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Leopold von Sacher-Masoch – Die Liebesgeschichte des Adam Kosabrodzki.

Novelle

Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Herausgegeben von Franz Hirsch Band I, 1878, Verlag von A. H. Payne, Leipzig.


Er galt als Philosoph und zwar so allgemein, daß mein Erstaunen, als ich endlich im Hause der Frau Majewska seine Bekanntschaft machte, keine Grenzen hatte. Der Sokrateskopf ist keine allzugroße Seltenheit bei uns, man findet sogar Bauern, welche dem Manne der Xantippe sprechend ähnlich sehen, ich erwartete etwas dergleichen, dazu eine vernachlässigte Toilette und jene anmaßende Würde, welche begabten Menschen eigen ist, wenn sie ihre Talente nur in einem verborgenen Winkel erproben, innerhalb eines kleinen Kreises, der sie schon deshalb bewundert, weil er sie nicht versteht . . . Und nun fand ich einen hübschen, jungen Blondin, gut, harmlos, frisch an Geist und Herz, schüchtern, in tadellosem Anzug nach der neuesten Mode, mit sorgsam gepflegten Händen und frisirt wie ein Husarenofficier. Ich begann ihn eifrig zu beobachten, um den in ihm so geschickt verborgenen Philosophen zu entdecken.

Ich wäre nie mit meinen Forschungen zu Ende gekommen, wenn die ebenso schöne als kluge Frau Majewska mir nicht eines Tages zu Hülfe gekommen wäre. Adam Kosabrodzki verdankte den Ruf eines Weltweisen ausschließlich einem auffallenden Charakterzug, der vielleicht nur ein natürliches Attribut seiner frischen, unverdorbenen Jugend war. Er floh die Frauen. Man hielt ihn deshalb für einen Anhänger des polnischen Schopenhauers. Dies war aber ein großer Irrthum. Vor Allem hatte Kosabrodzki diesen Philosophen ebensowenig gelesen wie irgend einen andern, von Kung-tu-dse bis Hegel herauf, er las nur poetische Werke. Dann hielt er aber auch nicht mit jenem Weisen die Frauen für untergeordnete, der Beachtung eines Mannes von Geist kaum würdige Geschöpfe, sondern im Gegentheil für sehr überlegene, räthselhafte und gefährliche Wesen. Er verachtete sie nicht, sondern fürchtete sie und ging ihnen aus dem Wege.

Die Mädchen und die jungen Frauen machten ihm dies leicht. Wenn er irgendwo erschien, flatterte der Schwarm heller Roben auseinander, wie die Tauben, wenn der Marder in ihr luftiges Haus dringt; Alle besorgten, von ihm philosophisch zergliedert zu werden. Die älteren Damen aber bemühten sich vergebens, ihn zu bekehren.

Es gab nur eine Frau, die es verstand, ihn bis zu einem gewissen Grade in ihren Zauberkreis zu bannen, Frau Majewska. Eine junge Witwe, reich, schön, mit dunklen, schmachtenden Augen und üppigen, schwarzen Haaren, schien sie, von aller Welt umwoben, die ganze Jugend mit ihren kleinen Füßen tretend, es gerade auf die Eroberung dieses, naiven Philosophen abgesehen zu haben. Sie kokettirte mit ihm in einer ganz neuen Weise. Sie behandelte ihn als guten Freund, obwohl er sich nie um ihr Vertrauen beworben hatte, und zwang ihn zu Intimitäten, welche ihn jedesmal in die größte Verlegenheit versetzten. Kamen Gäste, gab sie ihm die Schlüssel und bat ihn, für die Bewirthung zu sorgen; beim Essen reichte sie ihm die besten Bissen mit ihrer Gabel; fuhr sie zu einem Balle, mußte er sie begleiten, und nicht genug, sobald ein Tänzer sie entführte, ließ sie jedesmal den Hermelinpalatin von ihren schwellenden Schultern auf seinen Arm niedergleiten und er stand dann an einer Wand oder einem Thürpfosten gelehnt und bebte: ja, er fürchtete sich vor dem weichen Pelz, der ihm ein lebendiges Wesen schien, dessen leise Berührung sein Herz durchschauerte; der warme Duft, der noch an seinen zarten Haarspitzen hing, berauschte ihn wie der emporsteigende geheimnißvolle Nebel einer Zauberlampe.

