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Ilse Stach von Goltzheim – Wer kann dafür, daß seines Frühlings Lüfte weh’n!

Gedichte

E. Piersons's Verlag, Dresden und Leipzig, 1898

In herzlicher Dankbarkeit

Herrn Prof. Dr. Eugene Pariselle

gewidmet.




Weihe.

Ich ging im Eichengrunde,
War traurig und allein,
Was kann in solcher Stunde
Ein trübes Herz befrein?


Und sieh: im Mondenglanze,
Da stand ein schönes Weib,
Umkränzt mit grünem Kranze
Das Haupt, den Götterleib.


Sie ist zu mir gekommen,
Brach mir ein Zweiglein ab;
Und kühn hab' ich's genommen,
Da sie mir's freundlich gab.


Sie schritt zum Eichengrunde,
Umrauscht von süßem Klang.
Ich aber sang zur Stunde
Wohl meinen ersten Sang.



Nordlandskind.

Brausend fährt der mächtige Wind,
Umsaust das stolze Nordlandskind;
Hoch ist der Sinn, ehern die Brust,
Sturm und Wetter sind seine Lust.
Ich hab' mich allezeit,
Dir, nordisch Land, geweiht;
Als Dein Kind stolz und frei,
Als Dein Kind stark und treu.
Nur blaues Auge, blondes Haar,
Germania lieb' ich immerdar;
Gleich Felsen ist mein Herz
Und meine Brust gleich Erz;
Komm' nur, schmeichelnder, südlicher Wind,
Nicht beugst Du den Stolz vom Nordlandskind.


Glühend wirbt der südliche Wind —
Steh' fest, Du stolzes Nordlandskind!
Hoch wallt das Blut, weich wird die Brust,
Das Auge leuchtet unbewußt.
»Meine Klage klinge,
Ach, mein Jammer dringe
Zu des Himmels Höhen,
Die mein Zagen sehen!«
Flammend das Auge, braun das Haar,
Da muß ich lieben immerdar,
Wie sank mein Stolz zurück
Vor Deinem Feuerblick.
Trag' es hinweg, beflügelter Wind,
Das Lied vom stolzen Nordlandskind.



Abendlied.

Sanfte Stille liegt auf Wald und Auen,
Herrlich ist der Himmel anzuschauen,
Lindernd weht ein kühler Abendhauch;
In der Bäume Zweigen
Tiefes Schweigen,
Auf der Berge hohem Gipfel auch.


Und die schöne Sonne sinket nieder,
Betend hebt des Menschen Herz sich wieder
Weithin über Berg und Thal und Wald,
Und sein Herz wird stille,
Und sein Wille
Beugt sich vor der göttlichen Gewalt.



Meiner Mutter.

Die Erde ruht in Frieden,
Der Abend sinkt herab.
O laß mich beten, Mutter,
Und knie'n an Deinem Grab.


Dort steht das Kreuz von Marmor,
Von Gottes Geist umweht,
Das lenkt mein Herz nach oben,
Wie Du mein erst Gebet.


Ich höre Deine Stimme
Im sanften Abendwind,
Und Deine letzten Worte:
»Leb' wohl, geliebtes Kind.«


Und wenn ich knie' und weine,
Und wenn ich traurig bin,
Trägt mich im Traum ein Engel
Zu Deinem Grabe hin.


Dann wird's um mich so stille,
Dann schweigt der Abendwind,
Dann fühle ich, Du betest
Im Himmel für Dein Kind.



Der Alpenfluß.

Im Thale rauscht der Alpenfluß
Entströmt des Berges sich'rem Hort,
Und was ihm naht mit leichtem Fuß,
Er greift's und reißt es mit sich fort.
An seinem Ufer stehet
Die Jungfrau, marmorgleich;
Der fühle Nordwind wehet
Aus fernem Heimatreich,
»Schau nicht hinab in seine Flut,
Verderben bringt sie Dir und Qual,
Schenk nicht dem Strom des Herzens Glut,
Dem Eilenden der Liebe Strahl.«
— Ich liebe nicht die Wellen,
Ich liebe ihn allein,
Sie werden bald zerschellen,
Und er wird ewig sein. —
»Du liebest seiner Wogen Schall,
O Jungfrau, Jungfrau, trau ihm nicht,
Er zieht sie mit, die Rosen all',
Und ach, der zarte Stengel bricht.«
— Ich liebe nicht das Rauschen,
Ich liebe ihn allein,
Der Stimme will ich lauschen,
Und glücklich will ich sein. —


Es rauscht der Alpenfluß im Thal
Entströmt des Berges sich'rem Hort, —
Du ziehst sie mit, die Rosen all';
Du reißt sie alle mit Dir fort.
Dein Glanz hat sie betrogen,
Dein Brausen fürchterlich,
Sie lieben Deine Wogen,
Ich aber liebe Dich. —



Erwacht.

