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Irene von Schellander – Titanic

Balladen

Irene von Schellander, Titanic, Dem Andenken ihrer Helden, 15. April 1912, Xenien Verlag, Leipzig, 1913

Titanic.

Dein Name schon: Titanic, war die Macht!
Dein Anblick Sieg, der aller Stürme lacht.
Und als die Riesenanker Du gelichtet
Im Hafen von Southampton, weltgesichtet,
Und ungestüm zerwühlt den Wellenschoß,
Da rissen sich zwei große Dampfer los
Von ihren Tauen, die Dein Wirbel schlug,
Und schwangen warnend sich vor Deinen Bug.
»Hab' acht. Du größtes Schiff im Meergewog!«
Da blies der Wind und Deine Flagge flog
Auf Deiner Brautfahrt, grüßte, wie seit je,
Die Freiheit in Alt-Englands Macht zur See!
Musik und Volldampf! Ob der Tag zerfloß,
Du stiegst am Himmel auf als Lichtkoloß,
Der durch das Weltall in den Abgrund fährt
Und Flut und Eis im Untergang verklärt.
Da horch – vom Krähennest hoch oben schlug
Dreimal der Gong: »Eis vor dem Bug!« –
Und: »Hard a-starboard!« das Kommandowort
In einem Atem. »Hart an Steuerbord!«
Es war der Tod, der das Kommando sprach
Und Dir das Ruder und die Rippen brach.

Die Männer zweier Länder ins Verderben!
Und mußten kühn wie Könige zu sterben!
Zweitausend Helden, eins im Seemannsspruch
»Frauen voran«, erlösen Dich vom Fluch.
Und Deines Siegervolkes Opferkranz
Strahlt heller um Dich als Dein Lichterglanz,
Umstrahlt das Schiff, das Dir zu Hilfe stürmte
Und, als sein Ziel in Eisgebirg sich türmte,
Scharf um den Tod geschwenkt mit gleichem Wort
Wie Du – zum Leben. »Hart an Steuerbord!«


Heldenabschied.

Frostig funkelt in Sternen blank
Himmel und Meer bei Neufundlands Bank.
Und durch des Ozeans gläsernen Schliff
Rauscht die Titanic, das Riesenschiff.
Hoch den Bug über zischendem Gleis
Durchreißt sie brausend den Sternenkreis,
Jauchzt mit tausend Augen hell: Fort,
Ich komm und breche den Weltrekord! –
Ihr stählernes Herz, ihr brodelndes Blut,
Die Schraube saust mit unbändigem Mut.
Und Menschen, ein ganzer Schwalbenflug,
Schwellen ihr noch den Atemzug.
So lacht sie hinaus in eisige Nacht
Ihr trunk'nes Lied von Titanenmacht,
Dem Riesen ins wonneblasse Gesicht,
Der ihrer spiegelnden Schönheit Licht
Anbetend mit nassen Armen umschlungen,
Von der Wildbraut auf die Knie gerungen.
Leis in ihren Triumph und Preis
Klirrt seine Kette, rasselnd von Eis . . .
Stürmend schnaubt die Titanic Dampf,
Sie ruft ihn zum Kampf –
Rüttelt ihn aus dem knieenden Schweigen,
Aus dem lauernden Nackenneigen       – –
Lichtgewitter auf dunkler Haut
Funkelt ihn an die Meeresbraut.
Und in ihrem ragenden Bau
Funkeln die Wünsche von Mann und Frau;
Laute fiebernder Zärtlichkeit
Locken im Weltmeer so meilenweit,
Zwingen unsterbliche Lebenslust
Heimlich, gewaltig, Brust an Brust.
Und süß gedämpfte Geigenmusik
Und der Ozean zittert in ihr Geschick. –
Plötzlich, zähneknirschend im Stoß,
Reckt und reißt sich der Riese los –
Ein Schürfen geistert, ein Messersingen
Durchs Schiff, als schnitt' ihm einer die Schwingen –
Ans Fenster splittert Schloßengeknall –
Und lautlos schattet ein dunkler Wall
Wuchtig in der Kabine Raum,
Treibt vorbei wie Nebel und Traum.
Ein Ruck – das Schiff in zitterndem Weh
Stoppt und rollt wie bei schwerer See.
»Was war das, Liebling?« – »»Das Meer, mein Kind,
Erschrak, daß wir so glücklich sind,
Daß Du kleines, bräutliches Mädchen, mein,
Mit tausend Küssen schläfr' ich Dich ein!««
Die Nacht hält ihren Atem an –
Da tappen und tasten Schritte heran,
Wie trippelnd im Traum und wachsend mit Macht –
»Licht, o mein Gott!« – Stockfinstere Nacht.
Und Schritte klappen wie schlarfend Getäu:
»Macht Euch bereit! Wacht auf, ahoi!
Rettungsgürtel anlegen!« Ums Eck
Wandert der Ruf. »Alle Hände auf Deck!«
Licht flammt auf über Gängen und Treppen.
Frack, Brillanten, Nachtkleid und Schleppen.
Neugieriges Durcheinanderfragen.
»Well, wir haben auf Eis geschlagen.
Aber das Schiff ist unsinkbar.«
Da schallt's von der Brücke: »Boote klar,
Die Bassagiere auszuschiffen!«
Noch hat die Sirene nicht gepfiffen.
Wasser –? Und kein Wasseralarm –?
»Machen Sie sich den Kopf nicht warm.
Einem Befehl nur folgen wir;
Sie würden«, lächelt der Offizier,
»Uns jetzt nur bei der Arbeit hindern,
Wenn Sie nicht Ihre Zahl vermindern.
Ihr Bleiben hier, bitte, hat keinen Zweck –«
»All hands on deck! Alle Hände auf Deck!«
Still, in tausendfenstriger Helle
Ruht der Koloß auf dunkler Schwelle.
Schlürfend den Bug unmerklich gesenkt.
Ein Boot, das surrend zur Tiefe schwenkt.
Die droben zaudern. Sie wollen nicht.
Sie wissen, das Schiff ist wasserdicht.
Da tritt dem Offizier überlegen
Der junge Reederkönig entgegen,
Mit ersticktem Gebieterton
Zu bleicher Lippen spielendem Hohn:
»Vorwärts! besinnen sich die nicht bald,
Rettet die Gaffer mit Gewalt!«
Und aus Gluten hämmernder Schächte,
Wild, wie Hephästos' rußige Knechte,
Stürmen Heizer heran im Lauf,
Das Wasser schießt schon die Leitern auf.
Und ein Kommandoruf erdröhnt
Von der Brücke, der unten weitertönt,
Auseinander treten zweitausend Mann –
»Frauen und Kinder voran!«

Da geh'n auf dem Unterdeck nach der Reih'
Die Frauen in langer Gasse vorbei.
Arm in Linnen und Seidenglanz,
Sie, zweier Länder Blütenkranz.
Erstarrt das Lachen auf rotem Mund;
Verdunkelt blitzender Augen Grund.
Kein Todgeweihter, kein britischer Mann
Rührt die Blumen des Lebens an.
Herunter, herauf ein Rufen und Steigen,
Matrosen, Stewards treiben den Reigen.
Die Kapitäne treten dazu,
Wachend über Ordnung und Ruh'.
Sie steh'n, die noch beim Walzer im Saal
Geflirtet mit zärtlicher Augen Strahl,
Wie stählerne Säulen, sie huldigen nicht,
Feinde sind sie im Dienst der Pflicht.
Vom Rauchsalon, vom Pariser Café
Wimmelnde Menschen wie wogende See.
Frauen, die nicht die Wimper heben,
An knospender Brust ein schlafendes Leben.
Kinder kreischen zum Geigentakt,
Von harten Seemannsfäusten gepackt
Und zögernden Müttern weggezerrt,
In die Flucht der fremden hineingesperrt.
 
