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Ilse von Stach – Die Beichte.

Erzählung

I. & W. Boisserée, Köln, 1913


INVICTUS HEROS NUMINIS
MERGENDUS UNDA FLUMINIS
STAT FORTIS IN SILENTIO
DUM FIT SIGILLI MENTIO



Ihnen selbst zum Frieden und auf ewig verhallen die letzten Seufzer der gerecht Gerichteten; die Erde empfängt ihr Blut ohne Murren; die Stadt, die ihren Frevel gesehen hat, sieht ihre Sühne, und die engen Gassen halten nicht die Stimmen ruheloser Geister in ihren Mauern fest. Aber die Klagen der gemordeten Unschuld schweben fort über der Richtstätte und zwischen den Häusern, und Kindern und Enkeln weht in stillen Nächten, wenn die Tat sich jährt, ein Atemzug aus der Sterbenot der Geopferten über die schaudernde Brust. Und wo die freche Hand des Mörders nach dem Haupte des Erwählten Gottes tastet, wo die entartete Menschheit fühlloser geworden ist als die Natur, die die Nähe dessen empfindet, der sie selbst durch die süsse Gewalt seiner Seele in seinem irdischen Leibe überwunden hat, da wechseln Mond und Sterne die Milde ihres Lichtes, die Erde erbebt, die Wasser bäumen sich auf, die Zinnen der Stadt starren drohend in die verblassende Abendröte – –

Prag! du goldenes Prag! du blutrotes Prag! Wie willst du die Stunde überdauern, in der der Henker deinem Heiligen den Tod zu schmecken gibt?

Bürger von Prag! Was hindert euch, zu tun, wie euer König tut, der die Fenster seines Palastes verhängt, der in seinen Toren Wacht- posten aufstellt, die einem jeden in dieser Nacht den Ausgang in die fluchbedrohte Stadt verwehren sollen? Werden indessen seine Wachtposten auch den Eingang in die Tore des Palastes wohl verwahren können? Denn mühsam kämpft es sich mit Schwert und Lanze gegen den leisen Seufzer eines sterbenden Heiligen, mühsam mit Gewalt und Trotz gegen den Sanftmütigen, der im Tode sein Haupt erhebt, um das Erdreich zu besitzen.

Während König Wenzel auf dem Hradschin Befehle gab, als gälte es, eine Festung zu verteidigen, verweilte seine junge Königin in friedlicher Unterhaltung und erfüllte das Geheiss ihres Gemahls, nach welchem sie gehalten war, seine Ankunft wachend zu erwarten und in dieser Nacht der späten Stunde zum Trotz das Lager nicht aufzusuchen. Freilich füllte der Schlaf ihr wieder und wieder die grossen Kinderaugen und würde wohl gänzlich Gewalt über sie bekommen haben, hätte der König ihr einen anderen als den Grafen Heinrich von Rosenberg mit seiner Laute und seinen Liedern zum Zeit- und Sorgenvertreib geschickt. Dieses waren des Königs Worte gewesen. Und in Wirklichkeit bedurfte Königin Offnei nichts dringender als eines feinen Gespielen, der ihr die Länge der Zeit verkürzen helfe, wozu ihr königlicher Gemahl auch in besseren Tagen durch die Rauheit seines Wesens nicht eben geeignet erschien. Zur Vertreibung der Sorgen indessen hätte kein Minnesänger besonderer Künste seines Geistes und Gefühls benötigt. Niemals hatte Kummer oder Herzeleid die weisse Stirn der jungen Königin beschattet, und auch in dieser Stunde, da die ungestüme Leidenschaft des Königs mit der stillen Treue eines Priesters rang, lebte sie unbewusst und heiter dem nahenden Schicksal entgegen, das ihr die eigene tiefe Verstrickung in den Frevel des einen, in die Passion des anderen enthüllen würde.

Wie eine Frühlingsblume war Offnei unter den Augen des gütigen und frohgemuten Herzogs Johann von Bayern erblüht, der sie in ihrem fünfzehnten Jahre von der Einsamkeit seiner Schlösser an die Pracht des französischen Hofes geführt hatte, wo sie zum Erstaunen ihres herzoglichen Vaters die zierlichen Glieder mit so vollendeter Geschmeidigkeit bewegte, dass auch der strengste Wächter der Etikette aus der Umgebung Karls VI. an der Grazie ihres Leibes und ihrer Sprache, an dem Faltenwurf ihres Kleides, an dem Umfang ihrer Taille, die vier Finger umspannen konnten, die Schärfe seiner Zunge nicht wohl zu üben vermochte. Als dann der Böhmenkönig der jungen Herzogin Thron und Herz und alle Ehren antrug, versüssten ihr diese den Abschied aus der unmittelbaren Gunst des französischen Königs, darin sie wie ein Fischlein in sonnenbeglänzter Flut geplätschert hatte, und sie zog in kindlicher Erwartung neuer Feste und Freuden mit ihrem Gemahl in seine schöne Hauptstadt Prag. Hier freilich musste ihr verwöhntes Ohr manchen unhöfischen Klang ertragen lernen; ihr für Anstand und zierliche Sitte geschärftes Auge musste unter den gekräuselten Haaren und pelzbesetzten Spitzhüten, unter den ausgestopften und eingeschnürten Brüsten ihrer neuen Umgebung die Formen und Gebärden eines Volkes erkennen, das, minder lange den rohen Gewohnheiten der Barbarei entronnen, der Wohltaten einer feineren Kultur nur nach ihrer äusseren Seite teilhaftig geworden war, eines Volkes, bei dem das tadellose Pariser Kleid noch etwas zufällig und ungeschickt auf ihrer Körperlichkeit sass, die sich unter allen Spitzen und Brokaten unliebsam bemerkbar machte. So blieb denn Offnei durch die Erinnerung an den Glanz ihrer Mädchentage eine kleine Sehnsucht im Herzen zurück, eine Sehnsucht, wie der Mensch sie bedarf, seine Träume zu schmücken, ohne dass sie ihm durch Grösse und Ziel zur Qual würde. Überdies hatte sie König Wenzel mit ihrer Hand auch zugleich ihr unschuldiges Herz geschenkt, indem sie zu ihm, der ihr an Jahren um ein Bedeutendes voraus war, mit kindlicher Scheu wie zu einem Herrn, den man fürchten muss, aufblickte, vor dessen Launen und Leidenschaft sie zitterte, ohne zu begreifen, dass ihr eigenes, verhaltenes Wesen nicht selten solche Heftigkeit in seinem Gemüt hervorrief. Auch die heimlichsten Gedanken, die sie in ihres Herzens Rat pflegte, waren nicht die einer Frau; wie ein frommes Kind, das sich selbst wegen seiner geringen Vergehen gegen Vater und Mutter vor seinem Gewissen anklagt, fragte sie sich in seiner Entfernung, ob sie es etwa an Gehorsam und Demut bei ihrem Gatten fehlen lasse, wenn sie seine brennenden Augen forschend, ja, wie es schien, drohend auf ihrem Antlitz gefühlt hatte. Kam er dann aber mit Geschenken aus fremden Städten oder mit Jagdtrophäen aus seinen böhmischen Wäldern zu ihr zurück, so lachte sie ihn dankbar an und fühlte sich mehr ihrer kleinen Tugenden als ihrer Schönheit halber geliebt und beschenkt.

Als König Wenzel um die Liebe der jungen Herzogin geworben hatte, waren in deutschen Landen schon mancherlei Gerüchte in Umlauf über die Zügellosigkeit seines Zornes und seiner Leidenschaften, über frevelhafte Jagdgelage auf verwunschenen Schlössern, die er mitgeilen und ungeschliffenen Spiessgesellen abhalte, sowie über den unheimlichen Tod seiner frommen Gemahlin Johanna; aber solcher übler Nachrede hatte man vor den Ohren der reizenden Offnei nicht gepflogen um der Krone willen, die der wilde Freier auf seinem Haupte vereinigte, und die seine erwählte Braut mit ihm teilen würde. Und man hatte wohl daran getan; denn in der Tat vermochte Offnei ihrem königlichen Gemahl jenes Mass von Liebe und Scheu einzuflössen, dessen seine ungebändigte Natur fähig war, und er, der keine Schranken der Sitte kannte, hütete sich, vor der Königin seine schlechten Triebe in ihrer ganzen Hässlichkeit zu enthüllen. Ja nicht selten, wenn er die eigene Missgestaltung an Leib und Seele bei sich selbst betrachtete, küsste er die zarte Hand Offneis mit Gefühlen der Rührung und Dankbarkeit dafür, dass sie ihn nicht verschmäht hatte, dafür, dass sie nichts von seiner und der Welt Sünde wusste. Kam aber der böse Geist über ihn, so misstraute er ihrem unschuldigen Gesicht, fuhr sie hart an und wütete gegen sich selbst seiner Ohnmacht halber, hinter die Geheimnisse eines Weibes zu kommen. Er wütete auch gegen seinen Kanzler und Kämmerer, gegen den ganzen Tross seines unsauberen Gefolges, dessen schändliche Lüste und ehebrecherische Taten er kannte. Nur den Grafen Heinrich von Rosenberg erreichte sein Misstrauen und seine Raserei nicht; denn er hatte ihn lieb wie einen Sohn und verhüllte vor ihm wie vor Offnei das entstellte Angesicht seiner niedrigen Eifersucht. So geschah es, dass er den Grafen nicht selten in die Zimmer der Königin beschied, wo er dann Zeuge sein konnte, wie Offnei mit lieblichem Vortrag die Sagen von Ronceval lebendig machte, wie dagegen Heinrich zu seiner Laute Walters schöne Lieder sang oder auch von Tristan und Isolde, von König Artus und seiner Tafelrunde durch den Mund ihrer Dichter Gottfried und Hartmann erzählte.

