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Anton Matthias Sprickmann – Der Schmuck.

Ein Lustspiel in fünf Aufzügen.

A. M. Sprickmann, Der Schmuck, Ein Lustspiel in fünf Aufzügen, Philipp Heinrich Perrenon, Münster, 1780
Auf der Grundlage des Textes in der Bibliothek Westfalica neu durchgesehen.

PERSONEN


von Wiesenthal, Präsident.

die Präsidentin.

Julie, ihre Tochter.

Franziska, Schwiegertochter des Präsidenten.

Karl, Friz von Feldern, Brüder der jungen Frau von Wiesenthal.

von Wegfort, ein Hauptmann auf Pension.

Luise, seine Tochter.

Kappler, ein Gastwirth.

Ursel, seine Frau.

Johann, Frizens Bedienter.

Andere Bediente.





Erster Aufzug.

Saal beym Präsidenten.


Erster Auftritt.


JOHANN

Rechnungen in der Hand.

Schon ein halb Duzend Lausdeos! und mein Herr? – noch nicht einmal zu Hause! noch guter Dinge auf dem Kaffehause, oder Gott weiß, wo sonst! und wie er nun wieder aussehen wird! blaß wie ein Gespenst, und aufgedunsen von der Nachtwache, das Haar durchzaust, und die Kleider zerrissen! und das so in einem Hause zu treiben, wo er auf Freyers Füssen geht! wohl wahr gesprochen: je größer Schelm, je größer Glück – hätt ich bald gesagt, wenn ich nicht von seinem Brode lebte! – doch wenn er auch diesmal gut durchkömmt – schon heller Tag! – so kann er immer für sein Glück den Schelm auch wohl mitnehmen; – holla, da ist er! hab ich ihn nicht nach dem Leben geschildert?


Zweyter Auftritt.

Friz von Feldern wild, Haar und Kleider in Unordnung. Johann


FRIZ

Wie viel Uhr ists?


JOHANN

Acht Uhr.


FRIZ

Teufel! Ist schon Leben im Hause?


JOHANN

Alles schon auf.


FRIZ

Schon Frage nach mir gewesen?


JOHANN

Hier aus dem Hause noch nicht –


FRIZ

Gut. will herein gehn.


JOHANN

Aber mein Herr, von aussen her, Kreditoren. –


FRIZ

Halts Maul!


JOHANN

Ja, wenn aber auch die Leute nur das Maul halten wollten!


FRIZ

So schmeiß die Kerls zur Thür hinaus.


JOHANN

Ja, wenn die Kerls nur nicht so zu halben Duzenden auf einmal herankämen! Sehen Sie hier, und es ist noch kaum eine halbe Stunde Tag! und was das Aergste ist, da will der eine zum Gericht, der andere zu ihrem Vormund, der dritte gar zum künftigen Schwiegerpapa!


FRIZ

So bin ich verloren! Johann, ich habe keinen rothen Heller mehr, alles verspielt. Und da müssen heut doch noch Spielgelder, Schlittengelder, Maskengelder, Ballgelder, und Gott weiß, was sonst noch für Gelder aufgetrieben werden! es ist auch gerade, als wenn der Winter sich aufhält, mich vollends zu ruiniren!


JOHANN

Ich sehe keinen Rath; aber, mein Herr, warum zaudern Sie denn auch so lange mit der Heirath, die das alles wieder gut machen soll?


FRIZ

Als wenn zum Heirathen sonst niemand mehr gehörte, als ich!


JOHANN

Es ist ja aber doch schon so eine lange liebe Zeit, daß Sie ihren Kreditoren den Fang bekannt machten! Mit der Braut müssen Sie ja doch wohl bald fertig seyn?


FRIZ

Hat das Mädel denn keine Eltern?


JOHANN

O die! von der Präsidentinn, dünkt mich haben Sie wohl nichts zu besorgen. Ja wenn der Alte alt genug wäre, daß Sie hoffen könnte, selbst einmal wieder heirathbar zu werden. –


FRIZ

Ja, aber der alte Graubart! wenn ihn mein Bruder nicht mit den verdammten serieusen Mienen so eingenommen hätte! und wenn der mir nun vollends mit der Stelle an der Regierung das Ziel abläuft! –


JOHANN

O weh, wenn die entscheiden soll! aber warum eilten Sie denn auch nicht, ihm mit der Braut das Ziel abzulaufen, eh er aus Italien zurück kam? warum folgten Sie meinem Rath nicht, als wir hier ins Haus kamen?


FRIZ

Ach damals! ich dachte viel an Julchen! Sie war mir nur so ein gefundener Zeitvertreib. Meine Affaire mit des alten Wegforts Louise lag mir noch so nahe! und sieh, Kerl, noch jetzt, wenn das Mädel nur nicht den verdammten unheilbaren Fehler an sich hätte, daß sie an Geld gerade so arm als an Güte und Schönheit reich ist, so möchte mein Bruder sich hier sein Nest ungestört bauen, meinetwegen nach Herzenslust.


JOHANN

Gut, daß Sie selbst darauf kommen! denken Sie auch daran, daß Sie der armen Louise auf ihren letzten Brief noch nicht geantwortet haben? Sie wissen, sie ist Ihnen zu gefallen, damit alles verschwiegen bleiben möchte, ihrem Vater entlaufen; der letzte Brief ist nun schon über ein Vierteljahr alt, und sie hatte schon damals kein Geld mehr! vermuthlich ist sie in der Zeit niedergekommen, und denken Sie selbst –


FRIZ

Ich wollte, der Satan führe mit all meinem Denken hin, wo ihm besser wäre als hier in dem Gehirnkasten! schlägt sich vor den Kopf. wenn ers nicht bald hohlt, so jag' ichs ihm mit einer Pistolenkugel zu.


Dritter Auftritt.

Kappler, Vorige.


KAPPLER

Euer Gnaden verzeihen unterthänigst, gnädigst – gehorsamst –


JOHANN

Soll ich das Gesicht zur Thür hinaus schmeissen?


FRIZ

Nun herein! guten Morgen Kappler!


KAPPLER

Euer Gnaden verzeihen die unterthänigste Freyheit, mit der ihr unterthänigster Knecht –


FRIZ

Er ist ja heut einmal verdammt höflich, Kappler! wenn er aber seine unterthänigste Freyheit bis aufs Geldfodern auszudehnen denkt, so sag ich ihm nur gleich zum voraus, daß ich ihm in meinem Leben nicht verzeihe.


KAPPLER

Bin ich jemals ein ungestümer Glaubiger gewesen? zwar hätt' ich noch wohl ein kleines Restchen, das mir auch gerade jetzt sehr gut zu statten kommen würde; aber wenn Euer Gnaden – je nun, ich weiß ja, wie die jungen Herrschaften nun einmal sind! und vollends im Winter, wo alle Lustbarkeiten feil sind! nur EN PASSANT hab' ich doch meine Rechnung mit übergeben wollen, und da weiß ich ohne mein Bitten, daß Euer Gnaden auf ihren unterthänigsten Knecht zuerst zu reflektiren geruhen werden.


FRIZ

Ja, ja! da, Johann, zu den übrigen!


KAPPLER

Aber Euer Gnaden scheinen mir ja so verdrießlich.


FRIZ

Nicht doch, Alter!


KAPPLER

Sehen Sie, warum besuchen Sie mich jetzt so selten? wie lang ists denn? Seit dem Herbst glaub ich, kaum einmal! Aus meinem Hause sind Sie nie so verdrüßlich weggegangen.


FRIZ

Da hat er recht, Kappler, es gab da manche herrliche Stunde.


KAPPLER

Je nun dann, warum gibts der nicht noch? bin ich nicht noch der alte Kappler? und gewiß, Herr Baron, wenns je für Sie der Mühe werth war – ich habe jetzt – o, so was ist noch nie unter meinem Dach gewesen.


FRIZ

Nu?


KAPPLER

Ein junges Frauenzimmer, – kann noch keine zwanzig Jahre haben, und ist Wittwe, daß sich Gott erbarm! aber schön! Herr Baron, Sie sind gewiß weit herum gewesen in der Welt, und mögen schon was rechts gesehen haben, aber wenn Ihnen je so was schönes vorgekommen ist, – je auf allen Ihren Reisen, sehen Sie, so laß ich mir die Augen ausstechen!


FRIZ

Wirklich?


KAPPLER

Was ich Ihnen sage! aber arm, arm! o daß es eine Noth ist zu sehen. Sie kam da gestern zu Fuß an, spät in der Nacht, ein altes Weib mit ihr, daß ihr ihr Kind nachtrug!


FRIZ

Ihr Kind?


KAPPLER

Ja ein Würmchen, von sechs Wochen höchstens!


FRIZ

betroffen. Johann!


KAPPLER

Nimm sie nicht an, sagte meine Frau, die Bettelbagage nimmt ihren Platz so gut ein, als was ihn bezahlen kann, aber ich sah sie nur mit einem Auge an: nein, dacht ich, die laß ich nicht gehen, und hätte sie auch keinen Heller; der Herr Baron von Feldern –


FRIZ

Wie heißt sie?


KAPPLER

Madam Leiden! ja wohl Leiden!


FRIZ

für sich Ein angenommener Name! – Johann, ich weiß nicht, – ich will sie sehen, Kappler, auf den Abend!


KAPPLER

Ja, und wie sich das alles so gut anschickt –


FRIZ

Jung, sagt er?


KAPPLER

Blutjung, und schön! – o die großen himmelblauen Augen! das ist Ihnen ein Schmachten da aus den Augen heraus! das dicke blonde Haar, die Wangen wie Lilien und Rosen, die Lippen, zum Küssen, zum Küssen! und vollends der schlanke Wuchs – o, so was ist gar nicht!


FRIZ

Ich weiß nicht Johann, es wird mir immer wahrer, es ist Louise.


JOHANN

Possen!


KAPPLER

Ja, und was ich sagen wollte, wie sich das alles so gut anschickt: als ich da so mit ihr rede ins weitläufige hinein, um doch zu hören, wie oder wann, und was sie denn eigentlich hier will, sehen Sie, da findet sich, daß sie einen Prozeß hier zu treiben hat; Ich frage sie, ob sie Freunde, Gönner, oder so was bey Seiner Excellenz dem Herrn Präsidenten von Wiesenthal hat? da kommts ihr vor, als wenn Seine Excellenz eine alte Bekanntschaft von ihrem Vater sey.


FRIZ

Von ihrem Vater! zum Bedienten Alle Teufel, der alte Wegfort war vormals mit diesem Hause hier sehr liirt. Und wie heißt ihr Vater?


KAPPLER

Ja, das weiß ich nicht; sie wollt so nicht recht heraus damit; aber so viel glaub ich doch ausgespürt zu haben, es muß so ein alter armer Haudegen seyn.


FRIZ

Ein Offizier auf Pension?


KAPPLER

So was dergleichen.


FRIZ

Johann ich bin verloren!


KAPPLER

Und da hab ich ihr denn so ein langes und breites vorgeschwätzt, wie das hier so gehe: wie es zu solchen Excellenzen keine gerade Wege gebe, und wie zum Glück Seine Excellenz der Herr Präsident von Wiesenthal einen Vetter habe, der alles bey ihm gelte! das waren denn Euer Gnaden; und wie Euer Gnaden so ein leutseliger Herr wären, und sich der Armen, – und gar besonders der armen jungen Wittwen so gern annehmen und wie ich ihr das so vorsagte, sehen Sie, Herr Baron, ungelogen, da liefen dem armen Dinge die Thränen die Wange herunter!


FRIZ

Sie ists! – geh er, Kappler! geh er, auf den Abend!


KAPPLER

Das dachte ich! ich habe also die Ehre unterthänigst –


FRIZ

Schon gut, geh er, geh er!

Kappler ab.


Vierter Auftritt.

Friz, Johann.


FRIZ

Hast Du's gehört, Johann? das fehlte noch!


JOHANN

Wie Sie doch so gleich aus aller Fassung kommen!


FRIZ

Ist Sie's denn nicht?


JOHANN

Vielleicht, vielleicht auch nicht, und da wollt ich doch an Ihrer Stelle das Beste vielleicht wenigstens so lange glauben, bis das Schlimmste ein Gewiß würde.


FRIZ

Ich weiß nicht, wie mir das so auffällt.


JOHANN

Herr Baron! wo ist denn nun Ihr Muth, den sonst nichts niederschlagen konnte? so eine Bagatelle –


FRIZ

Bagatelle?


JOHANN

Ja was wirds denn seyn? ein Duzend Louisd'or, da geht sie ja wieder, wenn sie's auch ist; ein Mädchen, das sich Ihnen schon so weit aufgeopfert hat –


FRIZ

Ach Johann, das ists eben! was hat das Mädchen für mich gethan! sich von ihrem Vater losgerissen, dessen einziger Trost, dessen Abgott sie war, ihr Glück, ihre Ehre, alles so hingegeben! – Ha, daß es nur mit mir noch so weit nicht wäre! wenn ich nur noch leben könnte! - aber so, so –


JOHANN

Das sind melancholische Grillen, mein Herr! Sie hat vieles für Sie gethan, gut, aber soll sie dafür mit Ihnen noch oben drein hungern? Machen Sie lieber mit Fräulein Julchen voran, und versorgen Sie Louise dann, daß sie zu leben hat.


FRIZ

Ja weiß Gott! ich will sie unter allen meinen Kreditoren als privilegirt in die erste Klasse setzen, so wie sie wahrhaftig hier in meinem Herzen auch noch auf dem ersten Platz steht, und wenn sie von Julchens Geld nur ein Drittheil hätte! – nun: Weib ist Weib, wenn schon zwischen Mädchen und Mädchen Unterschied ist. Aber komm Johann, ich muß Geld haben; ich will dir meinen Ring und meine Repetieruhr geben; versetz, verkauf, wie du kannst! aber auf den Abend muß ich 50 Louisd'ors haben. Komm und vor allen merk dir, ich bin nicht zu Hause. ab


JOHANN

Schon gut! Nimmt die Rechnungen, und den Mantel etc., will nach.


Fünfter Auftritt.

Von Wegfort, Johann.


JOHANN Gott bewahr uns! was will denn der? der macht ja eine ordentliche Herausfoderungs-Miene! weh meinem Herrn, wenn der auch an ihm zu fodern hat! – zu Wegfort. Du, was will er denn hier? Wenn er an meinem Herrn zu fodern hat, so hätte er sich den Weg immer ersparen können: mein Herr ist heut den ganzen Tag nicht in der Stadt, ausgenommen ein paar Stunden Abends, die er auf Schlitten durch die Strassen fliegen wird, und da nimmt er keine Rechnungen an.


VON WEGFORT

Schurke, zur Frau Präsidentin will ich.


JOHANN

Ja so, das gehört nicht in mein Departement! ab.


Sechster Auftritt.


VON WEGFORT

Gut, daß du dich packst, Halunke! gut, ja, aber da steh ich nun, wie auf weiter Heide, – je nun, ich weiß ja die Wege noch von Alters her! will hinein.


Siebenter Auftritt.

Von Wegfort, ein anderer Bedienter.


DER BEDIENTE

Was befehlen Euer Gnaden?


VON WEGFORT

So! das ist doch noch ein Ton, worin der da spricht! ich will zur Frau Präsidentin.


DER BEDIENTE

Verzeihen Sie, ich weiß nicht, ob Ihre Excellenz die Zeit haben werden; Sie sind –


VON WEGFORT

Zum Teufel sag er Ihrer Excellenz nur, der Hauptmann von Wegfort wollte sie sprechen!


DER BEDIENTE

Ich werde die Ehre haben, Sie anzumelden. ab.


Achter Auftritt.


VON WEGFORT

Daß dich alle Henker, wenn die Leute einmal vornehm werden! Ha, wenn ich denke, wenn ich hier in meiner Jugend hereintrat, wie mir das entgegenflog! immer deine Jugend alter Narr! daß du das nicht vergessen kannst! damals warst du ein junger reicher Stutzer, eine Priese in einem Hause voll junger Mädchen, die sich der Mühe verlohnte; aber jetzt, was bist du denn noch? da, sieh dich im Spiegel! freylich die grauen Haare da, und die Narbe hier! aber, Geck, ein paar Ellen fremden geborgten Goldes da auf den Lumpen würden hier ganz andere Wirkung thun.


Neunter Auftritt.

Die Präsidentin, von Wegfort.


VON WEGFORT

Gehorsamer Diener, Madam!


PRÄSIDENTIN

für sich. Madam? – Mein Herr Hauptmann! ich weiß nicht – ob der Bediente sich geirret hat – er meldete Sie bey mir an!


VON WEGFORT

Nun ja, Sie sinds freylich, die ich wollte! die Frau Präsidentinn von Wiesenthal, vormals Fräulein Kätchen, die wir unter uns immer Fräulein Käzchen nannten, weil Sie ein so gar naseweises Ding waren. Sie sollten mich ja doch wohl kennen, denk ich?


PRÄSIDENTIN

Es war mir in der That so, als ich Ihren Namen hörte! der Hauptmann von Wegfort?


VON WEGFORT

Was das nun für ein Gezier ist! ja, ja, der Hauptmann von Wegfort, der bin ich, mit dem Sie als Lieutenant oft genug hier im Saale herum hasiliert haben. So thun Sie doch nicht so fremd!


PRÄSIDENTIN

Impertinent! – In der That Herr Hauptmann – aber wenn auch – in der Zeit sind mit mir Veränderungen vorgegangen –


VON WEGFORT

Wetter ja! Sie sind nun eine reiche Dame geworden!


PRÄSIDENTIN

Und mit Ihnen, wie es scheint –


VON WEGFORT

Und wie es ist, ich bin nun ein alter Bettler; damals wars gerade umgekehrt, ich ein reicher flinker Pursche, und Sie ein armes Fräulein, dem so ein Pursche doppelt willkommen war.


PRÄSIDENTIN

für sich. Gott im Himmel, wie kommt mir der Kerl auf den Hals! – heftig Mein Herr Hauptmann, ich hoffe nicht, daß Sie ausdrücklich in der Absicht hergekommen sind, mir zu sagen, daß Zeiten gewesen sind, wo Sie mich noch nicht in dem Wohlstand gekannt haben, in dem ich jetzt seyn mag! Sie sind sehr unhöfllich geworden, mein Herr Hauptmann!


VON WEGFORT

Und doch wär' auch das vielleicht sehr freundschaftlich! so eine Erinnerung ist nach so einem Wechsel oft sehr viel werth; aber wenn sie Ihnen nun eben nicht gelegen kommt – behüte Gott, ich bin nicht hergekommen zu beleidigen, ich komme zu bitten.


PRÄSIDENTIN

gelassener O, da haben Sie sich eben so schlecht adressirt, wenn Sie etwas beym Präsidenten zu suchen haben – es kann seyn, daß es Männer giebt, bey denen es Kanäle – Umwege braucht, aber hier –


VON WEGFORT

Das weiß ich, weil ich Ihren Mann kenne; und wärs so was, so würd' ich Sie doch wohl nicht zu meinem Kanal gewählt haben. Ich hasse solche Kanäle.


PRÄSIDENTIN

Ich erinnere mich sonst, von einem Prozeß gehört zu haben –


VON WEGFORT

Wirklich? auch daran erinnern Sie sich? Sie sind sehr gütig, aber seyn Sie ohne Sorgen! den Prozeß hab ich aufgegeben; er kostete mir jährlichs mehr als meine Pension, und ich find es nun endlich klüger, von dieser zu essen, als vom Prozeß zu hungern.


PRÄSIDENTIN

Es war doch sonst keine Kleinigkeit, dünkt mich?


VON WEGFORT

O doch! Ihnen muß das eine Kleinigkeit scheinen; eine Affaire von lumpichten 80000 Thaler. Aber, wie gesagt, das ists nicht, was ich will. Sehen Sie, ich hatte den tollen Einfall, noch einmal vor meinem seligen Ende in die Stadt zu kommen, ich weiß eigentlich wohl selbst nicht recht, warum? im Grunde wars wohl die Raserey, etwas zu suchen, was mir sehr kränken würde, zu finden.


PRÄSIDENTIN

Das ist sonderbar!


VON WEGFORT

Mein Mädel meyn' ich.


PRÄSIDENTIN

Ihre Fräulein Tochter?


VON WEGFORT

Ja, die Fräulein Kanaille ist mir desertirt, weiß der Teufel wie? oder warum? ich habe sie in meinem Schooße gehalten, wie mein liebes Weib, das ein Jahr, da ichs hatte, und Gott weiß, wenn sich das Mädel verliebt hatte, und wärs ein Bauerkerl gewesen, ich hätt' ihr ihn gegeben.


PRÄSIDENTIN

Gott bewahre!


VON WEGFORT

Ja ja! und lieber einem Bauernkerl, als einem Grafen! – aber daß ich Ihnen das nicht begreiflich zu machen suche? genug sie ist entwischt: hat sich anführen lassen, der Teufel weiß von wem? und streicht nun wohl so in der weiten Welt herum, und verdient sich ihr Brod – daß dich alle Teufel!


PRÄSIDENTIN

Ists möglich Ihre Tochter?


