ngiyaw-eBooks Home



Schack von Igar - Im Zauberspiegel

Novelle

Schack von Igar - Im Zauberspiegel, Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Verlag von A. H. Payne, Leipzig, 2. Band (1890), S. 635ff.


I.

In einem eleganten deutschen Badeorte, dem man durchaus nicht zu nahe tritt, wenn man ihn, trotz seiner vorzüglichen sonstigen Eigenschaften, »Klatschhausen« nennt, versammelten sich soeben wieder die alltäglich bei den Klängen der Kurkapelle aufziehenden Fremden und Einheimischen, erstere von letzteren, was den weiblichen Theil anbelangt, häufig voll Neid und Eifersucht betrachtet und besprochen, trotzdem diese das abwechselungsreiche, amüsante Leben in dem Orte doch nur dem regen Fremdenverkehr zu danken hatten.

Und um so mehr machte sich solche Gehässigkeit bemerkbar, je mehr jene jung und schön waren und mit dem undefinirbaren Chic der eleganten Großstädterin auf der Bildfläche erschienen – was einigen in beschränkten Verhältnissen lebenden Pensionopelerinnen ganz besonderes Herzeleid zu bereiten schien.

»Welch ein Gewühl das heute wieder ist! Mir wird fast schwindelig in den dicht gedrängten Reihen der Hin- und Herwandelnden. Bei jeder Wendung zeigt das Menschengemengsel ein anderes Bild. Und was für Blicke auf uns gerichtet werden: bewundernde, mißgünstige, freundliche, böswillige, interessirte und eingebildet-herausfordernde – kurz, es entwickelt sich ein wahres Kaleidoskop an wechselndem Mienenspiel in den Physiognomien der uns Begegnenden!«

Die sich derart äußerte, war eine auffallend schöne Dame, deren mattweißer, doch rosig belebter Teint durch dunkle Haare und Augen noch mehr gehoben wurde. Sie wandte sich an ihre nicht minder reizende, aber blonde, blauäugige und bedeutend jüngere Begleiterin. Die Gestalt der Aelteren zeichnete sich durch schöne Formen aus, die der Jüngeren mehr durch Schlankheit und Zierlichkeit; eine gewisse Aehnlichkeit war unleugbar zwischen beiden vorhanden, trotz des vollständigen, sich jedoch gegenseitig hebenden Kontrastes.

»Sieh, Ma'chen. da sind sie wieder, die kleinen verschwägerten Drillinge mit den zu Dolchen gedrehten Schnurrbärtchen und den, bei kühlem Wetter ins Knopfloch des ›Paletot‹ geknüpften Ordensbändchen. Da ist auch der mit drei Worten zu charakterisirende Jüngling: reingewaschen, glücklich und dumm. Hinterdrein traben die Grazien von Endor; die erste segelt als gute Patriotin stets unter deutscher Flagge, aber nicht in der Toilette, sondern viel intimer, auf Stirn, Lippen und Haar; die zweite ist die uns auch heute wieder hämisch und malitiös anschielende Mehlspeisekochin, und die dritte, das vierzigjährige Backfischlein, ist niedlich wie immer: Kleidchen à la Springinsfeld, en coeur dekolletirt und mit Rosen bepflanzt, klare Aermelchen mit hundert Schleichen, Löckchen bis über die Augenbrauen und im Herzchen stets ein Trillerchen, wenn ein Lieutenant vorbeistolzirt.«

»Still, Du Spötterin – man könnte Dich überdies hören, Lucille.«

»O nein, mein Flüstern hörst nur Du mit Deinen feinen Ohren. Ma'chen. Wahrhaftig, da ist ja auch ein echtes Wiener Gigerl, wie ich's neulich in der Illustrirten gesehen: Rock und Taille zu kurz, Untergestell zu lang, Hut auf Nase gesetzt, Kopf, weil inhaltlich zu schwer, vornüber gehängt, silberbeschlagener Knotenstock, das Gigerl-Scepter, wie eine Balancirstange in der Rechten, und im Knopfloch eine Tubablüte – ah, ah, wie kommt denn meine zarte, poetische Lieblingsblume in diese Gesellschaft? . . . . Ach, Ma'chen, ich amüsire mich köstlich in all diesem Treiben!«

»Und mich macht's todtmüde. Wie sehne ich mich stets wieder aus diesem Menschengewirre in die Stille meines Arbeitszimmers und an meine Staffelei zurück.«

»Ich weiß auch, warum!« neckte die Andere. Ein leichtes, aber deutlich wahrnehmbares Roth huschte über die edlen Züge der Aelteren, und wie im Widerschein davon färbten sich auch die Wangen der Jüngeren. Doch unbefangen begann sie aufs neue zu ihrer Begleiterin: »Sieh, da tauchen auch die drei Töchter der drei Mütter auf, und das ist der casus belli, warum wir, die so unwillkommen in die einheimische Blumenflor von zweifelhafter Schönheit Hineingeschneiten, mit solch bösen und seltsam-malitiösen Blicken – und ich sage Dir, Ma'chen, ich habe auch Bemerkungen gehört – verfolgt werden. Die Eine ist bereits seit sieben Jahren verlobt, aber ihrem reichen Jakob eilt's noch immer nicht, die arme Lea heimzuführen; die Zweite näht heimlich für Geld, um hier in Sammet, noch dazu im Sommer, einher zu stolziren. Die Dritte ist das in seiner Form gelungenste Plättbrett – wofür das arme Ding freilich nichts kann – das sich seit dreißig Lenzen vergeblich nach dem heißen Eisen sehnt und darum ganz verzweifelt bemüht – wofür sie freilich was kann.«

»Lucille, Du sollst nicht spotten, ich höre es nicht gern.«

»Ma'chen, ich thät's gewiß nicht, wenn diese Menschen mich nicht stets herausforderten. Ich habe in den Wochen, die wir nun schon hier sind, genug gehört von den gehässigen Verlästerungen dieser weiblichen inseparablen Drillinge! Sieh nur, mit welch unverschämten Blicken sie uns wieder mustern – das bringt mein Blut zum Sieden. Und weißt Du, Ma'chen, warum sie so sind? Die Angst ist's, wir könnten ihnen bei den Verehrern, die sie ohne uns vielleicht haben könnten, Konkurrenz machen.«

Inzwischen hatten jene sechs einheimischen Damen an einem der vielen aufgestellten Tischchen in der ersten Reihe an der Promenade Platz genommen, und jeder Vorüberwandelnde wurde scharf von ihnen aufs Korn genommen: was indeß den weiblichen Theil anbelangt, so fanden nur die Häßlichen und schlicht Gekleideten Gnade bei dem gestrengen Kriterium.

Als die zwei fremden Damen sich jetzt der Observationsstation näherten, ging das Köpfe-Zusammenstecken und Zischeln recht auffallend los, auch für unbetheiligte Dritte bemerkbar.

»Wer sind diese Beiden denn nun eigentlich?« fragte die Eine ziemlich laut.

Die Antwort wurde mit einem Seufzer tugendhaften Zweifels gegeben.

»Ja, wenn man das genau wüßte! Es tauchen hier leider stets so viele Leute auf, von denen man bis zum Schluß ihrer Anwesenheit nicht mit Bestimmtheit sagen kann, was und wer sie, bei hellem Tageslicht besehen, eigentlich sind.«

»Ist's wirklich Mutter und Tochter?« fragte die Zweite.

»Dann müßte die sogenannte Mutter ja als Kind schon geheiratet haben – es ist eine Schande!« entrüstete sich die Mama der siebenjährigen Braut.

»Vielleicht Schwestern? – vielleicht Cousinen?«

»Ja, Gelegenheitscousinen, wie sich solche für den Badeaufenthalt zusammenfinden«, war die boshafte Replik.

»Wie auffallend trotz der affektiven Einfachheit sie gekleidet sind«, äußerte ›Malwine in Sammet‹.

»Der Stoff kostet enorm viel – ich habe mir ihn nie kaufen können und so lange schon gewünscht«, fügte ihre Mutter aufseufzend hinzu, »und damit wird hier so auf den staubigen Gartenbänken herumgewischt – es ist geradezu Sünde!«

»Wer weiß, wer ihnen die kostbaren Toiletten bezahlt«, zischelte die unterm Schutz der deutschen Flagge Einhersegelnde.

In diesem Augenblicke trat ein auffallend langer und dünner, junger Herr an den Tisch des Doppel-Kleeblattes. Im Moment verwandelten sich die Gesichter der Damen, die eben noch so viel gehässige Empfindungen gespiegelt, in die huldvollsten Mienen. Die siebenjährige Braut und Malwine in Sammet nannten ihn, zwar nur untereinander, den »Spargel«, seines ungewöhnlichen Wuchses willen, was ihre Freundin jedoch – deren Länge und für eine Dame nicht gerade gewöhnliche Façon der seinen nahe kam – durchaus nicht verdroß; sie lachte selbst gern mit. Wenn er sie nur heiratete – wozu für jetzt leider weniger Aussicht vorhanden war als nach einer, einst mit ihm verlebten, entzückenden, unvergeßlichen Soirée – so verzieh sie ihm alles übrige großmüthig.

»Wer sind denn nun, genau genommen, diese beiden auffallenden Erscheinungen, Herr von Roller?« ertönte es von neuem in jenem Kreise.

Die Damen schienen von den zwei schönen Fremden gar nicht loskommen zu können.

»Sie gehören ja zu den Allwissenden«, schmeichelte ihm die Mama seiner Verehrerin.

Herr von Roller fühlte sich sehr glücklich, daß die ihm oktroyirte Eigenschaft ihn dieses Mal nicht im Stiche ließ. »Das kann ich Ihnen in der That ganz genau sagen, meine gnädigste Frau. Es ist eine Frau von Wahl mit ihrer Tochter .  . . . unabhängige, reiche Damen. Die Mutter ist seit zehn Jahren Wittwe. Nicht wahr, sie sieht noch so jung aus, daß man fast daran zweifeln möchte, ob sie wirklich die Mutter ist.«

»Vielleicht spielen sie sich auch nur so . . . . für allerhand auf, was sie am Ende gar nicht sind«, meinte die mit der forcirt-jugendlichen Toilette, bittersüß lächelnd, und in ihres Busens unergründlich tiefstem Grunde schwor sie der schönen Fremden bereits für ihr unerlaubt jugendliches Aussehen etwas dem ähnliches wie Rache.

