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Leopold von Sacher-Masoch – Abe Nahum Waßerkrug.

Erzählung

Aus: Judengeschichten von Sacher-Masoch, Verlag von Johann Friedrich Hartknoch, Leipzig, 1878, S. 1 ff.


Es war am 25. November 1830, als Bauern, die vom Jahrmarkte in Tarnow heimkehrten und unterwegens in jeder Judenschenke dem Branntwein tüchtig zugesprochen hatten, nach Brzostek die Schreckensnachricht brachten, daß ihnen die Pestjungfrau erschienen sei. Sie war jenseits der Wisloka zu sehen, mit ihrem Flammenhaupte die schwarzen Wälder überragend, und ihren Alles zermalmenden Schritten folgten, dem Volksglauben gemäß, Krieg, Hungersnoth und Seuchen. Das polnische Dörf­chen gerieth mitten in der Nacht in beispiellose Aufregung.

Im Edelhofe standen die Dienstleute barfuß im Schnee und blickten nach Westen, wo in der That eine starke Röthe an dem düsteren Himmel zu bemerken war. Vergebens erschien der Gutsherr in seinem türkischen Schlafrocke, um sie zu beruhigen.

»Es ist der Mond, der aufgeht oder vielleicht ein Meteor,« sagte er, mit dem Lächeln des Rationalisten.

»Es soll sein, was Ihnen beliebt«, erwiderte der alte Kutscher, der noch unter Koscziusko mitgefochten hatte, »aber Sie werden sehen, Herr Wohlthäter, es bringt uns den Krieg.«

Vergebens bemühte sich der Gutsherr, seine junge Frau zu belehren, welche rasch in eine pelzgefütterte Kazabaika geschlüpft war und jetzt zitternd an seinem Arme hing. »Ich bin nicht abergläubisch«, sagte sie, »aber mein Vater hat mir von ähnlichen Himmelszeichen erzählt, die den Kriegen von 1809 und 1812 vorangingen, es wird Blut fließen, mein Theurer, und nach Allem, was man in der Zeitung liest, werden wir drüben im Königreiche eine Revolution haben.«

Mehr als Alle ängstigte sich aber der Pächter der Kartschma (Schenke) in Brzostek, Abe Nahum Waßerkrug, dessen kühne palästinische Phantasie stets ein Dutzend Stöcke sah, wenn einer seinen von Mühen und Sorgen vor der Zeit gekrümmten Rücken bedrohte, und der einmal vor einem gestreiften Kater sich auf einen Zaun geflüchtet hatte, weil er ihm in seinem schnellen Laufe ganz wie ein Tiger erschienen war. Seine Angst äußerte sich auf eine ganz eigenthümliche Weise. Er murmelte immer wieder die Worte: »Krieg wird kommen, Hunger wird kommen, Pest wird kommen,« und ging dabei immer wieder von einer Lagerstatt zur anderen und zählte seine sieben Kinder, und wenn er mit dem Zählen fertig war, fing er von vorne an.

Plötzlich schrie seine Frau, die oben auf ihren Federbetten wie auf einem neuen Thurm von Babel saß: »Manu, was thust Du? Ich glaube, Du thust zählen die Kinder, willst Du, daß Dir sterben die Kinder, daß Du thust sie zählen?«

Abe Nahum Waßerkrug erbleichte, wischte sich die Stirne und murmelte: »Es hat mir verwirrt den Geist, ich habe gezählt die Kinder.«

Eine Woche verging oder etwas mehr, da trat der alte Sentschuk, der die Briefe und Zeitungen von der Post in Pilsno zu holen hatte, eines Abends, verstört bis in seinen weißen Schnurrbart hinein, in das Speisezimmer, in welchem die Herrschaft eben Domino spielte, und sprach: »Herr! es war doch die Pestjungfrau, in Warschau ist am 29sten die Revolution ausgebrochen!« und der Gutsherr in seinem türkischen Schlafrock und seine junge Frau in ihrer pelzgefütterten Kazabaika saßen stumm und bleich da, und die Leute steckten die Köpfe zusammen und die Bauern seufzten und tranken seufzend ihren Branntwein in der Kartschma, und mehr als Alle erbleichte und seufzte Abe Nahum Waßerkrug. Und diesmal behielt er seinen Verstand beisammen und zählte seine Kinder nicht, aber auch nie in seinem Leben hatte er den Schluß des Schemona Essreh so andächtig gebetet wie damals: »Gelobt seist Tu Gott, der sein Volk Israel mit dem Frieden segnet!«

