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Lou Andreas-Salomé – Vor dem Erwachen

Novelle

aus: Lou Andreas-Salomé, Menschenkinder, Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 1899


Die Waggonfenster sind von der Januarkälte beschlagen, daß man kaum das Hereindämmern des Morgens gewahr wird. Die Eisfiguren auf den Scheiben färben sich bläulich, und auf dem schmalen Gange, der in den Waggon des Harmonikazuges an den Einzelcoupés entlangläuft, hört man von Zeit zu Zeit den kleinen Kellnerjungen aus dem Küchenraume mit klirrenden Tassen vorübereilen.

Von den drei Insassen im Coupé erster Klasse hat nur die alte Dame ihre Morgentoilette schon beendet und sitzt, frisch gekämmt und gebürstet, stramm aufgerichtet da, während sie mit schlecht verhehltem Interesse das Paar ihr gegenüber beobachtet. Der Herr, der, gleich ihr, ausgestreckt gelegen und, gleich ihr, keinen Schlummer gefunden hat, sucht die Schnall­riemen der Reisedecke hervor und holt aus dem Netzwerk eine Krücke und eine Fellfußtasche, wobei ihm sichtlich sein steifes Bein zu schaffen macht. Er ist halb gelähmt, und sie kommen aus dem Süden: soviel hat die alte Dame gestern abends den Worten seiner Tochter entnommen, die in der Fensterecke sich gleich einem Knäuel zusammengerollt und in einer fast un­möglichen Lage, in der jeder sich den Hals verrenkt hätte, augenscheinlich vortrefflich geschlafen hat.

Das intelligente Gesicht ihres Vaters, das angenehm und vornehm aus der Umrahmung ergrauenden Haupthaares und Bartes herausschaut, wird ganz Liebe und Güte, wie er jetzt sanft die Schlummernde weckt: »Edith! Wir sind gleich in Büchen!«

Sie hebt ihre schlafroten Wangen vom Luftkissen, streckt sich, fröstelt, gähnt und lacht ihn an.

»Hast du geruht?« fragt sie und schält sich aus der großen, getigerten Reisedecke — »du, die Sachen da, die packe ich.«

»Du mußt dich noch selber zurechtmachen,« bemerkt er, indem er ihr ein Necessaire mit Toiletten-Utensilien reicht, setzt sich aber doch hin und läßt die Sachen liegen, »die Wascheinrichtung befindet sich ganz am äußer­sten Ende des Ganges.«

Sie schüttelt den Kopf und, ganz schlank und schmiegsam, bewegt sie sich gewandt im engen Raum und verschnürt die zwei großen Plaidbündel.

»Dort ist es gewiß schauerlich; begossen, verbraucht, eingeräuchert,« erwidert sie mit einem fragenden Blick auf die frisch gebür­stete Dame.

Diese nickt.

»Sie sind ja überdies für heute bald am Ziel Ihrer Reise. Lübeck?« fragt sie entgegen.

»Ich. Mein Mann fährt noch heute nach Hamburg weiter,« antwortet Edith.

Die Augen der alten Dame vergrößern sich unnatürlich und bleiben voll Staunen und Schreck an dem ungleichen Paar haften. Es ist gut, daß niemand Zeit hat, es zu beachten. Noch ehe Edith ihren Wintermantel umwerfen kann, hält der Zug, und draußen wird die Gangtür aufgerissen.

Ihren Hut noch in der Hand, nur einen blauen Reiseschleier über den kurzgeschorenen dunkelblonden Krauskopf geknüpft, will sie hinaustreten.

Eiskalt dringt die scharfe, nebelige Morgenluft aus dem Gang herein.

Da vertritt jemand die Tür. Ein hochgewachsener Mann im Pelz, mit schwarzen Augen, die von Lust und Laune sprühen, langt mit schnellem Griff nach dem Handgepäck.

»Heraus, meine Herrschaften! Büchen!«

»Hans Ebling! Wo, in aller Welt, kommen Sie her?«

»Ich fahre schon seit Hannover mit Ihnen; — schön guten Morgen, Klaus Rönnies — Frau Edith, machen Sie schnell!«

Die alte Dame muß sitzen bleiben. Sie fährt nach Hamburg durch. Aber die Augen schauen ihr aus dem Gesicht, als wollten sie noch um die Ecke sehen.

»Lieber Himmel! Der ihr Mann! Der Krüppel, den sie geleiten muß! Wie ist es möglich? Dies Kind — wie alt kann sie sein? Achtzehn? Auch der andere ist längst zu alt für sie.«

Die drei überschreiten inzwischen den Bahn­körper und suchen sich Platz im Lübecker Lokalzug, wobei Klaus von den beiden andern hereingeholfen wird.

»Wen haben Sie eigentlich in Lübeck, Bester?« fragt Klaus Rönnies, der froh und angeregt aussieht, »ich habe nie gehört, daß Sie hier jemanden aufsuchten.«

»— Wen — —?« Hans Ebling wirft seinen weichen Filz ins Netz und fährt sich mit einer nervösen Bewegung durch das dichte Haar, in dessen Braun sich schon einzelne graue Fäden mischen; — — »ach so, ja — einen alten Freund — Studienfreund von ehemals — Kunstgenossen. — Ja, wissen Sie, eines Tages traf ich also in Stuttgart in der Neckarstraße Ihren Ver­walter und Intimus,« der gerade einen langen Brief von Ihnen hatte. So erfuhr ich von Ihrer Route.«

»Wie nett für dich, Edith! Meine Frau wollte sich gern in Lübeck eine Nacht ausruhen, ehe sie nach Hardensleben in den bewegten Verwandten­kreis kommt. Unser Gepäck reist dorthin durch, während ich noch in Ham­burg zu tun habe.«

»Wohin Sie nicht mitwollen?« sagt Hans Ebling und sieht Edith froh an.

»Wenn sie mitkäme, so müßten wir der dortigen Freunde und Bekann­ten halber länger bleiben, und wir sind reisemüde,« antwortet Klaus Rönnies für sie.

»Wie geht es denn in Stuttgart Ihrer Frau?« fragt Edith und gähnt zum letztenmal.

Hans Ebling rückt die Brauen zusammen.

»Danke.«

Klaus Rönnies fragt nicht; er weiß, wie der Freund, nach seinem an Frauenliebe reichen Jugendleben, doch noch »hereingefallen« ist.

»Wir haben beide wieder Sehnsucht nach unserem Zuhause,« lenkt er ab, »ich nach meiner bequemen Ecke am Kamin, wo jetzt ein ganzer Stoß neu eingelaufener Journale, Bilder und Bücher auf uns warten muß — und Edith wohl noch mehr nach ihrem geliebten Getier,« nach ihren Hunden und Pferden, Kälbern und Kühen, den Vögeln und auch den Pflanzen. Sie stellt sich auch gerne vor, es ginge nichts ohne sie.«

»Es geht auch nicht,« versichert Hans Ebling, der keine Sehnsucht nach Hause hat, »es ist schlimm genug. Den ganzen Winter würde es mir fehlen, daß ich nicht täglich bis hinter Göppingen auf Ihr Gütchen hinauslaufen kann. Und sicherlich treibe ich mich nur deshalb das halbe Jahr in Wien und Paris und Rom und München herum. Wer ist am Ende schuld? — Drum lieb’ ich den Sommer so.«

Edith schweigt und blickt aus dem Fenster; die Gegend liegt flach im ruhigen Schnee­gestöber« da, und tief im Hintergrunde zieht sich verschneiter

Wald. Der Zug hält ein paarmal; an den Zwischenstationen steigen lär­mende Schulkinder ein; endlich werden die spitzen Türme von Lübeck sichtbar.