»Ich weiß aber in diesem Falle zweifellos Bescheid durch einen Herrn, der die Damen aus ihrer Heimat kennt. Die Mutter ist fünfunddreißig, die Tochter siebzehn Jahre alt. Ein süperbes Geschöpf, die Kleine, voller Leben und sprudelnder Laune! Ich habe mich bereits vorstellen lassen und könnte den berühmten Berthold, der schon so bekannt mit diesen interessanten Erscheinungen unserer diesjährigen Saison ist, um solchen Vorzugs willen aufrichtig beneiden. Beobachten Sie nur, wie viele sich da von alten und jungen Männern heran-drängen. Offiziere, Künstler, Gutsbesitzer, und was weiß ich, umschwärmen, wo immer sie sich zeigen, diese beiden fremden Phönixe, denen neben ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit auch ein nicht unbedeutendes Vermögen zur Verfügung stehen soll.«

»Das ist's eben, da liegt der Schwerpunkt«, konnte Malwinens Mutter nicht länger ihren Aerger zurückhalten. »Der arme Offizier muß nach Geld heiraten, und die Besitzungen des Gutsbesitzers liegen nur zu oft im Monde oder stecken im Geldbeutel seiner Zukünftigen – wer heiratet noch heutzutage ein armes Mädchen! – besonders, wenn solch reiche, vergoldete . . . . Oelgötzen, vor denen alles niederfällt und anbetet, auf der Erdfläche erscheinen.«

Herr von Roller ärgerte sich, und um das nicht allein zu thun, entgegnete er: »Ich für meinen Theil finde Fräulein von Wahl bezaubernd genug, um sie auch ganz ohne Mitgift zu heiraten.«

Imgrunde dachte er das nicht im entferntesten. Wie sollte man denn auch von einem Menschenkinde des neunzehnten Jahrhunderts, noch dazu aus der sogenannten guten Gesellschaft, für die das Leben sich ja um so viel kostspieliger abzuspinnen pflegt, dergleichen vorsündflutliche Idealität erwarten? Aber das hämische Sticheln und Anfeinden jener boshaften Lästerschule, die er nur zu gut aus jahrelangem Umgange kannte, verdroß ihn heute, und so mochten sie ihre Strafe dafür haben. Nur hatte er bei aller genauen Kenntniß seiner guten Freundinnen doch keine Ahnung davon, bis zu welchem Grade gekränkte Eitelkeit und Neid Frauengemüter zu erregen vermag, und daß es oft ein gefährliches Spiel ist, Oel ins Feuer zu gießen. Er ahnte nicht im entferntesten, daß er mit seinen ihn harmlos bedünkenden Aeußerungen das Todesurtheil der schönen Fremden so gut wie unterschrieben hatte.


II.

Die beiden Vielbesprochenen begrüßte in diesem Augenblick ein hochgewachsener, schlanker Mann mit etwas bleichen Zügen, zu denen sein tiefschwarzes Haar in scharfem Kontraste stand. Ein breitrandiger, weicher Filz beschattete seine dunklen, ein wenig unruhig blickenden, schwermüthigen Augen. Es war eine auffallende Erscheinung, die an den unglücklichen König Ludwig von Bayern in seinen besten Jahren, als dessen ideale Richtung und aufwärts strebender Geist sein schönes Haupt wie mit Glorienschein umgab, erinnerte.

Als der gleichfalls an diesem Orte und sein ganzes Leben hindurch viel besprochene, viel gepriesene und auch vielfach angefeindete, berühmte Maler Berthold seinen Hut vor den so lebhaftes Interesse erregenden Damen lüftete, lag's wie Sonnenschein auf seinen Mienen. Sein Auge – das Auge des am Schönen stets aufs neue sich entzückenden Künstlers – eilte von Einer zur Andern, und seine beredten Blicke drückten so deutlich seine Gedanken aus, daß beide Damen darunter errötheten. Von feinerem, geistvollem Leben erfüllt, interessanter in der äußeren Erscheinung, inniger im Gefühlsleben erschien ihm die Mutter: Irma von Wahl; hingegen lebendiger in jugendfrischer Fröhlichkeit und fortreißender Laune, vertrauensvoller, glaubensseliger zu dem, was ihm Glaubenssache geworden, der Glauben nämlich an eine unsichtbare, eine Geisterwelt: Lucille, Irmas Tochter. Die größere Geistesschärfe und zugleich weiche Innigkeit von Irmas Charakter zog den schwärmerischen, sich mit der sichtbaren Welt nicht zufrieden gebenden, über ungelöste Räthsel grübelnden Mann zu der fast gleichalterigen, seine Glaubenssätze mit wohlbegründeten, geistvollen Controversen widerlegenden Frau. Hierbei auf keine Uebereinstimmung zu treffen, störte ihn durchaus nicht, »denn«, pflegte er zu sagen, »gerade durch Rede und Gegenrede tritt erst das Richtige zutage, und von so schönen Lippen und aus so schönen Augen leuchtet uns trotz des Geisterleugnens dennoch ein so wunderbarer, entzückender Geist entgegen, daß wir uns solchem Zauber willig beugen und bedingungslos an ihn glauben!« Lucilles mediative Begabung hingegen, die sich bei kleinen Versuchen zu Dreien bereits als außerordentliches Medium bewährt hatte, ihre kindliche Gläubigkeit, ihr naives Interesse an dem, was ihm von höchster Bedeutung schien, zog ihn, besonders wenn er des Denkens und Grübelns müde war und nur das Bedürfniß ruhigen Nusruhens fühlte, zu dem kindlichen, treuherzig zustimmenden jungen Geschöpfe. Er war dadurch in ein ganz eigenthümliches Verhältniß zu den beiden Frauen gerathen, ohne es selbst recht bemerkt zu haben. In wenigen Wochen war dieses Zueinanderstehen, begünstigt von dem Umstande, daß man sich täglich sah – auf Promenaden, an der table d'hôte – und auch in der Häuslichkeit Irmas traf und sprach, ein recht vertrauliches geworden. Auch vor Irmas Staffelei wurde manche Stunde verbracht, da ihr nicht gewöhnliches Talent den berühmten Maler veranlaßte, dasselbe durch liebenswürdig ertheilte Winke und Andeutungen zu fördern, was abermals einen Berührungspunkt mehr zwischen den beiden Hochbegabten geschaffen hatte, wodurch naturgemäß die Beziehungen zwischen ihnen noch vertrauter geworden waren, als es sonst bei so junger Bekanntschaft und bei Damen, die es stets gewohnt gewesen, sich in streng reservirter Weise zu bewegen, üblich ist. Ein Berthold seit Wochen plagender rheumatischer Schmerz im rechten Arme hatte ihn nach Bad K. geführt. Frau von Wahl hatte den Ort eigentlich nur um seiner lieblichen Natur und der verschiedenen, sich sonst hier bietenden Annehmlichkeiten willen zeitweilig zum Aufenthalt gewählt.

»Ich halt's wirklich nirgends lange aus, wenn ich nicht in Ihrer Gesellschaft bin!« begann Berthold heute die Unterhaltung.

Irma schüttelte leicht abwehrend das schöne Haupt, während Lucille ihn naiv und glücklich anlächelte.

»Ja, ja, schöne Ungläubige, es ist doch so«, wandte er sich, des jungen Mädchens Augenaufschlag zu ihm durch ein stummes Grüßen seiner Augen erwidernd, mit seiner Rede an Irma.

»Sie wissen ja, ich bin im Glaubenseifer unersättlich und in Bethätigung desselben unermüdlich . . . . ich glaube nicht nur an die Dreieinigkeit – ich schwöre sogar auf Vier! – zum ersten: auf eine unsichtbare Welt, zum zweiten: auf meine Kunst, zum dritten«, fügte er scherzend hinzu: »auf die Macht eines reizenden Mediums« – er verneigte sich leicht vor Lucille, die jetzt tief erröthete und dann gleich darauf über das Erröthen erschrak. Darauf blickte er Irma an, ganz und voll – es war, als erweitere sich sein Blick, als dringe er bis in die tiefsten Tiefen ihrer Seele, während er langsam hinzusetzte: »Ich schwöre zum vierten: auf die Göttlichkeit der seelischen Schönheit, die alles Körperliche übertrifft, obgleich das mitunter nicht leicht, und finde diese von solch wunderbarem, seltsamem Leuchten, daß sie das Aeußere wie ein durchsichtiges Gefäß durchstrahlt, so daß von dem geistigen Inhalt eine Macht ausgeht, die dem Aeußeren allein nimmer innewohnt. Was uns am stärksten zwingt, ist stets das Innere, das durch das Aeußere wirkt.«

Unter seinen Blicken und Worten schien sich Irmas eine heftige Erregung zu bemächtigen, doch sie bezwang diese und entgegnete scheinbar ruhig: »Dergleichen nimmt eben nur Ihr Seherblick wahr!«

Die Drei waren in eine stillere Seitenallee eingebogen. Der Maler fuhr fort: »Mir ist noch kaum je in meinem Leben eine Frau begegnet, die ein so vollkommen harmonisches Gebilde gewesen wäre, wie Sie, gnädige Frau, und doch ist mir's, als könnte ich Ihr körperliches und geistiges Ich in zwei Hälften zerlegen – und dieses Zweite ist's, was ewig war und ist, und das, wollte es das Unglück, daß Sie vor mir von dieser Erde dahinschwänden, ich wieder zur Erde herab citiren müßte.«

»O, nicht doch«, wehrte Irma unwillkürlich ab. »Meiner Auffassung verschließt sich solche Annahme. Ich glaube wohl an den geheimnißvollen Zauber, der vom Menschen zum Menschen wirkt, aber nicht an solchen, der von uns aus in eine Geisterwelt hineinragt oder umgekehrt.«

»Und ich, Ma'chen, glaube an leibhaftige Geister!« rief Lucille eifrig, die mit jenem angenehmen Gruseln und einem Interesse, wie es Kinder stets für Gespenstergeschichten empfinden, dem Gespräche zugehört hatte. Ihre beiden ernsten Gefährten lachten erheitert auf.

»Leibhaftige Gespenster – das hast Du gut ausgedrückt, Lucille«, scherzte die Mutter.

