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George Sand – Der Teufelssumpf

Novelle

George Sand, Der Teufelssumpf, Übertragen von Ludwig Schneegans, Aus: Novellenschatz des Auslandes, Herausgegeben von Paul Heyse und Hermann Kurz, Dritter Band, Rudolph Oldenbourg Verlag, München, o. J., S. 221ff.



Hör einmal, Germain,1 sagte eines Tages Vater Maurice zu seinem Schwiegersohn, es wär' doch gut, wenn du dich entschließen könntest, wieder zu heirathen. Du bist jetzt bald volle zwei Jahre Wittwer, und dein Erstgeborener, geht schon ins achte. Du rückst den Dreißigen immer näher, mein Junge, und weißt, daß wer drüber hinaus ist, hier zu Land für zu alt gilt, um einen neuen Hausstand zu gründen. Bis jetzt haben uns deine drei schmucken Kinder kein Kopfzerbrechen gemacht. Mein Weib und meine Sohnsfrau haben redlich für sie gesorgt, und haben sie lieb gehabt nach Schuldigkeit. Mit dem kleinen Peter seiner Erziehung wären wir auch so ziemlich im Reinen: er versteht sich schon ganz gut drauf, sein Paar Ochsen voranzutreiben, ist auch schon so vernünftig, daß er das Vieh hüten kann, und reitet dir einen Gaul recht manierlich in die Schwemme. Um Den hätten wir uns also weiter kein graues Haar wachsen zu lassen; aber die zwei Jüngeren, die armen Dinger, – wie sie uns ans Herz gewachsen sind, das weiß Gott – die gehen uns heuer viel im Kopf herum, denn sieh! über ein Kurzes kommt meine Sohnsfrau in die Wochen; mit ihrem Erstgeborenen hat sie schon ihre liebe Noth, weil er noch halb und halb in den Windeln liegt, und ist einmal das andere Würmchen, das wir erwarten, auch da, wo soll sie dann die Zeit hernehmen für deine kleine Solange und gar für deinen Sylvain, der noch nicht vier Jahre alt ist und bei Tag und Nacht keine Ruh giebt? Das lebhafte Wesen hat er von dir geerbt und wird später auf dem Acker ins Zeug gehen, daß es eine Art hat; aber vor der Hand hat's eher eine Unart als eine Art, und meine Alte holt ihn kaum mehr ein, wenn er ihr davon läuft auf den tiefen Graben zu oder mitten unter die Pferde. Und dann mußt du auch bedenken, daß, so lang deine Schwägerin ihr eines Kind nährt, das andere ausschließlich der Großmutter zur Last fallen wird. Wer kann sich danach bei all der Schererei um deine Kleinen annehmen? Siehst du, das ist's, was uns Sorgen macht. Deine Kinder dürfen nicht verwahrlos't werden, und wenn wir uns all das Unheil vor Augen stellen, das bei mangelhafter Aufsicht über sie kommen könnte, wird uns ganz bang ums Herz. Darum solltest du dir zu einem Weib und uns zu einer Schwiegertochter verhelfen. Das überlege dir, mein Junge. Ich habe dir's schon mehrmals vorgehalten: es verstreicht ein Tag nach dem andern, und die Jahre werden nicht warten, bis es dir genehm ist. Deinen Kindern und uns, die wir drauf achten müssen, daß Alles im Hause seinen richtigen Gang geht, bist du es schuldig, dich nach einer Frau umzusehen.

Wenn Ihr's denn durchaus haben wollt, Vater, antwortete Germain, so soll Euch der Wille gethan werden. Aber verhehlen kann ich Euch nicht, daß es mir sehr schwer werden wird, und daß mir dabei zu Muth ist, als sollte ich ins Wasser springen. Man weiß, was man verloren hat, doch was man zum Ersatz findet, das weiß man nicht. Ich hatte ein braves, ein schönes Weib, gutherzig und unverdorben, voller Liebe zu Vater und Mutter, voller Liebe zu ihrem Mann, zu ihren Kindern und zur Arbeit, fleißig auf dem Acker wie im Hauswesen, flink und anstellig, kurzum, ein Weib, das Alles am rechten Ende anzugreifen wußte; und als Ihr mir sie gabt und ich sie heimführte, wurde zwischen uns nicht ausgemacht, ich müßte sie vergessen, wenn ich das Unglück haben sollte, sie zu verlieren.

Was du da sagst, Germain, erwiderte Vater Maurice, ist ein neuer Beweis für deine Herzensgüte; ich weiß, daß du meine Tochter auf den Händen getragen hast, daß sie glücklich mit dir gewesen ist, und daß, wenn's auf deine Wahl angekommen wäre, die Kathrine heut noch lebte, und du an ihrer Stelle auf dem Kirchhof lägst. Sie hat's auch um dich verdient, daß du sie so lieb gehabt hast, und wir können es eben so wenig verschmerzen, wie du, daß sie nimmer da ist. Wer spricht dir denn davon, sie zu vergessen? Der liebe Gott hat sie zu sich gerufen, und es soll kein Tag vergehen, wo ihr nicht unsre Gebete und stillen Gedanken, unser Reden und unser Thun zeigen, daß wir ihr Gedächtniß in Ehren halten und ihren Verlust beklagen. Aber wenn sie aus der andern Welt noch zu dir sprechen und dir ihre Wünsche, mittheilen könnte, sie selber würde dir anbefehlen, um eine Mutter zu sorgen für ihre unmündigen Waisen. Es muß ihr also eine würdige Nachfolgerin gegeben werden. Sehr leicht wird's nicht sein, eine solche zu finden, aber ein Ding der Unmöglichkeit ist es nicht, und haben wir sie einmal, dann wirst du sie auch lieben, wie früher unsere Kathrine, weil du ihr als ein rechtschaffener Mann dankbar dafür sein wirst, daß sie uns aus der Noth hilft und ein Herz hat für deine Kinder.

Gut, Vater Maurice, sagte Germain, ich will auch in dieser Sache handeln, wie Ihr mir rathet.

Ja, mein Sohn, auch dafür muß ich dich loben, daß du mein väterliches Zureden und meine guten Gründe nie in den Wind geschlagen hast. Jetzt aber laß uns mit einander erwägen, wie du bei der Wahl deiner künftigen Frau am klügsten verfährst. Vor Allem bin ich nicht der Meinung, daß du ein junges Ding heimführst. Das wäre für Deinesgleichen ein schlimmer Kauf. Junges Blut hat leichten Sinn, und da es keine Kleinigkeit ist, drei Kinder zu erziehen, zumal wenn es Stiefkinder sind, mußt du dich umthun nach einer guten Seele, einer gesetzten, sanftmüthigen und recht arbeitslustigen Person. Wenn dein Weib nicht ungefähr in gleichen Jahren stünde, wie du, so ginge ihr noch die rechte Einsicht ab für ihre Pflichten. Dich würde sie zu alt und deine Kinder zu jung finden. Sie würde sich über ihr Schicksal beklagen, und die Kleinen müßten's entgelten.

Gerade davor bangt mir, sagte Germain. Wenn meine armen Kinder von der Stiefmütter lieblos behandelt, gehaßt, geschlagen würden . . .

Da sei Gott vor! entgegnete der alte Mann. Die bösen Weiber sind hier zu Land seltener, als die guten, und es müßte schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir die Rechte nicht herauskriegten.

Das, Schwäher, ist auch wieder wahr: an braven Dirnen ist im Dorf kein Mangel. Da haben wir die Luise, die Sylvaine, die Claudia, die Margret . . . Euch überlasse ich die Wahl.

Nur ruhig, mein Junge, nur ruhig! Die sind alle für dich entweder zu jung oder zu arm oder – zu hübsch, denn auch darauf ist zu achten, mein Sohn. Bei einem hübschen Weib steht's oft um die Sittsamkeit nicht so gut, wie bei einer Andern.

Ihr rathet mir also zu einer Häßlichen? frug Germain etwas ängstlich.

Das nicht, denn von deinem Weib sollst du ja Kinder bekommen, und ich kenne nichts Traurigeres, als häßliche, schwächliche und kränkelnde Kinder zu haben. Nein, frisch und gesund müßte dein Weib sein, schön nicht, aber auch nicht häßlich.

Mir scheint, sagte Germain mit einem wehmüthigen Lächeln, daß eine Frau, wie Ihr sie für mich im Sinn habt, eigens geschaffen werden müßte; um so mehr, als Ihr auch auf Vermögen setzt und es so leicht nicht ist, bei einer Reichen anzukommen, zumal für einen Wittwer.

Aber gesetzt den Fall, sie selber wäre verwittwet. Germain? Denk dir eine kinderlose Wittwe mit einem hübschen Vermögen.

Eine solche ist mir zur Zeit in unserer Gemeinde nicht bekannt.

Mir auch nicht; doch es giebt nach andere Gemeinden.

Schwäher, Ihr haltet schon Eine in Bereitschaft; wenn dem so ist, sagt mir's lieber gleich.

Wohl hätte ich Eine in Bereitschaft, antwortete Vater Maurice: eine Wittwe Guerin, eine geborene Leonard aus Fourche.

Ich kenne weder die Frau nach den Ort, bemerkte Germain, der immer trauriger geworden war, mit ergebener Miene.

Sie heißt Kathrine, wie deine Selige.

Kathrine? Es würde mir wohl thun, sie bei diesem Namen zu nennen . . . Kathrine! Und doch, wenn ich sie nicht so lieb haben könnte, wie die Andere, thäte mir's um so weher, weil es mich noch häufiger an sie erinnern würde.

Du wirst sie aber lieb haben, sag' ich dir: sie ist ein tüchtig Weib und dabei seelengut; ich habe sie zwar seit langer Zeit nicht mehr gesehen, doch als Mädel war sie gar nicht übel; nur ist sie nicht mehr jung, denn sie geht ins Dreiunddreißigste. Sie hat eine rechtschaffene Verwandtschaft, lauter wackere Leute, und ein Vermögen von acht oder zehntausend Francs in liegenden Gütern, die sie gern losschlagen würde, um sich in einer neuen Heimath anzukaufen, denn auch sie denkt an eine zweite Heirath, und ich weiß, daß sie mit deinen äußern Umständen ganz zufrieden wäre, wenn sie sonst Gefallen fände an deiner Sinnesart.

Ihr habt also Alles schon in Richtigkeit gebracht?

Ja, bis auf euer Beider Jawort, und das werdet ihr einander schon geben, wenn ihr erst bekannt geworden seid. Der Frau ihr Vater ist noch ein Verwandter von mir, und ist mir auch ein recht guter Freund gewesen. Du kennst ihn ja, den alten Leonard?

Ja, ich sah ihn bei Jahrmärkten mit Euch reden, und jetzt erinnere ich mich, daß Ihr beim letzten Mittag mit ihm gehalten habt; das also war's, was er so ausführlich mit Euch besprach?

Gewiß; er hatte dir bei dem Verkauf deines Viehs zugeschaut und gefunden, daß du deine Sache gut gemacht; dein lebendiges und verständiges Wesen hatten ihm in die Augen gestochen, und als ich ihm Alles auseinandersetzte, wer du bist, und wie du dich mit uns so wohl verträgst seit den acht Jahren, wo wir zusammen leben und wirthschaften, und wie es zwischen, uns noch nie zu einem bösen Wort gekommen, da gerieth der Alte auf den Gedanken, aus dir seinen Tochtermann zu machen; ich ging, offen gesagt, gleich darauf ein in Anbetracht des guten Rufs der Wittfrau sowohl als der Rechtschaffenheit ihrer Verwandtschaft und des günstigen Standes ihres Vermögens.

Wie mir scheint, Vater Maurice, legt Ihr auf das Vermögen, einen ziemlich großen Werth.

Allerdings schlage ich's hoch an. Legst denn du keinen großen Werth darauf?

Ich will ihn Euch zu Lieb drauf legen, wenn Ihr's begehrt; aber Ihr wißt, daß ich für meinen Theil mich blutwenig drum kümmere, wie viel oder wie wenig von unserem gemeinsamen Erwerb für mich abfällt; ich verstehe mich ein für allemal nicht aufs Rechnen; dergleichen wollte mir nie recht in den Kopf. Auf den Grund und Boden versteh' ich mich und auf Ochsen, Pferde, Wagengeschirr, Sämereien, Dreschen und Futterschneiden. Was die Schafzucht, den Wein-, Garten-, Gemüsebau betrifft und Alles was sonst noch dazu gehört, so wißt Ihr, daß das Eures Sohnes Sache ist, und daß ich so gut wie nie dreinrede. In Geldangelegenheiten läßt mich mein Gedächtniß im Stich, und lieber würde ich auf Alles verzichten, als über das Mein und Dein herumstreiten, denn ich müßte befürchten, vielleicht mehr zu verlangen, als mir billigerweise zukommt, und würde mich überhaupt in Fällen, die nicht ganz klar und einfach wären, nun und nimmermehr zurechtfinden.

Das ist ein Fehler, mein Sohn, und darum wünsch' ich dir ein kluges Weib, damit Jemand für mich einspringe, wenn ich einmal nicht mehr bei der Hand bin. Du hast es von jeher vermieden, über unsere Abrechnungen einen genauen Ueberblick zu gewinnen, und das könnte zwischen dir und meinem Sohn zu Ungelegenheiten führen, wenn ihr mich nicht mehr um euch haben solltet, um Alles zu schlichten und euch zu sagen, was einem Jeden zufällt.

Möget Ihr noch lange leben, Vater Maurice! Wie es nachher gehen wird, darüber macht Euch keine Sorgen, denn mit Eurem Sohn werde ich nie uneinig werden, dem Jakob vertrau' ich, wie Euch selber, und da ich ja nichts mit in die Ehe gebracht habe, da Alles, was etwa noch mein werden kann, von Eurer Tochter kommt und unsern Kindern angehört, so dürfen wir Beide ganz ruhig sein; dem Jakob wird es nicht im Traum einfallen, die Kinder seiner Schwester, die ihm fast eben so lieb sind wie die eigenen, zu Gunsten der Seinigen an ihrem Erbe zu schädigen.

Da hast du wieder Recht, Germain. Mein Jakob ist ein guter Sohn, ein guter Bruder und ein wahrhaftiger Mensch. Aber er könnte vor dir sterben, eh' eure Kinder großjährig geworden, und in einer Familie muß immer darauf geachtet werden, daß ein Oberhaupt da sei für die Unmündigen, um ihnen guten Rath zu ertheilen und den Hausfrieden zu erhalten, sonst mischen sich die Advocaten drein und hetzen so lang den Einen auf den Andern los, bis das Processiren den letzten Heller aufgefressen hat. Folglich müssen wir bei der Aufnahme irgend eines neuen Gliedes in unsere Familie, gleichviel ob Mann ob Weib, immer die Möglichkeit bedenken, daß dies Familienmitglied später vielleicht in den Fall kommen wird, den Lebenswandel und das Vermögen so und so vieler Kinder, Enkel, Schwiegersöhne und Sohnsfrauen zu überwachen und zu verwalten, denn man kann nie wissen, in welchem Maß eine Familie sich mehren wird, und fügt sich's einmal so, daß das Bienenhaus nicht mehr groß genug ist für den ganzen Schwarm, und daß ausgeflogen werden muß, dann ist jeder Einzelne darauf bedacht, seinen Honig mit fortzutragen. Wie ich dich als Schwiegersohn zu mir ins Haus nahm, war ich mit der Wahl meiner Tochter einverstanden, wiewohl sie reich war und du arm. Ich kannte dich als einen tüchtigen Arbeiter und wußte, daß zwei kräftige Arme und ein Herz, wie du eins hast, das beste Heirathsgut sind für uns Bauersleute. Wenn ein junger Bursche das mit in die Ehe bringt, braucht man von ihm weiter nichts zu begehren. Von einem Weib hingegen darf man mehr verlangen: der Fleiß der Hausfrau mehrt den Erwerb nicht; er hält ihn bloß zusammen. Uebrigens mußt du auch bedenken, daß die Kinder deiner zweiten Frau, die an dem Erbe deiner jetzigen Kinder keinen Antheil haben werden, ins Elend kämen, wenn du sterben solltest und ihre Mutter nicht einiges Vermögen besäße. Und dann werden auch die Kleinen, die dein Weib dir schenken wird, mancherlei Ausgaben nach sich ziehen. Wir würden sie freilich von Herzen gern ernähren, hätten wir allein die Lasten zu tragen; aber diese Lasten würden ja den Wohlstand der ganzen Gemeinschaft verringern, und deine Kinder aus erster Ehe müßten die daraus hervorgehenden Entbehrungen gleichfalls mit in den Kauf nehmen. Wenn sich die Familien übermäßig, das heißt, ohne eine entsprechende Vermehrung der Einkünfte vergrößern, reißt die Armuth ein, wie sehr man sich auch dagegen wehrt. Das sind so meine Betrachtungen, Germain; mach sie dir zu Nutzen und suche der Wittwe Guerin zu gefallen, denn an ihren guten Eigenschaften und ihren blanken Thalern würden wir für die Gegenwart eine Stütze gewinnen und einen Trost für die Zukunft.

Abgemacht, Schwäher. Ich werde darnach trachten, ihr zu gefallen und Gefallen zu finden an ihr.

Nun, so mußt du sie aufsuchen und kennen lernen.

In ihrer Heimath? In Fourche? Aber sagt mir, ist das nicht ein entfernter Ort? Und jetzt, wo eben geackert wird, bleibt schwerlich genug Zeit übrig zu einer Reise.

Wer aus Liebe heirathen will, der muß sich darauf gefaßt machen. Zeit zu verlieren; aber eine Vernunftheirath zwischen Leuten, die keine Flausen im Kopf haben und genau wissen, was sie thun, kommt rasch zu Stand. Morgen ist Samstag; da machst du etwas früher Feierabend, kannst des Nachmittags um Zwei reisefertig sein, und bist noch vor Nacht in Fourche; übrigens haben wir ja Vollmond; die Wege sind gut, und das Dorf liegt kaum mehr als drei Meilen von hier, ganz nach bei Magnier. Zudem wirst du hinreiten.

Bei der kühlen Witterung möcht' ich eigentlich lieber, gehen.

Ganz recht, aber unsere Stute ist ein schmuckes Thier, und ein schön berittener Freier nimmt sich besser aus. Du wirst auch deine neuen Kleider anziehen und für den alten Leonard ein paar Stück Wildpret mitnehmen zum Geschenk mit einer Empfehlung von mir; dann redest du mit ihm ein vernünftig Wort; den Sonntag bringst du mit der Tochter zu, und kannst schon am Montag in der Früh mit einem Ja oder einem Nein zurück sein.

Gut, erwiderte Germain mit Gelassenheit, wiewohl er sich innerlich nicht vollkommen beruhigt fühlte.

Germain hatte von jeher, wie alle arbeitsamen Landleute, ein geregeltes, sittsames Leben geführt. Seine Frau, die er in seinem zwanzigsten Jahr geheirathet, war und blieb seine erste und einzige Liebe; trotz seines leicht erregbaren, zur Munterkeit hinneigenden Naturells hatte er, seit sie gestorben war, mit keiner Andern gelacht oder gescherzt. Treu und wahr hatte er die Trauer um die Todte im Herzen gehegt, und nun gab er nicht ohne eine wehmüthige Beklommenheit dem Drängen seines Schwiegervaters nach. Der Gedanke an eine Auflehnung gegen die guten Gründe desselben und den Vortheil Aller konnte jedoch in ihm nicht aufkommen, denn der Schwiegervater hatte die Familieninteressen stets mit großer Umsicht verwaltet, und Germain, der mit seiner ganzen Kraft für das Gemeinwesen einstand, war dem leitenden Oberhaupt mit Leib und Seele ergeben.

Dennoch war ihm das Herz schwer. Selten verging ein Tag, wo er nicht unter heimlichen Thränen seiner Frau gedachte, und wenn ihm auch die Einsamkeit peinlich zu werden begann, so war doch in ihm das Bangen vor einer neuen Heirath stärker als der Wunsch, sieh dem Gram zu entziehen. Eine dunkle Ahnung raunte ihm zu, daß eine unverhoffte Liebe ihn vielleicht trösten könnte, denn nur den, welchen sie überrascht, tröstet die Liebe. Wer sie sucht, findet sie nicht; sie stellt sich ein, wenn wir sie am wenigsten erwarten. Der kalt vernünftige Heirathsplan des Schwiegervaters, jene unbekannte Braut und wohl auch all die schönen Lobreden über ihre Klugheit und Tugend machten Germain nachdenklich. Und so ging er vor sich hin, grübelnd wie Einer, dessen innere Gefühls-Gegensätze zu unbestimmt sind, um in offenen Widerstreit zu gerathen, wie Einer, der die egoistischen Gründe seines Widerstrebens nicht in deutliche Worte fassen kann, aber einen dumpfen Schmerz empfindet und den Kampf gegen ein unvermeidliches Uebel nicht aufzunehmen wagt.

Mittlerweile war bei heranbrechender Nacht Vater Maurice in die Meierei zurückgekehrt, Germain benutzte noch die letzte Tagesstunde, um die Lücken zu verschließen, welche die Schafe bei den Wirthschaftsgebäuden durch eine Umzäunung gebrochen hatten. Während er die dornigen Stauden aufrichtete und mit Erdschollen stützte, zwitscherten im nahen Busch die Drosseln, als wollten sie ihn zur Eile mahnen, um recht bald ihre Neugierde befriedigen und sein Werk betrachten zu können, wenn er nur erst fort wäre.

Als Vater Maurice ins Zimmer trat, fand er seine Frau im Gespräch mit einer alten Nachbarin, welche glühende Kohlen holte, um ihr Feuer anzuzünden. Mutter Guillette wohnte einen Büchsenschuß oder zwei von der Meierei in einer ärmlichen Hütte und war ein ordnungsliebendes, ausdauerndes Weib. Ihr elendes Häuschen war sauber und wohlgehalten, und ihren sorgfältig geflickten Kleidern sah man an, daß ihr trotz der bitteren Noth die Selbstachtung nicht verloren gegangen war.