»Was tun wir nun?« fragt Hans Ebling, wie sie zu dreien auf dem Bahn­steig stehen.

»Ich verschwinde und mache mich nachträglich schön, und Sie erwarten mich beide im Bahnhofsrestaurant,« meint Edith.

»Gräßlich! Muß es durchaus ein Bahnhofs­lokal sein?«

»In die Stadt kann ich wohl kaum, mein Zug geht schon bald,« bemerkt Klaus Rönnies.

Hans Ebling zieht die Uhr.

»Bald? — Wie bald? — Nun gut, so schrecklich stimmungslos das auch ist,« erklärt er resigniert, während sein Gesicht strahlt und aus dem dunklen Bart die Zähne blitzen.

Wie Edith zurückkehrt, findet sie beide am gedeckten Kaffeetisch in eifrigem Gespräch, wobei Hans Ebling das Kursbuch studiert.

»Eigentlich ist es toll. Wenn Sie nach Hamburg wollten, so hätten Sie ja gleich von Büchen durchreisen können.«

»Ja. Aber ich wollte zugleich Edith hier in einem guten Hotel absetzen. Das tun Sie nun.«

»Natürlich. Und dann machen wir einen riesengroßen Spaziergang. Und nachher speisen wir im ›Schifferhaus‹.«

Eine Minute vergeht bei stummem Kaffeetrinken. Hans Ebling steht zwecklos auf und setzt sich wieder hin.

»Sie sind nervös geworden. Man sollte nicht glauben, wie beängstigend die Prosa eines Bahnhoflokals auf empfindliche Künstlernerven wirkt,« bemerkte Klaus Rönnies ironisch.

»Nein. Nur zuviel gemalt in letzter Zeit ... Und allerlei entbehrt ... Jetzt müssen Sie aber fort,« behauptet Hans Ebling und sieht starr auf die große runde Bahnhofsuhr.

Sie gehen langsam auf den Bahnsteig hinaus und schreiten auf und ab. Indessen sind noch über zehn Minuten bis zur Abfahrt.

»Herzbrechender Abschied auf zwei Tage,« ironisiert Hans Ebling sein­erseits.

Noch acht Minuten — noch fünf. Noch immer fünf. Manchmal steht die Zeit einfach still.

Klaus Rönnies sieht unbehaglich und verlegen aus. Fast ist auch er nervös geworden.

»Ich will doch lieber einsteigen,« meint er etwas hastig, schüttelt dem Freunde die Hand und küßt seine Frau.

»Auf Wiedersehen in Hardensleben! Amü­siere dich, Edith.«

Sie scheint unruhig, sie folgt ihm mit den Augen, wie Hans Ebling ihm hereinhilft. Und plötzlich reißt sie die Coupétür auf und ist bei ihm.

»Klaus, Lieber, was ist dir? ... Dir ist was! ... Soll ich mitfahren?«

»Aber Kind, welche Idee? Mir ist nichts.« Er faßt sie am Kopf und flüstert ihr ins Ohr:

»... Es ist nur ein Unsinn, Maus. Mich störte es, dir vor ihm Adieu zu sagen. — — Ich danke dir.«

Sie umhalst ihn und küßt ihn ab, etliche Male.

»Nein ... nicht ... nicht ... Edith!« wehrt er ihr, »... ich bitte dich, spring hinaus ... Der Zug könnte sich bewegen ...«

Das Signal ertönt. Hans Ebling hat diskret den Rücken gewandt. Dabei denkt er bei sich:

»Ich weiß, was hinter meinem Rücken vorgeht. Sie spielen Mann und Frau. Und sind doch nicht Mann und Frau. Er kann ja nicht lebendiger geworden sein, als er schon lange vor seiner Verheiratung war. Aber eben des­halb sollte er sie auch nicht küssen.«

Erst wie der Zug davonrollt, dreht er sich um. Edith steht neben ihm.

Er sieht ihr mit einem unentwirrbaren Gemisch von Scherz und Ernst in die Augen.

»Nun sind Sie also mein auf 24 Stunden. — Frau Edith, angenommen einen Augenblick, ich wäre Ihr Mann, so würde ich jetzt meinen Kopf auf die Schienen legen.«

Sie sieht ihn blitzend vor Übermut an.

»Nicht nötig, liebster Mann. Hans Ebling ist ganz ungefährlich.«

Sie lachen beide.

»Also einen Dienstmann und ein gutes Hotel! Sie lassen mich doch für alles sorgen, liebste Frau? Man wird uns nämlich unweigerlich für Mann und Frau halten.«

Das Hotel ist ganz nah. Ein Dienstmann geleitet sie. Ein Hotel wie alle Hotels.

Hans Ebling steigt mit dem Zimmerkellner eine Treppe hoch. Er bestellt die Zimmer und die Heizung. In wenigen Minuten ist er wieder unten, wo Edith auf ihn wartet.

Draußen hat das Schneegestöber aufgehört. Ein schwerer lichtloser Himmel wölbt sich über der Stadt und verschwimmt in der Ferne mit der weißen Ebene ringsum.

Sie streben aus den Straßen hinaus, auf die etwas hochgelegenen, baumbepflanzten Wege in den Parkanlagen. Der Schnee singt unter ihren Füßen. Kein Vogellaut. Nur über dem Feld, das sich ihnen zur Seite öffnet, fliegen ein paar Dohlen auf und krächzen. Wie sie, mit weit ausgebreiteten Flügeln, scharf abgezeichnet gegen die schwere bleigraue Luft, langsam dahinschweben, mahnen sie an ein japanisches Vogelbild, schwarz auf weiß.

Hans Ebling ist schweigsam geworden, gefesselt von der Land­schaft um ihn her, in der die hellen Birkenstämme mit ihren schneebehangenen Zweigen wie mit zartem Griffel auf den Himmelshintergrund radiert erscheinen. Eine Symphonie von weißen Farben. Und doch, in den Baumwipfeln spielen, kaum sichtbar, rötliche, grünliche, braune Töne sanft ineinander.

»In diesem Jahre liegt der Schnee sogar in Schwaben hoch; wir haben ihn für die Felder ersehnt, die voriges Jahr so gefroren haben,« sagt Edith, »ihnen tut er gar gut. Aber er ist noch für etwas gut: für die Kinder, wenn sie die hügeligen Straßen von Stuttgart mit ihren Schlittchen entlang rutschen können. Wenn ich das sehe, möchte ich immer klein sein und ein Schlittchen haben.«

Er lacht.

