ngiyaw-eBooks Home



Alexander Solomonica - Herr Heckfisch

Erzählung

Alexander Solomonica, Herr Heckfisch, S. Fischer Verlag, Berlin, 1916



I

Gestern war mein erster dienstfreier Nachmittag, seit ich zum Obersteuersekretär befördert worden bin. Erst um vier Uhr verspürte ich so etwas wie ein widerwilliges Bedürfnis nach Geselligkeit. Bis dahin verbrachte ich die Zeit sehr unterhaltsam für mich allein, auf meinem Zimmer, denn im allgemeinen bin ich auf Geselligkeit nicht angewiesen. Oft genügt ein kleiner, unbedeutender Umstand, um meine Phantasie zu beschäftigen und mein Interesse wachzuerhalten. In diesem Falle war es die Vorstellung, daß ich im Amte seit einigen Wochen mit Herr Obersekretär angeredet werde. Das ist um so seltsamer, als ich sonst auf dergleichen Dinge keinen Wert lege. Mein Ehrgeiz ist anderer und vor allem höherer Art, ich stamme aus guter Familie und bin nur durch ungünstige Verhältnisse zu dieser nicht sehr ansehnlichen Beamtenlaufbahn gezwungen worden. Mein gesellschaftliches Niveau ist dem der anderen Obersekretäre weit überlegen, dennoch gewährt mir der schäbige Titel eine Genugtuung. Das heißt, wenn ich »schäbiger Titel« sage, so ist das mehr eine nüchterne Erwägung, mit dem Herzen bin ich bei der Sache. Ich stellte mir also gestern, zum Beispiel, in Gedanken vor, daß irgendein imaginärer Bekannter mit mir über gleichgültige Dinge sprach und zufällig die Anrede »Herr Obersekretär« mit einfließen ließ. Ein ehrerbietiger Unterton war dabei nicht zu verkennen. Ich sprang vor Erregung vom Stuhl auf und lief einige Male im Zimmer hin und her. Damit waren aber meine Vergnügungen noch nicht erschöpft. Es gab da etwas anderes . . . doch um das zu verstehen, muß man wissen, daß ich kleine Geheimnisse über alles liebe. Sie versetzen mich in gute Stimmung; es genügt mir schon vollkommen, wenn ich einmal anderer Meinung bin. Dann behalte ich meinen Gedankengang für mich allein, hüte mich, ihn laut auszusprechen. Nicht etwa aus Feigheit, sondern schon eher, wenn man will, aus einer Art Enthaltsamkeit. Es macht mir jedenfalls Spaß. So stand gestern eine Nachricht in der Zeitung, die großes Aussehen gemacht hat und auch im Amte viel besprochen worden ist. Die Untaten eines Schulmeisters im Hessischen. Dieser Mann tötete erst heimlich seine Frau und seine Kinder und ging dann nachts, mit zwei Revolvern bewaffnet, in das nächste Dorf. Hier steckte er allerlei in Brand, und als die Bauern aus den Häusern drangen und herbeigelaufen kamen, knallte er sie nieder. Fünfzehn Personen fanden dabei ihren Tod, und ungefähr ebensoviele sind schwer verletzt. Schließlich überwältigte man den Lehrer, begann auf ihn einzuprügeln, doch es gelang der Obrigkeit, ihn in Sicherheit zu bringen. Wir unterhielten uns darüber, es herrschte eine einmütige Entrüstung über dieses Verbrechen. Andrerseits sprach man ganz allgemein die Überzeugung aus, daß der Lehrer wahnsinnig geworden sein müsse, nur ich war der gegenteiligen Ansicht, doch schlau genug, nicht mit der Wimper zu zucken. Ich hatte das bestimmte Gefühl, dieser Schulmeister müsse ein ganz vernünftiger Mensch sein und aus guten Gründen, nach einem wohldurchdachten Plane gehandelt haben. Warum sich bei mir diese Meinung, und noch dazu in einer so bestimmten und auffälligen Form gebildet hatte, war mir freilich selbst etwas unklar. Aber die Hauptsache ist: später, auf meinem Zimmer, empfand ich ein lebhaftes Vergnügen darüber, daß ich meine eigene Auffassung dieses Falles vor den andern geheimgehalten hatte. Es war mir ganz so, als hätte ich jemandem einen guten Streich gespielt; dies erfüllte mich mit überlegener Heiterkeit und beruhigte mich derart, wie ich es sonst nur einer gediegenen Mahlzeit mit einer kräftigen Zigarre hinterher zu danken habe. Doch es gesellte sich noch ein weiteres kleines Geheimnis hinzu. Ich machte die Entdeckung, daß ich mich über das Verbrechen des Schulmeisters gar nicht besonders entrüstete. Es kam mir so vor, als könnte es unter Umständen eine n Sinn haben, so zu handeln, und ich faßte sogar den Entschluß, irgend einmal, in zehn Jahren vielleicht, etwas Ähnliches zu tun. Dann fiel mir die Gegenwart wieder ein; ich dachte an meine etwas prekäre finanzielle Lage. Mit Bleistift auf grünem Papier begann ich Zahlen aufzuschreiben, kleine Ausgaben der letzten Zeit, alles in allem eine beträchtliche Summe. Ich besaß zwar für den Rest des Monats noch Geld genug, aber nicht gerade viel; es will mir nämlich trotz aller Anstrengungen nicht gelingen, Ersparnisse zu machen. Das kommt daher, daß ich zwar sehr geizig bin, mich jedoch von Zeit zu Zeit zum Spiel verleiten lasse. Geizig aber bin ich nicht aus Engherzigkeit, sondern weil das Geld eine Macht ist, die man nicht unnütz aus der Hand geben soll. Ich liebe es freilich nicht, Geschenke zu machen, wenn aber jemand mir etwas schenkt, was selten genug vorkommt, so ist mir das ebenso unangenehm. Ich lebe nun einmal in einer gewissen Voreingenommenheit gegen die meisten meiner Bekannten und bin ihrerseits nicht gerade beliebt. Und dabei habe ich eine gute Eigenschaft, von der niemand etwas weiß, die übrigens auch niemand anerkennen würde. Es gehört dies zu meinen kleinen Geheimnissen, und ich bin stolz darauf, es einzelnen Menschen im Gespräch noch nicht mitgeteilt zu haben. Um es kurz zu sagen: ich fürchte mich nicht vor dem Tode. Die Vorstellung, ich könnte sterben, vielleicht in nicht ferner Zeit, bereitet mir nicht das geringste Unbehagen. Ich besehe mein Gesicht im Spiegel, es ist noch jugendlich, fast ohne Falten, aber bleich, die Augen glanzlos, offenbar schon vom Tode gezeichnet – doch die Zeit kann man nicht aufhalten. Ein bitteres Gefühl steigt in mir auf, das gilt aber nicht etwa dem Abschied vom Leben, sondern dem Umstande, daß mein Mund verschlossen bleiben muß, daß ich das Geheimnis meiner Todesbereitschaft jedenfalls mit ins Grab werde nehmen müssen; mit einem Wort, daß mir nicht die Würdigung zuteil wird, die ich verdiene. Um vier Uhr nachmittags faßte ich den Entschluß, ein wenig auszugehen. Ich nahm meinen neuen, schwarzen, eleganten Anzug aus dem Schrank, breitete ihn über einen Stuhl und bürstete ihn sorgfältig. Dann kleidete ich mich um. Mittendrin wurde ich von einem kleinen Wutanfall gepackt. Ohne Grund; das heißt, es war mir in der letzten Zeit öfters so ergangen. Ich fühlte Haß gegen jedermann, der Anblick eines Menschen reizte mich schon zur Wut. Wahrscheinlich hat nur das kalte, unangenehme Herbstwetter die Schuld daran. Diesmal war ich noch allein, doch nicht ganz, denn irgendwer hustete auf dem Korridor. Wie der Blitz erwachte da in mir die Vorstellung der Geselligkeit, die ich aufzusuchen im Begriffe war; und der Anfall kam so plötzlich und unwiderstehlich, daß ich mich gezwungen sah, das erste beste zu ergreifen und zu zerbrechen oder zu Boden zu schleudern. Zuerst kam mir die schwarze Hose in die Hand; mit krampfhafter Willensanstrengung vermochte ich mich aber noch im letzten Moment dazu, sie über der Stuhllehne hangen zu lassen. Jetzt suchte ich ängstlich nach einem Gegenstande, was meinen Arger indessen noch steigerte. Meine wild umherrollenden Augen richteten sich drohend wieder auf die neue Hose – und entdeckten den Schaden: ich hatte sie soeben doch arg zerknittert. Bei diesem Anblick wurde ich besinnungslos vor Wut, und nun gab es kein Halten mehr: ich ergriff einen blechernen Aschenbecher und warf ihn mit voller Wucht an die Wand.

Es klopfte schüchtern an meiner Tür, und herein schob sich Radke, mein Wirt, der seine gute Stube an mich vermietet hat. Ich wunderte mich, ihn auftauchen zu sehen, da er um diese Zeit gewöhnlich schläft. Er ist Kassier in einem Winkelvarieté, geht abends hin und kommt bei Morgengrauen nach Hause. Dann gibt es einen Höllenlärm, da er sich mit seiner Frau nicht verträgt. Sie betrügt ihn mit einem Soldaten und rühmt sich dessen laut vor aller Welt. Nicht selten kommt sie zu mir, um sich mir in der unverschämtesten Weise anzubieten. Ein schmieriges Frauenzimmer . . . ich aber werfe sie nicht mit einem Fußtritt hinaus, sondern dulde es, daß sie sich auf dem Sofa herumwälzt, während ich am Schreibtisch mit meinen Akten beschäftigt bin. Sie schwätzt in einem fort, schimpft auf Radke und erzählt mir Wunder was von ihrem Soldaten. Das Böse ist, daß sie mich unter vier Augen duzt, ohne die leiseste Berechtigung dazu zu haben. Das bringt mich außer Rand und Band, doch wenn ich es ihr verbiete, lacht sie mich aus. Nur wenn sie es wagt, mich zu berühren, dann schüttle ich sie so heftig ab, daß sie erschrickt und mich in Ruhe läßt. Ich wieder mache ihr ständig in kraftloser Weise Vorwürfe darüber, daß sie die Gasleitung nicht instand setzen läßt. Es strömt nämlich immer etwas Gas in meinem Zimmer aus, so daß man sich oft kaum darin aufhalten kann. Ich merkte es gleich, als ich mietete, man versprach mir Abhilfe, doch ich warte noch heute darauf. Sie müßten nur zum Spengler schicken, es kostet höchstens ein paar Pfennige – alles Reden umsonst!

Radke erschien, wie gesagt, plötzlich in meinem Zimmer. Er war schmutzig, ohne Hemdkragen, und sah zugleich verschlafen und tückisch aus. Seine weitauseinanderstehenden, wässerigen Augen blickten trübe zu Boden.

»Hören Sie, mein Lieber,« sagte ich schnell, bevor er zu Wort kommen konnte, »ich lasse mir das nicht mehr gefallen. Ich will nicht jedesmal um meine Nachtruhe kommen. Gestern war wieder derselbe Spektakel.« Er rieb sich die Augen. »Ich arbeite am Tage, nicht wie gewisse Leute, ich habe mein Amt, ich will nachts schlafen,« sagte ich erregt.

»Sie ist nicht richtig im Kopf, Herr Heckfisch.«

»Dann sperren Sie sie in ein Irrenhaus, ich will meine Ruhe haben!«

»Wohl Ihr neuer Anzug? Tadellos! Sie gehen heute noch ein bißchen spazieren, wie?«

»Ja, Luft schnappen.« Da begegnete ich seinem Blicke und nahm mir vor zu schweigen. Ich erriet, weshalb er zu mir gekommen war. Leise pfeifend beendete ich meine Toilette, er hätte auch gern gepfiffen, zog aber einen Tabaksbeutel hervor und begann sich eine Zigarette zu drehen.

»Herr Heckfisch,« sagte er schließlich flüsternd, »ich hätte eine kleine Bitte, ich bin in einer geringfügigen Verlegenheit.«

»Reden Sie doch lauter!«

»Es hat nichts zu sagen. Könnten Sie mir zehn Mark . . . das ist nicht viel.«

»Nein, das ist nicht viel . . . aber es tut mir leid,« antwortete ich mit Nachdruck, »wirklich, ich kann Ihnen nicht dienen.«

Ich schaute ihn verwundert an, denn plötzlich sah er starr in einen Winkel des Zimmers, ging schweigend hin und bückte sich. Es war der Aschenbecher, den er aufhob und auf den Tisch stellte.

»Vielleicht als Vorschuß auf die Miete? Es ist ja bald der Erste . . . «

»Glauben Sie etwa, daß ich ewig bei Ihnen wohnen werde?« unterbrach ich ihn streng. »Ist das etwa ein gesunder Aufenthalt? Spüren Sie nichts?«

»Es riecht etwas nach Gas, Sie haben recht,« sagte er bereitwillig und schnupperte in der Luft herum.

Plötzlich befiel mich lebhafte Unruhe. Ich wußte nicht, wie ich mir Radke vom Halse schaffen sollte. . . und mußte doch, ehe ich wegging, etwas zu mir stecken, was keineswegs für seine Augen bestimmt war. Ohne dieses Etwas hätte ich mich nicht aus dem Hause gerührt. Im Schreibtische lag's, ein strenggehütetes Geheimnis. Er aber stand da und wartete. Ich war ganz verwirrt und dachte nur: »Entweder gebe ich ihm . . . oder er weicht nicht vom Fleck, und ich muß für heute auf meine Billardpartie verzichten.« Ich blickte ihn unsicher an, er lächelte auf widerwärtige Weise, ich fühlte eine wahre Ohnmacht, wollte schon in die Tasche greifen – da kam mir ein Einfall.

»Warten Sie draußen,« sagte ich milder als zuvor, »Sie sehen, daß ich nicht einmal fertig angezogen bin.«

Er gehorchte sofort; ich verriegelte leise die Tür. Dann schlich ich mich zum Schreibtisch und holte meine Waffe, ein gewöhnliches Messer, mit feststehendem Griff. Ich hatte es auf der Straße noch stets bei mir getragen, in der Hosentasche, zu meiner Verteidigung. Nicht, daß ich übertrieben ängstlich wäre, im Gegenteil, ich wünsche einen Überfall fast herbei. Ja, ich beschäftige mich in Gedanken unablässig mit dieser Möglichkeit. Irgendso ein Kerl hat es auf mich abgesehen, gut. Er hält mich sogar für besonders arglos . . . aber siehe da, ich ziehe blitzschnell mein Messer hervor. Und just die Vorstellung, daß mein Angreifer auf das Peinlichste überrascht sein würde, macht mir Spaß, versetzt mich geradezu in einen Taumel von Vergnügen.

Radke hustete draußen, doch ich beeilte mich nicht; meine Ruhe war zurückgekehrt. Vorsichtig öffnete ich die Tür und trat in den Flur. Er lehnte an der Wand; ich konnte rasch noch unbemerkt einen Blick auf sein in der Dämmerung eigentümlich glänzendes Gesicht werfen. Es zeigte einen stumpfsinnigen und verzweifelten Ausdruck. Sogleich aber trat er auf mich zu und sprach mit veränderter Miene flüsternd auf mich ein:

»Kann sein, daß an dem Gashahn was nicht in Ordnung ist, daran wirds wohl liegen. Ich wollte schon lange das Nötige veranlassen, aber das verrückte Frauenzimmer . . . Hören Sie, Herr Heckfisch,« ein unangenehmes Lächeln erschien plötzlich auf seinem Gesicht, und er schob sich näher heran, »eine Gefälligkeit unter Männern . . . «

Er sah mich erwartungsvoll an, mich aber packte die Wut, und ich hätte ihm ins Gesicht spucken mögen. Ich sagte ruhig:

»Zehn Mark ist nicht viel, sehr gern, wenn ich könnte. Außerdem verborge ich prinzipiell nichts. Sie scheinen nicht zu wissen, daß ich Beamter bin.«

Dann schwieg ich wieder und hatte allen Grund, mich zu freuen, denn sein Anblick war jämmerlich. Er hatte die Sprache verloren und starrte verblüfft auf meinen Mund; aber er brachte es auch nicht fertig, mir nichts dir nichts den Rückzug anzutreten. Ich ließ ihn einfach stehen und ging hinunter.


II

Ach hatte eigentlich vor, ins Grand-Café zu gehen und meine Partie Billard zu spielen. Als ich aber die Linkestraße passierte, hatte dort gerade der Nachmittagsbummel begonnen, und ich beschloß, mich einstweilen unter diese Spaziergänger zu mischen. Warum ich das tat, ist mir unbegreiflich. Das naßkalte Wetter brachte mich außer Rand und Band. Außerdem verspürte ich, wie gesagt, ein unbestimmtes bitteres Gefühl, Haß gegen jedermann, als hätte alle Welt ein Unrecht an mir begangen. Man merkte es mir wahrscheinlich an, daß ich in gefährlichen Betrachtungen versunken war, denn ich machte ein finsteres Gesicht; ich hingegen sah niemanden an. Das Publikum war ziemlich gemischt. Vor allem drückten sich da verdächtige Gestalten herum, lümmelten zumeist an den Laternenpfählen . . . und hatten es auf mich abgesehen. Vier-, fünfmal kam einer dicht an mich heran und raunte mir zu: »Ich kaufe alte Kleider.« Ich verzog keine Miene. So sonderbar das aber auch erscheinen muß, plötzlich setzte sich die Idee in mir fest, man könnte auch mich – aber das ist wirklich zu seltsam. Nicht der kleinste Anhaltspunkt lag dafür vor. Es war einer jener verrückten Einfälle, der Teufel weiß, wie sie entstehen; so ein Staubkörnchen fliegt dir ins Auge und macht dir zu schaffen. Nun denn – gewiß dachte niemand auch nur im entferntesten daran. Ich aber bildete mir ein, man könnte auch mich für einen Altkleiderhändler halten. Was war zu tun? Lebhaft und elastisch, doch mit abgewandtem Gesicht, trat ich auf einen der Bettler zu, die man in der Linkestraße während des Korsos zu Dutzenden antrifft. Ich warf zwei Sechser in seinen Hut, zog sodann meine Brieftasche hervor und blätterte darin; sie ist ganz neu, aus Saffianleder, und macht, wie ich aus Erfahrung weiß, einen vornehmen Eindruck. Nachdem ich genug geblättert hatte, drehte ich mit aller erdenklichen Vorsicht den Kopf, doch siehe da, der Bettler stellte sich blind! Dieser noch junge, aber durchtriebene Bursche lehnte mit geschlossenen Augen an der Hausmauer und schenkte der Brieftasche keine Aufmerksamkeit. – Ich blickte heimlich umher, ob nicht jemand anderer . . . doch das Gedränge war zu groß.

Da bemerkte ich in einiger Entfernung vor mir drei junge Leute, die mir bekannt waren; ehemalige Schulkameraden. Sie gingen mit einem Fremden zu viert in einer Reihe. Nur nicht gesehen werden, war mein erster Gedanke. Im Grunde interessieren mich nämlich weder Berlinghoff, noch Kettlitz, noch Jünke, alles hohle Köpfe, die kein Verständnis für mich haben können. Ich war auch früher bei meinen Mitschülern nicht sonderlich beliebt, obgleich mir sehr darum zu tun war, eine besondere Stellung unter ihnen zu erlangen. Ich war kameradschaftlich, hilfsbereit, alles mögliche, aber man betrachtete mich trotz alledem als eine Art Hanswurst – weil ich es liebte, unschuldige Witze zu reißen. Unermüdlich war ich im Grimassenschneiden und lachte dann selber krampfhaft, aus kindlichem Übermut. Ich wußte zwar die anderen zu unterhalten, aber man nahm mich nicht für voll. Kurz und gut, ich kam allmählich in eine schiefe Lage. Und doch war zu große Vertrauensseligkeit mein einziger Fehler gewesen.

Jetzt hatte sich das so gründlich geändert, daß ich eine Begegnung fast herbeiwünschte. Die würden Augen machen! Indessen, ich verzichtete auf diesen billigen Triumph. Ich ging hinterher, ohne mich zu beeilen. Immerhin war ich neugierig, ob sie mich auf den ersten Blick wiedererkennen würden. Seit Jahren hatte ich nämlich nicht mehr die Ehre gehabt . . . war mittlerweile in den Staatsdienst getreten und erst vor kurzem befördert worden. Sie hingegen sind immer noch die alten Nichtstuer. Der eine von ihnen, Berlinghoff, entstammt zwar einer geachteten Familie, doch ich bin auch nicht von schlechten Eltern. Ich hatte gar keine Veranlassung, ihnen nachzulaufen . . . Ich mußte an meine kleinen Geheimnisse denken, die Kehle war mir zugeschnürt, ein Wutanfall nahte sich, es wurde mir schwarz vor den Augen. Die vier jedoch konnte ich deutlich sehen: bei der Kirche kehrten sie um und kamen mir entgegen. Ich ging schnurstracks meines Weges, entschlossen, geradeaus in die Luft zu starren. Dabei bemühte ich mich, meinem Gesichte einerseits einen verächtlichen, andererseits einen ungewöhnlich ernsten Ausdruck zu verleihen. Seltsam ist nur, daß gerade solche kleine Zwischenfälle den Menschen nicht gleichgültig lassen. Ich, der dem Tode mit eiserner Ruhe entgegensieht, verspürte in dieser Sekunde starkes Herzklopfen.

»Da ist Heckfisch,« sagte jemand, und, wie mir schien, mit einer gewissen Anerkennung in der Stimme. Das versetzte mich in merkwürdige Erregung und ich bekam noch stärkeres Herzklopfen, drehte mich aber nicht um.

»Hallo!« schrie Kettlitz. Er legte mir die Hand auf die Schulter. Ich tat überrascht und wurde aufgefordert, mich anzuschließen, nachdem ich dem Unbekannten, irgendeinem Doktor, vorgestellt worden war.

Es hatte wenig Sinn, mit diesen vier Dummköpfen herumzuflanieren. Aber meine Billardpartie lief mir nicht davon, und außerdem hatte ich sozusagen das Bedürfnis nach Geselligkeit. Man wird sentimental und denkt: »Mit denen da hast du manches zusammen erlebt. Das Meiste allerdings war unerfreulicher Natur. Nun, unsere Wege haben sich getrennt, ich bin auf mich allein angewiesen und, dem Himmel sei Dank, von niemandem abhängig.« – Ich hatte darum einen Anspruch auf Respekt. Man verstehe mich nicht falsch; nicht, daß ich mich überheben wollte. Doch ich war es erstens meiner Stellung schuldig, dann aber bin ich noch in anderem Sinne kein gewöhnlicher Mensch, sondern habe meine eigenen Ansichten . . . verfüge über eine ganze Schar origineller Ansichten. An mir ist ein Schriftsteller verloren gegangen. Mochte auch Berlinghoff noch so korrekt und elegant gekleidet sein und ein vornehm-gelangweiltes Gesicht machen. »Das imponiert mir nicht,« dachte ich, vermied es aber, ich weiß nicht warum, seinem Blicke zu begegnen . . . Ich hatte mich jedenfalls keinem Menschen aufgedrängt, und mich dünkte beinahe, als ob mir aus diesem Umstande besondere Rechte erwüchsen, deren Verletzung ich nicht dulden dürfe.

»Wie geht es dir, altes Haus,« fragte Kettlitz, »erzähle doch! . . . Also, du bist wohlbestallter Beamter.«

»Mir geht es gut, bin nur sehr mit Arbeit überlastet,« sagte ich und wandte mich dabei mehr an den Fremden, der mir aufmerksam zuhörte, »man macht sich vom Staatsdienst gewöhnlich nicht die richtige Vorstellung. Ich ziehe ihn jeder andern Beschäftigung vor. Er ist interessanter und lehrreicher als man glaubt . . . Bei uns im Steueramt, zum Beispiel, da geht alles wie am Schnürchen. Auch die Beförderungsverhältnisse sind ausgezeichnet . . . und das Gefühl, für die Allgemeinheit zu arbeiten,« flüsterte ich –

»Sind Weiber dort, gibt es Weiber bei euch?« schrie Kettlitz und begann zu lachen. Ich schwieg verblüfft.

Kettlitz war sehr aufgeräumt und sah jedem Mädchen, das uns begegnete, gebieterisch in die Augen. Ich aber nahm mir vor, von nun an nur das Nötigste zu sprechen, machte ein finsteres Gesicht und schwieg. »Besser, man verhält sich abwartend und beobachtend,« dachte ich, »da kommt man viel eher auf seine Kosten.«

Über Freund Jünkes sorglose Miene wunderte ich mich. Er plauderte angelegentlich mit diesem unausstehlichen Doktor, ist aber zur Zeit in eine ziemlich bösartige Affäre verwickelt. Sie ist mir genau bekannt, obgleich sie ängstlich geheimgehalten wird.

Ich erfahre nämlich alles, was vorgeht, ohne mich viel darum zu bemühen. Die Leute vertrauen mir; das hängt wahrscheinlich damit zusammen, daß ich selbst schweigsam bin und mir niemals in die Karten gucken lasse. Oft brennt einem dies oder jenes auf der Zunge – ich beherrsche mich jedoch, und das hat sein Gutes. Die andern wieder lassen mich gern ihre Geheimnisse wissen. Auch der Fall Jünke war mir auf Umwegen zu Ohren gekommen. Er hatte mit Anna Zagelow ein Verhältnis, einer sehr schönen Frau. Ich kenne sie flüchtig, sie ist wunderschön, spielt die große Dame, gebärdet sich aber, wenn sie in heitere Laune gerät, wie ein wildes Tier. Weiß der Kuckuck, wie das möglich war, doch sie hatte sich offenbar in ihn vergafft . . . in Jünke, der mir, wie er da gestern neben mir einherging, ein sehr harmloser Bursche zu sein schien. Je nun, die Herrlichkeit dauerte nicht lange. Der Alte war dahinter gekommen – das ist ein dürres Männchen, das keinen Spaß versteht. Man deutete mir sogar an, und zwar von vertrauenswürdiger Seite, daß die Frau den Versuch gemacht habe, sich und ihr kleines Töchterchen zu vergiften. Infolgedessen liegen beide, Mutter und Kind, schwerkrank danieder. Zagelow ist steinreich, und Jünke soll ihn noch obendrein bestohlen haben. Das ist nicht meine Sache, doch der Alte ist als rachsüchtig verschrien und hat es in der Hand, den jungen Menschen so oder so zu ruinieren. Ich möchte nicht in Jünkes Haut stecken . . . Aber mein früherer Mitschüler Jünke schien sich aus alledem nicht viel zu machen; man konnte ihm mit bestem Willen keine Unruhe anmerken. Mir schenkte er gar keine Aufmerksamkeit, aber er konnte ja auch nicht ahnen, daß ich so genau unterrichtet war.

Wir waren wieder bei der Kirche angelangt und kehrten um. Die Straße wimmelte von Menschen. An der Unterhaltung der vier nahm ich nicht teil. Ich horchte nicht einmal hin und war entschlossen, kein Wort mehr zu sprechen. Sie hatten mich aufgefordert, gut – mochten sie sehen, wie sie mit mir fertig werden würden. Das Ganze machte mir eigentlich Spaß. Nur wurmte es mich, daß ich noch nichts von meiner neuen Würde als Obersteuersekretär . . . Es wäre nicht eindruckslos geblieben, ich kenne die Menschen. Zwar war mir das alles im Grunde furchtbar gleichgültig, doch gerade in diesem Falle . . . Ohne Zweifel hatte keiner von ihnen mir derartiges zugetraut, man verachtete mich, knüpfte an meine Person jedenfalls keinerlei übertriebene Erwartungen. Nun hätten sie zu ihrer Verwunderung erfahren, daß ich langsam aber sicher von Stufe zu Stufe steige, daß eine hohe Behörde meine Qualitäten zu schätzen weiß. – Plötzlich sagte Berlinghoff:

»Unser guter Heckfisch ist sehr würdevoll und ernst geworden.«

»Ich habe Kopfschmerzen,« entgegnete ich mürrisch.

