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Henryk Sienkiewicz – Waldidyll

Erzählung

aus: Polnische Erzähler, Eine Anthologie der neueren polnischen Erzähler, zusammengestellt und übersetzt von B. Rogatyn, Verlag von J. Otto, Prag, 1904, S. 333-346


Im Walde, im tiefen Walde mitten in einer breiten Lichtung stand die einsame Hegerhütte. Daneben erhoben sich zwei Wirtschaftsgebäude, vorne dehnte sich ein Stück eingehegten Ackers und stand ein verfallener Brunnen mit abgenütztem, gekrümmtem Schwengel.

Vor den Fenstern der Hütte wuchsen Sonnenblumen und wilde Malven, schlank und bedeckt mit Blüten, wie mit einem Schwarm von Schmetterlingen. Zwischen den Sonnenblumen blickten die roten Köpfchen des Mohns hervor, um die Malven wanden sich Erbsen mit rosigen und lila Blüten, und wuchsen Singrün, gelber Saflor, gelbe Ringelblumen und bleiche, weil von den Blättern der Sonnenblumen und der Malven beschattete Astern.

In der Umhegung zu beiden Seiten des zur Hütte hinführenden Weges wurde Gemüse gezogen; weiterhin wiegten sich in besonderen Beeten, bei jeder Regung des Windes, in ganzen Wellen die blauen Blumen des Leinkrautes; noch ferner schimmerte das Dunkelgrün des Kartoffelackers und der Rest der weiten Lichtung war bedeckt mit dem saftigen, bald heller, bald dunkler glänzenden Vließ des Getreides, welches sich bis zum Rande des die Lichtung umspülenden Sees hinzog.

Der Bäume waren nicht viele bei der Hütte, nur einige Kirschbäume mit dunkelschimmerndem Laub und eine einzige Birke mit langen, dünnen Zweiglein, die der Hütte so nahe stand, daß der geringste Windhauch ihre grünen Flechten auf das verfallene, moosbedeckte Dach der Hütte warf.

Im Laube der Birke wimmelte es von Spatzen, deren fröhliches Zwitschern sich in das Summen der Blätter und das Geräusch der Zweiglein mischte. Am Dachboden der Hütte nisteten Tauben, auch dort war es also voll des Girrens, Schwatzens und Lockens, der Bitten gleichsam und der Zwiegespräche, wie das gewöhnlich unter Tauben geschieht, die ein gar lärmendes und geschwätziges Völkchen sind.

Abends, wenn die Sonne hinter dem Walde unterging, verstummte das Girren unter dem Dache und das Zwitschern im Birkenlaub. Spatzen und Tauben schüttelten den Tau von den Flügelchen und rüsteten sich zum Schlaf. Zuweilen girrte oder zwitscherte noch eines oder das andere auf, aber immer seltener, leiser, schläfriger, bis endlich alles still schwieg und die Dämmerung vom Himmel sich auf die Erde niedersenkte. Hütte, Kirschbäume und Birke verloren die Umrisse, floßen ineinander über und hüllten sich in den vom See aufsteigenden Nebel.

Rings um die Lichtung, soweit das Auge reichte, schlang sich eine Mauer von dunklen Tannen und dichtem Walde. An einer Stelle war in diese Mauer eine Bresche geschlagen, die sich wie ein Korridor vertiefte und sich immer mehr erweiterte. Hier plätscherten die Wellen des Sees und bespülten den Saum der Lichtung. Der See zog sich weithin, so daß das entgegengesetzte Ufer in der Entfernung verschwand und ein rotes Dach, das Türmchen des an der anderen Seite liegenden Kirchleins und ein schwarzer Waldesrand, der unfern den Horizont einschloß, sichtbar wurden.

Die Tannen an den hohen sandigen Ufern spiegelten sich im See, so daß es schien, als befände sich unten in den Fluten ein zweiter Wald. Wenn der Wald auf der Erde vom Winde geschaukelt wurde, schaukelte sich auch der andere im See, wenn er aber mitten in der Luftstille reglos dastand, dann zeichnete sich auf dem glatten, faltenlosen Wasserspiegel jede Tannennadel deutlich, und die Stämme reihten sich neben einander wie eine Kolonnade, die sich weit, weit ins Unendliche dahinzieht. In der Mitte des Sees widerspiegelte die Flut bei Tag die Strahlen der Sonne, Morgens und Abends das Rot des Himmels, Nachts den Mond und die Sterne und erschien so unendlich tief, wie der Himmel sich hoch über uns wölbt, und über Sonne, Mond und Sternen.

