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Josef Schiller – Sehnsucht nach der Heimat (1869)


Ist man in der Ferne, so einsam und allein,
Da denkt man oft und gerne: Wie mag's zu Hause sein?
So denk auch ich im Stillen, im dunklen, grünen Wald
Und heiße Tränen quillen im Auge mit Gewalt.
Mein Wanderstab ist Zeuge, er ist mein bester Freund,
Ich klage nicht, ich schweige, obgleich mein Auge weint.
Mit diesem Wanderstabe, wie ich einst seufzend stand
An meiner Eltern Grabe, im lieben Heimatland;
Allein mit meinem Hoffen, allein mit meinem Leid,
So stand die Welt mir offen, die Welt so kalt und weit.
Im Wald, am Bachesrande, blick ich den Wellen nach,
Gedenk im Heimatlande des kleinen Baiersbach.
Ich denk an all die Wälder, die in der Heimat sind,
An all die schönen Felder, wo ich gespielt als Kind.
Wo ich noch ohne Sorgen die Schmetterlinge fing
Und, in den Wald, geborgen, nach Beeren suchen ging.
Auch hab ich eine Stelle im Walde hier erblickt,
Wie die »Andreasquelle«, die mich so oft erquickt.
Auch Paulsdorfs »Wiesenhöhe« hat mich schon oft geneckt,
Wenn ich ein Gasthaus sehe, von Bäumen rings verdeckt.
Dann sah ich mit Vergnügen von einem Berg einmal
Ein nettes Dörfchen liegen, so wie Johannesthal.
Da blickt ich froh und heiter vom Berg ins Tal hinaus,
Doch sieht man noch viel weiter vom Jeschkenberg zu Haus.
Man kann vom Jeschkenberge viel andre Berge sehn,
Doch müssen sie wie Zwerge vor ihrem König stehn.
Von seinem hohen Throne blickt er ins Land hinab
Und legt die weiße Krone im Mai bescheiden ab.
Dann geht's, mit grünen Zweigen geschmückt, durch Busch und Wald,
Den Jeschken zu besteigen, da freut sich jung und alt.
Oft ging die Sonne unter, da war ich noch nicht satt,
Ich blickte froh hinunter nach meiner Vaterstadt.
Von Bergen rings umschlungen, kein Städtchen kommt ihr gleich,
Ihr Name ist gelungen, sie ist an Bergen reich.
Doch still, die Lerchen schwingen beim Sonnenuntergang
Zum Himmel sich und singen den Abendhochgesang,
Als wollten sie mir sagen: Sei fröhlich, so wie wir,
Du musst das Bündel tragen, denn keiner trägt es dir.
Drum fröhlich fortgegangen, den Wanderstab zur Hand,
Das Bündel umgehangen und fort von Land zu Land!
Und darf ich nicht mehr wandern, dann kommt der letzte Reim,
Ich mach es wie die andern, sie gehn ja alle Heim. –

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