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George Sand – Kora

Novelle

Aus: George Sand, Novellen, Aus dem Französischen übertragen von Robert Habs, Verlag von Philipp Reclam jun., Leipzig, 1879


1.

Nach meiner Rückkehr von der Insel Bourbon – ich befand mich damals in ziemlich mißlicher Lage – erbat und erhielt ich ein kleines Amt bei der Postverwaltung. Ich wurde tief in die Provinz nach einer kleinen Stadt geschickt, deren Namen ich verschweige, und zwar aus Gründen, die man mit Leichtigkeit begreifen wird.

Das Auftauchen eines neuen Gesichts ist ein Ereigniß in einem kleinen Städtchen, und ich war daher, obgleich mein Amt zu den mindest bedeutenden gehörte, nächst einem Seehunde und zwei Riesenschlangen, die sich kurz zuvor auf dem Marktplatze einquartirt hatten, einige Tage lang der die öffentliche Neugier am meisten erregende und für die häuslichen Unterhaltungen ergiebigste Gegenstand.

Eine nichtsnutzige Trägheit, deren Opfer ich war, hielt mich während der ganzen ersten Woche in meiner Wohnung zurück. Ich war noch sehr jung, und die Vernachlässigung, die ich bis dahin aus natürlicher Neigung der wichtigen Rücksicht auf Kleidung und Haltung hatte zu Theil werden lassen, begann sich jetzt meinem Geiste in der Gestalt von Gewissensbissen darzustellen.

Nach einem mehrjährigen Aufenthalte in den Colonien zeigte meine Tracht die deutlichen Spuren der schmählichen Stagnation, bei welcher der Fortschritt des Jahrhunderts sie gelassen hatte. Mein Hut à la Bolivar, mein Backenbart à la Bergami und mein Mantel à la Quiroga waren um mehrere Lustra hinter der Mode zurück, und der Rest meiner Kleidung hatte ein so exotisches Gepräge, daß ich darüber zu erröthen anfing.

Ich hätte zwar in der Einsamkeit des Landlebens, im Incognito einer großen Stadt oder im Wirbel des fahrenden Lebens noch lange existiren können, ohne das Unglück meiner Lage zu ahnen, allein ein einziger Spaziergang auf den Wällen der Stadt belehrte mich in dieser Hinsicht auf betrübende Weise. Ich that keine zehn Schritte außerhalb meiner Wohnung, ohne heilsame Belehrungen über die Unschicklichkeit meines Kostüms zu erhalten. Zuerst warf mir eine niedliche Putzmacherin einen spöttischen Blick zu und sagte zu ihrer Gefährtin, während sie an mir vorübergingen: »Der Herr trägt eine sehr schlecht geknüpfte Cravatte.« Dann sagte ein Arbeiter, den ich in Folge dessen des Handels mit Filzhüten verdächtigte, während er die Arme auf die mit einem Lederschurz umkleideten Hüften stemmte, in possenhaftem Tone: »Wenn der Herr mir seinen Hut leihen wollte, würde ich mir nach dem Modell einen zweiten fabriciren, um mich beim Carneval als Roastbeef zu verkleiden.« Dann wieder murmelte eine »elegante Dame«, während sie sich aus dem Fenster neigte: »Es ist schade, daß er eine so verblichene Weste und einen so schlecht geschnittenen Bart trägt.« Ein Schöngeist des Ortes endlich sagte, indem er die Lippen zusammenkniff: »Augenscheinlich ist der Vater dieses Herrn ein großer Mann – man sieht es an der Weite seines Rockes.« Kurz und gut, ich mußte bald genug umkehren und war noch sehr beglückt, den Spöttereien eines Dutzends zerlumpter Straßenjungen zu entgehen, die aus voller Kehle hinter mir herschrien: »Nieder mit dem Engländer! Nieder mit dem Mylord! Nieder mit dem Fremden!«

Tief gedemüthigt durch mein Mißgeschick, beschloß ich, mich im Hause zu halten, bis der Schneider des Ortes mir einen vollständigen Anzug nach der neuesten Mode geliefert haben würde. Der brave Mann schonte sich nicht und stattete mich mit einem so winzigen, koketten Kostüm aus, daß ich vor Entsetzen umfallen zu müssen glaubte, als ich mich auf die Grundrisse meiner Gestalt reducirt sah und erkannte, daß ich in allen Punkten den Caricaturen Pariser Stutzer und Laffen glich, bei deren Anblick wir im vorigen Jahre auf der Insel Mauritius vor Lachen hatten bersten wollen. Ich konnte mich nicht überreden, daß ich in diesem Anzuge nicht noch hundert Mal lächerlicher sein sollte, als in der Tracht, die ich aufgab, und wußte wirklich nicht, was werden sollte, denn ich hatte meiner Wirthin (der Frau des dicksten Notars im ganzen Arrondissement) feierlich versprochen, sie zu Balle zu führen und den ersten und wahrscheinlich einzigen Contretanz mit ihr zu tanzen, auf den Anspruch zu erheben ihre Reize sie berechtigten. Unschlüssig, beschämt und zitternd entschloß ich mich endlich, hinabzusteigen und diese achtungswürdige Frau um ein strenges, aufrichtiges Urtheil über meine Figur zu bitten. Ich nahm ein Licht und wagte mich bis an die Thür ihres Zimmers. Aber zitternd und verzweifelnd machte ich Halt, als ich aus diesem Heiligthum das Geräusch frischer, heller Stimmen und gelles, naives Lachen erschallen hörte und dadurch von der Anwesenheit von fünf oder sechs jungen Damen des Städtchens unterrichtet wurde. Beinahe wäre ich umgekehrt, denn mich dem Urtheile eines so gefährlichen Areopags in einem in meinen Augen mehr als problematischen Schmuck auszusetzen, war ein Heroismus, dessen sich nur wenige junge Leute an meiner Stelle fähig gefühlt haben würden.

Endlich trug meine Willenskraft den Sieg davon. Ich fragte mich, ob ich denn Locke und Condillac umsonst gelesen hätte, und trat, indem ich mit fester Hand die Thür aufstieß, mit verzweifelter Entschlossenheit in das Zimmer. Ich habe fürchterliche Begebenheiten in der Nähe gesehen, kann ich sagen – ich habe Meere und Stürme kennen gelernt, ich bin im Königreich Java den Klauen eines Tigers und in der Bai von Tunis den Zähnen eines Crocodiles entschlüpft, ich habe den gähnenden Feuerschlünden der Flibustier-Schaluppen ins Gesicht gesehen, ich habe Meerbiscuit d. h. Tintenfische gegessen, die mir das Zahnfleisch zerlöcherten, ich habe die Tochter des Königs von Timor geküßt – – nun ich gebe Jedem die Versicherung, das war alles nichts im Vergleich mit meinem Eintritt in dies Zimmer, und nie und nimmer in meinem Leben habe ich einen gleich glorreichen Nutzen aus meiner philosophischen Bildung gezogen.

Die jungen Damen saßen abwartend, bis die Frau des Notars mit dem Einflechten eines Päonienkranzes in ihre schwarzen Haare zu Ende gekommen wäre, im Kreise herum und wechselten Scherzworte und naive Liedchen miteinander. Mein unerwarteter Eintritt lähmte den Schwung der reizenden Heiterkeit dieser schmucken Naturkinder. Die Göttin des Schweigens breitete ihre Eulenschwingen über die blonden Häupter, und alle Augen richteten sich mit dem Ausdrucke des Zweifels, des Mißtrauens und der Furcht auf mich.

Da entschlüpfte plötzlich ein Ruf der Überraschung den Lippen der jüngsten, und mein Name flog von Mund zu Mund wie der Kanonendonner an Bord einer kampffertigen Fregatte. Das Blut erstarrte mir in den Adern, und beinahe hätte ich die Flucht ergriffen wie eine Brigg, die ein Fischerboot anzugreifen glaubte und nun durch das Fernrohr einen schönen Dreimaster erblickt, der nachlässig seine Stückpforten demaskirt, um ihr einen Willkomm zu bereiten.

Zu meiner großen Verwunderung aber eilte die Gattin meines Wirthes, während sie die eine Hälfte ihrer frisch gekräuselten, verführerischen Locken herabwallen ließ, indeß die andere Hälfte noch unter dem grauen Papier der Haarwickel versteckt lag, auf mich zu und rief:

»Es ist unser junger Mann! es ist unser armer Georges! Ah, mein Gott! welche Metamorphose! wie trefflich ist er gekleidet! welch reizender Anzug! welch eleganter, moderner Schnitt! – O, sehen Sie doch, meine Damen, sehen Sie doch, wie Herr Georges sich verändert, was für ein distinguirtes Aussehen er hat! Sie werden mit den Damen tanzen, Herr Georges, doch erst, wenn Sie mit mir getanzt haben! Sie zwangen mich, Ihnen den ersten Tanz zuzusagen – erinnern Sie sich dessen?«

Die jungen Damen beobachteten Stillschweigen, und ich zweifelte noch immer an meinem Triumphe. Daher raffte ich all meinen Muth zusammen und fragte sie schüchtern um ihr Urtheil über meinen Anzug, und sogleich erhob sich um mich ein Chor von Lobsprüchen, die meinem Ohre so rein und melodisch klangen wie Engelsstimmen. Niemals hatte man etwas Geschmackvolleres und Besseres gesehen – nicht eine Falte fand man zu tadeln. Der steife, weite Rockkragen war von ausgezeichnetem Geschmack, die kurzen, geschweiften Rockschöße besaßen die größte Anmuth, die mit gigantischen Rosetten besäete Weste war von einem Glanze ohne Gleichen, die steife, mit systematischer Genauigkeit ins Kreuz geknüpfte Cravatte ein Meisterstück der Erfindung, und die Manschetten und das schreckliche Jabot endlich die Krone des Werks. Seit junge Mädchen sich erinnerten, war kein Beamter der Postverwaltung mit solchem Glanze in die Welt eingetreten.