VON WEGFORT

Meine Tochter! meine und des bravsten Weibes auf Gottes Erdboden! Gott nahm mir das Weib, als er mir das Mädel gab; ich dankte ihm damals, daß er mir doch noch etwas von ihr ließ! aber er hätte sie nur gleich lieber mitgenommen. – Doch er hat mir auch manche Freude damit gemacht – die Jahre, die sie mir so am Leibe heran wuchs, waren herrliche goldene Jahre! wenn sie so um mich herumspielte, – ach Gott, und hernach, als sie groß war, und für mich sorgte, wie eine Frau, und oft sich abarbeitete von früh Morgens bis spät in die Nacht; daß es ihrem alten Vater etwas besser werden möchte, – Gott, was ist mir das Mädel alles gewesen! aber Schwernoth, Kanaille, ich liebte dich doch auch, trug dich auf Händen, wie meiner Augen Liebling, und so davon! mir nichts dir nichts!


PRÄSIDENTIN

Das ist viel Unglück, Herr Hauptmann! aber wie lang ist's denn schon?


VON WEGFORT

Vier bis fünf Monate werdens seyn.


PRÄSIDENTIN

Und haben Sie ihr denn nicht nachgesetzt?


VON WEGFORT

Nachgesetzt? das können Sie glauben! es war Morgens, als ichs erfuhr! Abends vorher war ich noch mit ihr herumgegangen, und da war sie so still und so gut und so lieb, daß ich geweint hab' um sie wie eine Memme. Sie war einige Zeit her so traurig, und das machte sie mir nur immer werther; aber diesen Abend war's zu arg! ich weiß noch, als ich zu Bett gieng, – ich kniete hin vor einem Kruzifix und betete: Gott, mein Liebling leidet! du hast auch gelitten, aber wenn's nicht des Mädels Seelen Seligkeit fodert, so nimm den Kelch von ihr, und schütt' ihn aus über mich! und da – vielleicht da in dem nämlichen Augenblick, wo ich auf meinen Knien betete für sie, da that sies!


PRÄSIDENTIN

Gott, mein Herr Hauptmann!


VON WEGFORT

Den andern Morgen war sie weg, daß ich meinen Kaffe nicht kriegte zur rechter Zeit, den sie mir denn sonst immer so brachte und einschenkte; ich lag noch still im Bette, und dachte allerhand; sie ist vielleicht in der Kirche, dachte ich, und so und so! – die Bestie! in den Armen eines liederlichen Buhlers war sie, der mit ihr vielleicht lachte des treuherzigen Alten. Ich rief endlich! da hatte sie niemand gesehen; da war sie im Dörfchen nirgends gewesen! ich auf! und gedonnert und gelärmt! ja da kam dann endlich die Magd mit einem Zettel, den das Mädel auf ihrem Zimmer hatte liegen lassen, an mich, da stand's denn drinn, die ganze Historie, daß sie schwanger wäre, und der Teufel weiß, was, was alles! ich wollte ihr nach; aber ich kam nicht zum Hause heraus; das Ding schlug mich nieder, daß ich in sechs Wochen nicht wieder auf konnte. Hernach bin ich herum geritten in der Gegend, wie ein Narr, und habe rekognosziret; aber nichts!


PRÄSIDENTIN

Gott, mein Herr Hauptmann!


VON WEGFORT

Dann dacht ich auch manchesmal wieder, laß sie zu allen Teufeln seyn! sie verdient nicht, daß du dich grämst um ihrentwillen! dann schickt' ich der Bestie meinen Fluch nach; aber wenn ich mit dem Gedanken dann nun eingeschlafen war – plötzlich erwacht ich die Nacht; dann hatt' ich sie irgend im Traume gesehn, wie sie da in einer elenden Hütte liegen mag und winden sich auf faulen Strohe, und nagen an einer harten schimlichten Rinde trockenen Brodes, und jammern und heulen mit dem kleinen Sündenbalg; dann bin ich Ihnen aufgesprungen, habe mir ein Pferd gesattelt, und bin so in der Mitternacht herumgeritten, wie die höllischen Geister. So vor einigen Tagen! da wars des Mädels Geburtstag; das war mir sonst ein Fest, auf das ich mich das ganze Jahr freuen konnte, wie ein Kind. Wenns mir oft sauer ward und enge, daß ich hätte rasen mögen, dann dacht ich, Gedult! kömmt der Herbst so kömmt Luisens Geburtstag auch! und so ertrug ichs. Nun war er wieder da, und da fiels mir nun so auf, was mir der Tag sonst alles gewesen war, und was ich mir das ganze Jahr durch versprochen hatte, daß er mir auch jetzt seyn sollte; o, da war mirs, als wenns mich beym Zopf nahm, und zum Stall hinriß; in die Stadt, dacht ich, oder vielmehr es war mir, als wenn mein oder ihr Schutzengel mir das zuflisterte; ich hin, Hals über Kopf! nun bin ich denn da seit gestern, und –


PRÄSIDENTIN

Ach Herr Hauptmann! ich weiß nicht, Sie haben mich gerührt – gerührt! – kann ich Ihnen helfen - dienen – o sprechen Sie!


VON WEGFORT

Ich bin wieder zu Raison gekommen; aber da finde ich, daß ich den dummen Streich doch sonst noch wohl benutzen kann; ich bin alt, und sterbe nun gewiß bald, und da habe ich noch eine Menge kleiner Schulden, die ich doch nicht gern mit ins Grab nehmen mögte; nun hab ich zwar kein Geld –


PRÄSIDENTIN

Ja Geld – ich bedaure – aber sehen Sie, mein Herr Hauptmann! Sie wissen ja selbst, was es in der Stadt kostet, wenn man Standesmäßig mitmachen will – in der That – ich bin gar nicht bey Kasse.


VON WEGFORT

Das kann ich denken! aber Stille doch nur: ich will ja bey Ihnen nicht borgen! das hieße Schulden mit Schulden tilgen, und ich wüßte doch bey meiner armen Seele nicht, warum ich Sie lieber zur Glaubigerin haben sollte, als die ehrlichen Leute, die es jetzt sind. – Aber sehen Sie, hier hab ich einen kleinen Rest aus meinem Wohlstande; den Schmuck meiner seligen Frau! so lang ich das Mädel noch hatte, hob ich ihn der auf, und ließ mirs denn lieber sauer werden; aber nun – wozu hüt' ich den Bettel länger! da sehen Sie! Ohrringe, Armbänder, Halsgehänge, Ringe, Schnallen, und was sonst ist, – ganz vollständig!


PRÄSIDENTIN

In der That sehr schön – kostbar, – prächtig, gräflich!


VON WEGFORT

Je nun so kaufen Sie ihn mir ab; Sie haben eine Tochter!


PRÄSIDENTIN

Und die gerade dazu Braut ist!


VON WEGFORT

Je nun! so komme ich ja wie gerufen! aber Braut, mit wem denn?


PRÄSIDENTIN

Mit meinem Vetter dem jüngsten Baron von Feldern. –


VON WEGFORT

Mit Friz! Ey, Ey! – nun wenn er Ihnen recht ist! sonst muß ich Ihnen sagen – wie er vorigen Sommer auf dem Lande war, in meiner Nachbarschaft, kam er als fleißig her, und war mir immer um mein Mädel; ich hatte fast geglaubt, er hätte da Angel gefaßt; mir war schon bange; denn Ihnen die Wahrheit zu sagen, für mich wäre der Junge so recht nicht; er ist zu lüstig, zu wenig solide.


PRÄSIDENTIN

Das wird sich geben; aber – wie hoch halten Sie den Schmuck denn wohl? er ist doch so recht nicht mehr nach der Mode.


VON WEGFORT

Das kann ich denken: es ist 20 Jahr als er Mode war.


PRÄSIDENTIN

Und zu dem frappireten mich die Steine beym ersten Anblick mehr, als – ich doch jetzt wohl sehe – daß in der That –


VON WEGFORT

O, auch das kann ich denken, sah es auch voraus, daß das Wesen Sie nicht lange frappieren konnte! aber ich kann nicht damit herumlaufen, und da ich Sie nun einmal kannte –


PRÄSIDENTIN

Sie sind sehr gütig, und wie hoch dann?


VON WEGFORT

Was weiß ichs? er kostet mir alles zusammen, wie es da ist, 3000 Dukaten.


PRÄSIDENTIN

Das ist entsetzlich! 3000 Dukaten! – wie konnten Sie sich anführen lassen?


VON WEGFORT

Das glaubte man damals nicht, daß ich angeführt wäre; aber freylich sind die Leute seit dem klüger geworden.


PRÄSIDENTIN

Und die Edelgesteine viel wohlfeiler. Nein, nein Herr Hauptmann, das ist kein Kauf für mich.


VON WEGFORT

Nun so biethen Sie einmal!


PRÄSIDENTIN

Nein, nein Herr Hauptmann! ich würde mich schämen – und zu dem, wie ich gesagt, ich bin nicht bey Kasse.


VON WEGFORT

Ey was? nur heraus?


PRÄSIDENTIN

Je nun: mit 1000 Dukaten ist er theuer genug bezahlt; und wenn Sie wollen –


VON WEGFORT

Tausend Dukaten? 1000 Dukaten? O ich hätte ihn für die Halbscheid gegeben.


PRÄSIDENTIN

für sich Verdammt – laut Je nun, der alten Bekanntschaft wegen! – einen Augenblick Geduld, mein Herr Hauptmann, so bring ich Ihnen das Geld. ab


Zehnter Auftritt.


VON WEGFORT

Tausend Dukaten! alter Geck, wie konnte dich das Mädel so bethören, so was für sie aufzuheben, und dafür zu hungern? als wenn du sie je an einen Mann hättest bringen können, der sich mit einer Frau, mit 1000 Dukaten am Leibe hätte dürfen sehen lassen! – 1000 Dukaten! ha ha! Mit hundert, anderthalbhundert höchstens, bezahl ich meine Schulden, und die übrigen will ich dann bey mir hinlegen, und Champagner dafür trinken, daß es meinem alten dürren Fleisch wohl davon werden soll. – Aber ach! auch Champagner wird dir nicht schmecken! wirst immer denken, es war doch besser, als das Mädel noch bey dir saß, und dünnes Bier mit dir trank aus dem nämlichen Glase!


Eilfter Auftritt.

Präsidentin, v. Wegfort.


PRÄSIDENTIN

Hier, mein Herr Hauptmann!


VON WEGFORT

Dank für gute Bezahlung! und so mit Gott befohlen!


PRÄSIDENTIN

Leben Sie wohl! und wenn ich von Ihrer Fräulein Tochter etwas erfahren sollte –


VON WEGFORT

So schicken Sie die Fräulein Kanaille auf meine Rechnung ins Zuchthaus. Beyde ab.





Zweyter Aufzug.


Erster Auftritt.


KARL

Im Hereingehn zum Bedienten Nur auf ein Wort, eh Sr. Excellenz ausfahren! – eh er ausfährt! und dann noch die drey Stunden in der Regierung, eh es ausgesprochen wird! die drey langen Jahrhunderte der Qual! aber es sind ja doch auch die Letzten! – die Letzten! o da liegt es! mit welcher Ungeduld ich sie herbeyrief, und nun sie da sind! – von hier, fort von hier! Tage meiner Liebe, ihr umschwebt mich wie Geister der Rache, und möchtet mich anketten, hier in der Hölle meiner Qual! Julie, Julie! daß es dahin kommen sollte! er ist unvermerkt zu einem Stuhle gekommen, der am Klavier steht wer uns damals das gesagt hätte – wenn du hier saßest, Engel in deiner Unschuld, und spieltest! und ich hatte dichs gelehrt! und doch was hatt' ich dich lehren können? – wenn deine Seele voll Jugend und Liebe sich ausgoß, daher bebte durch die Saiten, ach und daher durch alle Saiten meines Gefühls, daß mein ganzes Wesen aufklang in hoher Harmonie der Liebe, und ich dann hier setzt sich gegen über hier saß, stum und verloren! ach, und dann ein Blick über die Saiten auf den verlornen hin! ein Blick, daß ichs nicht mehr aushielt, steht auf auf mußte, und Himmel und Erde dem Taumelnden zu eng ward! – und nun fort! setzt sich wieder fort mit beyden Händen übers Klavier – auf ewig! – Pause; auffahrend Herz voll Eigensinn, wie willst du's denn aber auch? nicht hier und nicht fort! aber du sollst, und solltest du drüber brechen und verbluten! du sollst!


Zweiter Auftritt.

Karl, ein Bedienter, Franziska an der Thür.


DER BEDIENTE

Hier sind die Wechsel aus Florenz!


KARL

Gut, und nun geh, und packe vollends ein, und bestell uns die Post, noch vor Mittag! der Bediente ab.


FRANZISKA

Noch vor Mittag? Ey, Ey, Herr Bruder! wo denkst du hin? Mit nüchternem Magen?


KARL

Guten Morgen, Schwester!


FRANZISKA

Dank, Lieber! aber wo soll's denn nun wieder hin?


KARL

Zum alten Wegfort.


FRANZISKA

So? und wie ist denn der alte Mann, dem es so sauer wird, einen Schritt von seinem Dörfchen zu thun – der arme Mann dem's so sauer wird, von seiner Pension sich und seine kleine Familie zu ernähren – wie ist der alte arme Mann so auf einmal nach Italien gekommen?


KARL

Nach Italien?


FRANZISKA

Ja ich meyne wegen der Wechsel aus Florenz? wie er nun da steht? ha ha ha, hab ich ihn ertapt?


KARL

Ertapt? warum ertapt? nein Franziska du magst es immer wissen – ja, ich gehe von Wegfort wieder nach Italien.


FRANZISKA

Also gut, daß ich herkam! lieber Karl, du denkst doch wohl in deinem Testamente an mich?


KARL

In meinem Testament?


FRANZISKA

Ja, denn du denkst es da doch wohl nicht lange mehr zu machen? ich gebe dir höchstens sechs Wochen: o, ich dächte du bespartest das Geld, und vermachtest mir die Reisekosten auch noch!


KARL

Nein Schwester, du sollst sehen! in Italien, – da werd' ich alles wieder finden, meine Ruhe, meine Gesundheit!


FRANZISKA

So? und wie du vorigen Sommer da warst – o es wird mir noch angst und bange, wenn ich an all die Elegien über Seel und Körper denke, mit denen du mich jeden lieben Posttag heimsuchtest!


KARL

Was willst du, liebe Schwester? mein Herz ist ein Kind: es war im Garten, und wollte wieder ins Haus, und im Hause schreyt's nun wieder zum Garten, und wenn das Kind krank ist, muß die Vernunft ihm nicht nachgeben, und seinen Willen thun?


FRANZISKA

Krank? lieber Filosof, deine Vernunft ist eine schlechte Hofmeisterin über dein Herz! Gieb Acht! im Garten wird das liebe Kind dann wieder nach Haus schreyn, und wenn du ihm seinen Eigensinn nun einmal für Krankheit gelten lassen willst –


KARL

Nein Schwester, wenn ich finde, daß es Eigensinn ist –


FRANZISKA

So willst du Ernst gebrauchen? O me Bruder, wenn das Kind einmal verwöhnt ist, so kann der Zwang aus Eigensinn wahre Krankheit machen!


KARL

Ach Schwester!


FRANZISKA

Ja, mit dem Seufzen! das wird's auch gut machen! Sieh nur, Bruder, wie's mit deinem Herzen, diesem armen kranken Kinde eigentlich aussieht – Es hat seine Puppe verloren; gut: die muß ihm wieder gesucht werden, das ist billig; aber wo? am natürlichsten, dünkt mich, wärs doch, zu suchen, wo man verloren hat?


KARL

Ach, du weißt nicht, du weißt nicht –


FRANZISKA

Nicht? Was gilt die Wette? eine Puppe, so wahr ich deine Schwester bin, nichts als eine verlorne Puppe! oder wenn dir das Bild nicht ansteht, großer ernsthafter Mann! gut; hier ist ein anderes, mit dem ich dir auch näher komme! du saßest einmal neben einem lieben Mädchen: und es war dir so wohl; du standst auf, und als du wieder kamst, hatte ein anderer deinen Platz eingenommen; da sollte nun das Mädchen dem andern sagen: geschwind aufgestanden, meinem charmanten Karl wieder Platz gemacht! das geschah nicht und da gieng die Noth an!


KARL

Du bist sehr leichtfertig, Schwester!


FRANZISKA

Leichtfertig; das heißt, leicht mit dem Enträthseln, so eines Geheimnisses fertig! O ja, Herr Bruder, das Kompliment verdien' ich.


KARL

Ich seh, es ist heut einmal wieder nicht mit dir zu reden; Adieu! will ab


FRANZISKA

Und Morgen bist du ja fort! nein, nein, nein: kein Adieu! – hieher hält ihn zurück, Karl setzt sich verdrießlich So! setze dich, wenn dirs zu lang wird! Das Mädchen also, von der ich rede, ist Schwester Julchen! du liebtest sie, und giengst davon in die weite Welt; in deiner Abwesenheit kömmt dein Bruder; ein lieber verführerischer Bube, jung, schön, höflich, galant: findet den Winkel, wo jedes jugendliche Herz, wenigstens jedes junge weibliche Herz immer offen steht; den Winkel der Freude: findet ihn, und schleicht sich hinein. Du möchtest das arme Julchen mit deiner Weisheit und Empfindsamkeit oft herzlich ennuirt haben: da kömmt er, führt sie ins Freye: bringt sie in die große Welt, läßt sie ihre Schönheit fühlen, und ihre Jugend geniessen; darüber kömmst du nun wieder, und nun soll das herrliche Schauspiel sich wieder mit einer Szene voll Zwang und Langeweile entwickeln? – Bruder, du willst ein Filosof seyn, das Herz kennen: ich bitte dich, wie kamst du zu der Grille das zu erwarten?


KARL

Ein Engel wie Julchen war!


FRANZISKA

Ein Engel? nun ja, aber doch immer ein junger weiblicher Engel!


KARL

Und ein Schmetterling, wie mein Bruder!


FRANZISKA

Das wollen wir nicht untersuchen; genug: Bruder Friz ist immer ein herrlicher Junge für die Weiber!


KARL

Weib, wie erniedrigest du dich!


FRANZISKA

Karl! – ja, aber sieh Bruder! mich, das versteht sich, mich meyn' ich nicht mit, wenn ich von Weibern überhaupt rede!


KARL

Als du mir von deinem Mann schriebst, was sollte deine Liebe rechtfertigen? er ist ein Mann, schriebst du, nicht wie unsre junge Stutzer: ein Mann, der weiß, und fühlt: dessen Freude ich seyn werde, in Stunden, die er dem Staat, und der Menschheit wird abverdient haben!


FRANZISKA

Freylich! aber auch ein Mann, wie mein Wiesenthal! Mit Erlaubniß, meine Herren Brüder, so seyd Ihr beyde nicht!


KARL

Hier ist die Rede nicht von ihm, wir sprechen vom weiblichen Herzen.


FRANZISKA

Nein, wie gesagt, ein Weib auch wie ich! Bruder, habe doch den Stolz zu glauben, daß du eine Schwester hast, wie sie eben nicht ein jeder hat! aber das bey Seite! genug Bruder, als du zurückkamst, und Julchen fandest, berauscht im ersten Taumel des Vergnügens – das hättest du doch wissen müssen, wissen und bedenken, daß in der Natur nichts durch einen Sprung geschieht; du hättest sie allmählig zurück führen sollen; aber da spielst du gleich den Traurigen, den finstern Freudenhasser.


KARL

Nimm meinen Kummer, als ich sah, daß ich sie verloren, daß sie sich selbst verloren hatte, nicht für Haß der Freude: ich liebe das Vergnügen, aber es soll mir nur Vergnügen seyn, nicht Hauptsache; und so dem Mädchen, das ich lieben soll. Und nun genug: Recht oder Unrecht! ich habe dem alten Wegfort, ohne sein Wissen und Zuthun, einen Prozeß betrieben, den er verloren gab. Diesen Morgen wird, hoff' ich, in der Sache referirt; ich eile hin, bring ihm die Bottschaft, geniesse die Szene seiner Ueberraschung, und nehme wenigstens ein Bild in meiner Verbannung mit, dessen Erinnerung mir den Gedanken an mein Vaterland weniger bitter machen wird.


FRANZISKA

Armer Bruder!


KARL

Ich höre den Präsidenten herunter kommen! nur das Einzige, meine Schwester! Noch kein Wort von meiner Reise! gieb mir die Hand darauf!


FRANZISKA

Fast – aber doch ja! trotz meinem Leichtsinn! da! hast du meine Hand drauf!


KARL

küßt sie Liebe, kenn ich dich nicht!


Dritter Auftritt.

Präsident, Vorige.


PRÄSIDENT

Guten Morgen, Karl! – guten Morgen, liebe Frau Tochter! nun so stille? Munter! ich habe gute Nachricht! dies ist der letzte Tag Ihrer Wittwenschaft! Mein Sohn kömmt auf den Abend wieder!


FRANZISKA

Auf den Abend?


PRÄSIDENT

Höchstens auf die Nacht!


FRANZISKA

küßt ihn Ich danke, danke! O Sie lieber Papa, Sie! Aber nun auch, mein Bruder, wenigstens so lange. –


KARL

Ich verstehe dich, Schwester!


FRANZISKA

Du bleibst?


KARL

Geh nur, ich komme dir nach!


PRÄSIDENT

Was habt ihr denn?


KARL

Sie wissen, unsre Franziska ist zuweilen muthwillig –


FRANZISKA

So mein ernsthafter Herr Bruder? wissen Sie denn aber auch, daß ich Lust hätte, auf das Kompliment meine Hand zurück zu ziehen?


KARL

Franziska!


FRANZISKA

Nun für diesmal! legt den Finger auf den Mund bin ich nun muthwillig? ab.


Vierter Auftritt.

Präsident, Karl.


