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Arthur Sakheim – Patmos und Kytera

Neue Gedichte

Verlag Konrad Hanf, Hamburg, 1920


DIE ERBAUER.


1.

Im Lande ohne Zorn, am weiten Strom, –
da gab es Millionen heißer Paare,
und bunt von Volke blitzten die Bazare;
die Menschen redeten ein Idiom.
Und zwischen ihnen ragte mancher Dom,
und Sesamschätze waren ihnen eigen.
Wer lehrte sie zum Himmel aufzusteigen? –
Sie fanden Lust an Spott und Widerstand ...
Doch Jahve schwieg geduldig all die Jahre –
der Vater Jahve, den es gar nicht gab –;
die Flamme flackert ziellos auf und ab,
und niemals wird ein Mühlstein zum Altare ...
Und Jahve schwieg geduldig all die Jahre:
Er hatte weiße Engel ausgesandt.
 


2.

Seherwort gemahnte die Erbauer:
»Brüder, laßt euch nicht von Satan kirren! –
Ewig liegt die Schlange auf der Lauer ...«
Doch es wuchs der Turm und stieg die Mauer.
Ihr Begehren loderte in Stürmen,
ihre Sehnsucht wirbelte in Türmen,
stieg wie Chrisamduft und Rauch der Myrrhen ...
Und schon hörten sie die Sterne klirren,
Cherubime, Seraphime schwirren!    
Jahve kam auf diamantenen Geschirren,
Jahve kam herab in siecher Trauer, –
ihre eitle Rede zu verwirren.
 


3.

Es trafen die Blitze den Hirt und die Herde, –
es regnete Geifer, es regnete Glut, –
die mutigen Pfeile, sie fielen zur Erde.
Sie fielen hinunter und tropften vor Blut.
 


4.

Und es sanken Mörtel und Gemäuer,
Wunder schwanden ohne Unterlaß ...
Meinen Stolz verzehrte Molochs Feuer,
ich vergaß die Liebe und den Haß.
 
Meine Schmach verstreuten Wirbelwinde ...
Ich bewohne still ein totes Land:
Kameraden sind mir Lahme, Blinde.
Meine Seele blüht in Gottes Hand.


 

KRIEGSDEPESCHE.

Riesenhafte Kanonen speien
                  in die wolkenverhangene Welt –.
Kathedralen und Träumereien
                  bluten endlos im Totenfeld .....
Alleluja!! –


GESCHREI.

Es war die halbverhallte Mythe
nicht ohne pittoresken Charme:
Da wandelte Getier in Güte
durch all die Lande Arm in Arm.
 
Nun ist vorbei die Zeit der Possen,
unendlich klagt die Todespost! –
Wo ehedem die Wunder sprossen,
da fließt geschändet und in Gossen
dahin der hochgemute Most.
 
Die Maske fiel, es sank die Mythe,
die Welt ist Eisen und Alarm! –

 


DIE LANGEN JAHRE.

Ich denke an versunkene Kulturen ...
Ich sehe stille Männer mit Blessuren,
die irgendeine glatte Gans bekuren.
 
Noch gibt es Dinge, die zum Leben mahnen,
und internationale Kurtisanen.
Noch gibt es Menschen, welche ruhig planen.
 
Sind denn noch Schlösser, die im Monde liegen?
Wirst du mich kennen und dich an mich schmiegen? ...
Ich rief die Zeichen, und die Zeichen schwiegen.

 


ZERBERUS.

Ein Hund heult einsam auf dem Feld der Ehre:
Ein Hund beklagt Verwundete und Tote ...
Da liegen sie – Herzbruder und Exote –,
und über allen stöhnt ein Miserere.
 
Sie liegen wie zerschlagene Altäre –
im Blut, im Schnee versunken, und im Kote;
und einem Fluch, und einer öden Zote
gleicht eines jeden menschliche Karriere ...

 


IM JUNI.

Der Juni blüht wieder in Gottes Garten,
die Erde ist immer noch muttergut;
der Sommer, dem wir entgegenharrten,
so liebevoll ist ihm zumut.
 
Ich wurde müde in bösen Jahren;
da kam ein gütiger Wundertag,
und meinem Glauben offenbaren
sich Mädchenmilde und Rosenhag.
 
Der Sommer kommt aus himmlischen Reichen. –
Der liebe Herrgott ist kein Despot:
Er will die Klarheit, er gibt ein Zeichen! –
Er lächelt Eden, er ist nicht tot.
 
Die Sonne blüht wieder in Seinem Namen:
Vielleicht, und der Friede säumt nicht mehr lang ...
Die Krüppel und Lahmen danken dir »Amen«
vom Aufgang bis zum Niedergang.

 


SONETT.

Ihr nennt mein Element frivol und sündig,
des Lebens Würze in zu starken Dosen,
und nicht gemäß der Zeit, der grandiosen, – –
mit Worten, bolzgerad und tausendpfündig.
 
Mein Weg ist Schickung und mein Werk ist mündig:
es soll euch weder kitzeln noch erbosen.
Die Wahrheit, ohne Schminke, ohne Posen, –
doch meine kleine Wahrheit, die verkünd ich.
 