»Ach was, Kopfschmerzen,« meinte Kettlitz, »mach keine Geschichten, erzähl lieber einen guten Witz!«

In diesem Augenblick durchzuckte mich ein Entschluß, der mich wahrlich mit Heiterkeit erfüllte. Ich wollte sagen: »Nichts für ungut, aber ich muß jetzt gehen, ins Café, habe dort eine Verabredung.« So wars. Ich wollte mich kühl verabschieden, und dann auf und davon, auf Nimmerwiedersehen. Kaum hatte ich diesen Entschluß gefaßt, so verspürte ich eine große Erleichterung – doch es fiel mir gleichzeitig ein gesalzener Witz ein. Meine Wirtin hatte ihn mir erzählt, ohne daß ich sie darum gebeten hätte. Die Wirtin wieder hatte es von ihrem Soldaten. Wie dem auch sei, es gelüstete mich sehr, den besagten Witz zum Besten zu geben. Zwar warnte mich eine innere Stimme . . . aber zum Weggehen war dann immer noch Zeit, und ich hatte mir obendrein einen guten Abgang verschafft. Denn wenn man es recht bedachte: ich konnte unmöglich so mir nichts dir nichts . . . Es wäre unhöflich gewesen oder hätte gar nach Flucht ausgesehen. So aber blieb ich Herr der Situation, erzählte noch rasch einen glänzenden Witz und entfernte mich lässig winkend unter den bewundernden Lachsalven der Kameraden . . . Alle Bedenken waren zum Schweigen gebracht, doch eine gewisse Schwierigkeit galt es noch unauffällig zu beseitigen. Man schien nämlich blitzschnell vergessen zu haben, daß man mich aufgefordert hatte, und sprach von andern Dingen. Ich aber wußte mir zu helfen, benutzte eine kleine Gesprächspause und wandte mich mit plötzlicher Frage – an den Doktor:

»Sind Sie katholisch?«

»Nein, protestantisch,« war die erstaunte Antwort. »Aber warum –

»Nur so, zur Vorsicht, weil ich niemanden beleidigen will . . . Also hören Sie, meine Herren! Zwei Pfaffen, katholische versteht sich, kommen auf der Reise in ein Hotel und verlangen Unterkunft. Ihrem Wunsche wird willfahrt, warum auch nicht? Man begibt sich zur Ruhe. Plötzlich ist der Teufel los, ein Höllenlärm, mitten in der Nacht. Alles stürzt hinauf . . .« flüsterte ich in mir unverständlicher Erregung. Dann kam die gesalzene Pointe; man lachte.

»Bravo!« meinte Kettlitz, »du bist ja wohl ein Schwein, hast aber die Hauptsache begriffen, den Kernpunkt, das Wichtigste im Leben. Ich bin zwar ein gläubiger Christ, was ich den Herrschaften unter die Nase gerieben haben möchte, doch diese eine Sünde . . . Mit einem Wort, das ewig Weibliche, meine Herrschaften.«

»Ich bin kein Schwein,« sagte ich rasch, »sondern ein Beschützer edler Weiblichkeit, he he . . . Gegen den Vorwurf, ein Schwein zu sein, muß ich mich verwahren, du wirst begreifen, jeder Mensch wehrt sich seiner Haut. Ich werde dir noch beweisen, wie sehr du mich verkannt hast. Freilich, freilich, ich bin kein platonischer Schwärmer, wie gewisse Leute . . . Und kein Tag vergeht, ohne daß sich einem Gelegenheiten bieten. Ich bin keine besonders schöne Erscheinung, habe aber doch, ihr mögt es glauben oder nicht, meine guten Eigenschaften. Das lockt die Weiber an wie das Licht die Fliegen. Ihr vermutet, mit Geld? Weit gefehlt! Ich kann es mir nicht leisten, galant zu sein, bin nämlich ein armer Schlucker. So ein mittlerer Beamter, ein Obersteuersekretär, muß sparen. . . habe zwar eine hübsche Karriere vor mir, doch vorläufig heißt es, mit seinen Groschen haushalten. Also das macht es nicht aus, aber die Sache ist trotzdem ganz einfach: man muß die Frauen zu behandeln verstehen, und mit der Frechheit, meine Lieben, kommt man immer noch am weitesten! Hier in der Linkestraße, zum Beispiel, bin ich ein häufiger Gast, sehe mir während des Korsos die Mädchen an, die eine oder andere gefällt mir, gut, ich spreche sie an, rede auf sie ein, und sie ist mir zu Willen. Oft sind sie aus den besten Familien,« flüsterte ich, »man weiß sich vor Erstaunen nicht zu fassen. – Ich kann mich ihrer kaum erwehren, denn auf langwierige Beziehungen bin ich nicht eingerichtet. Trotzdem sind sie mir alle dankbar. Vor ein paar Tagen erst war ein junges Mädchen bei mir, eine Professorentochter, siebzehnjährig, eine schwarze Schönheit. Sie weinte, und ich redete ihr zu, streichelte ihr das Haar. ›Sie dürfen keine andere lieben,‹ schluchzte sie. ›Liebes Kind,‹ war meine Antwort, ›ich werde zweifellos immer nur dich ganz allein lieben.‹ Da beruhigte sie sich und ging zufrieden weg. ›Vergiß du mich nur,‹ dachte ich. Aber siehe da, was wird mir heute gleich in aller Frühe mit der ersten Post zugestellt? Eine Schachtel Konfekt! Und ein Brief von der Kleinen ist dabei, ich traue meinen Augen nicht. ›Ich bin dir ewig dankbar,‹ schreibt sie, ›und schicke dir diese Schachtel Konfekt, werde dir auch künftighin von Zeit zu Zeit . . . damit du dich meiner zuweilen erinnerst.‹«

»Das ist ja kolossal,« sagte der Fremde.

Ich fuhr rasch zu sprechen fort:

»Übrigens habe ich mir das alles soeben aus den Fingern gesogen. Kein Wort davon ist wahr. Ich lebe, im Vertrauen gesagt, eher wie ein Heiliger . . . Und jetzt, meine Herren, seid ihr namenlos blamiert,« kicherte ich, »denn entweder wart ihr dumm genug, mein Geflunker ernst zu nehmen, dann seid ihr aus allen Himmeln gefallen. Oder aber ihr merktet den Schwindel und machtet dieserhalb Anstalten, euch sittlich zu entrüsten. Dann seid ihr wieder nicht auf eure Kosten gekommen. Denn ich, ein deutscher Mann, trete vor euch hin und erkläre: gelogen! und wasche meine Hände in Unschuld.«

»Aber warum lügen Sie denn dann?«

»Weil ich mir nicht in die Karten gucken lassen will, Verehrtester! Ich habe zwar nichts Schlimmes zu verbergen, dennoch, es ist besser so. Lügen haben kurze Beine, sagt man.. Lügt man aber mit Sinn und Verstand, dann haben sie – Siebenmeilenstiefel . . . Doch das alles ist dummes Zeug. Ohne Ihnen, Herr Doktor, auch nur im geringsten nahetreten zu wollen: ich lüge einfach darum, weil es mir Spaß macht. Ein harmloses Vergnügen . . . Es erfreut mich, stärkt meine Nerven und erhält mich gesund. Trotzdem werde ich leider bald sterben,« flüsterte ich. Meine letzten Worte gingen im Straßenlärm verloren.

Plötzlich verspürte ich ein peinliches Zucken in den Gesichtsmuskeln, eine Art Krampf, so daß es mir schwer siel, nicht eine regelrechte Grimasse zu schneiden. Ich hatte mich jedenfalls erkältet, und ein Schnupfen war im Anzug. Kein Wunder, wenn man sich solches Wetter zum Spazierengehen aussucht. Es war sogar neblig geworden, und die zahllosen Laternen strahlten in trübem Glanze. Meine Laune wurde nicht besser dadurch. Vorsichtig schielte ich nach rechts und links zu meinen Kameraden hin. Wurde gesprochen? Ich konnte nichts verstehen, doch ich glaubte zu bemerken, daß Berlinghoff dem Kettlitz etwas ins Ohr sagte. Diesen Berlinghoff mochte ich schon in der Schule nicht leiden. Hochnasig ohne Grund, wahrhaftig, ohne die mindeste Berechtigung. Dabei seelenruhig, als sei er gegen sämtliche Gefahren dieser Welt gefeit. Nun trug er sich wie ein Stutzer, hatte ein Monokel ins Auge geklemmt und spielte mit seinem Stöckchen. Solchen Leuten aber steht es besser an, bescheiden zu sein.

Das alles ging mir auf die Nerven, ich war innerlich wie vergiftet und hätte am liebsten . . . Ich runzelte die Stirn: da fiel mir ein, daß ich eigentlich hatte weggehen wollen. Doch im Augenblick war ich außerstande, mir überdiesen Punkt Gedanken zu machen. Dazu ärgerte ich mich zu sehr. Ich ärgerte mich mehr, als es der Mühe wert war. Herr Jünke summte sogar einen Gassenhauer vor sich hin, wahrscheinlich das Passendste, was man tun kann, wenn man eine ganze Familie ins Unglück gestürzt hat. Und erst der Doktor mit seinem widerwärtigen, konventionellen Lächeln! Gar keine Herzlichkeit ging von diesen Menschen aus! Man achtete mich nicht in gebührendem Grade, ich habe nämlich für dergleichen einen untrüglichen Instinkt. Trotzdem ging ich immer noch nicht zu meiner Billardpartie; ich konnte doch diese guten Leutchen nicht einfach vor den Kopf stoßen, im Gegenteil, ich wollte sie wenigstens amüsieren. Ja, diese kleine Eitelkeit war mit im Spiel, der harmlose Ehrgeiz, zu der Unterhaltung das Meinige beizutragen.



III

»Ich habe mich soeben höchstselbst als Abschaum der Menschheit entlarvt,« begann ich, »der fromme Kettlitz denkt wahrscheinlich in seinem Innern: ›der Kerl ist Atheist‹.

Es gereicht mir zur unendlichen Befriedigung, Ihnen versichern zu können . . . ich schwöre euch sogar: ich glaube an Gott. Allerdings habe ich meine eigenen Anschauungen über diesen Punkt. Es hat sich da allmählich bei mir eine bestimmte, sehr originelle Ansicht gebildet. – Nebenbei bemerkt: mein Verhältnis zu Gott ist von so großer Innigkeit, daß ich mich mit irgendwelchen abstrakten Vorstellungen nicht abspeisen laste. Ich muß durchaus wissen, wie er aussieht. Und ich weiß es, ich weiß es sozusagen aus eigener Erfahrung, kann euch die interessantesten Mitteilungen machen. Er sieht aus wie ein altes, kleines, verhutzeltes Männchen, so ungefähr wie der alte Zagelow . . . den kennt ihr doch, oder solltet ihr ihn etwa nicht kennen?« fragte ich unwillkürlich mit besonderer Betonung und konnte nicht umhin, Jünke scharf anzusehen; wie mir schien, blickte mich Freund Jünke seinerseits mit verächtlicher Miene, doch aufmerksam an.

»Dieser Herr Zagelow hat Geld wie Heu; er hat nämlich Zeit seines Lebens an der Börse spekuliert und immer mit Glück. Er wird bis an sein Lebensende glücklich spekulieren, es kann gar nicht anders sein. Dabei versteht es dieser Gauner, im Vertrauen gesagt, meisterhaft, sich seinen Steuerpflichten zu entziehen, aber wir sehen ihm auf die Finger. Nun, unser Herrgott hat ihn dafür mit Häßlichkeit gesegnet. Von dieser widerwärtigen Häßlichkeit kann man sich keinen Begriff machen. Ein bleicher Kahlkopf mit scharfgebogener Nase und zusammengekniffenen, stechenden grauen Augen, die immer hin- und herhuschen, wie zwei Ratten in der Falle. Dünne Lippen, trägt einen Zottelbart und hat nur so nebenbei einen schwachen Ansatz zu krummen Beinen. Dieser Mensch hat aber eine eiserne, gefurchte Stirne und spricht kein Wort zuviel. Aus all dem kann man folgern, daß er heimtückisch, grausam und gefährlich ist. . . Aber ich wollte eigentlich nicht von Zagelow sprechen, sondern von einem Höheren. . . Dieser Höhere ist allmächtig, wie euch bekannt sein dürfte, er ist auch allwissend und hat noch ein halbes Dutzend ähnlicher prahlerischer Eigenschaften. Allgegenwärtig ist er, zum Beispiel, auch, noch dazu nach meiner persönlichen Erfahrung, habe ich doch an so manchen Orten die Ehre seiner Gesellschaft gehabt, selbst an gewissen Orten, wo man e6 kaum für möglich halten sollte. . . Ich scheine nämlich sein erwählter Liebling zu sein, tu mir aber nichts darauf zugute . . . Zuweilen besucht er mich, um nach dem Rechten zu sehen, meistens dann, wenn ich allein sein will. Wie jeder Mensch habe auch ich des öfteren das Bedürfnis nach Einsamkeit. Jener Höhere aber nimmt keine Rücksicht darauf. Seine Zudringlichkeit kennt keine Grenzen,« flüsterte ich und schielte nach Kettlitz, der aber nicht bei der Sache zu sein schien. Er war nicht mehr so aufgeräumt wie früher, sondern starrte im Gehen nachdenklich vor sich hin.

»Also, er kommt ganz harmlos, gewissermaßen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, hat aber dabei einen Hintergedanken. Läßt sich an meinem Tische nieder, setzt sich an mein Bett, macht ein Gesicht, als könne er keiner Fliege ein Bein ausreißen. Aber sein lauernder Blick verrät ihn mir, wir kennen uns, ich lasse mir nichts vormachen. Eine ganz bestimmte Absicht hat ihn hergeführt. Nicht schwer zu erraten: er will Ehren einheimsen! Daran ist ihm nämlich am meisten gelegen. Alle Ehren, die auf der Welt überhaupt zu finden sind. – Auch von mir will er seinen Tribut, auf mich hat er es sogar besonders abgesehen. Aber ich stelle mich auf die Hinterbeine . . . das heißt, ich bewahre einfach meine Ruhe, komme nicht aus meinem seelischen Gleichgewicht. Habe gar keine Veranlassung . . . warum sollte ich auch?« fragte ich plötzlich weinerlich und machte eine Pause.

»Er hat dich doch erschaffen, du Rindvieh,« sagte Kettlitz gutmütig und hob den Kopf.

»Das steht fest, meinetwegen, bombensicher. Aber erstens habe ich ihn nicht darum gebeten, und dann hat er mir damit durchaus keinen großartigen Freundschaftsdienst erwiesen. Er aber will mich demütigen . . . Er ist maßlos eitel, will hofiert sein, angebetet, vergöttert, was weiß ich. Doch ich bin nicht der rechte Mann für solche Späße. Das ist freilich nicht so zu verstehen, als wäre ich respektlos und wüßte nicht, was sich gehört. Ich würde mich, zum Beispiel, nicht getrauen, ,du° zu ihm zu sagen,« kicherte ich und wurde mit einmal erregt, war aber gleichzeitig verwundert darüber, daß ich mich so ereiferte, »nun, er spricht zwar nie mit mir, würde mich aber gegebenenfalls zweifellos duzen, und ich ließe es mir glatt gefallen. Aber was zu weit geht, geht zu weit . . . Ich habe einen Anspruch auf Achtung, bin nicht der erste beste, habe zwar meine Fehler, wie jeder Mensch, doch mich jener Höhere ist wahrhaftig nicht unfehlbar. Ich bin entschlossen, mir nichts zu vergeben, weder im Amte, noch sonst irgendwo, keinem Menschen gegenüber . . . und auch jener Höhere kann mich dazu nicht zwingen. Er revanchiert sich allerdings auf erbärmliche Weise. Er ist ebenso rachsüchtig wie kleinlich und bestraft mich einfach mit Halskratzen.«

»Halskratzen?« fragte der Doktor; sein Mund blieb offen. Er war perplex.

»Ja, das ist seine Methode der kleinen Nadelstiche. Diese Besuche enden regelmäßig damit, daß ich ein leises Kitzeln im Halse verspüre. Dann wird es ärger . . . dauert ungefähr eine halbe Stunde lang. Ich huste und spucke, nichts hilft. Die ganze Kehle wird gereizt und brennt wie Feuer. Es macht ihm viel Vergnügen.«

»Siehst du ihn denn so genau?« fragte Berlinghoff gedehnt.

»Ja, ganz genau, das heißt, wenn ich scharf hingucke, dann löst er sich in Nebel auf,« kicherte ich, »he he, er kann meinen Blick nicht ertragen. Dann aber steht er mir plötzlich wieder zur Seite, so daß ich ihn mit dem Weißen vom Auge sehen kann, wie gesagt, ein kleines, dürres Männchen. Aber das Halskratzen ist verteufelt unangenehm . . . Übrigens, um wieder auf den alten Zagelow zu kommen, ich wollte noch erwähnen, daß dieser häßliche Mensch das Glück hat, eine ungewöhnlich hübsche Frau zu besitzen. Er verdient es nicht . . . und zum Überfluß ein reizendes Töchterchen.«

Aber was war das? Jünke wandte sich halb gegen mich und sah mich schalkhaft an. Ich fühlte, daß ich errötete. Wahrhaftig, beinahe hätte er den Finger gehoben und mir scherzhaft gedroht, wie einem kleinen Kinde.

»Mutter und Kind erfreuen sich gegenwärtig nicht der besten Gesundheit,« murmelte ich gereizt. Ich ärgerte mich nämlich schon lange aus einem ganz bestimmten Grunde . . . Aber man darf keine falschen Schlüsse ziehen. Ich bin ein sehr verschwiegener Mensch, die Diskretion selbst, jedem Klatsch abgeneigt und mische mich auch grundsätzlich nicht in fremde Angelegenheiten; schon darum nicht, weil sie mir vollkommen gleichgültig sind. Von Jünkes Affäre hatte ich rein durch Zufall Kenntnis erlangt. Er konnte es nicht wissen – und gerade das verstimmte mich.

Er hielt mich für ebenso ahnungslos wie die andern alle. Übrigens hatte er noch kein Wort mit mir gesprochen, behandelte mich wie Luft, wäre aber wahrscheinlich ganz anders mit mir umgesprungen, wenn bloß er geahnt hatte . . . Ich überlegte sogar, ob ich ihn nicht beiseite nehmen und unter vier Augen mit ihm sprechen solle: »So und so, es ist mir zu Ohren gekommen, du hast es dem Alten ja tüchtig gegeben, hast ihm auch so nebenbei den Geldsack ein wenig erleichtert. Ich bin in alle Einzelheiten eingeweiht, das hättest du dir nicht träumen lassen, nicht wahr? Stehe aber auf deiner Seite, und in einem Punkte kann man sich auf mich verlassen – ich bin schweigsam wie das Grab!« Ich hätte ihm sogar meine Sympathie ausgedrückt, aber daß er mich für ahnungslos hielt, war einfach unerträglich.

»Oder hat er doch schon Lunte gerochen,« dachte ich, »er hat mich nämlich vorhin so eigentümlich angesehen. Man kann sich täuschen, aber es mag immerhin sein, daß er etwas bemerkt hat. In diesem Falle finde ich sein Verhalten höchst unpassend,« dachte ich erbittert. »Siehe mich verächtlich an, als wollte er sagen: ›Was machst denn du hier für schäbige Streiche!‹ Das ist nicht das Richtige, dazu hat er doch, wie die Dinge nun einmal liegen, wahrhaftig am wenigsten Veranlassung. Er hat einfach kein Recht dazu, es ist eine Ungebührlichkeit!«

Das Wichtigste aber ist, daß ich, offen gestanden, die ganze Zeit über den vergnüglichen Gedanken hatte: »So, Freundchen, jetzt bist du in meiner Hand, wenn mich die Lust anwandelt, sage ich nur ein Wort – und du erschrickst, wirst blaß, hast urplötzlich den Wunsch, in die Erde zu versinken. . .« Zwar wollte ich in Wirklichkeit alle Anspielungen vermeiden, doch der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit gewährt einem schon Befriedigung.

Dieser gemütliche Herr Jünke aber hatte mich nur scherzhaft angesehen. »Er verläßt sich offenbar zu sehr auf meine Anständigkeit,« dachte ich erbost und begriff wiederum nicht, warum mich die ganze Sache so in Harnisch brachte. Ich hatte ein brennend schmerzhaftes Gefühl, fast als sei ich tödlich beleidigt worden.

Übrigens bekam ich in diesem Augenblicke auch Seitenstiche, wahrscheinlich vom Blutandrang. Irgend etwas mußte geschehe!,, ich war unentschlossen, begann aber halblaut vor mich Anzureden und überließ es gewissermaßen dem Zufall, was davon in dem Straßenlärm gehört werden würde und was nicht:

»Ich habe Anna Zagelow nämlich letzten Winter kennen gelernt, auf einem Wohltätigkeitsfest, wo ich in meiner Eigenschaft als Beamter . . . Sie war sehr elegant, tadellose Haltung, stolz und würdevoll; aber trotz alledem warf sie ihre Blicke in einer Art ringsumher . . . ein rassiges Frauenzimmer! Und gerade der alte, häßliche Mensch hat das seltene Glück gehabt. Wahrscheinlich war sie ihm irgendwie zu Dank verpflichtet, und darum glaubte er, ihrer auch sicher zu sein. Konnte er jedoch auf ihre Treue rechnen? Nein, denn dagegen spricht schon die alltägliche Erfahrung.

Wundert mich,« murmelte ich, »das hätte sich dieser pfiffige Bursche doch selbst sagen können. Der Fall lag einfach genug, und man brauchte gar kein besonderer Held zu sein, um ihre Gunst zu gewinnen . . . Nicht, daß ich mich dessen rühmen könnte; dann wäre natürlich kein Wort über meine Lippen gekommen. Ich kenne sie, wie gesagt, nur flüchtig. Ich spreche als völlig Unbeteiligter und habe meine guten Gründe dafür, denn an diesem Falle ist zweifellos die Öffentlichkeit interessiert.«

»Was sagt er da?« fragte Kettlitz barsch.

»Stör ihn nicht; ein Selbstgespräch,« meinte Berlinghoff und zuckte die Achseln. Ich aber fuhr, besinnungslos vor Wut, noch leiser zu sprechen fort:

»Im Vertrauen gesagt, ihr Liebhaber, dieses feine Bürschchen, soll den Alten auch noch um eine nicht unbeträchtliche Summe geschädigt haben. Es erzählt sich so herum. Dem Halsabschneider wäre es zu gönnen . . . Aber freilich, es gibt kein dauerhaftes Glück. Der Alte kommt dahinter, sieh mal einer an . . . Peinlich, nicht? Höchst peinlich sogar! . . . Und was geschieht? Vollkommen unbegreiflich! Er jagt sie nicht davon, sie aber nimmt die Sache trotzdem ernst, schluckt Gift und gibt auch ihrem Kinde Gift zu trinken. Es ist ein kleines Mädchen, das unschuldig leiden muß. Man kann sich dazu stellen, wie man will, man ist kein Sittenrichter,« fuhr ich mit Herzklopfen fort und erhob ein wenig meine Stimme, »ich bin durchaus nicht beschränkt und kenne keinerlei Vorurteile: daß aber ein unschuldiges kleines Kind darunter leiden soll – das sehe ich nicht ein, das ist geradezu empörend! Ein zartes Mädchen von nicht mehr als fünf Jahren. So ein Kindchen weiß von nichts . . . es ist ein Jammer. Es wird sich vielleicht nie wieder erholen, das ganze Leben lang kränklich bleiben. Die Öffentlichkeit, sage ich, muß sich damit beschäftigen . . .«

Der Doktor begann mit hoher Stimme wie ein Irrsinniger zu lachen.

In diesem Augenblicke wurde unsere Reihe durch entgegenkommende Passanten etwas gelockert. Ich benutzte die kleine Verwirrung, ging schnell fünf Schritte voraus, drehte mich wieder um und sah dem Inke gerade in die Augen.

Meine Spannung war so groß, ja schmerzhaft und beinahe unerträglich, daß ich mir alle Einzelheiten seines Anblicks während dieser einzigen Sekunde genau einprägte. Vor allen Dingen erkannte ich meinen ehemaligen Mitschüler Jünke wieder . . . Er hatte sich fast gar nicht verändert: dieselbe glatte Stirn, braune Augen und ebensolches Haar, die gerade, kurze Nase und ein besonders schöner Mund mit fest aufeinanderliegenden Lippen. Nur ein kleiner, dunkler Schnurrbart war hinzugekommen. Ein winziges Grübchen in der Wange gab seltsamerweise seinem Gesichte einen knabenhaften, kühnen und entschlossenen Zug. Er war gut gekleidet, trug einen schwarzen Samthut und einen schweren eleganten Tuchmantel mit großen Hornknöpfen. Die Hände hatte er in den Taschen stecken. So kam er mir entgegen. Sein Gesicht aber drückte Heiterkeit aus. Eine gelassene Ruhe, ja mehr als das, freudige Heiterkeit, als wäre ihm soeben etwas unerhört Schönes und Beglückendes widerfahren. Mag sein, daß ich mir das alles nur einbildete; vielleicht hat mir meine überhitzte Phantasie einen Streich gespielt. Ich war mir sogar im Zweifel darüber, ob er etwas gehört hatte, aber das mußte wohl so sein. Wie schon erwähnt, war es nur die Zeit einer Sekunde, und ich blickte ihm geradewegs in die Augen. Er aber schaute mich nicht an, wich auch meinem Blicke nicht aus, sondern sah einfach über mich hinweg, als sei ich nicht Heckfisch, sondern Luft.

»Lustig sein!« schrie ich, »lustig sein! Dem Humor sein Recht. . . Heda, meine Herrschaften, ihr seid ja im Einschlafen begriffen.« Ich weiß nicht, wie mir das plötzlich in den Sinn kam. Eigentlich war ich in großer Sorge um meine Gesundheit, da die Verkühlung bereits Fortschritte gemacht hatte. Das Fieber schüttelte mich, der Schweiß brach mir aus der Stirn, auch mußte ich heiser geworden sein, denn meine Stimme klang merkwürdig schrill. Aber ich fühlte offenbar das Bedürfnis, zu schwatzen, und fuhr fort:

»Man ist doch nur einmal jung, in drei Teufels Namen. Wir wollen hier keine Grillen fangen . . . und heute ist ja ein Festtag für mich. Ich hatte euch, liebe Kameraden, seit Jahren nicht gesehen, heute war mir der Zufall günstig, und ich lief euch direkt in die Arme,« sagte ich überschwenglich und hängte mich in Berlinghoff ein, der leise zusammenzuckte; oder schien es mir nur so? »Bravo,« meinte Kettlitz trocken, »nur keine Langeweile aufkommen lassen. Du hast recht, unser Zusammentreffen muß gebührend gefeiert werden. Wie wäre es, wenn du uns alle einladen würdest . . . Du bist ja wohlbestallter Beamter.«

»Geschwätz,« war meine Antwort, »du machst dir da falsche Vorstellungen. Ich glaube schon angedeutet zu haben, daß ich ein armer Schlucker bin. Der Staat zahlt miserabel und nimmt dafür noch die besten Kräfte des Menschen in Anspruch. Doch ich habe mir wenigstens im kalten Getriebe der Staatsmaschine ein warmes Herz bewahrt . . . muß übrigens auch meinem Entzücken darüber Ausdruck verleihen, einen so ausgezeichneten Menschen kennengelernt zu haben . . . Sie sind gemeint, Doktorchen, fassen Sie es nicht als leere Schmeichelei auf! Schmeichelei ist mir verhaßt, aber ich muß gestehen: selten ist mir jemand begegnet, der mir gleich auf den ersten Blick soviel Sympathie eingeflößt hätte. Mein Herr! Liebenswürdigkeit des Charakters verbindet sich bei Ihnen mit ungewöhnlichen Geistesgaben.«

»Sehr verbunden,« sagte der Doktor verlegen, offenbar verlegen. Er wußte wahrscheinlich nicht, wie er sich dazu stellen solle. Das aber machte mir gerade Spaß.