Die Kleine wurde verlegen; dies zu verbergen suchend, lief sie zum nahen Gehege der Rehe und begann die anmuthigen, zutraulichen Thiere wie alltäglich mit Weißbrod zu füttern, während sie in naiver Weise zu ihnen plauderte. Es war ein allerliebstes Bild, und Bertholds Augen, die entzückt hingeschaut, lösten sich nur langsam davon ab. Irma sah das wohl, und hinter ihrer weißen Stirn irrten grübelnde Gedanken, die ihr fast Schmerz verursachten. Was ging wohl jetzt und auch sonst in der Seele dieses Mannes vor, der nun schon seit sechs Wochen in solcher Weise, in stets lebhaftem, stets angeregtem Verkehre an ihrer Seite dahinlebte? Mitunter schien es ihr unzweifelhaft, daß ihn ein tiefes Interesse zu ihr zog; dann aber war es ihr auch wieder, als fessele ihn der Tochter lieblich-jugendfrisches Wesen in mehr als flüchtiger Weise. . . . . Und sie selbst? O, was hätte sie darum gegeben, einen tiefen, forschenden, durchdringenden Blick zu thun in das Innere dieses Mannes, dessen ganzes Sein und Wesen sie mehr und mehr zu umspinnen begann, so daß ihr mitunter zu Muthe war, als müsse sie sterben, wenn er wieder von ihr ging . . . . Und Lucille? Ihres Kindes Herz war ihr ein aufgeschlagenes Buch. Lucille liebte ihn nicht, wenigstens bis jetzt nicht. Er gefiel ihr, sie bewunderte ihn; er erschien ihr »furchtbar« interessant – aber Liebe? nein, Liebe war das nicht! Wer aber konnte wissen, wie sich alles gestaltete, wenn eines Tages ein Gefühl für ihn in Lucilles Herzen erwachte, oder bildete sie sich's und infolge dessen auch ihm ein, ohne es zu wollen, nur in Selbsttäuschung befangen, ihn gleichfalls täuschend – denn was sind solche siebzehnjährige Empfindungen anderes als Täuschungen? Sie hatte das an sich selbst erfahren und an anderen zur Genüge gesehen! Aber Lucille war jung – und sie? – Die Mutter einer erwachsenen Tochter . . . . Nun, und in den Augen der Männer behält die Jugend ja schließlich stets Recht. Die Jugend des Weibes übt auf den Mann einen mächtigen, wenn häufig auch vorurtheilsvollen, undefinirbaren Reiz aus. Die Jüngere ist nicht besser, klüger, liebenswürdiger, oft auch nicht geistesfrischer, jede einzelne Körperschönheit häufig sogar minder – aber sie ist nun einmal jünger, und es scheint, als liege darin für die meisten Männer die größte Anziehungskraft, und nicht nur für die jungen – denn da wäre es natürlich, wenn Gleichaltriges einander anzieht – sondern gerade ältere und selbst alte Männer halten sich gern, oft am liebsten zu den jüngsten Mädchen.

Irma fand überdies ihr Töchterchen so reizend, daß sich ein jeder Mann, nach ihrer Meinung, in sie hätte verlieben können. Führte das auch Berthold beständig in ihre Nähe? Galt es dem Kinde oder galt es ihr? Lucille theilte seinen Glauben – sie nicht. Es war ihr unmöglich, solches auch nur zum Schein zu thun, fürchtete sie. auch beständig, ihn dadurch von sich zu scheuchen. Sie gönnte ihrem Kinde gewiß alles Glück, aber ihm war es ja keines – und ihr? Ein heißer Strom flutete durch ihr Herz und färbte ihre Wangen mit dunklem Roth, das schnell wieder erblaßte, das wie Abendroth kommt und schwindet. Und meinte er es auch redlich, wie sie glaubte und hoffte, oder hatte er ihr ihre Schwäche angemerkt und suchte vielleicht in dem vertraulichen Verkehr mit ihr, der nicht mehr in der ersten Jugend stehenden Frau, nur einen freveln Zeitvertreib, wie gleichzeitig mit der noch kaum erblühten Menschenknospe? Reizte es den Vielumworbenen und imgrunde doch spröden Künstler vielleicht, der Tochter erste, der Mutter letzte Liebe zu sein? Den Männern ist oft nur Spiel, was den Frauen Herzblut kostet! . . . .

Auf die Tochter wartend, hatte sie inzwischen mit dem Professor auf einer Bank Platz genommen, dann jedoch ihren Begleiter, über die beunruhigenden Gedanken an ihn, momentan fast vergessen.

Er, als Mann bedeutend schwerfälliger im Gefühlsleben als sie, auf der sein Auge beobachtend ruhte, war sich lange nicht so klar der empfangenen Eindrücke, wie die schöne Frau an seiner Seite; er überließ sich nach Männerart, die vor allem zumeist an sich denkt, den angenehmen momentanen Beeinflussungen und dachte nicht im entferntesten daran, wie seine leichtlebige Unvorsichtigkeit, mit der er sich zwischen den beiden fesselnden Persönlichkeiten bewegte, von diesen aufgefaßt werden könnte. Innerem Müssen folgend, sagte er einer Jeden, so weit das überhaupt, ohne seine innersten Gedanken auszusprechen, zulässig war, was ihm gerade in den Sinn kam. Es war nichts von Heuchelei und Falschheit dabei – aber es war dennoch ein Unrecht, das leicht zu furchtbaren Konflikten führen konnte.

»Was quält Sie in diesem Moment, gnädige Frau?« fragte er sie plötzlich.

Sie blickte überrascht auf und lächelte, als wolle sie mit diesem Lächeln die Richtigkeit seiner Vermuthung fortleugnen.

Er errieth ihre Absicht – sie verstanden einander oft mit halben Andeutungen – und äußerte: »Es ist umsonst, mir dies nicht zugeben zu wollen . . . . Sie wissen's ja, daß ich Gedankenleser bin.«

»Ja, doch nur bis zu einem gewissen Grade – und da Sie meine Gedanken schwerlich errieten, so will ich sie Ihnen lieber sagen. Ich dachte über Vorurtheile nach.«

Er schaute etwas ungläubig drein, doch sie fuhr unbeirrt fort:

»Nämlich über Vorurtheile, gegen welche sich die Männer in der Theorie stets sehr stolz verwahren, welche aber, sobald die Frage in die Praxis tritt, nur zu sehr die Herren der Schöpfung beherrschen, viel mehr sogar, als uns schwache Frauen. Der Mann ist oft rücksichtslos gegen das ihm Liebste – ist es aber höchst selten gegen die Meinung, gegen die Achs und Ohs, gegen das Ja und Amen der Welt.«

Was gährt heute in ihr? In welcher Ideenverbindung kommt sie nun gerade jetzt auf diesen Gedanken? fragte sich der berühmte Maler, und laut entgegnete er: »Nun ja, in gewöhnlichen, wohlabgepferchten, abgezirkelten Gesellschaftsklassen mag es so sein; aber in freien Künstlerkreisen,da führt, Gott sei Dank, Vorurtheil, Maß und Gewicht nicht das Scepter – sondern das Schöne, das Wahre regiert! Wie könnte ein Künstler schaffen, der diese Zwei nicht als leuchtende Sterne auf sein Schild geheftet? Wer von uns vermöchte etwas wahrhaft Großes, Unvergängliches, von der Mode Unabhängiges zustande zu bringen, der nicht ein eigenes Ideal in sich trüge, das ihm hoch über allen Vorurtheilen, allen Anfeindungen, selbst allen Schmähungen steht? Glauben Sie, man hätte mich immer nur bewundert und gepriesen? O nein, angefeindet, verspottet und verhöhnt bin ich worden um meiner Richtung willen! Doch was kümmern mich die Menschen, was kümmert mich die Welt – ich frage nicht nach ihr. Und ob meine oder ihre Vorurtheile und beschränkten Ideen – denn was ist ein Vorurtheil anderes – größer sind? Ich bin das , was ich nun einmal bin!«

Die Schwermuth war aus seinen Augen geschwunden, edler Stolz und kühnes Selbstbewußtsein leuchteten aus ihnen Irma entgegen. In ihrem Herzen schlug eine heiße Flamme auf.

Er fuhr ruhig fort: »Meine, ich gebe es zu, ungewöhnliche Geistesrichtung, dieser Zug zum Geheimnißvollen, ist mir vielleicht schon angeboren – anerzogen jedenfalls. Schon meine Mutter, die früh Wittwe wurde und die meinen Vater unaussprechlich geliebt, fand nach seinem Hinscheiden den einzigen Trost über diesen schweren Verlust in langen schriftlichen Unterredungen mit meines Vaters abgeschiedenem Geiste. Als ich ein Mann geworden, experimentirte ich in allen möglichen, längst bekannten und vielfach besprochenen Arten und Weisen, um dieses Unergründliche so viel wie möglich zu ergründen, das Vermuthete zu erforschen, dem Wissen näher zu kommen. Einige Gleichgesinnte fanden sich selbstverständlich hinzu – die Böswilligkeit meiner Feinde nannte das ›Hexensabbathe‹, die bei mir begangen würden – mich hat das weiter nicht berührt oder genirt und auch in meinem ›Forschungseifer‹ nicht gestört, denn etwas anderes war es nicht.«

Irma athmete beklommen. »Und fanden Sie ein lohnendes Resultat?« fragte sie theilnehmend.

