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Ossip Schubin : Schneeglöckchen

Novelle

Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin, 1888

To

Mrs. Francis Herbert of Clytha.

Eine kleine Geschichte will ich euch erzählen von rührender Liebe und kindischer Eitelkeit, von tändelnder Koketterie und hingebender Selbstverleugnung – eine Geschichte aus der Zeit, in der die verwegensten Bacchantinnen gemessene Menuetts tanzen – und in der ein unschuldig Kind, die Schminke auf den Wangen und den Puder im Haar, stirbt – eine Geschichte aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Das achtzehnte Jahrhundert steht schon in den Greisenjahren, die malerische Perrücke ist Zopf und Haarbeutel gewichen – die tausend kleinen Rococoschnörkel machen Miene, sich aufzurollen, die goldene Überladung beginnt einer weißlackirten Schlichtheit Platz zu machen, Damen tragen Mousseline und buntbedruckten Kaliko – freilich nur ausnahmsweise –, denn die Einfachheit taucht bis jetzt erst vereinzelt und als Bizarrerie in der Gesellschaft auf, die französische Revolution, von Chesterfield prophezeit, von tausend scharfgespitzten Federn vorbereitet, schläft noch in des Schicksals Hand. Aber die Atmosphäre ist schwül, Gewitterwolken umdüstern den Horizont, der Genius der Freiheit regt seine Flügel, und die Blüthe französischer Feudalität bereitet sich vor, für die Menschenrechte, vorläufig für die amerikanischen, zu kämpfen. – Das königliche Prestige liegt in den letzten Zügen. In Versailles erschallt eine lustig verwegene Stimme: »Mon café, La France . . . .« – es ist die Stimme der Du Barry, die ihren königlichen Lakaien dressirt. Der Marquis Du Barry, der vornehmste Saloncyniker jener an seiner Gattung reichen Art, sehnt sich nach dem Tode seines Bruders Wilhelm, des Gatten der Favoritin, denn der Tod des Grafen Wilhelm würde diese chose très piquante ermöglichen – eine Vereinigung des Königthums mit der Gosse, eine Heirath zwischen Ludwig dem Vielgeliebten und Jeanne Bécus, Gräfin Du Barry – und die unschuldige Tochter Maria Theresia's, Frau des Dauphins, lebt verträglich neben der Königsgeliebten, in der man sie gelehrt hat, eine Institution der Monarchie zu respektiren.

Es ist eine Zeit, die an raffinirter Sittenverderbniß nur in der Glanzperiode römischer Kaiserverbrechen ihresgleichen findet, und wie in den Tagen Nero's, so ist auch hier zum Schluß der tragisch lächerlichen Scheinregierung des fünfzehnten Ludwig die Menschheit von Lastern gesättigt, müde sich in parfümirtem Koth zu wälzen, müde sich in überheizten Glashäusern Giftblumen zu ziehen. Von den Bergen der Schweiz herüber zittert ein herber Hauch, der die matten Herzen neu belebt, die heißen Augen weinen lehrt, und der, von einem sentimentalen Zephyr zum wilden Orkan anschwellend, das ganze ancien régime sammt seiner geistreichen Frivolität und anmuthigen Ritterlichkeit von der Erde hinwegfegen wird.

In Versailles liest man die »nouvelle Heloïse«, in Paris liest man den contrat social.

* * *

Der Graf Maxime von Sommeville war in Ungnade gefallen. Der Graf war ein junger Mann mit vornehmem Leichtsinn, welcher bis dahin in Versailles irgend ein unbedeutendes Hofamt ausgefüllt und eine sehr substantielle »Pension« bezogen – nebenbei an hübsche Damen seine Gefühle, an schmucke Kavaliere sein Geld verloren und schließlich in lustigem Übermuth ein Akrostichon auf den geduldigen »Wilhelm«, den viel ertragenden Gatten der Gräfin Du Barry, gemacht hatte. Des letzteren wegen war er in Ungnade gefallen und auf seine Güter verbannt worden.

Man glaubte, er werde nicht lange vom Hofe fern bleiben müssen, denn eigentlich hatte die Du Barry über die Verse gelacht und der König auch, und dann war die Du Barry im Grunde genommen ein gutes Närrchen und wäre sogar im Stande gewesen, Verse zu verzeihen, die sie selbst angingen und nicht ihren schattenhaften Strohmann von Gatten. Sie hatte ja nicht einmal Charakter genug, um jemand etwas nachzutragen, und selbst ihren Erbfeind Choiseul hatte sie nur auf Andringen seiner Widersacher und mit solcher Liebenswürdigkeit aus dem Ministerium hinausgeworfen, daß er bei seiner Abfahrt von Versailles die Fenster der Favoritin noch freundlich mit einem Kußhändchen gegrüßt.

Darum sagten Sommeville's Freunde und Freundinnen ihm alle beim Abschied: »Auf baldiges Wiedersehen!«

Aber der Graf Maxime tauchte nicht mehr bei Hofe auf, wenigstens nicht mehr zu Lebzeiten Ludwig des Fünfzehnten, zur Regierungszeit der Du Barry, und das hatte seinen guten Grund. –

Fern vom Hofe, an der weltvergessenen Küste der Normandie, hatte er auf der Falaise, wo das braune Wintergras im ersten Frühlingswinde bebte, ein Schneeglöckchen gefunden, so rein, so hold, allen eleganten Blaustrümpfen von Paris, allen gepuderten Bacchantinnen von Versailles so unähnlich, daß er bei dessen Anblick wie ein Schüler erröthet und ein großer Wunsch ihm gekommen war, das zarte Blümchen zu hegen und zu pflegen, vor verderblichem Sonnenbrand und kaltem Sturm zu schützen, auf daß es nur zu seiner Freude weiter blühe.

Und er hatte so lange an das zarte Blümchen gedacht und nicht Rast noch Ruhe gefunden, als bis er es gepflückt, und in dem heiligen Schrein seines Herzens geborgen.

Das Schneeglöckchen hieß Therese und war die Tochter seines Gutsnachbarn, des Herrn d'Ambert.

Und die Hochzeitsglocken schwirrten lustig, und die Bauernmädchen zogen weiße Kleider an und streuten dem jungen Paar Blumen vor die Füße, und das Meer grollte mit seiner großen Stimme Beifall.

Nicht so die Familie des Grafen. Die stöhnte und jammerte und konnte sich nicht trösten über seine alberne Übereilung, denn es war damals ebensowenig Sitte in Frankreich für junge Herren mit schönem Namen und angenehmem Äußeren, aus Liebe zu heirathen, wie heutzutage. – Maxime war arm, Therese noch ärmer und obendrein nur von der seconde noblesse, – warum, wenn er schon eine Mißheirath machen wollte, so schrie die Familie, hatte er nicht lieber ein reiches Mädchen aus der Finanz gewählt, Bankiers- und Fabrikantentöchter waren immer bereit, ein paar Millionen für einen Grafen Sommeville zu zahlen, und Geldheirathen wurden als ein verzeihliches Übel, eine schmerzliche Nothwendigkeit, schon vor Proclamation der unsterblichen Principien von 89, in den besten Kreisen Frankreichs geduldet. Die Franzosen zeigten, wenn es sich um die Neuvergoldung eines schäbig gewordenen Wappenschildes handelte, schon damals keine Spur von Standesprüderie; dafür hatten sie ein um so größeres Vorurtheil gegen Liebesheirathen – solche verletzten ihr Anstandsgefühl, kamen ihnen unpassend, ja geradezu unmoralisch vor.

Meint ihr, daß sich der Graf – er war natürlich elternlos – viel um das Geächze und Gekrächze seiner liebenswürdigen Familie bekümmerte? Nein, er bekümmerte sich nicht im geringsten darum, kümmerte sich auf der ganzen Welt um nichts, als um Perce-neige, Schneeglöckchen, denn so und nicht anders nannte er seine kleine Frau.

