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Josef Schiller – Erlebnisse aus meiner Kindheit.

Essay

Erstmals erschienen in der Teplitzer »Freiheit« am 14. Oktober 1897

An einem schönen Frühlingsmorgen, es sind schon 40 Jahre her, sah ich, wie ein Maurer bei unserem Nachbar ein Schwalbennest mit einer langen Stange zerstörte. Zwei Sperlinge flogen lärmend und schreiend um den bösen Mann und plötzlich flatterten schwerfällig und ungeschickt fünf junge Sperlinge aus dem Schwalbennest heraus in den Garten und klammerten sich mühsam an den Zweigen der Obstbäume fest. Das Sperlingspaar, die beiden Alten, fütterten nun die Jungen und lockten sie von Baum zu Baum, bis sie alle beisammen waren. Einige Tage konnte ich von unserem Fenster aus beobachten, wie das Weibchen die Jungen pflegte und fütterte; um die zwei kleinsten Sperlinge, welche noch nicht recht fliegen konnten, war die Sperlingsmutter am meisten besorgt und sie lockte und rief unaufhörlich, wenn eines nicht gleich bei ihr war. In kurzer Zeit konnte ich aber von dieser Sperlingsfamilie nichts mehr sehen, denn die Jungen waren groß geworden und mochten getrennt ihr Futter suchen, wo und wie es eben die Sperlinge finden. Als ich das Schwalbennest zerstören sah, war ich empört; als ich die Jungen davon flattern sah, war ich hoch erfreut, denn obwohl mein Vater zu jener Zeit oft 50 und mehr Singvögel gefangen hielt und mich sehr oft zum Vogelstellen mitnahm, waren mir doch die Vögel in Wald, Feld und Garten viel lieber als die Goldhähnchen, welche uns der Vater mitbrachte und die regelmäßig den zweiten Tag starben. So viele Insekten ich auch haschte und den niedlichen kleinen Vögeln vorlegte, sie rührten sie nicht an, sie flatterten nur ängstlich im Bauer herum und mancher schöne Vogel zerschlug sich sein zierliches Köpfchen an dem Drahtgitter seines Gefängnisses, fiel blutend zu Boden und starb. Wir größeren Geschwister – wir waren damals nur fünf – weinten dann jedes Mal und der Vater hatte uns ein größeres Leid bereitet, als das kurze Vergnügen wert war.

Ich habe daher auch einige Male tüchtig Schläge bekommen, weil ich manchen Vogel fliegen ließ, wenn der Vater recht viele gefangen hatte. Wenn ich mit im Walde war, musste ich die Säckchen tragen, in welchen die gefangenen Vögel vorläufig verwahrt wurden. Hatten wir nun viel gefangen in einem Säckchen, so bissen und schlugen sie einander solange, bis die Stärkeren obenauf und die Schwächeren unten waren und wegen Mangel an frischer Luft und freier Bewegung ängstlich quietschten. Da machte ich öfters ein Vogelsäckchen auf und wollte den Bedrückten unten helfen, aber kaum hatte ich ein Säckchen soweit geöffnet, um zu sehen, wie die Stärkeren auf den Schwächeren standen und lagen, so huschten schon ein oder zwei Vögel zur Öffnung hinaus.

Wenn wir nun nach Hause kamen und der Vater fragte: »Wo sind die beiden Rotkehlchen hin?« und ich den Vorgang erzählte, so gab es Schläge. Machte ich eine Ausrede oder erdachte ich eine Notlüge, so gab es Doppelportionen.

Sonst war mein Vater ein streng religiöser Mann und sehr besorgt für Weib und Kinder. So lieb er die Vögel hatte, seine Kinder hatte er noch lieber, denn wenn der Winter kam, hatten wir den Keller voll Kartoffeln, ein großes Fass mit Sauerkraut, geräuchertes Schweinefleisch und Holz genug, um vor Kälte geschützt zu sein. Als ich neun Jahre alt war, starb uns der Vater, drei Wochen vor Weihnachten. Es war ein schlimmer Winter, denn die Mutter war oft kränklich. Im Frühjahr nahm mich mein Onkel eines Abends zu sich und erzählte mir allerhand Geschichten aus seinen Wanderjahren, sodass es fast Mitternacht war, als ich zur Mutter gehen wollte. Mein Onkel aber meinte: »Heute bleibst du hier, es ist schon zu spät zum Nachhausegehn.« Als ich am anderen Morgen zu meiner Mutter kam, lag sie im Bett und neben ihr zwei allerliebste kleine Kinder, ein Mädchen und ein Knabe.

