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Elisabeth Siewert : Darum.

Novellette

Neues Frauenleben, 24.Jg., Nr.7/8 und 9, 1912

Zwei Damen aus der Stadt, Halbrussinnen, die ältere Schwester verwitwet, mit zwei Kindern, die andere jung und unverheiratet, haben in einem Dorfe Sommerwohnung gemietet. Ihr sehr viel älterer Bruder, der Beamter ist, konnte die Reise nicht zusammen mit ihnen am frühen Morgen machen, hat aber versprochen, gegen Abend im Dorfe einzutreffen.

Olga Mertens und Sofie Barlitow kommen an einem kühlen, wolkigen Tage auf einer kleinen Bahnstation mitten in bäuerlichem Ackerland gelegen an. Ein schäbiger Mann, der, wie es sich bald erweist, nur polnisch sprechen kann, das Deutsche aber augenscheinlich versteht, meldet sich als derjenige, bei dem sie Sommerwohnung gemietet haben. Es wird den Damen zugemutet, in einen lächerlichen Kastenwagen, der wie die Särge armer Leute braungelb angestrichen ist, zu steigen. Das Pferd vor dem Wagen, ein böse und verhungert aussehender Fuchs, erregt ihren Abscheu.

In diesem Fuhrwerk, mit diesem lumpigen Kerl als Kutscher sollen sie ... Und schon sitzen sie darin, Koffer, Schachteln und Mäntel sind verstaut: die rumplige Fahrt geht los. Die Schwestern vermögen nicht anders als mit Kränkung ihre Lage zu empfinden. Die Landschaft, die sie passieren, bedenken sie mit stummer Verachtung. Immer die gleiche, für ihren Anspruch unmögliche Landschaft, gerade gut genug, um mit dem Eisenbahnzug hindurch zu jagen und sie keines Blickes zu würdigen.

Sie erreichen ein Gehöft von ärmlichem Zuschnitt, seitab von dem Dorf gelegen, denn man sieht von diesem nichts. Das Wohnhaus ist eine Kathe.

Hält man uns zum Narren? Hier? denkt die weißgesichtige, üppige Frau Olga.

Zwei schäbige Weiber empfangen die Fremden niedergeschlagenen Auges, mit schiefen Bewegungen. Sie murmeln etwas polnisches.

Der jungen Frau fangen an, die Augen zu sprühen; Äußerungen der Empörung und Enttäuschung ringen sich ihr bis zur Kehle. Sie hat ihre Kinder an der Hand, die Feodora und den Telemach. Feodora klagte auf der Fahrt über Schmerzen in der Hüfte, jetzt ist sie still und drängt sich an die Mutter. Es würgt in Frau Olgas Kehle. Sollen wir uns hier einsperren lassen? Was ist das für eine verdammte Kabbache hier Das eine Sommerwohnung Sie will es sagen, ihre Lippen aber bleiben steif; sie räuspert sich nur drohend.

In einiger Entfernung liegen der Kathe ähnliche Behausungen, dunkel und arm, von Menschen verlassen, im feuchten Acker. Beistand ist von nirgendwo zu erwarten. Der Acker ist in unangenehmer Weise kreuz und quer in Stückchen eingeteilt, die Wege besetzen schiefe dünne Ahornbäume oder kurze gekappte Weidenstümpfe.

Die blonde Sofie sieht sich rund um, ein beinah irres Lächeln zittert um ihren reizenden, empfindsamen Mund.

Man weist ihnen, immer mit den nämlichen schiefen und verschlagen demütigen Geberden, eine niedrige Stube unten an, ein Loch von einer Stube. Zwei wacklige Betten, strohgeflochtene Stühle, die getünchten Wände von Flecken übersät. Man komplimentiert sie eine halsbrecherische enge Treppe hinauf an Schränken vorbei, die desolat aussehen und mit Zusammensturz drohen.

Was soll das alles, denkt Sofie und hebt langsam die Hand, um sich ihren Hut fester auf den Kopf zu drücken. Der Schwester dreht sich der Hals, sowie etwa ein Schwan, den man in einen Käfig sperrte, den seinen drehen mag. Es ist gar nicht möglich, mit irgend welchen Ausstellungen, Empörung, Vorwürfen anzufangen. Das Ganze ist zu lächerlich, zu unsinnig, mit einem Wort: haarsträubend unmöglich.

Feodora lahmt. Die große Mutter nimmt sie stillschweigend auf den Arm und schleppt die langbeinige Zehnjährige die Treppe herunter. Ihr eleganter Tuchrock schleift den Sand von jeder Stufe. Unten angekommen, werden sie von dem grinsenden, düster aussehenden Mann, dem Schuldigen in dieser fatalen Sache, gezwungen, Küche nebst Kammer anzusehen. Diesen Gelassen gegenüber auch nur die Nase zu rümpfen, ist überflüssig.