Wie er sie verwöhnte und verhätschelte, wie viele Gedichte er ihr vorlas und Sonette um ihretwillen verbrach, wie hübsch er ihr ihr Nest baute, mit wie vielen tausend kleinen, aus der Hauptstadt für sie verschriebenen Luxusgegenständen er sie überraschte, Boule-Etagèren, Sèvrevasen, Tassen mit Arabesken in jenem zarten Rosa, das die Sèvrefabrik mit höfischer Courtoisie erst »rose Pompadour«, jetzt nach der letzten Favoritin »rose Du Barry« benannt, hübschen kleinen Vermeilgegenständen mit Amoretten und Guirlanden verziert aus der Künstlerhand Roettières und Bronzen von Gouthière, Möbel in üppig vergoldeten Goldgestellen, schönen Toiletten u. s. w., und dabei wurde er immer ärmer und ärmer und merkte es nicht einmal. Zu was wäre er denn ein Cavalier gewesen, wenn er hätte rechnen sollen! Und Sommer und Winter verlebte er selig tändelnd in seinem einsamen Schloß, das so groß war wie ein Kloster und dessen hundert Zimmer bis auf die Suite der Gräfin komfortloser und dessen Corridore schmutziger und bei heranbrechender Nacht finsterer waren, als die einer modernen Kaserne.

Wie konnte er, der raffinirte, an den geistfunkelnden Umgang der Pariser Salons, an den königlichen Luxus von Versailles gewöhnte Hofmann, es denn aushalten in seinem Exil und sich nach Ablauf der Flitterwochen nicht krank langweilen mit seiner einfältigen kleinen Frau? So fragten sich die Freunde und Freundinnen des Grafen in Paris und Versailles – besonders die Freundinnen, darunter am häufigsten die schöne Yolande de Mircourt, von der die Rede ging, Maxime habe sie ehedem geliebt und sei von ihr verschmäht worden.

Und an einem hellen Herbsttage sprengte in den Schloßhof von Sommeville eine glänzende Cavalcade, an ihrer Spitze stolz und wunderschön in einem faltigen olivgrünen Tuchkleide und kleidsamen Federhut – damals trugen Damen noch faltige Reitkleider und malerische Federhüte, wie heutzutage Cirkusamazonen – Yolande. Sie belustigte sich mit einigen Bekannten in einem Schloß der Gegend und hatte Sommeville aufgesucht – aus alter Freundschaft!? Nein, nicht aus Freundschaft – aus Neugier, kleinlicher boshafter Neugier.

Mit wie ausgezeichneter Höflichkeit Maxime sie empfing, welch' köstliche Schmeicheleien er ihr, den Hut in der Hand, das Lächeln auf den Lippen, vorbrachte, wie oft er ihr versicherte, sein armes Schloß stehe ganz zu ihrer Verfügung, braucht wohl nicht gesagt zu werden. Yolande begegnete allen seinen freundlich ehrfurchtsvollen Versicherungen mit recht verwegenem Übermuth; sie lachte ihm ins Gesicht und erklärte ihm, sie freue sich über seine robuste Gesundheit, er habe schon genau die Tournüre eines »hobereau normand« und würde bald dick wie ein Landpfarrer sein, und nannte ihn »mein lieber Diokletian.«

Er aber verbeugte sich zu diesen treffenden Scherzen, und der ganze Troß von Yolande's glänzenden Begleitern lachte.

Perce-neige lachte nicht, sie hatte die Augen voll Thränen. Sie ärgerte sich über die Ungezogenheiten Yolande's und über die demüthige Art, in der ihr Gatte dieselben hinnahm, und sie begriff nicht, warum er, der sonst, wenn er auch nicht mit ihr sprach, doch immer durch einen liebkosenden Blick, durch eine kleine, stumme Aufmerksamkeit bewies, daß sie ihm im Sinne liege, heute gar so fremd und gleichgültig gegen sie that.

Arme kleine Haideblume! sie wußte es ja nicht, daß der gute Ton es Eheleuten vorschreibt, sich vor der Welt zu benehmen, als gehörten sie nicht zu einander.

Und wie einer der Cavaliere, sich an ihrer Verwirrung und scheinbaren Einfalt ergötzend, mit zudringlichen Schmeichelreden an sie herantrat, da wurde sie dunkelroth vor Zorn und Schrecken, schlüpfte ängstlich an Maxime heran, stahl ihre kleine Hand in seinen Arm und heftete ihre großen eingeschüchterten Augen auf sein Gesicht. Es war so ihre Gewohnheit gewesen, zu ihm zu flüchten anläßlich jeder kleinen Verlegenheit oder Angst, und bis dahin hatte ihm ihr zärtliches Vertrauen stets gar wohl gefallen, heute jedoch erröthete er bis unter die Augen.

Armer Maxime! Eigentlich war es heroisch von ihm, daß er sich seiner Frau nicht geradezu schämte, – nein, er schämte sich nicht, er fühlte eigentlich die allergrößte Lust, ihre kleine zitternde Hand an seine Lippen zu ziehen. Wenn er es gethan, so hätte ich Euch wahrscheinlich gar nichts zu erzählen, und der Graf und die Gräfin von Sommeville hätten beide lange genug gelebt, um von der Revolution geköpft zu werden oder auszuwandern und im Auslande jedes in seiner Art, durch Tanzstunden und Spitzenklöppelei, sich ihr Brot zu verdienen – ja um an dem Hofe Napoleon's eine Rolle zu spielen und es unter Ludwig XVIII. zu bereuen.

Aber der Graf küßte die Hand seiner Frau nicht, das konnte er wahrlich nicht! Er merkte, wie die umstehenden Herren – in solchen Fällen immer höflicher als Frauen – hinter besonders steifem Ernst ein Lächeln verbargen, wie die Damen mit ironischer Heiterkeit Therese geradezu durch ihre emaillirten Gold-Lorgnetten anstarrten. Da beugte sich Maxime zu seiner Frau nieder, als habe sie ihn um eine Auskunft gefragt; »ja, mon amie,« sagte er, »die Damen werden uns die Ehre anthun, etwas zu sich zu nehmen« – dabei ließ er ihren Arm los und trat von ihr zurück. Er meinte damit ihre Übereilung zu maskiren.

Sommeville's Hausstand war nicht glänzend; sein ganzes Schloß eigentlich nur für zwei Personen möblirt und eingerichtet. Den größten Theil seines ererbten schweren Silbergeräthes hatte er verkaufen lassen, um seine Schulden zu bezahlen und geschmackvolles Spielzeug für sein Schneeglöckchen anzuschaffen.

So war denn das Speiseservice nur Faïence von Rouen, dessen grünliches Colorit damals noch gar nicht geschätzt wurde und dessen bizarre Schnörkel dem durch die verkünstelte Regelmäßigkeit und geleckte Glätte des Sèvre-Porzellans verwöhnten, vielleicht verbildeten Hofgeschmack, geradezu bäuerisch erschienen. Die strengen Holzschnitzereien stammten noch aus der tugendhaften Zeit Ludwigs XIII. und sahen mit ihrem steifen Ernst beinahe strafend dem leichtfertigen Rococogesindel entgegen. Der cordon bleu auf Schloß Sommeville war eine plumpe Normannin in Holzschuhen, die sich nur in Verfertigung von Fruchttorten auszeichnete, die Lakaien waren ungehobelte Landbursche – – – mit einem Wort, das Diner, welches Graf Maxime seinen Gästen bot, hatte einen recht linkischen Anstrich und Therese eine so ländlich herzliche Art, ihre Gäste zum Essen zu nöthigen. Armer Maxime.