PRÄSIDENT

Was ist das Karl, darf ich nicht wissen?


KARL

Der Referent in der Wegfortischen Sache ist mit der Relation fertig; es kommt jetzt bloß auf Sie an. –


PRÄSIDENT

Gut so soll auch heut oder übermorgen, darinn referirt werden!


KARL

O um Gotteswillen heut, nicht übermorgen!


PRÄSIDENT

Was ist das nun wieder? welche Bewegung?


KARL

Ich kann – verwirrt ich kann die Szene, die mich bey dem lieben Alten erwartet, nicht länger entbehren; ach, mein Herz hat so eine Szene so nöthig!


PRÄSIDENT

Gut, so solls heute seyn, aber Karl, Sie sind meiner Frage ausgewichen; noch einmal, was hatten Sie mit Franziska? darf ich nicht wissen?


KARL

Es betraf gerade diese Sache. Meine Schwester will mich nicht fortlassen zu Wegfort; Sie macht mir den Krieg über meine Einsamkeit, ich soll mit Ihr auf den Ball.


PRÄSIDENT

Das könnten Sie aber doch auch wohl, lieber Karl! in der That ich weiß auch nicht, wie Sie sind!


KARL

Ach!


PRÄSIDENT

Sie haben geheimen Kummer und zehren sich ab, in der Mitte einer Familie, wo so vieles an Ihrem Wohl und Weh so herzlichen Antheil nimmt. Verdienen wir denn alle Ihr Vertrauen nicht? ich nicht? Ihre Schwester nicht? mein Sohn nicht? Julchen nicht? – Julchen! ist das so der Ton, in dem ein Mann von Gefühl, mit seiner Braut leben sollte?


KARL

Ach Herr Vater!


PRÄSIDENT

Aber gut, daß mir das einfällt! heut können Sie doch ohnehin wohl nicht zu Wegfort? Gestern sind die Reskripte wegen der Stelle an der Regierung zurückgekommen; ich wünsche Ihnen zum voraus Glück, lieber Karl! umarmt ihn.


KARL

Mein Gott! Sie glauben doch wohl nicht, daß die Wahl des Hofes auf mich –


PRÄSIDENT

Nein, das glaub ich nicht, das weiß ich, lieber Karl! wie stolz mich das machte, als der Minister mir das sagte; und die Art, wie er es sagte! er hätte sich die Bedienung gleich gerade zu vom Hofe für Sie ausbitten wollen, als eine Belohnung für die Mühe, die Sie sich bey seinem Sohn auf seinen Reisen mit so vielem Eifer als Glücke gegeben hätten; aber daß Sie das nicht gewollt, sich freywillig mit andern der Probe unterworfen hätten, und wie man denn in ihrem Aufsatz einen Mann erkannt hätte, auf den der Staat stolz seyn müßte; wie Ihnen diese Stelle zugleich mit der Versicherung soll gegeben werden, daß Sie diese nicht länger bekleiden sollen, bis die erste Stelle im geheimen Staatsrath erlediget wird!


KARL

O mein Gott!


PRÄSIDENT

Mein Sohn.


Fünfter Auftritt.

Präsidentin, Vorige.


PRÄSIDENTIN

Guten Morgen, lieber Wiesenthal! ich hätte ein Wörtchen mit dir allein –


PRÄSIDENT

Unmöglich! Ich bin jetzt in keiner Fassung.


PRÄSIDENTIN

O, ich bitte dich, mein Bester!


PRÄSIDENT

Wenn du denn doch nur geschwind machen wolltest!


PRÄSIDENTIN

Nur ein Wörtchen! – Herr Karl!


KARL

Ich gehe.


PRÄSIDENT

Nein, nein, bleiben Sie! Karl ist hier nicht überflüßig.


PRÄSIDENTIN

Es betrifft aber so eine Sache, eine Familiensache.


PRÄSIDENT

Desto eher mag Karl davon Theil nehmen.


PRÄSIDENTIN

Aber Wiesenthal.


PRÄSIDENT

Adieu. will ab


PRÄSIDENTIN

Nun, nun, so sey doch nur nicht so hastig! – Sieh nur, mein Liebster, Morgen – weißt du auch was Morgen für ein Tag ist?


PRÄSIDENT

Morgen? nein.


PRÄSIDENTIN

Sieh, das weißt du nicht, und ich weiß alle deine Geburts- Namens- und


Festtage auswendig, und freue mich das ganze Jahr darauf! Morgen ist mein Geburtstag.


PRÄSIDENT

Er soll mir willkommen seyn; wir wollen ihn feyern.


PRÄSIDENTIN

Feyern, ja, aber wie?


PRÄSIDENT

O so halte mich doch mit so was nicht auf! ordne an, wie du willst, und rechne darauf, je feyerlicher, desto lieber!


PRÄSIDENTIN

Wie du so allerliebst bist! und höre nur, was meynst du, wenn wir an dem Tage unsre Tochter –


PRÄSIDENT

Ja, das ist vortreflich! Frau, wie kömmst du zu dem Einfall? Morgen die Verlobung! herrlich, herrlich!


PRÄSIDENTIN

Du mein Bester!


PRÄSIDENT

Hören Sie, Karl, Morgen!


KARL

Gott im Himmel!


PRÄSIDENT

Und wie das so herrlich zutrift! Gestern ist die Sache wegen der Stelle an der Regierung entschieden, und entschieden wie ichs voraus sagte! danke mir für das Vergnügen, nach mir die erste zu seyn, die Karl Glück wünscht.


PRÄSIDENTIN

Ich mögte bersten! Karl?


PRÄSIDENT

Sagt ichs nicht voraus?


PRÄSIDENTIN

Aber Wiesenthal, ich denke Friz –


PRÄSIDENT

Hätte Friz die Bedienung erhalten, gut, so hätte ich's wider meinen Willen zugegeben, wenn Julchen nicht anders gewollt hätte; du hattest mein Wort, und Julchen hätte dann selbst entscheiden mögen; aber nun –


PRÄSIDENTIN

Wiesenthal, das muß sie noch, und das soll sie, so wahr ich Mutter bin!


PRÄSIDENT

So?


PRÄSIDENTIN

Mit der verdammten Bedienung! also ist dirs um einen Regierungsrath zu thun?


PRÄSIDENT

Also, also, du solltest dir das Also abgewöhnen Frau, es verführt dich immer, etwas albernes zu sagen! Karl hätte meine Tochter ohne Bedienung und Bedingung auf sein erstes Wort haben sollen; nur darum ist es mir, daß mein Vermögen, eine Frucht, die ich und meine Voreltern in dem Schweiß unsers Angesichts gesäet und geerndtet haben, an keinen Tagdieb soll verschwendet werden, der mir und meiner Tochter keinen Dank dafür wissen kann, weil es ihm nichts gekostet hätte. Da hast du mein letztes Wort, das ich über die Sache verlieren werde, und nun Adieu!


PRÄSIDENTIN

Aber Wiesenthal so hör doch nur!


PRÄSIDENT

Karl wird so gut seyn, dir das übrige zu sagen. ab.


Sechster Auftritt.

Präsidentin, Karl.


PRÄSIDENTIN

Zum rasend werden! – Nun Monsieur, was ist denn das übrige, das er mir sagen soll?


KARL

In der That, ich hätte Ihnen sehr vieles zu sagen, wenn Sie mich nur hören könnten!


PRÄSIDENTIN

Noch gar trozig! gut, gut! weiß er denn aber auch wohl, daß ich ihm auch noch ein Wort sagen kann? Ist der Präsident Vater, so bin ich Mutter! und wenn Sie ihn mit Ihrer Pharisäer-Mine bethört haben, – wir wollen sehen, wir wollen sehen – thun Sie ihr Bestes!


KARL

Grausame Frau! wenn Sie wüßten –


PRÄSIDENTIN

Was sollt ich wissen? weiß ich nicht genug? weiß ich nicht schon zu viel? Pfui, sie sollten sich schämen, Zank und Zwietracht zwischen mir und einem Manne zu stiften, mit dem ich zwanzig Jahre in einer Ehe gelebt habe, die kein Wort getrübt hat; Ihr Bischen Wissens und Studierens zum Unglück eines Bruders aufzubiethen, der der beste, artigste Kavalier im Reich ist, und mit dem Sie doch wohl den Stolz nicht haben werden, sich zu vergleichen?


KARL

Nein, den Stolz hab ich gewiß nicht.


PRÄSIDENTIN

Nun dann! also zum Unglück meines Mädchens, dessen Jugend Sie mit Ihrer heuchlerischen Mine, mit Ihrem Geprahl von Weisheit und Jugend hintergangen hatten; das aber, Gott sey Dank, klüger geworden ist, und Sie nur dafür verachtet und verabscheut, wie Sie's verdienen!


KARL

Gütiger Gott! wirft sich auf einem Stuhl


Siebenter Auftritt.

Julie, Präsidentin, Karl.


JULIE

Gnädige Frau Mama! Sie haben befohlen –


KARL

Verachtet, verabscheuet!


PRÄSIDENTIN

Du kömmst zu früh, geh, geh, ich will dich schon wieder rufen lassen!


KARL

springt auf, fasset Juliens Hand, drückt sie mit Innigkeit an sein Herz Julie, Julie! Sie mich verachten? – verabscheuen?


JULIE

wendet ihr Gesicht ab, gerührt, ein leises Ach!


PRÄSIDENTIN

Nun was soll das? wird's bald? gehst du?


KARL

läßt ihre Hand heftig fahren, wirft sich wieder auf den Stuhl!


JULIE

sieht ihn an mit einem Blicke voll Wehmuth; ab.


Achter Auftritt.

Präsidentin, Karl.


PRÄSIDENTIN

Das arme Mädchen! es ist ein Jammer zu zusehen, wie sie sich abhärmt! weil sie sich vormals, eh sie wußte, was schwarz und weiß ist, aus Uebereilung mit Ihnen einließ, und nun Wunders glaubt, was sie da zu verantworten habe.


KARL

Was sagen Sie da? nein, nein! nicht wahr, das erfinden Sie nur, um mich zu quälen? Julchen sich grämen um meinetwillen? nein, nein, o wiederrufen Sie das! es könnte mich bewegen, wider Willen und Entschluß Ihre Absichten zu hindern! sehen Sie, und ich steh im Begrif, Ihnen zuvorzukommen! O um Ihrer selbst willen, um Ihren Haß gegen mich, wiederrufen Sie das! Gram wäre ja noch Liebe! nein, nein, nicht wahr, Sie liebt mich nicht? grämt sich nicht um meinetwillen? haßt mich, verabscheuet mich?


PRÄSIDENTIN

Freylich, denk ich, daß sie am Ende wohl klug genug seyn wird, sich über die dummen Skrupeln wegzusetzen.


KARL

Wird seyn! wird sich wegsetzen! gnädige Frau! so lieb Ihnen Ihre liebsten Wünsche sind! nicht wahr, Sie ist schon – hat sich schon weggesetzt! o nur ein kaltes kleines Ja, und ich will Ihnen sagen, was Sie auf einmal mit mir versöhnen wird! o, ich bitte!


PRÄSIDENTIN

Versöhnen? o ja, darauf rechnen Sie!


KARL

Gewiß, gewiß! o wenn Sie wüßten, in welchem Augenblick –


PRÄSIDENTIN

O ja, ich weiß, in dem Augenblick, wo der Vater sie Ihnen zusagte! trotzen Sie nur, wir wollen sehen!


KARL

In dem Augenblick – in dem Augenblick – nur das kleine Wort, und ich entsage, entsage Julie auf ewig!


PRÄSIDENTIN

Heuchler über alle Heuchler!


KARL

Heuchler? o gnädige Frau! wenn ich heucheln könnte, ich hätte mir Ihre Gunst wohl so gut erheuchelt, als mein Bruder! aber nur noch ein Paar Stunden! ich habe Juliens Herz verloren, und ich verbanne mich! – noch vor Mittag – geh ich nach Italien!


PRÄSIDENTIN

Karl!


KARL

Nach Italien! auf ewig!


PRÄSIDENTIN

Karl, ist das Ihr Ernst!


KARL

Alles ist eingepackt! fragen Sie, sehen Sie!


PRÄSIDENTIN

für sich Fallstricke! aber du sollst dich selbst drin fangen. – laut Und soll ich Julchen das nur sagen?


KARL

Warum nicht! ich werde Sie dann noch um einen Augenblick bitten, o, um den einzigen kläglichen Augenblick des Abschieds auf ewig! oder soll ich auch den nicht? –


PRÄSIDENTIN

Nun so möchte doch Wiesenthal wohl so ganz unrecht nicht haben, daß er Sie für einen Mann von Vernunft hielt; aber um wie viel Uhr denn? bald?


KARL

Noch vor Mittag! aber nun gnädige Frau! noch die einzige Bitte! lassen Sie Julchen nie wissen, was mich treibt! die Zeit wird kommen, wo der Zauber verschwinden wird, der Sie umnebelt; o dann könnte das Bild eines Mannes, der Ihr einst werth war, der um Ihrentwillen umherschwärmt ein Flüchtling auf fremder Erde, ein nagender Wurm an Ihrer Seele werden. – ab.


PRÄSIDENTIN

O sorgen Sie nicht! wir wollen den Wurm schon schneiden. – Aber darf ich ihm denn auch trauen? – nun so gescheid ist er doch wohl, daß er einsehen mag, daß die guten Zeiten für ihn vorbey sind! aber doch, in meinem Leben hätt' ich mirs nicht träumen lassen – da sind wir ja auf einmal aller Sorge los!


Neunter Auftritt.

Friz, Präsidentin.


FRIZ

Da endlich! wo stecken Sie denn, liebste Frau Mama? ist das erlaubt? da gehts schon auf Mittag, und ich habe noch nicht einmal das Glück haben können, Ihnen die Hand zu küssen.


PRÄSIDENTIN

Ja, lieber Friz, dafür hab ich auch den ganzen Morgen für Sie gearbeitet.


FRIZ

Das wußt' ich! welch' eine Frau Sie sind! reizend wie eine Liebesgöttinn! aber doch nicht zufrieden, bis Sie auch dadurch eine Göttinn sind, alles um sich her glücklich zu machen!


PRÄSIDENTIN

Meynen Sie, Friz? nun, ihr Bruder denkt das gewiß nicht.


FRIZ

O der Tölpel! freylich, wer nicht glücklich seyn will, oder wie er, nicht kann! Aber was schiert uns der Narr? lassen Sie mich diesen Augenblick, o diesen süssen Augenblick, nach dem ich den ganzen Morgen geseufzt habe, nicht mit dem traurigen Gedanken verderben, daß ich so einen Tölpel zum Bruder habe! – Wie schön Sie diesen Morgen wieder sind! dieses Negligee, dieser Kopfpuz! welch ein Geschmack!


PRÄSIDENTIN

Gefällt er Ihnen?


FRIZ

O zum Entzücken! aber liebe Mama! wenn ich nun einmal verheirathet seyn werde – o ich werde eine große, große Bitte an Sie haben!


PRÄSIDENTIN

Närrchen, du eine Bitte?


FRIZ

Ja, ja, es ist so eine Bitte!


PRÄSIDENTIN

Und?


FRIZ

Daß Sie sich doch angelegen seyn lassen, diese Schönheit, diese Reize, diese Jugend, wenn es möglich ist, mehr zu verbergen!


PRÄSIDENTIN

Schäcker!


FRIZ

Denken Sie einmal selbst, bestes Schwiegermamachen! wenn ich da mit Ihnen und Julchen erscheine, und der Alte keicht daneben und einher, und da kömmt dann so ein Kenner nach dem andern, zuckt die Achseln, und frägt mich: aber um Gotteswillen Friz wie hast du dich so übereilen können? – o Mamachen! ich bitte Sie –


PRÄSIDENTIN

Du kleiner Affe!


FRIZ

Versprechen Sie mir – oder lassen Sie mich lieber noch nicht heirathen, lieber noch ein paar Jahre verseufzen, und sehen, ob nicht vielleicht das Schicksal –


PRÄSIDENTIN

O du charmanter Junge du! – nein Friz! ich will denn lieber schon sorgen, daß man dich nicht fragen soll!


FRIZ

Aber ob Sie auch können werden?


PRÄSIDENTIN

Aber nun zur Sache! was meynst du Friz, wenn ich dir sage, daß der Feind nun geschlagen ist, ganz aus dem Felde?


FRIZ

O, nichts geringeres hab' ich erwartet! Wer wollte Ihnen auch widerstehen können?


PRÄSIDENTIN

Meynst du? Ja, aber diesmal ist es doch nicht so ganz mein Werk allein; Karl ist so klug gewesen, mir entgegen zu kom-


men. Er giebt seine Ansprüche auf Julchen freywillig auf.


FRIZ

Wie bescheiden, daß Sie seiner Klugheit zum Verdienst anrechnen wollen, was doch bloß der Sieg der Ihrigen ist!


PRÄSIDENTIN

Freylich von einer Seite! – aber doch so bald, – nun, genug! er geht nach Italien.


FRIZ

Glück auf die Reise! in der That, die Schönen da von Marmor aus der alten Welt, schicken sich für den Kloz auch besser, als ein Geschöpf mit jungem Leben und warmem Blut.


PRÄSIDENTIN

Aber Friz, wie stehst du denn nun mit Julchen?


FRIZ

Gut, Mamachen, vortrefflich, man kann nicht besser! und Sie fragen noch? hab ich's Ihnen selbst nicht ganz zu danken, daß das Mädchen so rasend in mich verliebt ist? welche Großmuth wieder! vergessen, daß auch das ihr Werk ist! als wenns mein Verdienst seyn könnte.


PRÄSIDENTIN

Ja lieber Friz! ich muß dir aber doch sagen, zuweilen – zuweilen könnt' es mir einfallen, noch zu zweifeln.


FRIZ

Zu zweifeln? um Gotteswillen! Sie erschrecken mich!


PRÄSIDENTIN

Ich glaube zuweilen zu bemerken, wenn das Mädchen von Karl spricht – das ist doch noch so der rechte Ton nicht, den ich wünschte; und wenn wir uns über ihn lustig machen, da heißts immer, Schade! – Schade daß der Mann so finster ist! Schade daß, und Schade daß, und immer Schade! –


FRIZ

Gewohnheit, liebe Mama, nichts als Gewohnheit! Sie hat ihn einmal als einen Mann ansehen müssen, der ihr bestimmt war; und da ists denn so bey geblieben.


PRÄSIDENTIN

Es kann seyn, Friz; aber doch wünscht' ich, – ich wünschte –


FRIZ

Und was, Mamachen, was?


PRÄSIDENTIN

Daß du einmal dran dächtest, ihr Herz auf einmal zu fassen und zu fesseln! du müßtest –


FRIZ

Ich müßte? – Sie schweigen? aber was heißt das, Mamachen, Sie machen ja heut Umstände mit mir?


PRÄSIDENTIN

Sieh Friz! einmal so ein recht überwiegendes, unwiderstehliches Geschenk!


FRIZ

für sich O weh! der alte Blutsauger!


PRÄSIDENTIN

Zum Exempel, einen recht kostbaren Schmuck.


FRIZ

für sich Da haben wirs! für meine drey Bazen, die ich noch habe! – zur Präsidentin O ja! das wäre –


PRÄSIDENTIN

Und sieh nur, lieber Friz! da hab ich schon diesen Morgen einen ausgesucht! sieh nur! aber umgefaßt müßt er erst werden, so hübsch nach der neuesten Mode!


FRIZ

Kostbar! kostbar! – aber Mamachen! so was kostet, – und die Wahrheit zu gestehen –


PRÄSIDENTIN

Also gefällt er dir doch?


FRIZ

Sie fragen, und Sie haben ihn ausgesucht? aber, wie ich sagen wollte – und was soll er denn kosten?


PRÄSIDENTIN

küßt ihn Er ist bezahlt!


FRIZ

Aber Mamachen! –


PRÄSIDENTIN

So schweig doch nur, Herzensjunge! bist du mir nicht an die Seele gewachsen? o, ich muß dein Glück machen, und sollt' es mir auch mein Eigenes kosten! ab.


Zehnter Auftritt.


FRIZ

der Präsidentin nach O Sie Muster – für sich aller Thorheit, ha ha ha – willkommen, willkommen! o, da bin ich ja auf einmal aus all meiner Noth! – umfassen? ja ja, sollst schon umgefaßt werden! – . aber, was zum Henker? – je mehr ich ihn betrachte – ja ja, bey meiner Ehre! – Wegforts altes Familienstück! – wie verläuffst du dich denn bis hieher zu mir? also warst du mir doch bestimmt? auch ohne das Mädel, dem der Alte dich aufhob? – ja, da so gar der Ring mit dem verschlungenen Namen seiner Frau! – herrlich, herrlich, o, doppelt willkommen! du sollst zu Kappler! zum Ring und wenn das Mädel, das er im Hause hat, Luise ist – gut, gut! nicht nur das erfahren, auch damit abkaufen kann ich sie – und das Uebrige – sorge nur nicht, Mamachen, – es soll umgefaßt werden, nach der neuesten Mode – recht nach der neuesten Mode! gegen lauter neue vollwichtige glänzende Dukaten! nur ohne Sorgen. ab.





Dritter Aufzug.


Erster Auftritt.

Karl, bald darauf Franziska.


KARL

sitzt und liest; wirft das Buch weg, geht unruhig umher etc.