Man feierte die Vigilie des heiligen Benedikt im 1393. Jahre, das der Herr den Menschen zur Erlösung gab, und das, wie alle vergangenen, ihrer viele zur Verdammnis missbrauchten. Glanz- und lebenspendend hatte die Märzsonne an diesem Tage Uber Prag gestanden, hatte einige Schneeglöckchen von der Knospe zur Blüte entfaltet, einige Triebe der jungen Birken und Fliedersträucher mit grünen Spitzen gekrönt und hatte den Wald bei ihrem Scheiden in unendliches Licht getaucht; über die Moldau breiteten sich indessen die Schatten des Abends, die auch der volle Mond nicht in silberne Schleier verwandeln konnte; denn Wolken waren heraufgezogen und machten die Nacht dunkel, wie König Wenzel sie gewollt hatte.

In das Zimmer der Königin, wo diese in friedlicher Unterhaltung mit dem Grafen von Rosenberg sass, trat ein Kammerdiener, der mit schweren Tüchern beladen war, die er vor den Fenstern ausbreitete, sie mit Spangen und Nadeln wohl befestigend.

»Was schaffst du?« fragte ihn verwundert die Königin.

»Es ist ein Befehl des Königs,« sagte dieser, »alle Fenster zu verhängen, in Sonderheit die, welche die Moldau sehen lassen.«

Die Königin verzog den Mund zu einem kleinen, spöttischen Lächeln, zuckte leicht mit den Achseln, erwartete aber die Entfernung des Dieners, bis sie zu ihrem Gespielen sagte: »Befürchtet der König eine Revolution auf dem Hradschin, die er vor den Blicken der Kleinseitner Bürgersleute verbergen will?

Oder haben sich eben diese gegen unseren Palast verschworen? Dann will er gewiss meine friedgewohnten Augen vor dem Anblick so roher Gewalt bewahren.«

Als der Graf auf diese Rede schwieg, fuhr Offnei mit lachendem Munde fort: »Im Ernst, Graf Heinrich, was würdet Ihr zu meinem Schutze tun, wenn es dem Pöbel einfiele, sich zu empören? Denket nur! Wenn die mordlustige Rotte schon in dieses Zimmer eingedrungen wäre!«

Der Graf antwortete ernst: »Ich würde für Euch sterben, meine angebetete Königin!«

»Und mich also meinen Peinigern überlassen,« schmollte Offnei, wenig aufgelegt, durch den schwermütigen Ton in des Grafen Antwort die eigene Lust am Kriegsspiel fahren zu lassen.

»Ich fürchte, der Kanzler hat recht,« begann sie mit scheinbar sorgenvoller Miene von neuem, »wenn er vor mir und dem Könige Euren Wagemut als übereilt und dazu unzeitgemäss tadelt; der Kanzler sagt, es ist nicht mehr an der Mode, den Heldentod einer wohl erwogenen List vorzuziehen. Ihr aber, sagt er, würdet lieber das Vaterland zugleich mit Eurem Leben preisgeben, bevor Ihr beides rettetet, indem Ihr Euer Schwert in die Scheide stecktet, Eure Lippen aber durch eine kleine Lüge verunreinigtet.«

Der Graf sprang unwillig auf, dass die blonden Locken flogen. So wenig, als Offnei sich den Ernst ihres Gefährten zu eigen gemacht hatte, so wenig war dieser geneigt, das liebliche Lächeln auf dem Antlitz der Königin zu bemerken, das ihm deutlicher als ihre Worte hätte sagen können: »Ich liebe den blinden Heldenmut deiner Seele und achte die dürre Weisheit des Kanzlers gering.«

»Dass ich ihm doch«, rief Heinrich lebhaft aus, »sein tückisches Geschwätz mit der Spitze des Schwertes in den mageren Hals zurückstossen könnte! Wenn es aber Euch, Frau Königin, mehr nach der erhabenen Politik des Kanzlers gelüstet als nach meiner kriegerischen Einfalt, so gebt mir Urlaub und bittet Euch von Eurem Könige Hinko Kluk zum Flötenbläser aus!«

Es war somit der Augenblick gekommen, in dem Offnei Spiel und Laune vergass und bestürzt entdeckte, dass sie ihren Freund in Wahrheit gekränkt hatte. Sie senkte den Kopf auf die Brust und errötete tief. Heinrich aber, der durch die Veränderung ihres Wesens gewahr wurde, wie allzu heftig er auf einen Scherz geantwortet hatte, fuhr in milderem Tone fort:

»Dann freilich möchtet Ihr meiner mehr denn jemals bedürfen, und ich müsste mir die Ehre von Euch erbitten, mit blankem Säbel in Eurem Vorzimmer warten zu dürfen.«

»Gibt es einen Tag, an dem ich Eurer nicht bedürfte?« sagte Offnei weich; »dass ich es Euch nur gestehe, lieber Graf, aber ich weinte mir die Augen blind vor Sehnsucht nach dem fröhlichen Kreise meiner Geschwister, wäret nicht Ihr mein täglicher Gefährte und ersetztet mir Brüder und Schwestern! Und seht mir doch die Grafen und Barone, die den König wie sein Schatten begleiten, – wie sind sie den Kavalieren so unähnlich, denen ich im Louvre die Hand zum Tanze gereicht habe! Mögen sie immer Bären und Eber erlegen, als seien es Hasen, – von den grossen Taten ihrer Väter wissen sie nichts zu erzählen im seltsam schwebenden Mass und Klang einer menschenwürdigen Sprache. Ihr aber, Graf Heinrich, seid ein Held und Sänger zugleich, ein Kriegsmann und Kavalier!«

Der also freimütig Gelobte stand wie ein Knabe klopfenden Herzens vor seiner Königin. Verwirrt unterbrach er ihre Rede:

»Und bin Euer glückseliger Diener, Königin Offnei!« und schüttelte somit das Gewicht ihres Lobes von seinen Schultern.

»Muss nicht«, begann sie von neuem, »mein Herz in Dankbarkeit zu Euch entbrennen, wenn Ihr mich wie in diesem Augenblick bei meinem Namen nennt, den mein Vater mir gab, und den ein jeder mir gab, dem ich in meiner Heimat lieb und teuer war? Mein Gemahl sagt, es gezieme sich nicht für eine deutsche Königin, ›Offnei‹ zu heissen; ›Sophie Euphemia‹ sei königlich und mache der Welt deutlich, dass ich seine Gemahlin und eine ebenbürtige Prinzessin sei. Er nennt mich also Sophie,« setzte sie kleinlaut hinzu. Tröstend antwortete Graf Heinrich:

»Königin Sophie klingt in Wahrheit sehr hoheitsvoll.«

Offnei indessen vermochte diese Antwort nur wenig Tröstung zu gewähren; gekränkt entgegnete sie: »Ihr könntet höflicherweise, Graf Heinrich, meine Klage als eine gerechte bestätigen; aber das werdet Ihr niemals tun, und wenn ich Euch erzählen müsste, dass mein Gemahl mich mit einem türkischen Namen benennt an Stelle eines christlichen. Ach, ich weiss recht gut, warum man in den Märchen oder auch in früheren Zeiten den jungen Königinnen ihre Amme oder eine vertraute Freundin in das Haus ihres Gemahls mitgab! Ich aber bin von Rat und Hilfe gänzlich verlassen, wenn immer mein Gemahl, indem er mich flieht, oder indem er mich um wunderlicher Dinge willen tadelt, nur zu deutlich kund tut, dass er nicht mit meiner Ergebenheit zufrieden ist. Auch der Vikar weiss mir, wenn ich ihn befrage, nichts anderes zu sagen, als dass ich beten solle, ›und sofern ich‹, pflegt er seine Rede zu schliessen, ›um des Guten willen stärker sein müsse als mein Herr und König, solle ich meine Kraft aus keiner anderen Quelle als aus der Liebe schöpfen.‹«

Bestürzt über den unerwarteten Vorwurf, der den jungen Grafen aus Offneis Worten traf, und den sie selbst diesmal in rührendem Ernst empfand, sah Heinrich der jungen Königin in Wahrheit so recht ratlos ins Gesicht.

War es bisher in den mancherlei Gesprächen, die sie pflegten, geschehen, dass Offnei eine leichte Beschwerde gegen ihren Gemahl führte, so hatte Heinrich im ritterlichen Gefühl der Verantwortung für den abwesenden König dessen Sache verteidigt, wiewohl sein Herz den grösseren Anteil für die schöne Klägerin fühlte; dass diese, in deren Nähe er gewöhnt war, Verwirrung, fromme Scheu und unbegrenzte Anbetung zu empfinden, seiner armseligen Erfahrung bedurfte, um nicht als ein verlassenes Kind auf dem Hradschin sehnsüchtig des Vaters und der Mutter zu gedenken, liess für einen Augenblick seine Fassung gänzlich dahinfahren.

Offnei selbst hing in ihren Gedanken noch dem Wunsche nach, eine vertraute Freundin neben sich zu haben, die, wissend in der Kunst, einen König und Gemahl in dem unveränderlichen Sonnenschein ehelicher Gunst zu erhalten, ihr für jede unerklärte Laune ein Mittel zur Abwehr und zur Umkehrung der Heftigkeit des Zornes in Heftigkeit der Liebe ins Ohr flüstern konnte; dass man auch verstehen müsse, Mittel anzuwenden und Waffen zu gebrauchen, bedachte Offnei nicht. Aber welchen Nutzen hatten ihr wohl die kupplerischen Ratschläge der erträumten weisen Frau aus dem Märchen gebracht, – Ratschläge, sich heute in Seide und morgen in Samt zu kleiden, heute zu schmollen und morgen zu lächeln, – ihr, die dem Könige nicht wie ihrem Manne gegenüber trat, sondern wie einem rätselhaften Wesen aus einem dunkleren Reiche, dessen Willen sie aber unterworfen war? Arme Offnei ! Auch der Talisman, den der Vikar in ihre ungeschickte Hand legte, verlor in dieser seine wunderbaren Kräfte; denn ein anderes ist unbewusste Unschuld, die wie die Lilie blüht, ein anderes in Weisheit und langer Tugend gereifte Heiligkeit.