Die schöne Yolande aß nichts und lobte Alles übermäßig, wie sich ein Großstädter in der Provinz zu loben erlaubt. Sie brachte sogar einen Toast aus auf die reizende Chatelaine, und als sie dem Grafen Sommeville beim Abschied zum Kuß die Hand bot, rief sie: »Adieu, Dioclétien tourtereau!«

Er hätte den Herrschaften gern das Geleite gegeben, doch war sein einziges Reitpferd lahm. So mußte er denn vom Perron seines Schlosses zusehen, wie die glänzende Cavalcade, einen Sturm von braunen Blättern aufwirbelnd, durch die herbstlich gelichteten Alleen seines verwilderten Parks dem goldenen Dunst des Abendroths zugaloppirte.

Er wußte es selbst nicht, daß er seufzte, als er sich nach seiner Frau umwandte, die blaß und schüchtern etwas hinter ihm zurückstand. Den Abend war er noch liebevoller mit ihr als gewöhnlich, doch merkte es Perce-neige wohl, daß sich hinter diesen ungestümen Zärtlichkeiten eine große Aufregung verberge.

Den nächsten Tag war er unruhig, blieb länger auf der Jagd als gewöhnlich und kam müde nach Hause; fast schien es, als habe er sich vorsätzlich abhetzen wollen, und in der Dämmerung stand er träumend am Perron und blinzelte durch die Allee, wo Yolande verschwunden war, in das verbleichende Abendroth hinein.

Und Perce-neige wurde sehr, sehr traurig!

Am dritten Tage nun, nach dem Diner – man dinirte damals in Frankreich selbst bei Hof in der Mitte des Tages –, während Maxime mit der Flinte in der Hand über die Falaise strich, um ein paar Rebhühner zu schießen, schlüpfte auch Perce-neige aus dem Schloß, ganz allein, nicht einmal von ihrer Kammerfrau oder einem Diener begleitet. Sie hatte Etwas im Sinne, ob dessen sich ihr kleiner Kopf eigentlich schämte, das sie jedoch ihrem Herzen abzuschlagen nicht den Muth finden konnte.

Mitten im Wald war ein Muttergottesbildniß gerade an der Stelle aufgerichtet worden, wo sich dereinst ein unglücklich liebendes Paar umgebracht. Zu diesem Bildniß flüchteten alle Bauernmädchen der Umgegend, wenn ihnen irgend ein Liebeskummer das Herz bedrückte, und flehten um den Schutz der Himmelskönigin und weihten ihr ein Votivgeschenk.

Zu dieser Wunderthäterin drängte es Perce-neige. Es hatte am Vormittag geregnet, die Blätter waren naß, die Wassertropfen raschelten noch hie und da durch das kranke Herbstlaub und glitten an dem Epheu herab, der sich schwärzlichgrün um die mächtigen Stämme der Eichen schmiegte. Große Nebelfetzen glitten gespenstisch zwischen den Stämmen dahin, – an manchen Stellen glänzte das Moos in einem schrägen Herbstsonnenstrahl smaragdgrün auf, in verschwommenen Regenbogenfarben schillernd flatterten lange feuchte Spinnen-Netze und -Fäden von Zweig zu Zweig, wie die Fäden einer zerrissenen Illusion oder eines zerrissenen Brautschleiers.

Es war weit bis zu der Mutter Gottes, und die zarten Füßchen der Gräfin waren es nicht gewohnt, so lange Wege zu gehen; endlich erreichten sie, wenn auch recht müde, ihr Ziel.

Da, in einer grellblau getünchten Nische, hinter einem seltsam verschnörkelten Eisengitter, stand die heilige Maria in einem steifen Brocatmantel, mit einem hölzern lächelnden, glänzend rosa angestrichenen Gesicht unter einem goldenen Krönchen.

Viele ganz oder halb vertrocknete Blumensträuße zeugten, in das Gitter hineingesteckt, von der großen Popularität der Madonna. Perce-neige beugte recht demüthig vor ihr die Kniee und betete sich ihren großen Kummer vom Herzen. Gar inniglich bat sie die Mutter Gottes, ihr die Treue des Gatten zu bewahren, und nicht nur darum – sondern auch ihr seine Liebe zurück zu schenken.

Als sie nach ihrer inbrünstigen Andacht emporsah, bemerkte sie tausend kleine Sächelchen, die um Maria herum hingen oder ihr zu Füßen lagen, meist wächserne oder silberne Herzen, Geschenke frommer und verliebter Bittstellerinnen, und Schneeglöckchen erschrak gar sehr darob, daß sie es vergessen, der Heiligen eine Aufmerksamkeit mitzubringen, denn sie fürchtete, daß ihr diese deshalb zürnen und ihr Gebet nicht erfüllen werde. Sie suchte, ob sie nicht zufällig eine Kostbarkeit an sich habe, doch sie hatte nichts als ihren Ehering, und von diesem wollte sie sich nicht trennen. Während sie sich so in ihrer ängstlichen Verlegenheit unruhig umsah, erblickte sie ein verspätetes wildes Röslein, in dessen Kelch ein großer Thautropfen zitterte. Sie brach es ab mit unendlicher Behutsamkeit, daß der Thautropfen nicht herausfallen möge, und legte es leise hinter das Gitter, auf den Saum von Marias brocatnem Gewand, – hierauf trat sie den Heimweg an.

Ein leiser Wind durchwimmerte jetzt den Wald, und große Tropfen fielen ihr ins Gesicht; anfangs dachte sie, dieselben fielen nur von den leicht bewegten Blättern, doch klatschten sie dichter und immer dichter hernieder, und aus dem wimmernden Wind wurde ein heuleuder Sturm, der der armen kleinen Gräfin zugleich mit den eisig kalten Regentropfen die trockenen Blätter ins Gesicht trieb.

Es war beinahe finster geworden, sie verlor die Richtung, und es fror ihr empfindlich in ihrer kleinen seidenen Mantille. Die Steine, denen sie nicht mehr ausweichen konnte, zerschnitten ihre dünnen Hackenschuhe. Verwirrt und müde, mit blutenden Füßchen und zerrissenen Kleidern sank sie unter einer patriarchalischen Eiche nieder und weinte bitterlich und fürchtete sich, wie ein rechtes Kind, das sie war, fürchtete sich so schrecklich, daß sie darüber sogar ihre Eifersucht vergaß. Zitternd und durchnäßt kauerte sie sich zusammen, murmelte schon ihr kleines Gebet und bereitete sich zum Sterben.

Da hörte sie das Geräusch eines Thieres, das durch das Dickicht bricht – zwei glühende Augen stierten ihr entgegen – der Wolf! o Gott, nun war sie verloren . . .

»Maxime!« schrie sie unwillkürlich in ihrer großen Seelenangst, »Maxime!« und dann raffte sie sich auf und floh.

Doch müde und wund wie sie war, hatte das Thier sie mit zwei Sätzen erreicht und umgerissen; nun aber that es ihr kein Leid, sondern stieß ein freudiges Gebell aus und begnügte sich, sie am Kleide festzuhalten. Es war Médine, die große Hündin Maxime's – zugleich sprang ein Mann zwischen den Büschen hervor.

»Maxime!«

»Perce-neige! Gott sei Lob und Dank!« Der Graf nahm sie in die Arme. »Ich suche Dich schon seit einer Stunde wie toll, – wie konntest Du mir denn solche Angst bereiten, Du sollst nicht so weit allein gehen, . . . wo warst Du nur?«

»Ich war bei der Mutter Gottes, Max«, murmelte sie kleinlaut.

Er verstand sie augenblicklich. »Mein armes Schneeglöckchen!« flüsterte er beschämt.