Ich muß bekennen, daß mein triumphirender Einzug in den Ballsaal keine der wenigst glänzendsten Erinnerungen aus meiner Jugendzeit bildet. Zwar war ich in dem neuen Rocke unbehaglich beengt, zwar drückte mich das Fischbeingestell meiner Weste und peinigte mich der Rigorismus meiner Aermellöcher, zwar hatte ich auf der Rechten die Frau des Notars, auf der Linken ihre Nichte, Fräulein Feodora, die älteste und häßlichste Jungfer des Departements – was thut's, ich war stolz, ich war glücklich, ich war gut gekleidet!

Der Saal war ein wenig kalt, ein wenig dunkel, ein wenig unsauber, die Polsterbänke hier und da reichlich mit Oelflecken versehen, und die Lampen spielten über den blumenbedeckten, federgeschmückten Köpfen der Ballgäste die uralte Rolle des Schwerts des Damokles. Das Parquet war nicht allzu glatt und glänzend, die Roben der Damen nicht allzu frisch, die Frische gewisser Gesichter nicht allzu natürlich. Man entdeckte ein wenig große Füße in den etwas plumpen Atlasschuhen, etwas rothe Arme unter den Spitzenärmeln, ein wenig sonnverbrannte Nacken unter den Perlenhalsbändern, etwas robuste Taillen unter den Moiré-Gürteln. Man spürte einen leichten Knastergeruch in den Röcken der Männer, einen etwas zudringlichen Glühweinduft im Büffetzimmer, eine etwas ländliche Staubwolke in der Luft – und dennoch, bei meiner Ehre! war es ein reizendes Fest, eine liebenswürdige Gesellschaft! Die Musik war nicht viel schlechter als in Port-Louis oder Saint-Paul,1 die Moden sicherlich nicht so hinter der Zeit zurück, noch so übertrieben närrisch als in Calcutta, und die Frauen im Allgemeinen weißer, die Männer weniger grob und weniger lärmend als dort.

Im Ganzen genommen konnte mir, der ich die äußersten Wunder der Civilisation noch nicht gesehen hatte, der ich die Oper nur in Amerika und Tanzvergnügungen nur in Asien kennen gelernt hatte, dieser nahezu öffentliche und allgemeine Ball in der Provinzialstadt wol prächtig und entzückend schön erscheinen, wenn man überdies in Betracht zieht, welche große Sensation ich mit meinem Anzuge erregte, und welchen unstreitigen Erfolg ich gleich beim ersten Anlauf zu Ende des ersten Contretanzes davontrug.

Aber die naive Freude befriedigter Eitelkeit machte bald einem Gefühle Platz, das mehr meiner leicht erregbaren, phantastischen Natur entsprach. Es trat ein Mädchen in den Saal, und ich vergaß alle andern, ich vergaß sogar meinen Triumph und meinen neuen Anzug. Ich hatte nur noch Augen und Gedanken für sie.

O, sie war wirklich wunderbar schön, und man brauchte nicht fünfundzwanzig Jahre alt zu sein und aus Indien zu kommen, um von ihrer Schönheit ergriffen zu werden. Ein berühmter Maler, der im folgenden Jahre durch das Städtchen kam, ließ den Postwagen halten, als er sie am Fenster erblickte, ließ die Pferde abspannen und blieb acht Tage lang im Gasthof zum silbernen Löwen, während er unausgesetzt alles Mögliche versuchte, um bis zu ihr zu dringen und sie zu malen. Er war jedoch nicht im Stande, ihren Eltern begreiflich zu machen, daß man aus Liebe zur Kunst das Bildniß einer Frau malen könne, ohne dabei Absichten auf ihre Tugend zu haben. Man wies ihn also höflich ab, und so ist denn von der Schönheit Kora's keine andere Spur als vielleicht im Hirn jenes großen Künstlers und im Herzen eines armen, ehemaligen Postbeamten zurückgeblieben.

Sie war von mittlerer, wunderbar ebenmäßiger Gestalt, leichtfüßig und behend wie ein Vogel, dabei aber auch gravitätisch und stolz wie eine Römerin. In Rücksicht auf das gemäßigte Klima, in welchem sie geboren worden, war ihre Gesichtsfarbe außerordentlich gebräunt, die Haut aber war fein und glatt wie das beste Wachs. Der hervorstechendste Charakterzug ihres schön gezeichneten Kopfes war etwas Unbestimmbares, etwas Ueberirdisches, das man gesehen haben muß, um es zu begreifen. Die Linien ihres Gesichts waren von wunderbarer Reinheit, die großen Augen von so mattgrüner, durchsichtiger Farbe, daß sie mehr für die Geheimnisse der Geisterwelt, als für die Dinge des wirklichen Lebens geschaffen schienen. Den Mund mit den feinen, schmalen Lippen, denen nur selten ein Wort entfiel, umspielte ein unmerkliches Lächeln, das Profil war streng und melancholisch, der Blick kalt, schwermüthig, nachdenklich, der Ausdruck ihres Gesichts schwankte zwischen Trübsinn, Langeweile und Geringschätzung. Dazu kamen noch weiche, sittsame Bewegungen, eine feine, schmale, weiße Hand, wie sie bei den Frauen aus dem Mittelstande selten ist, eine einfache, angemessene Toilette, welche einen bei einer Kleinstädterin befremdenden Geschmack verrieth, und vor Allem eine Miene voll ruhiger, unerschütterlicher Hoheit und Würde, die unter dem Diamantendiadem einer spanischen Königin erhaben gewesen wäre, bei diesem armen Mädchen, aber der Stempel des Unglücks, das Anzeichen einer außergewöhnlichen Natur und Organisation zu sein schien.

Denn sie war – – soll ich es aussprechen? Ich muß wol: Kora war die Tochter eines Dütchenkrämers!

Heilige Dame Poesie, verzeihe mir, daß ich das Wort ausgesprochen habe! Doch was thut's? – Kora würde das Schild einer Schenke geheiligt, wie ein Engel Rembrandts über einer flamändischen Gruppe würde sie sich über das gemeine Leben erhoben haben. Wie eine schöne Blume hätte sie auch in schlammigen Untiefen geglänzt. Im Kramladen ihres Vaters würde sie den Blick des großen Scott auf sich gezogen haben, dem zweifelsohne eine unbeachtete Schönheit wie sie, die reizende Idee zu dem »schönen Mädchen von Perth« eingab.

Und sie hieß Kora, sie hatte eine sanfte Stimme, einen sittigen Gang, eine träumerische Haltung. Ihr braunes Haar war das schönste, das ich in meinem Leben gesehen habe, und sie allein unter allen ihren Gefährtinnen trug es einfach in Locken gekräuselt, ohne jeden Schmuck. Aber in der Fülle dieser dichten Locken lag mehr Erhabenheit und Stolz als im Glanze eines Diadems. Auch trug sie weder ein Collier, noch Blumen am Busen. In stolzer Schönheit hob sich der braune, sammetweiche Nacken vom Spitzenbesatze des Mieders ab, und das blaue Kleid ließ ihren Teint noch gebräunter, ihr Gesicht noch düsterer erscheinen. Sie selbst schien auf den eigentümlichen Charakter ihrer Schönheit stolz zu sein.

Sie schien errathen zu haben, daß sie in anderer Weise schön war als die übrigen Damen: denn ich brauche kaum zu sagen, daß Kora mit den seltsamen Gesichtszügen und dem orientalischen Colorit, Kora, die der Jüdin Rebekka oder Shakespeares Julia ähnelte, die majestätische, leidende, etwas wildscheue Kora, Kora, die weder rosenfarben, noch vollwangig, noch herausfordernd, noch lieblich war, unter der Menge weder bemerkt noch gesucht wurde. Wie eine in der Einöde erblühte Rose, eine im Sand verlorene Perle, stand sie unter den andern Damen, und der erste Beste, dem gegenüber ihr eurer Bewunderung für Kora Ausdruck gegeben hättet, würde euch erwidert haben: »Gewiß, sie wäre so übel nicht, wenn sie nur weißer und weniger mager wäre.«

Ich fühlte mich in ihrer Nähe so verwirrt, so jählings liebebethört, daß ich ganz die Zuversicht verlor, die mein neuer Rock und die rosettenbesäete Weste mir hätten einflößen müssen. Sie schenkte diesen Gegenständen allerdings sehr wenig Beachtung, mit zerstreuter Miene hörte sie auf die faden Schmeicheleien, die ich im Schweiße meines Angesichts zu Tage förderte, ließ bei jeder Aufforderung zum Tanze nur ein leises Wort über ihre Lippen gleiten und legte in meine bebende Hand ihre schlanken Finger, deren Kälte ich trotz des Handschuhs spürte. O, wie unnahbar und stolz sie war, die Tochter des Dütchenkrämers! Wie eigentümlich und geheimnisvoll war sie, die braune Kora! Während der ganzen Nacht konnte ich ihrem Munde nicht mehr als ein halbes Dutzend einsilbiger Wörter entlocken.

Zu meinem Unglück las ich am nächsten Tage zufällig die »Wundergeschichten«,2 und – abermals zu meinem Unglück – schien kein Wesen unter der Sonne ein vollkommnerer Typus phantastischer Schönheit und deutscher Poesie zu sein, als Kora mit den grünen Augen und der schlanken Taille.

Die bewunderungswürdigen Dichtungen Hoffmann's begannen in der Stadt in Umlauf zu kommen und bekannt zu werden. Die Matronen und die Familienväter fanden das Genre abscheulich und den Stil geschmacklos, und die Notare und die Frauen der Advocaten bekämpften vor allem die Unwahrscheinlichkeit der Charaktere und das Romanhafte der Begebenheiten bis aufs Blut. Der Friedensrichter des Cantons pflegte im Lesecabinet um die Tische zu gehen und den jungen Leuten, denen diese seltsame, alles Hergebrachte umstürzende Poesie den Kopf verdrehte, Phrasen vorzutragen, wie: »Nur das Wahre ist schön« u. s. w. Ich erinnere mich, daß bei einer solchen Gelegenheit ein Schlingel von einem Gymnasiasten – es war während der Ferien – ihm kurzweg erwiderte, indem er ihn scharf ansah:

»Mein Herr, die große Warze, die Sie auf der Nase haben, ist demnach ohne Zweifel unecht?«

Trotz aller väterlichen Ermahnungen und trotz des Anathems der Principale und der Professoren der Sexta griff das Uebel in größter Schnelle um sich, und ein großer Theil der Jugend wurde von dem tödtlichen Gifte angesteckt. Man sah junge Tabaksverkäufer sich nach dem Typus Kreßler modeln und Supernumerare während des Protocollirens beim fernen Klange eines Dudelsacks oder eines Volksliedes in Ohnmacht fallen.