»Ich glaube, die Natur wirkt nur physisch auf Sie ... oder doch so stark physisch, daß sie als Bild zurücktritt ... Übrigens was hat Ihnen denn der Süden dieses Mal gesagt? Gegen den vorigen Winter in Rom ist Meran doch wohl hoffentlich abgefallen? Ich sage: ›hoffentlich‹, weil ich in Rom dabei sein durfte.«

»Nicht abgefallen. Aber in Rom kam ich kaum zu Atem. Zum Teil durch Sie. Ich vergaß, daß ich müßig ging. In Meran hingegen, da ging ich herum und sah viele Kranke und hatte allerlei Gewissensbisse. Ich schämte mich fast, so gesund und stark zu sein.«

»So gesund und stark? ... Jawohl, das müssen Sie doch überhaupt manchmal fühlen, neben ...,« er hätte fast gesagt: neben Klaus. Aber er fährt fort: »neben uns andern. Sie sind ganz eigentlich zu gesund ... zu unzerfetzt... nun, zu schön und zu lieb auch.«

»Wie schade,« sagt Edith, »sonst sind Sie gar nicht so fad.«

»Ach, ein Kompliment sollte es nicht sein. Das verstehen Sie nun wieder nicht. Den Menschen, die eine so schlechte Folie abgeben, sollte man aus dem Wege gehen.« Wenigstens gehört entsetzlich viel Mut dazu, sich so ganz zu ihnen zu gesellen, wie ... ich hätte ihn zum Beispiel nicht gehabt, an Klaus Stelle ..

Sie errötet lebhaft, lächelt aber.

»An seiner Stelle hätten Sie keinen gebraucht. Ich hab’ den Mut für ihn gehabt. Den Mut und überhaupt alles ... Er hat mich gar nicht geheiratet: ich hab’ ihn geheiratet,« erwidert sie in trotzigem und doch frohem Ton; man fühlt, daß sie ihn damit zu verteidigen wünscht.

»Das ist doch nur ein Wort. Es kommt auf eines heraus.«

»Nein, nicht nur ein Wort. Eine wirkliche Tatsache. Und so natürlich. Wir waren ja sowieso zusammen, unzertrennlich. Klaus war immer Mamas Lieblingsbruder, und seit er sich wegen seiner Gesundheit unten in Schwaben ansiedelte und wir zu ihm zogen, wurde mir’s auch nirgends so wohl, wie da. Weder in Kopenhagen, noch in Holstein bin ich so gern gewesen. Außerdem verabscheue ich das leere Leben in den Städten. Und wie Mama nun starb, fand ich, es solle so bleiben. Und heira­tete ihn. Da blieb es so.«

»Hm!«

»Ja!« sagt sie mit Nachdruck, zornig über seine Miene; »und es könnte schöner nicht sein. Wir haben immer in allen Interessen und Neigungen übereingestimmt.«

Er antwortet nichts, aber die eine unartikulierte Silbe hat ihr die Laune verdorben. Oder sie hat sie sich selber verdorben, durch alles, was sie da sprach und was ihr hinterdrein mißfällt. Oder dadurch, daß sie überhaupt davon sprach.

Hans Ebling hat die Wahl zwischen diesen drei Möglichkeiten. Er ver­sucht, Edith wieder gut zu machen.« Aber sie bleibt gereizt. Sie verschmäht seinen Arm an einer glatten, vereisten Stelle, obwohl sie ins Gleiten und Stolpern kommt. Und endlich läuft sie ihm einen Schritt voraus.

Er betrachtet sie in aller Muße und Ausführlichkeit, mit innigem Wohl­gefallen, wie sie da, auf schneeverwehtem Pfad, den Rock hochgenommen, daß der schmale Fußknöchel sichtbar wird, vor ihm hergeht.

Ihr Gang ist ihm immer besonders anmutig erschienen. Im Gehen wächst sie. Obgleich sie mittelgroß ist und nicht hager, sind alle ihre Glieder — jede Linie an ihr — so schlank und lang und fein, daß man sie für groß nimmt. Die Schultern sind noch zu schmal — unausgewachsen.

»Wiegende Grazie,« denkt Hans Ebling und ruft: »Kätzchen.«

Sie blickt sich nicht um.

»O pfui! Ich bin keine Katze.«

»Der Weichheit Ihrer Bewegungen nach könnten Sie es schon sein. Auch habe ich Sie schon schnurren hören, wenn man Sie streichelte — und soeben fauchen sehen. Aber ich dachte gar nicht an eine Katze.«

»Sondern?«

»... Also wissen wollen Sie es doch? ... An die Kätzchen« dachte ich, die an den Weidenbäumen niederhängen und sich schaukeln, sobald ein Lüftchen drüber geht. Zart, flaumig, blaßgelb. Wer sie berührt, dem bleibt Duft und Farbe in der Hand zurück, wie bei einem Schmetterlingsflügel ... Vorfrühling.«

Sie bleibt stehen und wendet sich ihm zu.

»Ich habe vergessen: ich muß telegraphieren. In Hardensleben müssen sie genau meine Ankunft wissen. Wir hätten das vorhin tun sollen.«

»Muß es gleich sein?«

Sie nickt.

»Nun gut. Also auf die Hauptpost. Sie steht groß und neu und herrlich am Bahnhofsgebäude.«

Der Weg wird im Marschierschritt zurück­gelegt. Unterdessen schiebt sich das einför­mige Bleigrau des Himmels ein wenig auseinander, und die Sonne kommt zum erstenmal zum Vorschein. Rotleuchtend, einem un­geheuren Monde gleich, steht sie in der Öffnung, nach oben und unten in einen blendenden Strahlenschweif auslaufend.

Hans Ebling lehnt im Telegraphenamt am Fenster und sieht zu, wie Edith, neben ihm über das Pult gebeugt, ein Formular auflegt und mit ihren großen, gar nicht zierlichen Buchstaben schreibt:

»Herrn Professor Theodor Rönnies. Hardensleben. — Ankunft morgen früh. Edith.«

Er fällt ihr in die Hand, daß die Feder in einen langen Strich ausspritzt.

»... Verschrieben. Es heißt: morgen abend. Und die Zeit wissen wir nicht. Ich will im Kursbuch nachschlagen.«

»Ich reise heut’ nacht,« sagt Edith.

Er blickt sie schweigend an.

Dann, nach einer Pause:

»... Ihr Ernst? ... Sie wollen nicht übernachten?«

Sie schüttelt den Kopf.

»... Und warum? ... Was ist geschehen ...?«

»Nichts. Ich habe die Lust verloren.«

»Edith! ... Und wenn ich Sie bitte: sehr, sehr bitte! ... auch dann nicht?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Das ist schlecht von Ihnen. Fast so schlecht, als ob Sie mir die Freund­schaft gekündigt hätten.«

Sie zuckt die Achseln und ergreift das Formular.

»Zerreißen Sie es! ... Sagen Sie doch ein Wort! ... Haben Sie denn die Sprache verloren — Kind?«

Sie antwortet nicht, wendet sich zum Schalter und zahlt.

»Noch ist es Zeit. ... Sie reisen nicht. Telegraphieren wir um.«

»Ich reise,« sagt Edith.

Sie verlassen das Postgebäude und gehen stadteinwärts. Hans Ebling sieht sie von der Seite an.

»Mußte sie es telegraphieren, um ihrem neuen Entschluß treu zu blei­ben, mußte sie sich dazu binden? ... Eilte es deshalb so?« fragt er sich, und in seinen tiefen Verdruß mischt sich helle Freude.