Ihr holt Euch Feuer für den Abend, Mutter Guillette, redete sie der Alte an. Braucht Ihr vielleicht sonst noch was?

Nein, Vater Maurice, gegenwärtig nicht, gab sie zur Antwort. Ihr wißt ja, das Heischen liegt nicht in meiner Art, nach das Loshausen auf die Gutmüthigkeit meiner Bekannten.

Ja, so ist's; eben deßhalb sind Eure Bekannten auch gern bereit, Euch Alles zu Gefallen zu thun.

Ich unterhielt mich gerade mit Eurer Frau und fragte sie, ob es Germain nicht endlich übers Herz bringen wird, wieder zu heirathen.

Ihr seid ein zuverlässig Weib, erwiderte Vater Maurice; vor Euch kann man reden, ohne fürchten zu müssen, daß Ihr's ausplaudert: ich darf also in Eurer Gegenwart meiner Alten schon sagen, daß er jetzt ganz dazu entschlossen ist und sich morgen auf den Weg macht nach Fourche,

Gott sei Dank! rief Mutter Maurice; der arme Junge! Geb' ihm der Himmel ein Weib so gut und so brav wie er selber!

So? nach Fourche geht er? fiel die Guillette ein. Das findet sich ja prächtig! Es kommt mir wie gerufen, und da Ihr mich vorhin doch gefragt habt, ob ich sonst was brauche, so will ich Euch sagen, Vater Maurice, womit mir ein Gefallen geschehen könnte.

Sagt's nur gleich heraus; Euch soll nach Kräften geholfen werden.

Mir wäre lieb, wenn Germain so gut sein wollt., meine Tochter mitzunehmen.

Wohin denn? nach Fourche?

Das gerade nicht, aber nach dem Ulmenhof, wo sie bis übers Jahr bleiben soll.

Was? sagte die Mutter Maurice. Ihr gebt sie von Euch?

Ihr bleibt keine andere Wahl, als in einen Dienst zu treten, um etwas zu verdienen. Es kommt mich sauer genug an, und sie auch, das arme Ding! Um Johanni haben wir's nicht übers Herz bringen können, von einander zu gehen; aber jetzt steht Martini vor der Thür, und es hat sich eine gute Stellung für sie gefunden. Der Ulmenhofbauer war nämlich drüben auf dem Jahrmarkt, und wie er durch unsere Gegend ritt, sah er meine kleine Marie auf der Gemeindewiese unsere drei Schafe hüten. Nun, Dirnel, sprach er zu ihr, dir wächs't die Arbeit just nicht über den Kopf; denn drei Schafe geben einem Hirtenmädel nicht viel aufzurathen. Willst du statt der drei da hundert hüten? Ich nehme dich in meinen Dienst. Unsere Schäferin geht zu ihren Eltern, weil sie krank geworden ist, und wenn du bis in acht Tagen bei uns bist, sollst du für dies Jahr bis Johanni fünfzig Francs Lohn bekommen. Die Kleine hat's zwar ausgeschlagen, aber sie hat sich doch Gedanken drüber gemacht und hat mir's am Abend erzählt, als sie mich traurig fand und bekümmert wegen des künftigen Winters, der jedenfalls streng und andauernd sein wird, denn heuer sind die Kraniche und Schneegänse um mehr denn einen Monat früher vorbeigeflogen als gewöhnlich. Wir hatten beide Wasser in den Augen; aber endlich haben wir doch ein Herz gefaßt. Wir haben eingesehen, daß es nichts ist mit dem Beisammenbleiben, weil ja von dem Ertrag unseres Grundstückchens mit knapper Noth Eins sein Dasein fristen kann; und da die Marie die Kinderschuhe ausgetreten hat (sie ist beinahe sechzehn Jahre alt), so ist's eben auch an der Zeit., daß sie's macht, wie die Andern alle, und ihr Brod verdient, um ihrer armen Mutter von den Sorgen zu helfen.

Mutter Guillette, sagte der alte Bauer, wenn bloße fünfzig Francs ausreichten, um Euch von allen Sorgen zu helfen und Euch die Trennung von Eurem Kinde zu ersparen, glaubt mir, ich würde sie zur Stelle schaffen, wiewohl fünfzig Francs für Unsereins schon ins Gewicht fallen. Aber man muß in allen Dingen die Vernunft walten lassen und nicht die Freundschaft allein zu Rathe ziehen. Wenn Ihr auch geborgen wäret für den kommenden Winter, so wäret Ihr's darum nicht für alle Zukunft, und je länger es Euer Mädel anstehen läßt, desto schmerzhafter wird euch Beiden der Abschied werden. Und dann ist auch bei Euch Eure Marie, die schon groß und kräftig ist, weitaus nicht genug beschäftigt: da könnte ihr denn nach und nach die Unthätigkeit zur Gewohnheit werden . . .

Nein, was das betrifft, hätt' ich nichts zu fürchten, sagte die Guillette, Die Marie gibt dem reichsten Mädel, das in einem großen Anwesen herumwirthschaftet, an Arbeitslust nichts nach. Die legt Euch den ganzen Tag keine Minute lang die Hände in den Schooß, und wenn es sonst nichts zu hantieren giebt, putzt und reibt sie Euch unsere armen Möbel so blank, daß man sich drin spiegeln könnte. Das Kind ist nicht mit Gold zu bezahlen, und deßhalb wäre mir viel lieber, sie stünde bei Euch im Dienst, anstatt weit hinaus zu kommen zu wildfremden Leuten. Ihr hättet sie zu Johanni ins Haus genommen, wenn wir's damals zu einem Entschluß gebracht hätten; jetzt aber habt Ihr bereits eine Magd gedungen, und ich muß mich aufs nächste Jahr vertrösten.

Dann soll es aber auch gewiß nicht fehlen, Mutter Guillette, und es wird mich von Herzen freuen. Unterdessen mag das Mädel immerhin was Rechts lernen und, sich dran gewöhnen, unter fremden Menschen zu leben.

Da habt Ihr Recht; es ist nun einmal so und nicht anders. Diesen Morgen hat der Ulmenhofbauer nach ihr geschickt; wir haben zugesagt, und jetzt muß sie hin. Aber das arme Kind kennt weder Weg nach Steg, und ich lasse sie auch nicht gern so mutterseelenallein fort. Wenn also Euer Tochtermann morgen doch nach Fourche geht, so kann er sie ja wohl mitnehmen. Der Ulmenhof liegt ganz in der Nähe der Ortschaft; so hat man mir wenigstens versichert, denn ich selber bin meiner Lebtage nicht drüben gewesen.

Ja, hart nebenan, Mein Schwiegersohn wird sie schon hinführen. So was ist man einander ja schuldig; er soll sie sogar zu sich aufs Pferd nehmen, damit sie ihre Schuhe schont. Da kommt er gerade herein zum Abendessen. Du, Germain, der Mutter Guillette ihre kleine Marie geht auf den Ulmenhof in Dienst. Willst du sie nicht auf der Stute hinbringen?

Freilich, antwortete Germain, der trotz seiner sorgenvollen Stimmung immer gern bereit war, seinem Nebenmenschen behülflich zu sein.

In unseren Kreisen käme es nun allerdings einer Mutter nicht in den Sinn, ihre sechzehnjährige Tochter einem so jungen Mann anzuvertrauen, denn Germain ging erst ins neunundzwanzigste Jahr, und wenn er auch nach heimathlichen Heirathsbegriffen für ältlich galt, so war er nichts desto weniger der schönste Mann im ganzen Dorfe. Er sah nicht, wie die meisten Bauern nach zehnjähriger Arbeit hinter dem Fluge, hohlwangig und abgequält aus. Allem Anschein nach konnte er nach weitere zehn Jahre zu Acker fahren, ohne merklich zu altern, und ein junges Mädchen hätte von Vorurtheilen ganz verblendet sein müssen, um nicht wahrzunehmen, daß Germain eine frische Gesichtsfarbe hatte und ein glänzendes Auge, blau wie der Maienhimmel, und tiefrothe Lippen und blendend weiße Zähne, und daß er schlank gewachsen war und gelenkig wie ein Füllen, das die Weide noch nicht verlassen hat.

Aber in jenen abgelegenen, vom lasterhaften großstädtischen Getriebe nach unberührten Gegenden hat sich die Sittenreinheit in heiliggehaltener Ueberlieferung bis auf den heutigen Tag fortgepflanzt, und unter allen Familien von Belair stand die des alten Maurice in einem ganz besondern Ruf der Rechtlichkeit und aufrichtigen Pflichterfüllung. Für Germain, der auf die Brautschau ging, war Marie sowohl zu jung wie zu arm, um in Betracht zu kommen, und ein sündhafter Gedanke konnte in ihm nicht aufsteigen, er hätte denn »ein abgefeimter Mensch« oder »ein schlechter Kerl« sein müssen. Der alte Maurice sah also in aller Seelenruhe zu, wie sein Tochtermann das hübsche Mädchen hinter sich aufs Pferd nahm, und die Guillette hätte es für eine kränkende Verdächtigung gehalten, demselben die Ehre ihres Kindes eigens ans Herz zu legen. Marie schwang sich unter heißen Thränen auf die Stute, nachdem sie Mutter und Freundinnen unzählige Male umarmt hatte. Germain, dem selber gar traurig zu Muthe war, fühlte ihren Kummer um so lebhafter mit und trabte mit tiefernster Miene von dannen, während die Leute aus der Nachbarschaft der armen Marie, ohne sich weitere Gedanken zu machen, mitleidig nachwinkten.


* * *


»Die Graue« war ein schönes und kräftiges junges Thier. Ohne eine Spur von Anstrengung trug sie ihre doppelte Last, mit zurückgeschlagenen Ohren und am Gebisse kauend, wie es einer stolzen und feurigen Stute ziemt. Als sie an der langen Wiese vorübertrabte, erblickte sie ihre Mutter, welche man die alte Graue nannte, wie sie selber die junge Graue hieß, und wieherte ihr einen Abschiedsgruß zu. Die alte Graue trat mit klirrender Fessel an den Zaun heran und versuchte am Saum der Wiese einherzugaloppiren, um der jungen zu folgen; da sich aber diese in scharfem Trab entfernte, fing auch sie zu wiehern an und blieb nachdenklich stehen, mit vorgestrecktem Hals und weitaufgerissenen Nüstern, ohne mehr an das Gras zu denken, das sie noch ungekaut im Maul hatte.

Das arme Thier erkennt eben sein Fleisch und Blut, sagte Germain, in der Absicht, die kleine Marie von ihrem Kummer abzulenken. Dabei fällt mir ein, daß ich meinem Peterle beim Weggehen keinen Kuß gegeben habe. Das böse Kind war gar nicht da! Gestern Abend hat er mir das Versprechen abnöthigen wollen, ihn mitzunehmen, und hat eine volle Stunde in seinem Bett geweint. Und diesen Morgen noch hat er mich zu überreden versucht. O der kann dir bitten und schmeicheln! Als der junge Herr jedoch merkte, daß durchaus nichts auszurichten war, wurde er zornig; er lief querfeldein, und ich bekam ihn den ganzen Tag über nicht mehr zu sehen.

Ich schon, sagte die kleine Marie, indem sie ihre Thränen gewaltsam hinunterwürgte. Er lief mit den Kindern von Soulas in der Richtung nach dem Holzschlag, und ich habe gleich gedacht, daß er schon lange von Haus weg sei, denn er aß Schlehen und Brombeeren, um seinen Hunger zu stillen. Da gab ich ihm mein Vesperbrod, und er sagte zu mir: Schön Dank, meine herzige Marie! wenn du wieder zu uns kommst, dann werde ich dir auch meinen Kühen geben, Es ist ein gar artiges Bübchen. Germain!

Ja, das will ich meinen, antwortete dieser; ich weiß auch nicht, was ich nicht Alles für ihn thäte! Hätte die Großmutter nicht mehr Einsicht gehabt, als ich, so hätt' ich's nicht über mich bringen können, ihn zu Hause zu lassen, als ich ihn so bitterlich weinen sah, daß ihm's fast das Herzchen abdrücken wollte.

Aber warum habt Ihr ihn denn nicht mitgenommen. Germain? Ihr hättet nicht viel Mühe mit ihm gehabt; er ist ja so vernünftig, wenn man ihm nur den Willen thut!

Da, wo ich hingehe, wäre er wohl lästig geworden; so meinte wenigstens der Vater Maurice . . . Ich jedoch dächte, daß es im Gegentheil gut gewesen wäre, zu sehen, wie man den Kleinen empfängt, und daß man einem so artigen Kinde doch gewiß herzlich gut sein müßte . . . Aber meine Leute sagen, es sei nicht gerathen, ihr gleich auf den ersten Blick die Beschwerlichkeiten vor Augen zu stellen . . . Doch ich spreche da mit dir über Dinge, die du ja nicht begreifen kannst.

O doch, Germain; ich weiß schon, daß Ihr über Feld geht, um zu freien; mir hat's die Mutter erzählt, und hat mir zugleich eingeschärft, es keinem Menschen zu sagen, weder im Dorf, nach auf dem Ulmenhof, und Ihr könnt auch ganz ruhig sein: von mir erfährt's Niemand.

Es soll's auch vor erst Niemand erfahren, denn es; ist nach nicht ganz gewiß; vielleicht mag mich die Frau gar nicht.

Das wollen wir nicht hoffen, Germain. Und weßhalb sollte sie Euch denn nicht mögen?

Wer weiß? Ich habe drei Kinder, und das ist eine schwierige Sache für ein Weib, das ihre Mutter nicht ist.

Das schon, aber Eure Kinder sind nicht so wie die andern alle.

Wirklich?

Erstens sind sie schön wie der Tag und dann so wohl erzogen, daß man nichts Lieberes sehen kann.

Na, der Sylvain, der ist doch zuweilen ziemlich widerhaarig,

Ah, der ist nach so klein! In dem Alter hat jedes Kind seine Unarten; und dafür ist er wieder so gescheidt!

Ja, gescheidt ist er, und verwegen! Der fürchtet dir weder Kühe noch Stiere, und wenn man ihm nur freie Hand ließe, so würde er schon wie mein Aeltester an den Pferden hinaufklettern.

Den Aeltesten hätt' ich an Eurer Stelle mitgenommen. Mit so einem schönen Kind an der Hand hätt's Euch ja nicht fehlen können.

Das heißt, wenn die Frau eine Lieb hat zu Kindern; hat sie aber die Neigung nicht . . .

Giebt es denn Weiber, die zu Kindern gar keine Liebe haben?

Nicht viele, denk' ich; aber einige wohl und das eben macht mir Sorge.

Kennt Ihr denn die Frau gar nicht?

So wenig wie du, und ich fürchte, daß ich sie auch nach einer Unterredung kaum besser kennen werde, Mißtrauisch bin ich zwar nicht, und nehme auch gern ein gutes Wort für baare Münze, doch das ist mir schon mehr als ein Mal schlecht bekommen, denn Worte und Thaten sind Zweierlei.

Der Frau wird alles Mögliche nachgerühmt.

Von wem? Vom Vater Maurice!

Ja, von Eurem Schwäher.

Das wäre recht schön und gut, wenn wenigstens er sie kennte.

Nun, Ihr werdet ja mit ihr zusammenkommen, und wenn Ihr ein offenes Auge habt auf Alles, so läßt sich hoffen, daß Euch Euer Auge nicht täuschen wird.

Du. Marie, da fällt mir was ein! du könntest mir den Gefallen thun und erst ein wenig bei ihr vorsprechen, anstatt deinen Weg in Einem Athem fortsetzen: du bist findig, hattest von jeher einen hellen Kopf, und dir entgeht auch das Kleinste nicht. Und wenn du dann etwas wahrnehmen solltest, das dich stutzig macht, giebst du mir einen leisen Wink.

O nein. Germain, das werd' ich bleiben lassen! Dafür trau' ich mir doch viel zu wenig zu, und übrigens gesetzt den Fall, es könnte Euch ein unbedachtsam hingeworfenes Wort diese Heirath verleiden, so würden mir's Eure Schwiegereltern nie verzeihen, und mir ist das Herz so schon schwer genug, ohne daß ich erst meiner Mutter, der armen lieben Frau, neuen Kummer auflade.

Während die Beiden also sprachen, that die Graue mit gespitzten Ohren einen Seitensprung, wandte sich um und trat dann auf den Strauch zu, bei dem sie vor einem Gegenstand, den sie nun zu erkennen schien, gescheut hatte. Germain warf einen Blick auf den Strauch und entdeckte im Graben unter den dichten und noch grünenden Aesten eines Eichenstrunks etwas, das er zuerst für ein Lamm hielt.

's ist ein verlaufenes Thier, sagte er, oder ein Todtes, denn es rührt sich nicht.

Vielleicht sucht Jemand nach ihm; ich will gleich nachsehen! – Ein Thier ist es nicht, rief die kleine Marie: ein eingeschlafenes Kind ist's – Euer Peterle.

Das ist eine schöne Geschichte! sagte Germain und sprang vom Pferd: schläft der kleine Schelm mir nichts dir nichts ein, so weit von Haus und noch dazu in einem Graben, wo ihn eine Schlange stechen könnte!

Er hob das Kind in seine Arme; es schlug die Augen auf, lächelte ihn an und sprach, indem es sich an seinen Hals hängte: Papa, nimm mich mit!

Da haben wir's! immer die alte Leier! Was hat man da angestellt, nichtsnutziger Peter?

Auf meinen lieben Papa hab' ich gewartet, sagte das Kind; ich habe immer den Weg entlang geschaut und so lang geschaut, bis ich eingeschlafen bin.

Und wenn ich nun vorbeigeritten wäre, ohne dich zu sehen, wärst du die ganze Nacht hier draußen geblieben, und der Wolf hätte dich gefressen.

Ah! ich wußte recht wohl, daß du mich sehen würdest! antwortete der Kleine mit unerschütterlichem Vertrauen.

Nun gut, mein lieber Peter; jetzt gieb mir einen Kuß, sag mir schön gute Nacht, und geh rasch wieder nach Haus, sanft wird ohne dich zu Abend gegessen.

So willst du mich denn nicht mitnehmen, rief das Kind, und fing an sich die Augen zu reiben, zum Zeichen, daß Thränen im Anzug waren.

Du weißt ja, daß es Großvater und Großmutter nicht haben wollen, sagte Germain, das Ansehen der beiden Alten zu Hülfe nehmend, wie Einer, der auf sein eigenes nicht recht fest baut.

Aber das Kind war für alles Zureden taub. Unter reichlich hervorbrechenden Thränen blieb es bei der Behauptung, daß der Vater es gerade eben so gut mitnehmen könne, wie die kleine Marie. Man hielt ihm vor, daß der Weg durch finstere Wälder führe, wo es viel böse Raubthiere gebe, welche die kleinen Buben verspeis'ten, ferner daß die Graue keine drei Personen tragen wolle, daß sie es beim Weggehen ausdrücklich erklärt habe, und endlich, daß dort, wo man hinreise, für so einen Fratz weder ein Bett noch ein Abendbrod aufzutreiben sei. Diese hochweisen Vorstellungen schienen jedoch dem Peterle durchaus nicht stichhaltig; er warf sich nieder und wälzte sich im Grase, indem er einmal über das andere schreiend erklärte, daß ihn sein lieber Papa nicht mehr lieb habe, und betheuerte, er würde, wenn man ihn nicht mitnähme, weder bei Tag nach bei Nacht nach Haus zurückkehren.

Germain's Vaterherz war weich und schwach wie das Herz einer Mutter. Der Tod seiner Frau, die Pflege des Kleinen, die in Folge davon ihm allein zugefallen war, und auch der Gedanke, daß arme Waisen vor Allen der Liebe bedürfen, hatten zur Entwickelung dieser Naturanlage nicht wenig beigetragen, und nun kämpfte er in sich einen um so härtern Kampf, als er sich seiner Schwäche schämte; bei den Anstrengungen, die er machte, um seine wehmüthigen Empfindungen vor der kleinen Marie zu verbergen, trat ihm der Schweiß auf die Stirn und quollen ihm die Augen auf, so daß auch er nahe daran war zu weinen. Endlich wollte er es mit dem Zorn versuchen; aber da er sich eben zu der kleinen Marie hinwendete, gleichsam um sie als Zeugin seiner Seelenstärke aufzurufen, sah er, daß das gute Mädchen in Thränen schwamm; bei diesem Anblick war es ihm nicht mehr möglich, die seinen zurückzuhalten, denn seine ganze erkünstelte Energie war ihm abhanden gekommen, wiewohl er immer noch schalt und drohte.

Geht, Ihr seid doch zu hart gegen ihn, sagte endlich die kleine Marie, und ich an Eurer Stelle brächte es nun und nimmermehr über mich, so unerbittlich zu sein, wenn ein Kind vor Herzeleid vergeht. Drückt ein Auge zu, Germain, und nehmt ihn mit. Der Grauen wird es ja so nicht ungewohnt vorkommen, drei Personen zu tragen, denn auf dem guten Thier reitet jeden Samstag Euer Schwager mitsammt seiner Frau, die doch viel schwerer ist als ich, und seinem Buben zum Wochenmarkt. Ihr könnt den Kleinen ganz bequem rittlings vor Eich hinsetzen, und was mich betrifft, so will ich lieber zu Fuß weitergehen, als dem Peterle Kummer machen.