Eines Abends, als die Anderen fortgefahren waren, saßen wir drei in dem kleinen blauen Zimmer, das Frau Majewska allen anderen vorzog. Draußen war es kalt, der Regen klatschte monoton an die Scheiben, der Wind heulte und schüttelte die Pappeln, die den Edelhof umstanden, – das richtige Wetter, um zu plaudern. Die schöne Witwe hatte ihre kleinen Pelzpantoffel und ihre bequeme mit Steinmarder gefütterte und besetzte blausammetne Kazabaika angezogen und saß jetzt auf dem Divan, die Hände in den Aermeln versteckt, Kosabrodzki beschäftigte sich mit dem Samowar.

Plötzlich rief Frau Majewska:

»Was haben Sie, lieber Adam, Sie sind so sonderbar.«
»Ich?« – Kosabrodzki erröthete.

»Ja, Sie«, fuhr die schöne Witwe fort, »Sie sehen mich in einer Weise an und Ihre Hand –«

»Meine Hand?« Er wurde furchtbar verlegen.

»Ihre Hand nähert sich meiner Kazabaika, um gleich wieder wie vor einer Schlange zurückzuweichen.«

»Ich weiß nicht –« stammelte er.

»Ein Philosoph muß immer den Muth haben, die Wahrheit auszusprechen.«

»Also –« er holte tief Athem – »ich habe voriges Jahr in Kolomea eine Menagerie besucht . . .«

»Ja, was soll denn das wieder heißen?« Frau Majewska begann laut zu lachen.

»Ich bitte – es gehört zur Sache«, erwiederte Kosabrodzki, »in dieser Menagerie befand sich unter Anderem ein Panther, der, als ich mich seinem Käfig näherte, an dem Gitter desselben auf dem Rücken lag, ganz wie eine unserer Hauskatzen, und zu schlafen schien. Sein schönes Fell reizte mich unwiderstehlich. Schon streckte ich die Hand aus, um ihn zu streicheln, als der Wärter mich zurückriß.

»Jesus Maria!« rief er, »glauben Sie doch nicht, daß er schläft, sobald Sie Ihre Hand durch die Stäbe stecken, zerreißt er sie.« Ich bezwang meine Lust, aber indem ich das schöne Thier, das so weich, so anmuthig dalag, betrachtete, erwachte das Gelüst immer wieder und drohte meiner Herr zu werden. Ich glaube, wenn ich mich nicht rasch entfernt hätte, ich hätte zuletzt den Panther doch gestreichelt!«

»Und er hätte Ihre Hand zerfleischt.«

»Ohne Zweifel.«

Frau Majewska sah ihn mit einem großen Blick an, in welchem ein heimlicher Triumph aufleuchtete und streckte ihm zugleich ihren schönen Arm hin, von dem der weite, pelzbesetzte Aermel ihrer Kazabaika weich und schimmernd herabsiel.

»Also –«

»Sie befehlen?«

»Streicheln Sie auch.«

Kosabrodzki wurde furchtbar roth. »Aber – meine Gnädige – bedenken Sie . . .«

»Fürchten Sie nichts, streicheln Sie.«

Er streckte die Hand aus, zog sie zurück, und endlich ließ er sie wirklich leise, mit einer Art stiller Wonne über den weißen Arm der schönen Frau gleiten.

»Nun, Sie sehen, daß ich Sie nicht zerfleische«, rief Frau Majewska.

»Wer weiß«, murmelte er.

Es war ihm Ernst damit. Als wir nach Mitternacht zusammen nach Hause fuhren, seufzte er schwer und sprach:

»Eine gefährliche Frau, ich fürchte mich vor ihr, ich bin das letzte Mal bei ihr gewesen, sie wäre im Stande –«

Er vollendete nicht, ich erfuhr niemals, was Frau Majewska im Stande wäre.