»Außerdem: Alexander will uns hier treffen,« bringt Frau Olga endlich über die Lippen. Ihre Stimme klingt wie die einer jämmerlichen kleinen Person.

Das hieß so viel als: wir müssen hier bleiben. Sofie starrt mit vergißmeinnichtblauen Augen. Was soll es bedeuten? Wozu das alles? fragt es in ihr. Ihre Schwester wirft eines der schäbigen Weiber aus der Stube mit den zwei Betten, diese in ihren eifrigen und doch eintönigen polnischen Auseinandersetzungen unterbrechend. Die Tür klapperte bei dem heftigen Schließen. So – jetzt wird Feodora zu Bett gebracht.

Sofie kramt aus einem Koffer dies und das, Nachtzeug, Kissen, himmelblaue Tücher, Flakons, Bücher. Statt sie zu ermuntern, erregen diese vertrauten Gegenstände in ihr ein peinliches Gefühl völligen Entgleistseins.

Die Reise bedeutete für sie den Versuch, durch Abwechslung in einen erträglicheren Zustand zu kommen. Das Leben in der Stadt nämlich war seit Wochen kaum mehr gewesen als ein Kampf gegen den Zusammenbruch aller ihrer Lebenskräfte. Es war nicht mehr erträglich gewesen, sich um die Liebe in einer Umgebung, die ihr Glück gesehen hatte, martern zu müssen. Der Ausländer, dem sie aus Laune und Gefälligkeit deutsche Stunden gegeben hatte – es wußte es kein Mensch – der war es, der sie marterte. Zuerst hatte sie entdeckt, daß er gelehrt war. Das imponierte ihr weiter nicht. Dann hatte sie herausgefunden, daß sein Seelenleben an Erfahrungen und Erlebnissen reich und seltsam glühend und freudig war. Das paßte ihr nicht ganz; es war ihr unheimlich. Eines Nachmittags verliebte sie sich in ihn. Da wurde er für sie der leidenschaftlich gepriesene Mann, das anziehendste, huld- und gnadenreichste Geschöpf der Welt. Er erwiderte ihre Liebe. Ei, der Triumph, die Seligkeit Nun sollte alles nach ihrer Meinung den hergebrachten Lauf der Dinge gehen. Sie vergaß über dem Brennen und der Kurzweil, der Poesie und dem Erstaunlichen ihres Glückes ganz und gar, was es eigentlich mit dem Manne auf sich: hatte, den sie liebte.

Um den gewöhnlichen Lauf der Dinge kommt er doch nicht herum, kalkulierte sie, da mochte er denn wunderlich sprechen und wunderlich schweigen. Olga Mertens sah sich die Beziehung der Schwester zu dem Sonderling an und meinte durch Nichtbeachtung die Sache aus der Welt zu schaffen. Gelegentlich urteilte sie recht scharf, recht ablehnend über den Fremden, der ihr zu einfach, zu ernsthaft und zu kindlich war. Bei dem letzten Besuch des Geliebten ging es unerklärlich verworren und peinlich im Hause der Barlitow-Mertens zu. Der Bruder hatte sich darauf verlegt, den Fremden auszuforschen. Über den Fischsalat hin sollte der ihm seine Weltanschauung auseinandersetzen. Die Schwestern versuchten es mit vereinten Kräften, das Gespräch in seichtere Bahnen zu lenken. Der Fremde sah sie und den Herrn des Hauses mit gleicher mißgestimmter gekräuselter Miene an. Warum gab man sich nicht dem Augenblick hin und seiner Weisheit? Er reckte einmal die Arme und erklärte: er fände es heiß hier. Aber er meinte wohl eng. Drum setzte er sich zu den Kindern und scherzte mit ihnen. Sofie, die keine Miene, keinen Blick des Angebeteten außeracht ließ, sah, daß er schön und angenehm wurde – mit den Kindern. Ihr kam eine Ahnung von Gefahr, von Empfinden für die Mißstände ihres Kreises, für ihre eigene Unzulänglichkeit, aber sie verschloß sich mit Gewalt gegen das, was sie quälen und auftreiben konnte. In ihrem weißen Hauskleid, mit ihrem Herzen voll einer ersten draufgängerischen Liebe kam sie sich mächtig genug vor.