Ich rief die Tage vor dem Höllenstreite –
und schrieb dazu das fahle Wörtchen »Weiland« ...
Der Wahn, der alle Urgestalt befreite,
 
er traf auch mich, ein Henker und ein Heiland.
Doch heimlich leuchtet mir das lustgeweihte,
besinnliche Idyll, mein Feld und Eiland.

 


MANN UND WEIB IM NEBEL

Die Stadt liegt elend und erstarrt
in giftiggelben Nebelschichten.
Die Tage waren wunderzart,
nun will der böse Widerpart
die ungezähmte Lust vernichten.
 
Nur manchmal lichtet sich der Pfad
durch aufgewühlte Finsternisse:
Dahinter narrt ein Flammenrad, –
die Schiffslaterne blinzelt matt
und tastet in das Ungewisse.
 
Wir fahnden durch die wirre Wand,
durch sterbensgraue Nebelschichten.
Wir eilen vorwärts Hand in Hand,
als lockte drüben Morgenland
mit Gluten und mit Traumgesichten.

 


ALTE STADT.

Die Augen blitzen hart und klar;
es raunt und wispert sonderbar
die Heimlichkeit und die Gefahr.
 
Ich ahne gramzerwühlte Länder,
die Stadt der blühenden Gewänder ...
(Und anders kreist dort der Kalender.)
 
Bald eine prahlende Fassade,
bald eine rauschende Ballade, –
Koran, Madonna, Bundeslade.

 


RELATIVITÄT.

Diese Jahre haben lärmende Allüren,
und die Toten reiten einen rauhen Ritt;
Unmut und satanische Gewalten schüren ...
Meine ungemeine Sorge spielt nicht mit.
 
Glück und Torheit liegen in den letzten Zügen,
denn ein Unverrückbares hat sie berührt ...
Mit der wilden Sehnsucht muß ich mich begnügen
nach dem Gotteskind, das mir gebührt.

 

ARLECCHINO.


1.

Ich bin dein froher Bräutigam,
Prophet und Paladin;
dir weih ich meinen Hahnenkamm
und treue Disziplin.
 
Mein Bett ist so geräumig, –
mein Herz ist menschenleer! ...
Von deiner Liebe träum ich
die Sammetrosenmär.
 


2.

Wir wandeln mit trunkenen Tritten
die schmalen, vergessenen Spuren,
umflimmert von Blumengezitter, –
zwei bebende Gottkreaturen.
 
Wir flüstern vertrauliche Worte;
du greifst nach dem Mond mit den Händen
wir sind wie zwei Marionetten
in tiefen, erstarrten Legenden.
 
Wir trinken den Schneeglanz des Lichtes,
es streichelt der Mond deine Hüften.
Nicht werden uns mürrische Jahre
die kosenden Stunden vergiften.

 


FREIE WELT.

Es kam das magische Entzücken,
und kam der wunderliche Ruf:
Ich baute mir die blauen Brücken
aus Klang und Flamme, die ich schuf.
 
Und draußen stürzen die Portale,
und draußen welken Glanz und Tanz. –
Ich kenne heilige Opale
und ein unsterbliches Byzanz.

 


INFERNO.

Ich kannte dem Genuß geweihte Boudoire;
mir wurden Frauenhaare zur Kandare;
ich liebte dich, verheißend Wunderbare. –
Jetzt schrillt die Zeit, daß ich die Not erfahre.
 
Mir ist – ich war ein feiner Musikant,
verliebt, gebannt an liebemilden Strand. –
Dann hat ringsum der Sturm mich überrannt ...
Ein Körper bin ich, Tand.
 
Mich trugen all die Monde wilde Wellen.
Ich hörte Tiere meine Nacht umgellen,
und Menschen mußten mir den Tag vergällen ...
Doch blieb mein Leben euch im Dämmerhellen.

 


AMULETT.

Vielleicht war alles nur ein buntes Klingen,
ein Vogelruf im frischen Morgenlicht,
die Phantasie der seligen Syringen,
ein Blütengarten oder ein Gedicht.
 
Mir träumte von den tiefen Wunderdingen,
mir lächelte dein helles Angesicht; –
für immer deine Liebe zu erringen,
das große Zauberwerk gelang mir nicht.
 
Verständlich ist das alte Spiel und schändlich,
die Litanei vom ewigen Vorbei ...
Ich will die Lust, die holde Tyrannei, –
ich will die Welt. Ich liebe dich unendlich.

 


DIE FREUNDE HIOBS.

Es kamen meine Schwelle zu besuchen
Gequälte, Primitive und Eunuchen.
Und jeder kriegte gastlich Wein und Kuchen ...
 
Ich blicke etwas müde und betreten:
Ein jeder weiß von mir Intimitäten, –
und schnappt nach allen Blättern, den verwehten. –
 
Ich bin mit einem bösen Fluch beladen –
ich kann nicht nützen, und ich kann nicht schaden.
Ich bin ein toter Narr von Gottes Gnaden.

 


DER FLÖTENSPIELER PTOLEMÄOS.

Alle wollt ihr mir die Nacht verschönen,
und ihr seid bereit und meint es gut:
Süß ist der Melinno Liebesstöhnen,
und wenn Prothoe Infames tut.
 