Ihr lagt so still, ihr lichtverhüllten Tiefen,
Es hing mein Blick an Dir, Du schöner See;
Mir war's, als ob in Deinem Busen schliefen
Des Glückes Glanz, des Sturmes Weh.


Unwiderstehlich zog es mich hernieder,
Schon folgt ich bebend — Deinen Armen nah —
Da zuckt ein Schauder durch die schlaffen Glieder,
Weil ich des Abgrund's Tiefe sah. —


In Deinen Augen sah ich Feuer lohen,
In Deinen Blicken las ich lockend Licht,
Da fühlt ich schaudernd das Verderben drohen
— In Deine Tiefen sah ich nicht.



Brand.

Dort am Himmel seh ich glänzen
Glühend roten Feuerbrand,
Flammen hüllen ihre Beute
In ein schauerlich Gewand,
Und der Funken wildes Stoben
Ist von Sturmesweh'n umwoben.


Langsam sinken Stein und Eisen
Unter Feuers Allgewalt,
Was in Stürmen stark bestanden
Beugt der Flammen Wirkung bald;
Weh dem Funken, der gezündet,
Der das Element entbindet.


Weh dem Funken! weh dem Pfeile,
Der den alten Stolz besiegt;
Weh dem Feuer, dessen Flammen
Eine Seele unterliegt.
Ach, dies glühende Begehren
Muß die alte Kraft verzehren.


Aechzend bricht das Haus zusammen
Vor des Feuers ew'ger Macht.
Feierlich erhabne Stille
Füllet wiederum die Nacht,
Starbst auch Du zu meinen Füßen
Göttlicher! den Sieg zu büßen.



Die Kirrith.

Die Kirrith ist die Heide
Im fernen Heimatland,
Die ernste Trauerweide
In Moor und Röhricht stand.
Grau war der Himmel, bleich und fahl,
Da sah ich die Kirrith zum letzten Mal.


Die Fichten senkten traurig
Die Zweige, wie im Weh,
Die Raben krächzten schaurig
Hoch überm Heidesee;
Die Wetterwolke hing drohend schwer,
Und die Kirrith seh ich nimmermehr.


Und schweigend blickt ich wieder
Zum gelben Wetterschein;
Das Feuer, fährt es nieder?
Der Blitzstrahl, schlägt er ein?
Und um mich braust's wie Sturmesweh'n,
Da hab' ich die Kirrith zuletzt geseh'n.


Der Würfel war gefallen,
Verwüstend traf der Streich;
Das alte Schloß, die Hallen
Sind nun der Kirrith gleich.
Und grell beleuchtet von Blitzes Strahl
Sah ich die Heimat zum letzten Mal.



Nacht.

Leise rauscht es in der Eiche,
So geheimnisvoll im Wald,
Und der Mondesglanz, der bleiche,
Hat den Hügel sanft umstrahlt.


Dunkel liegt der See und schweiget;
In dem Schilf herrscht süße Ruh;
Eine Wasserrose neiget
Flüsternd sich den Fluten zu.


Dann erhebt sie zu dem Sterne
Ihrer bleichen Krone Blick, —
Strahlend Glück! wie liegst Du ferne,
Unerbittlich hart Geschick.


Traurig senket sie sich nieder,
Sinnend wie so schön er war.
Und die Eichen rauschen wieder,
Und die Nacht war still und klar.



Das Herz.

Wie liegst Du da so märchenhaft
Und strahlst in Deiner Zauberkraft,
Du herrliche Natur!
Ach, könnte ich ergründen
Und könnte finden
Deines Zaubers Spur!
Ich seh' das Meer und hör' das mächtige Brausen,
Vernehme stumm des starken Windes Sausen,
Seh' wiederum der Sonne lieblich Licht,
Ich hör' die Vögel, hör' der Räume Rauschen,
Muß andachtsvoll des Waldes Stimme lauschen,
Doch das geheime Wirken kenn' ich nicht.


