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Henryk Sienkiewicz – Seemanns-Legende

Erzählung

aus: Polnische Erzähler, Eine Anthologie der neueren polnischen Erzähler, zusammengestellt und übersetzt von B. Rogatyn, Verlag von J. Otto, Prag, 1904, S. 315-319


Er war einmal ein Schiff, das hieß »Purpura«, so groß und kräftig, daß es die Stürme nicht fürchtete, noch die Wogen, so fürchterlich sie auch wüten mochten.

Und das Schiff steuerte dahin, mit geblähten Segeln, über die turmhohen Wellen hinweg, zermalmte mit mächtiger Brust die unterseeischen Riffe, an denen die anderen Schiffe zerschellten, und steuerte in die Ferne, während seine Segel in der Sonne blinkten, so schnell, daß der Schaum an den Flanken zischte und eine breite, lange, schillernde Furche sich hinter ihm einherzog.

»Das ist ein herrliches Schiff!« riefen die Seeleute, die ihm auf dem Meere begegneten. »Ein wahrer Leviathan, der die Wellen teilt.«

Manchmal fragten sie die Mannschaft der »Purpura«:

»Wohin geht die Reise?«

»Wohin uns der Wind treibt!« antworteten die Matrosen.

»Hab’t acht, dort gibt es Wirbel und Felsen!«

Als Antwort auf diese Warnung brachte ihnen der Wind von der »Purpura« nur die Worte eines Liedes hinüber, das so rauschend war, wie der Sturm selber:

»Laßt uns segeln, fröhlich, froh!«

Das Leben der Mannschaft war glücklich auf diesem Schiffe. Die Matrosen, der Kraft und Größe desselben vertrauend, spotteten der Gefahren. Auf den anderen Schiffen herrschte strenger Gehorsam, aber auf der »Purpura« tat ein jeder, was er wollte.

Das Leben war dort ein ewiges Fest. Die glücklich überstandenen Stürme und die zerschmetterten Felsen erhöhten nur das Vertrauen. Solche Riffe und Stürme gibt es nicht, die die »Purpura« zerschmettern könnten, sagte man. Mögen die Orkane das Meer aufwühlen, die »Purpura« wird weiter segeln.

Und die »Purpura« segelte in der Tat, stolz und prächtig, wie sie war. Jahre gingen vorüber und sie schien nicht nur selber unzerbrechlich zu sein, sondern rettete noch andere Schiffe vor dem Untergange und gewährte den Schiffbrüchigen Schutz auf ihrem Verdeck.

Der blinde Glaube an ihre Macht wuchs mit jedem Tage im Herzen der Mannschaft. Die Seeleute wurden verweichlicht im Wohlleben und vergaben ihre Kunst. Die »Purpura« wird von selber dahinsegeln. Wozu arbeiten, wozu acht haben auf das Schiff, das Steuerruder, die Mastbäume, die Segel, die Taue? Wozu sich mühen, die Stirn im Schweiße baden, da das Schiff wie eine Gottheit unsterblich ist?

»Laßt uns segeln, fröhlich, froh!«

Und viele Jahre noch segelten sie so dahin. Bis im Verlaufe der Zeit die Mannschaft endlich ganz weibisch geworden war, die Pflichten vernachlässigte und niemand merkte, daß das Schiff anfing, morsch zu werden. Das Salzwasser zerfraß das Gebälke, das mächtige Gefüge wurde locker, die Wellen rissen die Borde herab, die Mastbäume wurden morsch und die Segel zerfraß die Luft.

Vernünftige Stimmen wurden laut:

»Nehmet Euch in acht!« riefen manche Matrosen.

»Tut nichts! Wir schwimmen mit der Strömung!« antwortete die Mehrheit der Seeleute.

Inzwischen brach eines Tages ein Sturm los, wie er noch nie zuvor auf dem Meere getobt. Der Wind vermengte den Ozean mit den Wolken und bildete ein wüstes Chaos. Wassersäulen erhoben sich und strebten mit Krachen auf die »Purpura«, fürchterlich schäumend und zischend. Sie stürzten sich auf das Schiff, schleuderten es auf den Grund des Meeres, dann hoben sie es zu den Wolken empor, um es abermals abwärts zu stürzen. Das lockere Gefüge barst, und plötzlich erhob sich ein fürchterlicher Schrei auf dem Verdeck:

»Die ›Purpura‹ geht unter!«

Und die »Purpura« senkte sich in der Tat und die Mannschaft, der Mühen und des Steuerns entwöhnt wußte nicht, wie ihr Schiff zu retten.

Doch als der erste Augenblick des Schreckens vorüber war, kochte die Wut in ihren Herzen auf, denn im Grunde liebten diese Seeleute ihr Schiff.

Alle rafften sich auf und fingen an, aus den Geschützen auf die Stürme und die brausenden Wogen loszufeuern, dann faßte ein jeder, was er gerade unter der Hand hatte, und sie peitschten das Meer, welches die »Purpura« verschlingen wollte.

Und er war großartig, dieser Kampf menschlicher Verzweiflung wider das erzürnte Element. Doch die See war stärker, als die Seeleute. Die überschwemmten Geschütze verstummten, riesenhafte Wasserwirbel zerrten viele der Kämpfenden fort und versenkten sie in den Abgrund. Die Besatzung schmolz mit jedem Augenblick zusammen, doch sie kämpfte noch immer. Überschwemmt, halb erblindet, von einem Schaumberg überhäuft, kämpften die Seeleute bis zum letzten Atemzug.

Zuweilen versagte ihre Kraft, doch nach kurzem Ausruhen erhoben sie sich wieder zum Kampf.

Endlich sanken ihre Hände herab. Sie fühlten, daß der Tod nahe.

Ein Moment dumpfer Verzweiflung trat ein. Die Seeleute sahen sich an mit wirren Blicken.

Aber dieselben Stimmen, welche schon früher vor der Gefahr warnten, erhoben sich noch einmal, doch kräftiger als vorhin, so kräftig, daß das Brüllen der Wellen sie nicht übertönen konnte. Diese Stimmen sagten:

»O, Ihr Verblendeten! Wozu die Stürme beschießen, wozu die Wellen peitschen? Bessert lieber das Schiff aus! Steiget auf den Grund hinab. Dort sollt Ihr arbeiten. Die »Purpura« ist noch lange nicht ertrunken.«

Als die Halbtoten diese Worte vernahmen, erbebten sie, stiegen auf den Grund hinunter und fingen dort von neuem die Arbeit an.

Vom Morgen bis zum Abend arbeiteten sie mühselig und im Schweiße ihrer Stirnen, um die frühere Untätigkeit und Verblendung wettzumachen ...