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Amalie Senninger – Gedichte

Gedichte

Amalie Senninger, Gedichte, Staufen-Verlag Bad Reichenhall, 1913



Kann dichs wundern, dass der Honig
Duftet nach dem Raub der Bienen,
Dass Akazien und die Heide
Schlummern in den Tropfen drinnen?




Dies Buch soll eine Vase sein!
Ich steckte manche Blume drein,
So wie ich sie am Wege fand,
Im Haus, zu Wasser und zu Land.

Ich stell sie leise auf den Tisch,
Wär ihres Schicksals gern gewiss.
Blick heimlich durch der Türe Spalt,
Weil ja dem Strauss mein Bestes galt!

Und seh ich Hände zart und fein.
Draus suchen eine Blume klein
Als eines Weges treue Zier –
Dann rötet sich die Wange mir.


Leise.

Wer vom Glücke spricht
Der juble nicht!
Geb schüchtern nur Kunde,
Dass im Hauch vom Munde
Die Luft sich kaum regt,
Nicht mehr sich bewegt
Als der Waldes-See,
Wenn er tränkt ein Reh!

Dorfbild.

Ging Abends spät ein Dörflein entlang,
Es war ein seliger Abendgang.
Trauliches Licht erhellte die Räume,
Fast dacht ich zurück an Märchenträume.
Kein Vorhang senkte die schweren Lider,
Hinter Fenstern das Glück war zu ehrlich und bieder.
Was da ich erschaut, o könnt ich es fassen
Und manchmal verteilen in Grosstadtstrassen.
Das wären wahrhaft fürstliche Gaben,
Fenster, die noch eine Seele haben!

Der Künstler.

Er wollt seine eigenen Wege gehn,
Da blieben die Andern verwundert stehn:
»Unsere Strasse ist breit und wohlgekehrt,
Doch dein Pfad ist mit Steinen versperrt.
Hier blühen am Wege viel Blumen fein
Margriten, Glocken, Vergissnichtmein!« –
Der Wandrer hört nicht die Stimmen vom Tal.
Über Felsengeröll, über Schlünde und Wall,
Hinan durch den Schnee, durch Schluchten und Eis
Ringt die zitternde Hand nach dem Höhenpreis.
Vom Gipfel der Kunst pflückt er sich zum Ruhme
Mit trunkener Seele die Gletscherblume.
Im Tale hat er sie hingelegt,
Da haben sie lang die Hälse gereckt.
Sie brachten Lupe, sie brachten Stab,
Sie wogen mit Unzen, sie zählten ab,
Und wollten sie mit den Händen fassen
Denn die Blume wollt sich nicht gleichen lassen! –
Da hat ein Meister das Wunder erblickt
Und jubelnd die Blume ans Herz gedrückt. –
Erst als sein Hahnruf den Wert bekannt
Piepst Finklein und Meise: »Wie interessant!«

Wegfrage

Stolz sprach er: »Eure Wege sind nicht meine.«
Und lächelt auf den breiten Weg hinab,
Und ging fürbass die selbstgewählte Strasse,
Der seine Seele erst Gestaltung gab.

Er ging – nicht lange; er ward müd des Pfades,
Sein Aug ertrug die seltnen Bilder nicht,
Ihn schwindelte, ihm fehlte Wotans Rabe,
Ihm fehlte Wotans Aug fürs Firnenlicht.

Und jauchzend grüsste er des Weges Ende,
Das eine tiefe Schlucht von drüben trennt –
So löste er des Brückenbaues Frage,
Dass über ihm der jähe Abgrund gähnt. –

Votivstein.

Im Dorfe die Seelen voll Reueschmerz
Der Sünden dachten, des Heilands Herz.

Sie liessen mauern Stein um Stein
Ein Eisengitter, ein Kettlein drein –

Und hinter den engen Gitterstäben
Sollt nun die ewige Liebe weben.

Sie stellten ihr duftende Blumen hin,
Ein brennend Lichtlein mit frommen Sinn.

Wie waren sie eines Morgens entsetzt,
Die Zelle verschlossen und unverletzt,

Die Liebe aber, die allen geboren
Hatt' sich einen anderen Platz erkoren, –

Hing frei an der Eiche im Sonnenschein
Und lud eine Welt zu Gaste ein! –

Bitten.

Ich bat die Einsamkeit:
»Nimm bei mir Platz,
Führ mich zum Schatz,
Führ mich in die Berge,
Ins Reich der Zwerge.
Führ mich zum Tanz,
Zeig den Erntekranz!
Führ mich in den Saal,
Zum prunkenden Mahl;
Zeig mir ein Reh,
Einen ersten Schnee!
Wie zwei sich küssen
Möcht ich schnell wissen;
Lass mich sehen,
Soldaten gehen –
Vöglein, die minnen,
Mädel, die spinnen,
Die Blumen des Mai. –
Schaff das mir herbei
Ins stille Stübchen,
Wie Amor dem Bübchen,
Verbind mir die Augen –,
Die heut nichts taugen!

Wünschen.

Mich lockt es nicht auf goldnem Grunde
Madonnengleich gemalt zu stehn,
Die Luft bewegt nur sanft und linde
Von kleiner Engel Flügelwehn.

Will nicht, dass zage Menschenkinder
Ihr Bestes blutend opfern mir,
Das Mea culpa armer Sünder
Ist mir ein Stammeln wild und irr.

Ich will von einem Hintergrunde,
Den rauh und grell das Leben malt,
In scharfem Risse ab mich heben
Als eine herbe Kampfgestalt.

Umtost vom Sturm, in Feindesspeere
Des Winkelrieders Gasse ziehn,
Durch die die zagen Menschenseelen
Dann leichter in die Freiheit fliehn!

Sonnen-Untergang.

Das ist ein königliches Sonnenscheiden,
Ihr stolzes Sinken in die Felsenbrust,
Das ist ein Jubelhymnus fern von Leiden,
Das ist, wie wenn nach höchster Erdenlust

Im Liebeskusse sich zwei Menschen trennen,
Auf ihren Wangen noch des Feuers Schein,
In ihren Augen noch dasselbe Sehnen
Wie auf dem rötlich flammenden Gestein.

Bergfahrt.

Er hat den Berg zur Hälfte schon erstiegen.
Zwergkiefern eng sich an die Felsen schmiegen,
Daneben glühn in buntem Farbenmeer
Ums Bergesmieder Alpenrosen her.
Draus hebet duftig in dem schneeigen Blust
In keuscher Reine sich die Felsenbrust.
Der hat man hier in kindlichem Befangen
Den Herrn am Kreuz als Schmuckstück angehangen.
Im Reich der Schönheit, in dem ewigen Schweigen
Vertiefter sich des Heilands Qualen zeigen.
Den Wanderer fasset ein Erbarmen heiss,
Er zieht die Nägel aus den Malen leis
Und legt den Herrn aufs Alpenrosenbett,
Löst Steinbrech, Raute, Nelke vom Bouquet
Und streut mit Blumen seine Wunden zu.
»Den Menschen fern o Herr, schlaf hier in Ruh!
Wie kann der Welt das grosse Ostern kommen,
Da sie dich heut noch nicht vom Kreuz genommen?«

Uferbilder.

In einen Nachen am Uferrain
Stiegen nachts die Nixen ein.
Sie banden ihn von der Kette los
Und setzten sich wiegend in seinen Schoss.
Und schaukelten hin und schaukelten her,
Dies Spiel aber war nicht des Alten Begehr,
Sie mussten den Spass, wie die Menschen, bezahlen.
– Sind zum erstenmale ins Wasser gefallen.


Ich sah einer Welle
Auf den Grund.
Da öffnet eine Muschel
Den zarten Mund.

Drin lag eine Perle
Im bläulichen Licht,
Ein Glück – eine Träne –
Ein süsses Gedicht!

Wunden.

Ein Heiland, liegt die Erde da –
Wo dein Stahl sie verwundet,
Entwachsen ihr Ähren,
Entspriessen ihr Blumen,
Entspringen ihr Quellen,
Entrieselt ihr Erz und Gestein –
Du selbst gehst in einer der Wunden
Zur letzten Ruhstatt ein.

Knechtung.

Sie hatten ein Lied in Fesseln gelegt,
Weil eine Hexe darin sie entdeckt.
Als sie zur früh in den Kerker gegangen,
Lagen die Ketten in rosigem Prangen
Losgeschmiedet am Stein!
Droben am Himmel in strahlender Wehr
Schritt neben der Sonne ein Engel her!

Spruch.

Wer in die Krippe der Künste
Kein Christkind legen kann,
Lass' leer sie stahn!

Nester.

Hab' ein Nest am Eichenwipfel.
Bebt in meiner Faust der Speer,
Schlägt das Herz mir unterm Schilde
In dem Nest liegt Mut zur Wehr.

Einen Horst am Felsgehänge
Baut ich. In des Tales Geist,
Der mich drängt, schlag ich die Fänge,
Bis ihn meine Kraft zerreisst.

Hab ein Nest, das Nest der Schwalbe;
Wenn ich krank und müde bin
Breit ich meine Wanderschwingen
Über seine Ufer hin.

Noch ein Nest will ich mir bauen,
An des Grales heiliger Statt,
Dorthin hol ich meine Taube
Nach der Liebe Montsalvat.

Ein unbescheidenes Veilchen.

Ein kleines Veilchen bat einen Strauch:
»Bitte, bitte schütz mich doch auch!
Es friert, du hast noch alte Blätter,
Das ist doch wahrlich kein Frühlingswetter« –
Da raschelts zu Boden auf Veilchens Haupt
Und Veilchen ward tüchtig eingelaubt.
Schon kam die Sonne am nächsten Tag,
Das Veilchen unter der Decke lag.
Nun schmollt es: »Nimm deine Blätter zu dir,
Ich fühle die Sonne, der Lenz ist hier« –
Der Strauch aber schüttelt erbost sein Haupt:
»Die Sonne nur dem, der an Sonne glaubt.«

Lichtpunkt.

Am Saum eines Tannenwaldes
Steht ein blühender Kirschenbaum –
Wie kommt der finstere Geselle
Zu einem so lichten Traum?

Wem in des Lebens Dunkel
Solch Baum beschieden ist
Kann dankend zum Herrgott treten,
Der ihn auf die Stirne geküsst.



Im Holze ferner Äxte Schlag,
Wehe dem Baum, den es treffen mag.

Dasselbe Handwerk – nur leise
Treibt einer auf seine Weise.

Bitte.

O, gebt mir nicht den stolzen Strauss zum Lohne,
Den Waldesluft und Sturm noch nie durchbebt,
Setzt mir aufs Haupt die schlichte Haidekrone,
Von der ich weiss, dass sie im Kampf gelebt.

Und grollt und faucht es um mich in Gewittern,
Beugt meine Seele sich in Leidenschaft,
Wird wohl mit mir der Kranz der Heide zittern,
Doch jauchzend siege ich in seiner Kraft!

Im Felde.

Draussen im Feld
Stehn rote Gedenken
Die Not beim Brod. –
Und das Brod und die Not
Ringen und schwanken,
Eng gesellt,
Bis Beides der Sichel
Des Todes verfällt! –

Gute Schule.

Den Frühling sehen
Ist leicht geschehen.
Bei Blumen im Garten
Brauchst nicht lang warten.
Nur glaub ich, es wissen
Hyacinthen, Narzissen,
Davon nicht viel
Sind des Gärtners Spiel.
Doch drauss bei den Föhren
Den Frühling hören
Das ist nicht leicht,
Gut, wer's begreift.
Da heisst's, sich legen
Auf seinen Wegen
Ihm an die Brust;
Ich habs gewusst,
Wie man das sacht
Am Besten macht! –
Wo den Stein die Sonne
Durchtränkt mit Wonne,
Wo aus den Ritzen
Die Blättchen blitzen
Und sich mein Ohr
Im Thymian verlor,
Da hörte ich sie
Die Lenzsymphonie!
Ich fühlt einen Meister,
Dirigieren die Geister.

Wer hat Grösseres ersonnen
Solch Akkorde gewonnen?
Die Unken im Moor
Sie mussten hervor,
Worauf Menschen treten
Hier war's gebeten;
Das gibt dem Werke
Just Riesenstärke!
O kommt doch studieren,
So ist zu kurieren
Im Tiefsten die Welt:
Wenn man Kleinstes gesellt Mit weisem Sinn
Zum Grössten hin,
Als Melodie
Zur Weltsymphonie! –


Seele, trachte Walküre zu werden
Auf der Kampfstatt dieser Erden!
Trag, wenn dein schönster Traum gefallen
Stolz deinen Helden zu himmlischen Hallen,
Dass er bei Wotan im Göttersaal
Deiner harre beim Freudenmahl!



Eine Amsel trug zu Neste
Hat genau den Bau durchdacht
Und aus Halmen mit dem Schnabel
Bündel sich zurecht gemacht.

Ganz gerade, Halm und Hälmchen
Wie ein artiges Packet.
Wüsst beim Nestbau oft im Leben
Wie zu Best' mans machen tät!

Höhenweg.

Jene Wege, die ich mit dir gieng,
Schreit' ich wieder in der eisigen Stille,
Einsam führt sie mich entlang mein Wille,
Nur der Schmerz an meinen Arm sich hing

Sehe dein und meine Schritte liegen
Wie in Marmor-Eisgehau'n vor mir,
Sieh, da stockt die Spur, du sprachest hier
»Unsere Liebe wird die Zeit besiegen,

Sie ist fern der Erde Niederungen,
Sie hat Höhe!« Auf der Stirn dein Kuss
Flammte wie am Berg der Sonne Gruss,
Deine Worte sprachen tausend Zungen.

Doch du tauschtest um die Höh die Gassen,
Du warst Meister unseres Weges nicht,
Wandelst in des Tales Dämmerlicht,
Ich nur kann von unserm Pfad nicht lassen.

Orden.

Der Mond und die Sonne sind Ordensstern
Von unserm lieben Gott und Herrn.
So hab ich es mir schon als Kind gedacht,
Und hab's bis heut nicht viel weiter gebracht.
Nur eines hab' ich inzwischen erlauscht,
Mir gegen so manches eingetauscht:
Dass der liebe Gott es richtig erfasst,
Was die armen Seelen glücklich macht,
Dass Jedem getreulich ein Sternenorden
In seinem himmlischen Reich geworden. –
Darum getrost, das sei euch bewusst,
Zu vielen Sternen fehlt noch die Brust!

Zwei Veilchen.

Ein Veilchen kam im Treibhaus zur Welt
Ward gebrochen und ins Wasser gestellt.

Im selben Glas schon ein Veilchen war
Mit herrlichem Duft, doch unscheinbar.

Die Zweie hatten kaum sich geschaut
Als das Grosse sich vor dem Kleinen graut.

»Wie kannst Du«, hat dreist es ihm zugerufen,
Ein Krüppel sein und betörend duften?«

»Ich habe«, spricht's kleine Veilchen laut,
Dem lieben Gott in's Auge geschaut,

Gefühlt der Erde Frühlingswonnen,
Geboren bin ich im Zeichen der Sonnen.

Als eine Fürstin vom freien Land! –
– Du bist nur Sklave der Menschenhand!

Die Vergangenheit.

Ich setzte mich oft der Vergangenheit
Auf den traulichen Schoss,
In ihrem Antlitz sah ich
Mein ganzes Erdenlos.

Hat der Runzeln viel und der Falten
Auf ihrer müden Wang,
Auch sah ich's, wie am Berge,
Dass hier ein Giessbach sprang.

Doch hat sie treue Augen,
Die sagen mir: »Ich bin Dein«,
Und so umarm ich sie dankend
Wie ein liebes Mütterlein.

Und mag mir die Stunde geben
Lachen und wonniges Glück,
Und mag mir die Zukunft sagen:
»Lass hinter dir alles zurück«,

Sie ist mir mehr als das Heute,
Mehr als die kommende Stund',
Ich kenne ihr Lächeln, die Tränen,
Jed' Falte an ihrem Mund!

Bestrafte Neugier.

Ein Fischlein hat sich hinausgewagt,
Im See hat es ihm nimmer behagt,
Wollt die Menschen ein Stücklein heimbegleiten,
Die im Kahne selig vorübergleiten.
Wo der Bach aus dem See tritt, harrt's voll Neid,
Schwamm mit des Weg's eine kurze Zeit,
Hat lauschend so manches von ihnen vernommen,
Ist gerne wieder zurückgeschwommen.

