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Alexander Solomonica – Geschichten

Erzählungen

Meine Freundschaft. Aus: Die Fackel. 12. Jahr, Nr. 309/310 (31. Oktober 1910), S. 25ff.
Die vierte Schwester. Aus: Die Fackel. 12. Jahr, Nr. 301/302 (3. Mai 1910), S. 33ff.
Wiederkehr. Aus: Die Fackel. 13. Jahr, Nr. 333 (16. Oktober 1911), S. 14ff.
Schlaflose Nächte. Aus: Die Fackel. 13. Jahr, Nr. 324/325 (2. Juni 1911), S. 45ff.
Liebesgeschichte. Aus: Pan. 3. Jahrgang, No. 4 (25. Oktober 1912), S. 79ff.
Im Schoße der Familie. Aus: Pan. 2. Jahrgang, No. 29 (6. Juni 1912), S. 828ff.



Meine Freundschaft

H., einer meiner Bekannten, war mir sehr anhänglich, und ich ihm nicht minder zugetan. Wir sprachen zwar nie über dies gegenseitige Verhältnis, doch es hatte sich unzweifelhaft in das Gleichmaß des Vertrauens von selbst gefunden. Unsere Freundschaft war, so darf ich sagen, unser Widerschein, ein Flammenspiel an der Wand, das sich nicht wegwischen ließ, wenn irgend eine Hand darüber fuhr. Die Liebe zu dem gleichen Mädchen hätte sie nicht zerstört, sie vielleicht in eine lautere Feindschaft verwandelt, sie schlimmstenfalls einem tragischen Konflikte zugeführt. Der Gedanke, daß sonst ein äußerer Anlaß, und wäre es selbst der Tod, der Harmonie etwas anhaben könnte, lag mir fern, ich hielt ihn der Erwägung nicht wert und bin dessen gewiß, daß auch er verächtlich über ihn gelächelt hätte.

Aber als ich gestern mit ihm sprach, da hatte sich unterdessen eine unbegreifliche Veränderung vollzogen. Ich bemerkte, daß alle Herzlichkeit aus unserer Rede gewichen war. Mißtrauen erfüllte sie, es hatte sich Heuchelei in ihr eingenistet, und vergebens bemühte ich mich, ihrer Herr zu werden. Auch ein Versuch von seiner Seite, mit einem schnellen Lachen den alten Ton zu finden, mißglückte. Ich mußte erkennen, daß es sich um keine vorübergehende Verstimmung handelte; sie wäre sogar, hätten wir jetzt gleich die Sprache darauf gebracht, nicht verflogen, sondern gewiß für immer besiegelt worden. Obgleich sie grundlos zu sein schien, fühlte ich ihre Unwiderruflichkeit. Aber indem ich mich fragte, wie ich je hatte mit ihm befreundet sein können, erschrak ich in einem Atemzuge darüber, daß es mit dieser Freundschaft nun endgültig vorbei war. Als ich dann schärfer zusah, erkannte ich – dies ging mir sehr nahe –, daß jene Heuchelei von mir allein ausgegangen war. Ich hatte sie auf ihn nicht einmal übertragen, sie nur in die Gegenrede hineingedeutet. In Wahrheit war plötzlich eine unsichtbare Mauer zwischen uns, von der meine Worte zurückprallten, und sein Gesicht blieb mir verschlossen.

Im Schwindel, der mich ergriff, tastete ich vergebens nach der Hoffnung, es wäre ein Traum. Denn nie zuvor hatte mich so ohne Gnade die Wirklichkeit gestreift. Doch weiß der Himmel, hinter welchem Traume ich mich verborgen hielt, so ahnte ich nicht, daß ich selbst die Wirklichkeit gewesen war. Ich hörte irgend einen Klang verstummen, aber ich horchte wohl, von einer Wallung umfangen, nur mit halbem Ohre hin. Mir war's, als hätte ich den Einsatz meiner Kraft verspielt, doch der Schlaf lag mir noch auf den Lidern, nun bin ich erwacht und meine Schwäche ist verflogen. Ich denke sogar mit Genugtuung daran, wie gleichgültig mir der Freund geworden ist. Eine meiner Launen hat ihm einen bösen Streich gespielt, darum bemüht er sich jetzt, wie ich weiß, vergebens, den Anlaß zu unserer Entfremdung zu finden. Ich ärgerte mich vielleicht über den Ausdruck seines Gesichtes, oder es verriet mir plötzlich ein Augenzwinkern die Distanz, um die ich mich in der Zwischenzeit von ihm entfernt hatte. Wie dem auch sei, an die Marschroute, die ich mir selbst vorschrieb, bin ich gebunden. Sind doch seit jeher meine Launen das Einzige, das mich zur Pflicht gemahnt, denn ich mache sie mir zur Pflicht. Ängstlich bin ich bestrebt, jeder einzelnen zu Willen zu sein, und selbst meine Gefühle gehorchen da aufs Wort. Vor ihnen habe ich Respekt, denn sie allein lassen mich an die Macht des Schöpferischen glauben. Wohl hielt ich unsere Freundschaft für unzerstörbar, da ich sie aber einer Laune opferte, erweist sich mir das, was mich als Ohnmacht schreckte, als eine Probe meiner Macht. Ich werde mir wollüstig bewußt, daß eine leise Regung meines Willens dem Tode gewachsen ist. Ihm trotzte die Freundschaft, war sie doch unser Widerschein, den nun ein Hauch des Gedankens für immer erlöschen machte. Ich enttäuschte ein Vertrauen, das selbst der Ewigkeit gespottet hätte, denn es entsprang einer Harmonie; aber an meiner flüchtigsten Laune wurde es zuschanden.

Und doch, da mich dieses Bewußtsein mit unerhörter Freude, mit grimmiger Sicherheit erfüllt, entsinne ich mich dessen, was war, und ich werde wieder irre. Da bin ich nervös und rebellisch, als gelte es, eine Drohung abzuwehren, die ich nicht kenne, sondern nur dumpf, als Ahnung empfinde. Was zwingt mich jetzt, mir die Züge deines Antlitzes vorzustellen? Sie sind verzerrt, aber mich dünkt, ich hätte sie entstellt. Mit einmal scheinen sie mir wieder liebenswert zu sein. Doch es ist nur ein flüchtiges Erinnern, das mich täuscht und verwirrt! Nein, ich ertappe mich dabei, wie ich's zum Vorwand nehme, weil mir ein Widerspruch befiehlt, das Überwundene zu erstreben. Darum halte ich jetzt über die vergangene Freundschaft lebhaftere Zwiesprache mit dir, als je, da wir noch wirklich Freunde waren. Ja, ich bitte dich, mir zu verzeihen, mich nicht zu verlassen. Weißt du noch, wie grenzenlos wir einander vertrauten? Noch immer habe ich keine Geheimnisse vor dir, doch ich selbst bin an Geheimnissen arm. Willst du mir nicht die deinen anvertrauen? Aber ich sehe es dir an, unaufhörlich denkst du an Untreue und Verrat. Wie? Ich besinne mich, auf meine Pflicht, auf meinen Willen. Noch spreche ich, wie ich es einst gewohnt war, zu dir, doch du hörst mich nicht mehr. Die Entfernung wächst zwischen uns, ich winke dir aus der Ferne und blicke nicht hin, um zu sehen, ob du den Gruß erwiderst.



Die vierte Schwester

Ich habe drei kleine Schwestern. Vor längerer Zeit träumte mir, ich hätte bloß zwei. Dies muß indes richtig verstanden werden, in der Welt meines Traumes gab es bloß zwei, und von der Existenz der dritten wußte ich überhaupt nichts. Dort hatte sie vielleicht keine Berechtigung oder auch keine Möglichkeit, zu leben. Dort war sie nie vorhanden gewesen, nichts erinnerte an sie; sie ließ auch keine logische Lücke in der Entwicklung der Verhältnisse zurück. Vielmehr entwickelten sich jene (im Traume) organisch weiter, nur daß der Faktor meiner dritten Schwester in ihnen von vornherein gestrichen war. Als ich dann erwachte, war es mir, als würde ich von einer ungeheuren Feder emporgeschnellt. Eine andere Ebene nahm mich auf, auf der sich nun auch die verloren gegangene Schwester befand. Nur schwer konnte ich mich an die Vorstellung ihrer Existenz gewöhnen. Nach und nach aber fiel mir die ganze Wirklichkeit wieder ein und ich wunderte mich dann fast gar nicht mehr, als ich sie in Person sah und sie mir zunickte.

Unlängst ging es mir umgekehrt. Ich lernte im Traume meine vierte (etwa vierzehnjährige) Schwester kennen. Auch dies ist wieder falsch ausgedrückt, denn ich lernte sie nicht kennen, sondern bewegte mich in einer Welt, in der wir beide seit jeher heimisch waren. Anfangs benahm ich mich jedoch, wie das begreiflich ist, verwirrt und ungeschickt. Ich bemerkte sie mit Befremden, sie kam aber rasch auf mich zu, denn ich war gerade von einem Spaziergange zurückgekehrt. Zutraulich legte sie den Arm um meinen Hals und küßte mich. Ich betrachtete aufmerksam ihre weiße Stirn, ihre blauen Augen, ihr – wie immer – sehr ernstes Gesicht. Es fiel mir auf, daß sie einen großen Hut trug. Eli. . . Eli. . . stotterte ich und dann fand ich den Namen: Elisabeth! Sie sprach freundlich mit mir und half, ohne es zu wissen, meinem verdunkelten Gedächtnisse nach, so daß es sich, wie es in solchen Fällen zu sein pflegt, rasch, ja blitzartig erhellte.

Nun übersah ich die Ereignisse ihres Lebens und bemerkte, wie sie sich lückenlos, was Gegenwart und Vergangenheit anbelangt, in die gegebenen Verhältnisse fügten. Ihr Faktor war in die Rechnung eingestellt. Da ich noch immer auf der Hut war, so erstaunte ich anfangs darüber sehr. Bald aber wurde dies für mich bedeutungslos. In demselben Maße, in dem ich das Bewußtsein und den Einwand des Traumes mit Verachtung von mir streifte, ermaß ich die Nebensächlichkeit jener logischen und doch zufälligen Beziehungen. Ihre Umschaltung war selbstverständlich, ein technischer Handgriff, weiter nichts. Alle Dignität beschränkte sich auf die Person, kam in ihrem Gefolge und lebte geradezu von ihrer Gnade.

