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Annemarie Schwarzenbach – Eine Frau zu sehen

Novelle

Annemarie Schwarzenbach, Eine Frau zu sehen, Kein & Aber Verlag, Zürich, 2008



Eine Frau zu sehen: nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blickes, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkel eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf – aber eine Frau zu sehen, und im selben Augenblick zu fühlen, dass auch sie mich gesehen hat, dass ihre Augen fragend an mir hängen, als müssten wir uns begegnen auf der Schwelle des Fremden, dieser dunkeln und schwermütigen Grenze des Bewusstseins . . .

Ja, in dieser Sekunde zu fühlen, wie auch sie stockt, beinahe schmerzhaft unterbrochen im Gang der Gedanken, als zögen sich ihre Nerven zusammen, von meinen berührt. Und war ich nicht müde, verwirrten sich nicht in mir Bilder des Tages, noch sah ich Schneefelder, darauf die länglichen Schatten des Abends, sah Gedränge der Bar, Mädchen gingen vorüber, wurden von ihren Tänzern wie Puppen getragen, leichtsinnig lachten sie rückwärts über ihre schmalen Schultern, neben ihrem Lachen setzte dröhnend der Jazz ein, und man flüchtete sich davor in eine kleine Ecke, da winkte Li, ihr kleines Gesicht zuckte weiß unter hohen, rasierten Brauen. Sie schob mir ihr Glas hin, eigensinnig zwang sie mich, es auszutrinken, und sie legte die schmalen Hände um den Nacken des Norwegers, tanzend schwebte sie vorüber, und er hing mit den Augen an ihren Lippen.

Dann kam die kühle Winternacht uns entgegen. Lange ging sie neben mir und sprach in unbeholfenem Deutsch. »Es ist schade um Sie«, sagte er, »Sie wissen nicht, wie gefährlich die mongolischen Mädchen sind«, das war Li, und ich nickte, obwohl Li nicht gefährlich ist, ein zuckendes Porzellangesichtchen unter schmal rasierten Brauen, weiße Hände, auch sie unaufhörlich zuckend auf den Schultern der Männer, die sie durch das Gewühl der Tanzenden trugen – Li lächelt ja, ein ängstliches Kinderlächeln kann um ihren Mund sein, und ich weiß, dass die Männer seine Süßigkeit lieben, aber was ist das: neben dem Lächeln der Kleinen, der Blonden und Unschuldigen, die ohne Absicht sind und uns draußen in der Sonne begegnen, die uns ansehen und die man lieb hat, auch wenn man müde ist und schlecht geworden vom leise beginnenden Ekel aus Lachen und Fröhlichkeit, aus dem Zuviel von Rauch und Lärm.

Wie wohltuend streift die kühle Nachtluft mein Gesicht, Schnee klebt noch an meinen Schuhen. Schon ist neues Licht da, jemand nimmt mir die Skistöcke ab, ich gebe Lange die Hand, der eilig die Treppen hinaufgeht. Nun läute ich, der Liftboy schließt die Türe hinter mir, ich stehe mit gesenktem Kopf, während der Lift in der Halle hält: Einen Augenblick dringt Wärme und Geräusch hinein, ich hebe die Augen, eine Frau steht mir gegenüber, sie trägt einen weißen Mantel, ihr Gesicht ist braun unter dunklem, männlich herb aus dem Gesicht gekämmtem Haar, ich erstaune vor der schönen und leuchtenden Kraft ihres Blickes, und nun begegnen wir uns, eine Sekunde lang, und ich fühle unwiderstehlich den Drang, mich ihr zu nähern, herber, schmerzlicher noch, dem ungeheuren Unbekannten zu folgen, das sich wie Sehnsucht und Aufforderung in mir regt –

Ich senke die Augen und trete einen Schritt zurück. Der Lift hält. Der Boy öffnet die Türe, mit einer kaum wahrnehmbaren Neigung des Kopfes geht die fremde Frau an mir vorüber –



24. Dez 1929


Es ist spät geworden, und ich bin müde. Zuerst waren noch Andere mit mir, wir tranken Kaffee, spät erst aßen wir zu Abend, die meisten Tische im Restaurant waren leer. Neben uns saß der alte Herr, der mich gestern zu einer Schlittenfahrt eingeladen hatte und der mich abends an Frau Bernsteins Tisch führte, damit ich sie kennen lerne. Er lächelte mir zu, hob sein Glas und neigte sich grüßend gegen mich. Ich fühlte, dass nur die Anwesenheit Anderer ihn davon abhielt, zu sagen »Zum Wohl Ena Bernsteins«, und ich nickte ihm lächelnd zu, in mir aber brach eine Welle von Blut heftig auf und drang beklemmend an mein Herz. Schweigend aß ich weiter und warf nur hie und da einen Blick auf die große Türe des Restaurants, obwohl ich wusste, dass sie nicht mehr kommen würde, hatte sie mir doch selbst gesagt, dass sie abends in ihrem Zimmer esse oder bei ihrer Freundin.

Endlich standen wir auf, der Kellner begleitete uns bis an die Türe, welche die beiden braungekleideten Boys eilig und mit devoter Verbeugung aufrissen. Ich blickte umher, mit heimlichem Unbehagen bemerkte ich, dass der Tisch von Direktor Boheim leer war, endlich gewahrte ich den alten Herrn, der mir von seinem einsamen Platz aus winkte, und folgte mit Erleichterung seiner Aufforderung, neben ihm Platz zu nehmen. Ein paar Mal kam Lange vorüber, er fragte, ob ich tanze, und als ich das zweite Mal zustimmte und mit ihm in die anstoßende Bar ging, benutzte er die Gelegenheit, um mich eindringlich zu bitten, mit ihm ins Dorf zu fahren, um einige Stunden mit seinen Freunden im Palace zu tanzen, und es gelang mir erst nach längeren Überredungsversuchen, ihn von diesem Plan abzubringen. Ich versprach ihm, meine Vettern – die kraft ihres Hüteramtes doch eine gewisse Gewalt über mich besäßen – von der Harmlosigkeit eines solchen Unternehmens zu überzeugen und demgemäß einen der nächsten Abende für ihn zu reservieren. Im Übrigen machte ich Lange den Vorschlag, mindestens meinen jüngsten Vetter Erwin mit einzuladen, während der Ältere, Wolfgang, weniger wegen eigener Abneigung als durch die energische Haltung seiner Frau hierzu weniger geeignet erschien.