FRANZISKA

kömmt herein Hier also, Herr Bruder! find' ich dich endlich! da lauf ich dir schon fast eine halbe Stunde nach, und trage so schwer, so schwer an einer Last von Neuigkeiten! ha, ich kann nicht mehr! ich muß mich setzen; ich habe mich so müde dran geschleppt – nun? und du wirst nicht einmal neugierig? frägst mit keinem Wörtchen nach –


KARL

Nach Neuigkeiten, die mich nicht intereßiren können?


FRANZISKA

Nicht intereßiren? dich nicht? nun, das sollst du sehen; wenigstens wird jetzt aus deiner Reise zu Wegfort nichts.


KARL

schweigt, zuckt die Achseln.


FRANZISKA

Meynst du nicht? wenn ich dir nun aber sage, daß er selbst hier in der Stadt ist?


KARL

Wegfort?


FRANZISKA

Daß er diesen Morgen schon hier im Hause gewesen ist?


KARL

Wegfort?


FRANZISKA

Ja, ja, er hat der Präsidentin einen Schmuck verkauft.


KARL

Wo wohnt er?


FRANZISKA

Er hats nicht gesagt, und die Präsidentin hat das nicht intereßirt, wie du denken kannst; aber ich laß ihn schon auskundschaften.


KARL

Gut, liebe Franziska!


FRANZISKA

Und nun?


KARL

Das ändert meinen Plan nicht, befördert ihn nur; ich kann also nun gerades Weges –


FRANZISKA

Nach Florenz, nicht wahr? nein, nein, Herr Bruder, die Grille laß dir fürs erste nur noch vergehn.


KARL

Umsonst! ich muß und will!


FRANZISKA

Reisen? ja, sollst auch reisen; mir je eher je lieber! aber nicht nach Italien; auch nicht so in dem englischen Reisekleide! komm, ich will dir deinen Anzug anordnen! komm mit eben, sollst dich ausrüsten, wie unser Ur – Ur – Ur – Urgroßpapa oben auf dem Familien-Gemählde in Harnisch und Helm, mit Schwerdt und Speer! sollst ausreiten auf ritterliche Abentheuer, sollst dich herumbalgen, mit Riesen und Unholden, und eine arme entführte Prinzeßin wieder einhohlen.


KARL

Ach Schwester, wenn du mich doch nur heut mit deiner Laune verschonen wolltest! ich bin so wenig gestimmt –


FRANZISKA

Nein, Bruder, laß mich nur! nur noch ein Wort, und du sollst sehen, ich komme deiner Stimmung schon von selbst näher! die Geschichte ist so tragisch! und mein Herz zuckt und blutet schon, da ich meinen Mund noch zwinge zu lachen! du weißt ja, Bruder, das ist so meine Art; sonst empfind' ich leicht so tief, als die empfindsamste Empfinderin in dieser empfindsamen Epoche! nur bekömmt mir das Empfinden nicht so gut, als den ewig seufzenden und weinenden Maschinen, und da stemme ich mich entgegen mit all meiner Laune, so lang ich kann.


KARL

Gott erhalte dir den Muth, liebe Franziska, aber wo dein Freund leidet, dein Bruder –


FRANZISKA

Nun: stille doch nur, ich will denn lieber meine Laune vor der Zeit freywillig gefangen geben, denk einmal Karl! der arme Wegfort –


KARL

Nun?


FRANZISKA

In dem Augenblick, wo du an nichts als an sein Glück denkst, dir seine Freude, sein Entzücken schilderst, wenn du nun kommen wirst, ihm sein Vermögen wieder zu geben –


KARL

Franziska!


FRANZISKA

Ist seine Tochter –


KARL

Luise tod?


FRANZISKA

Entführt, entehrt! Bruder, Bruder, was ihr Männer für Geschöpfe seyd!


KARL

Und von wem? gerechter Gott! Luise?


FRANZISKA

Ich weiß nicht; aber du mußt den Alten aufsuchen! und Bruder, wenn du ein Mann bist –


Zweyter Auftritt.

Präsident, Karl, Franziska.


PRÄSIDENT

Alles richtig, alles richtig! o mein Sohn! umarmt Karl Hier ist alles! hier die Sentenz für Wegfort! und hier das Dekret über die Bedienung!


KARL

O mein Vater!


FRANZISKA

Mein Bruder!


PRÄSIDENT

Karl, wozu soll ich Ihnen am ersten Glück wünschen? Wie groß! welch ein Mann sind Sie! Wie haben Sie für den armen Verkannten gearbeitet! der Referent hat von Ihnen gesprochen, daß ich nicht mehr konnte, mit weinenden Augen da saß, und mit schluchzender Stimme ausbrach: Meine Herren, Morgen ist der Mann unser Kollege, und da hätten Sie sehen sollen! Karl, Karl!


FRANZISKA

O mein Bruder!


PRÄSIDENT

Und hier die Bedienung bis auf die erste erledigte Stelle im geheimen Staatsrath! der Minister wiederholte das, wie er stolz darauf sey, Ihnen mit einem Anerbiethen, zuvorzukommen, das unter der jetzigen Regierung noch keinem geschehen ist.


KARL

O mein Gott!


FRANZISKA

Und das alles keine Schadloshaltung?


PRÄSIDENT

Ja, Karl, so ein Mann sind Sie! fühlen Sie sich selbst, es ist die größte Belohnung des Verdienstes, dieses Selbstgefühl! – und diese Thräne, o, nicht verborgen, Karl! sehen Sie, ich weine mit Ihnen! dieser Mann, dieser große Mann, soll meiner Tochter werden!


KARL

Ich vergehe!


PRÄSIDENT

Ich mögte weinen, mit Kindesfreude!


KARL

O um Gotteswillen, um Gotteswillen!


FRANZISKA

O mein Bruder!


PRÄSIDENT

Lassen Sie meine Freude ausströmen! Nie, Sohn meines Herzens! nie hab ich Gott für ein Geschenk inbrünstiger gedankt, als für dich! ich sag' es in seiner Allgegenwart! Mann voll Werth! du bist mir willkommener für das Kind meiner Liebe, als der Erbe eines Thrones!


KARL

O mein Gott! wenn ich nicht erliegen soll –


PRÄSIDENT

Franziska, rufen Sie mir doch meine Frau und meine Tochter her! – doch nein, ich gehe selbst hin! bleibt hier zusammen; in einem Augenblick – ab.


Dritter Auftritt.

Karl, Franziska


FRANZISKA

Karl!


KARL

Laß mich, Schwester! sieh, meine ganze Seele ist in Aufruhr! ich fasse das nicht.


FRANZISKA

Aber mein Bruder, so hingegeben auf einen einzigen Punkt, ist das deine Weisheit? So viele Geschenke von Gott! und die alle nichts! und da solls gerade nur das einzige seyn, das er dir versagt, vielleicht zu deinem Glücke versagt! Bruder, Bruder!


KARL

Sage mir das alles nicht! ich fühl es, ich fühl es; aber ich kann, ach! ich kann nicht!


FRANZISKA

Komm nur zu dir! laß dir nur Zeit!


KARL

Ich kann nicht! Julie, Julie, wohin hast du mich gebracht!


FRANZISKA

Undankbarer Eigensinn!


KARL

O Schwester! das Schicksal nehme mir alles, in dem Augenblick, wo es mir alles giebt! sieh, ich wollte auswandern in eine unbekannte Welt, mir selbst überlassen, keine Aussicht für den kommenden Augenblick, nur daß es ein Augenblick sey, wie jene goldenen verschwundenen Augenblicke ihrer Liebe! arm und verlassen! Nur Sie, nur Sie!


FRANZISKA

Aber Bruder denke nur, da gehst du hin, und in dem ersten Briefe, der dir nachkömmt, da ist sie verheirathet!


KARL

Ha!


FRANZISKA

Und wenn du das auch aushälst, dann noch ein Paar Monate, bis der Kummer dann vollends alle Schnellkraft deiner Seele erschlaft hat; dann wieder ein Brief, daß der Taumel nun verschwand, das arme Weib da nun liegt angekettet an ihrem Elend; nun sieht, nun fühlt, wie sie sich wegwarf!


KARL

Laß ihn kommen, ich erwarte ihn so.


FRANZISKA

Das dünkt deiner Rache jetzt süß; aber Bruder, Bruder! wenns nun so seyn wird, wie wird sichs ändern! da wirst du nur sehen, welch ein Theil der Schuld auf dich fällt: was deine Uebereilung verdarb! wärst du geblieben, hättest Muth gefaßt auszudauern, du hättest sie vielleicht zurückgebracht. Karl, der Vorwurf wird sich an dich hängen, wie ein Geist der Hölle.


KARL

Ich werd ihn schon von mir bannen.


FRANZISKA

Mit einer Pistolenkugel, nicht wahr? Und daß dann das Ende eines Mannes zu dem vor wenigen Monaten noch Freunde und Familie, Vaterland und Menschheit mit dem Stolze, mit der großen Erwartung heransahn! Und gut! die That helfe dir dann aus! über Julchen – Bruder, kannst du das Bild ihrer Verzweiflung, ihres Hinsterbens in Jammer ertragen? Ist das Liebe?


KARL

Weib willst du mich rasend machen?


FRANZISKA

Bruder! – Karl! verkennst du mich? – Karl bin ich denn nicht deine Schwester mehr? nicht die Franziska mehr, der du so oft betheuertest, daß sie deine Schwester hätte seyn sollen, wenn du eine zu wählen gehabt hättest?


KARL

Ach Franziska! was willst du? was soll ich? was kann ich?


FRANZISKA

Sprich nur mit Wegfort! sey sein Freund! hat seine Tochter nicht heiligere Rechte auf seinen Freund, als sein Vermögen? Thu für Luise, was du für sie thun kannst! ich will indeß deine Schwester seyn, für dich arbeiten in der Stille; Julie – ich hatte einst ihr Vertrauen! und wenn sie noch zu retten ist – Bruder, Bruder, denke das, wenn sie noch zu retten wäre, und du hättest sie so ihrem Schicksal überlassen! – aber wenn es nicht ist, wenn du zurück kommst und alles ist umsonst, – da Bruder meine Hand! so will ich dich nicht halten, will mit dir weinen, und dir tragen helfen; aber mit keinem Worte mehr widersprechen.


KARL

Ach Schwester, Schwester!


Vierter Auftritt.

Präsident, Präsidentin, Karl, Franziska.


KARL

Die Präsidentin! – Gott! ich gehe.


PRÄSIDENT

Wohin, wohin? nein Karl, Sie müssen bleiben! ich höre hier, was mich erstaunen macht –


KARL

O, um alles, wenn ich Ihnen werth bin. –


FRANZISKA

Lassen Sie ihn, mein Vater, lassen Sie ihn, ich will Ihnen alles – Karl ab.


Fünfter Auftritt.

Präsident, Präsidentin, Franziska.


PRÄSIDENT

Was ihr für Leute seyd! da finde sich einer darein! in einer Stunde, wo ich ihn erwartete ausser sich vor Freuden, spielt er den Verzweifelnden, entsagt meinen besten Entwürfen; flieht mich, da ich ihm meine Arme öffne, ihn in meinem Herzen aufnehmen will zu meinem Kinde!


PRÄSIDENTIN

Ich sage dir ja, er ist ein alberner Mensch!


PRÄSIDENT

Ha! und ich sage dir – wer hat ihn so weit gebracht? – schäme dich?


PRÄSIDENTIN

Aber mein Gott! –


PRÄSIDENT

Hier wollt ich euch alle versammeln um mich her! es sollte mir ein hoher Festtag werden; da wollt ich zwischen euch stehen, wie ein glücklicher Hausvater am Tage, wo Gott mit seinem besten Segen auf seine Familie kam, und da steh ich nun einsam, und alles flieht mich! Karl in Verzweiflung, Julchen in Thränen, Franziska in stummer Traurigkeit, und du, Madam! – geh du nur auch lieber von mir! geh zu deinem lieben kleinen Harlekin, und parliere mit ihm über deine Hauben und Fächer.


PRÄSIDENTIN

In der That wohl das Beste, ich gehe!


PRÄSIDENT

Ja, so weit du willst! aber nimm mein letztes Wort mit! nur diesen Abend Bedenkzeit, und Julchen und Karl feyern Morgen deinen Geburtstag am Altar, oder Julchen geht ins Kloster!


PRÄSIDENTIN

Wiesenthal!


PRÄSIDENT

Kein Wort mehr! du weißt, ob ich der Mann bin, der sich widersprechen läßt! ich will mich mit euern Grillen lange aus meiner Fassung bringen lassen! – dein charmanter Friz kann sehen, wo er bleibt, ich dulde ihn nicht mehr bey mir! und Julchen – wie gesagt, Morgen in Karls Armen oder ins Kloster! ab.


FRANZISKA

Ich muß nur nachschleichen! der Himmel möchte mir gnädig seyn, wenn das Wetter über mich ausbrechen sollte! ab.


PRÄSIDENTIN

Oder ins Kloster! – ins Kloster! ja warte! ich werde dir da eine Tochter erziehen, daß alle Welt ihr Wunder dran hat, und sie dann ins Kloster stecken lassen! – oder gar an so einen Tölpel schmieden lassen! – warte! ich will dir – ja aber wie? –


Sechster Auftritt.

Präsidentin, Friz, Johann mit Ballkleidern hinter her.


FRIZ

Aber nun Mamachen, nun sollen Sie selbst sagen, ob Sie je so was gesehn oder gehört haben?


PRÄSIDENTIN

Ja wohl, artige Histörchen, schöne Einfälle!


FRIZ

Wie?


PRÄSIDENTIN

O, ich möchte rasend werden!


FRIZ

Rasend? rasend sagen Sie? und wissen Sie denn schon –


PRÄSIDENTIN

Das mag Ihnen meine Wuth sagen.


FRIZ

Ihre Wuth, Mamachen? ich bitte Sie, Ihre Wuth? und ich dachte Wunders, wie entzückt Sie seyn würden!


PRÄSIDENTIN

O, Sie sind toll, Friz!


FRIZ

Toll? mein Gott, was ist Ihnen? toll? und die Idee ist, dünkt mich, so schön, so neu!


PRÄSIDENTIN

Ja wohl, neu!


FRIZ

Mamachen ich will des Henkers seyn, wo ich ein Wort – o Sie haben es unrecht verstanden; er hat sich nicht recht zu erklären gewußt.


PRÄSIDENTIN

Nein, ich versichere Sie, deutlich und ausdrücklich genug!


FRIZ

Ja, dann weiß ich aber nicht – ich wollte, daß er sein verdammtes Maul gehalten hätte! so was muß überraschen, oder es verliert seinen Reiz.


PRÄSIDENTIN

Seinen Reiz? o hüten Sie sich, Friz! er möchte dem Einfall noch für Sie einen Nebenreiz zu geben wissen! –


FRIZ

Wer? der Kerl?


PRÄSIDENTIN

Der Kerl? der Präsident!


FRIZ

Der Präsident? Was soll denn der hier? sprechen Sie denn vom Präsidenten?


PRÄSIDENTIN

Von wem sonst?


FRIZ

O, ich spreche von meinem Schneider, der mir die Ballkleider gemacht hat! ha ha ha!


PRÄSIDENTIN

Nun wahrhaftig! ha ha ha! bald sollt ich fast mit lachen! ha ha ha! – nein Friz, der Präsident – o, wie soll ich Ihnen das alles sagen? o, ich ärgere mich –


FRIZ

O, vergessen Sie das jetzt, Mamachen! hier giebts wichtigere Affairen; sehen Sie –


PRÄSIDENTIN

Ja, ja, aber Morgen schon! Morgen soll Julchen Karls Frau seyn, oder ins Kloster –


FRIZ

Ins Kloster? ha ha ha.


PRÄSIDENTIN

Sie lachen? aber Morgen, Friz, Morgen schon!


FRIZ

Ey was? lassen Sie das jetzt bey Seite, jetzt über die Possen diesen Augenblick nicht verdorben!


PRÄSIDENTIN

Possen?


FRIZ

Nichts als Possen, kommen Sie Mamachen, heitern Sie sich auf! – diese ärgerliche Mine – wenn Sie nicht die Schönheit selbst wären, müßt' Ihr Gesicht verstellen! das kann sie nun zwar nicht, aber das ist doch das Gesicht nicht, für das ich arbeiten ließ! kommen Sie, lächeln Sie einmal – Sie wissen wohl, mit dem gewissen, siegreichen, triumphierenden Lächeln! – sie lächelt Ja so! o Sie Venus Sie! und nun sehn Sie einmal! legt die Ballkleider los


PRÄSIDENTIN

Nun?


FRIZ

Für diesen Abend auf dem Ball! nun? was sagen Sie!


PRÄSIDENTIN

Friz! – Galant! – schön – prächtig! was du für ein Junge bist! aber nein, Friz, das ist doch für Julchen zu reich.


FRIZ Für Sie, kleine Mama, das versteht sich! es ist ja À LA VENUS!


PRÄSIDENTIN Du kleiner Hasenfuß du!


FRIZ

Und hier für Julchen! eine griechische Königinn!


PRÄSIDENTIN

Herrlich, herrlich!


FRIZ

Sie merken aber doch den Unterschied, denk ich!


PRÄSIDENTIN

Affe!


FRIZ

Und nun für mich!


PRÄSIDENTIN

Aber was ist das? ein Helm?


FRIZ

Ein griechischer Prinz.


PRÄSIDENTIN

O das ist neu, und ausgedacht, daß dirs Ehre macht!


FRIZ

Nicht wahr, Mamachen? und nun das Ensemble, das Ganze! denken Sie sich das einmal alles in einer Gruppe zusammen! nun? rathen Sie nicht?


PRÄSIDENTIN

Ja wer dir deine Einfälle enträthselte!

FRIZ

Wissen Sie nicht – die Geschichte der griechischen Helena? Ich will Ihrem Gedächtnis nachhelfen: Unter drey Göttinnen entstand einmal ein Streit darüber, welche die Schönste sey!


PRÄSIDENTIN

Recht, wie in dem Buche stand, das dein alberner Bruder Julchen einmal aus den Händen riß, und um dessentwillen er gegen dich so grob ward.


FRIZ Ja in den komischen Erzählungen; so wissen Sie ja auch liebes Mamachen, daß Venus von Paris den goldnen Apfel erhielt, und sie ihm dafür zur Dankbarkeit half, das schönste Weib seiner Zeit, die griechische Helena entführen? und nun die Anwendung! da haben Sie den Apfel! Sie sind Venus! ich Paris, und nun? was geben Sie mir? sehen Sie? Helena Julchen!


PRÄSIDENTIN

Nein Friz, sag mir einmal, hast du das selbst so ausgedacht?


FRIZ

O, wo die – wie soll ich das nennen, was ich für Sie empfinde – genug, daß diese Empfindung eben so erfinderisch ist, als die Liebe selbst!


PRÄSIDENTIN

Herrlich, über alles! das soll diesen Abend einmal ein Aussehen geben! – stampft mit dem Fuße daß das gerade der fatale Abend seyn muß! Ach Friz! ich werde meine Rolle doch nicht gut spielen!


FRIZ

Gewiß, gewiß, wenn man anders spielen kann, was man ist!


PRÄSIDENTIN

Nein Friz, sey jetzt einmal einen Augenblick seriös! Morgen, Morgen, denke nur die eine Nacht!


FRIZ

Und was wars denn auch auf Morgen! sehen Sie liebes englisches Mamachen, der Gedanke, Ihnen eine Freude zu machen, beschäftigte mich so ganz, daß ich nicht einmal – gehört habe –


PRÄSIDENTIN Daß Julchen Morgen ins Kloster soll, oder mit Karl an dem Altar!


FRIZ

Das ist entsetzlich! – ja was ist da zu machen?


PRÄSIDENTIN

immer zu den Ballkleidern zurück, und sie betrachtend Ich Venus! – wenn das ein andermal so in recht guter Laune gekommen wäre! aber du sollst sehen, Friz, ich werde so viel an dich denken, das Mitleid –


FRIZ

O Sie liebe Frau! aber gesetzt nun, Julchen gieng auch fürs erste ins Kloster –


PRÄSIDENTIN

Nein, nein, dazu darfs nicht kommen; unmöglich! er ist so erbittert! das arme Mädchen würde – was das für eine Pracht, für ein Geschmack ist! Ich Venus! und wenn ich da nun komme mit dem Apfel in der Hand!


FRIZ

O alle Herzen werden sich Ihnen beugen! – aber Julchen –


PRÄSIDENTIN

Ich sinn und sinne nach, und ersinns doch nicht! armer Junge – Ich Venus, o, ich weiß nicht, das Herz springt mir im Leibe, wenn ich denke – wie viel Uhr ist's denn? wird's nicht bald Zeit zum Ball?


FRIZ

Es ist noch nicht einmal Mittag, Mamachen!


PRÄSIDENTIN

Das währt heut auch verzweifelt lange! es wird heut auch bey mir kein Mittag werden! ich werde Hunger und Durst vergessen, bis ich – ich Venus! nein das ist nicht abzuwarten! – aber – Friz – Friz! was fällt mir da ein? Was sagtest du, wie machte Venus es? sie half dem Paris –


FRIZ

Die Helena entführen?


PRÄSIDENTIN

Friz! – nun, und du findst es nicht? noch nicht? ich Venus, du Paris, und ich helfe dir – nun?


FRIZ

Julchen Helena? – ich wag' es nicht auszusprechen!


