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Josef Schiller – Der König kommt!

Erschienen am 20. September 1883 im »Radikalen«

Vom 1. Mai 1876 bis zum 1. Mai 1877 war ich als Wagenlackierer in dem königlichen Zeughause in Dresden beschäftigt und ich habe während dieser Zeit manches erlebt und kennen gelernt, was ich früher nie gedacht hätte, jemals kennen zu lernen und zu erleben.

Im Zeughause waren über 800 Arbeiter beschäftigt, meist Metallarbeiter, nebst diesen Tischler, Wagner, Drechsler und andere Professionisten, welche zur Waffenfabrikation nötig gebraucht werden. Auch gab es in einem Gebäude Sattler, Riemer, Schuhmacher, Schneider und Gürtler, welche alle aus der sächsischen Armee in das Zeughaus kommandiert wurden. Unter den vielen Arbeitern, welche in dem alten Zeughause beschäftigt waren, gab es aber keine Branche, die so verächtlich behandelt wurde, wie die Lackierer, denn die Schmierfinken, wie uns die anderen nannten, waren durchgehends lauter Zivilisten, nur der Aufsichtsführende in unserer Werkstatt war Soldat. Es gab daher zwischen den Lackierern und den anderen Arbeitern immer Zank und Streit. Oft war unsere Beschäftigung die Ursache des Zwistes. Hatten die Metallarbeiter einen Munitionswagen fertig und wir fingen an daran herumzupinseln, so fanden wir bald, wenn irgendwo eine Schraube oder Niete fehlte oder wenn die Fächer schlecht ausgefeilt waren und die Geschosskästen infolgedessen nicht passten. Kurz, wir fanden immer die Fehler an einem Wagen oder Geschütze, weil wir die Letzten waren, die daran arbeiteten, denn, wenn wir damit fertig waren, dann wurde das Geschütz von einigen alten Offizieren einer genauen Prüfung unterzogen und wenn es in den Augen der strengen Brummbäre für gut befunden wurde, dann war es gut, wenn auch sehr oft noch etwas daran fehlte. Fanden nun aber die alten Kerle einen Fehler, dann ging ein heiliges Haubitzen- und Granatendonnerwetter unter den Schnurrbärten hervor, dass die Fensterscheiben bebten und die Schuldigen mussten das, was noch zu machen war, fertigstellen.

Auf diese Art entstand die Zwistigkeit, denn die Metallarbeiter und Tischler behaupteten, wir müssten es sehen, wenn irgendwo etwas fehle. Ich habe mir immer Mühe gegeben, jeden Arbeiter, soweit es in meinen Kräften stand, vor dem »heiligen Haubitzen. und Granatendonnerwetter« zu beschützen, indem ich jederzeit darauf bedacht war, die Mitarbeiter zu verständigen, wenn einer eine Schraube oder eine Schnalle usw. vergessen hatte.

Sämtliche Arbeiter des Zeughauses hatten eine Krankenkasse gegründet und hatten die Verwaltung dieser Kasse in ihren Händen. Bei der ersten Versammlung, welche zum Zwecke einer Neuwahl abgehalten wurde, meldete sich ein Lackierer zum Worte, um über einige Übelstände zu sprechen, welche sich bei der Krankenkasse eingeschlichen hatten. Die Metallarbeiter wollten ihn jedoch nicht sprechen lassen; da musste ich ihnen den Standpunkt einmal klar machen. Ich ersuchte ums Wort und als ich allen meine Meinung gesagt hatte, da machten sie verwunderte Augen und wählten mich schließlich in die Vereinsleitung. – Von diesem Tage an hörte der Streit unter uns auf und wir feierten bald darauf ein fröhliches Fest, bei dem sämtliche Arbeiter des Zeughauses samt ihren Frauen und Mädchen beisammen waren.