Sie aber schmiegte sich an ihn, »und . . . und«, schluchzte sie, »glaubst Du, daß sie mein Gebet erhört hat?«

Was er darauf antwortete, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß, da sie ihre wunden Füße nicht tragen wollten, er sie wie ein Kind emporhob, den Mantel um sie schlug und ihre durchnäßte, zitternde Gestalt an seiner Brust zu erwärmen trachtete. So schritt er möglichst rasch dem Schlosse zu. Doch weiß wohl jeder, wie sehr eine solche Bürde den stärksten und geschicktesten Mann am Gehen hindert. Der Heimweg dauerte eine volle Stunde, die sie in holden Träumen, er aber in quälenden Sorgen verbrachte.

* * *

Nicht umsonst hatte sich Maxime geängstigt. Seine arme Frau wurde sehr, sehr krank. Mit unermüdlicher Zärtlichkeit wachte er neben ihr Tag und Nacht, bis sie endlich eines Morgens, blaß wie eine Leiche, schwach wie ein zweijähriges Kind, auf seinen Arm gestützt, von ihrem Lager bis zu dem Kamin schleichen konnte, wo sie in einen großen Fauteuil sank.

Das Erste, worum sie ihn bat, als er sich mit teilnehmender Zärtlichkeit über sie beugte, war – ein Handspiegel.

Erstaunt reichte er ihr denselben; die Eitelkeit hatte sonst nie zu ihren hübschen kleinen Schwächen gehört. Sie betrachtete sich lange und strich sich die schweren, ihrer Reconvalescenz wegen ungepuderten blonden Haare von den Schläfen. Ihre großen blauen Augen glühten, und ein leichtes Roth flackerte in ihren Wangen auf. »Max,« lispelte sie, »glaubt Ihr, daß ich mir auch le grand air aneignen könnte, wenn ich bei Hofe lebte?«

»O, Gott bewahre Dich davor, daß Du Dir je le grand air oder la grande insolence aneignest, mein Schneeglöckchen, und Gott bewahre, daß Du je bei Hofe leben solltest,« sagte er ernst.

»Meint Ihr,« erwiderte sie träumerisch – dann nach einer kleinen Weile, »aber sie hat Euch doch gefallen . . .«

»Wer?« fragte er ganz in den Anblick seiner kranken Frau vertieft, zerstreut, – es hatten ihm ja seiner Zeit so Viele gefallen.

»Nun die Dame, die herkam, ehe ich krank wurde,« ruft Schneeglöckchen jetzt ganz heiter lachend. – »Mein Liebling, Du bist nicht recht klug,« erwiderte er und küßte ihre Hände.

Er sagte zu ihr »Du,« wenn sie sich ganz allein befanden, das war eine hübsche zärtliche Unart, die Jean Jaques in die Mode gebracht.

Sie ließ ihre Hände in den seinen; der röthliche Widerschein des Kaminfeuers flackerte über ihr weißes Kleid und ihre weiße Wange; sie hatte die Augen geschlossen und sah wie eine Todte aus oder wie ein schlafender Engel. Plötzlich schlug sie die Augen wieder auf. »Ich möchte doch gern den Hof sehen,« flüsterte sie. – – –

Man hatte Maxime gesagt, die Gräfin würde wohler werden im Frühling, aber der Frühling kam, sie hatte noch immer heiße Hände, heiße Lippen, einen kurzen Athem und eine unruhige Art, von Zeit zu Zeit die Hand auf ihr Herz zu legen; und der alte Arzt von Rouen machte ein sehr langes Gesicht und sagte: »Die Frau Gräfin müsse sehr geschont werden, sehr geschont, jede Aufregung müsse man von ihr ferne halten, denn ihr Herz sei angegriffen.«

Sie war nicht mehr wie sonst seit ihrer Krankheit; zwar war sie noch schöner, noch anmuthiger, noch zärtlicher, aber sie hatte ihre ruhige Kindlichkeit verloren. Beständig müde, beständig rastlos, sehnte sie sich von Ort zu Ort, zeigte außerdem eine ganz neue Freude an schönen Kleidern, schmückte sich mit ausgesuchter Sorgfalt und etwas phantastischem, aber sehr reizendem Geschmack. Sie putzte sich freilich nur für Maxime, lebte nur, um ihm zu gefallen. Er aber schüttelte dennoch traurig den Kopf zu ihrer Veränderung.

Der Staub der Weltlichkeit war auf sein Schneeglöckchen gefallen.

* * *

Damals war die Liebe nicht mehr eine Religion, wie in den Zeiten der Ritter und Minnesänger, sie war keine elegante Zerstreuung, wie zu Zeiten Ludwig's XIV., sie war kein brutaler Rausch, keine wilde Betäubung wie zu Zeiten des Regenten und des nunmehr verstorbenen Lakaien der Du Barry, damals war die Liebe eine Kunst, die Rousseau gelehrt, ohne sie zu können.

Das Herz war ein Instrument, an dem man beständig herumtastete und herumquälte, um alle Gefühle daraus hervor zu irritiren, deren es überhaupt fähig war. Man schraubte sich abwechselnd zu tollen Ängsten grundloser Eifersucht, drückender Zerknirschung, rasender Leidenschaft, hinsterbender Zärtlichkeit, wildester Begier, fanatischer Entsagung hinauf und klügelte die süß-peinlichsten Gefühls-Dissonanzen heraus. Die Empfindsamkeit wurde unter diesen Umständen eine Virtuosität, ein modisches Salontalent, wie das Flötenspiel – man liebte mit Geschmack.

Daß Maxime von Sommeville ganz von den Einflüssen seiner Zeit frei gewesen wäre, will ich nicht behaupten: gewiß hatte seine Neigung zu Perce-neige jenes überspannt Schwärmerische, das damals in der Luft schwebte; aber wenn auch seine Liebe eine Kunst war, so war sie eine, die er ganz wie ein gottbegnadigtes Genie instinctiv ausübte.

Von aller affectirten Herzensstutzerei blieb er frei. Er hatte es nicht nöthig, das complicirte Räderwerk seines Herzens erst mit einem Schlüssel aufzuziehen – es ging von selbst.

Er liebte, wie man lieben soll, einfach, selbstlos und tief. Er wußte, daß seine Frau im Sterben war, und er litt unsäglich, mit einem Lächeln um die Augen und einem Hoffnungswort auf den Lippen, und verbarg seinen Schmerz dort, wo er ihm am wehesten that, in seinem Herzen.

Mittlerweile waren zwei seiner Verwandten nach Schloß Sommeville gekommen, eine alte Cousine aus Caën, die sehr fromm war und immer den Rosenkranz in der Tasche ihres bis an den Hals geschlossenen carmeliterbraunen Kleides trug, dazu ein Kreuz auf der Brust und einen bis in die Stirn hinabhängenden schwarzen Kopfputz, und weiter eine alte Tante des Grafen, die Marquise von Mirebelle, die ehemals eine große Schönheit gewesen war am Hofe Ludwig's XV.

* * *

Aber der Hof von Ludwig XV. mit seinen verwegenen Favoritinnen, seinen traurigen Königstöchtern und seinem freudlosen König ist von der Bildfläche verschwunden. Ludwig XV. ist an den Blattern gestorben, welche häßliche Krankheit auch die Schönheit Yolande's verdorben und deren gedemüthigten Stolz aus der Welt in ein Kloster vertrieben hat.

Schon seit anderthalb Jahren hat Frankreich einen neuen König, der eine große Leidenschaft zur Schlosserei und Maurerei, und die schwerfälligste Unbeholfenheit, sowie den gewissenhaftesten guten Willen zu allen Regierungsgeschäften an den Tag legt, eine Königin, die einfache Mousselinkleider trägt, zu Esel reitet, mit ihren Hofdamen Freundschaften schließt, und mit dem König, eigentlich auf Befehl Seiner Majestät ihres kaiserlichen Bruders Joseph kokettirt, – eine Königin, die reizender als eine Favoritin, von ihrem Gatten beinahe wie eine Favoritin geliebt und von ihrem Volke bedeutend mehr gehaßt werden wird.