Plötzlich ringt sich's mit hellen Schreien
Heraus und bricht durch die wartenden Reihen,
Wirft mit schluchzend lachender Lust
Sieben Männern sich an die Brust,
Lichtgelb wehendes britisches Blond,
Wie Primelwellen im Frühlingsmond,
Krauses, dunkles Ringelgerank –
Ein Haupt wie Schnee auf den Liebsten sank.
Im Zug ein reißender Ruck, ein Stauen.
»Männer, laßt los! Vorwärts die Frauen!«
Offiziere droh'n, den Revolver gespannt.
Ein roter Knall, in die Luft gebrannt.
»Laßt los, lebendig oder tot!
Vorwärts, Ladies, wir streichen das Boot.«

Da hebt sich das Haupt im weißen Haar.
Zwei Augen blinken, tiefmild und klar.
Sie schüttelt fremde Hand ab und spricht:
»Kapitän, Sie sind jung. Ich laß ihn nicht!
Wer so zusammen ein Leben geteilt,
Der ist von des Todes Schrecken geheilt.
Der dankt ihm, daß er in tiefer Nacht
Zwei Leben, die eins find, ein Ende macht.
Gott schenkt mir das Glück, wonach ich gebebt.
Mit ihm zu sterben, mit dem ich gelebt.
Als Recht, das kein Mensch mir entreißen kann,
Auch Du nicht, Du treuer, geliebter Mann!«

Und übers Antlitz des alten Herrn
Fällt ein Lächeln, wie Licht von fern:
»Ich wollte Dich wahren ein Leben vor Not!
Ich wollte Dir sparen den bittern Tod!
Ich kann nur eines – Dein sei die Wahl . . . .                         
So bleib! Ich segne Dich tausendmal!
Ich sterb' in dieser Stunde, Dir treu;
Ich werb' in dieser Stunde Dich neu.
Wir lesen das Märchen des Glücks bis zum Schluß
Und opfern . . . paar Jährchen dem letzten Kuß!« –
Die Blonde ringt mit dem Gatten: »Der Tod
Ist sanft und das Leben grausame Not!
Das Meer, das Meer hat so wirr gerauscht,
Hat unser Geheimnis von Neid belauscht,
Mein Kränzlein blühte noch schnee-schneeweiß,
Du hast meine Lippen geküßt so heiß –
Da gab ich Dir preis mein Sein und Vergeh'n–
Ich kann nicht mehr einsam das Leben seh'n!
Als der Tag, als der lichte Tag
Noch vor unsrer Jugend lag,
Haben wir alles anders geträumt,
Das Meer, das Meer schäumt.
Aber das Stündlein, das uns blieb,
Ich kann's verlängern, ich hab' Dich lieb!
Der Fremde drängt mich – er trieb den Schwarm –
Er zwingt mein Sträuben mit eisernem Arm –
Die Waffe hebt er – und zielt aufDich –
Halt, vor die Kugel zuerst komm ich!
Wir leiden selig – wir feiern zu zweit
Die wunschlose Nacht der Ewigkeit.«
 
Da schaut der schlanke Knabe stolz auf
Zum vorgehalt'nen Revolverlauf:
»Nichts ist, was uns auseinandertreibt!
Mein Weib bleibt!« –
Ihr Haupt nur schüttelt die Dunkle dort
Zu des ältern Beschützers Wort.
Ihre Lider füllen sich tränenhell,
Wie Rosenblätter vom Regenquell,
Und Tropfen fallen von Wangen und Kinn
Groß zu den Perlenknospen hin
Auf Schultern, wie zitternde Lilien licht:
»Ich verlaß Dich nicht! Ich verlaß Dich nicht!«
»»Geh ruhig, ich komm Dir noch heute nach –««
»Das erste Wort, das mein Mann mir brach!«
» »Geh rasch mit den andern und hab' Vertrau'n.««
Ihre Kinderaugen flackern vor Grau'n,
Ihre Finger lockern den Klammergriff –
»Siehst Du Raketen steigen vom Schiff?«
»»Sie rufen zu Hilfe von drüben her,
Wo das Licht erglimmt, ein Schiff übers Meer.««
»Hörst Du der Sirene grausigen Schrei?«
»»Sie ruft die nahe Hilfe herbei.
Geh mein Kind, geh Du mein Morgenrot,
Unten streichen sie Boot um Boot.««
Und plötzlich ein Wort, das den Funken trägt.
Durch Tausende zuckend die Kette schlägt:
»Der Reeder! Habt Ihr den Reeder geseh'n?
Nein, nicht auf der Brücke beim Kapitän.
Im Boot, das mit Frauen vom Deck sich schwang,
Verläßt er sein Schiff im Untergang!«
Und durchs metall'ne Sprachrohr schallt
Eine Stimme mit tief erhob'ner Gewalt:
»Boote, reiht Euch! geschlossen zu zwei'n! –
Rudert los auf den Lichterschein!
Schifft ein die Passagiere dort!
Holt über und schafft die nächsten fort!«
Da bückt der Alternde, Feine sich nieder
Und küßt sein Weib auf die nassen Lider.
»Ich wünschte, Du, die sich mir geschenkt,
Daß mein Deine Jugend in Frieden denkt.
Du letzte Liebe, mein süßes Weib – –
Geschwind, es ist Zeit. Du gehst, ich bleib'.
Ich bin Soldat und die weichen nicht,
Auch Du gehorch' Deiner Ehrenpflicht!
Wenn unser Kind zum Leben erwacht.
Denk auch des Vaters und dieser Nacht.
Sag' ihm: so taten wir ohne Reu',
Dem Sternenbanner der Heimat treu.
Sag' ihm« – er hebt sie hastig im Geh'n,
»Wir wollen in ihm uns wiederseh'n.«

Glatt ist die See. Nur flatternd am Bug
Schaukelt und steigt es wie plätschernder Flug,
Schwankt auf hundert gehöhlten Wegen
In halber Höhe dem Boot entgegen.
Strahlend lugt die Titanic aus,
Nickt in den Walzerwirbel von Strauß,
Alle Boote sind nun gesichtet,
Alle Augen hinausgerichtet
Auf den Lichtgruß an Freundesbord –
Aber das fremde Schiff zieht fort – –
Hochaufrecht steht in frierender Nacht
Von Deck zu Deck eine Heldenwacht,
Ins Dunkel forschend mit blindem Späh'n –
Und auf dem Posten der Kapitän.

 

Der Retter.

Auf hoher Brücke schickt Botschaft aus
Ein blonder Jung' im Marconihaus.
Fingert rastlos der Taster Geklapp,
In Blitzen prasselt sein Taglied ab.
Nun darf er sich recken, wie gähnt er froh!
Da schrillt der Wecker. Kommando, hallo?
»Alle hier überm offnen Grund,
Vom Meer umkerkert, sind mein zur Stund'.
Ich reiß' sie los von Musik und Fest,
Los vom seidenen Hochzeitsnest,
Liebe sprech' ich von Liebe frei,
Treu' von Treue so nebenbei.
Eh' noch ein Stern vom andern weicht,
Hat die Titanic Land erreicht,
Viertausend Meter unter Dir!
Ich legte sie nur soeben hier
Auf Eis – Du hast sie rollen gefühlt –
Den Leutchen drin wird der Sekt gekühlt.
Sie feiern nämlich Rekordbankett.
Etwas früh. Sie gehören zu Bett!
Jack Phillips, Du bist ein heller Kopf,
Machst mir Spaß mit Deinem Geklopf.
Nimm doch, wie kein König im Land,
Dreitausend Menschen in Deine Hand!
Sei Du der Einzige, kleiner Mann,
Der mir die Beute rauben kann.
Und stimmt die Rechnung: Dreitausend, paß' auf!
Kannst Du dann laufen noch, Freund, so lauf!«
Jack Phillips lacht und spricht kalt und klar:
»All right. Das Kommando?« – »Kommt schnell, Gefahr!«
Das Seenotzeichen! Titanic in Not!
Die Taster knacken, der Funke loht.
Eile, Jack Phillips! in dunkler Nacht
Sind Schiffe bei Deinem Ruf erwacht.
Sie müssen kommen – mit Volldampf – durch Eis –
Dreitausend Menschenleben der Preis!
Und immer wieder und wie zum Hohn
Ruft ungeduldig das Telephon:
»Zu Hilfe! – Der Steuerbord ist leck! –
Der Bug im Sinken. –Wasser auf Deck.« –

Die Taster hämmern: »Kommt schnell, Gefahr!
Wir retten die Frauen. – Die Boote sind klar.«

Jack Phillips, hörst Du das Jammerschrei'n?
Und jauchzende Tanzmusik fällt ein.
Was gurgelt und summt so geheimnisschwer?
So rauscht an Englands Küste das Meer.
Das war wie Brandung, die drüberstrich –
Deine greisen Eltern meinen um Dich.
– Das sinkende Schiff ist mein Haus, mein Hort,
Es zog mit mir, ein Stück England, fort.
Ich halt' es – in Händen – bis es zerbricht –
»Saving of Souls« – ich verlaß es nicht. –
»Hilfe, Hilfe!« Das Schiff erkracht –
– Fliege, mein Licht, durch die Nacht, durch die Nacht –

Auch er, der kleine, der große Mann,
Der Retter, ließ Frau'n und Kinder voran . . .

Der Schiffsjunge.

All right! Es knurrt an den Kranen das Tau,
Wenn ein Sprung das Boot erreicht –
Hallo, noch Kinder an Bord? Eine Frau? –
Nein, keine mehr. – Fertig, streicht! –
Ho, stop! hier unser little boy
»Werft ihn ins Boot herunter!«
All right, wir werfen ihn, hoy!
 
Und beim Kommando: »Zum Streichen klar« –
Wer klettert und springt auf Deck?
Der little boy mit fliegendem Haar:
»Da bin ich und geh' nicht weg.«
Look hier der Jung'! Halt auf gleich vorn! –
Bums über Bord geschmissen,
Als wär's ein Sack mit Korn.
 
