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Lou Andreas-Salomé – Drei Briefe an einen Knaben

Briefe

Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1917


Weihnachtsmärchen

Göttingen, im Dezember 1907.


Lieber Bubi, liebe Schnuppi!


Seitdem ich gehört habe, daß Mutts jetzt manchmal noch nach Eurem Schlafengehen zwi­schen Euren Betten sitzt und Euch was vorliest, läßt es mir gar keine Ruhe mehr, bis ich Euch auch was erzählt habe, und zwar, was mir gestern geschehen ist: am Goldenen Sonntag, nach vier Uhr.

Ich war von unserer Höhe in die Stadt hinunter gestiegen, um Kerzen zu besorgen für den Weih­nachtsbaum. Da unten gab es keinen solchen Trubel von Wagen und Pferden und sich abhetzen­den Menschen wie vor Festtagen bei Euch in der Hauptstadt. Aber in diesen stillen, engen Straßen und am winkeligen Marktplatz beim Rathaus, dessen schwache Beleuchtung jetzt nur etwas verbessert wird durch den vielen hellen Christbaumschein hinter den Ladenfenstern, könnte man sich dafür um so eher vorstellen, daß ein Knecht Ruprecht heimlich auftaucht zwischen den herumstehenden Kindern, sich Kinderwünsche notiert, hier oder dort verstohlen sich was aus den Schaufenstern langt, es in seinen großen Sack tut und irgendwo hinter den Ver­kaufsständen von Tannenbäumen ebenso unbe­merkt wieder verschwindet.

Mit meinen Kerzen in der Tasche ging ich aus der Stadt hinaus und bergan; denn ich wollte längs den Waldungen auf dem Hügelland zurück­kehren.

Nach blauen und sonnigen Tagen war es seit Mittag wolkig und windig geworden, manch­mal sprühte ein feiner Regen herunter. Mir fiel es deshalb durchaus nicht auf, als ich Jemanden sah, der sich seine Mantelkapuze tief über den Kopf gezogen hatte; einen großen, alten Mann mit viel weißem Haar und buschigen, weißen Aug­brauen, seinen Knotenstock in der Hand und einen grünen Rucksack über dem faltigen grauen Mantel, dessen Taschen, vollgestopft, weit abstanden.

Was mich wunderte, war auch nur, daß der Kapuzenmann in einiger Entfernung von mir da auf einer Bank zu sitzen schien, wo ich mich nicht erinnern konnte, je eine Bank gesehen zu haben.

Im Vorübergehn stellte ich auch wirklich mit gräßlichem Erstaunen fest, daß gar keine Bank da war. Saß der Mann mit all den schweren Sachen in der Luft?! Aber er saß so fest und behaglich hineingelehnt (es mußte sogar eine Bank mit Lehne sein und womöglich mit Rücken­polster), und ganz wie jemand, der sich aufs beste ausruht.

Ich versuchte möglichst schnell vorüberzu- flitzen, wißt Ihr. Denn geradezu ging mir der Atem aus vor Unheimlichkeit und Gruseln. Aber dann dachte ich: »Das Unheimliche im Rücken zu behalten, ist das allerärgste!«

Und deshalb drehte ich mich lieber noch ein­mal zu ihm um. Aber weil ich doch nun irgendwie erklären mußte, warum ich das tat, so sagte ich mit zitteriger Stimme:

»— Entschuldigen Sie, — da, wo Sie sitzen, ist ja gar keine Bank!«

Er lachte ein wenig, nicht laut, nur in sich hinein, aber doch so, daß es ihn etwas schüttelte.

»Ist auch nicht!« sagte er freundlich. »Wenig­stens möchte ich Ihnen nicht raten, sich darauf zu setzen meine Dame. Aber wie stellen Sie sich denn das vor, daß so ein armer Weihnachtsmann mit all den vielen Wunschzetteln zu Rande kommen soll, wenn er noch nicht einmal die Macht hat, sich selber einen so kleinen Wunsch zu erfüllen, wie eine Bank, wenn er müde ist? Ich bin dafür doch nur angestellt, weil ich weiß, wie man’s macht, — weil ich sozusagen vom Geschäft hin.«

Das leuchtete mir ein. — Euch auch, nicht wahr? Er hatte nichts Unheimliches, sobald er sprach. Das Gruseln und die Atemnot ließen nach. Und ich blieb natürlich wie festgenagelt stehen, denn ich zerging jetzt beinah vor Neugier, eine so interessante Bekanntschaft zu machen.

»Sie wissen doch wohl, weshalb man Weih­nachten feiert?« fragte der Alte mit einem prü­fenden Blick, — wahrscheinlich, ob ich auch würdig sei dieser Bekanntschaft, die mir da so unverdient zuteil wurde.

»Ja. Das weiß ich!« antwortete ich schnell, wie in der Schule, wenn man den Finger hochhebt. »Das geschieht jedes Jahr wegen Jesus Christus.«

Er machte mit seinem Stock eine Bewegung, — auch ungefähr wie in der Schule, wenn der Lehrer ein Zeichen für »ungenügend« einschreibt.

»Das mit Jesus Christus ist schon lange her!« erklärte er dann. »Sie wissen hoffentlich, wie lange es schon her ist, seit das kleine Kind im Stall in Bethlehem geboren worden sein soll? Nun, seitdem sind viele, viele kleine lebendige Kinder geboren worden, und die alle wollen durch­aus Weihnachten feiern. Jedes hat seinen eignen kleinen Geburtstag, und jedes war an dem Tag für seine Eltern dasselbe wie das kleine Kind von Bethlehem. Weihnachten ist nichts als der all­gemeine große Kindergeburtstag, der Lebenstag. Er wird gefeiert, weil alle Eltern dazu entschlossen sind, daß an diesem Tage sie und ihre Kinder noch einmal ganz besonders seelenvergnügt sein wollen über deren Dasein.«

Ich hörte bescheiden zu. Das gefiel ihm jeden­falls, denn er bemerkte wohlwollend, während es im vollen Rucksack knisterte und klirrte:

»Vielleicht wissen Sie ein Kind, das Ihnen besonders lieb ist und das ich bedenken könnte?«

»Ja! Zwei!« rief ich schnell, meine Bescheiden­heit verflog. »Aber ich werde zu Weihnachten nicht mit ihnen sein!« fügte ich bekümmert hinzu. »Und dann werden ihre Wunschzettel auch wohl von Charlottenburger Weihnachts­männern begutachtet werden müssen, — wegen der preußischen Ordnung.«

Diesmal lachte er nur in den Augen. Aber das war so hell und lachte in solchen Lichtbündeln heraus, daß im Schein davon aus den ab­stehenden Taschen allerlei aufblinkte, — Christ­baumschmuck und Gold.

»Ich und meine Kollegen sind eins!« bemerkte er mit Betonung, und erhob sich bedächtig von seiner Luftbank. »Was sind denn das aber für Kinder? Erzählen Sie doch mal von denen!«

Ich entwarf eine begeisterte Schilderung von Bubi und Schnuppi. Ich ließ auch geschickt ein­fließen, daß Bubi in der Schule als eine Oase in der Wüste bezeichnet worden sei, und daß Schnuppi gerade soeben den einzigen Fehler, den sie besaß, das Daumenlutschen, ablege, für drei Mark von Paps.

Ihr machtet beide einen großen Eindruck auf ihn. Er lächelte in den Bart und aus den Augen unter den buschigen Brauen kamen immer noch mehr helle Lichtbündel, während er neben mir bergan schritt; man hätte bald einen ganzen Weihnachtsbaum damit an allen Kerzen anstecken können.

Sehr freute es ihn, daß es Euch so gut ging. So gut, daß es ihm gar nicht mehr einfiel, er könnte sich da noch irgendwas zu tun machen, — was ihm doch sonst zu allererst einfällt, denn es ist ja sein Geschäft, und er ist sehr eifrig darin.

Natürlich war mir das auch wieder nicht recht. Den Weihnachtsmann leibhaftig festkriegen und ihn ohne Wunschzettel gehn lassen!

Ich seufzte deshalb stark und schmerzlich.

»Die armen beiden Kinder!« stöhnte ich.

»Ja wieso denn?« rief er laut und blieb erregt stehen.

»Ihre Hauptwünsche bleiben gänzlich unerfüllt diesmal!« jammerte ich.

»Rabeneltern!« rief er, von Mitleid für Euch gefoltert, noch lauter, und riß schon sein Notiz­buch heraus. »Also, was wünschen sie sich denn?!«

Ich erklärte rasch und feurig: »Bubi wünscht sich ein Luftschiff und Schnuppi wünscht sich lebendige Kinder.«

»Er soll schon noch mal mehr als ein Luftschiff kriegen und sich damit weiter als er wohl denkt in der Welt umsehn. Denn das ist recht, daß er nicht still hocken bleiben will! — Und lebendige Kinder? Wie viele müssen es denn sein?«

Ich entsann mich nicht, daß Schnuppi be­stimmt angegeben hatte, wie viele.

»Möglichst viele!« sagte ich deshalb, obgleich mir ja schien, daß es für den Anfang genug sein könnte mit so vielen, als sie auf französisch zählen kann.

Auch die Kinder für Schnuppi wurden für etwas später vorgemerkt: auf einem weißen Marzipantäfelchen mit einem braunen Stift aus Schokolade.

»Es muß schwer sein, die Notizen auf so vielen Marzipantäfelchen nicht alle zu verwechseln und zu verwirren!« meinte ich bewundernd, aber doch auch ein klein wenig besorgt, weil alles erst später kommen sollte.

»Die Wünsche guter Kinder behalt ich schon gut im Gedächtnis!« versicherte der Alte; »die bösen fresse ich ganz einfach auf.«

»— Die Kinder?!« schrie ich entsetzt.

»Die Wunschtäfelchen,« antwortete er be­ruhigend, »aber die aufgegessenen im Magen kann ich natürlich nicht lange behalten.«

Und er stieg wieder weiter auf und ab in den unebenen Wegen, hin und wieder etwas pustend und schnaufend unter seinen Siebensachen, von denen er jedoch nichts an ein Menschenkind zu tragen abgeben durfte.

Ich dachte nach, ob ich nun Schnuppi wohl für sicher sagen könnte, daß sie die vielen Kinder ebenso gewiß nachgeliefert bekommen würde wie Bubi dereinst sein Luftschiff?

Vorsichtig fragte ich:

»Gaben sich nicht früher meistens nur die Störche mit den Kinderbestellungen ab?«

Und ich meinte im stillen, wenn das erst von Weihnachtsmännern übernommen würde, dann käm es gewiß auch bald an die Dienstmänner und endlich an die Paketfahrtgesellschaft.

Zuletzt würde man sich seine Kinder wohl nur noch per Postkarte oder telephonisch bestellen. An die Störche war man nun so gewöhnt gewesen, aber der Alte schien von ihnen nichts zu halten.

»Das ist schon lange her!« erwiderte er mit einer abweisenden Handbewegung. »Sie scheinen nur Dinge zu wissen, geehrte Dame, die wenigstens über 3000 Jahre alt sind? Hörten und lernten Sie denn nichts vom Kinderklapperstorchgeneralstreik? Die Störche verlangten doch nach ihrer anstrengenden Dienstzeit im Kinderfach Lohn­erhöhung und Gleichstellung mit Schutz­engel-Rang. Die großen hellen Flügel hätten sie ja auch schon. Es ging aber wegen der Beine nicht, auch nicht wegen der Schnäbel, und dann auch, weil Engel ja singen und nicht klappern. Seitdem hat dann der Unternehmer, der ja der Herrgott in Person ist, den Störchen im Kinderfach ge­kündigt.«

Das Lachen kam dem Alten wieder, und als es ihn ordentlich etwas schüttelte, obgleich es auch wieder nicht laut war, da sah er mir einen Augenblick lang fast ein klein bißchen so aus wie Euer Großpaps.

