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Elisabeth Siewert : Die kleine Anna Sidonia

Novelle

Neues Frauenleben, 18.Jg., Nr.1,2 1916, Wien

Ihr fiel es ein, das Schloß auf dem Lande, das ihrer Großmutter gehörte, eines Spätnachmittags für sich allein zu durchwandern. In der Halle für die Dienstboten im Erdgeschoß, in die sie geriet, als sie der Großmutter Wachtelhündchen suchte und nicht fand, kam Anna Sidonia der Einfall; oder vielmehr es kam eine Art von Zwang über sie, dem sie nicht widerstehen konnte, auf eigene Faust in den unbewohnten ältesten Teil des Gebäudes einzudringen, denn eigentlich war es viel zu einsam, zu ernsthaft, zu kahl für ein tändelndes, leichterschrecktes, im Strome munteren, bunten Erlebens treibendes Fräulein von sechzehn Jahren, unbegangene Korridore zu beschreiten, an leeren Räumen vorbeizuschleichen, vor verschlossenen Türen zu lauschen, aus dem und jenem Fenster herauszusehen, aus dem sonst niemand heraussah.

Die Landschaft draußen, der Vorhof mit seinen runden, undurchsichtigen Baumgruppen, die tiefer gelegenen Wirtschaftsgebäude und das eng durcheinander gewürfelte Gedächer des Städtchens, alles nahm sich anders aus, als aus der Großmutter von weißen Mullgardinen umwallten Fenstern; weiter, ernsthafter, fremder waren die Aussichten. Und den Himmel beschifften graue, ähnlich geformte, grobe Wolken.

Lebensgerne hätte Anna Sidonia einen Spiegel zur Hand gehabt, um festzustellen, wie sie sich mit ihrem großen, rotbraunen Lockenkopf und dem leichten weißen Kleid hier in der Leere und Stille ausnahm. Niemand als sie selber wußte, wie ihre Locken zuweilen unglaubhaft waren. Es war vorgekommen, daß sie wie Sonnenuntergangsbrand und wie das Meer zugleich um sie gelöst in Farben starrten, in Wellen sich bewegten, so daß ihr Angst wurde, als sei sie kein Mensch und von dem Haarelement überwältigt.

Mit beiden Händen teilte sie dann die Flut und sah ihr weißes Gesicht schattenhaft im Spiegel, als sei es ertrunken. Aber meistens betete sie ihr eigenes Haar an, meistens fühlte sie, daß sie einen Schatz mit sich herumtrug, etwas Stolzes und Herrliches, das sie vor allen anderen Menschen auszeichnete.

War sie dieselbe, die unten wie ein Märzwind hin und herfuhr, lachte, und mit der Großmutter schön tat, die dem alten Diener wahre Liebesgarben in Blicken hinschickte und der Zofe voll Einverständnis, daß das Leben so lieblich und heiter war, zunickte? Neulich, dicht am Halse der Großmutter, hatte sie ihr gestanden, daß sie sich in das Herzchen, das rote, dicht mit Rubinen besetzte Herzchen, verliebt hätte. Großmutter trug es unter allerhand Berloquen an ihrer Uhrkette. Nein, nein, Großmutter sollte es nicht für sie abnesteln, während sie dabei ein wenig bitterlich aussah, sie sollte um keinen Preis der Welt eine Anspielung darauf machen, daß ihr, der Kleinen, alles nach ihrem Tode gehöre, das Schloß, der Garten, die Maierhöfe, die Gründe und Wälder, alles und jedes Stück der Einrichtung im Schloß.

Nein – davon wurde das Kind ganz krank! Es war dumm und häßlich von ihr gewesen, daß sie wegen dem Herzchen – – nein, wie hatte sie es über die Lippen gebracht –

Ein Dutzend Küsse auf Großmutters welke Hand. Und endlich kämpfte sie sich durch viele Stoffmassen, die sie mit umarmte, zu ihren Knien durch, um sie an sich zu pressen an ihre Brust. Großmutter sollte, sollte jung sein! Wurde sie es nicht, wenn sie so recht kräftig der Enkelin große Liebe und ihre glühende nahe Zärtlichkeit verspürte?!

Und wie sie dann ganz still und ermattet auf dem Teppich hocken geblieben war, in Träumereien versunken – – Meiner Treu, die gingen von einem Strauß wundervoll gemachter bunter Rosen in einer grün und goldenen Glasvase aus und hängten sich, wie Bienen in eine Blume, an das Bild des Reiteroffiziers im hohen Kragen, dem mit dem irischen vollen Gesicht, den Erobereraugen und der Bartbürste unter der Nase.