Der Revolution folgte der Krieg, dem Kriege die Cholera. Die erstere ries in Galizien eine ungeheuere Aufregung hervor. Viele Waffenfähige eilten den Brüdern jenseits der Weichsel zu Hilfe, die anderen sammelten Geld für sie, die Frauen zupften Charpie und beteten. Vom Kriege blieb das Land verschont, aber die Pestjungfrau achtete die Grenzen nicht. Die Cholera kam, langsam aber furchtbar wie niemals wieder, und forderte Tausende und wieder Tausende von Opfern. Es half keine Arznei und es half kein Gebet. Hätte eine Arznei geholfen, so wäre die Kartschma von Brzosteck verschont geblieben, denn sie glich keiner Branntweinschenke mehr, sondern einer Apotheke, und hätte ein Gebet geholfen, so wäre Abe Nahum Waßerkrug erhört worden, der vom Morgen bis Abend das Gesicht der Wand zugekehrt stand und laut zu Gott schrie wie ein Chassid.

Aber der Unglückliche hatte seine Kinder gezählt und der Würgengel raffte ihm in einer Nacht sechs von siebenen hin. Es half keine Arznei und es half kein Gebet. Es half auch nicht, daß Abe Nahum strenge das Gesetz erfüllte. Daß sofort als sein ältester Sohn starb alles Wasser im Hause ausgeschüttet wurde, damit der Würgengel sein blutiges Schwert nicht in demselben waschen könne, daß der Todte nur eine Viertelstunde auf dem Bette blieb und dann auf den Fußboden an die Fensterwand1 gelegt und mit einem Leintuch bedeckt wurde, daß die geballten Hände desselben das Schadai bildeten, daß der Spiegel von der Wand genommen wurde; es starb Eines nach dem Anderen, und es war ein schlechter Trost für den armen Abe Nahum Waßerkrug, daß auch seine Frau starb, obwohl er sie an jenem Unglückstage nicht mitgezählt hatte. Er trauerte sieben Tage ohne das Haus zu verlassen, und trauerte dreißig Tage, an denen er das Kadisch für die Dahingeschiedenen sprach, und als die Pestjungfrau indeß vorüber gezogen war, sie zog mit der Sonne, den großen Städten des Westens zu, sah er sich allein mit einem halbjährigen Knaben, der den Namen Jossel empfangen hatte.

Seine Lage war mindestens ebenso ergötzlich als, traurig. Ein Mann, ein Schenkwirth, und ein Kind im Deckchen. Und nun hatte sich die Liebe des Vaters, und Gatten, diese große, auf ein Weib und sieben Kinder gerecht vertheilte Liebe, auf dieses eine kleine Haupt gerichtet und vereinigt, und die Angst es zu verlieren, war in ihm so übermenschlich, daß er es keinen fremden Händen anvertrauen wollte. Bei ihm lag das Kind Nachts, er machte es trocken, er nährte es mit Milch und Wasser, er schläferte, es ein, und wenn es nicht schlief, trug er es auf dem Arme, nöthigenfalls den ganzen Tag. Und so kam es, daß Abe Nahum Waßerkrug seine Geschäfte abmachte, während sein Fuß die Wiege in Bewegung setzte, daß er Branntwein ausschenkte, während das Kind auf seinem Arme an seinem langen Barte oder seinen fetten Schmachtlöckchen herum strich. Und so wuchs der Knabe auf zwischen den trinkenden Bauern, in dem Sande, der die Diele der Schenke bedeckte, spielte er, und hier lehrte ihn sein Vater gehen, hier machte er seine ersten taumelnden Schritte, hier begann er zu laufen, zu sprechen und »Tate« war das erste Wort das er sprach, es ersetzte ihm Mutter und Bruder und Schwester.

