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Josef Schiller – Meinem Freunde K. K. (Aussig 1873)


Vor langer Zeit schon wollt ich Dir
Einmal gemütlich schreiben,
Was ich in diesem Neste hier
Muss alles tun und treiben.


Die erste Zeit da musste ich,
Gebeugt den steifen Nacken
Zur Erde, wie ein armes Vieh,
Giftflaschen wohl verpacken.


Da hab ich manches bisschen Gift,
Geatmet und gerochen,
Wenn Dich ein einz'ger Tropfen trifft,
Es brennt bis auf die Knochen.


So plagte ich mich eine Zeit
Mit giftigen Beschwerden
Da endlich gab's Gelegenheit,
Ein Zimmermann zu werden.


»Ich habe oft schon Holz gehackt,
Was wird das viel bedeuten,«
So dachte ich und, wie gesagt,
Ich kam zu Zimmerleuten.


Ein alter Mann mit langem Bart,
Das ist der Zimmermeister,
Der frug nach altbekannter Art:
Wie alt? Woher? Wie heißt er?


Nachdem er alles aufnotiert
Gab er mir Beil und Säge
Und sprach: »Jetzt schafft ganz ungeniert,
Nichts steht euch mehr im Wege.«


Nun ging es lustig drauf und dran,
Doch schon nach fünf Minuten,
Da fing die linke Hand mir an
Zu schmerzen und zu bluten.


Ich hatte etwas gar zu stolz
Mein scharfes Beil geschwungen,
Und dieses war anstatt ins Holz,
In meine Hand gedrungen.


Der Zimmermeister sprach: »Mein Sohn
Das nimmt mich wirklich Wunder.
Er schlägt beim ersten Schlage schon
Dass dumme Fleisch zu Plunder.«


D'rauf goss er Balsam mit Bedacht
Auf meine offne Wunde
Und sprach: jetzt nimm er sich in acht
Und merk' er sich die Stunde.«


Dann ging mir's vierzehn Tage gut.
Da kam Direktor Lange,
Der sprach zu mir in größter Wut:
»Vor Ihnen wird uns bange.«


»Die Cholera droht uns nicht mehr,
Sie war ein Schreckensbote,
Doch scheint uns noch viel schrecklicher
Die Cholera die rote.«


Er sprach zu mir mit stolzem Blick:
»Sie müssen sich entfernen,
Denn in der chemischen Fabrik
Darf niemand etwas lernen.«


»Sie sprechen von Gerechtigkeit
Vor so viel Arbeitsleuten,
Das hat,« rief er, »in uns'rer Zeit
Gar vieles zu bedeuten.«


Kurz, was er sprach der gute Mann,
Es wurde mir erklärlich,
Ich war zwar nur ein Zimmermann,
Doch für den Ort gefährlich.


Ich sehe nun zum zweiten Mal:
Von Recht und Wahrheit sprechen,
Das ist auch hier, wie überall,
Das schrecklichste Verbrechen.


Man hat mich in die Luft gesetzt,
Man will, dass ich verderbe,
Doch ist's umsonst, wie man auch hetzt,
Ich kämpfe, bis ich sterbe.


Hier drückt mir mancher treu die Hand,
Ich habe wack're Freunde,
Drum leist' ich tüchtig Widerstand
Jedwedem Wahrheitsfeinde.


Nun, lieber Freund, da hab' ich Dir
Mein Jammerlied geschrieben,
Jetzt lebe wohl und schreibe mir,
Was Du bisher getrieben.


Ich weiß, es glüht in Dir noch treu
Ein wahrer Freiheits-Funken,
Drum wo ich bin und wo ich sei,
Du bleibst mein Freund Spelunken.

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