Streicht! – Die Taljen stocken im Griff
Der Krane, krachen und steh'n –
Rankt nicht das Bürschchen sich dran zum Schiff
Und wippt auf den nackten Zeh'n.
Goddam, der Jung'! und ist fremd an Bord –
»Ich hab' meine Kameraden,
Da lauft ein Brite nicht fort.«
 

Vorwärts, klar? Hallo, 's ist Zeit,
Das Schiff zieht Wasser, nicht faul,
Es gluckt und wird Dich schlucken – »All right«
Marsch über Bord, halt 's Maul!
»Ich halte nicht 's Maul, ich brüll', was ich kann:
Da unten im Boot sind Kinder,
Ich aber, ich bin ein Mann!«

Hinunter. Herauf. – Hinunter, Du Wicht!
Streicht! – Geknarr und Gesaus –
Und am Kran ein weißes Kindergesicht:
»Meine Knochen – halten was aus.«
Er kroch zum viertenmal auf Deck
Mit seinem zerriss'nen Höschen.
Ja, Jung'! jetzt fahren sie weg!
 
Er kreuzte still übern Rettungsring
Die schmalen Arme bloß.
Ein Lachen den atmenden Mund umfing,
Seine Augen glänzten groß.
Die Taue klatschten ins Wasser schlapp,
Und vogelhell flog ein Stimmchen
Vom Schiff in die Nacht: »Stoßt ab!«

Die Musikanten.

Kameraden, singen sollen die Geigen!
Lieder streu'n wir entgegen dem Schweigen.
Wird sich der Boden wie Wogen wiegen,
Kameraden, die Bogen fliegen!
Unsre Saiten müssen noch tönen
Hinüber ins große Todesstöhnen!
Streicht – streicht – bis die letzte springt.
Solange mein Stab noch den Takt dazuschwingt!
 
Wallace Hartley, der Dirigent,
Nickt es, der seine Braven kennt.
Hei, wie jubeln ihm zu die Geigen!
Den sieben Jungen wird es ganz eigen,
Inniger wirbelt der Lerchenflug
Der Flöte mit jedem Atemzug,
Kichernd wispert die Viola was,
Orgelhaft brummt der Cellobaß.
Sieben Jungen, so schmuck, so jung,
Spielen die Seelen sich auf in Schwung.
Und wenn eine Hand den Boden streift,
Den braunen Rettungsgürtel ergreift
Und flink über Schultern hüllt und Brust,
Fiedeln die andern mit doppelter Lust.
Die Geister lustiger Operetten
Umzieh'n den Prunksaal mit Rosenketten,
Lebensfreude wiegt hoffnungswarm
Mitleidig die stillen Hörer im Arm. –
 
Da klopfen mit Fingern, zerfließend und fahl.
Die Wellen, tipp tapp, an die Fenster vom Saal:
»Auf – auf – Ihr drinnen so bleich!
Willkommen in unsrem grünen Reich!
Zwei Treppen höher hinauf – und hinaus – –!
Euer Konzert ist aus – ist aus.«
Einer nach dem andern steht auf
Und steigt zum Oberdeck hinauf.
Und zwischen der leeren Stühle Reih'n
Die Musikanten hinterdrein.
 
Und vor den Hunderten, die dort steh'n,
Auf knirschendem Eisstaub vorübergeh'n,
Zieh'n sie heran mit klingendem Spiel,
Als ging's in die Schlacht, zum Siege, zum Ziel.
Mit lustigem Marsch voll Mut, von Glut
Stellt sich dem Tode das junge Blut –
Daß vom Mast, wo das weiße Licht ihn umspinnt,
Englands Flagge zu winken beginnt –
Kein Strich, kein Griff aus dem Gleis dabei
Und flott im Tempo, nur frisch und frei!
Der junge Meister hält seine Bande,
Sonst klopft er gleich ab, das wär' eine Schande!
Hei, wie jubeln ihm zu die Geigen,
Ob auch die weißen Raketen steigen,
Ob die Masten auch schauern und schwirren,
Als wollt' eine Riesenharfe zerklirren –
Lauter muß jetzt die Viola sein –
Und dumpfe Schüsse donnern darein.
Da zuckt's den Sieben wohl durch die Brust:
»Wir spielten frohen Menschen zur Lust.
Große standen im Himmelsschein
Der hohen Kunst, und wir waren klein.
Sie sind geliebt, gefeiert, verwöhnt –
Doch Sterbende hat nicht ihr Lied versöhnt.«
Und Wallace Hartley klopft ab: »Geschwind:
›Näher, mein Gott, zu Dir.‹ Beginnt!«
Und feierlich steigt in den Sternenraum
Sehnsüchtig das Lied von Jakobs Traum:
Mit Akkorden, die sanft, getragen,
Tote geleiten, Tote beklagen,
Steh'n die Sterne wie gold'ne Sprossen
Der Himmelsleiter zum Meer ergossen,
Auf in unendlich flimmerndem Reigen,
Daß noch Milliarden den Weg ersteigen.
»Jetzt im Traume komm ich von hier
Näher, näher, mein Gott, zu Dir!«
Wohl jeder, dem es die Stunde versüßt
Und der sein England im Scheiden grüßt,
Gab zu der schlichten Trauerweise
Schon einem sein Herz mit auf die Reise:
Nun knieen alle, den Tod im Blick,
Schluchzend zur eig'nen Leichenmusik.
Tiefer neigt, von Wasser umschnaubt,
Lechzend das sterbende Schiff sein Haupt,
Weh, das kommt wie der jüngste Tag
Näher mit Glocken- und Trommelschlag,
Näher, mein Gott, wie bei schwerer Bö –
Deck und Wasser in gleicher Höh'!
Klatschend springt es um Fuß und Knie:
»Nearer, my God, to Thee!«
 

Näher, mein Gott, zu Dir!*


Näher, mein Gott, zu Dir,
                          Näher zu Dir!
Hebt auch in Schmerzen auf
                          Ein Kreuz mich hier,
Noch klingt der Sang in mir,
Näher, mein Gott, zu Dir,
                          Näher zu Dir!

Sinkt, wie dem Wand'rer, mir
                          Der Sonne Schein,
Bett' ich, von Nacht umhüllt,
                          Mein Haupt auf Stein.
Komm jetzt im Traume hier
Näher, mein Gott, zu Dir,
                          Näher zu Dir!

Stufen ersteigt mein Schritt
                          Dem Himmel zu;
Alles, was Du mir gibst,
                          Gnade bist Du;
Engel, sie winken mir,
Näher, mein Gott, zu Dir,
                          Näher zu Dir!

Frei dann, erwachend strahlt
                          Mein Geist Dich aus,
Baut Dir in Stein den Preis,
                          Mein Gotteshaus;
So bringt mein Weh mich hier
Näher, mein Gott, zu Dir,
                          Näher zu Dir!

Oder wenn ich im Flug
                          Den Himmel teil',
Sonne, Mond, Stern vergaß,
                          Freudvoll enteil'.
Noch klingt der Sang in mir,
Näher, mein Gott, zu Dir,
                          Näher zu Dir!
 

Kapitän Smith.

Droben sendet vom Brückenstand
Raketen empor der Kommandant.
Der Einz'ge, wo rings die Welle schlägt,
Der keinen Rettungsgürtel trägt.
Sein Schatten fliegt übern Wasserschwall,
Als wollt' er gebieten noch überall
Und rührte die Hände, mächt'ger als Gott,
Und machte sein kenterndes Schiff noch flott.
Menschen stürzen zum steigenden Heck,
Menschen und Wogen geh'n über Deck.
Seine Blicke möchten schützen ihr Flieh'n –
Er sieht seine Passagiere knien
Und ihnen beisteh'n zum letzten Schlaf
Die Kapitäne, ja, die sind brav.
Und um die Brücke, die Häupter entblößt,
Die Mannschaft, die nicht ihre Pflicht verstößt.
Er neigt das Antlitz im grauen Bart:
Ist das sein Ausruh'n nach letzter Fahrt?
»Verloren«, pfeift's ihm sausend ins Ohr
Mit tausend hohlen Stimmen im Chor,
Von all den Kehlen, ihm wohlvertraut,
Ein einziger grauser Verzweiflungslaut.
Und über ihm ein Tasten und Strecken,
Wanten und Stage, die sich recken
An spielenden Masten und Stengen voll Kraft,
Bogensehnen, winselnd gestrafft.
Am Windreep gepeitscht, als riß' es entzwei,
Schnellen die Spieren mit hellem Schrei:
»Kaum noch zur ersten Fahrt geboren,
Und schon gescheitert, verloren, verloren!
Wer hat meine Riesenmacht vernichtet?«
Die Bügel klirren: »Zugrundegerichtet
Vom Mann, der tollkühn aufs Glück gepocht!«
»»Mein Dämon hat mein Glück unterjocht!«« –
Die Kloten klappern, es keucht die Gien,
Als ränge sie, Borgstag aufzuzieh'n:
»Das Ungeheure wolltest du wagen,
Eine grade Brücke durch Eis zu schlagen –
Du bist verloren – Dein Ruhm ist zerschellt –
Mein Jammer flutet von Welt zu Welt!«
Der schwingende Fockmast stöhnt: »Rekord.«
Der Toppmast surrt in den Bügeln: »Mord!«
Und schneidendes Schwirren dazwischen zischt:
»Meine Funkensprache – erlischt.«
Und die Glocke schlägt gellend, gellend an:
»Schuldig, schuldig, geschlagener Mann!
Ich rufe, die knien, und Dich, der da steht;
Zur letzten Wache – zum letzten Gebet!«