PRÄSIDENTIN

Da Friz, meine Hand drauf, so wahr ich –


FRIZ

So wahr Sie eine Venus sind! O Sie Herzensmamachen, das ist ein Einfall, mehr


als tausend solche Masken werth! wie Sie einem doch so überlegen sind, wenn man auch sein ganzes Gehirn angestrengt hat –


PRÄSIDENTIN

Sage das nicht, Friz! von wem kömmt der Einfall im Grunde her? Ist er nicht dein?


FRIZ

Und wie sich das so schön anschickt! der Ball!


PRÄSIDENTIN

Ja wohl! vom Ball fort! ich allein nach Haus, und Morgen Früh der Alte – ha ha ha!


FRIZ

Ha ha ha! unvergleichlich!


PRÄSIDENTIN

Nun, laß mich nur! aber da muß nun auch keine Minute versäumet werden! geh Friz, und halte nur alles bereit! und bestelle mir Julchen her!


FRIZ

Aber soll ich dem Mädchen nicht auch selbst –


PRÄSIDENTIN

Das braucht nicht! ich nehme alles auf mich!


FRIZ

O Sie liebe, süße, kleine Mama! ab.


PRÄSIDENTIN

Ha ha! ins Kloster! nun auf Altar! auf Karl! wir wollen doch sehen! ha ha ha! was das für Gesichter geben wird, wenn der Vogel ausgeflogen ist, und der alte Brumbart steht denn da vor dem leeren Kefig! ha ha ha! – aber, das muß doch wahr seyn, dieser Friz! – ich Venus! der allerliebste kleine Narr! erinnere ich mich doch nicht, daß mir in meiner besten Jugend einer so ein Kompliment gemacht hätte!


Siebenter Auftritt.

Julie, Präsidentin.


PRÄSIDENTIN

Sieh Julchen, hast du je in deinem Leben so was gesehn? Julchen, was wir diese Nacht für eine Figur machen werden!


JULIE

In der That, sehr schön!


PRÄSIDENTIN

Wie alles, was der Liebe Junge nur aussinnt! o Julchen, was für eine glückliche Frau wirst du werden! was wird das für ein Leben seyn!


JULIE

Ach ja, wenn alle Tage des Jahrs Balltäge wären!


PRÄSIDENTIN

Pfui Mädchen, was das nun wieder für ein absurder Einfall war! – und sieh nur, ich bin Venus, ich!


JULIE

Sie Mama?


PRÄSIDENTIN

Ja, ja, und du Helena, und er Paris! ich weiß nicht, wo der vertrackte Junge nur zu solchen Einfällen kömmt! so gelehrt und doch so galant! Ach! daß ich doch nur dabey seyn könnte, bey der ganzen Geschichte! Mit euch fortfliegen über Berg und Thal! Julchen, Julchen, ich werde hinterher noch närrisch vor Freude, vor Freude und Aerger! du kleines Affengesicht, du, und bist kaum noch erst deine 18 Jahre alt! und schon eine Entführung! und so eine allerliebste Entführung, so einzig in ihrer Art! ich war doch auch schön, und schon über 24, als dein Vater kam, und hab es nie zu einer Entführung bringen können.


JULIE

Entführung? was sagen Sie, gnädige Frau Mama!


PRÄSIDENTIN

Ja, ja, Entführung? weißt du denn nicht, daß Paris seine Helena entführte, und das mit Hülfe der Venus? und hab ich dir denn nicht gesagt, daß ich unter euch Venus bin?


JULIE

Ich verstehe kein Wort.


PRÄSIDENTIN

Kein Wort, dummes Ding du? muß ich dir denn das noch lange vorlegen, Wörtchen für Wörtchen? diese Nacht, diese Nacht vom Ball – Mädchen du bist meine Tochter nicht, wenn du nicht unsinnig wirst vor Freude! diese Nacht vom Ball soll dich dein Paris entführen!


JULIE

Entführen?


PRÄSIDENTIN

Aber Gott im Himmel, da frag erst noch zehnmal, Entführen? ja, ja, entführen!


JULIE

Aber gnädige Frau Mama!


PRÄSIDENTIN

Ja, da komm du mir gar erst noch lange mit deinen Aber!


JULIE

Warum aber Entführen?


PRÄSIDENTIN

Und nun noch gar warum? Entführen Mädchen! Und wenns gar kein Warum hätte, so denk doch nur, Entführen! – Entführen, so heimlich davon, daß denn alle Welt – o, ich ärgere mich, daß ich meiner Tochter so was erst lange vorsagen soll.


JULIE

Und der Papa?


PRÄSIDENTIN

Dummes Ding um den ists ja eben! hast's denn nicht gehört, daß er dich ins Kloster stecken will?


JULIE

Ins Kloster?


PRÄSIDENTIN

Ins Kloster, und Morgen früh, oder Morgen früh mit Karl an den Altar! – nun, wenn dir das lieber ist – du hast die Wahl!


JULIE

Ich weiß nicht – Sie überraschen mich so –


PRÄSIDENTIN

Und da brauchts nun auch wohl noch lange Ueberlegung! von der einen Seite Entführung! – o, und das mit Friz, o, mit dem Herzensjungen, denke Mädchen, mit Friz, mit Friz! und von der andern Seite das Kloster – oder gar, – Gott, Mädchen, mich schaudert um deinetwillen bey dem blossen Gedanken! – oder gar Karls Frau! – Karls Frau! und das heißt denn nun vollends, daß dein Vater dich bey dem Schuft wieder einbetteln will, daß er dich doch nur noch nimmt! denn er hat dir entsagt!


JULIE

Karl?


PRÄSIDENTIN

Ja, ja, Karl! Mir ins Gesicht, deinem Vater, deiner Schwester, uns allen ins Gesicht! geh hin und frage! förmlich, uns allen ins Gesicht hat er erklärt, daß er dich nicht mehr will.


JULIE

Gott im Himmel! – Karl!


PRÄSIDENTIN

O ho, ists so gemeynt? ich sehe du machst Umstände! gut, gut, auch gut! so geh ich zu deinem Papa – und – gut, gut! – will ab.


JULIE

Ach Mama, Mama!


PRÄSIDENTIN

Nun, ohne Umstände, entweder ja, oder ich geh zu deinem Vater, daß er mit Karl fortmacht! nun, willst du?


JULIE

Ich – ich will – ich will mit auf den Ball gehen!


PRÄSIDENTIN

Närrisches Ding mit deiner Blödigkeit! stehst du nicht da und zitterst! sieh, ich trage dirs ja selbst an; deine Mutter! lustig! lustig! auf den Ball! und da tanz ich mit euch den Hochzeitstanz, bring euch dann in die Kutsche, geb euch meinen Segen, und seh euch dann daher rollen in die weite Welt. Küsse mich! siehst du, was du für eine Mutter hast. ab.


JULIE

Dahin also! – Gott, was ist aus mir geworden! Entführung! – heimlich wider den Willen, ohne Wissen meines Vaters! – Friz, und das darfst du dir von mir versprechen? ha, womit hab ich das um dich verdient? – und Karl! – mir förmlich entsagt! ha, mit seiner ganzen kalten Verachtung! – Gut, gut! alles gut! – aber –


Achter Auftritt.

Julie, Franziska.


FRANZISKA

So? in Selbstgesprächen, Julchen? der glückliche Prinz!


JULIE

Franziska!


FRANZISKA

Deinen lieben Friz, meyn' ich ; o, wenn man uns Frauenzimmer erst bis zum Monologieren bringt!


JULIE

ärgerlich Schwester!


FRANZISKA

Nun? Ey sieh doch, wie spröde? bin ich denn nicht auch ein Mädchen gewesen? und verliebt – ? o, darinn sey dir Trotz geboten! ich versichere dich, manchen lieben Abend hab' ich auch hier gesessen in der Dämmerung um deines Bruders willen, mit dem Kopfe in der Hand, und mit Mond und Sternen im Gespräch! aber das glaube mir auch, gut thut's einem nicht; man zehrt sich drüber ab, o, daß es ein Jammer ist anzusehn, und wenn man denn doch eine gute vertraute Seele um sich haben kann, die uns versteht, in uns dringt mit Liebe und Theilnehmung, daß man dann so recht vom Herzen wegplaudern kann, o, das ist doch auch behaglich!


JULIE

Nein; laß mich, Franziska! – in der That – mir ist besser allein.


FRANZISKA

Nein: ich lasse dich nicht, Julchen! – in der That – dir ist besser bey mir! – Mädchen hab ich nicht die Erfahrung? und müssen wir andern Erfahrne und Geprüfte uns nicht eine Pflicht daraus machen, euch Unerfahrnen in der Prüfung beyzuspringen mit Rath und That? Ich sage dir Julchen, du wirst dich um alle deine Reize grämen, wenn du's so forttreibst, wirst in deiner Einsamkeit verwelken und verblühen!


JULIE

Mag's doch, das kümmert mich wenig.


FRANZISKA

So, so? Nun und wenn auch, so muß ich doch für meine Brüder sorgen; einem von beyden bist du doch nun einmal bestimmt; und da sollt ich zugeben – daß sie denn hernach nichts an dir kriegten, als ein verseufztes, verkümmertes, verweintes Mädchen? O nein Julchen, so eine sorglose Schwester bin ich nun einmal nicht! und – sieh! auch das weißt du noch nicht, wie viel Ursache wir alle haben, mit unserem Bischen Schönheit haushälterisch umzugehen. Es ist doch die einzige Mitgift, die uns die Natur gegen die Ueberlegenheit der Männer zur Wehr gab; und die Männer! – o, du kennst die lieben Geschöpfe nicht! kennst sie nur erst als Liebhaber, und da sind sie freylich so artig, so gut, so biegsam! – aber hat nun so ein Mann erst was er will! o dann – da fühlt er nur, was es ihn gekostet hat! da denkt er, was er sonst war, wie er so frey in der Welt da stand, seines Schicksals Herr und Meister, aller Mädchen Augen auf ihn, daß er wählen konnte und liebeln und vexieren nach Herzenslust! und das nun alles aufgeopfert! – deß schämt er sich, kann selbst nicht begreifen, wie er dazu kam, mögte sich vor sich selbst rechtfertigen! O Julchen, da haben wir denn unsre ganze Schönheit nöthig, daß der Mann sich wenigstens bey sich selbst mit den Reizen entschuldigen kann, die ihn verführten. Haben wir die verloren, so verdammt er sich selbst ohne Gnade, und dann Weh uns! wie wir sie verloren, das bedenkt er dann wenig; obs selbst Liebe zu ihm war, ob Kummer um seinetwillen diese Rosen vor der Zeit anfraß, ob Thränen um ihn in der Stille geweint sie von unserem Gesichte wischten, was geht ihn das an? er findet keine Entschuldigung mehr, gesteht sich eine Thorheit begangen zu haben, und läßt es uns entgelten! Siehst du, Julchen, drum gewöhne dir das Einsam seyn nur bey Zeiten ab; in Gesellschaft! in Gesellschaft! da verschwätzt und verlacht man die Beize, eh sie einfrißt! und also nur voran! komm, setzen wir uns, und machen aus dem Amoroso ein Duett!


JULIE

Nein, laß mich Franziska! ich muß – ich will –


FRANZISKA

Und du sollst nicht! halsstarriges Ding du! ich will nun auch, will mit dir plaudern! – und gieb dich nur gutwillig, ich lasse dich nun einmal nicht!


JULIE

Schwester, du bist zuweilen –


FRANZISKA

So ziemlich muthwillig meynst du? desto besser, Julchen! und sieh, ich habe doch auch zuweilen meine zärtliche Zwischenstunden, und wer weiß, wenn du mir erst den Ton angiebst – nun wähle nur, von wem solls anfangen, von Friz oder Karl?


JULIE

Ich will von Karl nichts mehr hören!


FRANZISKA

Gut, gut! in der That, er verdient auch nicht –


JULIE

Ha weniger, als du wohl glaubst!


FRANZISKA

Als ich glaube? sage das nicht! ich seh die beyden Jungens zwar als Schwester an, aber doch auch als Weib; und da müßt' ich ja blind seyn, wenn mir Frizens Verdienste nicht so hell entgegen stralten! – o Julchen, welch eine glückliche Frau wirst du mit ihm werden!


JULIE

Glücklich? o ja wohl!


FRANZISKA

Nicht wahr? das wird ein Leben werden, eine Ehe! wie ein ewiger Hochzeitstag! o, das wußt' ich zum voraus, als Karl sich zu dem dummen Einfall verleiten ließ, den Sohn des Ministers auf Reisen zu begleiten, daß ihm das dein Herz kosten müßte.


JULIE

Das wußtest du?


FRANZISKA

Natürlich, weil ich wußte, daß Friz in der Zeit zurückkommen würde, daß du ihn sehen würdest, sehen, und wie nicht lieben?


JULIE

Franziska, du bist falsch!


FRANZISKA

Gott bewahre! gar falsch?


JULIE

Denk an die erste Zeit, als Friz kam, und wie du da sprachst! da war Karl dein Liebling!


FRANZISKA

Das war deines Bruders Schuld; das ist nun gerade so ein Mann, wie ein Karl und ein Friz zusammen genommen; ich hatte nun den Friz an ihm satt geliebt, und hatt' es eben mit dem Karl an ihm zu thun; und nicht wahr, Julchen? so gut, o so allerliebst Friz auch ist, wenn du dir doch auch ihn und Karl für dich zusammenschmölzen könntest, daß denn herauskäme, ein Mann in Stunden der Freude, wie Friz, und in Stunden des Ernstes wie Karl – ?


JULIE

Ich will von Karl nichts hören.


FRANZISKA

O, es war ja auch nur so im Vorbeygehen; und freylich, da das Zusammenschmelzen nun einmal nicht angeht, – es ist doch immer besser zu glänzen, zu geniessen, als


bey ewigem Ernste vor lauter Mannsverdienst sich mit Langerweile tod martern zu lassen!


JULIE

Aber es giebt auch Langeweile –


FRANZISKA

Bey einem Mann wie Friz? das mußt du nicht glauben, wenigstens jetzt noch nicht.


JULIE

Ach Franziska, wenn ich an die Tage denke, als Karl –


FRANZISKA

Als Karl noch der heitere freye Mann war, der nicht mit der störrischen Mine auf alle Freuden des Lebens herab sah, der sich in seinen Nebenstunden seiner Jugend freute, und dann –


JULIE

Ich will von Karl nichts mehr hören.


FRANZISKA

Freylich auch! da er doch nun einmal nicht mehr so ist! und ein Friz war er auch niemals! Karl würde immer für den Staat haben mitleben wollen; Friz wird nur für dich leben, und bey der Theilung würdest du doch immer verloren haben!


JULIE

Ach, ehemals, Franziska, wenn ich Karl den ganzen Tag oft nicht gesehen hatte, und er kam dann Abends, und ich sah es an seiner Mine, daß er großes gedacht oder gethan hatte, ich ihn dann fragen durfte, und er mirs anvertraute, daß ich dann oft vor innerem Pressen die Thränen nicht mehr hielt, – wenn ich dann mit ihm hinaus gieng, sah' was ihm die Natur war, und wie unser Gefühl da einstimmte, diese Aussicht, dieser Bach, dieses Blümchen uns gemeinschaftlich anzog, und wir überall zusammentrafen, wie abgeredet; oder wenn er mir dann am Abend seinen Klopstock las – ach Franziska! –


FRANZISKA

Freylich, Julchen, ist das auch schön, einen Mann zu haben, von dem man weiß, wenn man ihn nicht um sich hat, daß er jetzt arbeitet mit Einfluß auf die Menschheit! daß am Abend, wenn er nach vollendetem Tageswerke nun für uns lebt, wir an ihm hangen mit stiller Liebe, kaum glauben können und doch in jeder seiner Umarmung so sehlig fühlen, daß wir dem großen weitumfassenden Herzen das alles sind, was –


JULIE

Ich sage dir Franziska, ich will von Karl nichts mehr hören!


FRANZISKA

Es ist aber auch wahr! und wozu auch? Friz ist ja doch immer der Mann, der dich das alles wird vergessen lehren.


JULIE

Vergessen?


FRANZISKA

Vergessen und entbehren! und noch weit mehr als das! denn sieh nur Julchen! wenns Friz nicht wäre – mir würde deinetwegen auf die Dauer heiß angst werden; ich würde fürchten, daß sich doch über kurz oder lang dir die schreckliche Wahrheit aufdringen würde –


JULIE

Wahrheit? eine schreckliche Wahrheit? was willst du damit sagen?


FRANZISKA

Je nun Wahrheit, oder Vermuthung! könntest du nicht zum Exempel auf den Gedanken verfallen, daß diese finstere Melancholie, die den armen Karl so zusehends zu Grabe führt, im Grunde dein Werk sey? daß bloß der Schmerz, dich so ganz anders wieder gefunden zu haben, als er dich verließ, zuerst seine Jugend vergiftete? daß gefolterte liebe –


JULIE

Franziska! –


FRANZISKA

Nicht wahr, so ein Gedanke könnte dir das Leben zur Marter machen? und wenn ihn diese Liebe nun vollends einmal zu einem Entschluß brächte – denke Julchen, der Mann, dem du einst Ansprüche auf dein Herz gabst –


JULIE

Schweig, Franziska, er hat mir entsagt, völlig und förmlich, mit der ganzen Verachtung seines Stolzes.


FRANZISKA

Entsagt, ja, weil er wußte, weil er sah, daß er Julie verloren hatte! aber mit Verachtung? mit Kälte? o wenn du's gesehen hättest, gehört hättest, was er in meinem Schoose ausweinte!


JULIE

hastig auf Laß mich! laß mich!


FRANZISKA

Nein, nein, und warum denn? sieh es war ja nur so ein Einfall von mir, den du an Frizens Seite wohl nicht zu fürchten hast! und vielleicht ist's gar nicht einmal so mit dem guten Karl! komm, ich wills ihm lieber gar nicht glauben! im Grunde, wer weiß, was das für Grillen sind, die ihn forttreiben?


JULIE

Forttreiben?


FRANZISKA

Ja, er hat die Bedienung ausgeschlagen; alle Aussichten, mit denen man ihm selbst entgegen kam, aufgegeben; will wieder nach Italien.


JULIE

Gott! – Franziska!


FRANZISKA

Und als ich die Ursache wissen wollte – natürlich, daß er sich schämte, zu gestehen, daß er gar keine hatte; hatte auch vielleicht keine andere so bald bey der Hand; da hieß es denn, er könne seines Bruders Glück nicht mit ansehn; wollte lieber sterben, lieber die Welt hinein; um seiner Julie willen ein Flüchtling auf Erden –


JULIE

So bin ich verloren! will ab


FRANZISKA

Nicht doch, Kind, nicht doch! nicht so leichtgläubig! Verstellung vielleicht, o du weißt nicht –


JULIE

O laß mich, Grausame!reißt sich los o, mein Gott! Karl! ab, laut schluchzend.


FRANZISKA

Nun ja, so geh, und nimm das mit! ich denke, es soll wirken, und ich will dann auch schon kommen, und nachhelfen. – Karl und Julie! – sie sind für einander geschaffen, und wenn ein Friz solche Bande trennen könnte – o Liebe, so würde mitten in deinem seligsten Genusse, mitten in deinem sichersten Besitze, Furcht und Mistrauen mir ewig jede deiner Freuden trübe und bitter machen. ab.





Vierter Aufzug.

Zimmer im Kapplerischen Gasthof.


Erster Auftritt.

Ursel räumt auf; gleich darauf Kappler hastig herein.


KAPPLER

Nun, nun! nun sags noch einmal, Ursel, sags noch einmal, daß ich ein Esel bin! bin ich? he? versteh ich mich nicht auf die Wirthschaft, nicht auf den Spekulatifhandel? he?


URSEL Nun? und was wirds denn seyn?


KAPPLER

Ne, ne, ne, ich frage nur, ob ich's nicht verstehe, siehst du? ob ich ein Esel bin?


URSEL

Nun gut denn, ja! ich sags noch einmal du bist ein Esel, verstehst es gar nicht, verstehst dich so wenig auf die Wirthschaft, als aufs Hungern und dursten; wärst schon zu Grunde, wenn du mich nicht hättest.


KAPPLER

Wär ich?


URSEL

Müßtest dein Brod an den Thüren betteln!


KAPPLER

Müßt ich?


URSEL

Nimmst auf, wies dir zugelaufen kömmt.


KAPPLER

Nehm ich?


URSEL

Machst dein Haus zum Hospital für alle Bettler.


KAPPLER

Mach' ich?


URSEL

Alte abgedankte Offiziers, nicht so viel Werth als ihre abgetragene Lumpen von Uniform, und Lumpengesindel von Weibsleuten, die sich kein Stück Brod mehr in den Hals verdienen können -


KAPPLER

So? So! Und wenn ich dir nur sage – ja warte, ich werde auch –


URSEL

O, ich mag auch nichts wissen!


KAPPLER

Sollst auch nicht, sorge nur nicht! Ich ein Esel, und gerade, da ich meinen Meisterstreich mache, mir auf einmal – ja, bald wär' ich damit herausgeplatzt!


URSEL

So schweig doch auch nur.


KAPPLER

Ein Esel? Ursel? ja, es hat sich geeselt! – nun hör Ursel! versprich mir nur, daß du's wiederrufen willst –


URSEL

Nein, nein, wiederholen will ichs noch zehnmal, noch zwanzigmal! ich will ja von dir nichts wissen.


KAPPLER

Da seh nun einmal einer an! – nun komm Ursel, sey hübsch artig, wiederruf! mein Seel, du hast Unrecht! ich will dir denn auch sagen –


URSEL

Ich will ja nun aber nicht.