Ich meinerseits bekenne und erkläre an dieser Stelle, daß ich ganz und gar den Kopf verlor. Kora verwirklichte alle die wonnigen Träume, die der Dichter mir eingab, und ich vergnügte mich damit, ihr eine geistige, feenhafte Beschaffenheit anzudichten, die eigens für sie erfunden zu sein schien. Ich fühlte mich auf diese Weise glücklich. Allerdings sprach ich nicht mit ihr, denn ich hatte keinen Vorwand und kein Recht, auf Grund deren ich mich ihr hätte nähern können. Meine Liebe fand keine Ermuthigung, ich suchte eine solche nicht einmal. Ich verließ nur das Haus des Notars und miethete eine elende Kammer, die dem Hause des Krämers gerade gegenüber lag. Das Fenster meines Zimmers verhüllte ich mit einem dichten Vorhang, in welchem ich geschickt versteckte Oeffnungen anbrachte, und dort verbrachte ich wonnetrunken all die Stunden, die ich meiner Arbeit abstehlen konnte.

Die Straße war öde und still. Kora saß im Erdgeschoß am Fenster. Sie las. Was sie las? Gewiß ist, daß sie vom Morgen bis zum Abend las. Und dann legte sie das Buch auf eine Vase blühenden Goldlacks, der das Fenster schmückte, und das Haupt auf die Hand stützend, die Locken des schönen Haares ungekünstelt und nachlässig mit den gold- und purpurglänzenden Blüten vermengend, schien sie mit starrem, glänzendem Auge das Pflaster zu durchdringen und durch die dicke Kruste der Erde die Geheimnisse des Todes und des Entstehens der Lebensquellen zu beobachten, die Geburt der Rosenfee zu belauschen und dem Lebenskeime einer schönen Elfe mit goldenen Schwingen im Kelche einer Tulpe Muth einzusprechen.

Und ich – ich betrachtete sie und war glücklich. Ich hütete mich wol, mich zu zeigen, denn bei der geringsten Bewegung des Vorhangs, beim leisesten Klirren meines Fensters verschwand sie wie ein Traum. Wie ein silberner Nebel verflüchtigte sie sich im Halbdunkel der Hinterstube. Ich blieb daher unbeweglich, mit angehaltenem Athem, den Schlägen meines Herzens Schweigen gebietend und zuweilen im Stillen meine Fee auf den Knieen anbetend hinter dem Vorhange versteckt und widmete ihr die glühende Inbrunst eines Herzens, das ihre zauberkundige Seele ergründen und verstehen sollte. Zuweilen bildete ich mir auch ein, unsere beiden Seelen eng vereint in einem jener goldig glänzenden Staubstrahlen schweben zu sehen, die die Mittagssonne in die enge, winklige Straße sandte. Ich glaubte in ihrem Auge, das so krystallklar schien wie die Quelle, die über Moos und Gräser rinnt, das Aufflammen eines tiefern Gefühls zu entdecken, das mich mit ganzer Seele zu ihr hinzog.

So stand ich dort den ganzen Tag, sinnbethört und albern und belachenswerth, aber begeistert und verliebt und jung, aber umbraust von den Wogen der Poesie! Ich weihte Niemand in meine geheimen Gedanken ein und fühlte meine Begeisterung nie durch die Furcht behindert, ich könne ins Abgeschmackte verfallen, da ich nur Gott zum Richter und zum Vertrauten meiner Wonnetrunkenheit und meiner Träume hatte.

Und wenn dann der Tag sich neigte, wenn die blasse Kora das Fenster schloß und den Vorhang zuzog, dann öffnete ich meine Lieblingsbücher und fand sie mit Manfred auf den Alpen, mit Nathanael beim Professor Spallanzani, mit Oberon im Reich der Lüfte wieder.

Doch leider war mein Glück von kurzer Dauer. Bis dahin hatte Niemand Kora's Schönheit bemerkt, nur ich allein genoß dieselbe, nur ich hatte Verständniß und Bewunderung dafür. Doch als die Pest der Phantastik sich unter den jungen Leuten des Städtchens verbreitete, fiel ein Lichtblitz auf die romantische Spießbürgerin.

Eines Morgens gerieth ein naseweiser, impertinenter Student, als er unter ihrem Fenster vorüberging, auf den Einfall, sie mit Anna von Gierstern, der Tochter des Nebels zu vergleichen. Das Wort machte Glück: man wiederholte es auf dem nächsten Balle. Die Schöngeister des Ortes bewunderten Kora's leichten, ätherischen Tanz. Ein anderes Genie in der Gesellschaft verglich sie mit der Feenkönigin Mab. Nun wollte jeder seine Gelehrsamkeit glänzen lassen und schleppte ein Epitheton oder eine Metapher herbei, so daß das arme Mädchen wider ihr Wissen damit überschüttet wurde. Und als sie dann mein Idol genugsam mit ihren Bildern und Vergleichen in den Staub gezogen hatten, umringten sie es, überhäuften sie es mit Zuvorkommenheiten und galanten Schmeicheleien, tanzten sie mit ihm, bis die letzte Lampe erlosch, und gaben es mir endlich, ermüdet von ihrem Witze, von ihrem Geschwätz gelangweilt und von ihrer Bewunderung entweiht, am nächsten Tage zurück. Was mir aber vollends das Herz brach, war, daß ich das runde, joviale Gesicht eines Studenten der Pharmacie neben dem zarten, griechischen Profil meiner Sylphide am Fenster auftauchen sah.

Lange Zeit versuchte ich morgens und abends hinter meinem schützenden Vorhange den Zauber zu bekämpfen, mit dem mein schändlicher Nebenbuhler die Familie des Dütchenkrämers umsponnen hatte. Doch vergebens rief ich Amor, den Teufel und alle Heiligen an, ich konnte seinen bösen Einfluß nicht verdrängen. Unermüdlich kehrte er Tag für Tag zurück und setzte sich neben Kora in die Fensternische, um mit ihr zu reden. Worüber wagte er mit ihr zu reden, der Unglücksmensch! Kora's undurchdringliches Gesicht verrieth nichts davon. Sie schien seine Worte zu hören, ohne sie zu verstehen, und aus der unmerklichen Bewegung ihrer Lippen schloß ich zuweilen, daß sie ihm eine kurze, kalte Antwort gab, wie es ihre Gewohnheit war. Und dann schien die Unterhaltung zu stocken.

Das gelangweilte Pärchen beengte sich gegenseitig und unterdrückte ein leises Gähnen. Kora schaute traurig das zugeschlagene Buch auf dem Fensterbrette an und schien zu bedauern, daß die Anwesenheit ihres Verehrers sie am Weiterlesen hindere. Dann stützte sie den Ellbogen auf den Goldlacktopf und das Kinn auf die Hand und schien, indem sie den Pharmaceuten mit festem, eisigem Blick anstarrte, durch die Lupe des Meister Floh die derben Fibern seines moralischen Wesens zu studiren.

Dessenungeachtet aber ertrug sie seine Galanterien und beständigen Besuche wie ein notwendiges Uebel, und nach sechs Wochen führte der Apothekergehilfe die schöne Kora zum Altar, wo sie den ehelichen Segen empfingen. Kora war wunderbar züchtig und ernst in ihrem Brautanzuge. Sie hatte eine ruhige, gleichgiltige, gelangweilte Miene wie immer. Gemessenen Schritts wie gewöhnlich ging sie durch die schaulustige Menge und musterte die erstaunten Zuschauer mit trocknem, forschenden Auge. Als ihr Blick auf mein fahles, entstelltes Gesicht traf, machte er einen Moment lang Halt und schien zu sagen: Sieh da! ein Mensch, den Schnupfen oder Zahnweh plagt.

Ich meinerseits befand mich in solcher Verzweiflung, daß ich meine Versetzung nachsuchte. – –



2.

Doch mein Gesuch wurde nicht berücksichtigt, und ich blieb Zeuge von dem Glücke eines andern. Nun entschloß ich mich, krank zu werden, und das rettete mich, wie es in solchen Fällen immer geschieht, vor der Verzweiflung.

Man mag des Lebens noch so überdrüssig sein, wenn das Fatum uns wider unsere Absicht darin zurückhält, kann der Mensch in seiner Schwachheit doch nicht umhin, dem Schicksal im Geheimen Dank dafür zu wissen. Der Tod ist so häßlich, daß keiner von uns ihm ohne Entsetzen ins Antlitz schaut, und starkherzig sind unzweifelhaft alle diejenigen, die das Messer bis in die Pulsader stoßen oder das Gift bis auf den letzten Tropfen im Becher verschlucken. (Ich sage »Becher«, weil es nicht schicklich und beinahe unmöglich ist, aus einem Gefäße, das einen andern Namen führt, Gift zu trinken.)

Ja, das Sprichwort des Aesop ist die Weisheit der Nationen. Wir lieben das Leben wie eine Geliebte, an der wir immer noch aus Sinnlichkeit festhalten, selbst nachdem schon alle Achtung und Neigung zu ihr in uns erloschen ist. An jenem Abend, wo ich einen Arzt und einen Priester mit der ihrem Stande angemessenen Würde an meinem Bette stehen sah, besaß ich nicht die Kraft, mir selbst Rechenschaft darüber zu geben, ob ich Freude oder Schmerz empfände. Als ich aber eines Morgens schwach und entkräftet erwachte und die Wärterin auf dem Stuhle in tiefem Schlafe, die Sonne über die Dächer blitzen und die leeren Arzneiflaschen auf dem Nachttisch sah, als ich mich zu bewegen wagte und meinen Kopf frei, meine Glieder leicht, meinen kraftlosen Körper der eisernen Fesseln des Schmerzes ledig fühlte, da empfand ich ein unüberwindliches Gefühl des Wohlbehagens und der Dankbarkeit gegen Gott.