Ja, jetzt lächelte sie, in den leeren Räumen leise und erregt schleichend, über den Zug, den ihre Tage nahmen. Immer so hin, immer so hin! Selbst die Träumerei damals hatte ein rasches Ende gefunden, da die Tante Edenfließ hereingerauscht kam und etwas, das sie einen Hymnus auf ihre Nichte nannte, deklamierte, wodurch Anna Sidonia ersah, daß es doch Menschen auf der Welt gab, die sie rügten. Aber diese Portion von Honig, die das Gedicht dennoch enthielt! Es handelte vom Käfer und vom Schmetterling:

»Tadle mir niemand mein Sonnenkind,
Mein rasches, herziges Nichtchen.
Sage niemand von ihm:
Es nasche, es tändle flatterhaft.
Denkt an den Schmetterling
Und verlangt nicht Käfertugend von ihm.
Der Käfer bleibt im Lande brav und bedächtig,
Graset ein Blatt ab und hält Treue dem Busch,
Indes der Lockere, der Leichte
Die Gitter mit wohlriechender Winde umgaukelt,
Nelken umstreift, Goldlack umschmeichelt,
Rosen gar zärtlich besuchet.
Schon hat er den Garten verlassen,
Berauscht von Sonne und Weite
Tänzelt er flüchtig dahin und dorthin,
Schaumkraut, Vergißmeinnicht grüßend.
Das kleinste Blümchen bedenkt er nach Laune.
Der Käfer hingegen – jetzt schläft er behaglich,
Schmückt nur den Busch, den er wählte, mit Glanzrot.
Nein, tadle mir niemand mein Sonnenkind.
Ihr Lob hallt in Blumengärten, in Schlössern,
Die Alten, die Jungen verkündend,
Beglückt sie doch alle ihr leichtblütiges Herz,
Das eine goldenere Sonne gesegnet.«

Sie war dazu bestellt, überall die Augenblicksfreude, das Funkelnde und Versöhnliche hinzutragen, ja, dazu war sie bestellt, um zu versöhnen, auszugleichen. Bei Tante und Onkel Holtinghausen, die gegen alle Welt liebenswürdig, untereinander sauertöpfisch waren, bei der Kusine mit der hohen Schulter und den Sommersprossen, bei Großmutter und ihrem empfindlichen Herrn Verwalter, überall war sie dazu da, Öl, lieblich duftendes Rosenöl in das Getriebe zu gießen!

Wußte irgend jemand, daß sie zuweilen ganz matt von dem Eifer war, überall die menschenmöglichste Harmonie, so wie sie es verstand, herzustellen?

Nicht einmal die dickliche, rosenrote Freundin Alberta, die ihr doch wie ein Hündchen anbetend auf Schritt und Tritt folgte, wußte davon. Alberta konnte nicht recht ohne sie, die Feurige, Rasche leben, und wenn sie bei einander waren, tat sie nichts als von ihr zehren, weiter nichts, denn sie hatte doch keine Einfälle, tat keine Sprünge, erdachte keine Überraschungen.

Die Kleine in den leeren Gängen nickte mit einem liebevollen, zufriedenen Lächeln um die Lippen. Und jetzt wollte sie umkehren; der Abend meldete sich an, man konnte kaum sagen, wodurch. Die Bäume waren, dunkler und stiller geworden, am Himmel hatte sich das emsig ziehende Wolkengeschwader verloren, die fernen Dächer liebäugelten mit der tieferen Sonne.

Sie wollte umkehren. Heute Abend war ein Fest bei der Großmutter; Alberta, die Freundin, wartete gewiß schon dringend auf sie, es war Zeit, daß sie sich vorbereitete. Sie wollte umkehren und ihre Füße trugen sie weiter, hinein in den leeren Bau. Mit der Hand auf dem Herzen bog Anna Sidonia links um einen Pfeiler, der eine kleine Kuppelwölbung trug und da fand sie sich einem Bogenfenster gegenüber, das in den Garten führte. Nicht in den Garten, es war wohl die Gartenseite, aber dies verwilderte Baumrevier, in das nie jemand kam, um den Abgrund herumgelagert, aus dem der Felsen wuchs, der den Schloßflügel trug, konnte man nicht so nennen. Da standen alte, dunkelästige, spärlich belaubte Obstbäume, dahinter eine Mauer, nein, ein Gebirge von Laubbäumen. Der Abgrund wurde trügerisch mit tausend Fächern und Guirlanden und lockeren Teppichen zugedeckt.