»»Ich kenne von Jugend auf die Meere,
Ich hab' in zwanzig Jahren mit Ehre
Viel stolze Schiffe kommandiert,
Die Englands Flotte mit Glanz geziert.
In ihren Diensten bin ich ergraut,
Und mit den Seelen, die mir vertraut,
Wahrhaftig, trieb ich kein frevles Spiel!
Und heut – ich warb um mein Ruheziel!
Kapitäne, die vor dem Rekord erblassen,
Werden entlassen – –                     
Mein Schiff! Mein Schiff!«« Da hört er weinen.
Mit kalten Fingern hängt's an den seinen.
So streckten nach ihm in Heim und Haus
Zwei kleine, bittende Hände sich aus –
Das fremde Kind da trug er in Armen
Zur Brücke. »Bete, Gott hat Erbarmen!«
Seine Blicke wandern, erwartungsschwer,
Da schwingt sich übers Geländer her
Von Wasser triefend, pustend, berußt,
Ein wilder Gesell, an zottiger Brust
In lichtem Kleidchen und Lockenflaum
Ein Mägdlein, wie blasser Meeresschaum.
Hart umklammert der Kommandant
Das Sprachrohr mit erstarrender Hand,
Die gurgelnden Wellen schwellen und nah'n:
»Leute, Ihr habt Eure Pflicht getan!
Seid Eurer Bande frei durch mich.
Jetzt gilt die Losung: Jeder für sich! –
Auch Du sollst mit dem Kinde geh'n.«
»»Ich sterbe mit meinem Kapitän.««
»Weh denen, die verloren sind,
Mit Deinem Leben rette das Kind!«
Da lacht der Heizer: »»Hat keine Not.
Ich schwimm' damit und erreich' ein Boot
Und müssen alle hinunter in Nacht:
Die Jungens von unsrem Schiff, die acht –
Man sieht sie gut von der Brücke, dort –
Mein Jung' ist dabei und geht mit fort!
Mit unsrem Schiff, wie wir da sind!
Kapitän, ich rette das Herrenkind!«
Da klopft ihm die Schulter der Kapitän.
Seine Seemannsaugen wandern und späh'n
In fieberheißer Erwartung Gier:
»Wo ist der erste Offizier,
Der hier auf meinem Posten stand,
Als die Titanic an Eis gerannt?«
»»Ich kam erst spät von den Pumpen fort.
Kapitän – es sind noch Kinder an Bord!««
Da krümmt sich die See zusammen im Schwung
Und neigt sich über zum Riesensprung –
Ein krachender Knall, ein gellender Schrei –
»Männer, steht Frauen und Kindern bei,
Haltet Treue den alten Sitten,
Zeigt Euch als Briten!«
Lebendig werden die toten Maschinen,
Der Winden Pfiff, das Geklirr der Turbinen,
Es stößt der vier Riefenschlote Gefauch
Funkenströme wie Blut aus im Rauch,
Die Schraube wirbelt in heulendem Krampf
Hochauf aus tosendem Wasserkampf,
Stählerne Platten klappern und dröhnen,
Wie Waldsturm krachen die Masten und stöhnen,
Von der Brücke wäscht die stürzende Flut
Zwei Männer, sie schützen die Kinder gut.
Sie teilen das eisige Wasser mit Kraft,
Zum Boot, zum Boot, eh' das Blut erschlafft,
Fort aus dem hilfeschreienden Chor
Ertrinkender, fort, zu den Booten vor! –
Das einzige Leben, das zitternde Kind,
Mit Ärmchen, so schwach, die wie Ketten sind –
Das Dir kraftlos legt auf die Schulter sein Haupt,
Rett' es, dem Du die Heimat geraubt!
Noch leuchten die Sterne, noch sprüht das Gefunkel
Des sinkenden Schiffs Dir voraus ins Dunkel,
Zum Boot – zum Boot, das im Wellenschoß
Umgestürzt treibt und rettungslos.
Und Menschen darauf, wie Tote bleich,
Und alle strecken die Hände zugleich
Nach Kind und Mann, er schwingt es aufs Boot
Und hebt die Blicke von tiefster Not,
Als müßt' er schweigende Mienen durchdringen
Mit seinem blutenden Herzzerspringen,
Als hing' ein Wort der Erlösung hier:
»Wo ist mein erster Offizier?« – –   
»»Er ist tot.«« – Da zuckt's wie Wetterleuchten
In seinen Augen, die sich feuchten,
»Laßt mich«, er schüttelt das graue Haar
Und bietet die Brust den Wellen dar
Und teilt die Flut mit gewaltigem Arm
Und schwimmt zurück in den Todesschwarm.
War's nur ein Traum, gespenst'ger als je?
Dort ragt noch sein Schiff aus saugender See.
Finster wuchten die Schlote hervor,
Als höb' es vier Arme zum Schwur empor,
Die Masten, umzuckt von blitzweißem Strahl,
Dem unerwiderten Todessignal.
Und die Kommandobrücke taucht auf –
Und einer im Wasser – bäumt sich hinauf.
Weithin leuchtet sein weißer Bart,
Fest hält er die Brüstung. Ausgeharrt.
Und plötzlich ein dumpfer, krachender Braus,
Alle Lichter löschen auf einmal aus –
Noch ein Widerschein in fliegendem Schreck
Über das turmhoch wachsende Heck
Und den, der an schiefer Brücke Rand
Wie geschmiedet steht, an der Kappe die Hand,
Als rief er: »Laßt mich hinuntergeh'n,
Nie soll die Sonne mich wiederseh'n,
Aber nach dieser Nacht soll's tagen,
Herz und Gewissen der Welt soll schlagen,
Nach Recht soll schreien vom Grunde der See
Das unglückseligste Schiff von je,
Dann schirmt es vernichtend Blut mit Blut,
So gilt meinem Schiff mein letzter Salut!«

Die Schiffbrüchigen.

Ein Schattenschlag – umprasselt von Schaum
Steht himmelan steil das Wrack im Raum.

Welle, die heulend an Welle sich bricht,
Hat Hände, hat ein Menschengesicht.

»Hilfe! Hilfe!« »»Hand ab, Genoß!
Noch einer, dann sinkt mit allen das Floß.

Wir halten Schulter an Schulter hart –
Tote steh'n unter uns, erstarrt –

Im Wasser selber bis zu den Knien –
Kein Ruder – wir treiben, weiß Gott, wohin!««

»Und läg' im Wasser, im hohen, kalten,
Ein Balken nur, Hände herumzufalten,
 
Und stünd' in den bittern Meereswellen
Ein Platz nur, zwei Füße daraufzustellen,
 
Und könnt' ich auf Eurem Floß noch steh'n,
Hilfe! Laßt mich nicht untergeh'n!«
 
Das krallt sich mit Nägeln um Hand und Bein
Und beißt mit klappernden Zähnen hinein.
 