Die Du Barry, nun selber in Ungnade des neuen Königs gefallen, hat längere Zeit hindurch in der Einsamkeit eines Bernhardinerklosters vegetirt und sich damit beschäftigt, den frommen Nonnen mit ihrer liebenswürdigen Sünder-Grazie die unschuldigen Köpfe zu verdrehen, ja auf diese Kunst mehr Sorgfalt verwandt, als je darauf, den blasirten Sinn von »La France« zu berücken; nun ist sie durch die Verwendung guter Freunde, die bei Hof ein Wort für sie einlegten, wieder in ihren üppigen Luxus von Louveciennes zurückgekehrt. Gute Freunde, die für Abwesende betteln, spielen eine große Rolle an diesem neuen, unerfahrenen Hof, und, wenn sie die im Kloster lebendig begrabene Du Barry exhumiren und nach Louveciennes senden, so exhumiren sie auch lebendig begrabene Cavaliere aus ihren Schlössern und ziehen sie an den Hof. Sie verwenden sich für den Grafen Maxime Sommeville, er erhält einen Wink, daß seine Huldigungen von dem jungen Königspaare gnädig entgegengenommen werden würden.

Ein solcher Wink ist ein Befehl, der Maxime recht ungelegen kommt, dem er sich mit schwerem Herzen unterordnet, denn Perce-neige ist in letzter Zeit immer schwächer und schwächer geworden; in seinen Armen hat er sie hinuntertragen müssen, wenn er sie bei besonders warmem Wetter ein halbes Stündchen lang im Sonnenschein ausführen wollte.

Schon im Wegfahren läßt er die schwerfällige Reisekalesche noch einmal halten, um in das Schloß zurückzustürzen und seiner Tante und Cousine es ein letztes Mal aufs Herz zu binden, seine arme kleine Frau gut zu pflegen. Dann eilt er auch noch in das Zimmer der Gräfin.

Zwei Minuten später stürmt er die Treppe hinab, eine Thräne im Auge, ein zerknittertes blaues Band in der Hand! Der Anzug, in dem er heute fortreist, ist bedeutend nachlässiger als der, in welchem er vor drei Jahren nach mehrtägiger Fahrt in Sommeville ankam. Sein grüner Sammetrock fängt an schäbig zu werden, – dem Grafen fehlt die Geduld, still zu halten, wenn ihm der Kammerdiener das Jabot zurecht zupfen will, seine Sorgen lassen ihm keine Muße, daran zu denken, wie ihm der Rock sitzt. –

Nun ist Maxime bald drei Wochen vom Hause fort; Schneeglöckchen hat die Zeit in ihrem Zimmer zugebracht; es war ja Niemand da, der sie behutsam eingehüllt über die zugigen Gänge in den Salon oder den Speisesaal getragen hätte.

O, wie ihr nach ihm bangt, wie sie an ihn denkt, wie sie sich auf ihn freut, . . . auf ihn, – und kindische kleine Person, die sie ist – auch auf das Collier aus Diamanten, das er ihr versprochen.

Sie hat noch nie etwas Schöneres um den Hals getragen als das Kreuzchen, welches ihr die Mutter am Tag ihrer ersten Communion umgehängt; ein Diamantcollier zu besitzen, war in den letzten Monaten ihre fixe Idee. Noch beim Abschied hat sie Maxime zugerufen: »Vergiß mein Collier nicht,« sie hat ihm nach Versailles geschrieben: »Vergiß mein Collier nicht, mir ist zum Sterben bange ohne Dich, komme bald« . . . so viel, und nicht um ein Wort mehr hat sie die Kraft gefunden einer langen Epistel der Marquise von Mirebelle beizufügen.

Mit welchen Gefühlen er ihre armen schwankenden Buchstaben las, wissen wir nicht, wir wissen nur, daß er ihr einen langen, langen unorthographischen Brief aus großen Quartblättern antwortete, so einen Brief, wie man sie damals noch schrieb, als der Postverkehr schwierig und der moderne Telegrammstil, Gott sei Dank, noch nicht erfunden war, und dieses Schriftstück sandte er ihr durch einen Vetter, den Chevalier de Mirebelle, Neffen der Marquise, dessen schwindsüchtige Börse der Landluft bedurfte, und der ein gar vornehmer Stutzer, ganz erfüllt von den modischen Pariser Scandal-Neuigkeiten, einen betäubenden Moschusgeruch ausströmend und beständig herablassend lächelnd, von einem Kammerdiener gefolgt, in dem verschollenen Schloß auftauchte.

Die Gräfin empfing ihn in ihrem Schlafzimmer, wie es die Sitte ihrer und einer noch viel späteren Zeit erlaubte, sie stellte ihm tausend Fragen, wollte wissen, ob der König denn recht gnädig gegen Maxime gewesen, und auch die Königin, und wie sich die Königin kleide und auch Madame Elisabeth.

Er nahm sich alle Mühe, galant, ja höflich zu sein, aber seine geistreichthuerische, von kalter Weltironie durchsäuselte Conversation ermüdete und verletzte sie. Ach, Maxime hatte sie so sehr verwöhnt, seitdem er fort war, mochte sie eigentlich Niemand anders um sich haben als ihre alte Amme, welche die Stelle einer Kammerfrau bei ihr vertrat, und die sie jede halbe Stunde seufzend fragte: »Kommt Maxime noch nicht?«

Sie wurde schwächer von Tag zu Tag, und der Chevalier, den Maxime beschworen hatte, ihm genauen Bericht über der Kranken Befinden nach Versailles zukommen zu lassen, sandte sehr traurige Nachrichten dahin ab, denn Perce-neige, noch immer lächelnd, mit glänzenden Augen und rothen Lippen, lag im Sterben.

* * *

Es ist der Tag des Weihnachtsabends. Madame de Mirebelle sitzt mit ihrem Neffen in dem warmen Salon, der beinahe nicht möblirt, aber um so schöner parkettirt und mit prachtvollen Tapisserien behängt ist, auf denen rosa Nymphen in bläulich-grünen Landschaften spazieren gehen.

Die Marquise beugt sich über einen Stickrahmen, auf dem sie eine für ihren Cousin bestimmte weiße Atlasweste mit schönen rosa und rothen Nelken und Silberzweigen verziert. Die Marquise war ihrer Zeit, d. h. in ihrer Jugend, nicht nur eine große Schönheit, wie schon erwähnt, sondern auch eine gelehrte Philosophin und begeisterte Anhängerin Voltaire's, Freundin der Marschallinnen von Mirepois und Luxembourg und immer auf dem besten Fuß mit der Marquise von Pompadour und der Gräfin Du Barry, welch' letztere sie auch später noch in Louveciennes besuchte. Eine leidenschaftliche Kartenspielerin, verlor sie immer, obschon sie manchmal zu kleinen Hülfsmitteln griff, um das Glück zu zwingen, was damals erlaubt, ja Mode war, – besonders bei Damen.

Nachdem sie mit ihrem Vermögen fertig geworden, in Paris oder Versailles nicht länger mehr leben konnte, reiste sie nun mit ihrer Kammerjungfer, ihrem Pudel und ihren Prätensionen in der Provinz von Vetter zu Base, rechnete ihren armen Verwandten die Ehre ihres Besuches gar hoch an, verdrehte den Basen den Kopf, indem sie ihnen ehrgeizige Unzufriedenheit einimpfte, und machte den Vettern das Leben sauer, indem sie unaufhörlich klagende Bemerkungen über die Unhöflichkeiten vernehmen ließ, die sich deren Jagdhunde gegen ihren Pudel erlaubten, und recht boshafte Anekdoten über den vernachlässigten Anzug und die verbauerten Manieren eines andern kürzlich von ihr heimgesuchten Vetters erzählte, dessen Beschreibung dem jeweiligen Hausherrn genau auf den Leib paßte.