Die Linde.

Die Linde ist das beherzteste Weib,
Hat tausend grüne Herzen am Leib.
Ein jedes lebt, ein jedes webt,
In Sonnenglut und Sturm sich's regt. –
Und jedes geht, wenn die Zeit ist aus,
Mit dem letzten Pulsschlag selbst nach Haus.

Mein Haus.

Ich wohne in einem Gartenhause,
Der Lärm der Welt verhallt vor der Klause.
Nur der Glockenton kommt auf leisen Sohlen,
Wie der Liebste die ferne Liebe holen.
Und doch ist mein Haus oft am Markt, am Bronnen,
Inmitten der allerhellsten Sonnen,
Und ist's, als würd ihm in grellem Prangen
Eine weisende Hand als Schild anhangen:
»Ihr Leute, hier giebt es noch zu versuchen
Glaubens –, Hoffens – und Liebeskuchen.«

Zu Berg.

Ich hab' meine Seele zu Berg getragen
Und bat den Fels: O lehre ihr du
Der Sonne trotzen, im Sturm nicht zagen,
Wie hart man wird und in seligen Tagen
Doch Blumen vermag und Lieder zu tragen.

Das tägliche Brot.

Ein Meister ging einem Felde vorbei,
Kopf ab, ihr Ähren, eins, zwei, drei! –
Da raunt's aus den Halmen: »Mit Vergunst,
Geht denn nach Brot nicht auch die Kunst?« –

Schicksal.

Ein Krebs, der seine Schale verlor,
Kam sich im Bache recht hilfslos vor –
Er wusste, am Ufer bei Gras und Gestein
Wird sicher schützendes Obdach sein,
Das ihn so lange sorgsam versteckt,
Bis wieder neues Gewand ihn deckt –
Wenn Menschen sich häuten, ist das oft schwer,
Wo käm die verkrüppelte Schale sonst her?

Ein guter Freund.

Abend war's, die Dämmerstunde voll
Aus den Gründen weisser Nebel quoll.
Droben gold'ne Wolkenflöckchen flogen,
Wo Frau Sonne just war heimgezogen.
Schon begann des Waldes Kleid zu dunkeln,
Nur am Rand die weissen Birken funkeln.
Durch den Tann wie eine graue Schlange
Zieht die Linie sich vom Schienenstrange.
Plötzlich durch das trübe Dunkel bricht
Zweier Augen tröstlich helles Licht
Und ein Mund, tiefatmend, weist getreu,
Wie so schwer die Last den Schultern sei.
Wie ein guter Freund in tiefer Nacht,
Wenn das Grauen heimlich in uns wacht,
Kam vertraulich er einhergegangen,
Hat mich bald mit warmen Arm umfangen,
Nahm mich mit – dem Licht des Städtchens zu:
Hätt' ich mehr der Freunde – so wie du!

Lichtlein.

Möcht im Leben gern ein Lichtlein haben
Wie man's drinnen in der Kirche pflegt,
Aber ach, das sind des Gottes Gaben,
Rammen, die von keinem Hauch bewegt
Einem Grossen, Bleibenden nur dienen.
Uns, den Wanderkindern dieser Zeit
Ist bald Feuersbrand, bald Aschenglimmen,
Blitzeszucken und bald Nacht bereit. –
Sie sagen, die Rose sei Königin!
Das wollte mir nie recht in den Sinn.
Es ist eine Königin ohne Reich
Und ohne Vasallen den Bettlern gleich.
Ich möchte draussen im Roggen sein
Mohnblume – da heimste ich Ehren ein,
Da beugten wertvolle Köpfe sich
Gedankenreiche, tief um mich.
Auf schwankem Stengel im goldenen Haus
Zur Rechten und Linken teilt Gnaden ich aus.
Ob der Wind mir den Purpur auch pöbelhaft raubt,
Nur stolzer noch schwillt mein königlich Haupt.

Seele hab Acht.

Der Schnee liegt tief auf deinen Fluren,
Ich sah im Frühschein schon Raubtierspuren,
Deine Liedertauben trauern auf tiefem Ast,
Scheuch sie auf, scheuch sie auf zur Gipfelrast.


Ich habe mich in den Wald versetzt
Und habe ein Lied zu Tode gehetzt
Als ich dann auf die Strasse gegangen.
Ist es an meinem Arm gehangen!

Sehnaucht.

Ich möchte zu dir eine Brücke schlagen;
Ein Regenbogen müsste sie sein.
Man geht auf dem strahlenden Pfad wohl zum Himmel,
Doch wieder vom Himmel zur Erde ein!

Siam Orchideen.

Kaum wag ichs, meine Hand nach euch zu heben,
Ihr vegetiert nur hier – träumt fernes Leben.
Ich weiss, was sehnend eure Häupter füllt:
Im einem Tempel Buddhas Götterbild.
Ein Herze, das sein Klopfen offen trüge
Zur Schau, wenn machtvoll sich ihm naht die Liebe,
Und das im süssen Duft von eurem Strauss
Vorm Gotte breitet seine Liebe aus! –
Dass ihr in seines Schülers Hand euch neigt,
Der vor dem Wissen dieses Schweigers schweigt-
Vielleicht wollt in des Sarongs leichtem Schwung
Ihr Mädchenbluten zollen Huldigung?
So wirds wohl sein. Bleibt in der Treibhauswelt,
Damit ihr nicht dem grauen Tag verfällt;
Dort träumt sichs leichter – ist doch Tropenluft
Und Träumen einzig dankt ihr noch den Duft!

Engel.

Ihr glaubt an Engel nicht, ihr wollt sie sehn;
Und doch viel Engel in der Seele stehn!
Ihr liebt sie nur, wenn ihre Flügel lind
Ihr streicheln könnt, wie's Püppchen fein das Kind.
S'ist das Geheimnis ihrer Meisterschaft,
Dass Locke nicht, noch Flügel man errafft.
Man fühlet sie nur durch die Seele gehn
Und nur im Fühlen kann man sie verstehn!
Sie breiten oft sich aus wie Abendrot,
Wie Glockenton bei einer Liebe Tod.
Sie rauschen oft, als wäre leiser Föhn
Im Land der Seele – oder Sturmeswehn,
Wie Sterbelaute drauss im Wald vom Reh,
Als ob durch Blumen hold die Sichel geh,
Als ob die Grille zirpte drauss im Feld,
Die Ähre sich der Ähre beigesellt,
Als ob der Falter unbewusst nur trüge
Zur Blume einer fernen Blume Liebe –
Das ist der Engel Sprache – lernt verstehn
Das Feinste lässt sich nicht mit Händen sehn!

Der Welle Tod.

Was kund mir ward an einer Uferstelle:
Mutwillig hört' ich klopfen eine Welle
In kecken Schlägen an den morschen Kahn –
Weil dem, der klopfet, auch wird aufgetan,
So Hess das alte Brett sich denn erbitten
Und schleichend ist die Welle eingeglitten.
Da lag sie nun – ihr Sehnen war gestillt;
Doch nimmermehr als Welle, die gekühlt,
Bewegt vom Winde an den Kahn geschlagen,
Ihr ist der Tod genaht – die Bretter tragen
Sie ausgestreckt wie eine kleine Leiche
Im Sarge – mitten in dem Schwesternreiche.

Vor den Bergen.

Wenn das Dampfross mich in die Berge trägt,
Hör ich, wie wild seine Flanke schlägt.

Und die Menschen seh ich, den Blick gebannt.
Überwältigt und stumm, an die Felsenwand,

Wie Zwerge vor Riesen in Staunen und Bangen
Mit Grossem wissen nichts anzufangen.

An die Zähne bewaffnet, manch Kind der Zeit
Versucht sich an der Vergangenheit,

Ihm gilts einen Kampf gen Todesgewalten,
Der Berg aber lächelt: »Wer grault meine Falten?«

Der Menchengeist.

Der Menschengeist ist eine blühende Wiese,
Die Blumen, Gräser drauf sind die Gedanken.
Mag auch der Kundige beim Pflücken schwanken,
Was sich bald hier bald dort zum Strausse schickt,
Das Pflücken ist des Erdenkindes Pflicht,
Das Wählen ist verfeinertes Geniessen;
Doch ist das Mähen seines Amtes nicht
Sah manchmal manchen hoch vom Erntewagen
Nach leeren Wiesen schaun mit leeren Augen!

Ich liebe die Ferne.

Ich liebe die Ferne,
Sie glättet die Falten,
Sie dehnt die Seele,
Die grausam der Tag
Zerknüllt und gepresst.
Und was er geschrieben
Mit dunklen Tinten
Auf ihr Gesicht,
Dorten verschwimmt es
In fernem Lichte
Wie dunkle Farbe
Verfliesst in den Wellen.
Auch Lieben und Hassen
Die, kaum geboren,
Tyrannen oft werden,
Haben in Weiten
Mildere Augen,
Sie werden klüger
Und weiser regieren.
So ist auch der Weisen
Weisheit die Ferne.
Vom Glücke das Schönste
Verbleibet dem Schosse
Der ewigen Sterne.

Von Einem, der auszog, die Schönheit zu suchen.

Ist einer ausgezogen, die Schönheit sich zu suchen,
Er hatte Lupe und Elle, einen Löffel sie zu versuchen.
Sie selbst lag hold am Wege, vom Himmel gefallen ein Kind;
Er aber stolperte drüber, als sei er völlig blind.
Da fühlt ein tief Erbarmen mit ihm die Schönheit licht
Und stellt sich vor den Armen, zu dem sie lachend spricht:
»Ich sass am Tor des Städtchens auf der Wange des Knaben hold,
Sahst du mich denn nicht malen das Armenfenster in Gold?
Aus Berg und Tal und Blumen hab' selig ich gelacht.
Geh' heim mit den Instrumenten, so wird es nicht gemacht.
Man nimmt ja doch die Schönheit mit Löffeln niemals ein,
Misst sie nicht mit der Elle, noch mit der Lupe fein.
Sie muss, wie der Fisch der Angel, verbleiben deinem Blick
Und malen auf deine Wange ihr bestes Meisterstück.
Das ist für dich die Quittung, seit Ewigkeit erdacht,
Wenn sie von der Wange dir leuchtet und aus dem Auge lacht.
Kauf du beim Krämer, Geselle, was immer dir tut not
Und lasse dirs taxieren nach Unzen und nach Lot!«

Herbstglück.

Freue sich, wer einen Herbstestag
Voll in sich zu erleben vermag,
Wem stolze Georginen blühen,
Wem lodernde Hirtenfeuer glühen,
Wem fruchtbeladen die Garbe winkt,
Die Edeltraube vom Stocke blinkt,
Wem nach späten Gewittern ein Regenbogen
Kommt als köstliche Brücke gezogen,
Zu wem ein liebender Mund noch spricht:
»Ich führ dich durch Flocken, fürchte dich nicht!«

Meine Seele.

Meine Seele die hat Mignons Augen,
Meine Seele hat ein Harfenspiel,
Sitzt am Abend müde bei den Flammen,
Sagt mir, dass sie morgen wandern will.

»Bleib doch«, bitt ich, »kommen bessere Tage,
Breitet sich vor dir des Südens Glut,
Dass dein krankes niegestilltes Sehnen
Wie ein Kahn auf stillen Wassern ruht.

O, wie gern schaff ich dir Lorbeerhaine
Von Zitronen blühend einen Haag,
Einen Brückenbogen deinen Träumen
Drauf des Mittags heiss die Sonne lag.

Bringe dir ein Schiff mit weissen Segeln,
Möven und des blauen Meeres Strand,
Marmor aus Cararas Felsenbrüchen
Einen Meissel, eine Künstlerhand.«

Drauf die Seele: »Fern nicht liegt mein Sehnen.
Öffne jener Mannesseele Tor,
So schaffst du dem Auge Wonnetränen,
Meiner Harfe einen Engelschor!«

Die Dämmerung.

Der Tag sprach zur Nacht: »Den Augen, den Seelen,
Es schadet, wenn plötzlich wir uns gesellen,
Den Kindern des Lichts tut es ebenso weh
Wie den Kindern der Nacht, wenn ich neben dir steh.
Drum lass uns vereint eine Brücke bauen,
Dass Nacht und Tag sie gemütlich verdauen.«
Den Menschen ward diese Brücke lieb,
Ja, ihr Liebstes oft auf der Brücke verblieb.
Und Dinge, die Licht nicht noch Nacht vertragen,
Täten sie klug auf die Brücke tragen.
Wo nähme die Welt ihre Märchen her,
Wenn nicht die Brücke der Dämmerung wär?

Herd Rauch.

In einsamen Bergen ein armes Haus,
Rauchwolken ziehn lustig zum Fenster hinaus,
Steht Hassen und Lieben
Darin geschrieben! –
Hab schon viel Herde im Leben gesehn
Und dachte, sie müssten in Flammen stehn.
Sah oft gar bald,
Dass die Esse kalt.

Sprüchlein.

Manches Ding auf Erden
Will im Galopp genommen werden,
Nimmt man eine Schnecke als Pferd
Wird's in den Kot gezerrt.

Glück.

Netze sah ich hangen
Drauss im Sonnenschein,
Fischlein sah ich gefangen,
Konnten nicht schöner sein.
Warf oft in Wind und Wellen,
In Sonne, Meer und Sand,
Hinauf bis an die Sterne,
Hinein ins Menschenland
Mein Netz – und leer ist's geblieben
Trotz aller sehnenden Not –
Dafür lag oft ein Fischlein
Neben dem täglichen Brot.

Zwei Tannen.

Zwei Tannen stunden am Wegesrand,
Da erbat die eine der anderen Hand.

»Mein Lieb, sprach die andere, es kann nicht geschehn,
Noch müssen zwei Lenze zur Erde gehn,

Mein Finger reicht an den deinen kaum,
Fest muss man sich halten, das weiss jeder Baum.«

Als der Frühling zweimal ins Land gegangen,
Da haben sich bräutlich die Beiden umfangen;

Als wieder zwei Lenze umgewesen,
Sass am Raine ein Mann und band Reiserbesen.

Dem flüstert die Eine ins rechte Ohr,
Indess die andere sich's linke erkor,

»Nimm unsere Arme, sie sind zu lang,
Wir stören uns auf dem Werdegang.« –

Der Mann Hess sich das nicht zweimal sagen,
Hat die liebenden Arme abgeschlagen. –

Stylgerecht.

Zu meiner Seele führt ein gotisches Tor,
Ich war erstaunt, dass sie den Styl erkor –
Wohl war ich seines Wertes mir bewusst,
Doch hätt' ich mir was anderes gewusst.
Schon in der Jugend konnte ich's verstehn,
Dass Fauste nicht zum Münster wollten geh'n.
Ich wünschte Säulen, drauf den Architrav,
Wie einen edlen Traum auf sonnigen Schlaf.
Da sprach die Seele: »Muss't mir's überlassen,
Und meinem Style eben an dich passen!
Musst lernen, meinen Formen dich zu fügen,
Und kannst dich nicht in griechischen Träumen wiegen.
Geh'n wir nicht selbe Bahn, sind wir nicht echt,
Und Jedes fühlt, dass wir nicht stylgerecht.

Täuschung.

Eng an den First des Dach's von einem Hause
Ein Berg, gekrönt mit Schnee, scheint sich zu schmiegen,
Es prahlt das Haus: .Ich bin des Berges Klause« –

Ich hör's in diesem Wahn betört sich wiegen. –
Ein Gleiches hab' bei Menschen ich erlebt,
Sie schienen an des Höchsten Brust zu liegen,

Mit stolzen Felsen trotziglich verwebt,
Als wollten innig sie sich ihnen mischen,
Als hätt' auch sie ihr harter Puls durchbebt.
Doch ein Stück Welt liegt hier wie dort dazwischen.

Spruch.

Geboren werden und sterben
Sind Einbanddecken nur zu einem Buch –
Schaff' du in die Mitte den rechten Spruch!

Frühlingszweige.