Das Mädchen starb am vierten Tage, der Knabe sah sich die Welt dreiviertel Jahre an. Da er aber meistens den ganzen Tag in der Kleinkinderbewahranstalt sein musste, war er so klug und verließ uns, die Mutter hatte an uns Fünfen genug zu sorgen. Meine kleinste Schwester war damals noch nicht ganz zwei Jahre, mein Bruder viereinhalb Jahre alt und beide waren den ganzen Tag über in derselben Kinderbewahranstalt, in welcher der Kleinste gestorben war. Ich und meine beiden Schwestern gingen später in eine große Fabrik, in welcher zu jener Zeit sechs-bis siebenjährige Kinder recht gern aufgenommen wurden. Wir erhielten freilich manche Woche beinahe so viele Schläge als Lohnkreuzer, aber wir brachten der Mutter doch Brot ins Stübchen.

Meine zweijährige Schwester und mein jüngerer Bruder konnten für ihr Alter so rein, so deutlich und so schön sprechen, dass sich jeder Mensch darüber wunderte. Sie hatten dabei ein so gutes Gedächtnis, dass sie ein Lied oder Gedicht rasch auswendig wussten und deshalb in der Kinder-bewahranstalt bei jeder Gelegenheit als Paradestück den hohen Herrschaften vorgeführt wurden. Anlässlich des Besuches der Gräfin G. G. in der Anstalt wurden meine beiden kleinen Geschwister zur Geburtstagsfeier des gnädigen Komtesschen aufs Schloss bestellt und bekamen für ihre Gedächtniskunststücke und schöne Aufführung allerhand Spielzeug und den Magen mit Zuckerwerk vollgepfropft. Meine große Schwester, welche die Kleinen aufs Schloss geführt hatte, brachte der Mutter fünf Gulden von der Frau Gräfin.

Ich habe damals meine kleinen Geschwister um den Mut, vor vielen Leuten so dreist zu reden und Gedichte vorzutragen, beneidet, denn ich war zu jener Zeit nicht imstande, auch nur das kleinste Gedicht herzusagen, obgleich ich alle Lieder und viel mehr Gedichte auswendig wusste als die beiden Kleinen.

Aber was half alles Lob, hie und da eine kleine Unterstützung, die Mutter hatte doch nicht genug Brot für uns alle. Da wurde anfangs des Winters meine Mutter zum Direktor des Stadttheaters geholt und dieser ersuchte sie um ihre Zustimmung, meine beiden kleinen Geschwister für die Bühne auszubilden. Meine Mutter willigte ein und schon nach acht Tagen trat mein dreijähriges Schwesterlein in dem Stück »Die Fischerin von Island« zum ersten Male auf. Die Mutter und wir anderen Kinder erhielten Freikarten für die letzte Galerie. Das war ein unvergesslicher Abend für uns alle. Unsere Kleine (wir nannten sie auch später noch so) machte ihre Sache vortrefflich. Als ihr Vater (wie es im Stücke vorkommt) das Ruder nahm und nach ihr schlug, da fiel sie so vorschriftsmäßig um und zuckte einige Male mit den Gliedern, dass meiner Mutter die hellen Tränen aus den Augen rollten und wir Geschwister am ganzen Körper zitterten. Im nächsten Akt kommt der Fischer von Island und trägt unter seinem Mantel sein erschlagenes Kind und streckt es schließlich seinem ungetreuen Weibe entgegen. Da hätten wir am liebsten laut aufgeschrieen, denn das erschlagene Kind war unsere liebe Kleine und sie sah so bleich aus, wie eine Leiche. Sie hing so bleich und mit geschlossenen Augen über dem linken Arm des Fischers, dass uns schauderte. Aber es war ja alles nicht wahr, es war ja nur ein Schauspiel. Das Publikum applaudierte und rief »heraus« und an der Hand des Fischers kam unsere Kleine und machte einen so anständigen Knicks vor der Rampe wie eine alte Theatermutter. Ich und meine große Schwester rannten vom »Heuboden«, so nannte man die letzte Galerie, hinunter. An der Treppe zur Bühne stand der Direktor mit unserer Künstlerin. Einige fein geputzte Damen und Herren standen dabei, gaben der Kleinen allerhand Näschereien und herzten und küssten sie, dass es eine Freude war. Der Direktor aber gab der Mutter einen ganz neuen Gulden.