In Sommeville hatte sich die Marquise nun schon seit dem October einquartiert, aber weder mit ihren Hetzereien noch mit ihren Anekdoten dasselbe Resultat erzielt, wie anderswo.

Denn wenn sie Schneeglöckchen damit in den Ohren lag, sie möge ihren Mann bewegen, diese verwünschte Baracke zu verlassen und wieder an den Hof zu kommen trachten, da antwortete Perce-neige: »Er wird mich zu Hof führen, sobald es ihm gut dünkt.«

Und wenn die Marquise bei dem Diner erzählte, daß ihr Cousin A. sein Brot schneide, der Cousin Z. sich bei Tisch die Haare kämme, so erwiderte ihr Maxime, der diese kurzweiligen Geschichten unmöglich auf sich beziehen konnte, achselzuckend: »Madame, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß meine Frau solche Gespräche nicht liebt,« worauf sie in Sommeville ihre Anekdoten ruhen ließ.

Unweit der stickenden Marquise saß der Chevalier und beschäftigte sich damit, für seine Tante das Wappen derer von La Tremouille auf einen sehr feinen Stramin zu zeichnen. Die Marquise war einem La Tremouille ein Geschenk schuldig.

»Und was ist denn jetzt in Paris Mode?« seufzte die schon seit längerer Zeit von Paris entfernt »vegetirende« Marquise.

»Eheliche Liebe und die Menschenrechte,« sagte der Chevalier; »mehrere unserer Bekannten, unter andern der junge Lafayette, sollen sich schon zur Reise nach Amerika vorbereiten, um für Menschenrechte zu kämpfen.«

»Ich konnte den Lafayette nie leiden,« bemerkte die Marquise, »ein aufgeblasener Mensch von schlechtem Ton und zweifelhaften Manieren. Sagen Sie mir, wie hat es der zu Stande gebracht, eine Noailles zu heirathen, . . . sie hat sich weggeworfen. Pour moi ce mariage ne s'explique pas –«

»Vielleicht waren die jungen Herrschaften ineinander verliebt,« sagte der Chevalier mit unbeschreiblicher Ironie, »heute heirathen die bestgeborenen jungen Leute aus Liebe, wie die Küchenjungen.«

»Chut,« warnte die Marquise und blickte ihn vielsagend an.

»Armer Sommeville!« sagt mit boshaftem Mitleid der Chevalier, »es ist geradezu wunderbar, wie die Gesellschaft unter den vereinten Einflüssen von Rousseau und Amerika verwildert!« Der Chevalier nahm nachdenklich eine Prise Tabak aus einer ganz kleinen emaillirten Dose. »Madame de Taigne duzt ihren Mann, und Madame de Coissac nährt ihren Sohn selbst!!«

»Unmöglich!« sagte die Marquise nachdenklich, »nun, und weiß man noch nicht, ob unser armer, theurer Voltaire von diesem tugendhaften Königspaar empfangen werden wird oder nicht?«

»Man glaubt nicht; à propos, ma tante, kennen Sie Voltaire's neueste Schrulle?«

»Nicht, daß ich wüßte –«

»Er bettelt um ein Marquisat pour le consoler des chicaneries de Rousseau! Eine amüsante Geschichte, nicht wahr, und das Amüsanteste dabei war das Gesicht von Noailles, Sie wissen, des Schwagers von Lafayette, als man die Geschichte vor ihm erzählte. Er sah aus wie eine Marmorbüste und erklärte, die Anekdote flöße ihm nicht den geringsten Glauben ein, Voltaire sei über derlei Kleinigkeiten erhaben.« –

»So, so,« spöttelte die Marquise, »Voltaire ist feinfühlend genug, um die Entbehrung dieser Kleinigkeiten sehr tief zu empfinden . . . das ist meine Ansicht. Nun, und was macht man sonst in Paris? – Gibt es keine neuen Erscheinungen dort, haben Sie nichts über diese Madame Sacker oder Nacker . . . wie heißt sie nur . . . gehört? Sie soll Madame Geoffrin Concurrenz machen.«

»Ah, Sie meinen wohl Madame Necker, die kleine Schweizerin. Ich habe sie neulich in der Oper gesehen, sie ist recht hübsch, aber unerhört geschmacklos, sie hatte ein rothes Kleid an und war decolletirt, hm . . . wie ein Porträt. Sie empfängt alle Donnerstag und Sonnabend . . . nein alle Mittwoch und Freitag, ich weiß es wirklich nicht, ja, ja, man spricht viel von ihr.«

– »Sie soll ihrer Zeit Kindermädchen gewesen sein,« bemerkte die Marquise.

– »N . . . ein, Gouvernante oder so Etwas, mit Gibbon verlobt. Sie wissen, dem fetten Engländer, Sie müssen sich seiner erinnern, ma tante, er kam öfters zu Madame du Deffant . . . ah, wie es scheint, hat er sie sitzen lassen, sans crier gare, obschon sie ihn durch die rührendsten Briefe zur Treue ermahnte.«

Da stürzt die Cousine aus Caën herein. Ihr Gesicht hat die Farbe einer trockenen Blume, ihr Kleid die Farbe eines trocknen Blattes; sie ringt jammernd die Hände.

»Was gibt es?« fragt die Marquise phlegmatisch, »hat Therese wieder einen Anfall?«

»Einen ungemein heftigen,« sagt die Frömmlerin.

»Ohne Anlaß? . . ohne besondere Aufregung?« inquirirt listig der Chevalier.

Die Frömmlerin schweigt.

»O! Sie haben der Kleinen gewiß von ihrem Seelenheil gesprochen!« ruft ungeduldig die Marquise.

»Ich habe meine Pflicht gethan,« entgegnete die Cousine aus Caën streng, »Doctor Verdicean sagte mir gestern, der Tod der Gräfin könne jeden Augenblick eintreten, soll sie denn unvorbereitet hinübergehen? In der zartesten Art habe ich meine Base darauf aufmerksam gemacht, in welcher Gefahr ihre Seele schwebt, und sogar hinzugefügt, daß es einen Menschen nicht tödte, sich mit den Sterbesacramenten versehen zu lassen, ebensowenig, als es ihn tödte, sein Testament zu schreiben; ich versicherte ihr, Leute gekannt zu haben, die nachher noch fünfzig Jahre gelebt hatten, sie aber hörte mir gar nicht zu und fiel aus einer Ohnmacht in die andere.«

»Einen hübschen Lärm wird das geben, wenn Sommeville zurückkommt und von Ihrem geistreichen Verfahren hört,« ruft die Marquise, welche die Frömmlerin nicht leiden kann, scharf, »haben Sie wenigstens jetzt nach dem Arzte geschickt?«

»Nein . . . ich habe den Pfarrer rufen lassen.«

»Sie sind verrückt,« schreit die Marquise, »ich muß sogleich hinauf zu Therese, um mich über ihren Zustand zu orientiren, und Sie, Gaston,« zu dem Chevalier gewendet, »könnten indeß veranstalten, daß Jemand nach Caën – bis Rouen ist zu weit – nach dem Arzt gesandt werde. Von mir wenigstens soll Sommeville nicht sagen können, ich habe seine Frau gemordet.«

Damit verfügte sich die Marquise zu ihrer kleinen Nichte, die sie wohl bei zurückgekehrtem Bewußtsein, aber sehr schwach und fiebernd antraf und so wenig geneigt ein Wort zu sprechen, daß sich die Marquise, nachdem sie der alten Amme einige Befehle gegeben, wieder in den Salon zurückzog, wo sie sich philosophisch damit zerstreute, das Flötenspiel des Chevaliers auf einem kleinen Clavier zu accompagniren, welches Maxime unlängst für seine Frau aus Paris hatte kommen lassen, und dessen schlanker Kasten über und über mit weißen Rosen bemalt war.