Sie schrieb zuerst an ihn, der abgereist war, einen Brief, der gröblich ausfiel, weil er durchaus erklären wollte und besitzstolz war. Er antwortete: Du verstehst mich nicht, ich liebe dich nicht, so wie du es wünschest.

Wie? Was? Das war ein Schlag auf ihr üppiges, verhätscheltes Herz Sofort schrieb sie wieder; diesmal fiebernd, fordernd, zurechtweisend. Damit streckte sie ihre Hand ins Leere aus. Er schrieb gar nicht mehr. Sieben Wochen lang nicht. Eine lange Zeit für das Toben der Jugendkräfte gegen sich selber. Sofie war blutarm, nervös geworden.

Also: dies städtische, vertraute Aroma, das aus den Gegenständen steigt, macht Sofie sterbenselend. Mit schwindelndem Kopf sucht sie draußen Erleichterung. Das soll der Garten sein? Wenn sie nur einen Tropfen Humor aufbringen könnte. In verschiedenen Wendungen hatte der Besitzer der Sommerwohnung in ganz annehmbarem Deutsch geschrieben, daß der Garten den Sommergästen zur Verfügung stände, als Spielplatz für die Kinder, um drei Mahlzeiten einzunehmen.

Weder Baum noch Strauch ist darin. Doch, ein übermäßig ruppiges Stachelbeergestrüpp und ein paar Eschenstämmchen. Auf den umrißlosen Beeten eine Sorte unbekannter, wild durcheinander gefallener Blattgewächse. Dunkles, unschlüssiges Gewölk streut Schatten über die Nähe, ferner über dem zerstückelten Acker ein bleichlich farbener Luftton.

Mir wird mein Leben gestohlen, denkt Sofie, von der Nähe und Ferne in gleicher Weise abgestoßen.

Auf einem begrünten Hügel lenkt eine schwärzliche Windmühle ihren flachen, verängstigten Blick auf sich. An eine einzige Trostquelle möchte sie sich erinnern, an eine gute Eigenschaft, die sie besitzt, denken. Nur der nicht zu beschwichtigende Vorwurf gegen den, der sie treulos zurückstößt, irrt ihr zum eignen Überdruß durch die öde Seele.

Um ihre Stimme zu hören, um sich zu vergewissern, daß sie ihre eigene Sprechweise beibehalten hat, als einen allerdings wie alles andre, wirkungslosen Zierrat, fragt Sofie eine der schäbigen Frauen, die ihr mit einer Schüssel voll Hühnerfutter entgegenkommt, was das für Flecken oder Städte seien, die sehr fern hinter der Windmühle und rechts und links von ihr zu sehen sind. Man nennt ihr für alle drei den gleichen Namen, so etwas wie Matuschkino.

»Ja, die Stadt da gradaus hinter der Windmühle, aber die da rechts?«

»Matuschkino.«

»Und die ganz weit nach links?«

»Matuschkino.«

Sofie sieht in das erdige, verschlossene Gesicht der Frau und es rieselt ihr kalt über den Rücken.

Wozu ist das alles? fragt sie in die Leere ihres Inneren hinein.

»Wozu ist das alles?« fragt sie ins Haus tretend ihre Schwester, dem Weinen nahe.

Die große Olga sitzt mit dem Rücken nach der Türe auf Feodoras Bett. »Du wolltest durchaus hierher, ich wollte in einen Badeort. Du wolltest nicht mehr Kissen und Decken mitnehmen, jetzt fehlen sie uns,« zankt sie mit einemmal los und ihr volles Gesicht bebt. »Deine Flasche mit Eisentinktur ist ausgelaufen. Dein Negligee ist zum Teufel, das Rosa«

Sofie hat die Augen fest zugemacht und den Mund verzogen. »Hast du auf die Tasche mit Lebensmitteln acht gegeben? Die dumme Pute, die Anna, hat mal wieder nicht getan, was ich ihr sagte. Sie sollte einen Schließkorb nehmen. Ist sie da? Oder bist du auch zu nichts zu gebrauchen?«/p>

»Sie ist da, Olli. Gott, dein Ton macht mich krank.« Die verhätschelte Sofie fühlt die Tyrannei mit der der weiche Zustand erkauft ist, in dem sie lebt; in ihr windet sich eine ohnmächtige Auflehnung. Sie kniet und kramt in den Koffern. »Wir müssen einen Entschluß fassen,« sagt sie ein paar Mal leise und bitterlich. »Dies geht nicht, dies geht so nicht.«

Der jungen Witwe funkeln die Augen wie schwarzer Jett. Sie zischt: »Du siehst die kranke Feodora Oder ist dir das bisher entgangen? Ich frage nur: wie konnte dieser Lump von einem Pollack, dieser Idiot, so manierliche deutsche Briefe schreiben?«

Olga Mertens erhebt sich, schreitet aus und schiebt die beinah ebenso große nur schlankere Schwester zur Seite vom Koffer fort. »Wenigstens haben wir doch einige Lektüre mit, damit wir hier nicht vor Langeweile verrecken,« sagt sie, windschnell ein paar Bücher aufnehmend. Das eine fällt zu Boden. »Colomba« ist darauf zu lesen, ein französischer Roman.