Und winselt und schluckt im Wellengeschmatz:
»Laßt los! Sonst sinken wir alle! Kein Platz!««

Da lallt es schwirrend und klingt im Getos:
»Glück auf! God bless you! Wir –lassen –los.«
 
Und über Röcheln, Geheul und Gekeuch:
»Good luck! God bless you! Gott segne Euch!«

C. Q. D.

Von Cape Race und südlich der Großen Bank
Neufundlands, wo die Titanic sank,
Wo Grönlands Gletscher schwimmen, die Rotte
Der unbesiegbaren Orlogflotte,
Von Dampfern, zunächst und fern dem Kap,
Lodert's in Funken auf und ab.
Einsam lauschend wandert und wacht
Auf tausend Meilen der Gruß in die Nacht,
Verzaubert spricht der verborgene Port,
Und die Schiffe tauschen ein Geisterwort.
Das trägt einen Schimmer Ewigkeitsschein
Von Mut und Hoffnung ins Menschensein,
Die Schranke des Grenzenlosen erlischt,
Wenn der Draht die Zeichen der Flamme zischt,
Frieden donnert ihr prasselndes Loh'n
Dem Hader von Nation zu Nation. –
Still ist die See, hell blitzen die Sterne,
Da singt weither, über weite Ferne,
Die Tunisian durch den silbernen Frost
Ihr Eissignal: »Von St. Johns im Ost
Neunhundert Meilen. Sind eisumschichtet,
Stoppen. Zweihundert Berge gesichtet
In vierundzwanzig Stunden. Gut Glück,
Titanic!« – Und strömend klingt zurück
Die Funkenwelle vom Gegenpol:
»Vielen Dank. Lebt wohl!« – –
 

Glühende Stunde schnaubt aus den Schloten,
Rauscht über zweiundzwanzig Knoten
Und pocht im Wassertakt der Propeller:
Volldampf, Titanic, schneller – noch schneller.
Im Mikrophon an Jack Phillips Ohr
Summen und sausen Stimmen empor.
Die ferne Caronia: »Vor Euch im Norden
Packeis und Felder gesichtet worden.«
Die Baltic: »Drei große Berge, habt acht!
Massen von mächtigen Feldern. Wacht!«
Die Californian im Nähereilen:
»Eisberg südlich von uns fünf Meilen.«
Und der französische Dampfer Touraine:
»Treibeis, warnt Euern Kapitän,
Achtung vor der Neufundlandbank!«
»»Titanic begrüßt Euch. Freundesdank!«« –
Befehle schwirren durchs Telephon,
Und zwischen Jack und der Eisregion
Staut sich auf seinem Tisch zusammen
Ein Schatz noch von Privattelegrammen,
Der einzige Schatz, den er heben kann,
Der schlechtbezahlte Marconimann,
Und wieder zerstört's ihm irgendwo
Den Strom. Die Californian. »Hallo,
Alter Knabe! Rings alles weiß,
Vor uns, nordöstlich, ein Feld von Eis,
Entfernung kaum eine Viertelmeile.«
»Halt Deinen Mund, ich bin in Eile
Und habe mit Cape Race zu tun.««
Dann knackt und knistert's und mag nicht ruh'n:
Grüße der nahen, der neuen Welt,
Wünsche, von Passagieren bestellt,
Fragen und Antwort, die sich jagen,
Ein Rekord, den die Reichen schlagen.
Nacht, Erwartung streicheln und schärfen
Alle Sinne, lebendige Nerven
Schwingen im Draht und springen im Feuer,
Rote Herzen, einander teuer.
»Drei Tage Geduld noch. Weit und breit
Leider kein Eisberg. Sonst all right,
Für gute Fahrt die vollste Gewähr.«
Ein amerikanischer Milliardär
Trifft für New York schon das Verfügen:
Einen Sonderzug zu seinem Vergnügen.
Da ruft die Mesaba scharfen Gesurrs:
»Unmittelbar Eis in Eurem Kurs!« – –
Und plötzlich Schweigen. Die Diele knarrt,
Ein erloschenes Antlitz starrt
Aus hohlen Augen in die Kabine,
Als ob auf einmal nur Zwielicht schiene – –
Gebietend mit seinem toten Blick
Zündet's die Funken – Menschengeschick.
Und schaurig schallen über die See
Elf schütternde Schläge: »C. Q. D.«
 
Das Zeichen, das alle Schiffe versteh'n:
Ein Kamerad droht unterzugeh'n.
Das Zeichen, das zwischen Völkern vereint,
Im Krieg selbst Beistand zu leisten dem Feind.
Das Ehre verpflichtet, Leben und Tod:
Die Taster knacken, der Funke loht.
»C. Q. D. Kommt schnell, Gefahr!«
Und die Schiffe reden, rings unsichtbar:
 
Die Frankfurt: »Was ist los?« »»Mit Fragen
Soll sich ein Narr aus der Leitung schlagen.««
Die Carpathia: »Mit Volldampf bereit.«
Die Frankfurt: »Bis wir kommen, will's Zeit
Hundertvierzig Meilen im Süden fort –
Unmöglich vor elf Uhr Morgen dort.«
»»Ihr seid die Nächsten, das Eis zerschlug
Den Boden, wir sinken schon mit dem Bug.
C. Q. D. Laßt Hilfe nicht fehlen.
S. O. S. Rettung den Seelen!«« –
Die Weite starrt aus der Sterne Feuer,
Ein tausendäugiges Ungeheuer –
Dann saust von Neuem der Seenotschrei.
»Californian, wir geh'n unter. Steht bei!«
Wüste fließt und atmet ringsum.
Da wispert wie dumpfes Bienengesumm
Die Caronia kurzen Bescheid:
»Auf siebenhundert Meilen – zu weit!«
Zurückgeworfen zur Unglücksstelle,
Stößt auf ein kleines Schiff die Welle,
Mit Mühe schleicht's durch den weißen Nord,
»Mount Temple, Hilfe, kommt schnell, sofort!
Macht alle Boote für uns klar.
Sagt Eurem Kapitän, Gefahr.
Kommt Ihr? Das Wasser steigt ungehemmt,
Maschinenraum, Kessel überschwemmt. –
Carpathia, helft, wir sind halb begraben!«
»Wollt Ihr bestimmte Boote haben?««
»Alle, alle sendet heraus,
Wir schiffen Frauen und Kinder aus –
Gebt weiter den Ruf – der Dampf entweicht.
Der Strom wird schwächer, um den er streicht –
Unsre Dynamos lassen nach –
Bald unter Wasser, liegen sie brach.«
Draußen im Osten rauchumflogen
Rauscht am Eis vorüber im Bogen
Das deutsche Schiff Cincinnati hinauf –
Da fängt es die Seenotzeichen auf
Und eine stöhnend verwehte Frage,
Wie langgezogen des Nebelhorns Klage –
Und setzt seinen Kurs auf Norden steil:
»Wir rüsten für Euch, wir kommen in Eil'!«
Und Frag' und Antwort flieh'n übers Meer,
Wie flatternde Wetter kreuz und quer,
Immer kürzer der Schlag der Pausen,
Und stimmlos vom Nord ein Schnauben und Sausen –
Die La Provence, die Virginian dreh'n
Den Kurs, der Titanin beizusteh'n.
Und noch nicht ahnend ihr finst'res Geschick,
Hell von Lichtern und von Musik,
Mit bunten Wimpeln fliegt wie zum Fest
Die Riesenschwester Olympic im West.
Da plötzlich verstummt das herrliche Schiff,
Alle Wimpel streicht es auf einen Pfiff,
Und weiße Wolken wühlt's in die See,
Keucht zitternd dem Ruf nach: »C. Q. D.«
Auf Vorsprung hört aus der andern Zahl
Die Birma, das russische Schiff, das Signal,
Die schweren Propeller der Baltic pochen,
Von wem wird dieser Rekord gebrochen?
Es dröhnt und braust durch die schimmernde Ruh',
Die Frankfurt ruft: »Wir dampfen Euch zu!«
Der schnellen Olgmpic Stimme schallt:
»Wir tun für Euch, was in Menschengemalt!«
Und heiser stammelt's herüber weit:
»»Haltet Eure Boote bereit!
Unsre sind mit den Frauen im Meer –««
Und wie letzte Seufzer flach und leer
Aus zerriss'nen Lungen sich stehlen:
»»Rettet unsere Seelen!«« – – –
 
Sirenen heulen, es wölkt sich rot
Am Horizont Dampf, ein Schiff in Not!
Das größte, das sich ins Weltmeer schwang.
Auf erster Fahrt in den Untergang!
Die Frankfurt fragt: »Sind Schiffe schon dort?«
Zur Olympic tastet gurgelnd ein Wort:
»Haltet Ihr Kurs zu uns? Eilt, eilt!«
Und vom tobenden Ansturm geteilt,
Springen die Wogen auf an den Schiffen,
Wie tausend Hände mit haschenden Griffen –
Ein Hauch durchgeistert die Baltic, ein blasser:
»Kommt – – unter Wasser – – –«
 