Als wir in die Halle zurückkamen, trafen wir gerade auf Wolfgang und Lucy, die den Lift erwarteten. Ich frug nach Erwin, versprach, ihn zu unterhalten, und wünschte ihnen eine gute Nacht. Schon im Aufzug, rief mir Lucy noch nach, sie schicke Rudi morgen um 9 Uhr in die Halle, ob ich ihn zum Skilaufen mitnehmen wolle. Nachdem es mir gelungen war, Erwin mit Lange hinter einem Glas Whisky unterzubringen, konnte ich endlich zu meinem alten Herrn zurückkehren, der sich inzwischen in eine englische Wochenzeitung vertieft hatte. Er bot mir einen Stuhl an und bestellte neuen Kaffee, zog dann ein silbernes Zigarettenetui aus der Tasche und reichte es mir herüber. Dabei fiel mir eine Photographie auf, die in den Deckel geschoben war und auf welcher ich augenblicklich den schmalen Kopf, die herben und männlich klaren Züge Ena Bernsteins erkannte. Vielleicht zuckte ich einen Moment zurück, jedenfalls nahm er mit einem kleinen Lächeln die Photographie heraus, legte sie in meine Hand und bat mich, sie zu behalten. Verwirrt sah ich auf, unsicher über die Meinung seines Angebots, er aber nickte freundlich. »Die Photographie steht Ihnen eher zu als mir«, sagte er, »es ist die gerechte Strafe für meine Anmaßung (sie bei mir zu tragen), dass ich sie jetzt freiwillig in die Hand eines jungen Menschen lege, dessen Ansprüche besser zu seinen Wünschen passen als die meinen.« Es schien mir, als sei er bei diesen Worten gealtert, seine Haltung verlor einen Augenblick an Spannung, und sein ruhiges und wahrhaft edles Gesicht neigte sich müde den gefalteten Händen zu.

Nachher erzählte er mir, als müsse er mir liebevoll die Richtigkeit seiner Worte beweisen und mich in meinen Ansprüchen – die ich nicht geäußert hatte – bestätigen und ermutigen.

Zum ersten Mal hörte ich den Namen Ena Bernstein in einem menschlichen warmen Zusammenhang, ausgesprochen von einem Menschen, der sie kannte, der ihren Wegen seit vielen Jahren folgte, als ein Anspruchsloser und Verborgener, dessen Liebe sie nie nahe genug berührt hatte, um das Geheimnis ihres Wesens aufzulösen oder die Spannung ihrer kraftvollen und schönen Gegenwart durch Gewohnheit und Abnutzung zu vermindern. Und wenn ich diesen Namen erst gestern gelernt hatte mit einer Frau zu verbinden, die ihrerseits erst seit einigen Tagen in den Bereich meines Lebens getreten war, wenn ich bisher in scheuer Sehnsucht ihre Nähe erhofft hatte, wenn ich beinahe erschrocken zurückgewichen war vor der übermäßigen Anziehung, die sich seit jener ersten Begegnung im Lift stündlich wiederholte und verheerend in mir Raum ergriff, wenn solchermaßen alle gesammelte Kraft dieser glücklichen Tage sich plötzlich auf ein Ziel warf, eine Sehnsucht, noch ungeklärt und nicht in Worte zu fassen, aber unumstößlich im heimlichsten meiner Gefühle, – so erschien mir Ena Bernstein hier auf einmal bloßgestellt, in schreckliche Nähe gerückt, als könnte sie vor uns auftauchen, sich neben mich setzen, mich zwingen, ihre Gegenwart zu ertragen und alles zu erleben, was von ihr dem Mann mir gegenüber offenbart worden war. Und wie viel schwerer zu begreifen war die wirkliche, die geschehene Macht dieser Frau als die wie Sehnsucht im Blut erfühlte, die man immer noch zurückweisen konnte, verleugnen oder als Rebellion des eigenen Wesens verdammen –

Denn konnte man etwas vernichten, was ein Anderer, ein Fremder, sprach, und ging davon nicht eine bezwingende Macht aus, der man sich hingab, ja mit einer heimlichen Freude hingab, so als hätte man dazu irgendeine Berechtigung erlangt? Oh, ich kannte diese Dinge wohl, von denen der alte Herr mir erzählte, und ich begriff, dass er nach Worten suchte, um sie auszudrücken; aber während er immer mehr in eine Art einsamer Traurigkeit versank, saß ich in fiebernder Erregung, mir war als erglühe nun erst mein Herz in einer starken Kraft, ich fühlte meine Jugend wie ein Geschenk und erstaunte darüber, als wäre darin der Schlüssel zu den Seligkeiten, die sonst nur in Träumen sich uns offenbaren –

Der alte Herr sah mich an, und ein Lächeln drängte sich in sein Gesicht. »Liebes Kind«, sagte er, »ich habe nicht Recht noch Absicht, in Ihnen zu forschen, aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, dass ihre junge und feurige Gegenwart mir wohlgetan hat – aber dass in Ihnen große Gefahren sind, von denen Sie vielleicht nichts ahnen, denen Sie aber nicht ausgeliefert werden sollen ohne eine Warnung, die Sie nicht verletzen wird. Wie alt mögen Sie sein, 18 oder 19 Jahre, nicht wahr, und dafür sind Sie weit voraus, gereift in Ihrem Urteil, in Ihren Ansprüchen an das Leben und in der schönen und erstaunlichen Klarheit Ihrer Gedanken. Eines aber fehlt Ihnen: die gesammelte Kraft. Glauben Sie mir, dass Sie zu schwach sind, Ihre Organe fiebern unter den zu großen Spannungen, die ihnen auferlegt werden, und nichts ist gefährlicher als dieser Gegensatz zwischen Möglichkeiten und vorhandenen Kräften. Es wird Ihnen leicht fallen, sich ein wenig lieb zu haben, tun Sie es und seien Sie nachsichtig gegen sich selbst, aber auch darin seien Sie nicht wahllos, sondern bleiben Sie streng und zuchtvoll: Sie sind reich, Fremde werden zu Ihnen kommen, werden Ihnen Liebe und Zärtlichkeit erweisen, dann verschwenden Sie sich nicht, denn zu Ihrem Wesen gehört Form und Grenze, und darin liegt Ihre Schönheit, die so jung, so knabenhaft herb ist und deren Intensität durch Verschwendung leiden würde wie das Bild eines klaren und reichen Stromes durch eine Überschwemmung –

Vielleicht wundern Sie sich, dass ich scheinbar ohne Zusammenhang zu Ihnen spreche, aber haben Sie noch für wenige Minuten Geduld: Sie sind ein stiller und nachgiebiger Zuhörer und verlocken einen alten Mann, etwas seiner Erfahrungen preiszugeben: Als ich Sie gestern mit Ena Bernstein sah, erinnerte ich mich zum ersten Mal wieder an eine meiner frühen Begegnungen mit ihr. Sie war ganz jung damals, aber schon sicher geworden in stürmischen Jahren. Ich warb um sie mit der geduldigen Liebe des Reifen, sie aber entglitt mir scheinbar ohne Grund und ohne mich zu verletzen – das Gerücht verbreitete sich, sie werde von einer jungen und schönen Frau geliebt, und tatsächlich war eine solche Bindung vorhanden. In jenen Tagen sprach sie einmal in seltener und großherziger Offenheit zu mir, und ich erinnere mich an die Worte, die mir am deutlichsten ihr Gefühl offenbarten. ›Meine Liebe‹, sagte sie, ›gehört den Jungen und Stürmischen, denen, die den Knaben gleichen, Mut und Stolz, die aber schon ergriffen sind von mädchenhafter Zartheit und Hinneigung‹. An dieses Wort dachte ich gestern, als ich Sie sah, ich erriet Ihren Wunsch, Ena Bernstein kennen zu lernen, und ich nahm es auf mich, Sie vorzustellen . . .

