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Josef Schiller – Der Konfessionslose (1870)


Ich bin ein Gräu'l dem Haufen der Sophisten,
Weil ich entfernt mich hab' von ihrer Bahn;
Auch hassen mich die sogenannten Christen
Ich bete nicht wie sie die Götzen an.
Ich kann es nicht! Und wenn die Menschen wüssten,
Dass uns ein Stein doch nicht erhören kann,
Sie würden nicht vor flimmernden Altären
Anstatt der Gottheit kalte Steine ehren!


»Du bist verflucht! Dich treffe Schmach und Schande!«
Das sind die Worte, die mein Bruder spricht,
Weil ich mich frei gemacht von einem Bande,
Das mich gehemmt! Ich fand die Gottheit nicht
Dort, wo im goldgestickten Messgewande
Ein Priester predigt von Gebot und Pflicht;
Denn was er lehrt, heißt: Dulden, leiden, tragen!
Mein Inn'res lehrt mich: Schaffen, ringen, wagen!


Was hasst ihr mich? Glaubt ihr, ich kann nicht beten,
Weil ihr mich nie in eueren Tempeln seht?
Ich kann die dunklen Hallen nicht betreten,
Wo buntgeputzt zur Schau die Menge steht;
Wo ihr so oft in euren Lebensnöten
Von einem Bilde euer Heil erfleht:
Die Gottheit, hört ihr Alle, die mich hassen,
Lässt sich in keine Bilderrahmen fassen!


Wie glücklich bin ich, dass die Nebel schwinden,
Dass ich sie fand, des Lebens rechte Spur:
Ich weiß den Geist der Gottheit stets zu finden,
Bewund're ich das Schaffen der Natur.
Und will ich liebend mich mit ihm verbinden,
So such' ich ihn in meinem Innern nur;
Dort find' ich ihn und hab' ihn stets gefunden
Und nie geahntes Heil und Trost empfunden.


Ihr aber ringt verzweiflungsvoll die Hände,
Wenn Krankheit, Hunger, Elend euch bedroht;
Ihr glaubt, dass euch ein Gott dies Leiden sende
Durch seinen Willen, durch sein Machtgebot,
Ihr wisst es nicht, dass die vier feuchten Wände
Und eure Nahrung schuld sind an der Not;
Ihr wisst es nicht und in dem blinden Glauben,
Lasst ihr euch so das bess're Leben rauben!


Ihr kennt sie nicht, die feindlichen Gewalten,
Die schuld an allen euren Leiden sind;
Denn eure Kräfte mögt ihr nie entfalten,
In eurem Glauben seid ihr wie ein Kind:
Ihr wisst euch stets an etwas anzuhalten,
Für alles andre seid ihr taub und blind;
Drum seid ihr jeder Täuschung hingegeben
Und findet nie den rechten Weg zum Leben! –


Blickt doch einmal in eures Herzens Tiefen,
Wenn euer Lebensschifflein in Gefahr;
Versucht es doch, die eig'ne Kraft zu prüfen,
Ihr findet manches, was euch möglich war,
Wenn all' die Bilder, die im Herzen schliefen,
Vor eurem Geiste stehen hell und klar,
Ihr findet manches, was euch schon gelungen,
Wenn ihr mit Mut und Manneskraft gerungen.


Ihr sollt die eignen Kräfte nie beschränken,
Sonst stempelt ihr euch selbst zum nied'ren Knecht;
Nicht blinder Glaube soll die Kräfte lenken,
Prüft immer selbst, was falsch ist oder echt.
Ihr mögt nur menschlich fühlen, menschlich denken,
Dann wisst ihr ja, was gut ist oder
Und dieses Denken nenn' ich - beten, Brüder,
Drum betet so - kniet nicht vor Götzen nieder!


Kommt doch mit mir in meine Andachtshalle,
O Brüder, kommt aufs freie Feld hinaus!
Ob Jud', ob Christ, willkommen seid ihr alle
In diesem freien, großen Gotteshaus.
Hört, wie es rauscht von frohem Jubelschalle,
Seht, wie es grünt - die Bäume schlagen aus.
O Brüder, kommt, lasst uns den Wald betreten,
Dort sehen wir, wie alle Wesen beten!


Seht, wie die Pflanzen liebend sich vereinen,
Wie eins das andre bildet und erhebt,
Wie die Natur im Großen wie im Kleinen
In freier Ordnung nach Veredlung strebt.
Und nirgends, nirgends wird euch Zwang erscheinen,
Die Liebe ist's, die alles rings belebt.
Erkennt euch selber; soll es Frühling werden,
Lasst frei den Geist - der Himmel ist auf Erden.

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