Hab' Frühlingszweige mir vor wenig Tagen
Vom Walde lenzbewegt nach Haus getragen.
Die Blattchen waren noch in Seidenhülle.
Es reizte mich, dass ich den Frühling spiele
Und stellt die Zweige in ein laues Bad,
Wie man es einstens mich geheissen hat.
Die Sache ist mir trefflich auch gelungen,
Das braune Bollwerk hatt' ich bald bezwungen,
Die Blättchen waren früh schon ausgeschlüpft
Und ich bin selig drum herumgehüpft.
Und jubelnd hielt ich auf das allerbest
Vor Ostara ein zartes Frühlingsfest.
Als nächsten Tags die Blätter ich besehn,
Tät ich vor armen kleinen Leichen stehn,
Und zürnend könnt ich in den Mumien lesen:
»Bist uns doch ein Betrüger nur gewesen.«
Das sah ich ein. Zur Seele sprach ich dann:
»Wohl schmerzlich ficht dich jetzt Erinnern an?
Was ich getan, das ist an dir geschehn.
Wie sollst du gläubig in den Frühling sehn?«

Asche.

Tanne, so hast du dein Bestes gegeben:
Den Augen einst Freude,
Dem Müden Schatten,
Den Vöglein Rast.
Trugst Schnee auf den Armen
Und Sonnengluten,
Warst Spielfreund des Sturmes,
Der Liebe ein Mantel,
Dem Herde das Feuer;
Zum täglichen Brot
Die wärmende Flamme;
Verglimmend fülltest Mit Märchensehnen
Du Kinderherzen,
Und weihtest als Priesterin
Im Kusse zwei Seelen.
Du schlössest die Augen
Nicht um zu verderben,
Nur selig zu sterben!

Triolett.

Was nennest du denn Leben
Ein ewiges Verneinen?
Zum Vollwert Leben heben
Heisst kräftig drein verweben
Das Weigern und das Geben,
Das Lachen und das Weinen –
Was nennest du denn Leben
Ein ewiges Verneinen?

Frühlingsfreude!

Ach wie muss doch
Schönheitstrunken
Sein der Frühling,
Weil der Erde Falten, Höcker,
Er in lichte
Blumen kleidet,
Bräutlich schmücket,
Dass er seiner
Alten Liebe
Vor den listigen
Menschenaugen
Nimmer sich zu
Schämen brauchte.

Neuer Schienenweg.

Hart am Wald flog nun der Zug vorbei:
Wenn er nahte, zitterten die Bäume,
Nächtens störte roh er ihre Träume,
Sprach die Tanne: »Welche Art das sei?

Wenn der Lenz doch käme! Grüne Sprossen,
Fingern gleich mir an die Arme webte,
Drin das feinste Leben tastend bebte,
Wollte kühnlich ich und unverdrossen

Mit dem Arm das Ungetüm berühren,
Um zu prüfen, ob im Menschenland
Frevelnd man dem Teufel sich verband,
Unsern Tempelfrieden zu entführen!« –

Eines Lenztags hing an einem Faden
Seidner Rinde die vermessne Hand,
Und die Tanne weinte in den Sand,
Weil der Wald nicht mehr von »Gottes Gnaden«.

In Ruhla.

Herr Schmied, Herr Schmied,
Euer Feuer glüht,
Leiht Hammer und Amboss mir!
Ich hab' ein Ringlein, es ist zersprungen.
Ich hab' ein Lied, das nicht recht geklungen,
Ich hab' eine Kette, die mich beschwert,
Ich hab ein Schwert, das sich nicht bewährt.
Und mein Herz will ich schmieden, bringt's der Liebe auch Schmerz,
So hart soll es werden, wie des Landgrafen Herz.

Die Pfauenfeder.

Hast du der Pfauenfeder schon ins Aug' gesehn ?
Vom Paradiese sah ich drin ein Wörtchen stehn.
Ich glaube, dass der Pfau' ganz in der Nähe sass,
Als Adam mit der Eva einst den Apfel ass.

Am Ufer.

Wir standen am Seegestade,
Du hieltest meine Hand
Und sprachst: »Mein Bild ohne Gnade
Im gnadenreichen Land! –«

Ich sagte: »Dir fehlen die Augen!
Meine Liebe kümmert im Licht,
Die Tiefe nur kann ihr taugen,
Drum zürne der Nixe nicht!« –

Bei Petrus.

Ein dünnes Fingerchen klopft an die Himmelstür,
Sankt Petrus hört es kaum, kommt zagend nur herfür.
»Du bist's, drei Tage schon warst du mir annonciert,
Wo bist du denn inzwischen nur herumgeirrt?« –
Spricht's Kindlein drauf: »Beinahe wär ich nicht gekommen,
Zwei Hände haben mir die Flügel weggenommen,
So musst zu Fuss ich gehn, wie sollte ich denn fliegen,
Da doch die Schwingen noch am Schoss der Mutter liegen.«


Übern Tannenwipfel schwebt
Krächzend eine Rabenschaar,
Die sich senkt und wieder hebt.

Und ich fühl's, am Stamm gelehnt,
Wie der Baum erbebt und schauert
Rasch sich neigt und wieder dehnt,

Weisend, dass kein ruhvoll Bette
Er für solche Gäste habe,
Keine nächtlich freie Stätte.

Wie ein Alp, wenn's ringsum dunkelt,
Würden sie den Traum ihm stören,
Drein das Sternlein freundlich funkelt.

So, umkreist von schwarzen Mächten,
Sucht die Seele sich zu retten,
Eh' sie sichtend sie umflechten.

Heimat.

Sage mir Einer, was immer er wolle,
Der Geist der Heimat liegt nicht in der Scholle.
Sie wird zum schmerzlichsten Anblick bald,
Mit leeren Augen eine teure Gestalt,
Wenn liebe Hände uns nicht mehr drücken,
Nicht auf sich richten gebeugte Rücken,
Zu küssen uns auf die Lippen warm,
Wenn nimmer uns winket der Liebe Arm.
Wenn nimmer dort blinken die Schläger vom Bett,
Die grellen Blumen vom Willkommbouquet;
Wenn die Treue, die nie gelohnet ein Orden,
Nicht spricht mehr: »wie bist du so gross geworden!« –
Sieh, darin liegt Heimat – in lieben Augen.
Ist die Scholle blind – kann sie nimmer taugen.

Ludwig Richter.

Im Herzen ist dir ein Altar geweiht,
Wo dankend opfert eine Mädchenschar,
Ihr Angesicht birgt sich im Lockenhaar,
Im Kinderaug steht dir dein Lob bereit.

Feldmohn, Cyane, Ernte, Lenzeszeit,
Die Dämmerung, Flammenknistern, Frostnacht klar,
Bratapfelduft, das Stroh der Krippe gar
Taucht deine Hand uns in ein freundlich Kleid.

Was hast du Schöneres, Besseres, deutsches Herz?
Das ist ein Schatz, der trotzet jedem Sturm,
Das ist ein kugelsicherer, stolzer Turm,

Den Richters Kunst dir einstens hat gegeben,
Um Jedem richtet sie im Erdenleben,
Die Blicke aus dem Staube himmelwärts.

Dir.

Du bist ein stilles Dörflein im Abendlicht,
Bist eines jungen Herzens Liebesgedicht –
Du bist zum heiligen Abend der erste Schnee,
Bis eine erste Träne, ein erstes Weh.
Du bist die klare Quelle dem heissen Blut,
Ein Strauss von Alpenrosen dem Jägerhut,
Du bist zu meiner Krippe der Weisen Stern,
Ich folge deinem Lichte und lob den Herrn!

Merksprüchlein.

Auf des Buches Titelblatt
Das von Fraw Griseldis sprechen tat,
Zu Strassburg gedruckt, da man zählet der Jahr,
Fünfzehnhundertzwanzig gar
Steht droben: Kaufs, lyses, du wirst's loben.
Liebster und Liebste sinnt,
Dass ihr mir dies Sprüchlein verdient!

Die Sünderin.

Ans Höllentor war ein Weiblein gekommen,
Gar runzlich und alt! – Was sollst du uns frommen?
Du hast dich gewiss nur hierher verirrt
Weil auf Erden dich Keiner in den Himmel geführt.
Sprach der Pförtner: »Gieb deine Papiere her!«
Auf tut sich das Tor! »Ist uns eine Ehr!« –

Spruch.

Mit der Gegenwart raufen,
Das Vergangne sich kaufen,
Zur Zukunft es wagen,
»Wer da« zu sagen –
Dem Mann, der so tut
Sei gut!

Wandlung.

Ein Falter mit lichtem Flügelpaar,
Von Grab zu Grab geflogen war.
Er sass auf den Blumen rings herum,
Doch alle Gräber lagen stumm.
Nur dort ein Mädchen kauert gebückt,
Hat die Lippen auf die Erde gedrückt.
Und aus den Augen todesbang
Die Träne auf die Blumen rann.
Da flog der Falter voll Neugier herbei,
Er wollte wissen, wess Grab das sei,
Und hat sich durch Rosen darüber belehrt
Als Trauermantel abgekehrt.

Rat.

Sie wissen ein Pflaster auf alle Wunden,
Kraut und Kräutlein, dass sie gesunden!
Der Frühling, der Sommer stillt manches Weh,
Doch das grösste Heil liegt, glaubt mir, im Schnee.

Salzburg.

Mein Salzburg, immer schöne
Und ewig junge Stadt,
Sag« mir, woher dein Antlitz
Die stolze Jugend hat.

Sind's Paracelsus Geister,
Ist's Mozarts Flötenlaut,
Ist es, weil du der Alpen
Bräutlichen Kranzes Braut?

Ist's, weil in edlen Zügen
Manch Meister dein gedacht?
Des Südens leuchtend Denken
Dir von der Stirne lacht.

In deiner Gassen Falten
In deiner Plätze Schild,
Sieht man dich lieblich walten
Ein »Jugend Titelbild«.

Aus dir könnt mancher Fraue
Die Kunst wohl werden kund,
Alt sein in ewiger Jugend –
Ein rosiges Lächeln am Mund!

Der Mönch.

Spät war's; die Mönche schon im Kloster schliefen.
Nur Einer wachte bei den alten Büchern.
Der Mond fiel durch die trüben Butzenscheiben,
Geteilt in viele Monde, auf die Kutte
Und auf die Blätter, auf den müden Estrich.
Das edle Bogenfenster ward zum Tore
Der Ewigkeit. So schiens. Der Mönch durchflog
Rasch mit dem Blick des Kundigen die Zeilen,
Sowie das Raubtier kennt der Beute Spur.
Und Stund entrinnt um Stund – sein Blick wird trüber.
Herr, spricht er, mochten andere Liebe suchen
Auf Märkten, Gassen, tief in dem Gestein,
Ich suchte einen Ort, sie nicht zu finden. –
Hier in der Mitte dieser alten Hallen,
Aus den Folianten, die die Zeit besiegt,
Aus diesem derben Futerale steigt sie
In ew'ger Jugend machtvoll heut empor.
In deinem Reiche gibt es kein Entrinnen,
Sie lebt, sie lebt – Verzeih denn, Herr, auch mir!

Bei Charon.

Dem dunklen Gestade der Unterwelt
Das nicht Sonne, noch Mond, noch Stern erhellt,
War eine Seele gleitend genaht.
Ein rosiges Leuchten umwebt den Pfad,
Dass Charon das Ruder zur Seite legt
Und die Barke still auf den Wellen schwebt.
»An meinem Ufer welch heller Schein,
Wie bringst du dies Licht in das Dunkel herein?« –
»Mir sagte Einer: Verzage nur nicht,
Denn treue Liebe ist ewiges Licht,
Ist stärker als Tod und Todesgraus,
So lang ich dich liebe, löscht es nicht aus.«
Da neigte sich Charons Haupt ganz sacht:
»Warum ist bei mir dann so tiefe Nacht?« –

Meine Seele, Frühling wirds nun drauss.

Meine Seele, Frühling wirds nun drauss!
Lege deinen grauen Mantel ab,
Aus den Tiefen hol den Wanderstab!
Komm, du krankes Kind, ich will dich führen,
Dir die Lerche als Erlöser küren,
Dass dein Leid sie wandle in ein Lied.
Das zum Himmel von der Scholle zieht!
Dort vom Walde hol' ich dir ein Kleid,
Sieh, der Lenz legt es für dich bereit;
Anemonen sinds – so strahlend rein
Können nur der Engel Flügel sein!
Wind ums Haupt den blauen Veilchenkranz,
Spiel auf Maienflöten uns zum Tanz,
Brich das Eis von dem erstarrten Quell,
Dass er sprudle frisch und silberhell;
Lass uns selig so zusammengehen,
Lachend einer Welt ins Auge sehen.

In Rosen.

Ich möchte dich bei mir haben
Und hab dich so lang schon begraben,
Blüh'n Rosen längst ums Grab herum
Mit glühenden Lippen nur stumm, nur stumm!
Da hör ich's aus Tiefen rufen:
»Komm zu dem Strauche hier
Und pflück' dir von seinen Rosen,
In ihnen bin ich bei dir!« –

Das Dichterstübchen.

Ein Dichter hatte ein armes Stübchen,
»In diesem Milieu ist das Dichten schwer«
Sagten die Freunde und setzten ihn fein
In einen goldenen Käfig hinein!
War nun der Schönheit auch viel um ihn her,
In ihm wards leer!

Amselsang.

Der nie an Auferstehn aus Särgen noch geglaubt,
Heut beugt er bei der Amsel Frühlingssang sein Haupt.

Parabel.

Eine Kinderhand trug Fischlein nach Hause
Und sorgte für eine passende Klause.

Die goldigen Fischlein setzt sie ins Glas,
Sie machten die Ronde, dies eben mass.

Nach Jahr und Tag fällt's dem Kinde ein,
Das Glas ist für die Fischlein zu klein.

Es trug sie hinaus an des Baches Rand
Und sprach: Nun schwimmet ins weite Land.

Am nächsten Morgen tat sich's fragen,
Wie wird es draus meinen Fischlein behagen?

Es lief zu dem Bach mit gierigen Mienen,
Und sah die Fischlein noch immer drinnen.

Da nahms eine Weidengerte fein,
Wollt ihnen zur Reise behilflich sein.

Doch trieb sie der Gerte elastischer Schwung
Nicht vorwärts, nur immer im Kreise herum.

Sie wähnten noch immer sich gefangen
Und wussten mit Freiheit nichts anzufangen.


Das sah auch der Vater und sprach sehr ernst:
»Trachte, dass nie du das Schwimmen verlernst,

Und feige nicht wirst, noch trag mein Schatz,
Ein Fischglas ist ein verderblicher Platz!«

Landkonfekt.

Kommt man vom Lande in die Metropole,
Da zögert wohl des äussern Menschen Sohle,
Zu traversieren die belebten Strassen,
Kaum wagt das Aug' den Überfluss zu fassen.
Weil unbeholfen – ist man Landkonfekt!
Ich find den Namen eigentlich korrekt
Und habe nichts daran zu korrigieren. –
Er duftet Stille und Conditor führen!
Nur Eines hab' ich mir herausgelesen,
Wenn ich am Großstadtbahnhofe gewesen, –
Am Schalter sich ein tolles Treiben regt,
Um Feiertags zu sein ein Landkonfekt.

Moderne Ritterballade.

Der Alte gab einst
Dem Jungen sein Schwert,
Er sprach nicht viel
Und hat nur gekehrt
Die blanke Klinge
Gegen das Licht.
Der Alte dachte,
Mehr braucht es nicht. Der Junge sah's
Gar bedächtig an,
Und hat, als es Zeit,
Einen Hieb getan;
Der Hieb war so feig,
Dass das Schwert erklungen,
Als hätt' ein zahnloser Mund
Hosiannah gesungen.
O, lieber Alter,
Eins hast du vergessen,
Mit dem Schwert allein
Hat man gar nichts besessen.
Erst gib den Jungen
Den Geist der Ehr,
Die Ehr nimmt selber
Das Schwert zur Wehr.

Trunken.

Reicht mir den Becher,
Ich will trinken.
Gebt mir Blumen,
Will drein versinken.
Fangt mir Falter
Ich will mich spielen Gebt Schlangen zu Pfeilen
Ich will zielen.
Gebt mir der Lerche
Frühlingssang
Der drob das kleine
Herze zersprang.
Holt mir als Kissen
Die Wolke vom Blau,
Mäht mir die Wiesen
Als Gruss der Aul
Nur fragt nach dem Wein nicht,
Der mich trunken gemacht,
Der Wein der Schmerzen
Hat es vollbracht!

Trommelwirbel.