Meine Mutter wollte von da an die Kleine nicht mehr auftreten lassen, aber Not kennt kein Gebot und so hatten wir bald wieder das Vergnügen, ins Theater zu gehen, denn beide kleinen Geschwister traten in einem Stück auf. Mein Bruder machte seine Sache minder gut, aber unsere Kleine war der Liebling des Publikums und das Stück musste oft wiederholt werden.

Von dieser Zeit an wurden meine beiden kleinen Geschwister in Gesellschafts- und Familienzirkel eingeladen und mussten ihre Zwiegespräche und Gedichte deklamieren. Ich oder meine größere Schwester brachten die Kleinen oft des Nachts nach 10 Uhr nach Hause und schütteten der Mutter einige Gulden in kleiner Münze in die Schürze. Sie küsste die beiden kleinen Brotverdiener und meinte oft: »Es ist halt doch nur Bettelei.«

Als der Theaterdirektor nach München übersiedelte, wollte er um jeden Preis unsere kleine Künstlerin mitnehmen. Aber alles Zureden und Versprechen war umsonst, denn für alle Schätze der Welt hätte unsere arme Mutter nicht eines ihrer Kinder hergegeben. »Solange ich lebe, nicht«, sagte sie und dabei blieb es. Der Sommer verging so leidlich, denn unsere Mutter war eine sehr geschickte Nopperin und in den langen Tagen konnte sie doppelt so viel verdienen als im Winter. Die beiden jüngsten Geschwister waren in der Anstalt und wir drei älteren kamen nur des Mittags aus der Fabrik, um unsere Suppe zu essen, dann rannten wir wieder fort, um nicht zu spät zur Arbeit zu kommen. Auf diese Weise war die Mutter ungestört und konnte hinter ihrem Nopptische solange zwicken und an den gewebten Stoffen hantieren, bis sie den Krampf in den Fingern bekam und das Noppeisen nicht mehr halten konnte, was sich in späteren Jahren täglich wiederholte.

Für den nächsten Winter hatte ich unseren zwei kleinen Sprechmeistern mehrere neue Gedichte und Zwiegespräche einstudiert und so waren wir munter und guter Dinge, als der Winter anrückte. Dazu hatten wir noch das Glück, dass unsere Großmutter, die Mutter meiner Mutter, eine Frau von 75 Jahren, zu uns kam. Sie war bisher immer bei fremden Leuten gewesen, weil sie nicht bei ihren verheirateten Töchtern wohnen wollte. Denn sie war arm wie eine Kirchenmaus. Sie hatte aber einige gute Freunde bei den wohlhabenden Leuten und erhielt jeden Freitag in verschiedenen Häusern Geld oder Brot. Freilich musste sie sich diese milden Gaben selbst holen. Für uns war daher der Freitag ein glücklicher Tag, denn unsere liebe alte Großmutter konnte das altgebackene, harte Brot, das sie in manchem Hause bekam, nicht beißen. Wir Kinder hatten aber gute Zähne, uns schmeckte das bittere Brot wie Marzipan. Als ich an einem kalten Winterabend desselben Jahres aus der Arbeit nach Hause ging, warf man mir aus einem Fenster des Hauses eines reichen Fabrikanten einen dunklen Gegenstand vor die Füße und ich hörte nur das eine Wort: »Krepiere!« Das Fenster wurde rasch wieder geschlossen. Ich hörte ein leises Winseln zu meinen Füßen und als ich mich niederbeugte, sah ich einen jungen Hund im Schnee herumkrabbeln. Ich hob das kaum faustgroße Tierchen auf und steckte es unter meine Wolljacke. Zu Hause besah ich meinen Fund und bemerkte, dass dem kleinen Tier die Augen trieften. Es war halb erblindet.