Mit einemmal gab's dem Mädchen einen Stoß und Schauder: gerade als sie sie ins Auge gefaßt hatte, löste sich recht hoch im Wipfel hängend eine reife gelbe Birne, eine schöne, sehr vollkommene große Birne, löste sich und fiel – fiel …

Wie nutzlos, wie schrecklich, wie traurig ging es dem Mädchen durch den Sinn. Sie bog sich weit heraus, um den Abgrund zu sehen, der die Frucht aufgenommen hatte. Ein paar Dunkelheiten im Grün, das war alles, was davon zu erspähen war. Wie tief er sein mochte …

Ach, wozu über die Birne nachdenken. Sie hing oben an ihrem Zweiglein in Licht und Luft und jetzt – – Wozu an den geschäftigen harten Käfer zu denken, der angeknistert kam, wozu sich den noch viel häßlicheren Tausendfuß vorstellen, der sich im Dunklen an den Fund machte, an den eklen Wurm, die Fäulnis.

Sie zuckte mit den Achseln. Der Weg zurück zu den Menschen und allem Warmen, Lachenden, Glänzenden ging rechts herum an dem Pfeiler vorbei, die Korridore entlang, die Treppe herunter nach der Halle der Dienstboten. Sie glaubte sich bereits dort angekommen, sah sich der Zofe und dem Diener gegenüber und hörte ihre Stimme, die in gewohnter, lachender Art von ihrem Gang erzählte. Sie sieht sich selbst, ihr weißes volles Kleid mit den Bänderschleifen, ihre Wendungen und es ist ihr ein zugleich trauriger und lächerlicher Anblick. Doch weshalb das? Sind nicht alle zufrieden mit ihr oder mehr als das, wird sie nicht bewundert und geliebt … Da horch! Da ist Musik! Wirklich? Eine Folge von reinen, aufwärtssteigenden Tönen, eine schwebende kraftvolle Melodie. Wurde sie gesungen oder war das ein noch nie gehörtes Instrument? Anna Sidonia lauscht; es schmerzt ihr in den Ohren. Mehr, mehr davon! Sie darbt ja alle Tage so sehr, sie ist ja so verlassen. Sie hungert danach, dies Aufwärtsklimmen von Tönen nochmals zu hören. Gerade diese Töne sind ein Glück. Hatte irgend ein Geräusch, aus einer der verschlossenen leeren Stuben herkommend, die Gestalt von Musik angenommen?

Ach, dieser wilde, tiefe Gartenwald mit seinem Abgrund, den ihr Fenster nach Fenster zeigt, sie wirft ihm Kußhände zu. So will sie auch ihn lieben und besänftigen, die Öde und den Schauer grüßen, weil es solche Töne gibt. Aber, mein Himmel, von wo kamen sie –? Von oben fällt Licht in einen fensterlosen Gang. Da steht eine Türe offen. Sie fliegt ihr entgegen, sie steht im Türrahmen.

In dem kahlen Zimmer sitzt jemand in weißem Tüncherkittel an einem Tisch, hinter ihm abendblaue Luft in einem Bogenfenster, das eine Säule teilt; ein junger Mann hat die hagere Hand an der Stirne und sieht gerade aus. Das gruftartige Licht in dem fensterlosen, weißen, von oben grünlichgelb beleuchteten Gang gab dem Einsamen wohl die Wallung, sich einen Lebenshymnus vorzustellen.

»Er ist eine Erscheinung, ein Wunder,« denkt Anna Sidonia. Wenn sie jetzt

rasch kehrt machte und fortliefe, würde sie dies vergessen, dies ungeschehen machen, daß sie diesem im Tüncherkittel begegnete und mitten hinein in seine weit auf getanen Augen sah? Nein, nie, niemals.

»Von hier kam die Musik?« fragt sie.

»Musik?!« fragt er zurück und erhebt sich. »Ich dachte mir einen Kantus. Da hab ich ihn wohl gesungen.«

»Eine herrliche Musik, aber ganz kurz – so kurz,« ruft das Mädchen, von Angst erfüllt, daß ihre Erschütterung überhand nehmen könnte.

»Was wird hier getan?« fragt sie atemlos.

Er zeigt nach der linken Wand, wo in halber Höhe eine anmutig verflochtene Blätterranke auf einem nebelhaft blauen Grunde hinläuft.