Und eines Tages war der kleine Jossel ein Chederjüngel2 und Abe Nahum Waßerkrug dachte ernstlich daran, daß er »lernen« müsse, und es lag aus seiner guten ängstlichen Seele wie ein glühender Stein, daß es in Brzostek kein Cheder3, keine Talmudthore4 gab. Jossel aus dem Hause senden? – nein – das war nicht möglich, und doch mußte er fort, nach Tarnow, wo die Schule war. Wie suchte das zärtliche Vaterherz ängstlich Tag und Nacht nach einem Ausweg und es fand ihn in der That. Da Jossel aus dem Hause mußte, um zu lernen, so ging das Haus einfach mit ihm.

Abe Nahum gab seinen Pacht in Brzostek auf und ging nach Tarnow, wo er eine Art Hausbesitzer und Kaufmann wurde. Es war ein Haus, das gehörte 32 Familien. Man sollte glauben, das müßte ein Haus sein, wie der Palast der Semiramis oder doch mindestens wie der Vatikan – nichts von alledem. – Es war eine Holzbaracke von zwei Stockwerken mit vier Fenstern Front, aber es gab kein Zimmer in derselben, das einer Familie ganz gehört hätte, alle waren durch hölzerne Wände abgetheilt, und die reicheren besaßen ½, die ärmeren ¼, die ärmsten ⅛ Zimmer. Abe Nahum kaufte ½ Zimmer ebener Erde und eröffnete in demselben ein kleines Geschäft in Roßhaaren, Schweineborsten, und Hasenbälgen. Doch verschmähte er auch Katzenfelle nicht und manche kleine Edelfrau ging stolz in einer königlichen Kazabaika umher, zu der er den Hermelin geliefert hatte. Er hatte Jossel ein großes Opfer gebracht. In Brzostek war er eine große Person, das Factotum des Gutsherrn und das Orakel der Bauern, in Brzostek war er ein wohlhabender Mann, hier, in der Kreisstadt, war er ein armer Jude, nichts weiter, aber sein Jossel lernte und das genügte ihm. Wenn man ihn verächtlich ansah oder mitleidig, dachte er: Wartet nur, bis mein Jossel Reb, ein Jlau5, ein Rabbi wird, dann werdet Ihr mich auch ganz anders ansehen. Sein einziges Vergnügen war nur im Bethause, war nach dem Gottesdienste, wenn die Talmudschüler unter sich über talmudische Themata disputirten, ihnen von ferne zuzuhören. – Mein Jossel wird auch bald unter ihnen sein: murmelte er dann vor sich hin. Den Tag über sann und handelte er unermüdlich, um sein Geschäft zu vergrößern, oft brachte er noch die halben Nächte mit Speculationen zu, die sich um Dinge drehten, die ein Pole mit dem Fuße von sich weggestoßen hätte, aber der kleine hagere Mann mit dem krummen Rücken, dem eingefallenen Pergamentgesicht und den blinzelnden Augen war im Grunde ein Philosoph, und seine Philosophie glich jener Schopenhauers auf ein Haar.

Er hielt sich an den Tractat Nedorim, in welchem aus den Namen dreier Söhne Israels; Mischnah, Democh und Massa, die weise Lehre gezogen wird, daß man hören, schweigen und dulden soll.

Aber nicht allzulange sollte er in seiner Verborgenheit und Niedrigkeit bleiben. Eine Eigenschaft, von der er sich gewiß am wenigsten einen Umschwung versprochen hatte, machte ihn nach und nach unter den Juden von Tarnow beliebt und in gewissem Sinne berühmt, und trug viel dazu bei, daß ihm große und reiche Leute ihre Gunst schenkten, daß sich sein Geschäft vergrößerte und er endlich sogar glücklicher Besitzer eines wirklichen ganzen Zimmers wurde.

Abe Nahum Waßerkrug war der größte Feigling unter allen Tarnower Juden und das will viel sagen, denn keiner von ihnen war ein Held. Wie es nun aber in der menschlichen Natur liegt, daß große Geister zu allen Zeiten angefeindet und verfolgt, große Dummköpfe aber mit Zärtlichkeiten überhäuft wurden, so gab es keinen Hebräer in Tarnow, der sich nicht einen Makkabäer fühlte, wenn sein Auge auf Abe Nahum Waßerkrug siel, und deshalb liebte ihn jeder wie einen Bruder.