»Ich gebe mich der Hoffnung hin,« sagte ich und stieß Kettlitz heimlich an, »der kühnen Hoffnung hin, daß Sie meine Sympathie mit der Zeit erwidern werden. Ich bin auch nicht der Erstbeste.«



IV

Wir kamen in ein fürchterliches Gedränge. Die Geschäfte waren nämlich kurz vorher geschlossen worden, und nun strömten die Angestellten auf die Straße. Es war natürlich eine ganze Schar nicht übler junger Mädchen darunter; viele trugen noch Sommerhüte und helle Jacken. Die meisten werden erwartet, begrüßen ihren Kavalier und promenieren noch einmal die Straße auf und ab, ehe sie nach Hause gehen. Es gibt auch solche, die keinen Begleiter gefunden haben und nun zu zweit oder dritt herumspazieren; alle sind guter Dinge, scherzen und lachen. Um diese Zeit erreicht der Bummel seinen Höhepunkt. Die eleganten Damen haben ihre Einkäufe besorgt und lassen sich nun gleichfalls bewundern. Man sieht auch Leute aus der vornehmen Gesellschaft, Leute in hohen Stellungen, die es nicht nötig haben, zu Fuß zu gehen, und es sich dennoch nicht verdrießen lassen . . . Ich bemerkte höhere Beamte und Offiziere, sah aber keinen einzigen persönlichen Bekannten. Die Kameraden hingegen grüßten nach allen Seiten, scherzten mit den Mädchen, hatten aber auch zu den gutsituierten, ausschlaggebenden Kreisen, wie es schien, die besten Beziehungen. Wenn sie grüßten, so grüßte ich mit, zog tief den Hut, verbeugte mich in übertriebener Weise – und lachte krampfhaft.

»Erlaube mir, mich Ihnen vorzustellen,« begann ich ganz unvermittelt, »aber der Name tut nichts zur Sache. Wichtiger ist der Beruf des Menschen, das, womit er seine Tage verbringt. Und ich habe einen Nebenberuf, eine Passion meinetwegen, ein Privatvergnügen – ganz wie ihr wollt: ich handle mit alten Kleidern. Wenn Sie jemals in die Lage kommen sollten, meine Herren . . . Sie wissen nun, an wen Sie sich zu wenden haben. Postkarte genügt, ich komme sofort . . . Übrigens, wir sind jetzt gerade so gemütlich beisammen, vielleicht ließe sich gleich ein Geschäftchen machen. Ich zahle die höchsten Preise, garantiert, lassen Sie sich von meinen Konkurrenten nichts vorschwindeln. Es laufen nämlich hier in der Linkestraße so ein paar arme Teufel herum und platzen vor Neid über meine großartigen Verbindungen. Jawohl, meine Herren, Sie und ich, wir haben nämlich dieselbe Schulbank gedrückt, das mache ich mir jetzt natürlich zunutze. Ich appelliere an Ihr kameradschaftliches Gefühl . . . Das läßt sich einfach nicht aus der Welt schaffen, daß wir allesamt Schüler des kasparstädtischen Gymnasiums waren . . . Seither sind Sie freilich zu den höchsten Schichten der Gesellschaft emporgestiegen, während ich in den Niederungen des gemeinen Lebens . . . Aber Sie sind großherzig, erlauben mir sogar, in Ihrer Mitte zu verweilen und an Ihren erlesenen Gesprächen teilzunehmen. Ich habe dabei mein Profitchen im Auge, kann mans mir verdenken? Doch so was ist immer eine knifflige Sache, man muß sich drauf verstehen, es ist keineswegs so einfach . . . Ich freilich bin mit allen Hunden gehetzt und werde mir Sie, meine Herren, auf alle Fälle geneigt machen . . . habe Sie vorhin daran erinnert, daß wir eigentlich Kameraden sind, darf aber, was diesen kitzligen Punkt anbelangt, nicht zu weit gehen. Man muß da sehr vorsichtig sein, es könnte Sie verstimmen, und mit Recht; ich erlaube mir nachdrücklichst zu versichern: nichts liegt mir ferner als Überhebung. Ich weiß es gebührend zu schätzen, daß Sie sich zu mir herablassen, bin demütig, vergehe geradezu im Staube vor Ihnen. Mir kommt es nämlich vor allem auf das Geschäft an. Auf von Herrschaften abgelegte Kleider habe ich es abgesehen. Nun, wäre es nicht lächerlich, daran zu zweifeln, daß beispielsweise Herr Berlinghoff zu den Herrschaften zu rechnen ist? Sein Gang, seine Haltung, sein leutseliges Wesen . . . Herr Berlinghoff,« kreischte ich, doch meine Stimme war ohne Kraft und überschlug sich beinahe, »Sie tragen einen Mantel, der das Entzücken aller Kenner erregt. Das heißt, er ist schon etwas abgenutzt und, im Vertrauen gesagt, nicht mehr ganz modern. Ich biete zwanzig Mark. Auch sollten Sie daran denken, Ihre graugestreifte Hose vorteilhaft zu veräußern. Sie ist schon ein wenig ausgefranst und höchstens sechs Mark wert, ich aber biete Ihnen zehn, mit Rücksicht auf unsere langjährige Bekanntschaft.«

»Mach das Geschäft, Berlinghoff,« schrie Kettlitz, der wie besessen lachte.

»Mir ist es recht,« sagte Berlinghoff ruhig.

»Ich wußte, daß Euer Gnaden mein Angebot berücksichtigen würden,« murmelte ich begeistert, »also Mantel und Hose sind mein, geruhen Sie, diese Kleidungsstücke abzulegen, jetzt gleich, im Augenblick, ich kann es kaum erwarten . . . Wie? Sie zögern, Sie fürchten keine gute Figur zu machen? Das sind übertriebene Bedenken, Herr Berlinghoff, es wäre originell, besonders, da Sie so ein schneidiges Monokel tragen . . .«

Kettlitz lachte noch immer, und auch die anderen schienen belustigt zu sein. So seltsam es klingt: ich fühlte mich geschmeichelt. Plötzlich schob ich den Hut in die Stirn, schlug den Kragen hoch, änderte meine ganze Körperhaltung, gab mir ein plumpes und unbeholfenes Aussehen . . . Ich eilte voraus und machte den Kameraden Zeichen mit der Hand, sie möchten mir folgen und sich nichts entgehen lassen. Ich faßte einen älteren Herrn ins Auge, der sehr würdig aussah; er hatte einen wohlgepflegten Vollbart und war nach meiner Schätzung so etwas wie ein Oberst außer Dienst. Einen kleinen Knaben, jedenfalls sein Enkelkind, führte er an der Hand. Ich näherte mich diesem Herrn, ging dicht an ihn heran, machte einen Buckel und fragte – vorher aber sah ich mich rasch nach meinen Begleitern um und war ziemlich enttäuscht, denn sie waren nicht außer sich vor Vergnügen, wie ich erwartet hatte, sondern scheinbar etwas gelangweilt. Nichtsdestoweniger fragte ich den mutmaßlichen Obersten außer Dienst:

»Bitte vielmals um Entschuldigung? Haben Sie vielleicht alte Kleider zu verkaufen?«

Ich fragte es in demütigem Tone, starrte ihm aber dabei unverschämt ins Gesicht. Er blickte erstaunt auf, antwortete nicht und ging weiter. Ich aber wars noch immer nicht zufrieden, sondern schlich mich an andere Passanten heran und raunte ihnen zu: »Alte Kleider?« Dabei zog ich die Schultern hoch und bemühte mich überhaupt, eine besonders verächtliche Figur abzugeben. Nebenbei bemerkt, machte ich meine Sache so natürlich, daß ich nicht das mindeste Aufsehen erregte. Und jedesmal wandte ich mich um, um zu sehen, wie gewisse Leute es aufnehmen würden. Auf einmal waren sie verschwunden, ich konnte sie nirgends entdecken; ich war also allein und wurde ganz verzagt, wie ein Kind, das im Gedränge seine Mutter verloren hat. Jetzt überlegte ich, ob es nicht an der Zeit sei, mich wieder in einen Respekt einflößenden mittleren Beamten neunter Rangklasse zu verwandeln. Aber ich fühlte mich im Augenblick völlig unfähig dazu. Irgend etwas zwang mich, den einen oder andern der vorübergehenden Kavaliere aufs Korn zu nehme,?, ihnen diskret zu versichern: » . . . Postkarte genügt«, bei dieser Gelegenheit in Demut zu ersterben und zum Überfluß meine Schultern in komischer Weise zu verrenken – wahrscheinlich war es das verdammte Schnupfenfieber. Ein leises, aufreizendes Lachen, das unsichtbar an mein Ohr drang, ermunterte mich dazu, an einige junge Damen heranzugehen, die ohne männliche Begleitung waren. »Darf ich Ihnen fünf Minuten lang meinen männlichen Schutz angedeihen lassen?« fragte ich und zog den Hut. Das alles tat ich in der Erwartung, daß gewisse Leute es von ungefähr bemerken könnten. Es muß sehr komisch gewesen sein, denn die Mädchen fingen zu lachen an.

»Denken Sie nichts Schlechtes von mir,« flüsterte ich devot, »ich habe keine unsauberen Pläne, sondern im Gegenteil die reellsten Absichten. Ich handle mit alten Kleidern, Herrengarderobe, versteht sich . . . Nun, meine verehrten jungen Damen, Sie haben sicherlich einen Vater zu Hause oder einen Sohn oder gar einen Bräutigam, der Ihnen mit schwärmerischer Liebe ergeben ist. Empfehlen Sie mich, um Jesu Christi willen, diesen Herrschaften . . .«

Da tauchte Berlinghoffs Monokel irgendwo in der Menge auf; ich ließ die Mädchen stehen und steuerte darauf zu. Doch es war eine Verwechslung, die Kameraden blieben verschwunden. Ich machte mich auf die Suche, schob mich durch das Gewühl und verspürte blitzplötzlich eine übergroße Mattigkeit in allen Knochen. Ich war ernstlich unwohl und dabei in einer so eigentümlichen Verfassung, daß ich zu träumen vermeinte. Das, was ich jetzt tat, war gar zu verschieden von dem, was ich ursprünglich geplant hatte; besonders, wenn man bedenkt, daß ja meine harmlose Absicht gewesen war: ins Grand-Café zu gehen und Billard zu spielen, wie noch jedesmal an meinen dienstfreien Nachmittagen. Es begann zu regnen, und eine unbeschreibliche Wut erfüllte mich, Wut bis zu Tränen und Seitenstichen . . . nur mit Mühe . . . der Atem – blieb mir im Halse stecken. Ich haßte und verachtete Berlinghoff und diese anderen Laffen, diese Hohlköpfe, die nichts Besseres zu tun wußten, als in der Linkestraße stundenlang auf und abzurennen, sich gegenseitig anzuöden und dazu eine hochmütig-gelangweilte Miene aufzusetzen. Ich hätte jedem einzelnen von ihnen ins Gesicht spucken mögen . . . Und noch ein anderer tückischer Gedanke kam hinzu, bei dessen Aufblitzen ich einen Tobsuchtsanfall herannahen fühlte. »Du hast dich nicht ganz richtig benommen,« sagte ich mir, »du hast dich nicht ganz deiner Würde entsprechend verhalten, warst vor allen Dingen viel zu wenig herablassend . . .« Ja, diese Vorstellung ist wahrhaftig geeignet, einen Menschen, der etwas auf sich hält, um den Verstand zu bringen.

Ich hatte soeben in der Erwartung, plötzlich wieder auf gewisse Herrschaften zu stoßen, meinem Gesichte einen übertrieben strengen Ausdruck gegeben. Aber dieser Ausdruck wurde beeinträchtigt, denn abermals verspürte ich ein leises Zucken in den Gesichtsmuskeln. Es kam immer wieder, wurde heftiger . . . ging vom Kinn aus, zerrte den Mund in die Länge und lief über Augen und Stirn. Ich preßte mit aller Energie die Lippen aufeinander und blickte düster und entschlossen vor mich hin. Doch dieses unwillkürliche Zucken kam immer wieder und erschreckte mich begreiflicherweise, besonders, da ich mir eingestehen mußte . . . Ich hatte, genau genommen, das Verlangen, das schüchterne Verlangen – eine Grimasse zu schneiden. Für solche Scherze aber war nicht der rechte Augenblick.

»Ich werde diesen Nichtstuern, diesen mokanten Idioten schon zeigen, daß mit mir nicht zu spaßen ist,« sagte ich laut – da kamen sie mir entgegen. Ich fragte mich, ob es geraten sei, taumelte ein paar Schritte – doch nun wurden auch sie meiner ansichtig. In diesem Momente mußte ich heftig niesen; das Schnupfenfieber ergriff mich mit aller Gewalt, ich zitterte beinahe vor Schwäche. Voller Unruhe forschte ich in ihren Mienen nach Spuren eines gehässigen Meinungsaustauschs über mich und mein Verschwinden.

Ich schloß mich ohne weiteres wieder an. Man verlor kein Wort über die ganze Sache. Aber aus ihrem Schweigen glaubte ich deutlich Geringschätzung herauszuspüren. Außerdem setzte sich merkwürdigerweise der Gedanke in mir fest, daß sie irgend etwas Außergewöhnliches von mir erwarteten, eine kleine lustige Rede etwa oder dergleichen. Ich öffnete schon den Mund, doch Kettlitz kam mir zuvor.

»Kinder,« sagte er, »ich habe den Korso satt, er wird allmählich langweilig. Es ist auch kein einziges passables Frauenzimmer mehr zu sehen; haben sich alle verlaufen . . . Wir wollen jetzt der Sieblerschen Weinstube einen Besuch abstatten, das Klügste, was man machen kann . . . Oder halt! Noch besser, ihr kommt zu mir! Vorwärts, ihr seid feierlich eingeladen. Ich habe nämlich meiner Tante neulich eine ganze Flasche Kognak gestohlen, säuft ohnehin zuviel, das alte Luder . . . Ich wollte den Kognak allein aus saufen, aber meine Christenpflicht gebietet es mir . . . «

Er verstummte, und wir verfielen in eine schnellere Gangart. Der Korso war in der Tat schon abgeflaut, und zudem begann es stärker zu regnen.

Ich wußte nicht, was ich tun sollte; ich ging einfach mit. Zwar wurmte es mich, daß Kettlitz es unterlassen hatte, an mich eine besondere Aufforderung zu richten. »Aber das versteht sich doch von selbst,« sprach ich in Gedanken, »er hat alle eingeladen, folglich gehe ich mit,« kicherte ich in mich hinein, obgleich mir keineswegs zum Lachen zumute war.

Ich ging willenlos mit den anderen und überlegte fortwährend . . . Ich begriff, daß man mir ein schweres Unrecht zugefügt, daß man mich verächtlich behandelt, beleidigt, ja geradezu in unverantwortlicher Weise beschimpft hatte. Augenblicklich aber war ich nicht in der Lage, mir Genugtuung zu verschaffen. Mein Unwohlsein, meine körperliche Schwäche hinderte mich daran. Nichtsdestoweniger war ich fest entschlossen . . . nur sparte ich meine Revanche für einen geeigneteren Zeitpunkt auf. Aber irgendetwas mußte trotz alledem jetzt gleich geschehen. Es beunruhigte mich sehr, so schweigend neben den anderen einherzumarschieren. Kurz und gut, diese ganze Situation war mir unerträglich. Ich hatte das Bedürfnis, irgendwie die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, geheimnisvoll zu tun – das Seltsamste aber war, daß ich den Mund nicht halten konnte. So sehr es auch in meiner ursprünglichen Absicht gelegen war, mich in ein düsteres Schweigen zu hüllen – ich hielt es einfach nicht aus, es half alles nichts: ich mußte plappern.

Plötzlich zog ich Berlinghoff mit mir fort, als hätte ich ihm etwas Diskretes mitzuteilen. Wir gingen voraus und ich flüsterte in wachsender Erregung:

»Lieber Berlinghoff, wir sind doch alte Kameraden, nicht wahr? Wir haben einander zwar lange nicht gesehen, aber immerhin . . . Ich habe zuvor eine Bemerkung über dein Monokel gemacht, nimm mir das nicht übel, denn nichts lag mir ferner, als dich beleidigen zu wollen. Trag Monokel, soviel du willst, meinetwegen in jedem Auge eines,« ich lachte krampfhaft, »das geht keinen etwas an. Ich bin der letzte, der sich um solche Kleinigkeiten kümmert, ich beurteile jeden Menschen nach seinem Charakter . . . aber ich mache so meine harmlosen Glossen, aus Gutmütigkeit, ohne beleidigende Absicht. Ich bin nun einmal ein eigentümlicher Mensch, ein Sonderling, wenn du willst, ja ein Sonderling, das ist der rechte Ausdruck. Ich habe nämlich meine kleinen Geheimnisse, die mir ein fabelhaftes Vergnügen bereiten. Geheimnisse sage ich dir, von denen kein Mensch sich auch nur den leisesten Begriff machen kann . . . Und jetzt bin ich übrigens beschwipst.«

Ich hielt inne und wunderte mich über mich selbst. Dieser glänzende Einfall war mir von ungefähr gekommen. Jawohl, ich war ein wenig angetrunken, das entschuldigte alles; nun mußte man endlich ein Einsehen haben.

»Was? Beschwipst? Du hast getrunken?« fragte Berlinghoff erstaunt und ungläubig, wie mir schien.

»Ja, weißt du, ich hatte euch doch vorhin im Gedränge verloren, da habe ich so im Vorbeigehen ein Gläschen Kümmel . . . oder Cherry-Brandy . . . « stotterte ich verwirrt, »daß heißt, ich bin kein Säufer, nur meiner Erkältung wegen ein Gläschen oder zwei – in diesem Hundewetter! Aber das hat mich schon sozusagen benebelt, weil ichs eben nicht gewohnt bin.« Ich lachte krampfhaft, torkelte ein wenig, wie Betrunkene es tun, und stieß Berlinghoff augenzwinkernd an. »Übrigens, Geheimnisse sage ich dir . . . Ich weiß eine Menge der interessantesten, der unschätzbarsten Dinge, teile sie aber niemandem mit, sondern ziehe es vor, meine Wissenschaft für mich zu behalten. Warum? Nun, einfach darum, weil es doch kein einziger Mensch verstehen würde. Aber vielleicht wird man mir einmal ein Denkmal setzen. Es ist sogar so gut wie gewiß, daß man mir nach meinem Tode ein Denkmal errichten wird . . . Übrigens steht mein Ende nahe bevor,« flüsterte ich, »und ich bitte dich, meinen Worten Glauben zu schenken. Sie sind wohl überlegt, es ist mein voller Ernst. Mein Leben geht rasch zur Neige. Ich bin krank. Es überrascht dich zweifellos, daß ich mit solcher Ruhe davon spreche. Dieses aber hat seinen besonderen geheimen Grund, den ich dir unmöglich verraten kann.«

In dieser Weise plapperte ich fort. Ich versuchte zu erkennen, was für einen Eindruck es auf Berlinghoff machte, doch sein Gesicht verharrte in Unbeweglichkeit, wahrscheinlich infolge des Monokels, das er trug. Schließlich zuckte er die Achseln und sagte: »Das ist alles nur Einbildung, mein Lieber.«



V

Bald standen wir vor dem Hause, wo Kettlitz wohnte. An der Tür zögerte ich, ging aber doch mit hinauf. Ein möbliertes Zimmer im dritten Stock, geräumiger und besser eingerichtet als das meine. Seidene Portieren, ein großer eleganter Teppich . . . Es herrschte jedoch ziemliche Unordnung. Kettlitz zündete die Petroleumlampe an, stellte sie auf den Tisch und lud uns zum Sitzen ein. Er zog sich Schlafrock und Hausschuhe an, scherzte mit den Gästen, die, von meiner Wenigkeit abgesehen, allesamt schon öfters hier gewesen waren. Er war aber im Grunde eher verstimmt. Schlechte und heitere Laune schienen bei ihm fortwährend zu wechseln.

Er brachte tatsächlich eine mächtige Flasche Kognak zum Vorschein, die fast zur Hälfte geleert war, schleppte von irgendwo Gläser herbei und schenkte uns ein. Damit glaubte er seiner Pflicht restlos genügt zu haben; seufzend verstummte er, trank selber eins und gleich noch eins – und hielt folgende Ansprache

»Brüder, wir wollen uns keine Sorgen machen . . . Nehmt nur mit diesem Gesöff vorlieb, ich habe leider nichts anderes da. Übrigens ist es ganz guter, alter Kognak, meine Tante versteht sich auf dergleichen Dinge . . . Ich kann euch verraten, daß mir verdammt schlecht zu Mut ist, nun, jeder Mensch hat seine Sorgen. Die Hauptsache ist, daß man zusammenhält, daß man einander liebt, in drei Teufels Namen! Jetzt sind wir unter uns und brauchen nichts zu verheimlichen. Vorhin, da auf der Straße, unter lauter fremden Menschen war es mir geradezu ungemütlich. Keiner kennt dich, jedem bist du gleichgültig. Würdest du zu so einem hingehen und ihn mit höflichen Worten anpumpen – er würde dich einfach für geistesgestört halten. Hier aber sind wir Gottseidank vollkommen ungeniert . . . Nur keine Falschheit, jeder sage, was er auf dem Herzen hat. Das ist Christenpflicht,« sagte er dumpf, nahm plötzlich die Flasche und trank daraus. »Ich, zum Beispiel, brauche dringend zwanzig Mark. Hörst du, Berlinghoff?«

Berlinghoff gab sie ihm, und er wurde aufgeräumt.

»In acht Tagen bekommst du sie wieder, nur keine Hinterlist! Verflucht, man lebt nur einmal,« brummte er, »wir wollen ein Spielchen machen.«

Er holte Karten und die vier begannen zu spielen. Ich beteiligte mich nicht daran, saß steif in einer Ecke und sprach kein Wort.

»Pik-As!« schrie Kettlitz plötzlich, »gewonnen! Hat einer von euch Zigaretten da?« Niemand hatte welche da.

»Hols der Teufel, man muß unbedingt Zigaretten herbeischaffen. Die Geschäfte sind schon geschlossen, doch nicht weit von hier ist eine kleine Kaschemme, da gibt es Zigaretten in Hülle und Fülle. Wer will sie holen?« Aber niemand hatte Lust.

»Verdammt, meine Wirtin ist nicht zu Hause, ich selbst aber bin zum Umfallen müde, meine Herren.«

Da blickte mir Jünke voll ins Gesicht, sah mich ganz eigentümlich an und sagte:

»Heckfisch könnte die Zigaretten holen.«

Ich schlug die Augen nieder; alles Blut strömte mir zum Herzen.

»Bravo!« schrie Kettlitz, »du machst dich um uns verdient, Freund Heckfisch. Nimm gleich den Schlüssel mit, dann brauchst du nachher nicht zu klingeln. Hier ist Geld, gleich links, an der Straßenecke.«

Ich lächelte gezwungen und sagte: »Warum denn nicht? Euer gehorsamster Diener. . .« und machte mich auf den Weg. Auf der Treppe blieb ich stehen und überlegte, ob ich nicht . . . doch es war zu spät! Was hatte er gesagt? »Heckfisch könnte die Zigaretten holen!« Und bis dahin hatte dieser Jünke überhaupt nicht geruht, mit mir zu sprechen. Es war das erste Wort gewesen! Er wollte sein Mütchen an mir kühlen. »Ich bin doch kein Lakai, daß ich für andere Leute die Treppe hinunterlaufe,« dachte ich und zitterte vor Wut. Wie wärs, wenn ich jetzt doch noch?.. Aber nein, ich würde mich nur lächerlich machen. Und vielleicht hat er's gar nicht so gemeint,« beruhigte ich mich gewaltsam und lief auf die Straße, um nach der verdammten Kaschemme zu suchen.

Ich trat ein. Auf dem verlassenen Schenktische blitzte im Lampenlicht eine ganze Schnapsflaschenbatterie; der Wirt war nicht zu sehen. Ich spähte unruhig in de n düsteren Hintergrund. Dort stand ein zugedecktes Billard, von Bierfilzen überstreut. An den Wänden die Kreuz und Quer verstaubte Papiergirlanden. Beim Eingang saßen zwei Leute unbeweglich an einem Tisch. Ich wurde nicht recht klug aus ihnen. Sie dösten, anscheinend betrunken, vor sich hin.

»Ist denn niemand hier?« fragte ich laut und sah die Leute an; sie blieben stumm.

Das Warten paßte mir nicht, zumal da das dumpfe, niedrige Lokal teils lähmend, teils beunruhigend auf mich einwirkte. Meine Stimmung war trostlos; mich packte die Wut.

»Zum Teufel, will denn niemand kommen . . . das ist unerhört!« schrie ich und klopfte auf das durchsiebte Blech des Schenktischs. Zur Antwort begann hinter einer Tür ein Hündchen zu bellen. Ich klopfte erbittert fort, das Hündchen bellte wie rasend. Zu meinem Erstaunen erhob sich jetzt schwerfällig eine Gestalt: der Wirt, der hinter dem Schenktisch geschlafen hatte. Seine Augen blinzelten vergnügt, hefteten sich aber plötzlich mit finstrem Ausdruck auf mich.

»Was gibt's?« fragte er heiser.

»Ja, man läßt mich warten . . . Ich möchte 14.0pt; Zigaretten haben!«

»Wat? Zigaretten?« knurrte er und kam flink um den Schenktisch herum auf mich zu.

»Können Sie mich denn nicht verstehn? Wie oft soll ich's noch sagen . . . Ich will Zigaretten haben!« schrie ich außer mir. Er aber sah mir starr ins Gesicht und fing mächtig zu brüllen an: »Und deswegen darum machen Sie hier so'n Radau? Ich habe hier keinen Zigarrenladen nicht, verstanden? Zigaretten gibt's hier nur für meine Gäste, verstanden? Sieh mal einer an . . . « brüllte er und rückte mir auf den Leib. Ich retirierte mit klopfendem Herzen. Plötzlich wußte ich, daß die Kneipe voller Leute war, hatte nämlich schon vorher allerlei Stimmen gehört. Der Ausgang war mir verlegt.

»Du bist wohl nicht von hier, Mensch?« rief mir einer zu.

»Haben Sie mich wohl verstanden?« brüllte der Wirt und ließ von mir ab, denn er konnte, ergrimmt wie er war, nicht umhin, seinen Gästen diesen Fall so recht klar zu machen. Ein kleiner Kerl mit großem viereckigem Kopfe, gesträubtem Borstenhaar und käseweißem Gesicht pflanzte sich dicht vor mir auf und blickte mich unverwandt an, halb spöttisch, halb flehentlich, mit unendlicher Neugier. Sein eines Auge saß tiefer als das andre. Mir war alles egal. Ich hatte, Gott mag wissen warum, nur noch diesen einen Wunsch – die Zigaretten.

»Hören Sie doch mit dem Unsinn auf, Mann . . . und tun Sie mir endlich den Gefallen,« bat ich den Wirt mit gepreßter Stimme.

»Maxe, verkauf dem Herrn doch Zigaretten, wenn er welche haben will,« ließ sich da ein Alter mit struppigem Bart vernehmen.

»Na, kannst du mir denn das nicht gleich sagen, du dummes Luder. . .« antwortete ihm Maxe, der Wirt, und nickte mir beschwichtigt zu. Der Handel wurde geschlossen.