Die Erinnerung an tiefe Lüste
überkommt mein lässiges Gemüt ...
Als Laodike mich selig küßte,
hat mein Herz zum letzten Mal geblüht.
 
Und ich schreite durch den weiten Garten,
fremd und als ein sinnender Asket.
Wem von euch, ihr Musen und Astarten,
gilt mein unauslöschliches Gebet?

 


EMPFINDSAME GLOSSE.

Die ganze Welt hat sich verkehrt.
Sie reden neu und laut;
der Cherub schwingt sein rotes Schwert .
Wo weilt die echte Braut? –
Der Teufel herrscht jetzt souverän,
vielleicht mit Recht und Fug;
es ist kein Ende abzusehn
vom Elend und vom Fluch ...
Ich wandle immer noch im Traum
durch Pein und Babylon.
Ich liebe dich, Holunderbaum,
du gute Religion.

 


BERAUSCHT IST MEIN HERZ.


1.

Dein Flitterleuchten kann mich nicht verdrießen.
Ich möchte deine Welten ganz umschließen :
die Fülle heftiger Gefühle und das fromme Kind ...
Durchstürzen jeder glühenden Verlockung Labyrinth.
Ein Comme il faut sind würzige Kapricen –
die sinnlos quälen, wenn der tiefe Traum zerrinnt.
 


2.

Rote Mühle, gespenstige Flügel –
Wolkenkuckucksheim, Strudel und Ziel –
dithyrambisch behüteter Hügel:
Tod und Posse, Revolte und Spiel.
 
Kolombine, Manon, Pierrette,
jede träumt einen Liebsten im Schoß.
Aber keine denkt heute – ich wette –
an das bläßliche Haupt Pierrots.

 


PASSION.

Ich rief die lichte Schwester:
Die Schwester blieb wartend weit
mich banden die Netze fester
der wirren Einsamkeit.
 
Wie Perlen sind die Frauen,
und seiden die Mägdelein, –
wild würgen Traum und Grauen,
ein Lied klingt fern und fein.
 
Es locken siebzig Brücken,
und jede schwingt und sprüht.
Der Klippen und der Tücken,
der Wege ward ich müd.
 
Ich steige den Berg hinunter,
zu Not und Herzeleid, –
entkleidet der sieben Wunder,
ohne Ehr und Herrlichkeit.

 


VIRGO DEUM GENUIT.


1.

Und manchmal träum ich, wenn ich einsam bin –
ich bin es selten: Trug und Tand umgaukeln
die Sinne mir –
von einer ungemessen süßen Frau,
die mich geliebt hat und mich später haßte, –
und der ich einmal noch die Hände küssen möchte.
 


2.

Er aber glaubte an Hymnen der Erde
und an ein Wunder in schweigender Wüste,
da er mit inbrünstig froher Gebärde
ihre vertrauende Müdigkeit grüßte.
 
Er aber glaubte an kronengeschmückte
Frauen, mit Augen wie tiefe Saphire;
oder an Scheherezades entrückte
Augen – der mystischen Wünsche Veziere.

 


MENSCHENLIEBE.

Ich versäume meine hehre Beute,
ich verscheuche meine tönenden Gebäude;
 
meine Seele sehnt sich nicht nach Freude;
müde bin ich von der Welt Gebahren, –
und der Gründe, und der Sünden, und der Leute,
und der Spiegel, und der Wunden und Gefahren.
 
Aber manchmal bin ich ein Erneuer,
und Beschwörer weihevoller Welten ...
Und am liebsten wäre ich ganz Euer:
ohne mehr als eine Ameise zu gelten.

 


HOCHGEFÜHL.

Niemand ist, der mich umfange,
und die Welt ist kalt und kahl. –
Meinem Herzen wird so bange
vor der lahmenden Moral.
 
Wenn wir beide nachts uns fänden,
durch gewichtiges Geschick,
mit den glückerfüllten Händen,
mit dem Mund und mit dem Blick ...
 
Lebensart und Seelenadel
sänftigen die Kreatur; –
aber du, mein Teufelsmadel,
bist nicht wider die Natur!
 
Will bei meiner Liebsten wohnen,
Küsse fühlen ohne Zahl;
knospende Dekameronen
laben meine tiefe Qual.

Du, du hast mein Lied vernommen:
Mund und Busen, Schoß und Knie, –
habt mich lieb und seid willkommen
meiner hohen Sympathie.
 
Träf ich, Einzige, dich heute,
lägen wir in Gunst und Glut, –
wärst mir eine zarte Beute
selig süßer Liebeswut.

 


TANZ DER HERZEN.

Mein Puls und Wähnen sagt mir immer ...
Ich hab’s begriffen und gefühlt:
Du bist ein edles Frauenzimmer, –
und ich, ich hatte frech gespielt.
 
Man ist belästigt und gebunden,
man ist befreit und benedeit! –
So laß vergessen uns die Stunden
der eifervollen Bitterkeit.
 
So schließen wir den kühlen Frieden.
Die Majestät ist wandelbar:
Wir haben nimmernie gemieden
das Tier, den Gott und die Gefahr.
 
Komm, sei mir eine Gnadenquelle
und ohne alle Bitterkeit!
Nur noch das Blonde, Süße, Helle
lebt in mir fest und unentweiht.