Inzwischen ist es draußen licht geworden. In wahrhaft königlicher Herrlichkeit liegt die weiße Landschaft unter der strahlenden Wintersonne da, deren Glanz jedes Eiskörnchen, jedes Schneefederchen zurückstrahlt. Und in diesem Meer von Licht erschimmern am Himmel mattblaue und rosige Farben und finden auf der goldweißen Erde ein zartes, kaum wahr­nehmbares Gegenspiel. Blaurosa schimmert es vom Grunde der halb­gefrorenen Trave,« und blaurosa über den lebenleuchtenden Schnee.

Hans Ebling bleibt stehen.

»Ist denn der Winter nicht ein Farbenkünstler, trotz alles Frühlings!« ruft er hingerissen, und vor seinen Augen schweben Madonnengesichter von Botticelli und Engels­köpfe aus der Frührenaissance.

Edith sieht geradeaus in das Stadtbild hinein, das sich jenseits der Trave erhebt. Die winkeligen Dächer und Häuser begrenzen die Straße am Ufer, die dann scharf abbiegt ins Innere der Stadt. Und darüber schillern grünlich die spitzen Kirchtürme, deren Schiefergrau das Alter gefärbt hat. Wunder­bar malerisch und traumversunken liegt Lübeck da zwischen seinen zwei Wassern, lang und schmal hingestreckt, wie verschneit und vergessen.

»Und dort — dort brandet das Meer!« entfährt es ihr unwillkürlich.

Etwas Gewaltiges, mit unwiderstehlicher Kraft Daherbrausendes, sieht sie in ihrer Phantasie hinzu — sieht es, wie es von fernher dies Stückchen Landschaft und Tod und Winter umbrandet.

Und eben dies, was nicht da ist, nicht sichtbar gegenwärtig ist, erscheint ihr das Schönste am Bilde — das Notwendigste und Ergrei­fendste.

Wortkarg gehen sie weiter.

»Jetzt wollen wir das ›Schifferhaus‹ suchen, es muß gleich hier sein,« sagt Hans Ebling froh, und die Freude quillt plötzlich in ihm über, die seinen Verdruß bisher nur ein klein wenig versüßt hat: »Lübeck ist eine wunder-, wunderliebe Stadt und steckt voll von Märchen und den allerschönsten Menschenkindern.«

»Wieso?«

»... Weil wir in ihr spazierengehen,« erwiderte er scherzhaft, »und weil heute alle Dinge zu mir ihre Geheimnisse reden.«

»Warum?«

»Fragezeichen! Wahrscheinlich, weil die Sonne sie ihnen entlockt ... Aber im Ernst, nichts in der Welt stimmt so zur Freude, wie die Dinge ringsum, die ›leblosen‹, wie man sie nennt, die Formen und Farben und was weiß ich. Nichts spricht so verständlich und tut so anspruchslos wohl. Das ist die ›Dingfreude‹, die kennen Sie noch nicht recht. Wenigstens nicht so ... Und vielleicht sollen Sie sie auch nicht ganz kennen lernen, denn das setzt mög­licherweise bei solchen Naturen, wie Sie eine sind, Schmerzen voraus: ein Stillwerden, ein Müdewerden — etwas von Resignation. Enttäuschungen in den lebendigen Beziehungen des Lebens.«

Sie schaut ihm aufmerksam ins Gesicht. Er sieht so gut und ernst aus in diesem Augenblick.

»Und Sie?«

»Ich?« er nimmt den Hut ab und fährt sich wieder nervös durchs Haar; »ich kenne keine bessere Freude. Alles andere ist gemein — daneben. Welch ein Glück und Wunder, daß die Dinge in ihrem unerschöpflichen Reichtum immer bleiben, immer neu, immer rein, immer tröstend und erheiternd, wie sehr wir selber auch verarmen und verderben — wie sehr das Leben uns auch verarmt und verdirbt.«

Edith erwidert nichts. Sie fühlt etwas wie Beschämung, daß er so voll ist von dem, wovon sie so wenig versteht. Er ist ein bedeutender Künstler, aber was ist sie? Gewöhnlich nimmt sie ihn als etwas, das ihr gewohnter­maßen zugehört und sogar ein wenig von ihren Launen abhängig ist. In diesem Augenblicke fühlt sie, daß sie seine Überlegenheit fürchtet und liebt.

Im berühmten »Schifferhause« sind sie fast die einzigen Gäste. Der grob geschnitzte und bunt bemalte Matrose am Eingang weist mit seiner einladenden Gebärde in einen leeren Raum, an dessen fernster Ecke bei einem Glase Grog nur zwei Lübecker Herren sitzen, die mit ihren spitzen Kinnbärten und steifen Gesichtern selber geschnitzten Köpfen gleichen.

Sie lassen sich am Fenster nieder, bestellen die Speisen und lassen ihre Blicke durch den originellen Saal wandern, von dessen niedriger Decke kleine Schiffe niederhängen. Edith ist still und in sich versunken, aber im Laufe des Essens lösen die behagliche Wärme und der gute Rheinwein ihr die Zunge. Die Stimmung schlägt um. Sie kommt ins Plaudern und wird gemütlich.

Hans Ebling spricht nicht viel mit, aber seine fein verstehende, fein nachgehende Art lockt zum Erzählen, wie der Wein, den er einschänkt. Und ihm ist es gerade hierum zu tun: ist es ihm nun doch, als wanderten sie zu zweien durch die Felder, wie so oft dort in Schwaben, an lauen Sommerabenden, wenn Edith die zitternden Ähren durch die Finger gleiten ließ und ihn dabei so zutraulich teilnehmen ließ an all ihrem Leben und Erleben. Und in ihren plaudernden Worten sieht er so deutlich den ganzen Tageslauf dort wieder, diesen gesunden und ruhigen Wechsel von praktischen und geistigen Interessen — und die schöne, frische, gleichmütige Heiterkeit, die von Ediths Wesen ausgeht und allem, allem den Charakter gibt.

»Wissen Sie, was ein glückseliges Menschenlos ist, Kind? Soll ich Ihnen erzählen?«

Sie nickt und nippt vom Glase.

»So wie Sie vom Norden kommen, vom kräftigen Norden der Holsteiner und vom verfeinerten, allzu verfeinerten Norden der Dänen, und in aller Jugend hineingesetzt werden in den gesegnetsten Fleck deutscher Erde und deutschen Südens, dort festwachsen, bis alle Keime in sorgloser, unverkümmerter Entfaltung sich auswachsen ...«

Sie nickt wieder und sagt:

»Das ist Klaus’ Werk. Auf dem Lande ist nur gut sein mit so einem Klugen, Ernsten daneben. Seitdem er kein rechter Landwirt mehr sein kann, ist er fast ein Gelehrter geworden. Ohne ihn wäre ich verbauert. Ich habe Anlage dazu.«

»Nein, zum Verbauern nicht. Aber wahr ist es, daß Sie alles Geistige nur in eigentümlich engem Zusammenhang zum Leben selbst sich zu assimilieren vermögen. Sie können sicher noch eine gelehrte Zoologin und Botanikerin werden, wenn Sie nämlich dabei Pflanzen und Tiere heranziehen, den Felddung kontrollieren und das Melken beaufsichtigen dürfen.«

Sie lacht und macht ein zufriedenes Gesicht.

»Aber, etwas fehlt noch,« setzt er fort.

Sie blickt überrascht auf. »Nun? — das wäre?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich sag’ mir nur: All dies ist schön, weil reicher gesegneter Boden für schönstes Wachstum. Was wird er hervor­bringen? Welche Blüten? Noch haben sie nicht geblüht, Edith.«

»Was denn für Blüten?« fragt sie unsicher und naiv. Sie ist fast ein wenig gekränkt, ohne recht zu wissen, ob sie das zu sein hat.