So durch die Kraft des Willens, der seine Dimension verdoppelte, zwischen zweien Welten schwebend, ja, die endlose Kluft zwischen beiden ständig durchmessend, gedachte ich der ungelösten Schauer, die im Wachen meines Zweifelns besseres Teil gewesen waren. Dort fehlte mir etwas, aber seine Synthese, die ich hier erlebte, versuchte ich nicht. Ich sammelte mich nicht, um das Wertvolle, aber Einzige und Unteilbare zu erfassen, ich entwertete es vielmehr, da ich es zersplitterte. Und je weiter ich mich von einem Ursprünglichen entfernte, je näher wähnte ich an seine Quelle gelangt zu sein. Doch hier bin ich meiner Qual enthoben. Ich finde meine Schwester vor und das ist keine Täuschung! Die Energie, die ihren Bewegungen entströmt, hat auch mich gefördert, den Schmerz, der ihre Lippen gepreßt und schmal macht, habe ich mitverschuldet. Aber ich verschwendete ihre Energie und entheiligte ihren Schmerz. Nun sehe ich die untrüglichen Umrisse ihrer Gestalt, ihres Antlitzes unverkennbaren Ausdruck, ihres Lächelns eigentümliche Melancholie. Auch sie ist ein Problem, aber es birgt die Lösung in sich. Nichts in der Welt ist ihr vergleichbar, ja, nichts in der Welt ist neben ihr vorhanden. Sie spottet des Gemeinsamen, das sie zu erniedrigen scheint, da sie es selbstschöpferisch in jedem Augenblicke neu erzeugt. Sie ist sich selbst die einzige Instanz und souveräner als ein Fürst, weil ihr die Untertanen fehlen. Wäre es nicht kleinlich, an ihrer Existenz zu zweifeln, da ihre Giltigkeit über jeden Zweifel erhaben ist? Und ist es umgekehrt nicht verstimmend, wenn zwei Menschen einander läppisch ähnlich sehen? Ist nicht gar der Gedanke, daß irgendwo mein Doppelgänger herumläuft, der entsetzlichste und verruchteste, da er doch dem Gesetze der Welt Hohn zu sprechen scheint?

Ihr unvergängliches Wesen aber mit Worten beschreiben oder auch nur festhalten, das kann ich nicht. Ich müßte denn das Chaos ausschalten, das an sie grenzt und so ihrer Form teilhaftig ist. Und fühlte ich auch die Kraft dazu in mir, was nützt es mir jetzt, da ich erwacht bin, da sie mir entschwebt und, wie ich weiß, mir für immer verloren ist.



Wiederkehr

I

Ein Mädchen, das mir nahe stand, lag krank zu Bette. Es teilte mir zugleich mit der Krankheit den Entschluß mit, mich vorderhand nicht zu sehen, und so fühlte ich mich doppelt einsam, denn ich war mit ihren äußeren Verhältnissen wenig vertraut und darauf angewiesen, in ihrer Nähe zu weilen. Gleich darauf schrieb sie noch einmal, in milderem Tone, und bat mich, fernzubleiben, weil ihr Ruhe nötig sei. Dies erkannte ich als Ausflucht, wußte sie aber nicht zu deuten. Ich wartete ab, schickte mich an, jener Anweisung zu gehorchen und ließ nichts von mir hören; doch auch sie war jetzt verstummt. Ich fragte, ob ich kommen dürfe, sie aber schwieg, mit dem Starrsinn, der Kranken eigen ist. Einen Grund für ihr Benehmen konnte ich nicht ausfindig machen. Wir hatten uns in gutem Einverständnisse getrennt, einander nie durch Launenhaftigkeit gequält. Vielleicht aber hatte das Unwohlsein sie der Verantwortung enthoben und nichts als ein krankhafter Wille ihr jenen Brief diktiert. Beunruhigt, erbittert streifte ich umher, und sah Mienen, die Böses verkündeten. Was mich davon abhielt, hinzugehen und sie Aug' in Aug' zu fragen, das weiß ich nicht mehr. Gewiß fürchtete ich auch, daß mein Besuch ihr schaden würde, denn ich mußte es von dritten, fast unbeteiligten Personen vernehmen, daß ihr Zustand sich verschlimmere. Zudem ermattete ich bald, da sich meine Gedanken ausschließlich mit einem Gegenstande beschäftigten. Ich wurde verbittert, verzieh weder ihr, daß sie mir mißtraute, noch mir, weil ich nicht stark genug war, einen Dämmerzustand zwischen Furcht und Hoffnung zu durchbrechen. Sie allein besaß die Macht, mich in dieser Unentschlossenheit verharren zu lassen! Mein Unmut machte bald einem traurigen Übermute Platz, und selbst der Lust des Vergessens vermochte ich nicht zu widerstehen. Ich hatte sie seit vier Tagen nicht gesehen, und schon war ihr Bild in mir etwas verblaßt. Jetzt dachte ich an Freiheit, ohne daß ich bisher diese Verbindung als Fessel empfunden hätte. Aber nun erwachte so stark, als gelte er der Selbsterhaltung, mein Trieb, ihr die Treue zu brechen, und ich bekämpfte ihn nicht. Trotz alledem blieb sie die ganze Zeit hindurch mit mir verbunden, sie übte sogar größeren Einfluß auf mich aus, als zuvor, manifestierte sich in allen meinen Handlungen.

Die Nachricht von ihrem Tode überraschte mich nicht mehr. Auch daß ihr Begräbnis schon vollzogen war, versetzte mich nicht in Bestürzung. Es zeigte sich, daß ich an ihr Leben nicht mehr geglaubt, und nichts als die Verzweiflung meinen Verstand verwirrt hatte. So hatte ich, während sie noch lebte, und nur kurze Zeit um sie getrauert. Die Gewißheit der Nachricht führte mich zu mir selbst zurück. Jetzt machte ich mir über jene letzte Weigerung, mich zu sehen, keine Gedanken, denn sie schien gleich meiner Untreue nur ein Vorbote der endgiltigen Trennung gewesen zu sein. Ich war in ihre Verhältnisse nicht eingeweiht und kannte mit Sicherheit nicht einmal den Namen ihrer Familie. Nun wußte ich nichts von den näheren Umständen ihres Todes, und es gelang mir trotz einiger Bemühungen auch nicht, sie zu erfahren. Nach Ablauf einer gewissen Frist gewann die Ruhe langsam in mir die Oberhand; von den Mädchen aber, zu denen mich damals die Verzweiflung getrieben hatte, trennte ich mich wieder. Jetzt suchte man mich zu trösten, der ich keiner Hilfe mehr bedurfte. Ich erkannte meinen Willen, alten Gewohnheiten zu entsagen, aber sie durch neue zu ersetzen. Dabei ließ ich mich weder ablenken, noch übertäubte ich meinen Schmerz, aber er selbst erlahmte, wie die Zeit verging. Ich suchte sie nicht etwa zu vergessen, sondern bemühte mich, wenigstens ihren Schatten festzuhalten, denn die Unwirklichkeit nahm von ihr Besitz. Allmählich schien die Kraft, die ich einst empfangen hatte, erloschen, die Lust gleichgiltig zu sein. Meine Erinnerungen waren nicht durch zeitliche Entfernung getrübt; gleichwohl ergaben auch sie ein schwaches, ja falsches Abbild unserer Beziehungen. So sehr ich einen Verlust beklagte, suchte ich mich doch umsonst auf das Verlorene zu besinnen. Darum waren mir auch ihre Züge entfallen, denn nur ein lebendes Gesicht scheint die Kraft des Eindruckes zu besitzen. Trotzdem war sie aus meinem Gesichtskreise nicht ausgeschieden, sondern blieb immer sichtbar, selbst wenn ich andere Dinge ins Auge faßte; auch Äußerlichkeiten erinnerten sehr oft an das Vergangene. Ich wurde sogar durch ihren unmittelbaren Einfluß noch gefördert, obgleich ihre Zeit um war, aber nur, wenn der normale Verlauf der Zeit gestört wurde, ein Traum sie unterbrach.

Nach einigen Monaten aber stellte es sich heraus, daß sie lebte und selbst die Mystifikation veranlaßt hatte. Hingegen sollte es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stehen. Man riet auf ein Experiment, einen bösartigen Scherz, das aber war gefehlt. Eine Wirkung auf andere lag keinesfalls in ihrer Absicht. Sie vertraute sich der Vergessenheit an; also trug sie sich mit Selbstmordgedanken, denn die Befreiung besteht darin, daß unser Andenken bei den Feinden und selbst bei Freunden erlischt. Da sie die Nachricht verbreiten ließ, sie wäre gestorben, vergriff sie sich nur in der Wahl des Mittels. Dennoch wurde nicht nur ich hinters Licht geführt. Es handelte sich auch nicht um einen unüberlegten Schritt, vielmehr um einen Plan, der mit strategischer Freude gegen jede einzelne Schwierigkeit operierte. Sie täuschte alle ihre näheren Bekannten, von jenen abgesehen, die sie ins Vertrauen zog. Diese wenigen standen ihr nicht besonders nahe, waren aber zur Ausführung ihres Planes unentbehrlich. Damals, als sie mir schrieb, fehlte ihr nichts, sie gab sich jedoch für krank aus, da sie denken mochte, man würde umso weniger Verdacht schöpfen. Später überschätzte sie ihre Kraft, erkrankte wirklich und erholte sich nur schwer, denn die Gefahr der Entdeckung war während der ganzen Zeit sehr groß. Die Verläßlichkeit ihrer Helfer war gering und konnte nicht vorher erprobt werden; sie ließ aber kein Mittel unversucht, um sich ihrer zu versichern. Sie konnte kein Bedenken tragen, die Treue gegen mich zu verletzen, da sie mir sogar die Gunst, um ihre Existenz zu wissen, versagt hatte. Gewiß war damals ihre Neigung zu mir völlig erloschen. Daß sie schließlich verraten wurde, lag nicht an ihr, aber sie hatte nicht bedacht, daß niemand, der eingeweiht war, zu schweigen vermochte; denn er hatte keinen Grund, sie zu vergessen. Dies war der schwache Punkt, sonst hatte sie geschickt jedes Hindernis besiegt. Sie wechselte mehrmals unauffällig ihre Wohnung und sogar den Aufenthaltsort und überließ es den Freunden, ihre Spur mit Sicherheit zu verwischen. Man hielt sie allgemein für bedenklich krank, so daß die Todesnachricht in der Tat nicht überraschte. Ihre Berechnung, daß man sich in diesem Falle um nähere Umstände nicht kümmern werde, irrte nicht. Denn sie war schon vorher beinahe in Vergessenheit geraten! Ihr Plan ging dahin, unter fremdem Namen in einer fernen Stadt zu leben. Die Behörden machten ihr keine Schwierigkeiten, sie wäre in dieser Hinsicht für alle Zukunft sicher gewesen; ihre Beziehungen hätten es ihr ermöglicht.


