aber dieser Entschluß noch in Calfieri mit dem Mißvergnügen, einer Situation zu unterliegen, rang, da fühlte der Italiener plötzlich eine weiche Hand auf seiner Stirn. Ohne sich umzuwenden, kostete er die wohltuende, ruhige Zärtlichkeit. Denn der Griff dieser Hand hatte nichts gemein mit der Hast und der Gier des Begehrens. Unwillkürlich senkte Calfieri den Kopf. Zwei Hände zogen ihn langsam nieder und betteten ihn in der samtenen Weichheit eines Frauenschoßes. Durch die dünne Gewandung spürte er die Wärme eines Leibes. Und wieder fühlte er, wie zwei schmalgliedrige, weichgepflegte Hände über sein Antlitz hinglitten. Da ermannte er sich und blickte auf. Und er sah in die tiefblauen Augen eines edelgeformten Kopfes. Ein Mädchen, in dessen ovalem Gesichte ein weicher, gleichsam froh mütterlicher Glanz lag, saß neben ihm. Sie trug nichts als einen schwarzen Samthänger, den ein silberner Gurt an den Hüften zusammenhielt. Calfieri wunderte sich über die Unverdorbenheit, die ihm aus den Zügen dieses Mädchens entgegenzuleuchten schien. Langsam war der Druck von ihm gewichen. Schweigend betrachtete er den eleganten Wuchs der schlanken Blondine, die ihn an die Figuren der englischen Tänzerinnen erinnerte, wie er sie oft in deutschen Varietés gesehen hatte. Als er schließlich zu ihr sprach, klang seine Stimme weich und schonend:

»Wie kommen Sie hierher? Sind Sie schon lange in diesem Hause?« Und er ergriff ihre Hand und drückte sie, gleich als ob er um das schöne Weib an seiner Seite werben wollte . . .

Was Mädchen antwortete ihm. Seine Stimme hatte den Klang eines feinabgestimmten Gläserspieles.

»Ich bin erst seit fünf Tagen hier, Herr!«

»Ich glaube dir, Mädchen . . . Und früher . . .?«

»Muß ich das sagen? Ich schäm’ mich so . . .«

Der Tenor räusperte sich laut:

»Du schämst dich . . . hier? Na, red’ doch nicht . . .« und er lachte.

»Ich bin Klavierlehrerin gewesen . . . in Trier . . .«

»Schau einer an. Also Künstlerin . . .! Na, aber hier ist’s Wohl auch ganz lustig . . .? Nicht . . .?«

Da drängte sich das Mädchen dicht an Calfieri heran und flüsterte hastig:

»Herr . . . befreien Sie mich aus diesem schrecklichen Hause . . . Ich hab’ solches Zutrauen zu Ihnen . . . ich will gern Ihre Sklavin werden . . . Nur von hier fort . . . von hier . . . Ich bin hier hereingebracht worden . . . durch einen Studenten, von dem ich ein Kind hatte . . . meine Eltern haben mich verstoßen . . . Die Verzweiflung . . . der Schuft . . . der Schuft . . .!«

Dicht schmiegte die Dirne sich an Calfieri. Schutz suchend. Sie weinte ohne Tränen.

Der andere aber spürte noch inniger die Weichheit des jungen Körpers und tastete unsicher, wie ein im Dunkeln Suchender, nach der Schönheit des Mädchens. Schließlich warf er hastig seine Arme um ihre Hüften. Die kleinen Brüste zitterten unter der Umschlingung wie reife Halme und prallten gegen das enge Gewand wie ringende Knospen, die zum Licht wollen. Und immer höher hob in Calfieri die Begierde wie eine emporzüngelnde Schlange das Haupt. Er strich über den Körper der Dirne, und seine Lüsternheit, die jäh erwacht war, wie ein Schlafender, den ein schriller Ton weckte, ahnte zitternd die edlen Schnittlinien zweier Frauenschenkel. Seine Augen umflackerten wie Spielerhände die junge Gestalt und rissen ihr die letzten Hüllen vom Leibe. Sie aber spürte die Gier in seinem Blicke und sah zu Boden.