 


SEHNSUCHT.

Es ruft mein Blut in banger Ungeduld ...
Die Frühlingstage kommen und entgleiten. –
Ich sehne mich nach neuen Seligkeiten;
ich weiß – du hattest schuld, ich hatte schuld.
 
Du blickst so mild, wie dieser junge Mai ...
Vergessen sind die zornigen Minuten:
Komm, überbrande mich mit deinen Gluten.
Ich weiß ja doch, das Leben ging vorbei.

 


FRÜHLINGSABEND.

Die Liebe ist ein Apfelbaum in Blüte. –
So laß mich preisen Gottes Geist und Güte,
laß meine fromme Laune niederknien!
Der Apfelbaum ragt aus der milden Mythe,
er war dereinst mir Freund und Baldachin.
 
Die Erde atmet köstliche Essenzen;
doch jener Frühling wird nie wieder lenzen!
Ich war Magister jeder freien Kunst,
du warst Philine kleiner Residenzen;
und ich genoß der edlen Frauen Gunst.
 
Wir tollten durch die Wunder liebestrunken.
Im Kino, im Theater, in Spelunken
bekam die Welt ein anderes Gesicht;
ein Brand von Farben wurde jeder Funken;
und wer uns störte, war ein Bösewicht.
 
Wie soll man solche Freudenweis ertragen,
den Blütenduft von diesen jungen Tagen? ... –
Von frevler Nächte heiligem Gebet,
von jener Zeit, da wir der Liebe pflagen,
blieb nur Erinnerung, die nie vergeht.


DIE TÄNZERIN.

Ich weihe mein Gewissen ihrem Ruhme,
ich nenne sie Duchesse de Montebello:
Sie neigt sich hold wie eine feine Blume, –
und eifersüchtig bin ich wie Othello.
 
Sie tanzt – durchzittert und von Gottes Gnaden
den Flug der Möwe, der Gestirne Bahnen;
sie brandet wie Orkan und Feuerschaden,
und gängelt spitzenzart und porzellanen.
 
Nicht decken sie Damast, Brockat und Seide;
sie ist kein bunter Flatterfunkenbogen.
Sie wogt, wie schwanke Zweige einer Weide,
beseelt und wohligtrunken – nicht erlogen.
 
Prinzessin von Bearn im Massenreigen,
Impuls zu lieben Rhythmen vor dem Volke;
wie wenn ein Cherub Alleluja geige
auf einer heimeligen Märchenwolke.

An Schale hapert es und am Gezelt es,
doch nicht an Laune und getrostem Mute.
Die weichen Rhythmen eines Weizenfeldes
rumoren in dem leichtgesinnten Blute;
 
die Spiele märchenzarter Seegeschöpfe,
die Ängste herbstgepeitschter Waldeswipfel.
Willfährig lauschen Herzen, Lüste, Köpfe, –
sie hält Terpsichoren am Mantelzipfel.
 
Und ist im Lande eine von den Stillen,
im Bett von Laub ein Blümlein quick und selten,
ein Splitter vom geheimnisvollen Willen,
des Blutes Not – entrückt in ferne Welten.

 


HEUTE
LIEBE ICH DICH EWIG UND IMMERDAR.

Wir schreiten unter mondberauschten Bäumen,
die sommerhold das linde Ufer säumen.
Wir kennen nicht den Wirrwarr der Gewalten,
und möchten gern uns an den Himmel halten,
dem Liebeszauber ruhig hingegeben,
und ohne Ziel und Tantalusbestreben.
 
Der Juni würzt die Welt mit Opiaten;
zu Menschen werden viele Automaten. –
Und Sie, die edelste der Baronessen,
Sie wollen gnädig meine Glut ermessen,
und mir erlassen Lug und Narrenschellen,
und wählen mich zum heimlichen Gesellen!
 
Es gleichen keines Wesens Mädchenhände
den Ihrigen, von Riga bis Ostende.
Man möchte um Sie schmachten in Verließen,
ein Wunder tun, und echtes Blut vergießen;
und Ihren Beinen, Ihren Armen fronen
in Oden, Madrigalen und Kanzonen.

Sie sind Astarte unter den Vampiren,
Frau Venus mit junonischen Manieren.
Ich liebe Sie so heiß und zweifelsohne,
naiv, gleich einem Märchenkönigssohne, –
und habe mich, Zelot mit bunten Trieben,
dem Junimond festinniglich verschrieben.

 


PSALM UND PSYCHOLOGIE.

Die Seele klingt, – und kennt doch mancherlei. –
Das macht: sie hat es wieder im Geblüte.
Nie gingen feine Wunder mir entzwei,
das Leben ist noch immer Lust und Mythe.
 
Von neuem hat ein Jubel sie erfaßt,
sie lächelt mit ironischem Entzücken,
sie grünt und blüht als wie ein Lindenast,
sie wirft sich wie ein Mädchen auf den Rücken.
 
Die Seele lobt ihr Glück und Mißgeschick.
Das macht: sie sah von neuem so was Gutes.
Dann taucht sie wieder in den dicken Schlick, –
kalt, im Bewußtsein ihres Duldermutes.

 


DIE HEXE HEILWIG.