Abe Nahum fürchtete sich nämlich nicht nur vor Wölfen, Bären oder Kanonen, vor denen sich die anderen Juden auch fürchteten, er war im Stande vor einem Sperling zu erschrecken und vor einer Clystierspritze die Flucht zu ergreifen, ja es gab eigentlich nichts in der Welt was er nicht gefürchtet hätte. Besonders fürchtete er aber das Wasser. Er vollzog zwar täglich die vorgeschriebenen Waschungen, aber nie ohne mehr als seine Fingerspitzen dabei einzutauchen. Dafür vergaß er aber gewiß nicht am Freitag sein Waschzeug auf den Begräbnißplatz zu tragen, »damit sich die Todten für den Sabbath reinigen können«, daß er in seinem Hause kein scharfes Instrument duldete versteht sich von selbst. Gewissenhaft stellte er im Sommer stets eine große Schüssel Wasser vor seine Thüre. Er fürchtete sich entsetzlich vor wüthenden Hunden und machte in dem Bemühen jedem Hunde auszuweichen oft die lächerlichsten Umwege und war dies nicht möglich, stieg er auf einen Baum oder Zaun oder stellte sich mit dem Gesichte zur Mauer, oder warf sich, wenn kein rettender Gegenstand in der Nähe war, flach zur Erde nieder. Er war im Stande, wenn eine Maus aus ihrem Loche hervorkam auf den Tisch zu springen, und schreiend davonzulaufen, wenn ihm eine Kröte entgegen hüpfte. Einmal sah ihn Jossel sich scheu von der dampfenden Schüssel zurückziehen.

»Was hast Du, Tate?« fragte er; »weshalb willst Du nicht speisen?«

»Was soll ich speisen?« jammerte er, »wenn mir die Fliegen Alles wegessen, soll ich etwa mit ihnen raufen?«

»Aber, Tate, wer wird sich vor einer Fliege fürchten?«

»Wer wird sich vor einer Fliege fürchten? Ich fürchte mich nicht vor einer Fliege, aber es sind ihrer fünf da.«

Jossel, sein Sohn, war dagegen zum tiefsten Schmerze des geängsteten Vaterherzens ebenso unerschrocken, wie Abe Nahum Waßerkrug furchtsam war. Er war ganz seiner Mutter nachgerathen, vor der Abe Nahum Waßerkrug sich noch mehr gefürchtet hatte wie vor einer Fliege, oder einer Kröte, oder dem Wasser, ja sogar viel mehr als vor einer Kanone.

Wie Abe Nahum Waßerkrug durch seine Furchtsamkeit, so wurde Jossel durch seine Keckheit und die lustigen Streiche, die er ausführte, der Liebling der Tarnower Juden. Erst ängstigte er sie und jeder von ihnen prophezeite irgend ein großes Unglück, nach und nach flößte er ihnen Respect ein und endlich sogar Begeisterung. Jossel zählte noch nicht fünfzehn Jahre, als bereits sämmtliche Tar­nower Juden, die weißbärtigen Patriarchen nicht ausgeschlossen, in ihm ihren geborenen Beschützer sahen, bei jeder Gelegenheit seine Hilfe anriefen, und sich in Gefahren um ihn wie um ihren Simson schnürten. Dem Alten machte dies allerdings wenig Freude. Als Jossel, damals noch ein Chederjüngel, eines Tages einen großen Stock mitbrachte, mit demselben schulterte und präsentirte und ihn endlich sogar wie ein Gewehr in Anschlag brachte, schrie Abe Nahum:

»Gott steh' mir bei, will der Bucher schießen, thu weg Dein Mordgewehr!«

»Aber Tate«, lachte Jossel, »wie soll ich schießen mit einem Stock?«

»Wenn Gott es zugiebt, geht auch der Stock los«.

»Wie soll er los gehen, ist er doch nicht geladen.«

»Die Wolke ist auch nicht geladen und geht doch los.«

Auch bekümmerte es den Alten, daß der Bucher nicht lernen wollte. Er hatte nur Freude an Pferden. Kaufte ihm z. B. der Tate den Talmud, was thut der Junge, er zäumt den Talmud und reitet auf ihm.