Hans Ebling sieht sie an und fühlt etwas wie wirkliche Rührung, wie sie so dasitzt und innerlich nachdenkt, was er denn meine, daß ihrem »glück­seligen Menschenlos« noch fehlen kann?

Sie beenden ihre Mahlzeit, das Gespräch erlahmt. Hans Ebling will es scheinen, wie wenn ein Anflug von Schwermut über Edith läge. Aber vielleicht ist es nur Müdigkeit. Die Nachtreise und der lange Schneegang machen sich geltend. Sie hat hochgerötete Wangen und müde Augen und fängt an zu gähnen.

»Ihre großen Augen werden ganz klein,« bemerkt er lachend, »ich fürchte, Sie müssen schlafen.«

»Ach ja,« gibt sie kleinlaut zu, »wenn ich nur hier gleich einschlafen dürfte.«

»Wir sind gleich so weit,« tröstet er sie, und während der Kellner ihr den Mantel umgibt, winkt er einer vorübertrottenden Droschke. Eine unbändige Lust, Edith, wie sie da ist, in die Arme zu nehmen und hinein­zutragen, faßte ihn — nur so sie zu wiegen, in den Armen einzuwiegen, bis sie schläft: weiter nichts.

Er sitzt neben ihr in der Droschke, siedend heiß, und betrachtet aus dem Fenster den Fahrdamm mit den hohen Schneehaufen zu beiden Seiten.

In wenigen Minuten sind sie da, und Edith wird hinaufgeleitet.

»Nr. 21? Nr. 23?« fragt der Kellner, nacheinander zwei Türen auf­schließend, in deren Mitte eine dritte Tür sich befindet.

Edith bleibt in Nr. 21, wo sie ihre Reisedecke vorfindet. Sie wirft Hut und Mantel ab und sieht sich um. Das Bett steht, frisch aufgeschlagen, an der Seitenwand, der gegenüber eine Tür nach Nr. 22 führt. Im Ofen prasselt ein Feuer, es riecht nach feuchter Wäsche und eingeschlossener Luft.

Da stößt jemand die Tür ins fremde Nebenzimmer auf. Hans Ebling erscheint auf der Schwelle.

»Sie schlafen doch nicht etwa schon im Stehen? Ich wollte Ihnen vor­schlagen, das hier zu tun.«

»Wo? ... Was ist denn dort für ein Zimmer?« fragt sie erstaunt.

»Es liegt zwischen unsern Schlafzimmern. Es ist unser Salon. Irgend­wo müssen wir doch bleiben können. Wir können doch nicht immerfort Spazierengehen.«

Edith sieht in einen kleinen, vorn rund ausgebauten Salon mit vielen Fenstern ringsum. Den Boden deckt ein weicher, dicker Teppich, eine bequeme Couchette steht quer am Kamin hin, von den großen, brennenden Holzscheiten beleuchtet.

Hans Ebling trägt die Reisedecke und Fuß­tasche hinein und schließt die Verbindungstür.

»Ich werde Sie jetzt nicht mehr stören. Gute Nacht. Wenn Sie nach menschlicher Berechnung ausgeschlafen haben, so klopfe ich bescheiden an.«

Damit nimmt er ihre Hand, küßt dieselbe und geht geräuschlos hinaus.

Edith streckt sich mit einem Gefühl höchsten Behagens auf der breiten, weichen Couchette aus. Sie ist so müde, daß sie kaum noch etwas wahrnimmt. Einmal kommt das Mädchen herein, um nach dem Kamin zu sehen. Dann wird es ganz still. Nur das Feuer knistert leise.

»Es sind gewiß nur wenige Menschen außer uns im Hotel,« denkt sie noch, und dann verwirren sich ihre Gedanken.

Ob sie geschlummert hat und wie lange, weiß sie nicht. Ihr scheint, daß alles sich soeben erst zugetragen habe und daß sie den Schlummer noch sucht. Aber sie hört ein leises Klopfen an der Tür. Ist es wieder das Mädchen, das nach dem Feuer sieht? War sie nicht eben erst hier?

Halb bewußtlos sagt sie: »Herein.«

Es ist Hans Ebling.

»Nun, sind Sie fertig? Ausgeschlafen?« fragt er und setzt sich an das Fußende der Couchette.

Edith richtet sich ein wenig auf.

Die Beleuchtung des Zimmers kommt ihr verändert vor. Ist es doch schon so spät? Oder sind es nur die vielen Fenster ringsum, die so dicht zugefroren sind, daß sie das Tageslicht ganz gedämpft hereinlassen? Sie umgeben die Stube wie mit einer mattschimmernden Kristallwand, durch die niemand hindurchblicken kann.

»Wie im Märchenpalast,« denkt sie träumend und hat Sehnsucht, so weiter zu schlummern, aber nicht völlig, nur mit offenen Augen und der süßen Müdigkeit in den Gliedern.

Im Kamin sind die paar lodernden Holzscheite zusammengesunken und die Kohlen darunter glimmen rot.

Sie versucht aufzustehen und kann es nicht.

»Ich habe wohl in den schneenassen Stiefeln geschlafen, in denen ich gegangen bin. Jetzt pressen und schmerzen sie, und ich habe kein anderes Schuhzeug bei mir,« murmelt sie und lehnt sich in die vorige Lage zurück.

Hans Ebling tastet vorsichtig an ihrem Stiefel hinauf und knöpft ihn oben auf.

»Sie brauchen keine andern Schuhe, wozu hätten Sie denn meine Hände,« erwidert er und zieht ihn aus. Der kleine warme Fuß im dunklen Strumpf liegt in seiner Hand wie erlöst. Edith macht eine schwach wider­strebende Bewegung, aber er hält ihn fest, und mit ein paar raschen, leisen Griffen löst er auch den zweiten Stiefel.

»Stillhalten — ganz stilliegen und stillhalten,« sagt er und langt nach der Felltasche und steckt Ediths Füße hinein, »sonst fallen die beiden Vögelchen aus ihrem warmen Nest.«

»Danke!« entgegnet sie unwillkürlich, und dann, mit einem tiefen Atemzug:

»Es riecht nach Frühling.«

Er steht auf, kommt zu ihr an das Kopfende und beugt sich über sie. In seinen Händen hält er eine Fülle von Rosen — Rosen in allen Farben und in voller Blüte — lose, ungebunden, auf hohen Stielen.

»O wie herrlich,« ruft sie entzückt, »Sie müssen sie ins Wasser ... «

Da rieselt es auf sie nieder, ein weicher köstlicher Regen von Hunderten von duftenden Rosenblättern.

»Diese müssen sterben!« sagt Hans Ebling und entblättert die letzten. Einzelne Blättchen fallen in ihr kurzes Gelock, auf ihr Gesicht, er entfernt sie behutsam und seine Hand berührt dabei ihr Haar und ihre Wangen mit einer ganz zarten Liebkosung, die kaum fühlbar wird, die sich kaum von der Berührung der Rosen unterscheidet. Edith schließt die Augen und atmet den feinen Duft ein, der um sie her aufsteigt. Und sie sieht dabei so kindlich und zufrieden aus, daß Hans Ebling ein plötzliches, mächtiges Entzücken überkommt.