Der war es natürlich nicht, aber Ihr müßt den Weihnachtsmann doch irgendwie in der Ver­wandtschaft haben.

»Seitdem haben die Störche sehr ver­loren!« sagte er. »Kein Mensch verehrt sie mehr. Man bemerkt plötzlich, daß sie ganz gern Vögel und kleine Häschen fressen, und gerade von den zartesten jungen Tieren verdächtige Knöchelchen in ihrem Nest gefunden werden, — — offenbar die alte Kinder-Vorliebe, die ihnen nun beleidigt auf den Appetit geschlagen ist. Die Menschen schreiben schon Abhandlungen darüber.«

»Tun denn nun seitdem die Engel alles selbst?« fragte ich lebhaft interessiert.

»Ach wo. Nicht einmal so viel wie Störche können Engel wissen von so kleinem Menschen­zeug. Von wo sollen sie das wissen? Sind ja nicht mal wie Schnuppi in die Lehre gegangen bei einer Mutts. Spielen ja nicht einmal Puppen. Nein, ganz einzig und allein die Schnuppi-Mütter wissen Bescheid. Daher ist dahin entschieden worden, daß es ihnen nicht erst, wenn es schon viele Pfund schwer ist, aus einem Storchschnabel in den Schornstein fallen gelassen wird, sondern von Anfang an bei ihnen logiert — nicht im großen allgemeinen Storch-Kinderteich, sondern in einem eigenen kleinen Teich. Von so winzig an schon, daß es noch ist wie ein reines Nichtschen, das Mutts unter dem Herzen wächst, bis es zu groß wird, um noch Platz zu haben, und hinausstrebt und schon etwas strampeln, schreien und saugen möchte. Dann kommt es in einen Korbwagen. Nur was es ißt und trinkt, muß ihm die Mutts noch ganz aus sich selber geben, indem sie es an die Brust nimmt.«

»Ja, ja! in unserer raschlebigen Zeit ändert sich alles so geschwind!« sagte ich; »ich muß Ihnen auch offen gestehen: ich glaubte selbst nicht mehr so recht fest an den Storch. Und das, was Sie da sagen, ist so viel schöner.«

Der Alte sah mich mit seinen fröhlichen Blicken an, an denen man ihn vielleicht immer erkennen würde, wenn sie sich nicht zurückziehen könnten hinter die weißbuschigen Brauen.

»Bald wird niemand mehr an so was glauben! Weder an den Kinderstorch, noch, an den Weih­nachtsmann,« bemerkte er, »die sind ja gar nicht mehr vorhanden.«

Erst meinte ich wohl, mich verhört zu haben. Behauptete er von sich selber, daß er gar nicht vorhanden sei?! Gab er mir vielleicht damit zu verstehen, warum er so ganz bequem auf einer Luftbank hatte Platz nehmen können?

Wieder wollte das Unheimliche mich über­schleichen, wie dort zu Anfang, — doch seltsam! nur etwas tief Heimliches wurde draus, wißt Ihr, von der Art, wie wenn man einem Geheimnis nahe wäre, das zu groß ist und auch zu schön, um so ohne weiteres aus beiden Augen angeguckt zu wer­den, — ungefähr wie das, was hinter der ge­schlossenen Tür des Weihnachtszimmers auf den festlichen Augenblick wartet, um zu offenbaren, was unsere heimlichen Wünsche doch ahnen.

Mir brannte das Herz, von wie vielem der Alte, der kräftig neben mir ausschritt, noch hätte er­zählen können, von wieweit Interessanterem noch als von den Störchen und dem Kinderkriegen. Und ich sagte ihm das.

»Freilich, freilich!« meinte er lächelnd und nickte zufrieden in seinen Bart. »Mit dem Wissen­wollen vom Kinderkriegen fängt es meist nur an. Und doch ist es was wert, daß schon die Kleinen davon zu wissen begehren, wo sie es doch gar nicht nötig hätten: gepflegt und versorgt, wie sie es auch ohne­dies sind. Denen, die da fragen, geht das Fragen immer weiter, und bleibt auch später nicht stehn bei dem, was sie aus Not und Nütz­lichkeit wissen müssen, sondern mit diesem herr­lichen Überschuß an Verstehen­wollen beschenken sie sich lebenslang am reichsten unter allen Men­schen. Mit ebenso Wunderschönem wie das von der Mutts ist und dem in ihr lebendigen kleinen Kind, so daß sie weder einen Wundermann noch ein Wundertier länger dazu brauchen können.«

Er blieb stehen.

»Wenn so ein Alter wie ich nur ein weniges von dem ausplaudern könnte, was Menschen zu erfahren noch bestimmt ist, — glauben Sie nicht, daß mir schon die Kinder aus Schulen und Spiel­stuben zuliefen, daß ich den ganzen Tannenwald hier oben voll bekäme? Und daß sie dabei aus­sehen würden, als hingen an lauter Lichtertannen goldene Zapfen und diamantene Sterne, bis selbst die wünschevollsten Kinder rein vergäßen, sieh nach den Geschenktischen darunter um­zusehn!«

Wir waren am Waldrand mit den großen Sand­steinbrüchen angelangt, von wo ich um­kehren mußte, wenn ich nach Hause kommen wollte. Wer konnte wissen, wo dieser Alte zu Hause war? Überall? Nir­gends?

Er schien auch nicht weiter zu wollen, sondern setzte sich nieder auf einen Vor­sprung des Bruchs, — nicht in die Luft diesmal, sondern auf gutem, solidem Steingrund, und warf den schweren Ruck­sack ab.

Neugierig und vorwitzig griff ich danach. Aber ich erschrak, als ich ihn heben wollte. Nein, nicht nur schwer war er, er war wie der Felsgrund selbst, auf dem er lag, wie unlöslich mit ihm eins, nicht zu heben für menschliche Kräfte.

Da tat der Alte mir sehr leid.

»Ich kann mir wohl denken, daß diese Weih­nachtstage ermüden und mühsam sind,« sagte ich, »ich kann mir wohl auch denken, daß Sie dann manchmal plötzlich wünschen, doch lieber auch ganz gekündigt zu bekommen wie die Störche. Und da sich Ihnen ja Ihre Wünsche zu erfüllen verstehn, wie Sie mir gleich anfangs auf der Luft­bank mitteilten, — so begreife ich nun auch, warum Sie meinen, daß wir bald ohne den Glauben an einen Extra-Weihnachtsmann auskommen sollen. — Aber lieber, guter Weihnachtsmann, es sind schließlich ja nur die paar schlimmen, über­bürdeten Tage für Sie im Jahr! Und wie viele von den Marzipan-Notizen essen Sie ja leider doch ganz einfach auf!«

Der Alte saß etwas zusammengebeugt unter den ziehenden Wolken im wehenden Winde und zog die Kapuze in das Gesicht. Merkwürdig buckelig kam er mir im Sitzen auf einmal vor.

»Ach, so ein Menschenkind, so ein erzdummes!« murmelte er dabei. »Als ob an euren paar Tagen allein was gelegen wär! Das wär ja so, als ob man über ein paar geputzten Weihnachtsbäumchen den ganzen großen Tannenwald nicht mehr sähe. Und was es alles an Wünschen gibt, schon in eurer Menschen­welt, und in eurer gar nicht allein! Wie viel gibt es nicht an kleinen lebendigen Jungen auch bei den Tieren, die sich an ihnen erfreuen wollen ohne alle Weihnachten! Und bei jedem Pflänzchen zuletzt nicht weniger! Was gibt es nicht in jeder Minute zu tun bloß mit dem Wunschzettelsammeln, du dummes, dum­mes Men­schenkind —«

Er murmelte es nur, so daß ich manches Wort gar nicht mehr recht verstand und es für mich seltsam eins wurde mit dem wehenden Winde. Oder sagte er am Ende überhaupt gar nichts, und hörte ich nur den Wind im Ohr —?

Ja, wirklich, er saß nur so da, ganz zusammen­gebuckelt von seinem verhaltenen Gelächter, — und wenn er jetzt lachte, so lachte er mich jeden­falls aus, und wollte das nur nicht unhöflich mer­ken lassen und verbuckelte sich deshalb immer noch mehr, der freundliche Weihnachtsmann.

Manchmal kam eine Wolke oben vorbei und entzog mir im unsichern Licht seinen Körperumriß vollständiger, als mir begreiflich schien, dann nahm er sich auf dem Sandbruch aus wie eine graue Steinpartie auf einer gelben.

Aber in mir selber wurde es dabei ebenfalls immer heller und fröhlicher, so daß ich mich neben ihn hinsetzte und nach seinem faltigen Mantel griff, — — und da fühlte ich Stein.

Nicht der Alte war das ja mehr, sondern nur noch der Steinbuckel selbst, auf dem er sich niedergelassen hatte.

Noch lag der Rucksack drauf. Grün anzusehn wie vorhin und obenhin auch ebenso weich zu berühren. Doch seinen Inhalt hatte der Bruch in sich hineingeschluckt, und nur Moos zog sich in graugrünen Flechten über eine kleine Erhöhung.

Dennoch fühlte ich gar nichts davon, daß mein interessanter Alter in Stein verwandelt und fort sei. So glücklich und herzensfroh fühlte ich mich, daß ich fast darüber weitergelacht hätte wie über eine lustige Maskerade, die er da nur vornahm.

Jedenfalls war diese große Fröhlichkeit das­jenige, was von ihm doch nachgeblieben war.

Und nun kam ein bißchen Sonne hervor, als ob sie mir helfen wollte, das übrige von ihm zu entdecken in irgendwelchem Versteck.

Hinter den Tannen fing eine Drossel zu schwatzen an, so, wie sie es im begin­nenden Vor­frühling tun; vielleicht täuschten die warmen Strahlen sie, — oder wurde vielleicht der Weih­nachtsmann soeben ihr sichtbar, und war dies ihre Unterhaltung mit ihm? Denn auch bei den Drosseln machte er sich ja zu schaffen und no­tierte Drosselwünsche, wenn auch vielleicht nicht auf Marzipan.

Ein rostbraunes Eichhörnchen mit buschi­gem Schweif kletterte wie ein Seiltänzer im Tannen­geäst zur Spitze heran. Dort hingen ein paar Zapfen bereit, vorher nicht bemerkbar im Nadeldickicht, jetzt von der Sonne berührt wie glitzernde Weihnachtsbaum-Zapfen.

Und auf einmal verstand ich erzdummes Menschenkind meinen Weihnachtsmann besser, — als winke er mir von da oben, ja von überall! Ich verstand, daß er nur ein Name sei für alles, was freundlich ist in unserm Leben, für alles freundliche, was in uns oder durch uns irgendwo geschieht.

So ungefähr wohl, wie die Klapperstörche nur noch Namen sind für das Wunder­schöne, was durch eine Mutts geschieht.

Natürlich, wo Kinder sich ganz Unerreich­bares wünschen, — entweder, weil sie zu arm dafür sind oder weil ihre Wünsche gar zu reich geraten sind, da denken sie leicht, höchstens ein Weihnachts-Wundermann könnte das noch zuwege bringen, und erwarten ihn zu sehn in seiner ganzen Maskerade mit Bart und Kapuze und Rucksack. Wo aber jeder Tag reich ist an Wunscherfüllung, nicht nur der Weihnachtstisch an Geschenken, da wird er selber gar nicht mehr sichtbar, da laufen ja schon ganz von selber seine Bestellungen ein.