Meine Mutter meinte zwar: »Wir brauchen keinen Hund, wir haben selbst oft Hunger«, aber da ging ein Sturm los! Wir alle erklärten, dass wir mit dem kleinen »Bussi« unsere Suppe teilen wollten und bald war die Mutter besiegt und der kleine Hund blieb bei uns. Bald darauf hieß es in der Nachbarschaft: »Die Witwe Schiller hat es notwendig, nebst ihren fünf Kindern noch einen blinden Hund zu füttern.« Indessen war es mit der Blindheit nicht so schlimm bestellt. Uns gegenüber lebte in einer niedrigen Hütte ein Schuhmacher, der mir riet, dem kleinen Hund alle Tage reinen Zuckerstaub in die Augen zu blasen und richtig, es dauerte nicht lange, so war unser »Bussi« gesund und fidel. Wenn die Mutter hinter dem Nopptische saß, sprang er oft vom Fenster auf ihre linke Schulter und blieb dort, wie ein kleiner Affe, eine Weile sitzen. Wenn sie aber sagte: »Geh' herunter«, sprang er sofort wieder auf das Fensterbrett. Er folgte besser als wir Kinder. Wenn die Mutter aber anfangs noch sagte: »Der Hund muss doch fort«, dann erwiderten wir Kinder: »Beim Schuster drüben sind sieben Kinder und die haben zwei Hunde.«

Aber im nächsten Frühling musste er doch fort und das kam so:

Meine große Schwester hatte aus roter Wolle ein schönes Halsband gehäkelt, welches der »Bussi« am Sonntag erhielt, wenn wir mit ihm spazieren gingen. Eines Tages zog ich mit ihm hinaus ins Freie. Da kam ein alter Herr von feinem Anstand auf mich zu und fragte mich, wem dieser Hund gehöre. »Der Hund gehört uns«, war die Antwort. »Was uns?« sprach der fein Gekleidete und drehte an seiner Schnurrbartspitze. »Wer seid Ihr?« fragte er in Kommandoton. »Wir sind fünf Geschwister und der Hund gehört uns«, gab ich dreist zur Antwort. »Wo wohnt ihr?« fragte er weiter. »Luftgasse 19« gab ich zur Antwort und er ging fort. Als ich nach Hause kam, sprach die Mutter: »Trage den Hund zum Bäcker, sein Schwager, der Herr von Pappendeckel (oder wie er sonst hieß), hat mir 5 Gulden gegeben, er will den Hund seiner Tochter nach Wien schicken.« Nun, 5 Gulden sind viel Geld für eine arme Witwe und so musste denn »Bussi« fort von uns. – – Bei unserem Nachbar, bei dem lustigen Schuhmacher, war ich oft zu Besuch, denn seine sechs Jungen waren im ganzen Bezirke als wilde Rangen bekannt und da ich selbst der böse Seppl genannt wurde, gehörte ich natürlich mit zu der Bande. Was wir Jungen im Übermute oft getrieben, will ich jetzt nicht erzählen; aber wie der Schuster uns »belehrte« wenn wir abends beisammen waren, das muss ich hier mitteilen.

Wir saßen oft bis 11 Uhr nachts beim Ofen um den großen Tisch und der Nachbar erzählte uns Ritter- oder Räubergeschichten. Die Art und Weise, wie er sie erzählte, bleibt mir unvergesslich.

Er nahm ein Stück Kreide und schrieb auf die Tischplatte mehrere Buchstaben, zum Beispiel: A, B, H, U und so weiter.

Nun begann die Rittergeschichte. Adelar und Boniver waren zwei Ritter, welche um Huldiport freiten, aber Urian oder Urach, das war der wilde, böse Vater des schönen Burgfräuleins. Und nun begann er so lebhaft zu erzählen und schlug oder zeigte, mit den Fingern auf den betreffenden Buchstaben, wenn er einen Namen nannte, dass wir Jungen Feuer und Flamme wurden. Wenn nun eine ganz besonders spannende Stelle kam, zum Beispiel ein Zweikampf oder eine Geistererscheinung, da fuhr er plötzlich mit der Hand über die Tischplatte, löschte die Buchstaben weg, blies die Lampe aus und sagte: »Geht jetzt nach Hause, aber merkt Euch, Jungen, wer Courage hat, der gewinnt immer.«

Manchmal, wenn er so plötzlich seine Geschichte abbrach, zogen wir Jungen auf der Ofenbank die Beine ein, denn wir glaubten, es stecke unter dem Ofen ein Geist.

