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Oscar A. H. Schmitz – Der Schlafhändler

Novelle

aus: Oscar A. H. Schmitz, Herr von Pepinster und sein Popanz, Georg Müller Verlag, München, 1915, S. 29ff.

Meine Freunde hatten mir zu meinem achtzigsten Geburtstage ein kleines Fest gegeben. Spät nach Mitternacht verließ ich das Montmartre-Gasthaus, in dem seit fünfundfünfzig Jahren die Überlebenden einer fröhlichen Tafelrunde immer wieder von Zeit zu Zeit zusammenkamen. Trotz meinem Alter bin ich der Gewohnheit treu geblieben, die nächtlichen Straßen von Paris zu Fuß zu durchwandern.

Ich war an jenem Abend von den großen Boulevards auf den Boulevard Sebastopol gekommen und befand mich vor dem Chatelet-Theater, als mich die Müdigkeit zwang, einen Augenblick auf einer Bank zu ruhen. Ich liebe es, den Heimweg in die Länge zu ziehen, um die Bettruhe möglichst abzukürzen, denn ein Fluch des Alters ist es, daß es so wenig Schlaf braucht, daß ihm dieses Allheilmittel für die Sorgen, Verstimmungen, die Schwarzseherei und die Langeweile des Daseins fehlt. Es wäre mir wie eine Rückkehr der Jugend erschienen, wenn ich wieder einmal jene tierhafte Müdigkeit hätte spüren dürfen, die einen jungen, alles vergessenden Körper wie einen toten Gegenstand ins Bett wirft. Aber das Alter kennt keine wahre Müdigkeit, von der es immer ein Ausruhen gibt, es kennt nur Schwäche und Gebrechlichkeit, die keine Nacht heilt.

Plötzlich kam mir ein unbestimmtes Gefühl, als hätte ich den jetzigen Augenblick schon einmal erlebt ... die Bank ... den Blick unter die Bäume des Platzes ... die fast menschenleere Straße, die auf die Brücke mündete ... In diesem Augenblick setzte sich jemand zu mir; genauso war es damals gewesen. Ohne mich bestimmter Einzelheiten entsinnen zu können, war mir, als ob ich an süße, glückliche Erinnerungen meiner Jugend rührte, und dann entsann ich mich eines unbekannten Mädchens, das sich damals neben mich auf die Bank gesetzt und mir halb weinend eine Geschichte von einem Liebhaber erzählt hatte, dem sie mitten in der Nacht davongelaufen war.

Ich erinnerte mich wieder, wie sie mit der natürlichen Zungenfertigkeit der weiblichen Leidenschaft und der unangreifbaren Folgerichtigkeit des Gefühls ihre Handlungsweise verteidigte, was immer wieder in den Worten gipfelte, sie sei ein gutes, ja ein nur allzu gutes Mädchen, das vieles von einem geliebten Manne hinzunehmen imstande sei, bis ein bestimmtes Maß erreicht werde, dann verwandelte sich all ihre Güte und Fügsamkeit in plötzliche Wut aus beleidigtem Stolz. Diesen Augenblick habe sie lange kommen sehen, aber trotz ihrer flehentlichen Warnungen habe ihr Geliebter heute im Übermut den Auftritt verschuldet, der sie zur endgültigen Flucht von ihm bewog.

»Und was wollen Sie jetzt tun?« hatte ich gefragt, hingerissen von der natürlichen Beredsamkeit und mutigen Entschlossenheit des jungen Geschöpfes.

Es kam dann eine Nacht, in der ich sie durch Vergnügungen zu betäuben und ihren Schmerz zu verscheuchen suchte. Auf diese Nacht waren andere ähnliche gefolgt. Das unruhige,

lebhafte Wesen zwang mich, den in Paris damals fast fremden Jungen, mit ihr die ganze Stadt zu durchkreuzen und ihre nächtlichen Seltsamkeiten aufzusuchen. Von den spiegelhellen Stätten des Vergnügens trieb sie mich in die unterirdischen Verbrecher- und Zuhälterkeller. Einmal führte sie mich zu ihrer Familie in eine kleine Arbeiterwohnung in Menilmontant und dann wieder in die prächtige Werkstatt eines Modemalers, wo sie ebenso zu Hause war wie bei den Hauptproben der Boulevardtheater oder auf dem Sattelplatz beim Rennen.