Und nun erratet Ihr gewiß auch schon, wo der wirkliche Weihnachtsmann am aller­eigentlichsten seine Wohnung hat, und warum Ihr ihn dennoch selber nie gesehen habt, trotzdem seine Adresse im Telephonbuch steht unter Amt Ch. 3964? Ihr begreift gewiß, wie unsichtbar er allmählich werden mußte, ganz aufgelöst in lauter Freund­liches und Schönes, und immer so nahe bei Euch: nicht nur an dem einen Tag im Jahr, sondern an jedem einzigen Wochentage ebenso, denn er steckt in allem, was vorgeht unter den Augen von Mutts und Paps.

Aber nun werdet Ihr mich fragen, wie es denn dann kommen konnte, daß ich dem Weihnachts­mann grade begegnete.

Soll ich Euch das wirklich auch noch sagen?

Ja, ich will es tun! Seht mal, als ich da unten aus der Stadt hinausging und im Wind bergan, da hatte auch ich einen großen, großen Wunsch. Und einen ebenso unerfüllbaren, wie die Wünsche der armen Kinder vor den Weihnachtsbuden.

Das war der Wunsch, bei Euch zu sein.

Der Weihnachtsmann, der fast alles weiß, hat das wohl gewußt. Darum setzte er sich mir direkt vor die Nase auf die Luftbank, damit ich ihn er­kennen sollte.

Erfüllen konnte er mir meinen Weihnachts­wunsch nicht, weil ich kein Kind war.

Aber zum Schluß, als er sich in den Stein­buckel verwandelte, da hat er — um doch noch was von sich zurückzulassen außer dem bloßen Sand und Moos — mir diese Geschichte für Euch geschenkt.

Denn als ich nach Hause kam, fand ich sie bei den Weihnachtskerzen in meiner Tasche drin.

Und, wenn ich den Mann recht verstanden habe, ist es nicht die letzte.




Antwort auf eine Frage

Alvastra (Schweden),im Sommer 1911.


Lieber Bubi!


Bis jetzt schrieb ich Euch immer gemeinsam (sogar dann, wenn nicht jedesmal Eure beiden Namen in der Anrede standen) und nun ist es mit einem Male doch so, daß Du ein großer Junge geworden bist, während Schnuppi noch ein kleines  Mädchen bleibt. Auch sind es nicht mehr nur ge­meinsame Kameraden, die Ihr habt, und selbst wo sie es sind, gelten die Unterhaltungen nicht immer Euch beiden zusammen. Diese Änderung geschieht ja ganz natürlich durch die Schule. Und so konnte es kommen, daß etwas, was Schuljungen Dir mit­teilten, was sie mit Dir teilen wollten, Dich plötz­lich ihnen entfremdete und doch gleichzeitig Dich auch innerhalb Deiner eignen Familie fremder werden ließ. Denn in Schnuppis sorgloses Spiel paßte es so wenig hinein wie eine Kellerratte in ihre Puppen­stube gepaßt hätte, und zu Deinen Eltern konntest Du nicht davon sprechen, weil, was Du hörtest, für Dich eben grade sie betrifft. Allerdings unterschreibst Du auch heute noch aus vollem Herzen, was Schnuppi kürzlich in ihrer schönsten Kalligraphie ihrer Mutter etwas un­erwartet in deren Wäschebuch zwischen die Hem­den, Strümpfe und Zahlen eintrug: »Meine Mutts ist die allerliebste Frau in der ganzen Welt.« Aber schon vor ein paar Jahren warst Du ärgerlich darüber, daß Eure Katze es ablehnte, ganz aus sich selber kleine Kätzchen hervorzubringen und fandest ihren Anspruch auf einen Kater absolut unan­gebracht.

Dennoch würde es Dich weder verwundern noch verletzen, führte man Dich vor ein Wasser, worin eine Fischmutter ihre Eiermasse abgesetzt hat, und erläuterte man Dir, wie, an dieser Masse vorüberschwimmend, ein Fischvater sie erst mit seiner Flüssigkeit begießen muß, damit die junge Fischbrut draus ent­stehe. Von Ei und Samen hast Du in der Naturgeschichte gehört, und wenn Ihr bei Eiern auch meist nur an die Frühstücksstunde denkt, so weißt Du doch, daß sie den weiblichen Anteil beim Brutgeschäft dar­stellen, wie der Samen den männlichen. Auch von den Säuge­tieren weißt Du, deren Brut nicht zustande kommen könnte unter so schutzlosen Verhält­nissen wie etwa der Froschlaich draußen in Wind und Wetter sich zu Fröschlein ent­wickelt, — ja, nicht einmal in der geschützten Lage, die das Vogelei unter der brütenden Wärme der Vogel­mutter erhält, sondern nur im Leihe der Mutter selbst. Dadurch ist das Entstehen des neuen Lebens in doppelter Weise an das Weibchen ge­bunden: sowohl durch den Stoff, den es zur Zeugung beiträgt, als auch durch den Leib, worin es das Gezeugte bis zur vollen Geburtsreife trägt. Wo dies der Fall ist, da hat die Zweiheit der Geschlechter, als Mannheit und Weibheit, ihren besondern Charakter darin, daß das Weib der tragende Mutterkörper ist, der Mann aber derjenige, dessen Samen bis zu dem in ihr bereit ruhenden Ei gelangen muß, also anstatt wie bisher sich außerhalb zu ergießen, nun in den weiblichen Leib einzudringen hat. Du siehst, wie hierin das wichtigste Geschlechtsereignis besteht: das neue Leben hängt davon ab, ob im Innersten des Weibes Ei und Samen aufeinandertreffen können. An der­selben Stelle, aus der später, beim Menschen in un­gefähr 9 Monaten, das Kind zur Welt geboren wird, ist deshalb der weibliche Körper dem männlichen zugänglich, öffnet er sich in den besonderen Leibesraum, wo das Kind keimen und groß werden kann, und an der gleichen Stelle sammelt sich im Manne der kostbare Lebenssaft in zwei Behältern (den Hodensäcken), aus denen seine Kraft ihn dem weiblichen Ei entgegenstößt.

Aber ich höre Deinen Einwand, Deine Frage, die es nicht glauben mag, daß bei diesem Vorgang alles immer so »mit rechten Dingen« zugehe. Denn wenn nicht doch etwas Häßliches an der Sache wäre, warum dann überhaupt dieser Auf­wand von Heimlichkeit, der sie unzweifelbar über­all umgibt und sich mit so viel Scham, so viel absichtsvollem Versteckspiel verbindet? Darauf gibt es indessen eine schöne Antwort, Junge: es sind nämlich nicht nur die häßlichsten Dinge, die man am heimlichsten tut, sondern auch die herzlichsten. Hast Du nicht etwas wie eine feine Vorahnung davon schon erfahren, neulich, als ich Dich mit Schnuppi von der Schule holte und Du Deinen Mantel abwarfst, um sie vor dem strömenden Regen zu schützen, — darauf jedoch vor den lächelnden Schuljungen rot und verlegen zur Seite gingst? Und nun denke, wie das Gefühl, welches Dich zum kleinen brüderlichen Ritter­dienst trieb und nicht gern bemerkt sein wollte, doch noch ganz anders von aller fremden Gegen­wart gestört werden muß in dem, was zwei Menschen zueinander treibt im Liebesdienst vor dem Kinde. Denke, wie jede Zärtlichkeit, deren Du Dich seit klein auf entsinnst, dieser einen herzlichsten aller menschlichen Zärtlichkeiten gegenüber kaum so viel bedeutet wie das flüchtige Aufblinken eines Fünkchens gegenüber einer ganzen, starken, hellen Lichtglut. Denn es ist ein Unterschied, ob wir, fröhlich und zärtlich, an unserm Leben unsere Nächsten teilnehmen lassen in Kuß und Händedruck, Anschmiegung und Liebkosung, oder ob wir Leben weitergeben in seinem eignen, leibhaftigen, leiblichsten Sinn, worin es, auf diese Stunde wartend, in jedem Wesen verborgen ruht. Deshalb scheint es uns, als ob um Menschen herum, die einander offenstehen für dies gemeinsamste Erlebnis, sich Wände auf­richten müßten, unsichtbare Schutzwände von selbst, um sie zu verbergen vor den Blicken Un­beteiligter wie vor einer Entweihung. Gibt es doch nur zwei Arten, wie darauf geblickt werden kann: entweder mit der Ehrfurcht, die darin das Geheimnisvollste der Natur achtet, oder aber mit der Neugier, die daran nicht das Geheimnis zu sehen weiß, sondern nur ein aufregendes, interessantes Heimlichtun.

Und hier sind wir, glaube ich, an dem Punkt angelangt, wo Deine Schulkameraden Dir das Verständnis durch ihre Bemerkungen verwirren mußten, anstatt es zu klären. Es ist der Punkt, wo zweierlei Heimlichkeiten aufeinander zu stoßen, sich zu kreuzen scheinen, — sagen wir einstweilen: die »häßliche« und die »schöne«, — und aus begreiflichen Gründen konnten sie Dir nur von der ersten sprechen, nämlich von äußern, körper­lichen Handlungsweisen, von der heimlich­-gehaltenen Außenseite solcher Vorgänge, deren Innenseite, deren Gefühlsbedeutung für sie noch nicht existierte. Denn während bei jeder andern Zärtlichkeitsform (denke an irgendeine, die du kennst) der körperliche Ausdruck und der Gefühls­ausdruck einander ohne weiteres gegenseitig er­klären, ist es bei dieser einzigen vollständigen Verbindung zwischen Menschenkörpern ja nicht so, — und zwar deshalb, weil ihre Annäherung nicht nur sich selber zum Ziele hat, sondern außerdem noch unwillkürliche Bemühung ist um das Ziel darüber hinaus, — eben in dem, was sie frucht­bar machen soll: in der Annäherung von Ei und Samen. Deswegen ist dies Innerlichste und Ver­borgenste am leichtesten zu mißdeuten oder zu verhöhnen. In der Tat, sobald man die Liebe der Geschlechter derjenigen Bedeutung entklei­det, die sich von außen her nicht in die Augen drängt, all der Gefühle, die sie unsichtbar begleiten, dann steht sie in so armer Nacktheit und Wehrlosigkeit da, wie keinerlei sonstige Liebesbezeugung zwischen Menschen, und ist jeder Scham, jeder Er­niedrigung durch die Neugier oder den Unverstand preisgegeben. Vielleicht ist das deutlichste Bei­spiel dafür die Art, wie wir alle auf das Geschlechts­leben von Wesen blicken, die uns ferner stehen: zum Beispiel auf das der Tiere. Was wir davon sehn, kommt uns meistens gar nicht als Zärtlich­keit, sondern als eine wunderliche Anstrengung, als drolliges oder unbeholfenes Geberdenspiel zum Eindruck. Denn da verstehn wir ja wirklich fast nur die körperlichen Bewegungen dran, während wir vor dem Übrigen ähnlich dumm dastehn, wie ein Elefant oder eine Maus vor unsern Erlebnissen stände. Wir müssen lachen, wenn einmal im Gequake eines Frosches sein inneres Liebesleben Sprache zu gewinnen sucht, und nehmen von unserm menschlichen Standpunkt aus an, daß es ein solches in unserm Sinn nicht oder doch nur kaum gäbe: trotzdem uns mitten aus der Tier­welt heraus ein Geschöpf erstanden ist, das uns auf süße und eindringliche Art eines Bessern be­lehren könnte, — im Singvogel. Denn dessen Lieder sind ja seine Liebes- und Hochzeitslieder, und wenn wir ihnen im Frühling lauschen, kommt es uns vor, als sprächen die kleinen Vogelstimmen unsere eignen Gefühle manchmal inniger und wahrer aus, als wir es mit unsern groben Menschen­zungen zuwege bringen.1

