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Josef Schiller – Die Maschinen-Rösi

Beschreibung der tragischen Ereignisse im Jahr 1870

Erschienen am 6. September 1883 im »Radikalen«

Vor 15 Jahren ging ich alle Wochen einige Male zu einem Damenschneider auf Besuch, welcher sich in meiner Vaterstadt niedergelassen und in kurzer Zeit durch seine Fachkenntnis sein Geschäft so vergrößert hatte, dass er einige 20 Menschen, größtenteils Frauen und Mädchen, beschäftigen konnte.

Unter seinen dienstbaren Geistern befand sich eine Arbeiterin, welche als Verkäuferin angestellt war; diesem blondlockigen Mädchen hatte ich zu tief in die schönen Augen gesehen und das war hauptsächlich der Grund, weshalb ich den Damenschneider sehr oft besuchte. Die Frauen und Mädchen, welche dort in Arbeit standen, waren gegen mich immer sehr freundlich, denn es war ihnen allen bekannt, dass ich meine Blondine recht oft sehen und sprechen wollte. Eine einzige unter ihnen, ein junges schwächliches Weib, welches erst seit kurzer Zeit verheiratet war, lächelte nur höchst selten, wenn ich in meinem Jugendmute lustige Geschichten erzählte oder sonst launige Einfälle hatte, worüber die anderen lachen mussten.

»Warum ist denn jene Frau so traurig?« frug ich eines Tages beim Nachhausegehen meine Blondine. »Ach, sie meinen unsere Maschinen-Rösi; die ist nicht immer so traurig, gehen Sie nur mit mir einmal in ihre Wohnung, dann werden sie sehen, dass sie auch recht heiter sein kann.« »Warum nennen sie das junge Weib Maschinen-Rösi?« frug ich weiter. »Warum?« erwiderte mein Liebchen, »weil sie die beste Stepperin in unserem Geschäfte ist. Wenn der Herr spricht: Rösi, heute müssen Sie bis 12 Uhr nachts arbeiten, so tut sie es; wenn der Zuschneider spricht: Sie müssen schnell ein Dutzend Mäntel steppen, so geschieht es. Es gibt keine Stepperin in der Stadt, welche so rasch und sauber arbeitet, wie die Maschinen-Rösi.« »Aber ich kann nicht begreifen, wie ein so schwaches Weib diese Überanstrengung aushalten kann«, entgegnete ich. »Ach ja, es ist zum Wundern«, sprach meine Schöne, »sie treibt es schon seit vielen Jahren so. Ihre Eltern sind frühzeitig gestorben, folglich war sie gezwungen, von Jugend auf sich selbst zu erhalten. Da es nun so Sitte ist, dass ein anständiges Mädchen nicht früher heiratet, bis sie eine schöne Ausstattung hat, und da die Maschinen-Rösi ihren Fritz gern hat, so hat sie Tag und Nacht gearbeitet, um sich alles das zu schaffen, was ein Mädchen braucht, wenn es einen Mann haben will.« »Wie wär's«, sagte ich, »wenn wir die Maschinen-Rösi einmal besuchen würden, damit ich ihren Mann kennen lerne.« »Gut«, sprach sie, »nächsten Sonntag nachmittags um 4 Uhr, wenn das Geschäft geschlossen ist, besuchen wir beide die Maschinen-Rösi.« Den nächsten Sonntag gegen Abend besuchten wir beide die jungen Leute in ihrer Wohnung. Der Maschinen-Rösi ihr Mann war als Kattundrucker in der größten Fabrik beschäftigt. Wir lernten uns gegenseitig kennen und ich fand, dass er ein recht gebildeter, freisinniger Mann war.

Jeder, welcher in die niedliche Wohnung kam, musste auf den ersten Blick erkennen, dass die Maschinen-Rösi ein Muster von einer Hausfrau war, denn in diesen Zimmern herrschte Ordnung und Reinlichkeit.

Die jungen Leute hatten mich bald lieb gewonnen und so kam es denn, dass ich noch oft dieselben besuchte, denn dort in dem sauberen Stübchen wohnte Friede und Liebe und manche angenehme Stunde habe ich bei diesen beiden guten Menschen verlebt.

Aber wie oft im Frühling ein fröhliches Lerchenpaar an einem sonnigen Plätzchen sein Nest baut und sich des Lebens freut, plötzlich aber von der Gewalt einer herniederrollenden Lawine begraben wird, so wurde auch dieses glückliche Paar gewaltsam getrennt und ihr häusliches Glück begraben.

Am 19. Juni 1870 war in meiner Vaterstadt eine großartige Arbeiter-Demonstration, weil man den Arbeiterführer Andreas Scheu verhaftet hatte. Die Behörden hatten nichts Eiligeres zu tun, als Soldaten den Arbeitern entgegenzustellen.

Die Hauptstraßen wurden abgesperrt, sodass die Menschen nur einzeln die Gassen und Straßen passieren konnten. Auch ich musste durch die vom Militär besetzten Straßen gehen, wollte ich zu meinem jungen Weibe gelangen, welches immer noch bei dem Damenschneider als Verkäuferin angestellt war. Als ich auf dem Altstädter Ring in die Nähe der Apotheke kam, bemerkte ich unter der Masse Menschen auch der Maschinen-Rösi ihren Mann. »Wie geht's, Fritz? Was machst Du hier?« frug ich rasch. »Meine Rösi ist krank; ich muss eine halbe Stunde auf die Medizin warten, die ihr der Doktor verschrieben hat,« gab er mir zur Antwort.

Im selben Augenblicke entstand ein Gedränge unter der Masse Menschen. Wir wurden getrennt. Das Militär rückte mit gefälltem Bajonett gegen uns vor, um die Menschen vom Marktplatze in die Gassen zu drängen.

Da krachte ein Schuss. – Ein Arbeiter stürzte nieder. Das Militär wich unwillkürlich zurück. Einige Arbeiter hoben den Getroffenen in die Höhe. Die Kugel war mitten durch den Kopf gegangen. Der Erschossene war Fritz, der Maschinen-Rösi ihr Mann.

Das unglückliche Weib lag krank zu Hause und ihr guter Fritz, der ihr Medizin bringen wollte, lag tot auf dem Markte. Die arme Maschinen-Rösi konnte nicht mit zu Grabe gehen, als ihr guter Fritz begraben wurde, denn die Schreckensnachricht hatte sie selbst an den Rand des Grabes gebracht.

Später erholte sie sich wieder und arbeitete wieder still und fleißig.

Missliche Verhältnisse zwangen mich, meine Vaterstadt zu verlassen. Als ich nach einigen Jahren zurückkehrte und nach der Maschinen-Rösi frug, da hieß es: »Die arme Rösi ist gestorben.«

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