»Leider nein; ich habe des Räthsels Lösung bis jetzt wenigstens nicht gefunden. Ich gelangte zwar zu allerhand seltsamen, höchst überraschenden Ergebnissen, aber, ich muß es gleichfalls zugestehen, im großen Ganzen mischte sich zu viel Unwahrheit in die Wahrheit, zu viel Schwankendes in das für mich bereits Feststehende, so daß auch dieses dadurch wieder zweifelhaft wurde und der Werth der gesammten Forschung immerhin nur ein bedingter ist.«

»Ich finde«, erwiderte Irma sehr ernst, »unser Dasein hier auf Erden giebt uns schon so viele Räthsel auf, deren Lösung häufig sogar unser Leben – von Lebensglück schon ganz zu schweigen – in Gefahr bringt, daß es nicht gut gethan ist, mit all jenen aufregenden Zweifeln und Sorgen, mit rastlosem Suchen und Forschen noch hinüber zu greifen in eine andere, unseren irdischen Augen wohl zu unserem Heile verschlossene Welt. Wissen wir doch oft nicht einmal einen Menschen, unseren täglichen Genossen, unser eigenes Alpha und Omega, richtig zu beurtheilen und vermögen es leider nicht, trotz aller ausgewandten Geistesschärfe, seinen Charakter völlig zu erkennen – wie sollte das in Betreff von Wesen (wenn's überhaupt solche sind) möglich sein, die einer ganz anderen Sphäre angehören? Nein, mich fesseln das Dasein hier und Gottes Geschöpfe auf Erden so mächtig, daß ich den Geistern nicht nachfrage! Mich beunruhigt z. B. der Zweifel oder der Glaube, ob ein Mensch, der meinen irdischen Weg kreuzt und den ich hochschätze, im innersten Grunde seines Herzens ehrlich oder falsch ist, viel mehr; denn davon hängt – da wir nun doch einmal als Menschen in diesem Boden wurzeln – Glück oder Elend meines Lebens ab.«

Er wandte sich mit plötzlich aufleuchtendem Strahlen in seinen melancholischen Augen ihr zu: »Ist ›bedingungsloses Vertrauen‹ nicht das schöne Vorrecht der Frauen? . . . . Und warum zweifeln Sie an ihm? er verdient es sicher nicht.«

Lag darin nicht ein halbes Geständniß? . . . . Aber wenn es doch nicht so gemeint war? . . . . »Weil«, sprach sie langsam weiter, »jeder denkende Mensch sich nicht ohne Urtheil vielleicht ›thörichtem Glauben‹ überläßt, und weil nach meiner Ueberzeugung der größte Schmerz für eine Frau der ist, wenn sie glauben muß, daß der Mann, den sie liebt, falsch und schlecht ist, jesuitisch in seinem Denken, unredlich in seinem Handeln. Und wenn sie's auch glauben muß, sie glaubt's doch nicht; aber thut sie's dennoch, dann – stirbt sie daran.«

Welch wunderbare Innigkeit, welche Hingebung lag wieder in diesem Ausspruch! Ja, ihre Seele war schön wie ihr Antlitz – und es zog ihn übermächtig zu ihr hin. Was kümmerte es ihn, daß sie bereits einmal vermält gewesen und nicht mehr in der ersten Jugendblüte stand. Was ihr geblieben, war entzückend genug, um einen Mann wie ihn zu beglücken, trotz des reizenden Töchterchens an ihrer Seite. Schon drängte es ihn dazu, seinem Empfinden für sie in einem bedeutsamen Worte Ausdruck zu geben, da trat das junge Mädchen, das die Fütterung der Rehe inzwischen beendet, an die Beiden heran. Der Zauber des Moments war gebrochen. Es war spät geworden; man erhob sich und verabschiedete sich von einander, wobei Lucille Berthold mit ihrem süßesten Lächeln versicherte: »Herr Professor, ich freue mich furchtbar auf die Soirée bei Ihnen in der nächsten Woche«; während Irma, ihm die Hand zum Abschied reichend, hinzufügte: »Inzwischen werden wir uns wohl kaum noch sehen, da wir ja morgen früh auf einige Tage verreisen.«

»Leider! – Toilettenangelegenheiten von höchster Wichtigkeit . . . . Da gerade wäre übrigens eines Malers Rath und Beistand außerordentlich am Platze«, entgegnete Berthold launig. »Würde ich als Reisemarschall angenommen, so wäre ich doch wenigstens zu etwas nütze«, setzte er, mit Achselzucken auf seinen schmerzhaften Arm deutend, hinzu.

»Ach ja, kommen Sie mit, das wäre noch viel reizender!« rief Lucille lebhaft.

»Sie dürfen Ihre Kur nicht unterbrechen – das ist wichtiger«, setzte Irma hinzu.

»Der Mohr kann gehen, wir brauchen ihn nicht«, meinte Berthold scherzend, aber es ärgerte ihn doch, daß sie seine Begleitung ablehnte. »Jetzt haben Sie's auf dem Gewissen, wenn ich mich hier inzwischen mehr als bisher den Geistern ergebe.« Er hielt ihre Hand in der seinen zurück, und sie träumerisch anschauend, setzte er hinzu: »Nur Sie vermöchten's vielleicht, mich aus dem Banne jener, mich mitunter wie böse Dämonen packenden Mächte zu erlösen und mich diesem Leben ganz und ungetheilt zurückzugeben.«

Es war anscheinend wie in Bezug auf die Tage bevorstehender Trennung gesagt, konnte aber auch tiefere Bedeutung haben. Irmas Herz begann heftig zu schlagen, aber Lucilles fragend auf sie gerichteten Augen machten sie dem geliebten Mann gegenüber befangen und bannten jedes Wort, jeden Blick. Sie schwieg, sie sah nicht auf und löste ihre Hand langsam aus der seinen. Man trennte sich.

Er sank auf die Bank zurück und sann über die Erlebnisse der letzten Zeit eingehender nach als je zuvor. Der holden Frau anscheinende Gleichgiltigkeit gerade in diesem Augenblick quälte ihn und verstimmte das leicht bewegte und noch leichter verletzte Künstlergemüt; doch errieth er als Mann nicht den eigentlichen Grund: warum seiner Gefühlsaufwallung – und wohl mehr als das – keine Erwiderung geworden? Um so empfindlicher berührte ihn ihr Ausweichen, wie er's nannte, weil's ihm gerade in diesem Abschiedsmoment, heute bereits zum zweitenmal, klar geworden, wie es eigentlich in seinem Innern aussah. Freilich störte ihn daneben ein wenig der Gedanke an Lucille. Würde er den Leuten als Lucilles Stiefvater nicht lächerlich erscheinen? . . . . Im nächsten Augenblick lachte er selbst fast laut. Jetzt war es bereits da, jenes ›Ach und Oh‹ der Welt, von dem Irma vorhin gesprochen. Doch was kümmerte ihn die Welt, er gehörte ja, Gott sei Dank, nicht zu jenen Spießbürgern, denen Krethis und Plethis Meinung, denen Müllers und Schulzes Urtheil das Erste und Höchste ihres Lebens und ihres beschränkten Geistes ist! . . . . Aber im engeren Zusammenleben zu Dreien – wie würde sich da wohl ihr Verhältniß zueinander gestalten? Lucille brauchte noch lange nicht zu heiraten – sie war ja noch so jung! . . . . Irma war sonder Zweifel bedeutender und schöner und erschien auch jetzt viel jünger als sie war – aber wie lange würde das so bleiben? Lucille würde sich immer herrlicher entfalten, Irma altern – das ist ja leider so Naturgesetz . . . . Und könnte dann doch nicht vielleicht für sie alle drei daraus eine Gefahr erwachsen? – und wenn auch nicht für sein Herz, so vermöchte doch vielleicht völlig ungerechtfertigte Eifersucht Irmas ihr alles Glück und Frieden zu zerstören. – Berthold übersah, daß er mit diesem Gedanken bereits die Möglichkeit einer Herzensuntreue seinerseits ins Auge faßte, denn so lange er Irma liebte , hatte sie ja keinen Grund zur Eifersucht – und eine grundlose Eifersucht war bei ihrer Klugheit und Gerechtigkeitsliebe völlig ausgeschlossen. Er fuhr in seinen Träumereien fort: Lucille müßte, voll erblüht, bezaubernd sein, war sie doch schon jetzt ein seltsam reizendes Geschöpf. Ein etwas, aber freilich nur ein etwas von der Mutter besten Gaben ruhte ja auch in ihr – freilich, wie sie sich entwickelte, das war völlig ungewiß . . . . die Rose hält nicht immer, was die Knospe verspricht, und die Frucht rollt oft sehr weit vom Stamm . . . . Und unterdrückte er jetzt die größere Sympathie für Irma und wählte nach gewöhnlichem Weltlauf schnell entschlossen ihre Tochter, die süße Knospe, und wartete dem Glück entgegen, das ihm von dieser erst voll die Zukunft zu bringen vermöchte, so befände er sich, der jetzt bereits ein lebensgereifter Mann war, dann, wenn die Blüte sich zur vollen Blume entfaltet hatte, bereits schon auf abwärts gehendem Pfade. Er hatte bisher Ehen, wo der Mann fast zwanzig Jahre älter gewesen, als die Frau, stets ein ›bedauerliches Mißverhältniß‹ genannt: sie ein unerfahrenes Kind, er ein vom Schicksal oft schon mitgenommener Mann: sie fängt das Leben erst an, er ist häufig schon bis zum Uebermaß davon gesättigt; sie will sich amüsiren, er sehnt sich nach Ruhe; sie ist jugendlich ungestüm, er bedacht und bedenklich; ihr Köpfchen steckt voller Ideale, er hat dergleichen längst begraben – das zieht dann gerade so gleichmäßig zusammen, als wenn man ein Füllen und ein Pferd vor einen Karren spannt, und stimmt so gut zu einander, wie wenn der Eine von vierhändig Spielenden das Notenblatt von oben und der Andere von unten zu spielen anfängt . . . . Auf ihn paßte das freilich nicht in allen Punkten, aber es fehlte ihm Lucille gegenüber zweifelsohne am Hauptsächlichsten: an jener Sympathie, jenem warmen Zuge des Herzens, der sich nicht definiren und nicht ergrübeln läßt, der ihn jedoch stets in Irmas Nähe führte und der ihn bei ihr, in ihrer Gegenwart ruhig und wunschlos machte, als bedürfe es nichts weiteres zu seinem Glücke als ihrer Gegenwart. Aber war denn das die echte, wahre Liebe, eine Liebe, stark genug, allen Wechselfällen, allen Prüfungen des Lebens zu widerstehen? . . . .

Berthold konnte zu keiner rechten Klarheit, zu keinem festen Entschlusse kommen. Er zerwühlte sein üppiges Haar, preßte die Hände an die klopfenden Schläfen und erkannte schließlich, daß er alles weitere der freien Gestaltung der aus sich selbst entwickelnden Verhältnisse überlassen müsse und wolle.


III.

Einige Tage find vergangen. Die Thüren des Parterres der Villa, welches der berühmte Maler für seinen Aufenthalt in K. gemiethet, standen weit geöffnet nach dem geschmackvoll angelegten, mit alten Bäumen bestandenen Garten. Eine elegante Menschenmenge vertheilte sich in den Alleen, zwischen den Blumenparterres und in den Räumlichkeiten des Hauses. Viele Einladungen waren zu dieser Soirée ergangen. Manchem wollte Berthold – für den sich Beziehungen ganz ohne sein Zuthun nach allen Richtungen anknüpften – damit eine Artigkeit erweisen; andere hatten sich herangedrängt und waren berücksichtigt worden; man schmeichelte sich mit der Hoffnung auf ein ganz ungewöhnliches Amusement für heute Abend, da es längst bekannt geworden, daß eine Geistersitzung mit einem extra dazu engagirten Medium die Pointe der Abendunterhaltung bilden sollte, und nachdem man bereits so viel Fabelhaftes über die Liebhaberei des berühmten Mannes für dergleichen gehört, versprach man sich ganz besonderes davon.