Sofie sieht stier auf das Wort. O mein Gott, wer das könnte, sich hinsetzen und unterm Lesen vergessen Was ist ihr Colomba Sie muß sich von Minute zu Minute ohne die geringste Ablenkung durch Öde und Schrecken weiter quälen, zwecklos weiter quälen.

»Wir haben uns doch genug erkundigt, genug Briefe gewechselt Jeder hätte zugegriffen. Es ist eben ein Unstern,« plappert sie zu ihrer Verteidigung.

»Nun rede bloß nicht Hilf mir für Telemach ein Lager bereiten. Auch er ist totmüde. Wetter, wie kracht das Bett Ich breche sicher damit zusammen und soll auch noch den Jungen hineinnehmen Dieser Stuhl wackelt Ein Schundmöbel.« Frau Olga schüttelt einen Strohstuhl mit ihren weißen, ringgezierten Händen und schleudert ihn an die Wand. Gleich darauf sieht sie sich erschreckt nach ihrer kleinen Tochter um.

Feodora blickt mit schimmernden dunklen Augen munter über ein Bilderbuch und schüttelt mit dem Kopf. Ihre Mutter fängt an zu schluchzen; schluchzend und sprechend bewegt sie sich in der Stube hier und dahin. Sie spürt heraus, daß der Fetzen von einem Teppich nur darum da ist, um den unebenen Fußboden zu bedecken; daß die Türe nicht schließt und die Ritze unten für Mäuse wie geschaffen ist.

Sofie betrachtet die Schwester, wie sie sich bückt, wie sich ihr großes schön geschwungenes Gesäß in dem knappen Tuchrock abzeichnet, wie sie die Hände ballt und spreizt. Es tut ihr ein wenig wohl, sie wettern zu hören, sie hofft auf einen Modegedanken, eine Theatererinnerung zu kommen, auf etwas Frivoles. Nichts. Ihr ist so bedenklich schlecht zu Mute, sie ist im Gemüt so verstört. Nein, sie muß sich zusammennehmen, daß sie nicht auf die Knie sinkt und laut um Hilfe schreit.

Telemach spielt indes mit den Kofferschlüsseln. Knapps. Nochmal: knapps. Den Schlüssel dreht er mit einer kleinen geschickten Mechanikerhand. Er für sein Teil erlebt Neues genug.

Der Nachmittag vergeht, der eine lange unentschlossene Dämmerung ist. Ein Regenschauer geht nieder. Frau Olga erfüllt es mit noch größerer Verachtung gegen ihre Umgebung, daß es regnet. Über ihr Buch wirft sie Schmähworte über die Kathe, die Leute, die Landschaft draußen und das Wetter hin. Die Schmähworte fangen alle mit »Schand« an. Feodora lacht. Feodora liegt anspruchsvoll, allerliebst anzusehen, in ihrem mit roten Litzen besetzten Nachtkleidchen, vergnüglich zu Bett.

Sofie ist es längst keine Ablenkung mehr, die Schwester schmähen zu hören; Feodora erregt ihr Neidgefühl. Kein Mensch weiß, wie entsetzlich es hier ist und was sich aus dem Unheimlichen vorbereiten mag . . .

Wenn sie zerschmelzen könnte, in salzigen und blutigen Bächen hinschmelzen und in dem traurigen, unsinnigen Erdboden versickern Ein ungeliebter, nein, verschmähter und beleidigter Körper, der sie ist –

Gegen Abend kommt der Bruder, ein stattlicher Herr, mit ausdrucksloser Figur und behinderten Bewegungen, ein Büromensch mit ergrautem Bart, in gutem Anzug. Olga Mertens jagt auf ihn zu, legt ihm die Hände auf die Schultern und überschüttet ihn mit: »Ach Alexander, ach Lexel, wohin sind wir geraten Solch einen Reinfall gibt es nur einmal Da liegt die Kleine, hat Hüftweh bekommen durch die gräßliche Fahrerei vom Bahnhof.«

»Hsch« macht der Bruder nervös. »Nicht so laut. Es scheint in der Tat ...«

»Es scheint ...? Nein, Bruder« Die rasche Olga küßt den Büromenschen mit vollen zarten Lippen auf die grauen Wangen. »Nein, nein, diesmal übertreiben wir nicht. Wir können gar nicht so schlimm reden, als es hier ist. Stelle den Mann zur Rede. Nein, hunze ihn herunter.«

»Wir haben ihm Geld im voraus geschickt,« sagte der Beamte vorsichtig. »Es wird schwer halten ...« Er hebt eine Schulter.