II

Nachdem ihr Plan gescheitert war, kehrte sie zurück; bereit, selbst den Stimmen der Wißbegierde Trotz zu bieten, um den Preis, daß ihr gewohnter Anblick sie rascher zum Schweigen bringe. Mich beschäftigte indessen die Frage, wie sie sich selbst zu der früheren Umgebung verhalten würde. Ich fürchtete schädigende Einflüsse, da sie sich leichtfertig in Gefahr zu begeben pflegte. Vor allem mußte ein Zusammentreffen mit jenen, die ihr erst geholfen und sie dann im Stiche gelassen hatten, entmutigend wirken. Als ich sie zum ersten Male sah, erzählte sie mir die Einzelheiten ihrer Verbannung, dabei gab sie sich selber preis und sprach von einer vorübergehenden Depression. Später beobachtete ich sie mit Aufmerksamkeit; aber ich entdeckte nichts, was sie Lügen gestraft hätte. So in die Vergangenheit gerückt, erschien ihre Flucht nur als das Symptom einer zufälligen Krankheit. Dementsprechend benahm sie sich gleich einer Rekonvaleszentin, und wie sie die wiederkehrende Gesundheit spürte, war sie für Eindrücke empfänglicher, für Ratschläge dankbarer als sonst. Zu mir verhielt sie sich, als wäre in der Zwischenzeit nichts vorgefallen; da ich darauf nicht eingehen konnte, war sie befremdet, doch wir beide hüteten uns, ernsthaft die Rede darauf zu bringen.

Jetzt erst erhielt ich nähere Angaben über ihre Familie und sonstigen Verhältnisse. Von ihren Beziehungen hatte ich mir nichts träumen lassen; und sie verstand es, verschiedene Einflüsse gegeneinander auszuspielen. Da ich in alles eingeweiht wurde, verlor sie viel von ihrer Unabhängigkeit, es schien jedoch, als wollte sie sich freiwillig ihrer Macht begeben. Jedenfalls empfing ich selbst über Nebensächliches Aufschluß, ohne daß ich je gefragt hätte, aber wichtigere Gespräche kamen nicht in Fluß. Obschon wir, wie vorher, aufeinander angewiesen und täglich zusammen waren, stellte sich doch jener Wechsel von Spannungen nicht ein, der Frage und Antwort bedeutet und ein Beisammensein erst erträglich macht. Kaum, daß ich ihre gewöhnlichen Gedanken erriet, obgleich ich bemüht war, mich mit ihr in alter Weise zu verständigen. Wir lebten gleichsam in dünner Luft, die nicht mehr zu leiten vermochte, und mir zum wenigsten wurde das Atmen schwer. Früher hatte es zwischen uns bisweilen einen unausgesprochenen Zwist gegeben, der so ausgetragen wurde, daß wir einander scharf im Auge behielten; diesmal war ich es allein, der sich nicht gehen ließ. Es kam zu einer Art Waffenstillstand, der jedoch nicht, wie gewöhnlich, auf Grund gegenseitiger Vereinbarung geschlossen wurde. Ich war freilich außerstande, eine Waffe zu erheben, sie aber war von vornherein zur Nachgiebigkeit geneigt, so daß eine Störung des Gleichgewichtes eintrat. Doch nichts verwirrte mich mehr, als daß die gegenseitige Spannung aufgehoben war, und selbst ihr friedliches Wesen mich weder reizte noch entwaffnete. Als es ihr nicht gelang, mich durch Freundlichkeit umzustimmen, geriet sie gleich mir in Verwirrung; aber sie drehte den Spieß nicht um. (Ich schien mich ihr zu versagen, während sie mir in Wahrheit unerreichbar blieb.) Da sie noch leidend war und keine Besuche empfing, gab sie zum Gerede allen Anlaß. Dies fiel ihr zur Last, doch nicht darum, weil ihre Einsamkeit noch nachträglich gestört wurde, vielmehr wollte sie an jene flüchtige Verirrung nicht erinnert sein.


III

Da meine ganze Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war, dachte ich nicht an mich, weil aber auch sie an mich nicht dachte, wurde ich an mein Schicksal erinnert. Ich erkannte sogleich, daß ich meine Angelegenheit zu der ihrigen gemacht hatte, denn hier ging es um niemanden als um mich, während sie sich längst außer Gefahr befand. Ohne Zweifel war ihr der Gedanke, daß eine vergangene und beschlossene Tat selbstherrlich fortwirken könne, fremd. Mir aber schien er fast ein Vorwand zu sein, da er meine eigene Zurückgezogenheit nur ungenügend erklärte. Ich trug ihr keinen Groll nach, weil sie mich zeitweilig vergessen und mir die Treue gebrochen hatte. Auch bemühte ich mich, ihr zu verzeihen, daß ich gezwungen worden war, ihr ein Gleiches zu tun. Ich hatte die Gesetze des Zufalls verspürt und mir ihre Logik nicht entgehen lassen. Dies alles überlegte ich nicht mit klarem Geiste. Ohne noch zur Besinnung gekommen zu sein, forderte ich über mein Verhalten Rechenschaft, in der Hoffnung, es würde sich als ungerechtfertigt erweisen. Dabei hatte ich so sehr die Übersicht verloren, daß ich jene Verstimmung für die Folge meines gestörten Denkens ansah, während es sich gerade umgekehrt verhielt. Daher glaubte ich nur den Fehler in der Rechnung aufdecken zu müssen. Auch zwang ich mich zur Selbstbeherrschung, da sie, die alles überwunden hatte, mich durch ihre Ruhe beschämte. Dadurch kam allerdings mein Irrtum zutage, denn der Schatten, der uns trennte, wollte auch dem scharfen Blick nicht weichen, aber ich gelangte zur Feststellung des Sachverhaltes. Ich hielt der Verwirrung so lange stand, daß ich wenigstens ihren Ursprung unzweideutig erkannte. Es handelte sich nicht um einen Denkfehler oder eine Überreizung meiner Nerven. Ich hatte mir Besinnung zur Pflicht gemacht, gleichwohl konnte ich mich über die Mystifikation nicht hinwegsetzen. Aller Wachsamkeit zum Trotz entdeckte ich keinen Grund der Kleinlichkeit, der etwa als Stachel in mir zurückgeblieben wäre. Vielmehr verblaßten alle untergeordneten Bedenken vor der einfachen Mechanik der Geschehnisse. Ich zwang mich, sie klar ins Auge zu fassen, vermochte es aber nicht, sie zu ertragen. Jetzt hatte ich mich in der Gewalt, und doch drohte die Unsicherheit mich wieder zu umfangen. Daher konnte an der Wahrhaftigkeit dessen, was mich bewegte, nicht gezweifelt werden.

Es zeigte sich mir also kein Ausweg. Immer, wenn ich den Feind besiegt zu haben meinte, hatte ich nichts anders getan, als mich schutzloser in seine Hand gegeben. Doch nun flüchte ich willig in jenen Halbschlaf, der es mir ermöglicht, die Wirklichkeit für einen Traum zu halten. Nun kann ich nichts deutlich unterscheiden, Gründe und Gegengründe sind vergessen, und nur das Verlangen nach ihr bleibt bestehen; und so unternehme ich es auf eigene Faust, mich ihr wieder zu nähern.

Indessen kann sie ihrer alten Lust, Ränke zu spinnen, nicht entsagen und ist in einer eifrigen Korrespondenz begriffen, die mir verschlossen bleibt. Wieder also beginnt sie sich mir in äußerlicher Hinsicht zu entfremden. Doch früher hatte ich sie ja nur losgelöst von allen zufälligen Verkettungen gekannt. Der alte Zustand scheint wieder hergestellt zu sein, ich will mich aber nicht zufrieden geben. In aufrührerischer Gesinnung bitte ich sie, mir alles zu sagen, mache ihr eine Eifersuchtsszene, das heißt, ich spiele den Eifersüchtigen, doch ohne Erfolg, weil sie mich durchschaut. Nun hat sich meiner ein Gedanke bemächtigt: ich will sie heiraten. Wie ich ihr dies im Scherze vorschlage, bleibt sie ernst, ihre Miene drückt sogar frohe Erwartung aus. Dann fordert sie Bedenkzeit. Ich verlasse sie, ein unbezwingliches Verlangen nach Ruhe und Klarheit erfaßt mich. Die Zeit, da sie nicht mehr lebte, ist mir gegenwärtig, und während sich mir ihre Züge verwischen, denke ich ermattend an Arbeiten, die ich unterbrochen, an Pläne, die ich entworfen hatte. Darauf fügt es der Zufall, daß ich sie drei Tage lang nicht sehe, schließlich mache ich meinen Besuch und werde mit allen Zeichen von Ungeduld empfangen. Sie ist sehr blaß, aber wir lachen einander zu. Nun komme ich mir gesund und fröhlich vor und bin geneigt, sie für schwächlich und empfindsam anzusehen. Ich ertappe mich dabei, daß mir ihr Gang, ihr Haar nicht mehr so gut wie früher gefallen. Das ist wohl nur ein vorübergehender Irrtum, denn mir scheint für Augenblicke sogar das Vertraute fremd zu sein, da ich allzusehr auf ihre Bewegungen achte. Jetzt kommt sie wieder unter Leute, denn ihre Gesundheit ist zurückgekehrt. Die Bekannten scheinen ihr nicht mehr verlassenswert zu sein, sie wird jedoch auch nicht durch Fragen oder Bemerkungen gequält. Offenbar haben beide Teile die Episode der Trennung vergessen, mich aber läßt das Gedächtnis nicht im Stich. Alles hatte sich wirklich zugetragen, denn ich glaubte daran; mithin mußte die Erinnerung an sie verblassen. Nun mißtraue ich dem Spiel des Zufalls, das mich nur einmal hat betrügen können. Ich beschließe, mit anderen, denen es ähnlich ergehen muß, Rücksprache zu nehmen. Man beachtet indessen meine Fragen nicht, vielleicht darum, weil sie zu vorsichtig gestellt werden. Einmal spreche ich mich sogar offen darüber aus, finde aber kein Verständnis. Doch gewiß hat auch jene wenigstens eine Ahnung gestreift: beim ersten Auftauchen der Nachricht, nur eine Sekunde lang, im Dämmern des Zweifels. Dann allerdings behielt wieder die Lebende recht, und es fiel nicht schwer, der Gewißheit die frühere Überzeugung preiszugeben. Die alte Vorstellung konnte der neuen nicht standhalten und wurde rasch zerstört, man vergaß, daß man einst besser unterrichtet gewesen war.