Diese Erzählungen machten auf mich einen guten Eindruck; ich wurde immer mutiger, sehr zum großen Ärger meiner Mutter. Ich ließ mir und anderen kein Unrecht antun und wurde es versucht, so war Kampf und Streit, wie zwischen Adelar und Boniver, bis der eine besiegt am Boden lag. Freilich lag manchmal auch ich blutend auf dem Kampfplatze. So verging die Zeit.

Als ich 15 Jahre zählte, stiegen eines Abends, es war im Hochsommer, graue Wolken hinter den Wäldern und Bergen empor und gegen Mitternacht flammte und blitzte es an allen Enden und Ecken und der Donner rollte und brüllte so rasch nacheinander, dass es zum Erschrecken war. Die Großmutter, die Mutter und meine vier Geschwister knieten in der Mitte des Zimmers und beteten, wie es sich zu jener Zeit bei einem Gewitter gehörte. Ich saß im Bette, schaute zum Fenster hinaus und murmelte halblaut das Gebet mit. Da plötzlich erbebte alles um mich her, sodass ich glaubte, die Welt gehe unter und als ich zum Bewusstsein kam, bemerkte ich beim Leuchten des Blitzes, dass ich nicht im Bette, sondern auf dem Fußboden lag. Um mich war ein Dunst zum Ersticken, die Lampe war erloschen. Ich schleppte mich, an allen Gliedern zitternd, bis zum Fenster, öffnete es und atmete gierig die hereinströmende Luft. Alle waren halb betäubt.

Plötzlich gellte der Ruf: »Feuer!« durch die Gasse. Ich haschte beim Aufleuchten des nächsten Blitzes meine kleine Schwester; mein kleiner Bruder schlang die Arme um meinen Nacken und so beladen, nur mit dem Hemde bekleidet, rannte ich zur Türe hinaus, die Treppe hinunter und reichte beim nächsten Hause meine beiden kleinen Geschwister zum geöffneten Fenster in die Stube des Nachbars hinein. Dann rannte ich zurück. Als ich ins Haus kam, war schon Licht in den Stuben. Der Hauseigentümer schrie um Hilfe, sein Weib lag starr und steif im Zimmer. Der Blitz hatte sie gestreift und es dauerte lange, bis sie zum Bewusstsein kam.

In unserem Zimmer sah es traurig aus. Die Großmutter konnte nicht auf den Füßen stehen und meine beiden Schwestern weinten und zitterten vor Angst und Schrecken. »Es brennt in den Kammern!« schrieen die Leute im Hause; wir griffen nach den Schlüsseln, um unsere Habseligkeiten zu retten, aber keiner war zu finden; der Blitz hatte sie fortgeschleudert. Die Kammertüren wurden von den hilfsbereiten Nachbarsleuten aufgesprengt und der Brand rasch gelöscht. Als alles bereits vorüber war, saßen die Kinder um die Mutter und Großmutter herum und weinten sich aus. Ich habe dabei mit geholfen.

Drei Jahre später traf uns ein größerer Schlag: die gute Mutter starb uns. Sie hatte sich für uns zu viel abhungern müssen; es war, wie der Arzt sagte, natürlich, dass sie sterben musste.

Der Großonkel, bei dem wir seit jenem Brande wohnten, kündigte uns schon am zweiten Tage das Quartier, während die Leiche der Mutter noch im Zimmer lag. Ich stellte ihm die traurige Lage vor. Das Ende davon war, dass er mich hinauswerfen wollte, aber bei dieser Gelegenheit selbst in seinen Glasschrank purzelte.

Die Mutter wurde begraben – ich sehe den Sarg heute noch in die Grube senken – und wir fünf Kinder mussten uns trennen. Die beiden Kleinsten kamen in eine Anstalt und wir drei Größeren konnten uns selbst um uns kümmern.

Ich ging mit 15 Kreuzern in die Fremde; habe mir einige Jahre Länder und Menschen angesehen und bin dann wieder in meine Heimat gekommen, um mein Leben fortzuführen.

Seit meine Mutter tot ist, sind wir fünf Geschwister nicht mehr beisammen gewesen. Zwei Schwestern sind in Amerika, mein Bruder in Tirol, ich lebe hier und die eine Schwester weit weg von mir.

Ein Sperlingsnest wurde zerstört und die fünf jungen Sperlinge suchen sich ihr Fortkommen, wo sie's eben finden.

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