»Wie können wir hier bleiben« sagt Sofie kläglich.

Alexander geht an Feodoras Bett, streichelt ihr das schwarze Haar und holt eine Tüte aus der Rocktasche. »Für dich und Telemach zu gleichen Teilen.« Dann sieht er sich verstohlen die Wände, die Einrichtung der Stube an.

Sofie steckt ihre verzagten Hände in die Ärmel ihrer Jacke. »Du wirst es einsehen, Alex, daß wir hier nicht ... Für Feodora muß Rat geschafft werden. Ein Tragkorb ...« Sie stockt und fühlt es, daß die unheimlichen Gewalten im Gange sind, daß die Nacht heranrückt. Die Schränke oben lauern auf Unheil. Sie allein da oben ... Sie wird aus Furcht, Mißstimmung, geistiger Armut wahnsinnig werden ...

Der Bruder muß durchaus und durchum heute noch ihr Gelaß auf dem Hausboden sehen. Er ist so ein nüchterner gesammelter Mensch, vielleicht ... Alexander findet es zu seiner Rolle gehörig, daß er sichs ansieht, wo seine jüngste Schwester kampiert und klettert mit einem Seufzer die steile Stiege in die Höhe.

Sofie nimmt ihn unter den Arm und zieht ihn rasch an den Schränken vorbei in die Giebelstube.

Was soll er zu dem Käfig sagen? Etwa die Schwester noch bedauern, damit sie ganz rabiat wird? Er sagt: »Die Luft könnte noch schlechter sein. Stelle einen Stuhl vor die Türe. Unsicher aber scheint es hier nicht zu sein. Ich sah die Besitzer dieses Hauses in einem Stallgebäude um ein Feuer hocken. Sie haben uns das Haus ganz überlassen. Schön gute Nacht«

Sofie bringt nur etwas Unartikuliertes über die Lippen. »Es wird mir den Verstand kosten,« sagt sie, einen Stuhl vor die Türe stellend. »Was geht hier vor?« Sie sieht sich wild um und trappst mit dem Fuße auf. »Wozu ist all das Entsetzliche? Matuschkino« Sie fährt sich in die Haare, an ihnen zerrend.

In Kleidern zu Bett. Sie wartet. Es mag viel Unverständliches, Übles im Dunkeln um sie sein, schließlich ist sie eben doch allein mit ihrem verzweifelten Herzen. Die alte Litanei des Grames, die aus ihm tropft, ist stärker als das Geraune und Gemunkel fremder Mächte und das Bewußtsein, ein verdüstertes Gemüt, unzulängliche Eigenschaften zu besitzen, ist schwerer zu ertragen, als die Furcht.

Mag kommen, was will – sie gibt sich auf.

Statt über sie herzustürzen, entfernen sich die quälenden Eindrücke allmählig; ein freierer Raum nimmt sie auf Sie bewegt sich in der Abenddämmerung, die noch soeben über der Landschaft draußen lag, in einer nicht unangenehmen Spannung, einen Feldweg zwischen Ackerstücken entlang. Unter einem Hügel angekommen, sieht sie auf. Die Windmühle steht darauf. Ihre Gestalt hebt sich von einer rötlich durchlohten Luft ab – so wie man in großen Städten die Atmosphäre glühen sieht. Sehr hoch, sehr groß und ernsthaft ragt die Mühle. Sofie muß lächeln. »Ist sie so schön?« sagt sie vor sich hin. »Oder ist es dieser wunderbare Hintergrund? Da wird sie darauf aufmerksam, daß die durchglühte Luft in Bewegung ist, es wirbelt und wallt in ihr, flammende Fahnen wehen auf und verschwinden. Wer hätte das gedacht, daß um diese Mühle so etwas zu sehen ist Wäre es mit einemmale zu Tage getreten, daß die ärmliche Landschaft ihrer Sommerfrische an das Meer stößt, es könnte nicht überraschender sein.«

Die Mühle steht wie eine Wand, ehrfurchtgebietend, grau und schattenhaft; ganz oben, nahe den Sternen, die durch die roten wehenden Fahnen scheinen, halten ihre Flügel in Reglosigkeit.