Wie bist Du sturm- und sonnenreich,
Wie bist Du klein und göttergleich,
Du Herz, wie die Natur.
Wer könnte Dich ergründen?
Wer könnte finden
Deines Zaubers Spur?
Ich fühle selbst die Folgen der Gedanken,
Den wilden Thatendrang, das bange Schwanken,
Wie ein Begriff sich schon am nächsten bricht;
Bald schmerzt der Mißerfolg im steten Kriege,
Bewund're bald des Herzens hohe Siege,
Doch das geheime Wirken kenn ich nicht.



Das Märchen am Rhein.

Nebelschleier decken sanft die Wogen,
Ruhig fließt des Rheines grüne Flut,
Und am hohen, fernen Himmelsbogen
Strahlt der Sonne letzte Feuerglut.


Nebelschleier hüllen Fels und Auen
In ihr geisterhaftes, bleiches Kleid;
Aus der Abenddämmerung, der grauen,
Steigt ein Bild aus längst vergess'ner Zeit.


Brausend teilen sich des Rheines Wellen,
Aus den Fluten steigt, mit Schwert und Kron',
Mit dem herrlich gold'nen Schild, dem hellen,
Auf des Rheines junger Königssohn.


Blitzend ist sein Aug', wie Feuergluten,
Und sein Haar erglänzt wie lauter Licht,
— Kühl und gleitend sind des Rheines Fluten,
Eine Menschenseele hat er nicht.


Einsam dort im Boote auf dem Rheine
Steht die Jungfrau, stumm und totenbleich,
Nur ihr Auge strahlt im Abendscheine,
Einem Funken roten Feuers gleich:
»Weibesliebe kannst Du nicht ergründen,
Eines Weibes Opfer kennst Du nicht,
Doch auch Du wirst eine Seele finden,
Wenn für Dich mein Herz im Tode bricht.


Und zum klaren Abendstern, dem hellen,
Hebt sie leuchtend den verzückten Blick —
Brausend teilen sich des Rheines Wellen,
Und ein leerer Nachen kehrt zurück. —


— Nebelschleier decken sanft die Wogen,
Ruhig fließt des Rheines grüne Flut,
Und am hohen, fernen Himmelsbogen
Strahlt der Sonne letzte Feuerglut.



Das letzte Gebet.

Nachtbedeckt ist rings die Erde,
Und ein milder Westwind weht.
Meine müden Hände falte
Träumend ich, wie im Gebet.


Auf zum Himmel muß ich blicken,
Betend, wie ein gläubig Kind,
Wie die Wenigen, hienieden,
Die im Glauben glücklich sind.


Beten will ich zu dem Ew'gen,
Wie ein Kind zur Mutter fleht.
Bist, o Gott Du, der uns höret,
O, so gieb mir ein Gebet.


Gieb den Glauben mir, die Liebe,
Die als Kind ich einst gekannt,
Da beglückt ich in der Mutter
Glauben und Gebete fand.


Laß mich, ew'ge Mutterliebe
An Dich glauben, für und für,
Laß mich knieen, laß mich beten
Sel'ge Mutter fromm zu Dir.
Hilf mir weinen um den Glauben,
Den Dein Kind umsonst ersteht;
Mutter, falte meine Hände,
Sieh, es ist mein letzt' Gebet.



Sieg.

Still fließt die Flut zu nächtlicher Stund',
Schauerlich gurgelt's am tiefen Grund,
Bleich scheint des Mondes Silberlicht;
Rausche nur, Woge, ich folge nicht.
Es steigt zu mir die Weise,
Die in die Fluten zieht,
Die Wellen singen leise
Ihr allberauschend Lied:
»Komme hernieder, hier nur ist Ruh,
All' Deine Leiden decken wir zu,
All' Deiner Liebe unsel'ge Glut,
Friede und Heimat birgt uns're Flut.
So neige Dich hernieder
Und teile unser Glück,
Es geben uns're Lieder
Dich selber Dir zurück.«
Welle auf Welle naht sich vom Wald,
Schimmert und schmeichelt, schäumt und verhallt;
Nimmermehr folg ich! Das Leben ist mein,
Friede nicht such ich, frei will ich sein;
Ich selber im Gesange
Entfess'le meine Kraft
Und gebe Raum dem Drange
Der wilden Leidenschaft.