Ihr Geburtstag wird in der üblichen Weise gefeiert. Wir sind einen langen Tag beisammen, ungestört, und verbringen ihn außerhalb der Stadt. Wir gehen spazieren; meine Begleiterin läßt ihr Buch fallen, hebt es jedoch wieder auf, ehe ich mich noch bücken kann. Da treffen sich unsere Blicke, während sie sich wieder emporrichtet. Sie sieht mir gelassen ins Gesicht, ohne eine Spur von Verstimmung oder Freude, ohne eine Frage an mich zu stellen, so, als gelte ihr Blick nicht mir. Jetzt erkenne ich jede Einzelheit dieser Gestalt, ich sehe, daß ihre Glieder schlank und kräftig ineinandergefügt sind, und der Atem sie einheitlich hebt und senkt. Aber da ich noch von dieser Deutlichkeit beglückt bin, werde ich mir ihrer in Feindschaft bewußt und weiß, daß der Zwiespalt, der uns trennt, nicht überbrückt werden kann. Aber nun sind meine Schritte unsicher, als würde mir der Boden unter den Füßen fortgezogen. Bedeutet das meinen Untergang? Nein, meine Freiheit wächst, doch ich treibe dahin, wie jemand, der von der Brücke in den Fluß späht. Jetzt gilt es, die Augen mit der Hand zu bedecken. Ich richte alle Gedanken auf mich selbst, um Halt zu gewinnen. Nun denke ich an die Vergangenheit, die mir nutzlos geworden ist, und sehe, daß nur Not und Qual zurückbleibt. Aber nichts verwehrt es mir, selbst an der Quelle der Verwirrung meinen Durst zu stillen.



Schlaflose Nächte

Ich, der ich mich seit je eines gesunden Schlafes erfreut habe, kann seit einiger Zeit nicht mehr schlafen. Der Tag, in dessen Lichte mich die blauen Schatten unter den Wimpern ver­raten, vergeht mir wie ein Traum, doch um Mitternacht beginnen meine Augen, die sich schließen sollen, zu schmerzen. Ich presse sie zusammen, ohne daß ihr Brennen gelindert würde. Sogleich bemächtigt sich aller meiner Glieder das kindliche Verlangen nach Schlaf. Ich zögere, mich ihm hinzugeben, da mich die erste dieser Nächte gelehrt hat, daß der Halbschlaf schädlicher als das Wachen sei. Zudem stört mich immerfort ein Weinen hinter der Wand, die mich mit einmal die Mauer eines Kerkers dünkt, bis ich, gequält von Unwohlsein, selber zu weinen beginne, ohne mich dieser Tränen auch nur im geringsten zu schämen. Jetzt wandere ich hin und her, suche den Spiegel zur Gesellschaft, der mich blöde vor Schläfrigkeit anglotzt. Natürlich werde ich von Erinnerungen belästigt. Sie verschmelzen zu einer mahnenden Stimme, die mich wegen meines Lebenswandels verwarnt. Ich lache in Tränen, ver­lache die innere Stimme, die mir mein unseliges Ende vorauszu­sagen nicht müde wird.

Aber mir kann sicherlich geholfen werden. In der Tat, dazu wäre nur ein Schlafpulver nötig. Lange, ehe der Arzt es mir ver­ordnet hat, bin ich selbst auf diesen Ausweg verfallen, verschmähte ihn aber sogleich, denn ich füge mich gerne in das Vermeidliche; beginne also an dieser Schlaflosigkeit Gefallen zu finden. Es ist belustigend, vor Sonnenaufgang die Zeitungsjungen auf der Straße beschäftigt zu sehen, sie, die nicht daran denken, daß jemand ge­wacht haben mag, während sie schliefen. Ich bin immerfort auf dem Posten. Auch meine Laune, die bisher nicht die beste ge­wesen ist, ändert sich. Ich bin in leidlicher Stimmung, selbst fröhlich und aufgeweckt. Mit Aufmerksamkeit beobachte ich alle Vorgänge um mich her und freue mich, weil ich eine Rolle dabei spiele. Sie erwecken ein Interesse in mir, das nicht etwa mit dem Eintritte der Dunkelheit erlischt. Die Müdigkeit kann dagegen nicht aufkommen, ja, sie flieht mich sogar, weil ich den Spieß umgedreht habe. Selbst die Schatten unter meinen Augen, die als das Zeichen des Verfalls im Sonnenlicht hervorzutreten gewohnt sind, sind verblichen. Dies bemerkte ich gestern, als ich in den Spiegel sah und mir selber zunickte, denn ich war mit meinem Aussehen zufrieden. Hatten mich doch sogar jene lästigen Schmerzen in den Schläfen verlassen. Nein, ich habe keine Lust, zu Bette zu gehen. Allerdings bin ich jetzt einsam und der Tag scheint mir kurzweiliger zu sein. Aber das, was mir bleibt, und sei es auch nur jenes Weinen hinter der Wand, genügt mir immerhin. Es darf mir nicht verstummen, denn es klingt, als werde gleich mir ein Kind von Schlaflosigkeit heimgesucht. Und selbst das Knarren der Diele unter meinen Schritten erfüllt mich mit Vertrauen und Klarheit Kein Wunder, daß mein Gedächtnis an Sicherheit gewonnen hat. Wird nicht Vergeßlichkeit durch leichtsinnige Träume gefördert? Ich lasse mich nicht hinters Licht führen, von der Ohnmacht, die man Schlaf nennt, nicht mehr bezwingen. Wie jene, die jetzt von ihrer Arbeit ausruhen, um die ich mich nicht bekümmere, in deren Dienste ich nicht Wache halte. Aber sicherlich bin ich meines eigenen Pulsschlages gewärtig. Ich bin von Gestern durch keinen Abgrund des Schwindels und der Verzerrung getrennt, sondern weiß, wie alles zuging, und jede flüchtige Begebenheit macht mir nun, da der Morgen nicht mehr fern ist, immer noch zu schaffen. Die Müdigkeit, die stets unschlüssiger wiederkehrt, scheint besiegt zu sein, es ist eine Lust, zu leben. Freilich erlebte ich während dieses einzigen Tages, der bisher vier Tage und Nächte umfaßt, auch Unannehmlichkeiten aller Art. Sie machen mich nachdenklich, während jene, die sie mir bereitet haben, ihr Tagewerk viermal mit einer frischen Hoffnung beginnen durften. Doch ich bins zufrieden, freue mich der Wirklichkeit. Hier bin ich meiner Sache sicher, fühle mich geborgen, muß jetzt aber dennoch an die Feindseligkeit denken, die mich umgibt. Die andern liegen hilflos da, atmen unruhig, sind vom schlechten Gewissen, das sie im Schlafe nicht verscheuchen können, geängstigt. Ich aber bin von unerbittlichem Vertrauen erfüllt. Ich muß mich vorsorglicher einrichten, meine Überlegenheit ausnützen; immerhin wurde mir doch ein weiterer Überblick zuteil. Wahrhaftig, ich sehe jetzt die Hindernisse besser, über die ich stolpern mußte, bin noch ganz und gar in Ge­danken mit dem Ärgerlichen beschäftigt, das mir begegnet ist. Ich habe auch allen Grund, über schlechte Gesinnung zu klagen, mit der es jetzt abzurechnen gilt. Ich bin nicht etwa ganz von Freunden verlassen, entsinne mich aber im Augenblicke keines einzigen, den ich nicht vom Herzen verabscheue; das nämlich ist der Angriff, die beste Verteidigung! Doch ich will mich mit jeder Kleinigkeit abfinden – da keine meiner Erinnerung verloren gegangen ist – ehe noch die Schmerzen in meinen Schläfen wiederkehren.