KAPPLER

So hör denn aber doch nur, sollst dich wundern –


URSEL

Nein, nein.


KAPPLER

Mags denn seyn! laß mich seyn, was ich will, so hör doch nur wenigstens –


URSEL

Nein, nein!


KAPPLER

Daß eben diese kleine Madam –


URSEL

singt und schreyt, um nichts zu hören


KAPPLER

so bald Ursel aufhört Die ich die Nacht gegen deinen Willen ins Haus nahm.


URSEL

wie oben


KAPPLER

Daß sie mir die Kundschaft – von dem Herrn Baron von Feldern –


URSEL

Von dem Baron von Feldern? was sagst du?


KAPPLER

Ja siehst du? willst du nun wohl wiederrufen ? he?


URSEL

O, das arme Weib und den Baron von Feldern – siehst du, die kann nur so ein Esel wie du zusammen träumen.


KAPPLER

Meynst du, meynst du, Friz herein o gehorsamster Unterthänigster! – nun so sieh dich nur um, Frau! nun bin ich –


Zweyter Auftritt.

Friz, Vorige.


URSEL

Ey Wunder über alles! Herr Baron! kommen Sie aus dem Himmel geregnet, oder –


FRIZ

Guten Abend, Frau Kappler, wie stehts? nicht wahr, es ist lange –


URSEL

Ey, Herr Gott! daß man Sie nicht mehr kennen sollte! pfui, pfui, Herr Baron, ist das artig, Leute, die einen so lieb haben –


FRIZ

Wie ich nun so bin, liebe Frau Kappler! Liebe zur Abwechselung, heut hier, Morgen da! weiter wars nicht! sonst weiß sie ja wohl –


URSEL

Ach ja, ich sollt's doch auch denken! wüßte doch auch nicht, wie wirs könnten versehen haben.


FRIZ

Gewiß nicht! aber nun Kappler, wie ist's? nähere Nachricht, von dem lieben Weibchen, das er im Hause hat?


KAPPLER

Nun Frau, siehst du nun? hörst's? bin ich nun –


URSEL

So halt doch nur dein Maul, Schöps! Nein Herr Baron, sie läßt sich nicht ausholen, aber darauf wollt' ich schwören, sie muß von einer gewissen Extraktion seyn – noch überall der Stolz aus den Lumpen hervor!


KAPPLER

Befehlen Euer Gnaden, daß ich Euer Gnaden zu ihr hinführe?


FRIZ

Nein, Kappler, das nicht! ich habe Vermuthungen, – gewisse mögliche Verbindungen – um derentwillen – ich muß erst meiner Sache gewiß seyn, ehe ich sie sehe! da, Kappler, trag er den Ring zu ihr hinauf, nenn er ihr nur meinen Namen, und geb er genau Acht, welche Wirkung es thut.


KAPPLER

Gut, gut, das will ich den Augenblick weg haben. ab.


FRIZ

ruft ihn zurück Und ob sie den Ring kennt!


KAPPLER

Gut, gut! das will ich ihr den Augenblick an den Augen ansehn! – wieder ab.


FRIZ

Kappler! – und wenn sie ihn kennt, versteht er mich, so bin ich nicht hier! – um alles in der Welt laß er sie nicht zu mir! – ich bin da gewesen, habe gewiß versprochen, wieder zu kommen, noch vor dem Ball! – will – kurz, daß sie nur nicht herkommt!


KAPPLER

Schon gut, schon gut, ich will sie schon zurück halten! lassen Sie mich nur – ab.


Dritter Auftritt.

Friz, Ursel.


URSEL

Ey, ey, ey, Herr Baron!


FRIZ

Was ist, Frau Kappler? was meynt sie?


URSEL

Hm!


FRIZ

Nein, glaube sie ja nicht; – kein solch Geschichtgen –


URSEL

I nu, ich sage ja nichts!


FRIZ

Aber auch denken soll sie nichts! und wenn sichs nun träfe, daß es so wäre – wie ich fürchte – meyne, wollt ich sagen, – Frau Kappler, daß sie sich ja nichts merken läßt! ihr ja gut begegnet, und mit aller Achtung!


URSEL

Herr Baron, Herr Baron! und doch soll ich nichts denken?


FRIZ

Ich sag ihr ja, gewisse Verbindungen, freundschaftliche Verbindungen – nur ja keine Neugier!


URSEL

Behüte Gott, Herr Baron! Neugier? brauchen Sie mir das zu sagen? kennen Sie mich dann nicht mehr? – zwar kein Wunder wärs! –


FRIZ

für sich Ich weiß nicht – o sie ist es gewiß! diese Angst, diese – diese – unnenbar! und wenn sie nun käme! Gott!


URSEL

Sie sind sehr pensif geworden die Zeit, Herr Baron!


FRIZ

für sich Ich halte hier nicht aus! ich muß nur –


URSEL

Wie meynen Sie, Herr Baron!


FRIZ

Sie hat es hier sehr heiß, in der Stube, Frau Kappler!


URSEL

Behüte Gott! nur eben nicht zum verfrieren!


FRIZ

Sehr heiß! es wird mir hier – ich weiß nicht, ich halt's nicht aus! kommen Sie, wollen wir nicht in den Garten?


URSEL

Ey Herr Baron, der liegt ja voll Schnee –


FRIZ

Es ist wahr – nun so muß ich nur gehn! –


URSEL

Herr Baron!


FRIZ

Ja, ja; ich habe auch ohnehin noch zu besorgen – Hier Frau Kappler, wenn ihr Mann zurückkommt, und sie hat meinen Namen – den Ring – wenn sie mich – kurz, wenn sie's ist –


URSEL

Ja, aber wer denn, wer denn?


FRIZ

Das Fräulein von – ach – mit einem Wort, wenn sie sagt, daß sie mich sprechen muß, so gebe sie ihr das Billet hier, und hier dies Schächtelchen! hört sie? – sag sie ihr – mein Kerl soll warten – daß ich Antwort erwarte, schriftlich, versteht sie mich, Frau Kappler? schriftlich, nur mit einer Zeile! mein Kerl soll hier warten; mache sies gut, es soll ihr Schaden nicht seyn! schriftlich, hört sie? schriftlich! Adieu, Adieu! ab.


URSEL

Daß dich alle! – so heiß mein theuerster Herr Baron? so gar heiß! gut, gut, es soll dir noch schon mehr eingeheitzt werden! – gerade so, wie ich dich lange einmal gern gepackt hätte! aber mit dem Weibsbild – nein, weiß Gott! das hätt' ich mir nicht träumen lassen! du alter Kappler du! das verdient dir ein Mäulchen auf deinen alten Tag, wie das Beste am Brauttage!


Vierter Auftritt.

Kappler, Ursel.


KAPPLER

Herr Baron, Herr Baron!


URSEL

Nur herein, Alter, er ist schon fort!


KAPPLER

Das war ihm gerathen, wenn er sie nicht sehn will! die ist nicht zu halten, nicht mit Teufels Gewalt! Mantel umgeworfen, und so hinter mir drein gestürzt! da ist Sie!


Fünfter Auftritt.

Luise, Kappler, Ursel.


LUISE

Wo ist er, o wo ist er?


URSEL

Er ist fort gnädiges Fräulein, hatte die Zeit nicht länger!


LUISE

Fort? schlägt die Hände zusammen, bleibt so unbeweglich stehen eine Pause


KAPPLER

für sich Gnädiges Fräulein? ho ho! die alte Hexe hat ihn ans Beichten gekriegt! Ursel, pst, Ursel!


URSEL

winkt ihm, stille zu seyn.


LUISE

Gütiger Gott! auch nicht einen Augenblick!


URSEL

Der Herr Baron wollen aber wiederkommen!


LUISE

Ach!


URSEL

Gewiß auf den Abend! noch vor dem Ball!


LUISE

Er wird nicht! er wird nicht!


URSEL

Gewiß, gewiß! der Herr Baron sind ein Mann von Wort!


LUISE

Ist er, gute Frau? ist er?


URSEL

Gewiß!


LUISE

Gewiß?


KAPPLER

Je nun sehen Sie, meine Frau kennt den Herrn Baron, o schon von Alters her, auswendig und inwendig!


URSEL

Was du da herschnatterst! sehen Sie gnädiges Fräulein, er ist als ein Freund vom Hause – vormals war er alle Tage –


LUISE

Ach das verlang ich nicht zu wissen! o Feldern, Feldern, so nahe! – und du wußtest es! und fliest mich! mich, mich!


URSEL

Sehen Sie, da hat er einen Brief an Sie hinterlassen!


LUISE

Einen Brief? her, her! liest


URSEL

Ja und noch dieses Schächtelchen.


KAPPLER

Ursel, pst, Ursel!


URSEL

Nu?


KAPPLER

Wer ist sie denn? hat ers gesagt?


URSEL

Hat ers gesagt? Er hatt' es auf der Zunge, da schluckt' ers wieder ein; und da fort! aber ein gnädiges Fräulein ist Sie, das hat er schon herausgeplazt.


KAPPLER

Nu, sagt ichs nicht? aber nun, Ursel, ich bitte dich, Ursel, nun sag noch einmal, bin ich nun –


LUISE

Gerechter Gott! fällt hin auf den Stuhl.


URSEL

O weh, was ist das? in Ohnmacht! Gnädiges Fräulein! sind Sie in Ohnmacht gefallen? – he, sind Sie? – geschwind du! was stehst du da, alter Esel, mein Fläschen her, von meiner Toilette!


LUISE

sich aufrichtend Nein Feldern, nein! das nicht! das kann ich nicht! sterben, oder das nicht.


KAPPLER

Aber da hör' einer! noch immer –


URSEL

Nun so bleib nur, es war mir so ein Anwandeln. Gnädiges Fräulein, befehlen Sie –


LUISE

Nichts, nichts! nur daß ihr mich einen Augenblick allein lasset! nur einen Augenblick!


URSEL

Ja, aber der Herr Baron hat seinen Kammerdiener hier gelassen, um Antwort!


LUISE

Gut, gut, er soll sie haben! nur einen Augenblick!


KAPPLER

So komm doch auch! zieht Ursel zurück, sie bleiben im Hintergrunde stehn.


LUISE

Großer Gott! ist's denn wahr? ists seine Hand? Feldern, Feldern, du das geschrieben? sie ists, o, sie ists – Hand, die du mir oft alle Seligkeit der Welt in seiner Liebe ankündigtest, diesem gepreßten Herzen neuen Muth zu leben gabst, wenn es schon erlag! –


URSEL

zu Kappler, der das Schächtelchen in der Hand hat Je nu, was wird's seyn? Mach's auf! ein Presentchen, denk ich; so ists ja doch am Ende wohl unser!


KAPPLER

Nun, auf deine Gefahr!


LUISE

die in dem Briefe wieder gelesen Was ich schon für dich that! Grausamer, und daran darfst du mich erinnern? und dann noch mehr fodern! o ja, fodre, fodre! Noch so ein Jahr in allen Qualen der Hölle; fodre! und es soll mir Freude seyn zu leiden für dich! nur seys für dich! – aber entsagen! entsagen!


KAPPLER

Juwelen? – Ich wollte doch lieber, es wär ein Beutel voll Dukaten!


URSEL

Nun, der soll auch schon noch kommen, laß mich nur sorgen! ich will schon zapfen!


LUISE

Wählen! – wählen deine ewige Liebe, oder deine Hand, und dann ewigen Haß! – Ha! Feldern, Feldern! Haß!


KAPPLER

Aber wie wir ihn nur wieder her bringen!


URSEL

Das nehm ich all auf mich!


LUISE

aufspringend Wohl, es sey, ja – ich entsage! – ich entsage! – alles, alles was du willst; und soll ich auch sterben? – sterben was wäre das! aber entsagen! leben ohne dich! ewig ewig ohne dich! umher irren in fremder Ferne! in Dürftigkeit und Schande! – o ja, ich will! – was du fodern kannst, Feldern, o ja, das alles! in Dürftigkeit und Schande! mit dem Brandmark deiner Liebe, mit deinem Kinde. – wieder hinfallend Gott mein Kind, mein Kind! – zu Ursel Gute Frau! nur näher! wo ist mein Kind? bringt mir mein Kind her! – O Feldern, und du sahst es nicht! verstößt es, – von dir, ewig von dir! das Kind so inniger, heisser hingegebener Liebe – Nein, Frau, nein, laßt es! laßt es! ich wills nicht sehen! darf nicht, darf nicht! bis es entschieden ist! – schreibt – »Entsagen! ja auch das; auch sterben, Feldern! alles was du fodern kannst! – ganz dein Geschöpf! wie du willst! ich entsage!« – – ich kann nicht mehr! – o daß ich weinen könnte! da! nur fort, ohne Anstand! wer weiß – Kappler ab mit dem Billet. mit zusammengeschlagenen Händen Nun, nun! –


URSEL

nach einer kleinen Pause Und hier, gnädiges Fräulein, sehen Sie, sehen Sie! o, das ist Arzeney für ein krankes Herz!


LUISE

Gott, was ist das? – aus dem Schmucke meiner Mutter? – ja, ja! und der Ring – ja hier, ihr verschlungener Name! Fiels mir doch gleich auf, als wär es! aber da war er da, da sollt ich ihn sehn! – ach Gott! was ist das? also tod, mein Vater? tod? – o, in deinem Leben hättest du ihn nicht von dir gegeben, du spartest ihn auf, und liessest dann lieber Hunger und Mühe über dich kommen! spartest ihn deiner Undankbaren auf, und sie ward dein Tod! – Gut, gut! das ist Stärkung! also hab ich nun nichts mehr! allein, losgerissen, ganz losgerissen! Muttermörderin, Vatermörderin, entehrt, verworfen – eine Ausgestossene zur Verspottung oder Erbarmung, die nicht leben kann und nicht sterben! – da gute Frau, verkauft, so hoch sie kann! aber nur bald! in einer Stunde – o in dem Augenblick wenn sie kann! da, da! ich muß fort!


URSEL

Aber mein Gott, denken Sie, das verkauft sich so nicht ohne Schaden!


LUISE

Schaden, was will das sagen? für mich ist kein Schaden mehr! Nur daß ich von hier kann! mache sie nur, ich packe zusammen, das Kind im Schooß, und dann – wohin? – zu deinem Grabe du, – Ihr die ich tödtete! da auszuweinen auf der kalten Erde! – oder wenn ich dann noch verdammt bin, zu leben, – alles gleich viel, wohin! wer nirgend mehr zu Hause ist, ist überall zu Hause! ab.


URSEL

Je nun, wenns so gemeynt ist! kein Schaden mehr! so will ich schon helfen.


Sechster Auftritt.

v. Wegfort, Kappler, Ursel.


VON WEGFORT

Hat er guten Champagner?


KAPPLER

Unterthänigster Knecht!


URSEL

Champagner?


VON WEGFORT

Ja, ja Champagner! was guckt sie denn? Sie glaubt doch wohl nicht, daß es der erste wäre –


URSEL

O Ihre Dienerin! aber Champagner –


VON WEGFORT

Nun ja, oder hat er keinen?


URSEL

Ich will nur sagen, daß – der Champagner sehr theuer ist.


VON WEGFORT

Was bekümmert sie das? das ist meine Sache; hohl er mir her und wenn er gut ist, nur gleich ein Duzend Bouteillen.


KAPPLER

Nun Frau, siehst du nun?


URSEL

So geh denn nur!

Kappler ab.


VON WEGFORT

Aber sag sie mir Frau, was war denn das für ein Lärmen die Nacht?


URSEL

Der Lärmen so um Mitternacht? Ja denken Sie nur einmal –


VON WEGFORT

Oder nein, was gehts auch mich an? ich mags nicht wissen.


URSEL

Nein, denken Sie nur einmal, wie sich das in der Welt so zusammen fügen kann! da kommt die Nacht ein junges Weibsbild zu Fuß – ohne Bagage, mit einem Kinde hinter sich her und will ein -


VON WEGFORT

Vermuthlich so ein Weibsbildchen von der leichten Kavallerie?


URSEL

So denk' ich, und da ist mein Mann


denn nun so ein guter Schlucker, und nimmt alles auf, wie's kömmt.


KAPPLER

zurück mit Champagner Was Frau? von neuem he? und noch? noch? sprichst wohl noch gar, ich sey ein Esel! sprichst du? he?


URSEL

So schweig doch nur!


VON WEGFORT

Ja schweigt ihr nur beyde! was schierts mich? da ist ja der Champagner! schenk er einmal ein!


KAPPLER

Extra gut, wie Sie ihn in zehn Meilen Weges umher nicht finden müssen.


VON WEGFORT

trinkt Herrlich! je, wenn einem so was lange nicht über die Zunge gekommen ist! das glitscht herunter.


KAPPLER

Gelt? das muß ich wissen, was ich führe!


VON WEGFORT

Vortreflich! aber auch was er aufnimmt Herr Wirth, auch was er aufnimmt, muß er wissen! das kann ja nun ein liederliches verlaufenes Ding seyn, daß sich alle ehrliche Leute hernach schämen müßten, bey ihm einzukehren!


URSEL

Nicht wahr? das sag ich auch!


KAPPLER

Hör Ursel, und du sollst mirs nun nicht mehr sagen, oder –


VON WEGFORT

Friede! Friede! – wie viel Vorrath hat er von dem Wein?


URSEL

Wie viel?


VON WEGFORT

Ja, ja, wie viel!


URSEL

O Sie haben nur zu befehlen, ich glaube doch nicht – daß Sie den ganzen Vorrath –


VON WEGFORT

Gut, so laß er mir einmal ein Hundert Stück Bouteillen einpacken, fürs erste!


KAPPLER

Ein Hundert Stück Bouteillen?


VON WEGFORT

Ja, ja!


URSEL

100 Stück – das macht –


VON WEGFORT

Nun das macht 200 Gulden, oder an baarem Gelde – giebt das Geld dafür da seht ihr?


URSEL

für sich Daß dich alle Hagel über dem Bettler! wie man sich an den Leuten versehen kann!


KAPPLER

O, das sah ich gleich! siehst du? Wer ist nun der Esel von uns? he, wer verstehts nicht?


VON WEGFORT

Und dann mach er mir die Rechnung; ich will noch auf den Abend wieder fort.


KAPPLER

Ey ey, schon auf den Abend! ich dächte, so ein reicher Herr, jetzt – in der angenehmsten Jahreszeit für die Stadt –


VON WEGFORT

Mach er die Rechnung.


URSEL

Aber, da Sie doch so ein reicher Herr sind, sehen Sie da hätte ich so was für die gnädige Frau, oder für das gnädige Fräulein Tochter –


VON WEGFORT

Eine gute Hundepeitsche?


URSEL

Behüte Gott, wie Sie da reden, Gnädiger Herr! – einen Schmuck.


VON WEGFORT

O, sonst nichts! nein, nein!


URSEL

Aber sehen Sie doch nur! das Sehen haben Sie ja umsonst – wie das strahlt und blitzt!


VON WEGFORT

Was?


URSEL

Nicht wahr?


VON WEGFORT

Frau? – Frau?


URSEL

Nun? – nicht wahr, wie so was in meine Hände kömmt?


VON WEGFORT

So was? wie das, das, gerade das in ihre Hände kömmt! geschwind, wo hat sie ihn her?


URSEL

Gnädiger Herr!


VON WEGFORT

Nun, will sie's sagen? oder – ungestolen hat sie ihn einmal nicht.


URSEL

Ungestolen? gestolen? was? ich gestolen? Herr Sie mögen so reich seyn –


VON WEGFORT

Sag ich denn, daß sie ihn gestolen hat? aber gestolen ist er.


URSEL

Und gewiß auch nicht von der Person, von der ich ihn habe.


VON WEGFORT

So hat die ihn vom Dieb! aber wo hat sie ihn denn her? geschwind!


URSEL

Von eben dem Frauenzimmer –


VON WEGFORT

Die hier die Nacht eingekehrt ist?


URSEL

Von eben der, und die hat ihn von ihrem Liebhaber, so viel ich davon verstehe.


VON WEGFORT

In den Händen einer Hure, du, du, und hast an dem Halse meines Weibes gehangen, des keuschesten Weibes auf Erdboden! Nein, bey Gott nein, so tief nicht! – nun kein Champagner mehr, Herr Wirth! ich muß dies haben; wie hoch, Frau?


URSEL

Wie hoch? je nun, was meynst du, Kappler?


KAPPLER

Wie hoch? je nun – was meynen Sie, gnädiger Herr?


VON WEGFORT

O, so macht lange Umstände! – fragt das Mensch selbst, wenn ihrs nicht versteht.


URSEL

Es ist auch wahr, geh Kappler frag!

Kappler ab.


VON WEGFORT

Unbegreiflich! sollte die Präsidentin – nein, es muß ihr gestolen seyn! nein, wenn du denn doch einmal für Hurenleder bestimmt bist, so bleibt doch meine Tochter wohl immer die Nächste – ja wenn ich sie nur hätte!


KAPPLER

zurück Ja die weiß eben so wenig Rath! Sie möchten mir geben, was Ihnen recht und christlich dünkte! ihren Eltern hätt' es ehemals gewiß wohl ein Paar hundert Dukaten gekostet.


VON WEGFORT

Wem, sagt er? wem? ihren –


KAPPLER

Ja die spricht, ihren Eltern!


VON WEGFORT So sey ihr Gott gnädig! stürzt hinein: zurück aber ist sie's denn? ist sie's gewiß? alter Kuppler? hast du sie? he?


KAPPLER

Wer, wer? – um Gottes willen?