»Warum auch nicht – wenn er uns ne Lage zahlt,« lallte wie im Traum einer der beiden, die noch immer stumpfsinnig auf ihrem Platze hockten. Das unsichtbare Hündchen bellte und winselte. Ich machte, daß ich fortkam. Jemand steckte den Kopf heraus und rief mir nach:

»Mensch, du bist uns noch ne Lage schuldig!«

Tosendes Gelächter und plötzliche Stille, in der meine Schritte klangen.

Ich ging wieder hinauf und legte die Zigaretten mit gezwungenem Lächeln auf den Tisch.

Die Spielenden schienen mein Kommen nicht zu bemerken, sie waren zu eifrig bei der Sache. Ich sah aus einiger Entfernung zu. »Diese Idioten haben nichts anderes im Kopf,« dachte ich, und eine ohnmächtige Bitterkeit erfüllte mich.

Da gab ich mir einen Ruck. »Ich gehe jetzt,« sagte ich laut. Kettlitz warf mir einen flüchtigen Blick zu:

»Bleib doch noch ein bißchen.«

»Ich gehe jetzt, ich werde im Grand-Café erwartet,« style='font-size:14.0pt;color:black; background: sagte ich noch lauter und in gereiztem Ton. Kettlitz sah erstaunt auf und meinte nur:

»Nun, dann geh in Gottes Namen.«

Er verteilte gerade die Karten, und diese Beschäftigung schien seine Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch zu nehmen. Ich überlegte, ob ich mich ohne Abschied entfernen solle; unentschlossen, wie ich war, lispelte ich kaum hörbar: »Gute Nacht« – und erhielt keine Antwort. Ich rannte die Treppe hinunter, mit einem schmerzhaften Gefühl, einer fressenden inneren Leere. Noch zweimal blieb ich auf dem Treppenabsatz stehen und drehte mich um, als erwartete ich . . . als müßte noch irgend etwas geschehen, aber nichts geschah.

Im Hausflur hörte ich Schritte hinter mir; es war der Fremde, der sich gleich nach mir verabschiedet hatte. Dieser Doktor war mir in hohem Grade widerwärtig. Er hatte wasserblaue Augen und trug einen Kneifer – aber das ist das Wenigste. Stets zeigte er ein süßliches Lächeln, das seine Bereitschaft andeuten sollte, mit aller Welt in Frieden zu leben. Er war unausstehlich liebenswürdig. Dabei sprach er kein vernünftiges Wort, sondern gab nur hie und da nichtssagende Phrasen zum besten. Die Hauptsache aber ist, daß sich gleichwohl in seinem ganzen Gehaben eine gewisse Selbstgefälligkeit bemerkbar machte. Doch in diesem Augenblicke war ich sehr erfreut, ihn zu sehen; wir gingen zusammen die Straße hinunter.

»Feuchte Witterung,« murmelte er.

»Herr Doktor, wir kennen uns erst seit kurzer Zeit. Es ist immerhin möglich, daß Sie einen falschen Eindruck bekommen haben . . . Ich habe da vorhin allerhand Scherze getrieben, und Sie halten mich vielleicht für eine oberflächliche Natur. Aber es war, weiß Gott, nur eine Art Galgenhumor. Und was die jungen Leute anbelangt, mit denen ich, wie Sie gehört haben, zusammen auf der Schule gewesen bin. . . Ich will über sie nichts Schlechtes sagen, doch ich kenne sie, versteht sich, durch und durch. Ganz tüchtige Jungen, nur etwas leichtsinnig und vor allen Dingen – ein wenig beschränkt. Und mit den Wölfen muß man heulen, Sie begreifen das. In Wirklichkeit haben wir einander nichts zu sagen, uns trennt eine unüberbrückbare Kluft . . . Sie aber machen sich vielleicht unrichtige Vorstellungen. Es kann gar nicht anders sein,« sprach ich gereizt, weil er mich unterbrechen wollte, »doch ich erlaube mir zu bemerken: was ist denn Großes geschehen?

Ich habe, zum Beispiel, ein paar Witze erzählt. Ob Sie mir nun glauben oder nicht: ich persönlich kann mir nichts Langweiligeres denken, als Witze erzählen. Aber ich tat es nur in der harmlosen Absicht, zu der Unterhaltung das Meinige beizutragen. Ich bin, wie gesagt, ein harmloser Mensch, ein guter Kerl, he, he, genau wie Sie, will mit aller Welt in Frieden leben, bin froh, wenn man mich in Ruhe läßt.«

»Sie machen sich unnötige Vorwürfe.«

»Das ist es ja eben . . . weil es einem leicht passieren kann, daß man verkannt wird.« Hier verlor ich plötzlich meine Selbstbeherrschung, etwas zwang mich, wie im Fieber zu reden: »Ich habe meinem Kaiser treu gedient und werde ihm weiter dienen, das ist aller Ehren wert. Wenn Sie mirs doch nur glauben wollten, geradeSie,« murmelte ich flehentlich, »man tut mir unrecht: ich bin ein herzensguter Mensch.«

An der Straßenecke schüttelte er mir die Hand und wünschte mir eine angenehme Ruhe; ich war allein und beschleunigte meinen Schritt. Es war sehr spät geworden, dennoch wollte ich auf meine Billardpartie nicht verzichten, jetzt erst recht nicht. Das Grand-Café war zum Glück die ganze Nacht geöffnet; ich verkehrte dort seit Jahren als geachteter Stammgast. Ich konnte unmöglich nach Hause gehen . . . Besonders wurmte es mich, daß ich dem Herrn Jünke nicht gleich die gebührende Antwort erteilt hatte. Es wäre einfach genug gewesen, aber ich hatte leider nicht die Geistesgegenwart gehabt. Nun stellte ich mir im Geiste alles wieder recht lebhaft vor und begriff nicht, warum ich nicht . . . ich setze mich in Positur, fixiere den Jünke und sage: »Unterlasse gefälligst derartige Scherze.« Die Anwesenden erschrecken und sehen sich bedeutungsvoll an; sie bekommen Respekt und begreifen ohne weiteres, daß man einen Staatsbeamten nicht mit einem Laufburschen verwechseln darf . . . Wahrhaftig, dieser Jünke besaß nach allem, was vorgefallen war, die Unverfrorenheit, mir zuzumuten . . . »Heckfisch könnte die Zigaretten holen,« sagte er ironisch und blickte mich dabei ganz eigentümlich an. Ich bin nicht faul und erwidere schlagfertig: »Hol sie dir doch selber, mein guter Jünke.« Das macht den besten Eindruck, und ich habe obendrein, versteht sich, die Lacher auf meiner Seite. – Doch nichts von alledem war geschehen. Ich hatte ein paar läppische, demütige Worte gestottert und war gehorsam die Treppe hinuntergegangen.



VI

Da erblickte ich von fern das mir wohlbekannte, hell erleuchtete Portal des Grand-Café; das verscheuchte ein wenig meine trüben Gedanken.

In diesem Lokal erfreute ich mich nämlich eines ungewöhnlichen Ansehens. Das hatte folgenden Grund: Zufällig war ich dort einmal eingekehrt, kein Mensch kannte mich, ein Kellner aber behandelte mich nicht nach Gebühr. Ich beschwerte mich beim Wirt, wies mich als Steuerbeamten aus und drohte sogar mit dem Gericht. Es gelang mir auch wirklich, die Entlassung des Kellners durchzusetzen. Nun, mein Auftreten hatte damals allen Beteiligten gewaltig imponiert. Von diesem Tage an begann ich dort häufiger zu verkehren, und stets bediente man mich mit der größten Zuvorkommenheit. Ich nahm unter den Gästen geradezu eine Sonderstellung ein und war meinerseits bemüht, diese Stellung nach Möglichkeit zu befestigen. Uni nur eines anzuführen: ich vermied es ängstlich, die Zeche schuldig zu bleiben. Ich lebte dort einfach über meine Verhältnisse. Im ganzen machte ich den Eindruck eines begüterten Mannes von feinem und leutseligem Wesen, eines strengen, aber gerechten Menschen, der niemanden schikanierte, aber Ungehörigkeiten unter keinen Umständen duldete. Überdies war ich Staatsbeamter, man titulierte mich sogar Herr Inspektor, ohne daß ich Widerspruch erhob. Ich war ein Mensch, mit dem es sich leben ließ und mit dem man es sich außerdem nicht verderben durfte. Um aber die Wahrheit zu gestehen: oft ging ich nur in der geheimen Absicht hin, ein paar Mark einzustreichen. Es handelte sich, wie gesagt, lediglich um ein paar Mark, die ich nicht selten gewann, da ich ein ausgezeichneter Billardspieler bin, die ich freilich oft genug wieder verlor, woran einzig mein Leichtsinn schuld ist.

Kaum war ich diesmal eingetreten, als sich meine Haltung, mein Gang und meine Miene vollkommen veränderten. Sorglos und elastisch schritt ich zwischen den Tischreihen hindurch; in dem respektvollen Aufschauen der Gäste spiegelte sich der distingierte Eindruck wieder, den ich zweifellos erweckte. Ich aber benahm mich mit der gewohnten Sicherheit eines alten Stammgastes. Der Wirt eilte herbei und begrüßte mich; ich reichte ihm freundlich die Fingerspitzen. Das tat wohl. Dann ging ich in den Billardsaal. Der Oberkellner Heinrich nahm mir Hut und Mantel ab und fragte devot:

»Zu so später Stunde, Herr Inspektor?«

»Habe mich heute etwas verspätet,« entgegnete ich, »eine dienstliche Angelegenheit. Aber lassen wir das. Ich würde ganz gern eine Billardpartie . . . Haben Sie einen Partner für mich?«

Aber Heinrich lächelte entschuldigend:

»Es ist jetzt leider niemand da, Herr Heckfisch. Wir haben den ganzen Nachmittag auf Sie gewartet. Man hat sich nach Ihnen erkundigt, der Herr Leutgeber und auch der Herr Kommerzienrat. Doch ich will sehen, was sich machen läßt, vielleicht kommt doch noch jemand. Befehlen Sie eine Schale braun?«

Ich nickte, setzte mich hin und beschloß auf einen Partner zu warten. Um diese Stunde war ich noch niemals hier gewesen, und ich hatte mir sagen lassen, daß im Grand-Café zur Nachtzeit ein sehr zweifelhaftes Publikum verkehrt.

Es war fast leer in dem großen, halbdunklen Saal. Auf einem der Billards wurde gespielt, verdächtige Leute, Zuhälter jedenfalls. Die Mädchen, die ihnen zusahen, waren auffällig gekleidet und kicherten unanständig. Alles war mir ungewohnt, schien mir seltsam verändert und sogar ein wenig unheimlich. Ich tastete nach dem Dolchmesser in meiner Hosentasche und begriff nicht, warum ich doch noch hierher gekommen war, statt nach Hause zu gehen und zu schlafen. Aber der Mensch hat nun einmal-von Zeit zu Zeit so eigensinnige Ideen.

Das Beisammensein mit Berlinghoff und Konsorten war von so schlimmen Folgen für mich gewesen, daß ich . . . Ich konnte doch die Beleidigung nicht ruhig einstecken und einfach nach Hause gehen. Ich mußte irgend etwas zur Beruhigung meiner Nerven tun. Da war mir nun das Grand-Cast als der geeignetste Ort erschienen. Jetzt aber saß ich da und wartete auf einen Partner, der vielleicht gar nicht kommen würde. Es war mir, wie gesagt, sogar etwas unheimlich zu Sinn, besonders da ich ernstlich erkältet war und Fieber hatte.

Plötzlich erfaßte mich eine namenlose Wut. Ich hatte also eine lächerliche Rolle gespielt, hatte mich unnützerweise gedemütigt und die Verachtung dieser dummen Lassen geradezu herausgefordert? »Wie ist das nur gekommen,« fragte ich mich stöhnend, machte aber zugleich ein blasiertes, frostiges Gesicht, denn Heinrich stellte mir gerade den Kaffee hin, wofür ich mit hoheitsvollem Kopfnicken dankte. »Wie ist das nur gekommen,« dachte ich fieberhaft. »Ich bin in jeder Hinsicht besser als sie. Ich verachte sie, habe sie immer verachtet, und dennoch . . . Aber es hat keinen Sinn, darüber nachzudenken.«

Ich fuhr zusammen; vor mir stand immer noch der Oberkellner und flüsterte:

»Herr Inspektor, ich hatte einen Partner da, aber ich weiß nicht recht, ob es schicklich ist . . . Vielleicht belieben Sie mit ihm zu spielen, da sonst kaum mehr eine Partie zustande kommen wird. Es ist nämlich ein ungebildeter Mann, ein einfacher Arbeiter.«

Ich atmete erleichtert auf, erhob mich und legte dem Kellner die Hand auf die Schulter.

»Lieber Heinrich,« sagte ich mit schnarrender Stimme, »ich habe mit einfachen Arbeitern lieber zu tun, als beispielsweise mit Zuhältern.« Ich schielte nach der bewußten Ecke, wo sich Gezänk bemerkbar machte.

»Selbstverständlich, Sie haben vollkommen recht, Herr Heckfisch. Übrigens kenne ich den Mann, er heißt Meschelke und kommt öfters her. Ein hochanständiger Mensch.«

»Wie spielt er denn?« fragte ich zur Vorsicht.

»Ganz gut, Herr Heckfisch, nicht schlecht; kann sich aber mit Ihrem Spiel nicht im entferntesten vergleichen. Wir werden schon mit ihm fertig werden,« sagte er lächelnd, und sein hageres Gesicht zuckte nur so; er verschwand.

»Es bleibt dabei: ich habe eine lächerliche Rolle gespielt,« sprach ich zu mir. »Ich war ein Hanswurst, wie damals in der Schule, ganz derselbe, aufs Haar genau.« Ich dachte angestrengt weiter nach und murmelte unhörbar: »Vielleicht nehme ich diese Angelegenheit zu wichtig. Wozu sich aufregen, es schadet nur meiner Gesundheit. Genügt nicht das Bewußtsein, daß ich besser bin als sie? Ich verachte sie – und damit ist die Sache abgetan. Ich verzeihe ihnen sogar . . . Doch nein, ich fühle, daß ein Stachel in mir zurückgeblieben ist – es läßt mich nicht zur Ruhe kommen. Weder verachte ich sie, noch bin ich fähig, ihnen zu verzeihen, sondern ein unversöhnlicher Haß lebt in mir. Ja, ich bin unversöhnlich. Schon als Kind brachte ich es nicht fertig, um Verzeihung zu bitten, kein Zureden half, man mußte mich durch Schläge dazu zwingen. Und ebensowenig ist es mir gegeben, den anderen zu verzeihen. Ich hasse Berlinghoff und die anderen, auch den Doktor, wünsche ihnen Böses . .. Nur keine Sentimentalität, nur nicht sich selbst belügen: ich bin bei klarem Verstand und wünsche Berlinghoff – nicht gerade den Tod. Aber könnte er mal zufällig seine Zeche nicht bezahlen, so würde ich trotz meiner zum Platzen gefüllten Brieftasche unsäglich bedauern . . . Ach was, ich wünsche . ihnen die Pest an den Hals!«

Alsbald näherte sich mir ein ungeschlachter und unrasierter Mann mit großem, schwarzem Schnauzbart; er hatte etwas linkische Bewegungen, wirkte aber im ganzen sehr bedächtig. In seinen Augen war ein höchst seltsamer, kindlich verschüchterter Ausdruck. Ich überlegte eine Sekunde lang, ob es nicht tatsächlich unter meiner Würde sei, doch in der Not frißt der Teufel Fliegen. Ich nahm mir infolgedessen vor, dem Grand-Café einen vollen Beweis meiner Leutseligkeit zu liefern und schüttelte Herrn Meschelke die Hand. Aber ausschlaggebend war der fast sichere, wenn auch nur bescheidene Geldgewinn, der mir da winkte. Ich war sehr knapp bei Kasse, das verdarb mir schon lange die Stimmung, und jetzt war die beste Gelegenheit . . . wie gesagt, mit ein paar Markstücken wollte ich schon zufrieden sein. Auch meine Spielleidenschaft erwachte; es ist ein vergnüglicher Gedanke, so leicht zu Geld zu kommen. Ich konnte es kaum erwarten, ließ mir aber nichts anmerken, sondern schnitt ein gelangweiltes Gesicht.

Heinrich brachte die Bälle und das eigens für mich reservierte Queue. Bei diesem Spiel handelt es sich darum, mit einem der Bälle die beiden anderen zu treffen. Die Sache sieht einfach genug aus, erfordert jedoch ein scharfes Auge und eine besonders ruhige Hand. Um aber dreißig oder vierzig solcher gelungenen Stöße hintereinander machen zu können, dazu bedarf es einer jahrelangen Übung. Bisweilen glückten mir sogar noch größere Serien. Außerdem war mein Spiel wegen seiner Schönheit, Eleganz und Sicherheit rühmlichst bekannt. Natürlich spielt man nicht immer gleich gut, es hängt ganz davon ab, wie man disponiert ist. Und das ist eine eigentümliche Sache: ist man in der rechten Stimmung, so geht alles wie geschmiert. Man braucht gar nicht erst lange zielen, jeder Stoß gelingt. Wahrhaftig, man sieht gar nicht hin, setzt an, stößt los, und die schwierigsten Bälle kommen, als sei es gar nicht anders möglich. Ist man aber nicht bei Stoß, dann ists gerade umgekehrt. Du kannst dich noch so sehr anstrengen, jeden Ball noch so genau ins Auge fassen: du spielst miserabel, ärgerst dich, bist von Pech verfolgt, kommst auf keinen grünen Zweig. Kurzum, wie verhext.

Ich schlug Meschelke eine Mark als Einsatz vor; er zögerte, war aber schließlich einverstanden. Er hatte den Anstoß, und ich beobachtete sein Spiel. Man schien von der Sache blutwenig zu verstehen, man konnte nicht einmal das Queue ordentlich halten. Plötzlich gewahrte ich, daß uns jemand zuschaute. Wenige Schritte entfernt saß ganz zusammengeduckt ein schmächtiger Mann, an die vierzig Jahre, mit bleichem Gesicht; er rauchte krampfhaft und ließ die Augen umherschweifen. Offenbar brachte ihn die ungewohnte Umgebung in Verlegenheit. Er war noch schlechter gekleidet als Meschelke; die beiden gehörten wohl zueinander.

Mein Partner ließ einen Ball aus, die Reihe war also an mir. Sorgfältig kreidete ich mein Queue und begann. Aber es wollte nicht recht gehen. Das ist zu Anfang fast immer so. Erst nach einigen Stößen kommt man in Schwung. Nur war mir der Gedanke unangenehm, daß mich Meschelkes Begleiter für einen Stümper ansehen könnte. . . »nun, der wird Augen machen,« dachte ich. Übrigens spielte ich absichtlich nicht mit meiner vollen Stärke, um Meschelke nicht abzuschrecken. Denn mit dieser einen Mark durfte es keinesfalls sein Bewenden haben. Mein Partner bekam allmählich einen ziemlichen Vorsprung, ich aber blieb unbesorgt; hatte ich ihn doch vollkommen in meiner Hand. Es galt allerdings, auf der Hut zu sein, den Vorsprung unauffällig einzuholen und – knapp zu gewinnen. Doch Meschelke machte plötzlich eine größere Serie und erreichte unversehens die vereinbarten hundert Points. Er hatte gewonnen.

»So ein Kerl,« dachte ich erbost, faßte mich aber rasch . . . »ein dummer Zufall.«

»Bravo,« sagte ich mit gezwungenem Lachen, »hier ist Ihre Mark, mein lieber Meschelke. Wir wollen noch eine Partie spielen, wie? Diesmal um zwei Mark, ist es Ihnen recht?«

»Das ist zuviel, nee, das geht wirklich nicht! Wir wollen wieder um eine Mark spielen . . . verlier ich sie, na, dann habe ich sie eben verloren,« antwortete er stockend und sah mich darauf eine ganze Weile hilflos an.

»Ach was, machen Sie doch keine Geschichten, es hat sonst keinen Reiz für mich. Vorwärts . . . es spielt doch wahrhaftig keine Rolle,« ermunterte ich ihn mit schnarrender Stimme, und betrübt willigte er ein.

Ich war ganz versessen auf das Geld, wenngleich es sich nur um eine sehr bescheidene Summe handelte. Es machte mir trotzdem Spaß. »Man kann die paar Groschen immer gut gebrauchen,« dachte ich verschmitzt. »Wenigstens eine kleine Freude nach den Unannehmlichkeiten des Tages; die will ich mir nicht verkümmern lassen.« So war meine Auffassung von der Sache. Und die zweite Partie mußte ich ja gewinnen, das war klar. Meine Überlegenheit stand außer Frage. Ich war entschlossen, diesmal kurzen Prozeß zu machen. Wir hielten uns eine Weile auf gleicher Höhe; ich kam nämlich immer noch nicht recht in Schwung, zweifelte jedoch keinen Augenblick an dem günstigen Ausgang. Vorläufig kämpfte Freund Meschelke tapfer. Er schob sich, schwerfällig wie ein Bär, um das Billard herum, spielte wie ein Anfänger, ohne jede feinere Kunst, doch feine Bälle kamen mit erstaunlicher Sicherheit. Ich war etwas im Vorteil, doch plötzlich war er mir voraus, und der Abstand vergrößerte sich immer mehr. Ich wurde unruhig, wollte den Vorsprung einholen, kam aber nicht vom Fleck. »Sollte ich tatsächlich schlecht disponiert sein?« dachte ich . . . »ach was, dummes Zeug, mit solchen Leuten wirst du immer noch fertig.« Dieser Mensch, der dabeisaß und zuschaute, ging mir auf die Nerven; er starrte mich unverwandt an, wenigstens schien es mir so. Plötzlich befiel mich eine große Schwäche. Ich biß die Zähne zusammen und blickte finster auf Meschelke, in den anscheinend der Teufel gefahren war. Haut drein wie ein Schlächtergeselle, macht aber jeden Ball; ein ordinäres Spiel. Ich paßte scharf auf, ob ihm nicht etwa ein Fehler unterlaufe. Touchiert man nämlich, das heißt berührt man vor dem Stoß aus Versehen einen der Bälle, so muß man aufhören, und der andere kommt an die Reihe. Aber er ließ sich nichts derartiges zuschulden kommen. Und mir nichts dir nichts gewann er die Partie.

Ich wühlte mit zitternden Fingern in meiner Tasche und suchte ein Zweimarkstück hervor. Meschelke hielt mir die Hand hin, doch ich schmiß das Geld auf den Tisch.

»Danke auch,« sagte er gutmütig, »das nächste Mal werden Sie mehr Glück haben.«

»Wir spielen weiter,« meinte ich erregt.

»Es wird mir zu spät . . . Himmel, schon 14.0pt; halb eins vorüber!«

»Das ist doch wahrhaftig nicht spät! Wir spielen weiter, versteht sich von selbst, Sie sind mir Revanche schuldig, Herr Meschelke. – Und um drei Mark,« sagte ich beinahe flehentlich und ließ ihn gar nicht mehr zu Worte kommen. »Heinrich,« brüllte ich, »was haben Sie uns da für Bälle gegeben, ganz unelastisch, da soll der Teufel damit spielen. Ich bitte mir anständige Bälle aus!«

Der Kellner ging sie holen; es entstand eine kleine Pause.

»Wohnen Sie in dieser Gegend, Herr?« fragte Meschelke und sah mich unsicher an. Wahrscheinlich drückte ihn das Schweigen. Vor lauter Wut aber antwortete ich nicht; so wurde eine Weile nichts gesprochen.

»Justav,« sagte er plötzlich, »nimm dir doch noch ne Zigarette!«

Der schmächtige Mensch stand auf und näherte sich uns. Er blickte fragend auf Meschelke, der ihm Zigaretten anbot, verharrte aber plötzlich regungslos und bewegte nur die Lippen, ohne ein Wort hervorzubringen.

»So nimm dir doch noch eine, Menschenskind,« ermunterte ihn Meschelke. Endlich bediente sich Gustav und kehrte mächtig rauchend auf seinen Platz zurück.

Eine neue Partie begann. »Gewinne ich die,« dachte ich, »dann kriege ich mein Geld wieder, mehr will ich gar nicht haben; dann hol diesen Meschelke der und jener, ich mache, daß ich nach Hause komme . . . Daß ich ein drittes Mal verliere, ist ja so gut wie ausgeschlossen. Vorhin, da habe ich mir einfach keine Mühe gegeben, nun aber werde ich mich gehörig ins Zeug legen. Ich bin übrigens durchaus nicht schlecht disponiert, das ist alles nur Einbildung, ich bin sogar ziemlich gut bei Stoß . . . nur ist unbegreiflicherweise eine kleine Hemmung da; die gilt es zu überwinden.« – Ich gab mir innerlich einen Ruck, wurde ganz munter und bildete mir sogar ein, ich hätte absichtlich verloren, bloß um hinterher den Meschelke durch mein ausgezeichnetes Spiel vollkommen zu verblüffen. Die Reihe war an mir: ein kinderleichter Ball! Ich lächelte überlegen; ich war entschlossen, gleich mit einer größeren Serie anzufangen, setzte mein Queue mit elegantem Schwunge an, zielte sorgfältig – doch was war das? Starkes Herzklopfen, mir flimmerte vor den Augen; hastig stieß ich los und verfehlte. Schrecken erfaßte mich, denn es war, wie gesagt, ein kinderleichter Ball gewesen.



VII

Ach begriff, daß ich nicht auf der Höhe meines Könnens war. Kein Wunder: man hat sich müde gelaufen, noch dazu Arger gehabt, und erkältet ist man obendrein, der Blick ist getrübt und auch die Hand sitzt unruhig im Gelenk. Aber ich wußte andrerseits, daß man jede Indisposition durch Willenskraft besiegen kann. Man darf sich nicht verloren geben, darf nicht locker lassen. In diesem Sinne machte ich alle möglichen Anstrengungen. Ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit und prüfte jeden einzelnen Ball. Hatte ich die beste Art, wie man ihn spielen könnte, herausgefunden, so zielte ich vielleicht eine halbe Minute lang; bei dieser ganzen Prozedur vermied ich alle sprunghaften und leichtfertigen Bewegungen, doch regelmäßig begann im letzten Augenblick meine Hand ein wenig zu zittern . . . »Das ist nicht der richtige Weg,« sagte ich mir, »du nimmst es zu schwer. Man muß dem bösen Feinde ohne viel Umstände zu Leibe rücken: heiter, frohgemut, furchtlos, so machen, als wüßte man von nichts!« In diesem Sinne leistete ich mir einen ausgesprochen humorvollen Stil, trällerte ein Liedchen, pfiff mir eins, näherte mich dem Billard mit tänzelnden Schritten, streifte auch die schwierigsten Bälle nur mit einem verächtlichen Blick, der besagen sollte: »Für mich ein Kinderspiel!« Ich zielte kaum, stieß munter los, aber mir war, als hätte ich kein Queue, sondern einen Klotz in der Hand. Kurz und gut, ich spielte erbärmlich . . . Meschelke hingegen spielte mit unverminderter Sicherheit; er war mir natürlich schon weit voraus. Ohne Zweifel war er glänzend disponiert. Ich mußte es ohnmächtig mit ansehen, wie sich der Abstand immer mehr vergrößerte, doch ich ließ die Hoffnung nicht sinken. »Komme ich in Stoß,« dachte ich fieberhaft, »gelingt es mir, diese nervöse Störung zu beseitigen, so gewinne ich jederzeit mit dem kleinen Finger; mag sein Vorsprung auch noch so groß sein.« Da durchzuckte mich der tobsuchterregende Gedanke, ich könnte trotzalledem verlieren, ja, daß dies nach der Lage der Dinge kaum mehr zu vermeiden sei, und mein Herz kämpfte sich zusammen. Es handelte sich wahrhaftig nicht um die lumpigen Pfennige. Aber hat man seine dienstfreien Nachmittage etwa dazu, um von sogenannten »Kameraden« in der lieblosesten Weise verhöhnt und beleidigt zu werden? Und jetzt sollte ich mir noch zuguterletzt von einem Bauernfänger mein sauer verdientes Geld abnehmen lassen? »Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Freund Meschelke,« murmelte ich und zwang mich zur Ruhe, denn das war selbstverständlich die erste Vorbedingung . . . Mit besonderer Bitterkeit erfüllte mich sein linkisches, läppisches Getue. Ich mußte geradezu lachen. Er benahm sich so ungeschickt wie möglich, legte sich mit seinem schwerfälligen Körper der Länge nach über das Billard und zielte bedächtig; plötzlich stieß er los, fuhr angstvoll zurück, als hätte er Feuer berührt, und jedesmal, wenn der Ball auch richtig kam, nickte er befriedigt mit dem Kopf. Dabei spielte er, wie gesagt, mit verblüffender Sicherheit. Oft freilich kamen seine Bälle nur durch Zufall, sie waren ganz anders berechnet gewesen; Schwein hatte er also außerdem . . . »Das soll mich nicht anfechten,« dachte ich. Die Reihe war wiederum an mir, ich begann und sieh da, es ging. Ich machte kaltblütig ein paar Points und schöpfte frischen Mut: der Bann war offenbar gebrochen. Freudig spiele ich weiter, schon ist es eine respektable Serie, vielleicht gelingt es mir . . . doch ich fühle es herannahen und unvermittelt ist es da: eine unerklärliche Schwäche befällt mich. – Noch ein paar matte und unsichere Stöße; es brach ab.