Das darfst du keinesfalls, antwortete Germain, der nichts sehnlicher wünschte, als sich überreden zu lassen. Die Graue hat Kraft genug in den Knochen, um außer uns noch ihrer Zwei munter in den Kauf zu nehmen, wenn sie Raum fänden auf ihrem Rücken. Aber was fangen wir unterwegs mit dem Kind nur an? Es wird frieren, und wird hungrig werden . . . und dann, wer soll heut Abend und morgen für ihn sorgen, ihn zu Bett legen, waschen, ankleiden? Die Schererei kann ich doch unmöglich einer Frau zumuthen, die ich nicht kenne, und die zum Mindesten denken würde, daß ich fürs Erste doch gar zu wenig Umstände mit ihr mache.

Je nachdem sie es mit Vergnügen oder mit Verdruß aufnehmen wird, werdet Ihr sie gleich näher kennen, Germain, das könnt Ihr mir glauben; übrigens laßt nur mich für Euer Peterle sorgen, wenn sie kein Gefallen an ihm findet. Ich werde kommen, um ihn anzuziehen, und ihn morgen in der Gegend spazieren führen. Den ganzen Tag über will ich ihn unterhalten, und es soll ihm nichts abgehen.

Aber du wirst dich dabei langweilen, armes Mädel!

Er wird dir lästig werden! Bedenke, den ganzen lieben, langen Tag!

Im Gegentheil, kurzweilig wird es werden; ich werde eine Gesellschaft haben und weniger traurig sein am ersten Tag, den ich in der Fremde verleben muß. Mir wird sein, als wär' ich noch zu Haus.

Sowie der Knabe gesehen hatte, daß ihm die kleine Marie das Wort redete, hatte er sich an ihr Kleid gehängt und hielt sich so krampfhaft daran fest, daß man ihn nicht hätte entfernen können, ohne ihm wehe zu thun. Als er nun inne wurde, daß der Vater nachgab, nahm er Mariens Hand in seine beiden sonngebräunten Händchen und küßte sie und hüpfte vor Freude und zog seine Fürsprecherin fort zu der Stute, voll von jener verzehrenden Ungeduld, mit welcher die Kinder der Verwirklichung eines Wunsches zustreben.

Ruhig, ruhig sein! sagte das Mädchen, indem es ihn auf den Arm hob; dein kleines Herz springt ja auf und ab, wie wenn's ein Vögelchen wär' – sei nur getrost, und wenn's dunkel wird und dich zu frieren anfängt, dann sag mir's fein, Peterle, damit ich dich in meinen Mantel einwickle. Jetzt gieb deinem lieben Papa einen Kuß und bitt' ihn recht schön um Verzeihung, weil du dich so unbändig geberdet hast. Versprich ihm, daß du's nie mehr thun willst, nie! hörst du? nie wieder!

Ja wohl, unter der Bedingung, daß ich ihm immer zu Willen sein werde, nicht wahr? sagte Germain, während er mit seinem Taschentuch dem Kind die Augen abtrocknete: du verwöhnest mir den kleinen Wicht, Marie . . . du bist wirklich zu gut gegen ihn. Ich weiß eigentlich nicht, warum du nicht bei uns eingestanden bist zum Schafhüten um Johanni. Da hättest du auch meine Kinder hüten können, und mir wär's weit lieber, dir einen guten Lohn dafür zu geben, als mir jetzt eine Frau zu holen, die vielleicht Wunder glaubt, was sie mir für einen Gefallen thut, wenn sie die Armen nur nicht haßt.

Ihr müßt die Dinge nicht immer von der schlimmsten Seite aus betrachten, antwortete die kleine Marie, welche das Pferd beim Zaum hielt, während Germain sein Söhnchen vorn auf den breitem mit Ziegenfell ausgeschlagenen Saumsattel hinsetzte; wenn Eure Frau die Kinder nicht mag, so nehmt Ihr mich eben nächstes Jahr in Euren Dienst, und dann könnt Ihr ganz ruhig sein: ich will sie so munter pflegen, daß sie gar nichts merken sollen.


* * *


Der Tausend! sagte Germain eine kleine Weile darauf, was werden sie denn zu Haus denken, wenn das Bürschchen da nicht heimkommt? Die Großeltern werden in Angst gerathen und überall suchen.

Ihr sagt ganz einfach dem Straßenarbeiter, den wir etwas weiter oben antreffen werden, daß Ihr das Kind mitnehmt, und bittet ihn, Eure Leute davon in Kenntniß zu setzen.

Ja, das ist ein guter Einfall, Marie; du weißt doch immer Bescheid! ich dachte gar nicht daran, daß der Jeannie bei der Hand ist.

Und der wohnt ja ganz dicht bei Eurem Hof; er wird Alles gewissenhaft ausrichten.

Nachdem diese Vorsorge getroffen worden, setzte Germain die Stute wieder in Trab, und dem Peterle fiel anfangs vor lauter Herzensfreude gar nicht ein, daß er noch nicht zu Mittag gegessen hatte; aber allmählich brachte die Bewegung des Reitens seinen Magen doch zum Knurren, und nach Verlauf einer Stunde kam es unter Gähnen und Erblassen zu einem wohlarticulirten Hungerbekenntniß.

Nun geht's los, sagte Germain. Wußt' ich doch, daß über kurz oder lang der junge Herr nach Speise und Trank schreien würde.

Trinken möcht' ich auch! sagte Peterle.

So kehren wir denn in Gottes Namen bei der Mutter Rebec ein, da wir doch schon in Corlay sind. Wenn nur ihre Wirthschaft zur goldenen Sonne so golden wäre wie das Schild! Dir wird ein Glas Wein auch wohl thun, Marie.

Nein, dank' schön! ich brauche nichts, sagte sie; ich werde bei der Grauen bleiben, bis Ihr mit dem Kind wieder zurück seid.

Du gutes Mädel, das erinnert mich just daran, daß du ja diesen Morgen meinem Peter dein Vesperbrod gegeben hast und nach ganz nüchtern bist, denn bei uns zu Haus hast du nichts zu Mittag essen wollen, und hast in Einem fort geweint.

Ah! ich hätte keinen Bissen hinuntergebracht; mir war das Herz zu schwer, und auch jetzt noch – Ihr könnt mir's gewiß glauben – verspüre ich gar keinen Appetit.

Du mußt dich zum Essen zwingen, Kleine, sonst wirst du krank. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, und dürfen nicht so ausgehungert ankommen, daß wir ein Stück Brod begehren, ehe wir nur einen guten Tag bieten, Ich selber will dir mit dem Beispiel vorangehen, obgleich auch mein Appetit nicht weit her ist; aber es wird sich schon machen lassen, denn ich habe eigentlich eben so wenig zu Mittag gegessen, wie du. Ich sah dich mit deiner Mutter weinen, und das ging mir zu Herzen. So, jetzt will ich die Graue an die Thür festbinden. Steig nur ab – ich will's.

So traten sie denn alle Drei ein, und eh eine Viertelstunde verstrichen war, hatte ihnen die dicke, hinkende Rebec bereits einen Pfannenkuchen von ganz vortheilhaftem Aeußern nebst Schwarzbrod und dem blaßrothen Landwein vorgesetzt.

Die Bauersleute essen langsam, und der kleine Peter war so hungrig, daß Germain vor Verlauf einer Stunde gar nicht an ein Aufbrechen denken konnte. Zuerst hatte die kleine Marie lediglich aus Rücksicht zugegriffen, aber später war der Hunger allmählich mit ins Spiel gekommen, denn mit sechzehn Jahren, zumal auf dem Lande, wo die frische Luft zehrt, läßt sich's nicht lange fasten. Germain's wohlgemeinter, trostreicher und aufmunternder Zuspruch verfehlte gleichfalls die beabsichtigte Wirkung nicht; das Mädchen that seiner traurigen Stimmung Gewalt an, um sich einzureden, daß sieben Monate ja keine Ewigkeit seien, und sich auf die glückliche Zukunft zu freuen, die in der Heimath und in der Nähe der Mutter ihrer harrte; hatte ihr doch der Vater Maurice sowohl wie auch Germain versprochen, sie in Dienst zu nehmen. Doch als sie eben anfing heiter zu werden und mit dem kleinen Peter zu scherzen, gerieth Germain auf den unseligen Gedanken, ihr durch das Fenster der Wirthstube die schöne Aussicht auf das freundlich grünende, fruchtbare Thal zu zeigen, das man von dem höher gelegenen Corlay der ganzen Länge nach überschaut. Marie blickte hinaus und fragte, ob man von hier aus die Häuser von Belair unterscheiden könne.

Gewiß, antwortete Germain, unsern Hof und sogar deine Hütte. Siehst du den kleinen grauen Punkt dort, unter dem Kirchthurm, etwas abseits von Godard seiner großen Pappel?

Ah ja! ich seh' ihn, sagte sie, und brach wieder in Thränen aus.

Ich hätte dich nicht daran erinnern sollen, sagte Germain; ich mache heut lauter dumme Streiche! Komm jetzt, Marie; wir müssen fort, mein Kind; die Tage sind noch kurz, und in einer Stunde wenn der Mond aufgehen wird, wird es kalt werden.

Sie saßen wieder auf, ritten über die große Haide, und da Germain die Graue nicht zu eifrig anspornte, weil er das Mädchen und das Kind nicht durch einen allzu scharfen Trab ermüden wollte, war die Sonne bereits untergegangen, als er von der Heerstraße ablenkte, um den Wald zu erreichen.

Germain kannte zwar den Weg nach Magnier ganz wohl; aber er überlegte, daß sich eine gute Strecke abschneiden ließe, wenn er, anstatt in die Allee von Chanteloube einzubiegen, über Kesles und am heiligen Grab vorbei hinabritte, obwohl er diese Richtung nicht einzuschlagen pflegte, wenn er zu Markte fuhr. Doch er ging fehlt und verlor so einige Zeit, eh er in den Wald kam; überdies ritt er noch, ohne es zu bemerken, an einer falschen Stelle hinein, so daß er Fourche den Rücken kehrte und sich ganz seitwärts wendete gegen Ardente zu.

Er hatte sich deßhalb nicht zurechtfinden können, weil bei sinkender Nacht ein Nebel aufgestiegen war, wie dies an Herbstabenden häufig der Fall ist, ein Nebel, der, im fahlen Mondlicht schwimmend, um so unbegrenzter erschien und um so trügerischer wirkte. Den breiten Pfützen, die in den Lichtungen des Waldes zerstreut lagen, entströmten so dichte Dünste, daß man, wenn die Graue darüber wegschritt, das Wasser nicht sah, sondern nur am Plätschern erkannte und an der Schwierigkeit, womit das Pferd die Füße aus dem schlammigen Boden herauszog.

Als man endlich auf eine schöne gerade Waldstraße gestoßen war und Germain sich, am Ende derselben angekommen, zu orientiren suchte, wurde er gleich inne, daß er sich verirrt hatte, denn der Vater Maurice hatte ihm den Weg beschrieben und gesagt, er werde da, wo der Wald aufhöre, einen sehr abschüssigen Abhang vor sich haben; ferner solle er, wenn er unten angelangt sei, über eine sehr große Wiese reiten und zwei Mal durch einen Bach waten, wobei ihm der Alte noch eingeschärft hatte, doch ja recht vorsichtig zu Werke zu gehen, da in Folge der starken Regengüsse der Wasserstand möglicher Weise etwas hoch sein könne. Da nun Germain weder Abhang, nach Wiese, noch Bach, sondern nur die flache Haide; wie einen Schneeteppich so weit vor sich liegen sah, hielt er das Pferd an, um ein Haus zu erspähen oder einen des Wegs ziehenden Wanderer zu erwarten. Da sich aber nichts dergleichen erblicken ließ, kehrte er um, in den Wald zurück. Doch der Nebel verdichtete sich immer mehr; der Mond wurde ganz verdunkelt, und auf der abscheulichen Straße, die voll tiefer Sumpflöcher war, wäre die Graue zu zweien Malen um ein Haar gestürzt; sie begann schon unter ihrer schweren Last den Muth zu verlieren, und wenn sie auch die Bäume noch in so fern unterschied, als sie sich nicht daran stieß, so konnte sie doch nicht hindern, daß die Reiter mit den dicken Aesten in Conflict geriethen, welche sich gerade auf Kopfhöhe quer über den Weg streckten, oft in ganz lebensgefährlicher Weise. So wurde Germain einmal der Hut heruntergeschlagen, und er hatte seine liebe Noth, ihn wieder zu finden. Der kleine Peter war eingeschlafen, und lag seinem Vater so schwerfällig und unbequem in den Armen, daß dieser die Graue schließlich nicht mehr aufrechtzuhalten noch zu lenken vermochte.

Ich glaube fast, wir sind verhext, sagte Germain, abermals still haltend, denn so groß sind diese Waldungen nicht, daß sich Einer, der nicht betrunken ist, darin verirren könnte, und jetzt ziehen wir schon zwei volle Stunden kreuz und quer darin herum, ohne hinauszukommen. Die Graue, die immer noch ihren gewohnten Stall im Kopf hat, die ist an all der Verwirrung Schuld. Wenn wir nach Haus finden wollten, brauchten wir sie nur sich selbst zu überlassen. Aber jetzt, da wir vielleicht nur wenige Schritte von dem Ort entfernt sind, wo wir übernachten sollen, wär's doch zu toll, das Ziel aufzugeben und den langen Weg noch einmal zurückzulegen. Nichts desto weniger weiß ich nicht mehr wo aus und an. Ich seh' nichts mehr, weder über noch unter uns, und fürchte, daß das Kind zu fiebern anfängt, wenn wir länger in dem verdammten Nebel stecken bleiben, oder daß wir's unter unserer eigenen Last erdrücken, wenn sich das Pferd überstürzt.

Wir dürfen uns nicht aus Eigensinn festrennen, sagte die kleine Marie. Steigen wir ab, Germain; gebt das Kind mir; ich kann es ganz gut tragen, und kann sogar noch besser dafür sorgen, als Ihr, daß es nicht durch das Auseinandergehen des Mantels bloß zu liegen komme. Führt Ihr die Stute am Zaum; wenn wir näher beim Boden sind, sehen wir vielleicht auch besser.

Diese Maßregel schützte sie indessen nur vor einem Sturz vom Pferde, denn der Nebel kroch an der Erde hin und schien sich an der feuchten Oberfläche des Wegs festkleben zu wollen. Es war ein mühseliges Gehen, und bald waren Beide so erschöpft, daß sie stehen blieben, als sie unter hohen Eichen endlich, eine trockene Stelle gefunden hatten. Die kleine Marie war in Schweiß gebadet, aber sie klagte nicht und war unbekümmert um sich selbst. Ausschließlich besorgt um das Kind, setzte sie sich auf den Sand nieder und bettete den Kleinen in ihren Schooß, während Germain, nachdem er die Zügel der Grauen an einen Zweig gehängt hatte, sich rings umschaute.

Die Graue jedoch, der die ganze Reise sehr zuwider war, machte eine Rückenbewegung, welche die Zügel vom Ast lös'te, riß den Gurt entzwei, schlug dann noch mit einer gewissen Nachlässigkeit ein halb dutzend Mal hoch über ihren eigenen Kopf weg hinten aus und rannte durch das Dickicht davon, gleichsam um den Beweis zu liefern, daß sie den Heimweg schon allein finden könne.

So! sagte Germain nach einem vergeblichen Versuch, – den Flüchtling einzufangen, jetzt gehören wir ganz und gar zur Infanterie, und jetzt würde es uns auch nichts mehr helfen, wenn wir den rechten Weg entdeckten, denn wir müßten ja zu Fuß durch die Furt waten, und nach den verregneten Straßen zu schließen, können wir mit Gewißheit annehmen, daß die Wiese unter Wasser liegt. Einen andern Uebergang kennen wir nicht. Wir müssen also abwarten, bis sich der Nebel zerstreut hat. Länger als eine Stunde oder zwei kann er sich nicht halten. Sehen wir erst wieder hell, so suchen wir am Waldessaum das erste beste Haus auf; einstweilen aber ist an ein Weitergehen nicht zu denken: vor uns liegt ein Graben, ein Teich oder irgend eine Teufelei, und was hinter uns liegen mag, das weiß ich eben so wenig, denn ich weiß sogar nicht mehr, von welcher Seite wir eigentlich in den Wald hereingekommen sind.

Nun gut! tragen wir's in Geduld, Germain, sagte die kleine Marie. Auf dieser kleinen Erhöhung sind wir gar nicht übel dran. Der Regen dringt durch das Laubdach dieser großen Eichbäume nicht bis zu uns, und wir können auch ein Feuer anzünden, denn ich fühle hier unter meinen Füßen altes, lockeres Wurzelwerk, das gewiß trocken genug ist zum Verbrennen. Ihr habt doch ein Feuerzeug. Germain? Ich sah Euch vorhin noch Eure Pfeife rauchen.

Ich hatte eines! im Sack, der am Sattel hing, bei dem Wildpret, das ich meiner Zukünftigen bringen wollte; aber die verwünschte Stute hat Alles mitgenommen, auch meinen Mantel, den sie unterwegs verlieren oder an allen Sträuchern zerfetzen wird.

Nein, Germain, Sattel, Mantel und Sack, Alles liegt dort, zu Euren Füßen. Die Graue hat beim Davonlaufen den Gurt gesprengt und Alles von sich geworfen.

Weiß Gott, so ist's! rief Germain, und wenn wir uns ein wenig Reisig zusammenklauben können, so wird es uns möglich werden, uns zu trocknen und zu erwärmen.

Das wird nicht schwer halten, sagte die kleine Marie; das dürre Holz raschelt allenthalben unter unsern Füßen; aber reicht mir zuerst den Sattel her.

Was willst du damit?

Ein Bett für das Kind machen: nein, so nicht; Ihr müßt ihn umkehren; so kann es nicht herabrutschen, und dann ist die untere Seite auch noch ganz warm vom Rücken der Grauen. Jetzt schiebt nach von rechts und links die Steine unter, die dort liegen!

Ich sehe keine! Du hast ja wahre Katzenaugen im Kopf!

So! nun ist's schon geschehen, Germain! Gebt mit noch Euren Mantel, damit ich die Füßchen hineinwickle; mit dem meinigen decken wir ihn zu. Seht her, ob er da nicht so bequem liegt, wie in seinem Bett! und rührt ihn an, wie er gut warm ist!

Ja, in der That! aber du verstehst es einmal, mit Kindern umzugehen. Marie!

'Dazu gehört keine Hexerei. Jetzt holt Euer Feuerzeug aus Eurem Sack, und laßt mich das Holz zurechtlegen.

Das Holz wird nie anbrennen; es ist zu feucht.

Ihr verzweifelt doch an Allem. Germain! Erinnert Ihr Euch denn nicht mehr an die Zeit, wo Ihr das Vieh gehütet habt, und an die großen Feuer, die man da auf dem Feld, mitten im Regen, anzündet?

Ja, die Kinder, die das Vieh hüten, bringen das zuwege, aber ich habe gleich die Ochsen getrieben, sowie ich nur laufen konnte.

Deßwegen habt Ihr auch mehr Kraft in den Armen, als Geschicklichkeit in den Händen, So! jetzt wäre das Holz schon aufgeschichtet, und Ihr sollt einmal sehen, ob es nicht Feuer fangen wird! Gebt mir nur den brennenden Zünder und dürres Farrenkraut, eine Handvoll. Gut! Jetzt blas't hinein – Ihr seid doch nicht schwach auf der Brust?

Meines Wissens nicht, sagte Germain und begann zu pusten wie der Blasebalg in einer Schmiede. Bald darauf sprühte die Flamme, zuerst in röthlichem Glanz, dann in bläulichen Strahlen, die, unter dem Laubdach der Eichen immer höher aufsteigend, im Kampf mit dem Nebel die Atmosphäre nach und nach auf zehn Fuß in die Runde austrockneten.

Nun will ich mich zum Kleinen hinsetzen, um die Funken von ihm abzuwehren, sagte das Mädchen. Ihr, Germain, mögt Holz zulegen und die Glut schüren! Hier kann uns kein Fieber und keine Erkältung was anhaben, dafür steh' ich Euch.

Meiner Seel', du bist ein kluges Mädel, sagte Germain, und bist mit dem Feuer vertraut wie eine kleine Waldhexe. Ich werde wieder ganz frisch und munter, während vorhin die Aussicht, mit meinen nackten Beinen, die bis zu den Knieen herauf durchnäßt sind, hier das Morgengrauen zu erwarten, mich in eine recht unmuthige Stimmung versetzte.

Und wenn man übler Laune ist, weiß man sich eben nicht zu helfen, fügte die kleine Marie hinzu.

Bist denn du niemals übler Laune?

O nein, niemals. Was hätt' ich auch davon?

Allerdings hat man nichts davon; aber was läßt sich dawider thun, wenn man Sorgen hat? Und daran hat es gerade dir nicht gefehlt, das weiß Gott, denn du bist nicht immer glücklich gewesen, arme Kleine.

Das ist wahr: wir mußten gar mancherlei leiden, meine arme Mutter und ich; aber wie groß der Kummer war, den Muth ließen wir doch nicht sinken.

Den würde auch ich nicht sinken lassen, und gält' es eine noch so harte Arbeit zu verrichten, sagte Germain; nur das Elend, das könnte mich aufbringen, denn ich habe nie Mangel gelitten. Durch meine Frau war ich wohlhabend, und das bin ich noch zur Stunde und werd' es auch bleiben, so lang ich arbeiten werde, und das hoffe ich bis an mein Ende zu können; aber Jedes muß seine Plage haben! Ich hab's anderweitig abgetragen.

Ja. Ihr habt Euer Weib verloren, und das ist auch ein Jammer!

Nicht wahr?

Ihr könnt mir's glauben, Germain, ich habe recht um sie geweint, denn sie war ja so gut! Es ist besser, wenn wir nicht darüber reden, denn seht! ich könnte gerade aufs Neue zu weinen anfangen; mir ist, als wolle all der Kummer wieder über mich kommen.