Ich hatte bisher nur die dürftigen Freuden des Studenten im Lateinischen Viertel genossen, das große Paris rechts der Seine war mir wie ein purpurner Traum gewesen, aber Paulette riß mich mit mächtigem Griff in dieses Leben hinein, um mich eines Tages mit ebensolcher Plötzlichkeit zu verlassen wie meinen unglücklichen Vorgänger.

Ich brauchte Jahre, um den Schmerz meiner Einsamkeit ganz zu überwinden, er wäre vielleicht nie überwunden worden, wenn ich fortgefahren hätte, andere Frauen an Paulette zu messen, aber bald wurde sie mir in der Erinnerung wie ein unwirkliches Wesen, wie der Ortsgeist dieser Stadt Paris, den ich wie im Traum umarmt hatte, und ich lernte mich begnügen, in anderen Frauen nur einen Abglanz von ihr zu sehen. Oft besuchte ich in Nächten des Vergnügens, mit flüchtigen Geliebten am Arm, die Orte, wohin mich einst Paulette geführt; ich lebte in der nicht ganz eingestandenen Hoffnung, ihr einmal zu begegnen.

Aber niemals sah ich sie wieder, nur einmal glaubte ich sie unbestimmt zu erkennen. Es war in einem Haus in dem Gassengewirr der Altstadt. Dort hielt ein gewisser Sirotin zu

ebener Erde einen Ausschank offen, in dem er für drei Sous Stühle an Obdachlose vermietete; die konnten dort, mit den Armen und dem Kopf über lange Tische gebeugt, von Mitternacht bis vier Uhr schlafen. Um vier läutete eine Glocke und scheuchte die Schläfer auf. Dann kamen andere, die für denselben Preis den Rest der Nacht hier verbringen durften. Mancher zog in der Schlaftrunkenheit weitere drei Sous hervor, um seinen Platz behalten zu dürfen, ein Anfall von Verschwendungswahn, den er vielleicht während eines hungrigen Tages zu bereuen hatte.

Die Jugend, die genießt, gönnte sich manchmal den Kitzel, um vier Uhr zu Sirotin, dem Schlafhändler, zu gehen, um die Ablösung der Schläfer zu beobachten. Oft hatte mich Paulette hierher geführt, vielleicht um ihr schönes, weiches Bett nachher um so mehr würdigen zu können. Dort hatte es mir später einmal nachts geschienen – es befand sich ein kleines, gleichgültiges Mädel bei mir, das noch nie hier gewesen war –, als ob Paulette am Arme eines Herrn in dem Augenblick, als ich eintrat, an dem entgegengesetzten Ausgang hinauseilte. Sonst hatte ich nie mehr eine Spur von ihr gefunden; wenn sie noch lebte, mußte sie, wie ich, sehr alt sein.

Während ich nun nach etwa fünfzig Jahren diesen Gedanken nachhing, bemerkte ich, daß sich ein altes Mütterchen neben mich auf die Bank gesetzt hatte, das offenbar den günstigen Augenblick abwartete, um ein Almosen zu erbitten. Ich weiß nicht mehr, wie wir in ein Gespräch kamen; sie wunderte sich nicht wenig, einen alten Herrn wie mich zu dieser Nachtstunde auf einer Boulevardbank sitzen zu sehen, da es mir an einem Obdach doch wohl nicht fehlen konnte.

Mit der Vertraulichkeit, die das Alter, ebenso wie die Kindheit, schafft, erzählte ich ihr, daß der Schlaf mein Lager schon lange fliehe.

Sie lachte mit einer Art Galgenhumor auf. »An Schlaf sollte es mir nicht fehlen,« sagte sie, »wenn ich nur ein Obdach hätte.«

Und nun entfaltete sie mir ein schreckliches Bild ihrer Armut. Die alte Geschichte: einst war es ihr gut gegangen. »Ja, mein lieber Herr, ich bin in Seide und Spitzen gegangen, und ich habe Champagner getrunken, aber alle sind sie tot, mit denen ich das Leben genossen habe; keine Freunde, keine Verwandten mehr; wenn sie mich nur wieder einmal bewußtlos von der Straße auflesen wollten, dann käme ich wieder ins Krankenhaus. Oh, dort ist es schön, Herr, da gibt's weiche, weiße Betten, da kann man seine alten Glieder ausstrecken, und bei Tag schwatzt man mit den anderen, die einem erzählen, was ihnen das Leben angetan hat. Ach, wenn ich nur wieder einmal ausschlafen könnte.«

Ich gab ihr etwas Silber, damit sie in einem der nahen Schlafhäuser ein Obdach fände. »O nein, Herr,« sagte sie mit dankbarem Blick, »das gebe ich nicht alles für mein Nachtlager aus, das muß ein paar Tage reichen. Jetzt gehe ich zum Sirotin, dem Schlafhändler, und schlafe ein wenig für drei Sous.«

Wie beneidete ich dieses Weib, das nun für meine drei Sous Schlaf kaufen ging. Sie stand auf; ich weiß nicht, was für eine unerklärliche Macht mich trieb, ihr zu folgen. Mir kam es vor, als sei die Alte meine Paulette.