Ein Trommelwirbel der hat Klang!
Es liegt was drinn' vom Schlachtgesang.
Man sieht, man hört, man fühlt dabei,
Ist keine weichliche Dudelei.
Und wer im Leben Tambour war,
Dem schwöre ich es auf ein Haar,
Dass droben auch am Firmament
Er seine Charge gleich erkennt.
Donnerwetter! es blitzt und kracht –
Das hat der Tambour fein gemacht!

Der Hirschkäfer.

Ein Käferweibchen im Walde
An einem schönen Tag,
Auf einer Eiche Rinde
Sich sonnend – ruhig lag.

Da schritten schlanke Hirsche
Am Waldessaum vorbei,
»Würd' mir und meinen Kindern
Doch auch solch stolz Geweih!«

So sprachs »Wir sind nur Bettler
Des Walds« – Doch kaum gedacht
Hat schon die nahe Waldfee
Den Wunsch erfüllt gemacht.

»Nur eines«, sprach sie, »Törin,
Vergassest du dabei,
Die Kunst, es stolz zu tragen,
Kriech nun mit dem Geweih!«


Eine Kröte aus dem Schlamm
Hüpfend auf die Strasse kam –
Quackt: ich kann es nicht verstehn,
Wie man so tief im Staub kann gehn!


Traube
Du hast Geist.
Du weisst,
Wie man das Süsse
Der Welt geniesse,
Leise,
Beerenweise.

Schlangenbeschwörung.

Sah heut einen Inder
Schlangen beschwören.
Er blies und die Schlange
Liess bald sich betören.

Sie kam aus dem Korbe
Von Bambusrohr
Sichtend und bebend
Mählich hervor.

Und wiegte und neigte
Und fügte sich
Den schrillen Klängen
Dem seltsamen Pfiff.

Dacht ich, was dieser
Inder bezwingt,
Will ich doch sehen
Obs mir nicht gelingt.

Und rief in die Seele
Ein einzig Wort,
Da kam die Liebe
Aus ihrem Hort.


Ein Lied wollt ich singen –
Der Mund blieb stumm,
Die Liebe drehte
Die Sache um.

Und ich war der Tänzer –
Ich muss es gestehn;
Was half's in die Lehre
Zum Inder zu gehn?

Landsknechts-Pfänder.

Was kann der Landsknecht geben
Als Liebespfand?
Den Trommelwirbel, daneben
Ein Fetzlin Gewand.
Die Nessel vom Zwingergraben,
Vom Würfel ein Aug',
Hinauf zu dem sonnigen Gaden
Ein Wölklein Staub.
Vom Fähnlin einen Faden
Des Burgtors Ring,
Und Gott mög' der genaden
Die sichs unterfing!

Die kleine Hand.

Es war einst eine kleine Hand,
Die kleine Hand war Königin.
Sie wusst, wie man regiert ein Land,
So manches Herz sank vor ihr hin.

Die königliche kleine Hand
Einmal dem Zorne sich ergab –
Vielleicht war es nur Unverstand –
Doch hob sie sich und fiel herab.

Und jener Schlag der kleinen Hand
Hat einen Sklaven nicht gemacht.
Der Schlag hob ihn zum Ritterstand,
Als Ritter ist er aufgewacht.

Und heute steht die kleine Hand
Im jungen Ritterwappen drinn –
Dem Jüngling streut' ins Auge Sand
Die kleine Hand der Königin.

Sphinx-Ritt.

Leben ist göttlich
Am Rücken der Sphinx! –
Nicht zu ihren Tatzen,
Nicht vor den Augen
Der wildesten der Katzen
Möchte mirs taugen;
Nur unter mir jagte
Wie toll ich sie her,
Sollte mir werden
Ihr Rätsel zu schwer. –

Das Beste.

Ein gutes Ross und Sporen dazu,
Ein Schwert, das nie gepflogen der Ruh,
Einen Schuh mit Siebenmeilenspann,
Als Morgenweckruf den Schrei des Hahn,
Ein treues Aug', eine ehrliche Hand,
Die rechte Elle für jeglich Gewand,
Ein Lied seiner Feder, das unvergessen,
So, sag' ich, hat man das Beste besessen.

Mai Schnee.

Dem Vöglein hat es ins Nestchen geschneit,
Es freut sich der weissen Herrlichkeit
Und denkt, wie ist doch der Himmel so gut,
Schickt Federn zum Nest für die junge Brut.
Die Flocken, die aussen am Rande lagen,
Hat es noch sorgsam ins Nestlein getragen;
Doch haben bei Prüfung die Himmelsgestalten
Nicht stand seinem warmen Herzen gehalten.

Ich will nicht den Strauss von Mohn.

Ich will nicht den Strauss von Mohn,
Feig ist's, zu vergessen!
Was ich gelitten,
Was ich erstritten,
Wie ich's erkoren,
Was ich verloren,
Will meinen Wunden
Zu allen Stunden
Ins Auge sehn!
Nicht ungebeten
Vorn Herrgott treten,
Nur sagen – nicht bitten,
– »Ich habe gelitten.« –

Mahnung.

Fraue, ehe du ziehest zu Feld,
Sei deine Sache wohlbestellt 1
Musst auch mutig ans Letzte denken
Und deine Blicke aufs Epitaph lenken,
Das einst Karolinen von Hessen geweiht
Friedrich der Grosse nach ruhmreicher Zeit.
Kannst du verbinden der Worte vier?
»Femina sexu, ingenio vir.« –

Fahnen.

Ich sah Fahnen wehen,
Bunt und schlicht.
Sie lustig sich drehen
Mit vollem Gesicht.

Sah traurig an Stöcken
Sie flattern im Wind,
In hängenden Röcken
Manch dürftig Kind.

Doch jede am Schnürchen
Seh ich gelenkt
Von Einem, der weiss,
Wie man Flaggen senkt!


Sie sagten, der Frühling ist so schön,
Geh' nur in den Frühling hinein;
Er lacht dir aus Wäldern, Tälern und Höh'n –
Und dennoch ward er nicht mein.

So wandert auch Mancher durchs heilige Land,
Enttäuscht mit dem Schritte des Blinden;
Wem der Heiland nicht in der Seele stand,
Der wird ihn auch dort nicht finden!


Ein Nachen lag verdorrt am Rand
Von einem kleinen Teich,
Lag schmachtend wie ein Fisch am Sand
Am Tor zu seinem Reich.

Das tat zwei dunklen Wolken leid,
Hoch an des Himmels Zelt,
Sie schüttelten ihr graues Kleid
Und fielen auf die Welt.

Und fielen in den Teich hinein,
Der schwoll alsbald mit Macht
Und hat den Kahn am Uferrain
In Kurzem flott gemacht.

Doch droben statt der Wolkenschicht,
Ward's herrlich rein und klar,
Und in dem Kahn beim Abendlicht
Fuhr froh ein Engelpaar!

Bitte.

Maler, mal mir eine Winternacht:
Rings im Frost erstarret das Gefild,
Nur am Himmel droben Mondeswacht.
Scheu um dürre Hecken streift das Wild,
Dass die Sternlein leis geflüstert haben:
Sieh, auf Erden ist ein Künstler wach,
Hat dort Blüten in den Schnee gegraben.

Drei Maler.

Drei Maler zogen
Dem Süden zu,
Er liess sein Werben
Ihnen nicht Ruh.

Da sprach der Eine:
»Du deutscher Wald,
Noch einmal grüss ich
Dich, liebe Gestalt!«

Er pflückt einen Farn sich
Und legt ihn ums Haupt,
Hat fest an die deutsche
Palme geglaubt.

Der zweite sagte:
»Du deutsche Frau,
Des lieben Gottes
Lieblichster Bau!«

Und wirft einen Strauss
Für sie in die Höh'
Aus Wiesenblumen
Und Blütenschnee.

Der dritte am Flusse
Sinnend verblieb:
»Du deutscher Rhein
Wie hab' ich dich lieb!«

»Du küsstest nicht nur
Den deutschen Strand,
Du rauschtest doch auch
Durch mein Jugendland!«

Und Tränen im Auge
Zogen die Drei
Fürbass ihre Strasse
Zur welschen Fei.

Doch glaubt mir, Alles
Was dort sie gemalt,
Das hat die deutsche
Sonne bestrahlt!

Rat.

Ich weiss ein demutvoll Gebet,
Sag's Jeder, der vor einer Freude steht,
Leis, wie man Freuden soll empfangen,
Wenn sie ins Herze eingegangen.
Ein Sprüchlein wohl aus weiter Fern,
»Ich bin eine Dienerin des Herrn« –

Sprüchlein.

Lasst Ähren stehn!
Seht ihr Ruth nicht gehn?

Ungeborene Kinder.

Kleine Seelchen, die man beschworen,
Die's Erdenkleid, eh's fertig, verloren,
Seh ich so oft am Himmel steh'n,
Sehnend nach spielenden Kindern sehn –

Spuren.

Spuren die jäh sich verlieren,
Nicht rückwärts, noch seitwärts führen,
Sind Züge einer Hand
Aus unbekanntem Land. –

Der seelige Frühling.

Ehe der Frühling zu Ende geht,
Spreche noch jeder das Bittgebet:
»Bleibe an meiner Seele Altar,
Bildnis der Gnade fürs ganze Jahr.«
Wenns oft nicht weiter mehr gehen kann,
Bringe ihm wächserne Füsse dann,
Sind deine Hände leer und lahm,
Mahn ihn mit wächsernen Händen daran.
Doch ein Herz aus Wachs kannst du ihm nicht geben,
Das träufelte ab an den Gitterstäben.

Nackt.

Gott schuf die Menschen nackt ins Paradies,
Woraus er selbst sie strenge dann verstiess.
Nun Künstlerhände wieder euch gegeben
Adam und Eva's paradies'sches Leben,
Wollt ihr nicht einmal durch das Gitter seh'n
Des Schöpfers erste Absicht recht verstehn?
Ihr wollt sein grosses Denken korrigieren
Und ihn wohl selbst der Sünde überführen?
Ihr müsst euch schämen ja ob dem Gewand,
Das man zur Strafe nur für euch erfand.
Sie wussten drinnen nicht, dass nackt sie sind,
Bei euch heraus sieht's freilich jedes Kind!

Parkszene.

In dem Park die Götterbilder
Sprachen: Lasst herab uns steigen,
Lasst, vom Leben warm durchflutet
Uns dem Leben huldvoll neigen!

Lass' die Saiten wieder klingen
Du Apoll, in raschem Lauf,
Lass, Cupido, Pfeile schiessen,
Ceres, tu dein Füllhorn auf!

Ihr Dryaden und Najaden,
Psyche hold an jenem Stein,
Alle seid ihr heut geladen,
Lasst uns göttlich menschlich sein.

Und sie steigen stolz hernieder,
Doch, als sich der Reigen schwang,
War's ein Tanz von Invaliden –
Und Apollos Leier sprang.

Landsknechte.

Landsknechte, die just gestorben,
Gestorben auf ihrem Pferd,
Kamen zum Himmel geritten
Und wollten Einlass erbitten.

Sankt Petrus sprach: »Sitzt ab,
Lasst euere Pferde draussen.
Eng ist die Himmelstür,
Zu Fuss kommt man zu mir!«

Da reissen sie herum ihr Ross,
»Dann lieber in die Höllen!
Was uns im Leben treu Genoss
Darf nicht im Himmel fehlen«.

Trachte zu sein:

Der Wein vom Stein,
Ein Bergesgipfel,
Der Eiche Wipfel.
Ein Blick in die Feme,
Eine Botschaft der Sterne,
Das berstende Eis,
Mit Rosen ein Reis,
Eine Kinderhand,
Ein Weg ins Land!

Blind.

Dem Kind, das blind der Erde Pfad gewallt,
Hat erst im Tode Himmelslicht gestrahlt.
Ein Engel nahms am Händchen: »Sieh die Pracht,
Wie doppelt schön die Herrlichkeit dir lacht!« –
Des Kindes Auge, tränenübertaut,
Hat bittend zu dem Englein aufgeschaut:
»O mach mich wieder blind, du musst verstehn,
Ich will als Erstes meine Mutter sehn!«

Fröhliche Wissenschaft.

Keiner konnte so wie ich, über Sonnwendfeuer springen,
Keiner konnte so wie ich, knallend frisch die Peitsche schwingen,
Keiner konnte so wie ich, schlanke spitze Pfeile schnitzen,
Keiner wusste so wie ich, wo die schönsten Finken sitzen.
Keiner kannte so wie ich, die zumeist vereisten Bahnen,
Keiner hisste so wie ich, an dem Wigwam stolz die Fahnen –
Dass in einer Schar von Jungen ich als Mädel dies gekonnt
Hat bis heute mir im Leben zu gar mancherlei gefrommt!


Eine Kugel möcht ich sein
In des Jägers Rohr,
Und ein Falke möcht ich sein,
Der den Feind erkor.
Und ein Fischlein möcht ich sein,
Jeder Angel fern,
Und die Linse möcht ich sein,
Die sich holt den Stern.
Möcht der Hirsch im Walde sein,
Lauschend der Gefahr,
Und die Kohle möcht ich sein, Reif noch tausend Jahr.
Möcht der letzte Jahresring
Einer Linde sein,
Eine Marke köstlich alt,
Von dem Wein am Rhein.
Und das alles dann vereint
Legt' mit Kinderhand
Meinem Schatz ich auf die Knie
In der Liebe Land.

Herbstlaub.

Neu nun färbt sich's,
Schmollend gerbt sich's
Unterm herben Herbsteskuss.
Maienlippen – süsses Nippen,
Junirosen – holdes Kosen.
Aber Herbstes tiefes Lieben
Steht geschrieben
Grell in Farben
Tief in Narben,
Auf der Blätter
Wangen heiss;
Ihr Erröten
Ihre Nöten
Decket leis
Die Flocke weiss.

Das Leben ist ein Ross.

Das Leben ist ein Ross, drauf reiten schwer!
Wo käme sonst so mancher Krüppel her.
In die Manege müsst ihr fleissig gehn,
Da könnt ihr sonderbare Dinge sehn.
Die ersten Reitversuche reizend sind,
Es reitet hier die Puppe mit dem Kind.
Dann seh ich Viel in griechischem Gewand,
Doch hat Homer die Zügel in der Hand;
Die Mädels reiten mit der Musikmappe,
Draus blitzt die Farbe der Studentenkappe,
Dann wieder blanke Schläger kühn erklingen,
Hör Mädels veilchenblaue Seide singen.
Geht Alles hübsch in dem gewohnten Trab,
Fehlts gar zu weit, wirft sie ihr Rösslein ab,
Doch jetzt, was jetzt geritten wird, o weh,
Die hohe Schul' bei wenigen ich seh,
Auf vielen Pferdlein sitzen 6 und 8,
Was Pferd und Reiter manchmal müde macht.
So manche Fraue sitzt gar elegant
Recht stolz zu Ross, im feinsten Reitgewand.
Und Mancher ist der König von dem Ross,
Das seiner Seele fürstlicher Genoss.
Und manchmal einer mich zu Tränen stimmt,
Der reitet seltsames, ich weiss bestimmt,
Ein Meister hat die Zügel ihm genommen,
Wie könnt es sonst zu Capriolen kommen?
Wohl dem, wenn er die Bahn verlassen muss
– Stallmeister Tod entbietet schon den Gruss –
Der von dem Rosse steigend sagen kann:
Wars oft nicht gut, ich trug nicht Schuld daran.

Gleicher Schritt.

So mancher Tag, so mancher Mond
Schlich bettelarm an mir vorbei,
Ich hielt die Hand, die Seele auf,
So waren wir der Bettler zwei.

Dann kam ein Stündlein kurz heran,
Das war verschwenderisch und reich –
Ich prasste, wie man prassen kann,
Und war auch dem Verschwender gleich.

Weimar.

Weimar, Jerusalem du im heiligem Lande der Dichtkunst
Palmengeschmückt wenn dein Volk, wahrlich es wundert' mich nicht.

Herbst.

Bin ein stolzer Rittersmann,
Neige meine Fahnen,
Wenn ich meine Pflicht getan,
Geh ich zu den Ahnen!

Lauter Gold mein Wappen füllt,
Blumen, Ähren, Trauben,
Blutig flammt mein wehrhaft Schild
An den alten Lauben.