So viel steht fest, daß sie dich recht lieb hatte, meine kleine Marie! sie hielt große Stücke auf dich und deine Mutter. Aber du hast ja schon Thränen in den Augen. Sei vernünftig, mein Kind! Ich will nicht weinen.

Und dennoch weint Ihr, Germain! Auch Ihr! Und was sollte sich ein Mann auch der Thränen schämen, die er seiner Frau nachweint? Thut Euch nur keinen Zwang an! Denn an diesem Schmerz hab' ich ja mein redliches Theil!

Du hast ein gutes Herz, Marie, und es thut mir wohl, mit dir zu weinen. Aber rücke doch näher ans Feuer; dein Kleid ist auch ganz durchnäßt, du armes Ding! Sieh, ich will statt deiner zum Kleinen hinsitzen, damit du dich besser wärmen kannst.

Ich bin warm genug, sagte Marie; wenn Ihr Euch setzen wollt, setzt Euch hierher auf einen Zipfel des Mantels; ich bin ganz wohl so.

Hier sieht's auch wirklich gar nicht so übel aus, sagte Germain, indem er sich dicht an ihrer Seite niederließ. Mir setzt nur der Hunger ein wenig zu. Es muß wohl schon neun geschlagen haben, und du? Gehen wurde mir auf diesen schlechten Wegen so beschwerlich daß ich mich ganz schwach fühle. Hungert dich nicht auch, Marie?

Mich? nicht im Mindesten. Ich bin es nicht wie Ihr gewohnt, vier Mahlzeiten zu halten, und habe mich schon so oft mit leerem Magen zu Bett gelegt, daß mir's auf Einmal mehr oder weniger nicht ankommt.

Ei, so eine Frau wie du wäre eigentlich recht bequem; sie würde nicht ins Geld laufen, sagte Germain mit einem Lächeln.

Ich bin ja keine Frau, sagte Marie ganz unbefangen, denn die neue Wendung, welche Germain's Gedanken nahmen, war ihr gar nicht aufgefallen. Träumt Ihr etwa schon?

Ja, mir ist, als ab ich träumte, antwortete Germain; vielleicht ist der Hunger daran Schuld, daß mein Kopf auf und davon geht.

Wie kann man nur so ein Werwolf sein! erwiderte sie, indem sie nun selber einen muntern Ton anschlug; gut denn, wenn Ihr einmal durchaus nicht leben könnt, ohne alle fünf oder sechs Stunden zu essen, warum klagt Ihr? Dort drüben in Eurem Sack habt Ihr ja Wildpret und hier ein Feuer, um's zu braten.

Der Tausend! das ist ein herrlicher Einfall! aber es ist ja ein Geschenk für meinen zukünftigen Schwäher.

Sechs Rebhühner und ein Hase! Hoffentlich braucht Ihr doch nicht Alles aufzuessen, um satt zu werden.

Aber wie soll ich's denn anfangen, ohne Bratspieß und Feuerböcke? es wird mir ja Alles verkohlen!

Bewahre, sagte die kleine Marie; ich mache mich anheischig, Euch ein Rebhuhn in der Asche zu braten.

ohne daß Ihr den Rauch davon schmecken sollt. Habt Ihr auf dem Feld nie Lerchen gefangen und sie zwischen zwei Steinen gebraten? Ach, es ist wahr! ich vergaß wieder, daß Ihr nie das Vieh gehütet habt! Also aufgepaßt, und vor Allem das Thierchen da gerupft! Nicht so ungestüm! Ihr schindet ihm ja die Haut ab!

Du könntest ein anderes rupfen, um mir zu zeigen, wie man's macht.

So wollt Ihr denn ihrer Zwei verspeisen, Herr Vielfraß? – So, jetzt sind sie fix und fertig, und das Braten kann losgehen.

Du würdest dich als Schenkwirthin prächtig ausnehmen, du kleine Marie; leider fehlt dir nur die Schenke, und ich werde mich bequemen müssen, aus einer Pfütze zu trinken.

Nun möchtet Ihr am Ende noch einen Wein haben, nicht? Vielleicht gar einen Kaffee? als ob hier unter den Bäumen Jahrmarkt wäre! Herr Wirth: einen feinen Belairer Bauernschnaps!

Was? Jetzt lacht mich die kleine Schlange zu guter Letzt noch aus? und würde doch gewiß gern mittrinken, wenn's einen Wein gäbe.

Ich? Erst diesen Abend hab' ich ja mit Euch bei der Rebec, zum zweiten Mal in meinem Leben, einen getrunken; wenn Ihr aber recht artig seid, sollt Ihr fast eine ganze Flasche voll bekommen, und noch dazu vom Besten.

Was hör' ich, Marie? Du wärst also wahrhaftig eine Hexe?

Habt Ihr nicht bei der Rebec in der Uebereilung zwei Flaschen Wein bestellt? Die eine habt Ihr mit Eurem Kleinen geleert, und ich habe von der andern, die Ihr mir zugeschoben hattet, kaum ein paar Tropfen getrunken. Dennoch habt Ihr sie beide ohne Weiteres bezahlt.

Nun?

Nun, da hab' ich denn die, welche noch voll war, in meinen Korb gesteckt, in der Voraussetzung, daß Euch oder den Kleinen möglicherweise unterwegs dürsten könnte, und hier ist sie.

Du bist das gescheidteste Mädel, das mir jemals vorgekommen ist. Seh Einer an! da geht das arme Kind mit nassen Augen aus dem Wirthshaus, und hat dennoch mehr an Andere gedacht, als an sich selbst! Kleine Marie, der Mann, der dich einmal nimmt, wird kein Dummkopf sein!

Hoffentlich, denn einen Dummkopf könnt' ich gar nicht gern haben. So! jetzt laßt Euch Eure Rebhühner schmecken; sie sind gar, und in Ermangelung des Brodes werdet Ihr wohl mit Kastanien vorlieb nehmen?

Wo in aller Welt hast du nur wieder die Kastanien her?

Ein großes Wunder! Die Bäume längs der Straße hingen so voll, daß ich im Vorbeireiten bloß hinaufzulangen brauchte, um mir die Taschen zu füllen.

Und sie sind auch schon gebraten?

Aber wo hätt' ich denn meinen Kopf gehabt, wenn ich sie nicht ans Feuer gelegt hätte, sowie es brannte? Auf dem Feld macht man's immer so.

Herrlich, meine kleine Marie, wir werden also mit einander zu Nacht essen! Ich will auf deine Gesundheit trinken und dir einen guten Mann wünschen . . . einen, der genau so ist, wie du ihn haben möchtest. Wie möchtest du ihn eigentlich haben?

Das kann ich Euch nicht sagen, Germain, denn daran hab' ich noch gar nie gedacht.

Wie? gar nie? niemals? frug Germain, der sich schon mit ächtem Bauernappetit über den Braten hergemacht hatte, aber die besten Bissen immer herausschnitt, um sie seiner Reisegefährtin hinzureichen, die jedoch das Dargebotene beharrlich ausschlug, und sich mit einigen Kastanien begnügte. Was du mir da sagst, Kleine! hub er wieder an, nachdem sie seine Frage unbeantwortet gelassen hatte; du hast noch gar nicht ans Heirathen gedacht? du bist doch schon alt genug dazu.

Mag sein, sagte sie, aber ich bin zu arm dazu. Um ein Hauswesen zu gründen, sind mindestens hundert Thaler erforderlich, und bis ich mir die zusammengespart habe, muß ich noch volle fünf oder sechs Jahr arbeiten.

Armes Mädel! ich wollte, der Vater Maurice gäbe mir hundert Thaler, damit ich sie dir schenken könnte.

Schönen Dank, Germain, aber was würde man dann von mir sagen?

Was könnte man wohl sagen? man weiß ja, daß ich alt bin und dich nicht heirathen kann. Also würde man nicht voraussetzen, daß ich . . . daß du . . .

Da setzt einmal her! jetzt erwacht Euer Kleiner, sagte Marie.

Peterle hatte sich aufgerichtet und blickte mit ganz nachdenklicher Miene rings um sich.

Ja, so schaut er immer drein, der Kamerad, wenn er Andere essen hört! sagte Germain; Kanonen könnte man neben ihm abfeuern – er würde nicht wach werden; sowie man aber mit der Kinnlade arbeitet, da sperrt er gleich die Augen auf.

In seinem Alter habt Ihr's jedenfalls gerade so getrieben, bemerkte die kleine Marie mit einem schelmischen Lächeln. Nicht wahr, Peterle, du siehst dich nach deinem Betthimmel um? Für diese Nacht, mein Kind, hast du einen aus lauter grünen Zweigen; aber dein Vater hat doch sein Abendessen. Willst du mithalten? Ich habe deinen Antheil nicht angerührt, denn ich dachte mir wohl, daß du ihn verlangen würdest.

.Marie, du mußt mitessen, ich will's, rief Germain, oder ich nehme keinen Bissen mehr zu mir. Ich bin ein gefräßiger Grobian: du brichst dir Alles am Mund ab für uns, und das ist nicht in der Ordnung; ich muß mich ja so schämen, daß mir aller Appetit dabei vergeht; dem Buben geb' ich nichts, wenn du nicht mitessen willst.

So quält uns doch nicht, antwortete die kleine Marie; Ihr habt ja nicht den Schlüssel zu unsrem Appetit in der Tasche. Meiner ist heut zugesperrt, aber Eurem Peterle seiner reißt den Rachen auf wie ein hungriger kleiner Wolf. Da setzt nur, wie er einhaut! O aus dem wird auch einmal ein fester Bauersmann werden!

Und in der That zeigte Peterle zur Genüge, weß Vaters Kind er war: noch kaum munter, und ohne sich weder um den Ort zu kümmern, wo er sich befand, noch um die Art, wie er hingekommen, war er gleich über den Braten hergefallen. Als sein Hunger gestillt war, gerieth er in die Aufregung, die bei Kindern nie ausbleibt, wenn sie aus ihren Gewohnheiten herausgerissen werden, und überbot sich in neugierigen Fragen und klugen Bemerkungen. Er ließ sich erklären, wo er eigentlich sei, und als er erfuhr, daß er sich mitten im Wald befinde, fürchtete er sich ein klein wenig.

Giebt es böse Thiere hier im Wald? fragte er seinen Vater.

Nein, sagte dieser, hier nicht. Nur nicht ängstlich!

So hast du denn gelogen, als du mir sagtest, daß mich der Wolf holen würde, wenn ich mit dir in den großen Wald ginge?

Da seh' mir Einer den Klügler an! sagte Germain etwas verlegen.

Aber er hat Recht, entgegnete die kleine Marie; Ihr habt es ihm gesagt: er hat ein gutes Gedächtniß und erinnert sich daran. Aber du mußt wissen, Peterle, daß dein Papa niemals lügt. Durch den großen Wald sind wir geritten, während du schliefst, und jetzt sind wir im kleinen Wald, wo es keine bösen Thiere giebt.

Ist der kleine Wald recht weit vom großen?

Ziemlich weit; übrigens gehen die Wölfe nie aus dem großen Wald hinaus. Und dann, wenn Einer käme, würde ihn dein Vater umbringen.

Und du auch, kleine Marie?

Ja, wir auch, denn du würdest ja mithelfen, nicht, Peterle? Du hast doch keine Angst, und würdest tapfer drauf losschlagen!

Ja, ja, rief das Kind, ganz stolz mit einer muthigen Geberde, wir schlügen ihn todt!

Wie du, versteht es Keine, mit Kindern zu sprechen und ihnen Vernunft beizubringen, sagte Germain zu der kleinen Marie. Es ist eben so lang nicht her, daß du selber noch ein Kind warst, und da erinnerst du dich noch an das, was deine Mutter zu dir sagte. Ich glaube schon, daß man sich, je jünger man ist, mit den Jungen um so besser verständigen kann, und ich fürchte, daß eine Frau von dreißig Jahren, die noch nicht weiß, was es heißt, Mutter zu sein, nur mit großer Mühe lernen wird, wie man mit so einem kleinen Burschen plaudern und predigen muß.

Aber warum denn, Germain? Ich sehe wirklich nicht ein, warum Ihr dieser gar so wenig zutraut; Ihr werdet schon auf andere Gedanken kommen!

Zum Kukuk mit der Frau! brummte Germain. Ich wollte, ich wäre schon von ihr losgekommen und müßte sie nie wieder vor Augen haben. Was soll ich mit einer Frau, die ich nicht kenne?

Papa, sagte das Kind, warum sprichst du denn heut immer von deiner Frau? die ist ja weit fortgegangen . . .

Ach! du hast sie also nicht vergessen, deine arme, liebe Mutter?

O nein, ich habe ja gesehen, wie man sie in eine schöne Lade aus weißem Holz gelegt hat, und die Großmutter hat mich zu ihr hingeführt, um ihr einen Kuß zugeben und Adjes zu sagen! . . . Sie war ganz weiß im Gesicht und ganz kalt, und jeden Abend heißt mich die Tante den lieben Gott bitten, daß er sie zu sich nehme in den Himmel, damit ihr wieder gut warm werde. Glaubst du, daß sie jetzt im Himmel ist?

Ich hoffe es, mein Kind; aber du mußt dennoch immerfort darum bitten; daran erkennt deine Mutter, daß du sie lieb hast.

Ich will gleich mein Gebet hersagen, erwiderte der Kleine; ich habe es diesen Abend vergessen. Aber ganz allein kann ich's nicht, denn mir fällt nicht Alles ein. Die kleine Marie muß mir helfen.

Ja wohl, Peterle, ich will dir helfen, sagte das Mädchen. Komm nur zu mir! Ich will dir ein gutes Plätzchen herrichten.

Das Kind kniete auf den Saum ihres Kleides nieder, faltete die Händchen und begann sein Gebet herzusagen, zuerst mit voller Aufmerksamkeit und Inbrunst, denn der Anfang war ihm sehr geläufig, dann langsamer und unsicherer, und schließlich nur nach der kleinen Marie Wort für Wort nachsprechend, bis zu der Stelle, die es niemals bis zu Ende hatte lernen können, weil es immer dabei vom Schlaf bewältigt worden war. Auch diesmal that die angestrengte Aufmerksamkeit, verbunden mit der Eintönigkeit des mechanischen Vortrags, die gewöhnliche Wirkung. Peterle brachte die letzten Worte nur noch mit Mühe über die Lippen, und zwar erst, nachdem sie ihm dreimal wiederholt worden; sein schweres Köpfchen senkte sich auf Mariens Busen nieder; die Händchen erschlafften, lös'ten sich von einander los und glitten ihm geöffnet auf die Kniee herab. Beim Schein des Feuers betrachtete Germain den kleinen Engel, wie er am Herzen des Mädchens friedlich eingeschlummert war: während sie ihn fest in den Armen hielt und ihr reiner Athem über sein blondes Haar hinstrich, war auch sie in ein frommes Träumen versunken und betete heimlich für die Seele der Kathrine.

Germain war gerührt und suchte nach Worten, der kleinen Marie all die Achtung und Dankbarkeit auszudrücken, die er für sie empfand, aber er fand nichts, was seinen innersten Gefühlen entsprochen hätte. Er näherte sich ihr, um den Kleinen, den sie nach immer an den Busen drückte, zu küssen, und seine Lippen konnten sich von Peterle's Stirn fast nicht mehr trennen.

Ihr küßt ihn zu heftig, sagte Marie, indem sie seinen Kopf sanft bei Seite schob; weckt ihn nicht. Und laßt mich ihn wieder zu Bett bringen, weil sein Seelchen ja doch schon zurückgeflogen ist ins Paradies der Träume.

Der Knabe ließ es geschehen; nur fragte er, als er sich auf dem Ziegenfellfutter des Sattels ausstreckte, ob er jetzt auf der Grauen reite. Dann schlug er die großen blauen Augen eine Minute lang starr zu den überhängenden Zweigen auf und schien wachend zu träumen, oder mit einem Gedanken beschäftigt zu sein, der ihm im Lauf des Tages durch den Kopf gefahren war und sich nun vor dem Einschlummern noch einmal in ihm spiegelte: Väterchen, sagte er, wenn ich eine neue Mama bekommen soll, so soll's die kleine Marie sein.

Und ohne eine Antwort abzuwarten, schloß er die Lider und schlief ein.


* * *


Für die kleine Marie schien dieser sonderbare Einfall des Kindes keine andere Bedeutung als die einer Freundschaftsbezeigung zu haben; sie hüllte den Kleinen sorgfältig ein, schürte das Feuer, und da der Nebel, der auf der nächstliegenden Pfütze kauerte, noch immer nicht das Aussehen hatte, als würde er sich bald verziehen, gab – sie Germain den Rath, sich beim Feuer auszustrecken und einen Nicker zu thun.

Ich merk's Euch an, daß Ihr ein Bedürfniß danach empfindet, sprach sie, denn Ihr redet nichts mehr und starrt vor Euch hin, gerade wie vorhin Euer Kleiner. Schlaft nur zu: ich werde über Euch und über das Kind wachen.

Nein, schlafen sollst du, erwiderte er, und ich will euch alle zwei hüten, denn ich war noch nie so wach, wie eben jetzt; mir summen über hundert Gedanken im Kopf herum.

Hundert wären viel, sagte das Mädchen nicht ohne einen Anflug von Schalkhaftigkeit; es giebt so viele Leute, die schon mit einem einzigen zufrieden wären!

Nun gut, wenn auch mein Kopf nicht groß genug ist für hundert, so hab' ich doch einen, der mir seit einer Stunde keine Ruhe läßt.

Ich will ihn Euch nennen, so wie auch die, die Ihr vorher hattet.

Schön! nenn' ihn mir, wenn du ihn errathen kannst, Marie; es wird mich freuen, wenn du selber mir ihn nennst.

Vor einer Stunde, fuhr sie fort, kam Euch der Gedanke, etwas zu essen . . . und jetzt kommt Euch der Gedanke, zu schlafen.

Marie, ich bin zwar nur Einer, der mit Ochsen umgeht, aber deßhalb brauchst du mich nicht selber für einen Ochsen zu halten. Das ist unfreundlich von dir, und daraus ersehe ich, daß du nicht mit mir reden willst. Schlaf' also! Das ist besser, als einen Mann zu hänseln, dem nicht froh ums Herz ist.

Nein, reden wir, wenn Ihr reden wollt, sagte das Mädchen, indem es sich neben dem Kinde halb ausstreckte und den Kopf gegen eine Seite des Sattels stützte. Ihr seid im Begriff, Euch wieder abzuquälen. Germain, und damit beweis't Ihr für einen Mann keinen großen Muth. Was würde ich nicht Alles sagen, wenn ich mich nicht nach besten Kräften gegen meinen eigenen Kummer wehrte?

Allerdings; aber das ist's ja gerade, was mir nicht aus dem Sinn will, du armes Kind! Du sollst fern von deinen Leuten leben, in einer unwirthlichen, sumpfigen Haidegegend, wo du im Herbst das Fieber kriegen wirst, und wo die Schafe nicht zunehmen, was doch für eine Schafhüterin, die einen ernstlichen Willen hat, immerhin eine verdrießliche Sache ist; und dann wirft du unter wildfremden Menschen leben, die dich vielleicht nicht gut behandeln und überhaupt nicht begreifen werden, was sie an dir haben. Siehst du, das macht mich trauriger, als ich es mit Worten sagen kann, und ich möchte dich am Liebsten wieder heimbringen zu deiner Mutter, anstatt nach Fourche zu gehen.

Was Ihr da sagt, mein armer Germain, ist zwar sehr gütig, aber gar nicht weise; für seine Freunde soll man nicht feigherzig sein, und anstatt mir die schlimme Seite meines Schicksals zu zeigen, thätet Ihr besser daran, die gute hervorzuheben, wie vorhin, als wir bei der Rebec einkehrten.

Ich kann mir nicht helfen! Damals sah ich's in dem Licht, und jetzt erscheint mir's in einem ganz andern. Du solltest doch lieber heirathen.

Daran ist nicht zu denken, Germain, ich hab's Euch schon einmal gesagt, und weil nicht daran zu denken ist, will ich auch nicht daran denken.

Aber wenn es sich zufällig doch so fügen würde? Vielleicht wenn du mir auseinandersetztest, was du für einen Mann haben möchtest, könnt' ich mir einen ausdenken.

Ausdenken und finden sind Zweierlei. Ich denke mir nichts aus, weil es doch zu nichts führt.

Möchtest du nicht Einen finden, der reich wäre?

Wie sollt' ich das? Ich selber bin ja arm wie eine Kirchenmaus.

Aber wenn er nun einmal wohlhabend wäre, so würde dich's wohl nicht verdrießen, eine freundliche Wohnung und gute Kost und hübsche Kleider zu haben bei rechtschaffenen Leuten, welche dir die Mittel an die Hand geben würden, deine Mutter zu unterstützen?

O was das betrifft . . . meine Mutter zu unterstützen, das wäre mein einziger Wunsch.

Und wenn sich das nun fände, auch gesetzt den Fall, daß der Mann nicht mehr ganz jung wäre, würde es dich Ueberwindung kosten?

Ah! nehmt mir's nicht übel, Germain, aber gerade darauf würd' ich schauen. Einen Alten möcht' ich nicht heirathen!

Einen Alten, allerdings; doch, zum Beispiel, einen Mann in meinen Jahren?

Für mich seid Ihr alt, Germain; Einer in des Bastian's Jahren würde mir schon besser passen, obgleich der Bastian nicht so schmuck ist, wie Ihr.

Der Schweinehirt wäre dir lieber, der Bastian? sagte Germain voller Unmuth. Ein Kerl mit zwei Augen, wie sie die Thiere im Kopf stecken haben, die er hütet?

Seinen achtzehn Jahren zulieb würde ich über seine Augen eins zudrücken.