Der junge Graf, der in seinem Bewusstsein von der Kupplerin ebenso weit entfernt wie von dem Heiligen war, diesem aber in seinem Herzen durch Ehrfurcht verbunden, wusste nichts Besseres, als Offnei in ihren Fragen nach dem rechten Wege an den Vikar zu verweisen.

»Wäre es nicht vermessen, Königin Offnei,« begann er zögernd, denn er fürchtete, sie von neuem zu kränken, »wollte ich mich zu Eurem Ratgeber aufwerfen, da Ihr den Vikar zum Freunde und Helfer habt? Wenn ich es bedenke, so redet er die Wahrheit, indem er Euch empfiehlt, Eurem königlichen Gemahl in Liebe zu begegnen!«

Offnei seufzte und lehnte den Kopf auf das geblümte Seidenpolster ihres Armstuhles zurück, schien aber mit diesem Seufzer auch ihren Kummer von sich gestossen zu haben.

»Ich danke es dem Könige sehr,« sagte sie, »dass er mir den Vikar zum Beichtvater gegeben hat, nicht aber einen seiner Kleriker, die mit ihm auf Jagd und Abenteuer ausziehen. Seltsam genug freilich schienen mir die Worte, mit denen er mir meinen geistlichen Hirten zuführte. ›Eine junge Frau bedarf des Beichtvaters in allen Dingen‹, sprach er und sah mich an, als hätte ich, seit ich ehelich geworden bin, alle sieben Todsünden auf mich geladen,« und Offnei lachte, dass die weissen Zähne blitzten, aus Lust und Verwunderung darüber, dass eine junge Frau etwa mehr als eine alte und mehr als ein Kind könnte zu beichten haben.

»Ich bemerke wohl,« fuhr Offnei fort, »dass der König selbst nicht in dem Masse wie einst sein erhabener Vater Gunst und Geschenke dem böhmischen Klerus zuwendet; auch zürnt er dem Primas, wenn immer dieser als Kirchenfürst und nicht als Untertan zu ihm redet; mich aber schickt er nicht selten mit grosser Dringlichkeit in den Beichtstuhl, wenn ich sonst aus freiem Antrieb gewiss noch einige Sünden abgewartet hätte. Erst heute, um die Stunde des Aveläutens, hiess er mich augenblicks in den Dom gehen, wo der Vikar meiner warte; er hatte mich durch seinen harten Befehl so erschreckt, dass ich dem lauschenden Beichtvater gar nichts sagen konnte, nur seufzen und klagen-, dieser aber fing an, für mich zu beten, und während er so betete, flössen meine Tränen nur um so reichlicher, und es kam ein Gefühl über mich, als würde Gott Von unbefleckten Lippen für eine grosse Sünderin gebeten.«

Der junge Graf, der diese abendliche Stimmung der Zerknirschung im Herzen seiner

Königin nicht eben mit schweren Gewichten wog, sagte lächelnd:

»So glaubt Ihr also jetzt selbst, Königin Offnei, dass Ihr seit Eurer Verehelichung Busse für alle sieben Todsünden zu verrichten hättet?«

Auch Offnei lächelte und liess es geschehen, dass die Rede von neuem die Wendung vom Ernst zum Scherz machte, nachdem sie am gegenwärtigen Abend im mehrfachen Wechsel dieser beiden und an ihrer unkenntlichen Grenze sich bewegt hatte.

Währenddessen tat sich die Türe auf, und der König kam herein in Begleitung des Erzbischofs Adalbert von Jenstein und des Kanzlers Hinko Kluk.

Nicht selten geschah es, dass Offnei, wenn sie ihres Gatten ansichtig wurde, ein leichter Schauder über den Rücken lief. Aber in diesem Augenblick entwich alle Farbe aus ihrem Antlitz, denn der König sah einem Ungeheuer gleich, das Schrecken und Ekel um sich verbreitet. Hastig und zugleich unsicher bewegte sich seine gedrungene Gestalt vorwärts, die struppigen Haare hingen ihm ungeordnet in das gedunsene Gesicht, und die Augen rollten in Zorn und Misstrauen in ihren Höhlen. »Was habe ich getan? Was ist geschehen? Womit habe ich gegen ihn gefehlt? Helfe mir Gott aus seiner Rache!« Das waren die Fragen und Gedanken, die Offneis Hirn in rasendem Kreislauf durchjagten; denn sie glaubte nicht anders, als dass sie selbst Ursache und Ziel seiner Wut wäre.

Indem das gleichzeitige Erscheinen Hinko Kluks ihres Herzens Angst nur vermehren konnte, – denn des Königs Kanzler verspottete mit heimlichem Blitzen seiner scharfen Augen und mit unmerklichem Zucken im blassen, knochigen Gesicht die reine Torheit der Königin, – so brachte die hohe Gestalt des Erzbischofs ihrer zitternden Seele einigen Trost und Frieden. Seine ernsten Augen freilich, aus denen niemals die himmlische Güte des Vikars leuchtete, und die, wie es den Anschein hatte, mit immer strengeren und höheren Forderungen bis in die Tiefen des menschlichen Herzens zu blicken verstanden, ruhten nicht mit Wohlgefallen auf ihr. Auch erschien zu fragen: »Was hast du verschuldet?« Auch er schien bereit, zu richten und zu strafen. Aber während sie sich seiner Gerechtigkeit in Demut und Vertrauen unterworfen hätte, schauderte sie vor der Willkür des Königs zurück. Dieser indessen beraubte sie nur zu schnell der tröstlichen Gegenwart des geistlichen Vaters. Mit bebender Stimme, als zähle auch der Primas zu den Ursachen seiner entfesselten Wut, fuhr er diesen an: »Du, Erzbischof, sollst meinen Palast nicht verlassen, das befehle ich dir bei meinem königlichen Zorn, sondern warte du im Vorzimmer, wann ich deiner bedarf!«

Der Primas verneigte sich ein wenig, indem er für die Dauer eines Atemzuges die Augen niederschlug und die Schleppe seines Gewandes mit der Rechten ergriff, bedeutete dann dem jungen Grafen, dass er ihn begleiten solle, und verliess mit diesem das Zimmer der Königin.

Als Vorjahren der Erzbischof Očko von Wlasim gestorben war, gedachte König Wenzel sich einen Primas zu wählen, an dem er seine Lust haben würde; hatte er doch das strenge geistliche Regiment des selig Entschlafenen nur im Hinblick auf dessen hohes Alter ohne Widerspruch ertragen, indem er erwarten konnte, dass der Tod bald genug den welken Händen den Krummstab entreissen würde. Inzwischen aber hatte er in seinem Herzen schon' denjenigen unter den Prager Domherren herausgefunden, der alltäglich die fürstlichste Tafel hielt, der auf ungebändigten Hengsten und mit glänzendem Gefolge siegreich zu Spiel und Fehde auszog, der es durch die Schärfe und Zurückhaltung seines Geistes verstand, mit seinen tugendhaften wie verderbten Brüdern im guten Einvernehmen zu leben, und von dessen galanten Abenteuern auch manche ergötzliche Geschichte an der königlichen Tafel zur Würze des Nachtisches erzählt worden war. Adalbert von Jenstein, diesen vollendeten Weltmann im geistlichen Gewand, hatte sich Wenzel ausersehen, um in dem obersten Kirchenfürsten Böhmens einen Genossen, nicht aber einen Widersacher neben sich zu haben. So häufte er bei dem Tode des tugendhaften Očko auf Adalbert zugleich die Würde des Kanzlers mit der des Metropoliten, um vieles erleichtert, das Urbild fleischgewordener Gerechtigkeit durch seinen beständigen Anblick nicht länger als Ärgernis in der eigenen lasterhaften Brust empfinden zu müssen, ja, er beglückwünschte sich selbst um des neuen Teilnehmers seiner Freuden willen, von dessen Geist und Witz zudem das Beste zu erwarten war. In den ersten Jahren seiner Regierung legte König Wenzel noch einigen Wert auf die Verfeinerung des Genusses, den er erst mit den hereinbrechenden Misserfolgen in der Reichspolitik, und nachdem er unter seinesgleichen unsicher und haltlos geworden, bei immer plumperen Männern und frivoleren Frauen suchte.

Indessen blieb dem König wie anderen vor ihm die bittere Erfahrung nicht erspart, dass, während er selbst seinem Erkorenen den Hirtenstab in die ritterlich kraftvolle und zugleich feine Hand drückt, Gott zu Zeiten die innere Wandlung wirkt und den neuen Hirten seiner Schafe mit Tugend, Weisheit und Vollkommenheit bekleidet.

Am Tage seines Einzuges in Prag Hess Erzbischof Adalbert von Jenstein dem Volke öffentlich verkünden, dass er lieber seine hohe Würde wieder preisgeben wolle, als die Kirche seines geliebten Vaterlandes lässig zu regieren oder gar zu dulden, dass die Fäulnis in derselben zum fressenden Gift anwachse. Im geheimen aber lief ein Gerücht von Mund zu Mund, dass der Erzbischof in bitterer Reue seines verflossenen weltlichen Wandels halber sich den Bussgürtel um den verwöhnten Leib gelegt habe.