So sehen Sie einen alten Mann von Erinnerung überwältigt, und erst nachträglich erkenne ich, dass ich unbesonnen und verantwortungslos gehandelt habe. Denn die Frau, der Sie mit so viel Spannung begegnen, ist ja weder maßvoll noch vorsichtig, das Geheimnis ihrer Wirkung ist allein die Kraft ihres Gefühls, es leuchtet aus ihr und zieht in seinen Bann, der umso größer ist, je vorurteilsloser und je reiner man ihr begegnet. Ich habe Ihnen schon gesagt, wie gefährlich es ist, das Urteil der Gesellschaft gegenüber dieser Frau zu missachten und sich über die Schranken einer Moral hinwegzusetzen, welche ihre Berechtigung hat als Hüterin einer notwendigen wie auch engen Ordnung – ich füge hinzu, dass ein Schwacher zerbrechen kann an der sicheren und elementaren Herrlichkeit eines ungehemmten Gefühls, und ich bitte Sie deshalb um Vorsicht, um Schonung gegen sich selbst. Fassen Sie aber meine Warnung nicht als ein Zurückweichen auf: Sie mussten Frau Bernstein kennen lernen, daran konnte ich nichts ändern, und wenn ich Sie vorstellte, so war es nichts als eine nebensächliche Beschleunigung. Als Zuschauer des Lebens habe ich gelernt, die Wege der Zukunft nicht als etwas Zufälliges zu betrachten, sondern als notwendige Erscheinungen aus langer innerer Bereitung. – Und nun schlafen Sie wohl, und verzeihen Sie einem alten Manne die Schwäche des Mitteilen-Wollens, ich weiß, dass alles, was ich Ihnen sagen konnte, schon in Ihnen ruht und sich zu seiner Zeit entfalten wird!«

Die Tage sind voll heimlicher Spannung, die Nächte vergehen in einer Glut der Erwartung, die einem Brande gleicht, der sich aus winterlicher Weiße erhebt, oft lauscht man stumm, als wären die Organe im Fieber geschärft, man lauscht auf Antworten, nach denen man nicht zu fragen wagte, und man ist preisgegeben einer stillen und doch zutiefst aufrührerischen Verwirrung, die zuerst den Körper ergreift wie Krankheit, während die Seele davor zurückschreckt, und dann umso heftiger derselben Erschütterung zu verfallen, die das Blut schneller, atemloser durch die Adern jagt, man hört sein Pochen in der Stille des Zimmers, ein Rauschen ist in den Schläfen, und die Hände zittern auf der Decke, bewegt wie die Blätter der Bäume im Wind.

Die Nächte sind einsam und preisgegeben. Ich lese viele Bücher, und über die Bücher hinweg spüre ich die bebende Erwartung des Kommenden. Manchmal glaube ich, das Warten nicht mehr ertragen zu können, als fliehe das Leben in diesen Stunden vor mir. Ich lege mein Buch fort, neben meinem Bett sehe ich den Hörer des Telephons, ich brauche nur die Hand auszustrecken, um ihn abzuheben – der Concierge wird sich melden, wird nach meinen Wünschen fragen, und was wäre einfacher, als ihm ihren Namen zu sagen (diesen Namen, der mehr ist als Wunsch, schon Besitz geworden in tausendfacher Wiederholung)? Dann aber könnte es sein, dass ihre Stimme im Apparat ist (nicht sie: hieran wage ich nicht zu denken – wohl aber ihre Stimme, die tief und weich ist und voll Zurückhaltung) – –

Es ist beruhigend, den Hörer neben sich zu sehen, ich lächle ein wenig aus Dankbarkeit, denn was sind Möglichkeiten: Bedeuten sie nicht Verheißung, wenn man nur mutig ist, bedeuten sie nicht eine große Herrlichkeit des Willens: – und es zu wissen genügt, um auch warten zu können, ja in Demut und Nachsicht zu warten auf die notwendige Stunde des Neuen – so wie der alte Herr sagte: »Seien Sie nachsichtig mit sich –«, denn die Wege der Zukunft sind ja keine zufälligen . . .

Ich stehe auf und bleibe vor dem großen Spiegel stehen, noch zögernd und ungewiss, noch benommen vom Spiel der Möglichkeiten. Dann tritt mir mein Bild entgegen, das Bild eines jungen, eines ganz jungen Menschen, ich stütze die Hände gegen das Glas und betrachte es, mir ist, als gewänne ich dieses blasse und von heimlichem Fieber bebende Gesicht lieb, als hätte ich es vordem nicht so gut gekannt, ich ging an seiner Traurigkeit vorüber, kein Lächeln schenkte ich diesen von Frage und schwermütigem Ernst erfüllten Augen, keine Nachsicht hatte ich für diese Hände, die hell und mager sind und deren Schlankheit mir heute zum ersten mal schön erscheint.

All dies zum ersten Mal? Vielleicht ist es nicht so, mein Leben ist schon viele Tage und Nächte alt, ich bin ihm wohl auch schon begegnet und habe mich gesehen und gekannt in vielen Spiegeln.

Heute aber liebe ich mich, wie man einen jüngeren Bruder liebt, ich spüre das Gemeinsame, das aus diesen Tiefaltern aufsteigt, eine stumme Müdigkeit macht mich traurig, aber auch meine Traurigkeit liebe ich und finde sie im Bild des Spiegels, welches ich eindringlich und nahe durchforsche –

Endlich spüre ich die kalte Nachtluft, ich gehe zum Fenster, um es zu schließen, draußen ist der Wald groß und dunkel, und die Berge stehen klar gegen den nächtlichen Himmel. Auf dem Eisplatz arbeiten Männer, deren Stimmen gedämpft zu mir herauftönen, ich lausche auf das Geräusch der Bretter, die sie langsam über die spiegelnde Fläche schieben, dann heben sie den Schlauch auf, in silbernen Bogen schießt das Wasser über den Platz wie auf der Bühne aus künstlichen Brunnen.