Es herrschte überdies allseitig eine sehr animirte Stimmung in der Gesellschaft, was freilich kein Wunder war; gab es doch unter den Anwesenden so viele bevorzugte Geister, die ganz ohne Hexerei den großen Haufen um halbe und ganze Kopfeslänge überragten, daß schon hieraus allein eine lebhaftere Strömung in Rede und Emulation der Menge verständlich war. Fremde, erst vor kurzem in K. Angelangte wollten jene Männer sehen, denen sie manch schöne Geistesgabe, manche angenehm verbrachte Stunde verdankten und von denen mehr als eine Nation mit Begeisterung spricht. Wer würde sich nicht herzudrängen, die Dichter-Dioskuren, die ein Zufall hier zusammengeführt, von Angesicht zu Angesicht zu sehen, sich ihnen vorstellen zu lassen und mit ihnen zu reden?

Eindringlich und gedankenvoll schaut der ältere von ihnen durch seine Brille die Menschen an, während den Mund ein überaus freundliches Lächeln umspielt. Es ist, als gehe ihm ein schöner Gedanke als formvollendeter Weisheitsspruch bei einem Anblick, der sein Herz erfreut oder seinen stets regen Geist wie ein Funken berührt, durch den Sinn. Mit liebenswürdigem Eifer erzählt er gern von dem, was er geleistet, aber wohl weniger aus Eitelkeit, wie viele vermeinen, sondern, weil sein Schaffen ihm selbst Freude macht, weil es ihn selbst begeistert. Kühn und feurig leuchten die dunklen Augen des bedeutend jüngeren Anderen, und eroberungskühn ist der schwarze Schnurrbart spitz zusammengedreht – den Blick nach oben haben beide. »Drei Wochen bin ich mit Leuten zusammen und spreche nie mit ihnen von meinen Arbeiten«, äußerte er zu einem Bekannten, in strengem Gegensatz zu dem auch äußerlich von ihm so verschiedenen Mitbewohner des Parnaß.

In einer der Alleen stehen zwei hochgewachsene Männer im Gespräch beisammen. Der eine, das edle, aristokratische Antlitz von bereits vollständig gebleichten Haaren umrahmt, trotz seines sonst frischen Aussehens, ist der liebenswürdige gräfliche Schriftsteller und Maler, der ständig in K. wohnt. Aus dem sonntäglich-stillen Frieden seiner Mienen und dem idealen Augenaufschlag spricht etwas zu uns, daß wir uns unwillkürlich sagen: auch dieser Mann hat des Menschen höchste Güter nicht auf Erden gesucht und gefunden. Der andere, der kräftig gebaute, breitschulterige, ehemalige Reiteroffizier, ist der amüsante und gemütvolle Plauderer Johannes von Dewall, im gewöhnlichen Leben Oberstlieutenant August Kühne, der dem Grafen soeben in seiner schalkhaft munteren Weise erzählt, seine kleine Frau habe so kleine Hände, daß er sich »früher« eines ihrer Fäustchen bequem in den Mund gesteckt und sie von Glück sagen könne, daß er ihr dieselbe nicht einmal im Versehen abgebissen. Auch er ist ein liebenswürdiger Mensch, ohne kollegialen Neid, ohne Mißgunst, oft voll übersprudelnder Laune und Lebendigkeit.

Auf einsamer Bank hat der berühmte Afrikareisende Georg Schweinfurth, sich ein wenig aus dem Gewühl zurückziehend, Platz genommen. Ihn fröstelt trotz des warmen Sommerabends – er ist an Palmentemperatur gewöhnt und findet, aller überzuckerten europäischen Kultur abhold, das Leben unter Palmen am erträglichsten. Er ist nicht groß von Gestalt und schlank gebaut, aber aus seinen großen, ernst blickenden Augen, dem fest geschlossenen Munde und der etwas düsteren Falte zwischen den Brauen spricht eiserne Energie und Thatkraft.

An den Stamm einer Platane gelehnt, dem scheidenden Sonnenlicht nachschauend, steht der humanisirende und in dieser Richtung einzig dastehende Schlachtenmaler Wasili Wereschagin. Seine Stirn ist hochgewölbt und kahl, ein schöner Bart verhüllt den unteren Theil des Gesichts. Tief liegen diese Augen, die so viel des Entsetzlichen und Grauenhaften geschaut, in ihren Höhlen, und tief von innen heraus blicken sie Welt und Menschen an.

Berthold, der in seinem Genre nicht minder berühmte Maler unterhält sich als aufmerksamer Wirth – so lästig und zuwider ihm imgrunde auch alle gesellschaftlichen Arrangements und Pflichten sind – bald mit diesem, bald mit jenem seiner Gäste. Endlich glaubt er sich's erlauben zu können, sich derjenigen, zu der ihn nicht nur höfliche Pflicht, sondern auch sein Herz zieht, deren Gegenwart ihm bereits süße Gewohnheit geworden – ein Glück, das er seit Tagen schmerzlich entbehrte – eingehender als bisher widmen zu dürfen.

Wie schön sah sie heute wieder aus in dem lichtblauen Gewande, trotz der liebreizenden Erscheinung der Tochter in schneeigem Weiß neben ihr. Etwas durchgeistigtes leuchtete aus ihren feingeformten Zügen, aus ihren sinnigen, Nachtschatten-tiefen Augen. Die frische Rosenknospe daneben, die kaum erst über Nacht erwacht und in deren blauen Augensternen, so hell und blitzend sie auch ins Leben schauen, noch das Kind zu träumen scheint, vervollständigt nur den Gesammteindruck von Mutter und Tochter. Der Eintritt der beiden Damen erregte Aufsehen in der Gesellschaft; unwillkürlich flogen alle Blicke der Männer, unter denen nicht wenige vom künstlerischen Standpunkte aus das fesselnde Bild betrachteten, ihnen zu. Doch von einigen der anwesenden Frauen – wir bemerken die zu Anfang erwähnten drei Mütter und drei Töchter, die sich auch in diesen Kreis zu schmuggeln gewußt – ging ein boshaftes Zischeln, höhnisches Lächeln und heimliches Triumphiren aus.

Irmas feinem Ohr und scharfem Blick war das nicht entgangen; ihr war schon einigemal derartiges aufgefallen, sobald sie in Gesellschaft Bertholds oder von einigen anderen Herren begleitet im Kurgarten erschien. Und weil ihr das im höchsten Grade peinlich war, vermied sie an dem Abend absichtlich jedes längere Zusammensein mit dem Herrn des Hauses. Berthold bemerkte das sehr wohl, ohne den Grund hierfür zu begreifen, und sein leicht empfindliches Gemüt fühlte sich, da er ihr ausweichendes Verhalten für Erkaltung ihrerseits infolge der kurzen Trennung nahm, darüber verletzt, ja, momentan sogar zurückgestoßen. Seine Gedanken waren ohnehin von so Vielfältigem und Widerstreitendem in Anspruch genommen; er nannte sich selbst zerstreut und zerfahren; er war unzufrieden mit sich und mit ihr, dennoch zog es ihn wieder und wieder in ihre Nähe.

Lucille trat in einen Kreis junger Mädchen, während Berthold jetzt mit Entschiedenheit an Irmas Seite sich hielt – sie sollte ihm nicht wieder ausweichen; plaudernd schritten sie tiefer in den Garten hinein.

Sie merkte ihm seine – wie es sie bedünkte – unruhige, schwankende, abgekühlte Gemütsverfassung trotz der gesuchten Annäherung augenblicklich an. In ihr gährte und glühte es. Die Tage der Trennung hatten's ihr erst recht klar gemacht, daß Glück für sie auf dieser Welt nur noch an seinem Herzen zu finden war – es schmerzte sie daher, daß er heute, gerade nach den Tagen ihrer Abwesenheit, lauer erschien.

»Die alten Römer haben zwar gesagt«, warf sie scheinbar scherzend hin, »daß alles, was veränderlich ist, weiblich sei, ich glaube aber, nichts ist so sehr der Veränderlichkeit und Launenhaftigkeit unterworfen, wie Männerstimmung und Männeransicht. Je nach augenblicklicher Laune und Stimmung denkt und fühlt ein Mann.«

»Ganz so ist's nicht, gnädige Frau, aber Männerherzen haben keine fertige Claviatur, auf der man nur herumzutippen braucht, damit sie ertönt. Unser Innerstes verlangt andere Behandlung; es gleicht mehr einer Violine, auf der die Töne erst gebildet werden müssen.«

»Und hat denn das noch Werth, was erst mühsam aus dem Innern hervorgelockt werden muß? Gilt nicht der Ton am höchsten, dringt nicht der zumeist zu Herzen, der, wie innerem Müssen folgend, der Menschenbrust entströmt?«

»Das ist aber doch nicht für alle Fälle richtig«, entgegnete er eifrig. »Daß Werth auch im schwerer spielbaren Instrument stecken kann, bestätigt gerade mein Beispiel, und daß in der Menschenbrust manches Gute, manches Edle nie zum Durchbruch kommt, weil es nie oder doch nicht zu voller Kraft erweckt wurde, ist gleichfalls erwiesen.«

»Würde aber die Hand, die solches versuchte, nicht nur zu häufig für zudringlich angesehen werden?« fragte sie dagegen und fuhr dann, ohne seine Antwort abzuwarten, fort: »Ich will Ihr Beispiel mit einem anderen beantworten. Sagen wir: ein Musiker nimmt sehnsuchtsvoll die Violine zur Hand. Er weiß oder glaubt zu wissen, daß ihr wunderbare Melodien entströmen können; er setzt den Bogen an, er streicht die Saiten auf und nieder, aber – nehmen wir jetzt an – das Instrument versagte, es bliebe stumm, oder es erklängen nur Disharmonien; wie dann? Ein nicht musikalisch Beanlagter kann sich vielleicht keine Vorstellung davon machen, wie solchenfalls einem Menschen zu Muthe wäre, dessen Lebensglück von – Musik abhängt, der imstande ist, ganz in Musik aufzugehen, aber freilich nur in solcher, wie sie ihm vorschwebt: so hoch und heilig, allbezwingend, erhaben, fortreißend, daß sie für ihn zum Gottestempel wird, in dem er niederknieen und beten möchte! . . . .«

Wie hinreißend war sie wieder, als sie so sprach! Ihm war zu Muthe, als müsse er augenblicklich vor ihr niederknieen und beten. Ja, das Herz dieses Weibes war ein köstlicher, ein wunderbarer Besitz, der den Mann, welcher ihn sein eigen nannte, beseligen mußte für alle Zeit. Schon öffnete er die Lippen, um seinen Gefühlen wenigstens in einigen andeutenden Worten Ausdruck zu geben – da ja für mehr jetzt nicht die geeignete Stunde war – als Lucille, Arm in Arm mit einem anderen jungen Mädchen, aus einem Seitenpfad kommend, plötzlich vor ihnen stand.