VON WEGFORT

Wer, frägst du noch, wer? meine Tochter, meine Luise?


URSEL,

KAPPLER

Ihre Tochter? – behüte Gott im Himmel!


VON WEGFORT

Mich und Sie! gut gesprochen! Gott behüte uns! – nicht so mit dem Tollkopf, Alter! – hohl er sie mir her, Wirth! – O Luise, Luise! so sollte das kommen? – nun wirds denn?


KAPPLER

Gnädiger Herr!


VON WEGFORT

Herhohlen, sag ich ihm! will er wohl?


URSEL

So geh denn doch auch!


VON WEGFORT

So sollte das kommen?


URSEL

Gnädiger Herr, sollt' es möglich seyn?


VON WEGFORT

Nicht wahr, das kann sie auch nicht begreifen? So ein Mädchen! so gut, und so geliebt! So eines Weibes Kind! aber ihr Weiber, ihr Weiber!


Siebenter Auftritt.

Luise, Kappler, v.Wegfort, Ursel.


VON WEGFORT

so bald er Luise sieht Sie ists! er bleibt stehn mit aufgehobenen Händen, den Körper vorwärts, als wenn er nicht hinkann: dann heult er laut aus.


LUISE

Gott mein Vater! sie will zurück


VON WEGFORT

zu ihr hin Luischen! Luischen! So lauf doch nur nicht wieder! o du liebes Kind! bist dus denn? hab ich dich denn'nmal wieder?


LUISE

O mein Vater!


VON WEGFORT

Bin ich noch dein Vater? o ja wohl, bin ichs? hab ich nicht um dich geweint und gelitten! sieh wie ich dir weggestorben bin, um deinetwillen! aber hast du mich denn auch noch lieb, du? sprich, hast du noch?


LUISE

O nicht diese Güte, mein Vater! nicht diese Güte!


VON WEGFORT

Nein komm, komm! ich muß dich erst herzen und küssen! mich satt küssen für all die Zeit mit! dann hernach du, du Hure du! soll dir die Güte nicht im Wege seyn: will dich noch karbatschen, wenn dir das besser thut!


LUISE

Mein Vater!


VON WEGFORT

So sey nur nicht bange! kein Haar will ich dir nicht kränken! du liebes Kind du! sollst wieder sitzen auf meinem Schoos! komm her! komm! setzt sich, nimmt sie auf den Schooß, drückt sie mit aller Gewalt an sich, und küßt sie Luischen! armes – liebes – Herzenskind du! – wie du noch so süß bist! liebes Luischen!


LUISE

Ach Gott!


VON WEGFORT

Ja, und wie konntest du das deinem alten Vater! da schau einmal auf, wie ich dir ausseh? du Rackers Mädel du? – hast auch wohl an mich gedacht? was dachtest du denn, he?


LUISE

O mein Vater, wenn ich nicht des Todes seyn soll in Ihren Armen –


VON WEGFORT

Nun, wie willst es denn haben! läßt sie los willst mir einmal zu Fuße fallen? – nun, thu das, magst wohl! hast wohl darnach gemacht!


LUISE

O mein Vater! zu Ihren Füssen – hier lieg ich! fühlen Sie das, was ich um Sie verdient habe! fühlen Sie es alles, was Sie gelitten haben, und dann! – dann! – zu Ihren Füssen! – ich bin eine arme Verworfene.


VON WEGFORT

Nein, nein, von mir nicht verworfen, und von Gott auch nicht! von Gott auch nicht! das will ich mit dir von ihm erflehen, auf meinen Knien, Tag und Nacht; mein Lebelang! oder er soll dich wieder aufnehmen, wie ich dich wieder aufnehme. hebt sie auf die Augen aufwärts zum Himmel wie im Gebet: eine Pause und so nach Mädel, sey doch nur wieder gutes Muths! sieh, hier giebts Champagner! komm schenk mir mal wieder ein, – so, und nun trink auch einmal!


URSEL

So gnädiges Fräulein! das ist Herzensbalsam! und soll ich nun nicht auch das liebe kleine Würmchen herholen?


VON WEGFORT

Was für ein Würmchen?


LUISE

Ach mein Vater, ich bin –


VON WEGFORT

Was bist du? bist'ne vollständige Hure? hast ein Kind, du? nun, so thu doch nur nicht so! was solls denn mehr? wenns doch nun einmal da ist! laß das alles! wir wollen noch unsre liebe Freude dran haben; ich werde immer dabey denken, wie du noch so ein Ding warst! so sey doch nur'mal wieder froh! Gott, mich dünkt, in diesem Augenblick – ich wollte – ich könnte –


LUISE

O mein Vater!


VON WEGFORT

Aber von wem hast's denn? nun? magst's wohl sagen! sollst ihn haben, wenns auch der geringste Bauerkerl im Dorf ist! und ich will ihn dir lieben, wie meinen Sohn! – nun so sprich!


LUISE

Ach Gott!


VON WEGFORT

Brauchst dich nicht zu schämen! ich sage dir, wenns auch der ärgste Lump im Dorf ist! Großhanns oder Kleinhanns, mir all einerley, wenn du ihn magst! ich will selbst hin, will ihm um den Hals fallen, und dir ihn herholen, ja, siehst du?


LUISE

O mein Vater! nie – nie –


VON WEGFORT

Was denn, he? was, nie?


LUISE

Er kann nie, wird nie – will nicht –


VON WEGFORT

Will nicht? was nicht? will er dich nun nicht? das wollen wir sehen! ho ho, das wollen wir schon sehen! warum will er dich denn nicht? he? nu, wer ists?


LUISE

O mein Vater!


VON WEGFORT

All gut, ja, aber wer ists? nun? mach nur nicht lange Umstände! du wirst's ja doch wissen, wers ist? – nun, und ich wills auch wissen! hörst? geschwind, geschwind!


LUISE

Ich kann nicht! ich kann nicht!


VON WEGFORT

Gotteswetter! aber Mädel, daß ist doch auch des Henkers! ich rath' ich rathe dir! – sieh, ich wills nun einmal wissen! gleich den Augenblick!


LUISE

Er kann nie der Meine werden; ich hab ihm entsagt!


VON WEGFORT

Was hast du? ihm entsagt? – was heißt das? – entsage du dem Teufel, verstehstu mich? – ich will euch entsagen! warte, warte! – nun wirds bald? heraus mit, wer ists?


LUISE

Lieber sterben, mein Vater, lieber sterben!


VON WEGFORT

So geh du Pudel, du! stößt sie von sich und krepier in der Schindgrube!


LUISE

O mein Gott!


VON WEGFORT

Er sey dir gnädig, wenn er will! aber geh, packe dich, und komm mir nie wieder unter Augen! du Regiments – Luischen, Luischen! komm sey gut! willst mirs nicht sagen? – so sey von mir verflucht, wo du gehst und stehst, in alle Ewigkeit! stößt sie zur Thür hinaus.


Achter Auftritt.

v. Wegfort, Kappler, Ursel.


KAPPLER

Was meynst du, Frau? sag ichs ihm? – wenn er so recht liberal wäre –


URSEL

Gnädiger Herr!


VON WEGFORT

Halt sie's Maul, Weib!


URSEL

Nun, nun! – aber ich kann Ihnen das nicht übel nehmen! was Sie für ein Vater sind! ja, so hätte ich meinem Vater einmal kommen sollen! er würde mich auf den Schooß genommen haben, würde mir Champagner –


VON WEGFORT

O sie wars auch wohl nicht werth!


URSEL

Gnädiger Herr! ich weiß nicht – wie fallen sie mir vor! ists denn meine Schuld?


VON WEGFORT

Hohl er mir die Wache, ich will's Mädel ins Zuchthaus setzen lassen.


KAPPLER

Aber gnädiger Herr!


VON WEGFORT

Will er nicht? –


URSEL

Aber bedenken Sie, so eine Beschimpfung; dann wärs ja auf einmal aus!


KAPPLER

Ja wohl, und ich denke noch immer – der Herr Baron ist sonst so ein guter, so ein leutseliger Herr –


VON WEGFORT

Der Herr Baron? was für ein Herr Baron? was sollen die Barons hier?


KAPPLER

Je nun, ich meyne den Herrn Baron – sehen Sie gnädiger Herr, wenn Sie mich nicht verrathen wollen –


URSEL

Nun Kappler, sey kein Narr nicht! was brauchst du dich denn drein meliren? was kömmt denn dabey heraus am Ende, als Verdruß –


VON WEGFORT

Weiß er denn etwa? – he Freund, kennt er den Hund?


KAPPLER

zu Ursel Ey ich denke, der gnädige Herr sind so reich, und so liberal –


VON WEGFORT

O wenn er ihn kennt! heraus damit, heraus! – wenns ihm feil ist, so fodere er nur!


KAPPLER

Ja, wie Euer Gnaden leicht denken können, ich riskiere doch immer –


VON WEGFORT

Nichts, nichts, er soll nichts riskieren, keinen Schaden leiden! sieht er da sind Dukaten, wie viel will er? nur heraus!


KAPPLER

O Euer Gnaden!


VON WEGFORT

Aber nun ohne Umstände! – da ist ein Duzend, da, ists genug so?


KAPPLER

O Euer Gnaden!


VON WEGFORT

Aber nun geschwind auch!


KAPPLER

Euer Gnaden wissen, das Geschenk! – das Stück vom Schmuck –


VON WEGFORT

Recht! sie sprach ja, Frau, das Mädel hätt's von ihrem Liebhaber? Wer ists denn?


KAPPLER

O Ihre Fräulein Tochter hätte nicht besser wählen können, im ganzen Reiche nicht! schön, galant, reich –


VON WEGFORT

Aber zum Henker, Kerl, wer ists –


KAPPLER

Es ist – es ist – aber wenn Sie mich verrathen –


VON WEGFORT

Schurke, will er mich rasend machen?


KAPPLER

Es ist – es ist – der Herr Baron von Feldern!


VON WEGFORT

Von Feldern!


KAPPLER

Ja, noch so eben war er selbst da!


VON WEGFORT

Feldern! – für sich aber Friz heirathet ja die Wiesenthal! – also – Alle Teufel! Karl, Karl! du – du! – he Krokodill du! – warte, warte! – ergreift Stock, Hut, und Degen, und läuft ab.


Neunter Auftritt.

Kappler, Ursel.


KAPPLER

Gnädiger Herr! gnädiger Herr!


URSEL

Ja, nun lauf nach, und schrey! siehst du nun, was du gemacht hast! –


KAPPLER

O ich armer Mann! ich Geschlagener!


URSEL

Da hast es nun! – hast's doch weit gebracht! zwölf Dukaten! – o du wirst noch ein reicher Spizbube werden! – aber ich will's nicht mit dir theilen, das versichere ich dir!


KAPPLER

O ich bin verloren!


URSEL

Wenn er ihn nur findet, ihn anfaßt in seiner Wuth!


KAPPLER

O, so schweig doch nur! ich ruinirter Mann!


URSEL

Nein, du bist kein Esel nicht! nein, du nicht! es hat sich geeselt! – du verstehst dich auf den Spekulatifhandel! – ha ha ha! – o du Esel aller Esel! ab.


KAPPLER

Ja schrey nur! warte! – aber 's ist wahr! ich bins! was hilfts? es ist wahr!


Zehnter Auftritt.

Friz, Kappler.


KAPPLER

Ach Herr Gott! da ist er schon selbst! fällt vor ihm auf die Knie O Herr Baron! Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!


FRIZ

Was ist denn, was ist?


KAPPLER

O, ich habe, – ich habe Sie – Sie verrathen!


FRIZ

Mich verrathen? wie so, an wen?


KAPPLER

O an Ihren Vater, an den Herrn Hauptmann! ich bin des Todes! – ich bin erschrocken!


FRIZ

Gut, gut! da hat er für seinen Schrecken. giebt ihm Geld Zeige er mir nur geschwind das Zimmer des Fräuleins.


KAPPLER

Was? – Was ist das?


FRIZ

Geschwind, geschwind!


KAPPLER

Also war ich ja doch wohl kein Esel? Nun diesmal hätt' ich doch fast selbst darauf gewettet.

mit Friz ab.





Fünfter Aufzug.

Szene des Zimmers des ersten Aufzugs.


Erster Auftritt.


JULIE

Umsonst! ohne Ruh und Rast – man sagt, daß den Mörder der Geist des Erschlagenen verfolge! – wo ich bin und wo ich hintrete, da schwebst du vor mir, heilige Klaggestalt des Edlen, den ich hingab in meinem Leichtsinn, hin der langsamen Todesfolter verrathener Liebe! - wo ich hintrete, Szenen, die mich anklagen! hier saß er, und ich sah den Gram auf seiner Stirn, und wandte den Blick in kalter Achtlosigkeit, und fand Zerstreuung in dem sinnlosen Geflüster der Gesellschaft, ach und der Gram war Liebe, Liebe für die Verirrte, von der sich sein Herz nicht trennen konnte! – ein andermal wollte er seine Verlorne zurückrufen, wollte ihr mächtig ans Herz reden, da trat der Flatterer herein, und ich flog an seinen Arm, und duldete seinen Aberwitz über den Edlen, der mir vielleicht da aus blutender Seele eine Thräne nachweinte – Hier hier am Klaviere – ach Gott, wie oft – sie setzt sich ans Klavier; indem sie auf die vorliegende Musik blickt ha willkommen! – wer schlug mir das auf? – Ach Elmire, eine Unglückliche wie du! sie spielt und singt aus Erwin und Elmire

Sieh mich, Heil'ger, wie ich bin,

Eine arme Sünderin etc.


Zweyter Auftritt.

Franziska, ein Bedienter, Karl, Julie.

Unter dem Lied tritt Franziska herein; so bald sie Julie sieht, sagt sie einem Bedienten, der mit ihr an der Thür erscheint, etwas ins Ohr; der Bediente wieder ab: gleich darauf kömmt Karl; Franziska führt ihn in der Stille hinter Juliens Stuhl


FRANZISKA

Bravo, Julie, Bravo!


JULIE

Ach Franziska! sie bleibt sitzen, faßt Franziska's Hand, Karl hält sich hinter Juliens Stuhl Ist er fort?


FRANZISKA

Wer?


JULIE

Ach wer? Karl!


FRANZISKA

Ich glaube, ich hör' und sehe nichts mehr von ihm!


JULIE

Also ohne Abschied! – ich habs verdient! – aber doch Franziska, – ohne Abschied! – das thut wehe!


FRANZISKA

Wie so? Liebe?

Mich dünkt doch, es war so besser! er hat dir und sich doch immer eine Verlegenheit erspart –


JULIE

Verlegenheit? Nur Beschämung – und doch wünscht' ich – mich dünkt, wenn ich sie überstanden hätte, mir würde besser seyn: das Geständniß würde diese Last von meinem Herzen abwälzen, die es zerdrückte. Meine Schaam, meine Beklemmung – o ich würde da stehen vor meinem Richter, als wenn ich vergehen sollte in mir selbst, und diese Marter würde ein Theil meiner Buße seyn, für meine große Schuld! – aber doch – vielleicht hast du doch recht, Liebe! – So besser! wenn ich nun erst im Kloster bin, und alles zu spät ist – da wird mein Bekenntniß, meine Reue wenigstens uneigennütziger scheinen!


FRANZISKA

Ich verstehe dich nicht mehr, Julie! – fast glaub ich gar, du fängst hinterher an, Elmire zu spielen! sangst du doch auch das Lied da, als wenn dein ganzes Herz auf deinen Lippen war.


JULIE

Das wars Franziska! das wars! o, und von nun an soll keine andere Melodie über diese Lippen kommen, so wie in mein Herz keine andere Empfindung!


FRANZISKA

die Karl immer zurückhält, wenn er losbrechen will Aber Julie –


JULIE

Wozu die Verstellung? Ach Franziska, wenn er da wäre, – o, nur einen Augenblick, ach, und ich könnte so vor ihm hintreten, wie die Pilgerin der Liebe! ihm bekennen meine tiefe Schuld, und Er – ach Franziska, wenn ich so fühle, was er war; seine Seele so voll großer Liebe und Duldung für das schwache Geschöpf mir denke, dann steigt es auf in mir, wie eine hellaufdämmernde Möglichkeit in schwarzer Nacht! – Er könnte – könnte vielleicht der armen Verirrten noch verzeihen! trüge Erbarmung für sie in seiner Brust, und er – er mir vielleicht noch - ach Franziska!


KARL

zu Franziska Nein laß mich, laß mich! – Julie! – Julie! zu ihren Füssen


JULIE

Gott!


KARL

faßt ihre Hand, läßt sein Gesicht auf ihren Schooß fallen Julie!


JULIE

hebt sich auf, will vor ihm hinsinken Karl!


KARL

hält sie, umfaßt ihren Leib, drückt sie an sich Engel! – Einzige – Beste!


JULIE

ihr Gesicht an seinem Hals verbergend Ach Karl! Karl! – nein, nein!


FRANZISKA

Welch eine Szene! Gott, mit meinem frohesten Dank –


KARL

Julie! das kein Traum, so weit, weit über meiner Träume kühnsten! du mein Engel – Verlohrner! wieder mein?


JULIE

O Karl, wenn ich nicht in deinen Armen sterben soll! – o ich bin nicht werth, kann nicht hinauf blicken zu dir – o mein Gott! ich erliege!


KARL

Meine Julie! mein! mein!


JULIE

Kannst du – Karl, Karl, wie kannst du das? sie wieder aufnehmen in deine Liebe, das Mädchen, das dich Preiß gab? ihr vergessen das alles! Karl –


KARL

Ach Julie, nicht du! meine Schuld wars, nicht wahr, Franziska, meine Schuld! ich hätte –


JULIE

Nein Karl, das mußt du nicht sagen! sieh, ich bin eifersüchtig selbst auf meine Schuld! nur Verzeihung, o du großer Liebender! nur Verzeihung!


KARL

Was hab ich gelitten, Julie, was kann ein liebendes Herz leiden, daß es in so einem Augenblick nicht wünschen sollte, das alles noch einmal, noch zehnfach zu leiden! – O Julie wieder mein, auf ewig mein!


JULIE

Auf ewig! o du Einziger – Franziska! umarmt sie


KARL

Schwester, Beste!


FRANZISKA

Seht ihr nun, Ihr Halsstarrigen! wenn man nicht für euch sorgte! – aber nun Karl, wenn es heut noch seyn soll, und nicht wahr, diese glückliche Nacht würde dich doch martern, wenn du den lieben alten Wegfort –


KARL

Ja, Liebe, hast du entdeckt – ?


FRANZISKA

Gott! über die Verliebten, und ihr Gedächtniß! hab' ichs dir denn nicht schon gesagt, bey Kappler in der Traube wohnt er!


KARL

Liebe Julie! ich muß einen Augenblick –


Dritter Auftritt.

v.Wegfort, Julie, Franziska, Karl.


VON WEGFORT

herein in Wuth Ha wo ist er?


FRANZISKA

Da ist er ja selbst! – Herr Hauptmann ein Engel des Herrn führt Sie her.


KARL

auf ihn zu Mein Bester!


VON WEGFORT

faßt ihn an Krokodill du! hab ich dich?


JULIE

Wie? – Franziska!


KARL

Bester Freund!


VON WEGFORT

Ha, Komödiant du, mit deiner Freundschaft! elender, niederträchtiger Bube!


KARL

Wegfort! um des Himmelswillen! was ist Ihnen?


VON WEGFORT

So frag du! stoß deinem Freund an deiner Brust unversehens den Dolch ins Herz, und frage, warum er sich winde?


JULIE

Franziska, was ist das?


FRANZISKA

Herr Hauptmann!


VON WEGFORT

Ha, gnädige Frau, verzeihen Sie! und Sie zu Julie – aber ich wollte, Sie liessen mir den Buben einen Augenblick allein! es ist keine Weiberarbeit, was ich vorhabe!


FRANZISKA

Mein Bruder!


KARL

Nur ruhig mein Lieber! – aber Wegfort! kennen Sie mich denn nicht!


VON WEGFORT

Wohl, wohl kenn ich dich! und doch, bey Gott, hätt' ich das einen Augenblick früher gesagt, ich hätt's gelogen – aber ohne Umstände! Erklärung!


KARL

Erklärung?


VON WEGFORT

Auf der Stelle! willst du oder nicht?


KARL

Aber Wegfort –


VON WEGFORT

Kein Aber, ja oder nein!


KARL

Aber was denn? worüber?


VON WEGFORT

Elender, du darfst noch fragen? war sie dir gut genug für den Augenblick deiner wilden Lüste? Bey Gott, sieh, so soll sie dir auch auf dein Leben gut genug seyn, oder ich oder du hier auf der Stelle!


FRANZISKA

Aber Herr Hauptmann! – Sie übereilen sich – mich fängt an zu ahnden –


VON WEGFORT

Ich habs hier mit euch Weibern nicht! – nun? – du?


KARL

Aber so hören Sie mich doch nur!


VON WEGFORT

Da ist viel zu hören! was kannst du sagen, Ehrendieb! oder hast du noch ein Gift gegen ihre Ehre, das du ausspeyen mußt? Hat sie sich dir vielleicht an den Hals geworfen, wie ein Strassenmensch? hat sie Lohn von dir verlangt, wie eine feile Meze? – hast du so eine Lüge?