Dann aber erinnerte ich mich Kora's und ihrer Vermählung und schämte mich der Freude, die ich soeben noch empfunden hatte. Denn nach all den inbrünstigen Bitten, die ich an Gott und den Arzt gerichtet hatte, um des Lebens ledig zu werden, war es doch eine Inconsequenz sonder Gleichen, jetzt die Rückkehr ins Dasein ohne Zorn und Aerger hinzunehmen. Ich begann daher zu weinen. Die Jugend ist so reich an Gemütsbewegungen aller Art, daß sie trotz der Macht und Gewalt der Hoffnung, der Poesie und all der herrlichen Gaben, welche die Vorsehung ihr zugewiesen hat, es fertig bringt, sich selbst zu quälen und zu peinigen. Ich meinerseits machte es der Vorsehung zum Vorwurf, daß sie weiser gewesen sei als ich und nicht zugelassen habe, daß eine tolle, nahezu nur in meiner kranken Einbildungskraft existirenden Liebe mich ins Grab risse. Bald aber ergab ich mich in mein Schicksal und unterwarf mich dem Willen Gottes, der meinen Lebensfaden verlängerte und mich verurtheilte, noch fernerhin den Anblick des Himmels, die Schönheit der Natur und die Zuneigung meiner Mitmenschen zu genießen.

Als ich kräftig genug war, um aufstehen zu können, näherte ich mich mit unbeschreiblicher Herzensangst dem Fenster. Kora war da. Sie las. Sie war noch immer schön, noch immer bleich, noch immer allein. Unbeschreibliche Wonne durchrieselte mich. Meine Fee mit den grünen Augen, meine schöne, einsame Träumerin war mir also wiedergegeben! Ich durfte sie noch immer betrachten und im Geheimen die wonnige Leidenschaft nähren, die ich unter dem Blick eines Rivalen so lange hatte zurückdrängen müssen! Plötzlich erhob sie das braune Haupt und ihr Auge, das zufällig über die Mauer hinirrte, entdeckte mein blasses Gesicht, das sich zu ihr hinabneigte. Ich zitterte, ich glaubte, sie würde wie gewöhnlich entfliehen. Aber o Wonne! sie entfloh nicht. Im Gegentheil, sie sandte mir einen höflichen, sanften Gruß zu, lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Buch und blieb unter meinen Augen sitzen. Zwar war sie gegen meine beharrlichen Blicke ganz und gar gleichgiltig, aber sie blieb doch wenigstens.

Ein Mann von mehr Erfahrung, als ich sie besaß, hätte zweifelsohne die frühere Wildheit Kora's der Gleichgiltigkeit vorgezogen, mit der sie jetzt dem Blick des Gegenübers trotzte. Aber konnte ich dem Zauber widerstehen, mit dem ihr liebreicher, anmuthiger Gruß mich umsponnen hatte? Alles, was der sittsame Gruß einer Frau nur an keuscher Theilnahme und verschleiertem Wohlwollen enthalten kann, glaubte ich darin zu entdecken. Es war ja das erste Zeichen der Bekanntschaft, das Kora mir gab. Und mit welch erfinderischem Zartsinn wußte sie den Augenblick zu wählen, um mir dies Zeichen zu geben! Wieviel hochherziges Mitleid lag in diesem schwachen Zeugniß scheuer, sinniger Theilnahme! Sie wagte nicht, mich zu fragen, ob ich mich besser befände. Ueberdies sah sie es, und ihr Gruß wog eine lange Flut von Beglückwünschungen auf.

Die ganze Nacht verbrachte ich damit, diesen reizenden Gruß zu deuten und zu erklären, und als Kora am nächsten Tage am Fenster erschien, erkühnte ich mich sogar, das erste Zeichen unseres keimenden Einverständnisses zu wagen. Ja, ich besaß die Verwegenheit, sie mit einer tiefen Verbeugung zu begrüßen, war aber zugleich so bestürzt über mein Wagniß, daß ich nicht den Muth hatte, meine Blicke auf sie zu heften. Furchtsam und respectvoll schlug ich die Augen nieder und konnte daher nicht beobachten, ob sie meinen Gruß erwiedere, noch mit welcher Miene sie ihn erwiedere.

Verwirrt und zitternd, zugleich voll Furcht und voll Hoffnung verbarg ich, da ich mein Gesicht nicht mehr zu zeigen wagte, den Kopf in den Händen, als plötzlich eine Stimme die Stille der Straße unterbrach und, zu mir heraufschallend, die sanften Worte sprach:

»Wie es scheint, mein Herr, hat Ihr Gesundheitszustand sich gebessert?«

Ich erbebte, zog die Hände vom Gesicht, schaute Kora an und wollte meinen Ohren nicht trauen, noch dazu, da die Stimme etwas rauh und männlich klang und ich mir Kora's Stimme stets sanfter und weicher als das Säuseln des Lenzwindes im sprossenden Laubwerk vorgestellt hatte. Als ich sie aber mit verwirrter Miene anstarrte, wiederholte sie ihre Frage in Wendungen, deren Milde mich den etwas bäurischen Accent und den ein wenig kräftigen Klang ihrer Stimme vergessen ließ.

»Ich sehe mit Vergnügen,« sagte sie, »daß Herr Georges sich besser befindet.«

Ich wollte etwas erwidern, um meiner begeisterten Dankbarkeit Ausdruck zu geben, aber es war mir unmöglich. Ich erröthete und erbleichte abwechselnd, stammelte einige unverständliche Worte und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen.

In diesem Augenblick näherte der Dütchenkrämer, der Vater meiner Kora, sein hartknochiges Gesicht dem Fenster und fragte sie mit rauher, aber trotzdem liebreicher Stimme:

»Mit wem sprichst du denn, Herzchen?«

»Mit unserm Nachbar, Herrn Georges, der sich endlich auf dem Wege der Besserung zu befinden scheint, und den ich drüben am Fenster stehen sehe.«

»Ah, das freut mich,« sagte der Krämer und lüftete seine Pelzmütze. »Wie steht's mit der Gesundheit, lieber Nachbar?«

Dem Vater meiner Vielgeliebten dankte ich mit mehr Sicherheit in Stimme und Haltung. Ich war der glücklichste Mensch unter der Sonne. Schenkte doch diese Familie, die noch unlängst so scheu und mißtrauisch gegen mich war, mir endlich ein wenig Theilnahme und Beachtung. Aber o Gott! dachte ich beinahe im selben Momente, was nützt es mir jetzt, daß ich bemitleidet und getröstet werde? Ist Kora nicht auf ewig mit einem andern verbunden?

Der Dütchenkrämer stützte die Ellbogen auf das Fensterbrett und verwickelte mich dann in ein zutrauliches, wohlwollendes Gespräch über das schöne Wetter, über das Vergnügen, bei solchem Sonnenschein wieder ins Leben zurückzukehren, über die Vorzüge der Flanelljacken für Genesende und über die wohlthätigen Wirkungen, welche das Honigwasser und der Gummisyrup auf kranke Lungen und schwache Magen ausüben.

Ich war natürlich bestrebt, das köstliche Gespräch in Fluß zu erhalten und zu verlängern, und antwortete ihm mit schmeichelhaften Complimenten über die Schönheit des Goldlacks, der am Fenster blühte, über die reizendkokette Anmuth seiner Katze, die vor der Thür im Sonnenscheine schlief und über die gute Lage seines Ladens, der der vollen Wärme der Mittagssonne ausgesetzt war.

»Ja, ja,« entgegnete der Krämer, »im Frühling sind die Sonnenstrahlen nicht zu verachten, später aber werden sie etwas allzu liebenswürdig« . . .

Kora flocht von Zeit zu Zeit eine kurze, einfache, aber verständige und richtige Bemerkung in die vertrauliche, arglose Unterhaltung ein. Ich schloß daraus, daß sie ein richtiges Urtheil und praktischen Verstand besäße.

Als ich nun nachdrücklich den Vortheil hervorhob, den die Lage der Façade des Hauses nach Süden zu mit sich bringe, sagte Kora, vom Himmel und dem eigenen Herzen inspirirt, plötzlich zu ihrem Vater:

»In der That, da das Zimmer des Herrn Georges dem Nordwind ausgesetzt ist, muß es um diese Zeit noch ziemlich frisch sein. Wenn Sie ihm vorschlügen, ein oder zwei Stunden bei uns zuzubringen, würde ihm der Sonnenschein vielleicht sehr wohlthuend und angenehm sein.«

Dann neigte sie sich zu seinem Ohre und flüsterte ihm ganz leise einige Worte zu, die den Krämer lebhaft zu berühren schienen.

»Ganz recht, mein Kind,« rief er in jovialem Tone. »Beliebt es Ihnen, Herr Georges, einen Stuhl neben meiner Kora anzunehmen?«

– »O Gott!« dachte ich, »wenn das ein Traum ist, so laß mich nicht erwachen.« –

Eine Minute später stand der großmüthige Krämer in meinem Zimmer und bot mir seinen Arm, um mir beim Hinabsteigen auf der Treppe behilflich zu sein. Ich war bis zu Thränen gerührt und drückte ihm tief ergriffen die Hand. Das überraschte ihn, denn er hielt ja seine Handlungsweise für ganz natürlich.

An der Schwelle meines Hauses fand ich Kora, die herbeieilte, um ihrem Vater bei meinem Transport über die Straße zu unterstützen. Bis dahin fühlte ich mich kräftig genug, um zu ihr zu gehen, sobald sie aber meinen Arm berührte, sobald ihre lange, weiße Hand meinen Ellbogen streifte, wurde ich ohnmächtig und verlor das Bewußtsein meines Glücks, weil ich es allzu lebhaft empfunden hatte.