Sie erinnert sich, daß davon die Rede gewesen ist, den begabten Sohn des Uhrmachers im Städtchen die Wände in dem renovierten Schloßflügel ausmalen zu lassen. Ihr Onkel Benno, der unten am Markt in dem kleinen Palais, das der Großmutter gehört, wohnte, hatte das in die Hand genommen und die Schloßherrin sollte überrascht werden.

Anna Sidonia erinnerte sich an den Zusammenhang und stellte fest: dies ist der Sohn des Uhrmachers. In ihrer Betäubung aber schaffte das keine Klarheit. Im nächsten Augenblick hat sie von neuem vergessen. Der Mensch, den sie sieht, ist ein weißer Felsen, auf seiner Stirn weißes Schneelicht, seine Augen sind zwei Abbilder der Sonne. Der Raum ist ausgefüllt von ihm, der ein Wunder ist. Für sie bleibt kein Platz. Das ist furchtbar und verursacht ihr einen nie gefühlten Schmerz und Schrecken:

Für sie bleibt kein Platz. Ach nein, sie wollte sich fassen, indem sie den Tisch überblickte, auf dem Mal- und Zeichengerät lag und Blättersträuße in Gläsern standen.

Die Blätter hatte er abgemalt, da an die Wand gemalt. Die Kleine vermied es, dem Blick des unbehaglichen Menschen zu begegnen und fing an, sein Machwerk zu loben. Ah, da entdeckte sie hier und da braune Vögelchen, die schlüpften in dem grünen Gewirr der Blätterkante oder schwebten singend auf gebogenen Ästchen. Und weiße, breit aufgeblühte windenartige Kelche.

Er hat etwas vom Magister, dachte sie und vor Magistern hat man – zuweilen Respekt. Und dann ergriff sie eine große Lust, ein wundervolles Entzücken an der Blätterkante und den Vögeln und Blumen. »Der ganze Frühling sieht heraus,« sagte sie hell lächelnd und legte ihre Hände zusammen. Mit verwegenem Blick strahlte sie den Jüngling im Tüncherkittel an. Merkst du, wer zu dir kam? Weißt du, wer ich bin und was ich zu geben habe? Das drückt ihr Blick aus und Freude an seinem Meisterstück.

Er sagte: »Mehr als der Frühling blickt da heraus. Ich habe noch anderes hereingemalt.«

Nein, er bemerkte nicht, wer sie war und was sie zu geben hatte. Es blieb dabei: der Raum war von ihm und dem, was sein war, ausgefüllt. Anna Sidonia runzelte die Brauen, weil eine kalte Verzweiflung ihr üppig blühendes Wesen anflog und ganz verwirrte:

»Was soll denn sonst noch herausschauen?« fragte sie angstvoll neugierig.

Er hob den Kopf und sah über sie fort: »Die Traumwelt, in der wir heimlich wandern, doch wohl die,« sagte er.

Sie fing an zu zittern. Es war so: das was er auf die Wand gebannt hatte, zog den Sinn an sich, schenkte Köstliches, so etwas unerhofft Köstliches und enthüllte Verborgenes. Es macht ihr Pein, daß es so ist. Sie wird sinnlos heftig und erbittert gegen den, der das vermochte. Ja, du bist reich ohne Grenzen, denkt sie, du bist zufrieden, dir ist nichts anderes nötig als dieser kahle Raum und dein Tun und Treiben darin. Ei ja, und was ist mit mir? Was bedeute ich dir? Trägst du den Kopf so steil, daß du mich nicht sehen kannst? Ist deine Stirne eiskalt vor Gedanken? Sind deine Augen richtige Sonnen?

»Und Sie arbeiten hier allein den ganzen Tag über bis der Abend kommt?« fragt sie verstellt und geringschätzig. »Niemand besucht sie?«

»Oh« sagt er mit dem Kopf im Nacken, »ich hab' Besuche. Es kommen zu viele. Ich singe, ich zeichne, ich nehme die Farben, ich will sie festhalten. Kommen zu viele. Gnade, Geduld, ich will alle aufnehmen.«

Die seltsam entzückte, schöne Miene, die er machte, während er sprach, erschreckte Anna Sidonia.