Und wahrlich, wer ihn von Stund an im Dom die heilige Messe feiern sah, der konnte nicht lange im Zweifel darüber bleiben, ob dieser Mann seine Nächte in der Lust des Fleisches oder auch in trägem Schlaf verbrachte, oder aber ob er wachend und betend vom Abend bis zum dämmernden Morgen um die Gaben des Geistes rang.

Der getäuschte König aber, der in seinem Primas von dem himmlischen König überwunden war, grollte dem bekehrten Priester, und da er nicht wagen durfte, an seine Mitra zu tasten, entzog er dem Treulosen das böhmische Staatssiegel und seine königliche Gunst. Mit dem ersteren betraute er Hinko Kluk, den vom Prager Domkapitel wegen Anhängerschaft an den schismatischen Papst seines Amtes entsetzten Domdechanten, den er selbst zum Propst von Lübeck gemacht hatte, und bei dem er freilich gewiss sein konnte, seine Freundschaft nicht einem heimlichen Asketen geschenkt zu haben.

So verhasst Königin Offnei zu anderen Zeiten der Anblick dieses Kanzlers war, so blieb seine Anwesenheit in der gegenwärtigen Stunde ihre einzige Hoffnung, einem bedrohlichen Alleinsein mit dem Könige zu entgehen, aus dessen zorngerötetem Antlitz ihr unerklärliche, aber vernichtende Gefahren entgegen zu sprühen schienen. Aber auch dieser Hoffnung wurde sie unverzüglich beraubt, indem der König flüsternd und zischelnd dem Kanzler einen Befehl zuraunte, worauf dieser mit einer tiefen Verbeugung gegen die Königin das Zimmer verliess.

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, fühlte Offnei den Schlag ihres Herzens aussetzen, und noch einmal zermarterte sie in einem einzigen Augenblick den Kreis ihrer Erinnerungen, wann und wodurch sie irgendeine dunkle Schuld gegen ihren Gatten auf sich geladen haben könnte, und da sie sich trotz peinlichsten Anmahnens auf keine solche besinnen konnte, fragte sie sich unaufhörlich, ob es besser sein würde, seine Anklage abzuwarten oder aber sich unverklagt zu seinen Füssen hinzuwerfen und seine Gnade anzuflehen.

Der König aber, als er sich mit Offnei allein sah, suchte die durch Wut und Bosheit scheussliche Verzerrung seines Gesichtes in ein Lächeln zu verkehren und wusste nicht, dass solches Lächeln nur um so grösseres Grauen in jeder menschlichen Brust erregen musste. Er fasste Offnei bei ihrer eiskalten Hand, zog sie neben sich auf den Diwan und gab ihr somit zu verstehen, dass er gekommen war, eine Schäferstunde mit ihr zu halten.

»Meine Taube, mein scheues Reh,« sagte er, indem er seinen Arm um ihren Nacken legte; aber die honigsüssen Worte nahmen auf seinen Lippen den wideren Geschmack verborgener Verwesung an; »meine keusche Wonne darf ihrem Gatten nicht zürnen, wenn er sie einige Zeit grausam vernachlässigt hat.«

Diese unerwartet zärtliche Anrede stürzte Offnei in eine neue, nur um so grössere Verwirrung.

Hatte sie nicht bis zu diesem Augenblick nur seinen Zorn gefürchtet, seine Zärtlichkeit aber als eine Bestätigung erfüllter Pflichten erhofft und erbeten? Warum bebte sie nun vor seiner Berührung mit tieferem Entsetzen zurück, als wenn er ihr mit heftiger und ungerechter Anklage genaht wäre? Ach, sie war gewiss eine törichte und liebelose Gattin und ihrem heiligen Eheversprechen recht untreu, demzufolge ihr Gatte allezeit ihre Liebe und Sanftmut erwarten konnte! Sie aber entzog sich ihm, wenn er ihrer vielleicht am meisten bedurfte; denn geziemte es ihr, zu fragen, ob etwa eine schlechte Post, die trotzigen, schwäbischen Städte betreffend, ob die Treulosigkeit eines Fürsten oder die Hartnäckigkeit der Pfaffen sein Angesicht entstellt hatte?

»Küsse mich, meine Süssigkeit,« drang Wenzel in sie, »küsse mich, mein immerwährendes Entzücken!«

Gehorsam hob Offnei den Kopf und drückte einen leichten Kuss auf seine Wange, wiewohl er ihr den Mund gereicht hatte.

»Fürchte dich nicht, mein zitterndes Reh,« sagte Wenzel, und ein seltsam kicherndes Lachen begleitete seine Worte, als habe er nächtlicherweile einen' Feind überlistet, » fürchte dich nicht, heute abend deine süssen Lippen dem Kusse deines Gatten hinzugeben! Wir haben keine Mitwisser mehr; unsere Geheimnisse versenke ich tief unter die Erde, wo sie schweigen müssen, wie nur das Grab schweigen kann, und« –setzte er mit einer heftigen Gebärde seiner Hand hinzu – »wo auch das Denken aufhört. Ich dulde es nicht, das seines Menschen Gedanken frech und lüstern an der Schändung meines Ehebettes herumtasten.«

Offnei erbebte. »Wovon spricht mein Gemahl?« fragte sie.

»Ei, ich musste eines vorwitzigen und widerspenstigen Bauernschädels gedenken!« sagte der König leichthin, trocknete sich aber den Schweiss von der Stirn. Dann näherte er von neuem seine begehrlichen Lippen Offneis zartem, kühlem Gesicht. Sie schlang die Hände ineinander, als suche sie Stütze und Widerstand, die Küsse ihres Gatten zu ertragen; aber nur einen Augenblick fühlte sie den Hauch seines Mundes in flüchtiger Berührung auf ihren Lippen; dann sprang der König auf, ging eiligen Schrittes an die verhangenen Fenster und schien die Arbeit des Kammerdieners zu prüfen, ob auch kein Spalt den Blick auf die nächtliche Stadt gewähre. Offnei folgte jeder seiner Bewegungen, ohne eine vernünftige Ausdeutung dafür zu finden. Als Wenzel zu ihr zurückgekehrt war, fragte er mit Misstrauen und Feindseligkeit in Blick und Stimme:

»Wo warst du heute um die Stunde der Dämmerung, Sophie?«

»Herr, ich war zur heiligen Beichte, wie Ihr mir befohlen hattet!« antwortete Offnei.

»So! Hatte ich dir befohlen, zur Beichte zu gehen?« wiederholte er in scharfem Ton.

»Hatte ich dir auch befohlen, während einer vollen Stunde dem Vikar in den Ohren zu liegen, als hättest du die Generalbeichte eines liederlichen Lebens abzulegen? Und warum hast du geweint während der Beichte?«

Offnei schwieg und sah ihren Gatten hilflos, aber ohne Trotz solch unziemlicher Fragen halber an.

»Was hattest du dem Vikar zu sagen?« fragte der König weiter.

»Nichts, Herr!« stammelte Offnei.

»Nichts,« lachte er ihr hässlich entgegen, »nichts? Und dazu bedurfte es einer so langen Zeit? Dass du es nur weisst, Sophie, der Vikar hat mir alles gestanden, was du ihm anvertraut hast, alles!«

»Herr –?« entgegnete Offnei halb fragend, halb ergeben darein, dass ihr Gatte nun einmal wunderliche Dinge am heutigen Abend sage, die verstehen zu wollen gewiss ganz ohne Frucht sein würde.

»Was hast du getan?« schrie Wenzel und fasste die junge Königin hart an den Schultern. »Was hast du getan? Aus deinem eigenen Munde will ich das Bekenntnis hören.«

»Ja, Herr!« antwortete Offnei; denn sie glaubte nicht anders als dass ihr Gatte die kleinen Sündenbekenntnisse von ihr verlange, die sie von Zeit zu Zeit vor dem Vikar abgelegt hatte. Wenzel liess Offnei los und wartete zitternd vor Brunst und Begierde auf die ersten Worte, die nun über ihre Lippen kommen würden, über diese unschuldigen Lippen, auf die er seine brennenden Augen heftete, als könne er schon einen Augenblick, bevor sie seinem Ohr vernehmbar sprechen würden, das Geständnis der Untreue davon ablesen.

Offnei seufzte erleichtert auf, einmal, weil sie sich von dem rohen Griff seiner Hände befreit fühlte, dann aber auch, weil sie glaubte, nun in Wahrheit die aufgeregten Sinne ihres Gatten durch eine getreue Wiederholung alles dessen, was sie dem Vikar hin und wieder zu beichten hatte, beruhigen zu können. »Heute,« begann Offnei, – »das könnt Ihr mir glauben, mein Gemahl! – heute wusste ich dem Vikar nichts Unvergebnes zu sagen; aber als ich verwichene Woche ohne Euren Befehl zur heiligen Beichte ging –«

»Verwichene Woche,« wiederholte er gierig, indem seine feuchten Lippen, die nicht länger von einem vernünftigen Willen regiert wurden, planlos auf und nieder gingen, »was hast du verwichene Woche dem Vikar gebeichtet?«

Offnei, die das Missverhältnis in der Spannung ihres Gatten und dem Inhalt ihrer Bekenntnisse nicht bemerkte, sagte stotternd und mit niedergeschlagenen Augen:

»Ihr hattet mich einige Tage zuvor hart angelassen, mein Gemahl, weil ich, wie Ihr sagtet, mit meinen Gedanken im Louvre statt auf dem Hradschin lebe, wo sie doch gebührenderweise hingehören, und weil ich Euch minder zärtlich empfangen hatte, als Ihr nach einer Entfernung von einer vollen Woche von mir erwarten durftet; ich aber verstockte mein Herz in Trotz gegen Euch und dachte, dass Ihr, wenn Ihr Euch zu Zeiten von mir wendet, Euch billig nicht verwundern könnt, wenn ich –«

»Wenn du, – gestehe! – wenn du –!« Und wieder kam er näher auf sie zu und tastete mit zitternder Hand nach den Falten ihres Ärmels.