Erscheinen unserer Organisation Lebewesen, noch fremder als Tiere es schon sind, hören wir schließlich nicht nur auf, ihren Gefühlsmöglich­keiten nachzugehn, sondern auch an ihren Außen­formen noch entfernte Menschenähnlichkeiten zu erkennen, so finden wir an ihnen auch nicht mehr irgendwas »häßlich« oder »drollig«, auch an ihrer Geschlechtlichkeit nicht: denn wir vergleichen sie nicht länger mit der unsern. Dies ist der Fall mit der Welt der Pflanzen. Wir verwundern uns nicht einmal über die Tatsache, daß die lebendigen Gewächse ihre Geschlechtswerkzeuge hinaufhalten in die Luft und Sonne, und direkt bestrebt sind, sie durch Geruch und Buntheit noch kenntlicher und in die Augen fallender zu machen: was wir die »schöne Jahreszeit« nennen, das ist ja nichts als dieser große öffentliche Hochzeitsrausch der Pflanzenwelt, deren Samenstaub uns umweht und deren gesteigertes Leben uns zu des Sommers Poesie wird. Wir erwarten hier am Geschlecht­lichen nichts Geheimgehaltenes, weil dermaßen das Pflanzendasein als Ganzes uns geheim und ver­borgen bleibt im Innersten, — es verrät uns selbst in dieser Offensichtlichkeit deshalb von sich so gut wie nichts. Was daran so farbig, duftig und ausdrucksvoll herauskommt, hat man mit Recht einer bloßen List, Verstellung, Maske verglichen, — »bunten Wirtshausschildern«, womit doch nur die Insekten angelockt werden sollen, zum Honig in den Kelchen hinabzusteigen und so den Samen mit sich hinauszutragen als unfreiwillige Heiratsvermittler der Pflanze, — wenn nicht gar (wie die Windblütler tun) der Samen ein­fach vertrauend dem Gutdünken des Windes über­geben wird. Denn selbst im Liebesgeschehen, wo Mensch und Tier ihr engstes Zueinanderkommen suchen, — wohl weil sie nur an diesem Punkt ihre engen Grenzen brechen können und eins werden mit dem Andern, — selbst da also bleibt die Pflanze uns entgegengesetzt. Hat sie doch das alles gar nicht erst nötig, — sie, die von vorn­herein in so wunderbarer Einheit mit allem lebt, daß sie noch Stein und Staub, »toten« Stoff, zu Leben zu wandeln vermag, und dadurch ja auch erst unseres Leibes Allzusammenhang, seine Luft und Nahrung, für uns vorbereitet. Dort, wo sie dies schafft: in den dunkelsten Wurzeln, die sie ebenso tief in der Erde vor uns verbirgt, als sie Samen und Stiele hochstreckt an die Sichtbarkeit, können wir ihr in der Tat deshalb nicht mehr nachdenken, — können wir von ihrem wirklichen Wesen nur noch reden wie aus Märchen und Bildern, als träumten wir im Grunde nur dieses Pflanzenreich, das allein unter allem, wovon wir wissen, mit seinem Dasein zugleich beheimatet ist im Lebendigen wie im Toten. Den stärksten Ausdruck, meinem Gefühl nach, erhält diese Be­sonderheit des Pflanzlichen in dem Umstände, daß die Pflanzenfrucht, das schon geschaffene Kind der Pflanze, erst nochmals in die Erde zurück muß, um sich in der Oberwelt entfalten zu können. Nicht wie Menschenkind und Tierbrut wird sie ein­malig geboren, sondern zweimal, in zwei Reichen; fertig gezeugt erst in jener unterirdischen Tiefe, darin sie nochmals getötet, in ihre Urgestalt zer­sprengt wird, um alsdann in unsere Welt hinein­zureichen, unser Dasein an der Sonne zu teilen, sodaß, was uns »Tod« heißt, für sie noch mitumfaßt ist in dem, was uns Leben heißt.

Unserm Verständnis noch weit entrückter als die Vegetation sind diejenigen Lebewesen, die weder in unsere wissenschaftlichen Schubfächer für die Fauna, noch für die Flora — um diese Dir bekanntgewordenen Fremdwörter zu benutzen — hineinpassen wollen, indem sie nicht, wie diese alle, aus einem Bau mehrfacher, von vielen Körperzellen zusammengesetzter Organe bestehen, sondern aus einer einzigen Zelle allein. Bei der Pflanze nehmen wir noch das Sinnenfällige am vollsten wahr, wir lassen es dadurch wenigstens noch als Bild, als »ästhetischen Eindruck«, nämlich als Schönheit, uns erfreuen, was soviel heißt, wie: fast nichts an ihr in direkte praktische Vergleiche mit uns selbst ziehen können; — doch die Miriaden der Einzeller, die viel zahlloser die Welt erfüllen als alle Pflanzen und Tiere zusammengenommen, entziehen sich meist überhaupt der Wahrneh­mung durch unsere Sinne. Wo sie deshalb dem Menschen merkbar zu Leibe rücken, wie in den verschiedenen Bazillen (Bakterien, Kocken, Spirillen usw.), da wirken sie beinahe wie eine, sei es uns nützliche oder uns schädigende, unfaßbar-unsichthare Geistermacht. Erst unter dem Mikroskop kehren sie unserm Auge zur Wirk­lichkeit zurück, dadurch daß ihre Organisation sich uns in ihrer besonderen Welt enthüllt. Wir sagen auch dann noch: eine einfachere Orga­nisation als unsere komplizierte ist, aber im Grunde können wir damit doch nur meinen: eine total von der unsrigen verschiedene. Denn wenn ihr z. B. unsre Füße zur Fortbewegung fehlen, so vermag solch ein Zellklümpchen dafür gliedmaßähnliche Fortsätze hervorzustrecken und hinterher wieder in sich aufzulösen, sobald es sie nicht mehr braucht; und ebenso märchenhaft hilft es sich auch im Geschlechtlichen: da teilt es sich ohne weiteres in zwei Teile und in jedem lebt das Ganze als in einem neuen Exemplar fort. Ungefähr so also, wie wenn Du einmal fändest, daß Du zu lang oder dick geworden seiest, und vorziehen würdest, lieber in kleinere Bubi-Exemplare auseinander­zugehen, die sich später, nachdem sie ebenso dick geworden sind, wiederum teilen, so daß, ohne Geburt und Tod, immer ein und dasselbe Bubi es endlich zu ungeheurer Lebensdauer bringen müßte. Das Wichtigste an dieser Tatsache ist für uns aber, daß auch wir selber etwas von solcher Ewigkeit in unserm Körper beherbergen, und zwar gerade in unsern Geschlechtsstoffen, im Ei und Samen. Inmitten der Vielzelligkeit unserer Organe sind Ei und Samen allein derartige Ein­zeller geblieben, die ein klein wenig vom ge­samten Körperinhalt in sich beherbergen, und nur deshalb kann immer wieder ein ganzes neues Menschenkind hervorgehen aus ihrer scheinbar allereinfachsten, weil tatsächlich »alles« in sich vereinigenden Organisation. Bei uns müssen, damit das geschehe, allerdings zwei Einzeller, Ei und Samen, sich dazu zusammentun: aber auch bei denjenigen Einzellern, die außerhalb der tierischen und pflanzlichen Körper leben, hat mau beobachtet, daß wenigstens hin und wieder eine solche Verbindung, Verschmelzung, vorangehn muß, damit der Zerfall in viele neue Teilchen seine Kraft behalte: also auch hier ist das Letzte, was unsere Augen erkennen, die Zweiheit, die allem Leben zugrunde liegt.

Freilich sehn wir hierin kaum noch »Ge­schlecht« und »Geschlechtsgeschehn«: denn wie wenig nehmen wir noch überhaupt »lebendiges Geschehen wahr an Stelle von unbelebten Vorgängen. Das will heißen: so fremd und fern von unserm Verstehen gehen sie vor sich, daß wir kaum noch etwas von uns selber an ihnen erfahren, und das allein ist uns ja »Leben«. Woran wir gar keiner Ähnlichkeit mit uns mehr bewußt werden (mag sie noch so sehr da sein), woran wir also in all unsern Ausdrücken im Grunde nur noch zu schildern vermögen, was wir nicht sind, wie wir uns nicht verhalten, das nennen wir »tot«, »toten Stoff«, »Gegenstand«, »Ding«, — was alles durchaus nur heißt: »unverstanden«. Dar­um hat da auch unser lebendig begleitendes Ge­fühl eine Grenze: Zuneigung sowie Unwillen fühlen wir vollmenschlich nur noch dem Tier gegenüber. Die Pflanzenwelt kann nur noch uneigentlich vom Menschen geliebt und gehaßt werden, und in die Einzellerwelt fast schon wie in die des Unbe­lebten — die Welt der Physik und Chemie, — finden wir uns mit starken Gemütsäußerungen (soweit sie direkt, nicht bloß gleichnisweise erregt werden!) im Grunde nur mit einer Ab­wehräußerung hinein. Nämlich da, wo dies scheinbar Unbelebte, das wir ausdrücklich als nicht Unseresgleichen von uns ausschalteten, sich an den Platz unseres Lebens zu drängen scheint, da wehren wir ihm mit Ekel: d. h. mit der Abwehr einer Verunreinigung durch Fremdes. Ekel entsteht sofort, wo wir an eine solche Ver­unreinigung des Lebendigen denken, auch falls sie tatsächlich nicht eintritt. Wenn wir uns z. B. vor in Fäulnis übergegangenen Vegetabilien ekeln, so gilt das nicht ihnen, die für den Pflanzenboden kostbaren Lebensdünger bedeuten können, son­dern einer Verwechslung, wodurch wir sie, etwa als Nahrung, in unsern menschlichen Mund und Magen hineindenken. Am unmittelbarsten drückt sich dies deshalb aus gegenüber den Stoffen, die unser eigner Organismus als tote aus sich hinaus­wirft, nachdem er ihnen entnommen hat, was ihn lebendig fördern kann. Indem solche Aus­scheidungsstoffe durch unsern Körper durchgehen und demnach so tun, als wären sie er selber, liegt in bezug auf sie das Gefühl der Verunreini­gung am nächsten, und bildet gewissermaßen die Ausgangsstelle für allen Ekel. Allerdings ja nicht von vornherein: denn ganz kleine Kinder, ehe sie dergleichen unterscheiden, hegen daher auch noch keinen Ekel, sondern zählen auch die aus­geschiedenen Stoffe ihrem Besitztum zu, bekunden folglich lebhaftes Interesse für sie als für ein Stück ihrer selber, auf das sie einigermaßen stolz sind, und von dem sie sich nicht ganz ohne Bedauern trennen, als gebührte ihnen eigentlich dafür eine Entschädigung. Ein kindisches Verhalten üb­rigens, unter dem doch eine erste, wichtige Er­fahrung zum Ausdruck kommt, die schon wenig später, nachdem der Ekel erlernt worden ist, nicht mehr wirksam geworden wäre: die Erfahrung nämlich, daß wir uns schaffend verhalten können, und nicht nur aufnehmend, — daß überhaupt etwas, das wir sind, außer uns, also getrennt von uns, da sein kann; als ein Teil der Welt existieren kann, ohne uns selber doch zu ver­ringern.