In der Hütte wohnte der Waldheger Stefan und seine Tochter, das achtzehnjährige Käthchen. Das Käthchen war in der Hütte dasselbe, was das Morgenrot am Himmel. Sie wurde in großer Unschuld und Gottesfurcht erzogen. Ihr seliger Onkel, der seinerzeit aus verschiedenen Öfen Brot gegessen hatte und auf die alten Tage Organist in dem benachbarten Kirchlein war, hatte sie in dem Gebetbuch lesen gelehrt, und ihre weitere Erziehung vollendete der Wald. Die Bienen lehrten sie emsige Arbeit, die Tauben die Reinheit, die Sperlinge das fröhliche Gezwitscher, von der Heiterkeit des Himmels hatte sie die Heiterkeit der Seele, und die göttliche Güte lehrte sie gütig sein.

Einmal, am Rüsttag des Pfingstfestes, kam der alte Stefan zu Mittag nach Hause. Er war lange im Walde herumgestreift, hatte die Sümpfe und feuchten Schlupfwinkel besucht, kam also müde heim. Das Käthchen reichte ihm das Mittagbrot und nachdem sie den Hund gefüttert und das Kochgeschirr gewaschen hatte, rief sie:

»Väterchen!«

»Na, was denn!«

»Ich gehe in den Wald!«

»Geh' nur, geh'.  Dann trifft Dich ein Wolf oder ein anderes Untier.«

»Ich will gehen, um grüne Kräuter zu sammeln. Morgen ist Pfingsten, ich will die Kirche schmücken.«

»Gut also.«

Das Käthchen wickelte sich ein Tuch um den Kopf, ein gelbes, grün geblümtes Tuch, und während sie ein Körbchen für die Kräuter suchte, sang sie ein Liedchen:

»Es kam geflogen, geflogen, der Falke, der Graue ...«

Der Alte fing an, gutmütig zu schelten:

»Wenn Du nur so gerne arbeiten möchtest, wie Du gerne singst!«

Das Käthchen, welches sich auf die Zehen gereckt hatte, um in den Schrank zu gucken, wandte den Kopf dem Vater zu, stimmte ein frohes Lachen an und indem es die weißen Zähne zeigte, sang es weiter, wie um den Alten zu necken:

»Laut schallt's im Walde: Wo ist das Liebchen mein?«

»Möchtest Dir wohl auch einen Falken erringen, was?« lachte der Alte. »Vielleicht jenen von der Teerhütte? Aber das sind Dummheiten. Mit dem Singen wirst Du Dir Dein Brot nicht verdienen.«

Worauf das Käthchen antwortete:

»O, Falke, was schreist du, o Falke, was suchst du?
Tief unten im See, dort ruht das Liebchen dein!«

»Väterchen,« fuhr sie fort, »gegen Abend komm' ich wieder; muß noch die Kühe von der Weide heimholen.«

Sie nahm das Körbchen, küßte dem Vater die Hand und ging. Der Alte suchte ein Fischernetz heraus und setzte sich vor die Hütte, um es auszubessern, sah aber jedesmal auf, um die Tochter mit dem Blick zu begleiten. Das Käthchen ging am Rande des Sees dahin und klar hob sich ihr Bild ab an dem hohen Ufer. Ihr weißes Hemd, das rote, gestreifte Kleid und das gelbe Tuch schimmerten von der Ferne bunt, wie eine Blume. Obgleich im Frühling, war die Hitze doch unerträglich.

Als sie etwa eine halbe Werst von der Hütte sich entfernt hatte, lenkte sie in den Wald ein. In dieser Mittagsstunde, wo es draußen so heiß war, herrschte im Walde eine erfrischende Kühle. Das Käthchen ging immer vorwärts, endlich blieb es stehen, lächelte und wurde rot wie eine Kirsche.

Vor dem Mädchen, auf dem Steg, der sich in der Tiefe des Waldes verlor, stand ein junger, etwa achtzehnjähriger Bursche.

Das war der Teerbrenner vom Waldesrand; er war auf dem Wege nach Käthchens Hütte.

Kaum hatte das Käthchen seinen Gruß beantwortet, als es plötzlich verstummte; es rieb sich nur die Augen vor Scham, dann erhob es die Schürze, verhüllte sich das Gesicht und schielte nur von der Seite mit einem Lächeln nach dem Burschen hinüber.