»Diese Damen sind mir alle zu räthselhaft«, fuhr er nach einer Weile fort, »viel zu räthselhaft. Wenn ich einmal lieben sollte, so wird es nur ein Naturkind sein. Was würden Sie zu einer Negerin sagen, die ich kaufen, die also sozusagen mein Eigenthum sein würde?«

»Aber ich bitte Sie, die Negerinnen haben ja alle einen Oelgeruch!«

»Allerdings, die älteren, die jungen dagegen übertreffen unsere Frauen an Formenschönheit«, gab Kosabrodzki zur Antwort, »denken Sie sich also so eine Venus aus Ebenholz, ein weißes Seidentuch um den schwarzen, krausen Kopf geschlungen, ganz in Weißen, mit Schwanenflaum besetzten Atlas gekleidet!« – –

Er versank in süßen Trimmen.

Als wir uns trennten, wiederholte er noch einmal: »Nein, diese Damen sind mir alle zu räthselhaft.«


* * *


Der Herbst war im Anzug. Die pfeifenden, schwärmenden Schaaren der kleinen Zugvögel, welche Wald und Feld belebten, die seltsamen Figuren, welche wandernde Störche, Kraniche, Wildenten, Gänse auf den reinen, wolkenlosen Himmel warfen, meldeten ihn an. Kosabrodzki saß hinter seinem Edelhof im Garten, eine Flur von Astern zu Füßen, und las den Czas. Da verbreitete sich ein absonderlicher, scharfer, beizender Geruch. Er hob die Nase, blickte um sich und gewahrte nur drei Schritte von ihm entfernt eine junge Zigeunerin von wilder, hinreißender Schönheit. Sie stand neben einem Georginenstock und spielte mit den dunkelrothen Blumen, hatte den Blick furchtsam zur Erde geheftet und blinzelte ihn nur von Zeit zu Zeit so von unten an; sie lächelte und zeigte zwei Reihen blitzender Zähne in dem edel geschnittenen, feinen, bernsteingelben Gesicht. Ein rothes Tuch flatterte um ihre nachtschwarzen, zerzausten Flechten, ein kurzer Rock von blauem Stoff, mit Flecken von verschiedener Farbe ausgebessert, hing in malerischen Fetzen von ihren schlanken Hüften herab und ließ ihre kleinen Füße, ihre nackten Beine fast bis zum Knie sehen. Ueber dem schmutzigen Hemd, das die jungfräuliche Brust unverhüllt den Leuten preisgab, trug sie eine ärmellose Jacke von weißem Tuch; Hals, Brust, Arme, Ohren waren mit Korallen, Perlen und blitzenden Goldmünzen behängt. Sie ließ sich eine Weile von Kosabrodzki bewundern, dann warf sie sich ihm zu Füßen und küßte die Zipfel seines Schnürrocks.

»Was willst Du?« fragte er gnädig.

»Geben Sie mir Ihre Hand, süßes Herrchen, edler Wohlthäter«, rief die Zigeunerin in einem näselnden, zischenden, geheimnißvollen Ton, »ich werde in derselben die Zukunft lesen.«

»Ich liebe diese Prophezeihungen nicht.«

Die Zigeunerin erhob sich.

»Soll ich Ihnen ein Liebesmittel geben, Herrchen, um das stolze Herz
der schönsten Dame zu gewinnen?«

»Hast Du es bei Dir?«

»Nein, mein Wohlthäter.«

»Womit hast Du mich also behext?« rief Kosabrodzki, indem er aufsprang.

Sie wich entsetzt zurück. »Ich? – Mit nichts – gewiß nicht.«

»Ich aber sage Dir, daß Du mich behext hast«, fuhr Kosabrodzki fort, »ich bin in Dich verliebt, verstehst Du?«

Sie verstand, begann zu lachen, kehrte ihm den Rücken und zupfte an ihrem Armband, »Schenk' mir was«, sagte sie treuherzig. Er gab ihr einen Ducaten. Sie sah denselben mit gierig funkelnden Augen an und ergriff Kosabrodzki's Hand, um ihre frischen Lippen darauf zu drücken; er aber schlang den Arm um ihren Blumenleib und wollte sie küssen.

Er küßte sie aber nicht, er wich zurück, fast entsetzt. Wieder dieser abscheulich scharfe beizende Geruch, nur diesmal noch kräftiger und unmittelbar von dem schönen Weibe ausströmend. Die Zigeunerin lächelte spitzbübisch,

»Mach daß Du fortkommst«, schrie Kosabrodzki wüthend. Er hätte sie am liebsten gleich mit der Peitsche bearbeitet. Sie sprang über den Zaun des Gartens und entfloh.