»Wer wird reiten auf dem Talmud«, belehrt ihn der Alte, »auch kannst Du herunter fallen und Dich anschlagen.«

Der Bucher nimmt es sich zu Herzen und wie der Tate wieder nach Hause kommt, hat er sich selbst vor den Talmud gespannt und fährt mit ihm wie mit einem Wagen herum. Kommt der Postwagen an, ist Jossel der erste da, die Pferde auszuspannen und die neuen aus dem Stall zu führen; alle Postknechte vergöttern ihn, während ihn Reb Mauschel, der Lehrer in der Talmud-Thora, haßt wie einen Karaiten oder Meschumed.6 Zuletzt jagt er ihn sogar, zum Schmerze des Vaters, ganz aus der Schule. Und das kam so.

An einem heißen Sommernachmittag, während einer der Schüler laut vorliest, oder eigentlich eine Art näselnder Todtenklage singt, die einem rauschenden Bächlein gleich einschläfernd fort murmelt, schließt Reb Mauschel die Augen und nickt ein. Gleich ist Jossel bei der Hand, ihm mit einem verkohlten Kork ein paar ungeheuerer Brillen in das weiße Antlitz zu malen. Endlich hört der Schüler zu lesen auf und Reb Mauschel erwacht; alle kichern. Reb Mauschel gebietet Ruhe und nimmt einen andern vor, der liest und liest falsch. Schon hat ihn der Lehrer beim Schopf, aber der freche Bucher schreit: »Wie soll ich gut lesen, wenn ich doch hab' keine so große Brille wie Reb Mauschet.«

»Was sagt der Riech?7 wo hab' ich eine Brille?«

»Auf der Nase!« schreit die ganze Schule, und sodann beginnen alle zu lachen. Zugleich schlägt die Stunde, wo die Lehre zu Ende geht. Reb Mauschel klappt sein Buch zu, hält eine furchtbare Anrede und geht. In der Straße sehen ihn die Leute so verwundert an. »Reb Mauschel muß an den Augen leiden«, sagt Salomon Pintscher Divan, der Fleischer, »weil er auf einmal hat so eine große Brille.«

Reb Mauschel hört es, und da zu seinen Füßen eine große Pfütze erglänzt, so blickt er hinein und entdeckt den Schabernack, hinter ihm aber steht die ganze Schule und kichert, und Reb Mauschel erwischt den Jossel und beutelt ihn, und Jossel darf nicht mehr in die Lehre.

Da ist ein Kreiscommissär, ein echter Pole, der den Staat bestiehlt und die Juden haßt, weil sie »alle solche Betrüger sind.« Seine Söhne, die das Gymnasium studiren, sind die Anführer jedesmal, wenn es gilt die Juden zu prügeln oder mit Steinen zu bewerfen, und kommt einer blutig in das Kreisamt, um sich zu beklagen, darf der Kreiscommissär ihn noch auf die Bank legen lassen. Es war damals das sogenannte patriarchalische Regiment.

Es kommt der Tag, wo die polnischen Juden das Angedenken Esthers feiern und zwar mit einer Art Carneval, in dessen Maskenzug Haman natürlich die Hauptrolle spielt, eine Rolle, die einige Kühnheit erfordert, denn Haman, den die furchtsame jüdische Phantasie zu einem Riesen vergrößert hat, muß auf Stelzen wandeln, um seine Gestalt hoch über gewöhnliches Menschenmaß aufzubauschen. Wer sollte also Haman vorstellen wenn nicht Jossel? Er thut es auch, und gebraucht die Stelzen so sicher und mit so viel Grazie, als ob es seine eigenen Füße wären und hat ein weites Gewand aus so und so viel Leintüchern an, das ihn sammt seinen Stelzen einhüllt, und eine Larve mit einer Nase, die eine halbe Elle lang ist und einen riesigen Hut auf. Freilich hat der Alte unbändig Angst und folgt ihm jammernd, aber er spielt seine Rolle unbekümmert fort bis in die Nacht und geht dann auch auf eigene Faust in den Straßen von Tarnow spazieren.