So irdisch grifflich und minnig eitel,
der Venus Lenden, Athenes Scheitel, –
Gamin und Dame, verzückt und heiter,
betritt Frau Heilwig die Himmelsleiter.
 
Die Seitensprünge und Teufeleien,
sie sollen, Liebste, uns nicht entzweien.
Und nach Walpurgis bist du aufs neue
die keusche Muse, die himmlisch Treue.

*


Die Hexe lächelt insgeheim ...
Ich kenne deine dunkle Sendung:
Du bist der Funken und der Keim,
du bist Verwirrung und Vollendung.
 
Ich habe mich nach dir gesehnt, –
du stiegst aus müden Dämmerungen.
Ein Tag war tief wie ein Jahrzehnt:
Wir hielten uns in Leid umschlungen,

wir haben königlich gelacht.
Dann rittst du auf dem Flammenbesen
davon in holder Niedertracht –
als wär die Wahrheit nie gewesen.

 


GEDENKFEIER.

Wir werden nicht erstarren wie Chinesen ...
Verbrennen soll das Leben, nicht verwesen. –
Es kehrt im Land ein delikater Besen.
 
Einst war das Leben lustiger und bunter;
doch ist man ringsherum auch heute munter,
und würgt die Unerbittlichkeit hinunter.
 
Das waren Zeiten, wo die Götter ruhten. –
Wir sündigten. Sie kamen uns zu knuten. –
Wir müssen elend büßen und verbluten.

 


LIEBREIZ.

Schön ist, frei zu sein und eine Wahl zu haben, –
Range, mit dem Kopfe eines Edelknaben!
 
Und du, Maske, mit dem schmeichelgabenreichen,
ranken Mädchenkörper und dem nahen, weichen
Mund, – ein Fräulein ohne Makel, ohnegleichen!
 
Keine lieb ich inniger und keine minder:
Beide seid ihr meine tugendsamen Kinder.
 
Mit zwei Mägdelein im Café Ambassade
hocke ich. Sie rauchen, trinken Schokolade ...
Spiel der peinerkauften Maskerade,
Mummenschanz der Seele! ... – Jammerschade!

 


WEIBLICHER AKT.

Die Menschheit krankt an anderen Problemen:
Wir müssen uns der Liebe tüchtig schämen.
 
Astarte Aphrodite, sei gepriesen! –
Entführe mich den jämmerlichen Krisen!
 
Es grüßen deine eingemummte Seele
die frommen und begehrlichen Choräle.
 
Wir wollen hier die Leute nicht chokieren:
Du sollst in deinem eignen Land regiere !
 
Wir bauen uns in jenen Erdenräumen
ein Reich aus Lust und grenzenlosen Träumen.
 
Nackt, – nur bekleidet mit den Kronkleinoden,
so gleitest du durch meine Flammenoden.

 


SONETT.

Ich preise dich in schweifendem Sonette,
mit Worten, die von Strahl und Blüten triefen,
die einst in Sehnsucht nach Erlösung riefen, –
ich preise dich, Blondine und Brünette!
 
Mit Worten, kosenden und aggressiven,
du große Herzogin im Freudenbette, –
Tragödin, Odaliske und Soubrette, –
du Priesterin hervorgelockter Tiefen!
 
Ich liebe deine Haltung und Gebarung,
der Glieder rege Pracht und Gottesmacht,
der weisen Künste holde Offenbarung,
 
den leeren Schein, den lachenden Verdacht.
Dein Lächeln ist phantastische Erfahrung,
ist Spielwerk, Genius und Liebesnacht.


EIGENMÄCHTIGE MESSE.

Seid verscheucht, ihr Liebesdramen
vielbedrohter Pilgerschaft;
seid verabschiedet, ihr Damen,
träumend, aber tugendhaft!
 
Zwar die Meuchelreigen schwirren,
unersättlich steigt die See, –
und mich will der Mahre kirren
legendarische Armee.
 
Meine Unstat hat erkoren,
was ich nimmermehr gekannt.
Singt mir in die scheuen Ohren
ein versäumtes Wunderland.
 
Schwarze, blonde Seidensträhnen
haben mein Gefühl betört ...
Ist es seriöses Sehnen?
Ist es lästerlicher Flirt?

Aretinische Legenden
haben unser Blut entfacht;
und Geheimnisse vollenden
Werk und Kunst der Liebesnacht.
 
Die Beschämten und Vernarrten
ehr und heg ich allerwärts;
Träumen, Lieben, keine harten
Prätensionen wünscht mein Herz.
 
Rechtlich fallen die Gewänder,
fehlt uns nur die Minne nicht;
Luzifer ist ein Verschwender,
Venus meine Zuversicht.
 
Bin nur Gärtner, bin nur Hüter,
der die Klänge einverleibt ...
Süßer Kelch der Liebe – glüht Er,
Großmogul der blauen Güter,
mit dem Musenvolk beweibt.

 


OB DER BLÜTE

Zur Tugend fehlt dir die Notwendigkeit;
die Welt hält dich für einen Teufelsbraten;
doch bliebst du fromm und heimlich allezeit,
wenn die Versuchung und die Männer nahten.
 