Die anderen Dirnen unterhielten sich laut und rissen ihre Zoten, ohne sich um den Gast zu kümmern. Erst als die beiden Sektflaschen leer waren, drängte die reife Brünette den Herrn, neuen Vorrat zu bestellen. Dabei riß sie einen unflätigen Witz und fragte dann, ob ihm die blonde Agnate gefalle. Und flüsternd spie sie ihm eine Schamlosigkeit ins Ohr. Und weiter zischelte sie:

»Agna hat wohl wieder Sprüch gemacht . . . von ihren vornehmen Eltern . . .? Darauf fallen doch alle rein . . . Du schöner Schwarzer bist eigentlich zu schade für die Schmachtliese . . .«

Nun kamen auch die anderen Mädchen herbei. Mit den Sektgläsern in der Hand umringten sie Calfieri und die blonde Agnata.

»Agna soll spielen. Wir wollen Musik haben . . . hörst du, Liebling? Wenn du ihr ein Goldstück schenkst, setzt sie sich an den Klimperkasten . . .!«

Agnata schwieg und fuhr Calfieri mit der Hand durch die Locken. Der deutete auf das Pianino.

Da erhob sie sich gehorsam und schlug den roten Deckel des alten, verstimmten Instrumentes auf.

»Aber was feschs . . . du . . . hörst?« rief eine kleine Wienerin. »An Woizer!!«

Kerzengerade saß Agnata vor dem Klavier. Sie spielte einen der gassenmäßigen Operettenschlager. Die Mädchen johlten aus ausgeschrienen Kehlen den Kehrreim mit.

Calfieri hörte stumm zu. Bis ihm das Lied zu lange dauerte. Dann schlug er sich weit ausholend auf die Schenkel, um dadurch das Schlußzeichen zu geben. Der Drang seiner Sinne trieb ihm das Blut in die Schläfen. Da erhob er sich mit schnellem Rucke von seinem Platze. Die plötzliche Bewegung stimmte seine Erregung ein wenig herab. Mit unsicheren Schritten trat er auf Agnata zu und berührte mit nervös zitternden Händen die Spielerin. Und sofort wuchs sein Begehren wieder und wurde zum Schrei: »Genug jetzt!«

Agnate gehorchte, breitete den Deckel wieder über die Tastatur und erhob sich von ihrem Stühlchen.

»Komm nun!«

Und Calfieri zog das Mädchen mit sich . . . zum Ausgang. Im Hintergrund lachten die Dirnen, hastig tranken sie die Reste ihrer Gläser aus.

»Du«, rief plötzlich die Brünette und lief auf Calfieri zu. »Morgen hab’ ich Ausgang . . . schenk mir doch ein Billett . . . ja? Du kriegst auch einen Kuß von mir . . . umsonst . . .«

Der Tenor wandte sich nach der Sprecherin und stieß mit dem Fuße aus: »Laß mich in Ruh, du Vieh!« Seine Stimme schrillte heiser. Denn Sinnlichkeit drückte auf sie. Er wollte nun schnell hinaus, aber die Mädchen hatten sich blitzschnell von ihren Plätzen erhoben, nahmen wie ein Fleischwall die Freiheit des Ausganges gefangen und riefen alle durcheinander:

»Erst mußt du uns allen Billetts geben . . . eher lassen wir euch nicht los . . . neieiein . . . Die Lona sagt, euer neues Stück soll so rührend sein . . . ›Das Elterngrab‹ . . . Du mußt uns allen Billetts versprechen . . . du . . .«