Der Wunsch beherrscht Sofie, ihre Kleider abzuwerfen und zu baden oder zu fliegen – zu fliegen oder zu baden, endlich gelöst sich regen zu dürfen nach langer Gefangenschaft. Wie denn? Das Herauf, das Wallen und Kreisen der glühenden Lüfte zu verfolgen, bringt ja Wonne. Ein herrliches Schauspiel. Ach, ein Schauspiel, an dem sie keinen lebendigen Anteil hat. Sie stöhnt aus leidenschaftlichem Trieb nach Befreiung.

Den Windmühlenhügel – ein wohliges Smaragdgrün überdeckt ihn – besetzen Menschen, Menschen in Modetracht. Da ist Hochrot zu Rabenschwarz und Apfelgrün auf großen Hüten. Herren stehen präzise und schlank mit Stöcken in den Händen. Sie besprechen Tagesereignisse.

Sofie ist es, als stände sie unter ihnen, eine Dame, während sie in sich eine neue herrliche Kraft arbeiten fühlt. Bald hebt es sie aufwärts, eine Elle über den Grasgrund, höher. In ihre Glieder kommt eine leichte wallende Bewegung, das feurige Element nimmt sie auf.

Ah – es sind nicht leere Fahnen, es ist Leben, es sind durchglühte nackte Leiber, die sich aufwärtsschlingen, in ihren Gruppen wechseln.

Sofie überkommt ein gewaltsames Glücksempfinden darüber, daß es nicht Fahnen sind, sondern flammenleichte Menschenleiber, mit denen sie aufwärts steigt. Gott, wußte sie denn von dieser Gemeinschaft in rosendurchglühter Schönheit? Hatte sie es je bedacht, daß alles Leben in fliegender Bewegung wallt und eine unsagbare Lust ist?

Zugleich, während sie dies neue Dasein erlebt, bleibt sie als Dame unter Modeleuten auf dem Hügel,-außerdem betrachtet sie das Ganze wie ein erschütternd herrliches Bild vom Feldwege aus, nur mit dem Unterschied, daß sie bei diesem Bild weiß und fühlt: ich lebe mitten darin

In Unschuld hineingebannt in den Wirbel: die Kinder Da, der kantige Mann, der seine plastischen Arme aufreckt, eine Welt sein glühendes Gesicht . . . der prangende Frauenleib, der duldende – ätherleichte Hände, die sich ausstrecken. Ein Wechseln und Sichwinden ohne Ende. Frohlocken und beseelter Rhythmus.

Ein hübscher Fant mit knappem, militärischen Kopf, spricht indigniert über eine Theaterpremiere und setzt seinen Lackschuh fester auf das smaragdgrüne Gras des Windmühlenhügels. Er wird erregt und urteilt vernichtend. Sofie, die Dame lacht, preßt die Hand auf das Herz und sagt mit verhaltener, zitternder Stimme: »Ja, finden Sie das wichtig? Wissen Sie denn nicht, was um diese Mühle vorgeht, mein Herr? Es hat sich hier entschleiert. Hören Sie nichts, mein Herr?«

Jetzt sammelt sich der Träumerin Bewußtsein in der Sofie, die auf dem Feldwege steht und das große Bild der Mühle vor dem wundervollen, lebendigen Hintergrund im Auge hat. Sie grüßt herauf zu ihm und lacht, an die Daseinsfreude mit allen Fasern hingegeben. Vor ihr geht jemand, ein Mann. Er trägt einen schwarzen Hut, den sie kennt. Diese aschblonden, im Nacken umgebogenen Haare, diese dichten Haare – Sofie ruft einen Namen, sie ruft den Namen desjenigen laut und freudig heraus, vor dem sie geflohen wäre, wie vor dem Furchtbarsten, was die Erde aufbringen kann, wäre sie ihm in Wirklichkeit begegnet.

Er hat ihr sein Gesicht zugewandt, ein älteres Gesicht als sie an ihm kannte. Seine Augen sind gerötet. Es ist im ersten Augenblick peinlich und enttäuschend für Sofie, daß er nicht jung aussieht, nicht vollwangig, keine glänzenden Augen hat. Dies ist ein Mann, der von Not weiß. _O Gott, das schneidet ins Herz und ist lästig. Unter ihrem Blick aber wird er frischer, mehr so wie sie ihn kannte. Sie sagt langsam: »Du freust dich, mich zu sehen.« Er sagt: »Ja, oh ja.«

Jetzt ist die alte schlimme Neigung für ihn in ganzer Glorie da. Sofie bekommt ihm zur Gesellschaft rote Augen. »Teurer, Teurer ruft sie. »Du bist es, du bist es doch.«

Er nickt eindringlich.