* * *

In ihrem Zimmer liegt Perce-neige. Sie hat den Fauteuil neben dem Feuer verlassen und in ihrem Bett Ruhe gesucht; halb sitzend, auf daß ihr das Athmen leicht werde, lehnt sie in dem spitzenumsäumten Kissen.

Inmitten dieses Schlosses, das sich bis auf die Gobelins im Salon und die Schnitzereien im Speisesaal und ein paar ähnliche Überbleibsel von angestammtem Familienluxus so öde und vernachlässigt zeigt, als nur irgend eine herabgekommene Edelmannsbehausung in der Normandie, ist das Zimmer der Gräfin so reich und geschmackvoll geschmückt, wie das kokettste Boudoir in Versailles; blaßblau und weiß gestreifter Seidenstoff mit Silber durchädert und mit Rosenbouquets übersät, bespannt die Wände, die Toilette mit ihren koketten Spitzenvorhängen und Schleifen, ihrem Geglitzer von Vermeil und geschliffenem Glas ist eine wahre Augenweide, der Rahmen des Spiegels ein Gewirr von Blumenguirlanden und Engelchen aus der Meisterhand Gouthière's. Überall stehen kleine Consolen und Etagèren, wie sie nur das Rococozeitalter zu erfinden, auszuschmücken und zu benutzen wußte, das Zeitalter, dem zum letztenmal die Aristokratie seine Dichtung gab, und dessen ganze Beschäftigung vielleicht deshalb nichts war, als eine lange, anmuthige Tändelei. Die seltsam verschnörkelte Kaminuhr singt mit einem verweint umflorten Glockenspiel jeder dahingeschiedenen Stunde ein träumerisches Grablied nach.

Der Wind stöhnt draußen und schleudert trockene Blätter an das Fenster. Lange blickt die Gräfin melancholisch dem unheimlichen Blätterreigen zu, dann befiehlt sie der Kammerfrau, die Vorhänge zusammenzuziehen. Die Kammerfrau thut es und zündet die Wachskerzen auf der Toilette an. –

»Kommt Max noch nicht?« haucht Perce-neige; ihre armen kleinen Hände spielen unruhig um den Saum ihrer Bettdecke. Unablässig schiebt sie das Köpfchen in den Kissen hin und her, umsonst sucht sie ein lindernd-kühles Plätzchen. –

»Max hat versprochen zu Weihnachten zu kommen,« murmelte die Gräfin, »in der nächsten halben Stunde kann er hier sein. Nanon, reich' mir meinen Handspiegel!« und Nanon, eine gute, geduldige alte Person, reicht den Spiegel.

»Rück' mir die Kerzen näher, nein, nicht so, nicht so, so blendet mich das Licht, . . . und nicht so, so seh' ich ja nichts. O, der Graf ist unendlich geschickter als Du . . . Meine Frisur hängt ja im Nacken. Max müßte erschrecken, wenn er mich so wiederfände, steck' mir die Locke hinauf, streue mir ein wenig Poudre in die Haare . . . Rouge – nein rouge brauche ich keines, sieh nur, wie mir die Wangen glühen, mit sechzehn Jahren war ich nicht frischer.

Und doch, sagt ihr, ich sei krank. O, ich bin nicht krank, nur müde, müde von Eueren Quälereien. – Wenn ich krank wäre, so müßte er um mich besorgt sein, und er war's nie, . . . er lachte mich immer aus, wenn ich klagte. Gib mir ein blaues Band um den Hals. Er bringt mir ein Collier mit aus Paris, ein Collier aus Diamanten. – Nanon, warum weinst Du?« ruft Perce-neige; Perce-neige, die sonst Niemanden auch nur ein zu lautes Wort gesagt hat, – beinahe kreischend, wobei ihre dünne Kinderstimme überschnappt. Der Spiegel fällt ihr aus der Hand und zerbricht. Sie erschrickt. – »Das ist ein böses Zeichen,« stammelt sie, »ein böses Zeichen,« und schluchzend sinkt sie in ihr Kissen zurück. »Kommt Max noch nicht?!« – –

* * *

Über die schlechten Straßen, in Koth versinkend, mit kreischenden Rädern und keuchenden Pferden, schleppt sich die Reiseequipage des Grafen von Sommeville.

Der Graf hat Versailles in einem ungünstigen Momente verlassen und sich zurückgezogen als das Königspaar im Begriffe stand, ihn mit Gnaden zu überhäufen. Der König hat ihn mit einer diplomatischen Mission betrauen und nach Wien entsenden wollen, die junge, leichtlebige Königin jedoch gefunden, daß, um diplomatische Geschäfte abzuwickeln, man wahrhaftig nicht ein so liebenswürdiger Cavalier und guter Tänzer zu sein brauche wie Sommeville, daß er viel nöthiger sei bei ihren Bällen in Versailles, worauf der verliebte König von einer ernsteren Verwendung des Grafen absieht.

In jenen Tagen, unter dem liebenswürdigen Einfluß der Österreicherin, gewann das Hofleben beinahe den Reiz eines zwanglosen Verkehrs, erinnerte an das vornehm ungekünstelte Treiben auf einem englischen Landsitz. Ein Höfling mußte ein angenehmer Gesellschafter sein, konnte ein guter Freund werden.

Die muntere junge Königin liebte es, ihre Majestät abzustreifen und denen gegenüber jeden Rangunterschied fallen zu lassen, die sie in ihrem so sehr von Madame de Noailles angefeindeten, anmuthig unvorsichtigen Muthwillen, »mes chers mauvais sujets« nannte, sie zeichnete den Grafen aus, wo sie konnte, und Lauzun, der glänzendste aller Taugenichtse, der ritterlichste aller Schufte, der damalige Günstling und spätere Verleumder Marie Antoinette's, das berückendste und giftigste Unkraut, das je dem Boden französischer Sittenverderbniß entblüht, musterte ihn aufmerksam.

Der Mann mit den traurigen Augen und dem freundlichen Lächeln, mit der edlen Courtoisie und rührenden Zartheit gegen die Frauen, der Alles erreichen konnte und nichts verlangte, den die Gnadenbeweise, mit denen man ihn überhäufte, nur immer schwermüthiger zu stimmen schienen, der, während der ganze Hof ihn beneidete, sich in einen düstern Winkel verbarg und seufzte, der war dem leichtsinnigen Herzog ein Räthsel.

»Que diable! Was hast Du denn nur, was willst Du noch?« fragt er, an Sommeville herantretend, »sag's, wenn's Jemand für Dich erreichen kann, so ist's Lauzun.«

»Ich habe eine sterbende Frau zu Hause und möchte zu ihr,« murmelte der Graf.

Lauzun zwinkert ihn erstaunt an. Er hat auch eine Frau, eine gar lieblich schöne, junge Frau, die er vernachlässigt, und die heldenmüthig ihre verschmähte Liebe zu ihm in sich bergend, edel und einsam verkümmert. Vielleicht staunt Lauzun nur spöttelnd darüber, daß man seine eigene Frau lieben könne, vielleicht neidet er seinem Vetter ein Gefühl, das stark genug ist, demselben Gleichgültigkeit zu lehren gegen die Gunst einer Königin.

»Sei ruhig,« bemerkte er nach kurzer Pause, »man wird Dir helfen.«

Und den nächsten Tag reiste Sommeville ab von Versailles, nicht ganz gnädig entlassen, von einem schwerfällig empfindlichen König, von einer grenzenlos gutmüthigen und grenzenlos verwöhnten Königin, reiste nach Hause, nicht ohne sich in Paris mit dem schon bestellten Diamanthalsbande versehen zu haben.