Grauer Morgen fröstelt heran.
Die Frankfurt ruft die Titanic an.
Die Birma ruft: »Mount Temple, fahrt los!
Habt fünfzig Meilen nach Norden bloß!
Wir wünschen das Glück Euch mehr geneigt.
Carpathia meldet, Titanic schweigt.«
Und die Schiffe rufen, rufen weitum –
Die Birma zur Frankfurt: »Titanic ist stumm.
Wir haben bis hin noch siebzig Meilen.«
Die Carpathia: »Titanic, wir eilen!
Noch dreißig Meilen, zwei Stunden knapp.
Gebt acht, wir feuern Raketen ab!«
Und Botschaft der Californian schwirrt:
»Mount Temple, wir haben Eis durchirrt,
Wir konnten bei Nacht ihm nicht entweichen –
Und fangen jetzt auf das Seenotzeichen!«
»»So fahrt, da lest der Titanic Stand.««
»Sie hat ihn gestern auch uns genannt.«
Und wieder die Carpathia: »Sprecht,
Titanic, kommen wir noch zurecht?«
Die Californian zur Frankfurt: »Gefahr!
Seid Ihr mit Booten und Labung klar?«
Die Frankfurt: »Am Werk bis zur letzten Hand.
Fahrt zur Titanic, hier ist ihr Stand.«
Die Birma zur Frankfurt: »Erstickt, vermischt
Kommen uns Zeichen zugezischt.
Ein wirres Rauschen, ohne Gehalt
Und abgebrochen, wie jäh mit Gewalt.
Wir glauben, sie war's. – Titanic, paßt auf!
Nur fünfzig Meilen noch gilt's im Lauf,
Nur noch drei Stunden, dann treffen wir ein,
Ihr werdet vor Tag noch geborgen sein.«
Und rastlos ruft die Carpathia:
»Titanic, Titanic, seid Ihr noch da?«
Die Virginian: »Gibt sie Bericht?«
Die Californian: »Ich hör' sie nicht.«
Und Funken blitzen in scharfer Reih',
Die Baltic: »Californian, steht bei!
Ihr seid verpflichtet dazu!« – Und fragend
Knallt durch die weite Runde jagend,
Suchend von Schiff zu Schiff, der Schrei,
Der stolz im Tod noch befeuert: »Stand by!«
Brausend verengt sich der Dampfer Kreis,
Die Californian zur Birma: »Eis! –
Mount Temple, gebt Euern Stand bekannt!« -
»»Hier ist er: Der Titanic Stand.
Wir steh'n mitten im treibenden Eis,
Das erste Schiff, das vom Anblick weiß,
Hier hat keines Hilfe gebracht –.
Titanic gesunken um zwei Uhr Nacht.«
Die Carpathia: »Hier, acht Uhr Morgen:
Zwanzig Boote glücklich geborgen!«

Carpathia.

Wo der Atlant verglast in Eiskristall
Und sich sein Opfer kor zu scharfem Prall,
Wo Schiffe kreuzten, sehend blind, vorbei
Am weißen Licht vom Mast als Hilfeschrei –
Am Seenotzeichen, das der Funke pocht:
Da hast nur Du die Schrecken unterjocht.
Nur Du – nicht fragend, ob ein Meer von Stein
Dich selber schlüge tief ins Herz hineilt.
Volldampf, Carpathia! Auf Leben und Tod!
Ein Kamerad, ein Helfer in der Not!
Du kamst mit Deinem tapfern Kapitän,
Ein Gott, den die Verzweifelten erspäh'n,
Auf Pflicht und Treue felsenfest gestellt,
Ein Retter, bis zum letzten Mann ein Held!
So rühmt kein Name stolzer Deine Tat,
Als: Bis zum letzten Mann ein Kamerad!

Das treue Schiff.

Einsam, nach Europa gewandt,
Zieht ein Wand'rer übern Atlant
Mit tiefem Atem, mit pochendem Schritt,
Ruhig auf silbernem Kompaßschnitt.
Den Weg, den er oft zum Bogen schloß,
New York-Triest, wie mancher Genoß,
Um Ladung zu löschen in kurzer Rast
Und einzunehmen; auch lebende Last.
Auswand'rer erwarten von fern und nah'
Den Cunard Liner Carpathia.
Vier gelbe Lichterreih'n erhellen
Den dunkeln Rumpf über blanken Wellen,
Rot in die klare Himmelsflut
Schneidet sein steiler Schlot wie Blut –
Am schlafenden Bord nur ab und zu
Schallt ein Kommando durch die Ruh',
Vom Offizier, vom Brückenlookout,
Der scharf nach Eis übers Wasser schaut.
Dann feierlich dumpf der Wache Schritt
Und die Maschinen stampfen mit. –
Da fällt der Glocke hallender Schlag
Achtmal: die Wende von Nacht und Tag.
Und singend ruft eine Stimme hinaus:
»Die Wache hoay!« Quartier ist aus.
Verschlafen hört's der Marconimann.
Jetzt tritt die zweite Wache an.
Abnehmen will er das Mikrophon.
Und horcht zerstreut – und hört einen Ton – –
Und stürzt auf die Brücke totenfahl:
»Die Titanic gibt das Seenotsignal!«
Und pocht mit klapperndem Finger hell
An die Tür an: »Kapitän Rostron, schnell!
Die Titanic ruft Seenot, in Eis gekracht!
Kapitän Rostron, aufgewacht!« –
 
Da steht er auf Deck. »Alle Heizer auf,
Macht Feuer und Volldampf zum heißesten Lauf.
Alle Hände hinunter ans Werk, bis zuletzt!
Nach Norden den Kurs zur Titanic gesetzt.
Ein Frühstück bereiten, Betten zur Rast,
Dreitausend kommen, will's Gott, zu Gast.«
 
Die Sirene stöhnt mit schneidendem Schall,
Er übertönt sie wie blankes Metall,
Sein Auge blitzt über Schiff und Meer,
Als schritt' auf der Brücke der König her.
Hoch und dunkel im nächtlichen Licht
Und hell von Kühnheit das Angesicht,
Und das mächtige Schiff, aus der Ruh' gerissen.
Alle Hände auf Deck ihm dienstbeflissen.
Markige Männer, mutig und klug.
»Klar zum Wenden! Wache zum Bug!«
Und mit ihm stellen, als ging's in die Schlacht,
Sich alle Kapitäne zur Wacht.
Das Schiff, das wild durch die Wogen hetzt,
An pochender Brust sie zu Staub zerfetzt,
Zittert am ganzen Leib vor Rasen,
Als würd' ihm Sturm in den Nacken blasen.
Und wie von verborg'nem Feindespfad
Geschosse pfeifen, so schwirrt der Draht
Meldung von Eis auf wechselndem Posten,
Im Nord und Süden, im West und Osten.
Warnend erschallt's nun fort und fort:
»Port the helm! Backbord! Steuerbord!«
Die Nacht, der Atlant ist so licht und stumm,
Als ginge der weiße Tod nicht um,
Als ränge nicht mit ihm grauenschwer,
Ohnmächtig ein ganzes Menschenheer.
Die Nacht, die Nacht wird verronnen sein      
»Kommt Ihr? – Das Wasser saugt uns ein –
Maschinen im Wasser.« Da starrt hinaus
Der Kapitän: »Jetzt . . . ist alles aus.
Steuert den Kurs!« Und brausend schwenkt
Das Schiff, in die grade Bahn gelenkt,
Es summt in den Masten her und hin,
Als schrieen Menschenkehlen darin,
Bei sternheller Nacht, bei totstiller See
Scheitern, sterben – das ist ein Weh!
Und die blanke Stimme blitzt auf und schallt:
»Eis vor uns! Port the helm!« Schaumumwallt
Flieht vorüber in mattem Weiß
Lautlos, lauernd, ein Berg von Eis.
Das Ruder flügelt in peitschender Hast,
»Eis in Sicht!« schreit der Mann vom Mast.
Und weiter, weiter nach bäumendem Ruck
Unter des Steuerrades Druck,
An Schatten vorbei, vielleicht an Scharen
Bon lichtlos gepanzerten Unsichtbaren,
Mit der Flotte des Todes auf einem Strich,
Die See geht Süd an und spült sie vor sich.
Und über dem Trümmermeer von Kristall
Verhüllt das Himmelsgestirn sich all.
»Eisberg«, ruft's wieder auf stürmendem Flug
Zugleich von Brücke, Mastkorb und Bug.
Da taucht ein hellgrünschmimmendes Licht
Am Horizont auf. So sank sie noch nicht!
Grün, mit der Hoffnung gläubigem Strahl,
Glüht der White Star Line Nachtsignal.
»Boote zum Streichen bereit! Sofort
Das Morselicht geheißt! Alle Lichter an Bord!

