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Josef Schiller – Frühlingsgedanken (1880)


Frisch auf, liebe Brüder, der Frühling erwacht!
Kommt, lasst uns den Frühling begrüßen,
Seht, wie sich das Leben entwickelt mit Macht;
Drum lasst uns das Leben genießen!
Die schwellenden Knospen, sie drängen hervor
Und sprengen die drückende Hülle;
Allüberall keimt es und sprießt es empor,
Allüberall waltet in Feld und in Flur
Der großen, erhabenen Mutter Natur
Allgütiger, mächtiger Wille.


Die Mutter Natur, ach, wie meint sie es gut
Mit ihrem allmächtigen Willen!
Und wie sie auch waltet und was sie auch tut,
Es soll uns mit Ehrfurcht erfüllen.
Dort - wo sie gewaltsam und ungerecht scheint,
Wenn stolz ihre Kraft sie entfaltet,
Da wissen wir oft nicht, wie gut sie es meint.
Drum eilet, dem Frühling ins Auge zu seh'n,
Damit wir die Sprache der Mutter versteh'n,
Die alles zum Guten gestaltet.


Es grünen die Bäume und jeglicher Baum
In seinem natürlichen Triebe,
Er träumet bewusstlos den seligen Traum
Von Freiheit, Entwicklung, von Liebe.
In allen den wachsenden Blättern, so klein,
Da regt sichs wie Ringen und Mühen;
Denn um zu erstehen und um zu gedeih'n,
Bedürfen sie all der Bewegung des Lichts.
Gebricht es an diesem, an allem gebricht's
Dann gibt es kein Grünen und Blühen.


Schaut hin, wie der Sonne allmächtiger Strahl
Erschließet gewaltige Quellen!
Die rauschen als Wasser vom Berge zu Tal,
Um Flüsse und Ströme zu schwellen;
Und in den gewohnten alltäglichen Lauf,
Da drängen und treiben die Fluten.
Oft über die Uferwand steigen sie auf,
Die Felder verwüstend, die Saaten, das Land
Doch wo sie gezügelt des Menschen Verstand,
Verwandelt sich alles zum Guten.


Wir hören das Brausen, es hebt sich die Brust.
Und wenn wir die Fluten erblicken,
Da möchten wir, all ihrer Kräfte bewusst,
Die Menschheit entfesseln, beglücken.
Es drängt uns zu schaffen, wenn alles erblüht,
Es regen sich Keime und Triebe,
Ein mächtig Verlangen die Geister durchglüht,
Und so, wie bewusstlos der grünende Baum,
So tragen bewusst wir ins Leben den Traum
Von Freiheit, Entwicklung und Liebe.


Drum, Brüder, o nützet die goldene Zeit,
Ein Frühling ist wieder erschienen!
Schafft Freiheit und haltet die Liebe bereit,
Dann werden die Saaten Euch grünen.
Schafft Freiheit! dann wird die Entwicklung gedeihn
Und fallen des Vorurteils Schranke;
Gleich werden wir endlich und brüderlich sein,
Und ferner nicht Glauben, nicht Namen und Stand
Uns trennen; es tritt nur in freiem Verband
Ins Leben der freie Gedanke!


So wird durch der Freiheit erwärmenden Strahl
Urewige Kraft uns erfreuen,
Herab von den Höhen des Wissens zumal
Erkenntnis und Wahrheit erneuen,
Damit die Natur uns zum Heile erscheint,
Und ihre gewaltigen Fluten
Ins Strombett des Segens gebahnt und vereint,
Glückbringend verjüngen die Saaten, das Land;
Denn wo sie begegnen des Menschen Verstand,
Verwandelt sich alles zum Guten.


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