KARL

Wegfort, um alles! um unserer alten Freundschaft willen –


VON WEGFORT

Ha Krokodill! worauf darfst du dich berufen? und du sinkst nicht zu Boden, und stirbst nicht vor Schaam? – ha, da kommt er geschlichen, der Heuchler, und ich traue seiner Larve, und mach ihm auf alle Thüren, bis in mein innerstes Herz! – Karl, ich hätte mein Leben für dich hingegeben, und du kamst mit solchen Bubenstücken im Sinn? und dich hat nicht geschaudert? und hast nicht ans Grab gedacht und nicht an Gott? Meine Tochter! und du wußtest, daß sie das Einzige war, was ich armer Mann noch hatte auf Erden, und daß ihre Ehre ihr Einziges war! entsetzlicher Mensch du! – ha, ich mag dich nicht einmal mehr anfassen! von mir Schlange! dein Hauch ist Gift. läßt ihn los, geht wild umher, wirft sich auf einen Stuhl.


JULIE

Um Gotteswillen, Karl!


KARL

Laß mich nur, Liebe! ein Mißverständniß! er muß nur erst zu sich selbst kommen!


FRANZISKA

Mich bringt das auf sonderbare Vermuthungen; Karl –


KARL

Die ich, glaub' ich errathe.


FRANZISKA

Sollte Friz –


KARL

Ich fürchte! – Wegfort – Wegfort! nimmt seine Hand Armer gebeugter Vater!


VON WEGFORT

Fort von mir! tödte mich nicht mit deinem Mitleid! oder ja, kannst du noch Mitleid haben, sieh, da lieg ich zu deinen Füssen – ich kniete noch in meinem Leben nicht, als vor Gott! aber hier lieg ich, du Mensch, und fleh um Erbarmen! habe Erbarmen mit mir altem Mann!


KARL

Wegfort! was machen Sie? hebt ihn auf Bey dem Allmächtigen, der uns sieht und hört –


VON WEGFORT

Ja, Sünder, und der uns richten wird!


KARL

Ja! sein Gericht über mich, wenn ich schuldig bin!


VON WEGFORT

Amen, Amen, Amen!


KARL

Aber auch bey eben diesem furchtbaren Gericht! sieh, hier steh ich in seinem Angesicht, und schwöre Ihnen, Wegfort, daß ich Ihre Rache über mich nehme! ich will Ihr Sohn seyn, und der Bruder Ihrer armen Verführten! und wer es seyn mag, ihn soll keine Wache schützen, und kein Thron.


VON WEGFORT

Wer bist du denn? bist du nicht Feldern?


KARL

Der bin ich!


VON WEGFORT

Nun dann!


KARL

Ha, und wenn der auch ein Feldern war –


FRANZISKA

Ach! es wird Gewißheit Karl! – Friz –


Vierter Auftritt.

Friz, Luise, Vorige.


KARL

Da ist er! – Ungeheuer du!


FRIZ

stürzt zu Wegforts Füssen Mein Vater!


FRANZISKA

Und Luise! meine Liebe! umarmt sie.


VON WEGFORT

Friz, was willst du? was ist das?


FRIZ

O meine Luise! komm, komm, daß du ihn mir erbittest!


LUISE

ihrem Vater zu Füssen O mein Vater!


VON WEGFORT

Und du – was ist? was wollt ihr?


FRIZ

Verzeihung, mein Vater! Verzeihung, oder den Tod zu ihren Füssen!


VON WEGFORT

Wie Friz? – solltest du es seyn!


FRIZ

Ich bin es! – ich bin der Elende, der Freundschaft und Gastfreyheit, Ehre und Unschuld – o mein Vater! aber ich komme auch, und klage mich an!


JULIE

Franziska!


FRANZISKA

Das hätt' ich nicht erwartet.


FRIZ

Verzeihung, mein Vater! oder wenn Sie eine Strafe wissen in der Sie diese arme Unglückliche von mir trennen können –


VON WEGFORT

Du, du? aber du bist ja – da steht ja deine Braut?


FRIZ

Ach Julie, der Elende war ich, und ich durft' es wagen, Ihnen ein Herz darzubringen –


FRANZISKA

O, das ist schon in Ordnung gebracht! von dieser Seite schon alles! sieh nur, daß du da indem sie auf Wegfort zeigt auch so gut fertig wirst! von dieser Seite ist alles vergeben und vergessen! nicht wahr, Julie?


VON WEGFORT

Nein, nein, lassen Sie ihn fortfahren! das möcht ich denn doch hören! du verdammter Bösewicht du – durftest es wagen –


FRIZ

Ich habe keine Ansprüche auf Verzeihung, als in der Aufrichtigkeit meines Bekenntnisses. Der Hang zum Vergnügen hatte mich zur Verschwendung verleitet! mein Vermögen war fast verschlungen; meine Schulden wuchsen täglich; aber eben dieser unselige Hang hatte mich bis zum Eckel von aller Arbeit entwöhnt! ich konnte das Bild einer Zukunft in Dürftigkeit oder Anstrengung nicht ertragen.


VON WEGFORT

Bösewicht, und dachtest an die Zukunft nicht, die du mir bereitetest? und diesem Mädchen –


FRIZ

Nein, Wegfort, so ganz ruchlos nicht! Luisens Elend hieng wie ein Gespenst an meinen Fersen; aber jene Aussicht überwog! die Präsidentin kam mir entgegen; ich fand Juliens Herz dem Eindruck der Freude offen –


JULIE

Ach Karl! und das blinde Mädchen taumelte hin, und dachte wenig –


KARL

Süße Liebe!


FRANZISKA

Ich sah es, Julie! aber sey auch nicht zu strenge gegen dich selbst! er verführte deine Sinne, aber dein Herz seufzte mit-


ten in dem Taumel nach einer Ruhe zurück, die all dieser blendende Glanz dir nicht ersetzen konnte!


JULIE

Und dennoch! diese Leere in mir selbst, die mich verfolgte, wie ein warnender Engel – ach Karl, und ich folgte ihr nicht! suchte sie zu betäuben!


KARL

Meine Julie!


FRANZISKA

Aber du Friz, wie du, mit deinem Gespenst an der Ferse –


JULIE

Nein Franziska, keine Vorwürfe! – ich bin zu glücklich! und wer doch so zurückkehrt – nicht wahr Karl! wer zurückkehrt, soll nicht verstossen werden – komm Franziska, wir wollen uns alle für ihn vereinigen, und seine Verzeihung erflehen!


VON WEGFORT

Da ist viel zu erflehen! muß ich nicht wohl? nicht noch dem Himmel dazu danken! ja du, wenn ich die Strafe wüßte, wie du sagtest, in der ich dich trennen könnte, von dem Mädel!


LUISE

Mein Vater! –


VON WEGFORT

Ja! du – raisonniere du auch noch! bist mir auch die rechte! – aber gut: ich will euch schon noch zusammen strafen, wenn ich euch erst einmal da im Dörfchen habe! zu Luise dir will ich den Text Lesen, warte! und dich zu Friz dich will ich anschmieden, und sollst mir arbeiten, daß der Schweiß dir von der Stirne rinnt, und eher sollst du mir kein Stück Brod in den Hals kriegen, verstehst du!


FRIZ

O mein Vater! und ich werde fühlen, es ist für Luise! ich werde arbeiten für ihr Alter, Sie sollen meine Anstrengung sehen! hab ich doch oft Mitten in aller Zerstreuung das beschämende Gefühl nicht unterdrücken können, daß Kräfte in mir lagen und aufstrebten, die zu höherem Endzweck bestimmt waren, und die mir oft in dieser erzwungenen Unthätigkeit alle Freude zum Eckel machten.


KARL

O mein Bruder! folge diesen edleren Trieben und du wirst finden, daß in einer Thätigkeit, die der Kräfte des Menschen werth ist, in der Erweiterung seiner Sphäre, in jeder Ausbreitung des allgemeinen Wohls eine Wonne liegt, von der du in dem ganzen Taumel deiner vorüberrauschenden Vergnügungen keine Ahndung gehabt hast! du wirst finden, daß diese nicht gemacht sind, den ganzen Menschen zu beschäftigen, ihm nur zu seiner Erholung gegeben sind; und daß sie selbst in den Nebenstunden, die du für sie übrig haben, durch die Sparsamkeit, mit der du sie geniessen wirst, einen Reiz erhalten werden, den du in ihrem vollen Genusse noch nicht gekostet hast.


VON WEGFORT

So lieber Karl! hofmeistern Sie ihn auch ein wenig; wir wollen sehen, ob noch was mit ihm zu machen ist.


FRIZ

O mein Bruder, wir haben lange wie Fremdlinge eines Namens, wie eifersüchtige Stiefbrüder mit einander gelebt! aber von nun an – nur deinen Rath, deine Hülfe, deine Anführung –


VON WEGFORT

Gut Junge! gut! ich fange schon fast an zu vergessen – aber sag, du verdammter Bösewicht du, wie bist du denn endlich zur Raison gekommen, was hat dich bekehrt?


FRIZ

Wie hätt' ich widerstehen können? O Luise! So viel Liebe! – Hören Sie mein Vater! – meine Schwester! Julie! – nicht genug, daß Luise es über sich vermogt hatte, um meinetwillen sich von ihrem Vater loszureissen – und doch Luise – wenn ich denke, was es deinem Herzen kosten mußte, der Schritt aus dem Hause eines so geliebten, so liebenden Vaters –


LUISE

Ach! als wenn die Erde unter jedem Fußtritt versinken; als wenn alle Himmel über mich zusammen fallen wollten, mit dem Tritte des Verurtheilten zum Gerichtplatz, bebt' und wankt' ich daher durch die Nacht! – zehnmal zurück, daß ich sie nur noch einmal sähe, nur noch einmal hörte ihren leisesten Athem!


VON WEGFORT

Und doch Mädel, und doch! konntest mich so liegen sehen in arglosem Schlummer, und konntest mir so ein Erwachen bereiten?


LUISE

Ach mein Vater! alle Angst der Liebe trieb mich! –


FRIZ

Sie sollen einmal alles wissen, mit welchen Kunstgriffen ich sie zu dem Schritte brachte! aber nicht genug sich losgerissen zu haben, nicht genug, daß sie durch Tage der Noth und durch Nächte der Thränen der Stunde der Schande entgegen gegangen war, mit Muth der Liebe – noch heut – ich erfuhr, daß sie hier war, fürchtete ihre Gegenwart, gestand ihr meine neue Verbindung, und verlangte – o meine Luise, wie hast du mir verzeihen können! – verlangte, daß sie mir ewig entsagte, und auch das, auch das –


FRANZISKA

zu Luise Meine Schwester!


JULIE

Seele voll Liebe! umarmt sie


FRIZ

liest »Entsagen, ja auch das, auch sterben, Feldern, alles, was du fodern kannst! ganz dein Geschöpf! wie du's aussprichst! Himmel oder Hölle! wie du willst! ich entsage!« Mein Gott!


VON WEGFORT

Ich entsage! was das für Streiche sind! entsage du auf ein andermal dem Teufel, wenn er dir zu nahe kommt! hörst du?


FRIZ

Nein ich war der Unmensch nicht, so vieler Liebe zu widerstehn! eine unnenbare Macht riß mich hin zu ihren Füssen! mit unserm Kind im Arm.


VON WEGFORT

Ja du Erzbösewicht! sprich du erst noch lange von euerm Kinde, setzest da so ein armes hülfloses Geschöpf in die Welt, und dann davon geflogen, und es an Gottes Barmherzigkeit überlassen, wie es kein Vogel in der Luft thut! – aber warte, die Sprünge sollen dir schon vergehn, wenn du Mittags erst mit grobem Brode und dünnen Bier vorlieb nehmen mußt, warte komm mir nur!


FRANZISKA

Und nun Karl! nun ist die Reihe an dir.


KARL

Ja Wegfort, mit dieser Nachricht kam ich Ihnen entgegen, als Sie mich überraschten. Bester Freund, welch eine Nachricht! Da, lesen Sie giebt ihm den Sentenz – und du Bruder laß dir das ein Beyspiel seyn, wie sehr auch die mühsamste Anwendung unsrer Kräfte zu ihrem Endzweck sich selbst belohnt! diese Rettung einer so werthen Familie! dieser plötzliche Uebergang von Dürftigkeit zu Reichthum, diese Freude, die ihn nun in meine Arme reissen wird - hätte dein Werk seyn können! – sie hätt' es verdient, das Werk der Liebe zu seyn.


VON WEGFORT

Gott! – Karl! – alle Wegfortische Stammgüter mir zurückgegeben! – Gott, mich schwindelt! haltet mich! – in betender Stellung Vater, der du bist in den Himmeln! –


KARL

Franziska! – Julie!


JULIE

O mein Karl!


VON WEGFORT

Mann, Mann! – und ich gabs verloren! – nein, das fass' ich nicht! – Kinder, Kinder! o, alle zu seinen Füssen!


KARL

Freund! umarmt ihn


FRIZ

Bruder!


LUISE

Karl!


VON WEGFORT

Und ich konnte dich so verkennen, großer Mann! –


KARL

Sie waren Vater, Wegfort!


VON WEGFORT

O meine Kinder!


Fünfter Auftritt.

Präsidentin als Venus, Vorige.


PRÄSIDENTIN

Nun, wo steckt ihr denn? habt gar noch Gesellschaft?


FRIZ

für sich Meine Venus! die wird Augen machen!


PRÄSIDENTIN

Ihre Dienerin, mein Herr Hauptmann!


VON WEGFORT

Diener!


PRÄSIDENTIN

Aber sie verzeihn! – Julchen, noch nicht einmal frisirt! heimlich zu ihr Es ist schon alles richtig, ich lasse schon aufpacken; mach fort, Mädchen!


JULIE

Gnädige Frau Mama –


PRÄSIDENTIN

Und Sie mein Prinz Paris, noch gar nicht einmal in Rüstung! hat denn meine Ungedult mich in der Zeit betrogen? Gott bewahre mich, ich halt's nicht länger aus! sieht auf die Uhr Nein, nein: es ist schon Zeit! wir werden nicht die ersten mehr seyn! geschwind!


FRIZ

Aber –


PRÄSIDENTIN

Aber sagen Sie mir, wie gefall' ich Ihnen denn nun in dem Anzug? ist's so recht?


FRIZ

Vortreflich! aber –


PRÄSIDENTIN

Etwas nicht recht? da hats gewiß der Friseur versehn: der ungeschickte Kerl stand da, und wußte nicht anzugreifen; o, ich habe mit ihm zu stellen gehabt; – aber was denn nicht, mein Paris? sagen Sie, was nicht!


FRIZ

Alles wie es seyn mußte; aber gnädige Frau ich bedaure –


PRÄSIDENTIN

Was denn?


FRIZ

Daß aus der ganzen Maskerade nichts werden kann!


PRÄSIDENTIN

Was?


FRIZ

Ich erkenne Ihre Güte! ich muß um Verzeihung bitten, Sie misbraucht zu haben –


PRÄSIDENTIN

Was? nichts werden? Friz! aus der Maskerade – ja, da kämt ihr mir recht! – nur fort, da hilft nichts!


FRIZ

Die Güte, mit der mir heute grössere Beleidigungen verziehen sind, giebt mir den Muth zu hoffen, daß auch Sie –


PRÄSIDENTIN

Friz, was das für Zeug ist! so mach doch nur! für Julie ist schon alles richtig!


FRIZ

Ich bedaure; aber ich muß Ihren Absichten auf Julie entsagen! Sehen Sie hier gnädige Frau, – das Fräulein von Wegfort –


PRÄSIDENTIN

Wie? ich hoffe doch wohl nicht gar –


VON WEGFORT

Ja, ja, gnädige Frau, er wars, der mein Mädel –


PRÄSIDENTIN

O, das ist zum rasend werden! aber – Friz, Friz, Sie werden doch deswegen nicht – sehen Sie zu, was Sie thun! Julie, mein Julchen, du armes Mädchen du!


JULIE

Nein: beklagen Sie mich nicht gnädige Frau Mama! wenn Sie mir auch nach meiner Rückkehr zu dem Einzigen, dem ich angehören konnte, Ihren Beyfall geben, so wär nie ein Mädchen beneidenswerther!


PRÄSIDENTIN

Gott bewahre gar mit Karl! – nein Mädchen, nun und nimmermehr, lieber ins Kloster, lieber – aber Friz, ich denke Sie werden kein Narr seyn! und sich so pöbelhaft an Katechismus und Pfaffengeschwätz binden! kommen Sie, lassen Sie –


Sechster Auftritt.

Präsident, ein Bedienter, Präsidentin, v.Wegfort, Karl, Friz, Julie, Luise, Franziska.


PRÄSIDENT

stößt den Bedienten herein Herein Schurke, oder –


DER BEDIENTE

O gnädiger Herr! ich bin kein Dieb nicht! es ist Befehl –


PRÄSIDENTIN

O Weh!


PRÄSIDENT

Artige Geschichtchen in meinem Hause! da will ich zu Julie ins Zimmer, will noch einmal mit ihr reden, Ihrentwegen lieber Karl! daß sie mich nicht aufs äußerste bringe –


PRÄSIDENTIN

Ja ich muß nur fort machen, es ist meine höchste Zeit! – ich bitte die ganze Gesellschaft um Verzeihung! –


PRÄSIDENT

Nicht doch, Madam! Mich dünkt, das geht dich noch genug mit an, um ein Viertelstündchen vom Ball abzubrechen! – als ich hinauf komme, ist das Zimmer leer – Toilette und Garderobbe, – alles fort! – ich will rufen, da hör' ich ein Geräusch auf der Hintertreppe zum Garten: ich hin, und sieh da! da schleppen die Kerls die Bagage herunter! – Julchen, was ist das? ich hätte dir nicht zugetraut –


JULIE

MeinVater! – ich –


PRÄSIDENT

Nun rede, was soll das?


PRÄSIDENTIN

für sich Ich muß mich nur wegstehlen, wenn das gut thun soll! – sie will fort


DER BEDIENTE

Ach gnädige Frau, so helfen Sie mir doch erst wieder zu Ehren! der gnädige Herr glaubt uns auf einen Diebstahl ertappt zu haben, und Sie wissen doch –


PRÄSIDENTIN

Kerl!


DER BEDIENTE

Daß es bloß auf Ihren Befehl –


PRÄSIDENT

Wie Madam?


PRÄSIDENTIN

zeigt dem Bedienten heimlich einen Beutel mit Geld Was sagst du Kerl? – auf Befehl? auf wessen Befehl?


DER BEDIENTE

Ach gnädige Frau, nehmen Sie mirs nicht übel, aber mein ehrlicher Name ist mir lieber als alles Geld, das in den Beutel seyn kann, den Sie mir da zeigen!


PRÄSIDENTIN

O ich werde rasend! und das gerade an dem Abend! – O meine arme Maske, und die dumme Rolle, die ich spielen werde! – Kerl!


DER BEDIENTE

Ja gnädiger Herr! haben Sie nur die Gnade zu untersuchen! die gnädige Frau hat's befohlen.


PRÄSIDENT

Nun, Madam? was sagen Sie dazu?


PRÄSIDENTIN

Nun ja denn! wenns so gemeynt ist, daß ich am Ende für euch die Rechnung bezahlen soll! Ja es war mein Befehl, weil ich mit Friz abgeredet hatte, daß er Julie entführen sollte, eh du deinen abgeschmackten Einfall mit dem Kloster oder da mit deinem Monsieur ausführen konntest! nun weißt du's! Und Ihr, wenn Ihr euern Verstand verloren habt, und es nicht besser haben wollt, so thut nach eurer Blindheit! rennt in euer Verderben; ich ziehe meine Hand von euch! mich bekümmerts wenig, versteht Ihr? ich werde meine Venus schon für mich allein zu spielen wissen! – Ich Venus! ab.


PRÄSIDENT

Ja du! – – aber – was ich höre und sehe – mein Herr von Wegfort – Ihre Tochter!


VON WEGFORT

Ja lieber Wiesenthal! nicht wahr, so ein später Besuch in Ihrem Hause, mit meinem Mädel da – das ist Ihnen unbegreiflich! o hier sind Wunderdinge vorgegangen, seit einer Stunde!


FRANZISKA

Die ich Ihnen alle Haarklein erzählen will, lieber Papa! Sie lassen sich ja doch gerne von mir erzählen! und in dieser Nacht, in der Zeit wir auf unsren Wiesenthal warten, wird das die Weile gut ausfüllen! zu Ihrer Beruhigung in der Kürze nur so viel! alles am Ende ausgeschlagen, wie Sie es wünschen! Karl und Julchen so einig – o, wie ein Paar Turteltäubchen! und Friz – Friz –


VON WEGFORT

Zur Raison gekommen, lieber alter Freund! nun mein Schwiegersohn! wie man so zu sagen pflegt, was der eine wegwirft, ist dem andern recht! zwar, wenn ich auch hätte zu wählen gehabt! – aber das Mädel da hatte schon vor mir gewählt, und – doch er verspricht Besserung, und wenn ers hält, wie er verspricht –


PRÄSIDENT

Nun ich versteh das zwar alles noch nicht recht; aber Karl, Julchen! – Friz – Sie alle! – Sie scheinen mir alle so zufrieden zu seyn, daß ich selbst schon zufrieden mit bin! – kommt herein! hier erzählts sich nicht gut; wir wollen uns zu Tische setzen, und essen und schmaussen, und die Geschichte beplaudern, bis mein Sohn zurückkommt!


VON WEGFORT

Bis es Tag wird, lieber Alter, und dann wollen wir das junge Volk zusammen in die Kirche bringen! nicht wahr Ihr?

Franziska führt die beyden Alten. Karl Julie, und Friz Luise ab.

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