»Sie sind heute wohl gar nicht bei Stoß? Na, ich mache es oft genug auch nicht viel besser,« sagte Meschelke. Ich warf ihm einen giftigen Blick zu.

»Nu wirds aber Nacht,« ließ sich plötzlich auch Gustav vernehmen. Es stellte sich also heraus, daß er ganz gut sprechen konnte, wenn es darauf ankam. Was hatte er gesagt? Ich war unangenehm berührt, ich begriff nicht recht, was diese Redensart für eine n Sinn haben sollte. Aber das eine entging mir nicht: er war schadenfroh. Unverwandt folgte er mit seinen pfiffigen Augen durch den dichten Tabaksqualm hindurch, der ihn umgab, jeder einzelnen meiner Bewegungen . . . Die Antwort blieb ich dem einen wie dem andern schuldig, war nicht so dumm, mich in ein Gespräch einzulassen. Ich spielte miserabel, war aber nach wie vor entschlossen, die Partie zu gewinnen, und hoffte bis zum letzten Augenblick. Aber diese Leute aus der bewußten Ecke, aus der Zuhälterecke, näherten sich uns von Zeit zu Zeit in bedenklicher Weise, nur so der Gemütlichkeit halber . . . um ein bißchen zuzugucken. Es war mir fast, als hätte man ein ganzes Komplott gegen mich geschmiedet. – Meschelke spielte mit Schwung, er leistete sich eine größere Serie. Ich trat zum Oberkellner, der in einiger Entfernung, an einen Pfeiler gelehnt, gleichfalls zusah.

»Heinrich,« flüsterte ich lächelnd, »was sagen Sie dazu? Dieser Meschelke nimmt mir eine Partie nach der andern ab . . . Es handelt sich natürlich nicht um das Geld, aber es ärgert einen doch, daß so ein Stümper . . .«

»Sie sind nicht in der richtigen Stimmung, Herr Inspektor,« antwortete Heinrich flüsternd, »hören Sie lieber auf. Es läßt sich nicht zwingen.«

»Ja, vielleicht wäre es das Beste,« flüsterte ich scheinbar gleichmütig und warf gehässige Blicke auf Meschelke: ich hatte geglaubt, daß mein geheimnisvolles Einverständnis mit dem Kellner ihn in Verwirrung bringen würde, doch weit gefehlt! Er ließ keinen einzigen Ball aus, die Serie wurde immer größer, er mußte in ganz kurzer Zeit hundert Points erreicht haben. Ich fühlte, daß ich ganz blaß wurde. Es war unheimlich still. Die Straßenlaternen blinzelten durch die beschlagenen Fensterscheiben; man hörte nur das Klappern der Bälle . . . Meschelke wandte mir traurig sein Gesicht zu.

»Noch eine Partie,« sagte ich heiser.

»Wo denken Sie hin, Herr, schlafen muß der Mensch doch auch ein bißchen,« sagte Meschelke, zählte sorgfältig das Geld nach und steckte es ein. »Da gehen Sie heute eben überhaupt nicht mehr schlafen! Machen Sie es so wie ich, Herr Meschelke, ich muß auch in aller Frühe wieder auf dem Posten sein, im Ministerium . . . Nun, spielen wir noch eine,« antwortete ich rasch und wandte mich ab.

»Gewiß, Sie sind ein anständiger Mensch, sehr korrekt, ich spiele gern mit solchen Leuten . . . « murmelte er bekümmert und sah fragend zu Gustav hinüber, der aber eingenickt war. Wir singen an. Es ging um sechs Reichsmark, wie sich das ganz von selbst verstand. Auf diese Weise mußte ich über kurz oder lang wieder zu meinem Gelde kommen. Ich war gewillt, die Sache unter allen Umstanden zu einem günstigen Ende zu führen und gegebenenfalls sogar auf meine Nachtruhe zu verzichten. Dieser feste Entschluß erfüllte mich mit einer eigentümlichen Gelassenheit. Nicht etwa, daß es besser gegangen wäre, im Gegenteil. Meine Unfähigkeit hatte den Gefrierpunkt erreicht. Ich war einfach wie gelähmt, und der Kommerzienrat, mit dem ich für gewöhnlich zu spielen pflegte, hätte wahrhaftig seinen Augen nicht getraut. Aber ich vermochte wenigstens klar zu überlegen: »So steht es also,« sprach ich mit erzwungener Heiterkeit zu mir selbst. »Was ist weiter dabei? Nur keine Aufregung! Doch es ist kaum zu begreifen . . . woran mag es liegen?« dachte ich erbost und bemühte mich dahinterzukommen. »Ich bin ein anerkannt vorzüglicher Spieler, und dieser Stümper da . . . Ich habe ein scharfes Auge, eine sichere Hand, man beneidet mich allgemein darum, und jetzt spiele ich nicht etwa nachlässig, sondern strenge mich übermenschlich an, bin zum Äußersten entschlossen. Es will und will nicht gehen. Meine Nerven sind vergiftet,« murmelte ich. »Vielleicht ist es das Böse in mir,« dachte ich in heiterem Scherze, »oder besser noch der Böse, der von mir Besitz ergriffen hat. Ich gerate in Wut, doch er weicht nicht von hinnen, ich zwinge mich zur Kaltblütigkeit, alles umsonst. Nun, das ist nicht erstaunlich, denn leicht ist ihm nicht beizukommen. Er ist mit allen Hunde n gehetzt, genau wie der alte Zagelow, und akkurat wie dieser hat er Zeit seines Lebens glücklich spekuliert. Aber sollte man es für möglich halten, daß der böse Feind selbst der heiteren Ironie widersteht? Ich bin nachgiebig, höflich und resigniert, aber das macht gar keinen Eindruck auf ihn, das ist so seine Art . . . Wollen mal sehen, wer es länger aushält, man darf ihn jedenfalls nicht aus den Augen lassen,« murmelte ich, entzückt über diesen weltmännischen Gedankengang, und starrte plötzlich unausgesetzt auf irgendeinen Punkt in der Luft, um den bösen Feind zu vertreiben. Aber mein Blick wurde aus begreiflichen Gründen abgelenkt: ich durfte nämlich meinen Freund Meschelke nicht ganz ohne Aufsicht lassen. Wie leicht hätte er, zum Beispiel, touchieren können! Das passierte ihm freilich kein einziges Mal; er spielte mit einer Sicherheit, die mich bei seiner mangelhaften Technik immer wieder in Erstaunen setzte. Ich sah mit sachlichem Interesse zu: er scheint das Billard als eine Art Hobelbank zu betrachten, hat die Ärmel zurückgekrempelt, schnauft und haut drein, als gelte es Kegel schieben. Dabei fiel mir noch mehr als früher eine gewisse Hast an ihm auf. Er war mit verdächtigem Eifer bei der Sache, und plötzlich sah ich manches in anderem Licht. Offenbar hatte er einzig und allein seinen Vorteil im Auge; das war kein schöner Zug. Er hatte doch unverdientes Glück gehabt, alle Partien gewonnen und hätte mich nun schließlich eine gewinnen lassen können. Das ist nicht wörtlich zu verstehen, ich hatte kein Recht, es zu verlangen, doch immerhin, er hätte sich nicht so ungeniert ins Zeug legen brauchen . . . »Freilich, wir spielen um sechs Mark,« dachte ich voller Wut, »gewinnt er die, so hat er mir im ganzen zwölfe abgeluchst, verliert er jedoch, dann sind wir quitt. In diesem Falle bekomme ich ja bloß mein Geld zurück, und kein Mensch hat einen Schaden erlitten.« Nichts schien mir natürlicher zu sein als dieser Gedankengang. Übrigens sah er doch, wie es um mich stand, und nachgerade mußte er begriffen haben, daß ich es mir nicht leisten konnte, mein Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Ja, er hatte mich vorhin sogar getröstet, meine Korrektheit anerkannt und sich gestellt, als spiele er weiter ausschließlich mir zu Gefallen. Ich mußte von einem so gutherzigen Manne billig erwarten, daß er die Sache nicht auf die Spitze treiben würde. Aber jetzt kitzelte ihn der Satan; er rannte wie eine Ratte um das Billard herum. Wahrscheinlich verfügte er schon in aller Stille über diesen unverhofften Gewinn, dachte heimlich an irgendeinen langgehegten, bisher unerfüllbaren Wunsch. Ich blickte mit unterdrückter Wut in sein erregtes, biederes, ängstliches Gesicht. Er aber sah mich überhaupt nicht mehr an, was mich besonders erbitterte. Es war mir nämlich ungefähr zu Mut wie einem Kindchen, das Zahnschmerzen hat; ich begriff nicht, daß nicht die ganze Welt mich bemitleidete, verzärtelte und alles aufbot, um mich die »Zahnschmerzen« vergessen zu lassen. Ich wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen – doch was hätte es mir genützt? So schwer es mir auch fiel, ich mußte Haltung bewahren. Ruhe war unbedingt erforderlich. Denn erstens bildete ich mir ein, ich würde diesmal gewinnen . . . Meschedes Vorsprung war zwar kaum mehr einzuholen, doch ich war fest davon überzeugt, daß sich ein Wunder ereignen werde . . . »Dummes Zeug,« sprach ich in nüchternen Augenblicken zu mir selbst, »in dieser Partie habe ich keine Chancen mehr. Macht aber nichts: wir spielen eben weiter, und der Einsatz wird verdoppelt. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht . . . Die Hauptsache ist, daß ich meine Selbstbeherrschung nicht verliere.« Doch ich mußte noch aus einem andern Grunde Haltung bewahren, denn es gehörte im Grand-Café zum guten Ton, daß man Spielverluste mit Gleichmut ertrug. Man war in solchen Fällen ritterlich genug, seinen Arger nicht zu zeigen, und ich selbst war darin den anderen Herren mit bestem Beispiel vorangegangen. Ich durfte mir keine Blöße geben; mein Ansehen stand auf dem Spiel. Einem Manne wie Meschede gegenüber war meine Rolle in allen Punkten schon vorher festgelegt. Ich hatte eigentlich die weltmännische Verpflichtung, ihn, den einfachen Arbeiter, möglichst väterlich zu behandeln, durfte ihm sogar, streng genommen, kein Geld abgewinnen. – »Nun, Meschelke sorgt schon dafür, daß er nicht zu Schaden kommt,« dachte ich wütend und trat dicht ans Billard heran. Meschede spielte; ich weiß nicht, was mir widerwärtiger war, sein ordinärer, unbeholfener Stoß oder seine plumpe Art, sich zu verstellen. Er bemühte sich offenbar, sich mir als kindliches Gemüt, als braven Mann aus dem Volke zu präsentieren. Dabei hatte er es auf mein Geld abgesehen. Und nicht nur, daß er mit unbegreiflicher Sicherheit spielte; obendrein war er von Glück begünstigt: manch einer seiner Bälle kam lediglich durch Zufall. Nun gehörte es zwar nicht minder zum guten Ton, über solche Glücksbälle mit Stillschweigen hinwegzugehen, ich aber sagte plötzlich halblaut: »Ekelhaft!« und blickte voller Hohn auf Meschede, der ruhig weiter spielte. Ich war beschämt, hatte mich verplappert und sprach in einem fort eindringlich zu mir selbst: »Nur nicht die Ruhe verlieren!« Aber ich empfand eine ohnmächtige Wut . . . ein Anfall näherte sich. Ich ballte unsichtbar die Faust und mit der andern Hand umfaßte ich den Griff des Messers in meiner Hosentasche. Aber das alles brachte mir keine Linderung. Ich stierte auf Meschede und begann ihn in Gedanken zu beschimpfen. Meine Lippen bewegten sich lautlos. »Lumpenkerl,« entfuhr es mir plötzlich überlaut. Oder hatte ich es gleichfalls nur gedacht? Nein, es klang mir ja noch im Ohr, aber Meschelke wollte wohl nichts gehört haben. Da ließ er einen Ball aus; also war die Reihe an mir. Der Kopf schmerzte mich, meine Stirnhaut war krampfhaft zusammengezogen. Ich machte zwei, drei Points, dann kam ein recht läppischer Fehlstoß. Das war ich schon gewohnt. »Ich werde verlieren,« dachte ich und faßte bereits die nächste Partie ins Auge. »Wie aber, wenn er sich weigern wird? Er wird sicherlich spielen,« beruhigte ich mich, »und diese unwiderruflich letzte Partie gedenke ich zu gewinnen.« Das schien mir so selbstverständlich zu sein, daß ich ganz getrost wurde. Mir wurde leicht ums Herz. Doch das dauerte nur kurze Zeit, da sich alsbald mein Unwohlsein in unliebsamer Weise bemerkbar machte. So etwas ist jedem Menschen unangenehm, mir aber ganz besonders. Es verdirbt mir unbedingt die Laune. »Was ist weiter dabei,« murmelte ich, »es wird schon vorübergehen.« Indes, es vergeht nicht so schnell. Ein ekler Geschmack im Munde; man verspürt einen fast unmerklichen Brechreiz. Der Kopf sitzt wie ein Stein auf dem Halse und zuckt nach vorn, aber der Nacken ist steif. Die Schläfen schmerzen, die Lippen sind aufgesprungen. Schwere und brennende Lider, so daß man die Augen kaum offen halten kann, schließt man sie jedoch auch nur sekundenlang, so ist es, als wären sie mit grobkörnigem Sand angefüllt . . . Ich spielte lächerlich schlecht. Diese Partie war hoffnungslos, so gut wie verloren. Aber ich bereitete mich, während ich mit matter Hand das Queue führte, in Gedanken auf die nächste vor . . . Ich hatte allerdings etwas Fieber, Schnupfenfieber sozusagen. Mir war heiß, meine Brust beengt. Das Hemd klebte mir an der Haut, und es stellten sich Atembeschwerden ein . . . »Das alles ist zu ertragen,« dachte ich und nahm mich gewaltig zusammen. Doch meine Nase war verstopft, und mein Herz begann schwächlich und eilfertig zu klopfen. Dennoch vermochte ich um das Billard herumzugehen, das Queue anzusetzen, zu stoßen und obendrein zu überlegen, wie ich den Meschelke zu noch einer Partie . . . Es handelte sich, wie gesagt, im Grunde nur um eine leichte Unpäßlichkeit. Manche können sich in Geduld fassen, mir aber ist ein solcher Zustand unerträglich. Ich werde unlustig, verhaspele mich, alle Unannehmlichkeiten fallen mir fast gleichzeitig ein, die Hauptsache aber ist, daß der kümmerliche Rest von Menschenliebe in mir erstirbt. Übrig bleibt ein ingrimmiger, unbeschränkter und vornehmlich kraftloser Haß, der weiß, daß er zu einer Tat ganz und gar unfähig ist. Ich suche begierig nach einer Linderung, was immer es sei. Könnte man wenigstens etwas essen, sich etwas Anständiges zu Gemüte führen, doch mir widersteht der bloße Gedanke. Auch schlafen könnte ich keineswegs, ganz abgesehen davon, daß ja die Umstände meine überwache Aufmerksamkeit erheischen . . . Die ganze Umgebung stört mich, alles kommt mir ekelhaft schal vor, so schal, wie der Geschmack auf meiner Zunge. Gustav, zum Beispiel, der halb liegend in einer Ecke hockt, mit geschlossenen Augen, einer Wachspuppe gleich. Sogar die Tische und Stühle, die im Halbdunkel herumstehen und zweifellos verstaubt und klebrig sind, widern mich an. Und beinahe schon belustigend ist, daß ich vor mir selbst unbestreitbar einen gewissen Ekel habe. Krampfhaft suche ich mir irgend etwas Beruhigendes vorzustellen. Hat nicht jeder Mensch hübsche Erinnerungen, die ihm über solche böse Augenblicke hinweghelfen? Nun, ich denke an meine kleinen Geheimnisse, sie sind mir jedoch genau so widerwärtig wie die nicht wegzuleugnende Tatsache, daß ich im Amte neuerdings mit Herr Obersekretär angesprochen werde. Nichts hilft, gar nichts hilft, hingegen kommen mir, wie schon erwähnt, die Unannehmlichkeiten meines dürftigen Lebens zu Dutzenden in den Sinn. Meine krankhaft gesteigerte Phantasie arbeitet unverdrossen und rückt mir gewisse schäbige Details hohnlächelnd vor die Nase. Und jede einzelne Schäbigkeit vergiftet meine Nerven, verdirbt mir die Laune, weit über Gebühr, denn so verständig bin ich noch, um das beurteilen zu können.

Plötzlich wirds mir bewußt, daß ich die ganze Zeit an Jünke gedacht habe und mich noch immer mit ihm beschäftige. »Habe mir wahrscheinlich gegen ihn etwas zuschulden kommen lassen, he he, und verspüre Gewissensbisse. Hatte ihn gekränkt, er aber verhielt sich mäuschenstill, muckste nicht einmal und spielte den Edelmütigen. Eins konnte er sich freilich nicht verkneifen, ja, er hat sich ein ganz besonderes Vergnügen daraus gemacht, mich, marsch, nach Zigaretten zu schicken, als wäre ich irgendein gemeiner Lakai.« Jetzt kam es mir auch so vor, als sei ich gar flink im Sturmlauf die Treppe hinabgehopst.

»Nun, ich habe es nicht besser verdient,« denke ich, natürlich im Spaß, um mich gehörig zu erheitern. Und aus demselben Grunde versichere ich mir insgeheim, daß sich Jünke alles in allem eigentlich tadellos benommen habe. Ich stelle mir, wieder nur zur Erheiterung, sein Gesicht vor, das Grübchen in der Wange, den knabenhaften, wagemutigen Zug.

Meine Phantasie ist mächtig am Werke, und ich glaube mich deutlich zu erinnern, daß von Jünkes Gesicht ein eigentümlicher Glanz ausgegangen sei. He he, gewissermaßen ein Heiligenschein. Dabei kenne ich diesen Jünke nicht etwa erst seit gestern, sondern weiß es noch von der Schule her, daß er ein Gott weiß wie harmloser und beschränkter Bursche ist. Alles nur Einbildung, aber wahrhaftig, der Heiligenschein ist eine rechte Spottgeburt meiner liebevollen Phantasie . . . Es erging mir ungefähr wie einem verprügelten Hunde, der schnuppernd und winselnd ein Plätzchen sucht, wo er unterschlüpfen könnte. Winselnd und mit eingekniffenem Schweife suchte ich begierig nach irgendeiner Möglichkeit des Wohlbefindens. Endlich leuchtete es mir ein: diese Möglichkeit war vorhanden und hieß soundso viel Mark. Alles andere war schal und wesenlos, das Geld hingegen war hart und rund, das einzig Wirkliche; ich klammerte mich daran und hoffte, es werde mir gelingen . . . Ich überlegte fieberhaft, aber mein Kopf war verwirrt, eine widerwärtige Schwäche hatte mich befallen, so daß ich vor innerlichster Wut heimtückisch den Speichel hinunterwürgte, die Glieder gehorchten mir kaum, mein Mund war vollkommen ausgetrocknet.

–     –     –     –     –     –     –     –     –     –

»Noch eine Partie,« flüsterte ich.

Meschelke warf mir einen gutmütigen Blick zu, den ich nie vergessen werde. Ich hatte ihn schlecht behandelt, hatte ihn mehr oder weniger laut beschimpft, aber er trug es mir nicht nach. Er sah, daß mir hundsgemein zumute war, machte keine Einwendungen, sprach überhaupt kein Wort, sondern setzte einfach die Bälle auf. Weder seufzte er, um die Form zu wahren, noch gab er mir etwa, wie ich es an seiner Stelle wohl getan hätte, durch übertriebene Höflichkeit zu verstehen, daß er in diesem Falle die Großmut selber sei. Er begann in seiner seltsam unbeholfenen Art zu spielen, als verstehe sich das ganz von selbst. Freilich, es entging mir nicht, daß er müde geworden war. Das war mir, offen gestanden, durchaus nicht unangenehm. Ich glaubte auch sonst keine schlechten Chancen zu haben, oder richtiger gesagt, ich war felsenfest davon überzeugt, daß ich die Partie gewinnen würde. Wir spielten um dreizehn Mark, keinen Pfennig drunter oder drüber, und damit hatte es seine eigene Bewandtnis. Erst wollte ich den Einsatz nur verdoppelt haben, dann aber schlug ich noch eine Mark hinzu; Meschelke hatte nichts dagegen. »Gewinne ich, so bekomme ich nicht nur mein Geld zurück, sondern trage noch eine bare Mark in der Tasche mit nach Hause. Eine Mark, das ist nicht viel. Stecke zwar in einer Geldklemme, doch eine Mark ist nur ein Tropfen auf heißem Stein. Ganz egal, ohne diese Mark ist mein Leben nicht mehr lebenswert . . . « So überlegte ich mit eisiger Ruhe, während mir ein Fieberschauer über die Haut lief. Allerdings verhehlte ich mir nicht, daß irgend etwas Außergewöhnliches geschehen müsse . . . Ich spielte womöglich noch niederträchtiger als zuvor, war während der ganzen Nacht kein einziges Mal richtig in Stoß gekommen und immer noch andauernd miserabel disponiert. Da verfiel ich auf einen absonderlichen Gedanken.

Hier muß ich ein Geständnis machen. Man wird überrascht sein. Von einem Menschen, wie ich einer bin, würde sogar ich selbst es am allerwenigsten erwarten; dennoch ist es die reine Wahrheit. Denn wenn auch mein Verhältnis zu einer gewissen sehr hochstehenden Persönlichkeit nicht gerade freundschaftlich zu nennen ist, (ich kann mir, nebenbei bemerkt, jenen Höheren überhaupt nicht mehr anders vorstellen als in der Gestalt des alten Zagelow) . . . trotz alledem, es kommt schon vor, daß mein verhärtetes Gemüt sich erweicht, aber nur, wenn die Situation es unbedingt erfordert. Dann sage ich mein Sprüchlein her, schicke gewissermaßen ein Stoßgebet zum gütigen Himmel, der mir, wie ich versichern kann, regelmäßig darauf hereinfällt. Ich mache mir sogar oft den harmlosen Spaß, unmittelbar vorher allerlei Gotteslästerungen zu begehen. Dann trage ich meine Bitte vor, gelobe Besserung und bereue aufrichtigen Herzens die Sünde; ich beschwöre es: vollkommen aufrichtigen Herzens. Es bleibt Ihm nach den Staturen nichts anderes übrig, als mir, dem reuigen Sünder, zu vergeben und obendrein noch meine Bitte zu erfüllen. Das wiederholt sich von Fall zu Fall. Aber Seine Langmut ist unerschöpflich, wie allgemein bekannt sein dürfte.

Da nun das wichtigste meiner kleinen Geheimnisse verraten ist, so will ich auch weiter offen sein. Diesmal war ich so verängstigt, daß ich selbst der berühmten Langmut mißtraute. Wollte also ohne alle Faxen gleich inständigst zu bitten anheben, doch wie glühend mir auch der Durst nach Gebet den Atem stocken ließ – ich konnte durchaus den rechten Ton nicht finden. Ich blieb ironisch und gehässig wider ihn gestimmt. Die Macht der Gewohnheit! »Man muß ihm ein Schnippchen schlagen,« so kicherte ich in mich hinein. Weiß der Kuckuck, ich dachte dabei zur Vorsicht weniger an Ihn als an den alten Zagelow. »Ist das ein verfluchter Kerl, ein dürres, gefräßiges Männchen, hat Zeit seines Lebens all der Börse spekuliert und scharrt immer noch mitleidslos das Geld zusammen! Das wär ein ganz wollüstiges Vergnügen, könnte man ihn so bei günstiger Gelegenheit mal gehörig übers Ohr haun. Wer mir dazu verhilft, dem zahl ich einen Schnaps!« . . . Vor giftigem Haß war mir die Kehle wie zugeschnürt, ich wollte jedenfalls meine sündige Natur noch rasch in ihrer ganzen Gemeinheit präsentieren, bevor ich . . . Ich erstickte beinahe vor Wut. »Mein Vater, hilf mir,« murmelte ich bereits, »laß mich um Jesu Christi willen nicht im Stich! Du weißt, wie viel er gelitten hat, um auch mich zu erlösen. Du allein siehst meine Qual, hilf mir, rette mich,« murmelte ich voller Inbrunst, »gib mir Kraft! Laß Kraft und Wohlgefühl durch meine Adern strömen, du verstehst und erhörst mich, mein Vater. Ich brauche mich vor dir ja nicht zu genieren, ich bitte dich, laß mich die Partie gewinnen, ja, gewinnen, gewinnen . . . !«

Meine Lippen bewegten sich in religiöser Ekstase, die durch das scheinbar Alltägliche und Nüchterne, ja fast Lächerliche meiner Bitte noch gesteigert wurde.

»Ich habe dich gekränkt, vergib! Ich mache so meine zweifelhaften Späßchen und ich, armseliger Narr, rede mir sogar ein, ich könnte dich betrügen. Aber es ergeht mir wie Bileam, der fluchen wollte und segnen mußte. Genau so ergeht es mir. Wie wäre es anders möglich, wie könnte ich mich vor dir verstellen, da du doch in die geheimsten Falten meines Herzens siehst. Je nun, du weißt, daß ich dich liebe, wahrhaftiger, zärtlicher, kindlicher, als dich die Pharisäer lieben, die Sonntag für Sonntag in der Kirche vor dir knien.«

Ich war merkwürdig bewegt, und fast hätte ich laut aufgeschluchzt. Nichtsdestoweniger beobachtete ich mich selbst mit argwöhnischer Aufmerksamkeit; aber mein Gemüt, so schien es mir, war rein.