Drunter kost und küsst sich's gut,
Besser als im Maien,
Mit des Sommers Strauss am Hut
Wird's dich nicht gereuen.

Komm nun Sturm und läute mir
Laut des Waldes Glocken,
Schlag zurück mir das Visier
Vor den ersten Flocken.

Mag die armen Menschlein rings
Scheiden bitter grämen,
Ich kann lächelnd wie ein Gott
Abschied von euch nehmen. –


Blumen lagen welk am Wege,
Die im Lenz die Kindeshand
Pflückte; doch des Tragens müde
Ihre Lust dies Ende fand.

Sind der Blumen ja so viele,
Kommts auf diesen Strauss hier an?
Wird es sagen, wenn ich trüge,
Was hat dir der Lenz getan?

Und so möcht ich Viele fragen:
Was reisst euer rauhes Wort
Aus dem Blumenreich der Seele
Frevelnd oft die Blüten fort?

Ich weiss eine Mühle im Tale.

Ich weiss eine Mühle im Tale,
Wir sassen am Strassenrand,
Und horchten auf ihre Lieder,
So still war's rings im Land.

Du schüttetest auf die Mühle
Das allerfeinste Korn,
Ich hab von dem Brot gegessen,
Das war ein seltsamer Born.

Noch immer geht die Mühle,
Noch immer hör« ich ihr Lied –
Doch Jener ist verschwunden,
Der das Zauberkorn ihr verschrieb.


In meiner Seele wird es tiefe Nacht!
Du bist der letzte Stern – vor deinem Sinken
Lass noch einmal mich deine Wonnen trinken,
Lass mich erglüh'n in deinem sanften Strahl,
So bin ich Leuchte mir im Todestal!

Märchens Erdenwallen.

Ein Märchen fiel vom Himmelszelt
Im Lenze hernieder auf diese Welt,
Und blieb in tausend Blüten verstreut;
Da fanden die Menschen zum Lesen nicht Zeit.
Im Sommer stund es draussen im Korn,
Und sass als Röslein am Hagedorn;
Da war es den Kindern zu heiss, es zu pflücken,
Waren vielleicht nicht gelaunt, sich zu bücken.
Im Herbst, wo es reif, schnabulierten sie's auf,
Wie's oft mit dem Schönen auf Erden Brauch.
Im Winter endlich trifft's Herz und Ohren,
Und wird mit dem Christkinde neu geboren.
Und liegt bei ihm in der Krippe sacht
Im Scheine des Wunders der Weihenacht! –

Sturm.

Ich will kein Pferd,
Ich will ein Ross.
Nicht Sweet-Hart,
Wotan sei mir Genoss!

Nach keiner Kugel
Mein Hass begehrt,
Reicht mir den Schild
Und gebt mir ein Schwert.

Ich will beim Kampf
Nicht die Sonne sehn,
Im Sturm will ich siegen,
Im Sturm vergehn.

Im Blitz vom Himmel,
Der mich umloht,
Seh ich sekundieren
Den Fechter Tod.

Will er nicht parieren
Den Hieb, mir vermeint,
Dass recht er gleich sitze,
Das Beste scheint!

Schön ist das Sinken,
Wenns Ross sich bäumt,
Vom letzten Anprall
Im Zügel schäumt!

Legt Ähren nur
Auf die Wunden mir,
Mein Blut sorgt drein
Für des Mohnes Zier. –

Zündet dann Flammen
Lasst Glut mich umwehn,
Ein Streiter kann anders
Zur Ruh' nicht geh'n!

Das Vollblut.

Ein Vollblut, das seine Rivalen
Überflügelte manches Mal,
Bekam das Brot in Gnaden
In einem Bauernstall.

Der Bauer, als es Frühling,
Spannt es an seinen Pflug,
Hatt' es ja doch im Winter
Der Ruh wahrlich genug.

Und als das Glöcklein läutet
Das Ave zur Mittagsstund,
Bleibt still der Bauer stehen
Und betet mit frommen Mund.

Das Rösslein hört das Läuten,
Und deutets auf seine Art –
Und rennt mit seinem Pfluge
Entgegen dem letzten Start!

Das Glück!

Der Abend kam und das Glück war gekommen,
Ich hab es gleich an der Hand genommen;
Ich war so selig, weil es so schön,
Und weil es endlich mich schien zu verstehn.
Ich küsst seine Locken, ich nahms auf den Schoss,
»Auf Erden lass ich dich nimmer los«. –
Da sprach es: »Du musst bescheiden sein,
Mit dem Mitternachtsschlag muss ich wieder heim« –
Sollt' ich's Stübchen versperren dem flüchtigen Reh?
Ich macht's wie die Leute vom Mummelsee,
Und rückte den Zeiger ein Stündlein zurück.
Was gilt eine Stunde dem ewigen Glück?
Ich lächelte, als seine Zeit war gekommen.
Und dachte, mir sollte das Stündlein frommen,
Da wandelt das Glück sich in meinem Arm
Zum alten Weiblein – dass Gott erbarm! –


Und ich weiss, es werden Tage kommen,
Schöner als die andern – Erntetage,
Wo das Glück in schlanker Hand die Wage
Meines Lenzes, meines Sommers hält.

Was geblüht, als Frucht vom Baume fällt.
Nie noch sah dem grauen Wintertage
Ich die Ernte Übermacht, er rage
Meuchlings denn schon in die Blütenwelt.

Ähren, dunkles Weinlaub in den Haaren,
Will ich meinen Erntewagen fahren,
Fest in meiner Hand die Zügel halten.

Stolz als Siegerin der Glutgewalten
Singe ich das Opferlied den Laren,
Erntesegen wird mirs offenbaren.

Die Barmherzigkeit.

Die Barmherzigkeit ging im Lande um,
Ich wusste nichts anderes, als dass sie stumm,
Nur dass sie dafür desto feinere Ohren!
Hätt' den Verstand bald darüber verloren,
Wie heut die Barmherzigkeit ausgesehn!
Erstens tät sie am Markte stehn.
Der Mund umschloss ihr Haupt wie ein Ring,
Sah sein Ende nicht noch den Beginn.
Die Ohren gezwängt in enge Klause,
Und statt dass sie in grauem Flause,
Wie's ihrem Lebenszwecke ziemt,
Sich ruhig und ganz stille benimmt,
Trug sie ein grelles, schillerndes Kleid,
Und Ordensbänder an jeder Seit.
Und was mich zu allermeist empört,
Dass sie nicht zu einer Fahne nur schwört,
Dass sie soviel der Fahnen trägt,
Dass jede derselben anders geprägt.
Auf jeder leuchtet die Inschrift weit:
»Am besten ist unsere Barmherzigkeit.«
Weiss sie wohl nicht, dass es eine Not,
Nur einen Herrgott gibt, einen Tod,
Nur eine Fahne für sie, einen Stern,
Wo geschrieben: »Siehe die Magd des Herrn!«

Die Sammlung.

Ich habe viele Münzen
Mir schon getragen heim,
Ertauschtes und Erlauschtes
Nun liegt's in einem Schrein!

Vom Kupfer bis zum Golde,
Vom Nichts zum Edelwert,
So liegen sie geordnet
Auf meiner Seele Herd.

Dass Werte sich nicht decken,
Gewahrt' ich oft bestimmt,
Zu meinem grössten Schrecken
An manchem Menschenkind. –

Von vielen Exemplaren,
Die ich mir heimgeholt,
Ist gleich das blanke Silber
Mir bis ins Haar gerollt.

Für eines wollt ich geben
Die Seele selbst zum Pfand,
Mein tiefgeheimstes Leben,
Doch leer blieb meine Hand.

Und leer blieb jene Stelle –
Es deckt sie schwarzer Flor, –
Es kam mir beim Besetzen
Ein grosser Sammler zuvor!


Sie hatten einen Baum zu Fall gebracht,
Des Strunkes ward nicht weiter mehr gedacht.
Wozu sich mit dem Rest auch quälen nur,
Ihn rodet ja die Zeit und die Natur!
Als Lenz es ward, da saugten voller Lust
Die fernsten Wurzeln an der Erde Brust.
Zur Wunde stieg das süsse Nass' empor,
Wo unbegehrt es sich im Moos verlor.
So mag es wohl so manchen Menschen gehn,
Die plötzlich einsam auf der Erde stehn.
Die Seele noch von heisser Liebe quillt,
Doch fehlt der Mund, der seinen Durst dran stillt!

Auf Frauenwörth.

Wenn ich ein Wappen mir suchen sollt,
Ich sucht mir keines mit Kronen und Gold,
Mit Balken und Vögeln und Ästen und Stern,
Ich ging in das Haus unseres lieben Herrn,
Aul einer Insel im weiten See,
Wo die Welt verschwimmt und ihr Glück und Weh'.
Da steht am Grab einer hohen Frau
Ein Wappen. – Es zeiget schlicht und genau
Zwei Wasserrosenblätter verschlungen, –
Nie ward ein keuscher Brautlied gesungen.
Ob meine Seele in Flammen steht,
Sie eisiger Kälte Strom durchweht,
Ob sie von bebenden Harfen klingt,
Ob eines Bettlers Lieder sie singt,
Eines weiss ich – in Jubeln und Büssen,
Legt' jenem Wappen sie sich zu Füssen!

Wunsch.

Bleib' bewahrt mein Kahn
Vor träger Bahn!
Wo die Wellen am tollsten sich heben
Ist göttliches Leben;
Selig versinken
Nur nicht ertrinken! –

In Schillers Stübchen.

In Schillers Stübchen bin ich einst gestanden.
Wie war es einfach und so köstlich schlicht –
Da hab' ich dich, o Muse, erst verstanden,
Wie willst du schenken, wenns an Nichts gebricht.

Täuschung.

Es will der Mensch des Glückes Flügel sehen
Beim Kommen nur, doch nimmermehr beim Gehen.
Beim Kommen sind sie golden, prächtig, licht,
So meint er, doch beim Abschied grau und schlicht.
Weiss Keiner ja, weil er von Tränen blind,
Dass umgekehrt es oftmals besser stimmt,
Dass, je nachdem das Glück als Glück gefrommt,
Sein Flügelpaar das Colorit bekommt.
Hat keiner noch die Sonne je erblickt,
Wenn sie am Wald des Herbstes Flügel stickt?
Und sah ihn keiner königlich entschweben
Als Glück, das ausgelebt sein Erdenleben?!

Arme Seelen.

Auf einem meiner ersten Jugendpfade –
Er führte mich hinab ein stilles Tal –
Trat an der Brücke mir das Bild entgegen:
Die armen Seelen in des Feuers Qual.
Des Ortes Kühle doppelte die Leiden,
Das Bild verfolgte Schritt und Tritt das Kind –
Es wusste ja noch nicht, dass allerwegen
Auf dieser Erde Arme Seelen sind.


Glücklich und reich ist der Einsiedelmann,
Der ferne den Menschen leben kann. –
Wer den Einsiedler für einen Armen hält,
Dem hat noch das Leben nicht Schlingen gestellt.

Die Parzen.

Ich sah die Parzen spinnen,
Wie ging das gleichen Gang.
Nur manchmal wollt's Fädchen gerinnen,
Als duldet es keinen Zwang.

Ein Stimmlein hört leis' ich verwehen,
»O spinne spinne nur nicht –«
Doch Hess sich nichts erflehen
Und Klotho sass zu Gericht.

Faust.

Wenn meine Sehnsucht Göthes Faust vom Tische nimmt
Wird meine Seele einer Geige gleich gestimmt.
Die hehrsten Lieder, die auf Erden leben,
Die Saiten stürmisch bald, bald maienlind durchbeben,
Und ist's, als ob in sie die Himmel und die Tiefen,
Der Engel Hände und Dämonenkrallen griffen.

In Berchtesgaden.

Ich sehnte mich heute den Frühling zu schauen,
So nahm ich den Stab zur Hand,
Ich wollte ihn grüssen auf Wiesen und Auen,
Im Berchtesgadner Land!

Doch als ich den Berg zum Städtchen erklomm.
Da kam er mir schon entgegen,
Da lacht er aus allen Händen fromm,
Hat an allen Miedern gelegen!

Sah, das Püppchen auf Blumen gebettet, ein Kind
Sein hölzernes Wägelchen schieben,
Im Puppenarm ein Frühlingsgewind –
Da bin ich im Städtchen geblieben! –

Kürbisranken.

Kürbisranken hab' ich zugesehn'
Wie im Mondenlicht sie leise gehn',
Wie sie zitternd zieh'n dem Gitter zu;
Nur am Stabe winkt den Schwanken Ruh'.
Meine Seele tastet leis und sacht
Deiner Seele zu in stiller Nacht!

Heidelbeerren.

Heidelbeeren am Waldesgrund
Euch reifen der Sonne Gluten
Zu schwarzen Perlen dem Kindermund,
Ihr braucht nicht Muschel noch Fluten.

Ginster.

Ginster dufte, was du weisst,
Dir ward viel Süsses verraten;
Floss' in dich auch der Feuergeist
Von jenen verliebten Saaten?

Edelweiss.

Edelweiss, ihr erdverbliebenen Sterne,
Trotzt uns an der jähen Felsenwand,
Weil euch einst geholt aus Himmelsferne
Seinem Lieb die allzustürmische Hand!

Mohnblumen.

Mohnblumen, heimliche Verräter!
Sagt, was in eurem Feld geschah?
Welche Gluten bergen eure Väter,
Welche Flammenmutter war euch nah?

Gentianen.

Aus einem Aug, dem's nimmer wollte taugen,
Dass seine Lieb verblieben auf der Welt,
Seid ihr als Sehnsuchtsblicke, Gentianen,
Herabgefallen hoch vom Himmelszelt!

Weiden.

Weide am Uferrain, wie bist du getreu deiner Erde.
Wie durch die Finger dem spielenden Kind rann dir in die Rinde
Silberner Sand; es fliesset dein Haar wie die Welle des Flusses,
Drein deine Zweige sich neigen, um Nixenträumen zu lauschen.

Erdrauch.

Der Lenz heizt die Erde,
Sein Holz ist das »Werde«,
Dann züngeln die Flammen
Und tanzen zusammen.
Wo Flammen ist auch
Allüberall Rauch. –
In euren Herzen
Brennt Osterkerzen,
Lasst aber auch sehn,
Dass in Flammen sie stehn,
Und euer Gemüt
Sei Erdraucherblüht!


Er war ein Rosenkenner,
Und trug in seinem Herzen
La France und la Gloire
De Dijon mit Wonne und Schmerzen.

La Maréchal Niel, Noisette,
Und la belle princesse Jeanne –
Doch denkt, zum Herzen die Hand
Sich ein Haideröslein gewann.


Durch ein Mädel von sieben Jahren
Hab' ich es eben bestimmt erfahren,
Dass es gestern das Christkind gesehn,
Hell in goldenem Flügelwehn. –

Hoch über dem Wald dem Staufen zu
Ist es geflogen; von dort im Nu
Natürlich direkt in den Himmel hinein,
Es steigt sich vom Berg aus dort besser ein. –

Was quält ihr euch drum im erleuchteten Saal,
Philosophisch, geschichtlich? Allemal
Weiss Keiner, wenn er den Raum verlässt,
Wie das Mädel seine Sache so fest.

Hilfe.

Sie sagen, ich soll mich nicht grämen,
So schwer die Sache nicht nehmen,
S'wächst Gras drüber gar balde! –
Wie sollen die Gräser der Halde
Bedecken meinen Schmerz?
Ihr Neigen und Beugen
Muss Lücken zeugen!

Mir frommt nur ein Pflaster vom Walde!
Mir frommt nur das Moos vom Stein,
Getaucht in Quellenwein!
Das ist im Sommer nicht schneidig,
Im Winter geschmeidig,
Lässt immergrün
Neues Hoffen erblühn! –

Abendweg.

Wir gingen Beide zusammen,
Begeistert im Abendlicht,
Ich sah, wie die scheidende Sonne
Dich mit der Gloriole umflicht!

Ich sank vor der Heiligen nieder,
Da kam die betörende Nacht,
Und hat uns Beide wieder
Zu armen Menschen gemacht.

Will meine Seele legen.

Will meine Seele legen
Mit einem Teppich aus,
Es hat ja einen solchen
Beinahe jedes Haus.

Nur meiner muss weit draussen
Vom Wald genommen sein,
Mit roten Beeren sticke
Ich ihm das »Salve« ein.