»Wenn ich minder Eurer gedenke,« sagte Offnei mit traurigem Lächeln, »oder wohl gar versuche, den Gram um Eure Abkehr in gefälligem Spiel und angenehmer Unterhaltung zu vergessen.«

König Wenzel biss die Zähne aufeinander; keuchend hob und senkte sich seine Brust, und ein heftiges Zucken fuhr fort, sein Angesicht zu verzerren. Die Unschuld der Königin konnte seiner unglücklichen Seele keinen Frieden mehr bringen.

Offnei sah ihn fragend an, unschlüssig, ob sie ihre Geständnisse fortsetzen solle. Als er schwieg, begann sie zögernd von neuem:

»Der Vikar hat mich getröstet und mir gesagt, dass das menschliche Herz sich von Natur gar leicht verhärte, dass ich indessen mit Hilfe des flammenden Jesusherzens nicht aufhören solle . . .«

Wenzel, da er vor grosser Bewegung der Sprache nicht mächtig war, wehrte Offneis Rede lebhaft mit der Hand ab; denn es vergrösserte seine Qual, wenn sie zu sprechen fortfuhr.

Die junge Königin legte besänftigend ihre Hand auf den Arm des Königs. Ein unklares Gefühl überkam sie, als wäre er – der Gegenstand ihrer Furcht und kindlichen Scheu –auch ihres Mitleids und einer mütterlichen Fürsorge nicht unwert. Aber das heimliche Grauen, das sie vor ihrem Gatten empfand, und dessen Quelle ihr selbst verborgen war, liess sie dieser erbarmenden Regung ihres Herzens nur spärlichen Ausdruck verleihen. Indessen fasste sich der König, küsste Offnei auf die Stirn und sagte:

»Du bist mein gutes Kind, du sollst von nun an nicht länger gegen deinen Gatten Klage führen müssen.«

Aber als er sich wiederum neben Offnei hingesetzt hatte, auch ihre Hand in der seinen hielt und diese zärtlich, obzwar ein wenig hastig streichelte, mochten wohl seine Gedanken von neuem den Weg vom Glauben an Offneis süsse Worte, an ihr Wesen und ihre Gebärde zum nagenden Misstrauen und empörten Unglauben nehmen. König Wenzel, dem selbst die Gabe versagt war, hinter geschlossener Stirn seine Gedanken zu verbergen, glaubte seine Umgebung allzu leicht und in zu hohem Masse im Besitze dieser Kunst.

Als habe er einen eklen Tierleib im Irrtum der Sinne geliebkost, stiess er plötzlich Offneis Hand von sich; seine Augen traten aus den Höhlen, und mit heiserer Stimme schrie er ihr entgegen: »Du verbuhlte Katze, fahre zur Hölle mit dem Schleim deiner Lügen auf den heuchlerischen Lippen!« Damit sprang er seiner Beute an die Kehle; Offnei aber rief laut um Hilfe, und die eilige Dazwischenkunft des Erzbischofs wie ihres Freundes befreite sie von dem wahnsinnigen Gatten, dem das Entsetzen auf dem Antlitz der Eintretenden Fassung, wenn nicht gar ein wenig Scham zurückgab.

Die strenge Falte zwischen den Augenbrauen des Erzbischofs schien tiefer und bedrohlicher eingegraben als zu anderen Zeiten, und nicht Offneis angstvoller Ruf allein konnte in diesem Augenblick seinen Zügen solche richterliche Strenge aufgeprägt haben; auch die tödliche Blässe des jungen Grafen bedeutete mehr als die plötzliche Erkenntnis einer Gefahr, bedeutete, dass seine Augen einen Abgrund vor sich gesehen hatten, der ihnen bisher verborgen gewesen war, den aber der Erzbischof unbarmherzig um des geistigen Heiles willen in der rinnenden Stunde aufgedeckt haben musste.

»Es fügt sich,« hatte Adalbert von Jenstein im Vorzimmer der Königin seine Unterredung mit dem Grafen von Rosenberg begonnen, »dass ich mich Eurer Gegenwart, Herr Graf, erfreue, ohne Euch durch eine besondere Einladung in meine Nähe gerufen zu haben. Ich will also diese Stunde nicht ungenützt vorübergehen lassen; denn sie möchte uns und anderen zum Schaden nicht zu uns zurückkommen.«

Der Erzbischof hielt, während er sprach, seine Augen auf den Boden geheftet und richtete seinen Blick, nur wenn er sich unterbrach, mit dem Ausdruck unerbittlichen Ernstes auf den Grafen. Dieser verharrte in ehrfürchtigem Schweigen, ohne auch in seinen Gedanken ein vorschnelles Urteil zu fassen, wohin der Primas mit seiner Rede zielen möchte.

»Es wird Euch bekannt sein,« fuhr dieser fort, »dass unser König in diesen letzten Zeiten mehr denn jemals zum beklagenswerten Opfer seiner verhängnisvollen Leidenschaften geworden ist, so dass denn das Leben aller Guten, dies einem Wandel widerstreiten, nicht länger von einem irdischen Gesetz geschützt wird, sondern allein in der schützenden Hand Gottes steht. Da wir indessen nicht aufhören dürfen, zu hoffen, dass – durch die Kraft des entscheidenden Willens, die Gott dem Menschen gegeben hat, damit er ihn zur Verantwortung ziehen könne – » unser König sich aus der Nacht seines Irrtums befreit, so müssen auch wir peinlicher denn zuvor mit dem eigenen Gewissen ins Gericht gehen; denn nur die lauterste Schuldlosigkeit vor Gottes und der Menschen Angesicht auf der Verfolgten Seite kann dem König die Kluft deutlich machen, die schon auf Erden zwischen Guten und Bösen besteht. Es wird Euch im besonderen bekannt sein, Herr Graf, dass der König meinen Vikar hart bedrängt, indem er, den unerhörten Frevel solcher Forderung nicht achtend, von ihm unter schrecklichen Drohungen verlangt, das Geheimnis der heiligen Beichte zu brechen.«

Der Erzbischof hielt einen Augenblick inne und sah glühenden, fest schwärmerischen Blickes zum Himmel.

»Und wenn auch die Sünde blutrot wäre,« sagte er mit bebender Stimme, »so soll dennoch dem Sünder, der den Frieden sucht, im Beichtstuhl eine Stätte bereitet sein, die dem Wohnplatz der Seligkeit gleicht, wo mit der Vergebung auch Makel und Schande getilgt sind.«

»Der König«, sprach nach kurzer Stille der Primas in seiner gewohnten, düsteren Strenge weiter, »wünscht von dem Vikar die Bekenntnisse der Königin zu hören, da er ihrer Keuschheit und ehelichen Treue misstraut.« »Hochwürdiger Vater,« fuhr Heinrich entsetzt auf, »es ist unmöglich, dieser Frau, die mehr ein Engel als ein Weib ist, nicht zu glauben!«

»Ihr seid ein warmer Fürsprecher, Herr Graf, und ich entnehme der Wärme Eures Anteils einige Hoffnung, dass Ihr bereit sein werdet, der Königin den Dienst zu erweisen, den ich im Begriff bin, von Euch zu fordern.« Während Heinrich durch eine lebhafte Gebärde zu verstehen gab, dass er Leib und Leben, vielleicht auch Ehre und Seligkeit für die geliebte Königin in die Scharize schlagen werde, bedeutete ihm der Erzbischof nicht ohne Ungeduld, dass er warten müsse, was man von ihm verlange, dass er sich aber nicht laut und voreilig zum Märtyrer und Helden machen solle. Dazu drängte es ihn, von nichts anderem als von seiner Bewegung unterbrochen, in seiner Rede fortfahren zu können, und wenn immer er, indem er sprach, des Vikars gedachte, wandelte sich die Schärfe seines Tons in unendliche Milde; sein unnahbares Gesicht nahm den Ausdruck rührender Innigkeit an, und leise Seufzer begleiteten kaum hörbar seine traurigen, sorgenvollen Worte: »Der Vikar befürchtet, dass der König ihm kein weiteres Mal gestatten werde, im Gehorsam gegen Gott und die heilige Kirche zu schweigen; er bereitet seine Seele auf den Eingang in die Ewigkeit vor und ist bei Nacht und Tage des vom König gedungenen Mörders gewärtig. Die Schrecken vor einem gewaltsamen Tode, die der menschlichen Natur ohne Wahl eigen sind, hat die Kraft seines Gebetes überwunden, und als ein treuer Hirte seiner Schafe gedenkt er in seinen enteilenden Lebensstunden nicht länger des eigenen Heils, sondern gedenkt seiner Beichtkinder, wo etwa eines in Gefahr der Seele sein könnte. Es gibt Gefahren, die der Sünder an ihrem Dunstkreis wittert, die aber dem Unschuldigen verborgen sind, bis sie eines Tages das vertrauende, unbewachte Herz schuldig gemacht haben.«

Die Stirn des Erzbischofs verfinsterte sich, als er fortfuhr:

»Ich, der ich niemals als Beichtvater die Gedanken der Königin erforscht habe, weiss nicht, ob schon ein Strahl der Erkenntnis des Guten und Bösen in ihrer Brust aufgegangen ist. Aus der Hand des Vikars habe ich nichts empfangen als die väterliche Sorge für ein spielendes Kind, das unbekümmert nach allen bunten und duftenden Blumen greift, das indessen diejenigen nicht zu unterscheiden vermag, die inwendig voller Gift und Schärfe sind. Herr Graf, lasset nicht die Stunde kommen, in der das Herz der jungen Königin sich von ihrem eklen Gatten abwendet, Euch aber, der Ihr ein edler, herrlicher Jüngling und dazu ihr täglicher Gespiele seid, in heissem Begehren entgegenschlägt; denn es ist Sünde!«

Der Erzbischof schwieg und überliess den Grafen dem Ansturm seiner Gefühle, der ihn des Atems beraubte. Der Strahl der Erkenntnis, von dem der Kirchenfürst wenige Augenblicke zuvor gesprochen hatte, war in seine eigene Seele gefallen, und bevor er den Stachel der Sünde empfand, kostete er ihre Süssigkeit und gedachte Offneis nicht länger als der Gemahlin seines Herrn und Königs, sondern als eines lieblichen jungen Weibes, dessen Besitz süsser sein musste als der Besitz der himmlischen Wonne.