»Rette und erlöse mich, laß mich in Stoß kommen, diese letzte Partie gewinnen!« murmelte ich flehentlich und wäre, von meiner Demut überwältigt, zweifellos ins Knie gesunken, wenn nicht Meschelke, unerwartet genug, einen Ball verfehlt hätte. Die Reihe war an mir. Es machte sich sogleich eine kleine Besserung bemerkbar. So ein Sprüchlein hatte noch stets seine beruhigende Wirkung auf mich ausgeübt. Mir war so leicht und zuversichtlich ums Herz, nur hütete ich mich, irgendeinen Gedanken zu fassen, hätte mir doch eine voreilige Lästerung alles wieder verscherzen können. Ich dachte krampfhaft an nichts und spielte gar nicht schlecht; zwar lange nicht so gut wie sonst, doch immerhin ganz leidlich. Der Bann war gebrochen. Meschelke schien, wie gesagt, etwas abgespannt zu sein, doch er spielte noch immer mit ziemlicher Sicherheit. Wir hielten uns auf gleiches Höhe. Ich gab mir die denkbar größte Mühe, einen Vorsprung zu gewinnen, doch es glückte mir nicht. Zwar war ich immer etwas voraus, aber er folgte mir dicht auf den Fersen, offenbar ohne sich auch nur im geringsten anzustrengen. . . Plötzlich kam mir der Einfall, nach der Uhr zu sehen. Es war gegen vier. Der Billardsaal war wie ausgestorben und rings um uns herum in Dunkel gehüllt. Nur die Lampe, die abgeblendet über unserem Billard hing, beleuchtete darüber hinaus noch einen kleinen Kreis. – Eine junge Magd tauchte auf, ein Tuch um den Kopf, der erste Mensch des neuen Tages. Verschlafen und teilnahmlos machte sie sich mit Gepolter daran, die Stühle auf die Tische zu stellen; dann streute sie Kaffeesatz aus und fegte den Boden. Gustav erwachte, rieb sich die Augen und starrte eine Weile trüb vor sich hin; bald aber wurde er munter und verfolgte unser Spiel anscheinend mit großer Aufmerksamkeit. Keiner von uns sprach ein Wort. Nichtsdestoweniger war zwischen Meschelke und mir ein zäher Kampf entbrannt; das heißt, der Kampf wurde eigentlich nur von meiner Seite geführt. Meine Müdigkeit war ganz verflogen, ich riß mich energisch zusammen und spielte drauf los . . . hatte auch immer einen kleinen Vorsprung, doch es handelte sich eben nur um wenige Points. Es gelang mir nicht, einen entscheidenden Vorteil zu erringen. Er kroch mir nach, saß mir im Nacken, dabei erweckte er de n Eindruck, als ginge ihn die ganze Sache überhaupt nichts mehr an. Er war wohl schläfrig und spielte ziemlich nachlässig. Mein Vorsprung aber wurde nicht größer. »Nun, wenn es so bleibt, dann komme ich immerhin als Erster ans Ziel,« dachte ich.



VIII

Plötzlich hörte ich lautes Schnarchen. Wahrscheinlich war es schon geraume Zeit zu hören gewesen, doch ich hatte nicht darauf geachtet. Es war Heinrich, der sich hinter dem großen Pfeiler von den Strapazen seines Dienstes ausruhte. Die Partie näherte sich ihrem Ende. Ich war voraus, Meschelke immer wie im Traum hinter mir her. Schließlich fehlten mir noch vier Points, dem Meschelke aber sechs, doch glücklicherweise war ich am Stoß. Kein Wunder, daß ich etwas nervös wurde, denn eine kleine Unvorsichtigkeit hätte mich ohne weiteres die Partie kosten können. Ließ ich jetzt einen Ball aus, so war ich verloren, das stand fest. Nun denn, ich war mir der Bedeutung dieses Augenblickes vollkommen bewußt. Ich zielte sorgfältig und machte das erste der vier Points; ich übereilte mich nicht, kreidete mein Queue, zielte womöglich noch sorgfältiger und machte das zweite. Unmittelbar darauf bekam ich ein wenig Herzklopfen, doch es verging wieder. Ich sah Meschelke an; er hatte offenbar nur den einen Wunsch, daß die Sache möglichst bald zu Ende sei. Ich machte das dritte Point, blieb also noch ein einziger Stoß übrig. Umständlich kreidete ich mein Queue ein letztes Mal, legte in vollkommener Ruhe an; dabei lehnte ich mich kaum merklich über das Billard. Plötzlich erschrak ich heftig. Ich hatte mit dem Ärmel einen der Bälle berührt und von der Stelle geschoben, ich hatte »touchiert« und durfte nicht weiter spielen . . . Vielleicht hatte es Meschede nicht bemerkt. Sofort faßte ich den Entschluß, es gegebenenfalls abzuleugnen, und stieß los, als wäre nichts passiert. Der Ball kam.

»Gewonnen!« sagte ich mit einem tiefen Seufzer.

Aber was war das? Meschelke tat rein, als habe er nichts gehört, näherte sich dem Billard mit schleppenden, bedächtigen Schritten und schickte sich an, weiterzuspielen. Offenbar war er völlig geistesabwesend. Ich war derart verblüfft, daß ich einfach schwieg. Unwillkürlich blickte ich zu Gustav hinüber; er saß ganz zusammengesunken da und starrte mir mit seinen großen Augen stumpfsinnig, und doch unverschämt ins Gesicht. Ich drehte mich hilfesuchend um und wurde plötzlich des Kellners gewahr, der sich drei Schritte entfernt herumlümmelte. Sein Frack war verdrückt, die Halsbinde zur Seite gerutscht; um die eine Hand hatte er seine schmierige Serviette gewickelt, mit der andern rieb er seine Glatze. Er sah mich nicht an, sondern blickte mit verlegener Miene zu Boden. Wer weiß, wie lange er schon dort gestanden haben mochte.

Meschelke also spielte mir nichts dir nichts weiter, machte einen Ball nach dem andern, mit wohlgezielten Stößen, im ganzen sechs. Damit hatte er seine vorgeschriebenen hundert Points erreicht.

Ich fuhr wütend auf ihn los, doch bevor ich noch den Mund aufmachen konnte, sagte er grob:

»Ich bekomme dreizehn Mark von Ihnen, Herr!«

»Was fällt Ihnen ein, sind Sie verrückt geworden?« antwortete ich erbost, »habe längst gewonnen und möchte Sie sehr bitten, mir sofort den vereinbarten Betrag auszuhändigen . . . Was glotzen Sie so?« schrie ich außer mir, denn Meschelke sah mich ernst und nachdenklich an.

»Ich glotze gar nicht und werde Sie doch noch angucken dürfen,« sagte er. »Sie haben vorhin touchiert, da hätten Sie aufhören müssen . . . «

»Was habe ich . . .?« rief ich mit ungeheucheltem Erstaunen, gleich darauf aber bemühte ich mich, meinem Gesichte einen ironischen Ausdruck zu verleihen, so einen Ausdruck hohnvollen Begreifens, als verstünde ich nur zu gut . . . als käme mir Meschelkes Verhalten zumindest verdächtig vor.

»Aha, er hat e6 doch bemerkt,« überlegte ich blitzschnell, »das schadet aber nichts. Denn wenn er es auch bemerkt hat, ich selbst könnte es ja übersehen haben. Eigentlich nicht hübsch von mir gehandelt, doch ich habe nie den Ehrgeiz besessen, ein Kavalier zu sein. – Nein, nein, ich gebe es nicht zu, um nichts in der Welt, sonst hat das Leben keinen Wert mehr für mich,« dachte ich fieberhaft und versuchte dunkel, die Frage zu beantworten, warum denn das Leben sonst jeden Reiz für mich verlieren würde.

»Sie haben den Ball mit dem Ärmel weggeschoben und hätten aufhören müssen . . . «

»So so,« sagte ich in überlegenem Tone und räusperte mich. Ich war entschlossen, ein Verhör mit ihm anzustellen: »Sie wollen also behaupten, daß ich . . . ja, warum haben Sie mich denn nicht sofort darauf aufmerksam gemacht, Herr Meschelke?! Dann hätte ich selbstverständlich sofort aufgehört. Es kann ja vorkommen, daß man so etwas selber übersieht. Es wäre Ihre Pflicht gewesen, sofort . . . Aber hinterher darf man derartige Behauptungen nicht leichtfertig aufstellen, verehrter Herr Meschelke,« schloß ich mit spöttischem Lächeln.

Er hatte in der Tat nicht rechtzeitig Einspruch erhoben, so daß seine Aussage unter Umständen verdächtig erscheinen konnte. Ja, mir selbst kam sie gewissermaßen verdächtig vor; ich vergaß, daß ich allen Grund hatte, ihr Glauben zu schenken.

»Ich habe die Partie gewonnen und bekomme mein Geld von Ihnen, Herr,« sagte er drohend und schob sich näher heran.

»Werde Ihnen schon zeigen, wer das Geld bekommt,« schrie ich erbost, »warum haben Sie mich nicht sofort aufmerksam gemacht, warum denn nicht, he? Bitte mir darauf zu antworten!«

Aber Meschelke hatte für solche Feinheiten kein Verständnis.

»Sie haben den Ball mit dem Ärmel weggeschoben,« sagte er hartnäckig. Er hatte sich ganz verändert, war nicht im mindesten mehr gutmütig, sondern machte einen widerwärtigen, plumpen und gemeinen Eindruck. Offenbar verspürte er gar kein Mitleid mehr mit mir, sondern war einfach sittlich entrüstet. Das erbitterte mich in höchstem Maße. Zwar log ich in der Tat, aber was blieb mir anderes übrig? Dazu kam aber noch, daß ich mich, so seltsam es klingt, durch seinen Verdacht gekränkt und beleidigt fühlte.

»Sie antworten mir nicht . . . dann will ich Sie darüber aufklären: weil Sie sich das mit dem Touchieren aus den Fingern gesogen haben, mein lieber Meschelke. Ich habe absolut nicht touchiert, es ist nicht wahr,« sagte ich, von Wut gefoltert.

»Habe Gott sei Dank noch meine Zeugen,« meinte Meschelke und wandte sich an Gustav, der sich dieses Gezänk etwas verdutzt, doch sichtlich mit großem Interesse mit anhörte.

»Mit dem Ärmel,« sagte Gustav, ohne sich zu rühren.

»Der nimmt für Sie Partei, schlau eingefädelt "Gentium Book Basic"; . . . Haben Sie vielleicht etwas bemerkt?« fragte ich den Kellner.

Heinrich sah mich unsicher an, doch plötzlich wurde seine Miene geschäftsmäßig kühl; er entgegnete:

»Kann leider gar nichts sagen, ich habe nämlich überhaupt nicht zugeguckt, Herr Heckfisch.« Dann rieb er wieder seine Glatze, die ohnehin schon ganz blank poliert war. Gustav murmelte etwas.

»Was haben denn Sie zu reden?« fuhr ich ihn an.

»Wer wird denn die Leute so beleidigen,« sagte er plötzlich schüchtern und blickte vorwurfsvoll zu mir auf.

»Ihr seid mir feine Leute,« versetzte ich streng, denn schließlich galt es meine Reputation, »ihr seid wahrhaftig feine Leute. Geschieht mir recht, das kommt davon, wenn man sich mit solchem Gesindel einläßt; wird mir aber eine Lehre sein . . . Wollen Sie Ihre Spielschuld begleichen oder nicht?« schrie ich plötzlich außer mir und vergaß selbst in diesem Augenblicke nicht, einen gewählten Ausdruck zu gebrauchen, um dem Meschede möglichst zu imponieren.

»Fällt mir gar nicht ein,« sagte Meschelke, »ich bekomme nämlich dreizehn Mark von Ihnen, Herr.«

»Ich frage Sie zum letztenmal!«

»Ich habe gewonnen und will mein Geld haben,« sagte er hartnäckig. So ging es eine Weile hin und her.

»Schade,« meinte er schließlich, »Sie haben die ganze Nacht so anständig gespielt, immer korrekt . . . und nun betrügen Sie mich.«

»Sehen Sie sich vor,« zischte ich, »seien Sie vorsichtiger mit solchen Redensarten. Es wird böse Folgen für Sie haben. Ich werde Sie verklagen . . . wegen Beamtenbeleidigung,« fuhr ich mit schnarrender Stimme fort, »jawohl, wegen Beamtenbeleidigung, mein Herr. Sie scheinen nicht zu wissen, wen Sie vor sich haben. So ein Patron! Hat verloren, will aber einfach nicht mit den Moneten rausrücken, denkt sich ein Märchen aus. Wird ihm aber nichts nützen, dem Patron, werde ihn zwingen,« drohte ich, aber ich fühlte, daß die kraftlos hervorgestoßenen Drohungen ihre Wirkung verfehlten. Plötzlich kam mir die ganze vergangene Nacht und auch mein dienstfreier Nachmittag wieder zum Bewußtsein; mir wurde jämmerlich zumute. Am liebsten hätte ich den Meschelke kniefällig um das Geld gebeten. Aber das ging nicht an. Es handelte sich um meine mühsam erkämpfte Stellung im Grand-Café, das übrigens zu dieser späten Stunde einen unheimlichen und verwahrlosten Eindruck machte. Schon fuhren die ersten Milchwagen über die Straße, so daß die Scheiben leise erklirrten; ich aber sah mich nach wie vor veranlaßt, meine hoffnungslose Position mit wütendem Geschrei zu verteidigen. Obwohl ich doch mit vollster Absicht log, ereiferte ich mich weiter, in schneidigem Ton, mit schnarrender Stimme. Ich hatte allerdings ein erbärmliches, krätziges Gefühl dabei, war innerlich wie zu Eis erstarrt. Auch von Heinrich kam mir keine Unterstützung, er mischte sich nicht in den Streit und tat, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Er nahm mich also nicht in Schutz, wie es seine verdammte Pflicht gewesen wäre – hatte offenbar vergessen, daß ich nicht der Erstbeste war. . . »Mein Stern ist im Sinken,« dachte ich bitter und schloß eine Sekunde lang die Augen. Ich schrie weiter, überhäufte den Meschelke mit den unflätigsten Schimpfworten, doch ich rannte gegen eine Mauer an, und arge Schwäche befiel mich. »Er wird mir das Geld nicht geben,« dachte ich resigniert, in dumpfer Verzweiflung, und tröstete mich so gut es ging damit, daß er mich gleichfalls nicht zwingen konnte, ihm den vereinbarten Betrag auszuzahlen.

»Nun, ich werde mich mit Ihnen nicht herumstreiten,« sagte ich schließlich, »bin es nicht gewohnt, mich mit solchen Leuten herumzuzanken. 14.0pt; Behalten Sie Ihr Geld, ich schenke es Ihnen.« Und ich machte Miene, mich zurückzuziehen.

»Ich bekomme dreizehn Mark von Ihnen, Herr.«

»Das werden Sie wohl kaum erleben,« murmelte ich giftig und zog Heinrich mit mir fort. »Da haben Sie mir ja wirklich einen netten Partner zugeführt,« flüsterte ich, als wir außer Hörweite waren, machte ihm gewissermaßen freundschaftliche Vorwürfe, »aber Sie haben mich eigentlich vorher gewarnt, oder nicht? . . . gewiß doch, Sie haben mich sogar ausdrücklich gewarnt. Wird mir jedenfalls eine Lehre sein. Man soll eben nur mit Seinesgleichen spielen . . . und noch dazu ein wildfremder Mensch, Sie sagten, daß er öfters hier verkehrt, habe ihn aber noch kein einziges Mal gesehn. – Na, das war eine schöne Nacht,« versuchte ich zu scherzen, »wird mir so bald nicht aus dem Gedächtnis entschwinden . . . habe stundenlang gespielt, mein Hemd ist zum Auswinden naß, und zwölf Mark sind beim Teufel. Und nun weigert sich der Kerl zu zahlen, was sagen Sie dazu, leistet sich die unglaublichsten Behauptungen lind weigert sich einfach. Könnte man nicht die Polizei? . . . Sie wissen, Geld spielt keine Rolle bei mir, aber Recht muß Recht bleiben,« flüsterte ich eindringlich und hielt ihn beim Rockknopf fest; er hörte mir stumm zu.

»Nun, ich zanke mich mit Ihrem Meschelke nicht länger herum, hol ihn der Kuckuck . . .« Ich schwatzte so fort, ich hatte wieder einmal das Bedürfnis, zu plappern; warum, war mir nicht klar. Wahrscheinlich wollte ich mich selber trösten oder auch nur mein Ansehen wieder herstellen, das, wie ich fühlte, eine gewisse Einbuße erlitten hatte.

Offenbar gelang mir weder das eine noch das andere; das beunruhigte mich. Ich schielte zu gewissen Leuten hinüber. Wie es schien, hatte Meschelke gleichfalls resigniert, er saß mit gesenktem Kopfe da und starrte zu Boden. Gustav hockte auf seinem alten Platz. Die beiden schwiegen, was mich in Erstaunen setzte; ja, sie blickten einander nicht einmal an. Sie sahen alle beide so verdutzt aus, daß ich unwillkürlich lächeln mußte . . . und plötzlich verspürte ich eine ganz und gar nicht angebrachte Regung des Mitleids. Zwar ärger« ich mich über mich selbst, zögerte, begab mich aber dennoch zu meinem Mantel, der in Meschedes Nähe hing, und machte mir daran zu schaffen. Ich hatte vor, »ihm noch ein gutes Wort zu sagen«.

»Laß es lieber sein,« sprach ich in Gedanken, während mein Blick ihn unsicher von der Seite streifte.

Mir war auch durchaus nicht danach zumute. Alles widerstand mir, und ich hatte das Gefühl, als müßte ich nicht nur meinen Mageninhalt von mir geben, sondern mich selbst, in ganzer Person. Dennoch sagte ich laut:

»Na, wir wollen Frieden schließen, Meschelke.«

»Sie haben mich betrogen,« erwiderte er kurz, ohne aufzusehen.

»Unverschämtheit,« murmelte ich empört, zuckte die Achseln und begab mich sogleich mit Hut und Mantel zu Heinrich zurück. »Ist mir recht geschehn,« dachte ich in hilfloser Wut, während mir der Kellner beim Ankleiden half.

Doch abermals begann ich hinüberzuschielen. Die beiden schickten sich an, das Lokal zu verlassen. Plötzlich bekam ich starkes Herzklopfen. »Das ist mein Verderben,« murmelte ich; ich war fest entschlossen, es nicht zu tun, wußte aber, daß ich es unbedingt tun würde. Es war wie ein Traum, der böse Geist saß in mir und zwang mich unerbittlich, gerade dasjenige zu tun, was meiner Überzeugung nach unbedingt schlecht, schädlich und überflüssig war. Ich redete mir plötzlich ein, es müsse geschehen, sonst sei meine Stellung im Grand-Café erschüttert, kein Hund würde mehr ein Stück Brot von mir annehmen wollen und dergleichen unsinniges Zeug. Kurz und gut, ich verspürte nicht die mindeste Lust dazu, ging aber schließlich willenlos zu Meschelke hin und sagte mit schnarrender Stimme:

»Mein lieber Freund, habe mich entschlossen, Ihnen die dreizehn Mark zu geben, das heißt, ich war von vornherein dazu entschlossen, aber Sie werden begreifen . . . Sie begreifen, nicht wahr?« ich verhaspelte mich. »Ich möchte nämlich auch nur den Anschein vermeiden, daß Ihnen hier ein Unrecht geschieht,« fuhr ich fort und sah mich flüchtig nach dem Kellner um. »Na, ich will nichts gesagt haben, meinetwegen habe ich sogar den Ball mit dem Ärmel weggeschoben, ohne es zu merken. Aber für ein andermal möchte ich Sie dringend ersuchen, und zwar in Ihrem eigenen Interesse,« sagte ich in besonders strengem Ton, »sofortigen Einspruch zu erheben.«

Meschelke war vollkommen überrascht und stotterte irgendetwas. Ich nahm Geld aus der Tasche und begann es in ohnmächtigem, wildem Haß auf den Tisch zu zählen.

»Sehen Sie,« scherzte ich, »mein letztes Geld.« Es war in der Tat mein letztes. Plötzlich kam mir der knifflige Einfall, ihm etwas abzuziehn; ich gab ihm auch wirklich statt dreizehn Mark nur elf Mark fünfzig und verfehlte nicht, mich wiederum in scherzhafter Weise zu entschuldigen: ich könnte sonst meine Zeche nicht bezahlen. Aber Meschelke achtete nicht darauf.

»Danke auch, danke auch vielmals . . . Ich wußte ja, daß Sie ein anständiger Mensch sind,« sagte er mit merkwürdig ernstem und einfältigem Gesicht.

Mir jedoch war schon wieder so ein kniffliger Einfall gekommen, der im übrigen zur allgemeinen Erheiterung dienen sollte. Ich nahm eine weltmännisch-überlegene Miene an und bemerkte voll launiger Ironie und mit schnarrender Stimme:

»Hören Sie mal, mein lieber Meschelke, Sie haben doch jetzt das Geld in Sicherheit gebracht, nicht wahr? . . . Nur keine Angst, Sie brauchen es nicht wieder herauszugeben. He he, werden sich zu beherrschen wissen, ich war nun mal so ein Kamel. Es ist und bleibt Ihr Eigentum, wie?« kicherte ich und drehte mich nach dem Kellner um, der sich etwas abseits hielt. »Sie haben jetzt also absolut keine Ursache mehr . . . na, mit einem Wort, gestehen Sie jetzt mal die reine Wahrheit, wie? Sie haben sich das mit dem Touchieren aus dem Fingerchen gesogen. Keine Angst,« fuhr ich schnell fort, da er mich unterbrechen wollte, »das Geld gehört Ihnen, gebe Ihnen das meinetwegen schriftlich . . . Also heraus mit der Sprache, aufrichtig und ehrlich: habe ich den Ball mit dem Ärmel weggeschoben oder nicht . . .?«

»So wahr mir Gott helfe,« sagte Meschelke, und auch Gustav, der ganz blaß geworden war, stotterte, als mein Blick ihn traf: »So wahr mir Gott helfe!«

»Na, wir wollen es nicht näher untersuchen, Kinderchen,« sagte ich leutselig und drohte mit dem Finger. Ich verstummte, mir fiel nichts weiter ein. Ich machte eine kleine Wendung und sah plötzlich mein Gesicht in einem Pfeilerspiegel; es war verzerrt und weiß wie Kalk. Mein Blick irrte trostlos wieder ab und fiel auf Meschelke, der mich aufmerksam zu betrachten schien. Er faßte mich noch genauer ins Auge, trat plötzlich ganz dicht an mich heran und flüsterte mir etwas zu. Er machte sich nicht etwa lustig über mich, sondern sagte es mit feierlichem Ernst:

»Wissen Sie, Sie sind so ein feiner Herr, da komme ich vielleicht gar nicht mit!«

Er wollte mich wohl trösten, ich aber empfand in dieser Sekunde einen unerklärlichen Haß gegen ihn, wandte mich angewidert ab und begann mit dem Kellner eine leise Unterhaltung.

Alsbald kamen Meschelke und Gustav in ihren schäbigen Überziehern vorbei, wünschten Guten Morgen und zogen den Hut. Meschelke verbeugte sich außerdem tief vor mir, doch ich sah kaum hin, dankte mit flüchtigem Kopfnicken. Als sie weg waren, meinte Heinrich:

»Herr Heckfisch, jetzt kann ich es ja sagen: Sie haben vorhin wirklich touchiert. Ich habe es ganz deutlich gesehn, wollte mich aber nicht einmischen.«

»Das ist aber sehr unrecht von Ihnen,« sagte ich so von oben herab und ersichtlich peinlich berührt, »ich begreife wahrhaftig nicht, warum Sie nicht sofort . . .«

»Das ist mein Prinzip,« erklärte er, »davon gehe ich nicht ab. Gibt man dem einen Gast recht, so ist der andere immer unzufrieden. Ich sage in solchen Fällen stets: habe überhaupt nicht hingeguckt, meine Herren.«

»Sehr unrecht, wirklich sehr unrecht von Ihnen,« ereiferte ich mich völlig mechanisch, »das ist kein gutes Prinzip. Sie machen sichs zu bequem, lieber Heinrich,« schnarrte ich, war aber ganz und gar nicht bei der Sache. Etwas Unheimliches bedrückte mich, ich wußte nicht recht was. »Es ist einfach Ihre Pflicht. Den armen Meschelke, zum Beispiel, habe ich ganz ohne Grund verdächtigt, und zwar durch Ihre Schuld,« murmelte ich, ließ es aber immer noch nicht dabei bewenden, sondern wusch dem Kellner tüchtig den Kopf. Doch ich tat es ungefähr so, wie man ein lästiges Pensum erledigt. Schließlich kam ich zur Besinnung, beglich mit dem Rest, der mir geblieben war, die Zeche und ging. Doch auf dem Treppenabsatz blieb ich stehen.



IX

Vom Grand-Café führt nämlich eine kleine gewundene Treppe auf die Straße. Ich aber machte plötzlich halt, weigerte mich einfach, weiterzugehen. Die Füße versagten mir den Dienst . . . das heißt, ich hätte natürlich meinen Weg ohne weiteres fortsetzen können, wenn ich ernstlich gewollt hätte. Aber das war es eben: alles in mir bäumte sich dagegen auf. Ich bremste infolgedessen und stand wie festgenagelt; aus purem Trotz. Meine Hand blieb leblos auf dem Geländer liegen.

Diese Situation war geradezu lächerlich. Ich stand ohne Zweifel in unmöglicher Haltung da, konnte jedoch zum Glück in meinem Verstecke weder vom Lokal noch von der Straße aus gesehen werden. Die Müdigkeit überwältigte mich beinahe. Es fehlte nicht viel, so hätte ich mich auf die Stufen niedergekauert. Doch im letzten Augenblicke hielt mich der Gedanke davon ab, daß es besser sei – nach Hause zu gehen. Also vorwärts! Gedacht, getan: ich machte jedoch nur einen einzigen Schritt, konnte nicht weiter, meine Hand umklammerte das Geländer; ich verharrte eine ganze Weile regungslos.

»Ich rühre mich nicht vom Fleck,« so dachte ich ungefähr, »rühre mich nicht vom Fleck, bevor diese Angelegenheit nicht endgültig geregelt ist.« Es ist überflüssig, zu sagen, daß ich selbst nicht genau wußte, was eigentlich . . . Dicht über mir begann ein leises Rumoren, dumpfe Schritte, ein Teller klapperte; da oben war die Küche.

»Du kannst also nicht einmal ordentlich lügen, bist nicht einmal imstande, richtig gemein zu sein. Habe sehr zur unrechten Zeit Gewissensbisse verspürt und konnte nicht umhin, zu Kreuze zu kriechen. Meine mühsam erkämpfte Stellung im Grand-Café als geachteter, als bevorzugter Stammgast ist natürlich beim Henker. Denn dieser Kerl, dieser Heinrich hat mich durchschaut; es hat wohl keinen Sinn, sich darüber irgendwelchen Zweifeln hinzugeben. Aber es ist wahrhaftig nicht der Mühe wert,« sprach ich in Gedanken und versuchte mir zu beweisen, daß ich gar keinen Grund hätte, so niedergeschlagen zu sein. Freilich, der Spielverlust schmerzte, brannte ganz verteufelt. So mit seinem letzten Geld herausrücken müssen, das gehört nicht gerade zu den Annehmlichkeiten, die das Dasein unsereinem zu bieten hat. Aber, mein Gott, es handelte sich ja schließlich nur um eine vorübergehende Geldklemme; der Erste stand vor der Tür. Krampfhaft bemühte ich mich, mir klar zu machen, daß alles in schönster Ordnung sei, doch es wollte mir durchaus nicht gelingen . . . »Daß mir das gerade an meinem dienstfreien Nachmittage passieren muß,« murmelte ich halb schluchzend, »übrigens ist an allem dieser verdammte Berlinghoff schuld, sein impertinentes Gesicht, sein Monokel und vornehmlich sein Spazierstöckchen, das er mit der denkbar größten Selbstverständlichkeit rundherum gewirbelt hat; und zwar direkt vor meiner Nase. Solche Leute bringen mich nun einmal außer Rand und Band. Aber schließlich ist das Unglück nicht so groß, habe kein Bein gebrochen. Die Glieder sind noch gesund,« scherzte ich. »Mein dienstfreier Nachmittag hat infolge gewisser kleiner peinlicher Erlebnisse einen unerfreulichen Verlauf genommen, voila tont, ich habe einfach Pech gehabt,« dachte ich lächelnd und erinnerte mich, daß ich das kleinliche Verhalten anderer Leute in solchen Fällen immer gebührend verurteilt hatte. Gewiß, man ärgert sich auch über Kleinigkeiten, über Kleinigkeiten sogar am allermeisten. Wird es aber zu arg, so kommt man zur Besinnung und lacht über sich selbst. Und ich lachte – krampfhaft. Doch plötzlich verspürte ich eine große Erleichterung, denn ich hatte den Entschluß gefaßt, die ganze Angelegenheit als erledigt zu betrachten. Ich war gewissermaßen gerührt, wollte das Unrecht, das man mir zweifellos zugefügt hatte, vergessen, die Beleidigungen herunterschlucken . . . kurz und gut, ich war fest entschlossen, mich nicht mehr zu ärgern.