Nicht lange darnach kam der alte Kutscher mit einer Meldung, hob die Nase und schüttelte den weißen Kopf.

»Hier riecht es ja fast wie nach einer Zigeunerin«, brummte er.

»Wie so, welchen Geruch haben denn die Zigeunerinnen?« fragte Kosabrodzki.

»Sie sind alle Nichtsthuerinnen und Diebinnen«, antwortete der Kutscher, »aber auf ihre Tugend sehen sie mehr als etwa unsere Damen. Und da sie Alle schön sind, so bestreicht die Mutter die Tochter, und die verheirathete junge Frau sich selbst, sobald sie in die Dörfer geht, oder sonst wohin, wo ihr Gefahr drohen könnte, mit einer Salbe, welche ohne Zweifel aus der Hölle stammt.«

Kosabrodzki war nun doch froh, daß er keine Peitsche zur Hand gehabt hatte. Dieser Geruch ließ sich ja entfernen durch ein Bad, er war also jedenfalls dem Oelgeruch der Negerin vorzuziehen und, von diesem entsetzlichen Tugendmittel abgesehen, war ja die Zigeunerin ein Wunder an Schönheit, und dann spürte der gute, junge Mann eine befremdende Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Sein hübscher Edelhof kam ihm plötzlich so einsam, so langweilig vor. Er sehnte sich nach Etwas, grübelte vergeblich nach, um zu erfahren, was er eigentlich so heiß ersehnte und mußte dabei immer wieder an die bernsteingelbe Schönheit denken, wie sie mit ihren Goldmünzen klirrend über den Zaun gesprungen war.

Der Heger hatte die Zigeuner bald ausgekundschaftet. Sie hatten ihr Lager tief im Eichenwalde auf einer grünen Wiese in der Nähe einer frischen Quelle aufgeschlagen. Kosabrodzki hing rasch eine Doppelflinte um und ließ sich von dem Heger den Weg weisen. Die Zigeuner schienen gar nicht überrascht, ihn plötzlich in ihrer Mitte zu erblicken. Die Männer begrüßten ihn demüthig; die Weiber lächelten ihn an; die, welche er suchte, war nicht zur Stelle.

Kosabrodzki weidete sich einige Zeit an dem farbenreichen Bilde, das die sonnenbraune Gesellschaft in bunte Lumpen gehüllt zwischen niederen Laubhütten, welche sie sich erbaut hatte, bei der rothen Beleuchtung zweier gewaltiger Feuer unter dem blauen Seidenglanz des herbstlichen Himmels bot.

Lächelnd nahte ihm dann ein junger Zigeuner mit schwarzen Locken und blitzenden Zähnen.

»Gnädiger Herr«, begann er zutraulich, »Sie wünschen wohl Tschingora, mein Weib zu sehen?«

»Dein Weib?« staunte Kosabrodzki, »ich hielt sie für ein Mädchen.«

»Das gereicht mir nur zur Ehre«, erwiederte der Zigeuner geschmeichelt, steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus, auf den die schöne Zigeunerin wie ein gehorsamer Hund herbeigelaufen kam.

»Hier der Hochwohlgeborene Herr Wohlthäter findet Gefallen an Dir«, sprach der Zigeuner, »unterhalte ihn.«

Tschingora sah Kosabrodzki verliebt an.

«Höre«, murmelte dieser, »aber vor Allem, wie nennst Du Dich?«

»Sabos.«

»Höre, Saldos, wir könnten einen Handel machen«, fuhr Kosabrodzki fort.