Gestern begegnete ich meinem Freunde B. Niemand vermag sich vorzustellen, wie widerwärtig mir B. ist. Es ist übrigens falsch, ihn meinen Freund zu nennen, wenn wir einander auch einmal ganz freundschaftlich die Hände zu schütteln pflegten. Er kann mich zweifellos nicht ausstehen, was, wie gesagt, auf Gegenseitigkeit beruht. Ich war gerade besonders friedlich gestimmt und mit allerlei Gedanken beschäftigt; hatte bereits eine Ewigkeit durchlebt – ohne Schlaf – also Grund genug, heiter zu sein und mit meinem Schicksale nicht zu hadern. Gestern – nein, keine dumme Be­wußtlosigkeit hat mir diese flüchtige, lächerliche, unangenehme Begegnung verwischt, sagen wir darum, daß sich alles vor einer Viertelstunde abgespielt hat. Ich schlage die Augen auf, erkenne die Gestalt dieses Menschen, die sich mir nähert. Natürlich war ich gerade in jenem Augenblicke weit davon entfernt, an ihn zu denken, muß mich aber jetzt wohl oder übel dazu verstehen, ihn zu betrachten. Er hat eine ungeschlachte, klobige Figur und über­ragt mich um Kopfeslänge. Die gelben Haare kleben wie Wachs an seinem Schädel, doch sein dummes Gesicht, das unweigerlich einen hochmütigen Ausdruck annimmt, wenn es meinen Blick auf sich gerichtet fühlt, empört mich geradezu. Ich muß wenigstens feststellen, daß die Form seiner Füße jeder Beschreibung spottet, nicht minder als sein Gang, dessen übertriebene Festig­keit meinen Ekel erregt. Aber er steht jetzt still, wie es scheint, sodaß ich mit Muße über ihn nachzudenken vermag. Nein, wir wechseln keine Worte miteinander, das ist vorbei, dazu kann es nicht mehr kommen! Scheinbar erstaunt begegnet mir sein Auge und kann blinzelnd dennoch jene Hinterlist nicht verbergen, die wieder lästige Erinnerungen in mir wachruft. Ohne Zweifel wird sich sein Gesicht zu einem gemeinen Grinsen ver­ziehen, wenn ich wegsehe, ich will ihm aber vorläufig diesen Gefallen nicht tun. Das Unglück liegt darin, daß er einige meiner Gedanken kennt, sich also durchaus einiger Gewalt über mich rühmen kann. Die Vorstellung, daß er sich stumm mit mir be­schäftigt, ist mir unerträglich; und sicherlich ist es noch immer der Fall, denn fort und fort sagt man mir wieder, was er über mich gesagt hat. Selbstverständlich kann mir nichts gleichgiltiger sein, aber sein Anblick macht es mir zum Überdrusse wieder lebendig. Kein Wunder, daß ich ein wenig meine Überlegenheit vergesse, erbittert seine rohen Hände mustere, die weder zum Spiele noch zur Arbeit tauglich sind; ja es entgeht mir nicht, daß seine Krawatte schief sitzt, und ich unterlasse es nicht, mich darüber zu freuen, da er in den Augen der Vorübergehenden zum Gespötte werden wird.

Ich gehe über einen kleinen Marktplatz, den ich unlängst entdeckt hatte, bewege mich in diesem Gewimmel von Käufern und Verkäufern nicht gerade mit Sicherheit. Fortwährend stolpert man über leere Körbe. Ich staune über die Gier, mit der sich einige Kinder über eben erstandene schmierige Kuchen hermachen. Vor einem Stand steht eine vierzigjährige Frau, die Honig feilhält. Sie hat sich ihre Jugend bewahrt, ist von gerader Haltung, schlank und groß. Sie schreit auch nicht wie die anderen, fordert mich nur durch einen Blick zum Nähertreten auf. Ihre Züge scheinen mir edel zu sein, da rempelt mich jemand an, ich komme fast zu Falle, sie lacht, dieses Lachen ist häßlich. Überdies bemerke ich jetzt eine Warze an ihrem feinen Halse, die sie ganz entstellt. Weiter, ich stoße auf ein gleichgiltiges Gesicht, sehe aber daran vorbei. Sofort schiebt es sich in meine Nähe, und ein Schwall von Worten dringt auf mich ein. Mein bester Freund spricht zu mir. Allmählich erfasse ich den Sinn seiner Rede und kann nicht umhin, Antwort zu erteilen, wie es sich gebührt. Ich lenke das Gespräch auf B. und mache aus meiner Geringschätzung für ihn kein Hehl. Sogleich beeilt er sich, zu versichern, daß er für B. die größte Hochachtung empfinde und keinen treuherzigeren Kameraden kenne als gerade ihn. Das hindert mich nicht, B. einen Lumpen zu heißen; der Freund aber rügt meine Vorein­genommenheit. Dabei klopft er mir auf die Schulter, als wollte er sagen: Wir Menschen sind alle nicht fehlerfrei, haben einander nichts vorzuwerfen.

Dies hat sich vor wenigen Minuten zugetragen. Die Frau, die Honig verkauft hat, macht mir noch zu schaffen. Ihr Lachen über meine Ungeschicklichkeit gefiel mir nicht und verriet zudem sie selbst, da es schiefe, gelbe Zähne entblößte. Doch ich will nicht mehr darüber nachdenken. Der Schlaf scheint der Stärkere zu sein, ich muß mich besiegt geben, tue es jetzt gern, weiß der Teufel warum. So wie ich da sitze, nicke ich ein, mein Traum aber führt mich nicht weit weg, sondern ich gehe immer noch in diesem Zimmer umher, das sich nicht im mindesten verändert hat. Aber mein Gedächtnis hat gelitten, denn mich dünkt, als hätte ich hier eine angenehme Zeit verbracht. Ich hebe eine Kerze vom Tisch, stelle sie wieder hin, blicke mich um, ohne jemanden zu sehen.



Liebesgeschichte

Ich mußte vierzehn Tage lang das Bett hüten und faßte in dieser Zeit den Entschluß, mein allnächtliches Café fortan zu meiden. Dieses Lokal, das nicht etwa leer, sondern recht gut besucht war, langweilte mich über die Maßen. Trotzdem war ich, wie gesagt, in jeder Nacht dort anzutreffen. Auch in der Nacht meiner Genesung. Ich saß wieder auf demselben Fleck; das wunderte mich nicht, denn ich hatte überhaupt allen Grund, mit mir unzufrieden zu sein. Ich war also abermals allerlei widerwärtigen Stimmen ausgeliefert. Nicht nur, daß ich gezwungen war, meine Zeit in ganz lächerlicher Weise zu verschwenden, auch der Anblick der häßlichen Gesichter so vieler hoffnungsvoller junger Menschen war meiner Gesundheit nicht dienlich. Zudem streiften mich die Blicke meiner Nachbarschaft mit demselben Ausdrucke von Dummheit und Haß, der es mir verbot, ihnen auch nur mit freundschaftlicher Gelassenheit zu begegnen. Aber ich hatte doch wenigstens das Gefühl, in vertrauten Verhältnissen zu sein. Nur die eine oder andere Veränderung war eingetreten. Ein neuer Kellner, dem man Respekt beibringen muß. Auch Gäste sind da, die ich nicht kenne.

Nicht weit von mir sitzt ein mir unbekanntes Mädchen, das sich gebärdet, als kenne es mich. Das Fräulein nickt mir zu, was die Aufmerksamkeit so mancher meiner Bekannten erregt. Ich verneige mich lächelnd, wie es sich gebührt, aber der Gruß galt gar nicht mir. Ich habe mir also eine unerwünschte Blöße gegeben, kein Wunder, daß ich ein fernes Gelächter auf mich selbst beziehe. Der Irrtum war übrigens nicht der Rede wert, und ich gebe mich geradezu der Hoffnung hin, daß er unbemerkt geblieben ist. Ich blicke also unbekümmert nach dem Fräulein hinüber; ganz hübsch, denke ich mir, wiewohl ich ihr Gesicht nicht deutlich sehe. Ich habe begreiflicherweise ein Interesse daran, daß sie sich nicht einfach zur Partei meiner Gegner schlägt. Nichts leichter als das; übrigens wurde meine Abwesenheit ohne Zweifel zu besonders übler Nachrede benutzt. Sie wendet den Kopf und ich bin enttäuscht: ein gleichgiltiges Gesicht, wenn ich auch nicht leugnen kann, daß mir ihre geheimnisvollen Augen recht gut gefallen. Auch ihr Haar ist hübsch, aber es verlohnt sich nicht der Mühe, länger hinzusehen. Nun verabscheue ich zwar mein Café, will aber wenigstens die Rechte des Stammgastes gewahrt wissen. Gleichwohl muß ich sie mit unzähligen Besuchern teilen, denen dies Lokal, wie es scheint, eine angenehme Abwechslung bedeutet. Es fehlt mir infolgedessen nicht an Gelegenheit, meiner Langeweile neue Nahrung zuzuführen. Bald wird die Unbekannte für immer verschwunden sein; denn sie ist aller Wahrscheinlichkeit nach zum ersten Male hier, ahnt auch nichts von den Gepflogenheiten, die hier gelten. Doch ich will mir darüber Gewißheit verschaffen. Da rückt sie sich zurecht, ein Kellner bringt ihr Schreibzeug, und sie beginnt ihre Korrespondenz zu erledigen. Also ein Stammgast. Das hätte ich schon aus der nachlässigen Art schließen sollen, mit der sie bedient wird. Den einmaligen Besuchern kommt man hier mit großer Zuvorkommenheit entgegen. Sie aber hat sich schon völlig eingebürgert.

Doch was kümmert mich dieses Fräulein? Sie ist nicht mein ›Typ‹ und scheint mir auch sonst keiner besonderen Beachtung wert zu sein. Andern Tags ist sie freilich wieder da, wird sogar von meinen Gegnern wie von allen Freunden begrüßt. Das gilt mir gleich; aber ich muß der Situation immerhin meine Aufmerksamkeit zuwenden. Mein Blick fällt auf die Unbekannte. Ihr Gesicht, das nicht nach mir hinsieht, ist sehr hübsch. Auf meinen früheren Eindruck kann ich mich mit bestem Willen nicht mehr besinnen, kein Zweifel, daß gestern irgend ein Schatten sie entstellt hat. Sie blickt ruhig vor sich hin, ohne die Lippen zu bewegen, und ich frage einen Kellner:

›Wer ist die junge Dame mit dem großen schwarzen Hut?‹

›Die Schauspielerin Eva H.‹ Ein unbekannter Name, doch er gefällt mir. Wahrscheinlich eine Anfängerin, denn sie ist sehr jung, und noch stellenlos, da sie auch während der Theaterstunden das Café nicht verläßt. Ich überlege, ob ich mich ihr vorstellen lassen soll; es würde mich wohl nur geringe Mühe kosten. Aber ich bin nicht unternehmungslustig, gehe auch früher als sonst nach Hause.