Die Erlösung, die ich dabei empfand, läßt sich nicht schildern. Schon machte ich Anstalten, mich die Treppe hinunterzubemühen, blieb aber nach zwei Stufen bereits wie angewurzelt stehen. Ich zitterte vor Wut. »Nein, meine Herrschaften, man entwischt mir nicht so mir nichts dir nichts,« murmelte ich giftig, hätte aber sicherlich nicht sagen können, gegen wen diese gefährliche Drohung gerichtet war. Doch daß ich meinen allgemeinen, verschwommenen Gegner rechtschaffen haßte, daran war nicht zu rütteln. »Bin leider nicht in der Lage, zu verzeihen,« murmelte ich giftig, und ich fühlte mich in der Tat, nicht ohne ein gewisses Erschrecken, vollkommen unfähig dazu. »Werde niemals auch nur ein Quentchen, auch nur den dümmsten, lächerlichsten Nebenumstand verzeihen,« dachte ich verblüfft, doch noch viel heftiger erschrak ich bei dem Gedanken, daß ich soeben die Beleidigungen hatte herunterschlucken wollen. Was diesen letzteren Punkt anbelangt, so konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, einer großen   Gefahr noch rechtzeitig entronnen zu sein. Ich schluckte also nicht herunter, aber es würgte mich im Halse. Ich zitterte, wie gesagt, vor Wut; es wurde mir schwarz vor den Augen. Die Qual war jämmerlich, unerträglich; es stand natürlich in meinem freien Belieben, ihr ein Ende zu machen, mich einfach nicht mehr zu ärgern, aber das war, so seltsam es klingt, ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Ich hätte ja sonst zugleich auf jede Revanche verzichten müssen, wollte mich aber unter keinen Umständen dazu bequemen. Denn die Möglichkeit einer Revanche war das einzige, was mir das Leben noch reizvoll erscheinen ließ. Ich war mir vollkommen klar darüber und billigte mein Verhalten durchaus. Ich ärgerte mich grün, verzog krampfhaft das Gesicht und versuchte, leise zu schluchzen, um mir ein wenig Erleichterung zu verschaffen; doch es mißlang. Die trockene Qual stachelte unablässig meine Rachsucht an. Zwar hatte ich keine bestimmte Person im Auge, war aber fest davon überzeugt, daß sich alle Welt gegen mich verschworen habe und mir feindselig gesinnt sei. Ich empfand also gegen jedermann einen dumpfen Haß und malte mir in wollüstiger Erbitterung aus, wie grausam ich mich rächen würde. Es handelte sich gewissermaßen um die Vorfreude, und ich ahnte dunkel, daß es damit sein Bewenden haben würde. Es verdient erwähnt zu werden, daß ich für meine Feinde keine landläufigen Martern ersann, sondern mich fast ausschließlich auf folgende Vorstellung beschränkte: Diese Feinde haben mir ein schweres Unrecht zugefügt, mich in Verzweiflung gestürzt, nun aber werden sie dessen gewahr und – erschrecken, wie das anders gar nicht möglich ist. Sie kommen zur Besinnung, es ist jedoch zu spät . . . ich leide, leide entsetzlich, sie bereuen ihr Unrecht, wollen mich versöhnen, umsonst, zerknirscht flehen sie mich an, ich aber spucke ihnen ins Gesicht, demütig wischen sie den Speichel ab – und siehe da, diese Demut rührt mich nicht im mindesten. Kurzum, ich leide mehr als je ein Mensch vor mir, mehr als selbst der Heiland – und bleibe unversöhnlich! Und diese Schurken sehen wenigstens, was sie angerichtet haben. Freilich konnte ich hier in meinem Versteck von keines Sterblichen Auge erblickt werden, »doch wozu hat der Mensch Phantasie,« dachte ich bitter. Daß es mir aber trotzdem ganz unzweifelhaft schlecht erging, obschon ich mutterseelenallein war und mir im Grunde nur eine Art Komödie vorspielte – das war gemein, idiotisch und widersinnig. Ich hatte nämlich Kopfschmerzen: »Ein ganz gewöhnlicher Katzenjammer,« beliebte ich zu murmeln. Doch etwas Ungewöhnliches kam noch hinzu: Ich fühlte nämlich schlankweg das Bedürfnis, aus aller Kraft um mich zu schlagen oder mit dem Kopfe gegen die Wand zu rennen. Ich vermochte mich allerdings überhaupt nicht zu rühren, starrte, nach meiner Überzeugung mit blutunterlaufenen Augen, vor mich hin und hatte die Tobsucht unter der Haut.

»Das hält kein Mensch auf die Dauer aus,« sagte ich laut und versuchte, der Qual irgendwie ein Ende zu bereiten. Ich wollte mir wenigstens eine kleine Pause gönnen, einfach nicht mehr daran denken . . . aber es war ja da. Nun, ich machte irgendeinen hilflosen, läppischen Versuch, neigte den Kopf zurück und – lächelte. Plötzlich kam mir alles wie ein Traum vor, wie einem das in einer fremdartigen Umgebung öfters so ergeht. Die schmale gewundene Treppe, die weiter unten von einem Gasflämmchen trüb erhellt wurde, die schwarze Decke über mir und ich selbst, der ich mich ohne jeden Grund krampfhast am Geländer festhielt . . . In der Küche begann es wieder zu rumoren, ein männlicher Jemand knarrte auf und ab und sprach stoß« weise mit sich selbst. . . Meine Situation blieb sekundenlang unwirklich, sogar im Traume noch lächerlich, doch das Traumhafte verschwand, und alles erwies sich als so qualvoll, bösartig und heimtückisch, wie es gewesen war. Die Zeit verging; mich fror, indessen, ich rührte mich nicht. Übrigens wurde es mir klar, daß mich eine ganz bestimmte Sache unheimlich bedrückte. Ich ärgerte mich also keineswegs für nichts und wieder nichts, sondern hatte alle Veranlassung . . . Das heißt, wenn man es genau überlegte, so handelte es sich um eine geradezu sinnlose Lappalie. Aber ich bin nun einmal ein origineller Mensch, hatte es mir in den Kopf gesetzt, mich über jede Kleinigkeit zu ärgern. Meine überreizte Phantasie bauschte alles in unnützer Weise auf und vergnügte sich offenbar damit, Gespenster zu sehen. Warum mir aber der lächerliche Vorfall, von dem hier die Rede ist und der von den schlimmsten Folgen für mich begleitet war, einen besonders peinlichen und sogar unheimlichen Eindruck hinterlassen hatte, das begreife ich noch heute nicht. Kurz und gut: Meschelkes Abschiedskompliment ließ mich nicht zur Ruhe kommen. So seltsam es klingt – es schien mir die schwerste Beleidigung zu sein, die mir je von einem Menschen zugefügt worden war. Ich entsann mich dessen plötzlich in unbeschreiblicher Wut und mit übergroßer Deutlichkeit. »Sie sind ja so ein feiner Herr, da komme ich vielleicht gar nicht mit,« flüsterte ich in dem mir wohlbekannten Tonfall und schnitt eine Grimasse dazu, die sich bemühte, Meschedes einfältiges Gesicht nachzuäffen. Ich hatte nur noch diesen einzigen Gedanken, er quälte mich unablässig, ich bekam Stiche in den Schläfen lind unternahm eine Art trockenen, krampfhaften Versuchs, zu weinen. Hastig dachte ich: »Er hat sich über mich lustig gemacht, das ist der Witz, hat mir einfach eins versetzen wollen, denn ich hatte mich ja rein zufällig ihm gegenüber nicht gerade als Kavalier benommen . . . rein zufällig, wie gesagt. Infolge der Verkettung ungünstiger Umstände sah ich mich gezwungen . . . habe mich etwas schäbig aufgeführt. Und dieser Meschelke konnte nicht umhin, mich auf scheinheilige und raffinierte Art zu beleidigen. Allerdings, mag sein, daß er mich einfach trösten wollte. Das ist übrigens das Wahrscheinlichste. Kein Mensch kann sich so verstellen,« murmelte ich verzweifelt und dachte wieder an sein einfältiges Gesicht. »Er hatte Mitleid mit mir, kein Wunder, ich bin ja vom bösen Geist besessen und zum Sterben krank. Er flüsterte mir aus angeborener Liebenswürdigkeit irgendein belangloses Kompliment ins Ohr, ist aber weit davon entfernt, das für wahr zu halten, was er gesagt hat. Ganz im Gegenteil, er macht sich seine eigenen Gedanken und hat alles in allem von diesem Herrn Heckfisch nicht den besten Eindruck empfangen . . . Wenn es sich so verhält, mein lieber Meschelke, dann möchte ich Ihnen ernsthaft versichern, daß ich wirklich und wahrhaftig ein feiner Herr bin, ein pikfeiner Kavalier, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, wenn auch nur aus dem Grunde, weil ich mich vor dem Tode so gar nicht ängstige. Ich werde ohne Zweifel bald sterben. Bei dieser Vorstellung läuft mir aber kein Schauer über den Rücken, wie gewissen Leuten. Ich fürchte mich nicht ein bißchen. Nicht wahr, Herr Meschelke, Sie trauen Ihren Ohren nicht und müssen, wenn Sie ehrlich sind, gestehen, daß Sie alles andere eher erwartet hätten. . . Dieser heikle Punkt gehört zwar zu meinen kleinen Geheimnissen, doch ich bin bereit, mich gelegentlich mit Ihnen eingehend darüber zu unterhalten. Aber das ist nur ein einziger von zahllosen Gründen, die dafür sprechen, daß Sie mit Ihrer Redensart ins Schwarze getroffen haben . . . Es ist hundsgemein,« flüsterte ich, »daß er es nur gesagt hat und es gar nicht glaubt. – Aber dummes Zeug, widerwärtige Komödie,« fuhr es mir durch den Kopf; ich hatte nämlich in der Tat keinen Augenblick an Meschelkes Aufrichtigkeit gezweifelt. Er hatte es ja buchstäblich so gemeint, doch ich vermochte diesen Gedanken kaum zu ertragen . . . »Es war ihm völlig ernst damit, es kann gar nicht anders sein,« kicherte ich, »ich habe ja alles deutlich vor Augen.« Meschelke neigt sich zu mir, macht ein kindliches, gläubiges Gesicht und sagt mit geradezu feierlichem Ernst: »Wissen Sie, Sie sind so ein feiner Herr, da komme ich vielleicht gar nicht mit . . . « »Er hat sich also ohne die geringste Veranlassung gedemütigt, hat mich in den Himmel erhoben und verblümt angedeutet, daß er nicht würdig sei, mir die Schuhriemen zu lösen. Und noch dazu in einer Situation, wo, wie gesagt, alles andere eher . . . Das ist ekelhaft, einfach ekelhaft, das ist unerträglich,« wisperte ich entsetzt. Nach wie vor hatte ich das Gefühl, als sei mir eine tödliche Beleidigung widerfahren. Ich starrte auf meine Hand, die wie leblos vom Treppengeländer herabhing; ich hatte Fieber, und die abgestandene Tobsucht verzettelte sich unter meiner bleichen, übernächtigen Haut. Aber plötzlich gab es einen Höllenlärm, ich schrak heftig zusammen, duckte mich unwillkürlich, denn die Decke drohte einzustürzen. Dicht über meinem Kopfe krachte und klirrte es von zerbrechendem Geschirr. Dann hörte man einen häßlichen dumpfen Fluch. In diesem Augenblicke wußte ich, daß ich unbedingt . . . Mein Herz klopfte noch immer zum Zerspringen, mir wurde vor Schreck nachträglich totenübel, doch ich achtete nicht darauf. Es war mir nämlich ein Gedanke gekommen, der an Originalität nichts zu wünschen übrig ließ: Ich faßte den Entschluß, einen Menschen umzubringen.

Damit man es aber recht versteht: ich nahm mir vor, irgendeinen ganz beliebigen Menschen ins Jenseits zu befördern. Das war sozusagen der einzige Ausweg, und ich wunderte mich, nicht schon früher darauf verfallen zu sein. Besonders entzückte mich das Heimliche an der Sache, das unverhoffte kleine Geheimnis. Und wars geschehn . . . mich zu verdächtigen, das würde niemand wagen! Nicht wenig freute mich auch die unbeschränkte Wahl, ich haßte ja alle gleich, und keiner ahnte die Gefahr, in der sie von Stund an verzaubert schwebten. »Einer wird schon daran glauben müssen, Herr Radke, zum Beispiel, mein anmutiger Wirt,« murmelte ich begeistert, unmittelbar darauf ergriff mich jedoch die tiefste Niedergeschlagenheit. Ich wußte, daß ich nie und nimmer . . . Hatte mich da in eine Idee verrannt, wußte aber natürlich, daß ich nicht der Mann dazu war. Nicht etwa, daß es mir an Courage gefehlt hätte, doch ich sah es schon kommen, daß mich zur unrechten Zeit das Mitleid überwältigen würde; ganz wider meinen Willen und zuverlässig im entscheidenden Augenblick. »Ich werde mich darauf beschränken, nach Hause zu gehen, mich in meinem Zimmer einzuschließen und den blechernen Aschenbecher mit aller Kraft gegen die Wand zu schleudern – zugegeben, mit aller Kraft,« dachte ich verzweifelt, und eine ohnmächtige Bitterkeit erfüllte mich. Von oben her näherten sich Schritte. Die Treppe knarrte; jemand streckte den Kopf vor und räusperte sich. Ich verhielt mich mäuschenstill und dachte: »Bitte mich nur mit Gewalt hinauszubefördern; das wäre der richtige Abschluß.« Man hatte mich offenbar bemerkt, denn plötzlich wurde mir die Ehre eines Gelächters zuteil. Es war nur ein kurzes, heiseres Auflachen. Die Schritte entfernten sich wieder, aber ich hatte im Grunde nur darauf gewartet, daß von mir Notiz genommen würde. Nun schlich ich mich, weiß der Teufel warum, auf den Zehenspitzen die Treppe hinunter, schlüpfte hinaus und gelangte so ohne weiteren Zwischenfall auf die unheimliche, menschenleere Straße.



X

Es herrschte noch verstärkte Dunkelheit, man hatte nämlich in Anbetracht der vorgerückten Stunde nur jede dritte Laterne brennen lassen. Ich überlegte, was zu tun sei. Das heißt, ich war nach wie vor fest entschlossen, einen Menschen umzubringen, koste es, was es wolle; ich verschob jedoch die Ausführung einer so ungewöhnlichen Tat auf unbestimmte Zeit. Vorläufig wußte ich nicht, welche Richtung ich einschlagen sollte . . . Widerwärtige Situation! Mir graute vor zu Hause. Das Ehepaar Radke lag sich jedenfalls gerade in den Haaren. An Schlaf war nicht zu denken. Auch mußte ich pünktlich um acht im Amte sein. Es waren freilich noch ein paar Stunden bis dahin. Ich verfiel auf den naheliegenden Gedanken, irgendwo einzukehren, doch ich hatte kein Geld, überzeugte mich noch einmal schnell davon – besaß keinen Pfennig mehr. Ein heißer Tee hätte mir wohlgetan, mich fröstelte, übernächtig, wie ich war. Kein Wunder, daß ich das naßkalte Wetter als eine mir persönlich zugedachte, ekelhafte Bosheit empfand. Die Feuchtigkeit zog sich mir von dem schmierigen Pflaster bis in die Kniekehlen empor. »Ich gedenke eben doch einen kleinen Spaziergang zu machen,« flüsterte ich schadenfroh. Plötzlich belebte sich die Straße, insofern, als auf der gegenüberliegenden Seite die Tür einer Budike geöffnet wurde: ich sah einen schwachen Lichtschimmer. Zwei Leute kamen heraus, ein schwerfälliger Mensch und ein kleines Männchen, das von lebhafter Genugtuung erfüllt zu sein schien. Es tanzte einige Schritte wie besessen und rempelte den Kameraden gemütlich an. Ich erkannte Gustav und Meschelke. Die beiden hatten sich wohl auf meine Kosten ein Schnäpschen genehmigt. Sie schüttelten einander die Hand. Ich fieberte vor Schwäche. Gustav taumelte die Straße hinunter und war bald verschwunden.

Meschelke drehte sich um und steuerte quer über den Fahrdamm gerade auf mich los. Er erkannte mich, stutzte und blieb stehen.

»Immer noch hier?« fragte er erstaunt.

Ich nahm mir blitzschnell vor, nicht zu antworten, dachte mir nämlich, daß das einen niederschmetternden Eindruck auf ihn machen würde. Ich sah ihn höhnisch an; meine Müdigkeit war verflogen, ich fühlte mich tatkräftig, aber in bösem Sinne . . . Der Kerl roch nach Schnaps.

»Na, kommen Sie gut nach Hause,« meinte er traumverloren und ging. – Plötzlich besann ich mich eines andern.

»Herr Meschelke!« schrie ich, rannte ihm nach, erreichte ihn ganz atemlos und fragte:

»Wo gehen Sie jetzt hin? Haben Sie ein trautes Heim? Sind Sie verheiratet?«

»Gewiß doch, ich bin verheiratet,« antwortete er lächelnd, »eine ganz junge Frau. Ich kann aber nicht nach Hause . . . ist zu spät geworden. Und daran sind Sie schuld, Herr,« sagte er immer noch gemütlich lächelnd. »Wissen Sie, ich habe in Rummelsberg zu tun. Wenn ich hinkomme, fängt die Arbeit gerade an.«

»Wie weit ist es denn bis dahin?«

»Gute anderthalb Stunden.«

»Ich begleite Sie ein Stück,« sagte ich kurz entschlossen, schlug den Kragen hoch und hielt mit ihm Schritt.

»Was ich hier tue, verträgt sich durchaus nicht mit meinen Prinzipien,« fuhr es mir durch den Kopf. »Dieser Meschelke steht sozial tief unter mir. Das wäre noch kein Unglück, doch ich habe mich außerdem blamiert und dadurch gewissermaßen das Ansehen des ganzen Beamtenstandes . . . Es war eine Dummheit von mir, ihm nachzulaufen, habe es aber schließlich nur getan, um nicht allein zu sein. Er ist mir Mittel zum Zweck, nicht mehr, ich bin weit davon entfernt, mich ihm anzubiedern, und Herr Meschelke dürfte sich auch klar darüber sein. Er ist demgemäß bescheiden, zurückhaltend und redet nur, wenn er gefragt wird . . . Ich kann übrigens beim besten Willen kein freundschaftliches Interesse für ihn aufbringen; er ist mir vollkommen gleichgültig. Mit dieser Einschränkung und in Anerkennung seines braven Verhaltens, weiß ich es zu würdigen, daß ich nicht mutterseelenallein durch die Straßen irren muß. Die Gesellschaft eines so ausgezeichneten Menschen ist der Einsamkeit bei weitem vorzuziehen. Denn Herr Meschelke ist gar nicht so ohne. Er macht einen äußerst soliden Eindruck. Seine Gutmütigkeit hat keine Grenzen; man könnte sie trottelhaft nennen und das ist eben der Witz der ganzen Sache,« dachte ich gereizt, »dieser Meschelke ist dumm, bodenlos dumm.«

Er war so einfältig, daß er sich gar nicht über mich wunderte, auch nicht fragte, was ihm eigentlich die Ehre meiner Begleitung verschaffe. Er führte mich mit eiligem Schritt durch schnurgerade Straßen, an zahllosen schwächlich flimmernden Laternen vorüber. Es wurde merklich kälter. Ich bekam mir nichts dir nichts einen leichten, netten Hustenanfall, verschluckte mich, blieb stehen und hustete krampfhaft. Sieh da, Freund Meschelke nahm keine Rücksicht darauf, sondern setzte seinen Marsch gelassen fort. Das tat er, versteht sich, nicht aus bösem Willen; er wußte eben nicht, was sich gehört. Ich aber war gezwungen, ihm abermals nachzulaufen, und rannte atemlos, noch hustend, hinter ihm drein. – –

»Warum haben Sie denn nicht auf mich gewartet?« fragte ich plötzlich.

»Ich komme sonst nicht zurecht,« meinte Meschelke.

Da schwieg ich, was hätte ich auch darauf erwidern sollen? Dieser Spaziergang begann mich zu langweilen. Aber ich wußte mir die Zeit nicht besser zu vertreiben, ging also immer noch weiter mit. Ich wurde wieder schläfrig und träumte im Marschieren vor mich hin. Doch nein, ich träumte mit nichten, jeder Schritt flüsterte mir zu, wo ich mich befand: auf der Straße, mitten in der Nacht, in einer mir wildfremden Gegend der Stadt. Nun denn, die Umstände hatten es so gefügt. Indessen, einem Bettler konnte nicht schlimmer zumute sein. Und wahrhaftig, weniger Geld als augenblicklich ich besaß selbst der letzte Bettler nicht. Auch das Wetter war danach. Ein trüber, beißender Nebel war aufgestiegen und wogte als weißlicher Rauch im Strahlenkreis der Laternen. »Niemals,« so dachte ich bitter, aber auch mit einer gewissen Genugtuung, »niemals werde ich diesen trostlosen Herbstmorgen vergessen!« Zum Umfallen müde setzte ich einen Fuß vor den andern. Es war immer noch dunkel; in einigen Läden und Fenstern zu ebener Erde schimmerte Licht. Ich aber hatte kein Zuhause, denn Radkes gute Stube konnte man unmöglich so nennen. Und mir war nur zu genau bekannt, daß dort just um diese Stunde der leibhaftige Satan sein Spiel trieb. Er schimpfte, sie kreischte und schmiß die Türen zu. Und lediglich um einer solchen Gemeinheit zu entgehen, hatte ich mich an Meschelke angeschlossen, einen herzlosen, eigensüchtigen Menschen, der wie besessen seiner Arbeitsstätte zujagte. Die Straßen waren so gut wie menschenleer; nur dann und wann kamen uns raschen, doch schwankenden Schrittes schlaftrunkene Leute entgegen. Wir gingen immer weiter, aber das Schweigen war mir nicht angenehm. Freilich, was hätte ich mit Meschelke reden sollen? Zwischen uns gab es keinerlei Berührungspunkte.

Nun ertrug ich es nicht länger; ich überlegte krampfhaft. Endlich räusperte ich mich und fragte:

»Hören Sie mal, der Gustav, das ist wohl ein Verwandter von Ihnen?«

»Nee, das ist ein Kollege von mir.«

»So. Warum geht er dann nicht mit uns?«

»Der ist jetzt arbeitslos.«

»Arbeitslos?« rief ich heftig, ohne die mindeste Anteilnahme. »Was sagen Sie? Arbeitslos?«

»Ja, wissen Sie, der bleibt nirgends lange, der trinkt ein bißchen viel,« bemerkte Meschelke mit Gleichmut.

So, nun hatte ich eine erschöpfende Auskunft bekommen. Doch damit war mir nicht geholfen. Zum Henker, was ging mich das alles an . . . Der Nebel hatte sich verteilt, und um die schwarzen Häuserlücken strichs zugig wie von offenem Gelände her. Plötzlich ein Windstoß, ich erschauerte, denn alsbald begann in eisigen Tropfen Regen niederzufallen. Doch mittendrin kitzelte mich ein behaglicher Gedanke, das heißt, es war weniger als nichts, ich schäme mich, es einzugestehen: Meschelke hatte »Sie« zu mir gesagt und überhaupt ziemlich respektvoll mit mir geredet. Das freute mich, das freute mich ganz besonders. Denn daraus ging mit unwiderleglicher Klarheit hervor, daß ich keineswegs ein Bettler war, sondern ein Jemand in Rang und Würden. Vor allen Dingen aber ein erwachsener, ein ganz ausgewachsener Mensch und kein Schuljunge mehr, den leichthin zu duzen auch Meschelke für angemessen erachten würde. Nun aber erschrak ich wieder, was nicht wundernehmen kann. Denn hier handelte es sich gewissermaßen um Selbstverständlichkeiten, ich aber freute mich trotzdem, so tief war ich bereits gesunken. . . Diese Erkenntnis erfüllte mich, wie gesagt, mit heillosem Schrecken, doch nur für einen Augenblick. »Du bist und bleibst ein außerordentlicher Mensch,« so sprach ich nämlich rasch gefaßt zu mir selbst, »du fürchtest ja den Tod nicht!« Und mir wurde leicht ums Herz. So leicht, daß ich in meinem Sinn zu scherzen begann. »Wenn ich schon auf Erden, als armseliger Obersteuersekretär, so unvorhergesehene Freuden erlebe,« ging es mir durch den Kopf, »daß eine achtungsvolle, nebenbei bemerkt aber selbstverständliche Anrede, die jedem Erwachsenen von Distinktiv« gebührt, mein Herz schneller schlagen läßt, welche erhabenen Wonnen mögen da erst meiner unsterblichen Seele zugedacht sein. Übrigens – vielleicht auch nicht, denn wer kann das mit Sicherheit wissen? Vielleicht ist später erst recht der Teufel los, nun, das soll mich nicht genieren. Denn niemand, wer es auch sei, kann mich zwingen, ihn – zu lieben. Ich verachte ihn immerzu. Folglich erwarte ich meinen nahe bevorstehenden Tod mit beträchtlicher Gelassenheit.«

Diese Erwägung machte mich so übermütig, daß ich Lust bekam, ein paar Schritte zu hüpfen. Aber das dauerte gleichfalls nur einen Augenblick. Denn indem meine Gedanken zu Meschelke zurückkehrten, fand ich es plötzlich sehr sonderbar, daß dieser Mann in meinem Leben bisher gar keine Rolle gespielt hatte. Er war ja für mich überhaupt nicht vorhanden gewesen. Und hast du nicht gesehen, hatte ich folgenden Einfall: »Vielleicht fühlt sich Meschelke durch meine Begleitung gar nicht geschmeichelt. Kann sogar sein, daß sie ihm lästig fällt.« Sofort nahm ich mir vor – braucht es erst gesagt zu werden? Ich faßte automatisch den Entschluß, bis nach Rummelsberg mitzugehen, und müßte ich mir die Beine ablaufen.

»Hören Sie mal,« wandte ich mich an Meschelke, »der Weg ist recht weit, ich werde dann wohl mit der Stadtbahn zurückfahren müssen, habe aber zufällig kein Geld bei mir. Ein purer Zufall. Wollen Sie mir nicht gütigst zwanzig Pfennige leihen?«

»Aber gern,« sagte er ärgerlich, wie mir schien und griff in die Tasche.

»Hat ja später Zeit,« bemerkte ich hastig, »und wenn wir uns im Grand-Café wieder einmal treffen sollten, so erstatte ich Ihnen die Summe zurück. Nicht wahr, Sie wissen bereits, daß ich Staatsbeamter bin? . . . Ich muß sogar pünktlich um acht Uhr im Ministerium sein und mich bei meiner vorgesetzten Stelle melden . . . « murmelte ich. »Finden Sie es übrigens nicht sonderbar,« fuhr ich lebhaft fort, »daß wir beide uns erst seit einigen Stunden kennen?«

Meschelke verstand mich nicht; ich wiederholte meine Frage.