Es gibt aber einen besondern Grund, weshalb ich auf diese scheinbare Abschweifung komme, weshalb sie mir zur Sache zu gehören scheint, so wenig hübsch sie sich auch anhört. Wir wollen ja nicht hübsch miteinander reden, sondern nach Möglichkeit ehrlich, und da meine ich nun: daß der Eindruck der Schuljungen-Bemerkungen auf Dich mit diesem ganzen Sachverhalt zusammen­hängen mag. Denn längst habt Ihr alle den Ekel reinlich erzogener Kinder vor manchen Vor­gängen, und doch erinnert Ihr Euch alle noch dessen, daß es nicht von Anfang an so gewesen ist. Vielleicht auch dessen, daß Ihr damals noch ohne Ekel den Ursprung der kleinen Kinder Euch aus ähnlichen Vorgängen zurechtphantasieren konntet. Und als Ihr nun zu erfahren .glaubtet, wie nahe tatsächlich im Körper beisammen liegt, was Ekel erregt und was die Liebe erregt, da hat sich Euch beides fast wieder in eins ver­wechselt: grade deshalb, weil früher einmal für Euch selber ein Vergnügen, ein Behagen, mit dem jetzt nur noch Ekelerregenden zusammenhing. Das bißchen böses Gewissen, das Ihr aus Eurer damaligen Erziehung zur Reinlichkeit lerntet, hängt sich dadurch jetzt an die Handlungen der erwachsenen Leute; es verwirrt Dich, und er­niedrigt die Geschlechtlichkeit in Deinen Augen, daß der Ausgang, durch den der Leib sich seines toten Abfalls entledigt, so wenig unterschieden sein soll vom Zugang zum Kostbarsten und Lebendigsten, das sich in ihm zusammenschließt. Aber auch wenn für den äußeren Blick der räum­liche Abstand zwischen beidem noch so groß wäre: es würde trotzdem für Dein Gefühl das Ungeheure des Abstandes von »Lebensspende« und »Auswurf« sich nicht genügend kennzeichnen können, bevor nicht dieses Gefühl selber dafür gereift wäre. Umgekehrt geschieht es darum ja auch dem kleinen Kinde, daß es das Tote, Ausge­schiedene seinen lebendigen Körpergliedern ähn­lich wertet, ehe das Unterscheidende ihm innere Erfahrung geworden ist. Was eine solche Unend­lichkeit legt zwischen Leben und Tod, Liebe und Ekel, Umarmung und Leibesreinigung, Zeugungs­stoff und Abfallstoff, geht uns auf an unserm Erleben des Geschlechts. Das Geschlechtliche überwältigt uns von dorther, wo das Leben sich in seinen unscheinbarsten, dem Auge von totem Stückwerk kaum unterscheidbaren Kern zu­sammengezogen hat, um ewig neu Leben aus sich zu entlassen; von dorther, wo es sich am undurchsichtigsten verbirgt, um am durchgrei­fendsten zur Wirkung zu kommen. Deshalb fühlt es sich in der Tat so an, als walte hier im Allerunvermutetsten etwas von Wunder, Zau­ber, Hexerei; als sei im Geschlechtsgeschehen ein wenig von dem, was in den Märchen vorzu­kommen pflegt: daß die Liebe aus dem Frosch den Prinzen entzaubert, aus Staub blühende Blumen, — daß sie das: »Es werde!« über die Dinge spricht; hallt ihr Auferstehungswort doch unaufhaltsam weiter und weiter, wirkend durch die Geschlechter, bis in alle Zukunft. Deshalb ist es hier, wo alle Kenntnisnahme von den Vor­gängen, und sei es die ausführlichste und ge­naueste, nicht mehr vorwärts bringt, denn an das Wunder des Lebens kann das Leben immer nur wieder durch sein eignes Wunder heran­bringen, und dann wie an das Selbstverständlichste, ja einzig aus sich selbst Verständliche. Das Wissen bleibt dem gegenüber doch immer wieder an den äußerlichen Anschein und damit an das bloß Todähnliche gefesselt, — und in diesem Punkt gleicht das Viertelwissen Deiner Kameraden dem gelehrtesten der edelsten Forscher. Nur daß diese wissen: daß es nicht an irgendwelchen Heimlichkeiten liegt, die man nicht lüften dürfte, sondern an dem, jedem Einzelnen, ewig-neuen, Geheimnis, das sich auch Euch erschließen wird, wenn ihm die Zeit erfüllt ist, — als der Märchen letztes, das »Märchen des Erwachsenen«.




1Hierzu möcht ich Dir eine Briefstelle ausschreiben, die Antwort war auf diese Blätter: je tiefer Du sie später erfassen wirst, desto mehr wirst Du Dich an ihr freuen:

»Schön hab ich’s aufgefaßt, wie mir’s noch nie sich darstellte: dieses immer weiter Hineinverlegtsein des entstehenden Geschöpfs aus der Welt in die Innenwelt. Daher die reizende Lage des Vogels auf diesem Wege nach Innen; sein Nest ist ja fast ein von der Natur ihm bewilligter äußerer Mutterleib; den er nur aus­stattet und zudeckt, statt ihn ganz zu entfalten. So ist er dasjenige von den Tieren, das zur Außenwelt eine ganz besondere Gefühlszutraulichkeit hat, als wüßte er sich mit ihr im innigsten Geheimnis. Darum singt er in ihr, als sänge er in seinem Innern, darum fassen wir einen Vogellaut so leicht ins Innere auf, es scheint uns, als übersetzten wir ihn, ohne Rest, in unser Gefühl, ja er kann uns, für einen Augenblick, die ganze Welt zum Innenraum machen, weil wir fühlen, daß der Vogel nicht unterscheidet zwischen seinem Herzen und ihrem. — Einerseits wird nun dem Tierischen und Menschlichen viel zugenommen durch die Hinein­verlegung des ausreifenden Lebens in einen Mutter­leib: denn er wird um soviel mehr Welt, als draußen die Welt Beteiligung an diesen Vorgängen einbüßt (als wäre sie unsicherer geworden, hat man’s ihr fortge­nommen, —) andererseits: (aus meinem Taschenbuche, voriges Jahr eingeschrieben, in Spanien, — Du wirst es erinnern, die Frage:) »Woher stammt die Innigkeit der Kreatur? aus diesem Nicht-im-Leibe-herangereift-sein der übrigen, das es mit sich bringt, daß sie eigent­lich den schützenden Leib nie verläßt (lebenslang ein Schoßverhältnis hat).«


Hinzugefügter Brief aus Paris, vom 20. Februar 1914

von Rainer Maria Rilke.




Geleitwort

Wien, im Herbst 1913.


Mein lieber Junge!


Einmal schrieb ich Dir Briefe, von denen man meinen mochte, sie kämen etwas zu früh an ihre Adresse. Und so ist auch diesmal mein Brief vielleicht auf Zuwachs berechnet. Aber noch sehe ich Dich, bei unserm Gespräch vor meiner Abreise, vor mir sitzen in Deinem nagelneuen Jackenanzug, mit den ersten langen Hosen, und auch in dies Bild, daß Du kein Junge mehr, daß Du nächstens ein Mann bist, mußt Du Dich ja jetzt hineinwachsen. So richte ich mich denn ruhig an das Zweierlei in Dir, das noch der Kind­heit und doch schon der Mannheit angehört, und über so viel Vergangenheit und Zukunft kaum zu einer selbständigen Gegenwart gelangt. Für diese Übergangs­zeit ist der wenig liebreizende Name: Flegeljahre erfunden worden, und bestände er nicht einigermaßen zu Recht, flegelte sich da nicht wirklich allerhand durcheinander, was seinen richtigen Standort noch nicht fand, dann fehlte mir im Grunde der Anlaß zu diesem Schreiben. Man sollte eigentlich denken: wie Krawatte und Manschette zum erstenmal dazu lockt, sich tadel­los zu präsentieren, so müßten von so feierlichen Attributen auch die Manieren des inwendigen Menschen Vorteile beziehn. Statt dessen erlebt etwas Hemdärmeliges in Dir eine neue Auflage, ergibt sich grade dort, wo man es am wenigsten erwartet, dem Vergnügen, als ein bißchen Rüpeljunge aufzutreten. Nun nimmt ja allerdings der tüchtige, natürliche Wunsch, sich durchzusetzen, mit der Kraft dies zu tun, zu, und die gesteigerten Kräfte Deiner Jahre suchen mit immer vermehrter Lust nach Betätigung. Aber andrerseits ist ja auch die alte große Liebe zu den Deinen mit immer vermehrtem Verständnis da, und würde wohl ein genügendes Gegengewicht bilden, wenn nicht noch etwas Anderes mitwirkte. Fällt es Dir z. B. nicht selber auf, wie oft grade diejenigen, die Dir die Liebsten sind, unter Deinen Rüdigkeiten zu leiden haben, während Dir gleichgültigere Personen davon verschont bleiben, und endlich gar die Unangenehmen, Mißliebigen, Mitschüler etwa, ganz ohne Flegelei, genau so ehrlich und gründlich verhauen werden wie früher in kurzen Hosen und Wams? Das kommt nämlich daher, mein lieber Junge, weil in den Flegeljahren dieses Zwiespältige steckt: etwas, das Dich noch stärker zu den Menschen treibt, die Du lieb hast, aber dabei mit dem unklaren Bedürfnis, doch nur Deine Kraft daran auslassen, Deinen Egoismus befriedigen zu wollen. »Liebes tun« und »brutal sein«, Jemanden »gut« oder »böse« sein, gerät sich gewissermaßen seltsam in den Weg, und darum fühlt sich der Verweis für ein solches Benehmen Dir so an, als träfe er ungeachtet aller Berechtigung doch irgendwie daneben, und bringt Dich in Trotzstellung. In solcher Übergangszeit ent­wickelt sich eben ein Neues in uns, das Ausweg und Ausdruck noch nicht kennt, und sich deshalb beständig vergreift. Das Verlangen, lieb zu haben, und das andere Verlangen, sich selber rücksichts­los durchzusetzen, die bisher beide ruhig neben­einander ihre Möglichkeiten fanden, werden auf einmal beide unsicher, über sich irre: denn sie sind im Begriff, sich in einer neuen Weise ineinander zu verwachsen, zu verästeln, gemeinsam Früchte anzusetzen, die es früher nicht gab. Und wie dabei über das liebevolle Verhalten oft grund­los ein unbeholfener Zorn geht oder ein Drang, eher noch weh zu tun als gar nichts zu tun, — so kann Dir gelegentlich auch das Entgegengesetzte geschehen: daß bei ganz ungeeigneten geringen Anlässen ebenso grundlos eine Weichheit Dich überkommen wird, eine zartere Stimmung als Du sie sonst an Dir gekannt hast, oder aber an Dingen ein Dich verschüchterndes Anderswerden, Schön­werden, als sähest Du sie zum erstenmal.

Über solche Eindrücke nun entscheidet nicht so sehr die Reife des Geistes als eine besondere Stufe der körperlichen Entwicklung. Und grade damit knüpft unser Thema wieder an das alte des Briefwechsels an, dem es fernzuliegen schien. Freilich galt es damals nur Fragen, die Deinen Kopf beunruhigten, heute gilt es Unruhen, die wortlos durch Deine Glieder gehn; damals ver­langte Dich zu wissen, was sich im Körperleben Erwachsener Heimlichgehaltenes abspielen mag, heute ist Dein eigener Körper im Begriff, Dir offenbar zu werden in einer ganz neuen Weise.