»Doch, ich habe Besuche,« setzte der junge Mann hinzu und seine Miene milderte sich. »Mein Auftraggeber, der Herr Baron, kommt, der Gärtnerjunge kommt, um mir Bücher aus der Bibliothek zu bringen und Farben anzureiben. Am wohlsten ist mir, wenn ich hier allein bin. Es ist schon vorgekommen, daß ein Gartenvogel zu mir durchs Fenster kam oder ein Schmetterling.«

»Wie abscheulich, hier Tag für Tag allein zu sein, ob's draußen stürmt, ob die Sonne scheint,« sagte Anna Sidonia gereizt.

»Am Sonnentag eine dunkle Wolke über Mittag … Wenn dann die Schatten hereinwehen, sich verstärken, allen bunten Lärm auch in meiner Seele einschläfern und die Stimmen der Nacht leise anfangen zur Tagesstunde … Kommt die goldene Flut, da atmet die Brust die Gottheit ein, da wird alles beredt vor Leben und Mut und will im Lichte seine himmlische Gestaltung haben.«

»Wie abscheulich,« fuhr das Mädchen fort, »in den öden Zimmern seine Tage zubringen mit den welkenden Blättern, Es sind Unkräuter und Baumblätter.«

»Die Blätter welken nicht,« sagte er freudig, nach der Wand zeigend.

Wie er mit seinem Geist, seinem Machwerk prahlt. Anna Sidonia war noch nie in ihrem Leben so feindselig und erzürnt gewesen.

»Bedeutet die Kante da aus Blättern, Blumen und Vögeln vielleicht noch etwas?« fragt sie und zieht heimlich ihr Taschentüchlein und tupft sich auf die bebenden Lippen.

»O ja, sie bedeutet noch viel.« Er geht und nimmt einen Zettel vom Tisch und reicht ihn Anna Sidonia.

Sie liest! untereinander geschrieben: »Dionysos, Apollon, Jesus.« Und hinter einer Klammer: »Brüder.«

»Was soll das?«" fragt sie stirnrunzelnd und hebt das Auge und fühlt sich verloren in einer fremden, wogenden, brennenden Macht, der sie nichts gilt, nichts. Ihr verlorenes Herz zittert.

»Dionysos, das ist das grüne Blatt; Apollo ist die entfaltete Blume; Jesus ist das Vöglein,« erklärt der Magister im Tüncherkittel knapp und mit glückseliger Bestimmtheit.

»Wie denn?« fragte Anna Sidonia. Ihr erscheint das profanierend. Wichtiger als das aber ist ihr der Gedanke: ich war doch einmal reizend und man liebte mich!

»Die drei sind Brüder, Götterbrüder,« hört sie seine Stimme nachdrücklich sagen. »Dionysos ist nicht tot; Apollo lebt; der jüngste von den dreien beherrscht die Seelen. Wer wollte die beiden Älteren des Jüngsten wegen vergessen? Solche Unnatur wird von uns verlangt.« Seine Hand flog heraus und fiel auf sein Herz. »Von mir hat man es verlangt. Ich aber nahm mir das Recht, alle drei zu lieben, ich habe sie immer alle drei geliebt und angebetet. Hier ist die viel tausendmal gepriesene Stätte, wo ich ihnen dienen darf. Dem Traum, der Kunst, der Liebe!«

Das erfüllt die leeren Räume und macht den Tag kurz und die Einsamkeit süß, das! denkt Anna Sidonia und setzt sich mit abgewandtem Blick auf einen Schemel.

Der im Tüncherkittel erklärt weiter: »Das grüne Blatt, das die Pflanze zuerst hervorbringt, das dunkle Blatt, das der Erde nah ist, breitet sich aus, als wollte es die Blume prophezeien. Das ist Dionysos. Es ist dumpf und schläft, es ist die furchtbare, stumme Nacht; Apollo bedeutet die Form, die Ausbildung, die Sprache, die sich bewußt wird, dichten zu können. Die Blume ist er, sie duftet, sie tut sich der Sonne auf, sie redet von höherer Hoffnung, von Schönheit. Sie ist die Entfaltung, der Tag. Und dann zum dritten kommt das Vöglein, es hat ein klopfendes Herz, eine Kehle, aus der die Seele Stimme gewinnt. Es schläft und wacht, es ist schön und empfindend. Das Vöglein hat Flugkraft –« Der Uhrmachersohn holte tief Atem, wandte sich seinem Werke an der Wand zu, lächelte und ging und nahm ein Körnchen von dem reinen Weiß einer Blüte.

»Was für Schätze das Schloß birgt,« murmelte Anna Sidonia.