Zufällig waren sie alle vor einem Rosenboskett stehen geblieben. Berthold war von der ihm in diesem Moment höchst unwillkommenen Störung aufs unangenehmste berührt; zerstreut blickte er um sich, sein Blick haftete an einer wundervollen, halbgeknickten Rose dicht vor ihm: gedankenlos brach er sie völlig vom Stengel und reichte sie eben so gedankenlos – wie es häufig Männerart in derlei Fällen, die ein Frauengemüt auf den Tod verwunden können – Lucille.

Ein unhörbarer Schmerzenslaut löste sich bei diesem Anblick von Irmas Herzen, sie preßte die Lippen fester aufeinander, konnte es jedoch nicht hindern, daß sie um einen Schatten blasser wurde. Die purpurglühende Rose – einer anderen, ihrem Kinde! und das in diesem Augenblicke und nach jenem Gespräche! Was konnte es anders ihr besagen, als: Nicht für Dich sprach ich so, wie ich that. Was in mir langsam erst erwacht, allmählich in seiner vollen Kraft in mir gebildet werden kann, gehört nicht Dir, sondern jenem jungfräulichen Kinde voll holden, unaussprechlichen Reizes, das einst sein wird wie diese Rose, die ich ihr als Vorbild und als Symbol meines Empfindens für sie darreiche. Und sich selbst verhöhnend, setzte sie hinzu: Nun ja, es ist ja natürlich und begreiflich und alles in der Ordnung so, wie es ist . . . . mir gehören seine Gedanken – ihr sein Herz; mit mir, dem reiferen Geiste, unterhält er sich gern – ihr, dem jugendfrischen Wesen, gehört sein Gefühl, seine Liebe . . . .

Lucille schien sich sein imgrunde harmloses Thun gleichfalls für einen Akt besonderer Liebenswürdigkeit auszulegen, so etwa, als hätte er ihr damit den Schönheitspreis zuerkannt, sie zur Königin des Festes gemacht; sie fühlte sich geschmeichelt, wurde verlegen und berührte, in ihrer Befangenheit nicht recht wissend was sie that, die duftige Blüte mit ihren Lippen.

Irmas Augen blickten sie verwundert an, und wie ein greller Blitz zuckte es plötzlich vor ihr nieder: also liebte ihr Kind doch ihn auch? – ihn, ihn, dem all ihre Pulse mit innigstem, unaussprechlichem, unaustilgbarem Empfinden entgegenschlugen! Das Herz drohte ihr still zu stehen. Etwas wie Eiseskälte ergoß sich durch ihre Adern, und wie ein leiser, verzweifelter Wehruf tönte es abermals durch ihr Innerstes.

Auch der Maler sah das junge Mädchen verwundert an. War das Koketterie, war's holde Naivetät und Unschuld? – Er wußte es sich nicht zu deuten. Sein fragend auf Lucille gerichteter Blick erschien Irma, als wolle er mit diesem eindringlichen, forschenden Anschauen ergründen, was in des Mädchens tiefstem Herzensgrunde für ihn lebte und was er von ihr zu hoffen habe . . . . Mit traumverlorenen, schmerzgetrübten Blicken schaute Irma auf und um sich: sie blickte hierbei in das ihr bekannte, aber vom ersten Augenblick des Begegnens an höchst unsympathische Gesicht einer Frau, welche sie jetzt höhnisch und malitiös anlächelte. Daß auch noch Andere die kleine Scene beobachtet hatten, berührte sie im höchsten Grade peinlich.

In diesem Augenblick trat ein Diener mit einer Meldung an Berthold heran. Wundervolle Klänge eines von Meisterhand berührten Flügels, die wie prüfend über die Tasten glitt, ertönten. Berthold bat allerseits seine Gäste, sich in den großen Saal zu begeben. Eine musikalische Aufführung war die erste Nummer des vielversprechenden Programms. Wer Musik nicht liebte, blieb plaudernd und Erfrischungen nehmend in der großen Vorhalle des Hauses oder draußen im Garten, den mit hereinbrechender Dunkelheit buntfarbige Lampions mit magischem Lichte erfüllten.

Die Musik übte heute auf Irma keine besänftigende Wirkung; jeder Nerv an ihr zitterte vor innerer Qual. Sie athmete fast auf, als die hehren Klänge verstummten.

Man wußte, was jetzt folgen würde, und in fast allen Gesichtern der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft spiegelte sich Spannung und Erwartung; in dem des Mulatten-Grafen mit den runden Steinkohlen-Augen und mit dem Gebiß, weiß wie Elfenbein, im vor Verwunderung offenstehenden Munde, – in dem des martialischen Lieutenants mit der affektirt-schnarrenden Commandostimme und dem vermittels zweier Bürsten auseinander gewichsten Scheitel – trotz der kleinen Thorheiten ein angenehmes, lebensfrohes, kerniges Menschengewächs. Gespannte Erwartung spiegelte sich auch in den Zügen des kleinen, dicken, fast ins Weibliche übersetzten Referendars, dessen behäbige Erscheinung zu sagen scheint: wohl gesättigt, rein gewaschen, glatt gestriegelt, bin ich meiner Mutter liebstes Kind – ganz das Gegenstück seines Kollegen, dessen narbenzerfetzte, mit Terzen und Quarten arg verkritzelte, in solcher Verfassung Gott und Menschen unwürdige Visage weder seiner Mutter noch sonst jemand wohlgefällig sein kann.

Und immer wieder dieselbe Erwartung und vorahnende Verwunderung auf all diesen Gesichtern, auch auf dem jener hageren Dame, die eigentlich nichts wunderbares mehr erwarten und sich über nichts mehr wundern sollte; trägt sie doch selber genug des Verwunderlichen an sich, denn ist nicht ihr mechanischer Busen selbst ein Wunder der exorbitanten Pariser Erfindungsgabe? Wenn da die Luft ausgeht, ist's freilich mit dem wunderbaren Zauber vorbei! Erwartende Neugier spiegelt sich auch in den Mienen ihrer Freundin, welche von der gütigen Mutter Natur mit einer Physiognomie versorgt wurde, als hätte sich jemand im Versehen, freilich sehr zum Nachtheil derselben, darauf gesetzt; doch zum Ausgleich für den Mangel einerseits scheint sie mit Ueberfluß andererseits begabt zu sein, denn z. B. bei einem Händedruck möchte man sich stets nur eine »halbe Portion« ausbitten. Auch Esbouquet, der schöne, schmachtende, stets nach dem gesammten Parfümerieladen duftende Jüngling, kann den großen Moment kaum mehr erwarten, und derselbe gespannt-nichtssagende Ausdruck, wie bei ihm, spiegelt sich auch in den Mienen des gar zu flotten Herrn von Martin, dessen drei Verehrerinnen der Volkswitz von K. die »Martins-Gänse« getauft. Noch um einen Grad erhöht zeigt sich immer und immer wieder dasselbe auf den grobgeschnitzten Zügen von Miß Trampel und Miß Trampeline nebst ihrer Mutter, welch letztere um ihrer bunten Gewänder willen nicht mit Unrecht die »Zigeunermutter« benannt ist; und so fort und fort, stets der gleiche, erwartungsvolle Ausdruck in all diesen Physiognomien, trotz der mannigfaltigen Abwechselung – wie der liebe Herrgott nun einmal seinen Thiergarten im Menschenreich in tausendfältigen Varianten geschaffen hat.

Die strahlenden Lichter erlöschten; es herrschte nur noch jenes clair obscur , wie es erforderlich ist zum Herbeizitiren und Erwecken überirdischer Mächte, die, wie es scheint, mit einer gewissen Schamhaftigkeit allzu grellen Lichtschein meiden. Manchem, der auch nicht gläubig war, lief ein leises Gruseln über den Rücken, als er all die unbegreiflichen, von keiner Menschenhand durchgeführten und doch zweifellosen Bewegungen lebloser Gegenstände gewahrte. Der Hexenmeister oder Geisterbeschwörer besaß jedenfalls keine gewöhnliche Geschicklichkeit. Langsam hob sich z. B. auf sein Geheiß die große, bis zum Rande mit Mehl gefüllte Bratenschüssel vom grünen Tuch des Tisches und stieg bis zum Plafond des Saales empor, um dann nach minutenlangem Verweilen in jener Höhe, wo sie doch nichts sichtbares festhielt, langsam wieder herabzuschweben, ohne daß ein Stäubchen Mehl verschüttete.

Mit welch verwunderten Blicken und erstauntem Kopfschütteln verfolgten die Anwesenden dieses Experiment und noch vieles andere Unerklärliche und Unbegreifliche, wie z. B. das Hervortreten einer Schrift auf Tafeln, die sie selbst in Händen hielten und welche Antwort gab auf ihre Fragen, ja selbst Gedanken u. s. w.  u. s. w.

Irma wandte sich an ihren Nachbar zur Rechten. Sie war erregt, ein Schauer flog über sie hin. »Was soll man davon denken?« flüsterte sie, »ist's Lüge oder Wahrheit?«

»Wahrheit ist ohne Lüge undenkbar«, entgegnete er, »eines bringt das andere erst zu voller Klarheit.«

»Und hoffen Sie, hochverehrter Professor, daß ein anderes Leben uns diese gewähren wird?« forschte Irma weiter.