Verschieden stehen wir in verschiedenen Entwicklungsperioden zu unserm körperlichen Sein: weil, obschon wir selber es doch sind, wir es doch auf einem andern Wege kennen lernen als unser inwendiges Erleben. Wir werden mit ihm be­kannt fast auf die gleiche Methode wie mit einem Stück der Außenwelt, durch Gebrauch unserer Sinne, die ihn betasten, erblicken, hören, riechen, schmecken können, und auch in den Empfindungen, die uns das Körperinnere verursacht, nehmen wir es ähnlich wahr wie eine Außentatsache, die auf uns eindringt, die wir von uns fort träumen könnten. Dadurch gewöhnen wir uns an eine Art von Doppelverhältnis zu unserer eignen Leiblichkeit: teils als zu unserm körperlich in ihr ausgedrückten Ich, zu uns selbst, teils aber wie zu der Wirklichkeit draußen außerhalb unserer, — wenn auch zu demjenigen Teil von ihr, der uns am engsten vertraut, am unmittelbarsten gewiß ist, und durch den wir uns mit ihr ver­knüpft wissen. Je mehr wir heranwachsen, desto besser kennen und gebrauchen wir nun zwar unsern Körper: wie den ersten Schritten oder dem Zungenlallen des kleinen Kindes allmählich Gang und Sprache, natürlich, unwillkürlich werden, so wird alles Leibesgeschehen immer selbstverständ­licher mit uns eins, wo es sich nicht grade, in Erkrankungsfällen, unserm Willen entzieht und entgegensetzt. Andrerseits wiederum aber unterscheiden wir mit herannahender Reife unsre Ge­fühle und Gedanken entschiedener von unsrer körperlichen Erscheinung, es bleibt uns schärfer im Bewußtsein, daß wir ja Arme und Beine ver­lieren könnten, ohne damit unser Ich zu ver­kürzen, und unser zunehmender geistiger Reich­tum setzt uns oft in direkteren Zusammenhang mit den Geistern aller Zeiten, als mit den Leibern selbst unserer nächsten Umgebung. Da geschieht nun das Befremdliche und Unerwartete, daß unsre Körperlichkeit diesen beginnenden Hochmut m uns sehr eigenartig, nämlich mit einer Heraus­forderung beantwortet: und zwar nicht durch ein Erkranken, das uns hemmt, sondern ganz direkt und grade durch ihre eigene sich vollendende Reife und Gesundheit. Sie nimmt sich beinahe heraus, ein selbständiges Erleben ohne Rücksicht auf uns zu führen: in Erregungen wach zu werden, die deutlich seelischer Art scheinen und doch alle unsre Wünsche und Gedanken in seelisch unvor­hergesehene neue und ungewollte Bahnen drängen, als hause in uns selber noch ein Zweiter, Anderer als wir. Du wirst bald erfahren, daß die Leute hinsichtlich dieser Vorgänge ganz weit ausein­andergehenden Ansichten huldigen. Die Einen werden Dir sagen: man solle nur blindlings den Wallungen des erwachenden Körperbegehrens fol­gen, wenn man kein Finsterling oder Duckmäuser sein will. Die Andern dagegen werden davor warnen wie vor der Sünde aller Sünden, der man entfliehen muß, die man abtöten muß mit aller Gewalt, um rein und rechtschaffen zu bleiben. Glaube Du keinem von beiden! Weder der Überschätzung körperlicher Vorgänge in Dir, noch auch ihrer Verleumdung; weder dem kurzsichtigen Ge­bot, daß Du Dich wie ein Blinder, Tappender von Deinem eignen Leibe leiten lassen sollst, noch dem Verbot, das ihn schlechter, niedriger er­scheinen läßt als sonst etwas an Dir. Verhalte Dich einfach durchaus ebenso, wie Du Dich von jeher zu Deinen körperlichen Wünschen verhalten hast, und wie es einem frischen Jungen am natür­lichsten war: wenn ein Hunger Dich ergriff, oder wenn ein Unbehagen Dich faßte, so wußtest Du wohl, daß der Hunger da ist, um gestillt, das Unbehagen, um abgeschüttelt zu werden, aber auch dies wußtest Du: wie ein solcher Junge imstande sein muß zu hungern oder zu frieren, wie er von Behagen oder Sättigung nicht ohne weiteres abhängen mag, sondern gern Herr bleibt seiner Bedürfnisse und ihrer Befriedigung. Dies aber ist das Roheste, was die Leute sich ausge­dacht haben: daß solches zwar gelte von sonstigen Trieben, daß in diesem einen Falle aber der Mann sich erkenne an seiner haltlosen Nachgiebigkeit gegen sich selbst, — deren er sich schämen würde, handelte es sich um eine heimliche Leckerei oder ein Sichverkriechen vor der Unbill einer rauhen Witterung.

Was ist es nun, was in jener Wallung Deines Blutes neu zu Dir redet1? Ich sagte Dir: unsere Körperlichkeit ist uns nicht so unmittelbar be­kanntgegeben, so unmittelbares Ich-Erlebnis, wie unser bewußtes Ich, und wo sie — wie es im Ge­schlecht geschieht — in ihrer Tiefe erwacht zu Träumen und Begierden, da ist sie in der Tat wie ein Zweites neben uns. Denn da mahnt sie uns, daß wir unsern Körper wohl besitzen für unsere persönlichen Zwecke, daß er aber darüber hinaus eine Geltung hat, die noch gilt, wenn wir längst zu Staub geworden sind: weil er unser Stück Daseinsewigkeit in sich birgt. Seine Träume und Begierden meinen nicht bloß uns, wenn sie sich auch in uns äußern, und deshalb sollten sie in uns außer ihrer eignen Begierde noch etwas anders wachrufen: freudige Ehrfurcht vor ihrer letzten Bestimmung, Ehrfurcht als vor dem, worin unseres Leibes tiefstes Leben doch wieder eins ist mit uns selbst: über unsre Ichgrenzen hinausweisend, weit, bis in alle Fernen künftiger Menschheit, — so, wie es auch uns selber hat geboren werden lassen in unserer gegenwärtigen Menschlichkeit. Spricht man auch erst von einem bestimmten Zeitpunkt an von »Geschlechtslust«, wenn der Reifegrad des erwachsenen Alters nahe ist, so handelt es sich doch um etwas, was unsern Körper durchströmt hat vom Tage der Geburt an und was, je nach seinen fortschreitenden Entwick­lungen, nur die Ausdrucksweise ändert. Von einer Lust, die aus dem Geschlecht kommt und in das Geschlecht weitergeht, und die dadurch nur mißverstanden oder als etwas im Grunde Un­statthaftes verdächtigt würde, wollte man sie bloß in ihrer speziellsten Äußerungsweise »Sexuali­tät« nennen. Schon wenn das Neugeborene an der Mutterbrust trinkt und ihm so wohl dabei ist, als läge es noch wunschlos geborgen im Mutter­leibe, — schon wenn es seinen eignen kleinen Fuß in den Mund zu stecken sucht, wie etwas Fremdes, Anderes, das ihm gut schmeckt, schon dann, ja gerade dann, erlebt es bereits den innigen Drang der körperlichen Verbindung, Verschmel­zung. Und allmählich geht dem Kind an seinen sämtlichen körperlichen Betätigungen etwas von solcher Wonne auf, denn das gesunde Leibesleben ist an sich Freude, und durch das Blut des Ge­sunden fließt Fröhlichkeit. Am allermeisten aber in der Kindheit, wo die einzelnen Or­gane gleichsam noch nicht in so scharf geson­derter Arbeit aufgegangen sind, wo sie — im Bilde gesprochen — noch ein wenig Muße der Vorbereitung haben, der eignen Belustigung mit sich, ein wenig Spielzeit sozusagen, ehe es in den ganz gestrengen Schultag der weiteren Körperent­wicklung geht. So, wie Schnuppi eines Tages aufhörte, ihren Daumen zu lutschen, und er plötzlich ein höchst ordentlicher, vernünftiger Finger zwischen den neun übrigen wurde, so findet allmählich ein Extraspaß nach dem andern sein Ende. In dem Maße aber als dies geschieht, bildet sich in uns auch schon die Stätte aus, die dem »Geschlecht« dient: jener Bildung von Ei und Samen, von denen Du schon weißt, daß in ihnen alle Organstoffe sich wiederholen, um sich erst in der künftigen Generation zum mensch­lichen Organismus zu entfalten. Hier nun, wo das künftige Leben wartet und noch ruht, hier ist es, als finde alle Körperlust aus den, mit dem Gegenwartsdienst so vollauf beschäftigten, Or­ganen sich zu sich selbst zurück, als gewinne sie dadurch den ihr inzwischen verkürzten Spielraum wieder, ihren verlorenen Feiertag, ihren Sonntag.

Noch ganz zusammengedrängt in Gefühle, die aus lauter Erwartung kommen und in lauter Zukunft gehen, unbekümmert noch um die Gegenwart, scheint sie wirklich darin wie Rückkehr zum kind­haftesten Erleben, — wie sich auch im Geschlechts­stoff alle Körperstoffe zu ihrer einfachsten Form zurückfinden. Aber doch nur, weil sie das Allesenthaltende in sich fassen, erscheinen sie so ein­fach, und so sind sie auch in ihrer Wirkung nicht auf etwas Einzelnes beschränkt, sondern greifen über auf das Ganze, den ganzen Leib, den ganzen Menschen: bis alle seine Kräfte, mitten aus ihrem gewohnten Alltagstun heraus, mitgerissen werden in den sie überflutenden Rausch. In solchem Rausch ist nichts als die gesunde, beglückende Bereitschaft des Körpers zu seinen reifsten Auf­gaben: was der Mensch darin feiert, ist das Fest seines Daseins, das kindlichste und ernsteste zu­gleich, um das seit urältesten Zeiten, ja vielleicht seitdem die Erde Menschen trug, der Glanz religiöser Zeremonien lag, weil, was da geschah, den Menschen den schaffenden Göttern gleich zu machen schien, weil es sein Leben über ihn selber hinaushob und ihn von neuem allem einte, was lebt.