»Käthchen!«

»Was denn, Hänschen?«

»Sind Väterchen zu Hause?«

»Jawohl.«

Der arme Junge wollte gar nicht nach dem Alten fragen, aber aus Verwirrung fand er kein anderes Wort. Auch das Käthchen schwieg, sich furchtbar schämend, während es den Zipfel der Schürze zwischen den Fingern zerknüllte. Endlich rief es:

»Hänschen!«

»Was denn, Käthchen?«

»Deine ... Teerhütte schwelt heute nicht?« ...

Auch sie hatte etwas ganz anderes sagen wollen.

»Weshalb sollte sie nicht schwelen? Eine Teerhütte ruht niemals. Aber ... was geht Dich eigentlich die Teerhütte an?«

»Ach ... ich geh' bloß, um grüne Kräuter zu sammeln.«

»Ich geh' mit, und wenn Du mich auf dem Rückwege nicht fortjagst, geh' ich zu Dir.«

»Warum sollte ich Dich fortjagen ...«

»Wenn Du mich magst, wirst Du mich nicht fortjagen. Sag' ein Wörtlein, Käthchen, magst Du mich gern?«

»Ach, du lieber Himmel!« Käthchen verhüllte das Gesicht mit den Händen. »Was soll ich sagen ... ich mag Dich furchtbar gern,« flüsterte sie kaum hörbar.

Und bevor er noch antworten konnte, rief sie, die Hände von dem geröteten Gesicht entfernend:

»Lass' uns Kräuter suchen, komm geschwind!«

Sie gingen. Sie beide umstrahlte die Liebe, aber diese schlichten Gotteskinder wagten nicht mehr von ihr zu sprechen. Sie fühlten sie nur, obgleich sie nicht selber wußten, was sie fühlten. Sie waren verwirrt, aber selig. Nie hatte das Rauschen des Waldes so schön über ihren Köpfen gesungen, nie schien ihnen der Hauch des Windes so süß und kosend, wie in diesem Augenblick, da sie so verlegen und so voll unbewußter Glückseligkeit waren.

Mittlerweile erscholl durch den Wald von Tannenbaum zu Tannenbaum das klangvolle Echo eines Hundegebells und nach einer Weile kam der kleine graue Hund herbeigesprungen.

Er hatte sich heimlich aus der Hütte geschlichen und war seinem Käthchen auf der Spur gefolgt. Er war schweißbedeckt und bechnüffelte, mit großer Freude umherspringend, Käthchen und ihren Begleiter, dann klickte er einen und den anderen mit seinen klugen, sanften Augen an, als wollte er sagen:

»Ich sehe, daß ihr euch liebet. Das ist gut!«

Er wedelte munter, dann machte er sich in raschem Galopp von dannen, indem er größere und kleinere Kreise beschrieb; endlich blieb er stehen, ließ noch einmal ein freudiges Gebell vernehmen und eilte nach dem Walde voraus, sich allemal nach dem Burschen und dem Mädchen umsehend.

Das Käthchen legte die Hand schützend vor die Stirn, blickte durch das Laub nach der Sonne und rief:

»Ach, um Gotteswillen, da fängt ja die Sonne schon an, sich zu senken und wir haben noch kein Hälmchen gesammelt; geh' Du, Hänschen, rechts und ich werde links gehen und wir werden sammeln. Wir müssen uns beeilen.«

Sie trennten sich und gingen in den Wald, aber sie gingen unweit von einander und auf parallelen Pfaden und verloren einander nicht aus den Augen. An den Farrenkräutern, wie an grünen Wogen vorbei huschte Käthchens bunter Rock und gelbes Tuch. Das schlanke Mädchen schien mitten in dem Meer von Grün dahinzusteuern, einer Vila oder Rusalka1 des Waldes vergleichbar. Allemal bückte sie sich und richtete sich wieder gerade und ging so immer weiter und weiter, an den Baumstämmen vorbei, immer tiefer in den dichten Wald hinein.

Zuweilen verschwand sie, von einer Haselnußstaude oder einer Föhre verhüllt, den Augen des Burschen. Dieser blieb dann stehen und rief mit lauter Stimme:

»Hoo, hooop!«

Käthchen hielt mit einem Lächeln auf den Lippen inne und indem sie tat, als sähe sie ihn nicht und müßte ihn suchen, antwortete sie mit ihrer dünnen, silberhellen Stimme:

»Hänschen!«

Und das Echo wiederholte:

»Hä–ä–ä–nschen!«

Inzwischen hatte der Hund auf einem Baume ein Eichhörnchen wahrgenommen, blieb also stehen, erhob den Kopf und fing zu bellen an. Das Eichhömchen saß auf einem Zweige, hatte sich schelmisch mit dem Schweif bedeckt, erhob die Tätzchen zur Schnauze und indem es sich die Nase rieb, schien es mit den Fingern zu spielen und sich über den zornigen Hund lustig zu machen. Bei diesem Anblick stimmte Käthchen ein klangvolles silberhelles Lachen an, der Junge mußte ihrem Beispiel folgen und bald war es im Walde voll von fröhlichen, hallenden Tönen.