Sofie fühlt den Stoff seines Rockes unter ihren Fingern, sie ist außer sich vor Zuneigung für ihn, sie möchte ihn an sich reißen und mit ihm vergehen. Von unten her – sie kniet wohl – ruft sie wie zu einem Felsen herauf: »Einziger, Teuerster, liebe mich, ach liebe mich dennoch.« Er zieht nach seiner Art die Augenbrauen in die Höhe und sein einfach großzügiges Gesicht nimmt einen erregten, betretenen Ausdruck an. Seine Augen gießen ihr Licht und ihren Zauber über die Kniende.

»Du meinst es gut mit mir und ich habe dir geflucht, viele male geflucht,« schluchzt Sofie an seine Hüfte gelehnt.

»Das gilt gar nichts, das gilt gar nichts,« sagt er heiter tröstend. »Es erklärt sich dies alles, wenn du nur einmal erwachst.«

Sofie überkommt Erstaunen. »So hängt es zusammen? Du hast mich hierhergelockt, damit ich ...«

Er hebt abweisend eine Hand.

»Sprich, sprich« fleht sie, da er mit erhobener Hand bleibt und seine Lider über den Augäpfeln beben. Sie wagt nicht, in ihn zu dringen, seine Geberde flößt ihr Respekt ein. Jetzt wird seine Miene teilnehmend wie vorhin; er beugt den Kopf vor und sieht scharf, dicht an Sofie vorbei, so als ob da jemand stände.

»Was denn?« fragt Sofie beunruhigt.

»Dies schlimme Leben aus dem Fleisch. Die Nichtigkeiten, dieses Netz von Nichtigkeiten, diese Prätensionen. Forderungen, Forderungen an das Leben und keine Gaben, keine Leistungen. Und du eingesponnen in das Netz.«

Wem galt dieser scheue, abgeneigte große Blick, der den Fleck neben ihr traf? Nicht grade, daß sie Olga sah, Sofie wußte mit einemal, daß sie gemeint war. Und sie errötete. Er meint, daß der Einfluß meiner Schwester für mich schädlich ist, denkt Sofie. »Warum,« ruft sie aufs Gradewohl heftig, »warum gabst du keine Nachricht. Warum kümmerst du dich nicht um mich und läßt mich in meiner Not?«

Von dem erschütternden Klang seiner antwortenden Stimme erwacht Sofie.

»Komme ich nicht zu dir auf meine Art?«

Sie sperrt ihre vergißmeinnichtblauen Augen weit auf und bleibt straff wie aus Holz liegen, bis sich ihr die Hände falten. »Mein Schöpfer, mein Gott, du hauchst deine Ärmsten im Verborgenen an,« sagt sie stark und inbrünstig und vor ihr tut sich ein goldstrahlender Schacht auf. Und wie jetzt ihre entrückte Miene ein Lächeln überfloß, da war es das Bewußtsein, daß ihr Geliebter im Traume bei ihr gewesen und liebend gewesen war. »Doch liebend im Traum,« sagt sie zweifelnd. Aber ihr Glücksgefühl bleibt unangetastet, hell wie das Tageslicht; ihre Hoffnung ungekränkt, grün wie der smaragdne Rasen im Traum.

»Ein Traum« ruft sie aufspringend. Sie faßt sich an den Kopf. Die Gewalt und wunderbare Art der Führungen und Fügungen macht sie atemlos.

Der Bruder war zeitig aufgestanden und hatte die Gegend rekognosziert, wie er es nennt. Er sagt vom Hausflur aus zu Olga in die Stube hinein mit seiner belegten Stimme: »Es ist schwindelhaft, diese ruppigen Grasfleckchen in den Äckern, wo noch nicht mal ein Kiebitz haushalten kann, als Wiesen anzupreisen. Ich habe auch keine einzige Allee gefunden. Schrieb der Kerl nicht von ›schattenspendenden‹ Alleen in seinen Briefen?« Sofie steigt ihm im Rücken die Treppe herunter. Da Alexander befürchtet, daß er leichtsinnig die Schleusen für Klagen und Vorwürfe geöffnet hat, sieht er sich seine jüngste Schwester vorsichtig an.

»Hast du etwa gut geschlafen?« Olga klagt Stein und Bein über ihre Nacht.

Frau Mertens sitzt in einem anspruchsvollen, lilageblümten Morgenrock breit und bleich auf ihrem Bett, für die jüngere Schwester eine erschreckende, bedeutsame Erscheinung.