Du siehst gleich: das Unterscheidende daran ist die Beziehung auf einen Zweiten, Andern, auf den Zusammenschluß mit dem Leben außer­halb unserer. Streichst du dieses Wesentlichste davon ab, so bleibt wiederum nur jener Genuß an der eignen Körperlichkeit zurück, wie er sich z. B. in einem Daumenlutschen usw. ebenfalls schon ausdrückt. Versuche dazu, es so zu voll­ziehen, existieren: bereits kleine Kinder versuchen diesem Selbstgenuß nachzugehen, indem sie an ihren unentwickelten Geschlechtsteilen grade so herumspielen, wie sonstwo, — und zwar von früh an; von der Zeit her, wo sie sich noch kaum vom Andern außerhalb ihrer unterschieden, bis es, sich dann wissentlich an ihre eigne Leibesperson heftet und sie als heimliche Quelle solcher Er­regungen genießt. Aber sofern die körperliche Entwicklung weit genug vorgeschritten ist, um solchem Spiel seinen besonderen Charakter zu geben, vollzieht es sich meistens erst dann mit voller Lustempfindung, wenn wenigstens in der Phantasie ein Menschenbild in uns auftaucht: so ist es, von der Sehnsucht gerufen, schon lange zu­gegen, ehe es das in persön­licher Anwesenheit sein mag. In den körper­lichen Aufwallungen geschlecht­licher Erwartung lebt vielleicht noch gar nicht das Bild einer bestimmten Person, jedoch ein Traum von ihr lebt oft schon darin: der Drang, uns auf einen Andern abströmen zu lassen, unsern Reich­tum nach außen zu bringen, — dem stärksten Anstoß aus uns selber hinaus zu folgen, den es gibt. Andererseits: wie diese Erregung auf den Gesamtorganismus übergreift von einem Punkt, wie nur von dorther alle seine Teile miterregt und beeinflußt werden, so sammelt sich auch unserm begleitenden Gefühl gewissermaßen der Gehalt der ganzen Welt, alles Draußen, alles Außerhalb, in dem geliebten Wesen so einheitlich, wie in einem Traum unserer selbst, als käme in ihm nur zur Äußerung, was wir von jeher gehofft, gewünscht, erwartet haben. Und so, in diesem ahnenden Entzücken, wie mit ausgestreckten Armen, gehen wir auf den unbekannten Menschen unserer Liebe zu. Weil er nun so sehr ein Inbegriff für uns ist, alles Schönsten, Besten, Begehrenswertesten, darum sind wir ihm gegenüber zunächst be­scheiden, selbstlos, unserer Geringheit bewußt, doch zugleich auch ungestümer, ungenügsamer, egoistischer als sonst zu irgend was, denn es ist ja unser Traum, unsere Lebenserfüllung, unsere Welt, nach der wir in ihm greifen, die wir in ihm zu umfassen meinen. Schon lange vorher arbeitet in unserm Blut und Wesen etwas von solchem Widerspruch: ja es ist eben dieses, was Deine Stimmung jetzt so oft schwanken macht zwischen Weichheit und Rüpelei, — ehe beides sich von der gewohnten Umgebung der Kinderjahre zurück­gezogen und gesammelt hat, dort, wo es erst zum vollendeten Widerspruch und endlich zum Austrag kommt: in dem erlebten Menschen des andern Geschlechtes.

Hinsichtlich dieser Gemütsverfassung gibt es zwei sehr verschiedene Meinungen. Entweder wird zu einseitig dem das Wort geredet, was an Un­geduld und Habgier darin ist, oder die hingebende Bewunderung darin wird zu sehr überschätzt; im Grunde unterscheiden beide sich in der vor­wiegenden Betonung einmal des körperlichen Ver­haltens dabei, das andermal der begleitenden Ent­zückensgefühle. Man sollte ja denken: die Frage, wie Menschen einander gegenüberzustehen haben, — was da über Selbstsucht und Selbsthingabe zu sagen sei, — bedürfe erst höchst schwieriger und komplizierter Allgemeinerörterungen, aber in diesem Fall, dem der Liebeseinstellung zu einem Menschen, ist das Herrlichste grade dies, daß es eines solchen Aufwandes gar nicht erst bedarf, um eine Antwort zu finden. Denn eben dieser Mensch ist ja der Sinn der ganzen Sache und nicht ein äußeres Mittel, sie zu ermöglichen; sein Ergehen und sein Mitverhalten in ihr läßt sich von ihr selber nicht lösen ohne sie entscheidend zu be­einträchtigen. Wer Dir auch versichern mag, es sei nicht so, denn das Wesentliche davon sei mit dem Körpervorgang bereits vollzogen, von dem sage Dir nur: viel mag er wissen, doch von der Freude der Geschlechter aneinander weiß er erbärmlich wenig. Bezieht sich doch, was da körperlich geschieht, überhaupt nicht direkt auf eine Verbindung zwischen zwei Menschen, sondern auf die zwischen Samen und Ei: von hier aus betrachtet, sind alle beide nur ein Mittel zu­künftigen Lebens, — gleichviel ob im Einzelfall ein Kind dadurch gezeugt wird, gleichviel ob dies ihren Wünschen entspräche oder nicht. In unserm frühern Briefgespräch hatte ich Dir zunächst ein­zig von dieser Seite der Sache gesprochen, weil die persönliche, die Gefühls­seite, noch nicht in Betracht zu kommen hatte: diese ihrerseits jedoch ist, im unwillkürlichen und unbedingten Liebes­drang, nur ein Vereinigungsdrang; nicht auf Er­zeugung von Kindern (mag man solche außerdem noch so sehr ersehnen), sondern auf Gemeinsam­keit untereinander gerichtet. Wo zwei Menschen sich so lieben, daß sie sich nicht bloß sehen, sprechen, herzen, sondern sich im Geschlecht um­ armen, da besitzen sie einander nur insofern und insoweit, als ihre leibliche Durchdringung über­greift auf die Ergriffenheit ihres Gesamtwesens, und ihnen damit von der innigen Glut solcher Stunde eine Frucht der Liebe reift, wie sie an Fülle und Frische im ganzen großen Garten des Lebens so nirgends mehr anzutreffen ist. Das bloße Leibesgeschehen ergibt kein Gefühl sol­chen gemeinsamen Besitzes: wie ja auch die Nahrung, die Du Deinem Leibe vollständiger als sonst etwas einbeziehst, selbst bei größter Habgier des Appetits Dir kein Gefühl der Verbundenheit mit den aufgegessenen Pflanzen oder Tieren ver­mittelte. Dieser Vergleich ist nicht so albern oder unpassend wie er zunächst erscheinen mag: denn wirklich liegt eine Art von Verwechslung zwischen Nahrungstrieb und Geschlechtsliebe vor, bei der einseitigen Betonung der Körpervorgänge dabei; eben grade diese Körpervorgänge selber werden mißverstanden und kommen zu kurz bei einer derartigen Auffassung; grade in ihnen nimmt man dadurch mit einem Bruchstück vorlieb, an­statt des Ganzen, auf das sie angelegt sind, — gleichsam mit einem Bein, anstatt der zweien, die allein das Ziel erreichen: und das soll man ruhig Krüppelhaftigkeit nennen.

Dieser in sich unzerreißliche Zusammenhang von Liebesgefühl und dessen körperlichem Ausdruck ist deshalb nicht etwas, was erst spät, allmählich, dadurch entsteht, daß das »niedrige« »gewöhn­liche« Körpererlebnis hinterdrein durch geistigere, gefühlsvollere Zutaten veredelt wird: sie sind von vornherein ein und dasselbe gewesen. Ja, sogar jener Vergleich mit der Nahrungsaufnahme stimmt nicht mehr, sobald sie innerhalb die mensch­liche Beziehung verlegt wird, nämlich dorthin, wo der Säugling an der Mutterbrust trinkt. Man hat interessante Beobachtungen darüber festgestellt, inwiefern die Empörung und Traurigkeit des winzigen Kindes beim Versuch, ihm statt der Brust eine Milchflasche unterzuschieben, keines­wegs auf die Nahrungsveränderung allein geht, sondern auf die Entziehung dessen, was alle seine erwachenden Sinne am mütterlichen Körper liebten, und wonach manches Neugeborene sich mit einer Leidenschaftlichkeit zurücksehnt, die es an den Hungertod bringt. Könntest Du Dich besinnen, tief, tief, — so ganz« tief, daß Erinnerungen Dir auftauchten aus dem Urschoß Deines kindlichsten Daseins, so würdest Du vielleicht mit Erstaunen gewahr werden, daß dort, in der körperlichsten Weise, alles schon miterschaffen war, wie in einer Attrappe schon eingewickelt lag, was später Deine herzlichste Sehnsucht ausmachen sollte. Denn was geschieht eigentlich dem Neugeborenen? So­eben noch fand es sich mit dem Weltganzen total eins, in nichts als ein Einzelwesen für sich unter­schieden, und das Inwendige der Mutter, worin es ruht, ist noch Allem gemeinsam, ist keinem Aus­wendigen entgegengesetzt. Nach der Geburt nun liegt es zunächst ja im Mutterschoße, an der Mutter­brust, im Grunde nur von einer andern Seite der­selben Welt eingeschmiegt an, aus der es soeben kam, — erst allmählich erfährt es, daß mit dieser veränderten Lage alles verändert ist, daß es etwas für sich allein ist, und ein Zweierlei mit der Mutter, und ein Vielerlei von andern Dingen ihm gegen­über. Der Drang, diese Entfernung wieder zu überwinden, das ist die erste Zärtlichkeit. Das Körperliche aber bringt dies zur allerersten Äuße­rung: das bittere, innige Bedürfnis nach erneutem Einssein; — und infolgedessen bleibt es dem Liebesleben am ursprünglichsten und unwider­ruflichsten eingeprägt, man möchte sagen: gleich einem stummen Liebesgedächtnis, das alle unsere Glieder und Nerven treu bewahren. Sie be­wahren es also aus Lebens­tagen, wo es noch kaum die Anhänglichkeit an bestimmte unterschiedene Personen galt, wo es fast noch die Sehnsucht war nach dem bis dahin selbstverständlichen Ver­schmolzensein mit dem Lebensganzen als solchem. Deshalb scheint, von dort aus für immer, den Menschen, den wir am meisten lieben, etwas zu umstrahlen von jenem Glanz solcher Ganzheit, als sei er nicht nur er, sondern als faßte alles Wertvolle und Schöne, also alles, was wir als Leben am tiefsten fühlen, sich irgendwie in ihm zusammen und stellte so die alte Einheit wieder her, von der unser kindlicher Leib andeutungsweise und hilflos stammelte, und wohin wir durch die Liebestat unserer Reife, unseres vollkräftigen Wesens, noch einmal heimkehren. Von da gewinnt das Entzücken seinen Sinn, von dem ich Dir als der Gefühlsbegleitschaft geschlechtlicher Erregungen sprach, von da das unwillkürliche Idealisieren, ohne dessen schenkende, — den Einzelnen gleich­sam mit Allem, mit dem ganzen All,—beschenkende Kraft es keine eigentliche Liebe gibt. Am reich­lichsten und frühesten empfangen davon die Nächsten unserer Kindheit, die Ersten, an denen — wir lieben lernten, und die deshalb die unmittel­barsten Abbilder unserer Sehnsucht gewesen sind: gewissermaßen die Anschlußstellen für die noch ungeteilte Lebensganzheit, aus der wir kamen.