Und alles, was mir teuer
In diesem Leben war,
Mög hochgemut sich wiegen
Auf seinem seidnem Haar.

Doch was mich kränkt und quälet
Versink in feinem Grund,
Draus wird mich nimmer stören
Vinétas Glockenmund!


Liebchen, über meine Sonnenuhr,
Die so bunt mit feinen Amoretten
Du bemalt, mit zarten Rosenketten,
Brach herein der karge Wintertag.

Zeige dich in deiner alten Pracht,
Hab Erbarmen; sieh, die Schatten schleichen,
Müde Falten, nach des Todes Reichen,
Gieb ein volles Lachen ihrem Mund.

Eine Braut.

Der Berg im Schnee ist die geputzte Braut,
Die sehnend nach dem Bräutigame schaut,
Und ist im Frühling wirklich er gekommen,
Hat still das weisse Kleid sie abgenommen,
Den Brautkranz von dem Haupt aus Schnee und Eis,
– Der uper ten gar königliches Reis,
Und legt des Alltags schlichte Kleider an.
Just wie die Frau von einem Bürgersmann –
Doch weil sie wird den Menschen zu vertraut,
Wird jedes Jahr dem Lenz sie neu getraut –
Was frommt dem Berg, wär' manchem Mann nicht schlecht,
Und frommte mancher Frau manchmal erst recht.

Seerosen.

Den jungen Förster sah ein Nixenkind,
Sie liebte ihn und weinte gern sich blind.
Doch konnte wahrlich das nicht leicht geschehn
Den Augen, die ja stets in Tränen stehn –
Sie hatte es dem stolzen Hirsch gesagt,
Der jüngst am Teiche war vorbeigejagt.
Der Hirsch floh just vor jenes Försters Blei,
Mit solchem Liebesboten ist's vorbei.
Da bat den Himmel sie »leih du mir Augen,
Die aus der Tiefe mir zum Schauen taugen« –
Da lagen auf dem See die weissen Rosen,
Herr Förster, seht, die Nixe will euch kosen.

Schneeknirschen.

Eng an mein Lieb gepresst fuhr ich im Schlitten
Heut' über den Schnee –
Hei, wie der knirschte als tät es ihm weh,
Als wollt' er nicht tragen die süsse Last,
Die so zärtlich ich hielt umfasst –
Er fühlt wohl den Frühling, der drüber ging,
Das Lenzesglück, das mich heiss umfing,
Er ahnt wohl die Blumen am Wege mein,
Die blühenden Birken am Strassenrain,
Die Glocken, die Nelken, den Thymian,
Daraus meine Lieb' schon den Teppich spann,
Zu stammeln darauf ihre Seligkeit,
Das Madonnengebet in der Maienzeit!

Ich liebe dich!

Ich liebe dich,
Mein Auge hat es gestanden,
Am Herde zwei kleinen Flammen,
Die sich neigten und beugten,
Küssten und kosten,
Bis sie lohten in eins zusammen. –

Ich liebe dich,
Meine Kugel hat es gestanden,
Wilden Tauben am Tannenast,
Wo im Liebestraum,
Eng angeschmiegt,
Sie sassen zu wonniger Rast.

Ich liebe dich,
Meine Hand hat es gestanden,
Am Fenster zwei Regentropfen!
Sie einte die kleinen,
Auf selbiger Spur,
Zur Kugel mit leisem Klopfen!

Ich liebe dich.
Fern dieser grauen Welt,
Wird im leisen Flügelwehn,
In goldenen Weiten
Meine Seele der deinen
Ihre heimliche Liebe gestehn –

Sie sagen.

Sie sagen, sie möchten Blumen sein,
Veilchen an Mädchens Mieder,
Sie sagen, sie möchten die Sonne sein,
Sie gingen nimmer nieder.
Sie sagen, sie möchten Vöglein sein,
Eine Laute, der West, ein Gedicht –,
Ich aber, ich möchte die Flocke sein,
Draussen im Winterlicht!
Ich fiele auf die Lippen dein,
Und dort wollt' ich vergehn.
Neben mir blühende Röselein,
Drüber funkelnder Sternenschein,
Über mich flutet dein warmes Wort,
Schon bin ich fort! –

Die Dirne.

»O scheltet nicht und hebt nicht weg die Augen,
Ihr stolzen Damen von mir armen Kind.
Ich sucht die Lieb und wurde sonnenblind,
Eh' ich es lernte, in die Nacht zu schauen –

Ich suchte erst die Lieb, die euern Kindern
Sie ungebeten an die Wiege stellt,
Hab' suchensmüd' nur mich der Nacht gesellt,
Und hob die Hände: Schenke du mir Liebe.« –

Einst.

Wir waren zusammen in ferner Zeit
Ich weiss es, in fremden Landen,
Drüben am Rheine scheint es mir
Und haben uns herrlich verstanden.

Warst du am Fenster der Troubadour,
Dess Laute klagend erklang,
Ein Bertrand de Borne, der mich pries,
Und die süss herbe Minne sang?

Hast du in der Perücke weiss,
Am Ende der Orangerie,
Mir offeriert die Rose zart,
Mein galanter Herr Marquis?

Vielleicht auch gingen wir gleichen Schritt,
Als die Marseillaise erbraust,
Vielleicht traf dort an der Conciergerie
Uns die Jakobiner Faust?

Oder sassen wir im Ardennenschloss,
Schon beieinander zu Gast,
Du trankst mein Wohl, ich hielt deine Hand,
Die wonnige Hand umfasst.

Und weil dich mein Blick nich treffen sollt,
– Den Andern ein leichter Spott –
Sucht ich dich dort im Gobelin
Als Nymphe neben dem Gott.

So, denk ich, wird es gewesen sein,
Ich fühl's, denn sprech ich mit dir,
Flattert das Trikolorenband
Blau-weiss-rot über dir und mir!

Der Ring.

Hast mir heute einen Ring gegeben,
Steh' vor seinem tiefgeheimen Weben
Schaudernd, – weiss ja, dass dies Ringlein nur
Jenes ewigen Ringes eine Spur,
Ein Atom nur ist in jener Kette,
Die gebieterisch die Welt umspannt,
Und die wieder einer andern Kette
Eine Spur ist, die da Heimat fand.

Stella maris.

Ich möchte eine Sonntagsstunde
In eines Dörfleins Kirche sein,
Wenn schon die Beter all' entflogen,
Wenn nur der helle Sonnenschein

Dann drinn sitzt in den Kirchenstühlen,
Wo müd die Wiesenblume liegt,
Die sich am Kirchenweg ans Mieder
Der holden Wallerin geschmiegt.

Nur vom Altar im blauen Mantel
Musst grüssen du als Meeresstern,
Dann zieht mein Schifflein durch die Wellen,
Maria hat Piloten gern!

Paradiesische Siesta.

Wir gingen hinaus in die Haide
Und ruhten am Waldesrand,
Und sahen mit Falkenaugen
Ins weite, stille Land.

Der Wind spielt auf Birkenhaaren
Ein seltsam betörendes Lied,
Und meine ganze Seele
War rings wie die Heide erblüht.

Ich habe dich süss gebettet
Ins rosenrote Kraut,
Das tauchte in dunkle Gluten
Sich rings um die Haidebraut.

Da ringelte eine Schlange
Sich plötzlich zu deiner Hand,
Nun wusst ich es doch sicher,
Wo ich mich jetzt befand.

Ich dachte an Evas Verschulden,
Laut klinkte das goldene Tor –
Und dennoch ich den Apfel
Nicht aus dem Aug' verlor.

»Es hat das Apfelessen
Verloren in der Zeit«,
Sprach die Schlange »wie Manches Andere,
Viel an Gefährlichkeit!« –

Verlorene Spur.

Im Lenze ging mir deine Spur verloren,
Weil's Blüten darauf geschneit,

Im Sommer Hess mich deine Spur verlieren,
Der Wiese Blumenkleid,

Im Herbste bist du wieder mir entronnen,
Dieweil dein Pfad durch dürre Blätter geht,

Als Retter musste mir der Winter kommen,
Den hab' ich fragend an der Hand genommen,

Und sank aufs Knie und schrie ein heiss Gebet,
Doch eisig klang die Antwort: »Schneeverweht!«

Begegnung.

Traf die Liebe heute Morgen
Draussen dicht am Waldesrand,
Sprach zu ihr: »Du hast wohl Sorgen,
Blickst so kummerschwer ins Land?

Sieh, hier ist für dich ein Plätzchen,
An dem stillen grünen Saum
Geht kein Schatz mit seinem Schätzchen
Träumend seinen Liebestraum.«

Sprach die Lieb: »Ich bin geflohen,
Liess die Menschen heut allein,
Glaube mir, es half kein Drohen,
Menschen werden Menschen sein.

Einmal lass mich hier im Walde
Ruhen, wo die Tanne rauscht,
Fern mir selbst auf sonniger Halde
Hätt' ich gern mit ihr geplauscht.

Lass mich liegen, lass mich träumen,
Lass mich mit den Blumen hold
Dieses Waldes Mantel säumen,
Schillern in der Sonne Gold.«

Und die Liebe streckt sich nieder,
Birgt ihr Haupt in Blüt' und Kraut,
Doch wie schnell erhebt sie's wieder –
Jungfer Eidechs ward getraut.

Das Sonett.

Das ist ich fühls, das Kunststück des Sonett:
Die Zeilen artig auf die Bank plazieren,
Im gleichen Kleidchen sich die Paare küren,
Dass Lieschen richtig neben Lotte steht.

Wenn ihren pas dann sauber jede geht
Will gerne ich sie zum Conditor führen,
Mit Kuchen ihre lieben Mäulchen rühren
Und jede Hand soll schmücken ein Bouquet.

Doch ohne Mann ist kein Vergnügen voll,
Sechs Herren weiss ich mir, die sind wie toll
Auf jene süssen Mädel just versessen.

Und hätt' ich einzuladen die vergessen,
Ich wüsst nicht, was das Rendez-vous dann soll,
Bei Kuchen wär's nur ein Accord in Moll.

Lied einer Mutter.

Ich trage dich, mein Kind! Noch weiss ich nicht,
Wirst du als Weib, als Mann auf Erden gehn –
Ich weiss nur Eines, dass mir Heil geschehn!
Ich fühle, wie die Ackerscholle fühlt,
In der im Lenz das zarte Saatkorn schwillt,
Das sich in Fasern schon zu Halme schlägt,
In dem sich ahnend fernes Leben regt
Voll Mailuft, Himmelsblau und Lerchensang,
Voll Wetterwolken, Mohn und Sichelklang.
Und Eins erbitt ich Kind dir, Eins tut not –
Sei du den Menschen einst ein Stücklein Brot!

Mein Herz.

Mein Herz ist ein Schiff auf hohem Meer
Es branden die Wogen wohl drüber her,
Weiss nicht ob je ein Port ihm winkt,
Ob es nicht draussen im Kampf versinkt.
Ich will bis zum letzten am Steuer stehn,
Mit dem sinkenden Schiffe untergehn.
Nur Eines erbitt ich: »Am Himmelsrand
Erscheine noch, Liebe vom Jugendland!« –


Ich liebe den Schnee,
Der ist so sanft und tut nicht weh,
Was liessest du mirs nicht durch Flocken
Dass deine Liebe vorbei?
– Ich hätt' es still wie die Erde getragen. –

Auf altem Pfad.

Wo mit dir im Wald ich ging,
Möcht ich gern ein Bäumlein sein.
Sehnend saugt ich deinen Duft,
Deine Küsse wieder ein.

In der grossen Liebesnacht
Würd' ich voll in Rosen stehn,
Und im Schnee die Brüder all
Sagten: »Dem ist Heil geschehn!«

Wahl!

Lagen vor mir lichte Maienglocken,
Lag vor mir ein gelber Ährenkranz,
Und ein Häuflein weisser Winterflocken,
Neben Trauben in des Herbstes Glanz.

Du bist krank, mein Herz – so sprach ich – wähle,
Nimm, was dir zumeist als Balsam frommt;
Maienglocken sind des Lenzes Seele,
Ähren sind der Geist des Sommermond.

Komm, berausche dich am Saft der Trauben,
Da verschmerzest du so manches Leid –,
»Lass mich« – sprach das Herz, »mir kann nur taugen
Flockenseelchentrost der Winterzeit.« –


Du bist der Wald mein Lieb, ich bin sein Pfad
Ein Wandrer bin ich, der sich ihm genaht,
Ein jubelnd Kind, die Hand voll Maienglocken,
Ich bin ein Vogel, hörst du mein Frohlocken?
Ich bin sein klarer Quell, sein dunkler See,
Im Schneesturm unter seinem Schutz, ein Reh!

März.

Du bist mir März mein Schatz, so lieb ich dich,
Und will dich nimmer bitten, sei mir Mail –
Denn Mai, das wär Erfüllung meines Hoffens,
Und davor bangt mir wie vor Götterneid.
Ich will nicht immer blauen Himmel sehen,
Will nicht um Blüten schwärmen, süss verträumt,
Ich will bei dir im Sturm, in Flocken stehen.
Will sehen wie dein Herz im Zügel schäumt!
Nur manchmal, wenn die Wolken sich verschieben,
Lass mich ein Stück in deiner Sonne gehn,
Dies Licht trag ich in alle Erdentage,
Wenn meine Lampe lischt, wird's mit verweh'n.


Die Seele mein, sie ist der stille See.
Du bist der Schwan, der Furchen drauf gezogen
Und auf die spiegelglatte Fläche schrieb
Indess mein sehnend Aug« dir nachgeflogen:
»Ich hab dich lieb, ich habe dich so lieb!«

Jagen.

Ein Lied mir zu erjagen,
Im grünen, tiefen Tann,
War früh ich ausgezogen
Und konnte es nicht fahn!

Mit meiner ganzen Meute,
Den Lauf voll Kugeln blank,
Sass ich ein müder Jäger,
Des Abends auf der Bank.

Da kam ein schönes Mädchen,
Und sah mich zürnend an:
»Man schiesst sich nicht die Lieder,
Lässt sie vom Hund nicht fahn.

Sie kommen wie Sankt Huberten,
Geworden das Gesicht –
Und stehen vor deiner Seele
Im leuchtenden Sonntagslicht!« –

Werbung.

»Mutter hier bring ich den Freier mein
Gönn' ihm einen Platz am Herde dein« –
»Tochter, zünde Liebesflammen an,
Dass ich mich an ihnen wärmen kann!
Dass das müde Herz sich wieder rege,
Dass ich fühle, wie so hold der Mai,
Dass dein Vater wieder mir begegne,
Dass ich lächelnd schreite ihm vorbei!
Dass sein Strauss von schlichten Wiesenblumen
Wieder mir in heissen Händen ruht,
Dass ich nochmals seine Stimme höre,
»Gretelchen, wie bin ich dir so gut!«
Dass es duftet dann am Kirchengange
Nach den Birken, dass die Glocke klingt,
Dass ein Mädchen keusch in dunklem Drange
Schüchtern mit den heissen Tränen ringt,
Dass aus einer süssen, holden Ferne
Sanft ein Englein in die Wiege fällt,
Die mit Zittern, Tränen in den Augen,
Eine liebe Hand zurechtgestellt! –
Seid willkommen denn am Herde mein,
Lasst mich träumend nochmals selig sein!«

Mein Herz hat eine Alpe.

Mein Herz hat eine Alpe,
Drauf wachsen Edelweiss,
Hol dir, du liebliche Liebe,
Von meinem Berg den Preis.

Mein Herz hat grüne Matten
Und einen kühlen Quell,
Das Nass der silbernen Höhen
Macht dir das Auge hell.

Auf meiner Alpe die Gemsen
Jage in Weidmanns Rock,
Doch kleide dich in Purpur
Jagst du nach Zlatarog!

Loos.

Viel Krüge schon sah ich zum Brunnen gehn,
Wohl waren Risse an ihnen zu sehn,
Wohl war ihr durstiger Mund oft rauh
Von der harten Lippe der Brunnenfrau –
Nur um ein Krüglein ist mir's so weh,
Um mein schönes Krüglein so weiss wie Schnee!
Ein Engel konnte kein besseres haben,
Die himmlischen Gäste zum Mahl zu laben.
Ich trug's zum Bronnen so manche Zeit,
Du schenktest Liebe drein, schenktest Leid –
Wie so goldig beides zusammengeschäumt,
Ich hätt' mir fürs Leben nichts Besseres erträumt.
Dein Herz war mein Brunnen, einst ging er leer
Und stillte nimmer mein heiss Begehr!
Mein Krüglein zerschellt' ich in bitterem Schmerz,
Da lag es in Scherben – es war mein Herz.