Mich berührten die Ereignisse nicht mehr in gleicher Weise, sie waren mühelos geworden und hatten keinen Anteil an meinen Gedanken. Wohl aber wurde Zufälliges voller Beziehung, ich begann Dinge zu lieben, weil ein Gedanke an jene fremde Frau sich mit ihnen geschwisterlich verband, mein ungeheures Erfülltsein ließ solche Beziehungen überall entstehen, und die begeisterte Liebe, die mich immer an diese Landschaft gebunden hatte, steigerte sich in leidenschaftlicher Weise. So gewann jede Minute meines Tages einen Glanz ohnegleichen, ich atmete beglückt die reine und klare Luft des Morgens, ich wartete bebend auf das Erscheinen der Sonne, welche über die Berggipfel kam und sich in verschwenderischer Pracht über die weißen Schneefelder breitete, jeder Schlitten, der mit hellen Glocken und farbig gekleideten Menschen vorüberfuhr, erfüllte mich mit dem Bewusstsein eines glücklich gesteigerten Daseins, und manchmal saß ich mehrere Stunden vor einer Hütte in der Sonne, geblendet von den beinahe sommerlichen Strahlen und vom unerhörten Blau des Himmels, der sich weit und leuchtend über das Tal wölbte.

Ich stand in der Halle und wartete auf Frau Bernstein, die Minuten vergingen langsam, allmählich kamen die letzten Skifahrer an, die Boys bürsteten ihre Anzüge ab, die von Schnee bestäubt waren, Schlitten fuhren vor, Frauen in Pelzmänteln durchquerten die Halle und läuteten ungeduldig, unaufhörlich öffneten und schlossen sich die Türen der Fahrstühle. Bereits erschienen Herren im Smoking, sie gingen langsam die Treppe herab, eine angerauchte Zigarette nachlässig in der Hand. Frauen folgten mit entblößten Armen, die Schleier glitten seiden von ihren weißen Schultern, und ihre Schuhe aus Brokat glänzten matt im starken Licht.

Mich ergriff maßlose Ungeduld. Als hätten sich alle Stunden des Wartens zusammengedrängt, um mich heute in diese Halle zu fesseln: Denn es waren ja Tage des Wartens vergangen, solche Tage, die in Unruhe und gesteigertem Gefühl Stunde an Stunde reihten, die dann sanfter sich dem Abend zuneigten, um plötzlich unterzutauchen in die winterlich klaren Nächte, auch sie mit Unruhe und heimlicher Glücksahnung gefüllt.

Schon die Vormittage, im blendenden Glanz der Schneefelder, waren neue und von einem großen Glück, das das Herz ergriff. Erwin und ich stiegen die Hügel empor, und er schien mir froh wie nie zuvor, ja, eine Art von Zärtlichkeit ergriff mich für ihn, ich hatte bisher nie gewusst, dass er fürsorgend und fröhlich sein konnte, eine gute und treue Kameradschaft verband uns auf unseren langen Fahrten.

Im Dorf wurde ich mit Vorwürfen überhäuft, oft vergaß ich Abmachungen und Versprechen, und erst am späten Nachmittag fand ich mich, beinahe ohne es zu wollen, in der lauten Halle des Palace wieder, wo Menschen bunt sich drängten und sich an Farbigkeit der Sprachen, der Namen, der Kleidung überboten. Da war auch eine fremde Frau, die auf mich zukam und mich anredete, ihr Gesicht von eigenartiger Hässlichkeit zuckte in verborgener Erregung, ich erschrak vor dem kühlen Spott ihrer Augen, der dazu nicht passen wollte. Sie aber, die meine Zurückhaltung nicht mehr achtete als Verlegenheit der Jüngeren, ließ mich an ihren Tisch kommen, wo Li, wie sie mir erklärte auch gleich erscheinen werde; dann überschüttete sie mich mit scharfen und witzigen Bemerkungen, ich antworte ihr belustigt und aufmerksam, und auch die unverhohlenen Ausdrücke ihrer Sympathie, die blitz­artig eingestreut wurden, ließen mich lächeln, in wachsender Freude an ihrer geistreichen Sprache. Wirklich kam auch Li, zwei Argentinier und der blonde Norweger mit ihr, sie winkte mir heimlich und ohne Beziehung und zog mich am Arm in den Gang, wo sie, nervös auf und ab gehend, mir erklärte, dass Anna Barnowska mich liebe, sie habe mein Bild in Lis Zimmer gesehen und seither versucht, mich kennen zu lernen – dasselbe hatte mir Frau Barnowska (deren Name ich auf diese Weise erfuhr) selbst gesagt, Li aber fügte mit einem unbeschreiblich süßen Lächeln hinzu, wenn ich sie nicht mehr liebe, als ich es in diesen Tagen gezeigt habe, so sollte ich mir wenigstens Anna Barnowska nicht entgehen lassen, deren Einfluss weit genug reiche, mir zu jedem Erfolg zu verhelfen. Sie selbst kenne Anna genügend (dabei wich das süße und von fremder Schwermut gleichsam betaute Lächeln nicht von ihrem weißen Gesicht), sie sei stark und klug und zuverlässig für die, denen sie ihre Liebe einmal zugewandt habe. »Sei doch vernünftig« fuhr sie eindringlich fort, »du musst doch Menschen haben, die dir helfen.«

In diesem Augenblick tauchte Anna Bar­nowska auf, sie nahm uns beide in den Arm, um uns an den Tisch zurückzuführen, ich versicherte aber, plötzlich ungeduldig geworden, ich müsse nach Hause fahren, worauf die jungen Argentinier von den Stühlen aufsprangen, um mir ihre Begleitung anzubieten. Frau Barnowska unterbrach kurz, das sei doch wohl ihre Sache, und folgte mir zum Ausgang, während sie sich eine neue Zigarette anzündete. Dann nahm sie mir meine Zigarette aus der Hand und reichte mir zu gleicher Zeit die ihre. Ich dankte und warf sie in den Schnee. Einen Augenblick fühlte ich den Blick der Frau auf mich gerichtet. Dann half sie mir in den inzwischen vorgefahrenen Schlitten und sagte dem Kutscher die Adresse, ohne mir die Hand zu reichen.