Ketten der Liebe fesseln mich nicht,
Da aus dem Liede Befreiung mir spricht;
Dein bin ich ewig! — Der Liebe Leid
Wird im Gesange zur Seligkeit.



Sonnett.

Der Morgenstrahl lag rings auf Busch und Eichen,
Da stieg der Falke über Wald und Feld;
»Schau meinen Flug,« rief er herab zur Welt,
Und hob die Schwingen, Fernstes zu erreichen.


»Dein Flug wird nie dem Flug des Adlers gleichen,
So sprach der Mensch; »doch steig' zum Himmelszelt
solange nicht Dein Mut, Dein Wille fällt,
Und Deine Kräfte nicht, gelähmt, entweichen.«


Da setzte traurig sich der Falke nieder,
Und senkte wie ermattet das Gefieder;
Dann hob er kampfbereit die Schwingen wieder.


Durch jedes Windes morgenfrisches Wehen
Stieg auf er zu den lichten Sternennähen
Und sah mit Adlerkühnheit Adlerhöhen.



Traum.

Tief unten am Grunde im Waldessee
Da rauschen die Wogen, da flüstert die Flut;
Und ich denke an längst vergangenes Weh,
An entschwundenes Glück, an verlöschte Glut.


In den Zweigen flüstert der Eichenbaum;
Ein Brausen geht durch den Hain;
In kommende Zeit trägt mich fort ein Traum,
Und da werde ich glücklich sein.





Momentphotographie.

Du schweigest, dunkler Tannenwald,
In Deinem ernsten Grün.
Ich will von Menschen, Leid und Qual
In Deinen Schatten fliehn.


Und hier, in dieser Waldesruh,
Am friedevollen See,
Da öffnet sich des Herzens Grund
In überströmtem Weh.


* * *


In sinnbethörter Leidenschaft
War all' mein Denken Dein;
Und wie gefesselt, Göttlicher,
War ich vor Dir allein.


Noch nimmer schmiegte sich mein Geist
An einen andren an;
Du Größerer, Du Einziger,
Was hast Du mir gethan?


Ich kann Dir nicht gehören,
Ich kann nicht jauchzen: »Dein,«
Kann in geklärter Liebe
Nicht in Dir glücklich sein.


So stürzte ich verzweifelt
In andre Bahnen mich,
Und jauchze, wo ich siege:
Ich überwinde Dich!


Und reiße ab die Ketten,
Ob auch die Wunde quillt,
Ich will die andren retten
Vor dem, was ich gefühlt.


Ein neuer Geist der Liebe
Soll durch die Herzen gehn,
Und frei und ohne Fessel
Soll Aug' in Auge sehn.


* * *


Du aber, den ich liebte,
Mein Gott, mein höchstes Glück,
O schweig! und rufe nimmer
Den alten Kampf zurück.



Erwachen.

Die Eiche rauscht in ihren mächt'gen Zweigen
Hernieder zu der Erde Mutterschoß,
Und ihre frisch belaubten Äste neigen
Sich zu der schönen Schläferin im Moos.
Wo die Natur Dir spricht, da willst Du schweigen?
O reiße Dich von Deinen Träumen los,
Daß Glut und Schmerz bewege Deinen Busen
O Poesie, Du Träumerin der Musen.


Und aus dem still erhabnen Waldesgrunde
Tritt hoheitsvoll ein schönes Weib hervor;
Gesang entströmt der hehren Göttin Munde,
Berührt mit Zauberklang der Traumentrückten Ohr,
Sie lauscht, sie wacht, ihr wird der Tag zur Stunde,
Und glücklich, wie erlöst, blickt sie empor
Und giebt in ihrer Sprache flüsternd wieder,
Was ihr die Schwester sang durch ihre Lieder.



An die Rechenmeister!

Was, frag' ich, wolltet Ihr mir geben
Für das, was sich nicht subtrahieren läßt,
Ihr Rechenmeister! Ich will leben!
Bei Eurer Rechnung blieb ein Rest.


Und lachend nehm' ich das Vernunftgebäude,
Zu dem ich stöhnend schleppte Stein um Stein
Und stürze es mit wilder Freude
Aufjauchzend in das Flammenmeer hinein.


