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Josef Schiller – Der Weichensteller (1874)

Phantasie bei der Fahrt von Mürzzuschlag nach Wien


Schwer atmend, wie müde vom eilenden Lauf,
So steiget den Semmering keuchend hinauf
Das eiserne Dampfross, das schleppet und ziehet
Die Kette der Wagen; bald eilt es und fliehet
Durch herrliche Wiesen und prächtige Felder,
Durch saftige, grüne und schattige Wälder,
Bald wieder an zackigen Felsen vorüber;
Bald über die Brücken der Flüsse hinüber,
Bald schließen die Berge und Felsen es ein –
Da sucht es sich Wege durch Schluchten und Spalten
Und ist es umringt von den Riesengestalten,
Dann rennt es laut pfeifend und donnernd hinein.


Im eilenden Wagen, da sitzen recht breit
Die Ritter und blauen Barone der Zeit,
Da sitzen die alle Zeit lachenden Wiener,
Da plaudern die Herren und flüstern die Diener.
Da necken die Buben die schelmischen Mädchen:
Der fahrende Zug ist ein lustiges Städtchen;
Die Menschen in eilenden Wagen erblicken
Die prächtigsten Bilder, die langsam entrücken,
Die Wiesen und Wälder, Lichtwellen und Schatten,
Sie wechseln harmonisch auf grünenden Matten –
Da schwindet die Landschaft, dem Tage folgt Nacht,
Es schwindet der Sonne belebender Schimmer,
Doch scherzend, als wär' es im eigenen Zimmer,
Begrüßen die Menschen den schaurigen Schacht.


Das Dampfross eilt vorwärts; sein eiserner Bauch
Schwitzt siedendes Wasser und Funken und Rauch
Entströmen nun keuchend dem feurigen Rachen.
Es glühen die Augen dem höllischen Drachen –
So braust es hindurch mit dem Städtchen belastet,
Dann schwindet die Nacht und es ruhet und rastet.
Die Menschen betrachten nun staunend, verwundert
Die herrliche Landschaft; dann, was das Jahrhundert
Vollbrachte durch Mut und durch eisernen Willen,
Die Wunder der Arbeit, die hier sich enthüllen,
Die rüstig entfaltet der menschliche Geist,
Betrachten die Männer mit strahlenden Blicken,
Indes sich die Mädchen mit Edelweiß schmücken,
Indes man das Dampfross zur Weiterfahrt speist.


Das Auge des Fremden bewundert den Berg,
Bewundert den Bahnbau, dies kunstvolle Werk,
Der menschlichen Arbeit allmächtiges Werde.
Hoch an den Gebirgen, den Brüsten der Erde,
Da schlängeln sich aufwärts die eisernen Wege:
Bald gleichen sie einem gefährlichen Stege,
Sie ziehen sich hin an des Abgrunds Rande,
Bald hat sie, wie innige, freundliche Bande
Um Felsen und Berge, in doppeltem Bogen
Der mächtige Geist des Jahrhunderts gezogen,
Als wären die Berge ein blühender Strauß.
Der Fremde genießet in festem Vertrauen
Entzückenden Schrecken und wonniges Grauen
Und lächelnd besteigt er das fahrende Haus.


Ein Pfiff, dann ein Ruck und das Rennen beginnt.
Doch hinter dem Berge, da wandelt ein Kind
Inmitten der Schienen, mit lockigen Haaren –
Da kommt aus dem Berge das Dampfross gefahren.
Zum Fenster heraus aus dem fahrenden Städtchen
Schaun lustige Männer und Frauen und Mädchen,
Sie singen und plaudern und lachen und scherzen.
Da plötzlich erblickt mit erstarrendem Herzen
Der Wächter der Weiche sein Kind im Geleise –
»Ich werde dich retten!« so spricht er ganz leise,
»Ich rette dich durch einen Druck meiner Hand!«
So ruft er und greift mit der Hand nach der Weiche –
»Ich darf nicht!« schreit gellend der Vater, der bleiche,
Und schon ist das Dampfross vorübergerannt.


Ein angstvoller Schrei eines Kindes – und rot
Vom Blute gefärbt sind die Schienen, und tot
In den Armen des Vaters, des Wächters der Weiche,
Liegt blutend das Kind als verstümmelte Leiche.
»Ich konnte dich retten!« so klagt er mit Beben;
»Ach hätt' ich's getan und du wärst noch am Leben!
Ein Druck meiner Hand und es rannte vorüber,
Ein Druck meiner Hand und es rannte hinüber
Aufs zweite Geleise! Jetzt läg' es begraben –
Das Untier! Ich hätte ein Kind, einen Knaben!« –
So drang es aus seiner gemarterten Brust.
Da brauset heran auf den eisernen Wegen
Ein Eilzug den steirischen Alpen entgegen.
»Das«, murmelt er finster, »das hab ich gewusst!«


Er konnte es retten; ein Druck seiner Hand –
Zwei Dampfrosse wären zusammengerannt,
Zwei eilende, fahrende, lustige Städtchen
Mit all' diesen Männern und Frauen und Mädchen,
Mit all' ihren Liedern und harmlosen Scherzen,
Mit all' ihren Hoffnungen, Wünschen und Schmerzen,
Mit all' ihren Blumen und Edelweißsträußchen,
Ein Druck jenes Mannes am Bahnwächterhäuschen,
Verschwunden wär' alles dort über dem Rand;
Im Abgrund läg' es zermalmt und zertreten,
Und wären es auch aller Welt Majestäten –
Sie lebten nicht mehr durch den Druck seiner Hand!

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