»Waren es die Mäuse?« fragt Sofie. In ihrem Hirn stellt sich die Summe von dem, was ihre Schwester ist, dar. »Dies Netz von Nichtigkeiten, diese Prätensionen –––«

Olga ordnet die Spitzen an ihrem Busen und schüttelt märtyrerhaft mit dem Kopf: »Es war totenstill.«

»Dann hat dich Telemach gestört?«

»Keine Spur. Mein süßer Junge lag wie eine Puppe bei mir.«

»Nun?«

»Natürlich ließ mich der Ärger um unsern Reinfall nicht schlafen.«

»Ich fürchte, Ihr müßt es büßen, was mir Gutes geschieht,« sagt Sofie rasch.

Die Schwester sieht sie verdrießlich fragend an.

Alexander sagt mit seiner nüchternen Stimme: »Sieh mal, Olga, ist unser Sofiechen nicht eine Schönheit, blond, blauäugig, klar und nobel?«

»Das brauchst du mir nicht zu sagen,« erklärt Olga indigniert. »In der richtigen Toilette, in Balltoilette ... ich hoffe viel für Sofie in der kommenden Saison.«

Sofie hält sich die Ohren zu und läuft ans Fenster. Da liegt die Windmühle ... Oh, ihr hebt sich das Herz. Anders als Olga, andere Wege, spricht es in ihr und sie murmelt: »Welche tiefsinnige Landschaft«

Die beiden anderen Geschwister sehen sich an, als sei die Jüngste nicht recht gescheit. Der Bruder läßt etwas von »den Flausen junger Mädchen« fallen und setzt dazu: »Aber da unsere Feodora noch nicht so weit ist, die Strapazen in dem Jahrmarkts wagen unseres ehrenwerten Wirts nach dem Bahnhof durchzumachen, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als dies Quartier angenehm und, meinetwegen, die Landschaft tiefsinnig zu finden.«

Feodora beobachtete aus ihrem Bett heraus die Erwachsenen mit der ihr eigenen Dringlichkeit. Sie lacht belustigt auf, als sich ihre Tante vor ihr auf die Knie niederwirft und sie fest um die schmächtigen Schultern faßt. Die blauen genesenen Augen und die schwarzen weichen 'Kinderaugen forschen sich gegenseitig aus.

»Hab' recht schön geträumt,« lispelt Feodora. Sie sieht, wie die Tante errötet und dunkle weite Augen bekommt. »Es ist hier nicht schlimm zu sein. Es gibt Städte, eine Windmühle, man kann tanzen,« fährt das Kind spitzbübisch fort.

Sofie fallen Worte ein, die sie irgendwo einmal las: »Dämmerung fiel auf das Feld, da ging die Saat auf, Schlaf befiel das Gemüt, da wurde es klug.«

Was besaß sie denn heute mehr, als was sie gestern hatte? Warum war sie heute lebendig und reich, hoffnungsreich, voller Willen und Gedanken?

Feodoras warmer kleiner Körper, den sie fühlt, das Einverständnis seltsamer Art, das sie verbindet, leitet aus dem Traum zur Wirklichkeit und wieder zurück in die unsichtbar waltende Welt um sie.

Diese Fülle Nicht nur in der neubelebten Liebeshoffnung, obgleich sie,, aller Alltagsweisheit zum Trotz, die Träume zu den Schäumen rechnet, wie ein fester grünbelaubter Baum in heller Wirklichkeit steht und mit tausend blanken Blättern rauscht und winkt – nicht nur Liebeshoffnung, es ist des Daseins in alle Sinne einbrechendes Glück, Glück und Grauen und seine verstohlene, allgegenwärtige Schönheit, woraus sie Gesundheit zieht.

Das Bett, von dem sich Olga erhebt, kracht und Sofie sieht sich nach der Schwester um.

Du ahnungslose Olga, ein Traum fädelt eine Kabale gegen dich ein,, denkt sie. Sie muß sie durchaus küssen, diese Olga, die doch schön von Fleisch ist und merkwürdig in ihrer Art, mit der sie hundert und hundert kleine bunte, törichte, aus unerklärlichem Material gewobene Fädchen verbinden, kein einziger starker, lebenswichtiger Faden. Von ihr im Geiste getrennt, die Lippen auf ihrer weißen warmen Wange, im Herzen weiche Tränen, die fließen zu fühlen ein Lustgefühl bringt, durchstrahlt von Lebenskraft, im Kopf Klarheit und Willen, den zarten dunklen Zug geheimnisvoller Schicksalsmächte demütig und beseligt fühlend – Sofie Barlitow ist zu dieser Stunde eine Bevorzugte des Lebens.

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