In einem großen, mit Leder überzogenen Lehnstuhl, der mit vergoldeten Nägeln verziert war und dem patriarchalischen Dütchenkrämer seit fünfzig Jahren als Thron diente, kam ich wieder zu mir. Die würdige Ehehälfte des Krämers rieb mir die Schläfe mit Wundwasser, und Kora, die schöne Kora, hielt mir ihr in Spiritus getauchtes Taschentuch unter die Nase. Beinahe wäre ich von Neuem in Ohnmacht gefallen. Ich wollte meinen Dank aussprechen, fand aber keine Worte, um meine Erkenntlichkeit zu schildern. Als indessen der Krämer, da er sah, daß ich mich erholte, sich auf einen Augenblick zurückzog, und seine Frau in das hintere Zimmer trat, um mir ein Glas Lakritzenwasser zu holen, sagte ich, indem ich schmachtend das Auge zu Kora aufschlug:

»Ach, Madame, warum haben Sie mich nicht sterben lassen? Ich war so glücklich in diesem Augenblick!«

Sie sah mich erstaunt an und entgegnete dann in liebevollem Tone:

»Erholen Sie sich, mein Herr. Ich sehe wohl, Sie haben das Fieber.«

Als ich mich vollständig von meiner Gemüthsbewegung erholt hatte, kehrte die Krämerin in den Laden zurück, und ich blieb mit Kora allein.

Wie schlug mir da das Herz! Sie aber war ruhig, und ihre ungetrübte Heiterkeit flößte mir soviel Respect ein, daß ich es über mich gewann, ebenfalls ruhig zu erscheinen.

Dies Tête-à-Tête ward indessen zu einer grausamen Marter für mich. Kora sprach nicht gern. Auf alle die Bemerkungen, die ich mit unglaublicher Mühe aus meinem Hirn zu Tage förderte, gab sie nur kurze Antworten, und was ich auch anstellte, nie waren diese Antworten derart, daß sich eine Unterhaltung damit weiter spinnen ließ. Was ich auch aufs Tapet brachte, sie war immer meiner Meinung. Allerdings war das kein Grund zur Beschwerde, denn ich sagte ihr nur vernünftige, sinnige Dinge, die man, falls man nicht toll war, unmöglich bestreiten konnte. Ich fragte sie zum Beispiel, ob sie die Lectüre liebe.

»Sehr,« entgegnete sie mir.

»Die Lectüre ist in der That eine angenehme Beschäftigung,« fuhr ich fort.

»In der That, eine sehr angenehme Beschäftigung,« erwiderte sie.

»Vorausgesetzt, daß das Buch, welches man liest, gut und interessant ist,« fügte ich hinzu.

»O, allerdings,« gab sie zurück.

»Denn es gibt auch sehr abgeschmackte Bücher,« fuhr ich fort.

»Dagegen aber auch sehr hübsche,« erwiderte sie.

Hätte ich nur den Muth besessen, sie über die Art ihrer Lectüre zu befragen, so hätte dies Gespräch uns weit führen können. Ich fürchtete aber, indiscret zu erscheinen, und beschränkte mich darauf, einen verstohlenen Blick auf das offene Buch zu werfen, das unter der Goldlackstaude lag. Es war ein Roman von August Lafontaine.3 Ich war so albern und thöricht, mich anfangs darüber zu kränken. Als ich aber eingehender darüber nachdachte, fand ich in der Wahl dieser Lectüre einen Grund, ihr unverdorbenes, reiches Gemüth zu bewundern, das sogar aus solchen Romanen fesselnde Anregungen schöpfen konnte. Ich überschaute flüchtig eine Reihe abgegriffener Bände, die auf einem Bücherbrett in meiner Nähe standen, werde aber die Lieblingsautoren meiner Kora nicht nennen: blasirte Leser würden darüber lachen, und ich möchte dadurch in meinem Dichterstolze verletzt werden. – Indem ich aber die Kraft eines so ungeschulten Geistes und einer so jungfräulichen Seele mit der vorzeitigen Altersschwäche unserer erschöpften Einbildungskraft verglich, kam ich bald auf den wahren Grund dieser Erscheinung. Das geistige Leben enthielt noch Schätze, die Kora nicht kannte, und der Mann, dem es glückte, ihr dieselben zu enthüllen, mußte unter seinem Hauche das schönste Werk der Schöpfung, ein unschuldiges Frauengemüth, sich entfalten und erblühen sehen.

Für Kora begeistert, deren Unwissenheit so rein und schön war, kehrte ich in mein Zimmer zurück. Voll Ungeduld erwartete ich am nächsten Tage die Stunde, wo ich abermals zu ihr kommen durfte, wagte aber kaum auf dieses neue Glück zu hoffen. Sie erschien mit ihrer Mutter, die mich einlud, zu ihnen herunterzukommen. Als ich wieder in den großen Lehnstuhl einquartirt war, bemerkte ich eine gewisse Unruhe in der Familie. Der Krämer setzte sich mit erheuchelter Ungezwungenheit mir gegenüber. Ich selbst war tief bewegt; ich fürchtete und wünschte eine Erklärung dieses Benehmens.

»Da Sie sich hier wohl befinden, Herr Georges,« sagte der Krämer endlich, indem er die Hände auf seine feisten Kniee legte, »so hoffe ich, daß Sie ohne Umstände uns hier besuchen werden, um sich zu erholen, so lange Ihre Kräfte Ihnen nicht gestatten, anderswo Zerstreuung zu suchen.«

»Großmüthiger Mann!« rief ich aus.

»O, das ist nicht des Dankes werth,« entgegnete er lächelnd. »Nachbarn sind sich Hilfe schuldig, und Gott sei Dank! wir haben ehrenwerthen Leuten die unsere nie versagt. Ich setze nämlich voraus, daß Sie ein braver junger Mann sind, Herr Georges. Sie haben ganz das Aussehn danach, und ich fühle Vertrauen zu Ihnen.«

»Viel Ehre für mich,« antwortete ich verlegen.

»Deshalb also,« fuhr der würdige Mann heiter fort, indem er aufstand, »bleiben Sie hier bei unserer Kora, so lange es Ihnen beliebt. Sie ist ein Mädchen von Geist, sehen Sie! eine Person, die die Literatur kennt, und deren Mutter sich nie gegen den Geschmack versündigt hat. Jetzt versteht sie auch mehr davon als wir, und Sie werden sich in ihrer Gesellschaft angenehm unterhalten, dafür sage ich gut.«

»Schon seit Langem würde ich mich bei dieser Gunst glücklich geschätzt haben« . . . erwiderte ich erröthend, indem ich Kora einen scheuen Blick zuwarf. »Im Verhältniß zu meiner Ungeduld ist sie mir leider sehr spät zu Theil geworden« . . .

»Ei nun, sehen Sie,« sagte der Krämer scherzend, »vor zwei Monaten war die Sache nicht möglich. Kora war nicht vermählt, und kein Bursche hätte von ihrer Mutter die Erlaubniß zum Betreten dieses Zimmers erhalten, wofern er nicht in der Absicht, Kora zu ehelichen, mit guten, offenen Heirathsanträgen gekommen wäre. Sie wissen, mein Herr, wie man ein junges Mädchen bewachen muß, damit ihr die Lästerzungen keinen Abbruch thun. Jetzt, wo das Kind verheirathet ist, wo wir ihrer Sittsamkeit sicher sind, jetzt lassen wir ihr volle Freiheit; und dann« – hier sprach der Krämer leiser – »wird auch Niemand auf den Gedanken gerathen, daß Sie, blaß und schwach, wie Sie sind, einen jungen, kräftigen Gatten zu ersetzen gedächten« . . .

Er schloß den Satz mit einem plumpen Gelächter. Ich wurde todtenblaß und wagte nicht, die Augen zu Kora aufzuschlagen.

»Nun, nun, seien Sie wegen des Scherzes nicht böse, lieber Herr Nachbar,« fuhr er fort. »Sie werden nicht immer Reconvalescent sein, und bald werden die Väter und Gatten Sie vielleicht besser überwachen . . . Bis dahin bleiben Sie hier. Kora wird Ihnen Gesellschaft leisten. Ich glaube zudem, Sie hat Ihnen etwas zu sagen.«

»Mir?« rief ich und schaute Kora an.

»Ja, ja,« entgegnete der Vater. »Es ist eine delicate Angelegenheit – sehen Sie, auf die eine junge Frau sich besser versteht als ein alter Mann. Genug, auf Wiedersehn, Herr Georges.«

Er ging hinaus. Abermals blieb ich mit Kora allein, und diesmal hatte sie eine delicate Angelegenheit mit mir zu verhandeln. Vielleicht wollte sie mir ein Geheimniß, einen Herzenskummer, ein Mißgeschick anvertrauen! Ja, es lag ohne Zweifel ein großes, tiefes Geheimniß im Leben dieses melancholischen, schönen Mädchens! ihr Dasein konnte nicht dem gewöhnlicher Menschen gleichen! Der Himmel hatte ihr nicht eine so wunderbare Schönheit zu Theil werden lassen, ohne sie zugleich mit einer Fülle von Schmerzen zu beladen. – Jetzt endlich, sagte ich zu mir selbst, wird sie ihr Herz ausschütten, und vielleicht kann ich ihre Schmerzen theilen, um sie zu erleichtern. –

Sie blieb ein wenig verwirrt vor mir stehen. Dann griff sie in die Tasche ihrer schwarzen Taffetschürze und zog ein zusammengefaltetes Papier hervor.

»Wahrhaftig, mein Herr,« sagte sie, »es handelt sich um eine Kleinigkeit. Ich weiß nicht, warum mein Vater mich beauftragt, es Ihnen mitzutheilen . . . Man weiß doch, daß ein Mann von Geist, wie Sie, an einer ganz natürlichen Bitte keinen Anstoß nimmt . . . Ich würde auch ohne das Gesagte nicht verlegen sein, aber« – – –

»Im Namen des Himmels, vollenden Sie!« rief ich feurig. »O Kora, wenn Sie mein Herz kennten, würden Sie keinen Augenblick zögern, mir das Ihre zu erschließen!«

»Nun denn, mein Herr,« sagte Kora bewegt, »sehen Sie hier, um was es sich handelt.«

Sie entfaltete das Papier und reichte es mir hin. Ich heftete die Augen darauf, aber mein Blick war umflort, meine Hand zitterte, und ich mußte erst einen Augenblick Athem schöpfen, ehe ich lesen konnte. Endlich las ich:


Rechnung


für Herrn Georges von M***, Materialwaarenhändler, über während der Krankheit gelieferte Waaren.