»Dieses Leben erschien mir nutzlos, betrachtete ich es nicht als Brücke zu einem anderen. Es ist ja möglich, mit seinem Glauben zu irren, aber immer noch besser, das, als gar nichts glauben, denn dann wird's in uns erst recht trübe und dunkel.«

»Und glauben auch Sie, verehrter Meister im Reiche der Geister«, wandte sich Irma jetzt zu ihrem zweiten Nachbar, der sich inzwischen genähert hatte, »an Geister und übernatürliche Geistermacht?«

»Mehr an Geist und schöner Frauen Macht«, entgegnete der Gefragte lächelnd, »aber leugnen will ich nicht, daß auch mich manches wunderbar bedünkt, was aus jener unsichtbaren, uns scheinbar verschlossenen Welt in die unsere hereinragt. Die Lösung aller Lebensräthsel dürften wir auf dieser Erde, in diesem Dasein schwerlich finden.« –

Endlich nahte die letzte Piece. Der Herr des Hauses hatte den Geisterbeschwörer ersucht, ein Bild in Bezug zu oder eine Scene aus seinem Leben – das der Amerikaner, der überdies erst seit wenigen Tagen in K. weilte, unmöglich bis in seine Einzelheiten kennen konnte – erscheinen zu lassen; es durfte aber nichts allgemein Bekanntes sein, sondern sollte etwas enthüllen, was Berthold selbst zwar, als sein eigenes Ich betreffend, als Wahrheit zu erkennen vermochte, was aber Fremde nicht wissen konnten. Er hatte ihm diese schwierige Aufgabe, die jener zu lösen versprochen, gleich beim Engagement und der bedungenen Vorausbezahlung gestellt, denn er wollte, falls die acceptirte Bedingung richtig gelöst würde, darin ein neues Glaubensargument für seine Ueberzeugung erblicken. Ihn selbst erfaßte daher vor dieser letzten, hochinteressanten Probe eine begreifliche Unruhe; aber er fühlte sein Dasein in all seinen Handlungen rein und schuldfrei und glaubte, keinen Blick scheuen zu dürfen, welche Enthüllung ihm auch kommen mochte bei dem momentanen Fortziehen des Vorhanges, der sonst das Leben seiner Seele allen neugierigen Blicken der Menge verbarg. Für den hohen Zweck wollte er das ihm eigentlich Peinliche und seiner inneren Natur Widerwärtige dulden.

Irma, von den früheren Vorgängen des Abends bereits tief erschüttert – und deren ohnehin leicht erregte Nerven seit jenem Moment, der ihr so Schmerzliches zu künden schien, nicht mehr zur Ruhe gekommen waren – sah voll Zagen dem Kommenden entgegen. In welchem Lichte würde jenes Bild ihr den, ach, über alles geliebten und auf immer verlorenen Mann – denn er, o Grausamkeit des Schicksals! liebte ja ihr Kind – enthüllen? . . . .

Es wurde jetzt ganz dunkel im Saal, nur auf einer Stelle an der Wand, auf der, von dunklen Sammetdraperien umgeben, wie im Spiegel ein Bild hervortrat, fiel ein heller, greller Lichtschein. Und in demselben zeigte sich Berthold, deutlich erkennbar. Er stand, mit Pinsel und Palette in der Linken, vor seiner Staffelei, bereit, ein Bild auf der vor ihm aufgespannten Leinwand hervorzurufen. Auf erhöhtem Podest erblickte man zwei weibliche Wesen, eine ältere, dunkeläugige Brünette und eine junge, blauäugige, knospenhafte Blondine, und zwar als – Almehs, arabische Tänzerinnen, in durchsichtigen, die Körperschönheit nur dürftig verhüllenden Gewändern, und ihm Modell stehend. Seine leuchtenden, brennenden Blicke eilten prüfend über die beiden Gestalten hin; es schien, als schwanke er einen Moment, dann reichte er der jüngeren eine Rose, die niemand zuvor in seiner Hand beachtet.

Ein Flüstern, Zischeln, leises, boshaftes, gleich wieder unterdrücktes Auflachen und einzelne höhnische Worte schwirrten an Irmas Ohr, die ihren Augen nicht trauen wollte und an ihrem Verstande, ihrer Fassungskraft verzweifeln zu müssen glaubte.

»Nein, nein, es kann, es darf nicht sein«, stöhnte es in ihr, »ich muß mich täuschen, meine Sinne find verwirrt.« Allein das schöne Hexenbild dort an der Wand blieb, und je länger sie es anstarrte, desto deutlicher ging ihr der gemeine, versteckte Sinn, die Beleidigung, die Schmach, die man ihr und ihrem reinen, unschuldigen Kinde damit anthat, auf.

Berthold hatte, wie zu Stein geworden, hingestarrt auf den leuchtenden Schmutzfleck dort an der Wand seines Hauses, der das beschimpfte, was ihm das Theuerste war, was er verehrte und hochschätzte, wie nichts sonst auf der Welt; er griff sich an den Kopf – es schien auch ihm unfaßbar! . . . . Die Sinne schwanden Irma – ein leiser Aufschrei tönte durch den dunklen Raum . . . . sie sank zu Boden. Berthold konnte nicht länger zweifeln – ein Wuthschrei entrang sich seiner Brust. Das Hexenbild erlosch. Der Maler schrie nach Licht. Er hatte Irmas leises Aufstöhnen vernommen. In der nächsten Sekunde kniete er an ihrer Seite und starrte angstvoll auf die Ohnmächtige nieder. Lucille sank schluchzend an der anderen Seite der Mutter auf den Fußboden nieder; sie wußte nicht recht, was vorgegangen, aber sie weinte vor Angst und in Besorgniß um die wie leblos hingesunkene Mutter.

Ein unglaublich wirres Durcheinander folgte, das noch vermehrt wurde durch die anfängliche Dunkelheit des Raumes, durch leise und laut geäußerte Empörung aller Bessergesinnten und durch zischelndes Zweifeln aller Gleichgiltigen und hämisches Lächeln aller Böswilligen, nachdem man allmählich zu begreifen angefangen, was sich eigentlich begeben und um was es sich handelte. Man verließ das Haus so eilig wie möglich, die Gutgesinnten aus Zartsinn, die anderen – was die Frauen anbelangt – wie in ihrer Würde verletzt; die Fremden und Verständnißlosen, weil die Soirée eben ein wenn auch etwas ungewöhnliches Ende gefunden.

Ehe Irma nicht wieder zu sich gekommen, hatte Berthold für nichts anderes Sinn, und als er dann sich des Urhebers des unerhörten Affronts erinnerte und zornbebend rief: »Wo ist der Betrüger? Haltet den Gauner fest, daß er nicht entkomme!« – war dieser bereits über alle Berge. In der ersten Verwirrung hatte niemand auf den Zauberkünstler geachtet.


IV.

Irma befand sich, wieder zu sich gekommen, in einem unbeschreiblichen Gemütszustande. Sobald sie nur imstande war, sich auf ihren Füßen zu halten, floh sie, wie von Furien gejagt, aus dem Hause des Malers. Berthold zitterte in Angst und Sorge um sie und durfte sich ihr nicht einmal nahen; sie duldete ihn nicht an ihrer Seite. Sie erschien sich öffentlich entehrt, in den Schmutz gezogen, öffentlich verhöhnt; das Heiligste des Weibes, ihre Ehre, ihre Reinheit war beschimpft vor hundert Augen, und dabei in solch raffinirt ersonnener Weise, daß keine Rechtfertigung, keine Beweisführung dagegen möglich war. Wem sollte sie sagen und versichern – und was betheuern – und wo? Es war unmöglich! Jedes Wort, das an das Vorgefallene rührte, fremdes oder eigenes, war eine Schmach mehr für sie. Sie konnte abreisen, ja, sie brauchte hier den hämischen, boshaften, zweifelnden, mitleidigen Blicken, die sie von jetzt an wie mit Dolchen durchbohren würden, nicht zu begegnen; aber würde deßhalb irgend jemand an ihre Unschuld glauben? Im Gegentheil, erst recht nicht, wenn sie floh; und überdies: der Skandal folgte ihr nach, wohin sie auch ging, wohin sie sich auch wandte. Schon einem kleinen Kreise wohlmeinender Personen wäre es schwer gewesen, sich völliges Todtschweigen solcher Begebenheit aufzuerlegen – hier, wo Fremde, Gleichgiltige aus vieler Herren Länder, aus fast allen Theilen Deutschlands, und auch Skandalsüchtige zugegen gewesen, war das unmöglich! Irma war sich über alles das völlig klar, und wie im Fieber schüttelte es sie. Sie war allein und die Nacht weit vorgeschritten.

Lucille hatte sich satt geweint und schlief jetzt einen bleiernen Erschöpfungsschlaf in einem Nebenzimmer. Die Mutter hatte sie getröstet, so gut sie es vermochte, mit einem Trost, von dem ihr eigenes Herz nichts wußte. Sie hatte der Tochter gegenüber Ruhe und Resignation geheuchelt, um das verstörte Kindesgemüt nicht noch mehr zu erregen. Aber was ihr jetzt allein noch zu thun blieb, stand ihr klar vor der Seele: das neu heraufziehende Tageslicht durfte ihr nicht wieder in die Augen scheinen, denn ihr war zu Muthe, als dürfe sie diese zu niemand mehr aufzuschlagen wagen. Das eigene Bewußtsein ihrer Reinheit genügte ihr nicht, wo so viele ihrer Mitmenschen daran zweifeln würden . . . . und sicher geschähe das – die Welt glaubt ja stets mit Behagen, mit Genugthuung das Schlechte, schon als Kitzel für die eigene Vortrefflichkeit. Die Gesinnung der edlen Minderzahl genügte ihr nicht, würde diese ihr auch sicher nichts Schlechtes zutrauen. Sie sah und hörte in ihrer überreizten Seelenverfassung nur die andern, bis sie glaubte, über dem Unerhörten, das ihr widerfahren, den Verstand verlieren zu müssen. Endlich raffte sie sich auf.

Sie schrieb an ihre, in einem nur wenige Stunden entfernten Badeorte weilende Tante, die sie um ihr sofortiges Eintreffen in K. dringend ersuchte, da sie eine schwere Krankheit herannahen fühle und Lucille nicht dem alleinigen Schutze ihrer, wenn immerhin auch treuergebenen Kammerfrau anvertrauen möchte. Dann saß sie wieder, das müde Haupt auf beide Hände gestützt, und sann; das Scheiden aus diesem Leben fiel ihr eigentlich nicht so entsetzlich schwer – nicht nur von aller Schmach befreite es sie, es erlöste sie auch zugleich von aller Qual einer unerwiderten Liebe, von dem Unerträglichen: den Mann, dem ihr eigenes Herz in seiner ganzen Kraft und Liebesfülle entgegenschlug, als den Gatten ihrer Tochter sehen zu müssen . . . . Oder würde Berthold sich jetzt vielleicht von Lucille zurückziehen? Die Männer lieben zumeist nur, was sie und andere bewundern, aber nicht, was sie und die Welt bemitleiden.