In der Finsterniß, deren Schrecken durch die paar elenden Laternen nur noch gesteigert werden, erscheint Jossel den wenigen Menschen, die ihm begegnen, als ein Gespenst von gräßlichen Dimensionen. Ein ungarischer Soldat, der Wache steht, präsentirt in seiner Todesangst vor ihm, der Nachtwächter wirft sich bebend in die Gosse, der Polizeisoldat läuft schreiend davon.

Plötzlich kommt der Wütherich, der Kreis­commissär des Weges daher. Haman donnert ihm ein Halt zu. Bleich, zähneklappernd, bebend stürzt er auf die Knie. »Lege Dich auf Dein Gesicht nieder«, befiehlt das Gespenst. Er gehorcht. Jossel steigt von seinen Stelzen herab, prügelt ihn furchtbar durch, und ruft dabei mit hohler Grabesstimme: »Wirst Du mir lassen meine armen Juden in Ruh, ich bin der Prophet Elias, hast Du mich verstanden?« Dann macht er sich aus dem Staube, und der Kreiscommissär, der fünf Tage zerblaut im Bette zubringt, thut keinem Juden mehr etwas zu Leide.

Ein andermal zieht Jossel am Sabbath einen Menschen, einen armen jüdischen Schneider aus dem Wasser, und als Abe Nahum Waßerkrug ihm in seiner Todesangst ein Chilul haschem, eine Verletzung des göttlichen Gesetzes vorwirft, beweist er ihm aus der Schrift, daß er recht gehandelt und bezieht auf Jene, die aus Ueberfrömmigkeit es unterlassen am Sabbath Menschen aus der Gefahr zu retten, die Worte des Ezechiel: »Ich überließ sie Gesetzen, die nicht gut sind«, und die Worte des Predigers: »Sei nicht überfromm und verlange nicht der Weiseste zu sein.«

Und wieder einmal fährt ein reicher polnischer Graf durch Tarnow und sein Kutscher fällt betrunken vom Bock. Der Graf flucht, sofort aber steigt Jossel auf den Bock und fährt ihn so gut, daß er mit zwei Dukaten heimkehrt. Nun ist Niemand mehr im Stande ihn zu halten und er wird Kutscher, übernimmt Fuhren, durchkreuzt den Kreis nach allen Richtungen, bleibt oft einige Tage aus und der arme Abe Nahum Waßerkrug hat keine ruhige Stunde mehr.

So kommt das Jahr 1846, der polnische Aufstand, die Gegenrevolution der galizischen Bauern, welche ihre furchtbaren Sensen, im Namen des Kaisers, gegen die Insurgenten kehren, die Edelhöfe plündern und anzünden, die Edelleute niedermetzeln. Die Kreisämter suchen die Wuth der Bauern zu dämpfen, aber Niemand wagt sich auf das flache Land, Niemand als die Juden, sie verschont die furchtbare Sense, ihnen werden die Kundmachungen anvertraut, sie entsendet man mit den Befehlen, der Metzelei Einhalt zu thun.

Eines Morgens kommt die Nachricht, daß die Bauern Brzostek förmlich belagern. Der Kreishauptmann will einen verläßlichen Boten entsenden die Herrschaft zu erretten, natürlich einen Juden, wer sollte also hinreiten, wenn nicht Jossel. Jossel wird erwählt und er ist gleich bereit, sein hübsches Gesicht strahlt von Muth und Aufregung, während sich Abe Nahum Waßerkrug dem Tode nahe fühlt. Während Jossel sich fertig macht, schleppt er sich zur Schule, er betet zu Gott, er ringt mit sich selbst, seine Kindesliebe ringt mit seiner Furcht, er fleht Gott an, eine Bathkoll8 ertönen zu lassen, die ihm wie ein Orakel den Weg weist, und wie er horcht und horcht, da lesen sie in der Schule und er hört die Verse: »Pharao zog ins Meer mit seinem Heer, mit Rossen und Reitern, mit Wagen und Streitern, ließ der Herr sie sinken in's Meer. Doch Israels Kinder, die schritten durch des Meeres Mitten trocken einher.«