Aus Elementen bist du aufgebaut,
daß Gott im Himmel seine Freude hätte;
allein dein spielerisches Herze traut
der Konvention nur und der Etikette.
 
Ich werde deines Wesens Mittelpunkt
in alle Ewigkeiten nicht ergründen;
ich weiß nur: deine stumme Seele prunkt
mit dem Gewand gebenedeiter Sünden.

 


GÖTZENDÄMMERUNG.

Meine Verse müssen keuscher werden! –
Krieg und Tugend brüsten sich auf Erden.
 
Allenthalben tut sich Tugend regen:
Menschen gelten, die Gesinnung hegen.
 
Muse! – so behilf dich ohne Zofen
in der Zeit der großen Katastrophen.
 
Puppen, legt euch still in die Kommode
und verschlaft die bange Episode.
 
So ... – jetzt könnt ihr abgeschlossen dösen!
Einmal kommt der Tag euch zu erlösen.
 
Meine armen, schönen, kranken Puppen
träumen nur von Truppen und Schaluppen.
 
Eine träumt mit rosenrotem Munde,
daß ihr junger Liebster ging zugrunde.

 


LAUNIGES GEMÄLDE.

Heut leuchtet klangdurchwoben,
ein Stern im trüben Meer,
am Firmamente oben
Diavolo Auber.
 
Er naht mit Reverenzen,
belustigend geschickt;
und wird uns gleich kredenzen
Konfekte und Konflikt.
 
Die Liebe ohne Tiefen
lebt lästerlich und froh:
die Liebe ohne Tiefen
im schwarzen Domino.
 
Ihr Nönnlein, reckt die Glieder,
an Sinnen jung und leicht,
und singt unsträflich Lieder
dem Abgott, dem »Vielleicht«.

Die Schönste im Gewimmel,
so aventürefroh,
will in den Liebeshimmel
im schwarzen Domino.
 
Verhüllt die Gottesgaben,
schleicht auf den Maskenball:
Die Greise und die Knaben
umgirren den Pokal.
 
Der Süßholzsyrupknabe
erspäht sie liebesfroh,
die Maiengottesgabe
im schwarzen Domino.

 


SCHRULLEN (ODER MÖMPELGARD).


1.

Ich liebe deine Silhouette, –
und feiere in Todesqual,
und feiere an Strick und Kette
acht Spötternächte Karneval.
 


2.

Und es bekannte, durch Tortur,
die elegante Kreatur
die ganz phantastische Affäre ...
Ach, ich entbehre die Hetäre. – –
 
»Der Pierrot von Marzipan
besaß ein rechtes Stiergewissen, –
und mit dem ehelichen Kissen,
ganz unermeßlich hingerissen,
kaum, daß er ihre Scham erblickt,
hat er das edle Weib erstickt:
ein Oger und ein Grobian.«

 
 


3.

Sie schätzte launenhafte Monologe ...
Dann sprach sie: »Lieber, sei kein Mystagoge,
und führ mich tanzen in die »Mädchenwoge«!«
 
– – Dann kamen Tage voller Blut, –
Geschäum der Drohung und der Wut ...
Vom Himmel haßte blaue Glut.

 


WEIBLICHER HALBAKT.


1.

Du warst Frisson und Phantasie, –
und wir Poeten, Musikanten
und Fabelträumende erkannten
den Nerv, den Funken, das Genie.
Gebaren dich die Alchemie
und neunmalweise Folianten?
Du warst Frisson und Phantasie ...
und wir Poeten, Musikanten
verstanden nichts von Wo und Wie.
Und wir vertrauten und entbrannten,
verließen Bräute, Frauen, Tanten, –
und liebetoller Jubel schrie:
Ein Licht im Nebel: Phantasie!
 


2.

Mein Lästermühmchen in Apoll
regiert im Land der Nibelungen.
Im Spiegel der Erinnerungen
erscheine ich mir ziemlich toll:
Wie war das Leben wundervoll!
(Ach, jene Zeit ist falsch verklungen) –
Mein Lästermühmchen in Apoll
betört die weisen Nibelungen.
Sie übertrieb in Dur und Moll;
sie liebte zarte Huldigungen:
wenn ich in nie gehörten Zungen
Kupido pries ... Geheimnisvoll
sind wir verbunden in Apoll.

 


FRÖHLICHKEIT OHNE DISTANZ.

Der Frühling balzt. Die Sonne ludert,
und lehrt uns den gewissen Weg
zur Sünde und zum Sakrileg.
Das Mädchen lacht, der Jüngling rudert.
 
Das sind die bösen Konsequenzen
der unverständigen Sentenzen;
und im Gebüsch die Nachtigall
erklingt so menschlich und real.
 
Soll ich den Teufel engagieren?
Soll ich vom Jammer räsonieren? –
Von Schulden, welche ordinär,
und die bedeckt das Tote Meer.

 


ORT DER FREUDE.

Das waren noch empfindungsvolle Reisen:
Man fuhr in irgendeine kleine Stadt,
die man auf gutes Glück erkoren hat,
den Traum zu laben und das Herz zu speisen.
 
Sie lag am Meer – graugrüne Herrlichkeit
umblühte sie – in reicher Einsamkeit.
Vom Belfried sang die fromme Melodie, –
und dennoch litten Mädchen Havarie.
 