Raketen laßt steigen im Feuerschein,
Und jetzt das Signal der Cunard Line!«

Dem Steuermann rinnt der Schmeiß auf die Wangen,
Stier hängt sein Blick am Licht wie gefangen,
Das grüne Licht steigt rund und groß
Wie der Vollmond übern Wellenschoß.
Maaten dreh'n alle Flammen auf
Und rasen, rennen aufs Bootdeck zu Hauf,
Stewards räumen der Offiziere
Kajüten, wecken die Passagiere
Mit kurzem Wort aus dem Morgentraum:
»Vergönnt unsern armen Gästen Raum!«
Da zuckt durch Siebenhundert der Schreck
Bis hinunter zum Zwischendeck,
Erbarmen, Grau'n und ein leises Zagen:
»Wird mich das Meer in den Hafen tragen?«
Und junge Frau'n, mit Augen so klar
Und warm, und Frau'n mit erlosch'nem Haar,
Sie schleppen zusammen ein Allerlei
An Kleidern, Mänteln und Wäsche herbei,
Versorgen damit schon im Erwarten
Die glücklich Geborgenen, Halberstarrten.
Und prüfend blickt mit verschloss'nen Mienen
Im Rundgang durch die Salonkabinen
Der Arzt auf die vielen weißen Betten
Und zum Tisch mit Flaschen, Verband und Kassetten.
Und in der Küche, wie nicht geheuer
Brummen die Kessel und brodelt das Feuer,
Dampft ein Nebel von Morgenkaffee
Und in die Fenster die salzige See.
Da steht, der Kälte nicht spürt und begreift,
Der Koch mit den Ärmeln hochaufgestreift
Und Unterköche herum und die Jungen,
Und die Bäcker kommen mit Teig gesprungen.
Heut Nacht sind Offizier und Maat
Einander gleich: Für Dich Kamerad!
Und das grüne Licht mit dem kreisrunden Flor
Steht mitten auf grauem Meer empor,
Daß weit im Bogen die Wellen glänzen,
Und keuchend, mit fliegenden Feuerkränzen
Greift das Schiff nach dem stillen Schein         
Da bricht ein Schrei von der Brücke herein.
Mit bloßem Auge, gradausgewandt,
Sieht einen Schatten der Kommandant
Aufs rote Buglicht kommen von dort –
»Eis vor uns! Hart an Steuerbord!
Volldampf zurück!« – Der Steuermann backt,
Daß ihm das Rad in den Spaken knackt,
Aber das Schiff mit zitterndem Sprung
An Berg und Licht vorüber im Schwung
Und droben an Bord mit rauhem Schrei
Vorüber die Hunderte: »Boot, ahoi!« –
 
Ein Seemann im Boot unter Kindern und Frau'n.
In starren Mienen irrsinniges Grau'n.
»Wo ist die Titanic?« ruft einer hinunter.
Und eine lallt: »Die Titanic . . .? ging unter.«
»»Untergegangen ? Wann?«« »Vor zwei Stunden.
Mit – vielen – vielen – – vor uns – – verschwunden.
Wir sind – die Ersten – die von ihr stiegen –
Und die andern – elend verderben ließen!« –
Und rings ein lohnendes Atemzieh'n
Aus Kehlen, die sich trocken geschrie'n –
Und »Hurra! Hurra!« weitum aufs neu.
»Boot in Sicht. Boote, ahoi, ahoi!« –
 
Da rollen hinab die Leinen und Trossen,
Da baumeln Männer auf Leitersprossen
Und schützen die Fremden in Schaukeln und Schlingen
Und rufen zurück, sie hinaufzuschwingen.
Ein Boot im Eis schwimmt her und hin,
Sind Kinder nur und weinen drin.
Ein blonder Schwarm, recht zum Erbarmen,
Nur eines, in des Größten Armen,
Ein Jung' in winzig gesunder Pracht,
Wie Raffaels Englein so nackt, der lacht.
Der sieht die lustige Schaukel sich wiegen
Und patscht in die Händchen: Fliegen, fliegen!
Aber da wird anders gereist:
In Säcken und Decken die Kleinen geheißt!
Und zwischen Booten und Eisgezack
Auf bleierner Flut verlorenes Wrack,
Ein Tisch und Stühle, wie nicht versehrt,
Ein leeres Boot, eines umgekehrt,
Rettungsgürtel, armselige Latten,
Ein vorübergespülter Schatten –
Verschwunden, verstreut, was heut noch gesellt
Zum größten, herrlichsten Schiff der Welt.

Und wenig Meilen vom Bord in Sicht
Steh'n zwei Dampfer. Die rühren sich nicht.
Aber ins Grau des Morgens gegossen,
Plötzlich den Augen darin erschlossen,
Türmt sich an der Carpathia Flanke
Block an Block zu gewaltiger Schranke,
Knirschend in klaffenden Rissen und Schründen,
Totenwacht über Todesgründen.

Die Boote surren herauf an Bord.
Langsam umkreist das Schiff den Ort.
Alle Mann auf Deck späh'n ernst hinaus.
Langsam löschen die Lampen aus.
 
Da gellt ein markerschütternder Schrei.
»Alle Boote? – Dann ist's vorbei!« – –
 
Auf Deck, das die kalte Sonne bescheint,
Steh'n Menschen, Schulter an Schulter vereint.
Der Priester betet. Es rauscht das Meer.
Ein Schluchzen laut vor den Wellen her.
Das strengste Seemannsauge wird naß.
Der blonde Kapitän ist blaß.
»Wir danken, Vater, die Rettung Dir!
Schirm' und schüre das Schiff allhier!
Ewiger Vater, mächtig zur See,
Gib Frieden den Toten! Tröst' uns im Weh!«
Und sieh, da trägt der murmelnde Chor
Der Wellen ein junges Weib empor.
Das Haupt in den Nacken gebogen so fremd.
Offen das Haar und offen das Hemd.
An bleicher Brust, die blühend sich bot,
Den Säugling fest noch haltend im Tod.
Ihre großen Augen sind starr erhoben:
»Ihr Frau'n, Ihr geretteten Kinder oben,
Ich klage, klage, Mutter und Kind,
Wir klagen, die hilflos ertrunken sind!«
Da senkt sich auf Halbtopp zum Salut
Die Flagge vor den Opfern der Flut,
Fünf Schüsse dumpf und trauerschwer
Donnern in Pausen übers Meer,
Und nach New York in vollem Lauf
Bricht die Carpathia wieder auf.

Die Witwe.

Sie sagten mir, wir kämen zurück,
Das Schiff kann nicht untergeh'n.
Sie trieben mich ins Boot mit »Gut Glück«
Und »Auf Wiederseh'n«.
Sie sagten mir, und er selbst versprach,
Er käm' in einem Boot mir nach,
Und ich ging und ließ es gescheh'n.

Ich weiß nicht, wie das alles kam –
Auf einmal war ich im Boot –
Ich weiß, daß ich gar nicht Abschied nahm!
Und der liebste Mann ist tot.
Ich weiß nur, daß ich ging, daß ich ging,
Nicht mehr an seinem Halse hing
In der Not!
 
Und ich harrte Dein, ich erwartete Dich
Von Boot zu Boot, bis es klar:
Du – wie ein Held – gestorben für mich!
Mein Gott, das ist doch nicht wahr!
Mein Gott, das ist nur alles geträumt!
Ein Leben versäumt,
Verlassen in der Gefahr!

Sie sagen, so will's der alte Brauch,
Der Seemann ist ihm verschrieben.
Und gingen die Frauen all und ich auch –
Was hat mich dazu getrieben?
Bin ich wirklich so schwach, so schlecht?
Stammen nicht Mütter aus unsrem Geschlecht? –
Sechs Frauen blieben.

Die alte Frau saß schon im Boot
Und stieg aus: »Ich bleibe hier.
Wir teilten ein Leben, wir teilen den Tod,
Mein Platz ist bei Dir.«
Hat ihn still dann nur angeschaut –
O hätt' ich diesen Augen vertraut!
Sie schauten so licht, weh mir!

O Du, was hast Du von mir gedacht,
Ich frag' und frag' es aufs neue,
Vom warmen Herzen in kalter Nacht
Schlich junge Liebe und Treue.
Mich hab' ich gerettet. Dich gab ich preis!
Das war meine Liebe, so herzblutheiß
Wie die Reue!

Ich bin auf der Welt so bettelarm,
So nutzlos, so totallein.
Du legst nie wieder um mich den Arm,
Nie wieder sagst Du: »Sei mein!«
Sie weinen, die Waisen geworden sind,
Ich klamm're mich an ein fremdes Kind,
Als wär' es Dein . . .

Der schwimmende Friedhof.