Nun kommt! und baut mir neue Brücken
Von Stein und Eisen; denn der Brand ist groß;
Gleichviel ob Eure Steine mich erdrücken,
Die eigne Glut verzehrt mich rettungslos.



An mich.

Du bist verliebt? Das läßt sich nur beklagen;
Verliebte Leute kann ich schwer ertragen;
Doch das verraucht; ich gebe Dich nicht auf. —
Du liebst ins Blaue? — Deinen Rausch zu schärfen
Verbrauchst Du Deine allerbesten Nerven?
Geh, Schwächling, häng' am nächsten Baum Dich auf.



Wanderung.

Warum die Rast? schon Stund um Stunden
Stell' ich ein kraftvoll Wandern säumig ein;
Und doch erquickt mich nicht die heißersehnte Ruhe,
Nicht neuer Mut belebet meine Schritte,
Mich stärkt kein neuer, eiserner Entschluß.


Nicht unerreichbar kann der Gipfel sein.
Der Fels ist hart. Nur meine Augen brennen,
Weil manche Nacht mir schlummerlos verrann.


Ich bin allein.
Wohin sind alle Freunde?
Der Kreis von Menschen, der in früher Jugend
Mich herzlich, zärtlich fast umschloß?
So mancher Freund ist meinem Blick entschwunden
Er löste sich von meiner Hand
Langsam, unrettbar.


Und sind es wirklich jene Bilder,
Die mir des Schlafes Linderung entziehn?
Um die die Brust sich ringend hebt und senket,
Ewig verlangend, sehnsuchtsvoll.


Was hab' ich verlassen?
Einen Blick muß ich thun in das Thal.


Eine wogende Welle wälzt sich dahin,
Wälzt sich zurück;
Schillernde Farben sehe ich glänzen,
Mir schmerzt das Auge;
Zu mir dringt berauschender Klang,
Sinnverwirrend.


Und über dem Thal,
Über Welle, Farben und Tönen
Schwebt Nebel und Dunst.


Nirgends kann mein Auge verweilen,
Nirgends mein Blick sich ruhn;
Von ewigem Wechsel ist alles beherrscht;
Eben noch scheint ein heißer Wind die Woge zu treiben;
Schon braust von Osten kalter Gewittersturm.
Aus bläulichem licht strahlt es über in gelb und rot,
Nur eins bleibt gleich sich:
Nebel und Dunst.


Meine freiatmende Brust müßte ersticken
In dem Nebel und Dunst.


Wie gelangt' ich hierher?
Hier ist sanfter das Licht, klarer die Lust;
Auf dem Wege sehe ich Ketten.
Das waren meine Ketten.


Zurück sollt' ich mich sehnen?
Die Ketten wieder sammeln
Und zurück in Nebel und Dunst?
Niemals. Niemals.


Ekel erfüllt meine Seele,
Abscheu und Grauen.
Aus dem Thal will meinen Blick ich wenden
Hinauf zu dem Gipfel.


Reinheit.
Kein Schatten trübt die Reinheit,
Klarheit, Beständigkeit.
Ein Sonnenstrahl fällt auf den Gipfel,
O Reinheit, wunderbare Reinheit.


Ich sehe Menschen; einsame Menschen;
Sie wogen nicht, und wirren nicht.
Ernste Freude zeigt ihr Gesicht.


O, hehre Gestalt! wer bist Du?
Bist Du Mann, oder Weib?
Ich sehe nicht einen an die Brust des anderen sinken;
Sie reichen sich die Hand, fest und innig.


Eben erreicht ein Ankömmling den Gipfel;
Sie grüßen ihn; sie helfen ihm.
Die gleiche Reinheit strahlt aus seinen Zügen,
O Glücklicher! der frei und stark
Das hohe Ziel erklommen!


Ich auch — hinauf! hinauf zu Eurer Höhe,
Hinauf zu Reinheit, Klarheit, Licht.


Ich springe auf.
Und beide Hände
Streck ich nach dem ersehnten Lichte aus, —
Weh, eine Kette flirrt an meinen Füßen,
Noch eine Kette.
Ein Schrei entringt sich der gequälten Brust,
Verzweiflung, Wahnsinn.


Fort mit der Kette;
Und ich bücke mich, und reiße, zerre . . . .
Und wieder fällt mein Blick ins Thal.