In Germain's Herzen regte sich eine furchtbare Eifersucht. Gut, sagte er, ich sehe, daß dir's der Bastian angethan hat. Aber ein toller Einfall bleibt es doch immer!

Ja, es wär' auch ein toller Einfall, antwortete laut auflachend die kleine Marie, und der Ehemann wäre gerade so toll. Der ließe sich ja jeden Bären aufbinden. So hatte ich zum Beispiel unlängst in dem Herrn Pfarrer seinem Garten einen Paradiesapfel aufgehoben; da hast du einen schönen rothen Apfel, sag' ich zum Bastian, und er hat hineingebissen, mit einer Gier . . .! Ihr hättet nur die Fratze sehen sollen, die er geschnitten hat! Herr Gott, war die häßlich!

Du magst ihn also doch nicht, sonst würdest du ihn nicht zum Besten haben?

O das wäre noch kein Grund. Aber ich mag ihn wirklich nicht: er mißhandelt seine kleine Schwester und ist unreinlich.

Nun, so gefällt dir vielleicht irgend ein Anderer?

Was liegt denn Euch daran, Germain?

Es liegt mir auch nichts daran; es ist nur so ein Discurs. Aber ich merke wohl, Kleine, daß du schon ein Auge auf wen geworfen hast.

Nein, Germain, Ihr irrt Euch: ich habe noch keinen Schatz; das kann in der Folge noch kommen; doch weil ich nur werde heirathen können, wenn ich mir Einiges erspart habe, so ist es mir bestimmt, erst spät zu heirathen und dann einen Mann in ältern Jahren.

Nun denn, so heirathe lieber gleich einen Alten!

O nein, wenn ich einmal selber nicht mehr jung bin, wird mir's allerdings einerlei sein, aber einstweilen ists noch was Anderes.

.Jetzt merk' ich wohl, Marie, daß ich dir gar nicht gefalle, es wird mir nur zu deutlich, sagte Germain ganz entmuthigt, und ohne zu bedenken, was er sprach.

Die kleine Marie antwortete nichts. Germain beugte sich zu ihr hin: sie schlief; der Schlummer hatte sie plötzlich überwältigt und blitzähnlich niedergeworfen, wie die Kinder, die schon im Schlaf liegen, während sie noch plaudern.

Germain war froh, daß sie seine letzten Worte nicht beachtet hatte, denn er sah jetzt ein, wie unklug sie waren, und wandte sich ab, um sich zu zerstreuen und auf andere Gedanken zu bringen.

Aber trotz aller Selbstbeherrschung wollte es ihm nicht gelingen, weder einzuschlafen, noch an etwas Anderes zu denken, als an das zuletzt Gesagte. Wohl zwanzig Mal ging er um das Feuer herum, dann abseits und wieder zurück; endlich lehnte er sich, mit kochendem Blut, als hätte er Schießpulver geschluckt, an den Baum, unter dem die beiden Kinder schliefen, und starrte nach ihnen hin.

Ich weiß wirklich nicht, dachte er, warum ich erst jetzt bemerke, daß die kleine Marie das hübscheste Mädel im ganzen Dorf ist! . . . Ihre Backen sind nicht sehr roth, aber sie hat ein Gesichtchen so frisch wie ein Hageröslein! Und der nette kleine Mund und das zierliche Näschen! . . . Groß ist sie nicht für ihr Alter, aber fein gewachsen wie eine junge Wachtel und flink wie ein kleiner Buchfink! . . . Eigentlich seh' ich nicht ein, warum man bei uns die großen, drallen, rothwangigen Weibsbilder so schön findet . . . Meine Frau war eher schmächtig und blaß, und dennoch gefiel sie mir mehr als jede Andere . . . Die Marie hat auch so ein zartes Aussehen, und ist nichts desto weniger kerngesund, und hübsch anzuschauen ist sie wie ein milchweißes Zicklein! . . . Und wie sanft und züchtig sie dreinblickt! Ihr gutes Herzchen liegt ihr in den Augen, sogar wenn der Schlaf sie zugemacht hat! . . . Und Verstand hat sie beinah noch mehr als meine selige Kathrine ja, der Wahrheit die Ehre! bei ihr würde mir die Zeit nie lang werden . . . Sie ist so munter, so brav, so fleißig, so anhänglich und wieder so drollig. Ich weiß nicht, was man außerdem noch verlangen könnte . . .

Aber was geht das Alles denn mich an? Grübelte er wieder und that sich Gewalt an, um wo anders hinzuschauen. Der Schwäher würde sicherlich nichts davon hören wollen, und die ganze Verwandtschaft würde mich für verrückt halten! . . . Sie selber möchte mich ja nicht einmal, das arme Kind! . . . Ich bin ihr zu alt: sie hat es mit dürren Worten gesagt . . . denn sie ist nicht eigennützig; es liegt ihr nichts daran, noch fernerhin zu leiden und zu entbehren und sich ärmlich zu kleiden und zwei oder drei Monate im Jahr zu hungern, wenn sie nur eines Tags nach ihrem Herzen wählen kann, einen Mann, der ihr gefällt . . . Recht hat sie! ich, wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde es gerade so machen . . . nach heute, wenn ich nach meinem Kopf handeln könnte, würde ich ein Mädel nach meinem Sinn heimführen, anstatt mich in eine Heirath hineinzubugsiren, zu der ich kein Herz zu fassen vermag . . .

Je eifriger Germain sich aufs Vernünfteln und Ruhigwerden verlegte, desto weniger brachte er's zu Stande. Bald lief er zwanzig Schritte weit davon, in den Nebel, hinein; bald lag er plötzlich wieder auf beiden Knieen vor den schlafenden Kindern. Einmal wollte er sogar dem Peterle, der mit dem einen Aermchen Mariens Hals umschlungen hielt, einen Kuß geben, und irrte sich in der Person, so daß Marie, von einem Feuerhauch geweckt, der über ihre Lippen hinstrich, auffuhr und ganz wirr um sich schaute: was in Germain vorging, errieth sie indessen nicht.

Ich sah' euch nicht recht, ihr armen Kinder, sagte er, indem er sich rasch zurückwarf. Fast wäre ich über euch gestürzt und hätte euch weh gethan.

Die kleine Marie nahm die Erklärung in ihrer Herzensunschuld für haare Münze und schlief wieder weiter. Germain ging nun um das Feuer herum auf die entgegengesetzte Seite und verschwor es hoch und heilig, nicht mehr von der Stelle zu weichen, bis Marie erwachen würde. Er hielt auch Wort, aber es wurde ihm recht sauer. Ihm war, als ginge sein Verstand in die Brüche.

Endlich, gegen Mitternacht, verzog sich der Nebel, und Germain sah die Sterne durch die Zweige niederleuchten. Nach und nach waren auch vom Mond die Dünste gewichen, die ihn verfinstert hatten, und er begann seine Diamanten auf das feuchte Moos auszustreuen. Die Stämme der Eichen waren noch in ein majestätisches Dunkel getaucht, aber etwas weiter weg glänzten schon die weißen Birken wie eine Reihe in Leichentücher eingehüllte Gespenster. Das verglimmende Feuer spiegelte sich in der nächsten Pfütze, und die Frösche, die sich nachgerade an den fremden Schein gewöhnt hatten, ermannten sich schon zu einzelnen, immerhin noch schüchternen Discantlauten; die eckigen, von fahlem Moos umstarrten Aeste der alten Bäume streckten sich in wirrer Durchkreuzung gleich langen Knochenarmen über den Köpfen unserer Reisegesellschaft aus; es war eine schöne, aber so öde und düstere Landschaft, daß Germain, um nur seine Traurigkeit loszuwerden, zu singen anfing und Steine ins Wasser warf, den unheimlichen Zauber der Einsamkeit zu brechen. Damit verband er auch die Absicht, die kleine Marie zu wecken, und als er sah, daß sie in der That aufstand und nach dem Wetter forschte, schlug er ihr vor, wieder aufzubrechen.

Bis in zwei Stunden, setzte er hinzu, wird beim Morgengrauen die Luft so eisig werden, daß es hier, trotz dem Feuer, nicht mehr auszuhalten wäre . . . Jetzt sehen wir doch unsern Weg und werden gewiß ein Haus finden, wo man uns einläßt, oder wenigstens eine Scheune, die uns für den Rest der Nacht ein Obdach bietet.

Marie war nicht eigenwillig, und wiewohl sie noch sehr gern weiter geschlafen hätte, schickte sie sich an, Germain zu folgen.

Dieser hob, ohne ihn zu wecken, seinen Sohn auf den Arm und rief Marie zu sich her, um sie unter seinen Mantel zu nehmen, denn den ihrigen, in welchen Peterle eingewickelt war, wollte sie durchaus dem Kleinen nicht entziehen.

Als Germain das Mädchen so dicht an seiner Seite fühlte, schlug seine unbefangener und muntrer – gewordene Stimmung plötzlich wieder um, und er begann neuerdings, den Kopf zu verlieren. Zwei oder dreimal entfernte er sich heftig und ließ sie allein gehen. Dann, wenn er sah, daß sie ihm nur mit Mühe folgte, erwartete er sie, zog sie heftig an sich und drückte sie so fest in seinen Arm, daß sie sich darüber wunderte und sogar ärgerte, ohne sich jedoch eine Bemerkung zu erlauben.

Da sie nicht im Mindesten wußten, aus welcher Richtung sie gekommen waren, wußten sie eben so wenig, in welcher Richtung sie vorangingen, so daß sie den Wald noch einmal der Länge nach durchmaßen, abermals auf die öde Haide stießen und wieder umkehren mußten; nach langem Hin- und Her-Irren schimmerte ihnen endlich ein Lichtschein durch die Zweige entgegen.

Gut! das ist ein Haus, sagte Germain, und die Leute darin sind auch schon wach, denn sie haben bereits Feuer. Ist es denn so spät?

Aber der Schein kam aus keinem Hause, sondern vom Lagerfeuer, das sie beim Weggehen zugeschüttet hatten, und das durch den Morgenwind frisch angefacht worden war . . .

Sie hatten zwei Stunden Wegs gemacht, um schließlich zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren.


* * *


Von nun an geb' ich's auf! rief Germain, mit dem Fuß stampfend. Kein Zweifel mehr, wir sind verhext und werden erst bei helllichtem Tag von hier fortkommen. Auf dem Ort muß ein böser Zauber liegen.

Nur ruhig, ruhig! sagte Marie, ärgern wir uns nicht, und schicken wir uns drein. Wir wollen ein größeres Feuer anschüren; das Kind ist so dicht eingewickelt, daß es keinen Schaden nehmen kann, und uns wird eine Nacht unter freiem Himmel nicht umbringen. Wo habt Ihr den Sattel versteckt, Germain? Mitten unter die Stechpalmen – die Unbesonnenheit! Das Heranholen wird uns bequem werden!

Halte du nur einstweilen das Kind, damit ich ihm sein Bettchen aus den Dornen ziehe; ich will nicht, daß du dir die Hände blutig stichst.

Es ist schon geschehen; hier haben wir das Bett und die paar Ritzer sind ja keine Säbelhiebe, sagte das muthige kleine Mädchen.

Nun legte sie den Peter wieder im Sattel zurecht; diesmal hatte er so fest geschlafen, daß er von dieser neuen Irrfahrt nicht das Geringste gemerkt hatte. Germain warf so viel Holz ins Feuer, daß ringsum der ganze Wald erglänzte: die kleine Marie aber war todmüde, und obwohl sie mit keinem Wörtchen klagte, vermochte sie nicht mehr, sich länger aufrechtzuhalten. Sie hatte sich entfärbt und klapperte mit den Zähnen vor Frost und vor Erschöpfung. Germain nahm sie in seine Armer um sie zu erwärmen: Besorgniß, Mitleid, alle Regungen unbezwinglicher Zärtlichkeit, die sein Herz bewältigten, hatten seine Sinne zum Schweigen gebracht. Wie durch einen Zauberspruch lös'te sich seine Zunge, und, jede falsche Scham hintansetzend, sagte er: Marie du gefällst mir, und es macht mich recht unglücklich, daß ich dir nicht gefalle. Wenn du mich zum Mann nehmen wolltest, so wären weder Schwäher, noch Verwandtschaft, noch Nachbarsleute, noch Vorstellungen aller Art stark genug, mich von dir zu reißen. Ich weiß auch, daß du meine Kinder glücklich machen und sie dazu anhalten würdest, das Gedächtniß ihrer verstorbenen Mutter zu ehren, und weil mein Gewissen dann ruhig wäre, könnt' ich getrost der Freude meines Herzens leben. Ich bin dir von jeher freundschaftlich gut gewesen, aber jetzt hab' ich dich so lieb, daß, wenn du von mir verlangen würdest, ich solle dir mein Leben lang den kleinsten Wunsch an den Augen absehen, ich dir's auf der Stelle zuschwören möchte. Bedenke nur, ich bitte dich darum, wie ich dich so überaus lieb habe, und suche mein Alter zu vergessen. Bedenke, daß man sich eigentlich eine ganz falsche Meinung macht, wenn man sich in den Kopf setzt, daß ein Mann von dreißig Jahren alt ist. Und übrigens bin ich erst achtundzwanzig! Ein Mädel fürchtet, ins Gerede der Leute zu kommen, wenn es einen Mann nimmt, der um zehn oder zwölf Jahre älter ist, weil das hier zu Land nicht üblich ist; aber ich habe erzählen hören, daß man in andern Gegenden gar nicht darauf achtet, ja im Gegentheil, daß man einem jungen Geschöpf lieber einen gesetzten Mann von erprobter Tüchtigkeit zur Stütze giebt, als einen jungen Menschen, der möglicher Weise in den guten Eigenschaften, die man an ihm gerühmt hat, nachläßt und mit der Zeit ein ganz schlechter Kerl werden kann. Und dann hängt ja das eigentliche Alter nicht immer von der Zahl der Jahre ab, sondern eher von der Kraft und der Gesundheit eines Jeden. So ist ein Mensch, den übermäßiges Arbeiten oder das Elend oder ein liederlicher Lebenswandel heruntergebracht haben, schon mit zwanzig Jahren alt, während ich, . . . Aber du hörst ja gar nicht zu, Marie!

Doch, Germain, ich höre Euch schon zu, antwortete die kleine Marie, doch ich denke auch an das, was mir die Mutter so oft gesagt hat, nämlich, daß eine Frau von sechzig Jahren recht übel dran ist, wenn sie einen Mann von siebzig oder fünfundsiebzig hat, der sie nicht mehr mit seiner Hände Arbeit ernähren kann, der bresthaft wird, und den sie dann pflegen soll, in einem Alter, wo sie schon selber anfängt, der Schonung und der Ruhe zu bedürfen. So kann es nach und nach noch dahin kommen, daß man auf dem Stroh sterben muß.

Die Mütter haben ganz recht, wenn sie derlei sagen, erwiderte Germain; das geb' ich schon zu, Marie, aber soll man sich seine Jugendjahre, die gewiß die schönsten sind, durch die fortwährende Sorge um Das verkümmern, was aus einem werden wird in den Jahren, wo man zu keiner Arbeit mehr taugt, und wo es am Ende ziemlich gleich ist, ob man so stirbt oder so? Und bin denn ich nicht in der Lage etwas zurückzulegen, da ich ja mit den Schwiegereltern haushalte und neben vielem Arbeiten so gut wie nichts ausgebe? Ich will dich so lieb haben, siehst du, daß mich die Liebe am Aelterwerden verhindern soll. Sagt man doch, daß sich ein Mann jung erhält, wenn er glücklich ist, und das fühl' ich wohl, was die Liebe anlangt, bin ich jünger als der Bastian, denn lieben thut er dich nicht: er ist zu dumm und noch zu kindisch, um zu begreifen, wie hübsch du bist und wie gut und wie begehrenswerth in allen Stücken. Geh, Marie, schrick nicht vor mir zurück! ich bin kein bösartiger Mensch; ich habe meine selige Kathrine glücklich gemacht; vor Gott, auf ihrem Sterbebett hat sie versichert, daß ihr von mir aus nur Liebs und Guts widerfahren ist, und da hat sie mir auch empfohlen, wieder zu heirathen. Mir ist, als hätte ihr Geist aus ihrem Kinde gesprochen, heut Abend, im Augenblick bevor es einschlief. Haft du nicht gehört, was der Kleine gesagt hat? Und es zitierte ihm ums Mäulchen, indessen er mit den Augen aufwärts starrte, wie nach Etwas, das für die unsern unsichtbar blieb! Glaube mir, er schaute seine Mutter, und sie war's, die ihn sagen hieß, daß er dich haben möchte an Mutterstatt.

Was Ihr da sprecht, Germain, ist ehrlich und wahr, antwortete Marie ganz verwundert und nachdenklich. Ich thäte gewiß wohl daran, Euch zu lieben, wenn es Eure Schwiegereltern nicht allzu sehr verdrießen würde; aber ich kann mir einmal nicht helfen: es regt sich nichts für Euch in meinem Herzen. Ihr seid mir zwar lieb und werth, doch Euer Alter, wenn es Euch gleich nicht entstellt, macht mich ängstlich. Ihr kommt mir vor wie eine Art Onkel oder Taufpathe, dem ich Respect schuldig bin, und der mich unter Umständen mehr wie ein Kind behandeln würde, als wie sein Weib und Seinesgleichen. Und, dann würden mich meine Gespielinnen vielleicht auslachen, und obwohl es eine Albernheit sein mag, auf dergleichen einen Werth zu legen! so glaub' ich dennoch daß ich mich am Hochzeitstage einer gewissen Scham und Traurigkeit nicht erwehren könnte.

Das sind kindische Einwendungen; du sprichst da ganz wie ein Kind, Marie.

Gut, so bin ich eben ein Kind, sagte sie, und deßhalb fürchte ich mich vor einem Manne, der mir zu vernünftig ist. Daraus mögt Ihr ersehen, daß ich zu jung für Euch bin, weil Ihr mir jetzt schon mein unvernünftig Reden vorwerft! Ich kann nicht vernünftiger sein, als meine Jahre es mit sich bringen.

Acht mein Gott! ich bin doch recht zu beklagen wegen meiner Ungeschicklichkeit, die mich verhindert, die Worte so zu setzen, wie ich möchte! rief Germain. Ihr liebt mich nicht, Marie, so viel ist gewiß; Ihr findet mich zu plump und unbeholfen. Hättet Ihr mich ein klein wenig lieb, so würden Euch meine Fehler nicht so deutlich auffallen. Aber Ihr habt mich nicht lieb damit ist Alles gesagt!

Was kann ich dafür, wenn dem so ist? antwortete sie etwas beleidigt, weil er sie nicht mehr dutzte; thu' ich doch mein Möglichstes, indem ich Euch anhöre; aber je mehr ich mich dazu nöthige, desto weniger will es mir in den Kopf, daß wir Mann und Frau werden sollen.

Germain schwieg. Er vergrub sein Gesicht in seine beiden Händel und die kleine Marie konnte nicht unterscheiden, ob er weinte, schmollte oder schlief. Es beunruhigte sie, daß er so in sich versunken war, und daß sie nicht errathen konnte, was Alles in ihm vorging; aber sie wagte nicht, ihn anzureden, und da ihr die Ueberraschung den Schlaf gänzlich verscheucht hatte, erwartete sie voller Ungeduld den Tag, hin und wieder das Feuer schürend oder nach dem Kinde sehend, dessen Dasein Germain rein vergessen zu haben schien. Auch er konnte nicht schlafen, wiewohl er sich keine eigentlichen Gedanken machte über seine Zukunft und weder nach Fassung rang, noch erfolgreiche Pläne auszuhecken versuchte: er litt; ein Berg von Qualen lastete auf ihm. Er hätte todt sein mögen. Ihm schien Alles fortan sich zum Schlimmen wenden zu müssen, und wenn ihm jetzt Thränen zu Gebot gestanden hätten, so hätte er sich ausgeweint wie ein Kind. Mitten in seinem Schmerz fühlte er sich nicht ganz frei von Ingrimm über sich selbst, und erstickte darin, ohne sich durch eine Klage Luft machen zu können und zu wollen.

Als der Tag angebrochen war und die tausend Stimmen der Natur ihn verkündigten, nahm Germain die Hände vom Gesicht und stand auf. Er bemerkte, daß die kleine Marie ebenfalls nicht geschlafen hatte, aber er wußte nicht, was er ihr sagen sollte, um seine Sorgsamkeit darzuthun. Er war völlig muthlos. Nachdem er den Sattel der Grauen wieder unter einem Strauch verborgen hatte, warf er den Sack über seine Schulter und faßte sein Söhnchen bei der Hand.

Jetzt wollen wir schauen, wie wir unsere Reise zu Ende führen, sagte er. Marie, soll ich dich zum Ulmenhof begleiten?

Laßt uns den Wald zusammen verlassen, antwortete sie, und wenn wir uns dann zurechtgefunden haben, gehen wir aus einander, Jedes seiner Wege.

Germain schwieg. Es kränkte ihn, daß ihn das Mädchen nicht bat, sie bis zum Ulmenhof zu begleiten, und er bedachte dabei nicht, daß er sich in einer Art und Weise dazu erboten hatte, die eine abschlägige Antwort herauszufordern schien.

Ein Holzfäller, mit dem sie zweihundert Schritte weiter zusammentrafen, wies sie auf den richtigen Weg und erklärte ihnen, sie müßten, am Ende der großen Wiese angelangt, nach rechts und nach links auseinandergehen, um ihre verschiedenen Bestimmungsorte zu erreichen, die übrigens so benachbart seien, daß man vom Ulmenhof die Häuser von Fourche ganz genau unterscheiden könne, und umgekehrt.

Als sie gedankt und sich bereits entfernt hatten, rief sie der Mann zurück und fragte, ob ihnen nicht ein Pferd durchgegangen sei.

