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Josef Schiller – Die vierte Klasse (1879)


Die Menschheit lebt seit langer Zeit
In vier verschiednen Klassen.
Da gibt es immer Zank und Streit,
Weil sich die Klassen hassen.
Da ist der Reiche, Herr vom Dampf,
Der Adel und die Pfaffen,
Sie alle sind bereit zum Kampf
Mit Pulver, Geld und Waffen.
Sie richten oft viel Unheil an
Mit ihrem blinden Hasse,
Doch alles trägt der Untertan,
Die arme vierte Klasse.


Mir wird vor Ärger manchmal warm,
Seh ich die kleinen Meister,
Sie stehn so zwischen reich und arm
Als recht beschränkte Geister.
Sie klagen oft: "die Zeit ist schwer"
Mit kläglichen Gebärden,
Und mancher glaubt, ein Millionär
Und noch was mehr zu werden;
Doch Kapital mit starker Hand
Versperrt ihm jede Gasse.
Und so kommt auch der Mittelstand
Mit in die vierte Klasse.


Die Fabrikanten loben stets
Die trefflichen Maschinen;
Denn mit der Dampfkraft, ei da gehts,
Da lässt sich was verdienen.
Verbessert man so fort und fort
Maschinen so wie heute,
So braucht man, glaubt mir auf mein Wort,
Zuletzt gar keine Leute.
Drum nur so fort im raschen Lauf
Vermehrt die arme Masse,
Dann hört die Klassenwirtschaft auf,
Dann siegt die vierte Klasse.


Für Geld bekommt man Recht und Rat,
So ist's in jedem Staate,
Und wer die meisten Ochsen hat,
Der sitzt im hohen Rate.
Ja, wer viel Steuergulden schafft,
Auch dem wird gut gemessen,
Jedoch des Arbeitsmannes Kraft,
Auf die wird stets vergessen.
Der Reiche, der mit Gulden prahlt,
Füllt nicht die Steuerkasse,
Doch wer die meisten Gulden zahlt,
Das ist die vierte Klasse.


In Bosnien ging der Teufel los,
Da wollt' man Ruhe schaffen,
Die Bosniaken klein und groß,
Die griffen zu den Waffen.
Da rückten Öst'reichs Krieger an,
Um einen Kampf zu wagen,
Und mancher schöne, junge Mann
Ward wie ein Hund erschlagen.
Man opferte viel Geld und Gut
Dem blinden Völkerhasse,
Doch wer gab wohl das meiste Blut?
Das gab die vierte Klasse.


In Öst'reich sucht man Brot und Bier
Und Tabak zu verteuern,
Man guckt in alle Töpfe schier,
Um alles zu besteuern.
Das arme Volk wird ausgesaugt,
Muss schinden sich und plagen,
Und wer nicht zum Soldaten taugt,
Muss auch noch Steuern tragen.
Die Staatsschuld wächst stets höher an,
Und leer ist jede Kasse,
Doch was der Staat nicht zahlen kann,
Das zahlt die vierte Klasse.


Ihr Freunde, glaubt es auf mein Wort,
Man wird es noch erleben,
Es werden sich von Ort zu Ort
Die Armen einst erheben.
Es kann uns auch nicht viel gescheh'n,
Drum reichet euch die Hände,
Und wenn wir auch zugrunde gehn,
Dann hat die Not ein Ende.
Und geht es los, dann drauf und dran,
Mit unserm ganzen Hasse,
Ein jeder kämpfe wie ein Mann
Fürs Recht der vierten Klasse.


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