Als der Erzbischof aufstand, erhob auch Heinrich sich von seinem Sessel, hielt aber das Haupt tief gesenkt und liess durch keine äussere Bewegung erkennen, was in seinem Innern zu verlangendem Leben erwacht war. Gütig legte Adalbert von Jenstein seine Hand auf die Schulter des Ritters, indem er sagte:

»Sie werden unsere Hauptstadt verlassen, lieber Graf, um der Unschuld einer knospenhaften Seele willen, und weil es des Königs Ehre gilt!«

Bei diesen Worten sah Heinrich dem Primas ins Gesicht, erinnerte sich seiner Pflichten als Christ und als Edelmann und antwortete ohne Zögern:

»Ich werde mir am morgenden Tage von des Königs Majestät eine Gesandtschaft an den französischen Hof erbitten.«

Nachdem dieses Gespräch zwischen dem Erzbischof und dem Grafen von Rosenberg vollendet war, nahmen sie schweigend ihre Plätze wieder ein, und jeder hing dem ungleichen Zug seiner Gedanken nach, bis Offneis Hilferuf den gesponnenen Faden durchschnitt, und beide in grosser Eile und Bestürzung das Zimmer der Königin betraten.

König Wenzel warf sich mit einem Fluche über das falsche Weibergeschlecht in den Armstuhl und glaubte unter seiner Derbheit das peinliche Gefühl zu verbergen, das ihn überkam, jetzt, als er sich bewusst war, dass er seine Hand gegen Offnei erhoben hatte.

Indessen ging der Erzbischof auf die zitternde Königin zu, hiess sie niedersitzen und sagte ernst:

»Frau Königin, suchet Euch zu fassen! Diese Nacht erhitzt unser Blut in seltsam bedrohlicher Weise; sie wird vorübergehen.«

Der König fuhr bei solchen Worten auf und stierte den Primas mit flackernden Augen an. »Was weisst du von dieser Nacht, Erzbischof?« kam es ihm aus trockener Kehle; »diese Nacht ist allen anderen gleich.«

»So empfehle ich Eurer königlichen Majestät, sich zum Schlafen niederzulegen,« antwortete der Primas kalt und wandte sich von neuem zu Offnei, indem er ihr Ruhe und Fassung zusprach, wiewohl seine Augen fragend und nicht ohne Vorwurf auf ihr verweilten.

Der König, der nur die gesprochenen Worte zu hören verstand, nicht aber die richterliche Haltung wahrnahm, die der Primas auch dem Schicksal der Königin entgegensetzte, fühlte sich zugunsten seines Weibes verachtet und gehöhnt und bändigte die Unruhe seines Blutes durch gemeine Verstocktheit, durch den unedlen Trotz eines niedrigen Verbrechers, bis er den traurigen Sieg über seine Natur errungen hatte, dass er an seinem eignen, noch unvollendeten Frevel zu lästern vermochte.

Heinrich aber, der die geliebte Königin zum ersten Male ansah, ihrer zu begehren, begriff die Gerechtigkeit der Forderung des Erzbischofs; aber er begriff auch ihre Härte. Fremde Gedanken und neue, süsse Gefühle verwirrten schon in dieser ersten Stunde, da er sich der Unschuld beraubt sah, die Klarheit seines Wesens, und mit glühender Wissbegierde begann er den Gesprächen nachzudenken, die Offnei mit dem Vikar geführt haben mochte.

Mischte sich sein Name ohne ihr Wissen und Wollen in ihre Bekenntnisse? Sprach sie von ihm, wenn immer sie einer Freude, einer Hoffnung, einer Sehnsucht gedachte? Und er? Würde er mit sanftem Werben Macht genug besitzen, die verborgene Neigung des Herzens zur beschämten Verwirrung, zur offenen Leidenschaft anzufachen?

O, er wusste: Wenn er von nun an in Offneis Nähe verblieb, seine sehnsüchtigen Gedanken gestatteten ihm länger keine Ruhe und Reinheit! Jedes Wort, das er sprechen, jedes Lied, das er singen würde, könnte nur auf ungleiche Weise den immer gleichen Sehnsuchtsruf seines Herzens ausdrücken: »Offnei, Offnei, wach auf!« Aber indem er ihres Erwachens gedachte, legte sich die Leidenschaft wie dunkle Nacht vor seine Augen.

»Auch Sie, Herr Graf, sollten sich einen Platz in unserem Kreise suchen!« redete ihn der Erzbischof eindringlich an. Er erriet die Verwirrung der Gefühle in Heinrichs Brust und wollte seiner Jugend zu Hilfe kommen.

Heinrich errötete, folgte der Weisung, und indem sein Blick den König traf, empfand er mit Entsetzen, auf wie leisen Sohlen der Mensch den verhängnisvollen Schritt vom Guten zum Bösen vollzieht, empfand, dass es keines grauenhaften Entschlusses, keiner trotzigen Wahl bedarf, um sich eines Tages aus der Gemeinschaft der Reinen gestossen zu sehen und das Brandmal der Todsünde auf seiner Stirn zu tragen.

Indessen erschien der Kanzler im Rahmen der Tür, die er leise hinter sich ins Schloss zog; seine sehmächtige, geneigte Gestalt schien eifriger als gewöhnlich den Erdboden mit dem Blick zu suchen; die schmalen Lippen hielt er fest aufeinander gepresst, und der höhnische Zug darauf, den jedes Prager Kind fürchtete, war einer unwilligen Verbissenheit gewichen. Indem er näher trat, erschien es deutlich, dass er seinem königlichen Herrn eine Botschaft zu überbringen hatte, für die er nur einen Hörer – den König – wünschenswert erfand. Dieser, durch die Gegenwart des Primas zu frechem Trotz gereizt, sprang auf und rief dem Kanzler ermutigend entgegen:

»Melde, mein Hinko, was immer Erspriessliches oder Bedrohliches in unserer Hauptstadt geschehen sein mag!«

Der Kanzler sah Wenzel mit ungewohnter Aufrichtigkeit ins Gesicht und sagte: »Ich halte mich an die besonderen Befehle Eurer königlichen Majestät, indem ich für meinen Bericht eine geheime Audienz erbitte.«

»Melde!« schrie Wenzel, den die Zurückhaltung Hinkos wie eine Missachtung erboste und um die letzte Scheu brachte, »ich befehle es! Ich bin der König!«

Die starren Augen des Kanzlers schienen die leere Luft zu durchbohren, als er gleichförmigen Tones meldete:

»Der Generalvikar, Doktor Johannes von Nepomuk, hat seinen letzten Lebenstag beschlossen.«

Die weichmütige Königin brach unverzüglich in heisse Tränen aus. Heinrich erbebte bis ins Innerste, denn ein Gefühl überkam ihn, als sei er mitschuldig an dem Tode eines Gerechten. Aber auf dem Antlitz des Erzbischofs kämpften Schmerz und Zorn einen unheilverkündenden Kampf.

Der Kanzler wandte sein bleiches Gesicht dem König zu, sah ihn ernst und bittend an, als wolle er ihm zur Mahnung entgegenrufen: » König, halt ein! Es ist ein grauenvolles Ding, einen guten Menschen zu morden.«

Aber König Wenzel wollte die seinem feigen Blute mit Mühe abgerungene Stunde des Übermutes bis zu ihrem schlimmen Ende auskosten und sagte spottend:

»Erzähle, Kanzler, von dem Tode des geliebten Vikars!«

Hinko machte eine Bewegung mit der Hand, die seinen Anteil an der Verhöhnung einer Bluttat abwehren sollte, deren Vollendung allein das Mass seiner eigenen Schlechtigkeit überstiegen hatte.

»Der Vikar, der, vom Fasten und Beten geschwächt, nur schwer auf den Füssen zu stehen vermochte,« erzählte Hinko, »verlangte nach einer Stärkung auf den Weg; ich befahl, ihm Brot und Wein zureichen, worauf er die Hände faltete, die Augen zum Himmel aufhob, und, der Feier des Tagesheiligen gedenkend, sprach er St. Benedikts Tischgebet: ,Der König der ewigen Herrlichkeit schenke uns Teil am himmlischen Mahle.' Danach nahm er von beidem, brach das Brot und trank den Wein und schritt von dannen.«

Der Kanzler, der seine Rede nur mühsam hervorgestossen hatte, fühlte sich, als er des letzten Ganges gedachte, vollends von aller Kraft verlassen. Er setzte sich, ächzte wie ein Kranker und suchte vergeblich nach Worten, in seiner Rede fortzufahren.