Ich fand nämlich in meinem Hof eine schöne graue Stute, sagte er, die sich vielleicht vor den Wölfen hingeflüchtet hat. Meine Hunde haben in der Nacht zu bellen angefangen, und bei Tagesanbruch sah ich das Roß unter meinem Schuppen stehen; dort ist es noch immer. Seht nach, und wenn Ihr's als das Eurige erkennt, führt es mit fort.

Germain beschrieb nun die Graue bis ins Kleinste, und als er sich überzeugt hatte, daß sie es sein müsse, die zugelaufen war, ging er in den Wald zurück, um den Sattel hervorzusuchen. Da bot ihm die kleine Marie an, sein Kind auf den Ulmenhof mitzunehmen, wo er es dann von Fourche aus abholen könne.

Er sieht ein wenig verwahrlos't aus, sagte sie, von unserem Nachtquartier her. Ich will ihm die Kleider putzen, sein hübsches Gesichtchen waschen und ihn kämmen; ist er dann recht blank und sauber, so mögt Ihr ihn Eurer neuen Verwandtschaft zuführen.

Woher weißt du denn, daß ich überhaupt nach Fourche gehe? antwortete Germain mürrisch. Vielleicht geh' ich nicht hin!

O doch. Germain. Ihr müßt – Ihr werdet hingehen, erwiderte das Mädchen.

Du kannst es wohl gar nicht erwarten, daß ich eine Andere heirathe, um so recht die Gewißheit zu haben, daß ich dich nie mehr belästigen werde?

Seid doch klug, Germain, und denkt daran nicht mehr: Ihr hättet den Einfall nie gehabt, wenn Euch unsere Reisefatalitäten über Nacht den Sinn nicht verwirrt hätten. Aber von jetzt an muß die Vernunft wieder zu Wort kommen; ich verspreche Euch, Alles zu vergessen, was Ihr zu mir gesprochen habt, und keinem Menschen jemals etwas davon zu erzählen.

Erzähle so viel du magst! Es ist meine Art nicht; meine Reden zu verleugnen, zumal wenn das, was ich gesagt habe, so offen und ehrlich war, daß ich mich vor Niemand dessen zu schämen brauche.

Allerdings; doch wenn Eure Zukünftige wüßte, daß Ihr auf Eurer Brautfahrt an eine Andere gedacht habt, so würde sie's Euch verargen. Achtet darum von nun an auf Eure Worte; und schaut mich nicht so an vor den Leuten, so ganz sonderbar. Erinnert Euch, daß der Vater Maurice auf Euren Gehorsam rechnet; er wäre gewiß bitterböse auf mich, wenn ich Euch zur Widerspenstigkeit verleiten würde. Behüt' Euch Gott, Germain. Euer Peterle nehm' ich mit, damit Ihr gezwungen seid; nach Fourche zu gehen. Das Pfand in meinen Händen müßt Ihr ja auslösen.

Du willst also mit ihr gehen? sagte Germain zu seinem Söhnchen, das sich an die Hand der kleinen Marie anklammerte und ihr schnell entschlossen folgte.

Ja, Papa, antwortete das Kind, das Alles, wovon man arglos vor ihm gesprochen; in seiner Weise aufgefaßt und ausgelegt hatte. Ich gehe mit meiner herzigen Marie: du wirst mich abholen, wenn du geheirathet hast; aber die Marie soll mein kleines Mütterchen bleiben.

Da hörst du, daß er's verlangt! sagte Germain zu dem Mädchen. Du, Peterle, fügte er hinzu, ich wünsche wie du, daß sie deine Mutter werden und auf immer bei dir bleiben möchte: nur will sie nichts davon wissen. Sieh zu, daß sie dir gewährt, was sie mir abschlägt.

Sei ruhig, Papa; sie wird schon Ja sagen: die kleine Marie thut immer was ich haben will.

Das Kind entfernte sich an der Hand des Mädchens, und der Vater stand allein da, trauriger und unschlüssiger denn je.


* * *


Nachdem Germain die Unordnung, welche die Reise in seine Kleider und in das Geschirr seines Pferdes gebracht, beseitigt hatte, saß er auf und ließ sich die Straße nach Fourche weisen; er dachte, daß er nunmehr nicht zurücktreten dürfe, und daß die verflossene bewegte Nacht gleich einem verführerischen Traum vergessen werden müsse.

Er fand den alten Leonard vor seinem Haus, auf einer schönen, spinatgrün angestrichenen Holzbank sitzend. Die Doppeltreppe von je sechs Stufen, über welche man zur Eingangsthüre gelangte, deutete auf das Vorhandensein eines Kellers. Um den Garten und den Hanfacker zog sich eine mit Kalk und Sand verworfene Mauer hin. Das Gebäude sah so stattlich aus, daß man es beinah für den Wohnsitz eines Städters gehalten hätte.

Der zukünftige Schwiegervater ging auf Germain zu, erkundigte sich fünf Minuten lang nach dem Befinden der ganzen Familie und schloß mit der hergebrachten Frage, die man an Jeden richtet, den man über den Zweck seiner Reise höflich ausforschen will: Ihr seid wohl hergekommen, um Euch unsere Gegend auch einmal anzuschauen?

Ich bin gekommen, um Euch zu besuchen und im Auftrag meines Schwähers diese paar Stück Wildpret zu überbringen; weiter soll ich Euch, gleichfalls in seinem Auftrag, sagen, daß Ihr über die Absicht meines Besuchs wohl im Klaren sein werdet.

Aha! schmunzelte der Alte, indem er sich auf den wohlgerundeten Bauch klopfte, ich seh' schon – jetzt versteh' ich – so, so! Und mit dem einen Auge zwinkernd, fügte er hinzu: Ihr seid der Einzige nicht, der seine Aufwartung macht, junger Mann. Drinnen sind schon ihrer Drei, die gleich Euch ihr Glück versuchen. Ich schrecke Keinen ab, und käme auch wirklich in Verlegenheit, wenn ich Einem den Vorzug und den Uebrigen den Laufpaß geben sollte, denn es sind lauter gute Versorgungen. Zwar, dem Vater Maurice und Eurem fetten Ackerland zulieb, würdet Ihr mir schon am besten gefallen. Aber meine Tochter ist großjährig und verfügt frei über ihr Vermögen; sie wird also nach eigenem Gutdünken verfahren. Nur hineinspaziert und ausgekramt; Euch wünsch' ich den Treffer!

Mit Verlaub, antwortete Germain ganz erstaunt, da als Ueberzähliger aufzutreten, wo er sicher darauf gerechnet hatte, der Einzige zu sein. Ich wußte nicht, daß Eure Tochter bereits mit Freiern versehen ist, und kam nicht her, um sie Andern streitig zu machen.

Der alte Leonard erwiderte, ohne seinen guten Humor im Geringsten zu verlieren: Ei, ei, wenn Ihr meint, meine Tochter würde auf dem Trockenen sitzen, weil Ihr Euch so lange bedacht habt, da seid Ihr gewaltig auf dem Holzweg, junger Freund. Die Kathrine hat das Zeug dazu, die Freier anzulocken, und es wird ihr nur die Wahl weh thun. Aber, wie gesagt, tretet frisch hinein, und laßt den Kopf nicht hängen. Die Frau ist es werth, daß man um sie zur Wette läuft.

Dabei schob er Germain, ihn bei den Schultern fassend, mit täppischer Lustigkeit vorwärts: – Da, Kathrine, rief er beim Eintreten ins Haus, da bring' ich dir noch Einen!

Diese possierliche, aber plumpe Einführung in Gegenwart der andern Anbeter setzte Germain vollends in Verlegenheit und Mißbehagen. Er fühlte sich ganz unsicher und stand einige Momente da, ohne daß er es wagte, die Augen zu der Schönen und ihrem Hofstaat emporzurichten.

Die Wittwe Guerin war gut gewachsen und noch ziemlich jugendlich von Aussehen. Aber der Ausdruck ihres Gesichts und ihr Anzug mißfielen Germain sofort. Sie schaute keck und selbstzufrieden in die Welt, und ihre Haube mit dreifacher Spitzengarnitur, die Sammtschürze und das Halstuch aus schwarzer Blonde widersprachen seiner bisherigen Vorstellung von einer ernsten, gesetzten Wittwe. Mit diesem Aufwand in der Kleidung und ihrem ungezwungenen Wesen erschien sie ihm alt und häßlich, wenn sie gleich keines von beiden war. Der Putz und das lustige Benehmen, dachte er, würden zu den Jahren und zu dem Mutterwitz der kleinen Marie passen; diese Wittwe hingegen weiß nur plumpe, gewagte Späße zu machen und hat, trotz ihrem prächtigen Staat, die rechte Haltung nicht.

Die drei Freier saßen an einem Tisch, der den ganzen Sonntagmorgen hindurch für sie gedeckt und mit Braten und Weinkrügen beladen blieb, denn der alte Leonard prahlte gern mit seinem Reichthum, und die Wittwe freute es ebenfalls, ihr schönes Tafelgeschirr sehen zu lassen und offenen Tisch zu halten, wie eine vornehme Dame. Wie schlicht und arglos er sonst auch war, hier durchschaute Germain die Lage mit einem gewissen Scharfsinn, und zum ersten Mal in seinem Leben stieß er beim Trinken mit mißtrauischer Zurückhaltung an. Der Alte hatte ihn nämlich neben seine Mitbewerber auf einen Stuhl genöthigt, setzte sich ihm gegenüber, bewirthete ihn unter dem eindringlichsten Zureden und zeichnete ihn überhaupt vor den Andern aus. Trotz der zwei fehlenden Rebhühner, die Germain auf eigene Rechnung verspeis't hatte, war das Wildpretgeschenk noch ansehnlich genug, um einen Eindruck hervorzubringen. Die Wittwe schien dadurch geschmeichelt, und die Freier zeichneten es durch einen geringschätzig hingeworfenen Blick aus.

Germain fühlte sich unbehaglich in dieser Gesellschaft, und das Essen wollte ihm nicht recht schmecken. Der alte Leonard zog ihn damit auf: Ihr seid ja ganz nachdenklich, sagte er zu ihm, und thut fremd mit Eurem Glase. Den Appetit dürft Ihr Euch durch die Liebe nicht verderben lassen, denn ein nüchterner Freier hat nie so schöne Redensarten bei der Hand, wie Einer, der seinen Gedanken mit einer Flasche Wein auf die Strümpfe geholfen hat. – Die Voraussetzung, er müsse schon verliebt sein, und die gezierten Geberden der Wittwe, die mit einem Lächeln die Augen niederschlug, wie Jemand, der seiner Sache gewiß ist, hatten für Germain etwas Demüthigendes und riefen die Lust in ihm wach, seine angebliche Niederlage in Abrede zu stellen; doch um nicht unhöflich zu erscheinen, lächelte er und waffnete sich mit Geduld.

Die Anbeter der Wittwe kamen ihm äußerst ordinär vor. Die waren offenbar sehr reich, denn sonst wären ihre Ansprüche sicherlich nicht geduldet worden. Der Eine war über die Vierzig hinaus und beinah eben so dick wie der alte Leonard; der Zweite war einäugig und trank sich ganz dumm; der Dritte war wohl jung und ziemlich hübsch; aber bei dem Bestreben, witzig zu sein, schwatzte er so albernes Zeug zusammen, daß er einen dauerte. Nichts desto weniger lachte die Wittwe darüber, als fände sie wirklich Wohlgefallen an all dem Unsinn, und bekundete dadurch gerade keinen feinen Geschmack. Zuerst hielt Germain ihn für den Bevorzugten; bald aber wurde er gewahr, daß man ihn selber ganz besonders aufmunterte und ihn etwas entschiedener vorgehen zu sehen wünschte. Diese Entdeckung veranlaßte ihn jedoch, seiner innersten Empfindung nach, nur, zu einem noch kühleren und ernsteren Betragen.

Als die Stunde des Kirchgangs geschlagen hatte, stand man auf, um mit einander die Messe zu besuchen, die in Mers, eine gute halbe Stunde von Fourche gelesen wurde. Germain war so müde, daß er gar zu froh gewesen wäre, wenn er noch die Zeit gefunden hätte, vorher ein wenig zu schlafen; da er aber die Messe nie zu versäumen pflegte, machte er sich mit den Uebrigen auf den Weg.

Allenthalben wimmelte es von Leuten, und die Wittwe stolzirte einher, von ihren drei Freiern umringt, die sie abwechselnd beim Arm nahm, indem sie sich auffällig brüstete und den Kopf so hoch trug, wie nur möglich. Es wäre ihr sehr lieb gewesen, auch mit dem Vierten vor dem vorübergehenden Publicum zu glänzen; doch Germain fand es dermaßen lächerlich, sich von einer Schürze rudelweise so ins Schlepptau nehmen zu lassen, daß er sich in gemessener Entfernung hielt und den alten Leonard durch sein Gespräch hinlänglich zu zerstreuen und zu beschäftigen suchte, um nicht in den Verdacht zu kommen, als gehöre er zum Gefolge der Schönen.


* * *


Als man das Dorf erreicht hatte, blieb die Wittwe stehen, um die Beiden zu erwarten. Ihren Einzug wollte sie durchaus mit vollständigem Personal halten; doch Germain, der ihr diese Genugthuung nicht zugestehen mochte, verließ den alten Leonard, um einige Bekannte anzureden, und trat durch eine andere Thür in die Kirche. Das verdroß die Wittwe.

Nach dem Gottesdienst spazierte sie mit triumphirender Miene auf der Gemeindewiese herum, wo getanzt wurde, und eröffnete den Reigen mit je Einem ihrer drei Liebhaber. Germain schaute ihr zu und fand, daß sie gut, aber anspruchsvoll tanzte.

Nun, nun! sagte Leonard, ihn auf die Schulter klopfend, warum fordert Ihr denn meine Tochter nicht zu einer Tour auf? Ihr seid doch zu schüchtern.

Seit dem Tode meiner Frau tanze ich nicht mehr, antwortete Germain.

Aber da Ihr Euch eine Zweite sucht, muß es vorüber sein mit der Trauer, im Herzen wie in der Kleidung.

Das ist noch immer kein Grund, Vater Leonard; übrigens komme ich mir auch zu alt vor, und mache mir aus dem Tanz nichts mehr.

Hört einmal, begann der Alte, indem er Germain bei Seite nahm, es hat Euch beim Eintritt in mein Haus verdrossen, die Festung bereits belagert zu sehen, und ich merke schon, daß Ihr ein wenig oben hinaus seid; aber das ist nicht vernünftig, mein Junge. Meine Tochter ist es gewohnt, daß man ihr zu Hof reitet, namentlich die letzten zwei Jahre her, seitdem sie die Trauer abgelegt hat, und es steht doch ihr nicht zu, die ersten Schritte zu thun.

Schon seit zwei Jahren könnte Eure Tochter wieder heirathen, und sie hat sich noch für keinen Freier entschieden? sagte Germain.

Sie will's nicht über? Knie brechen, und darin muß ich ihr Recht geben. Trotz ihrem aufgeweckten Wesen, das Euch vielleicht auf die Meinung gebracht hat, daß sie nicht groß nachdenkt, ist sie eine sehr verständige Frau, die ganz gut weiß, was sie thut.

Das nimmt mich Wunder, platzte Germain in seiner Aufrichtigkeit heraus, denn sie führt ein Geleite von drei Freiern mit sich, und wenn sie wüßte, was sie will, müßte sie mindesten deren Zwei für überflüssig finden und sie demnach ersuchen, zu Hause zu bleiben.

Ei warum denn? Daß versteht Ihr nicht, Germain. Sie mag weder den Alten, noch den Einäugigen, noch den Jungen, darauf möcht' ich wetten; wenn sie aber die Drei nach Haus schickte, so würde man glauben, daß sie Wittwe bleiben will, und da würde sich Keiner mehr melden.

Ah so! die dienen als Aushängeschild!

Ganz richtig, Wem soll das schaden, wenn sie's zufrieden sind?

Das ist Geschmackssache, sagte Germain.

Euch würde das allerdings nicht behagen. Aber seht, es läßt sich ja mit einander reden; setzen wir einmal den Fall, Ihr bekämt den Vorzug: da wäre es ja ein Leichtes, Euch freien Spielraum zu geben.

Wohl, setzen wir den Fall! Bis es sich aber herausstellte, wie lang müßt' ich noch zwischen Thür und Angel warten?

Das hängt, meines Erachtens, lediglich von Euch ab, je nachdem Ihr zu reden und zu überreden versteht. Bisher hat meine Tochter ganz gut begriffen, daß die besten Zeiten die sind, wo man sich den Hof machen läßt, und darum hat sie's so eilig nicht, einem Manne unterthan zu werden, während sie jetzt so und so Viele herumcommandiren kann. Sie wird also das Spiel forttreiben so lang es ihr gefallen wird; sowie sie jedoch an Euch mehr Gefallen findet, als an dem Spiel, kann das Spiel aufhören. Ihr braucht Euch nur nicht abschrecken zu lassen. Kommt jeden Sonntag wieder, führt sie zum Tanz, laßt merken, daß Ihr's mit den Andern aufnehmen wollt, und hält man Euch dann für liebenswürdiger und manierlicher als die Andern, nun so wird man's Euch eines Tages schon zu wissen thun.

Mit Verlaub, Vater Leonard. Eure Tochter hat das Recht, nach Belieben zu handeln, und ich darf sie darum nicht tadeln. Doch ich, wenn ich sie wäre, ich würde es anders angreifen; ich ginge aufrichtiger zu Werk und würde nicht so mit der Zeit von Männern wirthschaften, die jedenfalls etwas Besseres thun könnten, als sich um eine Frau herumzutummeln, die sie schließlich foppt. Aber gut, wenn sie ihre Freude und ihr Glück dabei findet, mich geht es nichts an. Nur muß ich Euch etwas mittheilen, das Euch zu sagen mich seit heute Morgen in einige Verlegenheit bringt, da Ihr Euch von Anfang an in meinen Absichten geirrt und mir keine Zeit gelassen habt, Euch darüber aufzuklären, so daß Ihr jetzt Dinge vermuthet, die gar nicht vorhanden sind. Wißt also, daß ich nicht hergekommen bin, um die Hand Eurer Tochter anzuhalten, sondern Euch das Joch Ochsen abzukaufen, das Ihr zum nächsten Wochenmarkt treiben wollt, und von denen der Schwäher meint, sie könnten ihm wohl taugen.

Ich versteh' Euch, Germain, antwortete Leonard ganz gelassen; Ihr habt Euren Sinn geändert, weil Ihr meine Tochter in Gesellschaft anderer Freier gesehen habt. Haltet es nach Belieben. Euch scheint gerade das abzuschrecken, was die Uebrigen lockt, und es steht Euch so vollkommen frei, Euch zurückzuziehen, zumal Ihr Euch noch gar in nichts eingelassen habt. Wenn es Euch wirklich ernst ist mit dem Ochsenhandel, will ich Euch zur Weide hinführen; dort können wir das Weitere besprechen; aber ob nun aus dem Geschäft was wird, oder auch nicht, jedenfalls müßt Ihr noch mit uns zu Mittag essen, bevor Ihr heimreitet.

Ich möchte nicht, daß Ihr Euch meinethalben bemüht, entgegnete Germain; Ihr habt vielleicht hier Mancherlei zu besorgen; mir wird beim Zusehen und Nichtsthun die Zeit ein wenig lang. Ich will Euer Vieh in Augenschein nehmen, und werde Euch hernach in Eurem Haus aufsuchen,

Hiemit entfernte er sich rasch und ging auf die Wiese zu, wo ihm Leonard in der That einen Theil seines Viehs von fern gezeigt hatte. Der alle Maurice hatte wirklich ein paar Stück nöthig, und Germain dachte, daß man ihm, wenn er ein schönes Paar Ochsen zu einem billigen Preis mitbrächte, um so bereitwilliger verzeihen würde, daß er den Zweck seiner Reise absichtlich verfehlt habe.

Er schritt wacker aus und befand sich bald in der Nähe des Ulmenhofs. Da empfand er das Bedürfniß, sein Söhnchen zu umarmen, und nebenbei auch die kleine Marie wiederzusehen, wiewohl er mit der letzten Hoffnung den Gedanken aufgegeben hatte, durch sie glücklich zu werden. Alles, was er so eben gesehen und gehört hatte, dieses gefallsüchtige, eitle Weib, ihr eben so pfiffiger wie beschränkter Vater, der sie in der angewöhnten dünkelhaften Unehrlichkeit bestärkte, dieser städtische Aufwand, der seiner Meinung nach gegen die Würde der ländlichen Sitten verstieß, die in nichtssagenden, albernen Worten vergeudete Zeit, diese von den seinen so grundverschiedenen Familienverhältnisse und namentlich jenes tiefe Mißbehagen, das den Bauersmann befällt, wenn er aus seiner ordnungsgemäßen Thätigkeit gerissen wird, – mit Einem Wort Alles, was ihm seit einigen Stunden Verdrießliches und Beschämendes widerfahren war, drängte Germain zu seinem Kind und seiner kleinen Nachbarin hin. Wäre er auch in diese nicht verliebt gewesen, er hätte sie nichts desto weniger aufgesucht, um sich von seinen Eindrücken zu erholen und seine Gedanken und Empfindungen wieder ins gewöhnliche Geleise zurückzuführen.

Er schaute sich indessen umsonst auf den nächstliegenden Wiesen um; weder die kleine Marie noch der kleine Peter kamen ihm zu Gesicht, und um die Stunde pflegte doch, wer das Vieh hütete, draußen zu sein. Auf einem brachliegenden Acker erblickte er eine große Heerde und fragte den Knaben, der sie überwachte, ob das nicht die Schafe vom Ulmenhof wären.

Ja, antwortete das Kind.