Jahrzehntelang war ich nicht bei Sirotin gewesen, aber nichts hatte sich dort verändert, nur statt des alten Sirotin stand heute ein junger Mann, vermutlich sein Enkel, beim Eingang, dem Großvater ähnlich in seiner feisten Gesundheit und sichtlichen Selbstzufriedenheit. Die Sirotins sahen alle aus wie gut ausgeschlafene Leute. Ich beobachtete, wie die Alte ihre drei Sous dem Manne gab und sich an die Reihe der Schläfer anschloß.

Ich mußte tun wie sie, ich setzte mich auf einen Stuhl neben sie, legte meine Arme auf die Tischplatte, beugte meinen Kopf darüber, rings um mich schnarchten und stöhnten die Ausgestoßenen, die Obdachlosen, die Niedrigsten der Armen. Und o Wunder! ich fühlte, was ich seit etwa fünfundzwanzig Jahren nicht gefühlt: eine schwere, süße Müdigkeit legte sich mit starken Armen um mich, ich sank in das Wolkenreich des Halbtraums, in das nur noch schwache Scheine der Wirklichkeit fielen – noch ein wenig weiter, und vollkommenes Unbewußtsein, das Selbstvergessen eines kräftigen Schlafes würde mich umfangen.

Ich sah den Großvater Sirotin, in graue Schatten gehüllt, aus der Wand treten, hinter ihm seine Söhne und Enkel, darunter den jetzigen Besitzer, alle in spinnwebartigen, wie in der Luft zerfließenden, silbergrauen Gewändern. Sie schöpften aus einer riesenhaften Weißblechtruhe mit Kübeln einen wolkig silbrigen Stoff, dann schlichen sie unhörbar hinter den Reihen der Schläfer her und bestrichen oder begossen damit die armen, müden Köpfe. Der Großvater Sirotin beobachtete diese Vorgänge und schien darauf bedacht zu sein, daß keiner zu kurz käme! Er winkte einen der Söhne heran und machte ihm ein stummes, vorwurfsvolles Zeichen, daß hier ein rothaariger Krüppel zu viel, dort ein dünnes altes Männchen zu

wenig Schlaf erhalten habe. Dann wurde mit einem sanften Handgriff dem einen genommen und dem anderen gegeben. Ich selbst verlor bald das Bewußtsein in tiefem, glücklichem Schlummer.

Als ich aufwachte, lag ich in einem kleinen, weißen Zimmer, ein blonder Herr mit Vollbart und Brille stand bei mir und sprach mit einer Art Nonne. Ich weiß nicht, warum diese beiden Menschen mich geweckt haben. Sie behaupteten mit kalten, spitzen Stimmen, es müßte Sonne und Licht ins Zimmer; sie ließen mich von einem jungen Menschen, der mich hart anpackte, anziehen und in einem Tragstuhl in den Garten bringen. Sie quälen mich mit Fragen und untersuchen meinen Körper. Ich aber will schlafen. Sie sollen mich wieder zum Sirotin bringen, dem guten Sirotin, der den besten Schlaf von Paris verkauft, aber sie lassen mich nicht fort, und allein finde ich jetzt nicht hin. Wenn doch die alte Paulette wiederkäme und mich holte. Wie gerne gäbe ich ihr mein weißes, weiches Bett für einen Stuhl zu drei Sous bei Sirotin. Sie sehnt sich nach einem solchen Bett, aber mich flieht hier wieder der Schlaf, seitdem sie mich aufgeweckt haben, und es bleibt mir nichts anderes zu tun, als in diesen trostlosen Nächten mein seltsames Erlebnis aufzuzeichnen.

Da kommt mir ein Einfall: ich werde diese Blätter an Monsieur Sirotin, Schlafhändler in Paris, schicken, vielleicht holt er mich selbst mit seinen silbergrauen Söhnen und Enkeln.

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