Der Zigeuner blickte scheu um sich. »Sprechen Sie leise, Herr«, antwortete er dann, »wollen Sie mir mein Weib abkaufen? Wie viel geben Sie? Die Anderen brauchen es nicht zu hören.«

»Wie viel willst Du haben?«

»Hundert Ducaten für mich und fünfzig für die Bande.«

»Wo denkst Du hin!«

»Also fünfzig.«

»Zwanzig Ducaten und fünf für die Bande.«

»Meinetwegen«, sagte Sabos, sich am Kopf kratzend, »wenn Sie mir auch Ihre Pfeife darauf geben.«

»Da hast Du die Pfeife«, rief Kosabrodzki, »und den Tabak dazu.« Er reichte ihm Beides. »Aber Tschingora, wird sie einverstanden sein?«

»Ist sie nicht mein Weib?« erwiederte der Zigeuner stolz, »sie hat nicht zu fragen, sondern zu gehorchen.«

Er winke ihr mit den Augen und Beide folgten Kosabrodzki, der den Weg nach seinem Edelhofe einschlug. Sie nahm nichts mit als ihr Tambourin, dessen Glöckchen sie manchmal erklingen ließ, während Sabos gemüthlich die Pfeife des Philosophen schmauchte. Nachdem er das Geld erhalten hatte, sprach er zu seiner Frau: »Du bleibst hier.« Sie nickte gleichgültig mit dem Kopfe. »Wir werden in einer Stunde weitergehen«, sagte er dann, »und diesen Boden nicht wieder betreten.« Er küßte Kosabrodzki auf den Arm und verschwand.

Später entdeckte man erst, daß zugleich mit ihm eine Gans und zwei Hühner verschwunden waren. Eine Stunde später verschwand die ganze Bande und mit ihr eine Anzahl Pferde, Kühe, Schafe und die Britschka des Herrn Pfarrers.


* * *


Tschingora, das Naturkind, ließ sich im polnischen Edelhofe noch rätselhafter an als diese Damen, vor denen Kosabrodzki sich so sehr gefürchtet hatte. Das Erste war, daß sie auf das Dach stieg und sich weder durch Schmeicheleien noch Drohungen bewegen ließ, herabzukommen. Die Nacht brachte sie auf dem Heuboden zu. Der Hunger führte sie endlich am zweiten Tage Abends in die Küche. Hier fand sie Kosabrodzki und führte sie halb mit Gewalt in das für sie bestimmte und mit vielem Prunk ausgestattete Schlafgemach. Sie ließ sich auf dem Teppich nieder, der vor dem Himmelbette lag und starrte vor sich hin, Kosabrodzki sprach zu ihr, sie sah ihn endlich an, aber gab keine Antwort. Zwei alte Weiber erschienen und führten sie in das Bad; als sie nach einer Stunde hübsch frisirt, in kleinen Sammetpantoffeln, einen Schlafrock von rubinrother Seide, mit kostbaren Ohrgehängen, Armbändern und einem Collier geschmückt zurückkehrte und sich unerwartet im Spiegel sah, begann sie zu lächeln, wurde roth, ging rasch auf Kosabrodzki zu und küßte ihm die Hand.

Das Spiel schien gewonnen.

Der blonde Philosoph und die bernsteingelbe Zigeunerin liebten sich von diesem Abend an mit einer Art Raserei. Sie erwiederte seine Zärtlichkeit mit anmuthiger Wildheit; wenn ihre Arme ihn umschlangen, war es als wollte sie ihn zerreißen. Sonst aber zeigte sie sich still, saß ganze Tage auf dem Divan und zog unermüdlich den kühlen Rauch eines Nargile ein. Sie liebten sich rasend, aber sie langweilten sich auch bald rasend. Es schien unmöglich, sie nur zum Sprechen zu bringen. Kosabrodzki verzweifelte, denn man kann doch nicht immer küssen, man wird schließlich vom Küssen ebenso müde wie vom Gehen, oder Holzhacken, oder sonst einer schweren Arbeit. Nach und nach wurde Tschingora vertrauter. Sie zog sich gern schön an und ihre Augen funkelten stolz, wenn ihr Anbeter sie bewunderte; nur als er einmal vor ihr niederkniete, lachte sie ihn ohne Weiteres aus. In demselben Maße als sie ihre Scheu ablegte, begann sie aber allerhand kleiner Passionen die Zügel schießen zu lassen, welche Kosabrodzki nicht geringe Unruhe verursachten. Tschingora berührte die auserlesenen Gerichte, welche ihr Anbeter ihr vorsetzte, kaum, dafür stieg sie aber in ihrer Seidenschleppe über die Zaune in fremde Garten, um Obst zu stehlen, oder sie zündete Abends auf irgend einem Felde ein kleines Feuer an, um Erdäpfel oder Maiskolben in der Asche zu braten und fast noch glühend mit ihren starken Zähnen zu zerreißen und zu verschlingen, ja einmal überraschte sie der Philosoph sogar, wie sie über diesem Feuer eine Katze an einem Bratspieß aus Wacholderholz hin- und herdrehte. Sie entfloh in ihrem rothseidenen Schlafrock auf die große Weide, welche von ganzen Heerden von Pferden, Kühen und Lämmern bedeckt war, verwandelte rasch einen langen Strick, auf dem die Frau des kleinrussischen Pfarrers ihre Wäsche trocknete, in eine Art Lasso, lief hinter den wilden Pferden einher, warf einem derselben mit unglaublicher Geschicklichkeit die Schlinge um den Hals, schwang sich auf dessen Rücken, bändigte es und ritt auf dem feurigen Thiere ohne Sattel, ohne Zügel wie eine slavische Göttin durch die Steppe.