Bist du der Hirt? Hüten denn bei euch zu Lande die Buben die Schafe der Bauernhöfe?

Nein. Ich hüte sie nur heut, weil die Magd fort ist: sie ist krank geworden.

Aber es ist doch diesen Morgen eine Neue hergekommen?

Ja; die ist auch schon fort.

Wie so – fort? Hatte sie nicht ein Kind bei sich?

Ja, einen kleinen Buben, der geheult hat. Kaum waren sie zwei Stunden da, so sind sie wieder gegangen.

Gegangen – wohin?

Dahin wahrscheinlich, von wo sie hergekommen waren. Ich hab' sie nicht d'rum gefragt.

Aber weßhalb sind sie denn fort? fragte Germain, immer unruhiger.

Wie kann ich das wissen?

Hat man sich etwa über den Lohn nicht geeinigt? Der war doch eine vorher abgemachte Sache.

Ich weiß von nichts. Ich sah sie kommen und wieder gehen, mehr nicht.

Germain begab sich nun auf den Hof und – fragte bei den Pächtersleuten an.

Niemand konnte ihm Aufschluß geben; so viel aber stand fest, daß das Mädchen, nachdem es mit dem Bauern gesprochen, mit dem weinenden Kind fortgegangen war, ohne ein Wort zu sagen.

Hat man meinem Buben was gethan? rief Germain mit blitzenden Augen.

Der Bube gehörte also Euch? Wie kam's denn, daß er bei dem Mädel war? Wo seid Ihr zu Haus, und wie ist Euer Name?

Als Germain merkte, daß man anfing, seine Fragen, nach Landesbrauch, durch andere Fragen zu beantworten, verlangte er, vor Ungeduld mit dem Fuß stampfend, den Bauern zu sprechen.

Der war auch nicht mehr da: auf diesem Hof hielt er sich nie einen ganzen Tag auf. Er war fortgeritten, wahrscheinlich um einen andern von den Höfen zu besichtigen, die er besaß. – welchen, konnte man nicht sagen.

Aber habt Ihr denn gar keine Ahnung, fragte Germain, dem sehr bang geworden war, warum das Mädel fortgegangen ist?

Der Pächter tauschte mit seiner Frau ein eigenthümliches Lächeln aus; dann antwortete er, daß er von nichts wisse, und daß ihn die ganze Geschichte nichts angehe. Das Einzige, was Germain ermitteln konnte, war, daß das Mädchen mit dem Kinde die Richtung nach Fourche eingeschlagen hatte. Er lief also nach Fourche: die Wittwe und ihre Freier waren noch nicht zurück, auch der alte Leonard nicht. Die Magd erzählte Germain, es habe ein Mädchen mit einem Kinde nach ihm gefragt, aber sie habe die Beiden nicht ins Haus lassen wollen, da sie sie nicht kannte, und habe sie nach Mers geschickt.

Und weßhalb habt Ihr sie nicht einlassen wollen? fragte Germain ärgerlich. Treibt man denn hier zu Land das Mißtrauen so weit, daß man seinem Nebenmenschen, die Thür vor der Nase zuschlägt?

Ja, mein Gott! erwiderte die Magd, in einem so reihen Haus hat man's nöthig, recht auf der Hut zu sein. Ich muß für Alles einstehen, wenn die Herrschaft fort ist, und kann den Ersten Besten nicht hereinlassen.

Das ist eine garstige Hausordnung, sagte Germain, und lieber möcht' ich arm sein, als so in ewiger Angst zu leben. Ich geh' schon, Mädel! In eurer unfreundlichen Gegend mag ich gar nicht bleiben!

Er erkundigte sich nun in der Nachbarschaft. Man hatte das Mädchen und das Kind gesehen. Da dieses, weil es heimlich aus dem väterlichen Hause fortgelaufen war, nur seinen etwas zerrissenen Kittel und sein kleines Schaffell trug, und da die kleine Marie zu allen Zeiten, aus leicht zu begreifenden Gründen, sehr ärmlich gekleidet ging, hatte man die Beiden für Bettelleute gehalten und ihnen Brod dargereicht, wovon das Mädchen für das hungrige Kind auch ein Stück angenommen hatte; hierauf waren sie eilig dem Walde zugeschritten.

Germain besann sich einige Augenblicke; dann fragte er, ob der Ulmenhofbauer nicht nach Fourche gekommen sei.

Ja wohl, lautete die Antwort; kurz nachdem das kleine Mädchen fort war, ritt er vorbei.

Ihr nach?

Aha! Ihr kennt ihn also? lachte der Schenkwirth, an den sich Germain gewendet hatte. Gewiß, gewiß; der ist Euch auf die Mädel versessen, wie der Teufel auf die armen Seelen. Aber ich glaube doch nicht, daß er die gefangen hat, wiewohl, wenn er sie gesehen hätte . . .

Genug – ich dank' Euch! Mit diesen Worten rannte oder vielmehr flog Germain auf und davon, nach Leonard's Stallung. Dort warf er der Grauen den Sattel über, schwang sich auf und sprengte in gestrecktem Galopp in der Richtung des Chantelouber Waldes fort.

Das Herz sprang ihm in der Brust auf und nieder vor Angst und Wuth, und von seiner Stirne rieselte der Schweiß. Wie ein Verzweifelter spornte er die Graue an, die schon ohnedies mit Windeseile hinsaus'te, weil sie merkte, daß es nun heimwärts ging in den ersehnten Stall.


* * *


Germain war sehr bald wieder an der Stelle, wo er bei der Pfütze die Nacht zugebracht hatte. Das Feuer qualmte noch; ein altes Weib war gerade damit beschäftigt, die Ueberbleibsel des Holzvorraths aufzulesen, den die kleine Marie herbeigeschleppt hatte. Germain hielt an, um das Mütterchen zu befragen. Es war taub, und verstand Alles falsch.

Ja, mein Sohn, sagte es, das hier ist der Teufelssumpf – ein schlimmer Ort, dem man sich nie nähern darf, ohne mit der linken Hand drei Steine hineinzuschleudern und mit der Rechten ein Kreuz zu schlagen: das verscheucht die bösen Geister. Wer's aber unterläßt, und doch um das Moor herumgeht, dem widerfahren schreckliche Dinge.

Davon ist ja die Rede nicht, sagte Germain, zu der Alten hintretend; dann schrie er ihr ins Ohr: Habt Ihr nicht ein Mädel mit einem Kinde durch den Wald gehen sehen?

Ja, antwortete die Alte, es ist einmal ein kleines Kind darin ertrunken.

Germain überlief es kalt; glücklicher Weise fuhr die Alte fort:

Aber das ist schön sehr lange her; sie haben ein schönes Kreuz zum Angedenken gestiftet, allein die bösen Geister haben es über Nacht, wie ein großer Sturm war, ins Wasser geworfen. Ein Endchen davon kann man noch sehen. Wer das Unglück hätte, bei Nacht hieherzugerathen, der fände vor Tag nun und nimmermehr hinaus, und wenn er sich auch die Füße abliefe; zweihundert Wegestunden dürfte er machen, und käme dennoch immer auf denselben Fleck zurück.

Unwillkürlich wirkte das Geschwätz auf Germain's Einbildung, und die Vorstellung des Unglücksfalls, der vielleicht die Versicherungen der Alten noch bestätigen sollte, bohrte sich so in seinen Kopf, daß ihn von oben bis unten ein Frost schüttelte. Da er nicht hoffen konnte, nähere Auskunft zu erlangen, setzte er sich wieder aufs Pferd und durchstreifte den Wald, sein Kind aus Leibeskräften beim Namen rufend; er pfiff, knallte mit der Peitsche, knickte Zweige ab, damit seine Anwesenheit recht weit vernommen werden müsse; dann lauschte er, ob ihm nicht etwa eine Stimme Antwort gäbe; aber er hörte nichts als die Glocken der Kühe, die rings im Gehölz zerstreut weideten, und das erbos'te Grunzen der Schweine, die sich um ihren Eichelfraß zankten.

Endlich drang der Hufschlag eines Pferdes an sein Ohr, das hinter ihm hergetrabt kam, und bald darauf wurde er von einem Manne angerufen in mittleren Jahren, von der Sonne gebräunt, stämmig von Gestalt, halb bäurisch und halb städtisch gekleidet. Germain hatte den Ulmenhofbauern nie gesehen, aber seine Wuth brachte ihn instinctmäßig auf den Gedanken: das muß er sein! Er kehrte sich um, maß ihn vom Wirbel bis zur Sohle mit dem Blick und wartete auf die Anrede des Mannes.

Habt Ihr nicht ein fünfzehn- oder sechzehnjähriges Mädel mit einem kleinen Buben, da herum gesehen? frug dieser scheinbar gleichgültig, ohne jedoch seine Aufregung vollständig verbergen zu können.

Was wollt Ihr von ihr? erwiderte mit unverhohlenem Grimm.

Darauf kann ich Euch zwar antworten, daß Euch das nichts angeht, mein Freund; weil ich aber keinen Grund habe, es Euch zu verschweigen, so mögt Ihr erfahren, daß ich die Dirne, ohne sie zu kennen, auf ein Jahr zum Schafhüten gedungen hatte . . . Als ich sie nun von Angesicht sah, kam sie mir für die sonstige Arbeit auf dem Hof zu jung und schwächlich vor. Ich schickte sie deßhalb fort, wollte ihr jedoch ihre Reisekosten vergüten; sie aber hat sich geärgert und ist hinter meinem Rücken davongelaufen . . . So eilig hat sie's gehabt, daß sie sogar Einiges von ihren Siebensachen und ihren Geldbeutel im Stich ließ – na, in dem steckt gewiß nicht viel, ein paar lumpige Sous vermuthlich! . . . Kurz, weil ich doch des Wegs mußte, dacht' ich mir: vielleicht triffst du sie an und kannst ihr dann zurückgeben, was sie vergessen hat, und was du ihr schuldig bist.

Germain war ein so grundehrliches Gemüth, daß er beinah in seinem Verdacht irre wurde bei dieser wenn nicht sehr wahrscheinlichen, so doch nicht unmöglichen Erklärung. Er heftete auf den Ulmenhofbauern einen durchdringenden Blick, den dieser mit größter Unbefangenheit oder Unverschämtheit ertrug.

Ich muß durchaus klar sehen, dachte Germain, und seine Entrüstung unterdrückend sagte er:

Das Mädel kenne ich; es ist aus unserm Dorf und wird wohl hier herum zu finden sein. Versuchen wir's, und reiten wir selbander weiter.

Ihr habt Recht, antwortete der Ulmenhofbauer. Reiten wir selbander . . . Aber wenn sie bis zum Kreuzweg dort nicht zum Vorschein kommt, so geb' ich's auf, denn ich muß noch hinüber nach Ardentes.

Oho! dachte Germain, dich lass' ich nicht weg, und müßt' ich vierundzwanzig Stunden lang mit dir um die Teufelspfütze herumreiten.

Halt! rief er plötzlich, das Auge auf einen Ginsterbusch heftend, der sich ganz sonderbar hin- und herbewegte: Holla, holla. Peterle! Kind, bist du's?

Da Peterle die Stimme seines Vaters erkannte, hüpfte er wie ein junges Reh hinter dem Busch hervor. Doch als er sah, daß der Ulmenhofbauer dabei war, blieb er verdutzt und unschlüssig stehen.

Komm, mein Peterle! komm her! Ich bin's! rief Germain; er ritt auf ihn zu und sprang dann vom Pferd, um ihn in seine Arme zu schließen.

Aber wo ist denn die kleine Marie?

Dort drüben hat sie sich versteckt, weil sie sich vor dem bösen schwarzen Mann fürchtet; ich fürchte mich auch.

Ei, sei nur ganz ruhig; ich bin ja da . . . Marie! Marie! Ich bin's!

Marie war vorsichtig herbeigeschlichen, und sowie sie Germain, dem der Ulmenhofbauer gefolgt war, erblickte, lief sie zu ihm hin und warf sich an seine Brust.

Nicht wahr, guter Germain, sagte sie, indem sie sich an ihn schmiegte wie ein Kind an seinen Vater, nicht wahr. Ihr werdet mich schützen? Bei Euch hab' ich keine Furcht.

Germain zitterte. Er betrachtete Marie: sie war bleich, und ihre Kleider waren von den Dornhecken zerrissen worden, zwischen denen sie sich durchgedrängt halte, als sie sich wie ein gehetztes Wild ins Dickicht flüchtete. Aber in dem Ausdruck ihres Gesichts lag weder Scham noch Verzweiflung.

Dein Herr will mit dir reden, sagte Germain, der kein Auge von ihren Zügen wendete.

Mein Herr! erwiderte sie stolz; der Mensch dort ist mein Herr nicht, und wird es auch nie sein! Mein Herr seid Ihr, Germain. Ihr müßt mich mit Euch nehmen. Ich will Euch ganz umsonst dienen!

Der Ulmenhofbauer war näher herangeritten und stellte sich etwas ungeduldig:

Da. Kleine, bring' ich Euch Einiges, was Ihr bei uns habt liegen lassen.

Nichts da, Bauer, entgegnete die kleine Marie; ich habe nichts liegen lassen und will nichts von Euch . . .

Tretet nur ein wenig näher, hub der Bauer wieder an; ich muß Euch etwas sagen. Na, wird's bald? So habt doch keine Furcht! . . . Bloß auf zwei Worte . . .

Die mögt Ihr mir nur laut sagen . . . Ich habe mit Euch keine Geheimnisse.

Nehmt denn zum Mindesten Euer Geld in Empfang.

Mein Geld? Ihr seid mir gottlob keins schuldig.

Ich hab' mir's gleich gedacht, flüsterte ihr Germain zu; aber gleichviel – hör' ihn an, Marie . . . Ich möchte wissen, was er dir zu sagen hat. Du wirst mir's berichten; ich habe meine guten Gründe. Tritt nur an sein Pferd hin . . . Ich verliere dich nicht aus den Augen.

Marie gehorchte, und der Ulmenhofbauer sprach mit gedämpfter Stimme, indem er sich zu ihr niederbeugte:

Da hast du einen blanken Louisd'or, Kleine! Nichts ausplaudern – verstanden? Ich werde sagen, daß ich dich für die gröbere Arbeit nicht kräftig genug fand . . . Und jetzt lassen wir Alles auf sich beruhen . . . Dieser Tage komme ich wieder durch, euer Dorf geritten, und wenn du wirklich nicht geschwätzt hast, schenk' ich dir noch etwas . . . Solltest du übrigens auf klügere Gedanken gerathen, so brauchst du bloß zu reden: dann nehm' ich dich wieder zu mir, oder wir treffen einander bei Nacht auf der Wiese . . . Was könnt' ich dir wohl für ein Präsent mitbringen?

Dies nehmt einstweilen von mir als Präsent! antwortete die kleine Marie mit lauter Stimme und schleuderte ihm seinen Louisdor mit aller Kraft ins Gesicht. Ich dank' Euch recht sehr und bitt' Euch, mich nur vorher wissen zu lassen, wann Ihr wieder bei uns vorüberkommt: alle Burschen aus dem Dorf sollen Euch empfangen, denn bei uns stehen die Leute hoch in Ehren, die armen Mädchen nachstellen! Ihr werdet schon sehen; es soll Euch nicht fehlen.

Ihr seid ein Lästermaul und eine Klatschschwester! rief der Bauer zornig, indem er seinen Stecken drohend erhob. Ihr möchtet den Leuten gern Dinge weißmachen, an denen kein wahres Wort ist; aber von mir sollt Ihr keinen Heller erpressen: man durchschaut Eure Schliche!

Marie war erschrocken zurückgetreten; doch Germain war auf das Pferd des Bauern losgestürzt und zerrte es beim Zügel hin und her.

Jetzt liegt Alles am Tag! rief er, und wir sehen genugsam, wo Barthel den Most holt . . . Herunter vom Gaul, Kamerad! Abgesessen und Rede gestanden!

Der Bauer, der keine Lust hatte, weiter auf den Streit einzugehen, gab seinem Pferde die Sporen, um sich frei zu machen, und versuchte mit dem Stock auf die Hände des Gegners loszuschlagen, damit dieser die Zügel fahren lasse; aber Germain wich dem Streich aus, packte den Bauern am Bein und riß ihn vom Sattel herunter, daß er auf die Farrenkräuter hinstürzte; dort warf er den wieder Aufgesprungenen und sich tapfer Wehrenden nieder, und als er ihm das Knie auf die Brust gedrückt hatte, sagte er:

Du ehrloser Mensch, ich könnte dich jetzt zu Schanden prügeln, wenn mir's gefiele! Doch ich habe keine Freude daran. Andern Uebles anzuthun, und dein Gewissen kann ich dir doch nicht wachprügeln . . . Aber du sollst mir nicht von dieser Stelle, bevor du das Mädel da fußfällig um Verzeihung gebeten hast.

Der' Bauer, dem dergleichen schon öfter zugestoßen war, wollte der Sache eine komische Wendung geben. Er erklärte, daß er kein gar so großer Sünder sei, da er ja nur in Worten gesündigt, und daß er gern bereit wäre, Abbitte zu leisten, wenn er nachher das Mädel küssen dürfte, und wenn man schließlich in Gutem aus einander gehen würde, nachdem man noch zuvor im nächsten Wirthshaus einen Versöhnungsschoppen zusammen getrunken.

Eigentlich bist du mir zu erbärmlich! erwiderte Germain, indem er ihm den Kopf ins Farrenkraut hineindrückte, und ich mag dein Galgengesicht gar nicht länger vor Augen haben. Schäme dich, wenn du's noch kannst, und wenn dich dein Weg, über unser Dorf führt, so schleiche ja seitwärts vorüber, wie es einem lichtscheuen armen Sünder ziemt.

Er hob den Knotenstock des Bauern von der Erde, brach ihn über das Knie entzwei, um auch den letzten Zweifel an der Ueberlegenheit seiner Muskelkraft zu zerstören, und warf die Stücke verächtlich von sich. Dann nahm er sein Söhnchen an die eine Hand, die kleine Marie an die andere, und entfernte sich, vor lauter Entrüstung noch an allen Gliedern zitternd.


* * *


Ein Viertelstunde darauf hatten sie die Haide bereits hinter sich und trabten auf der Landstraße weiter; die Graue wieherte jedem bekannten Gegenstand ihren Gruß zu, und der kleine Peter erzählte dem Vater in seiner Weise die Erlebnisse des Tages.

Kaum waren wir da, so kam der Mann zu uns in den Stall, wo wir die schönen Schafe betrachteten, um mit meiner Marie zu reden. Ich war in die Krippe hinaufgeklettert, um zu spielen, und der Mann sah mich nicht. Er hat meiner Marie guten Tag gesagt, und hat ihr ein Küßchen gegeben.

Das hast du geduldet, Marie? sprach Germain bebend vor Zorn.

Ich hab's für eine bloße Höflichkeit gehalten, für einen dort gebräuchlichen Willkommsgruß, wie bei euch die Großmutter die Dirnen ja auch küßt, wenn sie ihren Dienst antreten, gleichsam um ihnen zu zeigen, daß sie sie freundlich aufnimmt und ihnen eine andere Mutter sein will.

Und dann, fuhr Peterle fort, ganz stolz, einmal etwas recht Wichtiges erzählen zu können, dann hat der Mann etwas Garstiges zu dir gesagt, Marie, etwas, von dem du mir gesagt hast, ich soll's nie selber sagen und mich auch nie mehr dran erinnern: ich hab's auch gleich wieder vergessen; aber wenn der Papa verlangt, daß ich ihm sage, was es war . . .

Nein, Peterle, ich will es nicht hören und verlange, daß du dir's für alle Zeiten aus dem Sinn schlägst.

Wenn es so steht, will ich's ganz und gar vergessen, erwiderte das Kind. Und dann ist der Mann zornig geworden, weil ihm die Marie gesagt hat, sie wolle fortgehen. Er hat ihr gesagt, er wolle ihr Alles geben, was sie begehre, hundert Francs! Und dann ist meine Marie auch zornig geworden. Dann ist er auf sie zugegangen, als wollte er ihr etwas zu Leid thun. Da bekam ich Furcht und sprang zu der Marie herunter und schrie. Und dann hat der Mann gesagt: Was soll das heißen? Wo kommt das Kind her? Hinaus mit ihm! Und er schwang seinen Stock, um mich zu schlagen. Aber meine Marie hat ihn dran verhindert und hat zu ihm gesagt: Später reden wir noch mit einander, Herr; jetzt aber muß ich das Kind nach Fourche führen; nachher komme ich zurück. Und sowie der Mann aus dem Stall gegangen war, hat meine Marie zu mir gesagt: Mein Peterle, hat sie gesagt, wir müssen fortlaufen und machen, daß wir so rasch wie möglich von hier fortkommen, denn der Mann da ist bös und würde uns etwas zu Leide thun. Dann sind wir hinter der Scheune vorbeigegangen und über eine kleine Wiese gegangen und nach Fourche gegangen, um dich zu suchen. Aber du warst nicht da, und man hat uns nicht erlauben wollen, auf dich zu warten, und dann ist der Mann auf einem Rappen hinter uns hergeritten, und wir sind vor ihm fortgelaufen und haben uns im Wald versteckt. Und dann ist auch er in den Wald gekommen, und wenn wir ihn kommen hörten, versteckten wir uns wieder. Und wenn er dann vorübergeritten war, liefen wir wieder weiter, um heimzukommen; und dann bist endlich du gekommen und hast uns gefunden, und so ist Alles gewesen. Nicht wahr, meine liebe Marie, ich habe nichts vergessen?

Nein, Peterle, genau so trug sich's zu, und Ihr, Germain, müßt nun bei uns im Dorfe Zeugniß für mich ablegen und Jedermann erklären, daß der Grund, warum ich's dort nicht aushielt, gewiß nicht Unwilligkeit oder Arbeitsscheu war.