Zuweilen wurde es ringsum stille, nur der Wald rauschte und raunte, ein Windhauch strich durch die Blätter und es stöhnten die alten Äste der Tannen. Dann wurde es wieder still.

Jetzt konnte man deutlich das maßvolle Pikken des Spechtes vernehmen. Es klang wie ein Pochen an eine verborgene Tür und als sollte jeden Augenblick eine geheimnisvolle Waldstimme ertönen:

»Wer ist da?«

Über der grünen Blätterkuppel wölbte sich heiter und wolkenlos der unendliche Himmelsdom, grau am Rande, tiefblau am Zenith. Die Welt war vom Sonnenlicht überflutet und die Luft so durchsichtig und hell, daß die entferntesten Gegenstände sich für das Auge in klaren, ungetrübten Konturen abzeichneten. Von den Himmelshöhen umfaßte der gütige Schöpfer mit seinem Auge die ganze Landschaft, auf den Feldern neigten sich vor ihm die Getreidehalme in goldigschimmernder Welle, die vollen Weizenähren zitterten und tönten gleich wie die kleinen Glöckchen. Von den Sümpfen her, wo die Erlen dunkel schimmerten, wehte es feucht und dunstig. Aber im Walde, zwischen den Föhren war es heiß und still. Die ganze Landschaft schien eine Schläfrigkeit und Ermattung erfaßt zu haben. Die Blätter hingen reglos, wie vom Schlaf übermannt, an den Zweigen nieder.

Aber es war dies gleichsam ein Ausruhen von übergroßer Wonne, ein träumerisches Hinschmelzen der Natur. Nur die große blaue Himmelskuppel schien zu lächeln, und irgendwo hoch oben, in den unerforschlichen Tiefen des Azurs freute sich der große Gott an der Freude der Felder, der Wälder, der Wiesen und der Wässer.

Käthchen und ihr Knabe irrten noch immer im Walde umher und sammelten Kräuter und lachten und schwatzten fröhlich. Der schlichte Mensch gleicht dem Vogel, er singt, wo er nur singen kann. Hans sang also ein schlichtes, wehmütiges Liedchen.

Dann stimmte das Käthchen ein fröhliches Lied an, welches mit den Worten anhub: »Ein goldenes Ringlein will ich werden!« Es ist dies ein tapferes Liedchen. Ein junges, standhaftes Mädchen streitet darin mit ihrem Geliebten und schildert, auf welche Weise sie ihm entschlüpfen wolle. Doch nützt kein Mittel wider ihn. Wenn sie verspricht, ein goldenes Ringlein zu werden und auf der grauen Straße dahinzurollen, droht er, mit seinen scharfen Augen das Ringlein im grauen Sande aufzustöbern; wenn sie ein goldenes Fischlein in der Flut sein will, singt er ihr von einem seidenen Netze. Da endlich das arme Mädchen sieht, daß es für sie auf Erden kein Versteck gibt, will sie ein Sternlein am Himmel werden, um den Menschen zu leuchten; aber der unentwegte Jüngling läßt sich nicht abschrecken, sondern versichert, er werde sich in der Kirche vor der Muttergottes höflich verneigen und eine Messe lesen lassen, worauf das Sternlein vom Himmel fallen müsse. Schließlich ergibt sich das Mädchen in den Willen der Vorsehung und singt:

 

»Ich muss dein Liebchen sein,
Muss dir gehorchen fein!«

»Siehst Du, Käthchen?« rief der Bursche.

»Was denn, Hänschen?«

Er sang:

»Du musst mein Liebchen sein,
Musst mir gehorchen fein!«

Das Käthchen schämte sich, lachte aber gleich auf und um abzulenken, sagte es:

»Nun habe ich genug der Kräuter gesammelt, wir wollen einen Kranz flechten.«

Sie setzte sich ins Moos neben einem großen Stein und fing an, einen Kranz zu winden, während der Bursche ihr behilflich war; der Hund legte sich vor ihnen hin, streckte die zottigen Tatzen weit aus und spähte ringsherum nach einem lebendigen Wesen, auf das er sich werfen könnte, um Lärm zu machen. Aber ringsum herrschte tiefe Stille. Die Sonne senkte sich, immer röter drangen ihre Strahlen durch das Laub und bedeckten den Boden mit goldenen Flecken. Im Walde hörte allmälig die Tagesarbeit auf, es verstummte das Pochen des Spechtes, schwarze und rote Ameisen kehrten nach ihren Heimstätten zurück. Die Vögel auf den Ästen begaben sich zur Ruhe. Nur zuweilen ließ eine gelbschnäbelige Amsel einen Pfiff vernehmen, oder streitende Krähen raschelten mit den Flügeln. Aber diese Laute wurden immer seltener und leiser. Allgemach hörte jedes Geräusch auf und nur das Säuseln der Bäume unterbrach die Stille. Die Haselnußstaude reckte ihre Blätter empor, die Königin Eiche brummte leise oder eine Birke raschelte mit den Flechten. Schweigen allerwärts.

Jetzt wurde das Abendrot noch tiefer, am Ostrande wurde das Blau des Himmels ganz dunkel, alle Waldlaute floßen zu einem einzigen leisen, aber feierlichen und ergreifenden Chor zusammen, der Wald sang sein Abendlied, bevor die Nacht kam und ihn mit ihren Armen umfing.

Zu solcher Stunde versenkt die Sonne ihr strahlendes Haupt in den fernen Ozean; der Ackersmann wendet die Pflugschar nach oben und eilt in die Hütte. Dann senkt sich die Dämmerung herab, im entlegenen Dorfe knarren die Brunnenschwengel, dann blitzen die Lichter in den Fenstern auf und von der Ferne her dringt Hundegebell.

Doch als Käthchen sich hinsetzte, um neben dem moosbedeckten Stein einen Kranz zu winden, war die Sonne über dem Walde noch nicht ganz erloschen, ihre Strahlen warfen auf das Antlitz des Mädchens einen vom Schatten der Blätter und der Zweiglein unterbrochenen Glanz, die Arbeit ging nicht rasch von statten denn Käthchen war ermüdet von der Hitze und von dem Herumlaufen im Walde. Ihre gebräunten Hände wanden immer langsamer das Kalmengeflecht. Der warme Windhauch küßte ihr Schläfen und Gesicht und das eintönige Rauschen der Bäume lullte sie ein. Ihre großen Augen glänzten wie schlaftrunken, ihre Lider sanken langsam herab, sie lehnte den Kopf gegen den Stein, öffnete noch einmal weit die Augen, wie ein Kind, welches mit Staunen in die liebe Welt blickt, dann fing alles an, sich vor ihren Augen wie mit einem Schleier zu verhüllen, und sie schlief lächelnd ein.

Ihre Hände hielten noch den unvollendeten Kranz; sie schlief leicht und sanft, und lächelte im Traume, wie ein Kind. Der Bursche wachte neben ihr; sein Herz war überfüllt von einem seltsamen Gefühl, es war ihm, als wüchsen seiner Seele Flügel und wollten ihn in die himmlischen Höhen emportragen. Er wußte selber nicht, wie ihm war, und heftete nur die Augen auf den Himmel und saß da, wie in Stein verwandelt.

Käthchen schlief noch lange und er saß neben ihr. Mittlerweile wurde es immer dunkler. Die letzten purpurroten Lichter kämpften mit den Schatten. Im Innern des Waldes wurde es dämmerig und totenstill. Von dem Schilf am See und der Lichtung her drang schon das nächtliche Summen der Rohrdommel.

Plötzlich erscholl Glockengeläute im Kirchlein jenseits des Sees. Die Töne eilten über die ruhige Flut auf den Flügeln des abendlichen Windhauchs rein, klangvoll und laut daher. Der Bursche lüftete den Hut, das Mädchen erwachte, rieb sich den Schlaf aus den Augen und fragte:

»Man läutet?«

»Zum Angelus ...«

Beide knieten an dem moosbedeckten Stein, wie vor einem Altar hin. Käthchen sprach mit sanfter trauriger Stimme:

»Der Engel des Herrn verkündete der aller- heiligsten Jungfrau Maria ...«

»Und sie empfing vom heiligen Geist ...« antwortete der Bursche.

»Ich bin die Dienerin meines Herrn ...«

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Sie lagen neben einander auf den Knien und beteten. Ein Wetterleuchten zuckte zwischen Osten und Westen auf und in diesem Lichte ging ein Schwarm von beflügelten Engeln zur Erde nieder und schwebte über den Köpfen der beiden Kinder, die selber den Engeln ähnlich waren, denn auf der ganzen Erde gab es keine reineren und schuldloseren Seelen, als sie.

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1 Nymphen der slavischen Mythologie.