»Es wartet ein kahler Saal auf mich, der ist wie ein Toter, dem ich Leben und Gewandung geben soll,« damit deutete der junge Mann auf eine Flügeltür rechts. »Ich werde ihn beseelen, bekleiden, mit der Pracht der Wappenbilder, mit Gerank und Bannern, wie es gewünscht wird. Man wird mir verstatten, einen heimlichen Plan und Bezug in die Schildereien zu bringen. Ich werde das Erkerzimmer mit zarten Baumzipfeln schmücken, drin Wundervögel nisten. Genien im Wind werden auf der Decke ziehen. Die Sprache der Wolken, Blumen, Muscheln und Juwelen wird in der Halle zu lesen sein und viel mehr für den, der zu lesen versteht.«

»Ich werde jetzt gehen,« sagt Anna Sidonia. »Ich danke für die Erläuterungen.«

Wenn er nun sagte, der Unempfindliche und bäte: Komm wieder. Wenn er sagte: Ich warte auf dich. Komm wieder, ich will dir Platz lassen. Nimm teil an dem, was ich bin und plane und schaffe.

Er sagte nichts.

Er ist sich genug mit seinen Gedanken, seinem Himmel von freien Gedanken, seinen Bildern, Bildern.

Was ist sie? Ein Scheinding, ein Spielzeug, eine Nichtigkeit ohne Leben. Der Vogel, der ihn besuchte, der Schmetterling, der sich zu ihm verflog, die waren wohl klug. Ja, draußen, da schmachtete alles in Sonne und Dürre, draußen war es leer, der Tod ging um in der Leere; hier war der Born; in den kahlen Zimmern und Sälen war er zu finden, in einem einzigen Menschen.

Ach, wenn er doch ein Kavalier wäre!

Anna Sidonia stand im Türrahmen, eine weiße Gestalt mit weißem, ernsthaftem Gesicht, angerötet von dem Sonnenuntergang; in den großen Locken glühte seine Pracht. Sie wollte sich und ihm noch eine Gnadenfrist geben. Er konnte sie jetzt noch erkennen und alles gut machen.

Der Uhrmachersohn war kein Kavalier. Er war aus Reichtum bescheiden, aus Armut stolz, ohne einen Gedanken an die elegante Welt neben sich. Bis jetzt hatte er nicht eigentlich bemerkt, wer zu ihm gekommen war, erfüllt, stürmisch bewegt von seinen Ideen und Gesichten wie er war. Jetzt erst sah er Anna Sidonia, als sie im Begriff war, fortzugehen.

Nun war es an ihm, über ihre fremde Lieblichkeit, ihre geschonte, gebrechliche Schönheit zu erschrecken. Sie ist eine Erscheinung, dachte er. Sie wird gehen. Ja, gehe nur. Ich war ja vorhin zufrieden genug. Sein Herz schlug einen anderen Takt. Da war etwas von Bitterkeit aus seiner armen Jugend aufgespeichert, die träufelte in seinen himmelhohen Flor. Eine Mahnung an Leiden und Wonnen, die er spröde und hochgemut nicht erkennen wollte, war diese modische, fremde, süße Gestalt. Ja, gehe nur, dachte er herbe und griff mit seinen Fingern in einen trocken gewordenen Blätterstrauß.

Sie nickt und wendet sich und geht.

»Du willst dich so der Großmutter präsentieren? Das soll dein Festkleid sein? Ei nein, Anna Sidonia! Du weißt wohl nicht, daß dir die Frisur windschief sitzt. Nein, komm her!«

Alberta zieht Anna Sidonia vor einen venezianischen Spiegel, den bunte blaue, rosa und weiß gebändelte Windenblüten aus Porzellan umkränzen. In den seidenen Sessel fällt Anna Sidonia. Statt ihres Bildes im Spiegel sieht sie eine andere weiße Gestalt. Zwei Augen sehen ohne Gnade ihre.

Es ist eine Rätselfrage: Wer ging und blieb doch? Wer sitzt hier und ist doch nicht da? Wer spiegelt nicht sich, sondern den andern?

Mochte Alberta an ihr herumhantieren. Wollte sie an den elastischen, schweren Lockensträhnen, die sich immer wieder aufrollten, beißen, sie ausreißen und hinschleudern, mit Füßen darauf treten. Sie taugten nichts.