Kosabrodzki gefiel dies, so sehr er auch Angst um sie ausgestanden hatte; er nahm sie also in die Reitschule, zeigte ihr einige Kunstgriffe und sie ritt am ersten Tage, ja in der ersten Stunde kühn und anmuthig zugleich wie etwa nur die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich. Ihr größtes Vergnügen war es jetzt, an seiner Seite auf den Stoppelfeldern der endlosen Weide, der blumigen Steppe mit Windhunden den Hasen, den Fuchs zu hetzen, sie setzte unerschrocken über die breitesten Gräben und Bäche, die höchsten Zäune, die rothen Lippen weit geöffnet, mit flatternden Nasenflügeln, mit vor lustiger Grausamkeit funkelnden Augen.

Sie wurde erst wieder traurig als der Winter kam, als Schneemassen die Erde bedeckten und den Edelhof in eine natürliche Festung verwandelten, in die man schwer eindringen, aus der man aber auch schwer in das Freie gelangen konnte. Sie fror Tag und Nacht, sie zitterte wie im Fieber, sie zitterte nicht nur im Schlitten, wenn sie mit Kosabrodzki beim fröhlichen Schlittenklang dahinflog, sie zitterte, wenn sie durch die stark geheizten Zimmer ging, wenn sie mit ihm Karte spielen oder speisen sollte, sie fühlte sich nur wohl, wenn sie in einen großen Pelz eingehüllt, auf einem Fauteuil zusammengekauert, die Füße heraufgezogen bei dem großen Ofen saß, der förmlich Feuer spie; dann spielte sie Stunden, ganze Tage lang mit den Flammen, in die sie nachdenklich hineinstarrte. Es kamen aber auch Augenblicke, wo sie plötzlich Alles abwarf, den Pelz, die Robe, die Pantoffel, die Strümpfe und in dem Hemd und kurzen Rock, mit bloßen Füßen, das Tambourin in der Hand, auf dem großen Teppich zu tanzen begann. Sie war dann nicht mehr die Zigeunerin, das Kind der Steppe, sie war mit einem Male eine Künstlerin. Wie etwa Liszt auf dem Clavier mit seinen beseelten Händen phantasirte sie mit ihren Füßen, ihren Armen, mit ihrem ganzen Leibe. So tanzt kein Weib, wie sie tanzte, so tanzen die Majki, die Elfen Kleinrußlands auf mondbeglänzten Bergriesen, so tanzen die Willis, die todten Bräute mit den Herzen voll ungesättigter Liebesgluth, so tanzen Houris im Paradiese Mohameds.

Manchmal verschwand sie ganz und Kosabrodzki rief und suchte sie dann vergebens, bis er sie endlich eines Abends in der Backstube fand, wo sie mitten unter den Dienstleuten saß und mit ihnen schwatzte und lachte.

Als es wieder Frühjahr wurde, lief sie oft ganze Tage vom Hause fort. Niemand wußte, wo sie sich aufhielt, oder womit sie sich sättigte. Genug, sie verhungerte nicht und kehrte mitten in der Nacht, oder erst mit dem nächsten Morgenroth frisch, glühend und vom Thau befeuchtet zurück, eine junge Steppenrose.