Calfieri wollte zuerst mit einem Fußtritte die Herrschaft über die Situation wieder an sich reißen, zumal Agnata demütig-erwartungsvoll zu ihm aufblickte . . . aber das sonderbare Gebaren der Mädchen reizte ihn doch. Und dann: eine Spur von Stolz ward doch in ihm wach, als er die Leidenschaft sah, mit der die Dirnen nach seiner Kunst drängten. Nur eine Oper: »Das Elterngrab« kannte er nicht, und er war neugierig, zu erfahren, wie die falsche Kunde in das rote Ziegelhäuschen gekommen war. Deshalb fragte er: »Woher kennt ihr mich denn?«

»Ich war doch erst vergangenen Samstag mit meinem Bräutigam in eurem Kino. Gleich habe ich dich wiedererkannt, wenn du heut’ auch nicht deine feine Uniform anhast.«

Das waren die Worte der Brünetten, die den Tenor erst wutbebend auffahren, dann aber höhnisch-gellend auflachen ließen. Er tat ein paar Schritte ins Zimmer zurück.

»Also für einen Kinobesitzer haltet ihr mich?«

»Red’ doch keinen Stuß, du Schentelmänn . . . Der Besitzer . . . hahahaha . . . selber hast du mir auf der Straße den Programmzettel in die Hand gedrückt . . . der Besitzer! . . . Hahahaha!!!«

Der Chor aber johlte von neuem: »Allen mußt du Billetts geben. Eher darfst du nicht zu Agnata . . .«

Also mit einem Portier verwechselte man hier den Tenor Calfieri . . .? Aber es war ja lachhaft. Und doch: Selbst aus dem Munde der Dirne empfand Marco diese Worte als Beleidigung.

»Wenn du wüßtest, wer hier vor dir steht, du alte Hexe,« donnerte er die Sprecherin an, »dann würdest du vor mir auf die Knie sinken.« Im stillen aber freute er sich über dieses Abenteuer. Noch heute abend sollten seine Freunde es erfahren, daß ein Bordellmädchen ihn für einen Kinoportier gehalten habe . . .

»Hab’ dich nich so, Dicker,« gab die Brünette zurück, »ob du nu ’n Portier bist oder ’n Louis, das is doch tout même chose

Da raffte Calfieri alles zusammen, was er an Hoheit, Menschenverachtung und Selbstbewußtsein besaß, und es war nicht wenig, und legte es als Pointe in die wenigen Worte des Satzes:

»Habt ihr schon mal den Namen Marco Calfieri gehört???«

»Nu halt aber die Luft an!« lachte jetzt die, schwarze Lona. »Nächstens wirst du uns noch aufbinden, du seist der leibhaftige Herrgott! Du und der Calfieri? Hahahaha . . . da mußt du dir schon Dümmere aussuchen . . . vastehste . . . Hab’ dich man nich so mit deinem deutschen Schlampanier!« Und wieder kreischte der Hohn der Dirnen.

»Freches Pack!« fuhr Calfieri auf. Damit ließ er von Agnata und stürzte sich auf die Brünette und schlug ihr zwei kräftige Maulschellen ins geschminkte Gesicht. Fluchend und heulend zog die Gezüchtigte sich in den Hintergrund des Zimmers zurück, und sie hatte dabei das Glück, von der Blumenvase nicht getroffen zu werden, die Calfieri des Markartstraußes beraubte und nach ihr schleuderte. Mit der Rechten aber stieß Calfieri Agnate in die Richtung des Klaviers. Dann griff er nach seiner Ledermappe, riß ein in Wachsleinewand gebundenes Notenheft heraus und schlug, die Blätter in fieberhaftem Umwenden malträtierend, in einer gleichsam motorisch angetriebenen Hast eine Seite des Buches auf. Und die Gier des Suchens, die in ihrer Erregung dem angstvollen Flattern eines aufgescheuchten Vogels glich, verklang in den zuerst noch hastigen, dann immer ruhiger werdenden schließlich fast zärtlichen Bewegungen der das Papier glättenden Hand.