»Mein Kind — mein liebes, liebes   du Liebe, Süße.«

Er spricht es nicht hörbar aus, er bewegt nur die Lippen und kniet neben ihr an der Couchette nieder, ohne daß sie es sieht.

Sie liegt regungslos.

Und er blickt sie an, schweigend, minutenlang und denkt:

»Auch dies heißt: genießen. Man muß lange lernen, um es zu können. Vor zehn Jahren hätte ich’s nicht gekonnt. Älter muß man dazu geworden sein: ohne die drauflosstürmende Ungeschicklichkeit und Ungeduld der Jugend. Älter? Oder nur: verdorbener, wissender, kundiger, die Einzelheiten genießend, anstatt im ganzen zu ertrinken ... Zum Beispiel so etwas: knien und räsonnieren.«

Dabei wiederholt seine Hand die sanfte Berührung von vorhin, die Edith unbefangen zuließ und dann streicht er ihr das Haar aus der Stirn, wie man einem Kinde tut.

»Dies kennt sie: so macht es Klaus auch,« denkt er und fühlt Ingrimm, ich benehme mich scheinbar ganz väterlich — und vermag das schon. Und sie fühlt dabei kindlich — und vermag es noch. So berühren sich die Extreme und verführen einander.«

Seine Hand gleitet liebkosend an ihren Wangen, ihrem Halse hin und er schiebt sie ihr unter den Nacken. Weit davon entfernt, dadurch geweckt und aufgerüttelt zu werden, ist es, als sinke Edith damit wieder in ihren vorigen Halbschlummer zurück, aus dem sie noch kaum erwacht war. Sie ruht wie völlig traumumfangen, und in das rein körperliche Behagen, so mit gelösten Gliedern willenlos dazuliegen, mischt sich mehr und mehr ein fremdes, seltsames Wohlgefühl, das sie noch nie empfunden, von dem ihr aber ist, als habe sie danach verlangt — schwach, traumhaft, wie der Rosen­duft, der sie umhüllt.

Ohne daß Edith es weiß, gibt sie Hans Eblings Berührung nach, und, unbewußt, fast unmerklich, schmiegt sie sich hinein in seine liebkosenden Hände.

Er fühlt es deutlich, und ihn überkommt eine Freude und Dankbarkeit, wie wenn ihm jemand unvermutet Blumen in den Schoß würfe. Jede leiseste, jede noch so schwache Regung nimmt er wahr, die durch ihre Nerven vibriert, und gibt ihr nach und geht ihr nach, mit so wunderbar feiner Sicherheit, als ob seinen empfindlichen Künstlerhänden Geist und Bewußtsein inne­wohnte. Und in der Zartheit seiner Berührung ist es ihm, als sähe er Edith dabei nackt vor sich mit allen seinen Sinnen, als sähe er vor seinen ge­schlossenen Augen den schlanken Umriß dieser biegsamen Schultern, die zu schmalen Hüften, die noch etwas pagen­haftes haben, die zarte Rundung der Glieder, deren Grazie er aus jeder ihrer Bewegungen so genau kennt.

Wie ein Musiker, der, auf ein paar Saiten, andeutend, die Töne einer Melodie entlockt, so wähnt er Musik um sich zu hören, leise präludierend, süß und beseelt, beseelt wie die Goldfarben, die über die Schneefelder hin­liefen und den Schnee zum Leben weckten.

Sein Gesicht verwandelt sich dabei und verschönt sich sonderbar; ein neuer Ausdruck liegt darauf, lauschend, aufmerksam, entrückt — Künstlerandacht.

Es wird später, dunkler. Die vereisten Fensterscheiben glänzen weißlich durch die tiefer sinkende Dämmerung, und hie und da blitzt es in ihnen auf, ein funkelndes Lichtlein, wie die Laternen auf der Straße angezündet werden. Alle Gegenstände im Zimmer sind in weiche Schatten gehüllt. Die Glut im Kamin ist erloschen; nur einzelne Funken spielen noch unter der Asche.

 

 — — — — — — — — — — — — — — — — — —  —

 

Hans Ebling liegt am Boden und küßt Edith. Er küßt ihre Hände, ihre Schultern, ihr Haar, ihren Mund. Lang und innig küßt er einmal ihren Mund, ohne daß sie sich regt. Er weiß nicht, ob sie schläft, ob sie wacht, ob sie träumt. Er fühlt unter seinen Händen die ruhigen, gleichmäßigen Schläge ihres Herzens und wie sanft der Atem ihre jugendliche Brust hebt.

Da ertönt schrill eine elektrische Klingel im Korridor.

Edith schlägt die Augen auf.

Sie erzittert an ihrem ganzen Körper, aber sie sagt kein Wort. Ihre Augen, groß geöffnet, schauen geradeaus in das dämmernde Zimmer, über den Mann neben ihr hinweg. Alles in ihr ist wie im Bann eines tiefen Staunens, des Erstaunens, mit welchem man manchmal im Traum erwacht, in einer ganz fremden, ganz unwahrscheinlichen Wirklichkeit. In diese Wirklichkeit ist nicht einmal ihre Phantasie ihr vorausgelaufen, noch auch haben ihre Ahnungen mit ihr gespielt. Wohl hat auch sie früher dunkel geträumt von großer Liebe und von allmächtigen Leidenschaften, von einem geheimnisvollen Sturm und Wahnsinn, der bis zur Ekstase erhebt und bis zur Vernichtung zermalmt, weil das ganze Leben in einem einzigen Menschen aufgeht und untergeht.

Aber hier, in dieser neuen Wirklichkeit, gibt es gar keinen so geliebten Menschen — sie findet nur sich selbst. Es gibt keinen Sturm und Wahnsinn, der sie ihm entgegenrisse in höchster Erregung aller Kräfte — nur ein tiefes Ausruhen in einer ganz sanften Wonne, wie tiefes Atemholen, wie stilles Trinken im Durst.

Ihr ist so ernst zumute wie noch nie in ihrem Leben, aber ernst ohne Schwere und voll Vertrauen. Vielleicht war es so, damals, als sie noch ein ganz kleines Kind war, das auf schwankenden Füßchen von Vater zu Mutter ging, und mit dem erstaunten, ungemessenen Ernst der Kinder ihre aller­ersten Entdeckungen in einer Welt machte, die noch mit fremden, märchen­haften Stimmen zu ihr redete.

Hans Ebling hält sie mit beiden Armen umfaßt, sein Gesicht an dem ihren.

»Wer bist du?« flüstert er verhalten ... »wovon träumst du? warum verstehe ich dich nicht? warum kennst du die Sehnsucht nicht? — — Ich habe sie nicht wachgeküßt.  — — Sie schläft. — — Kannst du lieben? — Wen? — — Nie? — — Doch, sie wird kommen.  — Eine Sehnsucht wird über dich kommen, die reine, gewaltige — und ihm wirst du zu Füßen stürzen, der sie weckt.  — — Ahnst du sie nicht?  — — Die Sehnsucht: nach dem Kinde.«

Sie öffnet die Lippen ein wenig, ein Beben läuft durch ihre Glieder, und plötzlich füllen ihre Augen sich mit großen, warmen Tränen.