12 Pfd. Farinzucker zu Getränken und Suppen macht . . .

Seife für die Krankenwärterin macht . . .

Talglichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Fieberblumenthee: etc. etc. . . . . . . . . . . . .

Summa:          30 Fr. 50 Cent.

Betrag erhalten

Kora***.


Ich schaute sie verwirrt an.

»Mein Herr,« sagte sie, »vielleicht finden Sie diese Forderung rücksichtslos; vielleicht sind Sie auch noch nicht kräftig und gesund genug, als daß es Ihnen angenehm wäre, mit Geschäftssachen behelligt zu werden. Wir befinden uns jedoch in großer Verlegenheit. Das Geschäft geht schlecht, die Ladenmiethe ist theuer« – –

Kora sprach noch lange fort, ohne daß ich sie verstand. Ich stammelte einige abgebrochene Worte und lief, so schnell meine Kräfte es gestatteten, nach Hause, um die Summe zu holen, die ich dem Krämer schuldete. Dann kehrte ich vernichtet und niedergeschmettert in mein Zimmer zurück und legte mich fiebernd ins Bett.

Am andern Tage jedoch kamen mir vernünftigere Gedanken. Ich fragte mich: wozu diese unsinnige, hochmüthige Geringschätzung des bürgerlichen Lebens? wozu diese abgeschmackte Empfindlichkeit poetischer Seelen, die sich durch die Berührung mit der prosaischen Wirklichkeit zu beschmutzen glauben? wozu endlich dieser ungereimte Haß gegen die Erfordernisse des Lebens?

– Undankbarer! dachte ich, du bist empört, weil Kora dir eine Rechnung über Seife und Talglichter geschrieben und überreicht hat, während du dankbar die schöne Hand küssen solltest, die dir ohne dein Wissen während der Krankheit Hilfe spendete. Was wäre aus dir geworden, jämmerlicher Narr, wenn nicht ein vertrauensvoller, redlicher Mann dir alle Wohlthaten seines Geschäftszweiges hätte zu Theil werden lassen, ohne ein anderes Pfand für die Erstattung seiner Auslagen zu haben, als deine dürftige Garderobe und dein elendes Bett? Und wenn du gestorben wärest, ohne seine Rechnung lesen und bezahlen zu können – würde einer deiner Erben 30 Francs und 50 Centimes in deinem Nachlasse vorgefunden haben, um sie ihm zuzustellen? –

Und dann bedachte ich, daß jene Arzneitränke, die mich vom Tode retteten, von Kora zubereitet worden waren. Wer weiß, dachte ich, ob sie nicht einen Zauber hineingelegt oder ein Gebet darüber gesprochen hat, das ihnen die Kraft gab, mich zu heilen? ob nicht eine mitleidige Thräne aus ihren Augen in den Trank gerollt ist an jenem Tage, wo ich am Rande des Grabes stand? Göttliche Thräne! himmlischer Trank!

Ich war gerade mit diesen Gedanken beschäftigt, als der Krämer an meine Thür klopfte.

»Sehen Sie, Herr Georges,« sagte er, »meine Frau und ich fürchten, Sie beleidigt zu haben. Kora sagte uns, Sie wären erstaunt und überrascht gewesen und hätten die Rechnung bezahlt, ohne ein Wort zu sagen. Ich mag aber nicht, daß Sie uns des Mißtrauens gegen Sie für fähig halten. Zwar sind wir in einiger Verlegenheit, das Geschäft geht nicht recht flott, wenn Sie aber Geld brauchen, werden wir schon Mittel finden, Ihnen den Betrag zurückzugeben und sogar noch ein wenig zu leihen.«

Ich warf mich tief ergriffen in seine Arme und rief:

»Würdiger Greis! Alles was ich besitze, gehört Ihnen! . . . Rechnen Sie auf mich im Leben und im Tode!«

Ich redete noch lange mit fieberhafter Ueberschwänglichkeit auf ihn ein. Er beobachtete mich mit seinen großen, grauen Augen, die rund waren wie die einer Katze, und als ich geendet hatte, sagte er im Tone eines Menschen, der auf die Lösung eines Räthsels verzichtet:

»Schon gut! schon gut! Ich bitte Sie nur, uns von Zeit zu Zeit zu besuchen und uns Ihre Kundschaft nicht zu entziehen.«



3.

Ich wunderte mich, den Gatten Kora's weder im Laden noch bei seiner Frau anzutreffen und wagte mich schüchtern nach dem Grunde zu erkundigen. Kora entgegnete mir, Gibonneau vollende sein Pflichtjahr als Apotheker unter der Leitung des ersten Pharmaceuten der Stadt. Er kam nur Abends nach Hause und ging frühmorgens wieder fort. Dieser Klotz war also im Stande, fern von dem schönsten Wesen unter der Sonne seine Tage zuzubringen! Er besaß die köstlichste Perle auf der Welt und ließ sie eine ganze Hälfte seines Lebens allein, um Salben zu mischen und Pillen zu drehen!

Wie dankte ich aber auch dem Himmel, der ihn zu solchem niedern Dasein verdammt hatte und ihm die Gunst, seine süße Lebensgefährtin beim Lichte des Tages zu schauen, zu versagen schien, weil er ihrer nicht würdig war. Erst zur Stunde, wo die Fledermäuse und Eulen ihren düstern Flug beginnen und auf leichten, weichen Flügeln durch den wallenden, weißen Abendnebel huschen, durfte er zu ihr zurückkehren. Er kam im Dunkel wie ein nächtlicher Dieb, wie ein boshafter Kobold, der auf dem Nachtwind und dem Irrwisch durch die Sümpfe reitet. Er kam, ein düsteres, unheimliches Gespenst, noch mit dem weißen Schurz wie mit einem Leichentuch bekleidet, und hauchte jenen Weihrauchduft aus, der die Katafalke zu umwogen pflegt. Zuweilen sah ich ihn durch den Nebel schwanken und wie ein Gespenst an den grauen Mauern hingleiten. Mehrere Male begegnete ich ihm auf der Schwelle und war versucht, ihn wie einen Wurm in den Rinnstein zu schleudern; ich schonte ihn aber, denn offen gestanden, er war ungeschlacht wie ein Büffel und ich in Folge des Fiebers ganz dünnleibig und durchsichtig.

Kora, täglich vom Hahnenschrei bis zur Abenddämmerung verwittwet, blieb arglos und vertrauensvoll bei mir. Fast alle meine Tage brachte ich in dem alten Familienlehnstuhl zu, oder setzte ich mich, wenn die Aprilsonne wirklich warm herabschien, auf die steinerne Bank am Hause, die sich unter Kora's Fenster hinzog. Dort, nur durch die Zweige des Goldlacks von ihr getrennt, sog ich mit dem Blumendufte ihren Athem ein und bewunderte den Ausdruck ihres Auges, das klar und ruhig war, wie die wellenlose Flut, die an den Küsten Gräcia's schlummert. Wir schwiegen, aber mein Herz flog zu ihr und suchte das ihre mit einer Anziehungskraft, gegen die sie unmöglich unempfindlich bleiben konnte. Ich wiegte mich in süße Träume. Warum sollte Kora mich nicht lieben? Vielleicht mußte es heißen: wie hätte Kora mich nicht lieben müssen? Ich meinerseits liebte sie wahnsinnig, all meine geistigen Kräfte verbanden sich zu einem einzigen gewaltigen Verlangen, das sich unabweislich auf Kora richtete. Konnte ihre, aus dem herrlichsten Ausfluß der Gottheit gebildete Seele unter dem magnetischen Hauche dieses feurigen Wunsches kalt und leblos bleiben? Ich wollte es nicht glauben und fühlte mein Herz so rein, mein Sehnen so keusch und züchtig, daß ich bald Kora nicht mehr zu beleidigen fürchtete, wenn ich ihr mein Inneres enthüllte. Ich redete nun mit ihr jene Sprache des Himmels, für die nur poetische Seelen ein Verständniß besitzen. Ich schilderte ihr die unerschöpflichen Qualen, die göttliche Pein meiner Liebe. Ich erzählte ihr meine Träume, enthüllte ihr meine Illusionen, recitirte ihr die Tausende von Gedichten und Alexandrinern, die ich für sie geschaffen hatte. Und ich hatte das Glück, sie, fortgerissen und überwältigt, das Buch bei Seite legen und sich mit ergriffener Miene zu mir neigen zu sehen, um mich ganz zu verstehen, denn meine Worte hatten einen ihr ganz unbekannten Sinn und schütteten in ihre Seele eine Reihe erhabener Gedanken, die sie noch nie ins Auge zu fassen gewagt hatte.

»O Kora, meine Kora,« rief ich, »was könntest du von einer so reinen Liebe zu befürchten haben? Der Blitz, der sich in den Lüften entzündet, ist nicht reinerer Natur als das Feuer, von dem ich mich mit Entzücken durchlodert fühle! Warum sollte dein scheues Schamgefühl, dein hoher Frauenstolz sich über eine Liebe beunruhigen, die so übersinnlich ist als die unsrige? Mag ein Gatte, ein Herr den Schatz der körperlichen Schönheit besitzen, den die himmlischen Mächte dir zu Theil werden ließen! ich werde nie versuchen, ihm das zu rauben, was Gott, die Menschen und dein Wort ihm als sein Eigenthum zugesichert haben! Mein Antheil wird weniger greifbar, weniger berauschend, aber glorreicher und edler sein, wenn du mich erhörst. Den ätherischen Theil deines Gemüths begehre ich, dein glühendes Streben nach der Gottheit will ich umschlingen und mir zu eigen machen, damit ich dein Himmel und deine Seele sei, wie du mein Gott und mein Leben bist!«

Diese Dinge schienen Kora unverständlich – ihr Gemüth war so rein, so kindlich unschuldig! Sie sah mich mit verblüffter Miene an, und um ihr die göttlichen Mysterien der platonischen Liebe begreiflicher zu machen, ergriff ich meinen Kreidestift und schrieb an ihrem Fenster Verse auf die Wand. Dann erzählte ich ihr von den poetischen Wundern der Geisterwelt, von der Liebe der Engel und der Feen, von den Leiden und Thränen der in den Blumenkelchen eingekerkerten Elfen, von der glühenden Liebe der Rosen zum Frühlingswinde, von der Musik der Sphären, die man Abends in den Lüften hört, vom sympathischen Tanz der Sterne, vom Teufelsspuk des Hexensabbaths, von den Tücken der Kobolde und den unbegreiflichen Entdeckungen der Alchemie.