Sie schüttelte das schöne Haupt; sie hielt Berthold für edelmüthig genug, eine Ausnahme von der Regel zu sein und den in seinem Hause schuldlosen Frauen angethanen Schimpf, zum Theil wenigstens, gutmachen zu wollen, soweit das eben durch eine Heirat möglich war, da überdies doch nur durch seine Vorliebe für den Spiritismus und durch feine vielleicht mitunter allzu eifrige Annäherung an die beiden alleinstehenden Damen das schändliche Intriguenspiel möglich gewesen, und er somit, wenn auch unschuldige Veranlassung zu dem ihr Leben zerstörenden Vorgange geworden war.

Für Lucille ersah sie darin eine Rettung; Lucille war ja so jung, fast noch ein halbes Kind – wenn sie heiratete, so veränderte sie ihren Namen . . . . und war ihre unglückliche Mutter, die denselben Namen trug, nicht mehr auf der Welt, so gerieth der schreckliche Vorgang ja auch eher in Vergessenheit. Für sie selbst existirte solche Rettung nicht, denn hätte auch Berthold sie geliebt, was ja nicht der Fall war, ihr hätte man das Glück seines Besitzes, das Glück, daß er sie erwählt, nicht gegönnt. Die neidvolle, boshafte Welt würde darin seinerseits nur die »Sühne einer Schuld« erblickt haben. Daß er die Siebzehnjährige liebte, würden alle glauben und gelten lassen – ihr gegenüber jedoch würde Mißgunst und Böswilligkeit nach anderen Motiven suchen. Sie zerwühlte ihr langes, gelöstes Haar. Und an eine andere Verbindung vermöchte sie nie wieder in ihrem Leben zu denken – das stand in ihr felsenfest! Sie blieb also für all ihre Lebenszeit »Frau von Wahl« – »die bewußte Frau von Wahl, wissen Sie, die mit der damals in ›Dingsda‹ der Skandal passirte.« – Sie rang die Hände und strich die Haare weit zurück; ihr war's als höre sie flüstern: »Was doch eigentlich damals daran gewesen sein mag?« – »Die Eitelkeit treibt mitunter ganz seltsame Blasen, selbst in der sogenannten guten Gesellschaft.« Ein Achselzucken, ein malitiöses Lächeln, ein Mienenspiel voller Zweifel und tugendhafter Entrüstung folgt darauf – und sie ist und bleibt »die Bewußte«, der die »Skandalgeschichte« anhaftet und nachfolgt, wo ihr Name genannt wird, denn aus diesen Kreisen fanden sich stets wieder Personen, welche die »Geschichte« weiter apportirten in jene Kreise, in denen sie, sei es, wo es sei, leben würde.

Sie löste einige Haken ihres Gewandes, ihr war's, als müsse sie an diesen Vorstellungen ersticken. Dann nahm sie aus einem Kästchen mit Medikamenten ein Fläschchen mit einer Opiumtinktur, von der sie gelegentlich einige Tropfen als schmerzstillendes Mittel zu nehmen pflegte, das jedoch, auf einmal geleert, den sicheren Tod zur Folge hatte.

»Ja, liebte er mich«, fuhr sie verzweifelnden Herzens in ihren selbstmörderischen Gedanken fort, »dann fände ich vielleicht die Kraft zum Weiterleben . . . . aber sein Herz fühlt ja nicht für mich – und meines . . . . beugt sich nicht, es bricht auch nicht auf einmal, es bricht langsam nur und stückweise .... innerlich in vergeblichem Kampfe dahinsterbend – und in den äußeren Verhältnissen in steter Furcht dahinleben vor einem verletzenden, beschimpfenden Blick, Laut, Achselzucken oder Lächeln – auf das alles es keine Erwiderung, keine Rechtfertigung giebt, denn solch verleumderischer Schimpf ist gleich einem Hauch, der vor Deiner ernstlichen Berührung zerflattert und der doch stets aufs neue Dein Haupt umflattert, der sich Dir ums Haupt legt wie eine unsichtbare Dornenkrone, welche Zauberkunst Dir für Lebenszeit aufs Haupt geheftet. Du reißt und zerrst an ihr, drückst Dir die Dornen nur tiefer ins Fleisch, aber bringst sie nie wieder herab. Ja, nur der Tod kann mich erlösen! . . . .«

Sie trank das Fläschchen leer bis auf die Neige und schleuderte es weit in den Garten hinaus.

»Leb wohl, geliebtes Kind«, flüsterte sie, »ohne mich wird auch Dein Lebensweg ein glücklicherer sein ohne mich wird man eher an Deine engelsreine Unschuld glauben. Ich hinterlasse Dir kein Abschiedswort, damit Du vermeinst, der Tod habe mich überrascht, ein Herzschlag mich hinweggerafft . . . . Leb wohl . . . . Ohne mich wird sein Herz sich ungetheilt Dir zuwenden . . . . Der Bruchtheil seines Empfindens, der ihn zu mir zog, wird künftig auch noch Dein sein . . . . und dann wirst Du ihn lieben lernen mit aller Kraft und Fülle Deines eben erst erwachten Herzens . . . . dann werdet Ihr glücklich sein und ich . . . . vergessen . . . . ach –«

Ihre Sinne verwirrten sich, ihre Glieder wurden schwer und bleiern; sie drückte das schöne, bereits vom Hauch des Todes berührte Antlitz in die Kissen ihres Lagers, auf das sie in ihrem Festgewande, welches sie noch nicht abgelegt hatte, schwindelnd niedersank . . . . und nach kurzer Frist war sie eingeschlafen, um nie wieder zu erwachen.


V.

Berthold eilte, nachdem seine Gäste ihn verlassen, in verzweifelter Stimmung selbst ins Hôtel, das der Zauberkünstler während seiner Anwesenheit in K. bewohnte. Der Amerikaner hatte seine Effekten noch vor der Sitzung auf den Bahnhof schaffen lassen, und man wußte hier seit vielen Stunden nichts von ihm. Berthold setzte den Telegraphen nach allen Richtungen hin in Bewegung und that alle möglichen Schritte, um des Betrügers habhaft zu werden, ihn zur Rechenschaft zu ziehen und der abscheulichen Intrigue auf die Spur zu kommen, zu der jener wohl nur als Werkzeug benutzt und deren Pointe ihm in ihrer ganzen Bedeutung wohl kaum verrathen worden war. Für entsprechende »Bescheinigung« war jener edle, auf »Geister« reisende Industrieritter wohl gefällig genug gewesen, an eine harmlose, Berthold geltende Neckerei guter Freunde zu glauben – ein Weg, der von den gewissenlosen Ehrabschneidern, vielleicht sogar schriftlich und anonym betreten sein konnte. Welch entsetzliche Folgen hier Bosheit und verabscheuenswerthe Verleumdungssucht aus Neid und gemeiner Eifersucht gehabt, das hatten die Arrangeure jenes so schönen und doch so furchtbaren Tableaus wohl selbst nicht vorausgesehen. Man wollte schaden, aber nicht bis zu solchem Grade. Man bezweckte sicher eine schnelle Abreise der Beneideten. Bevorzugten, dem eigenen theuren Selbst im Lichte Stehenden, womöglich auf Nimmerwiederkehr – und man hatte erreicht, woran selbst ein leichtsinniges Herz sein Lebenlang zu tragen hatte.

Alle Schritte Bertholds blieben erfolglos. Der Name, unter dem der Geisterbeschwörer in K. aufgetreten war, brauchte ja nicht einmal sein eigentlicher gewesen zu sein; die Maske, unter der er anderswo erschien, brauchte nicht der in K. zu gleichen. Einem Menschen, der in täglichem Verkehr mit Geistern stand, war solch ein Verschwinden vom Erdboden doch nur Kleinigkeit.

Welche Qualen, welche Selbstvorwürfe Bertholds Innerstes zerwühlten, als er am nächsten Tage Irmas plötzlichen Tod erfuhr, läßt sich nicht beschreiben.

Die unglückliche Tochter der beklagenswerthen Frau glaubte an einen Herzschlag, als welchen der Arzt ihr aus Schonung den furchtbaren Fall erklärte. Der Brief an die Tante, den Irma offen auf dem Tische liegen gelassen und in dem sie von herannahender Krankheit gesprochen, die sie bereits zum Ausbruch kommen fühle, bestätigte solche Annahme.

Berthold erfuhr den wahren Zusammenhang, und ihm schien's, als könne es danach nie wieder eine glückliche Stunde in seinem Leben geben. –

Die Tante traf noch am selben Tage bei Lucille ein.

Zu Irmas Bestattung vermochte der Friedhof kaum die Menschenmenge zu fassen, die aus wahrem, warmem Antheil und aus Neugier herbeigeströmt war.

Lucille reiste wenige Tage darauf mit ihrer Großtante davon, um auf einem einsamen Gute ihren ersten großen Schmerz auszuweinen. Berthold hatte von ihr am Grabe der theuren Dahingeschiedenen fast wortlosen Abschied genommen – sie sahen einander nicht wieder.

Der berühmte Maler kehrte schwermüthiger und der äußeren Welt abgewandter denn je in seine Heimat zurück. Von seinem Geisterglauben hatte ihn jedoch auch dieses entsetzliche Erlebniß nicht zu befreien vermocht; im Gegentheil, daß er den Geist der geliebten Frau nun auch in jener Welt zu suchen hatte, die ihn ohnehin mit ihren Geheimnissen so mächtig anzog, war für ihn nur ein Grund mehr, sie zu erforschen und die Schleier, die sie unsern Augen verhüllen, durchdringen zu wollen. Nur darin und in künstlerischer Verkörperung seiner, mit Vorliebe ans Ueberirdische streifenden Phantasien, und jetzt zwar in noch vollendeterer Weise denn zuvor, fand er Trost und Beruhigung. Die Schöpfungen, die unser Herzblut bethaut, sind ja stets die bedeutendsten.