Und dich, Marie, sagte Germain, bitte ich, an dich selbst die Frage zu stellen, ob ein Mann von achtundzwanzig Jahren zu alt ist, um ein Weib zu beschützen und einen unverschämten Menschen zu züchtigen. Ich möchte doch wissen, ob der Bastian oder irgend ein anderer schmuckerer und um zehn kommende Lebensjahre reicherer Bursche durch »den Mann«, wie ihn Peterle nennt, nicht zermalmt worden wäre; meinst du nicht auch?

Ich meine, Germain, daß Ihr mir einen großen Dienst geleistet habt, für den ich Euch Zeit meines Lebens dankbar bleiben werde.

Weiter hast du mir nichts zu sagen?

Lieber Papa, sagte das Kind, ich habe nicht daran gedacht, mit der kleinen Marie zu reden, wie ich dir versprach. Ich habe gewiß keine Zeit gehabt, aber zu Haus will ich's ihr schon sagen und der Großmutter auch.

Dieses kindliche Versprechen brachte Germain wieder auf andere Gedanken. Zunächst handelte es sich für ihn um die Auseinandersetzung mit den Schwiegereltern, wobei die Gründe, die er gegen die Wittwe Guerin geltend machen konnte, aufgezählt, hingegen diejenigen, die seinen Blick zu so strengem Richten geschärft hatten, verschwiegen werden mußten. Das stolze Glück fragt nicht lange, woher es den Muth hernehmen soll, seine Anerkennung bei Anderen zu erstreben; aber für den, der von einer Seite her abgestoßen und von der anderen, abgewiesen wurde, ist die Sachlage so bequem nicht.

Glücklicher Weise schlief der kleine Peter, als sie heimkamen, und Germain legte ihn, ohne ihn auszukleiden, auf sein Bett. Dann gab er alle zulässigen Erklärungen ab. Vater Maurice, der auf seinem Schemel mit drei Füßen vor der Hausthüre saß, hörte ernsthaft zu, und als Germain, nachdem er ihm die systematische Koketterie der Wittwe vorgehalten hatte, ihn fragte, ob ein Bauersmann Muße genug habe, alle zweiundfünfzig Sonntage im Jahr die Cour zu schneiden, auf die Gefahr hin, zu guter Letzt mit einem Korbe heimgeschickt zu werden, da sagte der Schwiegervater, so wenig ihn auch der Erfolg der Reise befriedigte, mit einem beistimmenden Kopfnicken: Unrecht kann ich dir nicht geben; es hat eben nicht sein sollen. Und als Germain dann auch berichtete, wie er die kleine Marie schleunigst wieder habe zurückbringen müssen, um sie den Beschimpfungen, ja vielleicht sogar der Gewaltthätigkeit eines niederträchtigen Dienstherrn zu entziehen, da nickte Vater Maurice abermals mit dem Kopf und sagte: Auch darin geb' ich dir nicht Unrecht, Germain; das warest du ihr schuldig.

Nachdem Germain mit seiner Erzählung und der Begründung seiner Ansicht zu Ende war, stießen der Schwiegervater und die Schwiegermutter gleichzeitig einen tiefen Seufzer der Ergebung ins Unabänderliche aus und schauten einander an. Dann stand das Familienoberhaupt auf: In Gottes Namen! sprach er; Sein Wille geschehe! Das Gefühl läßt sich nicht erzwingen.

Kommt mit zum Abendessen, sagte die Großmutter. Es ist schade, daß es seinen bessern Verlauf genommen hat; aber was hilft's? Gott wird's wohl nicht so gewollt haben. Wir werden uns eben wo anders umsehen.

Ja, setzte der Alte hinzu; meine Frau hat Recht: wir werden uns wo anders umsehen.

Damit war die Sache abgethan, und als Peterle am andern Tag mit den Lerchen beim Morgengrauen erwachte, hatte sich die Aufregung, in die ihn seine außerordentlichen Erlebnisse gebracht, bereits gelegt, und er verfiel wieder in die Gleichgültigkeit seiner Alters- und Standesgenossen für das Vergangene, vergaß Alles, was durch den kleinen Kopf gefahren war, und dachte nur daran, sich mit seinen Geschwistern herumzutummeln oder den Ochsen und Pferden gegenüber »den Mann« zu spielen.

Germain suchte das Vergessene in der gewohnten Thätigkeit, war aber so traurig und zerstreut, daß es Jedermann auffiel. Mit der kleinen Marie sprach er kein Wort; er sah sie nicht einmal an, und dennoch, wenn man ihn gefragt hättet wo sie arbeite oder welchen Weg sie gegangen sei, und er hätte sich zu einer Antwort herbeigelassen, so würde er's zu jeder Tageszeit genau gewußt haben. Er hatte nicht gewagt, seine Schwiegereltern aufzufordern, sie möchten sie über den Winter zu sich ins Haus nehmen, obwohl er denken mußte, daß sie allen möglichen Entbehrungen ausgesetzt war . . . Aber merkwürdig! Dies Mal fand sich das Elend bei der Guillette nicht ein, und das Mütterlein konnte gar nicht begreifen, wie es sich fügte, daß ihre bescheidener Holzvorrath nie kleiner wurde; ja daß der Schuppen, der am vorigen Abend beinahe leer gewesen, in der Frühe wieder gefüllt war. Eben so ging es auch mit dem Korn und mit den Kartoffeln. Es stieg offenbar Jemand bei Nacht zum Dachfenster herein und schüttete den Inhalt eines Sacks geräuschlos aus, ohne irgend eine andere Spur seines Kommens zu hinterlassen. Die alte Frau fand dieses Treiben einerseits zwar unheimlich, aber andrerseits wieder sehr erfreulich; sie schärfte ihrer Tochter ein, von dem Wunder nichts verlauten zu lassen, denn sie fürchtete, man möchte sie, falls die Sache ruchtbar würde, als Hexe verschreien. Im Stillen dachte sie wohl, daß der Teufel dabei die Hand im Spiel haben müsse, doch sie hatte es so eilig nicht, es mit ihm zu verderben und den Herrn Pfarrer herbeizurufen, damit er ihn austreibe; es sei ja noch immer früh genug, meinte sie, wenn der Satan einmal anfangen sollte, ihr Gegenleistungen für seine Wohlthaten zuzumuthen.

Die kleine Marie aber wußte, daß es mit rechten Dingen zuging; nur wagte sie nicht, mit Germain darüber zu sprechen, weil sie ihm keinen Anlaß bieten wollte, seinen Heirathsantrag aufs Neue zu stellen; so gab sie sich denn, wie er, den Anschein, als ahne sie von dem ganzen Handel nichts.


* * *


Eines Tages war die Mutter Maurice im Baumgarten mit Germain allein und redete ihn zutraulich folgendermaßen an: Mein armer Sohn, ich fürchte, Euch ist gar nicht wohl. Euch schmeckt das Essen nicht mehr wie sonst, das Lachen ist Euch auch vergangen, und Ihr werdet immer schweigsamer. Hat irgend wer im Haus oder haben vielleicht wir selber Euch, ohne es zu wissen und zu wollen, Kummer verursacht?

Nein. Mutter, antwortete Germain, Ihr seid stets so gut gegen mich gewesen, wie die Mutter, die mich geboren hat, und ich wäre recht undankbar, wenn ich über Euch oder Euren Mann oder irgend wen im Haus klagte.

Wenn dem also ist, so kann nichts Anderes Schuld daran sein, als der Schmerz um den Tod Eurer Frau, der Euch neuerdings zu Herzen geht. Euer Kummer wächs't, anstatt mit der Zeit nachzulassen, und Ihr müßt durchaus thun, was Euch Euer Schwäher wohlweislich gerathen hat: heirathen.

Ja, Mutter, so denke ich auch; aber die Weiber, zu denen mir gerathen worden ist, passen nicht zu mir, und wenn ich sie sehe, muß ich nur noch lebhafter an meine Katharina denken, die ich doch bei ihnen vergessen soll.

Nun, so haben wir offenbar Euren Geschmack nicht getroffen, und Ihr müßt uns dadurch an die Hand gehen, daß Ihr uns die ganze Wahrheit sagt. Jedenfalls giebt es in der Welt Eine, die für Euch geschaffen ist, denn der liebe Gott schafft niemals ein menschliches Wesen, ohne ihm zu gleicher Zeit ein anderes menschliches Wesen zu bestimmen, in dem er sein Glück finden soll. Wenn Ihr also jenes Weib kennt, das Gott für Euch geschaffen, so führt sie heim, und mag sie schön sein oder häßlich, jung oder alt, reich oder arm, wir sind fest entschlossen, mein Alter und ich, unsern Segen dazu zu geben, denn es macht uns Sorge, Euch so traurig zu sehen, und wir können nicht in Zufriedenheit leben, wenn Ihr nicht zufrieden seid.

Mutter. Ihr habt ein so gutes Herz wie der liebe Gott, und der Schwäher ist eben so gut wie Ihr, erwiderte Germain; aber Euer Mitleid kann leider meinen Gram nicht heilen, denn das Mädel, das ich haben möchte, mag mich nicht.

Sie ist wohl für Euch zu jung? Es war nicht klug von Euch, Euch in ein junges Ding zu verlieben.

Nun ja, liebe Mutter, ich war so unklug, mich in eine Junge zu verlieben, und ich selber tadle mich darob. Ich thu' auch mein Möglichstes, um mir's aus dem Sinn zu schlagen; aber, ob ich nun arbeite oder feiere, in der Kirche oder in meinem Bett, bei meinen Kindern oder bei Euch, immer muß ich daran denken; ein anderer Gedanke will mir gar nicht mehr in den Kopf.

Das ist ja gerade, wie wenn Ihr von einem Zauber besessen wärt, Germain. Da giebt es freilich nur Ein Mittel: jenes Mädel muß seinen Sinn ändern und Euch erhören. Und zu diesem Zweck will ich mich der Sache annehmen und sehen, was zu thun ist. Darum, sagt mir, wo sie wohnt und wie sie heißt,

Ach, liebe Mutter, ich trau' mich nicht, sprach Germain, denn Ihr würdet mich auslachen.

Ich werde Euch keineswegs auslachen, Germain, denn Ihr habt ein wehes Herz, und ich will es Euch nicht noch weher machen. Ist es wohl die Fanchette?

Nein, Muttern die ist es nicht.

Oder die kleine Rose?

Auch nicht.

So sagt es doch gerade heraus, denn wir kommen ja zu keinem Ende, wenn ich alle Mädchen aus dem Dorf herzählen soll.

Germain senkte den Kopf und konnte sich zu keiner Antwort entschließen.

Wie Ihr wollt! sagte Mutter Maurice; ich nehm Euch heut nicht länger ins Gebet; morgen faßt Ihr vielleicht mehr Vertrauen zu mir, oder Eurer Schwägerin gelingt es, Euch geschickter auszuforschen.

Dabei nahm sie ihren Waschkorb, von der Erde und ging auf die Hecken zu, um ihr Weißzeug zum Trocknen darüber auszuspannen.

Germain that nun, was die Kinder thun, die sich erst dann zum Reden herbeilassen, wenn sie merken, daß man sich weiter nicht mehr mit ihnen beschäftigen wird.

Er folgte der Schwiegermutter nach und nannte endlich unter Zittern und Beben »der Guillette ihre kleine Marie.«

Die Mutter Maurice war nicht wenig überrascht, denn daran hätte sie zu allerletzt gedacht. Aber sie war so zartfühlend, die Hände nicht überm Kopf zusammenzuschlagen und ihre Glossen im Stillen zu, machen. Als sie sah, daß ihr Schweigen Germain ganz zu Boden drückte, reichte sie ihm ihren Korb und sagte: Aber das ist doch kein Grund, mir nicht bei der Arbeit zu helfen. Da, tragt mir den Korb nach, und redet mit mir darüber. Habt Ihr's auch vollkommen reiflich erwogen, Germain? Habt Ihr's unwiderruflich beschlossen?

Ah, lieb Mutter! so müßt Ihr nicht mit mir sprechen: entschlossen wäre ich, wenn ich hoffen könnte; da ich jedoch nicht erhört würde, bin ich entschlossen, von dieser Krankheit zu genesen, wenn ich's vermag.

Und wenn Ihr's nun nicht vermöchtet?

Alles hat seine Grenzen, Mutter Maurice: wenn man einem Pferd zu unmenschliche Lasten aufbürdet, bricht es zusammen, und wenn ein Ochse kein Futter mehr bekommt, so verhungert er.

Das heißt ja so viel, als Ihr müßt sterben, wenn Ihr bei dem Mädchen nicht ankommt? Das möge Gott verhüten. Germain! Dergleichen aus Eurem Munde zu hören, macht mir bang, weil ich weiß, daß Ihr nie anders sprecht, als Ihr wirklich denkt. Ihr seid nichts weniger als wehleidig, und eine solche Schwäche ist gerade bei starken Gemüthern gefährlich. Nehmt Euch zusammen, und laßt nicht gleich alle Hoffnung fahren. Es ist ja ganz unbegreiflich, daß Euch ein Mädel zurückweisen sollte, das im Elend lebt und sich's zur größten Ehr' anrechnen muß, wenn Euresgleichen um sie anhält.

Und dennoch ist es so: sie schlägt mich aus.

Aber was für Gründe hat sie Euch denn angegeben?

Daß Ihr und der Schwäher ihr stets Lieb's und Gut's gethan, daß sie und ihre Mutter euch Beiden gar Viel zu danken haben, und daß sie nicht Euer Mißfallen auf sich lenken will, indem sie mich von einer reichen Heirath abwendig macht.

Wenn das ihre Worte sind, zeugt es von guten Gefühlen und ist brav und rechtschaffen von ihr. Aber, Germain, durch derlei Reden werdet Ihr nicht geheilt, denn wahrscheinlich sagt sie Euch auch, daß sie Euch lieb hat und Euch nehmen würde, wenn wir nichts dagegen hätten?

Nein, das Allertraurigste ist ja gerade, daß, sie mir gesagt hat, es spreche in ihrem Herzen Nichts für mich!

Wenn sie anders spricht, als sie denkt, um Euch dabei am sichersten fern zu halten, hat es das Kind um uns verdient, daß wir es lieben und ihm seine Jugend in Anbetracht seines großen Verstandes nachsehen.

Wirklich? rief Germain, in dem plötzlich ein Hoffnungskeim aufschoß, der bis jetzt seinem Grübeln entgangen war: ja das wäre recht brav von ihr, ganz wie es in Kalendergeschichten zu lesen ist! Aber ich fürchte gar sehr, daß sie nur deßhalb so viel Verstand an den Tag legt, weil ich ihr mißfalle.

Germain, sagte die Mutter Maurice, nun müßt Ihr mir versprechen, die ganze Woche hindurch fein ruhig zu bleiben und Euch nicht selber so zu quälen, sondern ordentlich zu essen, zu trinken, zu schlafen, kurz, guter Dinge zu sein, wie sonst. Ich für mein Theil will mit meinem Alten reden, und wenn ich ihn so weit bringe, daß er Ja sagt, dann werdet Ihr auch über die eigentlichen Gesinnungen des Mädels ins Klare kommen.

Germain versprach, nach der Schwiegermutter Rath zu handeln, und die Woche verstrich. Vater Maurice hatte die Sache ihm gegenüber mit keiner Silbe erwähnt und that, als ob er von nichts wüßte. Wie ruhig Germain sich auch stellen machte, von Tag zu Tag wurde er bleicher und sorgenvoller.

Am Sonntagmorgen, nach der Messe, fragte ihn endlich die Schwiegermutter, ob er seit ihrer letzten Unterredung mit ihm bei seiner Liebsten nichts ausgerichtet habe.

Nein, gar nichts, antwortete er. Ich habe nicht einmal mit ihr gesprochen.

Aber wie wollt Ihr sie denn überzeugen, wenn Ihr nicht mit Ihr sprecht! Ich habe überhaupt nur Ein Mal mit ihr gesprochen, sagte Germain. Es war, wie wir zusammen nach Fourche reis'ten, und seitdem habe ich kein einzig Wort mit ihr gewechselt. Ihre damalige Antwort hat mir so weh gethan, daß ich lieber schweige, um nicht wieder aus ihrem Mund vernehmen zu müssen, daß sie mich nicht mag.

Jetzt, mein Sohn, ist der Augenblick gekommen, wo Ihr mit ihr reden müßt, denn Euer Schwäher ermächtigt Euch dazu. Entschließt Euch also, und geht zu ihr hin! Das rath' ich Euch, und befehl' es Euch sogar, wenn Euch ein Rath nicht genügt; in dem Zweifel dürft Ihr nicht länger verharren.

Germain gehorchte. Mit gesenktem Kopf und gedrückter Miene trat er in die Hütte der Guillette. Die kleine Marie saß allein beim Herd und war so tief in Sinnen verloren, daß sie Germain gar nicht kommen hörte. Als sie ihn vor sich stehen sah, fuhr sie überrascht in die Höhe und wurde ganz roth.

Kleine Marie, sagte er, indem er sich neben sie setzte, ich weiß im Voraus, daß ich dich wieder betrüben und belästigen werde, aber »der Mann und die Frau von zu Haus« (so werden nämlich die Häupter der Familie gewöhnlich bezeichnet) machen es mir zur Pflicht, mit dir zu reden und dich zu fragen, ob du mich heirathen willst. Daß du nicht willst, darauf bin ich gefaßt.

Ist es denn wirklich gewiß, Germain, antwortete die kleine Marie, daß Ihr mich liebt?

Es kommt dir ungelegen, ich weiß es schon, aber ich kann ja nichts dafür: wenn du deinen Sinn ändern könntest, wär' ich gar zu glücklich, aber dies Glück verdiene ich wohl nicht. Schau' mich nur einmal an, Marie: bin ich denn gar so garstig?

Nein, Germain, entgegnete sie lächelnd; Ihr seid schöner als ich.

Verspotte mich nicht, und habe Nachsicht mit mir. Mir fehlt noch weder ein Haar noch ein Zahn. In meinen Augen kannst du lesen, daß ich dich liebe. Schau mir nur hinein in meine Augen: es steht deutlich drin geschrieben, und die Schrift kennt jedes Mädel.

Marie sah Germain mit schelmischem Selbstvertrauen ins Gesicht; dann, plötzlich, wandte sie sich ab, am ganzen Leibe zitternd.

Ah du mein Gott! dir graut ja vor mir, wie damals vor dem Ulmenhofbauern. Fürchte dich vor mir nicht, ich bitte dich darum: das thut zu weh. Von mir sollst du kein böses Wort hören; ich werde dich nicht gegen deinen Willen küssen, und wenn du haben willst, daß ich gehe, so brauchst du nur nach der Thür zu deuten. Sag's nur heraus, ob ich gehen soll, damit du aufhörst zu zittern.

Marie reichte ihm die Hand, ohne jedoch vom Herde wegzublicken und ihm ein Wort zu sagen.

Ich verstehe dich, fuhr Germain fort; du hast Mitleid mit mir; du bist gut; es thut dir leid, daß ich durch dich unglücklich sein muß, aber lieben kannst du mich einmal nicht.

Warum sprecht Ihr so zu mir, Germain? antwortete endlich die kleine Marie; wollt Ihr denn durchaus, daß ich weinen soll?

Armes Kind, du hast ein weiches Herz – ich weiß es ja, aber lieb hast du mich nicht, und darum kehrst du dein Gesicht von mir weg, um deinen Widerwillen und deine Abneigung vor mir zu verbergen. Und sieh! ich bring' es nicht einmal über mich, dir die Hand zu drücken. Im Wald, während der Kleine schlief und du auch, hätte ich dir beinah ganz sachte ein Küßchen gegeben. Aber eher wär' ich vor Scham zu Grunde gegangen, als daß ich von dir eins verlangt hätte, und in jener Nacht hab' ich so große Schmerzen ausgestanden, wie Einer, der langsam verbrannt wird. Von der Zeit an hab' ich jede Nacht von dir geträumt. Ach! im Traum, da hab' ich dich so herzlich geküßt, Marie! Du aber hast traumlos schlafen können. Und weißt du, wie mir jetzt ist? Ich glaube, daß, wenn du dich jetzt zu mir wendetest und sähst mich mit dem gleichen Blick an, wie ich dich, und wenn du dein Gesicht zu mir hinneigtest, daß ich vor Freude sterben müßte. Du aber denkst gewiß, daß du, wenn ich das wagte, sterben müßtest vor Aerger und vor Scham!

Germain hatte gesprochen wie im Traum, ohne seine eigenen Worte zu hören. Die kleine Marie zitierte noch immer; doch da er noch heftiger zitterte, beachtete er es nicht. Plötzlich drehte sie sich um, ganz aufgelös't in Thränen, mit vorwurfsvollem Blick. Der Arme glaubte, jetzt werde er den Todesstoß empfangen; er stand auf, ohne sein Urtheil zu erwarten, und wollte gehen; da umschlang ihn das Mädchen plötzlich mit beiden Armen und verbarg den Kopf an seiner Brust. Ach, Germain! schluchzte sie, hast du denn nicht errathen, daß ich dich liebe?

Germain hätte den Verstand verloren, wenn in dem Augenblick nicht sein Söhnchen, das den Vater suchte, auf einem Stecken hereingaloppirt wäre, hinter ihm her die kleine Schwester, die mit einer Weidengerte auf den erdichteten Gaul losschlug. Die Cavalcade brachte ihn wieder zur Besinnung; er hob Peterle hoch empor und rief, indem er seiner Braut das Kind in den Arm legte: Da sieh her! Ich bin der Einzige nicht, den du glückselig machst mit deiner Liebe!




1Der Schauplatz dieser Dorfgeschichten von G. Sand ist Mittelfrankreich (Umgegend von Bourges).