Der Nebel teilt sich.


O, daß auch jetzt mein Aug' nicht Ruhe fände, —
Gebunden, gebunden,
Zaubermächtig Bild!
Reicht denn die Kette bis hinab ins Thal,
Zu jenem Menschen?
Nicht Gebilde meiner Phantasie,
Lebenswarm, heiß, glühend.


Er hat das dunst'ge Thal zur Lüge mir gemacht,
Den Nebel glaubte ich ein Paradies,
War's in seinem Feuer? war's in meinem,
Daß wir die letzte Fessel mir geschmiedet?
Genug, sie klirrt. —


Zurück? Niemals.
Dunst — Nebel — Kette dicht an Kette,
Hinauf? Umsonst! Umsonst;
Die eine, letzte Fessel!


Weh mir. Ich bin allein.
Und ächzend stürz ich nieder,
Diesen Felsen zu umfassen.
Kalter Stein,
Nimm meine heißen Thränen.



Gebrochenes Gelübde.

Ich hab' mir gelobet zu entssagen;
Dir aber entsag' ich nicht.
Kann auch der Mensch ein Leben tragen
Ohne sein Sonnenlicht?


Ich hatte entsagt dem heißen Empfinden;
Dich aber kannt' ich nicht,
Wer kann dem Verlangen mich entbinden,
Das Eide bricht?


Entsagung der Liebe wollt' ich üben;
Dich aber liebt' ich nicht.
Nun muß meine heiße Liebe ich lieben
Für Dich, Du mein Sonnenlicht.



Abendstunde.

Ich fand in stillen Abendstunden
Auf meiner Leier einen Ton;
Ich glaubt' ihn, ach, wie lange schon
Ans meiner Muse Reich entschwunden.


Ich hab' so lange nur gesungen
Des Herzens wild erregten Schlag,
Und über seiner herben Klag
War mancher andre Ton verklungen.


Wer weckt Dich, meiner Kindheit Weise,
Und jetzt so neu, so unberührt,
Doch hab' ein Sehnen ich verspürt,
Dich anzuschlagen, sanft und leise.


Wenn ich auf meinem Lager liege,
Seh ich im Traum ein liebes Bild;
Sein Blick ist mitleidsvoll und mild
Und Liebe reden seine Züge.


Wie wohl thut mir das zarte Wesen
In seiner lieblichen Gestalt;
Und jede Leidenschaft verhallt;
Und meine Seele könnt' genesen.
Gieb einmal Deinen heil'gen Frieden,
O Jesus, auch in meinen Blick;
Es war' ein nie gekanntes Glück
Mit solcher Ruhe mir beschieden.


Erscheinst Du mir in dieser Stunde
Als gottgebornes Himmelslicht?
Als Mensch, wie wir? ich weiß es nicht.
Du bist ein Balsam meiner Wunde.



An Christus.

Du littst für die Menschheit!
Erhabener Denker des großes Gedankens, des gottgewollten,
Des Leidens für alle.
Nicht liebst Du ein Wesen mit aller Liebe,
Du liebst sie alle mit einer Liebe;
Du kannst leiden für alle:


Nicht hängst Du Dein Herz an niedre Begierde;
Nicht kämpfst Du mit Deinem Wollen und Wirken
Zu stillen das fordernde Ich,
Frei bist Du von dem Laster des Kleinen,
Zu leiden, zu lieben, zu sterben für Einen,
Du lebst und siegst für die Welt!


Das ist es, was Dich zum Gotte erhoben,
Womit Du das innerste, menschliche Wesen
Kühn überragt.
Als Dein Gedanke zur Wahrheit Dir wurde,
Hast Du die Opfer, die streng sie gefordert,
Sieghaft gebracht.


Großer Sieger! Erhabner Erfinder
Von der großen Befreiung des Menschen,
Der einzigen Freiheit:
Kühn, stolz, stark, groß, dem selbst zu entsagen,
Für das Ganze zu leben und sterben zu wagen,
Zu leiden, zu siegen für alle.



Eine Thräne.

Es fiel in die blühende Blume
Ein Tröpflein, silbern schier,
Vom Himmel war es gekommen;
Was konnte die Blume dafür?


In meinen brennenden Augen
Eine heiße Thräne ich sah,
Woher war die Thräne gekommen?
Sie war auf einmal da.