»Hier! Das spiele!«

Agnate suchte mit den Augen die Noten zu umfassen, und griff dann einige Male über die Tasten. Sie konnte sich in der neuen Situation erst langsam zurechtfinden. Die Dirnen saßen in schweigender Erwartung. Das eigenartige, künstlich in seiner Wildheit gebändigte Tun Calfieris hatte auf ihren Wangen und Lippen die Schamlosigkeit des Schmähens und Geilens an der Freude am Weiterjohlen gehindert und in ihrer letzten Gebärde erstarren lassen, als sei das Haupt der Meduse plötzlich erschienen. Langsam glitten die Frauen in die Sessel nieder.

Da war es plötzlich, als schlüge ein silberner Klöckel an eine große, edele Glocke. Ein lauter, reiner, durchdringender Ton schoß wie ein Rakete empor, sein Klingen zerbarst an der Decke des Saales und zerstieb in viele kleine gläserne Töne, die sich wie Funken eines Feuerwerks-Sprühregens über die Menschen des Zimmers senkten. Und dieser eine Ton befreundete die Schamlosigkeit der Dirnen und der besänftigte die Härte ihrer Widerlichkeit. Wie edelste Dunstwellen, die einem mytologischen Füllhorne entquellen . . . oder auch: seltsame Vögel von köstlichen Farben, einem dunklen, unergründlichen Gefängnisse entweichend, glitten, flatterten die Töne aus der Kehle Calfieris; überstürzten einander in leichter, natürlicher Hast . . . Wie Turner, die in unabsehbar langer Schar aus der Dunkelheit der Gänge in den Saal stürmen, alle gleich an Schönheit und Kraft, nur was den Wuchs angeht, verschieden: erst klein und zierlich, dann immer größer werdend, reckenhafter, um schließlich in ziemlicher Symetrie wieder zu kargeren Massen herniederzusinken, so wuchsen die Töne aus Calfieris Kehle. In langer Säule stiegen sie empor, erfüllten bald das ganze Zimmer, und es war, als wiche vor ihnen der süßliche einlullend-widerliche Duft des aufdringlichen, billigen Parfüms.

Agnate spielte erst zaghaft, dann gleichsam mit fortgerissen von der Macht des Tenors, mutiger, sicherer, leuchtender: Calfieri sang, ohne sich zu unterbrechen. Und er sah nicht, daß andere Frauen in großer Zahl ins Zimmer traten, herbeigelockt durch die seltene Musik, die ihnen keine Ruhe in ihren Boudoirs gönnte. Manche kamen herbei, ein häßliches Wort auf den Lippen, ein zynisches Fragen, eine Zote, die in nichts zerging, ehe sie ihnen vom Munde brach. – Und die Frauen setzten sich wie Kinder in die Sessel, kauerten auf dem Boden nieder, und ihre Stirnen glätteten sich. All das Niedrig-Schmutzige schien von ihrem Antlitze wie weggeschwemmt. Die einen blickten starr vor sich hin, asketisch, grausam fast; andere lächelten. Wieder andere weinten. Ihnen trat wohl die Kindheit vor die Augen; umworben von der schmeichelnden Seele der Töne, wich von ihnen die Schmach ihres verdorbenen Lebens, und sie sahen die Zeiten, da ihre Mutter sie noch leitete und behütete.

Calfieri sang, und er sah nicht, welche Veränderung im Zimmer vor sich gegangen war. Jubelnd schmetterte er seine Töne hervor und kostete in der Sekunde des Atemholens den Nachklang seiner eigenen Kraft; um bald darauf mit leichter, schlanker Kopfbewegung seine Kehle zu neuen Anstrengungen zu treiben. Jeder andere Laut war im Zimmer erstorben. Kein Glied rührte sich. Selbst der Atem schien unter dem Banne der Kunst verstummt zu sein.