Aber schon hatte sich der Erzbischof von seinem Sitz erhoben und die Trauer um den Toten weit von sich getan. Hoch aufgerichtet stand er da wie ein Prophet des alten Bundes. Aus seinen Augen sprühten Blitze, und die Röte des Zornes bedeckte ihm Stirn und Wangen. Dem König aber erstarb der Hohn auf den Lippen. Er fühlte sich mit Grauen wiederum der Verfolgung preisgegeben, in die seine unglückliche Seele durch die Taten seiner Leidenschaft getrieben wurde.

»Wehe dir, König von Böhmenland,« fing der Primas mit drohender Gebärde zu reden an, »wenn die erste Sonne über deinem Frevel aufgeht! Ich werde die Kerzen im Dome deiner Stadt verlöschen und dich ausstossen aus dem Kreise menschlicher Gemeinschaft und göttlicher Gnade. Dich und dein Land will ich verfluchen in Speise und Trank, Saat und Ernte, Weg und Markt, Rede und Schrift, Leben und Sterben. Da wird kein Toter, soweit die böhmische Zunge spricht, in geweihter Erde begraben werden; da wird nicht Mann und Weib, die es begehren, durch Priesterspruch zur Ehe verbunden werden; da wird der jammernde Säugling ungetauft vom Schoss der Mutter in den Schoss der Erde fahren. Wenn sie aber vor mich kommen mit ihren Klagen und hungriger sind nach dem Segen meiner Hände denn nach einem Bissen Brot, so will ich ihnen antworten: Euer König hat einen Heiligen gemordet!«

»Du lügst!« schrie Wenzel auf, als habe ihn der Biss einer Schlange getroffen. »Ich habe einen Untertan gezüchtigt; dieser widerspenstige Vikar hat in seiner Bosheit die Rache aus meiner Brust und sich selbst auf den steifen Nacken gerissen.« Der König lachte grell auf: »Ein Heiliger!« Dann, als er der Unterredungen mit dem Vikar gedachte, irrten seine Augen unstät vom Primas zu Offnei, von Offnei zum Kanzler hin und her. »Wäre er nur in Wahrheit ein Christ gewesen, er hätte mich nicht bei Nacht und Tage wie einen Bettler vor sich stehen lassen. Habe ich nicht dem reichen Manne in der Hölle gleich nur einen Tropfen Wasser begehrt, meine brennende Zunge zu kühlen? Warum hat er mir nicht den Trunk gereicht, nach dem ich verschmachtete? Warum hat er mir nicht aus Erbarmen geantwortet: König, habe Frieden, dein Weib ist treu; solches sind ihre Bekenntnisse! War er nicht der einzige lebende Mensch, der die Wahrheit in seiner Brust verschloss? Aber mit doppelzüngiger Rede, dass er die Geheimnisse seiner Beichtkinder bewahren müsse, und mit der Fratze eines Märtyrers hat er mich grinsend meiner Qual überlassen. Was Wunder, dass ich ihn zerfleischt habe!«

Der Erzbischof verharrte in düsterem Schweigen, Hinko Kluk hielt das Haupt gesenkt, Heinrich aber konnte den Blick nicht von Offnei wenden, deren Tränenstrom versiegt war, und die nun mit wogender Brust, mit leuchtenden Augen und weiss wie Schnee im fahlen Schein der Lampe stand.

Während es also still geworden war auf dem Hradschin, brandeten immer deutlicher vernehmbar die Wogen eines vielstimmigen Brausens an die breiten Mauern des thronenden Palastes. Von den Ufern der Moldau schwangen die Töne sich auf, verstärkten sich in den Strassen der Kleinseite, zogen siegreich durch die gesperrten Tore und die verhängten Fenster in das Schloss ein und breiteten sich im Zimmer der Königin Gehör erheischend aus. Da klang es wie der brünstige Gesang von Litaneien, es klang wie Jauchzen und Flehen, wie Empörung und Rachegeschrei in wildem Gemenge, daraus sich endlich aus tausend Kehlen zugleich ein einziger, sehnsüchtig gewaltiger Hilferuf heraushob: »Bitte für uns! Bitte für uns!«

»Was geht vor?« fragte der Erzbischof, indem er König und Kanzler mit finstern Blicken ansah.

»Als die Moldau den Körper des Vikars empfangen hatte,« erzählte Hinko Kluk mit leiser Stimme, »begannen ihre Wogen von Zoll zu Zoll zu fallen und legten bereits an den Ufern das Flussbett frei.«

»Mach mich nicht wahnsinnig, Kanzler!« schrie Wenzel, stürzte an das Fenster und riss mit eigener Hand die Vorhänge herunter, dass die Fetzen zu beiden Seiten flogen. Er lehnte sich weit hinaus, prallte aber im selben Augenblick entsetzt zurück. König Wenzel war kein Held, der sich unterfängt, mit Göttern zu streiten und gegen sie anzulästern. Wenn der himmlische König seine Majestät offenbarte, fiel sein Königtum wie ein loser Mantel von ihm ab, war er der Wurm im Staube, die zitternde Kreatur, der vor der Sprache ihres Herrn und Meisters graut.

Auf dem schmalen Wasserstreifen, der in der Mitte des Flusses zurückgeblieben war, lagerten, soweit das Auge sehen konnte, himmlische Lichter in Form von Feuerflammen und erleuchteten den Fluss und seine Ufer. Unterhalb der Karlsbrücke hatten die Wellen bereits sorgsam und zärtlich den heiligen Leichnam, den fünf Sterne umkränzten, in den frischen Sand gelegt, in ihr eigenes Bett, das sie verlassen mussten, um ein so kostbares Kleinod wohl zu bergen. Da drängte sich denn die Menge des Volkes, das Wunder zu schauen, und ein jeder seinen Teil davon zu empfangen. Die Kreuzherren mit dem roten Herzen, unter deren Fenstern der Heilige gestorben und verklärt war, bildeten eine schützende Mauer um den Toten und wehrten, soweit sie es vermochten, den anstürmenden Menschenmassen, die sich nicht immer damit begnügen wollten, die Fingerspitzen an den Saum seines Kleides zu legen, sondern ein Stück davon begehrten, um das dann der Streit mit einer Heftigkeit losbrach, als gälte es das väterliche Erbteil. Dazwischen erklangen Klagelieder um den Tod des Verklärten, Jubellieder des grossen Zeichens halber, das an ihm vom Himmel geschehen war, Bittgesänge und Hilferufe, dass der neue Heilige seinen einstigen Mitbürgern gnädig sein möchte vor dem Throne Gottes, wo er jetzt in seiner Glorie stand. Da war kein Haus in der grossen Stadt Prag, das sich nicht von seinen Bewohnern verlassen sah. Wer nicht durch Krankheit oder Hilflosigkeit an sein Bett gefesselt war, der drängte an das Ufer der Moldau und tauchte seine Hände in den heiligen Fluss und brachte seine Klagen vor den geöffneten Himmel und betete an.

Die Wachtposten spotteten indessen auf dem Hradschin über die Befehle des Königs, nach denen sie mit Piken und Pfeilen und ohne Gnade alle vorwitzigen Botschafter empfangen sollten, die etwa in dieser Nacht mit wichtigen Zeitungen aus der Stadt ins Schloss und aus dem Schloss in die Stadt kommen möchten. Da war aber kein Kundschafter ausgegangen, noch hatte einer Einlass begehrt, und doch konnte im wohl verwahrten Königspalast ein jeder von den grossen Dingen erzählen, die auf der Karlsbrücke geschehen waren, konnte erzählen, dass König Wenzel den heiligen Nepomuk habe ertränken lassen, dass dieser aber Kranke heile und Tote auferwecke. Tief in sich zusammengesunken, wie ein Geschlagener und Besiegter sass der Heiligenmörder da, hin und wieder einen scheuen Blick auf den Erzbischof wagend und entschlossen. welche Busse auch immer der empörte Primas verlangen würde, sie zu tun und den Verwalter der göttlichen Vergebung zu versöhnen. Wie er denn aber in seiner Reue nicht grösser war als in seinem Übermut, suchte er heimlich in seinem Innern nach Mitschuldigen, denen er von der Unruhe seines Gewissens mitteilen könnte, um in dem Anblick fremden Schuldbewusstseins das eigene minder drückend zu empfinden. Sein unsicherer Blick fiel auf die Königin, auf sie, die er, wie er sich sofort bewies, doch billig der wahren Schuld und Ursache an dem Tode dieses schmächtigen Vikars anklagen konnte, der sich da unversehenerweise als ein Heiliger offenbart hatte. Und diese Königin wagte es, angesichts eines so schrecklichen Geschehnisses, das ihn selbst seiner Königs- und Menschenwürde durchaus beraubte, mit einer Schönheit und einem Stolz auf ihrem jungen Antlitz dazustehen, wie er beides am Tage ihrer Hochzeit oder ihres Einzuges in Prag vergeblich bei ihr gesucht hatte. Eine Blutwelle ehrlicher Empörung stieg aus seinem Herzen bis in seine verwirrten Gedanken und liess ihn aufspringen und Offnei entgegenrufen :

»In die Knie mit dir, du gleissnerische Dirne; das Blut dieses Menschen komme über dich!« Während sich aller Augen auf die Königin richteten, teils im Entsetzen über des Königs ungerechte Anklage, teils im Mitleid mit Offneis unschuldiger Jugend, geschah das Unerwartete. Der stolze, freudige Ausdruck auf ihrem Gesicht, den der Überschwang eines grossen Entschlusses darauf ausgebreitet hatte, verwandelte sich in den Ausdruck schmerzlicher Leiden, die ihr aber dennoch, als sie sich mit gefalteten Händen in die Knie warf, die Hoheit nicht raubten. Sie sah zum Himmel auf, und niemand wusste, ob sie den König, den Erzbischof oder den triumphierenden Heiligen anrede, als sie inbrünstig sagte: »Ja, Herr, ich will bekennen!«

Es folgte ein Augenblick atemloser Stille, in dem der König Qual und Befreiung zugleich empfand, der Primas bereits seine Gedanken auf ein strenges Urteil zusammenfasste, der Kanzler aber, des gemordeten Heiligen gern vergessend, sich erleichtert der angenehmen Aussicht eines zerstreuenden Abenteuers überliess, und nur Heinrich mit leidenschaftlichem Anteil seiner Seele wusste, was Offnei einzig beichten würde.