Jetzt suche ich mein Café allabendlich schon zur Zeit der Dämmerung auf, voller Ungeduld, wenigstens das Ziel der Langeweile zu erreichen. Da gibt es wenige Gäste, nicht einmal alle Lampen sind angezündet. Ich wähle einen großen runden Tisch, um mich dahinter zu verschanzen. Es verleiht mir ein Gefühl der Beruhigung, ganz allein über einen Tisch zu verfügen, wenngleich noch niemandes Nachbarschaft mir lästig fallen könnte. Die Zeitung jedoch, die ich durchblättere, unterhält mich nicht und erweckt beinahe das Verlangen nach Geselligkeit in mir. Uebrigens erfreue ich mich meiner Geborgenheit nicht mehr lange. Die ersten Stammgäste gehen an mir vorüber, schauen mir feindselig ins Gesicht, einige grüßen sogar, ohne sich jedoch in ihrer Gesinnung von den anderen irgendwie zu unterscheiden. Mein Tisch wird streng gemieden; aber bald ist es eine Insel in dem Raum, den ich durchaus zu überblicken vermag und der sich rasch mit Besuchern füllt. Jetzt kommt die Schar jener flüchtigen Gäste, Familien, die hier nichts zu suchen haben, doch immerhin das Café auf ein Stündchen mit ihrer Anwesenheit beehren. Man lagert sich rechts und links an meine Seite, und wie durch Hexerei bin ich plötzlich nur das geduldete, ja unwillkommene Mitglied einer mir gleichgiltigen Gesellschaft. Man macht allerdings vergebliche Versuche, mich in ein Gespräch zu ziehen. Ich lasse mich nicht verwirren, sehe niemanden an und behalte den Eingang im Auge. Eine mittelgroße, schlanke Gestalt kommt herein, Eva H., mit Federboa und schwarzem Hut. Wie seltsam, daß ich ihren Namen weiß! Meinen hat man ihr wohl desgleichen hinterrücks genannt, denn man pflegt sich hier über alles Wissenswerte gegenseitig aufzuklären. Ich könnte wetten, daß man es dabei nicht verabsäumt hat, mich, den hoffärtigen Menschen, ins rechte Licht zu rücken. Sie geht langsam und unsicher zwischen den Stuhlreihen hindurch, sucht wahrscheinlich irgendwen. Hoffentlich läßt sie ihre Kurzsichtigkeit die Köpfe nicht bemerken, die sich nach ihr umdrehen; es fröstelt mich, wenn ein Kellner an sie streift. Ich muß gestehen, daß ich vor einigen Tagen ohne Grund manches an ihr auszusetzen hatte. Ihr Gang, zum Beispiel, gefiel mir nicht, doch ich war in einer Täuschung befangen.

Jetzt sollte ich mich allen Ernstes über das Gedränge, das einem hier sonst den Aufenthalt verleidet, freuen. Man schreit, gestikuliert; und unter dem Nicken der Frauenhüte darf ich meine Beobachtungen anstellen, solange es mir irgend beliebt. Fräulein Eva ahnt gewiß nichts davon, daß ich sie über einige Tische hinweg anstarre. Ich halte mich übrigens für den Fall, daß sie hersehe, bereit, meinem Blick rasch eine andere Richtung zu geben, doch damit hat's keine Not. Sie kümmert sich weder um mich, noch, wie mir scheinen will, um ihre zahllosen, aber flüchtigen Bekannten, die sie eilfertig begrüßen. Daß ich hier nichts Besseres zu tun finde, als mich mit ihr zu befassen, ist nicht weiter verwunderlich. Sie ist nämlich unter den vielen die einzige, die weder geschmacklos gekleidet ist, noch lärmt oder sich aufdringlich benimmt. Sie liest Zeitungen oder spricht mit einem alten Herrn, der ihr Gesellschaft leistet. Dieser Herr macht einen guten Eindruck auf mich. Er hat schöne lange graue Haare, sieht vornehm und freundlich aus. Ab und zu unterhält sie sich auch mit einem jungen Menschen, der eine Brille trägt und dessen Manieren sich mir vorteilhaft von den hier üblichen abzuheben scheinen.

Ein vernünftig aussehender, eleganter Herr, der nichtsdestoweniger den Anschein der Biederkeit erweckt, kommt gerade hinzu, und sie besprechen wohl etwas vertraulich miteinander. Ich rufe den Kellner, der damit Bescheid weiß, drücke ihm ein Trinkgeld in die Hand und beginne ihn über den Gegenstand meiner Beobachtung leise auszufragen. Weiß Gott warum, denn ich horche gar nicht auf das, was er mir sagt. Ich überlege, ob es nicht angezeigt sei, hinzugehen und sie um eine der Zeitungen zu bitten. Doch ich würde mich dabei jedenfalls recht ungeschickt benehmen, zumal da ich seit langem des Umgangs mit Menschen entwöhnt bin. Auch mein ewiges Fixieren mag ihr schon aufgefallen sein. Der Hut verdeckt jetzt ihr Gesicht ganz und gar. Ich bleibe in unbeschreiblicher Erwartung, bis sie sich zurücklehnt, dann ein wenig vornüberneigt, um eine Tasse an den Mund zu führen. Diese einfache Bewegung bringt plötzlich eine Veränderung in mir hervor. Ein starkes Gefühl der Glückseligkeit durchrieselt mich; ich behalte nur soweit meinen klaren Verstand, um darüber erstaunt zu sein. Auch muß ich unwillkürlich lächeln, weil ich mich vorhin vor meiner eigenen Ungeschicklichkeit gefürchtet hatte. In Wahrheit und zu meiner Befriedigung bin ich von allem erdenklichen Wagemut erfüllt. Für den Bruchteil einer Sekunde schweifen meine Gedanken weit ab, kehren aber ohne Zögern zu ihrem Ausgangspunkte zurück. Doch nun ist Fräulein Eva überhaupt verschwunden, denn irgend eine Tafelrunde hat sich zwischen uns gedrängt. Wahrscheinlich ist die Zahl der Gäste aufs höchste gestiegen; kein Plätzchen mehr frei, man ist gut gelaunt und in eifriger Unterhaltung begriffen. Ich betrachte meine Nachbarn, die indessen, wer weiß wie oft, mit ihresgleichen gewechselt haben. Sie scheinen in der Tat über eine unerschöpfliche Reserve zu verfügen. Ihre Züge sind von fröhlicher Erregtheit unangenehm verzerrt, entschwinden mir aber sogleich, wenn ich die Augen schließe. An wen erinnert mich dieses Mädchen? Ich sinne nach, um mir darüber klar zu werden. Doch wenn ich im Augenblick auch nicht folgerichtig zu denken vermag (schon der Lärm verhindert mich daran), empfinde ich doch so etwas wie Freude, wie ein Aufschub den Verurteilten erfreut, der seinen Henker noch nicht kennt. Sie ist nicht zu erblicken und auf einmal erfaßt mich das leidenschaftliche Verlangen sie zu sehen. Es herrscht allerdings ein solches Gedränge, daß mir die Lust vergeht, mich auch nur von meinem Platze zu erheben. Das Fieber steigt mir zu Kopf, denn meine Krankheit ist noch nicht ganz überstanden. Ich lasse mich hinreißen, stampfe mit dem Fuße auf, obgleich der Arzt mir jede Aufregung verboten hat. Und mir ist wahrhaftig nicht wohl zumute; das Stimmengewirr dringt jetzt gedämpft, aber wenig beruhigend auf mich ein. Da wende ich mich zur Seite und erblicke in einem Pfeilerspiegel, der die Aufgabe hat, die grellen elektrischen Lampen zu verdoppeln, ihr ruhiges, bleiches Gesicht, das hier von irgendwoher zurückgeworfen wird. Das ist Rettung in der Not: ich darf also in heftiger Ergriffenheit dieses mir abgekehrte vornehme Mädchen betrachten. Vor allem erkenne ich auch ihren kindlich verträumten Ausdruck, als sei sie gleich mir bemüht, eine entgleitende Erinnerung festzuhalten. Niemand weiß, daß meine zusammengekrampften Lippen sich unsichtbar lösen und der Schmerz in meinen Schläfen erträglich zu werden beginnt; denn ich fiebere noch immer, bin aber von Dankbarkeit erfüllt. Sie selbst ist nirgends zu sehen.

Nun sitze ich vielleicht stundenlang in schwächlicher Laune da, woran wahrscheinlich mein Unwohlsein die Schuld trägt. Indessen ist es spät geworden, so daß nur drei oder vier kleine verstreute Gruppen zurückgeblieben sind. Auch Eva H. ist noch da. Sie fühlt, während sie an mir vorbeigeht, meinen Blick auf sich ruhen: es fällt mir ein, daß ein einsamer Gast wie ich in einem gewissen Grade die Aufmerksamkeit auf sich ziehen muß. Ich bin also fast allein mit ihr zusammen und werde sogleich ihre Stimme hören, die ich noch nicht kenne. Sie tritt zu Bekannten hin, in meine Nähe, ein Gefühl des Zweifels und der Angst erfaßt mich. Sie sagt:

›Ist der Herr Doktor hier? Ich habe heute lange auf Sie gewartet, gnädige Frau!‹ Aber ihre Stimme klingt mir vertraut und schön, wie ich es nicht anders hätte erwarten sollen!

Andern Tags unternehme ich einen ganz planlosen Spaziergang, bevor ich mit Herzklopfen das Café betrete, denn mein Entschluß ist gefaßt. Ohne nach rechts oder links zu sehen, begebe ich mich also geradewegs zu einem unserer gemeinsamen ›Freunde‹.