Am nächsten Morgen wurde ich früh ans Telephon gerufen, und, in der glücklichen Unbefangenheit solcher strahlenden Tage, versprach ich Frau Barnowska, sie zu besuchen. Auch dieser Besuch wurde ein Abenteuer seltsamer Art. Ich wurde in ein großes und helles Zimmer geführt, Anna, noch im Bett, bot mir einen Stuhl an, ihre nervöse Unruhe verbarg sie hinter der gut gewählten Maske äußerster Schroffheit, doch verletzte sie mich keineswegs. In einer Unbekümmertheit, die ihre Sicherheit erschütterte, sprach ich von tausenderlei Dingen, aß, ohne dass sie es mir angeboten hätte, Orangen und Schokolade, die auf ihrem Tisch standen, und beobachtete heimlich erstaunt die wachsende Ungeduld Annas, die sich in nicht misszuverstehenden Äußerungen kundtat. Dann fragte sie mich, überraschend und ohne Zusammenhang, ob ich Ena Bernstein kenne. Ich sah betroffen auf und sagte, ja, flüchtig, ich sei ihr in unserem Hotel begegnet, worauf sie, plötzlich verwandelt, entgegnete, nun verstehe sie mich erst ganz. Ich versicherte ihr die völlige Grundlosigkeit ihrer Vermutungen, aber schon die Nennung des geliebten Namens hatte mir meine Überlegenheit genommen, ich war den Tränen nahe und wiederholte immer von neuem, sie solle mir erklären, warum sie von Frau Bernstein gesprochen habe, und brach erst ab, als ich ihren Blick sah, der nun kühl und leidenschaftslos auf mir ruhte.

Schon glaubte ich, die Partie verloren zu haben, als ich, immer noch in zitternder Erregung, bemerkte, dass auch ihre Beherrschung schwächer wurde, und statt das Gespräch zu ändern, folgte sie mir in der angegebenen Richtung. Bewegt und beinahe zart sprach sie nun von jener Frau, die meine Gedanken so unablässig beschäftigte. Auch in ihrem Mund, in ihrer seltsam rauen Art, gewann der Name einen verführerischen Glanz, und ich ahnte zum ersten Mal, dass die Begegnung im Lift, jenes stumme Erkennen in der Sekunde, als unsere Blicke sich kreuzten, dass sie »wirklich« gewesen waren im Sinne einer Macht, die auch Anna Barnowska einmal gefühlt hatte, und mit ihr und mir war schon eine Art von Gesetzmäßigkeit geschaffen, die Zufall und Täuschung ausschloss und die mich zugleich ergriff und beruhigte. Was erzählte mir Anna: Nichts war es, als eben dieses Erschauern, jeder Erfahrung fern, von welchem sie ergriffen wurde, und sie, die um vieles Ältere, der schon viele und verschiedene Männer und Frauen sich genähert hatten . . . nur dieses sagte sie: »Ich habe Ena Bernstein einmal gekannt, acht Tage lang . . . In einer Neujahrsnacht habe ich eine Fahrt nach P. gemacht, wobei wir beinahe verunglückt wären. Es war Irrsinn, abenteuerlichen Jünglingen angemessener als mir. Ich tat es wegen Ena Bernstein: Was wollen Sie, diese Frau hat eine Kraft der Leidenschaftlichkeit, der starke Menschen durch ihr Starksein verfallen wie die Schwachen durch ihre Schwäche – Sie brauchen übrigens nicht eifersüchtig zu werden. Ich habe Frau Bernstein nicht näher gekannt. Es war ein Zufall, dass ich ihr begegnete, aber dieser Zufall lehrte mich, Frauen zu lieben . . .«

Ich stand auf und näherte mich ihr. »Wollen Sie mich küssen«, sagte ich. Sie sah mich an, unsicher und mit einem Ausdruck herber Verschlossenheit, welcher ihr Gesicht einsam und anziehend machte. Ein Lächeln ergriff mich, und ich wiederholte: »Küssen Sie mich«, doch sagte ich es leise und nicht ohne Schüchternheit. Da neigte sie sich über mich, ich fühlte das heftige Zittern ihrer Hände, die meine Schultern hielten, und küsste mich stumm und leidenschaftlich.

An demselben Abend wurde ich auf dem Heimweg von Lange eingeholt. Er erzählte mir, Li habe im Palace auf mich gewartet und trotz eifrigstem Bemühen sei es ihnen nicht gelungen, mich bei ihr zu ersetzen. Übrigens sei er durchaus nicht der Einzige, der dies bemerkt habe. »Sie und Li stehen im Ruf einer Liaison«, sagte er. Ich sah ihn betroffen an, die Erinnerung an die Worte Anna Barnowskas tauchte auf, ich fühlte von allen Seiten eine fremde Welt auf mich eindringen, an der ich bisher nie Anteil genommen hatte und die mich nun plötzlich anfiel mit Andeutungen und Versuchungen. Langes Arm ergreifend, bat ich ihn, mir doch zu sagen, warum man mir Böses nachrede, ich fürchtete mich beinahe kindlich vor Verleumdung, und erst die Versicherung, dass er mich nur warnen wolle, konnte mich einigermaßen beruhigen.

Aber während ich Langes brüderliche Freundlichkeit gleichsam beglückend und sichernd empfunden hatte, machten mich einige kurz darauf gefallene Bemerkungen meiner Cousine neuerdings misstrauisch. Unsicherheit ergriff mich, ich konnte ihr nicht antworten aus Angst, die Anschuldigungen falsch verstanden zu haben, und ich sah fassungslos zu Erwin herüber, der unter dem Tisch meine Hand ergriffen hatte. Das Essen verging unter unbehaglichem Schweigen. Nachher gelang es uns, die Halle zu verlassen, und in meinem Zimmer erklärte mir Erwin, ein Bekannter von Lucy habe mich gestern mit Anna Barnowska gesehen, eine Frau, die ebenso intelligent wie übel beleumundet sei und mit der ich, wenn ich ihr nicht gänzlich ausweichen könne, mich mindestens nicht öffentlich zeigen sollte.

Nun gingen mir vollends die Augen auf, ich begriff das Netz von Beobachtung und Gerede, das sich meiner bemächtigt hatte, und ich verstand plötzlich die tausend Blicke, die offenen und verdeckten Anspielungen der Leute, denen ich auf Sportplätzen und in den Hallen der großen Hotels begegnet war. Wie viele Frauen, die sich nach mir umwandten hatten meinem Lächeln geantwortet, wie viele hatten nachher teilgenommen an den Gesprächen, die meinen Schritten folgten! Ich hatte sie dafür geliebt, jedes ihrer Worte, ihre zufälligen Liebkosungen, ihre zarten Hände, deren Bewegungen so gütig sein konnten, waren mir Zeichen gewesen für eine Anteilnahme, die mich freudig durchglühte. Ein Russe, den ich beim Skifahren und darauf in der Bar unseres Hotels häufig traf, hatte mir gesagt, dass die Frauen mich immer lieben würden – auch ihm hatte ich nur mit einem Lächeln geantwortet. Jetzt aber fühlte ich mich grenzenlos verlassen, alle Liebe erschien mir als Anfeindung und Falschheit, und Erwin hatte Mühe, mich mit vielen vernünftigen und guten Worten zu beruhigen. Doch verfiel er auf den unglücklichen Gedanken, mich an die Abreise zu erinnern. Er sagte, mein Vater habe mit Wolfgang telephoniert und erwarte mich schon Ende dieser Woche zurück.