Man schläft nicht immer auf gebauschten Kissen,
doch liebt man Weiblein – lauter Leckerbissen .
Denn wer enträtselt den geheimen Sinn
der unentwegten schmucken Bürgerin?
 
Und manches ist auch hier nur Flunkerei:
Ob ja, ob nein, ist manchmal einerlei.

 


BLAUBART-IDYLL.

Er kam an meine Tafelrunde
und lachte in den blauen Bart,
und störte manche Schäferstunde
auf eines Spiegelfechters Art.
 
Man jeute, lächelte und log –
es summte die Poetenstube –.
So führten wir den Dialog,
ich und der schöne Beelzebube,

 


BEGEGNUNG MIT DER SYBARITIN.

In der Zeit der lähmenden Miseren,
da mich Aberwitz leibeigen hält,
lebe ich wie hinter trüben Meeren,
abgeschieden von der fremden Welt.
 
Wie’s geziemt dem Scheuen und Verbannten,
hab den Trubel ich mir abgewöhnt;
die Trabanten, die mein Zwielicht kannten,
haben sich durch eigne Glut verschönt.
 
Aber Eine weiß ich ohne Reue,
und der redlichen Pathetik bar:
Über ihrer Schelmenaugen Bläue
dunkelt amüsant das schwarze Haar.
 
Um dich träumen lose Abenteuer –
etwas bin ich schon in dich verliebt –;
dein Geschimmer lockt mich ungeheuer,
das sich angenehm und sündig gibt.

Und wir plauschen ruhig und verbindlich,
oder lebhaft, ahnungslos, riskant;
ich benehme mich ein wenig kindlich,
und zum Abschied küß ich deine Hand.

 


EIN BRIEF.

Ich sehe dich in Breeches und Gamaschen,
ich seh dich mutig stapfen durch den Schnee ...
Wie gerne, meine raffinierte Fee,
möcht ich von deinen braven Gnaden naschen!
 
Ach, dieser Zeiten Basiliskenblick
zwingt mich in eine Unterwelt einstweilen:
Ich kann der Freundin nicht entgegeneilen,
nicht einmal klagen kann ich mein Geschick.
 
O, kehre wieder, rauschende Diane! –
Ich leide eine gottlose Tortur,
seitdem du in der gütigen Natur
Erholung suchst, und was ich sonst noch ahne.

 


VERSUNKENHEIT MIT TITINE.

Ich träume von entschwundenen Epochen,
ich wandle durch Jahrhunderte der Gotik:
Mir ist, als wäre nie der Bann gebrochen, –
heut hab ich wieder heilig dich gesprochen.
 
Ich weiß – du hattest grandiose Beine,
und manches sonst, was mir Pläsier verschaffte
doch heute geht mein Sinn ins Allgemeine,
auf Opferschalen und auf Altarschreine.
 
Und in Museen und Einsiedeleien
such ich nach deiner seelischen Noblesse ...
Ach, ich vergaß, daß man mit dir zu zweien,
auch ohne Gotik konnte froh gedeihen.

 


DIANAS CHRYSOPRAS.
Ein Fragment.


Motto:
»Die braune Liesel kenn ich am Geläut.«


»Der goldne Ring mit edlem Chrysopras
verbirgt ein Bild ... Ich will es profanieren:
Ich schenke dir Vertrauen ohne Maß,
und deinen unabsehbaren Manieren.
 
Du ahnst Geschick in weiser Bilderschrift, –
das Ringelein bedünkt dich nicht geheuer.
Der Chrysopras verbirgt ein heimlich Gift,
ein süchtig zauberhaftes Höllenfeuer.
Blick hin – es ist ein glückliches Motiv ...
 

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –
 

Der goldne Ring mit edlem Chrysopras
sei Lehre dir, – daß Lieb und tiefster Frieden,
gebieterisch und nicht zu leichtem Spaß,
dich an das Folterbette täten schmieden. –«

– »Ich schmiede mir ein eigenes System:
Die Liebe büßt auf vierzehn neue Arten.
Auf daß wir wohlgemut und angenehm
vollführen miteinander fromme Fahrten.«

 


EINE BEKLEIDETE
UND EINE UNBEKLEIDETE DAME.

Melusine, die Sünderin, spricht zur keuschen Diane:
»Siehst du meinen behenden und majestätischen Lauf?
Mich umjauchzen die Geistigen, und ich bin eine Fahne
merkantiler Romantiker, – und ich bin obenauf.
 
Du, von brennender Eigenart und von feschem Gebaren,
eine feurige Wienerin, hast es doppelt bequem ...
Und es kämen dir huldigen die vertrauenden Scharen,
und du trügest genießerisch süßen Ruhms Diadem ...
 
Ich bestaune mit Vorbehalt deine Demut, du Gute! –
Mit der ewiglich Schwankenden ist kein Tüttelchen los;
wegen deiner Prinzipien, sag ich »Gans« oder »Pute«.
Nur ein Narr frevelt rednerisch und in frechen Bonmots.«


FRANK WEDEKIND
EIN TRIPTYCHON.


I.

Er kannte Wanderkarren, Welt und Bühne,
Inferno, Fegefeuer, Faun und Phryne.
Verstand und Laune bändigten die Flamme;
doch war Gelassenheit nicht seine Amme.
 