Mit einer geschickten Tremulation, deren Bewegungen in ihrer wohlabgestimmten Gleichheit den Ringen einer goldenen Kette glichen, erholte sich der Sänger zu einer letzten Anstrengung, ließ seine Töne noch einmal die Höhe erklimmen, um sie alsbald keck-rapid niederzuwerfen. – Dann schwieg er. Schwieg; und ließ erschöpft die Hände sinken. Hüstelte; und verneigte sich dann vor den Dirnen. Und lächelte als er seines Irrtums gewahr wurde.

In den Mädchen aber zitterten die letzten Töne noch nach. Sie schwiegen. Nur Agnate, die sich vom Klavier erhoben hatte, umkoste Calfieris Hals und flüsterte »Wie schön!«

Die kleine Wienerin kam zuerst wieder zum Bewußtsein der Situation. Sie klatschte laut in die Hände und schrie:

»Mariandjosef! Dees is a G’sang! Aber jetzt sing fei noch was Lust’ges!« Und sie nannte den Titel eines unflätigen Gassenliedes.

Das riß die Mädchen wieder ein wenig ins Leben zurück. Es kam Bewegung in sie. Sie sprangen auf, umringten den Sänger und wollten ihn, der sich heftig wehrte, küssen. Auch andere kamen. Alle begehrten ihn nun. Drängten sich dicht an seinen Körper; und als Calfieri sie von sich stieß, reizte er ihre Gier, die jählings erwacht war, zu wilderen und heißeren Anstrengungen. Ein Dutzend griffiger Frauenhände zog den starken Mann zu Boden, und nun drückten ihn Leiber, überpurzelten ihn wie Schulbuben, die sich in großer Zahl balgen. Nur Agnate blieb all dem fern. Sie war auf einen Sessel gesunken und weinte.

Für Calfieri aber war der ganze Überfall so plötzlich geschehen, daß er seinem Willen anfangs nicht die Kraft entringen konnte, die lästigen Frauen von sich zu schütteln. Fleisch umbrandete ihn, umfettete ihn. Ein wollüstiges Stöhnen, das ihn umseufzte, benahm ihm den Atem. – Da spürte er, wie eine Hand nach seinen Beinen tastete, Finger suchten seinen Leib, flackerten an ihm aufwärts und ein gieriger Griff schlug in sein Fleisch und verletzte seine Haut. Der jähe heftige Schmerz brachte den Tenor klarer zur Besinnung. Mit aller Mühe gelang es ihm, seinen Arm zu befreien, und nun stieß er roh und ohne Vorbedacht mit der ganzen Kraft, deren er fähig war, gegen die Leiber, die auf ihm lagen und sich immer von neuem auf ihn werfen wollten. Schreie umjohlten ihn. Er harkte seine Finger in weiche Brüste, schlug in die Schamlosigkeit leuchtender Gesichter, stieß nach laschen Leibern, bis sich einige der Weiber schließlich wie geprügelte Hunde zurückzogen und dem Befreiten die Möglichkeit gaben, sich vom Boden zu erheben.

Fluchend reckte Calfieri sich. Ordnete so gut wie es eben ging die Schäden seiner Garderobe, spie dann nach den Weibern, die sich nicht mehr an ihn heranwagten, und ging schließlich, gefolgt von den sehnsüchtigen Blicken Agnatens, die, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, leise weinend zusammenbrach.

Laut stampfend schritt Calfieri die Treppe hinab. Der Wirtin, die ihm im Erdgeschoß zulächelte, warf er einen Hundertmarkschein vor die Füße. Mit der anderen Hand schlug er dem Weibe klatschend ins Gesicht, gleichsam um die Gelenkigkeit seines Armes aufs neue zu erproben. Die Alte fluchte.

Dann verließ der Tenor Calfieri das rote Ziegelhäuschen und schritt, hastig ausgreifend, dem Theater entgegen.

Wenige Minuten später begann die Oper.