Seelensprache.

Die Seele spricht aus den Augen,
Die Seele spricht aus den Worten,
Doch bin ich gewahr oft geworden,
Als Liebstes die Hände ihr taugen.

Ja, dass in dem Drucke der Hände
Ihre feinsten Kapitel sie schreibt,
Dass den Saiten der Finger verbleibt
Manch Preislied vom Seelengelände.

Denn Worte, sie können leicht trügen,
Sind oftmals nur Schellengewand,
Und im Rahmen des Auges fand
Ihr Pinsel nicht immer Genügen.

Doch wenn sich die Hände berühren,
Kann es werden ein Seelenkuss,
Ein strömender heisser Erguss,
Ein wonniges, stilles Verführen.

Fontana Trevi.

Ein jeder Fremdling kennt im ewigen Rom den Bronnen,
Der um den Obulus ein Wiedersehen verspricht.

Ich warf in unserer Liebe tiefen Zauberbronnen
Die Seele mein – Fontana Trevi war er nicht.

Sehnsucht.

Wie sich der Wald nach dem Frühling sehnt,
Wie er die Arme reckt und dehnt,

Wie nach dem Lenz sich bangt das Feld,
Sein Sehnen im Lerchenliede gellt,

Wie nach der Sonne das blinde Kind,
Wie der Wanderer verlangt nach dem Abendwind,

Den Demant im dunklen Erdenschoss
Es dränget zu leuchten still und gross,

Wie der Vogel sich flüchtet zum höchsten Ast,
Als der Sonne letzter und erster Gast –

So sehnt meine Seele die deine herbei,
Mit allen Gewalten im Todesschrei! –

Mein erstes Gedicht.

Mit dreizehn Jahren, als kraus mein Sinn,
Schickte man mich in ein Kloster hin.
Die Nonnen waren sehr beflissen,
Und Hessen mich manche Weisheit wissen.
So auch die Kunst der Poeterei,
Da war ich mit Leib und Seele dabei!
Und als Sankt Anna ins Land gegangen,
Hatt' ich mir die ersten Verse gefangen,
Und hätte sie gern zum Fest geschenkt
Der edlen Fraue, die alles gelenkt –
Da hiess es: »Du musst sie selbst rezitieren« –
Mit Handschuhen weiss tat man mich führen,
In einen grossen Saal und Kreis –
Bald ward es mir kühl, bald ward es mir heiss –
Ich sprach ganz ruhig erst und besonnen,
Allmählich bin ich ins Pathos gekommen,
Und was ich nie zu hoffen geträumt,
Eine Träne der Fraue Wimper säumt.
Zum Mittagstische am Platze stund
Ein gross Stück Torte, das wässert den Mund.
Doch könnt' ich mich nicht an der Torte vergessen,
Die einzige Torte, die ich nicht gegessen –
Ich trug sie hinauf in meinen Spind,
Wie war so selig gerührt das Kind –
»Eine Träne und Kuchen für ein Gedicht, –
Mehr sagt ich mir richtig, braucht's ja nicht.« –

Fahrt.

Ich habe zur Reise durch diese Welt
Einen Wagen erhalten, der mir gefällt.
Nicht zu gross, nicht zu klein, er fährt sich gut
Stell' ihn allabend in Gottes Hut.
Sind liebe Menschen viel drin' gesessen,
Auch solche, die ich gerne vergessen,
Und so wie der Ton im Wagen gestimmt,
Die Hand das Posthorn zum Munde nimmt.
Gottlob, dass so viel die Dichter geschrieben
Und dass die Verse Noten getrieben.
Weiss fast kein Lied, das noch nicht geblasen,
Gejubelt, gejauchzt, geweint auf dem Rasen.
Wird, wenn die Fahrt ihr Ende genommen,
Der Postillon ein gut Zeugnis bekommen? –

Schnee.

Nach des Lenzes holden Tändeltagen,
Nach des Sommers quälend schwüler Glut,
Nach des Herbstes schweren Erntewagen
Bin ich dir, du weisser Schnee, so gut.

Bist ein Flaum aus eines Seraphs Schwinge,
Bist das Lächeln einer Ewigkeit,
Schlingst die bräutlich weissen Flockenringe
Voll Erbarmen um die Zeitlichkeit.

Bist ein Traum aus dem Madonnenauge,
Bist vom fernen Stern ein Liebeskuss,
Aus des Himmels blühend weissem Garten
Für die Mutter eines Engels Gruss.

Schöner wüsst ich Liebe nicht zu kleiden,
Als in schneeig stolze, keusche Pracht,
Weiss ich doch, sie muss aus Fernen kommen,
Und in Fernen nur ihr Heimat lacht. –

Mein Heimatstädtchen.

Mein Heimatstädtchen muss ich mir loben,
Hat Türme und Bogen und Tore. Wenns dämmert,
Hängt noch der Tag eine Weile droben.

Wenn das Leben mir düstere Schatten spinnt,
So führe ich die Seele in meine Heimat,
Dass sie die Tore und Türme dort minnt.

Und auf einem Bogen da weiss ich ein Wappen
Das mag sich die Feige leihen zum Streit:
Ein Schild, eine Hand und stolze Rappen.

Das muss man zur Seite haben im Leben,
Tore und Türme und Bogen und Schild,
Die auch im Dämmern noch Licht umgeben. –

Spaziergang.

Als ich mit dir zum fernen Dörflein ging,
In einem kleinen Tale lags, – da hing
Die Sonne strahlender am Himmelszelt,
So dünkte mir's – und schöner war die Welt!

Die Häuschen waren arm, die Fenster klein.
Und dennoch meint ich, wohnt der Herrgott drein
Mit seiner süssen, kleinen Engelschaar.
Ach, gabs da Engel – weil Gott Liebe war!

Am kleinen Teich, am Dorfesende drauss,
Ich glaub, er sorget für den Karpfenschmaus,
Da streichelt ich des Schilfes starres Haar
Und meinte gar, dass es aus Seide war!

Wir setzten uns auf eines Häuschens Bank,
Und meine Seele still die deine trank.
Da war es mir, als hört ich ein Gedicht,
Das Rosen um antike Säulen flicht.

Den Heimweg säumte gelber Ginster ein,
Berauschend duftets draus nach Honigseim.
Und jenes Dorf und jener Blumen Duft
Glaub mir, sie liegen manchmal in der Luft!

Dann grüss' ich dich und schliess die Augenlider
Und fühle meine alte Liebe wieder!

Donau.

Donau, ich grüsse dich, meiner Heimat elastische Strasse,
Leichter, denn staubiger Weg, trägt meine Leiden dein Kahn.

Inn.

Inn, du wildester Sohn des Gebirgs, legst Blumen und Erde
Oft meiner Heimat zu Füssen und heimliches Sehnen nach Alpen.

Ilz.

Also verliebt war Natur in die dunkle Tochter des Waldes,
Dass sie den Busen dir, llz, lieblich mit Perlen geschmückt.

Passauer Kunst.

In meiner Heimat blühte einst die Kunst,
Sich Hieb und Stich und Kugelfest zu machen,
Mag man des törigen Wähnens rechtens lachen,
Es hilft uns Allen doch im Kugelregen
Des Lebens treulich unser Heimatsegen!

Wunsch.

Aul der Turmuhr möcht ich sein
Einer Mittagstunde Schlag,
Wenn auf Plätzen, Brunnen, Wegen,
Hell und heiss die Sonne liegt,
Und das Auge kaum sich stählt
Für des Lichtes vollen Segen.

Wenn die Seelen voll Vertrauen
Kindern gleich, der Mutter sicher,
Furchtlos wandeln, harmlos spielen
Mit den Schatten ihrer Tiefen,
Die beim Dämmerstundenschlag
Feindlich schon nach ihnen zielen.

Seiltänzer sind meine Gedanken.

Seiltänzer sind meine Gedanken,
Wie sie bald bedächtig schwanken
Und recht behutsam schleichen,
Bald im Laufe ihr Ziel erreichen.
Wie bunt ihre Kleidchen wehen,
Wenn schillernde Kugeln sie drehen!
Die Sohlen mit Staub beschlagen
Sich gleitend vorwärts wagen.
Wie sie so viele Mätzchen
Treiben gleich dem Kätzchen,
Und sich in Sonne und Wind,
Im Traum erschleichen manch Kind,
Wie sie sich bücken und beugen,
Und neckisch sich verneigen,
Und grüssen vom hohen Seil
– Es hat oft keine Eil –
Eine goldene Stange in Händen
Nach Gleichgewicht sie fahnden.
Doch einmal ist geschehn,
Da wollt ein Gedanke gehn
Zu Gott, seine Liebe gestehn.
Er wollte sie ohne Zagen
Vorn lieben Herrgott tragen,
In stürmisch raschem Lauf
In seinen Himmel hinauf.
Dabei kam er ins Wanken,
Ich sah ihn plötzlich schwanken,
Er fiel, weil das Herz ihm zu schwer
Ins uferlose Meer.

Psyche.

Heute früh fand ich auf meinem Tische,
Meine Psyche ohne Flügel liegen,
Und ich nahm sie zärtlich und erschrocken,
Tät sie sanft auf meinen Armen wiegen.
War mirs doch als hätten Kinderhände
Rauh und grausam ihr den Schmuck geraubt,
Wie den Faltern, spielend auf den Wiesen,
Wie ein zartes Röslein man entlaubt!
Holde Psyche, wie so oft auf Erden
Hast du deine Flügel eingebüsst,
Weil der Mund zu roh, die Hand zu derbe
Zum Berühren deiner Schönheit ist.
Nimmer kann ich deine Schwingen missen,
Seelenlos erscheinst du ohne sie,
Psyche will ich nur auf Erden wissen
Flugbereit ins Reich der Phantasie! –
Krüppel bist du nun und kannst nicht sterben,
Nimm den Gnadenstoss – und geh in Scherben!

Die Zauberflügel.

Sie brachten als Jagdbeute Wildenten heim
Und wünschten, sie sollten mir schmecken fein.
Ich trug sie erst zärtlich mir herbei,
Schon fiel mir zu Füssen das tödliche Blei.
Ich sah in den Schwingen, Grau, Weiss und Blau,
Die Erde, die Seen, den blitzenden Tau. –
Was soll denn ein Tand meinem Sommerhut
Dacht ich – als Schmuck sind die Hügel gut!
Und also geschah's; der Hut war mir lieb,
Doch ein Zauber geheim in den Flügeln verblieb.
Glaubt mir, ich fühlte oft Wandersehnen,
Wollt mich im Flug von der Erde trennen,
Gab man mir Rosen, kaum dankte ein Laut,
Mein Sehnen stund draussen im Heidekraut.
Es trieb mich hinaus in Felder und Moor,
Und wo sich der See im Schilfe verlor,
Fiel durstig meine Seele hernieder,
Und trank aus dem Spiegel seltsame Lieder. –
Ob aus Höh'n oder Tiefen das Blei mich geholt,
Ich hätte dem Jäger Tod nicht gegrollt.

Traum.

Ich stieg empor zu einem Felsengrat!
Als ich dem letzten Anstieg mich genaht,
Sah ich vor mir in hellem Sonnenschein
Zwei Schlangen liegen auf «dem heissen Stein,
Brautringen gleich, verschlungen ineinand –
Wer gibt sich Schlangen hier zum Liebespfand?
Da blickte jäh herab im Firnenlicht,
Adam und Evas streng gefurcht Gesicht.
Und ehern klang's aus ihrem Munde mir:
»Sieh dir doch an die beiden Ringe hier!
Weil sie zu eng und schwer am Finger lagen,
Hat man zur Sonnenschmiede sie getragen. –
Du kannst zum Lohn, weil du so hoch gestiegen,
Nun sehn die ersten Eheringe liegen! –«
Ich ward ganz still, und drunten jetzt im Tal,
Wenn an der Frauenhand die grosse Zahl
Vom Ringen blitzt, denk ich, zu diesem Häuf
Noch eine Schlange – nein, ich nehms nicht auf.«

Ausblick.

Vorm Fenster schlich ein dunkler Fluss vorbei,
Ich dachte mir, dass so der Lethe sei,
Und wachend träumt ich von der Unterwelt,
Der dieser Strom barmherzig zugesellt.
Drauf sah ich Fischer Netze ziehen ein,
Drin zappelten viel Fische gross und klein;
Sah Frauen emsig dort die Wäsche schwenken
Tat immer noch des Lethestromes denken,
Bis eine Schaar von Knaben kam gezogen,
Die sich vom Flosse tief zum Wasser bogen.
»Ei, das schmeckt gut, wie durstig waren wir,
Schon sind wir Irisch, nun heim zu dem Papier –
Von Bäckers Lieschen, Lederstrumpf besessen,
War unser Pensum beinah schon vergessen« –
Als ich das hörte, wards mir freilich klar,
Dass hier die Vils, doch nimmer Lethe war.

Das Bildnis einer Mutter.

Ein Jüngling kam zum Meister geschritten.
»Meister, unsere Mutter ist tot.
Sie gab uns alles – ich will dich bitten,
Habe Erbarmen mit unserer Not.
Schaff' sie uns wieder in Marmor licht,
Dass ihr Auge uns nimmer bricht!«
Der Meister nahm den Meissel zur Hand,
Und wandert schaffend ins ferne Land.
Doch als das Gewand sollt Gestaltung gewinnen,
Will unter dem Meissel der Marmor zerinnen,
Und wie er auch schafft an des Kleides Falten,
Der Stein hat ihm nimmer Stand gehalten.
Da ward es endlich dem Meister klar,
Dass das Bildnis ja das einer Mutter war –
Und leuchtend vor seiner Seele stand
Eine nackte Gestalt – nur die eine Hand
Hielt eines Mantels Saum noch eben,
Das Bild einer Mutter, die alles gegeben. –

Erinnerung.

Als Kind war täglich in der Klosterkirche
Der Betplatz mir bestimmt vor dem Altar.
Der aufbewahrt das stehende Gerippe
Des Heiligen, der vor schier 2000 Jahren
Sein junges Leben für den Glauben gab.
Ich war entsetzt beim Anblick des Gebeines;
Noch schauerlicher wars, als durch die Scheiben
Der lichte Strahl der Morgensonne drang.
Mit den Gelenken war noch eine Kette
Aus Gold und Edelsteinen fest verschient,
Die Knochenfinger stützt' ein langes Schwert
Und auf dem kahlen, braunen Schädel lag
Ein wundervoller Kranz aus bleichen Perlen.
Ich nannte ihn gar oft den heiligen Tod
Und damals noch mit innerem Entsetzen.
Doch mählich wurde Freund er mir und störte
Mein kindliches Gebet so wenig mehr
Als all die freundlichen Gedanken, die
So nebenbei in meine Heimat gingen,
Vielleicht auch sehnend schon des Frühstücks harrten.
Ja, ich war Winters oft der Sonne böse,
Die ihren Weg durchs Fenster nimmer fand
Zum Heiligen und seine Ringe, Ketten
Nicht mehr erstrahlen liess wie ehedem
Und dachte an den Tag des Auferstehens,
Wie leichtes Tun der liebe Gott doch habe
Mit diesem Heiligen, der schon geschmückt
Und ausstaffieret ist zur Himmelfahrt.
Wenn heut im Leben ich so oftmals sehe
Die Menschen bangen vor der letzten Frage,
Und sie vergessen irdischer Dinge Ende,
Dann weiss ich, dass es ihnen wird ergehn
Wie einst dem Kinderaug am ersten Tage
Mit dem Gebein des Heiligen in der Kirche.
Zu spät ists dann für sie. – Voll Dank erkenne
Die Weisheit ich, die für mich heute liegt
An meinem Betplatz in der Klosterkirche.

Sterben.

Sterben möcht ich wie das scheue Reh,
Will mich flüchten in des Berges Kleid,
Schmiegen mich in seines Mantels Falten,
Dass er decke königlich mein Leid.