Übers nordatlantische Meer
Dumpf und schwer
Schwankt eine Riesenungestalt,
Grau die Stirn, in Furchen alt.
An der Flanke klaffend offen,
Mitten wie vom Blitz getroffen.
Und wie blutgeronnen, braun
Ist der Wunde Schrund zu schau'n.
Wann versickert der Koloß
Und das Blut, das auf ihn floß?
Und das blutige Herzeleid?
Nie – nicht in der Ewigkeit!
Und die Sonne glänzt darauf
Und die Kanten glimmen auf,
Tausendfarbig vor die Wogen
Fällt ein Nebelregenbogen.
Und im wundergrünen Meer
Wimmelt's wie ein Marmorheer,
Schillert's auf in gleißend kalten,
Eisigbläulichen Gestalten
Über grünem Gartenschoß
In der Sonne riesengroß.
Zartgeformte Ranken glänzen,
Öffnen, schließen sich zu Kränzen,
Gold'ne Bälle, Ringe sprüh'n,
Sonne, Sonne rollt im Grün.
Und auf goldbestäubten Zweigen,
Die mit leisem Nicken steigen,
Aus den grünen Schlummerhainen
Unter schwimmenden Marmorsteinen
Ein Erwachen, ein Erwecken,
Ein Erheben dunkler Flecken.
Träge Schläfer breiten Arme,
Häupter wenden sich ins warme
Herzdurchpulsende Gefunkel,
Augen, weit und sehnsuchtsdunkel,
Ohne daß die Lider sinken,
Sonne, Sonne voll zu trinken.
Bon verbog'ner Leiter Sprossen
An dem Schlot, wie plattgeschossen,
Vom zerknickten Riesenmast
Steigt die Mannschaft aus der Rast.
Schiffer, Bootsmann und Matrose
Durch das Takelwerk, das lose
Schleifend sich um Körper knäult
Und um Stahlwerk, ganz verbeult.
Rüttelnd übers Wrack geschwungen,
Taumeln auf zwei blasse Jungen
Unterm Schlag der Wellenzweige, –
Einer hält im Arm die Geige,
Und die britische Flagge preßt
An die Brust der andre fest.
Und die lange, lange Schar
Führt ein Priester im Talar.
Seine Rechte schwankt erhoben,
Und ins heilige Buch geschoben
Ruht die Linke steif und fahl
Unterm Haupt im blutigen Mal.
In den Psalmen, den lichterhellen,
Blättern die Wellen. –
Und mit off'nen Armen kommen
Kinder, wie zum Spiel geschwommen.
Locken, die verlernt zu leuchten,
Ringeln sich zum schimmerfeuchten
Schleier übern Todgenuß:
Mann und Weib im letzten Kuß.
Und an Nacken, blau verquollen,
Blitzgeflacker, Perlenrollen,
Sonnejauchzendes Geschmeide
Schaukelt an zerfetzter Seide,
Über nackte Brüste, Glieder,
Züngeln Feuerschlangen nieder,
Frauen, Männer in wiegenden Reih'n
Heben Kinder zum Sonnenschein,
Kinder, solang noch Herzen klopfen,
Daß kein salzig bitt'rer Tropfen
Ihre süßen Lippen berührt –
Kinder, denen die Sonne gebührt!
Tote greifen nach Sonnenschein,
In das gold'ne Leben hinein.
Und die Schiffe von Leben schau'n
Auf den Garten der Toten mit Grau'n,
Zieh'n ihr loderndes Wellenband
Fort, zum Leben! Zum sonnigen Land!
 

Das Rettungsboot.

Es schrie der Nordsturm übers Meer,
Trieb eine Barke vor sich her.
Überschüttet mit brüllendem Gischt,
Schüttelt vier Menschen regenumzischt.
Den Herrn, den Matrosen, den Heizer – Leib
An Leib zusammengepreßt – und ein Weib.
 
»Ich wollte nicht, daß ich unterging!
Ein Boot an knarrenden Tauen hing
Und schlug im Takt mit krachendem Prall
Fünf Fuß von Deck an der Schiffswand Metall.
Das Boot war leer – ich hörte schrei'n –
Leben wollt' ich! und sprang hinein.
Aber in Bein und Adern starr – –
Der Tod ist keines Menschen Narr.
Sieben Nächte sind mein Gewinnst –
In unsrer Mitte hockt er und grinst –
Nagt von den Knochen das Fleisch uns rot –
Wären wir nur Männer im Boot:
Gott verzeih's und die Kinder zu Haus –!
Vier Schuß noch hat mein Revolver – aus!«
»»Habt Ihr im Rohr vier Schuß genau,
Herr, wir beschützen eine Frau!
Ihre Finger sind steif und waren lind,
Ihre Stirn ist kalt wie Wasser und Wind.
Ihr Hauch erfriert an der Lippe matt –
Die Haare strich ihr der Reif so glatt.
Sie rannen über mich seidengleich,
Wie meines Weibes Haare so weich.««
Der Dritte: »Mich sucht mein Weib schon lang
Unter den Letzten beim Untergang!
Ich sprang ins Wasser vom Achterdeck,
Die vollen Boote stießen mich weg,
Ins Bodenlose stampfte mein Tritt,
Ertrinkende packten, rissen mich mit.
Und als ich starr zu werden begann,
Da schwamm das leere Boot heran.
Und mocht ich dem Feuer und Wasser trau'n:
Da kroch mir kalt übern Rücken das Grau'n!
Ein Segeltuch – kein Kompaß, kein Brot,
Kein Wasser, kein Licht im Rettungsboot!
Nichts, als das Segelleichentuch – –
Reiß es in vier mit einem Fluch,
Kratz' und beiß aus dem Rettungsring
Den Kork, wenn sie hungert, das arme Ding –
Ich grub mir Nägel und Kiefer wund,
Mich würgt der Bissen im dürren Schlund,
Mir schlottert der Arm – so leer – so schwer –
Das Ruder ist hin – ich kann nicht mehr.
Der Morgen wird scheinen – der Sturm vergeh'n –
Fragt sie selber, was soll gescheh'n?
Fragt sie, beim Herrgott, wir sind am Schluß!
Vier Kugeln – lost um den Gnadenschuß!«
Da hebt sie das Haupt, ihr Atem weht:
»Vier Schüsse sind noch ein Stoßgebet!
Sie sollen – Hilfe – schrei'n – in die Nacht –
Wenn der Wind versinkt – wenn – die Sonne – lacht.
Und seht Ihr – Heimat am Himmelsrand – –
Mir fiel ein Ring von der linken Hand –
Wenn er mit dem Schiff nicht unterging: – –
Grüßt ihn von mir – gebt ihm den Ring! . . .«
 

*            *             *


Am Horizont blitzt ein Feuerriegel.
Die See von Silber und Grün ein Spiegel.
Und in den spielenden Morgenschein
Sprüh'n und plätschern Ruder hinein.
Menschen! Menschen! Ein volles Boot
Zum verlass'nen im Sonnenrot!
Und blauen Rauch in martender Ruh'
Bläst ihm die stolze »Oceanic« zu . . .
Doch als die Männer hinüberkamen –
Alle vom Haupt die Kappe nahmen.
Drei Kameraden, erlöst von Not.
In hohlen Gesichtern: Hungertod . . .
Eine herabgesunk'ne Hand
Hält den Revolver noch gespannt
Vier Kugeln steckten, vier Schuß im Rohr.
Was schimmert auf dem Boden davor?
Ein weißes Blatt und darin ein Ring,
Ein Strahl ans erlosch'ne Gold sich hing
Und weckt erloschene Namen auf:
»Edmard an Gerda« glänzt darauf.
Und das Meer, die Lüfte voll Sonnengold
Sind wie von einer Stimme hold:
»Seht Ihr die Heimat am Himmelsrand
Und findet den Ring von meiner Hand:
Wenn er mit dem Schiff nicht unterging,
Grüßt ihn von mir – Gebt ihm den Ring!«

Die Rosenstreuerin.

Von England übern Atlant hinaus
Dampft die Carmania nach Norden.
Vorüber tummeln die Wellen sich kraus,
Wie staubende Reiterhorden.
Im sonnigen Grund ein dumpfes Gebraus,
Wie von Orgelakkorden.
 
Schwarz an der Reling die Schlanke hier,
Bei Menschen, die hell und munter –
Die Hände lodern von Rosen ihr,
Sie neigt sich drüber hinunter.
Da sagt auf einmal ein Offizier:
»Dort ging die Titanic unter.«
 
Die Rosen flattern vom schwarzen Gewand.
»In England, in dunkler Stunde,
Hielt ich zum letztenmal Deine Hand,
Hing ich an Deinem Munde.
Rot, wie die Rosen vom Heimatland,
Sucht Dich mein Herz im Grunde.
 
Hell soll das Meer, daß alles loht,
Ihr Laub Dir zusammenlesen.
Ich weine nimmer um meine Not.
Du bist von der Erde genesen.
Ich bin so stolz auf Dich, noch im Tod,
Und daß ich Dein Weib gewesen!
Die schweren Stürme bei Nacht, ich hab'
Verstanden ihr Wandern und Tosen.
Meine Arme warf ich über Dein Grab.
Meine Seele, Dich zu liebkosen.
Nimm, was Deine Nähe mir gab:
Rosen, die roten Rosen!
 
Mein Herz ist so blühend aufgemacht,
Als müßten Tote erbeben,
Als glühte von meinen Wünschen die Macht,
Dich an den Tag zu heben.
Rote Rosen in Deine Nacht,
Rosen vom roten Leben!
 
Menschen verlassen den Erdengrund,
Wie meine Rosen fallen.
Heut geht Dein Name von Mund zu Mund,
Und morgen wird er verhallen.
Aber im großen Heldenbund
Gestorben, lebst Du mit allen

Mächtig schwillt der Orgel Gesumm
Von tief verborg'nen Gestaden.
Als wollte das Meer die Welt ringsum
An Rosenaltäre laden.
Und die Männer entblößen die Häupter stumm
Vor dem tapfern Kameraden.

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* Der Originaltext ist von der Amerikanerin Mrs. Sarah Flowers Adams aus Great Harlow, Essex, gest. 1848. Die Musik von J. B. Dykes, einem Geistlichen der Englischen Kirche.