Kurze Zeit nach diesem Feste hieß es eines Morgens: »Der König kommt!« »Heute um 12 Uhr kommt der König,« sprach unser Werkführer, »Legt die Pinsel weg, macht die Werkstatt rein und legt alles an seinen richtigen Ort!«

»Der König kommt« hieß es in jeder Werkstatt und es wurde geputzt und aufgeräumt, gescheuert und blank gemacht, was nur möglich war. Und als wir fertig waren, wurden wir aufgefordert, unsere schmierigen Kleider abzulegen und kräftig »Hoch« zu rufen, wenn der König komme.

Ich ging aus der Werkstatt hinaus und über den Hof, um zu sehen, ob die Schmiede und Schlosser mit dem Aufräumen der Eisenstangen schon fertig waren, da mir »der Mohr« gesagt hatte: »Wir werden bis um 12 Uhr nicht fertig.«

»Der Mohr« war sonst ein riesenstarker junger Mann, der sich mit Eisenstäben spielte wie mit Holzstäben; wegen seines grauen Haares und seiner dunklen Hautfarbe nannten ihn alle den Mohr. Er nahm es nicht übel, denn er war sehr gemütlich und friedliebend.

Als ich bis zur Schlosserwerkstätte kam, sah ich den Mohr unter einer Holzstellage fleißig mit Eisenstangen hantieren, die ihm seine Kollegen zureichten. Die Eisenstangen wurden von oben nach unten in eine Stellage hineingeschoben. Der Mohr hockte unter den aufgeschlichteten Eisenstangen und legte dieselben auf die an der hintersten Wand angebrachten Holzbalken.

»Heiliges Haubitzen- und Granatendonnerwetter, seht, dass ihr fertig werdet!« brüllte der Hauptmann W. Die Schlosser und Schmiede arbeiteten mit doppeltem Eifer, sodass der Mohr fast nicht imstande war, die Massen Eisen zu schlichten und zu richten, wie es vielleicht notwendig war.

Mit einem Male senkte sich die ganze Stellage auf die Seite, der Mohr wollte rasch aus der gefährlichen Stellung unter der Stellage hervor, aber es war zu spät. Krachend brach die Stellage zusammen und eine Last von mehr als 60 Zentner Eisen lag auf dem unglücklichen Schlosser.

Der Körper des jungen, kräftigen Mannes war ganz zerdrückt, nur der Kopf war verschont geblieben. Die Schmiede und Schlosser hatten binnen einigen Minuten ihren Kameraden aus dem Eisen herausgewühlt und in ihre Werkstatt geschafft. Sie meinten alle, er würde wieder lebendig werden, aber er war und blieb tot. – Da rasselte eine Karosse in den Hof. »Der König kommt,« rief der Hauptmann W. »Rasch schüttet Asche oder Sand auf das Blut, wo der Mohr gelegen.« Es geschah, der Mohr wurde mit einem Tuche bedeckt – der König fuhr wieder fort aus dem Zeughause, aber in die Schlosserwerkstatt war er nicht gekommen.

Ich war die ganze Zeit wie geistesschwach dagestanden, da schreckte mich ein fürchterlicher Schrei aus meinem bewusstlosen Hinstarren. Ein junges Weib mit zwei kleinen Kindern stürzte zur Tür herein und fiel, nachdem sie den fürchterlichen Schrei ausgestoßen, am Lager des toten Schlossers ohnmächtig nieder. Es war sein Weib. – Rasch wurde ein Arzt geholt und bald hatte sie sich soweit gestärkt, dass man sie mit ihren beiden Kindern nach Hause fahren konnte. – Das Weib brachte alle Tage das Mittagessen ins Zeughaus und so kam sie auch an diesem Tage und hatte schon am Eingangstore vernommen, dass ihrem Manne ein Unglück zugestoßen sei. Dass er tot war, erkannte sie erst, als sie die Tür öffnete. Wir Arbeiter sammelten 130 Taler und drangen darauf, dass das sächsische Zeughaus für die beiden Kinder bis zu ihrem vollendeten 14. Lebensjahre sorgen sollte. Aber es kam anders, wie wir wünschten; durch eine kleine Summe Geld wurde das unglückliche Weib beschwichtigt.

Solange ich in Dresden war, habe ich immer an den toten Mohr gedacht, so oft es hieß: »Der König kommt!«

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