Einmal hörte Kosabrodzki früh im Garten die Nachtigall schlagen, es war die erste, die er in diesem Jahre hörte, er öffnete das Fenster, lauschte eine Weile entzückt und rief dann Tschingora. Sie regte sich nicht. Er trat in ihr Schlafgemach, das Bett war leer, die seidene Decke, mit der sie zugedeckt war, athmete noch die ganze holde Wärme ihres Venusleibes. Kosabrodzki begann sie zu suchen im Hause, im Hofe, bei den Dienstleuten, endlich im Garten; er suchte sie vergebens, bis mit einem Male ihr helles Lachen irgendwo her, wie es schien, vom blauen Himmel herab ertönte; er erblickte sie endlich, wie sie in ihrem prachtvollen Schlafrock oben in dem Wipfel einer Pappel saß. Auf sein rührendes Flehen flatterte sie rasch wie ein Eichhörnchen herab, fiel ihm um den Hals und erstickte ihn mit wilden Küssen.

»Hast Du die Nachtigall gehört?« fragte er sie.

Sie brach in ein kindliches Lachen aus, lief davon, verbarg sich im Gebüsch und wieder ertönte der süße Gesang.

»Also Du bist die Nachtigall«, frohlockte Kosabrodzki, als er sie wieder erhaschte.

»Ja, ich«, sagte sie, »ich kann alle Thiere nachmachen.«

Und sie begann zu pfeifen wie eine Amsel, zu schlagen wie eine Wachtel, zu heulen wie ein Wolf.

Es war nicht möglich, sie zu bewegen, außer dem Hause ihre Schuhe anzubehalten, kaum betrat sie den Rasen, flog der eine hier in die Ecke, der andere dort auf den blühenden Kirschbaum, und die Strümpfe flatterten wie weiße Fahnen von einem Rosenstock herab, sie selbst aber sprang barfüßig davon.

Als es heiß wurde, kam sie auf den classischen Gedanken, sich wie Phryne vor dem versammelten Volke Griechenlands zu baden. Allerdings war der herrschaftliche Teich ein sehr bescheidenes Eleuseisches Meer und das versammelte Volk Griechenlands bestand in diesem Falle nur aus dem unirten Pfälzer, dessen wohlbeleibte Frau, zwei Bauernbuben, einigen Enten und einem Ochsen, aber der würdige Seelenhirt fand sich doch an dem nächsten Sonntag zu einer sehr eindringlichen Predigt veranlaßt, deren kräftigste Stellen, wie man behauptete, von seiner Frau herrührten.

Dieser Scandal, von dem sich die vornehme Gesellschaft des Kreises von Kolomea noch einige Jahre später auf eine ebenso moralische als vergnügte Weise unterhielt, veranlaßte Adam Kosabrodzki, eine Gouvernante für Tschingora kommen zu lassen. Man sendete ihm eine ältere, sehr respektable Dame mit Schmachtlocken, welcher das Naturkind als seine Braut vorgestellt und zur Erziehung übergeben wurde.

Als Tschingora einen Augenblick mit ihrem Anbeter allein war, fragte sie lächelnd: »Ist es Dir Ernst, Adam, mich zu heirathen?«

»Ja, es ist mein voller Ernst.«

»Ah, Du Narr!« rief sie aus und küßte ihn mit komischer Wuth, »Du verdienst dafür, daß ich wirklich Deine Frau werde, ja, das verdienst Du.«


* * *


 

Ein Jahr verging. Tschingora war zur Dame geworden. Sie ging nicht mehr barfuß, sie wiegte sich nicht mehr in den Wipfeln der Pappeln und briet keine Katzen mehr. Sie verstand es gleich einer Polin, auf einem Divan halb zu sitzen, halb zu liegen, und die Männer wahnsinnig zu machen, sie schaukelte beim Gehen anmuthig ihre Hüften, sie schlürfte Austern und trank Champagner mit wollüstiger Gourmandise. Sie sprach leise, bewegte sich vornehm und blickte sonst wie eine Taube. Ja, sie sprach sogar französisch.

Nur äußerst selten brach noch ihre Wildheit durch, dann aber mit einer elementarischen Gewalt, welche Jeden zu bedrohen schien, der in ihre Nähe kam.