»Kommt alles im Leben vor,« meinte er.

»Aber finden Sie es nicht sonderbar, sonderbar?!« beharrte ich.

Er konnte es beim besten Willen nicht sonderbar finden. »Hol dich der Teufel,« zischte ich leise und nahm mir vor, kein Wort mehr zu sprechen. Es ging mir miserabel, aber nun hatte ich genug. Ich war auf dem Standpunkt vollkommener Wurstigkeit angelangt. Aber heimlich lief ein quälender Gedanke nebenher . . . ich hatte vergessen, was es war, doch dieses gerade beunruhigte mich. Ich fuhr auf, das wars: die peinlichen Vorfälle dieser Nacht ließen mir noch immer keinen Frieden.

Man hatte mir also ohne Gnade den letzten Pfennig aus der Tasche gezogen. Unter uns gesagt: ich hatte diesen Verlust schon ein wenig verschmerzt. Nun aber fing die Wunde wieder zu bluten an. »Ohne dies Geld hat das Leben bekanntlich keinen Wert mehr für mich,« dachte ich voller Bosheit. Der Schlaf war mir ganz und gar vergangen. Ich warf Meschelke einen wilden Blick zu, doch es half mir nichts, ich mußte mir widerwillig eingestehen, daß von meiner Tobsucht nur ein dürftiger Rest zurückgeblieben war. Jetzt sah ich alles mit andern Augen an und hatte mich so ziemlich beruhigt. Doch das tat mir eigentlich leid. Ich bemühte mich daher, mir die fatalen Erlebnisse meines dienstfreien Nachmittags recht eindringlich vorzustellen und verweilte bei dieser und jener Einzelheit; es glückte mir auch, hie und da giftig zusammenzuzucken, aber der Arger hielt nicht lange vor. Ich fühlte, wie ich ermattete. »Doch nein, so haben wir nicht gewettet,« war mein hastiger Gedanke, »ich habe die Absicht, einen Menschen zu töten – nun, Meschede wird derjenige sein!« Wieder streifte ich ihn mit einem Blick und hätte beinahe laut aufgelacht. Er guckte just ausnehmend verwirrt und dämlich drein; er besorgte wohl, zu spät zu kommen . . . Ich hätte, wie bemerkt, beinahe herzlich gelacht, aber ich wandte mich rasch ab. »Alles ist mir widerwärtig,« stieß ich leise durch die Lippen.

Andrerseits mußte ich mir bei einiger Überlegung sagen, daß es nicht gerade Herr Meschelke zu sein brauchte. Es hatte auch weiter keine Eile. Geschehen aber würde es einmal, das stand fest. »Sonst bin ich nicht erlöst,« dachte ich allen Ernstes. Freilich verspürte ich zu der Tat selbst weniger Lust, als daß ich mir wünschte, sie bereits begangen zu haben. Denn eine seltsame Verheißung durchsummte mich: daß sodann mein »Ich«, daß Heckfisch für alle Zeit geheimnisvoll gepanzert sein würde. »Herr Berlinghoff kommt sich vermutlich als Held vor, wenn er eine Jungfrau verführt, ich aber werde ohne Sentimentalität einem Manne das Lebenslicht ausblasen.« Diese fixe Idee hatte sich meiner bemächtigt. Ich sah wohl ein, daß meine Kräfte zu ihrer Ausführung vorläufig nicht ausreichten, aber ich hatte ja Muße genug, um mich gehörig vorzubereiten. »Und wenn Jahre darüber vergehen, einer wird daran glauben müssen,« sagte ich mir immer wieder, und das verschaffte mir eine gewisse Erleichterung. Wir durchquerten ein schmutziges Viertel, enge Gäßchen, Fabriken rechts und links; weite, einsame Höfe, von Bogenlampen beleuchtet. Meschelke, dem ich soeben das Leben geschenkt hatte, ging sehr schnell und sprach kein Wort. Ich konnte nicht länger zweifeln: meine Begleitung war ihm unerwünscht. Das war der Gipfel des Undanks, ich aber ließ mich nicht einschüchtern, ging nicht weniger schnell und sprach erst recht kein Wort. Er konnte mir doch nicht gut die Straße verbieten. Wir marschierten Seite an Seite, im gleichen Takt. Doch plötzlich lief ich an die hundert Schritte voraus, machte atemlos halt, ließ ihn herankommen, rannte abermals voraus, wie von Furien gepeitscht, und wartete zum zweiten Male. Er gönnte mir keinen Blick. Als er mich erreicht hatte, schloß ich mich ihm ungeniert wieder an.

Ich hatte mir vorgenommen, zu schweigen, hielt es aber nicht aus und begann wiederum zu schwatzen:

»Sie haben also eine junge Frau, mein lieber Meschede? Erlauben Sie, daß ich eine Frage an Sie richte, es will mir nämlich nicht aus dem Kopf. .. Sie dürfen es nicht falsch auffassen, aber sagen Sie mal: fürchten Sie nicht, daß Ihre Frau Sie betrügt?«

»Nee, die hat andere Sorgen.«

»Haben Sie denn gar keinen Verdacht?«

»Ich wüßte nicht,« sagte er ärgerlich.

»Nichts für ungut, ich meinte nur so . . . ich zweifle ja nicht daran, daß Ihre Frau ein wahrer Engel an Unschuld und Reinheit ist.« Wie der Blitz schob ich meine Hand unter seinen Arm. »Aber Sie müssen mir doch zugeben,« sagte ich plötzlich gereizt, »daß immerhin für die Zukunft eine derartige Möglichkeit besteht!«

Darauf gab er mir keine Antwort.

»Was würden Sie in einem solchen Falle tun?« forschte ich nach einer Pause, »ich meine nur, gesetzt den Fall . . . «

»Dann jage ich sie fort,« erwiderte er, indem er seelenruhig seinen Arm freimachte.

Dieser klassische Ausspruch machte mich beinahe rasend, ich weiß nicht warum. »Schöner Standpunkt,« murmelte ich und nahm mir endgültig vor, diesen Menschen keines Wortes mehr zu würdigen. Wir gingen mürrisch weiter. Die Straßen hörten auf; ein pfütziger Weg führte uns durch ein trostloses Gemisch von Bauplätzen, Laubenkolonien und an vereinzelten dunklen Schuppen vorüber. Sekundenlang glaubte ich wirklich zu träumen: ich bin in meinem Zimmer und atme den mir wohlbekannten flüchtigen Geruch ein, der meiner schadhaften Lampe entströmt. Ich hob den Kopf und gewahrte die Umrisse einer riesengroßen, schwarzen Gasanstalt. In diesem Augenblicke war mein Geist vollkommen klar und ich übersah meine hoffnungslose Situation so deutlich, wie nie zuvor: ich hatte von Herrn und Frau Radke kein Entgegenkommen zu erwarten. Sie hielten mich einfach zum Narren, ich aber durchschaute gar wohl die Gemeinheit und Hinterlist ihres Charakters. »Das will ich mir unter keinen Umständen mehr gefallen lassen,« überlegte ich, begriff aber sofort, daß eine Kündigung zurzeit nicht in meinem Interesse lag; ich befand mich in Geldnöten, das Zimmer war billig und der Gasgeruch eigentlich kaum zu spüren. »Aber eine ganz besondere Herzlosigkeit gehört dazu, unbescholtenen Leuten ein Zimmer zu vermieten, in dem es notorisch nach Gas riecht. Dabei hat man mir Abhilfe versprochen, sonst hätte ich es mir natürlich zehnmal überlegt. Nun aber redet sich einer auf den andern aus, jedes will mir schmeicheln und schilt auf seine Ehehälfte. Die Zwistigkeiten in der Familie Radke zehn mich jedoch durchaus nichts an. Mir gegenüber bilden sie sozusagen eine geschlossene Familie, die sich verpflichtet hat. . . Ich könnte zwar selbst, auf eigene Kosten,« dachte ich von ungefähr, verwarf aber besagte Idee ohne Zögern mit der größten Entschiedenheit. Es handelte sich hier um das Prinzip. Mir war nicht zu helfen, weder in diesem Falle, noch auch sonst. Es blieb mir nichts übrig, als zu verzweifeln, ohne Sinn und Zweck nach Rummelsberg zu marschieren, zu husten, zu stolpern und ab und zu in eine Pfütze zu treten. Ununterbrochen rieselte es in unsichtbaren, kalten Tropfen hernieder, und um meine Gesundheit stand es noch schlechter als zuvor. Mich fieberte beträchtlich, seltsame Gedanken jagten mir durch den Kopf, fortwährend aber beunruhigte mich das unheimliche Gefühl, als versäumte ich weiß der Kuckuck was, als müsse irgendein Eisen heiß geschmiedet werden. Meschelke ging schweigend neben mir her und scherte sich den Teufel um mich. Ich aber war nicht dumm und fragte ihn halb schreiend das erste beste, was mir einfiel:

»Sie haben doch vorhin gesagt, ich sei so ein feiner Herr, viel feiner als Sie. Wie meinten Sie das eigentlich?«

Verlegenes Räuspern; ich, nicht faul, wiederholte meine Frage.

»Ich weiß wirklich nicht, was ich nun sagen soll . . . ich meinte nur so,« klang es zurück.

»Ich meinte nur so, ich meinte nur so,« spottete ich ihm nach. »Da soll einer draus klug werden . . . Und merken Sie sich gefälligst: wenn ich auch ein feiner Herr bin, so bin ich drum noch lange nicht feiner als Sie. Wir Menschen sind alle Brüder, Hurra!« rief ich und fuhr übermütig fort: »Ich kann es zwar in der Dunkelheit nicht sehen, aber ich wette um annähernd fünfundzwanzig Mark, daß Sie ganz schamrot geworden sind, Herr Meschelke! . . . Übrigens ist es keineswegs so bombensicher, daß ich ein feiner Herr bin. Sie kennen mich ja gar nicht. Ich könnte ebensogut ein grandioser Schurke sein, und ich bitte Sie, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehn. Ich wollte Sie nämlich wirklich beschwindeln, glauben Sie mir das, ja oder nein?«

»Ist auch weiter kein Unglück. Man muß sich sagen: Sie haben mit tollem Pech gespielt.«

»Was?! Sie glauben doch nicht etwa . . . na, das ist stark,« donnerte ich ehrlich entrüstet. »Ich habe natürlich nur gescherzt, und Sie glauben allen Ernstes . . .«

»Nee, ich glaube es gar nicht, ich meinte nur, wenn Sie ein bißchen gemogelt hätten, so wäre das auch weiter kein großes Unglück,« sagte er schlicht.



XI

Ich schwieg nicht wenig betroffen. Zwar ließ ich es auch weiterhin an Entrüstung nicht fehlen und dachte mir: »So ein Kerl, er schließt von sich auf andre!« Doch im übrigen mußte ich mir eingestehen, daß ich in dieser Affäre den kürzeren gezogen hatte. Nun aber war ich auch gesonnen, einen dicken Strich darunter zu machen. Es war höchste Zeit für mich, auf vergnüglichere Gedanken zu kommen, und ich stellte wieder einmal fest, daß ein verzweifelter Zustand nicht ewig andauern kann. Freilich ging es mir immer noch schlecht und schal genug, aber ich fühlte, daß mein Lebenswille zurückgekehrt war. Munterer schritt ich aus, das Fieber war erträglicher; sogar der Regen hatte aufgehört, und unmerklich begann es zu dämmern. Noch freute mich nichts, doch ich war wenigstens bereit, jedwede kleine Freude anzunehmen, und wie ein Vöglein nach beruhigtem Gewitter schüchtern wieder zu zwitschern versucht, so erhob ich meine Stimme und sprach in versöhnlichem Tone:

»Mein lieber Meschelke, wenn Sie glauben, daß so ein feiner Herr wie ich nichts Wichtigeres zu tun hat, als in aller Herrgottsfrüh mit Ihnen in dieser wüsten Gegend herumzulaufen, so irren Sie sich sehr! Werde dann schleunigst mit der Stadtbahn zurückfahren. Sie haben Angst, zu spät zu kommen, nicht wahr? Nun eben, auch ich werde pünktlich erwartet. Ich sagte Ihnen schon, daß ich um acht Uhr im Ministerium vorsprechen muß, und da ich gestern meinen dienstfreien Nachmittag hatte, so habe ich heute vermutlich doppelt zu schuften. Die Akten häufen sich, man weiß gar nicht mehr, wohin damit. Und beinah hätt' ichs vergessen, heute muß ich ja unserem Geheimrat speziellen Bericht erstatten. Sie sehen, man weiß wirklich nicht, was man zuerst . . . Übrigens wurde es mir nicht an der Wiege gesungen, daß ich einmal ein ziemlich schlecht bezahlter, mittlerer Beamter sein würde . . . Denn mit dem Geld knausert man bei uns, ist mehr Ehrensache, wissen Sie . . . Mein Vater war nämlich ein schwerreicher Mann und hat nur später durch die Ungunst der Verhältnisse . . . Aber wenn ich an meine Kindheit denke, mein Lieber, so was von Luxus und Aufwand können Sie sich überhaupt nicht vorstellen. Und das steckt einem natürlich im Blut, komme mir daher gegenwärtig, obgleich ich mich gar nicht schlecht stehe, manchmal wie ein Bettler vor . . .«

So plauderte ich eine Weile fort, wie einer nach langer Krankheit seine Lieblingsspeise versucht, ob sie ihm wieder munde. Doch ich hatte mir den Magen wohl zu sehr überladen. Auch schien das, was ich sagte, auf Meschelke nur geringen Eindruck zu machen. Er äußerte sich nicht dazu, ja, er beschleunigte nach Kräften seinen Schritt. Mit einem Schlage verging meine frohere Laune. Ich war müde, unfähig, klar zu denken, kurz, in jämmerlicher Verfassung. Das Dasein war mir unerträglich. »Vielleicht befördere ich ihn trotz alledem noch in ein besseres Jenseits . . . ich habe sogar ganz unbedingt diese Absicht,« dachte ich unsicher, wie jemand, der sich etwas ganz Unmögliches krampfhaft einzureden versucht. Ich hatte ja gerade jetzt auch gar keine Lust dazu, konnte aber nicht umhin, so zu tun, als würde der nächste Augenblick das Schreckliche erleben. Die Gelegenheit für mein Vorhaben war besonders günstig. Ich hatte das Messer zur Hand. Wir waren seit etwa einer halben Stunde keinem Menschen begegnet, es war noch dunkel genug, und wir gingen just durch einen morastigen Engpaß, der von zwei langgestreckten Holzschuppen gebildet wurde.

»Durch diese hohle Gasse muß er kommen,« sagte ich unwillkürlich halblaut vor mich hin.

»Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht,« ergänzte Meschelke mit Schwung. Ich war verblüfft.

»Da wundern Sie sich wohl,« meinte er verlegen und wurde plötzlich redselig: »Ich bin ein einfacher Mann, aber was Wissen anbelangt, da nehme ichs mit so manchem auf. Da ist mir so bald keiner über. Ich habe alles gelesen, da können Sie mich fragen, was Sie wollen, die ganzen Dramen, wo es gibt . . . Sie halten mich wohl für einen Dummen, bin aber nicht so dumm, wie ich aussehe,« rief er mit gespreiztem Tonfall und widerlichem Lachen, »ja, Herr, das glauben Sie vielleicht nicht, aber ich besitze ein tiefgründiges Wissen, und ich kann wohl sagen, aus eigener Kraft. Ich habe nämlich keine hohe Schule besucht, nur die ganz gewöhnliche Volksschule. Ich mußte ja immer schwer arbeiten, mein Brot verdienen, doch in meiner freien Zeit, da habe ich die Bücher studiert, so gut wie ein Gelehrter!«

Er fuhr fort, sich in dieser ekelerregenden Weise wichtig zu machen. Ich verharrte in verbissenem Schweigen – und fühlte die Tobsucht unter der Haut. Jedes einzelne Wort war Gift für mich; offenbar waren meine Nerven überreizt. Kurzum, ich konnte sein Bramarbasieren nicht vertragen. Es war mir unbegreiflich, wie er sich auf sein armseliges Wissen so viel zugute tun konnte. Aber er prahlte wie ein Pfau, nur darum, weil es Leute gab, die noch weniger wußten als er. Übrigens war der sonst so bescheidene, gutherzige Mensch gar nicht wiederzuerkennen. Er hatte sich, während er seine Tiraden zum besten gab, in der Tat vollkommen verändert. Seine Stimme hatte einen unangenehm vibrierenden Beiklang bekommen, er sprach unnatürlich, blickte mich unsicher an und erschöpfte sich in Beteuerungen. Er machte einen peinlichen Eindruck auf mich, ich ließ ihn das aber auch merken. Ich sagte kein Wort, zeigte kein Erstaunen, wie er zweifellos erwartet hatte, und stellte keine aufmunternden Zwischenfragen. Ich tat mit wahrer Inbrunst mein Möglichstes, um ihn verlegen zu machen, starrte hartnäckig geradeaus und streifte ihn nur von Zeit zu Zeit mit finsterem Blick. Ich haßte ihn derart, daß ich einzig und allein darauf sann, was ich ihm antun könnte, meine Gedanken überstürzten sich . . . und plötzlich begann ich mit vor Wut zitternden Lippen leise vor mich hinzupfeifen. Doch auf einmal kam mir alles unwirklich vor, wie vor Stunden auf der Treppe: die fremdartige Umgebung war schuld daran. Ich glaubte zu träumen, vergaß den Gefährten, war ganz allein, empfand aber immer noch einen glühenden, unversöhnlichen Haß. Auch hörte ich von fern her ein schwaches, geheimnisvolles Klingen, ich aber war unendlich vereinsamt, nur mein Schatten lief neben mir, und es schien, als gelte mein Haß mir selbst, sonst war ja niemand da, als gelte er, sonderbar genug, mir, Heckfisch, oder meinem Schatten. Aber das dauerte wohl nur den Bruchteil einer Sekunde. »Meine Nerven sind vergiftet,« murmelte ich und sah auf. Meschelke war verstummt. Das bedauerte ich fast. Seine Wichtigtuerei war mir zwar unerträglich, nun aber machte ich mir ein wollüstiges Vergnügen daraus, ihn zu reizen. Ich fürchtete mich davor . . . aber mich kitzelte der Gedanke, daß er sich meiner Verachtung preisgebe, ohne es zu wissen.

»Sie haben sich also gründliche Kenntnisse erworben, mein lieber Meschelke,« bemerkte ich so harmlos wie möglich.

»Da können Sie sich darauf verlassen, Herr,« meinte er selbstgefällig, »was das Wissen anbetrifft, da können Sie in dem ganzen Haus, wo ich wohne, lange suchen, bis Sie einen finden . . . in der ganzen Paulinenstraße nicht, da wohne ich nämlich.«

Das saß! Ich verschluckte mich vor Wut. »Verreck!« dachte ich wie im Fieber und umklammerte den Griff meines Messers in der Hosentasche. Ich ließ wieder los, hörte aber nicht auf, heimlich damit zu spielen. Wenn ich ermattete, so rief ich mir alle widerwärtigen Erlebnisse meines dienstfreien Nachmittags ins Gedächtnis zurück, nur um meine Galle neu zu beleben. Ich schaute um mich: weit und breit kein Mensch. Ganz in der Nähe gluckste Wasser, zahlreiche Gräben umkreuzten uns, und bald gingen wir die Böschung eines Kanalarms entlang. Ich befand mich dem schwarzen unheimlichen Wasser zunächst, lief aber plötzlich flink von hinten um Meschelke herum und sprach mit scherzhafter Eindringlichkeit zu mir selbst: »Nur Mut, nimm einen kurzen Anlauf und stoß den Kerl da hinein. Wetten wir, daß er versinkt, ohne einen Laut von sich zu geben?« Plötzlich erschrak ich so wild, daß mein Herz wie irrsinnig zu klopfen begann. Ich hatte meinen Kameraden wirklich angerempelt, oder kam es mir nur so vor? Nein, wahrhaftig, ich hatte ihn leicht gestreift, ohne es zu wollen; er schien nichts bemerkt zu haben. Gar eilig schritt er neben mir einher und ahnte nichts von der »Gefahr«, in der er schwebte. Langsam erholte ich mich von meinem Schreck und gestand mir ohne weiteres ein, daß es mit dem »Mord« nicht viel auf sich habe. Ich war so müde, daß ich mich kaum weiterschleppen konnte, doch bis zur Bahnstation in Rummelsberg mußte ich durchhalten. Ich nahm mir rasch noch vor, mich von Meschelke wenigstens nicht zu verabschieden, kein Händedruck oder Gruß, nichts da! Er hatte mir allerdings das Fahrgeld noch nicht gegeben. »Um so besser. Ich ersuche ihn höflich darum, stecke die Nickel kaltblütig ein und dann auf und davon, ohne auch nur den Kopf zu wenden . . .« Damit tröstete ich mich.

Wir durchquerten ein Gewirr von Zäunen und Bretterbuden. Zuweilen gluckste es neben uns. Plötzlich gelangten wir auf eine offene Fläche. Alles war totenstill; die schmutziggraue Luft lastete eisig und feucht auf dem gefrorenen Sand, durch den sich wieder ein Wassergraben zog, in geradem Strich, mit vergilbtem Gras an den Rändern. Ich blinzelte vor Schläfrigkeit, neigte den Kopf zur Seite und bemerkte einen Bahndamm; die bunten Signallaternen waren aufgesteckt. Zur linken Hand lief eine vorgeschobene Straße mit vereinzelten Häusern. Schräg vor uns war freies Feld, und mitten darauf, in dunstiger Ferne, tanzten rötliche Lichter. Dort lag der Vorort Rummelsberg, wie ich vermutete; ich verzichtete auf jede Frage. Die bleierne Dämmerung hatte Frost mit sich gebracht. Verdrießlich setzte ich einen Fuß vor den andern und dachte an nichts – hatte jedenfalls die Existenz eines gewissen M. ganz und gar aus den Augen verloren. Sieh da, Herr Meschelke blieb stehen und bückte sich, um seine Schuhe festzubinden. Ich machte augenblicklich halt; ich wartete voller Rücksicht, als ein Mann von Welt; kurzum, ich benahm mich nicht wie ein gewisser Jemand. Herr Meschelke beeilte sich nicht. Ich starrte auf seinen Rücken, der sich unmerklich bewegte, dabei erklirrte leise das Silbergeld, das von Rechts wegen mein Eigentum war. Ich aber hatte meinen letzten Pfennig verspielt. Ein Geizhals ohne Geld – kann es etwas Traurigeres geben? Ich empfand ein bitteres Weh, und ein Weinkrampf stieg mir würgend die Kehle empor. Doch ich faßte mich rasch. »Übrigens ist für mein ungewöhnliches Vorhaben jetzt die beste Gelegenheit,« dachte ich, blickte hastig nach allen Seiten und zog, um mich ein wenig zu erheitern, lautlos mein Messer aus der Hosentasche. Ich hielt mich für den Moment, da sich Meschelke aufrichten mußte, bereit, das Messer mit Affengeschwindigkeit wieder einzustecken. Doch er brummte etwas in seinen Schnauzbart und zerrte recht umständlich an den Schuhbändern herum. Plötzlich hörte ich zum zweiten Male das geheimnisvolle, ferne Klingen, nein, es war ein Summen, nein, ein Gezirp. Nun erkannte ich, was es war: Hundegebell von weither. Es klang so schwach, wie wenn man zwei Holzstückchen aufeinanderschlägt. »Ich träume nicht, es ist die Wirklichkeit,« dachte ich zusammenschauernd: »Jetzt oder nie!« und – zitterte an allen Gliedern, denn die Sache begann eine ernste Wendung zu nehmen, ich fühlte es genau. Die Gelegenheit war aber auch außerordentlich günstig, und ich wollte ein für allemal zeigen, daß mit mir nicht zu spaßen sei. Mich beunruhigte lediglich der Umstand, daß ich keinen unwiderstehlichen Drang dazu verspürte. Blitzschnell überlegte ich: mir fiel ein, daß er mir das Fahrgeld noch nicht gegeben hatte. Ich vergaß diese Kleinigkeit im Augenblick wieder. Vielleicht fehlte es mir doch an Mut? Das durfte nicht sein, wie hätte ich mich später verachtet! Meschelke gab sich einen Ruck, schon atmete ich auf, aber nein, der andere Schuh kam dran. Jetzt oder nie! . . . Ich bemühte mich also, meine Tobsucht zur Entfaltung zu bringen, bevor es mir aber noch vollends gelungen war, stieß ich zu. Das Messer traf eine harte Stelle und rutschte einfach ab. Wahrscheinlich die Hosenschnalle. . . Ein Anfall von Herzschwäche packte mich, ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. In völliger Verwirrung bückte ich mich halb, das Messer noch immer in der Hand, halb kniete ich neben Meschelke und nahm verblüfft wahr, daß er platt auf dem Bauch lag, wie betäubt, ohne sich zu rühren. Ich hatte die Gewalt des Stoßes unterschätzt. Aber auf einmal kam Leben in ihn, er sagte giftig: »Na, da soll denn doch . . . « und begann sich wieder aufzurappeln. Ich begriff alles: Er sah wieder nur so einen Dummenjungenstreich darin, solch eine blöde Neckerei, sinnlos, frech und gemein zugleich, ihm platzte endlich die Geduld . . . Da erwachte meine Tobsucht übermächtig, riß mich hin, und mit meinen schwachen Kräften stieß ich zu; ich glaube, er pfiff leise wie eine Maus. War Meschelke tot? Es galt dies festzustellen, und ich tats auf die Art, wie man sie aus Büchern erfährt, denn ich hatte noch nie einen Toten gesehen. Ich hielt ihm meinen Taschenspiegel an die Lippen; der Spiegel blieb klar. Eine Sekunde lang betrachtete ich sein Gesicht. Die Augen waren halb offen, weißlich schimmernd und mit Erde beschmutzt. Jetzt erst zog ich das Messer heraus und warf einen Blick darauf: es war klebrig. Mit ausgestrecktem Arm lief ich zum Wassergraben und ließ das Messer hineinplumpsen. Ich drehte mich nicht mehr um. So, wie ichs mir vorgenommen hatte, schied ich von Meschelke, ohne Händedruck und Gruß, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Die Straße zur Linken war im Nebel verschwunden. Ich hoffte, sie unbemerkt erreichen zu können, und lief mehr als ich ging über den knisternden Sand . . . Ich beschloß, auf Umwegen nicht das Amt, sondern mein Zimmer aufzusuchen, mich krank zu melden und während der nächsten vierzehn Tage weder auszugehen, noch einen Blick in die Zeitung zu tun.



Nachbemerkung des Verfassers

Der Mensch macht bei mancher Gelegenheit ein dummes Gesicht, am häufigsten bekanntlich dann, wenn er etwas nicht versteht. Unstreitig das dümmste aber macht ein Jemand, der in Gesellschaft plötzlich zu entdecken glaubt, daß Leute ihn nicht ernst nehmen. Er fängt vielleicht ein leise getuscheltes Wort oder ein Lächeln auf, bezieht alles auf sich und – erschrickt. Er wird rot und schielt ängstlich nach den Gesichtern jener Menschen, um sich zu vergewissern, ob etwas Wahres daran sei. In solchen Augenblicken zeigt das Gesicht dieses Jemand einen Ausdruck von unbeschreiblicher, geradezu rührender Dummheit. Man könnte daraus folgern, daß unser Jemand in solchen Augenblicken wirklich unbeschreiblich dumm ist, und ich glaube, daß dieser Umstand wichtiger ist, als es vielleicht den Anschein hat.