Abschied vom Glück.

So lernte wohl ein selig Glück ich kennen,
Wenn ich von einem Glücke scheiden soll?
Mag ich's nun Glück, mag ich's Begeistrung nennen,
Es ward mir Herz und Sinn so übervoll,
Und ach, von diesem Glücke mich zu trennen
Ist schwer, ist hart, und unerreichbar wohl;
Mir ist, als müßte ich mein ganzes Leben
Mit diesem Glück, mit dieser Wonne geben.


Ich will die Rose nur am Wege pflücken,
Sie blüht für mich so sinnbethörend schön;
Nur kurze Zeit soll mich ihr Duft beglücken,
Dann will ich ungehindert vorwärts gehn;
Gönnt mir ein kurzes, seliges Entzücken,
Laßt mich bewundernd, liebeglühend stehn —
Ach, grausam gellt der Ruf mir in die Ohren:
Hinweg, der Duft erschlafft, Du gehst verloren.


So schnell kann dieser Duft mich nicht erschlaffen,
Ich will ja nur ein kurzes Liebesglück;
Noch bleibt mir Mut und Kraft mich aufzuraffen,
Doch ach! zu lang schon war der Augenblick,
Und mitten in dem arbeitfrohen Schaffen
Hält fordernd mich mein sehnend Herz zurück,
Ich lernte nicht die roten Rosen sehen
Und unverwundet, stark vorübergehen.


So müssen denn die roten Rosen bleichen,
Sind blühend ihre Fesseln ewig neu;
Dem höhren Ziel muß zarte Liebe weichen,
Der Sinne mächtig bleibt der Mensch sich treu;
Frei muß ich sein, um Zwecke zu erreichen,
Von Liebesglück und Liebesthränen frei,
Es werden diese jetzt noch offnen Wunden
In lichter Freiheit Morgentau gesunden.


Drei Greise.


Der Materialist.

Ich sehe meinen Körper still zerfallen;
Kaum merklich reifte das Zerstörungswerk,
Kaum merklich naht der dumpfe Augenblick,
Die schlecht gewordnen Reste aufzulösen.
Was war mein Leben? Meiner frühen Kindheit
War Zweck, mich an ein Leben zu gewöhnen,
Dann kam das Leben.
Mit Mühe nur versetz' ich mich zurück
In jene Zeit des Gährens und des Drängens,
Da jeder Tag mir neue Liebe brachte,
Und jede Stunde wachsende Begierden,
Und jeder Augenblick Genuß,
Doch leise kam das Alter angeschlichen,
Um schonend mich des Lebens zu entwöhnen;
Mir blieben noch des Tages kleine Freuden,
Und, unbekümmert um die Welt umher
Leb' ich behaglich meinen Lebensabend.
Oft täuscht des Zimmers übersatte Wärme
Mich über meinen Grad der Lebenskraft,
Dann rechne ich von neuem das Exempel
Der Tage, die der morsche Bau noch steht.
Ich flicke, wo die Mauern schon geborsten,


Ich stütze, seh' ich, daß ein Pfeiler wankt,
Die Zeit des großen Nichtseins abzukürzen,
Sie kommt, sie kommt unhaltbar;
Und der Gedanke ist nicht neu;
Ich bin gewöhnt, ihn auszudenken,
Und darum ist er schrecklich nicht.
Ich bin vertraut mit jenem öden Nichts;
Oft hat es in des Lebens wärmsten Tagen
Mich unerträglich angegähnt,
Das fade Nichts.
Jetzt, da das Leben selber fade wurde,
Ertrage ich gelassen auch die Steigerung.
Ein Zufall setzte mich in diese Welt,
Ein Zufall war's, der lange schon erfunden,
Daß seine Spielerei nicht ewig währt.



Der Christ.

Bald bin des Alters Bürde ich entbunden,
Und die befreite Seele eilt zu ihrem Gott;
Erhöre, Herr, das Flehen meines Herzens,
Erlöse mich durch einen sanften Tod.


Was war mein Leben? schon als zarter Knabe
Bin Deinem Dienst ich, treuer Gott, geweiht,
Und meine Jugend, meines Lebens Fülle
War Vorbereitung auf die Ewigkeit.