Kosabrodzki hatte einen Nachbar, der ihm mannigfache Possen spielte. Eines Tages, als ihm derselbe sogar mit einer Anzeige bei Gericht gedroht hatte und Kosabrodzki seinem Herzen in Gegenwart Tschingora's Luft gemacht hatte, geschah es, daß in der Nacht plötzlich die Scheuer seines Freundes in Flammen stand. Der Philosoph wollte sich edelmüthig zeigen und befahl, die Feuerspritze anzuspannen, ja er legte selbst Hand an, als Tschingora im Hof erschien, ihn hastig in einen dunklen Winkel zog und ihm ins Ohr flüsterte: »Dummkopf, was fällt Dir ein, das Feuer zu löschen, das ich angezündet habe.«

»Du – Du hast –« stammelte er.

»Gewiß, um Dir ein Vergnügen zu machen«, sagte Tschingora stolz. Zum Glück kam Niemand auf den Einfall, daß eine junge, schlanke Dame im seidenen mit Spitzen besetzten Schlafrock eine Scheune anzünden könne, sondern Jeder stellte sich den Brandstifter als einen verwegenen, blatternarbigen Burschen in Leinwand gekleidet, mit der Pfauenfeder auf dem Strohhut und der kurzen Pfeife im Munde vor.

Einen Monat später, zu Beginn des Herbstes, während Kosabrodzki in der Kreisstadt war, versuchte Tschingora ihre inquisitorischen Talente. Adam kehrte spät Abends zurück, und beim Thee, behaglich in ihre pelzgefütterte Kazabaika geschmiegt, erzählte sie vergnügt den ganzen Hergang.

»Weißt Du, daß wir einen Dieb gefangen haben?« begann sie.

»So – was hat er denn gestohlen?« fragte er.

»Unser ganzes Silberzeug.«

»Ah!«

»Aber sei ruhig, wir haben Alles zurückbekommen.«
»Also er hat gleich gestanden?«

»Ja, gleich«, sagte Tschingora, »wir saßen eben beim Nachtmahl, ich und das Fräulein« – sie verneigte sich graziös gegen die Gouvernante – »als der Kutscher meldete, der Dieb sei gefangen, wollte aber nicht gestehen, wo er das Silber versteckt habe. Ich lief sogleich hinab, so wie ich da bin. Der Dieb, ein junger Bursche, steht gebunden im Hofe, die Leute sprechen ihm zu; wie er mich erblickt, fällt er auf die Knie und betheuert, er sei unschuldig. »Wirst Du gestehen. Du Hundeblut«, rufe ich. Er aber weint und schwört, und gesteht nicht. Da lasse ich ihn an einen Pfosten binden und ihm unter den nackten Füßen ein Feuer anzünden, befahl, ihm glühende Kohlen auf die Hände zu legen –«

»Um Gotteswillen! Tschingora!«

»Hätte ich das nicht thun sollen?« fragte sie mit der Miene eines unschuldigen Kindes, »genug, er gestand auf der Stelle und wir fanden das Silber vergraben, genau dort, wo er es angab, unter der Erle am Bach.«

Kosabrodzki nahm sich beim Kopf und ging mit großen Schritten auf und ab.

»Ich weiß nicht, was Du hast! Bei uns ist das so Sitte«, sprach sie hold lächelnd, »und Feuer ist das beste Mittel, das den Hartnäckigsten zum Sprechen bringt.«


* * *


Schon fiel das Laub von den Bäumen und diente dem Herbstwind als Spielzeug, schon ließen sich die Raben auf den kahlen Pappeln um den Edelhof hören und Nachts in weiter Ferne die Wölfe, und die schöne Zigeunerin begann wieder beim warmen Ofen vor Kälte zu zittern, als der Kutscher in der Bäckerei erzählte, es hätten sich im Dorfe Zigeuner blicken lassen und auch bereits ein Pferd gestohlen. Tschingora hörte es, aber wie es schien ohne jede Theilnahme.

Zwei Tage später kam Kosabrodzki wie ein Rasender zu mir. »Tschingora ist fort!« rief er, »sie ist mir entflohen. Es ist kein Zweifel. Die Undankbare!«

»Mit einem Anbeter?« fragte ich erstaunt.

»O, das wäre das Geringste«, gab er zur Antwort, »aber mit allen meinen Pretiosen und meinem ganzen Gelde.«