Unser Glück schien durch keinen Vorfall in der Außenwelt gestört werden zu können. Indem ich mich auf das Engste an die Poesie anschloß, hatte ich mich in meiner geistigen Welt so gut gegen allen Schwierigkeiten und Hindernissen des wirklichen Lebens abzusondern gewußt, daß ich von der Dazwischenkunft jener plumpen, verständnislosen Ansichten, die in unserer Umgebung üppig wucherten, nichts zu fürchten zu haben schien. Meine Gefühle waren so reiner, erhabener Natur, daß ich dem Alltagsmenschen, der sich Kora's Herr und Gemahl nannte, in keiner Weise Eifersucht einflößen konnte.

Lange Zeit schien er in der That ein Verständniß dafür zu haben, welche Achtung er einem vom Himmel beschützten Liebesbunde schuldig sei. Nach Verlauf von sechs Wochen aber bemerkte ich eine seltsame Veränderung im Benehmen der Familie gegen mich. Der Vater sah mich mit spöttischmiß-trauischer Miene an, so oft er das Zimmer betrat, in welchem wir uns aufhielten. Die Mutter zeigte eine besondere Neigung, all die Zeit, die sie den Ladengeschäften abmüßigen konnte, bei uns zuzubringen. Gibonneau schleuderte mir, wenn ich ihm zufällig begegnete, düstere und drohende Blicke zu. Sogar Kora wurde zurückhaltender: sie stieg später in das Erdgeschoß herunter, kehrte frühzeitiger auf ihr Zimmer zurück und erschien sogar an manchen Tagen gar nicht. Das erschreckte mich, und ich wagte mich darüber zu beklagen. Mit der Beredtsamkeit, welche die Leidenschaft uns verleiht, versuchte ich, ihr das Ungerechte und Grausame ihres Benehmens begreiflich zu machen. Sie hörte mich mit erkünstelt ruhiger, beinahe furchtsamer Miene an, und ich bemerkte, daß sie unruhig nach der Thür schaute.

»Kora,« rief ich voll glühender Begeisterung, »sollte dir irgend eine Gefahr drohen? Sprich, rede, wo sind deine Feinde? Nenne mir die Schändlichen, die dich schwache, himmlische Creatur mit den ehernen Ketten eines verabscheuten Joches belasten! Sag mir, wer ist der Dämon, der den freien Aufschwung deiner Seele hindert und die naiven Ergüsse deines Herzens in dein Inneres zurückzwängt, als wären es bittere Selbstanklagen! Ha, ich verstehe es, sie zu bannen, ich kenne mehr als eine Zauberformel, um die Dämonen des Hasses und der Rachsucht in Ketten zu schmieden, ich weiß mehr als ein magisches Wort, um die Engel herbeizurufen, die Schutzengel, die deine Brüder und doch weniger unschuldig, weniger schön sind als du!« . . .

Ich erhob während des Sprechens die Stimme und näherte mich Kora, um ihre Hand zu ergreifen, die sie mir immer wieder entzog. Die Stirn in Begeisterungsschweiß gebadet, mit wirrem Haar und blitzendem Auge, reckte ich mich nun in die Höhe – – –

Kora stieß einen lauten Schrei aus, und ihr Vater stürzte mit einer Eile ins Zimmer, als ob ihm das Haus über dem Kopfe brenne. Als er sich mir mit drohender Miene näherte, ergriff Kora ihn beim Arme und sagte sanft:

»Lassen Sie ihn, Vater. Er hat einen seiner Anfälle. Regen Sie ihn nicht auf, das geht vorüber.«

Vergebens suchte ich den Sinn dieser Worte zu enträtseln. Sie ging hinaus, und ihr Vater wandte sich zu mir mit den Worten:

»He, Herr Georges, kommen Sie zu sich! Hier denkt Niemand daran, Sie zu kränken. Sie sind wahrhaftig nicht recht bei Troste . . . Vorwärts, vorwärts, gehen Sie nach Hause und beruhigen Sie sich.«

Ganz verblüfft über diese wohlwollende Rede gab ich mit der Willenlosigkeit eines Kindes nach und ließ mich von dem Materialwaarenhändler nach Hause führen. Eine Stunde später sah ich den Staatsanwalt und den Stadtarzt in mein Zimmer treten. Da ich beide ziemlich genau kannte, befremdete mich ihr Besuch nicht, ich begann mich aber über die auffallende Art und Weise zu ärgern, mit welcher der Arzt meinen Puls fühlte, während er den Ausdruck meines Blickes und die Ausdehnung meiner Pupille sorgfältig beobachtete. Er begann darauf die Schläge meiner Arterien am Halse und an den Schläfen zu zählen und den äußern Wärmegrad meines Gehirns mit der hohlen Hand zu untersuchen.

»Was bedeutet das alles, mein Herr?« fragte ich. »Ich habe sie zu keiner Consultation herbeschieden. Ich fühle mich wohl genug, um ohne ärztlichen Beistand fertig werden zu können, und bin nicht geneigt, mir denselben aufdrängen zu lassen.«

Doch statt aller Antwort trat er zu dem Beamten, und beide zogen sich in die Fensternische zurück, um leise mit einander zu reden. Sie schienen sich über mich zu berathen, denn alle Augenblicke drehten sie sich um, um mich aufmerksam und mißtrauisch zu beobachten. Endlich näherten sie sich mir, und der Staatsanwalt richtete mehrere seltsame Fragen an mich, zuerst, welche Farbe seine Weste zu haben scheine, dann, ob ich seinen Namen wüßte, endlich, ob ich mein Alter, meine Heimat und meinen Erwerbszweig angeben könnte.

Ich beantwortete diese sonderbaren Fragen in größter Verblüfftheit, bis der Arzt mich seinerseits inquirirte, ob ich außer dem Staatsanwalt, ihm und nur keine andere Person im Zimmer sähe, ob es Tag oder Nacht wäre, und endlich, ob ich versichern könnte, daß ich fünf Finger an jeder Hand hätte. Ueber diese unverschämten Fragen empört, beantwortete ich die letzte mit einer tüchtigen Ohrfeige. Ich that daran ohne Zweifel unrecht, namentlich in Gegenwart eines Beamten, der sofort bereit war, den Prozeß wegen des Verbrechens einzuleiten. Aber das Blut stieg mir in den Kopf, und es war mir unmöglich, mich ohne Grund noch länger wie einen Schwachsinnigen oder Verrückten behandeln zu lassen.

Der Lärm wurde groß. Der Beamte wollte für seinen Gevatter Partei ergreifen; ich packte ihn bei der Gurgel und hätte ihn erdrosselt, wenn ihm der Krämer, dessen Schwiegersohn und ein halbes Dutzend Nachbarn nicht zu Hilfe gekommen wären. Nun bemächtigte man sich meiner, band mir wie einem Rasenden Hände und Füße, stopfte mir eine Serviette in den Mund und transportirte mich in das städtische Krankenhaus, wo ich in das für Wahnsinnige bestimmte Zimmer eingesperrt wurde.

Ich muß gestehen, das Zimmer war bequem eingerichtet, und man behandelte mich mit vieler Milde, um so mehr, da ich kein Zeichen von Tollheit blicken ließ. Der Irrthum des Arztes und des Beamten wurde bald festgestellt. Es wurde mir aber schwer, meine Freiheit wiederzuerlangen, denn da der letztere voraussah, daß er genöthigt sein würde, der Injurie wegen, die ich ihm zugefügt hatte, Rechenschaft von mir zu fordern, so ließ er mich hartnäckig für verrückt gelten, um sich betreffs meiner den Anschein der Großmuth und der Kaltblütigkeit geben zu können.

Endlich wurde ich entlassen. Aber der Staatsanwalt ließ mich sogleich auf sein Zimmer rufen und hielt mir folgende Standrede:

»Junger Mann,« sagte er in jenem dünkelhaften, väterlich ermahnenden Tone, den anzunehmen jeder gelbschnäblige Beamte das Recht zu haben glaubt, sobald er den Amtsrock auf dem Leibe hat, »junger Mann, Sie haben, wenn nicht schwere Fehler, so doch große Unüberlegtheiten wieder gut zu machen. Sie waren fremd und sind hier in der Stadt mit allen Zeichen des Wohlwollens und all der geselligen Zuvorkommenheit, welche die Bewohner auszeichnet, aufgenommen worden. Sie waren krank und sind von Ihren Nachbarn mit Eifer und Hingebung gepflegt worden. Alle diese Beweise des Vertrauens und der Theilnahme hätten das Gefühl des Anstands und der Dankbarkeit in Ihrem Herzen erwecken müssen« – – –

»Tausend Stückpforten, Herr!« schrie ich in meinem Matrosenjargon, der wider meinen Willen die Oberhand gewann, sobald ich zornig war, »worauf wollen Sie hinaus, und womit habe ich die Einsperrung und Ihre Gardinenpredigt verdient?« . . .