Darum bleiben auch, nachdem längst andere an ihre Stelle traten, diese Bilder dahinter stehen, leben an den Andern nur neu auf, auch ohne daß wir es selber ahnen. Späte Begegnungen mit Menschen, die unser Schicksal beeinflussen, sind auf diese Weise oft nur »Wiederbegegnungen«, und durch jemanden, der uns plötzlich und un­begreiflich anzieht, wird oft in uns nur wach die zärtliche Gewalt frühester Kindheitseindrücke, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unlöslich sich verknüpfen, zeitlos, zu Ewigkeit.1 Du kannst Dir nun vorstellen, wie gut es tut, aufzuwachsen wie Du, zwischen einer Mutts und einer Schnuppi: wie dadurch gewissermaßen die »Mutter«, die »Schwester« nie mehr ganz aus der Welt entschwinden können, weil es immer wieder den Augenblick geben kann, wo eine Frau, ein Mädchen Dich anzublicken scheinen mit dem Blick derjenigen, die Dich geboren, derjenigen, mit der Du von derselben Brust getrunken. Und wie Du vielleicht für allezeit behütet bist vor manchen Roheiten oder Oberflächlichkeiten des Liebeserlebens, dadurch, daß seine Verbindung Dir fühlbar bleibt mit dem menschlichen Erleben überhaupt, jeder Treue, Wärme, Güte, Freund­schaft, Anteilnahme. Denn unsere Zusammengehörigkeit untereinander, ja mit allem, was atmet, beruht ja auf der gleichen Einheit, die sich uns nur am unmittelbarsten aufdrängt unter der Tatsache des Blutsverbandes der gemeinsamen Geburt, und von dorther ihre immer weitergrei­fende Kraft bezieht. Nun fragst Du allerdings vielleicht — denn man könnte sehr wohl so fragen, — was denn dann überhaupt noch die Liebe der Geschlechter, die im besondern »sexuell« be­nannte, so gänzlich absondert von denjenigen Personen, denen all die übrige Liebe von Kind­heit an nicht nur am meisten gilt, denen sie sogar also den geheimsten, tiefsten Bezug zur geschlecht­lichen Anziehung noch fort und fort verdankt. Es hat in der Tat unter den Völkern alter Zeiten überall einst die geschlechtliche Vermischung auch zwischen nächsten Blutsverwandten gegeben, sie war verbreitet und geheiligt, ebenso auch als Verbindung zwischen gleichen Geschlechtern. Wenn sich das änderte, so liegt es aber wohl nicht bloß an historischen, politischen, moralischen, religiösen, hygienischen oder was sonst noch immer für Gründen, sondern ich stelle mir vor, daß das Menschenwesen endlich naturnotwendig dazu ge­langen mußte, stets weiter aus dem leiblich ge­gebenen Kreis seiner Familien- oder Geschlechts­angehörigen gerade da herauszutreten, wo es seine Liebe leiblich weitergab. Denn schon im Um­stand, daß wir, aus der Urwärme des Mutter­schoßes, der uns noch allem einte, einverleibte? hinausgeboren wurden zur Welt als Einzelexi­stenzen, als Wesen für sich, scheint sich eine immer persönlichere Verselbständigung, auch dem Liebesziel nach, zu äußern. Daß Dein eignes Liebesziel einst jenseits der Stätte Deines Ur­sprungs und der Dir gleichenden Menschen liegen, Dich in gewisser Richtung über sie hinaus­führen wird, — so wie den flüggen Vogel seine Schwung­­kraft über den Nestrand und von den Genossen hinweg trägt, — das ist ja nur eine letzte Kundgebung der erlangten Selbständigkeit überhaupt Nichts bestätigt sie so unzweifelhaft, als daß wir auch in unserm Geschlecht uns imstande wissen — also nicht bloß geistig oder beruflich — das Ent­fernte, Fremde, uns zu einen: und damit etwas zu tun, worin unsere Gesamteinheit mit allem grade unserer eroberten Unabhängigkeit von allem, am deutlichsten, am beredtesten wieder zu Worte kommt. Wie Männer der Urzeit sich Frauen frem­der Stämme rauben lernten, um sie im Triumph heimzutragen (— mochte das immerhin erst bedingt sein davon, daß die Weiber ihres Stammes dem Ältesten, Herrschenden, vorbehalten blieben —) so äußert sich in der Hinwendung zum Unbe­kannten, Ungewohnten doch auch Eroberermut, Lebenszuversicht, derselbe Mut und Übermut, der auch in andern Dingen das Dasein auf eigne Wahl und Gefahr gründen, und sein Heimat­recht nicht nur in der angestammten Enge geltend machen will.

Aber es geschieht vielen Menschen — und es sind tüchtige und bedeutende, reine und wert­volle Menschen, — dieses Ziel im Geschlecht­lichen etwas zu verlegen, weil das Innigste ihres Wesens der Bluts- oder Geschlechtsgleichheit dauernd vorbehalten bleibt. Dies Haltmachen unterwegs, d. h. auf einer mit der sexuellen Mündigkeit sonst schon überschrittenen Stufe, hindert sie dann, hierin den Weg zu Ende zu gehen; oft ist es jedoch nur die Folge davon, daß sie auf einem andern Punkt zu um so höherm Aufstieg gelangen, der sie von der allgemeinen Zielrichtung ablenkte. Vor allem sind sie oft diejenigen, welche durch die Förderung ihres eigenen Ge­schlechts mehr für das Allgemeine leisten, als inner­halb derjenigen Liebe geschieht, die in der Familien­gründung aufgeht. Im Menschen ringt zu vieles miteinander in Geheimnis, als daß seine Schritte uns in ihrem jedesmaligen Sinn immer klar vor dem Blick liegen könnten, und je ,mehr in einen Menschen gelegt ist, desto schwerer wird es ihm sein, sich nicht oftmals nur durchringen zu können zu einem Ziel auf Kosten eines andern. Überdies sind wir Alle, — als Kinder und Kindeskinder von Vätern wie von Müttern, — wenigstens andeutungsweise auf beide Geschlechter ange­legt; wo nun die weibliche Erbschaftsmasse im Mann, oder die männliche im Weibe, sich etwas verstärkt ausprägt, da ergibt sie schon von vorn­herein Abweichungen von der Norm. Und außerdem ist es charakteristisch für Menschen von schöpfe­rischem Geist, gewisse Merkmale beider Geschlech­ter in sich zu vereinen: wenigstens scheint es so, als ob nicht nur das leibliche Kind durch solche zwiefache Beziehung gezeugt würde, sondern auch alles Lebendigste geistiger Art jenen Gegensatz, den wir mit den Worten »männlich« und »weib­lich« ausdrücken, zur Voraussetzung habe, — jene Zweiheit, die allem Leben eigentümlich bleibt als sein undurchdringlichstes, letztes Wahrzeichen.

Wenn nun aber auch alle diese Schwierigkeiten sich so günstig ausgeglichen haben, daß die Ent­wicklung des Einzelnen harmonisch verläuft, wenn schließlich alles sich so vollendet, wie wir gewohnt sind es als »normal« anzuerkennen, so gibt es dennoch für jeden immer wieder Perioden seines Lebens, innerhalb deren er mit seiner körperlichen Existenz schlechter befreundet ist als sonst — und hiervon möchte ich Dir zum Schlusse noch ein Wort sagen. Ich hatte schon erwähnt, wie verschieden wir uns in verschiedenen Zeiten zu unserm Körper verhalten. Erst sprach ich Dir nur davon, inwiefern er uns nicht so unmittel­bar vertraut sei wie unser Ich-Erleben, und des­halb von uns heische, fast ebenso kennen gelernt und nutzbar gemacht zu werden, wie die übrige Außenwelt. Dann erzählte ich Dir davon, wie er keineswegs nur unser Personendasein verkörpere, sondern Ehrfurcht heische als Lebensträger der Generationen-Unendlich­keit, aus der es aufsteigt und in die es hinübergeht. Endlich aber gibt es noch ein drittes im Verhältnis zum Körper, eben infolge dieser Doppelrolle: worin er sowohl im Dienst des Ichs als auch des Geschlechts auf­tritt. Denn den Geschlechtsdienst tritt er an, gerade wenn wir als Einzelperson erst ganz zu uns selber erwachen; unser leibliches Wachstum, die Entwicklung unserer Organe schließt gerade ab, wenn wir unser geistiges Leben erst voll beginnen. Mögen wir noch so sehr der errungenen Gewandt­heit und Gesundheit des Körpers uns freuen, noch so bereitwillig seine ewige Bedeutung im Geschlecht achten: der Augenblick kommt doch, wo er uns gegenüber, unserm innerlichen Erleben, unsern geistigen Zielen, unserm intimsten Selbstbewußtsein, als ein irgendwie »Anderer« erscheint, — als ein »Körper« und »Nur-Körper«, d. h. als nicht wir selbst. Es sind hauptsächlich die Jahre, in denen Du jetzt stehst und denen Du entgegengehst, wovon das gilt, und damit sind wir wieder zurückgelangt an den Ausgangspunkt unseres ganzen Gesprächsthemas. Die Unruhen oder Erregungen, die jetzt umgehen in Dir, sind ein Beginn schon hiervon, und nicht lediglich nur von der Ruhelosigkeit der nahenden Ge­schlechtsreife an sich. Und da meine ich, sollst Du wissen, in wie hohem Maße dies natürlich und berechtigt ist. Je mehr man ein Ich wird, je gesammelter man sich als ein solches erfaßt, desto mehr ersteht nicht nur die Welt als ein Gegenüber, ein Außerhalb, sondern auch unser eigner Leib wird uns als der unsere in letztem Sinn wieder fragwürdig. Und ein Menschenrecht liegt darin, sich demjenigen, was man leiblich ist, auch entgegengesetzt fühlen zu können, — be­wußt, herrschsüchtig, ja verächtlich, — ein tiefes Recht, es zu erleben, daß man nicht von Leibes Gnaden, daß man des Geistes sei. Darum gibt es weder große Zeiten, noch gibt es große Menschen, die all dessen nie einen Hauch verspürt hätten, die zwischen ihren leiblichen und geistigen An­sprüchen nie vor einem Bruch standen wie vor einem Abgrund, bange und bitter sich fragend, ob auch nur ein ganzes Leben genügen möge, ihn zu füllen, und ob nicht jedes Leben schließlich in seiner Tiefe zerbrochen ende.

Trotzdem bedeutet diese wie jede Unab­hängig­keitserklärung an den Leib nichts, als eine letzte Abhängigkeit vom Leibe; sie bedeutet, daß wir uns ihm entziehen wollen nur, weil wir uns noch nicht ganz zu eigen besitzen, — weil er noch nicht zum unausweichlichen, selbstverständlichen Ausdruckszeichen unseres Gesamtwesens geworden ist, — weil wir ihn nicht tragen wie ein natür­liches Gewand um jedes unserer innern Glieder, sondern wie ein Gespenst, das uns auf den Schultern hockt, während unsere Seele friert. Vom Leib­lichen getrennt bleiben im Gefühl unserer selbst, unserm Ichgefühl, hieße nicht bloß Trennung unserer vom Dasein draußen, es hieße im eignen Selbst halbiert, gespalten, uneins werden, ver­zichten auf sich. Wie wir durch die leibliche Wärme zweier Menschen ins Dasein gelangten, so sind wir immer nur da, Leben unsrer selbst, so­fern wir uns zusammenschließen mit unserer Leibes­existenz. Um deswillen gibt es kein höheres Bild, keine tiefere Erfahrung davon, als das, was von Geschlecht zu Geschlecht, unter dem Bilde und in der Erfahrung der Liebes­umarmung durchlebt wird: als würde der Körper gerade im Moment seiner triumphierenden Sinnenfreude zurückverwandelt in ein Gleichnis des Geistes, des Triumphs der Vermählung vom Innern und von Außen, — einer wesentlichen Wirklichkeit über allen geist­leiblichen Zwiespalt hinüber. Bis uns der Blick dafür nicht nur aufgeht innerhalb unserer kleinen Ich- oder Liebesexistenz allein, sondern bis alles in und um uns, vom gewaltigsten Geschehen herab zum Nichts des Staubes zu unsern Füßen, beredt wird von dieser ewigen Ganzheit, die in jeglichem ganz sich vollzieht, — uns nur deshalb unerfaßlich, weil sie uns mitumfaßt, nur deshalb unausdenklich, weil wir sie nicht nur denken, sondern in ihr »leben, weben und sind«.




1 Ich führe Dich in einer Forschungsrichtung, der ich — schon seit der Zeit meines vorigen Briefes an Dich — in entscheidender Weise die hier vertretenen Einsichten zu danken habe: nämlich dem psychoanalytischen Werk S. Freud’s, dem auch Du später noch für vieles Dank wissen sollst.