Hans Ebling entfährt ein kurzer Laut. Er trinkt die Träne, die an ihrer Schläfe hinabgleitet und bedeckt ihr Gesicht mit wilden, besinnungs­losen Küssen. Vergessen ist alles, was er sich vorgenommen, über den Haufen geworfen das weise Maß und die tastende Vorsicht des Erfahrenen, Genußmüden; heiß, rückhaltlos bricht die Leidenschaft durch, ihn selbst und alle seine Gedanken mit sich fortreißend wie Spreu im Winde. Er fleht, rast, bebt, bittet, und, außer sich, hebt er sie hoch und umpreßt sie.

Edith hat sich unter seinen Armen langsam aufgerichtet. Ohne ein Wort, ohne ein Zeichen des Erschreckens. Aber rasch, wie ein Blitz plötz­licher Ernüchterung, geht das jähe Erwachen und Verstehen durch ihre Augen.

Es ist fast völlig finster, sie vermögen einander kaum zu unterscheiden. Und doch, ebenso schnell, ebenso blitzähnlich begreift er sie, fühlt er sie sich verloren — erkaltet — wach — fremd — in einem einzigen Augenblicke tausende von Meilen weit fort von ihm; als hätte sie gesagt: »Ach, bist du da? Ich glaubte mich allein. Warum schreckst du mich auf?«

Noch hält er sie fest, aber nur am Gewand fest, und mit erlahmenden Händen.

»Edith! Mein Kind! Mein Geliebtes! Geliebte! Mein Alles!«

Sie ist aufgestanden, daß die welken Rosenblätter an ihr niedergleiten. Langsam, auf ihren Strümpfen geht sie über den Teppich an das Eckfenster und bleibt dort stehen.

Sie schellt nicht, sie verlangt kein Licht.

Sie steht nur da und haucht zerstreut auf die Scheibe, bis ein kleiner, kreisrunder Ausguck darauf entsteht, durch den die Außenwelt zu ihr hereinschaut.

Draußen, auf der erleuchteten Straße, fährt mit klingelnden Schellen ein Schlitten vorüber.

Es klingt so hell und fröhlich und unschuldig ins Zimmer hinein, und, von irgendwoher, fallen ihr mit zwingender Deutlichkeit die Stuttgarter Straßenkinder mit ihren Schlittchen ein, so daß sie lächeln muß ...

Eine Viertelstunde später bestellt Edith Tee und eine Lampe. Wie der Kellner mit Licht und dem gefüllten Servierbrett erscheint, ist sie allein in der Stube. Sie sitzt am Kamin, die Schuhe gegen den Rost gestemmt und liest im Kursbuch. Erst wie das Abendbrot bereit steht, kommt Hans Ebling herein und setzt sich an den Tisch.

Edith erhebt sich, schenkt beide Tassen voll und benimmt sich ganz als Hausfrau, ganz wie sonst, am Teetisch in Göppingen. Genau so, wie sie jetzt da steht, in ihrem dunkelblauen Reiseanzug, mit den immer frischen Gesichtsfarben, meint Hans Ebling sie oft und oft gesehen zu haben, als das Frauenrätsel, das ihn reizte und quälte und entzückte.

Bis auf den ernsteren, nach innen gekehrten Ausdruck ihrer Augen ist nichts an ihr verändert, nicht einmal ihre Freundlichkeit gegen ihn. Aber es ist eine zerstreute Freundlichkeit, wie wenn sie dabei an etwas ganz anderes dächte. Er sieht, sie ist aufs tiefste mit etwas beschäftigt — mit sich selbst beschäftigt, nicht mit ihm. Ohne daß sie es weiß, reizt und quält ihr eigenes Rätsel sie heute, und daß auch er da ist, daß er daran wesentlich mitbeteiligt ist, das vergißt sie fast darüber.

Gewiß nur deshalb, weil er ihr entschwunden und nur ihr eigenes Erleben ihr groß und fremd gegenwärtig ist, kann er an ihr keine Spur von Erregung oder Zorn oder Verlegenheit bemerken.

Hans Ebling ist nicht imstande, zu essen; er schiebt seine Tasse zurück, steht auf und geht im Hintergrunde des Zimmers, fern vom Lichtkreis der Lampe, auf und ab.

Wohl weiß er: es ist nur die gekränkte Eitelkeit in ihm, und sie wird vorübergehen, aber er kann nicht Herr über sich selbst werden — es bewegt und erschüttert ihn, es plötzlich so deutlich zu wissen, so mit Händen zu greifen, wie wenig er ihr ist.

Bis dahin war es zwar nicht anders, aber die Ungewißheit erlaubt das Gedankenspiel mit unbegrenzten Möglichkeiten. Und bei solchem Ge­dankenspiel genoß er ihre zutrauliche Unbefangenheit. Jetzt hat er die Grenze gefühlt.

Er nennt sie im stillen unweiblich, ego­istisch, kalt und grausam im höchsten Grade, weil sie so in sich versunken dasitzt. Und es bereitet ihm Pein, nicht in sie hinabsehen zu können, nicht zu wissen, was in ihr vorgeht. Das da erlebt sie ganz allein. Hätte er sie zur Liebe aufgerissen, so würde sich ihm auch ihr Wesen erschließen. Statt dessen ist jetzt auch die Grenze des Zutrauens erreicht.

Wie es Zeit zur Abfahrt nach dem Bahnhof wird, nimmt Edith ihre Sachen zusammen, schellt dem Kellner, bestellt eine Droschke und macht sich reisefertig. Sie blickt unwillkürlich verwundert auf, als sie sieht, daß auch Hans Ebling nach seinem Mantel greift.

»Worüber wundern Sie sich? Daß ich noch auf der Welt bin? Ich stellte mich nur in den Schatten, aber ich war immer da. — — Ich werde Sie doch auf den Bahnhof begleiten dürfen.«

Sie fahren den kurzen Weg durch das dichte Schneegestöber, das wieder begonnen hat. Wie sie anlangen, hält der Eisenbahnzug schon, aber noch darf man nicht einsteigen.

Edith steht an dem äußersten Rande des Bahnsteiges und sieht ge­dankenlos zu, wie der Maschinist am letzten Waggon einen Hahn über dem Räderwerk aufschlägt. Zischend schießt ein Strahl siedenden Wassers heraus und ergießt sich zwischen den Schienen des Geleises, wo er schon zu gefrieren anfängt, während ihn noch sein eigener Dampf umhüllt.

Die Minuten schleichen so langsam wie heute morgens auf dem gleichen Bahnhof, als sie auf Klaus’ Abfahrt warteten.

Der Vergleich muß ihnen beiden kommen.

Endlich ist es Zeit.

Edith steigt in das Coupé, das Hans Ebling für sie offen hält. Er springt ihr nach und schlägt die Tür zu.

Einen Augenblick stehen sie einander schweigend gegenüber, unter dem kleinen Licht der Deckenlampe.

»Sie fahren also mit,« sagt sie nur.

»Ja. Ich muß. Ich werde Sie nicht stören. Ich kann nur so nicht von Ihnen fort, Edith.«

Sie antwortet nicht, setzt sich in eine Fensterecke und zieht die Uhr. Es sind Fünfviertelstunden bis Kiel. Dort muß sie nach Hardensleben in den Hamburger Schnellzug umsteigen.