»Du sitzest wie eine Puppe. Du schiltst mich nicht. Und ich bin so ungeschickt. Schilt mich doch, Süße.«

Alberta küßte wohl gar! Was war das für eine Albernheit, sie damit zu stören! Lippen auf ihrer Wange! Ihre Wangen waren unter dem Eishauch mangelnder Liebe erfroren.

So schön war er?! Wer seine Hand fühlen durfte! Wer zu seinen Lippen aufschwindeln dürfte, sich in dem Strahlenguß seines Augenlichts ergötzen! So waren seine Augen? Saugend wie der Malstrom, von dem sie neulich gelesen. Sie, wie ein kleines Fahrzeug, war hineingeraten. Wenn sie nun geflohen wäre, ohne ein Wort zu sagen, ohne eins von ihm zu hören? Es hätte nichts geändert , Nichts. Anna Sidonia hob ihre Hand und legte sie sich auf den Kopf.

»Nein, das geht nicht!« schreit Alberta. »Nimm dein Goldhändchen fort, Liebling. Ach, jetzt greifst du in das Gebäude! Anna Sidonia, Anna Sidonia …!«

Die hatte sich aufgerichtet, streckte ihre Linke nach dem Spiegel aus, während ihre Rechte sich mit krampfhaften Fingern in ihre Locken eingrub. »Nehmt das Bild fort!« ruft sie gewaltsam. »Nehmt um Gottes Willen das Bild fort!«

»Was hast du?« Alberta entfällt der Kamm.

»Das Bild!« Anna Sidonia sinkt in den Sessel und ist totbleich und schweißbedeckt.

»Du erschreckst mich so! Mach einen anderen Spaß!« Die Freundin weicht ein paar Schritte zurück.

Anna Sidonia kommt zu sich. Sie hatte verspielt, aber toll war sie nicht, sie lag auch nicht im Sterben.

Jetzt sieht sie im Glas die sich wiederspiegelnden plastischen Winden und ferner ein nebelweißes, kleines Gesicht und große, erbarmungswürdige Augen.

»O, ich Unglückliche, was hab' ich erlebt,« ruft sie in herzbrechender Klage. »Ich wollte nichts Übles, warum mußte ich meinem Henker begegnen!«

»Du treibst es zu arg mit deinen Deklamationen! Weiß der Himmel, was du heute Abend vorstellen willst. Und ich werde niemals mit dir fertig. Hörst du nicht Stimmen aus dem Salon? Sie sind alle versammelt. Nein, Anna Sidonia, sitz' jetzt einmal grade und still. Großmutter wird gleich den Diener schicken. Halte still, Süße! Du sollst heute einen weißen Saphir darstellen, weißt du das?«

»Mein Adonis!« Mit offenen Armen ging die Großmutter ihrem Liebling entgegen, als diese mit kleinen Schritten über eine Lichtung in dem Wald von farbigen seidenen Roben und schwarzen, braunen, blauen Männergestalten ankam. »Wie überraschend, Kleine! Du bringst uns keine Überraschung? Du kommst ganz weiß, ohne Schmuck und Abzeichen? Bist du heute der Genius der Gedanken? Hu, was für große, ernsthafte Augen! Würdige unsere arme Menschengesellschaft deiner Gunst, süßer Genius!« so scherzte die Großmutter. Sogleich sammelte sich um die Kleine der größte Teil der Gesellschaft. »Das ist sie!« Die Großmutter zeigte die Enkelin mit unsäglichem Stolz zwei fremden, älteren Damen, die ihr lächelnd aus Lorgnetten entgegengehen.

»Sie sieht ja fast wie ein Knabe aus,« meinte die, eine und die andere bewunderte das weiße, strenge Kindergesicht auf dem zarten Halse, die Lockenpracht sprachlos.

Man erwartete jetzt das Feuerwerk aus diesem kleinen Munde, das sonst hervorzusprudeln pflegte. Aber es kam keins. Mit übergroßen Augen sah Anna Sidonia ringsum in alle Gesichter. Sie suchte und forschte: sie fand nicht. Diese Gesichter waren ihr nichts, ob freundlich und hübsch, jung oder alt, boshaft, klug, wach, oder müde, sie bedeuteten ihr alle nichts.

Ein Kavalier verbeugte sich vor ihr und reichte ihr die Hand. Das war einer, der sich ihr Freund nannte und nicht erwarten konnte, ihr Liebhaber zu werden.