Diese Nachricht traf mich so unerwartet, dass ich Erwin gänzlich verständnislos ansah, er aber ergriff lachend meinen Arm, es sei ja hohe Zeit, wieder zu arbeiten, meinte er, und der Boden müsste mir doch unter den Füßen brennen – er habe mich immer als einen fleißigen und beinah leidenschaftlichen Arbeiter gekannt, und so sei der Vorschlag meines Vaters in jeder Hinsicht nur begrüßenswert.

Ich folgte ihm in die Halle, Wolfgang und Lucy empfingen uns offensichtlich erleichtert und bemühten sich in rührender Weise, mich zu versöhnen. Wir verabredeten eine Skitour auf den nächsten Tag und trennten uns erst nach Mitternacht. Ich war so müde, dass ich nicht mehr einschlafen konnte, keinen Augenblick löste sich die Spannung von Nerven und Gliedern, die Stunden schienen mir lang und trostlos, dazu kam eine neue Furcht, gerade an die Menschen zu denken, denen meine Liebe gehörte: Kaum erschienen ihre Züge in meinem Bewusstsein, als auch schon eine heimliche Gegenwehr erstand, die mich unsicher machte, sodass ich die Gedanken schließlich von mir fernzuhalten versuchte und mir damit die letzte Hoffnung auf Schlaf nahm.

Gegen Morgen aber (ich saß vorgebeugt in meinem Bett und hatte den Kopf auf meine Knie gestützt) fühlte ich eine große Ruhe mich ergreifen, es war, als könnte ich auf ihr Kommen lauschen, und ich neigte mir ihr dankbar und demütig entgegen. Als Kind, nach langem und verzweifeltem Weinen, hatte ich diese sanfte Ruhe gekannt, und vielleicht war es damals meine Mutter gewesen, deren Hand mir die feuchten Haare aus der Stirne strich. Vielleicht würde auch heute eine Frau kommen, unsagbar schön war ja allein dieses Wort – Frau –, seine Erfüllung war so voll stiller und trauriger Erwartung, so voll gläubigen Glücks, dass die Grenze des Wunderbaren sich dadurch forthob und Raum ließ für eine Tröstung, der ich mich sehnsüchtig zuwandte –

Und in diesem Augenblick ergriff mich jäh der Gedanke an Ena Bernstein. Zum ersten Mal war sie für wenige Stunden meinem Bewusstsein entglitten, jetzt aber erfüllte sie mich wieder mit schmerzvoller Spannung, mein ganzes Leid drängte sich in den Namen zusammen, dem eine unsichtbare Kraft innezuwohnen schien. Denn nun ergriff mich drangvolle Ungeduld, der dämmernde Morgen, der endlich erwachte Tag konnten nicht schnell genug vergehen, die Skitour war eine Kette von Stunden, die ertragen werden mussten, damit Abend und Heimkehr sich näherten. Und als wir, nach einem letzten kurzen Tee im Dorf, endlich in unserem Hotel anlangten, war ich entschlossen, in der Halle auf Ena Bernstein zu warten, obwohl ich mich fürchtete, ihr zu begegnen. Aber konnte etwas erschreckender sein, als noch eine Nacht zu warten, noch einen Tag die Spannung zu ertragen, das Nicht-Geschehen, das Nicht-Handeln – war nicht jetzt ein Höhepunkt erreicht, und darüber war eben das Leere (ach, auch leere Augen gab es, leere Hände, die vordem reich gewesen waren, und leere Stunden . . .).

Es schlug acht Uhr. Nun würde Erwin kommen, zum Essen umgekleidet, und dann Wolfgang und Lucy in einem roten ausgeschnittenen Kleid. Und ich stand hier, im Skianzug, und hielt mich mit den Händen an der Heizung, und wartete. Und vielleicht war alles vergebens. Ich wagte nicht mehr, mich umzudrehen, den Blicken der Bekannten zu begegnen, die wohl jetzt in der Halle auf und ab gingen, die ihre Zeitungen lasen, ihre Cocktails tranken, ihre Kartenspiele mischten. Der alte Hass gegen alles Zufriedene ergriff mich, je gespannter und hoffnungsloser mein Warten wurde, welches mir nun kindlich, unsinnig und lächerlich vorkam.

Als endlich ein Schlitten vorfuhr, als die wartenden Boys hinausstürzten und Ena Bernstein nun wirklich erschien, wagte ich nicht mehr, aufzusehen – Und was lag auch daran, denn nun war sie es ja, die für mich tun würde, sie, die mir in diesem Augenblick bitterer Verschlossenheit die Hand auf die Schulter legte, deren Stimme nun ganz nahe war, herb und warm, und deren freundliche Worte mir gehörten. Aber noch während dieser ersten Minute kam der Concierge, um mich ans Telephon zu rufen, und ich verlor augenblicklich meinen letzten Mut, so offensichtlich war damit kundgegeben, dass ich Unmögliches erzwingen wolle. Ich hörte die Stimme meines Vaters am Telephon, und ohne seinen Vorschlag auch nur abzuwarten, sagte ich ihm mit einer Trostlosigkeit, die die Drähte glücklicherweise verschluckten, ich würde, wie er es gewünscht habe, in zwei Tagen abreisen. Seine Stimme klang darauf sehr schonend zurück, was mir die Tränen in die Augen trieb, und als ich den Hörer aufgehängt hatte, lehnte ich mich ermattet und von nahezu hoffnungsloser raurigkeit ergriffen, an die Wand der Kabine –

Draußen wartete Frau Bernstein auf mich. Ich sah sie an und versuchte zu lächeln. Ich dachte, sie habe vielleicht ihre Post geholt. Nun würden wir im Lift hinauffahren, und ich würde ihr die Hand geben, bevor ich ausstieg.

Aber da schob mir einer jener freundlichen Zufälle eine letzte Möglichkeit zu: Der Liftboy vergaß, dass Frau Bernstein schon im zweiten Stock, wo Frau Boheims Appartement lag, aussteigen wollte, und hielt erst im vierten, Sie sagte daraufhin, sie wolle zu Fuß hinuntergehen, und trat neben mir in den matterleuchteten Gang.