›Willst du die Güte haben, mich mit Fräulein Eva H. bekannt zu machen?‹

›Ach, mit dieser kleinen Schauspielerin? Gewiß, setz dich nur zu uns, wir wollen warten, bis sie kommt.‹

Ich aber fühle mit Bestimmtheit ihre Nähe, keine halbe Minute vergeht, da wird sie sichtbar. Man winkt ihr zu, sie kommt lächelnd an unseren Tisch. Ich berühre zum ersten Male ihre Hand, wundere mich jedoch über mich selbst. Dieser Augenblick hatte in meiner Einbildungskraft eine große Rolle gespielt, aber das Fräulein ist der Situation gewachsen, und auch meine Befangenheit verfliegt. Ich suche nach Anknüpfungspunkten, wir alle plaudern in der gewöhnlichen Weise. Eva H. widmet ihre Aufmerksamkeit einem Kritiker, der ein Maulwurfsgesicht hat, und sagt, indem sie mit heiterem Lachen die Hand auf seine Schulter legt:

›Sie werden doch morgen im X-Theater sein, wenn ich das Röschen spiele?‹

Das X-Theater ist eine Vorstadtbühne letzten Ranges. Und schon flüstert mir der Freund, der mich vorgestellt hat, heimlich zu:

›Sie hat ganz und gar kein Talent!‹

Eva H. scheint diese Ansicht nicht zu teilen, und ich bin vorläufig geneigt, ihr zu vertrauen. Sie ist mit Recht auf Protektion bedacht, um die Mißgunst zu bekämpfen, die sie wahrscheinlich nicht minder bedrückt als mich. Sie hat nichts als ihre Laufbahn im Sinn, läßt sich Papier und Tinte geben, um in unserer Gegenwart an Direktoren und Schauspieler irgend ein Anliegen zu richten. Ihr Gespräch dreht sich stets um diesen einen Punkt. Und plötzlich erzählt sie mir mit leiser Stimme die Geschichte ihres letzten Engagements, ohne sich um die andern zu kümmern. Ich betrachte sie, unterscheide kaum die einzelnen Sätze, die sie spricht. Ihre Verhältnisse sind mir nicht klar; wie mag sie nur zu all diesen Bekanntschaften gekommen sein ? Wir werden unterbrochen, der Herr mit den schönen grauen Haaren hat sich an unserem Tische niedergelassen. Der alte Professor drückt kräftig meine Hand, bleibt aber nahezu stumm. Seine Augen sind klein, in eigentümlicher Weise verklebt; niemand schenkt ihm Beachtung. Ich habe ferner das Vergnügen, Evas intimen Freund kennen zu lernen, einen wohlerzogenen Herrn N., der eine goldene Brille trägt. Er reißt das Wort an sich und verteidigt in phrasenreicher Rede seinen Standpunkt in einer mir gleichgiltigen Angelegenheit.

Ich begreife, daß ich Opfer bringen muß, um mit Eva beisammensein zu dürfen, nehme daher manchen Händedruck hin, mit der Verpflichtung, ihn des öfteren zu wiederholen. Doch ich bin wenigstens für kurze Zeit imstande, allen Schwierigkeiten wie ein Traumwandler zu begegnen. Und das, obgleich mich der Kopf schmerzt, da ein gelindes Fieber nicht von mir weichen will. Ich bedauere, daß die Theaterkritik nicht zu meinen Gewohnheiten gehört. Vielleicht wird sich dies ändern lassen. Jedenfalls bringe ich sie heute nach Hause, da der elegante Herr, mit dem ich sie gestern habe vertraulich sprechen sehen, ihr seine Begleitung nur bis zur nächsten Straßenecke angeboten hat. Auf diesem kurzen Wege hängt er sich ungeniert in ihren Arm, macht schlüpfrige Witze, spielt den Trunkenbold und kneift sie in die Wange. Sie ist voller Nachsicht, ich darf also dagegen nicht einschreiten. Nach einem kameradschaftlichen Abschied gehen wir allein auf der dunklen Straße weiter:

›Warum lassen Sie sich das gefallen, Fräulein H.?‹

›Ach, wir sind gute Freunde, ich verzeihe ihm das. Er war übrigens ein wenig angeheitert, merkten Sie es nicht?‹ Ich schweige. Es beginnt zu regnen und ich bemühe mich, mit meinem Schirm nicht an ihren großen Hut zu stoßen. Der Lichtkreis einer Laterne zeigt mir sekundenlang ihr Profil und einen mir unbekannten Zug darin. Vielleicht stammt sie aus niedriger Familie. Dann sage ich:

›Sie sollten oft mit mir beisammen sein, und zwar mit mir allein. Ich mag die vielen Leute nicht, wenn ich aufrichtig sein soll. Aber Ihre Gesellschaft würde mir Freude machen, meine Arbeit fördern.‹

›Ja, ich hoffe, Sie bald wiederzusehen! Sind Sie nicht jeden Abend im Café?‹

›Das wohl; aber ich wäre sehr froh, wenn wir uns anderswo treffen könnten!‹

Darauf komme ich noch mehrmals zurück. Es wird aber ausweichend geantwortet und unser Gespräch verstummt. Doch bald ist von der morgigen Aufführung die Rede, und das Versprechen wird mir abgenommen, pünktlich zur Stelle zu sein.

Das X-Theater ist in der Vorstadt gelegen, ich bin aber trotz meinem Unwohlsein pünktlich zur Stelle. Das Spiel hat noch nicht begonnen, ich gehe in die Garderobe, um Eva H. meine Aufwartung zu machen. Die Garderobe ist schmutzig, überdies lehnen schadhafte Kulissen an jeder Wand. Eva macht mich mit ihrer Kollegin, dem Fräulein Finny Meier bekannt. Beide tragen die gleichen Kleider, ähneln einander fast wie Schwestern. Fräulein Meier ist zwar kürzer und dicker, aber die Gesichter dieser Schauspielerinnen sind stark überschminkt, ihre Augen von Kohlenstreifen umschattet. Der Direktor, ein großer Mann mit Künstlerlocken, eilt fluchend hin und her, der Vorhang wird gleich in die Höhe gehen. Ich begebe mich in den Saal, der sich allmählich füllt. Proletarische Gestalten in reinen, aber schlechtsitzenden Anzügen, Frauen im Sonntagsstaat um mich herum. Wenig angenehme, viel ordinäre Mienen, Reden, Bewegungen. Das Spiel beginnt. Eva H. verkörpert die Hauptrolle in dem Drama ›Das Röschen von Bernau‹. Ich beobachte sie aufmerksam; sie hat in der Tat wenig Talent, deklamiert unnatürlich, bewegt sich hölzern, macht sogar auf meine Umgebung nur geringen Eindruck. Am Ende des zweiten Aktes übertreibt sie einen Verzweiflungsschrei allzusehr und erzielt Heiterkeit, statt Rührung hervorzurufen. Ich warte die Pause nicht ab, sondern laufe in die Garderobe, um sie zu trösten. Aber sie ist nicht da, nur das Fräulein Meier ist gerade unbeschäftigt. Sie spricht davon, daß ihre Freundin heute nicht disponiert sei, dabei drängt sie sich an mich, weil sie mich für einen Kritiker hält. Ich kann Eva nur ganz flüchtig sehen und darf sie nach der Vorstellung nicht abholen, denn der Direktor hat sie um eine Unterredung ersucht.

Das Theater diente also nur wenig zu meiner Unterhaltung, zudem muß ich bei schlechtem Wetter allein nach Hause gehen. In meinem Zimmer machen sich die Folgen des Spazierganges auch sogleich bemerkbar. Das Fieber verstärkt sich, so daß ich heute verzichten muß, mein Stammlokal aufzusuchen. Unschlüssig besehe ich mir bei Kerzenlicht mein Bett und die Stühle und bleibe in der Stimmung eines Menschen stehen, der zu nichts auch nur die geringste Lust verspürt. Alle Verdrießlichkeiten fallen mir ein, auch jeder Händedruck von gestern und heute, der mir unwillkommen war. Eva H., die ich erst vor kurzem verlassen mußte, kommt mir wieder in den Sinn. Das erweckt Sehnsucht in mir, doch zugleich die Vorstellung des alten Professors mit den verklebten Augen und Triefsäcken, den sie Onkelchen nannte. Etwas schnürt mir die Kehle zusammen. Aber ich denke auch daran, wie der Pfeilerspiegel im Café sie mir damals gezeigt hat.

Nein, nein, ich lasse mich nicht betrügen! Der Spiegel hat die Wahrheit gesagt, wie könnte es anders sein? Und morgen will ich, mit einem Blumenstrauße bewaffnet, ein zweites Mal mit ihr um meine Seligkeit kämpfen.



Im Schoße der Familie

Der kleine Franz setzt sich in gedrückter Stimmung zu Tisch. Daran ist nicht die schlechte Note schuld, die er heute in der Schule erhalten hat, denn er ist entschlossen, sie für diesmal zu verheimlichen. Aber er kann trotz seiner dreizehn Jahre sehr wohl in den Gesichtern der Anwesenden lesen. Wenn sie auch scheinbar nur die Unfreundlichkeit zur Schau tragen, die ihm vertraut ist, so errät er doch, daß etwas Besonderes gegen ihn im Spiele sei.

Darüber macht er sich aber vorläufig keine Gedanken. Er ist hungrig und hat alle Ursache, aufgebracht zu sein, da es Erbsensuppe gibt, die er nicht leiden mag. In gewissen Dingen wird aber streng auf seine Erziehung geachtet; er bekommt also einen Teller voll Erbsensuppe. Die alte Frau, die sie ihm reicht, seine Stiefgroßmutter, hat ein eingefallenes Gesicht, etwas hervorstehende Augen und schmale welke Lippen. Sie ist adlig von Geburt, die Tochter eines Barons, den die Armut gezwungen hatte, einen Bürgerlichen zum Schwiegersohn zu wählen. Jedenfalls besitzt sie gute Umgangsformen. Ihr Mann aber war später gleichfalls verarmt. Der Großvater nimmt jetzt schüchtern an der Mahlzeit teil und führt mit seiner Frau eine trockene Unterhaltung. Auch Franzens Tante Luise ist zugegen, zum Leidwesen ihrer Eltern, die sie zu verheiraten wünschen. Ein etwa zwanzigjähriges, sehr dummes und häßliches Mädchen; nur die blonden Haare sind hübsch, dennoch weiß sie auf die Männer ihren Einfluß auszuüben.

Bei Tisch kümmert sich niemand um das Kind. Es stellt selbst die eine oder andere Frage, das geschieht aber gleichfalls in unfreundlicher Absicht. Die Suppe läßt es stehen, was mit Stillschweigen übergangen wird, dafür aber wird ihm die süße Speise entzogen. Doch plötzlich wendet ihm der Großvater seinen weißen buschigen Schnurrbart zu und fragt streng:

»Was gabs in der Schule? Prüfung, was?«

»Nein«, lügt Franz mit klarer Stirn.

Damit ist die Sache abgetan. Nachmittags ergibt sich für ihn die Gelegenheit, in die Küche zu schleichen und ein großes Stück der süßen Speise trotzalledem in seine Gewalt zu bekommen. Die Bosheit erwacht in ihm, während er sie ißt, so daß er eine Überraschung im Augenblick fast herbeisehnt. Da aber niemand kommt, nimmt er sich vor, später jede Schuld in Abrede zu stellen. Prügel hat er nur im äußersten Falle zu gewärtigen, da es sich um eine gesittete Familie handelt. Übrigens weiß er wohl, daß irgendwelche mächtigen Verwandten, die hier die Pension für ihn bezahlen, auch ein Wörtchen mitzureden haben.