Wie langsam die Pferde gehen! Die Sonne ist schon im Sinken, ein blutrother Streifen umsäumt den Horizont. Sommeville beugt sich aus dem Wagenfenster, um sich davon zu überzeugen, wo er sich eigentlich befindet. Plötzlich bemerkt er eine lange Gestalt, deren schwarzes Gewand im Winde flattert.

Es ist der Pfarrer mit dem Allerheiligsten.

Sommeville läßt halten. »Wohin, Herr Pfarrer? Der Weg ist schlecht, kann ich Sie führen?«

»Man hat mich nach Sommeville gerufen,« erwidert der Geistliche traurig.

»Mein Gott . . . Perce-neige!«

Der Pfarrer senkt den grauen Kopf.

Weiter rasselt der Wagen. Neben dem jungen Mann sitzt jetzt der Greis, neben dem Gatten der Geistliche, neben der Liebe die Religion.

Vor einundzwanzig Jahren hat der Pfarrer Perce-neige getauft, Er hat ihr die erste Communion gereicht, Er hat sie mit Max getraut. Er sieht sie vor sich mit ihrem andächtigen Kinderglauben, mit ihrer unschuldigen Liebesanmuth. Die Thränen fließen ihm über die Wangen. Sommeville weint nicht.

Der Wagen hält vor dem Schloß. Die Hunde schlagen an, die Bedienten stürzen durcheinander. Auf der Treppe begegnen den beiden Männern in dem flackernden Lichte getragener Kerzen die Cousine aus Caën, die Marquise und der Chevalier.

»Gott sei Dank, daß Sie gekommen, mein Vater,« kreischt die Cousine dem Pfarrer zu.

»Steht es wirklich so schlecht?« stammelt Maxime mit versagender Stimme.

»Ein Wort, Max,« ruft die Marquise, »die Gräfin war recht wohl, wäre vielleicht in diesem Moment wohl genug gewesen, Ihnen entgegen zu gehen, wenn nicht Ihre liebenswürdige Verwandte hier es für nothwendig erachtet hätte, ihr ins Gewissen zu reden, die arme Kleine darauf aufmerksam zu machen, daß die Stunde für sie gekommen sei, sich das Viaticum reichen zu lassen. Dies hat natürlich die arme Herzleidende in eine so peinliche Aufregung versetzt, daß man wirklich das Schlimmste befürchten kann.«

Sommeville stiert die Cousine wild an. Ein Fluch schwirrt von seinen Lippen. Dann schlägt er die Augen nieder vor dem Pfarrer.

»Ich habe meine Pflicht gethan,« vertheidigte sich die Cousine salbungsvoll, »ich begreife nicht, wie man sich vor Gott fürchten kann!«

»Wenn man zwanzig Jahre zählt, fürchtet man sich vor dem Tode,« bemerkt achselzuckend die Marquise.

Die beiden Männer stehen vor der Thür der Sterbenden. Der Pfarrer mit dem Allerheiligsten, der Gatte mit dem Diamanthalsband. Sie zögern beide. Einer blickt auf den Andern. Aus Sommeville's Augen glänzt ein schmerzliches, nicht zu reden wagendes Flehen. Der Pfarrer zittert am ganzen Leib; er ist einer von den Wenigen, die noch an Gott glauben inmitten dieser gottvergessenden Zeit. Ja, er glaubt an Gott, aber er lebt im achtzehnten Jahrhundert, einige Jahre vor der Revolution. – Der Schweiß trieft ihm von der Stirne, aber er spricht leise und entschlossen: »Gehen Sie, Herr Graf, Sie werden mich rufen, falls mich die Gräfin wünscht!«

»Ich . . . ich werde meine Frau vorbereiten,« stottert Sommeville mit dankerfüllten Augen und verschwindet in der Thüre, die zu Perce-neige führt.

»Max!« ruft Perce-neige und streckt die abgezehrten Arme nach ihm und lächelt ihm zu, so rührend, so schrecklich zärtlich und erdensehnsüchtig, wie nur rothe Fieberlippen aus dem abgemagerten Gesichtchen einer Sterbenden lächeln. »O Max – nun ist Alles gut, ach . . . sie haben mich so gequält. Schon vom Viaticum sprachen sie . . . Bin ich denn wirklich krank?«

»Kleine Thörin,« unterbricht er sie.

»Du hast keine Angst um mich?« fragte sie ihn und durchspäht sein Gesicht aufmerksam. Seine Augen sind trocken, sein Mund lacht. Er öffnet das Sammetetui.

»Versailles freut sich auf Dich, das mußt Du auf Deinem ersten Hofball tragen,« sagt er.

»O, wie schön!«

Und mit tausend tändelnden Liebkosungen hing er ihr das funkelnde Halsband um.

So bereitete er sie vor! Der Glaube hatte das Knie gebeugt vor der Liebe.

Vor der Thüre des Sterbezimmers stand der Pfarrer und wartete, bis man ihn brauche. Er war jetzt ganz ruhig und einig mit sich.

Er hörte Sommeville's Stimme weich und leise, wie die einer Mutter, die ihr Kind beruhigt: er hörte neckendes Lachen, zärtliche Küsse. Er trat zurück, wollte nicht horchen, ging auf und nieder in der kalten Halbfinsterniß des Corridors, wartete, bis man ihn brauche!

Die Cousine aus Caën kniete in ihrem Zimmer und betete laut und schnarrend um der Sterbenden Seelenheil. In dem Gobelinsalon spielten der Chevalier und die Marquise Karten. Stunde um Stunde verging. »Vielleicht ist ihr wohler,« dachte der Pfarrer. Er fror und rieb sich die Hände. Da stürzte die alte Nanon aus dem Gemache ihrer Herrin auf ihn zu: »Um Gottes willen, Herr Pfarrer, kommen Sie schnell!«

Hatte Sommeville die Arme vorbereitet? . . . .

Der Pfarrer trat ein.

Dort auf dem Bettrand saß Maxime eine Todte im Arm . . . und die Todte lächelte und hatte ein Brillantcollier um den Hals.

Es war zu spät.

Ein großes Glockengerassel erschallte und Wehklagen und Geschrei. Die Dienerschaft lief zusammen, und die Cousine von Caën, die Marquise und der Chevalier trafen einander vor dem Zimmer der Gräfin, aus dem jetzt Maxime trat, bleich wie Wachs und auf die Schulter des Pfarrers gestützt. »O, ehrwürdiger Herr, ich hatte nicht den Muth – Gott strafe die Sünde an mir, nicht an ihr,« schluchzte er.

»Sie hat den Glauben von sich gewiesen und mit irdischer Liebe ihre letzten Augenblicke verschwelgt, anstatt der Hostie hat sie einen Kuß genossen, sie ist verdammt,« krächzte die Frömmlerin.

»Schweigen Sie, Madame,« entgegnete ihr ungeduldig der Pfarrer, und sich zu Maxime beugend, sprach er unendlich mild: »Bauen Sie auf Gottes Gnade, mein Sohn. Gott ist nicht wie irdische Könige, die einen Menschen verdammen, weil er einen Fehler begangen hat gegen die Etikette!«

»Gott ist ein Philosoph!« murmelte der Chevalier mit der frivolen Ironie des Jahrhunderts.

Die Marquise musterte aufmerksam das Gesicht des alten Pfarrers. Ihr war's als habe sie dasselbe einst jung auf einer Pariser Kanzel gesehen. – Er war aus der Hauptstadt verbannt worden, weil er zu viel gedacht hatte.

Dann verlor sich die Aufregung, und Alles wurde still. –

Au der Leiche beteten der Wittwer und der Pfarrer friedlich nebeneinander. Liebe und Glauben, durch schale Menschensatzungen bitter verfeindet, hatten sich dessen erinnert, daß sie eigentlich Schwestern sind, und der Fanatismus hatte abgedankt zu Gunsten der Humanität.

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