Noch einmal ergriff mich der Drang, mich ihr zu nähern, mit solcher Gewalt, dass ich die Augen niederschlug und unwillkürlich meinen Schritt anhielt. Sie blieb stehen und wandte mir ihr Gesicht zu. Ich wusste, dass ich nun meine letzte Möglichkeit preisgab, und mit äußerster Überwindung zu ihr aufsehend fragte ich, ob ich diesen Abend zu ihr kommen dürfe. Sie zögerte einen Augenblick, sie sei bei Frau Boheim – dann aber sagte sie entschlossen, ich sollte nach dem Essen kommen, sie werde ihre Freundin vorbereiten – und fuhr mit der Hand kurz über mein Haar.

Aus der ersten Nacht stammen die im Folgenden niedergeschriebenen Notizen, die ich sorgfältig aufbewahrt habe, und ich halte mich an sie, weil keine Erinnerung stärker sein kann als diese Blätter, auf keine Wirkung berechnet, die nur Auseinandersetzung sein sollten in meiner großen Ratlosigkeit . . .

Ich habe ja nichts gewusst von dieser Angst, die mich wieder ergriffen hat – das ist wie ein Schmerz, an den man nicht glauben kann, und man nimmt ihn lächelnd auf, aber plötzlich wächst er und wird unerträglich, und man lächelt immer weiter, aber es wird eine Verzerrung daraus – mein Gott, man wird mir nicht glauben wollen, dass ich ehrlich war und dass ich gestern noch überzeugt war von meinen eigenen Worten – wie könnte ich erklären, dass es plötzlich über mich kam wie eine Krankheit?

Das ist eine solche Haltlosigkeit: Ich weiß nicht, wie ich ein Gestern ertragen habe, und ein Vorgestern, und die vielen Tage, die sich noch rückwärts reihen. Und ich war glücklich und fühlte nicht, wie einsam die Nächte sind und dass aus der Dunkelheit etwas Banges auf mich zukommt, dem ich entgehen möchte; aber zugleich weiß ich, dass dazu ein großer Mut gehört, und wer gibt mir Mut: So horche ich ihm entgegen und fühle, dass meine Augen groß aufgerissen sind voll Ahnung und Schlaflosigkeit.

Und dann ist doch die Müdigkeit zu groß, ich kann nicht mehr wach bleiben, und langsam wenden sich meine Blicke nach innen: Da tanzt eine Welt von Farben und Lichten, und wenn die Lichter matt werden, so sind sie der Schein um das Haupt einer Heiligen – und ringsum ist der Raum verzauberte Sonne, als hätte ich alle Glut des Himmels und allen Glanz der Schneefelder in mich gedrängt, und ich bin ganz von Wärme durchflossen.

Aber es ist nur Zauber gewesen. Lichter und Farben sind wie Projektionen eines Scheinwerfers: Wende ihn, und sie verschwinden.

Weine doch nicht, es ist unvernünftig zu weinen. Was weißt Du denn, wie viel von unserer Welt, die Du lieb hast, Projektionen eines größeren Scheinwerfers sind. Abhängig bist Du von Licht und Schatten wie ein Günstling von der Laune seines Herrn. Einmal (erinnere Dich, es ist erst wenige Wochen her) sagte Dir ein Mensch, es sei jammervoll, ein Günstling zu sein. Oder ein Bettler. Es ist irgendwo ein großes Licht, es strahlt in den Augen gütiger Menschen wie aus reinen und vollendeten Kunstwerken: Es ist unverlierbar, weil es in Dir ist wie in allen Menschen. Du sollst es aber nicht verdrängen durch Deine Angst und Hast, kleine Spiele zu ergreifen, und durch Deine Feigheit, den dunklen Plätzen auszuweichen.

Das Licht ist ja viel größer und viel reiner: Wende Dich ihm zu.

Es ist spät, ich glaube, der Himmel ist jetzt klar geworden. Aber ich bin zu müde, die Augen zu öffnen.

Ich hatte den Weg in sehr kurzer Zeit zurückgelegt. Je näher ich der mir innig vertrauten Landschaft kam, umso größer wurde meine Hast, ich war müde und atemlos, und ich fühlte das heftige Schlagen meines Herzens. Im Gehen sprach ich unaufhörlich und beschwichtigend zu mir selbst, mich hatte etwas wie Mitleid ergriffen, nach den langen Wochen der Strenge und Zurückhaltung waren nun meine Gedanken in ihr Recht getreten, ohne sich weiter in Träumen verbergen zu müssen – diesen bösen, schmerzenden, unaufhörlichen Träumen, die jede Nacht wiederkehrten mit denselben Bildern der sonnenbeschienenen Schneelandschaft, mit welcher sich Enas Bild in unmerklicher Harmonie vermischte –

Wie sollte ich diesen jähen Überfall begreifen, war nicht Monat nach Monat vergangen, mit tausend Gesichtern, Begegnungen und Gesprächen, mit Arbeitsnächten und Krankheit, mit sommerlichen Ferienwochen an einem südlichen Meer und mit der neuen großen Welt, Paris? Vielleicht hatte ich Enas Photographien mit mir genommen, zuweilen habe ich ihr auch geschrieben in diesem oder jenem Augenblick des Alleinseins. – Oh, ich war sehr alleine gewesen, aber eine große Liebe der Einsamkeit lehrte mich ihre Kraft, und nie war ich einem Schweren ausgewichen, in welchem ich Segen und Stärkung ahnte . . .

Da war Ena wiedergekommen. Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte, aber jene Nacht des vergangenen Winters wiederholte sich nun immer von neuem, und in immer neuen Variationen erkämpfte sich meine verborgene Hoffnung den Weg in mein Herz –

Was soll ich sagen von einer Sehnsucht, die so heimlich und so gewaltig war, weil ich nie von ihr sprechen durfte und mich doch nicht eine Stunde von ihrer süßen und lockenden Gegenwart trennen konnte –

Ich versuchte, mir auch die Gedanken zu versagen, sie zurückzudrängen oder ihnen einfach ein »unmöglich« entgegenzusetzen, dessen Berechtigung nahe lag: Denn wie hätte ich auch im kühnsten meiner Träume glauben dürfen, man werde mich diesen Winter an denselben Ort fahren lassen, der in aller Augen so unglückliche Folgen für mich gehabt hatte.