Sie sah erstaunt auf die Hand, erschrak und wandte sich gekränkt ab. Ach nein, ich muß mich zusammennehmen, dachte sie angstvoll, denn sie meinte, in einer weißen hageren Dame plötzlich den im Tüncherkittel zu sehen. Da war sein Angesicht, wie eine Gebirgslandschaft, groß, da waren seine Augen und zogen sie hinein in Sonnenbrand.

Ich bin krank, aber es darf es niemand merken.

»Ihre Hand oder Sie beleidigen mich tödlich,« zischte der vernachlässigte Kavalier und spreizte seine Finger.

»Ich kann Ihnen meine Hand wohl reichen,« sagte Anna Sidonia matt, »sie ist kalt und gehört mir nicht.«

»Wie, wie, Teuerste? – Ist Ihnen nicht wohl?«

»Haben Sie sie auch gerne gehabt, die kleine Anna Sidonia, die immer lustig war?«

»Wie?« fragte er nochmals und sah zum Äußersten verwirrt aus.

»Mußte man ihr nicht gut sein? Sie wußte von nichts Bösem und nichts Gutem in ihrem kindischen Treiben. Da kam der Tag, da erfuhr sie alles und starb.«

»Ach, oh!«

»Nein, ich bin nicht geistesgestört. Wissen Sie es nicht, unsere blinden und tauben Tage sind gezählt, unsere Mahlzeiten von Zuckerbrot sind gezählt, mit einemmal bricht das Sehen und Hören über uns herein. Der Tisch, mit Zuckerbrot beladen versinkt, statt dessen steigt ein Felsen aus der Versenkung, steil, weiß Gott, wie steil und hoch und auf seinem Gipfel liegt Mannah, Nektar und Ambrosia. Mannah – Oh, unerreichbar! Das ist, um zu sterben.«

»Wollen Sie belieben, das zu erklären,« sagte der Kavalier spröde.

»Das ist nicht zu erklären.« Anna Sidonia machte eine Bewegung mit den Schultern und über ihre großen, starren Augen deckten sich die bebenden Lider.

Alberta äugte in einem Kreise von den Genossen nach der Freundin aus und

zerbrach sich den Kopf darüber, durch welche neue Spielart ihres Benehmens

sich Anna Sidonia heute wieder zum Mittelpunkte machte.

»Erhalten Sie der armen Anna Sidonia ihre Teilnahme, es wird ihr gut tun. Denken Sie an sie als ob sie eine Figur aus einer Erzählung wäre oder einem Märchen mit traurigem Ausgang,« sagte das Mädchen zu ihrem einstigen Freund und löste sich damit aus seiner Gesellschaft. Die winkenden Freundinnen und jungen Gefährten beachtete sie nicht, sie ging auf einen eisgrauen alten Herrn zu, der von zwei altfränkisch geputzten Damen bewacht, wehmütig und schläfrig lächelnd in das Gesellschaftstreiben sah. Es war ein Schwager ihrer Großmutter, der lange Jahre in dem Schloß gewohnt hatte. Man machte ihr Platz und sie setzte sich zu dem alten Herrn.

»Großohm, weißt du etwas davon? Ist es wahr, daß in unserm Schloß Geister umgehen?« fragte sie.

Er verstand nicht. Sie wiederholte, an sein altes, haariges Ohr geneigt.

»Nicht geheuer,« murmelte er kopfschüttelnd. »Der Schrecken geht um.«

»Ah …«

»Man sagt, wie die Katze die Maus, so ergreift der Schrecken den, der dazu bestimmt ist.«

»In den neu hergerichteten Räumen des Schloßflügels geht der Schrecken um, Großohm?«

Der Alte verzog sein Gesicht säuerlich. »Auch anderswo geht der Schrecken um, das Leben ist so, daß man oft erschrickt und meint: nun geht es nicht weiter. Aber es geht weiter, es ist nicht so schlimm. Das Schlimmste von Allem ist das Alter, meine Kleine, meine allerliebste Kleine. Geh, vertrödle deine Zeit nicht mit mir altem kalten Stock. Das Alter ist das Schlimmste.« »Nein, die Jugend ist das Schlimmste,« erwiderte ihm Anna Sidonia in Gedanken, die Klagen waren. »Die Jugend, die der Pfeilschuß unglücklicher Liebe, ewig, ewig unglücklicher Liebe verwundet.«

Sie wußte nicht, die Kleine, daß die Verwundung ihres Herzens ein Beweis der Grenzenlosigkeit ihres Sinnes und Gefühls war, und daß die wahrhaft Anbetenden die Kraft zur Vervollkommnung und Verjüngung in sich tragen.

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