An Deiner Hand reift' ich herauf zum Manne,
Durch Deine Gnade ward mir Freud und Schmerz,
Und täglich lenkte ich in heißem Beten
Die Seele dankbar zu Dir himmelwärts.


Wohl sind des Lebens Wogen hochgegangen,
Doch meinen Anker fand ich stets in Dir;
Du warst mein Trost und meines Lebens Leuchte,
Das Kreuz mein undurchdringlich Siegspanier.


So hab' ich redlich kämpfend überwunden,
Und bald beendet ist der Pilgerstand,
Du rufst mich von der thränenreichen Erde
Heim in des Himmels schönes Vaterland.


Dich werde ich, o mein Erlöser, sehen,
Der meiner Sünden mich vor Gott befreit,
Und weil ich Dich geglaubt und Deine Gnade
Wird mir der Seele ew'ge Seligkeit.


Ich fürchte nicht des Todes dunkle Schatten,
Ich fürchte nicht der Hölle lange Pein;
Du, Jesus, wirst, wie durch mein ganzes Leben,
So auch im Tod mein Trost und Führer sein.



Ein Idealist.

Lange Tage dürfen wohl ermüden
Ist die Arbeit ungesäumt vollbracht.
Und erquickend bringt den stillen Frieden
Eine schöne, ruhevolle Nacht.
Doch am Abend soll der Mensch sich fragen,
Ob der Tag, den er durchlebt aufs neu
Auch ein Stück der großen Arbeit sei,
Die fürs Leben er sich aufgetragen.


An den Grenzen steh ich meines Lebens,
Frage nun mich, was das Leben war,
Lebte für das Ganze ich vergebens?
Lebte nur für mich ich Jahr um Jahr?
Ich alleine sitze zu Gerichte
Über meiner Thaten Ziel und Spur,
Über meinen Teil an der Kultur,
Meinen Teil an einer Weltgeschichte.


Half auch ich das Ideal erneuen
Jedes Glaubens, jeder Religion,
Die versklavte Menschheit zu befreien,
Furchtlos vor dem herben Christuslohn?
Ernst und rastlos war mein heißes Streben;
Nicht die Früchte zähl' ich meiner That,
Andre mögen ernten meine Saat;
Was ich hatte, habe ich gegeben.


Und was hatt' ich? Nicht das süße Hoffen
Auf ein Ewigsein vor Gottes Thron,
Und mir stand kein sel'ger Himmel offen,
Meiner Tugend, meiner Arbeit Lohn.
Doch ich glaubte an den Sieg des Guten,
Daß die Menschheit, aus sich selber frei,
Auf der Menschenerde glücklich sei.
Und auf diesen Glauben könnt' ich bluten.


Und auf diesen Glauben will ich enden
Meine Arbeit, meine Lebenszeit,
Was ich fortfuhr wird sich selbst vollenden
Nach dem Taktschlag der Notwendigkeit,
Denn ein unerforschtes, ew'ges Wesen
Greift nicht störend in sein Werk hinein;
Überdauernd wird das Wirken sein,
Wenn das müde Werkzeug längst gewesen.





Eine rauhe Hand.

Es faßte eine rauhe Hand
An meinen zarten Schmerz.
Da hab' ich stumm mich abgewandt,
Mir blutete das Herz.


Ein Blick, hohnlachend meiner Pein,
Fiel auf mein schönes Leid.
Nun trag' ich meinen Schmerz allein,
Da bleibt er unentweiht.



Ein kleiner Schmerz.

Mein Schmerz ist klein.
Verloren hab' ich, was ich glühend liebte,
Verloren, ohne letztes Abschiedswort;
Nur mir, nur mir alleine gilt mein Kummer,
Nur meinem eignen, ach, verlornen Glück,
Nur meiner Liebe.


Mein Schmerz ist klein.
Nur Trauer um die Menschheit, um das Ganze
Ist würdig, groß und unaussprechlich schön.
Nur mich, und nur mein innres Wesen
Faßt dieses Leid, trifft dieser Schmerz,
O, er ist klein.


Mein Schmerz ist klein.
Es ist ja nur mein Leben, nur mein Licht, mein Glück,
Mein Glauben, Hoffen, Lieben nur, das ich verloren, —
Laut lachend ruf ich: O, mein Schmerz ist klein!
Grell klang das Lachen. Jäh fuhr ich zusammen,
— Es klang wie ein Verzweiflungsschrei.