Hans Ebling stört sie wirklich nicht. Er sitzt in der anderen Fensterecke, auf derselben Seite des leeren Coupés und blickt hinaus. Er hadert mit sich selbst und findet sich obendrein dumm und lächerlich. Denn jetzt denkt sie zwar nicht an ihn, aber wenn er ihr wieder einfällt, so wird das für immer mit einer unangenehmen Rückerinnerung verknüpft sein. Dann wird ihr zugleich einfallen, daß der heutige Abend nicht sein durfte. Und er durfte auch wirklich nicht sein, da er nicht imstande gewesen, ihn durchzuführen. Er fiel aus der Rolle, verlor jede Maske. Er war dumm und verliebt gewesen — zu verliebt. Der unverfälschte Mensch hatte plötzlich den genießenden, vorsichtigen Verführer in die Flucht geschlagen.

»Und das wird sie nun zeitlebens für meine ›Schlechtigkeit‹ halten,« denkt er erbittert ... »daß ich dich zu lieb hatte, um mit Besonnenheit schlecht zu sein ... Herr Gott, ich lieb’ dich ja ... ich lieb’ dich ja!«

Edith tut es leid, daß er so stumm sitzt. Seine Worte vorhin haben sie gerührt. So ernst ihr auch im Herzen ist, so fern ist sie von jeder Miß­stimmung gegen ihn. Denn durch all ihren Ernst und ihre Versunkenheit hindurch fühlt sie sich voll von Frische, Gesundheit und innerem Wohl­sein, ohne zu begreifen, warum. Wie es nach tiefem Schlaf oder in einer Genesung den Nerven wohl zu sein pflegt. Sie fühlt sich herzlich gestimmt und dankbar und weiß nicht wem, noch auch wofür.

Als der Zug in Kiel einfährt, wendet sie Hans Ebling den Kopf zu und sagt:

»Ich muß hier umsteigen. Und ich möchte in ein Damencoupé.«

»Das heißt, meine Begleitung ist Ihnen lästig. Habe ich Sie wirklich gestört?«

»Nein. Aber ich bitte Sie darum.«

»Wie Sie befehlen.«

Er langt nach ihrem Gepäck und steht auf, um die Tür aufzustoßen.

Da plötzlich ist sie bei ihm. Neben ihm steht sie und hebt beide Arme und legt sie ihm um den Hals.

»Adieu!« sagt sie leise.

Und innig, ohne Aufregung oder irgend ein Zeichen weiblicher Liebe, aber mit der offenen Herzlichkeit eines dankbaren Kindes, küßt sie ihn auf den Mund.

Noch fühlt der Überraschte ihre warmen, frischen Lippen auf den seinen, als die Tür von draußen schon aufgerissen wird, sie auf dem Bahn­steig stehen, der andere Zug vorfährt, die Türen auf- und zuschlagen, und fremde Menschen sie trennen und umdrängen.

Edith sieht im Coupé um sich. Niemand steigt mehr zu ihr ein, sie wird allein bleiben. Sie streckt die Arme hoch und atmet tief auf. Das hat ihr vorhin sehnsüchtig vorgeschwebt: eine einsame, stille Nachtfahrt, ganz still, und sie mit sich selbst ganz allein. Da will sie ins klare kommen über alles — ja, und mit sich selbst ins Gericht gehen will sie auch.

Sie ist so gewohnt, jegliches schnell und selbständig anzugreifen, daß sie sich diese beiden Dinge einfach vornimmt, als jetzt zu erledigende.

Hans Ebling steht noch vor dem Waggon und blickt, von den wider­streitendsten Empfindungen erfüllt, zu dem Fenster auf, hinter dem Edith ihm entschwunden ist.

Aber da läßt sie das Fensterglas herab. Gerade in dem Augenblick, wo die Signalpfeife ertönt. Ihn faßt ein tolles, unsinniges Verlangen, nur noch einen Moment lang ihr Gesicht ihn anschauen und ihn grüßen zu sehen.

Doch sie schaut nicht heraus. Nur eine schmale Hand im grauen Wildlederhandschuh schiebt sich über den Fensterrand, und, während der Zug die Bahnhofshalle verläßt, flattert ein blauer Reiseschleier Hans Ebling entgegen.

Der Zugwind entreißt ihn ihrer Hand. Er fliegt hoch auf, senkt sich langsam, und bleibt am blanken Türgriff des Coupés hängen.

Wie ein blaues Wölkchen schwebt er da grüßend im Winde.

Hans Ebling läuft einige Schritte weit mit, und, mit einem Sprung, der ihm in der Zeit seiner verwegensten Turnkünste Ehre eingetragen haben würde und ihm das Genick hätte kosten können, berührt er mit einem Fuß sekundenlang das Trittbrett und reißt den Schleier an sich.

Auf dem Bahnsteig haben die Menschen sich schon verlaufen, nur der mitfahrende Schaffner ruft ihm eine Flut empörender Drohungen entgegen.

Seinen Schleier in der Hand zusammengeballt, wendet er sich langsam ins Bahnhofs­gebäude zurück.

»Wann geht der nächste Zug nach Lübeck ab?« fragt er einen Beamten, an dem er vorüberkommt.

»Fünf Uhr früh,« lautet die Antwort.

Also bis fünf Uhr früh in den Wartesaal. In die Stadt hineingehn will er nicht — allein.

In der Bahnhofsrestauration, in genau einer solchen, wie sie noch heute morgen seine Ungeduld weckte, sitzt er geduldig vor einem Glase abge­standenen Bieres und fröstelt.

Die gekränkte, ärgerliche Stimmung ist verflogen, seine Gedanken, voll wachen, warmen Interesses, hängen an Edith, folgen ihr auf ihrer Nachtfahrt, laufen noch einmal, Stunde auf Stunde, den Tag zurück, der zwischen Morgen und Abend liegt. Was ist an diesem Tage in der Tiefe ihrer Seele geschehen? Er weiß es nicht. Was wird, durch diesen einzigen Tag vielleicht, in ihrem Leben irgendwann einmal noch geschehen? Küßte sie ihn, weil sie ihn liebte? Nein. Küßt man so für eine Liebkosung, die kalt gelassen hat? Nein. Was er auch denken mag, was er auch sorgen, hoffen, fürchten mag, es sind leere Phantasien. Den Schleier von ihrem Wesen hat er nicht gehoben.

Aber, während Bilder auf Bilder in seinem Künstlerkopf aufsteigen, wird er nicht müde, mit berauschter Phantasie dem alten, ewig-jungen Rätsel nachzugehen, an das er die Jahre seiner Jugend gewandt hat, und das noch einmal ihn gefangen nimmt.

 

 — — — — — — — — — — — — — — — — — —  —

 

Edith liegt inzwischen, lang ausgestreckt, auf den Polstern ihres Coupés. An der nächsten Station steigt noch eine Dame ein, doch es stört sie nicht und sie merkt es nicht. Alle die Vorsätze, die sie für diese Nacht gefaßt hatte, alle tiefen Gedanken, die sie ergründen wollte, sind ihr ver­gangen, und auch, daß sie mit sich ins Gericht gehen wollte, hat sie gänz­lich vergessen.

Die Fellfußtasche als Kissen unter den Kopf geschoben, schläft sie süß und fest und träumt von einer breiten, blitzend weißen Schneefläche, auf der ein Schlittchen mit hell klingenden Schellen hinabgleitet— — — hinab — — —