»Mein Herr,« entgegnete er stirnrunzelnd, »hören Sie, was Sie gethan haben: Sie haben die Gastfreundschaft angenommen, die ein redlicher Bürger, ein achtungswerther Materialwaarenhändler Ihnen täglich im Schooße seiner Familie darbot, und zwar aus Gründen angenommen, die näher zu bezeichnen mir nicht zusteht, und über die nur Ihr Gewissen Richter sein kann. Ich meinestheils glaube, daß es Ihre Absicht war, entweder die Tochter des Materialwaarenhändlers zu verführen und durch unzusammenhängende Reden, die ganz den Charakter der Ueberspanntheit an sich trugen, zu bethören oder sich über ihre Einfalt lustig zu machen, indem Sie sie mit rätselhaften Spöttereien mystificirten.«

»Gerechter Gott! wer hat das gesagt?« rief ich bekümmert.

»Frau Kora Gibonneau selbst. Anfangs hat sie Ihre seltsamen Redensarten für Merkmale natürlicher Originalität angesehen, nach und nach aber hat sie sich davor wie vor Kennzeichen des Wahnsinns entsetzt. Lange zögerte sie, ihren Eltern Mittheilung davon zu machen, denn in den Herzen dieser ehrenwerthen Bürger sind Gutmüthigkeit und Mitleid erbliche Tugenden. Seit Kurzem aber mit einem würdigen Manne vermählt, den sie anbetet und zu dem sie, wie Sie lange wissen werden, schon vor der Heirath im Geheimen eine Neigung hegte, die ihre Gesundheit tief erschüttert hatte und sie dem Grabe zugeführt haben würde, wenn die Eltern sich ihr noch lange widersetzt hätten – – endlich also, sage ich, mit dem höchst achtungswürdigen Apotheker Gibonneau verheirathet, durch die Anfänge einer ziemlich beschwerlichen Schwangerschaft entkräftet und mit Recht unter den Umständen, in denen sie sich befindet, die Folgen des Schrecks fürchtend, hat Frau Kora sich entschlossen, ihre Eltern über Ihre Verstandsverwirrung und die täglichen Proben, die Sie ihr seit einiger Zeit davon gaben, zu unterrichten. Die braven Leute zögerten, ihr Glauben zu schenken, und überwachten Sie mit äußerster Rücksicht und größtem Zartsinn. Als dieselbe Sie aber eines Tages in einem Zustande von Exaltation und Überspanntheit sahen, der ihre Tochter ernstlich erschreckte, faßten sie den Entschluß, den Schutz der Gesetze und der Regierung anzurufen . . . Und der Schutz der Gesetze hat ihnen nicht gefehlt. Die Regierung hat sich erhoben, um sie sicher zu stellen, denn die Regierung weiß, daß es ihr schönstes Vorrecht ist« – – –

»Um Gottes willen, genug, genug! mein Herr,« rief ich. »Ich könnte Ihnen den Rest Ihrer Rede aus dem Kopfe hersagen, so oft habe ich dergleichen bei jeder Gelegenheit herdeclamiren hören« . . .

»Nein, mein Herr,« schrie seinerseits der Beamte mit lauterer Stimme, »Sie werden nicht der Fürsorge einer Regierung entgehen, die der Jugend Rath und Aufsicht schuldig ist, einer Regierung, die das Glück und die Ruhe der Bürger will. Beachten Sie die Vorwürfe, die Sie sich zugezogen haben. Sehen Sie Ihr Vergehen ein, es ist schwer! Sie haben Unruhe und Bestürzung in der Familie des Materialwaarenhändlers erregt, Sie haben die geheiligte Gastfreundschaft, die Ihnen geboten wurde, schmählich verkannt, indem Sie die untadelhafte Gattin eines geprüften Apothekers zu verführen oder zu verhöhnen suchten . . . Ja, mein Herr, eins von beiden haben Sie gewiß beabsichtigt, ich weiß nur noch nicht, welchen Sinn das Gesetz den sonderbaren Versfragmenten beilegen kann, mit denen Sie die Mauern des gastfreien Hauses entweiht und beschädigt haben, und die mir von der Tochter des Materialwaarenhändlers als unverwerflicher Beweis für Ihre Tollheit gezeigt wurden. – Endlich, mein Herr, haben Sie, nicht zufrieden, brave Leute in Angst zu versetzen und die Nachbarschaft zu beunruhigen, sich der durch mich repräsentirten Obrigkeit widersetzt, Sie haben den vortrefflichen Arzt, der Sie pflegte, beim Kragen genommen und geprügelt, und eine heftige Scene verursacht, welche die Ruhe einer friedliebenden Bewohnerschaft störte und durch den Schreck, den sie Frau Gibonneau verursachte, derselben augenscheinlich verderblich werden sollte.«

»Kora ist krank?!« rief ich. »Großer Gott!« . . . Und ich wollte davonlaufen, der feurigen Beredtsamkeit meines Henkers entwischen. Aber er hielt mich zurück.

»Sie werden mich nicht verlassen, junger Mann,« sagte er, »ohne der Stimme der Vernunft Gehör geschenkt und mir Ihr Ehrenwort gegeben zu haben, daß Sie Ihre Besuche bei Frau Gibonneau einstellen und sogar das Logis verlassen werden, das Sie dem Hause der Krämerstochter gegenüber inne haben.«

»O, mein Herr,« rief ich, »ich schwöre Ihnen zu, daß ich diesen braven Leuten Adieu sagen, sie bezüglich der mir über Frau Kora soeben mitgeteilten Nachrichten um Verzeihung bitten und eine Stunde später diese vermaledeite Stadt verlassen haben werde.«

Ich waffnete mich mit Muth und Kaltblütigkeit, um den Krämer zu besuchen. Da ich in der ganzen Stadt für verrückt gegolten hatte, erregte meine Freilassung große Sensation. Der Krämer schien unruhig und besorgt, seine Frau verkroch sich beinahe hinter ihm, Kora wurde vor Schreck blaß, und Herr Gibonneau schnitt mir, ohne ein Wort zu sagen, ein böses Gesicht. Ich sprach gelassen mit ihnen, bat sie, das Aergerniß zu entschuldigen, das ich ihnen bereitet hatte, und an meine ewige Dankbarkeit für die Pflege und Zuneigung zu glauben, die ich bei ihnen gefunden hatte.

»Vor allem Sie, Madame,« sagte ich mit bewegter Stimme zu Kora, »verzeihen Sie mir die Thorheiten, deren Zeuge ich Sie werden ließ. Wenn ich annähme, Sie hätten nur einen einzigen Moment den Argwohn gehegt, es mangle mir die schuldige Achtung gegen Sie, so würde ich vor Kummer sterben. Ich hoffe, daß Sie die Albernheit meines Benehmens vergessen und sich nur der demüthigen Entschuldigungen und der herzlichen Dankworte erinnern werden, die ich an Sie richte, indem ich für immer von Ihnen scheide.«

Bei dieser Mittheilung hellten sich alle Gesichter auf. Nur auf Kora's Antlitz, muß ich gestehen, zeigte sich der Ausdruck sanften Mitleids. Ich wollte mich nach ihrer Gesundheit erkundigen, die meine Tollheiten ernstlich gefährdet hatten, aber als ich an die erste Ursache ihres kränklichen Zustandes, an die Liebe, die sie bereits so lange zu ihrem Gatten gehegt hatte und an das Pfand dieser glücklichen Neigung dachte, das sie unter dem Herzen trug, erstarb mir das Wort im Munde, und ohne mein Wissen rollten nur Thränen über die Backen. Nun drängte sich die ganze Familie um mich, weinte mit mir um die Wette und überhäufte mich mit Zeichen des Bedauerns und der Anhänglichkeit. Kora reichte mir sogar ihre schöne Hand, die zu berühren das Glück mir noch nie vergönnt hatte, und die ich nicht einmal an die Lippen zu führen wagte. Endlich entfernte ich mich unter Danksagungen für meinen Aufenthalt bei ihnen und ganz besonders für meine Abreise. Denn unter all den freundschaftlichen Dingen, die mir gesagt wurden, fand sich keine Stimme, kein Wort, das mich zum Bleiben aufgefordert hätte.

Schmerzbeladen und im Innern gebrochen, fühlte ich die Kniee unter mir wanken, als ich dies Haus verließ, in welchem ich so süße Träume geträumt und so glänzende Illusionen genährt hatte. Ich lehnte mich an die weinumrankte Thür und warf einen letzten zärtlichen Abschiedsblick auf den schönen Goldlack im Fenster.

Dabei hörte ich im Innern eine Stimme, die meinen Namen nannte. Es war Kora's Stimme. Ich lauschte.

»Der arme junge Mann!« sagte sie in bewegtem Tone. »Er ist also endlich fort.«

»Ich bin nicht gerade betrübt darüber,« entgegnete der Dütchenkrämer, »obgleich er bei alledem ein braver Kerl ist und seine Rechnungen pünktlich bezahlt.« –

Im vergangenen Jahre kam ich wieder durch jene Stadt, um mich nach dem Limousin zu begeben. Ich erblickte Kora an ihrem Fenster. Zu ihren Füßen spielten drei schöne Kinder, neben ihr stand eine Vase mit herrlich blühenden rothen Levkojen. Kora hatte eine spitze Nase, dünne Lippen, etwas rothgeränderte Augen, hohle Wangen und einige Zähne weniger im Munde.




1 Port-Louis, jetzt Port-Nord-Quest oder Port-Napoleon, Hauptstadt der Insel Mauritius (östl. von Madagaskar); Saint-Paul, jetzt Alexandria, Hauptort auf der Insel Kodiak an der russischen Nordwest-Küste Nord-Amerikas. D. Uebers.

2 Contes fantastiques, Gesammttitel der von Xaver Marmier und Loeve-Veimars i. J. 1828 übersetzten dämonisch-phantastischen Erzählungen E. T. A. Hoffmann's, die vom französischen Publikum mit ungeheurem Beifall aufgenommen wurden.   Anm. d. Uebers.

3 August Heinrich Julius Lafontaine (1759--1831) huldigte in seinen Romanen dem Geschmack an flach-spießbürgerlich-moralischer Empfindelei, der auf dem Gebiete des Dramas durch seine bekanntern Zeitgenossen Iffland und Kotzebue vertreten wurde.  Anm. d. Uebers.