Er schreit aus, das ist die Himmelsstimme, er rennt zum Kreisamt, wo, von allen Juden umgeben, Jossel eben zu Pferde steigt, und hängt sich an seinen Fuß. »Er wird nicht reiten«, ruft er, »ich selbst werd' reiten, Herr Kreishauptmann.«

Alle staunen, Alle bewundern ihn, »Abe Nahum Waßerkrug wird reiten, ist er wohl meschugge?«

Und er steigt wirklich zu Pferde, er nimmt die Kundmachung, küßt sein Kind, und beginnt zu weinen, aber er reitet, und da ihm Alle folgen, so giebt es keinen, der nicht gesehen hätte, wie er aus Tarnow heraus reitet und dann auf der Kaiserstraße davontrabt. Diesmal aber hat Jossel Angst um ihn und er kommt zum Kreisamt zurück und stellt sich an die Wand und betet, und seine Thränen fließen.

So vergehen ihm ein paar angstvolle Stunden.

Plötzlich hört er Rufe, Pferdegetrappel, das Rasseln von Rädern, jubelnd strömen die Juden zum Kreisamte, mitten unter ihnen sieht man den armen kleinen Abe Nahum Waßerkrug auf seinem großen Pferde, mit leuchtendem Gesicht, und ihm folgen Bauern mit Sensen, die auf vier kleinen Wagen mit elenden Pferden bespannt, die Herrschaft von Brzostek, ihre Beamten, ihre Diener bringen, einige leicht verwundet, aber alle lebendig. Und Abe Nahum Waßerkrug wird von zwanzig Armen zugleich vom Pferde gehoben und küßt seinen Sohn, und sein Jossel küßt ihn, und beide weinen, und ich glaube die Juden weinen alle auch.

Man erfährt nach und nach den Zusammenhang, der Gutsherr erzählt, die bleiche Gutsfrau, die sich bebend in ihren Pelz hüllt, ihre Leute erzählen, die Bauern, nur der Held selbst schweigt,

Die Bauern stürmen bereits den Edelhof von Brzostek, die Scheune brennt, Schüsse fallen, da stürmt Abe Nahum Waßerkrug mitten zwischen die Kämpfenden.

Sein Thier, ein altes ausgemustertes Ulanenpferd, ist, sobald es die ersten Schüsse hörte, wiehernd dem Feuer entgegengesprengt. Abe Nahum Waßerkrug duckt sich auf dem Sattel wie eine Wildente im Rohr und hat die Augen fest geschlossen, so kommt er, dem todten Cid vergleichbar, die Kundmachung hoch erhoben, vor dem Edelhofe an.

Sofort ziehen sich die Bauern zurück und die Polen hören auf zu schießen. Der Bote des Kreisamtes spricht zu beiden Parteien und stiftet Frieden. Die Polen strecken die Waffen und die Bauern begnügen sich, sie gefangen nach Tarnow zu führen.

Die Himmelsstimme hatte wahr gesprochen: Israels Kinder, die schritten durch des Meeres Mitten trocken einher.

Von diesem Tage an war Abe Nahuin Waßerkrug ein großer Mann in der Khille9, und auch ein wohlhabender Mann.

Die Regierung belohnte ihn für seine That und der Grundherr von Brzostek, der ihm sein Leben und das der Seinen dankte, zählte ihm 1000 Dukaten auf den Tisch, und Abe Nahum Waßerkrug kaufte für sich ein wirkliches ganzes Haus, für seinen Jossel aber kaufte er wirkliche zwei Pferde und ein Fuhrwerk, und, fügte mit Stolz hinzu, als Jossel ihn dafür zärtlich küßte, »Du darfst sogar mit den Pferden fahren.«

Wenn es jetzt aber hieß: »Wer ist der größte Poltron in Tarnow?« so sagten die Juden in Tarnow: »Wir wissen nicht, wer es ist, aber Abe Nahum Waßerkrug ist es nicht.«




1 Die Eltern werden in die Mitte des Zimmers gelegt.

2 Jüdischer Schulknabe.

3 Schule.

4 Talmudschule für arme Kinder.

5 Ein besonders genialer Talmudist.

6 Abtrünniger.

7 Garstiger Knabe.

8 Himmelsstimme.

9 Judengemeinde.