Sterben will ich wie der Wanderschwan,
Der mit seiner Schar nach Süden zieht,
Und der hoch in lichter Sonnenbahn
Fühlt, wie mählich seine Kraft entflieht. –

Sterben möcht ich wie der Falter hold,
Der an Blütenduft berauscht sich hat,
Der gesättigt von der Farben Gold,
Seine Flügel breitet auf ein Blatt!

Hingeh'n möcht ich wie der stolze Strom
Der in Meeresarmen jauchzend stirbt,
Und zu seines Erdenwallens Lohn
Diese letzte, grosse Liebe wirbt!

Das Bild von einst.

Es stund der alte Rahmen wieder da,
Dieselbe Landschaft, die sein Bild umschlungen
Doch weiss ich nicht, wie mir davor geschah.
Wär mirs gewesen wie dem Diener treu,
Der Jahr um Jahre Bild um Bild bewacht,
Der täglich in der Galerie aufs Neu
Die Morgenrunde macht und jäh entdeckt,
Dass Bubenhand ein Kleinod ihm geraubt,
Nach dem er zitternd nun die Hände streckt
Und das im Traum noch sucht sein Aug und Mund.

Ich aber weiss, wohin mein Bild entschwunden –
Doch nimmer holt' ich's in des Rahmens Rund.

Herbst.

Bin ein stolzer Rittersmann,
Neige meine Fahnen,
Wenn ich meine Pflicht getan
Geh ich zu den Ahnen.

Lauter Gold mein Wappen füllt,
Blumen, Ähren, Trauben,
Blutig flammt mein wehrhaft Schild
An den alten Lauben.

Drunter kost und küsst sichs gut,
Besser wie im Maien,
Mit des Sommers Strauss am Hut
Wirds dich nicht gereuen!

Komm nun Sturm und läute mir
Laut des Waldes Glocken,
Schlag zurück mir das Visir
Vor den ersten Flocken.

Mag die armen Menschlein rings
Scheiden bitter grämen,
Ich kann lächelnd wie ein Gott
Abschied von Euch nehmen!


Vor des wilden Weines schlanken Reisern
Bleib im ersten Lenz ich gerne stehn,
Hör im Tauen tausend Geister raunen,
Die durch die kristallenen Tropfen gehn.

Und ich frag nach Muhme und nach Base,
Nach dem Mammon, wie man Kuckuck fragt;
Nur das eine, ob du mich noch lieb hast,
Hab zu fragen ich noch nicht gewagt.

Feige steh ich vor dem Lenzorakel
Noch liegt Schnee auf deiner Liebe schwer,
Lieber Schnee, ich bitt dich, bleib doch liegen;
Denn, wer weiss, ob sie noch drunter wär!

Seltener Fund.

Mein Städtchen schliesst ein Kranz von Bergen ein,
Gegürtet keusch mit Wald, manch blumiger Rain
Steigt an zu dieses Gürtels buntem Kleid.
Gebauscht von sanft gewelltem Wall liegt breit
Dem Tal es auf. – Auf Sommertages Flügeln
Sucht, wie ein Falter tastend an den Hügeln
Mein Auge just nach einer leckeren Speise
Und wirklich fand ein Seltenes ich zum Preise.

Ein Grab an eines Baumes Fuss lag offen,
Gesprengt von seiner Wurzel Kraft. Betroffen
Hab ich nach Form und Inhalt es erschaut.
Nicht Römersitte hatte es erbaut;
Es war aus Zeiten, da aus Ostens Schoss
Die Völker wandernd drängten, rauh und gross
In Kriegeskünsten. Starb ein Fürst, ein Held,
So waren Bergeshöhn sein letztes Zelt,
Und wenn die Flammen ihre Pflicht getan,
Vertraut die Asche man dem Tone an.
So lagen Scherben in dem Totenhaus,
Die ich mit Wehmut sichtend nahm heraus.
Wer zählt die Zeit, die drüber hingegangen,
Eh' hier der Baum wuchs, Grabes Riegel sprangen!

Auf meiner Seele Höh'n hab ich erbaut
Ein Grab der Liebe – niemand hats erschaut.
Da kämest du – der Liebe Grab zersprang,
Und hell ein Vogel Osterlieder sang!


Deine Seele möchte ich umziehen
Wie der wilde Wein die Burg umspinnt,
Feurig müssten ihre Wunden glühen,
Wie's im Herbst dort um die Scharten rinnt.

Und vor diesem roten Glutenmantel
Wollte trunken ich und jauchzend stehn,
Und mit Hinduweibes tapferen Schritten
Durch die Flammen stolz zum Himmel gehn!


War in meinem Herzens Frühlingstag!
Auf dem Feld sich liebe Hände mühten,
Regenbogenfarbige Perlen sprühten
Aus den Blumen, drauf die Sonne lag.

Eilig lief zu meinem Lieb ich: Sag,
Darf die Röselein, die hold entglühten
Deinen Wangen, deiner Worte Blüten
Ich in meine Seele pflanzen, sag?

Sieh' den Rain! Dort müssen Rosen stehen;
In der Schollen Zeilen will ich säen
Deine Worte und der Ernte harren.

Kein Entrinnen, das dir dann verbliebe,
Blumen zeugen Blumen – deine Liebe
Muss sich tausendfach mir offenbaren!«


Bienlein stach ein schönes Kind
In die Rosenlippen.
Bienlein, mach dich fort geschwind,
Hier darfst du nicht nippen!

Bienlein flog dem Stocke zu
Ueber Wies und Heide,
Liess die Blümlein all in Ruh,
Stolz auf seine Beute.

Wie es heimgekommen ist,
Heimlich gings ans Bauen;
Doch was war in kurzer Frist
In dem Stock zu schauen?

Rosenrot erglüht das Haus,
Wie von Feuerbränden,
Röslein wuchsen rings heraus,
Spuck wollt nimmer enden.

Und die kleine Zauberin
Hatt' man bald gefangen,
Legt sie an die Kette hin,
Wollte schier sie hangen!

Doch das Bienlein spricht voll Leid:
Was soll mir geschehen?
Wo wir Armen allezeit
Menschen füttern gehen?!

Im Waldesschweigen.

Ich war im Walde allein – das Seegestade
Lag hinter mir – dort türmten Felsen sich.
Es war ein stilles Eiland voll der Gnade.

Sein Schooss so jungfräulich – Im Schnee erblühten
Holdselig Rosen und die Berge all
Im Schein der Abendsonne rings erglühten! –

In diesem Schweigen löste meine Seele
Sich leise aus des Körpers Bann und schritt
– Mir selbst ein Märchen – stolz nach einer Stelle,

Wo Hirsche plänkelten mit dem Geweih,
Schwang sich auf einen stolzen, braunen Rücken
Und ritt, rings sichtend, zögernd mir vorbei.

Als sie mir wieder dann zurückgekehrt,
Musst' schier des Meisters Böcklin ich gedenken
Und ehrt' ihn, wie man einen Seher ehrt!


Die Sonne, die Sterne, die Rosen,
Der Lenz, der Zephyr, das Meer –
Sie sollten Antwort geben,
Was denn die Liebe wär'!

Dabei stund die Liebe am Wege,
Die Frager doch waren blind,
Für sie war zu einfach gekleidet
Das demokratische Kind.

Und weil es von Art und Wesen
Ganz anders, als sie es erträumt,
So haben die Armen den Anschluss
Zur Liebe für immer versäumt.


Ich stand am Strom – er war versiegt
Und offen lag sein Weg,
Neugierig eine Menge wiegt
Sich auf dem Brückensteg.

Sie scheint erlöst von einem Bann,
Als ob ihr Heil geschehn,
Weil endlich einer Sache man
Ganz auf den Grund kann sehn!

Alpdruck.

Mir träumt' von einem kleinen See
Von Mummeln gelb umstellt,
Als Spiegel könnt im Schloss er stehn
Im Dienst der feinen Welt,

So schön war er – Wie unentweiht
Erglänzte er, wie rein!
So können, fühlt ich allerzeit
Nur Kinderaugen sein.

Da trat die Liebe mein gar leis
Als scheues Waldesreh
Aus meines Herzens tiefer Nacht,
Und schritt hinab zum See.

Und trank und äugte in die Flut,
Darin das Sternlein glänzt,
Und wusst nicht, wer den Spiegel ihr
So fürstlich hat bekränzt.

Aus Waldestiefen schleichend schritt
Ein Mann im Waidgewand,
Der sieht das Reh – und schon hat er
Der Büchse Hahn gespannt.

Ich wollt' sie ihm entreissen kühn
– Kein Schrei löst meine Not –
Starr waren meine Arme beid –
Die Liebe, die lag tot. –

Seh dem Werden einer Hyacinthe zu.

Seh dem Werden einer Hyacinthe zu.
Täglich stört mein Finger ihre Ruh,
Spannt die grünen Hüllen leis entzwei,
Will doch wissen, welcher Art sie sei,
Welcher Farbe. Endlich ward mirs kund.
Eng gedrängt begann der Blumenmund
Sich zu röten hold wie Eos Finger,
Rosenfarbig lag ein zarter Schimmer
Auf den Blüten. Jeder Morgen machte
Ihre Wangen höher glühn und sachte
Rang sich aus der grünen Hände Schoss
Ein gar künstlerisch Gebilde los.
Immer mehr trank an des Lichtes Macht
Sich die seltne Kerze Farbenpracht.
Plötzlich hör ich fern ein leises Fragen:
»Hast du gleiche Sorge auch getragen
Für die Blüten, die entsprossen sind
Deiner Seele Schoss, neugierig Kind?
Manche weiss ich, musst in Nacht verkümmern,
Manche fand auf trocknen Ackertrümmern
Früh den Tod. Und selbst die einzig Eine,
Die sich öffnet nur im Mondenscheine,
Nur an laue Flut sich zärtlich schmiegt,
Hast auf eisigen Wellen du gewiegt!«


Am Fenster meiner Stube
Eine Blume steht,
Sie schaut mit lachendem Auge
Wie's draussen im Winter geht.

Als ob sie ganz fern der Sache,
Wie manches Menschenkind,
Das hinter den Scheiben des Glückes
Sich seiner nimmer besinnt.


Es rannen vom Stamm der Fichte
Helle Tränen herab.
Ich sprach: »Weshalb nur weinst du?
Dich kränkt doch kein böser Knab!

Es setzen auf deinen Zweigen
Die Vögel sich abends zur Ruh,
So bist du niemals alleine,
Sag, weshalb weinest du?«

»Nicht ich, der Sommer weinet,
Der aus den Wipfeln mir zieht,
Wie von den Almen der Senne
Nicht scheidet ohn' Tränen und Lied.

Wohl ist, weil zu Tale er dränget,
Auch mir ums Herze weh,
Denn besser wiegt sich am Arme
Die Sonne doch als der Schnee!«

Rauhfrost.

Es herrschet Frost in Wald und Feld,
Jed Tannennadel ist umstellt
Mit einer feinen weissen Mauer.
Am Weg der Strohhalm liegt auf Lauer
Und pustet sich und bläht sich auf,
Dass fast der Fuss in seinem Lauf
Stockt vor dem glitzernden Gebild.
Der Spinne Netz hängt wie ein Schild
Aus Silber in des Steinbruchs Ritzen,
Kein Ritterschild könnt stolzer blitzen!
Ein toter Käfer frosterstarrt
Ist wie ein Mägdlein aufgebahrt.
Des Fuhrmanns Wang ist weiss umrahmt,
Des alten Rössleins Fuss, der lahmt,
Ist mit den schwarzen Zottelhaaren
In Hermelines Kleid gefahren.
Die Eiche steht im Brautgewand,
Ihr Aschenbrödelkleid verschwand.
Es sind die Nestchen in den Zweigen
Von Marmornadeln schlank ein Reigen.
Das Mütterlein, das dort am Weg
Mit seiner Bürde keuchend geht,
Wie mag den armen krummen Rücken
Das Silberreisig doppelt drücken!
Und wer sonst nie ein Kreuz geschlagen,
Nie Glück und Leid vors Kreuz getragen,
Hält vor der Silberkreuze Pracht
Am Dorfes Friedhof – stille Wacht.


Sprach ein krankes Kind zur Winterszeit:
»Mutter, heute schmerzen meine Tränen,
Liegen auf den Wangen eisig kalt,
Mutter, sag, ist noch der Sommer weit?

Besser weint sich's, Mutter, in der Sonnen,
Leichter weint sich's, Mutter, bei den Blumen,
Müssen alle Kinder soviel weinen
Mutter, eh' sie in den Himmel kommen?«

»»Kind, dort oben wirst du Blumen pflücken
Auf des Himmels goldgestickter Au,
Aus der Engel goldnen Schüsslein essen
Und den Sonnenstrahl ans Herzlein drücken!««

»Aber Mutter, wenn auf Himmelsauen
Dort mich deine Hand nicht führen kann,
Will ich lieber hier im Schneesturm weinen,
Nur mit dir will ich den Himmel schauen!«


Er sprach:
»Mir schaudert, wenn einst meine Seele niedertaucht
Ins Meer des Nichts, ihr Flügelschlag verrauscht.
Wenn, wie die kranke Möwe salzflutschwer
Sie flatternd sinkt ins echolose Meer.«

Da reicht sie eine Muschel ihm mit Weh
Und sprach: »Noch tönt, noch rauscht in ihr die See,
Nachdem sie Jahr um Jahr vergessen lag
Verstaubt und sich in ihr verfing der Tag.

Der Menschen Laute und der Vögel Stimmen
Sie konnten ihr kein Echo abgewinnen.

Wie tief muss das Verlorene sie schmerzen,
Da sie es unentwegt bewahrt im Herzen!

Was muss so wertlos ihr die Erde sein,
Da sie nicht tauscht ihr Flutgeheimnis ein!

Erst im Zerschellen aus dem Herzen zieht
Ihr letzter Ton vom fernen Meereslied!

Weil in dem Ozean solch Wunder webt,
Er auch die Muschel zauberhaft belebt.

In jenem Meer, in dem der Geist versinkt,
Er tiefere Wunder, als die Muschel trinkt.

Und weil er nicht wie sie dem Staub geweiht.
Trägt er sein Tönen durch die Ewigkeit!«

Verzeihung.

Vom Froste war das Fenster
Dicht bedeckt,
Das hat ein seltsam Sehnen
In mir geweckt.
Ich schrieb meiner Seele Qualen,
Auf diesen Grund,
Dann taut ich sie hinweg
Mit warmen Mund. –
So hab ich erlöst den Sünder,
Von seiner Schuld,
Ihn wieder aufgenommen
In Gnad und Huld.

Zu spät.

Es fiel ein Regentropfen auf dürres Laub,
Es flog eine weisse Flocke in Maienstaub,
Es fiel ein Vogel verdurstet an Teichesrand
Ein todesmüder Bettler die Heimat fand.
Der Liebe lodernde Flamme ins eisige Herze weht,
Auch sie hat sterben müssen, für sie auch war's zu spät.

Träumen.

Abends, eh ich in das Reich des Schlummers schreite,
Lieg ich gerne noch ein Weilchen still,
Such in Büchern mir nach Weggenossen,
Weil ich gern mit lieben Menschen gehen will.
Such nach blauem Himmel, Blumen, Sternen,
Zieh durch der Erinnerung süsses Land,
Schlinge zärtlich dann um goldne Fernen
Eh die Pforte klinkt, der Sehnsucht Band.
Doch wie oft ist all mein Müh'n vergebens,
Tagesstimmen tönen noch herein,
Sanfter flutet kaum der Strom des Lebens
Und ich bin in dunkler Nacht allein!
Manchmal wird das Träumen nur ein Gleiten
Meiner Sehnsucht ins Erfüllungsreich,
Manchmal nur ist's einem Flügelbreiten
Über sonnenhellem Glücke gleich.
Doch ist Träumen stets erneutes Hoffen,
War der Tag ernüchternd auch und rauh –
Nachts ist doch vielleicht der Himmel offen
Und am Traumtor eine liebe Frau!


Nachts im Traume sah ich meine Lieder
– Schlichte Blumen auf der weiten Au –
Zagend beugt ich mich zu ihnen nieder,
Ihre Kelche trugen Morgentau.

Und ich sprach zu ihnen: »Banget nimmer,
Mehr euch zu erbitten wagt' ich nicht,
Als des Nachts ein freundlich Sterngeflimmer,
Frühtau und ein Streiflein Morgenlicht.«