Als ruhten, dem ewigen Lichte gleich, die stillen Augen des Vikars auf ihr, so hatte sich Offnei in tiefer Demut gefragt, um welcher verborgenen Schuld willen sie selbst die Ursache zu dem Tode eines Heiligen werden musste, warum der gütige, friedenverkündende Mund des Vikars den König ungetröstet von sich gelassen hatte. Warum hatte er nicht sprechen können, wie Wenzel es so heiss begehrte: »König, habe Frieden, dein Weib ist treu?« Und Offnei gedachte ihrer letzten Beichte, da sie nur seufzen und klagen konnte, und da der Vikar die Angst ihres Herzens besser verstanden hatte als sie selbst; denn er erkannte sie nicht des Trostes, wohl aber der Fürbitte für bedürftig. Da war Offneis suchender Blick auf den Grafen von Rosenberg gefallen, auf den lange Geliebten und niemals Erkannten. Was aber der gleichmässige Wechsel vieler Tage und Wochen nicht vermocht hatte, das trieb die grosse Not dieser Stunde mit süsser und schrecklicher Deutlichkeit vor ihre Seele. Sie schloss die Augen und fühlte sich dem Zwang der Wirklichkeit ganz entrückt, fühlte nur Heinrichs Nähe, und der erste Traum von Liebe liess seinen Arm um ihren Nacken legen und sein geliebtes Angesicht sich auf ihre zuckenden Lippen niederbeugen.

Als sie die Augen wieder öffnete und ihres Gatten ansichtig wurde, drohte eine grosse Verwirrung sich ihrer zu bemächtigen. Das Grauen vordem Könige hatte erst jetzt, nachdem ihr Herz von Liebe wusste, seinen ganzen Schrecken empfangen; aber die Erinnerung an das gebrochene Treuegelübde, an den getöteten Vikar, an die sich also häufende Schuld nahm solchen Empfindungen die Herrschaft über sie. Auch den Schauern der Reue und den Stürmen des Gewissens gab sie in diesem Augenblick keinen Raum in ihrem Herzen; nur ein Gebet um Kraft, die Schuld, die der Vikar in ihrer Seele gefunden hatte, ihm und dem König, und wer sonst ihr Richter sein durfte, freimütig zu bekennen, stieg aus der Tiefe ihres Gemütes zu Gott auf und zerteilte die widerstreitenden Gedanken, so dass sie die Forderung dieser Stunde klar erkannte und ihren Entschluss reif machte, sie zu erfüllen.

Hingegeben an die Grösse des Augenblicks warf sie sich in die Knie.

Bei den ersten Worten ihres Bekenntnisses senkte sie das Haupt und errötete tief ; denn die Scham kam über sie, ihr Inneres vor Männern zu enthüllen. Aber die Gegenwart des Heiligen, die sie zu spüren vermeinte, gab ihr Mut und Fassung.

»Ich habe in Wahrheit meinem Herrn und König die gelobte Treue gebrochen,« sagte sie leise, »denn ich habe mein Herz von meinem angetrauten Gatten auf ewig abgewendet,« – Wenzel indessen keuchte wie ein verwundetes Tier, hielt sich aber mit krampfhaftem Griff an seinem Sessel fest, – »und ich habe meine Liebe und meine ganze Seele dem Grafen Heinrich von Rosenberg geschenkt,« vollendete Offnei.

»Und deinen Leib,« zischte Wenzel in sinnloser Roheit.

Offnei blieb unbeweglich; der widre Atem ihres Gatten hatte sie nicht berührt.

Erzbischof Adalbert aber, der Strenge, Richtende, ging tief ergriffen auf die kniende Königin zu, fasste sie bei der Hand und sagte milde: »Steh auf, mein Kind, ich verkünde dir die Gnade Gottes!«

Wenzel erbebte und schäumte in seinem Innern gegen den Primas, der ihm die gerechte Rache aus der Hand reissen wollte; aber der Schrei nach Blut, nach Mord und Verwüstung, mit dem er sich zu jeder anderen Stunde auf die Königin und ihre Beschützer gestürzt haben würde, erstickte in seiner Brust unter der Last der frevelhaften Bluttat, mit der er sich in der rollenden Stunde befleckt hatte, und die ungesühnt auf seiner Seele lastete und seinen Willen lähmte.

Während er so in Ohnmacht, Gewissensangst und Empörung verharrte und weder die Kraft zur Busse um den geopferten Heiligen fand, noch auch die Kraft, als Gatte und König über Offnei und den Grafen Gericht zu halten, kam ihm die Überlegenheit des Erzbischofs zu Hilfe, mit welcher er ihm Rechte entzog und Pflichten zuwies und ihn stark genug machte, sich hier zu unterwerfen und da zu handeln.

»Ich erbitte«, begann der Primas mit einer Hoheit, die seine Worte einem Befehl mehr als einer Bitte gleich machten, »von Eurer königlichen Majestät Macht und Befugnis, die irrende Seele der Königin gerecht zu richten und ihr ein sanfter Führer zur Busse und Heiligung werden zu dürfen. Sie wird bei den frommen Cistercienserinnen zu Frauental eine Freistatt finden. Was Eure königliche Majestät über den Grafen von Rosenberg verhängen, kann ich nicht mit priesterlicher Milde auf halten, so sehr ich seine Jugend und seine hochherzige Gesinnung Eurer Gnade empfehle; aber er ist ein Mann, und die Königin hat sich zu ihm bekannt.«

Diese Worte gaben König Wenzel die verlorene Würde zurück. Er stand auf, und indem er, noch vor Bewegung zitternd, sprach, konnte ihm selbst der Primas einen geringen Anteil des Herzens nicht versagen.

»Dass gerade du, Heinrich, mein Vertrauen missbraucht hast,« begann er, während der Graf knieend und auf den Tod gefasst, sein Urteil erwartete; »dich habe ich ihr zum Gespielen gegeben, weil ich geschworen hätte, dass kein Falsch in deiner Seele ist.«

Der König unterbrach sich; sein Atem ging schwer, denn er fühlte, dass er aus dieser unseligen Nacht als Bettler an Glauben und Liebe und allem Werte des Daseins hervorgehen würde. Aber er überwand die aufsteigende Sehnsucht, das Recht der Gnade an diesem schönen Jüngling zu üben, und stärkte seinen Willen, zu strafen, indem er sich vorhielt, dass eben diese Schönheit und Vollendung seine eigene Ungestalt überstrahlt hatte.

Mit finsterer Miene fuhr er fort: »Da Ihr einen jüngeren Bruder hinterlässt, so verbleiben die Rosenbergschen Güter nicht ohne Erben. Ich befehle Euch, mit dem Mantel meines Kammerdieners bekleidet und mit verhülltem Gesicht, in Eile durch die Mitte der aufgestellten Posten aus den Toren des Hradschin zu entweichen, Euch durch ihren Anruf nicht halten zu lassen und Euren Namen durch kein Wort oder Zeichen zu erkennen zu geben. Tretet ab!«

Der König setzte sich; Heinrich aber stand auf, nahm Urlaub von dem König und der Königin, von dem Kanzler und dem Primas, tauschte mit Offnei den einzigen, unbeschreiblichen Blick ewiger Liebe und ewiger Trennung und schritt eilends hinaus.

Von den Ufern der Moldau her ertönte unaufhörlich der Gesang einer flehenden und mit Erfüllung gesegneten Menschenmenge und verschlang das leise Geräusch der sausenden Pfeile, die den nächtlichen Kundschafter umschwirrten, der da im Dunkel des Himmels und unter einem verbergenden Mantel aus dem Palast entkommen wollte. Ein spitzer Pfeil durchbohrte dem Tollkühnen die Schläfe, worauf er seufzend zusammenbrach. Der tapfere Schütze aber, der im Dienste des Königs den Bogen gespannt und, seines Zieles sicher, losgedrückt hatte, ging lachend auf den gefallenen Vorwitzigen zu, um ihm die Kappe aus dem bleichen Gesicht zu ziehen, ob er nicht etwa den vermummten Boten und sein Geheimnis erkenne. Da traf ihn der brechende Blick des Grafen von Rosenberg, und fast hätte er im Entsetzen, einen Günstling des Hofes und Grossen des Reiches getötet zu haben, den Sterbenden mit seinem letzten Wunsche allein gelassen. Dieser aber bedeutete ihm, sein Ohr zu ihm niederzuneigen, damit seine klanglosen Worte das Verständnis des Lebenden erreichten.

»Melde es dem König!« hörte der Schütze, worauf der Graf Augen und Lippen schloss und das Haupt im Tode neigte.

Der Wachtposten, gewöhnt, seinen Oberen zu gehorchen, ohne die seltsamen Schicksale verstehen zu wollen, die die Edelgeborenen um Ehre und Ritterschaft willen einander bereiten, stieg unverzüglich zum Schlosse hinauf, das schweigsam und fluchbeladen in der Finsternis da lag, und meldete dem König von dem Tode des Grafen, wie er selbst, seiner anbefohlenen Pflicht gehorchend, den unerkannten Flüchtling erschossen habe. Während der König diese Meldung ohne Verwunderung oder Anteil entgegennahm, verlor Offnei die Herrschaft über ihre Sinne und sank lautlos dem Erzbischof in die väterlichen Arme.