Die Verwandten kennt er allerdings nur flüchtig und ist auf gut Glück diesen Großeltern ausgeliefert. Er hatte seit jeher wenig Sympathie für sie, war aber bereit, sich ihnen wie allen Menschen gegenüber anständig zu verhalten. Da er jedoch ihrer Feindseligkeit begegnet, hat er keinen Grund, tugendhaft zu sein. Zudem wird es deutlich genug zum Ausdruck gebracht, daß man ihn für einen besonders ungezogenen Jungen ansieht. Auch pflegen die Großeltern seine Streiche überall auszuposaunen, daher hatte er ohne weiteres den Ruf eines Bösewichts erlangt. Er hält sich nun selbst für schlecht, nimmt es sich aber nicht zu Herzen, hat übrigens auch von seinen Gegnern nicht die beste Meinung. Da man ihm Mißtrauen zeigt, lügt er aus Notwehr; es gilt für ihn, auf jedes Wort, jede Geste der Erwachsenen zu achten, sich selbst keine Blöße zu geben und das, was Strafe verdient hat, zu verheimlichen. Gegen Verleumdungen jedoch vermag er sich nicht zu schützen. Er wird als miserabler Schüler hingestellt, obgleich er beinahe zu den guten zu rechnen ist. Franz hat seinerseits im Hause an manchem etwas auszusetzen, darf aber seine Meinung nicht frei heraussagen. Hier herrscht Unreinlichkeit, was ihn mit Ekel erfüllt, da er von Natur peinlich sauber ist. Es widerstrebt ihn, von schmutzigen Tellern zu essen; man zwingt ihn sogar aus Gläsern zu trinken, die kurz vorher ein anderer benutzt hat. Jeder Winkel in den alten Zimmern ist stauberfüllt, der Abtritt eine Hölle. Dabei sorgt man nicht ordentlich für seine Wäsche, so daß er sich langsam an die Umgebung gewöhnt. Der Knabe wird selbst liederlich, da er fühlt, daß sein Widerstand vergeblich ist. Nun zeigt man mit Fingern auf ihn, nennt ihn »ein Ferkel«. Franz kann jedoch den Zusammenhang nicht durchschauen, er schämt sich sogar zuweilen seiner schmutzigen Hände.

Nun lernt er aus einem großen Geographiebuche, vergißt aber dabei keinen Augenblick, daß er sich in Feindesland befindet. Er hat kein Kinderzimmer, sondern muß die Wohnstube mit den Erwachsenen teilen. Die Großmutter näht am selben Tisch und führt mit Luise ein Gespräch. Beide reden mit leiser Stimme, gleichwohl merkt er, daß die Luft nicht rein ist. Man hat es auf ihn abgesehen; er ist übrigens daran gewöhnt, daß nicht mit offenen Karten gespielt wird. Es ist ihm unbehaglich zumute, wenn er sich auch nur eines geringen Vergehens bewußt ist. Vielleicht ist irgendeine alte Sünde ans Licht gekommen. Er horcht also aufmerksam hin, kann aber diesmal die Anspielungen überhaupt nicht verstehen.

Dann ist Luise allein im Zimmer und sofort ändert sich ihr Benehmen. Sie ist zwar zurückhaltender als sonst, spricht aber mit Franz und macht sich in seiner Nähe zu schaffen. Der Knabe liebt sie seit einiger Zeit mit Leidenschaft, was sie zu einem Doppelspiel veranlaßt. Hinter seinem Rücken beschimpft sie ihn nicht minder als vorher. Sie gönnt ihm kein freundliches Wort, wenn andere dabei sind, doch sie kokettiert mit ihm, wenn es niemand sieht, und läßt es zu, daß er ihr die Hand küßt. Es ist ihr auch um diesen Liebhaber zu tun. Trotzdem hat Franz einiges Zutrauen zu ihr. Er erzählt ihr sogar, daß er die süße Speise aus der Küche geholt hat und bittet sie, es niemandem zu verraten.

»Du wirst es der Großmutter nicht sagen, nicht wahr?«

»Sei nur ruhig, ich werde es niemandem sagen!«

Sogleich aber geht sie hin und erzählt es der Großmutter. Später leugnet sie den Verrat und behauptet, die Großmutter hätte es selbst entdeckt.

Dennoch erfaßt den Knaben das Verlangen, Luise zu sehen, nachdem alle zu Bett gegangen sind. Er erhebt sich und schleicht zur Tür ihres Zimmers. Durch die Spalten dringt Licht, doch die Großmutter ist drin, er horcht, wie er es oft getan hat. Sie kommen auf ihn zu sprechen, senken aber die Stimmen zu einem unhörbaren Geflüster. Dann wird es still. Er läuft zurück und kritzelt ein paar Verse auf Papier. Er schiebt den Zettel durch die Türspalte und hört ein leises Kichern, das ihn ermutigt. Fünf oder sechs solcher Zettel, alle mit Versen beschrieben, wirft er hinein, merkt nicht einmal, daß die Lampe erloschen ist. Lange drückt er seine Lippen an das Holz der Türe, ehe er sich zur Ruhe begibt.

Am nächsten Nachmittag entdeckt Franz auf der Treppenwand eine unflätige Zeichnung, die sich seit zwei Tagen dort befand, ihm aber entgangen war. Die Zeichnung dient einer Reihe von ordinären Schimpfworten, die in großer, zittriger Schrift danebenstehen, zur Illustration. Zuhause wird der Knabe noch unfreundlicher behandelt als Tags zuvor. Er sieht höhnische Mienen, aber man will mit der Sprache nicht herausrücken. Auf dem aufgedunsenen Gesichte des Großvaters steht Ent­rüstung geschrieben, die Großmutter ist schweigsam und hart; Luise wendet sich verächtlich von ihm ab. Eine drückende Verlegenheit befällt ihn, seine Gedanken sind zerstreut. Abends schleicht er an eine Türe, um zu horchen; drinnen läßt man alle Vorsicht außer acht und spricht laut und vernehmlich.

»So ein Lump«, sagt der Großvater und räuspert sich.

»Er ist es sicher gewesen«, meint die Großmutter mit ihrer kränklichen Stimme, »niemand sonst im ganzen Haus ist einer solchen Gemeinheit fähig.«

Da sagt Luise: »So jung und schon verdorben! Schrecklich, nicht? So etwas sollte man doch ausrotten!«

Franz erschrickt, denn er kann sich das nicht zusammenreimen. Da fällt ihm die Zeichnung ein, die er vorhin gesehen hat, und alles wird ihm klar. Man glaubt, daß er es gewesen sei. Der Knabe verliert die Fassung und wird bleich. Er haßt und verachtet seine Großeltern, dennoch beunruhigt ihn dieser Verdacht. Dabei kann er sich nicht einmal dagegen verwahren, da ihn niemand beschuldigt hat. Er müßte ja eingestehen, daß er an der Tür gehorcht habe.

Während des Abendbrodes kann er niemandem in die Augen sehen. Alle aber blicken auf seine Augen, die niedergeschlagen sind. Er ißt nur wenig, obgleich ihn Hunger quält. Er hat keine klare Vorstellung von den Beziehungen der Geschlechter, ahnt jedoch, daß man nun seine gemeine Gesinnung für erwiesen hält. Man geht zu Bett; auch der Knabe entkleidet sich, läuft aber noch im Nachthemd zur Tür Luisens. Er sieht Licht, doch alles ist still. Plötzlich bricht er in Tränen aus, rüttelt an der Tür und ruft schluchzend:

»Laß mich hinein, Liesel, ich muß dir was sagen.«

Das Mädchen befürchtet einen Skandal und beschließt, ihn hereinzulassen. Franz steht in ihrem Zimmer, aber ein Nebel ist vor seinen Blicken. Sie fragt:

»Wie siehst du denn aus? Was willst du denn?«

»Ich bin es nicht gewesen, wirklich nicht, ich habe die Zeichnung nicht gemacht!«

Einen Augenblick Schweigen; er weint.

»Es hat dich ja niemand beschuldigt!«

»Ich weiß es doch, ich weiß, ich hab gehorcht! Wie kannst du das von mir denken?«

»Also du horchst, schämst du dich nicht? Schämst du dich nicht, an der Tür zu horchen?«

Da wird die Tür vom Schlafzimmer der Großeltern ein wenig geöffnet. Franz läuft im Nachthemd hin und drückt sie sofort wieder zu. Er schluchzt, die Tränen rollen ihm über die Wangen. Er weiß, daß sein Gesicht jetzt zur Grimasse verzerrt ist, kann das aber nicht ändern; er hat einen Weinkrampf.

»Wer ist es denn gewesen, wenn nicht du, was?«

»Ich bin es jedenfalls nicht gewesen«. Er blickt durch den Tränennebel erstaunt nach ihr hin. Sie liegt im Bett, ein Buch ist auf den Teppich gefallen. Ihre Brust ist halb entblößt, und auf ihrem Gesichte, das er so liebt, sitzt ein höhnisches, kaltes und grausames Lachen. Sie sagt:

»Warum weinst Du denn? Mach' lieber solche Schweinereien nicht!«

Wieder wird die Nachbartür geöffnet und Franz schließt sie wie zuvor. Das wiederholt sich sogar noch ein drittes Mal. Der Knabe hat einen Anfall und kann vor Weinen nicht sprechen. Er streckt die Hände nach ihr aus und rührt sich nicht vom Fleck. Da sagt sie, um der Szene ein Ende zu machen:

»Also du warst es nicht! Weine doch nicht so jämmerlich! Hörst du? du warst es nicht, jetzt mußt du schlafen gehen.«

Da begreift er, daß sie ihm nicht glauben will! Er geht sogleich hinaus, noch weinend, ohne ein Wort zu verlieren.

Er dreht seine Lampe aus und legt sich hin; die Müdigkeit überkommt ihn, und so groß sein Kummer noch vor einer Minute war, jetzt ist er vergangen. Er schluchzt leise vor sich hin, ohne es zu wissen; sein Gesicht ist ganz naß. Aber er hat noch Zeit, das Flackern der ausgehenden Petroleumlampe lustig zu finden, ehe er in einen tiefen Schlaf verfällt.