Und deshalb auch wurden Zimmer in P. bestellt, wohin ich, unter aufrichtigsten Versprechungen, schließlich mit meinem Onkel und dessen jungen Söhnen abreiste. – Ich war sehr müde und glaubte, nichts zu wünschen als ein wenig Ruhe und sehr viel Sonne inmitten einer schönen Landschaft, der ich keinerlei Gefühle entgegenbrachte –

Aber schon in Chur ergriff mich leise Unruhe, freudige Bewegung machte sich ringsum bemerkbar, der frische Hauch der nahen Berge versetzte uns in eine entzückte Fröhlichkeit. Zugleich schmiedete Franz die ersten Pläne und erklärte, man könne Wolfgang und Lucy in einer Stunde Schlittenfahrt bequem erreichen, um dann mit ihnen gemeinsam Weiteres zu unternehmen – überhaupt seien seine sämtlichen Freunde in der Gegend verstreut, und wir sollten uns nicht etwa auf ein ruhiges Familienleben freuen. –

Ich antwortete, es sei mir nicht viel an Unternehmungen gelegen, aber bereits steckte darin eine feine Lüge, denn die Möglichkeit, Ena in einer Stunde zu erreichen, hatte mich mit beängstigender Gewalt ergriffen – noch gestand ich mir den Grund meiner Erregung nicht ein, aber ich war so gefangen davon, dass alles Andere daneben zu Belanglosigkeit herabsank.

Am nächsten Tag war es Franz, der mir kurz nach dem Lunch den Vorschlag machte, nach M. zu fahren – ich hatte darauf gewartet mit jener unerklärlichen Sicherheit, die uns oftmals die Entscheidungen erspart und vorwegnimmt, als hätte ein gütiges Schicksal unsere Schwachheit erkannt und helfe uns nun, seinen ohnehin bestimmenden Wegen schmerzlos zu folgen. – Mein Onkel war mit Teddy auf dem Eis und konnte uns deshalb nicht aufhalten, Franz aber brannte anscheinend darauf, seine Freunde in M. zu sehen, und redete von allerhand Verabredungen, die er treffen wollte, um der Langeweile dieses öden Nestes zu entfliehen. – Wir hatten inzwischen den Wald erreicht, der Weg begann zu steigen, wir aber liefen noch rascher, als gelte es, die Hügel in möglichst kurzer Zeit zu überwinden, und atemlos langten wir endlich am Rande des Sees an, der sich weiß und in der Sonne glitzern vor uns ausbreitete. Wir hielten einen Augenblick, und nun fühlte ich erst eine Beklemmung in mir, die bisher von der Eile des Entschlusses und von der Anstrengung unseres Laufs betäubt gewesen war. Ich versuchte, meine Gedanken zu sammeln, ihnen eine Erklärung abzuringen für mein Tun, die Angst der vergangenen Nacht kehrte wieder, und ich wusste nicht, ob es Not des bedrängten Gewissens war oder die Machtlosigkeit gegenüber diesem Bösen und Starken, welches meine Sehnsucht hieß –

Ich wiederholte die Worte »ein Böses und Starkes«, und es schien mir sinnlos – und ich fuhr fort: »welches meine Sehnsucht ist«, und darin war Süße und Schwere des Augenblicks, vereint mit der kaum zu ertragenden Spannung eines Kommenden. Die Landschaft war mir vertraut, ich fühlte mich mit ihr verbunden, und lauschte: ob daraus keine Sicherheit kommen wolle, und weil ich doch glücklich war (irgendwo hatte die Angst keinen Zugang gefunden), so sagte ich, dass ich ein Recht hätte, oh gewiss, ein Anrecht auf Sehnsucht und ein Recht, ihr zu folgen . . . Aber ein Recht zu haben war so sinnlos, es erschien mir sogar lächerlich und beschämte mich auf eine sonderbare Weise –

Wir hatten unterdessen auch den letzten Teil des Weges zurückgelegt, und ich wunderte mich, dass ich so ehrlich mit meinen Gedanken rang und doch keinen Augenblick zögerte, weiterzugehen: Als gelte es gar nicht, etwas zu verhindern . . .

Am Eingang des Hotels ließen wir uns die Ski abnehmen, die schwere Drehtüre wurde in Bewegung gesetzt, und in der Halle verabschiedete sich Franz eilig von mir: Ich würde sicher Bekannte finden und mit ihnen Tee trinken, und wenn es mir recht sei, könnten wir uns um sechs Uhr beim Autobus treffen.

Damit war ich plötzlich allein und meiner eigenen Entscheidung überlassen. Ich fühlte es jäh wie ein Erbleichen und sah unsicher nach allen Seiten, als suchte ich etwas, um mich daran festzuhalten. Der Concierge, dem ich mich zuwandte, erkannte mich und fragte nach meinen Wünschen – und ich wollte ihm antworten, aber ich merkte jetzt erst, dass ich am ganzen Leib zitterte: Meine Stimme war unnatürlich heiser, als ich nach Enas Zimmernummer fragte. Dann folgte ich dem Mann mit den Augen, unbegreiflich schien mir, dass er meine Frage mit Selbstverständlichkeit aufnahm, seine Hände griffen nach einer Schachtel, und zugleich antwortete er: »Warten Sie – ich glaube es ist Nr. 510 –, richtig, hier haben wir es.« Er nahm einen rechteckigen Zettel aus der Schachtel und fügte hinzu: »Soll ich anfragen, ob Frau Bernstein oben ist?« Mit großer Anstrengung sagte ich, es sei nicht nötig, und ging die Stufen der Treppe hinunter. Vor dem Lift blieb ich stehen, und läutete. Auch dabei zitterte meine Hand. Vor meinen Augen verschwamm das bewegte Leben der Teestunde, Stimmengewirr schlug an mein Ohr, ich sagte mir, das vielleicht Bekannte hier seien und mich verraten könnten, ja, ich hatte sogar die bewusste Empfindung, beobachtet zu werden, und es steigerte noch die qualvolle Spannung meiner Nerven. – In diesem Augenblick öffnete sich die Türe des Lifts, und eine Dame in weißem Mantel ging rasch am wartenden Boy vorbei. Ich erkannte in namensloser Bestürzung Enas klare und herbe Züge, und zugleich ergriff mich die strahlende Kraft ihrer Augen. Mir war, als müsse ich mich ihr entgegenwerfen, als müsse ich aufschluchzen in einer qualvollen Seligkeit –

Sie erkannte mich, überrascht trat sie auf mich zu, fragte wie mir schien mit gedämpfter Stimme, woher ich komme und ob meine Verwandte wüssten, dass ich hier sei. Ich antwortete »nein« und fühlte die Blicke einiger Damen, die sich an einem nahen Tisch nach uns umwandten. Aber Ena hatte inzwischen dem wartenden Boy gewinkt, sie schob mich in den Lift, und bevor ich zur Besinnung kam, waren wir, ich weiß nicht wie, in ihrem Zimmer angelangt.