Er hatte Zartheit, Festigkeit, Methode,
und war der Elle grimmer Antipode;
gebundne Wärme, alle sieben Sachen
besaß er, die den Alchymisten machen.
 
Es war nicht priapeische Etüde:
Er tat aus purem Wohlgefühl nicht prüde.
Die Mucker läuteten die gellen Glocken
ob solches äquivoken Paul de Kocken.

Im Garten seiner Hexenblutfontänen,
aus Phantasie und Witz entstanden »Münchner Szenen«. –
Ich liebe seines Allseins Meteore,
und seine harlekinischen Humore.
 
Dem flauen Alltag ist sein Weg entronnen
zur Schellenkomik und zu Mondeswonnen.
Er hatte die erotische Erfahrung,
gepaart mit makelreiner Offenbarung.
 
Er ließ die angenehmen Höllenfunken
am Himmel als Raketen leuchten, prunken;
und ein Gewimmel dieser bunten Sterne
durchgaukelte die Nebel und die Ferne.
 
Den Augen und den Ohren Schlemmermahle:
Saltomortale der Sardanapale;
Vandalen, Scharlatane und Sirenen,
die konvenieren, tosen und – sich sehnen.

 
 


II.

Doch sie, das göttliche Reptil,
die Allbegabte, Ausgesandte,
die er, in Spiel und Ueberspiel,
als seine Königin erkannte:
sie war auch Page und Vasall.
– Hie Zuckerbrot, da Peitschenknall –,
bald Demimonde, bald Heckenrose,
im Reich der Zwecke – Obdachlose,
bald sinnige Operation,
bald eine simple Schandperson.
Zwei Dutzend Masken – und ein Mädel
Den Larven war es nicht bewußt,
daß sie (als Damen und robust!)
erzeugt hat eines Dichters Schädel.
Von Polterlaunen laut umgrellt,
berauscht vom Liquor dieser Welt,
so muß er seine Kraft erweisen;
und alles was dazwischen kam,
wird sein Gebaren, krank vor Scham,
vor allem Volke schmähn und preisen.
Sie lächelt Gleichmut, Tändelei ...,
und, wie das Tier, der Gott, die Puppe,
ist er mit Schälken vogelfrei,
und tänzelt über Schacht und Kuppe;
liebt er den Markt und Karneval,
und der Tragödie Gestrahl.
Mit seinem Abgott, seiner Kröte
fühlt er sich selig, irdisch wohl;
es überflammt die starren Nöte
vielleicht – ein höheres Symbol.
Vielleicht – wird sie, Lulu-Lilith,
ihm die Unsterblichkeit verkünden:
Ein Schöpfer fand ein tolles Lied
in eines Chaos Felsengründen.
 


III.

Das große und das kleine Abc,
Verschlungenheit von wirren Labyrinthen, –
wir kennen das von vorne und von hinten;
wir wollen keine klugen Schlagenfinten,
vielmehr der neuen Menschlichkeit Idee.
Er ging voran, er war von den Erweckten;
er leugnete den Alltag für und für
(samt lahmen Walzen, tauben Dialekten).
Wir aber stehen vor der Zukunft Tür
und hehren, unabsehbaren Effekten.

Abgrund und Alltag im Konkubinat; –
erschöpft Intrigen, Lösung, Uniformen. –
Doch ein Mysterium ist jede Tat,
ich, du, der Tod, die Liebe und der Staat:
Der Dichter schafft die Welt nach freien Normen.

Wird er die Schönheit und die Jugend krönen,
erbaun der Kühnheit und der Treue Dom?
Wird er Verderbnis, Häßlichkeiten höhnen? –
Vielleicht sagt er: »Der Mensch ist autonom:
Ich huldige dem Häßlichen und Schönen.«

Frank Wedekind, pathetisch wie Jean Jacques,
durchwankt die Welt mit tragischer Grimasse
(hat Paßverdrießlichkeit auf dem Parnasse):
Zu Tempelhorten wird die Galgengasse,
die Farce kriegt Tragödiengeschmack.

Der Tod, ein sittenwidriger Kumpan,
hopst frisch und fröhlich durch die bangen Weiten,
regiert als Jaguar und Tamerlan.
Die Menschen kosten schnöde Seligkeiten
des Totengräbervolks in Pesteszeiten.

Man tanzt in einem bürgerlichen Haus,
und weiß gewiß: – man ist nicht auf dem Brocken.
Zur guten Stunde ist die Sache aus;
man ahnt dann nichts von Schwefel und Cake-walken
und wird daheim in hohen Züchten hocken.
 
Handschuhe, Mitgift, Mieder und Korsett,
dazu ein Arsenal der Moraline, –
sie schützen allerenden neckisch nett,
als eine Maske, eine Doppelmiene,
Marquis von Keiths leibhaftige Kusine.
 
Allein ihr vielgeliebten Amazonen, –
es geht hier nicht um einen stolzen Tand
(um Masken, Kleider und Dekorationen). –
An seiner höhnenden Cancane Zonen,
da Stürme schwelgen und Gesichte wohnen,
stößt der Tragödie gelobtes Land.